Lailach, Michael: „Der Gelehrten Symbola“ - Studien zu den >Emblematum Tyrocinia< von Mathias Holtzwart (Straßburg 1581)

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Kapitel 6. „Zu Ehre und gefaln“ - Lektüren der >Emblematum Tyrocinia<


Gott grüß euch Liebe Bücher mein /
Ir seit noch ungverseert /
Dann ich schon euer wol und fein /
Dass ich nit werd zu Glehrt.
Dann wer vil kan / der muß vil thun /
Und wer vil thut / nimmt ab.
Deßhalb ich euch die Rhu wol günn /
Dass mein lang wart das Grab.<403>

Diese Verse Johann Fischarts sind der Beginn eines ironischen Lobgedichts des „Bibliothecarius Ptolomaeus“ auf die Bücher. Sie sind mehr als nur eine Satire auf Bibliotheken und Bibliothekare, Bücher und ihre Leser. Denn man erfährt hier auch von den Praktiken des Lesens im 16. Jahrhundert.

Man konnte schon immer auf sehr unterschiedliche Weise lesen; je nachdem, um welche Texte es sich handelte. Man konnte lesen, um sich zu entspannen, zu unterhalten oder um sich schlicht die Zeit zu vertreiben. Von diesen Lektüren zeigen die Bücher heute keine Spuren mehr; es sei denn, man las sie nach dem Essen mit „Händen, so Schmutzweich“,<404> dass zumindest die Flecken auf den Buchseiten zurückblieben. Die Lektüren humanistisch gebildeter Leser sind in der Regel anders dokumentiert, weil sie klassische Texte, wie zum Beispiel die römischen Historien des Livius, mit einem offensichtlich pragmatischen Interesse gelesen haben, das sich in den oft noch vorhandenen handschriftlichen Randbemerkungen wiederspiegelt.<405> Solche Lektüren, die durch den ständigen Wechsel von Schreiben und Lesen gekennzeichnet waren, wurden von den individuellen Interessen der Leser bestimmt. Das Lesen in Gesellschaft fand nicht selten ein Echo in den, von den Erfahrungen der Lektüren geleiteten Handlungen der Leser;<406> die fortlaufenden Querverweise, Zitate und Kollationen auf den Buchseiten deuten hingegen auf die philologische Arbeit des Lesers - eine Praktik, für die Johann Fischart ebenfalls einen spöttischen Seitenblick übrig hat:


Ich will nicht / wie Erasmus that
Seinem Terentz unfüglich
Euch so trivirn und martern matt
Dass ich kauf neunmal jeglichs.
Dann solchs ist gleich wann eyn Aff
Vor Lieb sein Kind erstickt.<407>

Man konnte selbstverständlich Bücher in Bibliotheken sammeln, ohne sie jemals zu lesen. Johann Fischart war jedoch entgegen dem eingangs zitierten Zuruf an die Bücher nicht nur ein Sammler, sondern auch ein Leser, der - je nachdem, um welche Texte es sich handelte - sehr umfangreiche Randbemerkungen eintrug.<408> So zeigten zum Beispiel seine Annotationen in der heute nicht mehr


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erhaltenen Ausgabe der >Opera< von Jan van Gorp (Goropius Becanus) das Interesse Fischarts an Etymologien. In manchen Bemerkungen verwies Fischart auf seine eigenen etymologischen Sammlungen, die er als eine kritische Parallele zum Text des Goropius anführt; weiterhin finden sich sowohl Beispiele, Vergleiche, Sprichwörter und Übersetzungen an den Rändern des gedruckten Textes als auch einfache Ausdrücke von Zustimmung oder Widerspruch.<409>

Man kann den Begriff „Lektüre“ folglich als eine „in Gesten, Räumen und Gebräuchen verkörperte Praktik“ des Lesers definieren.<410> In den ingesamt 19 Exemplaren der >Emblematum Tyrocinia<, die heute in amerikanischen und europäischen Bibliotheken aufbewahrt werden, finden sich allerdings in den meisten Fällen nur die Einträge von Besitzern.<411> Ein Leser vermerkte weiterhin neben dem Bild des „Emblema.LXI.“, dass es sich hierbei um „Aischily“ handele und nicht um „Demokrit und Heraklit“. Mehr als nur die Korrektur des Druckfehlers notierte ein Leser in das Exemplar der Grazer Universitätsbibliothek, indem er die einzelnen Embleme durch Ausdrücke wie zum Beispiel „tröstlich“ oder „gewißlich“ kommentierte, die seine Zustimmung und sein Interesse am Buch andeuten. Zwei Exemplare der >Emblematum Tyrocinia<, die heute in der Augsburger Staats- und Stadtbibliothek und in der Nürnberger Stadtbibliothek aufbewahrt werden, zeigen demgegenüber materielle Spuren von Lektürepraktiken, die eine andere Sichtweise auf das Emblembuch verraten, als sie etwa für Johann Fischart, den Autor der „Vorred von Ursprung, Nutz und Gebrauch der Emblematen“, noch gilt.<412>

Ein Exemplar wurde von dem Augsburger Patrizier Jakob Welser während seiner Bildungsreisen nach Paris, London und Oxford in den Jahren 1584-1591 als Stammbuch gebraucht.<413> Das andere Exemplar wurde vom „Grefflichen Sultzischen Regementts Hauptman“ Balthasar Wilhelm Haller von Hallerstein, einem Mitglied der niederländischen Linie der Nürnberger Patrizierfamilie Haller, auf seinen Reisen quer durch Europa in den Jahren 1581-1595 als Stammbuch benutzt.<414>


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Als „Album Amicorum“ oder „Stammbuch“ bezeichnet man heute eine Sammlung von Autographen in einem Album oder in einem Buch. Es wurden dabei sowohl die als Stammbuch publizierten Drucke als auch Drucke wie zum Beispiel die >Emblematum Tyrocinia< verwendet, die erst beim Binden mit zusätzlichen Leerseiten für die Einträge durchschossen wurden. Die Praktik des Stammbuchs entstand allem Anschein nach um die Mitte des 16. Jahrhunderts im Umfeld Philipp Melanchthons an der Wittenberger Universität.<415> Es ist daher nicht erstaunlich, dass in vielen Fällen die >Loci Communes Theologici< Philipp Melanchthons als Stammbuch eingerichtet und benutzt wurden. Bereits bei den Einträgen in diese frühen Stammbücher ist nicht nur die reformatorische Theologie von Bedeutung, sondern vor allem das Motiv, sich das Gedächtnis an Freunde und Lehrer zu bewahren. So wird auch in dem möglicherweise auf Melanchthon zurückgehenden, schon im 16. Jahrhundert oft zitierten „iudicium de albis amicorum“ dieses Motiv angesprochen:

Aus zwei Gründen tragen wir uns, wenn wir dazu aufgefordert werden, in die Bücher anderer ein: erstens, damit die Besitzer der Bücher sich daran erinnern und ihren Nachfahren davon Nachricht geben können, wo sie sich zu welcher Zeit aufgehalten haben. Zweitens, damit sie zuverlässige Beweisstücke dafür besitzen, mit wem sie vertrauten Umgang hatten und wer ihnen in wahrer Freundschaft verbunden war.<416>

In den Wittenberger Stammbüchern fehlen oft noch die Wappenbilder, die für die meisten Stammbücher des späten 16. Jahrhunderts dann so charakteristisch sind. Die stets gebrauchten Widmungsformeln, die die Einträge in den Stammbüchern beschließen, zeigen, dass der an-gesprochenen Freundschaft und dem Gedächtnis schon immer ein eher unpersönliches Moment des Registrierens und Inventarisierens sozialer Beziehungen eignet,<417> das gerade in seiner Stilisierung die tatsächlichen Verhältnisse nur sehr bedingt wiederspiegelt. Das Stammbuch hatte vor allem eine repräsentative Funktion und aus diesem Grund hatten die Einträge eine wesentlich andere Form als etwa die Einträge in ein Tagebuch, das eher für private Aufzeichnungen bestimmt war.

Die Praktik des Stammbuchs ist im Kontext der „späthumanistischen Standeskultur“ zu sehen.<418> Die etwa 1600 Stammbücher aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, die bislang katalogisiert wurden, sind überwiegend, aber nicht ausschließlich aus dem deutschsprachigen, protestantischen Kulturraum


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überliefert.<419> Wie nicht anders zu erwarten, waren die Interessen, die sich in den Einträgen der Stammbücher wiederspiegeln, sehr unterschiedlich. Deswegen ist es umso erstaunlicher, dass die Einträge dennoch ein einheitliches formales Grundmuster aufweisen.

Das Stammbuch des Balthasar Wilhelm Haller von Hallerstein mit seinen ingesamt 194 Einträgen ist in dieser Hinsicht ein repräsentatives Beispiel. Es zeigt jedoch auch, wie der Lebensweg des Stammbuchbesitzers den Formen dieser Lektürepraktik ihre ganz individuellen Konturen gab.

