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5  Schlussfolgerung

Zusammenfassung:

Die Taiwan-Frage ist unweigerlich mit dem internationalen politischen System verknüpft. Die vorangegangene Diskussion über die Veränderungen der strategischen Interaktion im Modell der dualen Dreiecke seit 1950 hat die Gründe für die unbeständige Natur der Dreieckspolitik in der Straße von Taiwan aufgezeigt. In der Regel bestimmt die Konfiguration des großen Dreiecks die Politik der Akteure gegenüber anderen Akteuren in diesem Spiel und formt dadurch die Konfiguration des Mini-Dreiecks. Deshalb kann die Entstehung und Entwicklung der Taiwan-Frage mit der Änderung der internationalen strategischen Lage in drei Phasen eingeteilt werden:

1. Die Taiwan-Frage im Zeitalter des Kalten-Krieges:

Aufgrund der Entwicklung des chinesischen Bürgerkrieges und des Kalten Krieges wurde Taiwan strategisch wichtig. Die nationalchinesische Führung wählte die Insel als Rückzugsbasis, und danach erfüllte Taiwan eine wichtige Funktion als Sitz der nationalchinesischen Regierung. Die strategische Bedeutung Taiwans wurde durch den Ausbruch des Koreakrieges Mitte 1950 und durch die damit verbundene US-Eindämmungspolitik in Ostasien deutlich. Und sie wurde durch das militärische Vorgehen der chinesischen Kommunisten gegen Taiwan noch hervorgehoben, das die internationale Aufmerksamkeit auf die Taiwan-Frage lenkte und die amerikanische Bereitschaft zur Unterstützung der nationalchinesischen Regierung erhöhte. Dies stand im Zusammenhang mit den zunehmenden militärischen US-Aktivitäten in Vietnam seit Mitte der 1960er-Jahre, aufgrund derer Taiwan zu einer logistischen Basis für die US-Streitkräfte wurde.

In der damaligen Zeit blieb Taiwan ein wichtiges Glied im westpazifischen antikommunistischen Verteidigungsgürtel der US-Eindämmungsstrategie. Auf Seiten der US-Regierungen gab es die Bereitschaft, umfangreiche Mittel für die Verteidigungskapazitäten Taiwans zur Verfügung zu stellen und die im bilateralen Verteidigungsvertrag von 1954 festgehaltenen Verpflichtungen zu erfüllen. Es zeigte sich eine deutliche Übereinstimmung zwischen dem Interesse der US-Regierung, die vorgeschobene strategische Position Taiwans zur Eindämmung kommunistischer Expansionsbestrebun[Seite 216↓] gen und zur Erhöhung der eigenen Sicherheit zu nutzen, und dem Interesse der nationalchinesischen Regierung, die Invasion der chinesischen Kommunisten auf Taiwan zu verhindern. Folglich, blieb Taiwan ein wichtiges Glied im westpazifischen Verteidigungsgürtel der Eindämmungsstrategie der USA.

2. Die Taiwan-Frage in der Phase der Veränderung der Konstellation des Kalten-Krieges:

Die Détente-Politik zwischen den USA und der SU zeigte Ende der 1960er Jahre konkrete Erfolge. Gleichzeitig eröffnete der sowjetisch-chinesische Konflikt strategische Vorteile, die die USA aus einer Annäherung an die VR China ziehen konnten. Vor diesem Hintergrund wurde China für die USA strategisch bedeutsam, ebenso wie die USA für China strategisch wichtig wurden.

Anfang der 1970er Jahre erschien Taiwan ein weiteres Mal auf der internationalen Agenda, als die US-Regierung beschloss, ihre außenpolitische Strategie und ihre Strategie hinsichtlich der VR China zu verändern. Im Februar 1972 wurde im Zuge des Besuches von Präsident Nixon in der VR China das Shanghai-Kommuniqué unterzeichnet, einem politisch einschneidenden Ereignis, da darin von amerikanischer Seite das „Ein-China-Prinzip“ als Position der beiden chinesischen Regierungen anerkannt wurde und endlich die Reduzierung der militärischen Präsenz der USA auf Taiwan zugesagt wurde. Das war der Zeitpunkt, an dem die amerikanisch-chinesischen Beziehungen als vorher informale Partnerschaft sich zu einer gegen die Sowjetunion gerichteten strategischen Partnerschaft entwickelten.

