[Seite 54↓]

5.  Diskussion

Mageninhalt in den Luftwegen bei Ertrunkenen beobachten wir unter den Ertrunkenen der Jahre 1991- 2000 in 6,2 % der Fälle in Berlin und in 5,7 % der Fälle in Greifswald.

UMIERSKI [50] findet in Kiel unter 260 Ertrinkungstoden der Jahre 1940 – 1959 15 Fälle

(5,8 %) mit Speisebrei in der Trachea.

Das Ereignis scheint demzufolge eine geringe Häufigkeit von etwa 6 % zu haben und zahlenmäßig keine Bedeutung zu besitzen.

5.1. Alters- und Geschlechterverteilung

In der Alters- und Geschlechterverteilung von Ertrunkenen gibt es Unterschiede zwischen den Regionen Berlin und Greifswald. In Berlin überwiegt das männlichen Geschlecht in den jungen und in den älteren Jahren, während die Anzahl der Frauen ab einem Alter von 60-70 Jahren größer ist. Das Verhältnis von Männern zu Frauen beträgt in Berlin: m=73 (60 %) w=48

(40 %). In Berlin findet man in den ersten zwei Lebensjahrzehnten ausschließlich Männer unter den Betroffenen, davon mehr in den jüngeren als in den älteren Jugendjahren. Hier ist als Ursache zu vermuten, daß schon im Kindes- und Jugendalter das männliche Geschlecht mehr Mut zum Risiko besitzt, als das weibliche. Kleinkinder verunglücken meistens, wenn sie kurzfristig ohne Aufsicht sind, z.B. beim Spielen an einem größeren Gewässer, in der Badewanne, im Gartenteich oder Pool etc. [11] [42] [4] [34].

Desweiteren fällt der hohe Anteil der Frauen unter den Betroffenen bei den älteren Jahrgänge auf. Hier überwiegen die betroffenen Frauen. Die Bevölkerungsstatistik gibt für die Gruppe der > 60jährigen einen deutlichen Frauenüberhang an, womit man den starken Anteil der betroffenen Frauen in dieser Altersgruppe erklären kann [46]. Weiterhin ist zu erwähnen, daß in der Gruppe der älteren Frauen die Häufigkeit des Suizids durch Ertrinken höher ist als in der gleich alten Gruppe der Männer [5] [19] [50]. So gibt BAYARD [8] in seiner Studie den Mittelwert für das Alter von Frauen, die durch Selbstmord ertrunken sind, mit 60,6 Jahren an, und für Männer mit 50,5 Jahren.

In Greifswald kann man in allen Altersgruppen ein Überwiegen des männlichen Geschlechts erkennen. Die Verteilung beträgt hier: m=151 (76,7 %), w= 46 (23,4 %).Der größere Anteil der männlichen Toten in Greifswald ist wohl darauf zurückzuführen, daß an den Küsten mehr Männer direkten beruflichen Kontakt mit Wasser haben und größeren Risiken ausgesetzt sind. So sind die Berufsgruppen der Seeleute, Hafenarbeiter und Taucher fast ausschließlich [Seite 55↓]Männerberufe [11]. Man kann bei der weiblichen Gruppe auch einen Unterschied in der Schwankungsbreite im Vergleich zu den Männern beobachten, was wohl der geringeren Anzahl von w: 50 / m: 144 zuzuschreiben ist.

Ähnliche Zahlenwerte fanden EWALD (1986) in Hamburg [11]: m = 73,3 % w = 26,7 % und KRAULAND (1971) in Berlin [25]: m = 56,4 % w = 43,6 %.

Bei der Gruppe mit Mageninhalt in den Luftwegen ist eine Beurteilung aufgrund der kleinen Fallzahl nicht möglich. Es deutet sich allerdings an, daß die Verteilung der Gruppe mit Mageninhalt in den Luftwegen der Gesamtverteilung in bezug auf die Alters- und Geschlechtsverteilung nicht zu widersprechen scheint.

5.2. Zeitliche Verteilung

5.2.1. Todeszeitpunkt/Vermißtendatum

In unseren Breitengraden sind erwartungsgemäß die Sommermonate Mai bis August führend, was die Häufigkeit an Ertrinkungsunfällen betrifft. Dies liegt sicherlich daran, daß in diesen Monaten der Kontakt mit Wasser (Seen, Flüsse, Meer) aufgrund der klimatischen Bedingungen (Badesaison) höher ist als im kalten Winter. Die Verteilung in Greifswald entspricht dieser Annahme. So finden wir hier 47 % der Betroffenen in den Monaten April, Mai, Juli, August, also in einem Drittel des gesamten Jahres, bzw. 36,8 % in den Sommermonaten im Vergleich zu nur 14,7 % in den Wintermonaten. Da im September und Oktober das Freilandbaden kaum noch üblich ist, ergeben sich für diese Monate relativ geringe Zahlenwerte.

MUELLER [32] [33] schreibt über Hawaii, daß dort von 1959 bis 1969 103 Ertrinkungsunfälle eingeliefert wurden. Die Einlieferung war am häufigsten in den Monaten Juni bis Juli. BELOHRADSKY (1881) [1] fand eindeutig die größte Anzahl der im Wasser Gefundenen und Ertrunkenen in den Frühlings- und Sommermonaten. Dasselbe war bei EWALD (1986) [11] in Hamburg der Fall.

Die Berliner Verteilung entspricht nicht diesen Ergebnissen. Hier läßt sich eine jeweils gleiche Verteilung im Winter, im Sommer und in den Übergangsjahreszeiten beobachten. Dies liegt wohl an dem relativ häufigeren Vorkommen von Todesfällen in der Badewanne und Selbstmorden im Sektionsgut von Berlin. So haben Ertrunkene in der Badewanne im Berliner Sektionsgut eine Häufigkeit von 29 %. In Greifswald liegt die Häufigkeit bei 6 % und in EWALDS Studie [11] in Hamburg bei 6,6 %. In BELOHRADSKYS [1] Studie ließen sich keine Angaben über die Häufigkeit von Toten in der Badewanne finden. Zudem beträgt die Häufigkeit von Selbstmorden in Berlin 40 % der Fälle, während sie in Greifswald nur 10 % [Seite 56↓]beträgt. Nach RASANEN et al. [39] liegt ein Häufigkeitsgipfel von Selbstmorden durch Ertrinken bei Frauen im Herbst. Das häufigere Vorkommen von Ertrunkenen in der Badewanne und Selbstmorde in Berlin könnte die gleichmäßigere Verteilung über die Jahreszeiten erklären.

Im Folgenden wird eine Tabelle zum direkten Vergleich der prozentualen Anteile von Ertrunkenen in verschiedenen Jahreszeiten und Regionen dargestellt.

Tab. 24: Ertrunkene des Berliner und Greifswalder Sektionsgutes der Jahre 1991-2000 unterteilt nach der Auffindezeit

 

BELOHRADSKY (Berlin)

EWALD (Hamburg)

Berlin

(Diese Studie)

Greifswald

(Diese Studie)

Dez./ Jan./ Feb.

15,5 %

15,2 %

21,9 %

14,7 %

März/ Apr./ Mai

36,6 %

30,8 %

28,1 %

26,3 %

Juni/ Juli/ Aug.

31,3 %

35,9 %

21,6 %

36,8 %

Sep./ Okt./ Nov.

16,4 %

17,7 %

28,9 %

21,6 %

Tab. 25: Ertrunkene mit Mageninhalt in den Luftwegen des Berliner und Greifswalder Sektionsgutes 1991-2000 unterteilt nach der Auffindezei

 

„Aspirations“Fälle Berlin

„Aspirations“-Fälle Greifswald

Dez./ Jan./ Feb.