Balthasar Wilhelm wurde im Jahre 1550 als Sohn des pfälzischen Rates und Freisassen Wolf Haller von Hallerstein und der Aurelia von Falckenstein geboren.<420> Er starb am 11. August 1595 im luxemburgischen Ivois (dem heutigen Carignan) und wurde dort im Sjpgtskloster begraben:

Balthaßer Wilhelm Haller vom Hallerstein, des Grefflichen Sultzischen Regementts Hauptman vber ein Fenll Hohttischer Krügs Leidt zu Fuß, in diß Nid[er] Land Ano 1594, vnd ist den 11ten Augustus Ano 1595 Jor im Gemein Landt zu Lüczenburgk in der Statt Iuoß vnverhairett gestorben, vnd in einem Stüfft Cloßer begraben word. Dern Sellen Gott der Allmehtig gnedtig vnd barmhertzig sein wollen vnd vnß allen Amen.<421>

Über Balthasar Wilhelm Haller von Hallerstein ist darüberhinaus wenig mehr bekannt, als sich aus den Einträgen in sein Stammbuch erschließen läßt. Die Zeit bis zum Jahre 1581 bleibt daher im Dunkeln; in den Matrikeln der Universitäten ist Balthasar Wilhelm nicht nachzuweisen. Anhand der Einträge in das Buch kann man seine Reisen nach Spanien und Portugal nachvollziehen, ohne dass der eigentliche Anlaß dieser Reisen dabei bekannt wird. In den Jahren 1582-1585 und 1593-1595 war er dann wie viele andere der Patrizierfamilie Haller von Hallerstein in spanischen Kriegsdiensten in den Niederlanden.

Der erste Eintrag in das Stammbuch datiert vom 9. September 1581 (Abb.76). Balthasar Wilhelm hatte das Buch offensichtlich unmittelbar nach der Publikation gekauft und als Stammbuch eingerichtet. Diesen ersten Eintrag beendete der Inskribent Tobias Haller von Hallerstein,<422> ein entfernter Verwandter des Balthasar Wilhelm, mit folgender Widmung:

Dis hab ich zu ehre und ewigm gedechtnuß Tobias Haller vohn Hallerstain, meinem freundtlichen liebem Vettern Balthasar Wilhelm Hallern vohn Hallerstaiyn (malen) lassen den 9. September Anno 1581.<423>


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In der Regel wurden in einem Stammbucheintrag das Datum, der Name und Berufs-, Standes- und Herkunftsangaben zur Person eingetragen. Bei dem zitierten Eintrag fehlt allerdings die zu erwartende Ortsangabe.

Der eigentliche Texteintrag bestand aus einer Sentenz, die oft durch Initialen - zum Beispiel „I.H.Z.G.“ (Ich Hoffe Zu Gott) - abgekürzt wurde.<424> Die Auflösung solcher Initialen bleibt heute oft auf Vermutungen (wie beispielsweise die von mir nicht aufgelösten Initialen „S.F.T.“ im Eintrag des Tobias Haller) angewiesen, da für viele Buchstabenfolgen entweder alternative Möglichkeiten der Auflösung bestehen oder die Initialen einen Namen abkürzen (zum Beispiel steht „T.H.V.H.“ vermutlich für Tobias Haller von Hallerstein).

Als Texteinträge finden sich auch Reimsprüche, Gedichte und Zitate. Manchmal folgen Anmerkungen von der Hand des Besitzers des Stammbuchs, zum Beispiel bei Verstorbenen ein „Gnad ihm Gott“. Die Dedikation des Eintrags enthält neben der Datierung und der Ortsangabe eine formelhafte Widmung, wie im oben zitierten Beispiel die Formel „zu ehre und ewigm gedechtnuß“, und schließlich die Unterschrift.

Bei den Bildern in Stammbüchern handelt es sich meistens um ein Wappen; seltener um Portraits, Kostümbilder, Veduten, mythische oder allegorische Themen.<425> Die von beruflich spezialisierten „Illuminierern“ angefertigten Bilder entstanden im Auftrag des Stammbuchbesitzers, jedoch in der Regel auf Kosten des Inskribenten.<426> So erwähnt zum Beispiel Christoff Reutter in der Widmung seines Eintrags, er habe zu „Ehre und gefaln“ von Balthasar Wilhelm sein Wappen „hermalen lassen“.<427> Der Eintrag von Tobias Haller von Hallerstein zeigt denn auch, dass das gemalte Wappenbild im Zentrum des Eintrags steht und allein durch seine Größe und seine sorgfältig inszenierte Farbigkeit dem Inskribenten und dem Besitzer des Stammbuchs zu „Ehre“ gereichen konnte.

Auf der angrenzenden Seite des Eintrags von Tobias Haller von Hallerstein, also auf der verso-Seite des „Emblema.LII.“, ist eine kolorierte Federzeichnung mit der Beischrift „Ich wehre mich genug“ und einigen Initialen beigegeben (Abb.76).<428> Im Bild ist eine junge Frau zu sehen, die mit hoch erhobenen Armen auf einer Kugel balanciert. Von rechts wird sie an einem dünnen Faden gezogen, den ein junger Mann in der Hand hält. Die andere Hand legt der Mann demonstrativ auf sein Herz. Von links wird die Frau an einem breiten Band gezogen, an dessen Ende ein großer Ring hängt. Diese


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Band hält ein wesentlich älterer, im Habitus des Gelehrten erscheinender Mann mit beiden Händen umfaßt.

Dieser emblematische Bildtypus wurde oft und in vielen Varianten dargestellt.<429> Eine Anspielung auf den Text des oberhalb der Darstellung gedruckten Emblems ist dennoch nicht gegeben, da im Bild nicht Fragen des „Geldes“ thematisiert werden. Jedoch wird der gedruckte Zierrahmen der Buchseite in die Darstellung formal einbezogen, indem zum Beispiel der linke Mann seinen Fuß etwas über die gedruckte Begrenzung stellt oder der rechte Mann seinen Körper gegen den Zierrahmen stemmt. Die Buchseite wird so gleichsam zu einem Bühnenraum für die dargestellte Szene.

Solche Bezugnahmen auf die Formen des gedruckten Buchs sind allerdings sehr selten. Auch der Eintrag von „Anna Güdtin, geborne Hallerin von Hallerstein“, der Cousine des Balthasar Wilhelm,<430> und von ihrem Mann Friedrich Gut enthält eine bildliche Darstellung (Abb.77). Auf der verso-Seite des „Emblema.LXXI.“ stehen das Datum, eine in Gouache gemalte Darstellung eines Totenkopfs über einem Szepter und einer Hacke, die Sentenz „Mors sceptra ligonibus aequat“ und die Unterschrift von Friedrich Gut. Diese Darstellung ist ein Zitat einer Imprese aus den >Imprese Morali et Heroiche< von Gabriel Symeoni (Abb.78).<431>

Auf der gegenüberliegenden Leerseite sind die Wappen der Eheleute angebracht; das Datum, die Initialen „IHZGIAN“ (Ich Hoff‘ Zu Gott In Aller Not) und die Unterschrift von Anna Gut. Die Imprese und die Texteinträge beziehen sich zwar nicht auf die Formen der Buchseite. Doch sie stehen in einem unmittelbarem Zusammenhang mit dem gedruckten Text des „Emblema.LXXI.“, in dem die Auferstehung der Frommen thematisiert wird.

Es vielleicht kein Zufall, dass diese beiden Einträge im Gegensatz zu den übrigen Einträgen in das Stammbuch solche sorgsam ausgeführten Bilder aufweisen. Im Archiv der Familie Haller in Nürnberg-Großgründlach ist das Konzept eines Briefes erhalten, den Tobias am 10. April 1593 an Balthasar Wilhelm geschrieben hatte.<432> Tobias erinnert hierin seinen Verwandten, wie sie sich vor über zehn Jahren im Hause des Friedrich Gut kennengelernt hätten und bittet Balthasar Wilhelm eingedenk dieses Treffens, er solle sich nun seines Bruders Lazarus annehmen, der ebenfalls in spanische Kriegsdienste getreten war. Die oben zitierten Stammbucheinträge von Tobias Haller von Hallerstein und von den Eheleuten Anna und Friedrich Gut sind wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem erwähnten Brief zu sehen, da sie allem Anschein nach anläßlich des Treffens im Haus der Eheleute Gut erfolgten. Lazarus selbst hatte Balthasar Wilhelm bereits zuvor im Jahre 1590 kennengelernt, wie die Widmung seines Eintrags vom 20. Mai 1590 in Antorf beweist:


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Diß hab ich Lazarus Haller von Hallerstein, meinen freundlichen lieben Herr Vettern Balthasar Wilhelm Haller von Hallerstein, zu ewiger gedechtnus und freundtschaft hierrin geschrieben. Antorf Den 20. Maj. Ao. 90.<433>

In der Widmung empfiehlt sich der Eintragende stets dem Gedächtnis und der Freundschaft des Stammbuchbesitzers. Tobias unterstreicht seine briefliche Bitte an Balthasar Wilhelm, indem er ihn an ihr erstes Treffen erinnert. Die Stammbucheinträge des Tobias und der Eheleute Gut verkörpern in den bildlichen Formen der Wappen, der symbolischen Szenen und der handschriftlichen Texteinträge auf eine andere, unmittelbar sichtbare Art und Weise die Erinnerung an dieses erste Zusammentreffen vor über zehn Jahren, das dem Besitzer des Stammbuchs, Balthasar Wilhelm, zu jeder Zeit wortwörtlich vor Augen stehen konnte.

