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1  Einleitung

1.1 Relevanz des Themas

Die Taiwan-Frage war ein Dauerproblem der internationalen Politik im Zeitalter des Kalten Krieges. Auch nach dem Ende des Ost-West-Konflikts ist die Taiwan-Frage immer noch ein gefährlicher Konfliktherd in Ostasien und das schwierigste Problem in den Beziehungen zwischen China und den USA. Im März 1996 verschärfte sich die Krise in der Taiwan-Straße zu einem regelrechten Dilemma für die strategische Beziehung der USA zu China. Dadurch drohte ein militärischer Konflikt, welcher die gesamte strategische Lage im ostasiatisch-pazifischen Raum radikal verändern könnte. Die Taiwan-Frage ist deshalb ein ausgesprochen wichtiges Thema in der US-Strategie für Ostasien-Pazifik nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes.

Der schnelle Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa, die Wiedervereinigung Deutschlands und der Kollaps der Sowjetunion Ende der 80er Jahre bewirkten eine umfassende Veränderung des gesamten internationalen Systems. Die USA sind nach dem Ende des Ost-West-Konflikts die einzige verbliebene Supermacht. In Ostasien änderten die Abnahme des russischen Einflusses und der dramatische Aufstieg Chinas zur regionalen Macht die Großmächtekonstellation und die Konfiguration der strategischen Lage, besonders die strategischen Beziehungen zwischen China und den USA. Die strategische Bedeutung Chinas für die USA hatte nachgelassen, ebenso wie umgekehrt die USA für China nicht mehr als Rückendeckung gegen die militärische Bedrohung durch seinen nördlichen Nachbarn benötigt wurden. Vielmehr entwickelte sich das aufstrebende China mehr und mehr zu einem Unsicherheitsfaktor für die Stabilität im Westpazifik. Dies wird für die amerikanische Position in Ostasien nicht folgenlos bleiben.1 Das heißt, wegen der geopolitischen Lage sowie der unterschiedlichen strategischen Interessen existiert eine natürliche Führungskonkurrenz Chinas und der USA in Ostasien. Die Behandlung Chinas ist natürlich der Mittelpunkt der US-Strategie für Ostasien-Pazifik nach dem Ende des Ost-West-Konfliks. Deshalb dominierten in der ersten Hälfte der 90er Jahre Debatten wie „Konfrontation oder Koopera[Seite 5↓] tion?“, „Einbindung oder Eindämmung?“ sowie Spekulationen über den „Kommenden Konflikt“2 oder einen „Zusammenstoß der Zivilisationen“3 die Zukunftsvisionen der amerikanisch-chinesischen Beziehungen.

Es ist die größte Herausforderung für die USA, eine stabile Beziehung mit der aufsteigenden Großmacht in Ostasien, China, zu etablieren. Unter den vielen Problemen ist die Taiwan-Frage immer noch das schwierigste in den Beziehungen zwischen China und den USA. Nach der Annäherung zwischen den USA und China in den 70er Jahren wurde das Bild des strategischen Dreiecks Washington-Moskau-Beijing hinreichend angewendet, um die globalen Machtverhältnisse während des Kalten Krieges zu erklären. In dieses große Dreieck integriert war ein kleineres mit den Eckpunkten Washington-Taipeh-Beijing. Während die große Dreiecksbeziehung nach der Auflösung der Sowjetunion an Bedeutung verloren hat, scheinen die letztgenannten trilateralen Beziehungen in den 90er Jahren eher an Bedeutung zu gewinnen. China wurde in Washington als das einzige Land gesehen, das die US-Dominanz in der Asien-Pazifik Region herausfordern konnte. In diesem Kontext wurde Taiwan wieder Teil der strategischen Gleichung der chinesisch-amerikanischen Beziehungen.4

Taiwan besitzt eindrucksvolle militärische Fähigkeiten, eine starke technisch-industrielle Basis und befindet sich in einer ausgezeichneten wirtschaftlichen Lage. Es steht im Schnittpunkt der strategischen und ökonomischen Interessen Japans, Chinas und der USA. Zusätzlich ist Taiwan demokratisiert und kapitalistisch. Damit präsentiert es sich als Alternative zur VR China. Folglich spielt ein mehr oder weniger unabhängiges Taiwan eine Rolle in dem Teil der US-Strategie, der auf China und die Ausbalancierung des chinesischen Aufstiegs zielt. Die USA wollen die dominierende Macht in Ostasien-Pazifik bleiben, die Machtbalance in der Region aufrechterhalten und die Hegemonie eines Landes verhindern. Sollte Beijing sich in das bestehende regionale und globale politisch-ökonomische System nicht integrieren, sondern den [Seite 6↓] Status quo der Sicherheitsarchitektur in Ostasien-Pazifik herausfordern, müsste Washington unweigerlich in der Taiwan-Frage eingreifen. Daher ist die Zukunft Taiwans für die USA das wichtigste und zugleich konfliktträchtigste bilaterale Thema im Verhältnis zu Beijing.

Aus der Perspektive Beijings stellt sich die Taiwan-Frage freilich vollkommen anders dar. Die Kommunisten gewannen den Bürgerkrieg 1949 auch mit dem Versprechen, das durch ausländische Mächte und Kriege fast hundert Jahre lang gedemütigte und zerrissene Land zu einen. Taiwan symbolisiert für Beijing deshalb ein nationales Trauma: ein geteiltes China, während Tibet (1951), Hongkong (1997) und Macao (1999) mit gewaltsamen oder friedlichen Mitteln in das Reich der Mitte zurückgeholt werden konnten. Im März 1996 schien eine Wiedereingliederung sich abzuzeichnen, als China in der Straße von Taiwan groß angelegte Manöver abhielt und Raketen mit scharfer Munition testete, um die ersten freien Präsidentschaftswahlen in Taiwan zu stören. Das Motiv für dieses Vorgehen der chinesischen Führung war die Befürchtung, Taiwan könnte sich offiziell für unabhängig erklären. Die USA reagierten in unerwarteter Deutlichkeit und entsandten zwei Flugzeugträgergruppen in die benachbarten Gewässer. Das war seit dem Vietnamkrieg die stärkste Konzentration amerikanischer Militärmacht in der Region. Aus der Sicht von Chinas oberster Führung besteht das strategische Ziel der USA darin, ihre Hegemonie auf die ganze Welt auszudehnen, da sie nicht hinnehmen wollen, dass in Europa oder Asien eine Großmacht entsteht, die ihre Führungsposition bedrohen könnte. Somit werden die USA die Wiedervereinigung Chinas möglichst zu verhindern suchen.5

China ist unstreitig bereits eine bedeutende regionale Macht und strebt wahrscheinlich nach höheren Zielen. Man darf nicht vergessen, daß China nie in eine endgültige Abtrennung Taiwans eingewilligt hat. Für die chinesische Führung in Beijing ist die Wiedervereinigung mit Taiwan höchstes Staatsinteresse. Dafür mit allen möglichen Mitteln zu kämpfen, muss China vorbereitet werden. Der Aufstieg Chinas wird die Tai[Seite 7↓] wan-Frage in Zukunft unumgänglich wieder aufwerfen und könnte irgendwann einmal eine direkte Konfrontation zwischen China und den USA heraufbeschwören.6

Diese einführenden Gedanken sollten die Aktualität und Relevanz des Themas verdeutlichen. Auf der einen Seite wird selbstverständlich die US-Strategie für Ostasien-Pazifik den entscheidenden Einfluss auf die Zukunft Taiwans ausüben. Auf der anderen Seite ist die Taiwan-Frage für die USA ein vitales Thema in ihrer Strategie für Ostasien-Pazifik und hat profunde strategische Implikationen für die Region nach dem Ende des Ost-West-Konflikts. Wenn sie nicht klug gehandhabt werden, könnten große Gefahren für Stabilität und Frieden im gesamten ostasiatisch-pazifischen Raum drohen. Auch aufgrund ihrer Kompliziertheit und Empfindlichkeit hat die Lösung der Taiwan-Frage große Auswirkungen auf die globale Wirtschaft und Sicherheit.


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1.2  Die Taiwan-Frage im Überblick

Der Kern der Taiwan-Frage nach dem Ende des Ost-West-Konflikts kann folgenderweise zusammengefaßt werden: Die Führung der Volksrepublik China verfolgt unbeirrbar zwei Ziele: kurzfristig die Anerkennung der staatlichen Unabhängigkeit Taiwans zu verhindern, wobei sie Gewalt als Mittel zur Durchsetzung ihrer Interessen nicht ausschließt, und langfristig die friedliche Wiedervereinigung Taiwans mit dem Mutterland anzustreben, ohne jedoch auch hier gewaltsame Optionen auszuschließen. Trotz der Tatsache, dass die Mehrheit der Weltgemeinschaft Beijings Anspruch anerkannte, dass es nur „ein China“ (die Volksrepublik China) gebe, wovon Taiwan nur einen Teil bilde, genoss das taiwanische Regime seit dem Rückzug der Nationalchinesischen Partei (Kuomintang) auf die Insel infolge des Sieges der Kommunisten im Chinesischen Bürgerkrieg de facto Autonomie. Taipeh hatte nicht nur darin Erfolg, inoffizielle, in Wirklichkeit jedoch quasi-offizielle Beziehungen zu den meisten Staaten aufzunehmen. Vielmehr trieb die taiwanische Führung in den letzten Jahren energisch eine Kampagne zu Aufwertung des internationalen Status’ des Landes voran, indem internationale Beziehungen zunehmend offiziell gestaltet und die Repräsentation in internationalen Körperschaften ausgeweitet wurden. Beijing betrachtete diese Bestrebungen als direkte Kampfansagen an die Doktrin vom „einen China“, welche die Unabhängigkeit Taiwans zum Ziel hätten.7

Die Taiwankrise 1995-96 verschärfte die Gefahr eines militärischen Zusammenstoßes in der Straße von Taiwan in einem Maße, wie man es seit den fünfziger Jahren nicht mehr erlebt hatte. Die Ursachen dieses Konflikts reichen jedoch weit in die Vergangenheit. Das schon seit langem der Zukunft Taiwans im Wege stehende Dilemma harrt immer noch seiner Lösung. Um die von der ungeklärten Taiwan-Frage aufgeworfenen Probleme verstehen zu können, ist es notwendig, das historische Erbe, die wechselnden internationalen Kräfteverhältnisse und zu Grunde liegenden strategischen Strukturen darzustellen und zu analysieren.


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1.2.1  Die historischen Wurzeln des ungelösten Dilemmas

Nachdem die chinesischen Kommunisten die Nationalchinesische Partei (Kuomintang, KMT) auf dem Festland besiegt und 1949 ihre Herrschaft errichtet hatten, genoss die Rückgewinnung der Insel Taiwan höchste Priorität. Beijings neue Führer betrachteten dies als absolut notwendige Voraussetzung, um den Bürgerkrieg beenden und die Wiedervereinigung Chinas abschließen zu können. Im Jahre 1950 bereiteten sie eine Invasion auf Taiwan vor. Nachdem die amerikanische Regierung im Januar 1950 öffentlich erklärt hatte, dass die Vereinigten Staaten im Falle einer kommunistischen Machtübernahme in Taiwan nicht zu intervenieren gedächten, wurde allgemein angenommen, dass die kommunistischen Streitkräfte die Insel innerhalb weniger Monate einnehmen würden.

