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1.  Einleitung


Im Jahre 2002 sind in Deutschland etwa 598 Menschen ertrunken [53]. Der Ertrinkungstod ist somit ein häufiges Ereignis und seine soziale Bedeutung ist evident. Vor allem für Kinder bis zu 10 Jahren birgt das Ertrinken eine große Gefahr, da es hier die zweithäufigste Todesursache nach den Verkehrsunfällen ist [54].
Beim Auffinden von Leichen im Wasser sind grundsätzlich vier Vorgänge auseinanderzuhalten [52].

1) Typisches Ertrinken
Ertrinken als Ersticken infolge Aspiration von Wasser durch

Beim typischen Ertrinken, auch klassisches oder prolongiertes Ertrinken genannt, gelingt es dem Ertrinkenden, zwischendurch an die Wasseroberfläche zu gelangen und Luft zu holen. Es findet ein Überlebenskampf gegen das Untersinken statt.
Der Tod durch Ertrinken kann in verschiedene Phasen eingeteilt werden (Dauer: 3-5 Minuten ist aber auch länger möglich) [13] [35] [41].

  1. Stadium der Inspiration
    Forciertes Luftschnappen vor dem Untergehen.
  2. Stadium der Apnoe
    Bewußtes Atemanhalten nach dem Untergehen.
  3. Stadium der Dyspnoe
    Durch Reizung des Atemzentrums durch den steigenden CO₂ Gehalt im Blut findet
    ein krampfhaftes Atmen unter Wasser statt. Dabei wird Luft ausgeatmet und Wasser
    eingeatmet oder verschluckt. Erneutes Auftauchen und Luftschnappen ist möglich. In
    dieser Phase findet beim typischen Ertrinken der Kampf gegen das Untersinken noch
    statt. Bewußtlosigkeit kann in diesem Stadium schon eintreten.
  4. Stadium der Asphyxie
    Anschließend treten tonisch-klonische Krämpfe und Bewußtlosigkeit auf.[Seite 2↓]
  5. Stadium der präterminalen Lähmung
    Präterminale Atempause und Übergang in präterminale Schnappatmung.

Diese Stadieneinteilung ist in der Literatur nicht einheitlich; anders geartete Einteilungen sind durchaus möglich.

2) Atypisches Ertrinken
Vom typischen Ertrinken ist das atypische Ertrinken abzugrenzen. Dieses ist vor allem durch das Fehlen des Luftschnappens in der Phase der Dyspnoe gekennzeichnet, was zu einer kontinuierlichen Wassereinatmung führt. Der Betroffene gelangt nach dem Untergehen nicht mehr an die Wasseroberfläche. Dies kann durch äußere Einwirkungen geschehen, die ein Auftauchen verhindern (z.B. als Folge gewaltsamen Untertauchens, Selbstfesselung, Schiffsuntergang etc.). Weiterhin kommen Intoxikationen und traumatische Ereignisse in Betracht (Schädelhirntrauma beim Aufprall mit dem Kopf nach Sprung ins Wasser).
Unter das atypische Ertrinken fällt auch der sogenannte Badetod und wird dann als Begriff verwendet, wenn innere/natürliche Ursachen den Betroffenen am Auftauchen hindern. Dies kann durch reflektorische Kreislaufdepression geschehen, die durch das Wasser selbst ausgelöst wird, aber eine innere Disposition des Ertrinkenden voraussetzt (Gesichtsreflexe, vestibuläre Reflexe infolge von Trommelfelldefekten, Versacken des Blutes im Splanchnikus-Gebiet bei z.B. überfülltem Magen oder kaltem Baden nach langem Sonnenbad), oder durch Krankheit (Herzinfarkt, Schlaganfall, Thromboembolie). Weiterhin kommen als Ursachen Intoxikationen oder ein Stimmritzenkrampf (Laryngospasmus) in Betracht.
Die genannten Situationen führen zu abgekürzten Erstickungsabläufen mit der Folge schwacher oder fehlender Ausprägung der typischen Ertrinkungsbefunde.