29 %

20 %

März/ Apr./ Mai

0 %

20 %

Juni/ Juli/ Aug.

29 %

50 %

Sep./ Okt./ Nov.

42 %

10 %

Hier können wir ein gehäuftes Auftreten von Ertrunkenen mit Mageninhalt in den Luftwegen in den kalten Jahreszeiten erwarten, da durch kaltes Wasser, das beim Ertrinkungsvorgang verschluckt wird, eher der Magen zum Erbrechen gereizt wird als durch warmes Wasser. Diese Annahme scheint sich bei Betrachtung der Ergebnisse jedoch nicht zu bestätigen.

Die Verteilung der Betroffenen mit Mageninhalt in den Luftwegen scheint, unter Beachtung der geringen Fallzahl, in beiden Regionen jeweils der Gesamtverteilung zu entsprechen.


[Seite 57↓]

5.2.2.  Wasserliegezeit

Die Wasserliegezeit ist von verschiedenen Faktoren abhängig: stehende oder fließende Gewässer, Fäulnis durch Gasbildung (die wiederum von der Umgebungstemperatur abhängig ist), Tiefe der Gewässer (und damit Temperatur und Wasserdruck) und Bevölkerungsdichte (hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit, überhaupt entdeckt zu werden).

Zur Einschätzung der Wasserliegezeit schreibt PROKOP [37] in seinem Lehrbuch, daß Fäulnisveränderungen im Wasser im Vergleich zur Luftlagerung langsamer vonstatten gehen (CASPER’SCHE Regel). Die Auskühlung von Leichen im Wasser verläuft etwa doppelt so schnell, wie an der Luft (HENSSGE 1984 [20]). Es kommt im Vergleich zur Luftlagerung langsamer zur Gasbildung durch Fäulnis. Daher hängt die Dauer bis zum Auftauchen Ertrunkener maßgeblich von der Temperatur des Wassermediums ab [32].

So beschreibt MUELLER [32], daß es in den tiefen oberbayrischen Seen mit Wassertiefen von 30 bis 40 m, bei konstanter Wassertemperatur von 4°C zu jeder Jahreszeit und aufgrund des dort herrschenden Drucks, nicht zur Gasbildung durch Fäulnis kommt und somit die Leichen nicht auftauchen.

Während in Berlin die meisten Fälle (51,7 %) bereits nach Stunden (1-24 h) im Wasser entdeckt werden, beträgt die Wasserliegezeit in Greifswald in der Gruppe mit der höchsten Anzahl der Betroffenen (35,5 %) meistens Tage (1-8 Tage). In beiden Regionen wird die zweitgrößte Gruppe der Ertrunkenen (Berlin: 26,7 % Greifswald: 24,4 %) nach einer Zeit von Minuten (1-60 min.) gefunden. Somit scheinen die meisten Personen in Greifswald später gefunden zu werden als in Berlin. Die Unterschiede der Häufigkeit von Ertrunkenen in den verschiedenen Gewässern (Bad versus See-Teich-Fluß-Ostsee) in den beiden Regionen könnten die Ursache hierfür sein (29 % Badewannen-Ertrunkene in Berlin stehen nur 6 % in Greifswald gegenüber). So liegt die Vermutung nahe, daß ein Ertrunkener im Winter in der Badewanne schneller gefunden wird als in einem kalten See, da er in letzterem nicht oder erst nach dem Winter (der kalten Jahreszeit) auftaucht. Die Wassertemperatur scheint jedoch die Unterschiede in der Verteilung nicht hinreichend zu erklären, da sich der Hauptteil der Ertrunkenen in Greifswald in den Sommermonaten findet und die Wassertemperatur zu dieser Jahreszeit warm genug ist, so daß die Betroffenen nicht lange unter Wasser bleiben. Allerdings ist es naheliegend, daß Ertrunkene generell in der Badewanne schneller gefunden werden als in einem See. Dies könnte die kürzere Liegezeit in Berlin erklären. Die Ursache wird zudem an der unterschiedlichen Bevölkerungsdichte liegen, die in Berlin größer ist als in dem Gebiet, welches das Greifswalder Rechtsmedizinische Institut versorgt, was wiederum die Wahrscheinlichkeit des Entdeckens eines Betroffenen im Wasser erhöht. Die [Seite 58↓]Bevölkerungsdichte beträgt für Berlin 3860 Ew/km² und für das Gebiet des Greifswalder Rechtsmedizinischen Institutes (Mecklenburg-Vorpommern) ca. 82 Ew/km² [46].

Die Verteilung der Fälle mit Mageninhalt in den Luftwegen entspricht in beiden Regionen der Gesamtverteilung.

5.3. Auswertung der Todesart und –umstände

5.3.1. Todesart

Es folgt zum besseren Überblick eine tabellarische Darstellung der Häufigkeiten:

Tab. 26: Ertrunkene mit und ohne Mageninhalt in den Luftwegen des Berliner und des Greifswalde Sektionsgutes der Jahre 1991-2000 unterteilt nach dem Grund des Ertrinkens

 

Berlin: Ertrunkene

„Aspirat.“ Fälle

Greifswald: Ertrunkene

„Aspirat.“ Fälle

Selbstmorde

48 (40 %)

3 (37,5 %)

20 (10 %)

2 (17 %)

Unfälle

46 (38 %)

4 (50 %)

67 (34 %)

4 (33 %)

Mord

1 (1 %)

0

3 (2 %)

0

Unklar

24 (20 %)

1 (12,5 %)

68 (35 %)

6 (50 %)

Sonstige

2 (2 %)

0

39 (20 %)

0

Zum Vergleich die Ergebnisse zweier Arbeiten aus ähnlichen Regionen:

HALLERMANN [18] findet unter 226 Todesfällen durch Ertrinken in Berlin

Selbstmord

:

162 = (71,7 %)

Unfälle

:

37 = (16,4 %)

Mord

:

1 = (0,4 %).

Bei 26 Fällen (11,5 %) konnte kein Grund festgestellt werden.

  

UMIERSKI [50] gibt für Kiel in den Jahren 1940 bis 1950 260 Fälle mit Tod durch Ertrinken an. Davon waren :

Selbstmorde

 

84 = 32,3 %

Unglücksfälle

 

142 = 54,6 %

Morde...

 

9 = 3,5 %

Nicht geklärt

 

15 = 9,6 %


[Seite 59↓]

Danach besteht ein Unterschied zwischen Binnenland und Küstenregion. Im Binnenland ist der Anteil der Selbstmorde höher als in der Küstenregion, während in der Küstenregion der Anteil an Verunglückten höher ist.

Der höhere Anteil an Unglücksfällen in der Küstenregion kann mit der großen Gruppe der in beruflichem Kontakt mit Wasser stehenden Männern zu tun haben. Morde unter Einbeziehung des Mediums Wasser sind in beiden Regionen recht selten.

Die Gruppe der Verunglückten mit Mageninhalt in den Luftwegen scheint tendenziell der Gesamtverteilung nicht zu widersprechen.

