2 Inzidenz, Ätiologie, Klinik und Pathologie der kLV

Für den Begriff kLV sind zahlreiche Synonyme im Gebrauch. Zu den wichtigsten zählen: Hypersensitivitätsangiitis, kutane allergische Vaskulitis (Vasculitis allergica), anaphylaktoide Purpura, Immunkomplexvaskulitis [177,179,11] und als besondere Variante zählt die Purpura rheumatica Schönlein-Henoch dazu [Schönlein 1832, Henoch 1868].

2.1 Inzidenz

Die kLV kommt gleichermaßen in beiden Geschlechtern und in allen Altersstufen vor, dabei sind ca. 10% der Patienten Kinder [118,167,121].

2.2 Ätiologie

In den meisten Fällen läßt sich keine zugrundeliegende Ursache feststellen. Als Auslöser werden zahlreiche Faktoren postuliert: (1) bakerielle (Streptokokken) und [Seite 16↓]virale (Influenza) Infektionen; (2) Fremdproteine (Serumkrankheit); (3) chemische Substanzen (Insektizide, Herbizide); (4) Medikamente (vor allem Aspirin, Phenacetin, Phenothiazine, Penicillin, Sulfonamide, Jod, Tetrazykline); (5) Nahrungsmittel (z.B. Milchproteine) und (6) Systemerkrankungen (vor allem Autoimmunerkrankungen, Lymphome, Karzinome, Hepatitiden) [118,172,196,121,15,188]. Am häufigsten wird den Streptokokken, beziehungsweise den darauf folgenden Abwehrreaktionen des Körpers,eine ursächliche Beteiligung zugeschrieben. Allgemein wird davon ausgegegangen, dass es sich um eine Immunkomplexerkrankung handelt, d.h. immunologisch um eine Typ III-Hypersensibilitätsreaktion [122,234].

2.3 Klinik

Akut und schubweise treten innerhalb weniger Tage dunkelrote Petechien auf, oft nur an Unterschenkel- und Knöchelregion. Bei ausgedehnten Entzündungen finden sich diese auch an Oberschenkeln, am Rumpf (Aufliegestellen) und schließlich am gesamten Integument, auch an den Schleimhäuten [118,172]. Die Größe der Petechien schwankt von stecknadelkopfgroß bis mehrere Zentimeter. Sie sind entzündlich, flach erhaben, tastbar, überwärmt und brennend schmerzhaft (palpable Purpura) [193,177,118,172,196,15,178]. Sie können sich peripher vergrößern, konfluieren und zu dunkelroten schmerzhaften Infiltraten wachsen. Kleinere und mildere Läsionen bilden sich innerhalb von Tagen bis Wochen unter Hinterlassung von bräunlichen Hyperpigmentierungen zurück. Bei größeren, heftig entzündlichen Läsionen kommt es hingegen zentral zur Bildung hämorrhagischer, nekrotischer Blasen. Später disseminieren trockene Nekrosen oder hämorrhagisch verkrustete Ulzera. Bei diesen dauert der Heilungsvorgang mehrere Wochen. Es entstehen hyperpigmentierte, leicht atrophe Narben [118,196]. Es können milde Systemzeichen, wie Fieber, Krankheitsgefühl Arthralgien und/oder Myalgien mit kutanen Läsionen einhergehen [118,172,86]. Klinisch manifester Organbefall besteht in bis zu 50% der Fälle. Betroffen sind Gelenke (40%), Niere (30%), Gastrointestinaltrakt (30%), Lunge (20%), ZNS (10%), seltener Herz, Leber und Muskulatur [11]. Der Organbefall ist meist milde. Gelegentlich treten jedoch dramatische Komplikationen auf. Diese betreffen vor allem die Niere (Glomerulonephritis) und das ZNS (zerebrale Vaskulitis), aber auch den Gastrointestinaltrakt (erosive Gastritis, Magenulzera, Darmkoliken, Meläna, Diarrhöen, Ileus) [Kolde G., im Druck; 52].