In den 194 Einträgen des Stammbuchs zeichnet sich in Umrissen ein unstetes Leben ab; im Jahre 1581 reiste Balthasar Wilhelm von Basel nach Barcelona und Zaragoza; 1582 folgen Madrid, Lissabon, Innsbruck, Augsburg, Köln und schließlich das Feldlager vor Ninove; 1583 weitere Feldlager in den Niederlanden; 1585 Lillo und Barbens in Spanien; 1588 Alcazar und Andorf, 1593 Brüssel und zuletzt wieder ein Feldlager in den Niederlanden. Im Jahre 1595 fällt Balthasar Wilhelm in Ivois.

Das kleine Emblembuch hat Balthasar Wilhelm also über 12 Jahre auf den Reisen begleitet. In diesen Jahren trugen sich noch weitere Mitglieder der Familie Haller von Hallerstein ein.<434> Die eigene Familie stand für Balthasar Wilhelm offenbar im Mittelpunkt von Freundschaft und Gedächtnis. Es ist dann auch nicht überraschend, dass von den insgesamt 59 Personen, die sich im Jahre 1581 in das Stammbuch eintrugen, die meisten aus adeligen Familien kommen; zum Beispiel Mitglieder der Familie von Baden aus elsäßischem Adel, der Familie von Reischach aus schwäbischem Adel und der Familie von Schönau aus schweizerischem Adel.<435> Die Beziehungen Balthasar Wilhelms zu den genannten Familien ergaben sich vor allem aus den eigenen Standes- und Berufsinteressen. So wurden zum Beispiel Hans Caspar von Schönau und Hans Rudolf von Schönau, die sich jeweils im Jahre 1581 in das Stammbuch eintrugen,<436> zu späterer Zeit kaiserliche Generäle und waren für Balthasar Wilhelm wohl schon zum damaligen Zeitpunkt des Eintrags bedeutende Freunde.<437>

Die Einträge lassen in der Regel keine direkte Bezugnahme auf die Embleme erkennen; zumindest nicht in dem Sinne, dass die Inskribenten sich eine bestimmte Stelle ausgesucht oder angewiesen bekommen haben. Aber auch dabei gibt es Ausnahmen. So finden sich auf zwei Leerseiten in den >Eikones< eine Ansammlung von 25 Einträgen, die sämtlich von Frauen vorgenommen wurden (Abb.79).<438> Diese Frauen waren Mitglieder der oben genannten Familien: zum Beispiel Beatrix von


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Steinau, geborne von Reischach; Magdalena von Reischach oder Anna von Schönau, geborne von Reischach. Diese Stelle im Stammbuch war offensichtlich von Balthasar Wilhelm für die im Vergleich mit anderen Einträgen nicht repräsentativ erscheinenden Einträge der Frauen vorgesehen worden. Die dicht gedrängten Daten, Initialen und Namenszüge überschneiden sich zuweilen und wurden notdürftig durch Umrißlinien getrennt. Ganz anders der Eintrag von Margarethe Gräfin zu Arenberg, die sich auf der Leerseite nach dem „Emblema.XXXIIII.“ mit der Sentenz „Ich hoff zu Gott“ und ihrer Unterschrift einschrieb und durch das große Wappenbild repräsentiert wird.<439>

Der gesellschaftliche Stand der Frau oder des Mannes erweist sich vor allem durch die Stelle, an welcher sie sich im Buch eingetragen hat. Im Jahre 1588 trug sich Marx Fugger der Jüngere, Herr von Kirchberg und Weissenhorn, der spätere Präsident des Speyrer Reichskammergerichts,<440> als einziger auf der Leerseite nach dem „Emblema.XV.“ ein. Im Buch steht dieser Eintrag somit an erster Stelle. Es scheint eine Art hierarischer Ordnung zu geben, die aber nicht am Inhalt orientiert ist, sondern einfach an der Spanne zwischen Anfang und Ende des Buchs und dem beanspruchten Raum des Eintrags. Am Eintrag von Marx Fugger, der nur eine Folge von Initialen und seine Unterschrift ohne eine persönliche Widmung einschrieb, erweist sich zudem, dass die Einfachheit und die Kürze eines Eintrags auch die soziale Distanz zwischen dem Besitzer des Stammbuchs und dem Inskribenten aufzeigen kann.

In den Jahren 1582-1585 trugen sich vor allem Söldner ein.<441> Auch bei diesen Einträgen handelt sich in der Regel um adelige Personen; die Form der Einträge unterscheidet sich nur insofern von denen anderer Orte, als hier die gemalten Wappenbilder oft fehlen. So hat sich Bernhardin Freyherr zu Herberstein auf der Leerseite vor dem „Emblema.XXV.“ mit der französischen Sentenz „Pour ung plaisir mille douleurs“ und seiner Unterschrift eingeschrieben (Abb.80).<442> Der leer verbliebene Raum zwischen den handschriftlichen Texteinträgen entspricht dem Raum des Bildes im „Emblema.XXV.“, so dass man versucht ist, einen Zusammenhang mit der Darstellung von „Pandora“, vor deren Schönheit und ihren Folgen gewarnt wird, zu vermuten; etwa im Sinne einer Anspielung auf die Syphilis. Die französische Sentenz ist jedenfalls auch als Lemma auf das Emblem der „Pandora“ denkbar.

Am 27. April 1585 findet sich ein Eintrag mit den Versen „Puis donc que vous vous voyé / d‘un tel peril eschappè / Rendes graces a ton Dieu / a fin qu‘il te preserv‘en tout lieu“ und der Widmung „Plus en repos“.<443> Balthasar Wilhelm hatte offensichtlich den Krieg vorerst überlebt und war wieder in


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Spanien, zuerst in einem „konlichen veldtlager“ in Lillo, wie die Widmung des Arenbergischen Regimentsfähnrichs Wilhelm Nachtrab von Diebelich zeigt.<444>

Im Jahre 1587 trugen sich Carl von Croy und seine Frau in das Buch ein (Abb.81).<445> In der Mitte der Leerseite vor dem „Emblema.XXIIII.“ steht das Wappen des Mannes und das Allianzwappen der Eheleute. Über dem Wappen schrieb Carl das Datum, das Motto „J‘y Parviendray“ und seine Unterschrift. Unter dem Wappen schrieb dann seine Frau noch einmal das Datum, das Motto „Dieu lat permy (?)“ und ihre Unterschrift. Zudem wurde das Bild des „Emblema.XXIIII.“ sorgfältig koloriert. Es ist im Gegensatz zu anderen Einträgen kein Zufall, dass sich Carl von Croy und seine Frau an dieser Stelle in das Emblembuch eintrugen und durch die Kolorierung des Holzschnitts die emblematischen „Argumente“, warum man heiraten solle, auf repräsentative Art und Weise herausstellen ließen.

Angesichts dieser formalen Konventionen im Stammbuch beanspruchen die Einträge, die davon abweichen, eine umso größere Neugier. So trug sich beispielsweise eine gewisse Marie de Barnaige ohne weitere Angaben mit dem Treuespruch „Jusque a la mort“ und ihrer Unterschrift am unteren Ende einer Leerseite ein (Abb.82).<446> Die Form des Eintrags kann sich natürlich einem Zufall verdanken. Doch gerade in dem Verstoß gegen die formalen Konventionen, die für die anderen Einträge kennzeichnend sind, entsteht hier ein erzählerisches Potential, das den heutigen Leser viel vermuten läßt, letzlich aber nichts von dem offenbart, was tatsächlich gewesen war.

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Das Stammbuch von Jakob Welser enthält im Vergleich mit dem Stammbuch von Balthasar Haller von Hallerstein wesentlich weniger Einträge. Es dokumentiert nicht den Weg eines Adeligen in spanischen Kriegsdiensten, sondern die Bildungsreise eines jungen Patriziers nach Frankreich und England.<447> Das heute in der Augsburger Staats- und Stadtbibliothek verwahrte Stammbuch Jakob Welsers ist nur ein Beispiel aus der sehr großen Zahl von Alben des späten 16. Jahrhunderts, die von den Vertretern der städtischen Oberschicht Augsburgs geführt wurden.<448> Obwohl er ein Mitglied dieser Schicht war, ist Jakob Welser heute so gut wie unbekannt. Er wurde als Sohn von Philipp Welser und Anna Maria Manlich um 1560 geboren.<449> Über seinen weiteren Lebensweg erfährt man


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nur etwas aus den 42 Einträge in das Stammbuch, die seine Reisen nach Paris, London und Oxford - eine für die Zeit typische Route<450> - in den Jahren 1584 bis 1591 dokumentieren.