5.3.2. Blutalkohol-Konzentration

Bei vielen Todesfällen spielt der Alkohol eine nicht unerhebliche Rolle. So auch bei den Todesfällen durch Ertrinken. Es ist oft in der Literatur belegt worden, daß der Ertrinkungstod durch Alkoholgenuß begünstigt wurde (REH [40], JOHNSON [22], KRAULAND [25], JÄÄSKELÄINEN [21], FENNER [12]). KRAULAND [25] stellt in 11 von 13 Fällen eine BAK zwischen 2,3 mg/g und 3,1 mg/g und je einmal 1,1 mg/g bzw. 1,5 mg/g fest. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt JÄÄSKELÄINEN [21]. Er findet bei 87 Unfällen durch Ertrinken einen durchschnittlichen Wert von 2,4 % BAK. KERZENDORFF [23] schildert einen Fall eines Ertrunkenen, bei welchem Tod durch Ertrinken unter alkoholischer Beeinflussung festgestellt wurde, und bei dem es während des Rettungsvorganges zum Erbrechen kam. Es sei aber strittig, ob richtiges Erbrechen stattgefunden habe, oder nur ein Auslaufen von Mageninhalt. Er räumt ein, daß die alkoholische Beeinflussung das Erbrechen mit nachfolgender Aspiration verursacht haben könnte. Daß starke Alkoholisierung den Brechakt auslösen kann, ist allgemein bekannt. BRETTNACHER- WASCHER [5] schreibt in ihrem Kapitel über alkoholische Beeinflussung, daß der Alkohol das Hustenzentrum hemmt und Wasser in die Lunge eindringen kann. Dies legt die Vermutung nahe, daß bei Personen mit Tod durch Ertrinken und zusätzlicher alkoholischer Beeinflussung und mit eventuell stark gefülltem Magen, das Auffinden von Mageninhalt in den Luftwegen häufiger vorkommt als sonst.

In Berlin ist von den 121 Ertrunkenen in 115 Fällen eine Blutalkoholkonzentrations-bestimmung durchgeführt worden. Insgesamt sind 35,5 % (der Personen, bei denen eine BAK durchgeführt worden ist) durch Alkohol beeinflusst gewesen. Der höchste gemessene Wert beträgt 4,5 mg/g. In den Gruppen der stark, sehr stark und hochgradig Beeinflussten befinden sich 22,8 % der Betroffenen, davon 15 % in der Gruppe der hochgradig durch Alkohol Beeinflussten.


[Seite 60↓]

In Greifswald wurde von den 197 Ertrunkenen in 174 Fällen eine Blutalkoholbestimmung durchgeführt. Insgesamt sind hier 56 % (Prozent von den Personen mit Alkohol- Bestimmung) durch Alkohol beeinflusst gewesen und somit bedeutend mehr als in Berlin. Der höchste gemessene Wert beträgt 3,63 mg/g. In den Gruppen der stark, sehr stark und hochgradig Beeinflussten befinden sich hier 32,5 % der Fälle, jedoch davon nur 7,6 % in der Gruppe der hochgradig beeinflussten Personen. Hieraus ist zum einen ersichtlich, daß in Greifswald deutlich mehr Fälle von Ertrinkungstod als in Berlin unter Alkoholeinfluss gefunden wurden, als auch, daß der prozentuale Anteil der Betroffenen mit hochgradiger Beeinflussung sind in Berlin höher ist als in Greifswald.

BÖHM [2] ermittelte in Leipzig unter 13 durch Tod durch Ertrinken Verstorbenen fünf (38,5%) mit z.T. erheblicher alkoholischer Blutkonzentration. Die durchschnittliche BAK betrug 2,57 mg/g.

MÖBIUS [30] gibt in Dresden für die Jahre 1998 und 1999 17 Fälle mit Tod durch Ertrinken an. In neun Fällen (53 %) lag eine alkoholische Beeinträchtigung mit Werten von 0,97 bis

3,2 mg/g vor.

WARNER et. al. [51] verweisen auf 320 Ertrinkungsfälle zwischen 1992-1994 in Neuseeland, von denen bei 115 (36 %) eine BAK durchgeführt worden ist. Die BAK war in 50 % dieser Fälle positiv, bis zu 24 % wiesen eine BAK von 1 mg/g oder höher auf.

Bei den in Berlin durch Ertrinken mit zusätzlichem Auffinden von Mageninhalt in den Luftwegen Verstorbenen fällt auf, daß von den sechs Fällen (75 %) mit Blutalkoholbestimmung bei vier (70 %) (der Personen, bei denen eine BAK durchgeführt worden ist) eine alkoholische Beeinflussung bestand. Hier scheint ein höherer Anteil an durch Alkohol beeinflussten Personen vorzuliegen, als in der Gesamtverteilung. Bei drei von den vier Personen konnte eine starke bis sehr starke, bzw. eine mittelgradige Beeinflussung nachgewiesen werden. Somit waren alle festgestellten alkoholisierten Personen eher stark als leicht betrunken. Der höchste in dieser Gruppe ermittelte Wert beträgt 4,4 mg/g und ist damit fast so hoch wie der höchste Wert in der Gruppe, der ohne mit Mageninhalt in den Luftwegen Ertrunkenen. Bei dieser Person wurde zusätzlich eine toxische Konzentration eines Psychopharmakons gefunden. Zwei Personen, die stark und hochgradig beeinflusst waren, hatten eine Magenfüllmenge von > 299 ml. Eine Person mit hochgradiger Beeinflussung hat eine BAK von 4,4 mg/g, aber nur eine Magenfüllung von 5 ml.

In Greifswald ist die Verteilung unter den Fällen mit Mageninhalt in den Luftwegen ganz anders. Hier wurde bei den 12 Fällen nur bei dreien eine alkoholische Beeinflussung festgestellt, das sind 25 % und bedeutend weniger als in Berlin und auch weniger als in der [Seite 61↓]Gesamtverteilung. Zudem wurden zwei der drei Betroffenen in der Gruppe der minimal Beeinflussten und einer in der Gruppe der leicht Betroffenen gefunden, was sich genau gegenteilig zu der Verteilung der Ertrunkenen mit Mageninhalt in den Luftwegen in Berlin verhält. Hier beträgt der höchste gemessene Wert 0,51 mg/g. Von den sechs Personen mit einer Magenfüllung von > 299 ml konnte bei nur bei einer Person eine BAK von 0,25 mg/g gemessen werden, bei den restlichen Personen war die BAK

0,0 mg/g. Auch dies steht im Gegensatz zur Berliner Verteilung. Somit läßt sich hier keine Regelmäßigkeit im Sinne einer kausalen Beeinflussung des Todes mit Mageninhalt in den Luftwegen durch Alkohol und in Zusammenhang mit einem vollem Magen erkennen. Zudem muß wiederum die kleine Fallzahl beachtet werden.

5.3.3. Toxikologischer Befund

Die Häufigkeit akuter Vergiftungen unter allen Krankheitsfällen oder in der Gesamtbevölkerung ist in Deutschland nicht sicher bekannt, da keine Meldepflicht besteht. Die meldepflichtigen Todesfälle durch Gifteinwirkung nehmen in den letzten Jahren zusammen mit anderen Unfällen leicht zu. Giftselbstmorde überwiegen bei weitem. (FORTH 1996) [14]

In Berlin ist in 13 (10,7 %) von 121 Fällen eine Intoxikation bei Ertrinken der Personen bedeutsam. Rechnet man Alkoholvergiftungen (BAK über 3 Promille) hinzu, so erhöht sich die Zahl der Intoxikationen auf 31 (25,6 %). Ertrinken bei Vergiftung erfolgt nach Einnahme von Barbituraten, Antidepresiva oder Morphin. In der Gruppe der neun Fälle mit nachweisbarer Intoxikation durch Sedativa/Hypnotika sind acht in suizidaler Absicht gestorben. Bei dem einen Fall mit Morphinvergiftung finden wir keine Hinweise auf ein Vorliegen einer suizidalen Absicht in den Akten, während bei dem einen Fall mit Vergiftung durch Antidepressiva eine suizidale Absicht vorliegt. Bei den beiden anderen Personen, die sowohl eine Morphin- als auch eine Sedativa- bzw. Hypnotika-Intoxikation aufweisen, ist die Absicht unklar.