Der Mitte 1950 erfolgte nordkoreanische Angriff auf Südkorea gab den USA nicht nur zur aktiven Verteidigung Südkoreas, sondern auch zu einer Neubeurteilung ihrer politischen Haltung in der Taiwanfrage Anlass. Kurz nach Beginn des Krieges in Korea und noch bevor die VR China Truppen zur Unterstützung Nordkoreas entsandt hatte, erklärte Washington, dass die Siebente Flotte die Straße von Taiwan „neutralisieren“ werde, um die Nationalisten vor einer Invasion zu schützen. Ebenso gaben die USA bekannt, dass in ihren Augen der Status Taiwans noch nicht entschieden sei.8 Vom Standpunkt Beijings aus verhinderten diese Maßnahmen der Vereinigten Staaten den Abschluss des revolutionären Bürgerkrieges und der Einheit Chinas.

Die Konfrontation amerikanischer und chinesischer Streitkräfte im Koreakrieg sowie die Protektion Taiwans durch die USA waren die fundamentalen Ursachen des nach dem Waffenstillstand in Korea lange (beinahe zwei Jahrzehnte) überdauernden Konflikts zwischen den USA und der VR China. China verstand die „Befreiung“ Taiwans weiterhin als grundlegendes Ziel höchsten Ranges. Die Vereinigten Staaten hörten nicht auf, die Republik China auf Taiwan als rechtmäßige Regierung Chinas anzusehen und entscheidende militärische und ökonomische Hilfen zur Stärkung des natio[Seite 10↓] nalchinesischen Regimes zu gewähren. Im Jahre 1954 unterzeichneten sie einen gegenseitigen Beistandspakt mit Taiwan.9

Beijing, über diese Entwicklungen brüskiert und verärgert, übte in der Hoffnung, die Nationalisten zu demoralisieren und Washington dazu zu bewegen, sich von seinem Engagement in Taiwan zurückzuziehen, zweimal, 1954-1955 und wiederum 1958, starken militärischen Druck auf die kleine, von dem nationalchinesischen Regime gehaltene Insel vor der Küste Chinas aus. Mit keiner der beiden Kampagnen wurden diese Ziele erreicht. Mitte der fünfziger Jahre nahmen China und die Vereinigten Staaten, trotz offiziell nicht bestehender diplomatischer Beziehungen, informelle Gespräche auf Botschafterebene auf, die für anderthalb Jahrzehnte fortgeführt wurden. Obwohl diese Gespräche einen Kommunikationsweg eröffneten, der zur Vermeidung von durch Fehleinschätzungen verursachten Konflikten genutzt wurde, führten sie zu keinem signifikanten Fortschritt in Richtung einer Normalisierung der politischen Beziehungen. Taiwan stand während des langwierigen Verhandlungsprozesses immer im Mittelpunkt. Die USA zur Beendung ihres Engagements in Taiwan zu bewegen, war eines der chinesischen Hauptanliegen und aus Beijings Sicht Voraussetzung einer Normalisierung der chinesisch-amerikanischen Beziehungen. Kernanliegen der Vereinigten Staaten war es, daß Beijing den Gewaltverzicht gegenüber Taiwan erklärte, was von dort allerdings mit der Begründung, dadurch würde der Souveränitätsanspruch über Taiwan untergraben, abgelehnt wurde.10

Erst in den frühen siebziger Jahren verstanden sich die chinesische (vertreten durch Mao Zedong und Zhou Enlai) und die amerikanische Regierung (vertreten durch Richard Nixon und Henry Kissinger) darauf, dass ihr gemeinsames Interesse, ein weltpolitisches Übergewicht der Sowjetunion zu verhindern, es erforderlich machte, die Taiwanfrage als das Kernproblem, das die Aufnahme ordentlicher Beziehungen verhindert hatte, zumindest vorübergehend beiseite zu legen. Beide Parteien erkannten Kompromisse als notwendig an, die in drei aufeinander folgenden Gemeinsamen Kommuniqués (1972, 1978 und 1982) niedergelegt wurden und noch heute den Rahmen der chinesisch-amerikanischen Beziehungen bilden. Aber auch in diesen Übereinkünften [Seite 11↓] bestand Beijing darauf, offizielle diplomatische Beziehungen zu den USA erst dann aufzunehmen, wenn diese prinzipiell die Doktrin vom „einen China“ anerkannt, ihre gegenseitigen Verteidigungsabkommen mit Taiwan gelöst, ihre Streitkräfte von der Insel abgezogen, ihre diplomatischen Verbindungen nach Taipeh abgebrochen und auf Beijing übertragen hätten und zukünftige Beziehungen zu Taiwan nur noch auf einer informellen Basis unterhielten.11

Seit Ende der siebziger Jahre, als Deng Xiaoping China auf den Weg verstärkter innerer Wirtschaftsreformen und eines intensiveren Engagements in der internationalen Gemeinschaft führte, hat sich Beijing bei zahlreichen Gelegenheiten in seinem politischen Kurs Taiwan gegenüber ‑ innerhalb bestimmter Grenzen – als flexibel erwiesen. Nach dem Wechsel von einer Politik der gewaltsamen „Befreiung“ zu einer der „friedlichen Vereinigung“ begann China in den frühen achtziger Jahren wechselseitige Kontakte, den gegenseitigen Austausch, Reisen, Handel, Investitionen und den Dialog zu fördern. Obwohl Taipeh anfangs zurückhaltend reagierte, erlaubte die taiwanische Regierung seit der zweiten Hälfte der achtziger Jahre ein rapides Wachstum des ökonomischen Austausches mit dem Festland, einschließlich intensiven Handels und erheblicher Investitionen in China (jedoch ausschließlich auf indirektem Wege, hauptsächlich über Hongkong). Mitte der neunziger Jahre zeichnete sich aufgrund Chinas enorm schnellen und weltweit unerreichten Wirtschaftswachstums und der engen und nachhaltigen Einbindung der Ökonomien Taiwans und Hongkongs in diese Entwicklung die Herausbildung eines „Chinesischen Wirtschaftsraumes“ ab. Damit war die Entstehung neuer und sehr vorteilhafter ökonomischer Interdependenz verbunden, wodurch sich die Region zu einem der dynamischsten Zentren des weltwirtschaftlichen Wachstums entwickelte.12


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Beijing hegte ganz offensichtlich die Hoffnung, dass stärkere Wirtschaftsbeziehungen zu politischer Annäherung führen würden. In den achtziger Jahren hatte Deng Xiaoping die neue Doktrin einer politischen Wiedervereinigung sowohl Hongkongs als auch Taiwans mit dem Mutterland vorgestellt. „Ein Land, zwei Systeme.“ ‑ damit versprach China, dass Hongkong und Taiwan ihre bestehenden ökonomischen und sozialen Systeme über fünfzig Jahre nach der Wiedervereinigung beibehalten und einen hohen Grad von Autonomie genießen könnten. Im Falle Hongkongs wurde diese Formel die Grundlage langwieriger und schwieriger Verhandlungen zwischen London und Beijing, die in die Verabschiedung eines Grundgesetzes mündeten, auf dessen Basis die Regierung in Hongkong nach der Wiedervereinigung arbeiten sollte. Beijing sicherte Taiwan für den Fall der Wiedervereinigung eine noch weitergehende Autonomie als Hongkong zu, u. a. die Beibehaltung eigener Streitkräfte. Die taiwanischen Regierungskreise brachten der Formel „Ein Land, zwei Systeme“ jedoch nur geringes Interesse entgegen und sahen keine Notwendigkeit, diese mit Beijing zu erörtern.13

Im Juni 1995 zwang der US-Kongress die Clinton-Administration dazu, Taiwans Präsident Lee Teng-Hui einen inoffiziellen Besuch der Cornell-Universität zu gestatten. China zeigte sich brüskiert, deutete dies doch auf eine Unterstützung der taiwanischen Unabhängigkeitsbestrebungen durch die USA hin. Die chinesische Führung befürchtete, ähnliche „inoffizielle Besuche“ in Japan oder anderen Ländern könnten sich anschließen. Sie argumentierte, China habe seine Positionen gegenüber den USA mit Nachdruck zu vertreten, da es sonst weiterhin auf „respektlose und beschämende Art und Weise“ behandelt und Taiwans Unabhängigkeitsbestrebungen bestärkt würden. Beijing verfolgte nun gegenüber Taiwan eine Offensivstrategie, die Schmähkampagnen in den Medien mit militärischen Einschüchterungsversuchen verband. Im Juli und August 1995 ließ die Regierung der VR China in Nähe der taiwanischen Nordküste zwei von einer intensiven Medienkampagne begleitete Raketentests durchführen. Während im März 1996 in Taiwan erstmals in seiner Geschichte direkte Präsidentschaftswahlen stattfanden, begann Beijing eine Reihe militärischer Manöver in der Straße von Taiwan. Dabei fand ein Raketentest statt, dessen Zielgebiet nur 30-40 Meilen von den beiden größten Häfen Taiwans, Keelung und Kaohsiung, entfernt lag. Ih[Seite 13↓] ren Höhepunkt erreichten die Spannungen, als die USA zwei Flugzeugträger – die USS Independence und die USS Nimitz ‑ samt Begleitschiffen entsandten, um die internationalen Gewässer in der Straße von Taiwan und Beijings Raketentests zu überwachen. Dies war die größte Machtdemonstration der Vereinigten Staaten gegenüber China seit der Krise in den fünfziger Jahren.14

Am 09. Juli 1999 betonte Präsident Lee Teng-Hui in einem Interview, dass die Beziehungen zwischen Taiwan und China spezielle zwischenstaatliche Beziehungen seien.15 Damit beabsichtigte er klarzustellen, dass diese Beziehungen nicht denen zwischen einer Zentral- und einer Lokalregierung, aber auch nicht denen zwischen unabhängigen Staaten gleichkämen. Vielmehr handele es sich um die speziellen Beziehungen zwischen Gleichen. Regierungsvertreter des Festlandes übergingen das Wort „speziell“ und konzentrierten sich auf den Begriff „zwischenstaatlich“. Sie interpretierten Lees Bemerkungen als einer Eigenstaatlichkeits- bzw. Unab­hängig­keits­er­klärung äquivalent.

Am 18 März 2000 wurde Chen Shui-Bian zum Präsidenten Taiwans gewählt. Da es sich bei ihm um eines der Gründungsmitglieder der nach Unabhängigkeit strebenden Demokratischen Fortschrittspartei (DPP) handelte, hatte seine Wahl den Anschein einer Provokation Beijings, war doch Chen Shui-Bian für die Regierung in Beijing nicht vertrauenswürdig. Entgegen aller Signale der Verhandlungsbereitschaft, die im Vorfeld des Urnengangs in Richtung Festland ausgesandt wurde, beschuldigte man ihn des Verrats an der chinesischen Einheit. Einer Entspannung der sino-taiwanischen Beziehungen konnte dieser Wahlausgang insofern nicht dienen; faktisch ist die Kriegsgefahr in der Taiwanstraße unverändert groß, möglicherweise sogar noch größer als gegen Ende der 90er-Jahre.16


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1.2.2  Wechselnde Machtkonfigurationen und die Strukturen der internationalen Politik in der Ostasien-Pazifik-Region

Die Ostasien-Pazifik-Region befindet sich wie auch andere Regionen der Welt in einer Periode dynamischer Veränderungen, die Ungewißheiten und Ängste für die Zukunft hervorrufen können. Als Ende der 80er Jahre der Untergang des Kommunismus’ in Osteuropa, der Zusammenbruch der Sowjetunion, der ökonomische Zerfall Russlands und das Ende der bipolaren Konfrontation zwischen Washington und Moskau erfolgten, erfuhr das gesamte internationale System weitreichende Transformationen. Zusätzlich zur Abnahme des russischen Einflusses haben einige wichtige Tendenzen Änderungen der internationalen Beziehungen in der Region hervorgerufen. Eine der wichtigsten ist der Aufstieg Chinas als in zunehmendem Maße einflussreicher Großmacht gewesen.