Im Vergleich mit dem Stammbuch von Balthasar Wilhelm Haller von Hallerstein ist das von Jakob Welser entschieden einfacher gestaltet. Die Wappenbilder sind eingeklebte, mit Tinte vorgezeichnete und mit Gouache kolorierte kleine Zeichnungen, wobei es sich zu einem großen Teil nur um Darstellungen der Schilder handelt. Es sind oft sogenannte „redende“ Wappen, deren Schildfiguren allein durch ihre Benennung den Namen des Inskribenten wiedergeben. Erkennbare Bezugnahmen - sei es in formaler oder inhaltlicher Hinsicht - auf das gedruckte Buch fehlen vollständig.

Die Einträge während einer Bildungsreise entstehen in der Regel in folgenden typischen Situationen: ein Freund des Stammbuchbesitzers reist vom gemeinsamen Studienort ab; der Stammbuchbesitzer reist selbst ab; er besucht einen Gelehrten oder macht eine zufällige Reisebekanntschaft.

Die ersten Einträge im Stammbuch Jakob Welsers datieren aus dem Jahre 1584, in dem sich in Paris überwiegend, jedoch nicht ausschließlich deutsche Adelige aus Franken in das Buch eingetragen haben. Ob Jakob Welser ein universitäres Kolleg besuchte oder nicht, kann man anhand der Einträge nicht sagen, da sich keinerlei Andeutungen auf die Universität finden. Ebensowenig kann man die Einträge im Sinne der genannten typischen Situationen, in denen solche Einträge vorgenommen wurden, bestimmen, weil man eben nicht mehr als den Ort, das Datum und den Namen des Eintragenden erfährt.

Die nächste Gruppe von Einträgen aus dem Jahre 1585 entstand dann in London. Hier erbittet sich Jakob Welser die Widmungen von Gelehrten. Zum Beispiel schreiben sich ein gewisser Lucas Loewe, Doktor beider Rechte, mit der lateinischen Sentenz „Virtus Vincit omnia“ und Eberhardus Schenckin mit der italienischen Sentenz „Diverso temperore diversa fare“ ein. Der letzte Eintrag in London ist allerdings nicht von einem Gelehrten, sondern von einem gewissen Bernd Goelter „Fecht Meister zu Oxfordt“, der die Sentenz „Wils Gott - Niemandt Wendts“ zum Andencken an seinen „lieben Freund“ Jacob Welser einschreibt.

Welche Rolle der Fechtmeister aus Oxford für den Verlauf der Reise Jakob Welsers gespielt hat, ist nicht bekannt. Die folgenden Einträge sind jedenfalls in Oxford während der Monate August bis Oktober des Jahres 1586 entstanden und stammen allesamt von Gelehrten: etwa vom Rechtsgelehrten Nicolaus Grabner oder Ed. Littleton, der sich mit der lateinischen Sentenz „In auxilio Leo : in consilio Vulpes“ und der Widmung „Nobilitate generis Virtute eruditione praestantisso Juveni Iaco. Welsero“ einträgt. Jakob Welser erbat auch die Widmungen von den Repräsentanten der Akademie, dem Dekan und dem Rektor.

Während der Rückfahrt nach Augsburg schrieben sich eher zufällige Reisebekanntschaften ein; zum Beispiel Julian Gänseschlüßel „Schiffkapitain von Triest“ oder Hans Blumman „Ober bootsman auf dem Schiff Victori von Triest“. Dennoch entspricht die Form dieser Einträge denen von den Gelehrten


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und Freunden aus Oxford, London oder Paris. So ist auch im Eintrag des Kapitains mit dem schönen Namen Julian Gänseschlüßel (Abb.83) das Bild eines schlichten Wappens zu sehen, in dessen „sprechendem“ Schild eine Gans einen Schlüssel präsentiert.

Angesichts der langen Reisezeit Jakob Welsers sind also nur wenige, kurze Einträge im Stammbuch enthalten, die keine aufwendigen Wappenbilder oder zusätzliche Bildszenen zeigen. Am Ende der >Emblematum Tyrocinia< und auf den Leerseiten der >Eikones< sind jedoch acht Graphiken von Hieronymus Wierix und Nachstiche von Charles de Mallery eingeklebt worden.<451> Diese Art und Weise, kleinformatige Graphiken zu sammeln, war für das 16. Jahrhundert durchaus nicht ungewöhnlich.<452> Es ist jedoch für den heutigen Betrachter immerhin überraschend, wenn eine Darstellung der „Oblatio Mystica“, ein Nachstich von Charles de Mallery nach Johann Wierix,<453> in ein Buch eingeklebt wird, das in keiner Hinsicht eine Beziehung zu der im Sinne der „katholischen Konfessionalisierung“ des späten 16. Jahrhunderts zu verstehenden Ikonographie der Darstellung aufweist. Die eingeklebten Graphiken sind jedoch in erster Linie als künstlerische Objekte des Sammlers Jakob Welser zu verstehen, der sein Stammbuch auf diese Weise zu einem wertvollen, künstlerisch ausgestatteten Repräsentationsobjekt umgestaltete.

Diese Funktion hatte auch das zweite Stammbuch, das Jakob Welser in den Jahren 1591-1596 führte. Jetzt benutzte er allerdings keinen Druck mehr, sondern ein Album, das heute in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar aufbewahrt wird.<454> Die Einträge sind sehr aufwendig und anspruchsvoll gearbeitet. So sieht man zum Beispiel an erster Stelle eine Miniatur (Abb.84), die dieselbe Ikonographie wie die Bildszene im Eintrag von Tobias Haller von Hallerstein aufweist, jedoch detaillierter gestaltet ist.<455> Aufgrund des Monogramms „GM“ kann man die Darstellung Georg Mack


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zuschreiben, der zu der genannten Zeit als Illuminierer in Nürnberg tätig war.<456> Jakob Welser konnte oder wollte einen professionellen Illuminierer wie Georg Mack noch nicht für sein erstes Stammbuch arbeiten lassen, das in erster Linie die Orte und die Personen der Reise in Erinnerung halten sollte. Die von Jakob Welser in das erste Stammbuch eingeklebten Graphiken erweisen jedoch, dass bereits in diesem Buch die Erinnerung von den Reisen und „Freunden“ ebenso wie im Fall des Stammbuchs von Balthasar Haller von Hallerstein in repräsentativer Form verkörpert sein sollte.

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Die Lektüren des Nikolaus Reusner sind von anderem Format. Reusner wurde am 2. Februar 1545 im schlesischen Lemberg geboren. Nach Rechtsstudien in Wittenberg und Leipzig unterrichtete er vorübergehend am „gymnasium illustre“ in Lauingen in den Fächern Rhetorik und Dialektik. Im Jahre 1583 wurde er in Basel zum Doktor beider Rechte promoviert und noch in demselben Jahr als Professor der Jurisprudenz an die Straßburger Akademie gerufen.<457> Fünf Jahre später erhielt er einen Ruf an die Universität von Jena, wo ihm neben seiner Professur auch die Ämter eines Beisitzers am Hofgericht und am Schöppenstuhl, eines Hofrats zu Weimar und Coburg und des Vertreters der beiden sächsischen Höfe am Reichskammergericht zugesprochen wurden. Er starb am 12. April 1602 in Jena.<458>

Nikolaus Reusner hatte sich nicht nur als Rechtsgelehrter und humanistisch gebildeter Polyhistor einen Namen gemacht. Er trat auch als neulateinischer Dichter hervor. Bereits im Jahre 1581 wurden seine >Emblemata Partim Ethica, Et Physica: Partim vero Historica, & Hieroglyphica< im Frankfurter Verlag Sigismund Feyerabends veröffentlicht.<459> Im Jahre 1587, also sechs Jahre nach der Veröffentlichung der >Emblematum Tyrocinia<, publizierte er im Verlag Bernhard Jobins unter dem Titel >Aureolorum Emblematum Liber Singularis< eigene Texte zu den Holzschnitten von Tobias Stimmer. Reusner widmete das Emblembuch Huldrich, dem Sohn Friedrichs II., König von Dänemark;<460> die insgesamt 89 Embleme sind hingegen überwiegend adeligen Personen aus dem nord- und süddeutschen Raum gewidmet. Bereits im Jahre 1591 erschien das Buch dann in einer zweiten, erweiterten Auflage. Nikolaus Reusner hatte also mit seiner Publikation einen ungleich größeren Erfolg als Matthias Holtzwart, dessen >Emblematum Tyrocinia< nur einmal im Jahre 1581 aufgelegt wurden.


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In der Münchner Staatsbibliothek ist ein Exemplar der >Emblematum Tyrocinia< aufbewahrt, das allem Anschein nach aus dem Besitz Nikolaus Reusners stammt.<461> Denn auf den recto- und verso-Seiten der Embleme sind die lateinischen Distichen eingetragen, die dann in teilweise identischer Form, teilweise mit kleinen Varianten unter dem Titel >Aureolorum Emblematum Liber Singularis< im Jahre 1587 und 1591 publiziert wurden. Lateinische Lemmata oder deutsche Texte finden sich hier allerdings noch nicht.

