Lévy, Alfred: Traditionen und Perspektiven im Werk von Erich Fromm

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Kapitel 4. Kulturanalyse und Kulturkritik

4.1 Geschichtliches und Begriffsklärung

4.1.1 Zur Geschichte der Kulturkritik

Fromm zählt zu den Autoren, die schon in frühen Jahren ihr Zeitalter, die Politik und die Gesellschaft mit wachen Augen betrachteten. Dazu prädestinierten ihn mehrere Faktoren: Als Angehöriger einer jüdischen Minderheit, als Psychoanalytiker und als marxistischer Sozialist stand er vielfach außerhalb der und quer zur bestehenden Sozietät, was ihn befähigte, das kommende Unheil rechtzeitig vorherzusehen. Voraussetzungen dafür schuf er sich durch soziologische und historische Studien, die Thema dieses Teiles sind.

In zahlreichen Werken, unter anderem in Wege aus einer kranken Gesellschaft<181> (1955), offenbarte Fromm die Lehrmeister seines kulturkritischen Schaffens. Aus verständlichen Gründen interessierten ihn vor allem humanistisch, anarchistisch und sozialistisch eingestellte Kulturanalytiker und Kulturkritiker; jedoch figurieren darunter auch religiöse Autoren wie Albert Schweitzer.

Der Anarchist Pierre Joseph Proudhon (1809-1865) z.B. sprach von einer zukünftigen „kompakten Demokratie“, die zwar auf der Diktatur der Masse gründet, aber den Einzelnen keine Macht gibt. Seine Zivilisations-Kritik gipfelt in der Voraussage:

Es (Europa) steht am Anfang eines Zeitalters brutaler Gewalt und der Verachtung von Grundsätzen ... Dann wird der gewaltige Krieg der sechs Großmächte beginnen (ebd. S.149).

Pessimistische Kulturkritiken stammen von Charles Baudelaire<182> („Die Welt geht ihrem Untergang entgegen“, 1851), Leo Tolstoi<183> („heute verderben Elektrizität, Eisenbahnen und Telegraph die ganze Menschheit“), Henry Thoreau<184> (die Geschäftigkeit und das Geldverdienen verdeckt und vernichtet jede kulturell sinnvolle Beschäftigung) und Emile Durkheim<185> („Sinnlosigkeit des endlosen Vorwärtsstrebens“; Leben in einer „Anomie“, d.h. dem Fehlen eines sinnvollen und strukturierten gesellschaftlichen Lebens). Jakob Burckhardt schließlich prophezeite für das 20. Jahrhundert furchtbare Kriege und Revolutionen.

Im 20. Jahrhundert nahm der britische Sozialist R.H. Tawney<186> einige Gedanken Fromms vorweg. Tawney prangerte nämlich bereits 1920 die Beherrschung des Menschen durch die Dinge, die Interesselosigkeit der Arbeiter an ihrer Tätigkeit und die Dominanz des Ökonomischen an. Ähnliche Gedanken äußerten Elton Mayo<187> und Frank Tannenbaum<188>, wobei der letztere das Hauptgewicht weniger als Tawney auf das Mitbestimmungsrecht der Arbeiter als auf die Bedeutung der Gewerkschaften legte. Lewis Mumford<189> („letzten Endes kann eine solche Zivilisation nur einen Massenmenschen erzeugen“) und A.R. Heron, ein Befürworter des Kapitalismus, stimmen schließlich darin überein, daß automatische und langweilige Arbeitsverrichtung die menschlichen Fähigkeiten verkümmern läßt.

Zu den kulturkritischen Vorbildern zählen auch Aldous Huxley, Albert Schweitzer und Albert Einstein. Huxleys Schöne neue Welt<190> aus dem Jahre 1931 schildert z.B. eine automatisierte Welt 600 Jahre nach Ford, d.h. etwa im Jahre 2600, die „unverkennbar


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verrückt ist und sich trotzdem nur in Einzelheiten und bis zu einem gewissen Grad von der realen Welt etwa im Jahre 1954 unterscheidet“ (ebd. S.158).