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2.4  Histo- und Immunpathologie

Die Läsionen weisen charakteristischerweise eine akute nekrotisierende Entzündung der kleinkalibrigen Blutgefäße der oberen Dermis auf. Das vaskuläre und perivaskuläre Infiltrat setzt sich aus neutrophilen Granulozyten, Leukozytoklasie, Fibrin-Ablagerungen und Hämorrhagie zusammen. Die Migration der neutrophilen Granulozyten zeigt sich an den postkapillären Venolen [177] in Form einer komplexen Serie von Endothel-Leukozyten-Interaktionen. Normalerweise lassen sich mit Hilfe der Immunfluoreszenz-Färbung in den Gefäßwänden und um diese herum IgG, IgM, C3, C4 und C1q nachweisen. IgM ist der einzige Antikörper,der sich vergleichsweise konstant zusammen mit C3 nachweisen lässt [63]. Die Immunkomplexe persistieren nur für kurze Zeit in den Gefäßwänden. Weniger häufig läßt sich IgA nachweisen, was dann zu der Diagnose einer Schönlein-Henoch­Purpura führt. Der positive Nachweis von Immunkomplexen korreliert direkt mit der Zeit der Biopsie-Entnahme. In Läsionen, die älter sind als 72 Stunden, hat sich das Infiltrat dahingehend verändert, dass es von lymphozytären Zellen dominiert wird [179,226]. Obwohl der Nachweis von Immunkomplexen zum Verständnis der Pathogenese der kLV wichtig ist, ist dieser Nachweis üblicherweise für die Diagnosestellung nicht nötig [16]. Braverman und Yen beschrieben erstmals, dass sich nach intradermaler Injektion von Histamin in unbefallene Haut bei Patienten mit kLV, an den Injektionsstellen ebenfalls leukozytoklastische Reaktionen auslösen lassen [12]. Diese Erkenntnis eröffnete die Möglichkeiten, den zeitlichen Verlauf des pathologischen Geschehens genauer zu untersuchen und im klinischen Alltag die Diagnose zu sichern.

Experimentelle Untersuchungen sprechen dafür, dass es sich bei der leukozytoklastischen Vaskulitis um eine Hypersensibilitätsreaktion vom Typ III handelt, ähnlich der experimentell ausgelösten Arthus-Reaktion [47,87]. Die essentiellen Elemente der Arthus-Reaktion beinhalten Antigen, Komplement­fixierende Antikörper, ein intaktes Komplementsystem und eine adäquate Anzahl an neutrophilen Granulozyten [17]. Lösliche Immunkomplexe, die sich in Antigen­Überschuß formiert haben, zirkulieren so lange, bis es zu einem Ereignis wie einer Verlangsamung des Blutflusses oder zu Turbulenzen kommt (z.B. an Bifurkationen der Blutgefäße, durch lokale vasoaktive Substanzen und Hydrostase), was deren Ablagerung an den Gefäßwänden nach sich zieht [203]. Folgend darauf wird das Komplementsystem aktiviert und generiert chemotaktische Faktoren (C3a, C5a), die [Seite 18↓]neutrophile und basophile Granulozyten anlocken. Basophile stellen eine Quelle für Histamin dar, wodurch die vaskuläre Permeabilität gesteigert, und die Migration der polymorphkernigen Neutrophilen und Immunkomplexe durch die Gefäßwände ermöglicht wird [16]. Die Endothelzellen der Kapillaren und postkapillären Venolen bieten Bindungsstellen für die Fc-Fragmente der Immunglobuline und für C3b [210]. Des Weiteren induziert die funktionelle Kooperation zwischen FcγRII (CD32) und FcγRIII (CD16), als Antwort auf die mit Immunkomplexen beladenen Endothelzellen, eine Aktivierung der neutrophilen Granulozyten [139]. Im aktivierten Zustand polymerisieren diese Aktin und bedingen, dass die Zellen in den Kapillaren retiniert werden [16]. Eine Schlüsselfunktion in diesem Prozess stellen sowohl die durch Endothelzellen freigesetzten Adhäsionsmoleküle und Zytokine als auch die aktivierten neutrophilen Granulozyten dar [17,139]. Möglicherweise spielt der MAK (='membran attack'-Komplex) des Komplementsystems eine signifikante Rolle in der Veränderung der Integrität der Endothelzellmembran [94]. Aktivierte polymorphkernige Neutrophile setzen proteolytische Enzyme frei. Es handelt sich insbesondere um Kollagenasen und Elastasen sowie freie Radikale, die die Gefäßwände und das umliegende Gewebe schädigen [16,47]. Sensibilisierte T­Lymphozten könnten im Zusammenhang mit Antikörper-abhängigen Zell­zytotoxischen (ADCC) Mechanismen auch einen direkten zytotoxischen Effekt auf die Endothelzellen haben [16].