In Greifswald ist bei zwei (1 %) von 197 Fällen eine Intoxikation nachweisbar. Rechnet man Alkoholvergiftungen hinzu, so erhöht sich die Anzahl auf 17 Fälle (8,6 %). Hier erfolgen die tödlichen Vergiftungen ausschließlich nach Einnahme von Barbituraten (Sedativa/Hypnotika).

In einem der beiden Fälle liegt ein Selbstmord vor, in dem anderen sind keine entsprechenden Absichten erkennbar.

Andere Mittel, wie Zyankali oder E 605 (TRÜBNER 1989 [49]), sind in keiner der beiden Regionen nachweisbar.


[Seite 62↓]

Nach FORTH (1996) [14] sind Barbituratvergiftungen bei Erwachsenen in zivilisierten Ländern die häufigste Suizidart. Der Vergiftete ist bewußtlos; unmittelbare Gefahr durch Atem- oder Herzstillstand bzw. Kreislaufversagen droht, wenn medulläre Zentren bereits gelähmt sind. Der bewußtlos gewordene Badende kann jedoch auch bei nicht toxischer Konzentration infolge fehlender Reflexe beim Untertauchen unter die Wasseroberfläche ertrinken. Da unter den Ertrunkenen beider Regionen mit Mageninhalt in den Luftwegen in nur einem Fall (in Berlin) eine toxische Konzentration eines Psychopharmakas gefunden wurde, und bei diesem Fall zusätzlich eine hochgradige alkoholische Beeinflussung mit 4,4 mg/g bestand, kann kein ursächlicher Zusammenhang zu dem Vorkommen des Ertrinkens mit Mageninhalt in den Luftwegen hergestellt werden. Insgesamt ist der Anteil der mit Intoxikation Ertrunkenen in Berlin mit 25,6 % bedeutend höher als in Greifswald mit 8,6 %.


[Seite 63↓]

5.4.  Ort des Ertrinkens

5.4.1. Todesort

Zum besseren Überblick zuerst eine tabellarische Auflistung der Ergebnisse:

Tab. 27: Ertrunkene mit und ohne Mageninhalt in den Luftwegen des Berliner und des Greifswalder Sektionsgutes der Jahre 1991-2000 unterteilt nach dem Ort des Ertrinkens, Angabe in prozentualen Häufigkeiten ( gerundet ).

 

Berlin

Greifsw.

„Aspirat.“ Fälle, Berlin

„Aspirat.“ Fälle Greifsw.

Meer (Ausland)

1 %

0 %

12,5 %

0 %

Ostsee

0 %

17 %

0 %

25 %

Bodden/Haff

0 %

18 %

0 %

0 %

See Teich

24 %

22 %

37,5 %

25 %

Badewanne

29 %

6 %

25 %

8,3 %

Fluß/Bach/Graben

40 %

17 %

25 %

25 %

Pfütze

0 %

1 %

0 %

0 %

Sonstige

5 %

12 %

0 %

8,3 %

Kein Hinweis

2 %

7 %

0 %

8,3 %

Zum Vergleich die Daten aus der Arbeit von EWALD [11] aus Hamburg

Nordsee

3,6 %

Salzwasser andere Gewässer

1,5 %

Fluß (Elbe)

39,4 %

See (Alster)

11,1 %

Süßwasser, andere Gewässer

33,1 %

Badewanne

6,6 %

Keine Angaben

4,7 %


[Seite 64↓]

und von MACKIE [27] aus Australien

Ozean

32 %

Seen/Lagunen

17 %

private swimming pools

17 %

Badewanne

7 %

Sonstige

27 %

Die Verteilung der Ertrunkenen mit Mageninhalt in den Luftwegen zeigt in beiden Regionen keine auffällige Abweichung von den Gesamtverteilungen. Man muß allerdings die geringen Fallzahlen beachten.

5.4.2. Art des Gewässers

In Berlin ist der Anteil Ertrunkener, die im Süßwasser ertrunken sind, dominierend. Die beiden, die im Salzwasser ertrunken sind, sind nicht in Berlin ertrunken und wurden nur zur Obduktion nach Berlin geflogen.

Eine in Berlin obduzierte Person mit vorhandenem Mageninhalt in den Luftwegen ist auch im Salzwasser ertrunken. Diese wurde aus Ägypten zur Obduktion nach Berlin gebracht.

In Greifswald dominieren zwar auch die Ertrunkenen, die im Süßwasser umgekommen sind, allerdings nur mit 53 %. Die Gruppe der im Salzwasser Verstorbenen hat einen Prozentwert von 40 % und ist somit sehr viel höher als in Berlin. Bei 7 % der Betroffenen in Greifswald liegen keine Angaben vor. Die Verteilung der Verstorbenen mit Mageninhalt in den Luftwegen in Greifswald ist: Süßwasser: 75 % Salzwasser: 25 %

Hieraus läßt sich nicht schlußfolgern, daß ein Auffinden von Mageninhalt in den Luftwegen durch Ertrinken im Salzwasser gefördert wird. Es müssen allerdings auch hier die geringen Fallzahlen für die Betroffenen mit Mageninhalt in den Luftwegen in beiden Regionen beachtet werden.

Die Vermutung liegt aber nahe, daß durch verschlucktes Salzwasser eher ein Brechakt ausgelöst werden kann als durch verschlucktes Süßwasser. Allerdings schreibt EWALD [11], daß im Süßwasser ein mehrfaches der Ertrinkungsflüssigkeit aspiriert wird als im Salzwasser. MODELL [29] erwähnt in seinem Artikel, daß das Volumen des aspirierten Wassers durch aktives Einatmen bestimmt wird. Er widerspricht damit der Annahme, daß Wasser auch nach dem Tode weiter in die Lungen eindringe. Also müssten nach EWALDS Aussage (s.o.) im Salzwasser Ertrinkende weniger aktiv Einatmen als in Süßwasser Ertrinkende. Nach MÜCKE [Seite 65↓][31] soll ein Zusammenhang des verschluckten Wassers mit der Atmung bestehen, und zwar soll nur solange Ertrinkungsflüssigkeit in den Magen gelangen, solange noch geatmet wird: Das Eindringen von Wasser in den Magen sei die Folge unwillkürlicher Schluckbewegungen, die der Ertrinkende gleichzeitig mit Atmung ausführt. Somit könnte beim Ertrinken im Salzwasser auch weniger Wasser in den Magen gelangen als beim Ertrinken in Süßwasser und dieser wird weniger gereizt als von uns anfänglich angenommen.

5.5. Lungenbefund

Der Lungenbefund ist der charakteristische Marker zur Beurteilung, ob ein Ertrinkungstod mit oder ohne Magentod vorliegt. So schreibt E. SEHRT (1932), daß „bei der Besprechung des eigentlichen Ertrinkungstodes ... der MAGENTOD (Erstickung an erbrochenen Speisemassen nach reichlicher Mahlzeit)“ ausscheiden muß. Diese Wassertode seien sehr charakteristisch, da sie sich lautlos und ohne Ankämpfen gegen die Gefahr abspielen und nicht die bekannten Stadien des Ertrinkens durchlaufen würden [44]. Hier wird ein Vorgang beschrieben, bei dem die Aspiration von Mageninhalt Todesursächlich ist.