Albert Schweitzer<191> wiederum ruft zum Widerstand gegen den Zeitgeist, zum „geistigen Erwachen und dem ethischen Wollen“ und zu einer humanistischen Kulturgesinnung auf. Albert Einstein beschreibt in einem Artikel „Warum Sozialismus?“<192> aus dem Jahre 1949 die moderne Krise folgendermaßen:

Unwissentlich Gefangene ihres eigenen Egoismus, fühlen sie (die modernen Menschen) sich unsicher, vereinsamt und der naiven, einfachen und unkomplizierten Lebensfreude beraubt. Der Mensch kann in seinem so kurzen und gefahrvollen Leben nur einen Sinn finden, wenn er es dem Dienst an der Gesellschaft widmet (ebd. S.163).

4.1.2 Normal, gesund, krank oder neurotisch - gelten diese Begriffe auch für die Gesellschaft?

Psychologische Themen, die den Einzelnen betreffen, sind in jedem Fall sozialpsychologisch relevant, besteht die Gesellschaft doch aus Individuen. Da nicht nur neurotische, sondern alle Menschen Lebensprobleme haben, erhebt sich die Frage, ob eine Gesellschaft ebenfalls gesund, krank oder neurotisch genannt werden darf.

Man könnte, so Fromm, von zwei verschiedenen Standpunkten her argumentieren: 1. Von einer funktionierenden Gesellschaft aus gesehen gilt derjenige als normal oder gesund, der die ihm zufallende Rolle richtig ausfüllt, d.h. arbeitet und für das Fortbestehen der Gesellschaft durch Nachkommen sorgt - hier dominieren die gesellschaftlichen Erfordernisse. 2. Vom Standpunkt des Individuums aus bedeutet Gesundheit und Normalität „ein Optimum an Wachstum und Glück“ (ebd. S.298) - dann bestimmen persönliche Werte und Normen die Sichtweise. Optimal wäre es, wenn beide Argumente sich ergänzen würden. In Wirklichkeit besteht in der Regel jedoch eine Diskrepanz zwischen den Zielen einer reibungslos funktionierenden Gesellschaft und der vollen Entfaltung des Individuums.

Mit anderen Worten beeinflußt die subjektive Einstellung das Urteil wesentlich: Die meisten Psychiater und Psychologen z.B. diagnostizieren die Patienten von ihrer eigenen Angepaßtheit an die Gesellschaft her (neurotisch sei derjenige, der in der Gesellschaft nicht ausreichend funktioniert) und werten damit die Neurotiker ab. Fromm stellt sich solidarisch auf die Seite der „Patienten“, indem er folgende Argumente vorbringt:

Der gut angepaßte, normale Mensch ist im Hinblick auf die menschlichen Werte oft weniger gesund als der neurotische. Oft ist er nur deshalb so gut angepaßt, weil er sein Selbst aufgegeben hat, um mehr oder weniger so zu werden, wie man es von ihm erwartet (Die Furcht vor der Freiheit<193>, 1941, S.299).

Der Neurotiker hätte die Waffen noch nicht gestreckt und ringe noch um sein Selbst, allerdings mittels neurotischer Mechanismen und irrealer Phantasien. In gewisser Weise verteidigt Fromm hier diejenigen, welche z.B. die Leistungsansprüche der Sozietät negieren.<194>

Vom Standpunkt der menschlichen Werte aus könnte man ... eine Gesellschaft als durchaus neurotisch in dem Sinn bezeichnen, daß ihre Mitglieder in bezug auf das Wachstum ihrer Persönlichkeit verkrüppelt sind (ebd. S.299).