2.4.1 Immunkomplexe

Immunkomplexe werden gebildet, wenn Antigen auf Antikörper trifft. Üblicherweise werden sie anschließend an eine Komplementaktivierung durch das mononukleäre phagozytäre System (MPS) entfernt. Persistierende Antigene bei chronischen entzündlichen oder autoimmunen Prozessen führen zu Immunkomplexerkrankungen [187,69]. Komplexe können sich sowohl in der Zirkulation als auch lokal bilden und so im ersten Fall zu systemischen, im letzteren zu lokalen Erkrankungen führen (z.B. Lunge, Niere, Haut). Die Fähigkeit Komplexe löslich zu halten, ist eine Funktion des Komplementsystems [187]. In gesunden Individuen kommt es immer wieder zur Bildung von Komplexen, die aber löslich gemacht und daraufhin wieder entfernt werden. Die Erythrozyten der Primaten besitzen Rezeptoren für C3b (auch als CR-1 bezeichnet). Diese sind von großer Bedeutung für den Transport der durch Komplement opsonierten Immunkomplexe zur Leber und Milz, wo sie dann aus der [Seite 19↓]Zirkulation entfernt werden können. Komplement-Defizienzen führen zur Formation unlöslicher Komplexe, die sich in Geweben ablagern [187,69]. Faktoren, die die Permeabilität der Gefäße steigern (z.B. Histamin und Serotonin), erhöhen die Ablagerung der Immunkomplexe in Geweben [23,12]. Die auf persistierende Komplexe folgende Schädigung durch die Effektorzellen selbst und Komplement ist als Typ III-Hypersensibilitätsreaktion, bzw. als Immunkomplex-Erkrankung bekannt [169].

2.5 Experimentelle Modelle zum besseren Verständnis von Immunkomplexerkrankungen und vaskulären Reaktionen

2.5.1 Arthus-Reaktion (Tierexperiment: Maus)

Es handelt sich um eine experimentell durch extrinsisches Antigen ausgelöste Immunkomplexvaskulitis der kleinen Blutgefäße, eine klassische Hypersensibilitätsreaktion vom Typ III. Injektionen von Antigen in die Haut von spezifisch sensibilisierten Tieren produzieren die Arthus-Reaktion [6]. Ein Tier wird solange immunisiert, bis es einen gewissen Spiegel an Serum-Antikörpern, vorwiegend IgG, aufweist. Folgend auf die intradermale Injektion des Antigens entwickelt sich eine Läsion an der Injektionsstelle, manchmal mit sichtbarem Ödem und Hämorrhagie. Ihren Höhepunkt erreicht die Reaktion innerhalb von 4 bis 10 Stunden, nimmt dann wieder ab und ist normalerweise nach 48 Stunden minimal. Immunfluoreszenzmikroskopische Studien zeigen, dass auf die initiale Ablagerung von Antigen, Antikörpern und Komplement in den Gefäßwänden eine Infiltration durch neutrophile Granulozyten und eine intravaskuläre Plättchenaggregation folgen [21,169]. Letztere kann zur Okklusion der Blutgefäße führen und in schwerwiegenden Fällen zur Nekrose derselben. Nach 24 bis 48 Stunden werden die neutrophilen Granulozyten durch mononukleäre Zellen ersetzt, und es erscheinen schließlich einige Plasmazellen.

Komplement soll eine sehr wichtige Rolle in der Auslösung dieser Reaktion spielen, da Mäuse mit einem Komplement-Mangel eine abgeschwächte Arthus-Reaktion zeigen [22] und die ausschließliche Ablagerung zirkulierender Immunkomplexen an den Gefäßwänden nicht zur Ausbildung einer Läsion führt [202]. Des Weiteren ist mittlerweile bekannt, dass Zellen mit intakten Fcγ-Rezeptoren zur Auslösung der Arthus-Reaktion nötig sind (FcγRI-III) [204,76,164]. Die chemotaktisch angelockten Leukozyten sollen über diese Rezeptoren aktiviert werden, d.h. ihre lysosomalen [Seite 20↓]Enzyme freisetzen, wodurch die Endothelzellen geschädigt werden [164,202].