Die Konfiguration der Macht und die Muster der internationalen Beziehungen in der Ostasien-Pazifik Region sind durch den Aufstieg Chinas sowie den Kollaps der Sowjetunion stark beeinflusst worden. Mindestens zum dritten Mal seit den fünfziger Jahren hat die grundlegende Struktur des regionalen internationalen Systems weitreichende Änderungen durchgemacht.17

In den späten fünfziger Jahren und in den frühen sechziger Jahren geschah dies aufgrund der chinesisch-sowjetischen Spannungen. Wieder in den späten sechziger Jahren und in den frühen siebziger Jahren wegen der erneuten Annäherung Chinas an die Vereinigten Staaten und Japan. Dadurch wurde das Gegenüber zweier Supermächte, welches die bipolare Konfiguration der internationalen Politik nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges regional sowie global geprägt hatte, durch ein komplizierteres System regionaler Relationen ersetzt. Die siebziger Jahren und achtziger Jahren kennzeichnete im ostasiatischen Pazifik ein vierseitiges Gleichgewicht. Die komplizierten Verhältnisse bezogen alle vier führenden Mächte dieser Region mit ein: die Vereinig[Seite 15↓] ten Staaten, Japan, die Sowjetunion und China. Die Beziehungen unter diesen Mächten schienen dynamisch, aber relativ stabil zu sein.18

Innerhalb dieses Vier-Mächte-Systems stellte das amerikanisch-japanische Bündnis19 , das seit dem Anfang der fünfziger Jahre bestand, eine entscheidende und wichtige Grundlage für die regionale Stabilität dar. Es war und ist nicht nur das Fundament für bilaterale Beziehungen, sondern auch ein Primärfaktor, der zur Bewahrung des regionalen Friedens und der Sicherheit beiträgt. Zusätzlich bildete die chinesisch-amerikanische Annäherung einen neuen Ausgleichsdämpfer zur sowjetischen Macht. Nach der Normalisierung der chinesisch-japanischen Beziehungen und schließlich im Zuge der russisch-amerikanischen Entspannung entstand ein neues regionales Gleichgewicht. Dann wurde dieses sich entwickelnde vierseitige Gleichgewicht am Ende der achtziger Jahre und am Anfang der neunziger Jahre durch den Einsturz der Sowjetunion empfindlich gestört. Ein regionales Machtdreieck entstand. Der plötzliche Ausfall des Moskauer Einflusses in Ostasien wird möglicherweise nicht von Dauer sein. Russland besitzt noch leistungsfähige Land- und Seestreitkräfte in der Region, und es kann erwartet werden, daß Moskau irgendwann wieder bedeutenden Einfluss ausüben wird. Aber es kann kein Zweifel daran herrschen, dass in den kommenden Jahren der Frieden und die Stabilität in der Region hauptsächlich von den Verhältnissen unter drei Großmächten abhängt: den Vereinigten Staaten, Japan und China.20

Die Aussichten für das Herbeiführen und Aufrechterhalten eines stabilen internationalen Milieus hängen vor allem von den Verhältnissen zwischen China, den Vereinigten Staaten und Japan ab. Diese Verhältnisse formen die politische und ökonomische Zukunft der gesamten Ostasien-Pazifik Region. Wenn die Verhältnisse unter oder zwischen einzelnen dieser Hauptmächte sich auch nur punktuell verschlechtern, wird es kaum noch eine Grundlage für reale Stabilität in dieser Region geben und die Interessen aller Nationen in dieser Region werden leiden.


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Die größte Herausforderung, der Washington und Tokio gegenüberstehen, ist eine Politik zu finden, welche die Spannungen zu China mindert und das Land in das regionale sowie globale internationale System friedlich integriert. In der Frage des richtigen politischen Umgangs mit China liegt das Potential ernster Spannungen zwischen den USA und Japan. Deshalb ist es besonders wichtig, eine friedliche Lösung für Taiwans Zukunft zu finden. Zugleich hat die Zukunft Taiwans sehr großen strategischen Stellenwert für das Beziehungsdreieck China-USA-Japan. Dies gilt besonders für das strategische Verhältnis zwischen China und den USA und den Frieden und die Stabilität in der gesamten Ostasien-Pazifik-Region.


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1.3  Der Forschungsstand

Seit den späten achtziger Jahren sind die Taiwan-Frage und die Beziehungen zwischen der Insel und dem chinesischen Festland Gegenstand einer Vielzahl akademischer Debatten geworden. Im Zentrum dieser hoch politisierten Diskussionen standen die bilateralen Beziehungen der beiden Seiten. Eine Reihe politischer Vorschläge stützt sich auf wichtige Annahmen der politischen Theorie, die jedoch selten eindeutig zum Ausdruck gebracht werden. Diese theoretischen Aspekte erhalten jedoch keine gebührende Anerkennung von wissenschaftlicher Seite.21 Ein Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, mehr Aufmerksamkeit auf die Theoriebildung statt auf die bislang vorherrschende Analyse von Fakten und bestimmten Politiken zu lenken.

Diesbezügliche Forschungsliteratur lässt sich grob in drei Gruppen teilen: Normendiskussion, deskriptive Analyse und schließlich Theoriebildung. Im Folgenden sollen Normendiskussion und Konzentration auf beschreibende Analysen erörtert und die theoriegeleitete Forschung dargestellt werden.

1) Normendiskussion

Es liegt in der Natur der Sache, dass den akademischen Debatten zur Taiwan-Frage normative Übertreibungen innewohnen. In den meisten Fällen werden Analyse und Theorieentwicklung der einzelnen Autoren durch deren Wertvorstellungen bestimmt. Normative Aspekte sind fast notwendig Bestandteil einer jeden Untersuchung zur Taiwan-Frage. Ein in der Literatur hervorstechendes politisches Ziel ist die Wiedervereinigung der Nation. Folgerichtig entwickeln viele Arbeiten, die vor der Folie des Modells von der geteilten Nation entstehen, Formeln, um die zwei gegensätzlichen ideologischen Systeme über die Stufen der Konföderation und Integration schließlich zur Wiedervereinigung zu führen.22


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Das zweite in der Literatur vorherrschende Motiv ist die Maximierung der Sicherheit Taiwans. Folglich diskutiert Emerson M. S. Niou die Abschreckungsstrategien, um Taiwans Schutz sicher zu stellen.23 In Wus, Lins und Chiangs Untersuchung einer möglichen Entwicklung nach Deng werden vier kurz- und langfristige Szenarien entwickelt, die jeweils vom tatsächlichen Zeitpunkt seines demnächst erwarteten Todes abhängen.24 Nach der Krise in der Taiwan-Straße 1996 entstanden zahlreiche Studien, die sich mit dem Thema „Sicherheit Taiwans“ unter Erörterung seiner militärischen Fähigkeiten und möglicher Szenarien eines Konflikts zwischen Taiwan und China befassten.25

2) Deskriptive Analyse

Die Mehrzahl der wissenschaftlichen Untersuchungen zur Taiwan-Frage sind deskriptiver Natur. Weder kritisieren, modifizieren noch formulieren sie Theorien, obwohl ihnen ‑ jedoch nicht explizit zum Ausdruck gebrachte ‑ theoretische Substrate eigen sind. Sie können in drei Gruppen unterschieden werden: ökonomische, politische und wirtschaftspolitische Arbeiten. Wirtschaftsanalysen widmen sich entweder den Investitions- und Handelsbeziehungen zwischen Taiwan und China oder den Folgen dieser Beziehungen für die Wirtschaft Taiwans. Erstere beginnen immer mit einer detaillierten Darstellung der Entwicklung der taiwanischen Investitionen in China und diskutieren im Folgenden die Ursachen des Investitionsanstieges, das exponentielle Wachstum des Derivatehandels, die Entstehung einer extrem unausgeglichenen Handelsbilanz und bewerten die gegenseitigen Abhängigkeiten im Handel.26

Ebenso werden die Auswirkungen des wirtschaftlichen Austausches für die Ökonomie Taiwans untersucht. Ein Teil der Arbeiten betont die negativen Aspekte der Investitio[Seite 19↓] nen Taiwans, wie z. B. ein stagnierendes Produktivitätswachstum und die Gefahr der wirtschaftlichen Aushöhlung.27 Auf der anderen Seite findet sich die „optimistische Schule“, welche die gegenseitigen Beziehungen als natürliches Ergebnis unterschiedlicher Faktorausstattungen (factor endowments) und von generellem gegenseitigen Nutzen betrachten.28 Beide „Schulen“ geraten über die Frage, ob Taiwans massive Investitionen in China die langfristige wirtschaftliche Entwicklung der Insel schädigen würden, in klaren Gegensatz zueinander.

Politische Analysen beschränken sich entweder auf eine chronologische Darstellung der Taiwanfrage und der bilateralen Beziehungen oder auf die Untersuchung des Einflusses dieser Beziehungen auf die Politik Taiwans. Erstere dokumentieren die politischen Interaktionen zwischen der Insel und dem chinesischen Festland ‑ zuweilen einfach als Unterkapitel der Beziehungen zwischen Washington und Beijing.29 Diese Studien sind naturgemäß Narrationen. Der Hauptbeitrag dieses Literaturtyps liegt in dem Versuch, Fakten zu verifizieren.30 Daneben fokussieren politische Untersuchungen auf die Folgen der bilateralen Beziehungen für Taiwans Politik. Hier wird das Argument bemüht, diese Beziehungen seien Ursache einer Identitätskrise in Taiwan.31 So kommen Ramon Myers und

Linda Chao zu der Ansicht, dass die wirtschaftliche Integration der beiden chinesischen Wirtschaftssysteme, die sowieso schon steigende Transaktionskosten und wachsende Spannungen mit sich brächte, die öffentliche Meinung zu einer „großtaiwanischen Identität“ hin verschieben könne. Für die Autoren steht fest: „the democratic process of election, the passage of new laws, and constitutional reform can only move Taiwan further from the orbit of Chinese culture and political interests.”32


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Der dritte deskriptive Ansatz konzentriert sich auf die Wechselbeziehung von Politik und Wirtschaft. Ein hervorstechendes Motiv ist die Manipulation von Wirtschaftsbeziehungen zu politischen Zwecken. Deshalb untersucht Cheng-Tian Kuo die „ökonomische Staatskunst“ (als Politik des Austausches und des Zwanges)33 , spricht Chen Te-Sheng von der „Einheitsfront“ -Strategie der Wirtschaftspolitik Chinas gegenüber Taiwan.34 Ein anderer Schwerpunkt der Untersuchung der politischen Ökonomie sind die unterschwelligen Spannungen zwischen sich angleichenden Ökonomien und auseinander driftenden politischen Vorstellungen auf beiden Seiten.35 Man glaubt nicht an ein längeres Anhalten dieser schizophrenen Situation. Entweder werden die wirtschaftlichen Konvergenzen sich auch im politischen Bereich durchsetzen oder die divergenten Tendenzen der politischen Sphäre gewinnen die Oberhand.