In der zeitlich nachfolgenden Literatur wird der SEHRTsche Magentod als (mit zum Teil auch nur geringer) Aspiration erbrochener Speisemassen während des Ertrinkungsvorganges bezeichnet. Diese muß also nicht Haupttodesursächlich sein sondern kann als eine Kombination von Ertrinken und einer Mageninhaltsaspiration vorliegen. Dies würde dann zu einer Summation der Schädigung und einer Abkürzung des Ertrinkungsvorganges führen. Wir werden im weiteren Verlaufe die Beschreibung dieses Vorganges und die Verwendung des Begriffes SEHRTscher Magentod in der Literatur untersuchen.

Des weiteren wird der „MAGENTOD“ von SEHRT in einer anderen Publikation erwähnt:

„Gerade bei letzteren (Magentoden) sind dadurch, daß infolge der Verdauungshyperämie der Bauchgefäße eine relative Blutleere der Haut vorhanden ist und diese somit dem Kältereiz besonders widerstandsunfähig ausgesetzt ist, auch besonders günstige Verhältnisse für ein Zustandekommen der inneren Verblutung gegeben. So wird zum ersten Male physiologisch der Magentod verständlich, der beim Schwimmen nach reichlicher Mahlzeit auftritt und als deren Ursache die Obduktion keine Erstickung durch aspirierte Speisen feststellen kann“ [45].


[Seite 66↓]

Der Tod durch Ertrinken bei überfülltem Magen - der „Magentod“ nach SEHRT - kann also auf zweierlei Arten zustande kommen:

  1. durch Ersticken an erbrochenen Speisebrei,
  2. durch die nach einer reichlichen Mahlzeit auftretenden Verdauungshyperämie.

GMELIN [16] erklärt das Zustandekommen des Erbrechens bei überfülltem Magen durch den Druck des Wassers gegen die Bauchwand. Wenn der Magen stark gefüllt ist, kann die Bauchbeengung so groß sein, daß es zu einem Zusammendrücken des Magens kommt. Durch das Erbrechen werden die Schwimmbewegungen behindert, und der Betroffene sinkt unter. Unter Wasser ist eine Entleerung des Erbrochenen nach außen, also ins Wasser hinein, infolge des Wasserdruckes unmöglich. Der Mageninhalt wird eingeatmet. Durch die mit dem Erbrechen verbundene Ausatmung wird der vom Körper im Wasser eingenommene Rauminhalt und damit auch das von ihm verdrängte Wasser weniger, so daß der Körper im Wasser schwerer wird und tiefer sinkt. Durch die Anstrengung des Erbrechens ist ein vermehrter Sauerstoffbedarf vorhanden. Dieser und der gleichzeitige Kohlensäureanstieg des Blutes reizen das Atemzentrum zum Einatmen. So kommt es zwangsweise zur Aspiration von Erbrochenen.

Die zweite Todesursache bei überfülltem Magen ist die Verdauungshyperämie. Das dadurch bedingte Versacken des Blutes im Bauchraum kann so groß sein, daß der linke Ventrikel weniger Blut bekommt. Gehirnanämie, Schwindelgefühl und Ohnmacht sind die Folge.

Wir fassen den SEHRTschen Magentod im engeren Sinne als Tod durch Ersticken mit Erbrechen und Aspiration des Erbrochenen im Wasser auf. Der im weiteren Sinne gefasste Begriff des SEHRTschen Magentodes mit der Ursache der Verdauungshyperämie kann morphologisch nicht erfasst werden. Daher beziehen wir uns in erster Linie auf den Tatbestand des Erbrechens, insbesondere auch im Hinblick auf die Erwähnung in der Literatur.

Allerdings ist bei der Beurteilung des Lungenbefundes auf postmortale Einflüsse zu achten, die zu einem Vorfinden von Mageninhalt in den Luftwegen führen könnten. Nach KNIGHT [24] gibt es nur zwei sichere Methoden zur Beurteilung der Vitalität von in den Luftwegen vorgefundenem Mageninhalt. Die eine Methode ist der histologische Nachweis einer fortgeschrittenen vitalen Reaktion in dem Bereich des Lungengewebes wo sich Mageninhalt befindet, wie z.B. eine Infektion, Nekrose oder eine sichere Entzündungsreaktion. Da diese vitalen Reaktionen sich erst nach einer gewissen Zeit zeigen, Ertrinkungsopfer die Mageninhalt [Seite 67↓]aspiriert haben aber kurze Zeit nach dieser Aspiration sterben, wird man bei diesen Personen im nachhinein keine dieser Zeichen in ausreichender Ausprägung finden können. So bleibt schließlich allein die Beobachtung eines solchen Vorganges als sicherer Beweis.

Da es nach GARDENER [15], KNIGHT [24] und PULLAR [38] relativ häufig zu einem postmortalem hineingelangen von Mageninhalt in die Luftwege kommen kann, sei es durch Reanimationsmaßnahmen oder durch ein Zurückfließen von Mageninhalt in die Luftwege z.B. durch starkes hin und her bewegt werden des Leichnams, ist die Beurteilung und die Untersuchung von Mageninhalt in den Luftwegen bezüglich ihrer Vitalität sehr kritisch und mit Vorbehalt durchzuführen. Bei den Fällen des Berliner und des Greifswalder Sektionsgutes fand sich kein Fall mit Mageninhalt in den Luftwegen bei dem ein Reanimationsversuch stattfand.

BRINKMANN [6] schreibt in seinem Lehrbuch, daß „ im Hinblick auf die Überlebenszeit .... die Tiefe der Aspiration“ wichtig ist. „Die agonale Aspiration erstreckt sich bis in die Trachea und die großen Bronchien, während die vitale und gelegentlich auch todesursächliche Aspiration bis in die Peripherie (subpleural) zu verfolgen sein soll. Es empfiehlt sich daher sehr, die kleinen Bronchien bis in die Peripherie aufzuschneiden.“

Festzuhalten ist, daß wenn ein abgelaufener Reanimationsversuch stattgefunden hat oder ein Hinweis für ein postmortales hin und her bewegen des Leichnams vorliegt, Mageninhalt in den Luftwegen bezüglich seiner Vitalität eher kritisch zu beurteilen ist.

Dem hingegen kann die Tiefe der Aspiration oder die Menge des Mageninhalte in den Luftwegen ein Hinweis für eine vitale Aspiration sein.

Im folgenden wird die Erwähnung des SEHRTschen Magentodes in der Literatur dargestellt und darauf eine kasuistisch-diskriptive Untersuchung der Fälle mit Diskussion über die jeweilige Wahrscheinlichkeit der Vitalität des Mageninhalt in den Luftwegen durchgeführt.

Es gibt in der einschlägigen Literatur verschiedene Hinweise auf den sogenannten SEHRTSCHEN Magentod.

Eine erste Beschreibung des Vorganges findet sich 1930 in dem Lehrbuch von LOCHTE und Mitarbeitern: „So sind Todesfälle durch...Erbrechen unter Wasser mit Aspiration des Erbrochenen bei vollem Magen,....beschrieben worden. .... Das Untergehen erfolgt dann gewöhnlich lautlos, ..“ [26].

Diese Erwähnung deckt sich mit der Beschreibung von SEHRT. Allerdings findet sich hier kein Hinweis auf den SEHRTschen Magentod.

Die nächste Beschreibung dieses Vorganges findet sich bei B. MUELLER (1953 und 1975): „Die Reizung der Magenschleimhaut durch das kalte Wasser kann zum Erbrechen führen. Die [Seite 68↓]Aspiration von Speisemassen bis in die feinen Bronchien kann mitunter den Ertrinkungsvorgang abkürzen. Dieser Vorgang wird im Schrifttum als Magentod bezeichnet (SEHRT)“ [32] [33]. Hier wird zum ersten Mal der SEHRTsche Magentod genannt und zusätzlich ein Zusammenhang zwischen verschlucktem kalten Wasser und Erbrechen hergestellt. Dieser ist allerdings von SEHRT so nicht beschrieben worden.