Für die gemeinsamen strategischen Interessen gegen die SU schlossen die USA und China den Kompromiss, die Taiwan-Frage vorübergehend zur Seite zu legen, und unterzeichneten letztlich das Gemeinsame Kommuniqué zu den diplomatischen Beziehungen vom Dezember 1978. Aus der Entscheidung, die VR China offiziell anzuerkennen, resultierte, dass der nationalchinesischen Regierung auf Taiwan die einzige formale sicherheitspolitische Garantie verloren ging.

3. Die Taiwan-Frage nach dem Ende des Kalten Kriges:


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Mit dem Ende der kommunistischen Regime in Osteuropa, der Wiedervereinigung Deutschlands und der Auflösung der Sowjetunion kam es zu weitreichenden Veränderungen im internationalen System, wobei die Vereinigten Staaten die einzige Supermacht nach dem Ende des Ost-West-Konflikts sind. So entstanden mit dem Abbau der Bipolarität und aufgrund der neuen Machtverhältnisse zwischen den Großmächten neue internationale Rahmenbedingungen.

Nachdem der russische Einfluss in der Region immer mehr nachließ und dafür China als regionale Macht immer bedeutender wurde, kam es in der regionalen Gewichtung der Großmächte in Ostasien wie auch in den strategischen Beziehungen zwischen China und den USA zu wesentlichen Veränderungen. China entwickelte sich wieder zu einem Unsicherheitsfaktor für die Stabilität im westpazifischen Raum, eine Tatsache, die für die Strategie der USA Konsequenzen haben wird. Darum besteht die größte Herausforderung für die USA darin, gemeinsam mit der ostasiatischen Großmacht China eine stabile Beziehung zu schaffen. Neben vielen anderen Problemen handelt es sich bei der Taiwan-Frage nach wie vor um die schwierigste in den chinesisch-amerikanischen Beziehungen.

Da Selbstbestimmung und Unterstützung der Demokratie fundamentale amerikanische Werte sind, unterstützen die Amerikaner Taiwans Autonomie von Chinas Kontrolle. Daher schafft das Beharren Chinas, dass Taiwan ein Teil Chinas ist, einen Konflikt von politischen und strategischen Interessen zwischen den USA und China. Amerikas Verpflichtung gegenüber der Sicherheit Taiwans ist ein wichtiger Grundsatz der US-amerikanischen Ostasienpolitik, deren Abschwächung Amerikas Willen in Frage stellen würde, sich weiterhin an der ostasiatischen Sicherheit aktiv zu beteiligen, und möglicherweise kontraproduktive Reaktionen von den amerikanischen Verbündeten in der gesamten Region hervorrufen würde.

In der Zukunft ist die Taiwan-Frage immer noch ein gefährliches Dilemma und ein Konfliktherd für die USA in ihrer strategischen Beziehung zu China, die zu einem militärischen Konflikt führen könnte, der gleichzeitig die Sicherheit und die gesamte strategische Lage im asiatisch-pazifischen Raum destabilisieren würde.


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Ausblick:

Das obige Modell der strategischen Interaktion in der Taiwan-Frage ist auch hilfreich, um zu untersuchen, wie sich die Politik der einzelnen Akteure in diesem Dreieck gestaltet. Im Folgenden wird eine abstrakte Beschreibung der Politik und der Ziele, die jeder der drei Akteure derzeit verfolgt, gegeben.

Im Rahmen der US-Strategie für Ostasien und den Pazifik wird die amerikanische “Status-quo-Politik” in der Taiwan-Frage in Zukunft fortgesetzt werden. Die USA werden weder Taiwan bei ihren Unabhängigkeitsbestrebungen unterstützen noch China erlauben, eine Wiedervereinigung mittels Gewalt anzustreben. Zur genaueren Beschreibung der Politik und auf der Grundlage der strategischen Konfiguration des Dreiecks der Straße von Taiwan seit Mitte der 1990er Jahre sind die Hauptinhalte der US-Politik in der Taiwan-Frage folgende:

  1. Die Vermeidung eines bewaffneten Konflikts zwischen Taiwan und China aufgrund der hohen Wahrscheinlichkeit einer amerikanischen Verwicklung und die Bemühungen zur Beibehaltung der Stabilität in der Region.
  2. Das Insistieren, dass jede Lösung der taiwanisch-chinesischen Differenzen friedlich geschehen muss und der Zustimmung des taiwanischen Volkes bedarf.
  3. Das Festhalten am Taiwan Relation Act (TRA) wie auch die Beibehaltung der vielfältigen Beziehungen mit Taiwan, die sich seit 1979 entwickelt haben. Insbesondere die Beibehaltung der Erweiterungen des TRA, die festsetzen, dass die Insel mit Verteidigungsgerät und damit verbundenen Serviceleistungen von einer Qualität und Quantität versorgt wird, die nötig ist, um ein ausreichendes Selbstverteidigungspotential aufrecht zu halten. Darüber hinaus das Festhalten an den Erweiterungen des TRA, die festlegen, dass die Vereinigten Staaten die Fähigkeit beibehalten, gegen jede Gewaltanwendung oder andere Formen von Zwang Widerstand zu leisten, die die Sicherheit oder das soziale und ökonomische System der Menschen in Taiwan gefährden.
  4. Gleichzeitig dazu soll die taiwanische Regierung von Maßnahmen wie der Erklärung der Unabhängigkeit oder anderen schwerwiegenden Veränderungen des Status quo, die eine militärische Reaktion von Seiten Chinas provozieren könnten, abgehalten werden. [Seite 219↓]
  5. Das Zunichtemachen jeglicher Versuche Chinas, Amerikas Vormachtstellung im asiatischen Pazifik anzufechten; Reduzierung der Spannungen in der ostasiatischen Region und die konstruktive Einbindung der Volksrepublik China in das internationale System .

In der Taiwan-Frage ist Washingtons “Ein-China”-Politik entscheidend in der Doppelerwartung begründet, dass jede Lösung friedlich sein muß und dass beide Seiten Maßnahmen vermeiden, die die Spannungen erhöhen würden, speziell Taiwans Erklärung seiner Unabhängigkeit und die militärischen Drohungen der Volksrepublik China. Die amerikanische Politik bemüht sich, ausreichende Unterstützung für Taiwan zu zeigen, um das Festland von einem nicht provozierten Angriff abzubringen und ohne Taipeh zu einem potentiell destabilisierenden Verhalten zu ermutigen. Das bedeutet, dass sich die Vereinigten Staaten in einer Situation befinden, in der sie die Unterstützung für Taiwan vorsichtig modulieren müssen, um nicht in einen ungewollten Konflikt verwickelt zu werden. Trotzdem gibt es bei einer konstanten US-Politik gegenüber Taiwans Status und Zukunft keine Veränderung in der Sicherheitspolitik der Insel.

Chinas politische Ziele in der Taiwan-Frage können sowohl hinsichtlich der strategischen Konfiguration in der Region Ostasiens und des Pazifiks als auch im Rahmen des Mini-Dreiecks wie folgt zusammengefaßt werden:

  1. Beendigung des Bürgerkriegs und Sicherung der territorialen Integrität Chinas durch das Erreichen der Wiedervereinigung, um eine souveräne internationale Einheit zu bilden, die als “China” bekannt wäre und durch die Regierung der Volksrepublik China international repräsentiert würde, mit der gleichzeitigen Zusicherung eines Sonderstatus für Taiwan (eine Variante von “ein Land, zwei Systeme”, anders als bei Hongkong und Macao).
  2. Beibehaltung der Hauptpolitik einer friedlichen Wiedervereinigung, jedoch unter Vorbehalt des Rechts, Gewalt in dieser rein innenpolitischen Angelegenheit anzuwenden.
  3. Isolierung und Delegitimierung der taiwanischen Regierung als Staatsakteur im internationalen System. [Seite 220↓]
  4. Reduzierung des Einflusses der Vereinigten Staaten auf Taiwan und seiner unterstützenden Kontakte mit der Insel - besonders in Bezug auf die Waffenverkäufe und die militärische Zusammenarbeit (all dies wird als Ermutigung für Taiwans Ablehnung der Initiativen des Festlandes und als Unterstützung des Unabhängigkeitsgefühls verstanden).
  5. Reduzierung der Spannungen im strategischen Konkurrenzkampf mit den Vereinigten Staaten, um die Sicherheit der Volksrepublik China zu unterstützen und eine internationale Umgebung zu schaffen, die der Entwicklung seiner “umfassenden nationalen Macht” (Comprehensive National Power) förderlich ist.