3) Theoriebildung

Es ist üblich, von drei Analyseebenen in der Theorie der internationalen Beziehungen auszugehen: der Ebene der politischen Akteure, der Ebene der Staaten und der Systemebene. Auf allen drei analytischen Niveaus finden sich Theorien, welche die Taiwan-Frage und die bilateralen Beziehungen zwischen Taiwan und China zu erklären behaupten können.

Die Akteursebene

Die erste Untersuchungsebene konzentriert sich auf den Prozess der Entscheidungsfindung. Vorherrschendes Thema ist hier der Konflikt der Eliten. Demnach wird Politik nicht sorgfältig von den Führungspersönlichkeiten mit den besten Informationen entwickelt, sondern ist vielmehr das Ergebnis eines von miteinander konkurrierenden Elite-Gruppierungen dominierten Prozesses. Somit ist die Struktur des Eliten-Konflikts der Erklärungsschlüssel. Nach diesem Model hat der politische Aufstieg bestimmter [Seite 21↓] bürokratischer Institutionen oder Eliten-Fraktionen wesentlichen Einfluss auf die taiwanisch-chinesischen Beziehungen.36

Ein weiteres nützliches Modell für die Entscheidungsfindung liefert das Modell des zu erwartenden Nutzens. Diesem liegt die Annahme zugrunde, dass regionale Konflikte am besten verstanden werden können, wenn innenpolitische, bilaterale und internationale Faktoren hinsichtlich eines erwarteten Nutzens untersucht werden. Innenpolitische Faktoren berücksichtigen die politische Stabilität einer Nation und ihrer Gegenspieler. Bilaterale Faktoren beschreiben den Grad der Verschiedenheit der dem Status quo zugrunde liegenden Wertesysteme. Schließlich, nach Abwägung der genannten Faktoren, entscheiden die Stärke des Engagements der Supermächte in der Region und die Tiefe der Beziehungen der Rivalen zu anderen Ländern, ob ein Konflikt gewagt werden könne. Dabei werden zu erwartende Gewinne oder Verluste an Handlungsfähigkeit gegeneinander abgewogen und schließlich der Weg gewählt, welcher einen zu erwartenden Nutzen maximiert. Von diesen Annahmen ausgehend, untersuchen Chi Huang, Woosang Kim und Smuekl S. U. Wu die Konflikte in der Straße von Taiwan von 1954/55 und 1962.37

Die Spieltheorie gibt Forscher ein mächtiges heuristisches Werkzeug an die Hand, um komplizierte Gegebenheiten zu untersuchen. In seinen bahnbrechenden Arbeiten beschreibt Tzong-Ho Bau das Spiel zwischen Taipeh und Beijing für die Jahre 1949-78 als ein Unentschieden, als ein sich herausbildendes Prisoners’ Dilemma für die Jahre von 1979-1986 und als voll entwickeltes Prisoners’ Dilemma für die Zeit nach 1987. Seine politischen Prognosen baut er dann auf eine auch in einem Prisoner’s Dilemma mögliche Kooperation auf.38 Kao Yung-Kuang zufolge ist das Spiel zwischen Taipeh und Beijing jedoch eine Reihe von Hahnenkämpfen und somit keine dominierende Strategie zu erkennen.39 Chihcheng Lo und Jih-Wen Lin hingegen erkennen in den [Seite 22↓] Beziehungen der beiden Länder ein „mixed strategy game model“. Sie argumentieren, dass Taipehs Sicherheitsbedürfnis und Beijings Souveränitätsanspruch zusammen die Dynamik der Beziehungen zwischen den Ufern der Straße von Taiwan bestimmen. Die Situation ähnele der „gegenseitigen Abschreckung“ des Kalten Krieges. Von einer Kalkulation des strategischen Gleichgewichts im Spiel der beiden Seiten ausgehend, diskutieren die Autoren dann die gegenseitige Strategie und die möglichen politischen Folgen.40

Die Ebene der Staaten

Institutionen spielen bei Untersuchungen auf der Ebene der Attribute der Staaten eine ausgesprochen wichtige Rolle. Dabei wird das Hauptaugenmerk zumeist auf die Gegensätzlichkeit der beiden politischen Systeme gelegt. Taiwan wird hierbei eine funktionierende, wenn auch stark entwicklungsbedürftige Demokratie zugestanden. Das Festland hingegen habe gerade erst den Schritt von einem totalitären hin zu einem autoritären politischen System vollzogen. Welche Auswirkungen hat dieser große institutionelle Unterschied für die gegenseitigen Beziehungen? In der Frage geht es um die Leistungsfähigkeit von Regimen. Zum einen wird dabei das Regime auf dem chinesischen Festland als in der Lage gesehen, in hohem Maße die Gesellschaft unterdrücken und einschüchtern zu können. Somit ständen ihm sämtliche Mittel und Wege in der Auseinandersetzung mit Taiwan zur Verfügung. Die Regierung Taiwans unterliegt hingegen erheblichen Zwängen, da sie die taiwanische Gesellschaft nicht mehr unumstritten beherrscht.41 Andererseits, so ist betont worden, biete die Demokratie den Rahmen, Taiwans innenpolitische Probleme zu entspannen, wenn nicht gar zu lösen. Somit könnte eine Art Konsens bezüglich der Bindungen an das Festland entstehen.42 Es heißt, die Demokratie habe das Selbstvertrauen des taiwanischen Volkes angesichts der militärischen Drohungen vom anderen Ufer der Meerenge gestärkt.


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Die Systemebene

Auf der Ebene der Systeme ist die Taiwan-Frage in das weltweite internationale System und in das Dreieck Taipeh-Washington-Beijing eingebettet. Das unmittelbar nach Ende des Kalten Krieges entstandene globale politische System hat sich gewandelt. Dies führte zu einer Neuverteilung der Kräfte und neuen Allianzen zwischen den Nationen. Die Taiwan-Frage ist unweigerlich mit dem internationalen politischen System verknüpft, obwohl noch ein gewisser Zeitraum vergehen dürfte, bis sich die neuentstandenen Strukturen in den Beziehungen zwischen Taipeh und Beijing niederschlagen.43

Die Neuverteilung der Kräfte im internationalen System beeinflusst nicht allein die relativen Machtpositionen von Taiwan und der VR China, sondern auch die Hegemonie Amerikas, die direkten Einfluss auf die Zukunft der Taiwan-Frage hat. Die US sind noch immer eine Supermacht und spielen bei der Lösung des Disputes zwischen den beiden chinesischen Staaten eine entscheidende Rolle. Folglich ist der Begriff des strategischen Dreiecks für die Beziehungen zwischen Washington, Moskau und Beijing44 auf die Verflechtungen von Washington, Taipeh und Beijing übertragen worden.45 Obwohl zwischen Washington, Taipeh und Beijing kein Gleichgewicht herrscht, lassen sich bestimmte Verhaltensmuster für die auf bestimmten Positionen diese Beziehungsdreiecks stehenden Mitspieler feststellen.


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1.4  Die analytische Perspektive, Zielsetzung, Fragestellung und Methodik der Untersuchung

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist die Entstehung und Entwicklung der Taiwan-Frage von den globalen und regionalen Strategien der USA ausschlaggebend beeinflusst worden. Selbstverständlich ist die Taiwan-Frage auch ein entscheidender Punkt zu Überlegungen der US-Strategie für Ostasien. Deswegen sollte eine aus der strategischen Sichtweise untersuchende Studie zu der Taiwan-Frage auf großes Interesse im Rahmen der internationalen Politikwissenschaft stoßen. In Hinblick darauf, dass das oben angeführte Modell des Dreiecks Washington-Taipeh-Beijing besonders gut für die strategische Analyse der Interaktion innerhalb diesen Beziehungsdreiecks ist, will die vorliegende Arbeit auf der systemischen Ebene das Modell des „Taiwan-Straßen-Dreiecks“ auch anwenden, um die Taiwan-Frage aus der strategischen Perspektive zu untersuchen.

Wie schon erwähnt, war die Zeit nach der Krise von 1996 eine außerordentlich produktive Periode in Bezug auf Publikationen, die sich innerhalb des Themas „Taiwan-Frage“ auf den Schwerpunkt der Sicherheit Taiwans konzentrierten. Leider erschienen nur sehr wenige Monographien, welche die internationale strategische Struktur oder die strategische Dimension der Taiwanproblematik systematisch diskutieren. Vor allem aber fehlt es an realitätsnahen Vorschlägen, wie eine alternative staatliche Strategie, die den vitalen Interessen Taiwans am besten gerecht wird, etabliert werden könnte. Diese Lücke soll mit der vorliegenden Arbeit geschlossen werden.

Eine Untersuchung der Taiwan-Frage aus strategischer Perspektive kann aufgrund der Änderung der internationalen strategischen Lage von drei Entwicklungsphasen ausgehen: die Taiwan-Frage im Zeitalter des Kalten-Krieges, die Taiwan-Frage in der Phase der Veränderung der Konstellationen des Kalten-Krieges und die Taiwan-Frage nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes.

Die vorliegende Untersuchung will auf den Zeitraum von 1990-2000 und damit auf die dritte Phase der Taiwan-Frage fokussieren. Dazu sind eine eingehende Darstellung und Analyse der strategischen Strukturen der Taiwan-Frage ebenso notwendig wie eine [Seite 25↓] Auseinandersetzung mit theoretischen Ansätzen und deren Untersuchung in Hinblick auf die ostasiatisch-pazifische Strategie der Vereinigten Staaten. Durch theoretische Untersuchung und empirische Analyse soll diese Forschungsarbeit ein in der politischen Praxis operationalisierbares Modell der strategischen Interaktion in der Taiwan-Frage entwickeln, von dem aus die optimale strategische Option für Taiwan gewählt und somit Lösungsmöglichkeiten diskutiert werden können.

In Hinsicht auf das methodische Vorgehen orientiert sich die vorliegende Arbeit vor allem an der historisch-soziologischen Methode nach Raymond Arons, „weil sie von der historischen Bedingtheit der weltpolitischen Strukturenentwicklungen ausgeht und nach denjenigen Elementen fragt, die in der derzeitigen Phase des Wandels Weltpolitik neu definieren und die globale strategische Lage verändern und somit die Außenpolitik eines Staats beeinflussen“.46

Wie die knappe Erörterung des bisherigen Forschungsstandes und der Forschungsergebnisse zeigt, besteht hoher Bedarf, die neuen Entwicklungen in der Taiwan-Frage gründlich aufzuarbeiten und die strategische Lage in Ostasien-Pazifik unter grundsätzlich veränderten weltpolitischen Konstellationen nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes zu analysieren. Damit sollen Antworten auf die folgenden zentralen Fragen gefunden werden:

  1. Wie hoch sind das Gewicht und die Problematik der Taiwan Frage für die US-Strategie in Ostasien-Pazifik nach dem Ende des Ost-West-Konflikts einzuschätzen?
  2. Welche Einflüsse hat der Aufstieg Chinas auf die Entwicklung der strategischen Lage im ostasiatischen Pazifik?
  3. Was sind die Ziele und Hauptbestandteile der US-Strategie für Ostasien-Pazifik nach dem Ende des Ost-West Konflikts?
  4. Wie ist der strategische Stellenwert Taiwans in dieser Region?
  5. Wie sehen die strategischen Beziehungen zwischen China und den USA nach dem Ende des Ost-West Konflikts aus?[Seite 26↓]
  6. Wie wirkt sich die US-Strategie auf die strategische Beziehung zwischen China und den USA und auf die Entwicklung der Taiwan-Frage aus?
  7. Welchen Charakter hat die strategische Interaktion des Dreiecks Washington-Taipeh-Beijing?
  8. Was ist die optimale strategische Option und Politik Taiwans unter den Rahmenbedingungen der US-Strategie für Ostasien-Pazifik, insbesondere bezüglich der Dynamik der strategischen Beziehungen zwischen China und den USA?
  9. Welche verschiedenen Szenarien für Taiwans künftige Entwicklungen sind möglich?
  10. Was sind die Lösungsmöglichkeiten der Taiwan-Frage?