3) Tötung auf andere Weise und

4) Tod aus natürlicher Ursache
mit nachfolgendem Hineingeraten in das Wasser


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Der SEHRTsche Magentod ist per definitionem ein Erstickungstod durch Aspirieren von erbrochenem Mageninhalt im Wasser. Erstmals erwähnt wurde er 1932 von Dr. Ernst SEHRT in einem Artikel der Münchener Medizinischen Wochenschrift [44]. Hier heißt es: „Ausscheiden muß bei der Besprechung des eigentlichen Ertrinkungstodes: ....... 3. Der MAGENTOD (Erstickung an erbrochenen Speisen nach reichlicher Mahlzeit). ..... Diese Wassertode sind sehr charakteristisch, da sie sich lautlos und „ohne Ankämpfen gegen die Gefahr“ abspielen.“

Dieser Vorgang geschieht meist unter Wasser, da es beim Erbrechen nicht möglich sein wird, sich aufgrund des Übelkeitsgefühles und der leichten Benommenheit gepaart mit der Verhinderung von Schwimmbewegungen durch den Brechreflex an der Wasseroberfläche zu halten [18] [3]. Nach KOCKEL und NAEGELI (Zitat nach SIMON [47]) soll die beim Erbrechen regelmäßig eintretende Erschlaffung der Muskulatur die Ursache des Untersinkens sein. Unter Wasser ist eine Entleerung des Magens nach außen, also ins Wasser hinein, infolge des Wasserdruckes nicht möglich [3]. Der Mageninhalt wird eingeatmet. Durch das Ausatmen beim Erbrechen verliert der Körper an Auftrieb und sinkt weiter unter, zusätzlich bedingt das Erbrechen einen vermehrten Sauerstoffverbrauch. Dies führt letztendlich zum Tod [16].
Als Gründe für das Erbrechen im Wasser wären zu nennen:

Findet das Erbrechen spontan (primäres Erbrechen) statt, wird der Betroffenen lautlos untergehen. In diesem Falle läge ein dem atypisches Ertrinken bzw. dem Badetod ähnlicher [Seite 4↓]Vorgang vor. Löst allerdings erst der Prozess des Ertrinkens das Erbrechen aus, kämpft also die Person erst einige Zeit gegen das Untergehen im Wasser an um dann – z.B. durch verschlucktes Wasser - zum Erbrechen gereizt zu werden, kann man den Vorgang eher dem typischen Ertrinken zuordnen. In diesem Fall wäre das Erbrechen eine komplizierende Begleiterscheinung des typischen Ertrinkungsvorganges. Die Übergänge sind hier fließend. In jedem Fall wird der Prozess des Ertrinkens verkürzt.

Nach SEHRT muß der Vorgang des Magentodes (SEHRTschen Magentodes) bei der Besprechung des eigentlichen oder typischen Ertrinkens ausscheiden, da sich diese Wassertode „ohne Ankämpfen gegen die Gefahr abspielen“ (s.o.). Allerdings wird der Erstickungstod an aspiriertem Speisebrei nicht blitzartig vonstatten gehen, wie es beim Badetod der Fall ist, sondern eher einen langsamen Verlauf nehmen (wie der Ertrinkungstod). Damit scheint diese Todesart weder ein Ertrinkungstod noch ein Badetod im engeren Sinne zu sein, sondern eine Übergangsform des einen in den anderen [19]. Zudem tritt er „nach reichlicher Mahlzeit“, also mit vollem Magen auf (siehe oben).

In der Literatur wird der Begriff des SEHRTschen Magentodes, wenn überhaupt, uneinheitlich verwendet. So wird er häufig in seinem Ablauf beschrieben, ohne ihn als SEHRTschen Magentod oder auch nur als Magentod zu benennen (dies allerdings meist in der englischsprachigen Literatur [7] [10] [48], oder in der Zeit bevor SEHRT den Begriff „Magentod“ geprägt hat [26]). Dies kann auch im Zusammenhang mit der direkt darauf folgenden Erwähnung sogenannter SEHRTscher Schleimhautrisse geschehen, die durch große Mengen verschlucktes Wasser in der Magenschleimhaut an der kleinen Kurvartur des Magens durch Dehnung entstehen [43].