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Um den widersprüchlichen Begriffen aus dem Weg zu gehen, schlägt Fromm deshalb vor, nicht von einer neurotischen Gesellschaft zu sprechen, sondern von einer, die „dem Glück und der Selbstverwirklichung des Menschen im Wege steht“ (ebd. S.299).<195>

4.2 Der Staat als Erzieher. Zur Psychologie der Strafjustiz.

Fromm setzte sich früh mit der bestehenden Gesellschaft und dem Staat auseinander. In den Aufsätzen zum Strafrecht (Der Staat als Erzieher. Zur Psychologie der Strafjustiz, 1930 und Zur Psychologie des Verbrechers und der strafenden Gesellschaft<196>, 1931) ging es ihm auch darum, einen neuen Weg zu einer gerechteren Justiz in einer überwiegend patriarchalisch strukturierten Sozietät zu finden.

Seit langem ist bekannt und durch Statistiken belegt, daß die Strafen, welche der Staat über die Verbrecher verhängt, weder die Verbrecher von der Wiederholung abhält noch eine abschreckende Wirkung auf die anderen ausübt. Warum aber hält der Staat an diesen unzweckmäßigen Maßnahmen fest? Dies hängt damit zusammen, daß die Strafjustiz auch aus anderen Motiven handelt. Sie beabsichtigt nämlich (unbewußt) nicht, auf die Verbrecher, sondern auf das Volk allgemein einzuwirken.

Der Staat und seine Organe beeinflussen die Menschen derart, daß diese sich in der Regel als brave Bürger verhalten. Er zwingt sich - wie Fromm noch in echt psychoanalytischer Ausdrucksweise schreibt - dem Unbewußten der Masse als Vaterimago auf, so daß der Bürger Angst vor Bestrafung bekommt. Wie der „Urvater“ behielten und behalten sich die Regierenden bekanntlich noch bis heute das Recht vor, schlimmste „Kastrationen“ (Schädigungen) bis zur Todesstrafe anzudrohen und ausführen zu lassen. Strafe ist somit ein „psychisches Requisit der Klassengesellschaft“ (ebd. S.28): Die Masse soll zur Unterordnung und Bindung an die Herrschenden erzogen werden.

Darüber hinaus „darf“ die Masse an den Verbrechern (wie auch an den Feinden im Krieg oder den Minderheiten) ihre aggressiv-sadistischen Impulse abreagieren, die sie dadurch erworben haben, daß sie sich den Herrschenden und den Besitzenden unterworfen haben. Der Triebverzicht, der durch die Unterordnung geleistet wird, findet durch die Strafjustiz ein Ventil. Auf diese Weise erzieht der Staat die Masse entsprechend dem Verhältnis zwischen Vater und Kind, d.h. auf patriarchalische Weise.

Fromm diskutiert auch die Frage, ob es gesunde und neurotische Verbrecher gibt. Franz Alexander<197> hebt dabei auf das Rationale ab: Wer argumentativ sein Delikt vertreten könne (z.B. aus Armut gestohlen zu haben), wäre gesund, während eine reiche, also neurotische Diebin keine plausiblen Gründe vorzuweisen hätte. Diese Argumentation wurde in ähnlicher Weise von einem bekannten Kriminalisten, R. Heindl<198>, vorweggenommen, der die Massenmörder „geistesgesunde Berufsverbrecher“ nannte, da sie z.B. wie Haarmann die Kleider der Ermordeten verkauft hatten, um zu Geld zu kommen.

Fromm nennt diese Argumentationen oberflächlich und verweist zum einen auf den Triebkonflikt-Zwang und zum anderen auf die sozial-wirtschaftlichen Nöte, aus denen heraus es zu kriminellen Taten kommt. Der Verbrecher weise, so Fromm, mehrere Defizite in seinen Abwehrmechanismen auf: Er verdrängt, kann nicht bzw. schlecht Verzicht leisten und versagt deshalb auch in der Sublimierung.