Hierauf folgt 1975 bei O. PROKOP: „Da beim Ertrinken, wie wir schon bei DEVERGIE gelesen haben, auch eine größere Menge Wasser verschluckt wird, ja manchmal soviel, daß Dehnungsrisse der Magenschleimhaut (oft radiär an der kleinen Kurvatur) eintreten können, kann es, zumal das Wasser oft sehr kalt ist, zum Erbrechen unter Wasser kommen. Die mit aus dem Magen herausbeförderten Speisebestandteile können eingeatmet werden ("SEHRTscher Magentod").“ [37]. Auch hier findet sich die Erwähnung des Zusammenhanges vom Verschlucken kalten Wassers und dem dadurch ausgelösten Erbrechen. Jedoch wird zusätzlich eine Verbindung zu der Menge an verschlucktem Wasser aufgezeigt. Es werden weiterhin Magenschleimhautdehnungsrisse durch die große Menge an verschlucktem Wassers erwähnt.

1976 findet sich eine Erwähnung in dem Buch von G: DIETZ, W. DÜRWALD: „Umgekehrt kann die Zeitdauer auch eine Abkürzung erfahren, wenn nämlich durch das Verschlucken von Wasser über die Magenschleimhaut ein Brechakt ausgelöst wird und das Erbrochene in die Luftwege gelangt. Es liegt dann eine Kombination zwischen Aspiration und Ertrinken vor, die man als "Sehrtschen Magentod" bezeichnet.“ [9]. Hier gibt es keine Erwähnung des kalten Wassers, welches den Brechakt auslösen soll. Als Grund für die Auslösung des Brechaktes wird hier allein das verschluckte Wasser genannt.

Auch in der englischsprachigen Literatur finden sich Hinweise auf den Vorgang des Magentodes allerdings ohne Erwähnung E. SEHRTS. So ist bei C. TEDESCHI und Mitarbeiter (1981) zu lesen: „Occasionally, the individual vomits during drowning, and stomach contents may be found in the air passages.“ [48].

Bei J. DOMINICK, J. VINCENT (1989) heist es: „Some water is also swallowed and will be found in the stomach. During this interval of submersed breathing, the patient may also vomit and aspirate some gastric contents“ [10].

Das 1992 verlegte Lehrbuch von W, SCHWERD schreibt: „1. Auch Bronchopneumonien durch aspirierten, während des Ertrinkens reurgitierten Mageninhalts können auftreten. 2. Durch Überdehnung kann die Schleimhaut des Magens einreißen (Sehrtsche Schleimhautrisse).“ [43]. Hier findet sich, wie auch schon in den zwei vorher zitierten englischsprachigen Werken, eine knappe Erwähnung des Vorgangs des Erbrechens und dem folgenden Aspirieren des Mageninhaltes, jedoch ohne tödlichen Ausgang. Allerdings folgt hier [Seite 69↓]nicht eine im Zusammenhang der durch Erbrechen verursachten Mageninhalts- Aspiration stehende Erwähnung des E. SEHRT. Diese findet sich im folgenden Satz (s.o.), welcher sich auf die SEHRTschen Schleimhautrisse bezieht.

Es konnte noch ein Hinweis auf den Vorgang des SEHRTschen Magentodes in einem englischsprachigen Lehrbuch gefunden werden. 1993 wurde L. BURIS „Forensic Medicin“ verlegt. In diesem steht geschrieben: „A large quantity of water also get` s into the airway and the stomach. This triggers the vomiting reflex before unconsciosness sets in and fluid, or rather vomit, may be aspirated“ [7]. Hier wird ein Zusammenhang von der Menge des verschluckten Wassers zum Erbrechen hergestellt und angedeutet, daß nach Einschätzung des Autors dieser Vorgang selten vorkommt.

Die zeitlich aktuellste Erwähnung des SEHRTschen Magentodes findet sich in I. WIRTH, H. STRAUCH „Rechtsmedizin“ (2000): „Während des Ertrinkens kommt es gelegentlich zum Erbrechen unter Wasser mit nachfolgender Einatmung von Mageninhalt (sog. SEHRTscher Magentod)“ [52].

In dem Sektionsgut der beiden rechtsmedizinischen Institute der Universitäten Berlin und Greifswald finden sich jeweils:

  1. in Berlin von insgesamt 129 Ertrunkenen der Jahre 1991 bis 2000 acht Ertrunkene (6,2 %) mit Mageninhalt in den Luftwegen.
  2. in Greifswald unter den insgesamt 209 Ertrunkenen der Jahre 1991 bis 2000 zwölf Ertrunkene (5,7 %) mit Mageninhalt in den Luftwegen.

Zur Veranschaulichung der Lokalisation des Speisebreies in den Luftwegen und zum besseren Verständnis nochmals eine Tabelle:

Tab. 28: Ertrunkene mit Mageninhalt in den Luftwegen des Berliner und des Greifswalder Sektionsgutes der Jahre 1991-2000 unterteilt nach dem Ort des Mageninhaltes

 

Berlin

Greifswald

Kehlkopf

1

1

Luftröhre

2

4

Bronchien

0

1

Kehlkopf+Luftröhre

2

2

Luftröhre+Bronchien

3

2

Kehlkopf+Luftröhre+Bronchien

0

2

Gesamt

8

12


[Seite 70↓]

Kasuistische Darstellung der Fälle mit Mageninhalt in den Luftwegen des Berliner und des Greifswalder Sektionsgutes geordnet nach der Tiefe des Mageninhaltes in den Luftwegen (oben gezeigten Tabelle):

Fall 1: 50 jährige Frau, durch Suizid in der Badewanne verstorben. Im Kehlkopfeingang Mageninhalt. Die Speiseröhre ist normal weit, sie enthält reichlich Mageninhalt. Mageninhaltsmenge: 300 ml, flüssig. BAK: 3,30.

Fall 2: 25 jähriger Mann, durch Unfall in einem Fluß verstorben. Rachen- und Kehlkopfeingang frei, etwas Mageninhalt aufgelagert. Mageninhaltsmenge: 600ml, breiig. BAK: 0,25

Fall 3: 25 jährige Frau, durch Suizid in Fluß verstorben. In der Luftröhre wenig Mageninhalt.

Mageninhaltsmenge: 200 ml, breiig.

Fall 4: 20 jähriger Mann, durch Unfall in einem See verstorben. Im gesamten Verlauf der Luftröhre reichlich schleimig-schaumiger Inhalt sowie wenig geformte Bestandteile (Mageninhalt). Mageninahaltsmenge: 400 ml, BAK: 2,9

Da hier der Beschreibung nach eine reichliche Menge Mageninhalt in der Luftröhre beschrieben wird kann eine vitale Aspiration vermutet werden.