Die Arthus-Reaktion ist ein sehr brauchbares Tier-Modell zur Aufklärung der Pathophysiologie der Immunkomplexerkrankungen. Dennoch ist bei der Interpretation von Tierexperimenten in Bezug auf die Verhältnisse im menschlichen Körper Vorsicht geboten, da Tiere den C3b-Rezeptor, der vorwiegend auf den Erythrozyten lokalisiert ist, hier nicht exprimieren. Tiere sind auf die geringeren Mengen der auf den Plättchen lokalisierten C3b-Rezeptoren angewiesen [169]. Primaten besitzen ca. 700 dieser Rezeptoren auf den Erythrozyten. Von Erythrozyten werden bevorzugt solche Komplexe gebunden, die opsoniert sind. Da die Erythrozyten zentral im Plasma schwimmen und somit die Gefäßwände nicht berühren,fungieren sie als eine Art Puffersystem. Nur in den Sinus der Leber und der Milz, bzw. an Orten mit größerer Turbulenz kommen Komplex-beladene Erythrozyten in Kontakt mit den Endothelzellen. Wie schon erwähnt, werden Komplexe in Leber und Milz durch fixe Makrophagen aus der Zirkulation entfernt. Bei diesem Prozess wirdKomplement (d.h. C3b) ebenfalls entfernt. Dies führt in Prozessen mit kontinuierlicher Formation von Komplexen zu einer Abnahme von C3b, wodurch möglicherweise die Entfernung der Komplexe durch das MPS beeinträchtigt wird (z.B. bei systemischem Lupus erythematosus/SLE) [169,77,205].

2.5.2 Shwartzman-Reaktion

Obwohl es sich bei der Shwartzman-Reaktion nicht um ein Immunkomplex­Geschehen handelt, kann sie möglicherweise aufschlussreich in Bezug auf die Relevanz von Adhäsionsmolekülen sein. Während einer Septikämie durch Meningokokken oder Gram-positive Bakterien, wie Staphylokokken (toxisches Schock-Syndrom) kann sich ebenfalls eine Purpura der Haut zeigen. Die Schädigung der Endothelzellen ist dabei nicht immer durch die Bakterien selbst bedingt, sondern es kann sich auch um eine (lokale) Shwartzman-Reaktion handeln. Zwar wird in der Dermatologie nur selten eine klassische lokale Shwartzman-Reaktion gesehen, dennoch ist davon auszugehen, dass die zugrundeliegenden pathophysiologischen Mechanismen auch bei der Entwicklung von kutanen Vaskulitiden eine Rolle spielen. [202]

Sunderkötter et al konnten in einem Tiermodell zeigen, dass wiederholte Injektionen von Endotoxin (LPS) zu einem Gefäßschaden mit intravasalen Thromben und Leukozytoklasie führten. Es bildete sich also eine von Immunkomplexen unabhängige Vaskulitis aus [201]. Dabei führte eine Kaskade von Zytokin­[Seite 21↓]Interaktionen zur Ausbildung der Shwartzman-Reaktion. Makrophagen setzten nach der lokalen Aktivierung durch LPS IL-12 frei. Dies führte zu einer Sekretion von INFγ durch NK-Zellen, mit folgender Freisetzung von IL-1 und TNFα durch Makrophagen. Diese wiederum führten zu einer vermehrten Expression von Adhäsionsmolekülen. Injektionen von LPS 18 bis 24 Stunden später löste die sogenannte Änderung der Effektor-Phase aus, in der erhöhte Spiegel von TNFα, IL-1 und INFγ im Serum gemessen werden können. Ein Effekt dieser Zytokine ist die Aktivierung von Leukozyten (CD11b/CD18) [5,57]. Diese Aktivierung steigert einerseits die Adhäsion an das Endothel, andrerseits das toxische Potential der Leukozyten. Blockierungen der Adhäsionsmoleküle ICAM-1oder CD11b/CD18 durch Antikörper [5,228], beziehungsweise der genetisch ausgelöste Mangel an ICAM-1 [231], vermindern die vaskuläre Reaktion. Da die Blockierung oder der genetisch induzierte Mangel von Adhäsionsmolekülen auch andere Formen von Vaskulitiden und Entzündungen ohne Gefäßbeteiligung unterdrückt, ist davon auszugehen, dass Adhäsionsmoleküle ebenfalls wesentlich an der Pathophysiologie vaskulitischer Prozesse beteiligt sind [202].