Im Gegensatz zu den >Emblematum Tyrocinia< sind die Holzschnitte in dem Emblembuch Reusners mehrfach verwendet worden und repräsentieren somit in erster Linie die in einem rhetorischen Sinne zu verstehende „copia“ des Textes.<462> Bereits auf die verso-Seite des „Emblema.II.“ der >Emblematum Tyrocinia< sind mehrere lateinische Distichen eingetragen, die in immer neuen Varianten denselben Topos der frühzeitigen Zucht von Kindern umschreiben (Abb.85).<463>

Auf die verso-Seite des „Emblema.XI.“ sind zwei lateinische Distichen geschrieben, an denen im Prozeß des Scheibens offensichtlich Korrekturen und Streichungen vorgenommen wurden (Abb.86). Im >Aureolorum Emblematum Liber Singularis< sind diese Distichen dann tatsächlich geringfügig varriiert abgedruckt und mit den lateinischen Lemmata und den deutschen Zweizeilern versehen.<464> In dem eigentlichen Prozeß des Schreibens spielten folglich rhetorische Prinzipien der Textproduktion eine bestimmende Rolle; die dreiteilige Form des Emblems war hingegen ohne Bedeutung.

Es ist nur selten eine unmittelbare Bezugnahme auf den Text und das Bild eines Emblems erkennbar. So ist auf die verso-Seite des „Emblema.XXIII.“ ein Distichon eingetragen, zwischen dessen Zeilen der Vers „Illicitosque ignes ignibus ure tuis“ aus dem lateinischen Epigramm Holtzwarts zitiert wird (Abb.87). Dieser Vers enthielt in der Ausgabe von 1581 einen Druckfehler (an der Stelle von „ure“ ist „vir“ gedruckt), den Reusner allem Anschein nach auf diese Weise anzeigen wollte. Das an dieselbe Stelle eingetragene lateinische Distichon verrät allerdings auch einen Irrtum Reusners, der die ungewöhnliche Ikonographie des Bildes - der blinde Cupido hält eine Taube, das Attribut der Venus, als das Zeichen der Liebe zu einer Ehefrau erhoben (Abb.33) - ganz anders deutet:


Res immoderata libido.
Spurce Cupido vale, vale Iynx quoque spurca: iuvet me
Castus amor: furor es tu magis, atque pudor.

Blind Lieb weich dann / unsinnig bald
Auch Ehrvergessn machst Jung und Alt.<465>


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Der „Iynx“ ist eigentlich ein Specht mit dem schönen Namen „Wendehals“ (iynx torquilla),<466> den Reusner somit zum neuen Zeichen des blinden Cupidos erklärte. In Rudolf Heußlins >Vogelbuch<, einer deutschen Übersetzung aus Konrad Gessners >Historia animalium<, wird der Iynx oder „Windhalß“ vor allem durch die Eigenart seines „umbwindenden halß“ gekennzeichnet.<467> Die beistehende Abbildung des Wendehals (Abb.88) hat allerdings keine Ähnlichkeit mit dem Vogel im emblematischen Bild Tobias Stimmers.

Im übertragenen Sinne kann man die Eigenschaft des Wendehals, nach allen Seiten (und allen Frauen) zu schauen, mit den vielen Pfeilen Cupidos durchaus vergleichen. Dies führte wohl auch Reusner dazu, in dem von Tobias Stimmer dargestellten Vogel einen Iynx zu sehen, obwohl die Kopfform des Vogels tatsächlich eher für eine Taube charakteristisch ist.<468>

Trotzdem erscheint die Logik des Bildes, die ja in der Entgegensetzung der brennenden Waffen und der einen Taube begründet war, in Reusners Deutung als sinnlos. Das Mißverständnis Reusners mag jedoch auch daraus folgen, dass der im Bild dargestellte Vogel im lateinischen Epigramm Holtzwarts eben nicht genannt wurde. Im deutschen Zweizeiler, der bis in die Wortwahl dem deutschen Epigramm des „Emblema.XXIII.“ folgt, wird die Frage, was denn der Vogel bedeute, deswegen überhaupt nicht thematisiert.

Der Umstand, dass in den Bildern der >Emblematum Tyrocinia< oftmals etwas zu sehen ist, dass in den entsprechenden Texten der Embleme nicht benannt wird, führte mitunter zu neuen Lektüren von Text und Bild. So bemerkte Nikolaus Reusners beispielsweise den Druckfehler im „Emblema.LXI.“, das irrtümlich mit „LX.“ numeriert wurde. Er erkannte jedoch nicht oder wollte nicht berücksichtigen, dass im Bild der „Tod des Aischylos“ dargestellt ist. Denn der an dieser Stelle eingetragene Text Reusners ist eine Variation des lateinischen Epigramms Holtzwarts auf den „lachenden Demokrit“ und den „weinenden Heraklit“ (Abb.89). Die Tatsache, dass im Bild des vorhergehenden Emblems der „lachende Demokrit“ tatsächlich dargestellt ist, hat Reusner hingegen durchaus erkannt, da er hier ein Distichon auf den „lachenden Demokrit“ verfaßte.

Der Bildtypus des „lachenden Demokrit“ und „weinenden Heraklit“ war Nikolaus Reusner sicherlich aus dem >Emblematum liber< von Andrea Alciato bekannt gewesen, in dem die zwei Philosophen nebeneinander sitzend dargestellt werden (Abb.66). Beide Philosophen sind in dieser Darstellung von ihren Büchern umgegeben. Während Demokrit zum Zeichen unmäßigen Gelächters in großem Gestus seine Arme über den Kopf hebt, zeigt Heraklit in seinem körperlichen Habitus schwermütigen Sitzens die Traurigkeit über den Lauf der Welt.

Es ist daher wohl auch kein Zufall, dass im >Aureolorum Emblematum Liber Singularis< die Bilder der zwei Embleme aus den >Emblematum Tyrocinia< schließlich nebeneinander gedruckt wurden, so


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dass nun letzten Endes der „lachende Demokrit“ neben einer Gestalt zu sehen ist, die man aufgrund des Textes Reusners als „Heraklit“ verstehen konnte (Abb.90).<469> Zudem gleicht „Aischylos“, der von Stimmer mit einem Buch in den Armen und nahezu unbeweglich in der Landschaft sitzend dargestellt wurde, dem „Heraklit“ im Bild des Emblems „In vitam humanam“ von Alciato. Es war deswegen wohl allzu naheliegend für Nikolaus Reusner, dem „Aischylos“ - ungeachtet des Adlers mit der Schildkröte in den Krallen - zu einer neuen Identität zu verhelfen.

Wozu dienten die handschriftlichen Einträge? Kam das Exemplar in die Druckerei Bernhard Jobins, der dann die deutschen Übersetzungen in Auftrag gab? Im Prozeß der Drucklegung muß es jedenfalls noch weitere Zwischenstufen der Textbearbeitung gegeben haben. So ist zum Beispiel auf die recto-Seite des „Emblema.XXXV.“ ein Distichon eingetragen, dass dann mit dem Holzschnitt des entsprechenden Emblems gedruckt wurde. Auf die verso-Seite des „Emblema. XXXV.“ sind jedoch noch zwei weitere lateinische Distichen von Reusner eingetragen, die mit zwei anderen Holzschnitten (dem Bild des „Emblema.XXXVI.“ und dem Bild des „Emblema.IIII.“) gedruckt wurden.<470> Obwohl die drei Distichen Reusners aus der Topik des „Emblema.XXXV.“ entwickelt worden sind, wurden sie mit Holzschnitten zu Emblemen verbunden, deren bildliche Darstellungen dieser Thematik eigentlich völlig fremd sind.

Es mag sein, dass die Entscheidung über die Zuordnungen von Bildern und Texten letzlich vom Verleger getroffen wurde und Nikolaus Reusner auf die Drucklegung des Buches keinen Einfluß mehr hatte. Die Bilder Tobias Stimmers spielten aber bereits bei seinen handschriftlichen Einträgen eine eher eine untergordnete Rolle, da er sich im Prozeß des Schreibens nicht an den besonderen Formen der Bilder, sondern an den in den Texten Holtzwarts verarbeiteten Topoi orientierte.

________________________________________

Der Zeichner, Kupferstecher und Verleger Matthias Merian der Ältere war ebenfalls ein ungewöhnlicher Leser, der allerdings nicht mehr die >Emblematum Tyrocinia< von 1581, sondern nur das >Aureolorum Emblematum Liber Singularis< in der zweiten Auflage von 1591 kannte.