[Seite 27↓]

1.5  Großtheorien internationaler Politik und ihre Relevanz für die Strategie der USA im ostasiatisch-pazifischen Raum

Strukturelle Veränderungen der Weltpolitik haben in der Vergangenheit immer wieder aufs Neue den wissenschaftlichen Diskurs belebt. Leider hat sich dabei oft die Tendenz herausgebildet, zeitbedingte Fragen mit möglichst zeitlosen Formeln zu beantworten. Dies führte letztendlich zu festgefahrenen, anhaltenden Theoriedebatten, deren praktisch-politische Relevanz sich in Grenzen hält. Nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes stehen somit die etablierten Theorien der internationalen Beziehungen vor zweierlei Herausforderungen, nämlich einerseits die Fragen zu beantworten, was um 1990 geschah und wie es dazu kam und welche langfristigen Implikationen daraus für die zukünftige Weltpolitik entstanden. Anderseits blieb die Frage zu beantworten, wie man anhand der Ereignisse in den Jahren nach 1990 die theoretischen Schwächen identifizieren und neue Ansätze dafür schaffen könnte.47 Vor diesem Hintergrund entstand in der ersten Hälfte der 90er Jahre eine vielschichtige Diskussion über die US-Strategie für Ostasien. Verschiedene Ansätze, Konzepte und Ideen finden sich nicht nur in der spezifischen Literatur über Ostasien, sondern schlagen sich auch in der allgemeinen Debatte über die Theorien der internationalen Politik nieder.

Warum sich mit theoretischen Aspekten von der internationalen Politik beschäftigen? Helga Haftendorn begründet die Notwendigkeit einer theoretischen Durchdringung von Vorgängen der internationalen Politik damit, daß die intellektuelle Bewältigung der Vielfalt internationaler Prozesse und Strukturen nicht möglich ist, „ohne vorgefaßte oder systematisch ausgewählte gedankliche Filter, Ordnungs- oder Erklärungsschemata, welche die Fülle des Wahrgenommenen überschaubar machen“.48 Reinhard Meyers, der den Begriff „Großtheorie“ geprägt hat, versteht darunter die „idealtypische Konstruktion eines in sich weitgehend kohärenten Systems von Überzeugungs-, Wahrnehmungs- und Handlungsmustern, die je ein bestimmtes wissenschaftliches Weltbild etablieren“.49 Für Reinhard Meyers hat eine Theorie [Seite 28↓] „Darstellungs-, Erklärungs- und Rechtfertigungsmittel“ zu sein und eine Großtheorie fünf Funktionen: (1) Interpretationsfunktion, d.h. eine Strukturierung von Teilbereichen der perzipierten Realität (2) Orientierungsfunktion, d.h. die Reduktion komplexer Sachverhalte auf idealtypische Einsichten (3) Zielbeschreibungsfunktion, d.h. die Anleitung zum politischen Handelns (4) Handlungslegitimationsfunktion, d.h. die Legitimierung praktischen Handeln und (5) epistemologische Funktion, d.h. die Anleitung für die Formulierung wissenschaftlicher Aussagen über den von der Großtheorie konstruierten Realitätsausschnitt einschließlich der Bestimmung von Kriterien für deren Geltung.50

Für die sichere Erklärung und Prognostizierung internationaler Phänomene gibt es weder ein von allen akzeptiertes Paradigma noch Theorien, die überdies einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben könnten. Entgegen dem Begriff des Paradigmenwechsels von Thomas Kuhn51 stützt sich Reinhard Meyers darum auf die These, dass sich in der Wissenschaft von der internationalen Politik kein Wechsel von völlig konträr zueinander stehenden Paradigmen ereignet, sondern die einmal formulierten Großtheorien im Fundus der Wirklichkeitskonstruktionen verbleiben und ihren partiellen Erklärungswert behalten. Eine solche Herangehensweise im Sinne einer „paradigmatischen Koexistenz“52 erfüllt dann auf der Ebene der Großtheorien eine wissenschaftlich fundierte weltbildartige Filterfunktion und auf der Ebene der Ansätze.

Zwei “Großtheorien“ bieten sich grundsätzlich zur Analyse der gegenwärtigen internationalen Politik an: der „Neorealismus“53 und der entgegengesetzte „Neoliberalismus“54 . Typische Streitfragen zwischen Anhängern des heute vorherrschenden „Neorealismus“ und Vertretern des „Neoliberalismus“ drehen sich darum, ob Staaten generell zur Kooperation neigen oder ob jeder Staat in einer prinzipiell anarchischen Welt [Seite 29↓] für sich selber kämpft, ob Staaten international nach relativen oder nach absoluten Gewinnen suchen, ob Sicherheit oder Wohlfahrt die prioritären Ziele von Staaten sind, ob es wichtiger ist, Absichten oder Fähigkeiten von Staaten zu verfolgen oder wie dauerhaft internationale Regime an und für sich sind.55 Eine adäquate Forschungsarbeit zur internationalen Politik sollte jedoch beide Sichtweisen berücksichtigen und in der Lage sein, neorealistische durch neoliberale Komponenten (und vice versa) zu ergänzen. Demnach werden in dieser Studie die beiden “Großtheorien“ angewendet, die nach allgemeiner Auffassung grundsätzlich unterschiedliche, aber jeweils wertvolle Hilfen zur Betrachtung und Beleuchtung der Taiwan-Frage im Rahmen der ostasiatisch-pazifischen Strategie der USA leisten. Im folgenden werden die Kernaussagen der beiden Großtheorien erklärt und darauf aufbauende analytische Ansätze für eine ostasiatisch-pazifische Strategie der USA nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes untersucht.


[Seite 30↓]

1.5.1  Der Neorealismus und neorealistische Strategieansätze der USA

Im Neorealismus werden vor allem folgende Elemente vertreten:

  1. Der Neorealismus begreift den Staat als analytische Grundeinheit in einem dezentralen anarchischen Selbsthilfesystem.56 In der internationalen Politik werden Staaten als die einzigen Hauptakteure betrachtet und als einheitliche, rational kalkulierende Akteure aufgefasst. Aufgrund des Selbsthilfeprinzips versuchen Staaten einen permanenten Balancierungsprozess zu gestalten, der eine Machtzentralisierung verhindern kann. Wenn Staaten fremde Machtpotentiale als den eigenen überlegen einschätzen, versuchen sie diese Potential durch Gegenmachtbildung auszubalancieren.57
  2. Das nationale Interesse wird als die Verbesserung der relativen Machtposition gegenüber anderen Staaten bestimmt. Der Einsatz militärischer Mittel ist aus realistischer Sicht eine legitime Art und Weise der Durchsetzung nationaler Interessen.
  3. Internationale Kooperation basiert auf dem Kalkül, entweder durch eine Allianz einer gemeinsamen Bedrohung zu begegnen (ihr Machtpotential auszubalancieren) oder durch Kooperation relative Machtgewinne gegenüber dem Staat, mit dem man kooperiert, zu erlangen. Die kooperativen Staaten werden immer ihre relativen Machtgewinne zu maximieren anstreben.58

Nach der neorealistischen Theorie von Kenneth N. Waltz besteht ein internationales politisches System aus seinen Strukturen und Einheiten (Staaten). Die Ursachen und Wirkungen der Verhältnisse der Staaten werden dadurch festgestellt, daß Untersuchungen der strukturellen und der Ebene der Einheiten durchgeführt werden. Dazu [Seite 31↓] wird durch den Begriff des strukturellen Systems hinsichtlich der Systemstrukturen und der Interaktionen untersucht, wie sie auf ihre Einheiten Einfluß ausüben und welche Ergebnisse sich für die Einheiten im System ergeben. Die internationalen Strukturen werden von Waltz definiert: internatonale Systeme unterscheiden sich hinsichtlich der Anzahl der zu ihnen gehörenden großen Mächte. Die großen Mächte werden durch die gesamten Machtpotentiale, über die sie verfügen von anderen unterschieden.59 Diese Änderungen können zu Veränderungen von folgenden Systemstrukturen führen: von Bipolarität entweder zu Multipolarität oder zu Unipolarität, von Unipolarität entweder zu Bipolarität oder zu Multipolarität, von Multipolarität entweder zu Unipolarität oder zu Bipolarität.60 Die Entstehung der großen Mächte wird von strukturellen Ursachen bewirkt, die von ihrem Verhalten als Einheiten ausgelöst werden, d.h. dies ist ein Rückkoppelungsverfahren.

Bezüglich der Großmacht betont Waltz, dass die Großmacht auf die internationale Politik einwirke und dies dazu führe, dass die anderen Staaten Gegenmacht gegen sie ausbilden, um das Gleichgewicht im System zu bewahren.61 In Hinsicht darauf wird Unipolarität nur für kurze Zeit zustande kommen. Dies veranlaßt die sogenannten gleichberechtigten Großmächte, ihre relative Macht zu stärken und eine Großmachtstellung anzustreben. Darüber hinaus wird die Systemstruktur von Unipolarität geändert.62

Die Verteilung von Macht zwischen den Einheiten hat eine große Bedeutung. Das bedeutet, daß die Macht nicht nur als ein Ziel zu erwerben ist, sondern auch als ein Mittel dient, die Sicherheit zu bewahren.63 Jeder Staat befindet sich in einem „Macht- und Sicherheitsdilemma“, d.h. er muß um seine Sicherheit fürchten und sieht sich daher gezwungen, immer mehr Macht zu akkumulieren, um der Macht der anderen begegnen zu können. Als Folge davon können Machtstellungen zur Kooperation führen [Seite 32↓] oder sich zu Konflikten vergrößern, wenn gegensätzliche Interessen vorhanden sind; das ist je nach der konkreten Konstellation der Systemstruktur unterschiedlich.64

Der nachhaltige Friedenszustand nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich aus der Bipolarität und der nuklearen Rüstung ergeben. Mit der Entwicklung der gegenseitigen gesicherten Vernichtung durch nukleare Waffen, also durch die Abschreckung, waren die beiden Supermächte, die USA und die Sowjetunion, bestrebt, das bestehende bipolare System zu erhalten. Nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes haben sich die Rahmenbedingungen der Weltpolitik grundsätzlich geändert: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion besteht die Struktur der Bipolarität nicht mehr. Es gibt einige Großmächte, aber die USA üben die Vorherrschaft in dem neuen internationalen System aus. Ihre Verhältnisse sind zueinander durch neue Formen und