Fall 5: 86 jähriger Mann, unklar in einem Fluß verstorben. In der Luft- und Speiseröhre ist etwas Speisebrei eingelagert. Mageninhaltsmenge: 999 ml, breiig. BAK: 0

Fall 6: 13 jähriger Junge, unklar in der Ostsee verstorben. In den oberen Anteilen der Luftröhre sind einzelne Speisebreiflocken erkennbar. Mageninhaltsmenge: 5 ml, breiig. BAK: 0,19

Fall 7: 37 jähriger Mann, unklar in einem See verstorben. In der Speiseröhre sind im oberen Drittel geringfügige Speisebreieinlagerungen vorhanden, ebenso auch in der Luftröhre, hier in der Tiefe bis zur Teilungsstelle reichend. Mageninhaltsmenge: 100 ml, schleimig. BAK: 0,08


[Seite 71↓]

Fall 8: 27 jähriger Mann, durch Suizid in einem See verstorben. In der Luftröhre ist vermehrt Speisebrei eingelagert. Mageninahltsmenge: 200 ml, flüssig. BAK: 0,22

Da auch hier eine vermehrte Speisebrei Einlagerung, allerdings nur in der Luftröhre, beschrieben wird kann auch hier ein vitales Geschehen vermutet werden.

Fall 9: 57 jähriger Mann, durch Unfall in einem Fluß verstorben. In den Bronchien befindet sich ein schleimiger Inhalt, der z. T. von einem graufarbenen Material durchsetzt ist (Mageninhalt). Mageninhaltsmenge: 999 ml, wässrig. BAK: 0

Da in diesem Fall der Mageninhalt in den Bronchien lokalisiert ist kann auch hier eine vitales Geschehen vermutet werden.

Fall 10: 57 jährige Frau, durch Suizid in Badewanne verstorben. Wässriger Inhalt mit grauen Flocken (Mageninhalt) im Kehlkopf und im oberen Anteil der Luftröhre. Speiseröhre beinhaltet in der oberen Hälfte ebenfalls flockigen Inhalt von grauer Farbe.

Mageninhaltsmenge: 5 ml, verwässert. BAK: 4,4

Fall 11: 43 jähriger Mann, durch Unfall in einem Fluß verstorben. Im Kehlkopfeingang bis in die Luftröhre reichend etwas klare Flüssigkeit mit Mageninhalt durchmischt.

Mageninhaltsmenge: 10 ml, wässrig. BAK: 1,8

Fall 12: 23 jähriger Mann, durch Unfall in der Ostsee verstorben. Im Bereich des Kehlkopfes und des Rachens sind Speisebreiauflagerungen vorhanden. Einzelne derartige Einlagerungen sind auch in der Luftröhre festzustellen. Mageninhaltsmenge: 300 ml, breiig. BAK: 0

Fall 13: 43 jähriger Mann, unklar in einem See verstorben. Racheneingang enthält etwas Mageninhalt. In der Luftröhre ebenfalls einige Mageninhaltsbestandteile.

Mageninhaltsmenge: 350 ml, flüssig. BAK: 0

Fall 14: 30 jähriger Mann, unklar in einem See verstorben. Im unteren Drittel der Luftröhre sowie in den großen Luftröhrenästen Schlamm und Mageninhalt. Mageninhaltsmenge: 300 ml, breiig. BAK: 0,4


[Seite 72↓]

Fall 15: 2 jähriger Junge, durch Unfall in einem See verstorben. In der Luftröhre blutig-schleimiger, von Nahrungsbrei durchsetzter Inhalt, der sich in die Luftröhrenäste verfolgen lässt. Mageninhaltsmenge: 10 ml, feste Bestandteile. BAK: -

Fall 16: 82 jähriger Mann, durch Unfall im Meer (Ägypten) verstorben. Luft- und Speiseröhre reichlich nahrungsbreiartige Partikel enthaltend. Die lungenseitigen Luftröhrenverzweigungen reichlich nahrungsbreiartige Bestandteile bis in die peripheren Aufzweigungen enthaltend. Mageninhaltsmenge: 500, breiig. BAK: -

Hier wird reichlich Mageninhalt bis in die peripheren Aufzweigungen der Lunge beschrieben, was unter den vorgestellten Fällen am ehesten einer vitalen Aspiration entsprechen würde.

Fall 17: 48 jährige Frau, unklar in Badewanne verstorben. Luftröhre ist in dem gesamten Umfang bis in die Hauptaufzweigungen herabreichend mit Einlagerungen von wandhaftenden Mageninhalt versehen. Aufzweigungen der Luftröhre durch Mageninhalt teilausgefüllt.

Magenininhaltsmenge: 30 ml, breiig. BAK: 0

Auch dieser Fall lässt eine vitale Aspiration vermuten.

Fall 18: 42 jähriger Mann, durch Unfall verstorben. Mageninhalt in der Speiseröhre, Luftröhre und in den großen Bronchien (Mageninhaltsaspiration). Mageninhaltsmenge: - ,wässrig.

BAK: 0,5

Bei diesem Fall wurde in dem Sektionsprotokoll von einer Mageninhaltsaspiration gesprochen.

Fall 19: 83 jährige Frau, durch Suizid in einem Fluß verstorben. Im Kehlkopfinneren und im Verlauf der Luftröhre etwas Speisebrei. In den Aufzweigungen der Luftröhrenäste etwas geronnenes Fett und Speisebrei eingelagert. Mageninhaltsmenge: 30 ml, schleimig. BAK: 0

Fall 20: 58 jähriger Mann, unklar verstorben. Im Kehlkopfinneren mäßig viel Speisematerial. Auch im Anfangsteil der Luftröhre, die im übrigen durchgängig und unauffällig ist, findet sich ein dünner Film von Speisebrei. In den Bronchien der rechten Lunge findet sich bis in periphere Abschnitte hinein, mäßig viel Speisebreimaterial. In den Bronchien der linken Lunge kein Fremder Inhalt zu sehen. Mageninhaltsmenge: 750 ml, wässrig. BAK: 0

Hier lässt die Tiefe der Aspiration ein vitales Geschehen vermuten.


[Seite 73↓]

Wie man nach Begutachtung der dargestellten Fälle bezüglich der Mengenangaben und der beschriebenen Tiefe des Mageninhaltes in den Luftwegen feststellen kann, kommen nur die Fälle Nr. 4, Nr.8, Nr.9, Nr.16, Nr.17, Nr.18, Nr.19 und die Nr.20 für eine vitale Aspiration in Frage (das sind 2,8 % des Gesamtkollektives). Wobei diese unter dem schon genannten Vorbehalt und entsprechend kritisch zu sehen sind. Von diesen Fällen sind die Fälle Nr.16, Nr.18 und Nr.20 besonders hervorzuheben, da in diesen Fällen reichlich Mageninhalt bis in die peripheren Bronchien beschrieben ist (dies sind 0,8 % des Gesamtgutes).

Der SEHRTsche Magentod scheint somit eine sehr geringe Häufigkeit und damit auch Bedeutung zu haben (unter 6 %) und ist nur unter der Angabe der Menge und der genauen Tiefe (bis in die peripheren Bronchien) des Mageninhaltes in den Luftwegen, und auch dann sehr eingeschränkt, zu beurteilen.

UMIERSKi [50] fand in Kiel unter 260 Ertrinkungstoden der Jahre 1940 bis 1950 15 Fälle

(5,8 %) mit Speisebrei in der Trachea. Somit scheint die Häufigkeit von Mageninalt in den Luftwegen in den drei unterschiedlichen Regionen ungefähr bei 6 % zu liegen.

5.6. Magenbefund

5.6.1. Mageninhaltsmenge

Vergleicht man die Menge des Mageninhaltes in den Gruppen der durch Tod durch Ertrinken Verstorbenen in Berlin und Greifswald mit den Gruppen der mit Mageninhalt in den Luftwegen Ertrunkenen, so fällt doch eine scheinbar häufiger auftretende starke Magenfüllung in der Gruppe der mit Mageninhalt in den Luftwegen Ertrunkenen auf. Hier müssen jedoch die geringen Fallzahlen beachtet werden. So liegt alleine in Greifswald in der Gruppe der Ertrunkenen ohne Mageninhalt in den Luftwegen unter 197 Ertrunkenen nur bei fünf Fällen eine Magenfüllung von >500 vor. Bei den 12 Ertrunkenen mit Mageninhalt in den Luftwegen waren es vier und somit fast genauso viele.