Matthias Merian wurde am 22. September 1593 geboren und starb am 19. Juni 1650. Merian beschäftigte sich schon früh mit emblematischen Darstellungen,<471> und er illustrierte im Laufe der Zeit teilweise in seinem eigenen Verlag, teilweise in Verbindung mit dem großen Verlagshaus de Bry oder in fremden Offizinen einige Emblembücher (etwa die Bücher von Michael Maier, Jacob von Bruck oder Julius Wilhelm Zincgref).<472>


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In der Zeit zwischen seinen ersten emblematischen Versuchen und den späteren Buchprojekten publizierte Merian in Zusammenarbeit mit dem Straßburger Verleger Peter Aubry eine Folge von vierundzwanzig nicht numerierten Radierungen, in denen Merian verschiedene Landschafts-darstellungen mit emblematischen Motiven kombinierte, die er nach den Holzschnitten Tobias Stimmers kopierte. Auf dem Titelblatt wird diese Folge, die in nur einer Auflage im Jahre 1624 erschien, als >Novae Regionum Aliquot Amaenissimarum Delineationes< angekündigt. In den Radierungen werden die Landschaftsdarstellungen, die im Bild jeweils topographisch bezeichnet sind, mit einem emblematischen Bildmotiv verbunden. Unter der Radierung sind das lateinische Lemma, das lateinische Distichon und der deutsche Zweizeiler nach dem Text des >Aureolorum Emblematum Liber Singularis< von 1591 zitiert.<473>

Für zwei Radierungen der >Novae Regionum Aliquot Amaenissimarum Delineationes< sind Vorzeichnungen Matthias Merians erhalten, und so ist es möglich, den künstlerischen Entstehungsprozeß nachzuvollziehen. Für die Radierung (Abb.91), die mit „Hiltelinger Rheyn“ bezeichnet ist und auf der man am Rande eines Waldwegs „Pan“ und „Terra“ sieht,<474> ist die Vorzeichnung Matthäus Merians heute im Berliner Kupferstichkabinett (Abb.92) aufbewahrt.<475> Es ist auffallend, dass in der Vorzeichnung die beiden emblematischen Motive spätere Einfügungen in schwarzer Feder über die Zeichnung einer Jagdszene in brauner Feder sind. So sieht man unter dem „Pan“ noch die Zeichnung eines Jägers mit einem Hund. In der Radierung wurde die Jagdszene, die in der Zeichnung noch deutlich zu sehen ist, bis auf den einsam im Hintergrund stehenden Hirsch weggelassen. Mit anderen Worten: die Zeichnung einer Jagdszene wurde durch den Austausch der Motive und den in der Radierung dann hinzugefügten Texten Reusners zu einem Emblem umorganisiert, wobei Matthäus Merian eine natürlich wirkende Integration der emblematischen Motive in die Landschaftdarstellung gelingt.

Für eine andere Radierung der Folge (Abb.93)<476> ist heute in der graphischen Sammlung München eine Vorzeichnung Merians erhalten (Abb.94).<477> Man sieht hier, wie Merian im Prozeß seiner Arbeit


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die Zeichnung immer wieder korrigierte. So ist die Figur des Wanderers rechts im Bild nachträglich mit brauner Feder verbessert, die Wege sind deutlicher strukturiert und weitere Figuren eingefügt worden. Das emblematische Motiv der Schnecke hat Merian hingegen mit schwarzer Feder vergrößert. Die künstlerische Intention, das emblematische Motiv in die Landschaftsdarstellung zu integrieren, ist trotz der Hervorhebung des Motivs durch eine andere Tinte offensichtlich; zumal wenn man die Radierung im Vergleich mit der Vorzeichnung betrachtet. Hier fällt die Schnecke im Landschaftsbild nur noch durch ihre außergewöhnliche Größe auf.

Die Intention, die emblematischen Motive in die Landschaftsbilder zu integrieren, ist im Zusammenhang mit der Funktion der Radierungen als Stammbuchblätter zu sehen. Darauf deutet auch der Titel der Folge, in dem die Bilder als neue Darstellungen bestimmter Regionen bezeichnet wird. Matthias Merian hatte bereits im Jahre 1623 begonnen, für den Frankfurter Verleger Eberhard Kieser das >Thesaurus philo-politicus< zu illustrieren, das im Titel ausdrücklich zum Gebrauch als Stammbuch empfohlen wird.<478> Die Darstellungen dieses gedruckten Stammbuchs entsprechen in ihrem formalen Aufbau den emblematischen Landschaftsdarstellungen von 1624; allerdings mit dem Unterschied, dass im gedruckten Stammbuch topographisch genau bestimmte Ansichten von Städten mit den emblematischen Motiven verbunden wurden. In Merians Radierungen von 1624 sind im eigentlichen Sinne keine topographischen Ansichten, sondern „liebliche“ Landschaften dargestellt,<479> in denen beispielsweise auch eine frei und spiegelverkehrt wiedergegebene Ansicht des Heidelberger Schlosses in den Hintergrund der Landschaft aufgenommen wurde - im Vordergrund springt hier der Hund mit einer angebundenen Schweinsblase, der das emblematische Zeichen des Gewissens verkörpert (Abb.95).<480>

Im Vergleich mit Nikolaus Reusner stehen für Matthäus Merian eher die Bilder denn die Texte im Mittelpunkt seiner Lektüren. Im Prozeß des Zeichnens waren jedenfalls nur die emblematischen Bildmotive von Bedeutung, deren Formen von Merian in die bereits vorliegenden Zeichnungen integriert wurden. Erst in den Radierungen wurden dann die Texte aus dem >Aureolorum Emblematum Liber Singularis< von 1591 als Bildunterschriften hinzugefügt, die folglich in dem künstlerischen Entstehungsprozeß keine Rolle spielten.

_____________________________________


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In der Erforschung der Stammbücher wurden bislang vor allem die sich hierin abzeichnenden biographischen Konturen erarbeitet. Die Tatsache, dass man gedruckte Bücher als Stammbücher einrichtete und diese Lektürepraktiken auch für die Bücher von Bedeutung sind, wurde hingegen nicht beachtet, obwohl die Geschichte dieser Bücher im deutschsprachigen Raum zumindest in Hinsicht auf ihre Verleger nicht zu trennen ist.

Um 1558 publizierte der Lyoner Verleger Jean de Tournes das >Thesaurus Amicorum<, ein mit Zierleisten und mit mehrsprachigen Sentenzen versehenes Stammbuch, das in der zweiten Auflage 1559 um Darstellungen von Portraitmedaillen antiker und moderner Autoren erweitert wurde.<481> Der Verleger orientierte sich bei der typographischen Gestaltung des Buches am formalen Grundmuster der Stammbucheinträge, deren Praktik zu diesem Zeitpunkt schon weitverbreitet gewesen sein muß. Im Jahre 1574, also fünfzehn Jahre später, erschienen in Frankfurt bei Georg Rab die >Flores Hesperidum<, die im deutschen Untertitel zum ersten Mal als „Stamm oder Gesellenbuch“ bezeichnet wurden.<482> Das Buch enthält eine nach Allgemeinplätzen geordnete Sammlung von griechischen Sentenzen, die der Herausgeber Christian Egenolf aus einer früheren Sammlung Henri Estiennes übernommen und durch lateinische und deutsche Paraphrasen erweitert hatte. Zwischen den Seiten mit den gedruckten Sentenzen sind jeweils einige Leerseiten und Seiten mit Wappenschablonen eingebunden, so dass der Inskribent sich an den alphabetisch geordneten Allgemeinplätzen (etwa „Amicitia“, „Amor“ ect.) orientieren, eine Sentenz auswählen und seinen Namen eintragen konnte. Die Wappenschablone wurde dementsprechend mit dem Bild des Wappenschildes ausgemalt. Allein in den Jahren 1579-1583 wurden drei Neuauflagen und Übersetzungen der >Flores Hesperidum< vom Frankfurter Verleger Sigismund Feyerabend in Zusammenarbeit mit Jost Amman veranstaltet, der weit über hundert neue Wappenbilder entworfen hatte.<483> Für Texteinträge war in diesen Stammbüchern mit den vielen, zum Teil eng nebeneinander gedruckten Holzschnitten eigentlich kaum mehr Platz.

Die Stammbücher waren allem Anschein nach ein Bestseller auf dem Buchmarkt. Als Theodor de Bry 1592 sein erstes emblematisches Stammbuch, die >Emblemata nobilitati<, veröffentlichte, waren bereits einige Versionen gedruckter Stammbücher erschienen.<484> Theodor de Bry führte nur insofern eine typographische Neuerung ein, als er die Texte von den Bildern und den Wappenschablonen getrennt hat. Die Bilder wurden somit als der repräsentative Teil des Stammbuches herausgestellt, wie dies bereits ansatzweise für die Stammbücher aus dem Verlag Sigismund Feyerabends gilt.<485>

Die Verleger reagierten sicher aus ökonomischem Kalkül auf die Lektüren der Leser. Doch schon bald entsprachen sie nicht nur den Lektürepraktiken und lieferten, was die Leser haben wollten. Sie bestimmten auch die Wahrnehmung und das Verständnis der Bücher, die als Stammbücher benutzt


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wurden. So ist es kein Zufall, dass seit dem 17. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum die lateinischen Titel von Emblembüchern oft mit „Stammbuch“ übersetzt wurden, zum Beispiel die deutsche Übersetzung der >Emblemes, ou Devises Chrestiennes< von Georgette de Montenay als >Stamm Buch Darinnen Christlicher Tugenden Beyspiel< aus dem Jahre 1619<486> oder die deutsche Ausgabe des Emblembuches von Julius Zincgref unter dem Titel >Sapientia Picta. Das ist Künstliche Sinnreiche Bildnussen und Figuren darinnen denckwürdige Sprüch und nützliche Lehren im Politischen und gemeinen Wesen durch hundert schöne newe Kupferstueck vorgebildet entworffen und durch teutsche Reymen erkläret werden. So auch zu einem Stamm oder wappen Buechlein füglich zugebrauchen< .<487>

Die Lektüren der Leser und die Strategien der Verleger hatten anscheinend eine wechselseitige Wirkung auf die Entwicklung der Emblematik und der Stammbuchpraktik im deutschsprachigen Raum. Bereits vor dem Ende des 16. Jahrhunderts enthalten einige Emblembücher - zum Beispiel die Bücher von Achille Bocchi und von Joannes Sambucus - gedruckte Zuschreibungen einzelner Embleme an bestimmte Personen, die als Widmungsadressaten vom Autor ausgewählt wurden. Auch Nikolaus Reunser widmete in der Ausgabe des >Aureolorum Emblematum Liber Singularis< von 1587 jedes Emblem einem Adressaten und demonstrierte so im gedruckten Emblembuch - darin den Stammbüchern mit ihren repräsentativen handschriftlichen Einträgen vergleichbar - ein weitgespanntes Netzwerk von „Freunden“.