Inhalte gekennzeichnet.65

Was den Zustand des internationalen Systems nach Beendigung der Ost-West-Konfrontation betrifft, so wurde er von dem amerikanischen Kolumnisten Charles Krauthammer als unipolarer Zustand („The Unipolar Moment“) bezeichnet.66 Auf längere Sicht ging er zwar von der Existenz einer multipolaren Welt aus, in der die Staaten USA, Russland, China, Japan und Deutschland eine entscheidende Rolle spielen, was aber in den nächsten Jahrzehnten nichts an der dominanten Position Washingtons ändern wird.67 Nicht zuletzt sind es einzig die USA, die in der Lage sind, weltweit eine Führungsrolle zu übernehmen, der Golfkrieg ist hiefür ein anschauliches Beispiel. Für den Fall, dass die Vereinigten Staaten eine Isolationspolitik bevorzugen, weil sie dieser Führungsrolle nicht gewachsen sind, kann dies zu einer weltweiten Destabilisierung und Chaos führen.68

Noch deutlicher formuliert es Samuel P. Huntington von der Harvard University, der in seinem Essay „Why International Primacy Matters“69 argumentiert, dass die Moti[Seite 33↓] vation für den Führungsanspruch Washingtons nicht nur die Durchsetzung der nationalen Interessen Amerikas ist, entscheidend ist auch der Nutzen für das gesamte internationale Staatensystem. Da die USA die einzige Supermacht weltweit sind, verfügen sie über das moralische Ansehen, auf lange Sicht weltweit für Demokratisierung, wirtschaftliches Wachstum und Frieden zu sorgen.70

Huntington und Krauthammer sind beide davon überzeugt, dass die globale Vormachtstellung der Vereinigten Staaten erhalten bleiben wird, obgleich es nach dem Kalten Krieg einen zwischenstaatlichen Wettbewerb um die globale Führungsrolle gibt. Welche Konsequenzen hätte jedoch ein von den USA dominiertes unipolares Staatensystem für die ostasiatisch-pazifische Region?

Optimisten behaupten, eine solche Vormachtstellung werde den nationalen Interessen Washingtons in dieser Region optimal gerecht. Die USA würden auf absehbare Zeit weder von China, noch von Japan oder Rußland militärisch oder ökonomisch bedroht, sofern es Washington gelänge, die volle Bandbreite der für eine Führungsrolle erforderlichen Machtressourcen zur Verfügung zu stellen. Da kein anderer Staat es wagen würde, die Vereinigten Staaten herauszufordern, wäre Ostasien ein Hort der Stabilität und des Friedens. Diese Vorstellung einer US-Führungsrolle in Ostasien findet bei vielen japanischen Gelehrten Zustimmung. So vertritt Yoichi Funabashi in seinem berühmten Artikel „Japan and the New World Order“ die Auffassung, daß Japan nicht die Fähigkeit mitbringt, die Führungsrolle der USA in Asien in Frage zu stellen. Funabashi nimmt deshalb an, daß Japan eine größere, aber nur „hilfreiche Rolle“ in der Weltpolitik übernehmen sollte.71

Doch kann China eine amerikanische Vormachtstellung vor der eigenen Haustür auf Dauer wirklich akzeptieren? Beijings Führung weiß es zwar zu würdigen, daß Washingtons „Primacy“ gleichzeitig auch Japans Machtstreben eindämmt, doch ist die traditionell anti-hegemonistische Außenpolitik der Volksrepublik mit einer US-Führungsrolle in Ostasien nicht zu vereinbaren. Das ist der Grund, weshalb Thomas L. [Seite 34↓] McNaugher die größten Herausforderungen für die führende Rolle der USA im westpazifischen Raum in der VR China liegen72 , eine Meinung, die er mit Thomas F. Cristensen teilt.73 Zu der Personengruppe, für die die Stationierung amerikanischer Streitkräfte in Japan ein unverzichtbarer Faktor für das Kräfteverhältnis ist, gehört u.a. Mamdouh G. Salameh. Sollten die US-amerikanischen Truppen aus dem ostasiatischen Raum abziehen, so befürchtet er, dass „The south China Sea could well become a Chinese lake“.74

Obwohl Christopher Layne im Gegensatz dazu ein Befürworter der Strategie des Kräftegleichgewichtes in Ostasien ist, argumentiert er für die Rolle eines „off-shore balancer“ der USA in der Region.75 Für Layne, der die mögliche Dauer eines unipolaren Systems untersucht, bedeutet das Auftauchen neuer Großmächte auf der internationalen Arena zwangsläufig ein Nachlassen des relativen Einflusses einer Hegemonialmacht, was letztlich zum Ende dieser Führungsposition führt. Auch wenn die USA weiterhin versuchen, das unipolare System aufrechtzuerhalten, kann damit der Aufstieg neuer Großmächte wie z.B. Japan und China nicht verhindert werden. Nach Laynes Einschätzungen würden sich für die USA mit der Rolle des „off-shore balancer“verschiedene Vorteile ergeben. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung wäre dann der Abzug der amerikanischen Streitkräfte im pazifischen Raum, da mit den Truppen hohe Kosten verbunden sind und das Risiko einer Verwicklung in einen bewaffneten Konflikt besteht, ohne dass dies den vitalen Interessen Amerikas entsprechen würde. Darüber hinaus wird den Vereinigten Staaten eine Rolle im sich neu formierenden multipolaren System spielen, die sehr treffen als „strategische Balancierung“ beschreiben lässt. So hätte Washington trotz „stand by“-Position immer noch ausreichend Machtmittel, mit denen die Entstehung einer Hegemonialmacht im asiatisch-pazifischen Raum kontrolliert und verhindert werden kann.76


[Seite 35↓]

In einem weiteren neorealistischen Denkansatz wird das Dreiecksverhältnis Japan-China-USA in Ostasien herausgearbeitet. Demnach kann mit großem Fingerspitzengefühl in den drei bilateralen Beziehungen die Stabilität in der Region bewahrt werden. In diesem Sinne spricht sich Michel Oksenberg für „ruhige und nicht provokative Konsultationen“ zwischen Washington und Tokio aus, wobei es aber für beide Seiten wichtig ist, „zu vermeiden, dass die China in den bilateralen Beziehungen als eine Art Joker eingesetzt wird.“77 Anders als Oksenberg gehen Richard Bernstein und Ross H. Munro davon aus, dass die USA in dem „neuen strategischen Dreieck“ die Japan-Karte gegen China aktiv spielen sollten.78

Wie oben dargestellt, sind die realistischen Vorstellungen über die Sicherheitsordnung in Ostasien durch strategische Varianten gekennzeichnet. Trotz unterschiedlicher Ausrichtungen und Akzentuierungen gehen fast alle wichtigen Vertreter der „neorealistischen Schule“ bewusst oder unbewusst davon aus, dass das Dreiecksverhältnis zwischen den USA, China und Japan eine entscheidende Rolle in der ostasiatisch-pazifischen Strategie der USA nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes spiele.


[Seite 36↓]

1.5.2  Der Neoliberalismus und neoliberale Strategieansätze der USA

Im Gegensatz zum Neorealismus halten die Neoliberalisten die Anarchie des Staatensystems durch Errichtung von internationalen Institutionen und Anbindung der Staaten an diese Institutionen für reduzierbar. Obwohl im Neoliberalismus der Nationalstaat als wichtigster Akteur verstanden wird, so doch nicht als einziger. So werden Internationale Organisationen und Regime als Akteure anerkannt, die eine zentrale Rolle in der internationalen Politik spielen, werden doch Kooperation und grenzüberschreitende Integration als Instrumente zur Überwindung von Machtkonflikte und Sicherheitsdilemma in den internationalen Beziehungen angesehen.79

Demnach kann Kooperation durchaus mit den nationalen Interessen eines Staates korrespondieren, wenn seine unilaterale Handlungsfähigkeit nicht gegeben ist oder nur zu hohen Kosten. Jedoch steht für einen Staat die Durchsetzung seiner Interessen allein nicht an erster Stelle. Vielmehr ist es wichtig, existierende Strukturen der Kooperation und Integration zu erhalten und vielschichtige Probleme in multilateraler Zusammenarbeit zu lösen, um damit absolute Gewinne zu erzielen. Für solche langfristig zu erwartende absolute Gewinne könnten Staaten durchaus auf kurzfristige und relative Vorteile verzichten.80 Gegenüber dem kurzfristigen Nachteil, dass im Rahmen der Kooperationsstrukturen mit den Partnern Kompromisse eingegangen werden müssen, steht der langfristige Nutzen, der sich aus der Kooperation ergibt.81

Auf weite Sicht geht es den Anhängern des Neoliberalismus darum, Machtkonflikte und Sicherheitsdilemma zu überwinden und mittels politischer und rechtlicher Rahmenbedingungen, durch die Kooperation, Vertrauensbildung, Institution und Integration ermöglicht werden, die Zivilisierung der internationalen Beziehungen zu ermöglichen.82 Außerdem wirkt sich Kooperation auf Wirtschaft und Handel positiv aus, dem[Seite 37↓] zufolge auch auf den Wohlstand der beteiligten Staaten. Darüber hinaus bietet sich damit die Möglichkeit, grenzüberschreitende Problemkomplexe ( z. B. zur Verhütung von Kriegen, Streitschlichtung bei Konflikten, zum Schutz von Umwelt und Ressourcen, zur Verhinderung der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen, zur Bekämpfung von Drogenhandel und Terrorismus) zu lösen.

Die Neoliberalisten setzen an dem qualitativen Wandel der internationalen Beziehungen an und weisen darauf hin, dass dieser Wandel auch zu einem nachhaltigen Wandel der zwischenstaatlichen Beziehungen geführt habe. Joseph S. Nye, einer der neoliberalen „Feldherren“ in der Debatte mit dem Neorealismus,83 lehnen deshalb die Theorien, die sich ausschließlich auf die systemische Ebene und die Rolle von Nationalstaaten konzentrieren, wegen ihres begrenzten Erklärungswertes ab: „National boundaries will be more permeable than in the past. ..... Transnational technological changes in communications and transportation are making the world smaller. …The United States cannot escape from these transnational problems, and few of them are susceptible to unilateral solutions.“84

Die Weltordnung nach dem Ende der Bipolarität sei durch vielschichtige Interdependenzen gekennzeichnet. Diese neue Machtverteilung in den internationalen Beziehungen lasse sich mit dem Modell einer dreischichtigen Torte erklären. Die oberste, militärische Schicht ist unipolar, da es keine andere Nation gibt, die mit den USA in diesem Bereich konkurrieren könnte. Die mittlere, ökonomische Schicht ist tripolar und besteht aus den Machtzentren Ostasien, Europa und Nordamerika. Die unterste, multipolare Schicht symbolisiert jene neuen zwischenstaatlichen und subnationalen Interdependenzen, die zu einer Streuung von Macht führen. “Power is becoming more multidimensional, structures more complex and states themselves more permeable.... This evolution makes more relevant the liberal conception of a world society of peoples as well as states, and of order resting on values and institutions as well as military power.”85


[Seite 38↓]