Adhäsionsmoleküle agieren in einer sequentiellen Art und erlauben es den Neutrophilen in kLV, sich außerhalb der Gefäße zu bewegen. Der erste Schritt ist das sogenannte Rollen intraluminal an der Gefäßwand, bis es nach stetiger Verlangsamung zum Stillstand kommt und zur darauf folgenden Fixierung/Adhäsion an die Endothelzelle [147]. Verschiedene Selektine sollen in kLV bei diesem Prozess eine wichtige Rolle spielen. Für die Adhäsion der Neutrophilen an das Endothel soll E-Selektin verantwortlich sein [225,174].

Zum besseren Verständnis bietet die Abbildung 3 einen Überblick über die Mechanismen, die zur Manifestation der leukozytoklastischen Vaskulitis führen sollen [17].


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Abb. 3: Ein Modell zur Entstehung der kLV

2.6 ANCA

ANCA (='anti-neutrophil-cytoplasmic-antibodies') sind eine Gruppe vorwiegend gegen lysosomale Antigene von Neutrophilen und Monozyten gerichtete IgG­Autoantikörper, die sich (im Gegensatz z.B. zu ANA) nicht bei Gesunden finden. Sie sind vor allem mit primären Systemvaskulitiden, seltener mit Kollagenosen und anderen System- oder Infektionskrankheiten assoziiert [57,62]. Sie werden mit Hilfe der Immunfluoreszenz-Methode nachgewiesen. Zytoplasmatische ANCA (cANCA) richten sich gegen Proteinase 3 (PR3). Perinukleäre ANCA (pANCA) erkennen Myeloperoxidase (MPO), Kathepsin G und humane neutrophile Elastase. Diffuse, atypische ANCA (aANCA) richten sich gegen ein bislang unbekanntes Antigen. cANCA sind charakteristisch für die Wegenersche Granulomatose, pANCA lassen sich bei der mikroskopischen Polyangiitis (=PAN) und dem Churg-Strauss-Syndrom nachweisen [57,62].

Welche Ursachen zur Ausbildung von ANCA führen, ist nicht genau bekannt. [Seite 23↓]Gelegentlich gehen klinischen Manifestationen Infektionen voraus [157]. Hinsichtlich einer genetischen Komponente existieren keine einheitlichen Ergebnisse, so dass eine MHC-Assoziation möglicherweise nur gering ist [67]. Auch die Rolle der verschiedenen Autoantikörper ist nicht vollständig aufgeklärt. In vitro konnte gezeigt werden, dass mit TNFα[30] und IL-8 [162] vorbehandelte neutrophile Granulozyten durch die Bindung von ANCA aktiviert wurden, d.h. es folgte eine Freisetzung ihrer entzündlichen Mediatoren [90,45]. Die Bindung der ANCA soll dabei an Fcγ­Rezeptoren (FcγRIIa, FcγRIIIb) erfolgen [227,142]. Zusätzlich ist für die Signaltransduktion eine durch β2-Integrin-vermittelte Adhäsion an eine Oberfläche nötig [168]. Monozyten exprimieren MPO und PR3 auf ihrer Zelloberfläche und sind möglicherweis zu späteren Zeitpunkten an der Pathogenese ANCA-assoziierter Vaskulitiden beteiligt [142,163].

Klassischerweise finden sich bei der kLV keine ANCA. Dennoch haben die in jüngster Zeit durchgeführten Untersuchungen der ANCA erstmals gezeigt, wie und über welche Mechansimen neutrophile Granulozyten bei Vaskulitiden aktiviert werden. Es ist zu vermuten, dass ähnliche pathophysiologische Mechanismen auch für die Granulozytenaktivierung bei der kLV von Bedeutung sind.