Taiwans Position zu den chinesisch-taiwanischen Beziehungen könnte in den folgenden Hauptpunkten zusammengefaßt werden:

  1. Beibehaltung des gegenwärtigen Status quo, der weiterhin Taiwans de-facto-Status als “souveräner, unabhängiger” Staat garantiert.
  2. Vermeidung militärischer Konfrontation mit dem Festland bei gleichzeitiger Ablehnung seiner Bedingungen (“Ein China”/das Festland und Taiwan gehören beide zu China), deren Annahme innenpolitisch und international als Bereitschaft Taipehs gesehen werden könnte, die Vereinigung unter den derzeitig von Beijing angebotenen Bedingungen zu akzeptieren.
  3. Vergrößerung der internationalen Präsenz und des Profil Taiwans, um dem Status eines souveränen Staates näherzukommen und somit die innenpolitische Legitimität zu vergrößern; Erweiterung der globalen Unterstützung für den Status quo in der Straße von Taiwan, und Beibehaltung/Förderung der ökonomischen Beteiligung an der Weltwirtschaft.
  4. Verbesserung der ökonomischen Beziehungen mit dem Festland, um dessen wirtschaftliches Potential zu erhalten und damit das Wachstum in Taiwan zu unterstützen und die wirtschaftlichen Kosten eines bewaffneten Konflikts in der Straße von Taiwan für das Festland zu erhöhen; es sollte verhindert werden, dass die taiwanische Wirtschaft ausgehöhlt wird oder in Abhängigkeit vom Festland gerät.
  5. Erhaltung von dynamischen und vielfältigen Beziehungen mit den Vereinigten Staaten, um Taiwans Sicherheit gegen eine militärische Bedrohung vom Festland zu garantieren. [Seite 221↓]
  6. Minimierung und Begrenzung einer amerikanischen Annäherung an China, die in Taiwan als nachteilig für die taiwanischen Sicherheitsinteressen gesehen wird und die innenpolitische Moral untergräbt.
  7. Das Zeigen einer offenen Einstellung in Bezug auf die zukünftige Beziehung mit dem Festland und auf die Art und Weise, in der diese zukünftige Beziehung durch Verhandlungen – auch auf Regierungsebene - etabliert werden könnte.

Diese Zusammenfassung der jeweiligen Politiken Taiwans und Chinas impliziert, dass, abgesehen vom innerlich misstrauischen Charakter der Washington-Taipeh-Beijing-Beziehung, in den widersprüchlichen Politikzielen beider Seiten und ihren wettstreitenden Formeln für Taiwans Status zukünftige Unsicherheiten für das Taiwan-Straße-Dreieck liegen.

Besonders die Beziehungen über die Straße von Taiwan bleiben komplex und nuanciert, und die Dynamik der Beziehungen kann sich ändern. Dadurch ergeben sich einige wichtige Fragen in Bezug auf die Zukunft der Dreiecksbeziehung: Wird das Dreieck weiterhin mit widersprüchlichen Zielen auf allen Seiten bestehenbleiben und dadurch eine Situation erzeugen, die weder Krieg noch Frieden darstellt? Werden sich die widersprüchlichen Ziele eines oder mehrerer Akteure so verändern, dass eine permanente Lösung politisch möglich wird? Oder wird eine solche Veränderung zu einem bewaffneten Konflikt führen, der für immer die Dynamik der Beziehungen in der Straße von Taiwan verändern wird?

Das unwahrscheinlichste Ergebnis scheint eine endgültige Verhandlungslösung der Taiwan-Frage zu sein. Eine solche Lösung würde fundamentale Veränderungen in Grundsätzen erfordern, die bis heute fest bei allen drei Akteuren verwurzelt sind, besonders bei denen von Taiwan und China. Die wahrscheinlichste Möglichkeit wird die Fortsetzung des instabilen Gleichgewichts in diesem Dreieck sein. In den letzten Jahren existieren - bei wenig Ansporn auf irgendeiner Seite, Kompromisse einzugehen - auch schwerwiegende Gründe dafür, warum keine von ihnen einen bewaffneten Konflikt provozieren möchte. Ein friedlicher Status quo war bisher in der Tat für alle Parteien vorteilhaft. Ein offener Konflikt würde unkalkulierbare Risiken für jeden Beteiligten mit sich bringen, vor allem für Taiwan, aber auch für die Volksrepublik China, [Seite 222↓] die Vereinigten Staaten und die Region im Allgemeinen. Aus diesem Grund ist es wahrscheinlich, dass das instabile Gleichgewicht das bevorstehende Szenario im Gebiet der Straße von Taiwan sein wird. Das ist jedoch nicht unbedingt ein optimistisches Ergebnis. Es darf nicht vergessen werden, dass es paradoxerweise ebenso wahrscheinlich ist, dass ein fortdauernder Status quo zu einem Konflikt führt, wie er auch die Grundlage für die Auflösung des Fundaments des gefährlichen „Dreiecks der Straße von Taiwan“ seit 1950 liefern könnte.