Nye spricht von “The Changing Face of Power”86 und meint damit, dass “soft power”(wie Ideen und Wertvorstellungen) in einer interdependenten Welt ständig bedeutender werden. „The realist who focuses only on the balance of hard power will miss the power of transnational ideas.”87 Ein Land kann seine Ziele in der Weltpolitik erreichen, wenn andere Länder ihm folgen, seine Werte bewundern, seinem Beispiel folgen, versuchen sein Niveau an Wohlstand und Offenheit zu erreichen. In diesem Sinne ist es genauso wichtig, die Agenda in der Weltpolitik zu bestimmen und andere für sich zu gewinnen, wie es auch wichtig ist, sie mit Androhung oder Anwendung von militärischen oder wirtschaftlichen Waffen zu Veränderungen zwingen. Dieser Aspekt der Macht – andere dazu zu bringen zu wollen, was du willst – ist "soft power". "Soft power" ist die Fähigkeit, gewünschte Ziele in internationalen Beziehungen mit Anziehung statt Zwang zu erreichen.88

Da Amerika aber grundsätzlich über genügend sanfte und harte Machtressourcen verfüge, sei die Gefahr eines relativen Abstiegs nicht gegeben. „it is a mistake to portray the problem as American decline rather than diffusion of power......The United States retains more traditional hard power resources than any other country. It also has the soft ideological and institutional resources to preserve its lead in the new domains of transnational interdependence.“89

Obwohl sich Nye für den Erhalt der amerikanischen Stützpunkte im ostasiatischen Raum ausspricht, wird in seiner Haltung eine starke liberale Sichtweise deutlich. Mit den in Ostasien stationierten US-amerikanischen Truppen soll nicht nur ein Kräfteausgleich geschaffen werden, sondern auch eine günstige Atmosphäre, in der sich die „soft power“ Amerikas ausbreiten kann. Nye zufolge sollte die Ostasien-Strategie der USA auf lange Sicht vor allem die Verbreitung westlicher Wertvorstellungen verfol[Seite 39↓] gen. So ist nach Nye Annahme die Übernahme des liberal-demokratischen Staatssystems der USA durch die Staaten Asiens, verbunden mit der amerikanischen Militärpräsenz, die beste Garantie für eine sichere Zukunft im ostasiatischen Raum.90

Die „Engagement-Strategie“ der Vereinigten Staaten wurde tatsächlich von den Neoliberalen für die ostasiatisch-pazifische Region empfohlen. Kenneth Lieberthal meint, dass Beijing von den Vereinigten Staaten ermutigt werden sollte, mehr internationale Verantwortung zu übernehmen. Dabei sollte die VR China nicht etwa eingedämmt werden, sondern – wie in den internationalen Regelwerken festgehalten – ein integrierter Bestandteil in der regionalen und internationalen Ordnung sein.91 Dementsprechend sind Analytiker, die immer wieder für Institutionen plädieren, der Meinung, dass mit der Integration der ostasiatischen Staaten und insbesondere China als zukünftige Großmacht in internationale Organisationen am wahrscheinlichsten die Stabilität in der Region bewahren können. So empfiehlt die einflussreiche „Trilaterale Kommission“, die VR China auf globaler, regionaler und subregionaler Ebene stärker in die internationalen Institutionen zu integrieren, damit die wechselseitige und regionale Abhängigkeit Chinas verstärkt werden kann, jedoch ohne dass dafür zusätzliche Hindernisse oder Barrieren für Nichtzugehörige künstlich geschaffen werden müssten.92 Ähnliche Meinungen werden auch von Robert Ross und David M. Lampton vertreten.93

Aus neoliberaler Sicht sollten sich die Vereinigten Staaten für eine künftige Strategie in der ostasiatisch-pazifischen Region insbesondere darüber klar werden, dass sie auf ein von Kooperation geprägtes Verhältnis zu China und Japan hinarbeiten müssen. Aber wird sich ein ökonomisch und militärisch starkes China an absoluten Gewinnen orientieren und um Kooperation bemüht sein? Der Angelpunkt ist: Washington muß die von Joseph Nye beschriebenen „weichen“ Machtressourcen im Rahmen einer Stra[Seite 40↓] tegie des „engagement“ möglichst effizient einsetzen, damit die Wirtschaftsreformen der Volksrepublik von einer politischen Öffnung begleitet werden können.


Fußnoten und Endnoten

1  Vgl. Brzezinski, Zbigniew: The Grand Chessboard. American Primacy and its Geostrategic Imperatives , New York 1997, S. 44.

2  Vgl. Bernstein, Richard/ Munro, Ross H.: The coming conflict with China, New York 1997, S.186ff.

3  Vgl. Huntington, Samuel P.: Kampf der Kulturen (The Clash of Civilizations). Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München/Wien 1996. Huntington entwirft ab S.515ff. ein Szenario für eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen China und den USA im Jahr 2010.

4  Eine der besten Untersuchungen der chinesisch-amerikanischen Beziehungen und der Rolle, die darin Taiwan spielt ist Tyler, Patrick: A Great Wall: Six Presidents and China, New York 1999.

5  Vgl. Song, Yimin: „A Discussion of the Division and Grouping of Forces in the World After the End of the Cold War“, in: International Studies (China Institute of International Studies, Beijing), 6 (1996) 8, S. 10.

6  Vgl. Brzezinski, Zbigniew: The Grand Chessboard. American Primacy and its Geostrategic Imperatives, New York 1997, S. 188.

7  Vgl. Barnett, A. Doak: „Dangerous Dilemmas. The Unresolved Problem of Taiwan’s Future“, in: American Foreign Policy Interests , 18 (1996) 4, S. 5-20, hier S. 9.

8  Am 27. Juni 1950 erklärte Präsident Truman zur Entsendung der Siebenten U.S.-Flotte in die Straße von Taiwan: „The determination of the future status of Formosa must await the restoration of security in the Pacific, a peaceful settlement with Japan or consideration by the United Nations”. Vgl. Chiu, Hungdah: China and the Question of Taiwan. Documents and Analysis, New York 1973, S. 228.

9  Vgl. Stolper, Thomas E.: China, Taiwan, and the Offshore Islands, Armonk 1985, S.23ff.

10  Vgl. Barnett, A. Doak, a.a.O., S.10.

11  Im Shanghaier Kommuniqué vom 27. Februar 1972 erkannten die USA den Anspruch aller Chinesen auf staatliche Einheit an. Sie bekräftigten überdies ihr Interesse an einer friedlichen Beilegung der Taiwan-Frage. Bis zum 01. Januar 1979 erhielten die Vereinigten Staaten ihre diplomatischen Beziehungen und den Sicherheitsvertrag mit Taipeh aufrecht. In einem zweiten Gemeinsamen Kommuniqué vom 15. Dezember 1978 erklärten sie, ab dem 01. Januar 1979 die Regierung der VR China innerhalb des vorgezeichneten politischen Rahmens als einzig rechtmäßige Regierung Chinas anzuerkennen. Siehe die Beide Kommuniqués in: Chiu, Hungdah (Hrsg.), China and The Taiwan Issue, New York 1979, S. 246-249 & S.255.

12  Vgl. Barnett, A. Doak, a.a.O., S. 10.

13  Vgl. Barnett, A. Doak, a.a.O., S. 10f.

14  Vgl. Barnett, A. Doak, a.a.O., S. 13-15.

15  Interview mit Präsident Lee Teng-Hui vom 09.07. 1999, Deut sche Welle, nach: Taipei Speaks Up: Special State-to-State Relationship, Mainland Affairs Council, Taipeh, August 1999.

16  Vgl. Schubert, Gunter: „Abschied von China?- Eine politische Standort- Bestimmung Taiwans nach den Präsidentschaftswahlen im März 2000“, in: ASIEN, (April 2001) 79, S. 5.

17  Vgl. Barnett, A. Doak, a.a.O., S. 6.

18  Ebd.

19  Mit der Unterzeichung des bilateralen Sicherheitsvertrags zwischen den USA und Japan im Jahr 1951 wurden die USA von einer Besatzungsmacht in einem sicherheitspolitischen Kooperationspartner umgewandelt.

20  Vgl. Barnett, A. Doak, a.a.O., S.6

21  Eine prominente Ausnahme bildet Tun-Jen Cheng, der fünf Ansätze bezüglich der Dyade Taiwan – VR China entwickelte. Dies sind der diplomatiegeschichtliche, der von der geteilten Nation, von der rationalen Entscheidung, des Elitenkonflikts und der des asymmetrischen politischen Prozesses. Vgl. Cheng, Tun-Jen: „On Taiwan-Mainland Dyad“, in: Issues & Studies , 29 (1993) 2, S.36-55.

22  Cheng, Tun-Jen: „The Mainland China-Taiwan Dyad as a Research Program“, in: Cheng, Tun-Jen (Hrsg.): Inherited Rivalry. Conflict across the Taiwan Strait , Lynne Rienner 1995, S. 6.

23  Vgl. Niou, Emerson M. S.: „An Analysis of the Republic of China’s Security Issues”, in: Issue & Studies , 28 (1992) 1, S. 82-95.

24  Vgl. Wu, Yu‑Shan / Lin, Wen‑Cheng, und Chiang, Shui‑Ping: Deng Xiaoping shenhou dui dalu yu Taiwan de zhendang (The shocking impact from Deng Xiaoping's death on mainland China and Taiwan) ,Taipeh 1995.

25  Vgl. Roy, Denny: „Tensions in Taiwan Strait“, in: Survival, 42 (2000) 1, S.76-96; s.a. Shlapak, David A. / Orletsky, David T. / Wilson, Barry A. : Dire Strait? Military Aspects of the China-Taiwan Confrontation and Options for U.S. Policy, , RAND publications, Santa Monica 2000.

26  Vgl. Wei, Ai: „The Development and Limitations of Taiwan‑Mainland Eco­nomic and Trade Relations”, in: Issues & Studies , 27 (1991) 5, S. 43‑60.

27  Vgl. Wu, Yu‑Shan: „The Impact of Cross‑Strait Relations on Taiwan's Growth Pattern”, in: Issues and Studies , 34 (1995) 2, S. 1‑19.

28  Vgl. Yen, Tzung-Ta: „Taiwan Investment in Mainland China and Its Impact on Taiwan’s Industries”, in: Issues & Studies , 27 (1991) 5, S. 10-42.

29  Vgl. Gilbert, Stephen P. / Carpenter, William M.: America and Island China: A Documentary History, Lanhan1 1989; s.a. Copper, John F.: China Diplomacy: The Washington‑Taipei‑Beijing Triangle, Boulder 1992.

30  Cheng, Tun-Jen: „The Mainland China‑Taiwan Dyad as a Research Program”, a.a.O., S. 5.

31  Vgl. Chao, Chien‑Min: „Taiwan's Identity Crisis and Cross‑Strait Exchanges”, in: Issues & Studies , 30 (1994) 4, S. 1‑13; s.a. Buruma, Ian: „ Taiwan’s New Nationalists“, in: Foreign Affairs , 75 (1996) 4, S. 77-91und Schubert, Gunter: „Die Taiwanfrage und die nationale Identität Chinas“, in: IPG , 3 (1998), S. 167-274.

32  Vgl. Myer Ramon H. / Chao Linda: „Cross‑Strait Economic Relations and Their Im­plications for Taiwan”, in: Issues & Studies , 30 (1994) 12, S.111‑112.