Weiterhin wird die Entstehung des SEHRTschen Magentodes mit der Temperatur des Wassers in Verbindung gebracht. Und zwar soll er häufiger beim Verschlucken kalten Wassers, das durch Reizung der Magenschleimhaut zum Brechakt führt, auftreten [32] [33] [37].

Außerdem kann der SEHRTsche Magentod entweder nur durch verschlucktes Wasser ausgelöst werden [9] [37] oder nur durch einen vollen Magen [43].

Es findet sich auch eine Beschreibung ohne Hinweis auf auslösende Faktoren aber mit der Benennung des SEHRTschen Magentodes [52].

Hier muß auf den Umstand hingewiesen werden, daß SEHRT den Magentod als die Haupttodesursache beschrieben hat, d.h. das die betroffene Person jeweils durch die Mageninhaltsaspirationen erstickt ist und nicht durch das Einatmen von Wasser. Dem gegenüber wurde der Begriff des „Magentodes“ oder des „SEHRTschem Magentodes“ in der nachfolgenden Literatur so beschrieben, daß eine Kombination von Ertrinken und [Seite 5↓]Mageninhaltsaspiration vorliegt, wodurch es zu einer Summation der Schädigung und einer Abkürzung des Ertinkungsvorganges kommt. Hier wird der Begriff auf den Vorgang des Erbrechens beim Ertrinken mit nachfolgender eventuell nur geringer Aspiration von Mageninhalt verwendet, welche nicht todesursächlich bzw. nur nebenursächlich sein kann.

Allerdings bezeichnen alle Definitionen des Magentodes ein vitales Hineingelangen von Mageninhalt in die Luftwege. Nach KNIGHT [24] gibt es nur zwei sichere Methoden zur Beurteilung der Vitalität von in den Luftwegen vorgefundenem Mageninhalt. Die eine Methode ist der histologische Nachweis einer fortgeschrittenen vitalen Reaktion in dem Bereich des Lungengewebes wo sich Mageninhalt befindet, wie z.B. eine Infektion, Nekrose oder eine sichere Entzündungsreaktion. Da diese vitalen Reaktionen sich erst nach einer gewissen Zeit ausprägen, Ertrinkungsopfer die Mageninhalt aspiriert haben aber kurze Zeit nach dieser Aspiration sterben, wird man bei diesen Personen im nachhinein keine dieser Zeichen in ausreichender Ausprägung finden können. So bleibt schließlich allein die Beobachtung eines solchen Vorganges als sicherer Beweis.

Da es nach GARDENER[15], KNIGHT [24] und PULLAR [38] relativ häufig zu einem postmortalem hineingelangen von Mageninhalt in die Luftwege kommen kann, sei es durch Reanimationsmaßnahmen oder durch ein Zurückfließen von Mageninhalt in die Luftwege z.B. durch starkes hin und her bewegt werden des Leichnams, ist die Beurteilung und die Untersuchung von Mageninhalt in den Luftwegen bezüglich der Vitalität sehr kritisch und mit Vorbehalt durchzuführen.

Wenn auf den folgenden Seiten die Betroffenen mit Mageninhalt in den Luftwegen mit der Überschrift „Fälle von Ertrunkenen mit „Aspiration“ “ dargestellt werden, ist mit „Aspiration“ nur das Vorfinden von Mageninhalt in den Luftwegen unabhängig von der Vitalität des Geschehens gemeint.

Des weiteren wird der „Magentod“, mit Bezug auf SEHRT auch durch die nach einer reichlichen Mahlzeit auftretenden Verdauungshyperämie und der daraus resultierenden Kreislaufdepression beim Baden erklärt [23] [50].


Welche Umstände diesen von SEHRT beschriebenen Vorgang bedingen, wie häufig er vorkommt und welche Bedeutung er hat, soll in dieser Arbeit untersucht werden.


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04.08.2004