Empfehlung:

Die Taiwan-Frage bleibt der fundamentale Grund für die Instabilität der bilateralen Beziehungen und schafft Umstände, die letztendlich einen militärischen Konflikt zwischen China und den Vereinigten Staaten zur Folge haben könnten. China und Taiwan sind weiterhin gänzlich unterschiedlicher Meinung hinsichtlich des politischen und internationalen Status Taiwans. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass in naher Zukunft Fortschritte in Richtung auf politische Verhandlungen zwischen beiden Seiten gemacht werden. Die Situation bleibt aufgrund der auf beiden Seiten der Taiwan-Straße vorhandenen Sensibilität hinsichtlich der Unabhängigkeitsfrage sehr heikel, insbesondere mit Blick auf die bisherige Unabhängigkeitsbefürwortung der Demokratischen Fortschrittspartei (DPP) und der Notwendigkeit für Präsident Chen, eine Möglichkeit zu finden, Taiwans besonderer (wenn nicht sogar unabhängigen) Status aus innenpolitischen Gründen zu unterstreichen. Daher bleibt die Führung der Volksrepublik China Chen gegenüber misstrauisch und glaubt, dass seine Strategie darin besteht, den Status quo langsam und in zunehmendem Maße zu ändern.

Da die fundamentalen Unterschiede tatsächliche politische Verhandlungen unmöglich machen, sollte die US-Politik es sich zum Ziel setzen, die Situation so stabil wie möglich zu halten und Fehleinschätzungen auf beiden Seiten zu vermeiden, die zu einem bewaffneten Konflikt führen könnten. Insbesondere die politische und soziale Dynamik Taiwans und Beijings Anhäufung militärischer Macht könnten derart zusammenwirken, dass sich die Wahrscheinlichkeit eines Konflikt demnächst erhöht. Die Vereinigten Staaten haben ein großes strategisches nationales Interesse an der Bewahrung des Friedens und der Stabilität und an der Vermeidung provokativer Aktionen oder Zwangsmaßnahmen einer der beiden Seiten. Jede Krise durch Taiwan birgt ein vorher[Seite 223↓] sehbares Problem mit der Möglichkeit eines direkten Militärkonfliktes zwischen China und den Vereinigten Staaten in sich. Würden die USA tatenlos zusehen, wenn China einen unprovozierten Angriff gegen Taiwan wagt, wäre dies ein furchtbarer Schlag für die amerikanische Glaubwürdigkeit und Führung in Ostasien und in der gesamten Welt.1

Wenn sie sich weiterhin gegen eine auf lange Sicht mögliche Entwicklung eines Chinas und die Möglichkeit einer Konfrontation wegen Taiwan absichern wollen, müssen die Vereinigten Staaten einen hohen Grad an Überlegenheit gegenüber den regionalen Akteuren beibehalten und damit die regionale Stabilität bewahren und insbesondere einen Konflikt in der Straße von Taiwan verhindern. Die Vereinigten Staaten müssen fähig sein, zwei Positionen im Gleichgewicht halten: (1) ein klares, glaubwürdiges Engagement in der Bereitstellung von Verteidigungspotential für Taiwan und, im Zweifelsfalle, die Intervention zugunsten Taiwans; (2) politische Versicherungen, dass die Vereinigten Staaten weder jetzt noch in Zukunft beabsichtigen, ihre Überlegenheit zu nutzen, um Beijings nationalem Hauptinteresse durch die Unterstützung der Unabhängigkeit Taiwans zu schaden.2 Die US-Regierung sollte gegenüber der Volksrepublik China weiterhin klarstellen, dass die USA angesichts der chinesischen militärischen Aufrüstung in Übereinstimmung mit dem Taiwan Relations Act weiterhin Verteidigungswaffen an Taiwan verkaufen werden und dass Einschüchterung und Zwang amerikanische Reaktionen hervorrufen würden. Ebenso sollte die US-Regierung Taiwan weiterhin versichern, dass die amerikanische Unterstützung für Taiwan stark und gesichert ist, jedoch immer unter der Voraussetzung, dass es Maßnahmen vermeidet, die unnötige Spannungen provozieren würden.