2.7 Labor

Zur Sicherung der Diagnose und Beurteilung der systemischen Beteiligung sind histopathologische und immunfluoreszenzmikroskopische Untersuchungen, die Bestimmung der Blutparameter und Urinanalysen angezeigt [118,172,86,195,196,121,188]. In der direkten Immunfluoreszenz können Immunglobuline, Komplement-Faktoren und Fibrinablagerungen vaskulär und perivaskulär nachgewiesen werden [15,178]. Die Blutuntersuchungen zeigen zunächst unspezifische Veränderungen im Sinne entzündlicher Prozesse, d.h. Leukozytose und eine erhöhte Blutsenkungsgeschwindigkeit. Eine Verminderung von Komplement-Faktoren sieht man vor allem, wenn die kutane Vaskulitis mit rheumatoider Arthritis (C1, C4, C2), einem SLE (C1q, C4, C2, C3, C9), einer Kryoglobulinämie, einem Sjögren-Syndrom oder einer urtikariellen Vaskulitis assoziiert ist [118,172,86,195,196,188]. Weitere Befunde richten sich je nach Art des Systembefalls. Der Gerinnungsstatus ist normal. Bei der Durchführung spezifischer Bindungstests für Immunglobuline und Komplement (Rajizell-Test, C1q-Bindungstest u.a.m.) können in einigen Fällen zirkulierende Immunkomplexe (IgG, IgM und IgA, [Seite 24↓]letzteres vor allem bei der Purpura Schoenlein-Henoch) nachgewiesen werden. Des Weiteren lassen sich je nach zurgundeliegender Erkrankung Rheumafaktoren, ANA, Antiphospholipid-Antikörper oder Kryoglobuline nachweisen. Die Bestimmung des Antistreptolysin-Titers und eine Hepatitis-Serologie können ebenfalls aufschlussreich sein. Eine renale Beteiligung wird durch den Nachweis einer Proteinurie gesichert [118,172,86,195,196,188]. Okkultes Blut im Stuhl findet man bei gastrointestinaler Manifestation. Da es keinen spezifischen Laborparameter für eine kLV gibt, dient ihre Bestimmung dem Ausschluss einer systemischen Beteiligung. Eine gründliche Anamnese und körperliche Untersuchung ist zusätzlich immer angezeigt [14].

2.8 Prognose

Die Prognose einer kLV hängt von der Schwere der systemischen Beteiligung ab. Für die reine Hauterkrankung ist sie günstig. Als Komplikation kann sich gelegentlich eine bakterielle Sekundärinfektion einstellen [11]. Nach der akuten Phase kann es zu Rezidiven kommen. Häufige Rezidive korrelieren oft mit einer vermehrten perivaskulären Expression von HLA-DR und VCAM-1 [160]. Bei einer Nierenbeteiligung im Rahmen einer Purpura Schönlein-Henoch erstreckt sich der Verlauf manchmal über Monate. Die Komplikationen reichen von akutem Nierenversagen bis zu chronischer Nephropathie, die bei 5-10% aller Patienten eintritt. Bleibt die Entwicklung einer terminalen Niereninsuffizienz aus, so ist die Prognose der Erkrankung in der Regel gut [11].

2.9 Therapie

Die Behandlung zielt,sofern möglich, auf die Elimination des auslösenden Faktors (Infekte, Absetzen ursächlicher Medikamente, Behandlung von Systemkrankheiten, bzw. Neoplasien) hin. In den meisten Fällen kutaner und systemischer leukozytoklasticher Vaskulitiden bleibt dieser Trigger jedoch unbekannt [118,172,86,196,121,15,178,188].

Da diezugrundeliegendenPathomechanismen des entzündlichen, möglicherweise immunpathologischen Geschehens bis heute noch nicht aufgeklärt sind, kann die Therapie nicht kausal, sondern nur symtomatisch erfolgen. Dabei stehen verschiedene immunsuppressive und immunmodulatorische Medikamente zur Verfügung. Sinnvolle Kombinationstherapien sind häufig effektiver, tragen zur Dosiseinsparung bei und vermindern die Nebenwirkungsrate [202].

Zur Therapie der ersten Wahl gehört die systemische Gabe von Kortikosteroiden [Seite 25↓][118,172,196,117]. Initial werden diese in mittlerer Dosierung verabreicht und daraufhin abhängig vom klinischen Bild langsam auf eine niedrigere Erhaltungsdosis reduziert. Additiv haben sich Zytostatika wie Cyclophosphamid etabliert [118,117,197]. Einen Nachteil dieser Therapie stellen jedoch die möglichen Entwicklungen von opportunistischen Infektionen und Malignomen dar. Immunmodulatorische Medikamente, die sich als wirksam erwiesen haben, sind Dapson und Pentoxifyllin [93,176]. Ebenfalls immunmodulierend wirkt das Spindelgift Colchicin [70]. Ein weiteres wirkungsvolles, aber auch sehr teures Behandlungsverfahren bieten die intravenösen Immunglobuline (z.B. Ak gegen Adhäsionsmoleküle von Leukozyten und Endothelzellen, wie ICAM-1 oder VCAM-1 und weitere), die bei ansonsten therapieresistenten Vaskulitiden eingesetzt werden können [197; Kolde G., im Druck].


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13.10.2004