33  Vgl. Kuo, Cheng‑Tian: „Economic Statecraft Across the Taiwan Strait”, in: Issues & Studies , 29 (1993) 10, S. 19‑37.

34  Vgl. Chen, Te‑Sheng: Zhongnanhai zhengjing dongxiang (Beijing's recent political and economic trends), Taipeh 1992, S. 261‑72.

35  Vgl. Wu, Hsin‑Hsing: „The Political Economy of ROC‑PRC Relations”, in: Issue & Studies , 31 (1995) 1, S. 51-62.

36  Vgl. Chang, Parris H.: „Beijing's Policy Toward Taiwan: An Elite Conflict Model”, in: Chen, Tun-jen (Hrsg.), Inherited Rivalry. Conflict across the Taiwan Strait , Lynne Rienner 1995, S. 65-79.

37  Vgl. Huang, Chi / Kim, Woosang und Wu, Samuel S. G.: „Rivalry Between the ROC and the PRC: An Expected‑Utility Theoretical Perspective“, in: Chen, Tun-jen (Hrsg.): Inherited Rivalry. Conflict across the Taiwan Strait , Lynne Rienner 1995, S. 25‑46.

38  Vgl. Bau, Tzong‑Ho: „Taipei‑Peking Interaction as a Two‑Person Conflict: A Game Theoretical Analysis 1949‑88“, in: Issues & Studies , 27 (1991) 10, S. 72‑96.

39 

Vgl. Kao, Yung‑kuang: „The Issue of China's Reunification: Analysis from Models of

Game Theory", in: Zhongshan shehui kexue qikan (Journal of Social Sciences) , 1 (1990) 1, S. 45‑64.

40  Vgl. Lo, Chih‑Cheng / Lin Jih‑Wen, „Between Sovereignty and Security: A Mixed Strate­gy Analysis of Current Cross‑Strait Interaction“, in: Issues & Studies , 31 (März 1995) 3, S. 64‑91.

41  Nathan, Andrew J.: „The Effect of Taiwan's Political Reforms on Taiwan‑Mainland Relations”, in: Chang, King-Yuh (Hrsg.), Zhonghua minguo minzhuhua: Guocheng, zhidu yu yingxiang (Democratization in the Republic of China: Process, institution, and impact) , Taipeh 1992, S.379‑397.

42  Cheng, Tun-Jen: „The Mainland China‑Taiwan Dyad as a Research Program”, a.a.O., S. 12.

43  Vgl. Wu, Yu-Shan: „The Collapse of the Bipolar System and Mainland China’s Foreign Policy”, in: Issue & Studies , 29 (1993) 7, S. 1-25.

44  Vgl. Dittmer, Lowell: „The Strategic Triangle: An Elementary Game-Theoretical Analysis”, in: World Politics , 33 (1981) 4, S. 485-515.

45  Vgl. Wu, Yu-Shan: „Exploring Dual Triangles: The Development of Taipei-Washington-Beijing Relations”, in: Issue & Studies , 32 (1996) 10, S. 26-52.

46  Vgl. Aron, Raymond: „Conflict and war from the viewpoint of historical sociology”, in: Raymond Aron, Jessie Bernard, T. H. Pear: The Nature of Conflict – Studies on the sociological aspects of international tensions , Paris 1957, S.177ff; s.a. Krause, Joachim: Strukturwandel der Nichtverbreitungspolitik, Müchen 1998, S. 21.

47  Vgl. Halliday, Fred: „ The End of the Cold War and International Relations: Some Analytical and Theoretical Conclusions”, in: Booth Ken / Smith, Steve S (Hrsg.), International Relations theory Today, Pennsylvania 1995, S. 38-61, hier S. 38.

48 

Vgl. Haftendorn, Helga: „Theorie der internationalen Beziehungen“, in: Woyke Wichard (Hrsg.):

Handwörterbuch Internationale Politik, 4. Auflage, Opladen 1990, S. 480.

49  Vgl. Meyers, Reinhard: „Metatheoretische und Methodologische Betrachtungen zur Theorie der internationalen Beziehungen“, in: Rittberger, Volker: Theorien der internationalen Beziehungen, Opladen 1990, S. 59.

50  Vgl. Meyers, Reinhard: Theorien der internationalen Beziehungen, in: Woyke Wichard (Hrsg.): Handwörterbuch Internationale Politik, 6. Auflage, Opladen 1995, S. 410-411.

51  Vgl. Kuhn, Thomas: The Structure of Scientific Revolutions, Chicago 1962.

52  Vgl. Meyers, Reinhard: „Die Theorie der internationalen Beziehungen zwischen Empirismus und paradigmatischer Koexistenz. Ein typologisch-taxomischer Versuch“, in: Haungs, Peter (Hrsg.): Wissenschaft, Theorie und Philosophie der Politik, Baden-Baden 1990, S. 3-25.

53  Vgl. Waltz, Kenneth N.: Theory of international Politics, New York 1979.

54  Vgl. Keohane, Robert O.: After Hegemony, Princeton, N.J. 1984.

55  Vgl. Baldwin, David: „Neoliberalism, Neorealism, and world Politics“, in: Baldwin, David (Hrsg): Neorealism and Neoliberalism – The Contemporary Debatte , New York 1993, S.209-233.

56  Vgl. Meyers, Reinhard: „Grundbegriffe, Strukturen und theoretische Perspektiven der Internationalen Beziehungen“, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Grundwissen Politik, Bonn 1993, S.235.

57  Vgl. Herz, John H: Staatenwelt und Weltpolitik. Aufsätze zur internationalen Politik im Nuklearzeitalter, Hamburg 1974, S. 12.

58  Vgl. Hellmann, Gunther/Wolf, Reinhard: „Systemische Theorien nach dem Ende des Ost-West-Konflikts. Bilanz und Perspektiven der Neorealismus-Institutionalismus-Debatte“, in: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft (ÖZP), 22 (1993) 2, S. 157.

59  Waltz, Kenneth N.: Theory of international Politics, New York 1979, S.131; s.a. Waltz: „The Emerging Structure of International Politics“, in: International Security , 18 (1993) 2, S. 50.

60  Layne, Christopher: „The Unipolar Illusion“, in: International Security , 17 (1993) 4, S. 9.

61  Vgl. Link, Werner: Der Ost-West-Konflikt. Die Organisation der internationalen Beziehungen im 20. Jahrhundert, Stuttgart/Berlin/Köln, 1980, S. 7.

62  Ebd., S. 11.

63  Vgl. Waltz: „The Emerging Structure of International Politics“, a.a.O., S.34-36.

64  Vgl. Link, Werner, a.a.O., S. 15-16.

65  Diese werden im Kapitel 3 ausführlich diskutiert.

66  Vgl. Krauthammer, Charles: „The Unipolar Moment“, in: Foreign Affairs, 70 (1991) 1, S. 23-33.

67  Ebd., S.24.

68  Ebd,. S. 29.

69  Huntington, Samuel P.: „Why International Primacy Matters“, in: International Security , 17 (1993) 4, S. 68.

70  Ebd., S. 82

71  Funabashi, Yoichi: „Japan and the New World Order“, in: Foreign Affairs , 75 (Winter 91/92) 5, S. 58-74

72  Vgl. McNaugher, Thomas L.: „U.S. Military Forces in East Asia“, in: Curtis, Gerald L. (Hrsg.): The United States, Japan and Asia, New York 1994, S. 184-215, hier 193-198.

73  Vgl. Christensen, Thomas F.: „Chinese Realpolitik“, in: Foreign Affairs , 75 (1996) 5, S.37-52.

74  Vgl. Salameh, Mamdouh G.: „China, Oil and the Risk of Regional Conflict“, in: Survival , 37 (1995-96) 4., S. 133-146.

75  Vgl. Layne, Christopher: „The Unipolar Illusion – Why New Great Power will Rise”, in: International Security , 17 (1993) 4, S. 5-51.

76  Ebd., S. 47-48.

77  Vgl. Oksenberg, Michel: „China and the Japanese-American Alliance”, in: Curtis, Gerald L. (Hrsg.): The United States, Japan and Asia , New York 1994, S.96-121.

78  Vgl. Bernstein, Richard und Munro, Ross H.: „The Coming Conflikt with American”, in: Foreign Affair, 76 (1997) 2, S. 18-32.

79  Vgl. Czempiel, Ernst-Otto: „Aktivieren, reformieren, negieren? Zum 50jährigen Bestehen der Vereinten Nationen“, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B42 /1995, S.36-45, hier S. 38.

80  Vgl. Powell, Robert: „Absolute and Relative Gains in international Relations Theory”, in: Baldwin, David (Hrsg): Neorealism and Neoliberalism – The Contemporary Debatte , New York 1993, S.209-233.

81  Vgl. Hellmann, Gunther/Wolf, Reinhard: „Systemische Theorie nach dem Ende des Ost-West-Konflikts. Bilanz und Perspektiven der Neorealismus-Institutionalismus-Debatte“, in: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft, 22 (1993) 2, S.153-167, hier S.158.

82  Vgl. Axelrod, Roberrt / Keohane Robert O.: „Achieving Cooperation under Anarchy: Strategies and Institutions”, in: Baldwin, David (Hrsg.): Neorealism and Neoliberalism-The Contemporary Debatte , New York 1993, Kapitel 4.

83  Zur Debatte zwischen Neoliberalismus und Neorealismus vgl. Baldwin, David (Hrsg.): Neorealism and Neoliberalism-The Contemporary Debatte, New York 1993

84  Nye, Joseph S. Jr.: „What New World Order?”, in: Foreign Affairs, 71(Spring 1992) 2, S. 85.

85  Ebd., S. 88f.

86  Die Macht bedeutet nicht nur, dass sie über ausschlaggebende, konkrete Ressourcen und Faktoren verfügt und dadurch andere internationale Akteure beeinflussen kann, sondern dass sie auch ideelle bzw. nicht greifbare Ressourcen hat, wie Kultur, Ideologie und Institutionen. Solche Macht wird als “sanfte Macht” gegenüber den konkreten Ressourcen als ”harte Macht” bezeichnet. Vgl. Nye, Joseph S. Jr.: Bound to Lead: The Changing Nature of American Power, New York 1990, S.31-32.

87  Nye, Joseph S. Jr.: „Soft Power”, in: Foreign Policy , 80 (Fall 1990), S. 170.

88  Nye, Joseph S. Jr.: The Paradox of American Power: Why the world’s only superpower can’t go it alone, Oxford 2002, S. 8f.

89  Nye, Joseph S. Jr.: „Soft Power”, in: Foreign Policy , 80 (Fall 1990), S. 171.

90  Vgl. Nye, Joseph S. Jr.: „Conflicts After the Cold War”, in: The Washington Quarterly , 19 (1996) 1, S. 5-24.

91  Vgl. Lieberthal, Kenneth: „A New China Strategy“, in: Foreign Affairs , November/Dezember 1995, S. 35-49.

92  Vgl. Funabashi, Yoichi / Oksenberg, Michael / Weiss, Heinrich: China auf dem Wege zur Großmacht. Kpnsequenzen in einer interdependenten Welt. Ein Bericht an die Trilateral Kommission, Bonn 1994, S. 95 ff.

93  Vgl. Ross, Robert: „Beijing as a Conservative Power”, in: Foreign Affair , 76 (1997) 2, S. 33-44; s.a. Lampton, David M.: „America’s China Policy in the Age of the Finance Minister: Clinton Ends Linkage”, in: The China Quarterly , (September 1994) 139, S. 597-621.



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19.01.2004