Wenn man sich nun fragt, warum Balthasar Wilhelm Haller von Hallerstein und Jakob Welser die >Emblematum Tyrocinia< als Stammbuch benutzt haben, dann ist eine Antwort wohl auch in den Frankfurter Verlagsprogrammen zu finden. Die typographische Gestaltung von Stammbüchern und Emblembüchern wurde zusehends so angeglichen, dass die Lektüren des Emblembuchs als Stammbuch für den Leser offensichtlich nahelagen.

Die handschriftlichen Texteinträge (die Sentenzen, Reime oder kurzen Gedichte) in den Stammbüchern sind ebenso wie die lateinischen und deutschen Texte der >Emblematum Tyrocinia< in der Geschichte der „Loci communes“-Bücher zu sehen, in denen die Praktiken des Exzerpierens, Memorierens, Systematisierens und schließlich auch Produzierens von Texten im Sinne einer Unterrichts- und Bildungsstrategie gefördert wurden.<488> Das Emblembuch repräsentierte folglich für die handschriftlichen Einträge der Leser einen normsetzenden Rahmen.

Das Buch stellte jedoch nicht nur einen normativen Rahmen, sondern es war auch ein Repräsentationsobjekt. In der Vorrede zum >Emblematum liber< von Andrea Alciato, das in der Lyoner Auflage von 1548 nach „loci communes“ geordnet wurde,<489> führte der Verleger Mathias


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Bonhomme zwei Gründe für seine editorische Revision des Textes an: Erstens werde der Leser auf diese Weise einen leichteren Zugang zum Buch haben; zweitens erscheine das Buch in der neuen Ordnung ungleich schöner vor den Augen des Lesers.<490> Die „Schönheit“ des Buches ist wohl auch die eigentliche Antwort auf die Frage, warum die >Emblematum Tyrocinia< von Balthasar Wilhelm Haller von Hallerstein und Jakob Welser als Stammbuch geführt wurden. Es ist zwar nicht nach Allgemeinplätzen strukturiert, jedoch bildet das typographische Schema des Emblems eine ebenso anschauliche und wie leicht erfaßbare Ordnung für den Leser. Die Wappen, die kolorierten Zeichnungen oder die eingeklebten Graphiken in den Stammbüchern des Balthasar Wilhelm Haller von Hallerstein und des Jakob Welser demonstrieren den Aufwand und die Kosten, die die Leser zu „Ehre und Gefallen“ auf sich genommen haben. Zugleich ist in dem Buch die Erinnerung an Begegnungen mit Personen registriert, die durch die handschriftlichen Einträge die Verbundenheit mit den gemeinsamen Leitbildern von Bildung, Tugend und Ehre demonstrieren.

Nikolaus Reusner und Matthias Merian nehmen in dieser Geschichte der gedruckten Stammbücher und Emblembücher allerdings eine ganz besondere Stellung ein, denn ihre Lektüren waren auf die Produktion von neuen Texten und Bildern ausgerichtet.


Fußnoten:

<403>

>Geschichtklitterung< 1582, Kapitel 56 (nicht foliiert).

<404>

>Geschichtklitterung< 1582, Kapitel 56.

<405>

Dazu: Anthony Grafton, Der Humanist als Leser, in: Cavallo und Chartier 1999, S.265-312, v.a. S.303ff.

<406>

Vgl. etwa die Fallstudie von Jardine und Grafton 1990 zu Gabriel Harvey als Leser von Livius.

<407>

>Geschichtklitterung< 1582, Kapitel 56.

<408>

Dazu: Hauffen 1898/99.

<409>

Hauffen 1898/99, S.26.

<410>

Chartier 1990, S.8. Vgl. auch Pierre Bourdieu und Roger Chartier, La Lecture: une pratique culturelle, in: Chartier 1985, S.217-239.

<411>

Vgl. Anhang III. Der Aspekt, dass einige der Exemplare aus jesuitischen Bibliotheken stammen, wird im folgenden nicht weiterverfolgt, da er den hier untersuchten Zeitraum weit überschreitet. Zu „The Jesuits and the Emblem Tradition“ jüngst Manning und van Vaeck 1999.

<412>

Davon ist die sogenannte „angewandte Emblematik“ (vgl. Harms und Freytag 1975) zu unterscheiden, deren Erforschung nicht mehr um das Buch als Objekt der Leser zentriert ist (eine Ausnahme ist in dieser Hinsicht nur die Studie von Carsten-Peter Warncke, Über emblematische Stammbücher, in: Fechner 1981, S.197-225).

<413>

Vgl. Anhang II.

<414>

Dazu: Schnabel 1995, Nr.24, S.57-65.

<415>

Dazu: Hasse 1997.

<416>

Zitiert nach Hasse 1997, S.91. Dazu: Peter Amelung, Die Stammbücher des 16. / 17. Jahrhunderts als Quelle der Kultur- und Kunstgeschichte, in: Kat. Stuttgart 1980, Bd.2, S.211-222, hier S.211f.

<417>

Zum „Gedechtnuß“: Müller 1982 und die daran anschließende Studie von Lotte Kurras, Zwei österreichische Adelige des 16. Jahrhunderts und ihre Stammbücher: Christoph von Teuffenbach und Johann Fernberger von Egenberg, in: Klose (Hg.) 1989, S.125-136.

<418>

Trunz 1965, v.a. S.163.

<419>

Klose 1988 (dazu die Rezension von Wolfgang Harms in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 17 (1992), S.169-173). Englische, französische oder spanische Alben sind tatsächlich sehr selten; dazu: Margaret A. E. Nickson, Some early English, French and Spanish contributions to albums, in: Klose (Hg.) 1989, S.63-73.

<420>

Dazu: Biedermann 1748, Tabula CXVIII.

<421>

Zitiert nach dem Geschlechterbuch des Bartholomäus Haller von Hallerstein, das in der Staatsbibliothek Brüssel aufbewahrt wird (fol.216v).

<422>

Dazu: Biedermann 1748, Tabula CXLIII.

<423>

Schnabel 1995, Nr.24/1. Da die Blätter an der Außenkante beschnitten wurden, sind die Einträge mitunter zum Teil nicht mehr lesbar. Im folgenden werden Auslassungen oder Ergänzungen durch Klammern im Zitat gekennzeichnet.

<424>

Dazu: Ragotzky 1899.

<425>

Dazu: Möller 1948; Dies. 1952; Kurras 1987.

<426>

Dazu: Rosenheim 1910, v.a. S.259f.; Peter Amelung, Die Stammbücher des 16. / 17. Jahrhunderts als Quelle der Kultur- und Kunstgeschichte, in: Kat. Stuttgart 1980, Bd.2, S.211-222.

<427>

Schnabel 1995, Nr.24/62.

<428>

Es ist durchaus möglich, dass es sich bei den Initialen um Abkürzungen von Namen handelt und die Darstellung somit nicht in einem Zusammenhang mit dem Eintrag von Tobias Haller von Hallerstein zu sehen ist. Im folgenden wird jedoch davon ausgegangen, dass die Zeichnung, wie dies gewöhnlich der Fall war, eine zusätzliche Beigabe des Inskribenten war, also von Tobias Haller von Hallerstein.

<429>

Vgl. Henkel und Schöne 1967, Sp.964 und Kat. Wroclaw 1995, S.93, Nr.313 und S.94, Nr.317.

<430>

Schnabel 1995, Nr.24/31-32. Dazu: Biedermann 1748, Tabula CXVIII.

<431>

Die Abbildung ist nach der lateinischen Ausgabe >Symbola Heroica< 1581, S.315 reproduziert.

<432>

Das Antwortschreiben von Balthasar Wilhelm ist allerdings nicht mehr vorhanden.

<433>

Schnabel 1995, Nr.24/169. Dazu: Biedermann, Tabula CXIII.