Sowohl in Berlin als auch in Greifswald fanden sich in der Gruppe der Verstorbenen mit Mageninhalt in den Luftwegen 50 % mit einer Magenfüllung von >299 ml, während in der Verteilung von Ertrunkenen ohne Mageninhalt in den Luftwegen in Berlin nur 36 % und in Greifswald nur 21 % mit einer Magenfüllung >299 ml zu finden waren.

UMIERSKI [50] weist unter den 260 Ertrunkenen der Jahre 1940-1950 in Kiel 69 Fälle nach, bei denen der Magen mit einer fast klaren wässrigen Flüssigkeit gefüllt war. Von diesen Fällen war bei 15 (5,8 %) eine Magenfüllung von >500 ml vorhanden. Sie schließt sich damit der [Seite 74↓]Ansicht von HABERDAS [17] an, daß eine stärkere Füllung des Magens mit Wasser nicht sehr häufig ist. Über die Häufigkeit der Magenfüllung bei anderer Speisebreikonsistenz ließen sich keine Angaben finden.

MERKI [28] gibt die Verteilung der Magenfüllungen in einem Untersuchungsgut von 36 durch Badeunfälle Ertrunkener wie folgt an:

Leerer Mageninhalt

9 Pers.

650-900ccm

5 Pers.

100-300 ccm

7 Pers.

>900 ccm

5 Pers.

350-600 ccm

8 Pers.

Keine Angaben

2 Pers.

Hier scheint die Häufigkeit einer Magenfüllung >500 ml höher als in den anderen Verteilungen zu sein. Allerdings ist die Auswahl dieser Gruppe bereits aus einem vorherigen Gut selektiert, das 137 Betroffene mit Tod durch Ertrinken der Jahre 1952- 1955 umfaßt. Dies könnte zu einer Verzerrung der Daten geführt haben.

Vergleicht man nun die Menge des Mageninhaltes mit der Tiefe der Aspiration, so kommt man zu folgendem Ergebnis:

Tab. 29: Ertrunkene mit Mageninhalt in den Luftwegen des Berliner und des Greifswalder Sektionsgutes der Jahre 1991-2000 unterteilt nach dem Ort des Mageninhaltes in den Luftwegen und der Menge der Magenfüllung

Mageninhaltsmenge

Kehlkopf

Luftröhre

Bronchien

>500 ml

1

0

3

300-500 ml

2

2

2

100-299 ml

0

3

0

0-99 ml

0

4

2

Dies deutet nicht darauf hin, daß bei stark gefülltem Magen der Mageninhalt tiefer lokalisiert ist. Die geringen Fallzahlen müssen beachtet werden.

An dieser Stelle ist es allerdings noch Interessant die Verteilung der Betroffenen mit Mageninhalt in den Luftwegen hinsichtlich des Todesortes Badewanne und Meer/See und der jeweiligen Mageninhaltsmenge zu betrachten. Es liegt die Vermutung nahe, daß Leichen in der Badewanne weniger hin und her bewegt werden als Leichen in einem größeren Gewässer.


[Seite 75↓]

Diese Untersuchung der Ergebnisse würde der Annahme genüge tragen, daß es bei Leichen die postmortal stärker bewegt werden zu einem gehäuften zurückfließen von Mageninhalt in die Luftwege kommen kann. Dies ist natürlich um so wahrscheinlicher je stärker der Magen gefüllt ist.

Abb. 30: Betroffene beider Kollektive mit Mageninhalt in den Luftwegen die im Meer/See oder in der Badewanne verstorben sind.

Es finden sich 3 Betroffene unter den Ertrunkenen mit Mageninhalt in den Luftwegen in einem offenen Gewässer mit einer Magenfüllung von 0-99 ml (das sind 5 % von allen Ertrunkenen in einem offenen Gewässer mit einer entsprechenden Magenfüllung), 2 mit einer Magenfüllung von 100-299 ml (4 %) und 5 Betroffene mit einer Mageninhaltsmenge von 300-500 ml (15 %).

Demgegenüber stehen 3 Betroffene mit Mageninhalt in den Luftwegen die in der Badewanne ertrunken sind. Hiervon findet sich bei zweien ein Mageninhalt von 0-99 ml (18 %) und bei einem eine Mageninhaltsmenge von 100-299 ml (6 %).

Mann muß hier die geringen Fallzahlen beachten.


[Seite 76↓]

5.6.2.  Mageninhaltskonsistenz

In der Literatur findet sich bei UMIERSKI [50] eine Angabe über die Mageninhaltskonsistenz der durch Tod durch Ertrinken Verstorbenen des Kieler Institutes der Jahre 1940-1950.

Die Magenfüllung bestand in 209 Fällen von insgesamt 260 Ertrunkenen:

Da die Unterteilung der Konsistenz eine andere ist als die in dieser Studie verwendete, ergeben sich Schwierigkeiten beim Vergleich. Doch kann man gewisse Ähnlichkeiten der Gruppen erkennen. So kann die Gruppe mit festerem Mageninhalt der Gruppe mit dickem, teils angedautem Speisebrei gleichgestellt werden. Die Gruppe mit schleimigem Mageninhalt, aber auch die Gruppe mit breiigem Mageninhalt, kann der Gruppe mit dünnem Speisebrei und die Gruppe ‚wäßrig/flüssig‘ kann der Gruppe mit fast klarer, wäßriger Flüssigkeit sowie der Gruppe der mit angedauten Nahrungsresten angereicherten Flüssigkeit gleichgestellt werden. Leider gibt es hier keine exakte und vereinheitlichte Festlegung in der Gerichtsmedizin, so daß es von der subjektiven Einschätzung des jeweiligen Obduzierenden abhängt, in welche Kategorie die Mageninhaltskonsistenz eingeordnet wird. Dies schränkt natürlich die Aussagekraft von Vergleichen ein.

Zum Vergleich die Verteilung des Berliner und Greifswalder Sektionsgutes:

Tab. 30: Ertrunkene mit und ohne Mageninhalt in den Luftwegen des Berliner und des Greifswalder Sektionsgutes der Jahre 1991-2000 und des Kieler Sektionsgutes der Jahre 1940-1950 unterteilt nach der Mageninhaltskonsistenz

 

Berlin

Greifsw.

„Aspi.“ Berlin

„Aspir.“ Greifsw.

Kiel

Wässrig

72 %

40 %

37,5 %

42 %

43 %

Schleimig

2 %

6 %

0 %

17 %

-

breiig

17 %

22 %

37,5 %

42 %

28 %

fester

1 %

3 %

12,5 %

0 %

29 %

k. Angaben

8 %

29 %

12,5 %

0 %

20 %


[Seite 77↓]

Beim Vergleich der verschieden Gruppen wird deutlich, daß in der Gruppe der Betroffenen mit Magen in den Luftwegen die Betroffenen mit breiiger Mageninhaltskonsistenz gleich häufig wie Betroffenen mit wässriger Konsistenz des Mageninhalts vorkommen und damit häufiger auftreten als es in der Gesamtverteilung der Ertrunkenen der Fall ist. Ein breiiger Speisebrei deutet auf eine Nahrungsaufnahme vor dem Baden hin.

Allerdings gilt auch hier wieder der Verweis auf die geringen Fallzahlen, die beachtet werden müssen.


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 3.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
04.08.2004