Taiwan sollte wissen, dass die Vereinigten Staaten auch mit der Erfüllung ihrer Verpflichtungen gemäß dem Taiwan Relations Act eine einseitige Erklärung der Unabhängigkeit Taiwans nicht unterstützen werden. Solch eine Erklärung würde als Provokation angesehen werden, und es wäre höchst unwahrscheinlich, dass die USA Taiwan zu Hilfe eilen würden, falls diese Erklärung eine militärische Konfrontation mit der [Seite 224↓] Volksrepublik China zur Folge hätte. China muss begreifen, dass das Insistieren der USA auf einer Lösung des Problems mit friedlichen Mitteln ernst gemeint ist, auch wenn die Vereinigten Staaten ihre „Ein-China-Politik“ weiterhin beibehalten und Taiwans Unabhängigkeit nicht unterstützen. China muss weiterhin verstehen, dass militärische Maßnahmen Chinas gegen Taiwan die Gefahr eines Krieges mit den Vereinigten Staaten heraufbeschwören würden, in jedem Falle aber den Abbruch der amerikanisch-chinesischen Beziehungen zur Folge hätten und China von der Weltgemeinschaft isolieren würden.

Beide, Taiwan und China, sollten begreifen, dass die Priorität für beide Parteien weder Unabhängigkeit noch Vereinigung ist, sondern Frieden und wirtschaftliche Entwicklung, und dass die praktische Aufgabe eher in der Vermeidung einer Konfrontation oder eines Konflikts besteht und weniger im Streben nach einer endgültigen Lösung. Der Frieden könnte davon abhängen, ob beide Seiten in der Lage sind, einen Weg zu finden, Bestrebungen nach verfrühten Lösungen zu vermeiden, einschließlich Lösungen durch Verhandlungen. Aufgrund der grundlegenden Unterschiede zwischen beiden Gesellschaften gibt es derzeitig kaum eine Basis für einen Kompromiss zu irgendeiner endgültigen Lösung, und das Scheitern eines solchen Versuchs selbst könnte Druck erzeugen, sich anderen Mitteln zuzuwenden.

In gewissem Sinne geht es bei dem Problem darum, ob jede Seite ausreichend Vertrauen darauf hat, dass die Zeit auf ihrer Seite ist und dass sie daher einen unsicheren, sich langsam verlagernden Status quo möglicherweise akzeptiert. Andererseits könnte Beijing sich sorgen, dass Taiwan, das zunehmend demokratischer wird, während China unter Parteiherrschaft bleibt, seine chinesische Identität ablegt, während die Jahre der tatsächlichen Abspaltung voranschreiten, und dass die Vereinigten Staaten Taiwans Unabhängigkeitsbestrebungen im Laufe der Zeit zunehmend unterstützen würden. Taiwans Sorge könnte darin bestehen, dass Chinas zunehmende wirtschaftliche und militärische Macht die Insel noch stärker international isolieren, wirtschaftlich abhängig machen und militärisch überwältigen könnte.

Trotz allem kann Chinas wirtschaftliches Wachstum (und möglicherweise Taiwans Beispiel eines demokratischen Systems in einer chinesischen Kultur) zu einem politi[Seite 225↓] schen Wandel führen, der neue Möglichkeiten für eine gänzlich andere politische Beziehung eröffnet als die derzeit existierende oder eine, von der beide Seiten sich im Augenblick nicht vorstellen können, dass sie sie akzeptieren würden. In jedem Falle kann die weiterführende wirtschaftliche Interdependenz Spannungen reduzieren und beide Seiten dazu bringen, sich nicht zu sehr auf einen abstrakten Legalismus und Prinzipien in den Beziehungen zu konzentrieren, sondern vielmehr auf praktische Kooperation und Stabilität. Keine der beiden Seiten kann sicher sein, dass die Zeit für sie arbeitet, aber jede muss erkennen, dass, auch wenn dies nicht ganz zufriedenstellend ist, ein fortgesetzter Frieden eher im eigenen Interesse ist als Konfrontation und Krise.


Fußnoten und Endnoten

1  Der derzeitige US-Präsident Bush hat erklärt, dass die Vereinigten Staaten „alles tun würden“, um die Insel im Falle eines chinesischen Angriffs zu verteidigen.

2  Vgl. Christensen, Thomas: “The Contemporary Security Dilemma: Deterring a Taiwan Conflict”, in: The Washington Quarterly, Autumn2002, S. 8.



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19.01.2004