<434>

Schnabel 1995, Nr.24/72, 74, 75, 86, 93, 167, 168 (dazu: Biedermann, Tabulae CXI, CXII, CXIII, CXIX).

<435>

Dazu: Zedler, Universallexicon, Bd. 3, 92; Bd. 31, 359; Bd. 31, 53; Bd. 35, 645.

<436>

Schnabel 1995, Nr.24/10 und 20.

<437>

Dazu: Zedler, Universallexicon, Bd. 35, 645.

<438>

Schnabel 1995, Nr.24/34-59.

<439>

Schnabel 1995, Nr.24/13. Dazu: Zedler, Universallexicon, Bd. 2, 1296.

<440>

Schnabel 1995, Nr.24/165.

<441>

Schnabel 1995, Nr.24/76-143.

<442>

Schnabel 1995, Nr.24/81.

<443>

Schnabel 1995, Nr.24/141.

<444>

Schnabel 1995, Nr.24/142.

<445>

Schnabel 1995, Nr.24/146-147 (dazu: Zedler, Universallexicon, Bd. 6, 1734ff.).

<446>

Schnabel 1995, Nr.24/193.

<447>

Dazu: Stagl 1992.

<448>

Dazu: Kloyer-Hess 1998.

<449>

Dazu: Reinhard 1996, Nr.1439.

<450>

Dazu: Dieter Lohmeier, Gelehrtenleben des Späthumanismus im Spiegel des Stammbuchs. Die Stammbücher des Paul Moth aus Flensburg, in: Fechner (Hg.) 1981, S.181-196.

<451>

Dazu in der Reihenfolge der eingeklebten Graphiken Mauquoy-Hendrickx 1978-1983:

I. Bd.2, Nr.1468 (Hieronymus Wierix);

II. Bd.1, Nr.308 (Hieronymus Wierix);

III. nicht nachgewiesen bei Mauquoy-Hendrickx;

IV. Bd.1, Nr.597c (Nachstich von Charles de Mallery nach Hieronymus Wierix);

V. Bd.2, Nr.1458 (Nachstich von Charles de Mallery nach Johann Wierix);

VI. Bd.1, Nr.581b (Nachstich von Charles de Mallery nach Hieronymus Wierix);

VII. Bd.2, Nr.1474 (Hieronymus Wierix);

VIII. Bd.1, Nr.304 (Nachstich von Charles de Mallery nach Hieronymus Wierix).

<452>

Andreas Ryff klebte zum Beispiel kleinformatige Graphiken von Nicolaes de Bruyn in sein >Reisebüchlein< ein; dazu: Meyer und Landolt 1972, v.a. S.16f. Allgemein zu dieser Praktik der Sammler: Stephen H. Goddard, The Origin, Use and Heritage of the Small Engravings in Renaissance Germany, in: Kat. Kansas 1988, S.13-29.

<453>

Vgl. Mauquoy-Hendrickx 1979, Bd.2, Nr.1458.

<454>

Signatur Stb 365.

<455>

Die Darstellung ist um einzelne Elemente erweitert. So hält der junge Mann einen Ring in der Hand und der alte Mann ist von einem Buch, einem Geldsack und einem Vogelkäfig (oberhalb im Baum) umgeben.

<456>

Dazu: Nagler 1863, S.53.

<457>

Dazu: Schindling 1977, v.a. S.289-322.

<458>

Dazu: ADB, 1889, Bd.28, S.299-303, s.v. Reusner (Eisenhart).

<459>

Dazu: Michael Schilling 1990.

<460>

Zur Kultur in den Herzogtümern Schleswig und Hollstein: Kat. Schleswig 1997.

<461>

Ein Besitzereintrag ist nicht vorhanden. Die Provenienz des Buches läßt sich nach Auskunft der zuständigen Mitarbeiter der Münchner Staatsbibliothek leider nicht weiter zurückverfolgen.

<462>

Zum Begriff „copia“: Cave 1979.

<463>

Zum topischen Verfahren: Wiedemann 1981 und aus kognitionspsychologischer Perspektive Billig 1993. Zur Kritik an dem Topos-Begriff von Ernst Robert Curtius vgl. Jehn 1972.

<464>

>Aureolorum Emblematum Liber Singularis< 1591, fols.Bviv und Eviv.

<465>

Vgl. >Aureolorum Emblematum Liber Singularis< 1591, fol.Ciiiir.

<466>

Vgl. Plinius, Historia naturalis 11, 256.

<467>

>Vogelbuch< 1582, S.260r-261r.

<468>

Vgl. >Vogelbuch< 1582, S.238v-250v.

<469>

>Aureolorum Emblematum Liber Singularis< 1591, fols.Hiiiv-Hiiiir.

<470>

>Aureolorum Emblematum Liber Singularis< 1591, fols.Diiir-Diiiir.

<471>

Dazu: Wüthrich 1966, Bd.1 Einzelblätter und Blattfolgen, S.20ff.

<472>

Dazu in der Reihenfolge der Namen: Wüthrich 1972, Bd.2 Die weniger bekannten Bücher und Buchillustrationen, S.84ff., S.97f. und S.130ff.

<473>

Titelblatt und Radierungen sind je 12 x 16,2 cm groß. In zwei Radierungen Merians (Wüthrich 1966, Bd.1 Einzelblätter und Blattfolgen, S.115, Nr.462 und 463) sind Embleme zitiert, die erst in der zweiten, vermehrten Auflage des >Aureolorum Emblematum Liber Singularis< von 1591 erschienen waren, so dass die Vorlage Merians eindeutig zu bestimmen ist. Bislang wurde die Vorlage der Radierungen Merians nicht erwähnt und die Bilder sind deswegen teilweise irrtümlich beschrieben worden (vgl. Wüthrich 1966, Bd.1 Einzelblätter und Blattfolgen, S.109ff.; Hollstein G, 1990, Bd.XXVI (hg. v. Tilmann Falk und Robert Tijlma), S.10-21, Nr.294-318). Im Kat. Frankfurt 1993, S.179f., Nr.119 wurde der Zusammenhang der Holzschnitte Stimmers mit den Radierungen Merians zwar erkannt, jedoch auf die >Emblematum Tyrocinia< 1581 und nicht auf das >Aureolorum Emblematum Liber Singularis< 1591 zurückgeführt, was zu Unstimmigkeiten hinsichtlich der Texte führen mußte.

<474>

Wüthrich 1966, Bd.1 Einzelblätter und Blattfolgen, S.112ff., Nr.456.

<475>

Die Zeichnung ist 120 x 158 mm groß (Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz Berlin, Kupferstichkabinett Inv.Nr. 8812). Dazu: Wüthrich 1963, S.44f.; Kat. Frankfurt 1993, S.104f., Nr.69.

<476>

Wüthrich 1966, Bd.1 Einzelblätter und Blattfolgen, S.117, Nr.472.

<477>

Die Zeichnung 126 x 162 mm; unten rechts von anderer Hand die Nummer 8875 (Staatliche Graphische Sammlungen München Inv.Nr. 1910:250). Dazu: Wührich 1963, S.44; Kat. Frankfurt 1993, S.103f., Nr.68.

<478>

Dazu: Wüthrich 1972, S.119ff.; Eymann 1974 und Kat. Frankfurt 1993, S.354, Nr.277.

<479>

Dazu: Bachmann 1939, S.271ff.

<480>

Wüthrich 1966, Bd.1 Einzelblätter und Blattfolgen, S.115, Nr.464.

<481>

Dazu: Rosenheim 1910, S.253.

<482>

>Flores Hesperidum< 1574.

<483>

Zum Zusammenhang mit dem Wappenbuch des Jakob Koebel vgl. Andresen 1864, Bd.1, Nr.228, Nr.230 und Nr.236.

<484>

Dazu: Höpel 1987, S.84-96; Kemp 1994.

<485>

Dazu: Kemp 1992.

<486>

Dazu: Moamai 1989.

<487>

Dazu: Höpel 1987, S.102-106.

<488>

Allgemein zum Zusammenhang der „Loci communes“-Bücher mit den Emblembüchern: Bath 1994, S.31ff.

<489>

Dazu: Balavoine 1992.

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„Ea nos sub generalibus praecipuarum rerum capitibus in locos communes, tanquam in certas classes digessimus: a summis, ad ima progredientes. Non eo sane consilio, ut autore ipso in oeconomia sui operis, aut diligentiores, aut concinniores videri studeamus: sed ut illius lusus, in communes usus adducamus, Eius operis duplici habita ratione, voluptatis nimirum, et utilitatis. Priore quidem, ut speciosior qaedam operis forma extaret oculis legentium, singula suo quaque collocata loco considerantium. Composita namque sparsis, et ordinata confusis, fere solent apparere pulchriora. Altera autem, ut facilior, et promptior esset quaerentibus inventio. Etenim expeditius est, diversi res generis in suum quasque ordinem et locum dispositas: quam in turbam temere congestas investigare, si quando iis opus habemus utendum.“ Zitiert nach >Emblemata Andreae Alciati< 1548, fol.A2r-v.


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Thu Sep 6 16:23:19 2001