Der Autor zeigt viel Verständnis für die Armen und Benachteiligten der Gesellschaft, die durch Ausbeutung und politische Unterdrückung mehr aggressive


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Impulse als die Vermögenderen entwickelten. Sie hatten in der Regel weitaus geringere Chancen, Konflikte im Beruf, durch Konsum, Sport oder Kino zu neutralisieren.<199> Die Proletarier galten zu Fromms Zeiten als neidisch und „narzißtisch Unterernährte“, die relativ leicht auf narzißtische Verlockungen (z.B. in der Zeitung genannt zu werden oder an nationalistischen Veranstaltungen teilzunehmen) hereinfielen.

Somit macht der Autor direkte und, was noch mehr ins Gewicht fällt, indirekte gesellschaftliche Faktoren für die Verbrechensmotivation verantwortlich.

Viele Verbrechen lassen sich in diesem Sinne definieren als die Befriedigung bestimmter, ihrer Entstehung nach individuell bedingter libidinöser Impulse unter bestimmten sozial-ökonomischen Verhältnissen (ebd. S.21).

Derartige Erkenntnisse beeinflussen entscheidend die Frage nach der Verantwortlichkeit der Verbrecher. Einige Kriminologen (z.B. F. von Liszt<200>) hatten aus ihrer Erfahrung mit regelmäßig rückfälligen Verbrechern geschlossen, daß Gewohnheitsverbrecher eigentlich kranke Menschen sind, die korrekterweise in eine Heilanstalt und nicht in eine Strafanstalt gehören.

Die psychoanalytischen Erkenntnisse könnten nutzbringend in der Justiz eingesetzt werden, da sie über unbewußte und wirtschaftliche Faktoren aufklären. Eine „Nacherziehung“<201> wäre dann bei einigen Kriminellen hilfreich und ausreichend. Wenn dies alles allerdings nichts fruchten würde, müßten die Verbrecher in „Sicherungsverwahrung“ genommen werden.

Ebenfalls zu jener Zeit (1930) befaßte sich Fromm mit einem Vatermord-Prozeß in Österreich: Ödipus in Innsbruck<202>. In diesem Verfahren wiesen alle Indizien darauf hin, daß der Sohn Halsmann seinen Vater anläßlich einer Gebirgstour getötet hatte. Während zwei Prozessen behauptete nun der Sohn steif und fest, daß der Tod durch einen Unfall eingetreten sei. Die Anklage stützte sich dabei auf psychiatrische Gutachten, die dem Sohn einen „Freudschen Ödipuskomplex“ attestierten.

Die Verteidigung wiederum argumentierte, daß der Sohn beim Anblick des (durch einen Sturz) tödlich verwundeten Vaters einen Schock und dadurch einen Gedächtnisschwund (eine „retrograde Amnesie“) erlitten hätte. Der Angeklagte habe daraufhin diese Lücke mit einem (erfundenen) Unfallhergang gefüllt.

Fromm widerlegt zum einen die These, daß der bei allen Menschen vorhandene Ödipus-Komplex zum Vatermord führe: „Wäre es anders, so wären die meisten Menschen Vatermörder gewesen“ (ebd. S.134). Zum anderen bezweifelt er die Argumente der Verteidigung, welche der Meinung war, daß der Schock die unwahre Darstellung der Todesursache ausgelöst habe.

Der Autor entwickelt nun seine eigene Theorie, die besagt, daß durch den Schock tatsächlich eine retrograde Amnesie hätte entstehen können, die aber deshalb mit der unwahren Unfallschilderung gefüllt wurde, weil der Angeklagte durch seine Schuldgefühle zur „Phantasie vom Unfall des Vaters“ gezwungen wurde. Es sollte also ein psychologischer Fachmann zur Urteilsfindung herangezogen werden, der die unbewußten und verdrängten Motive des Angeklagten ans Licht heben könnte.<203> (Der Angeklagte wurde übrigens aufgrund der Indizien für schuldig befunden und wegen Mordes verurteilt).


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4.3 Zur Psychologie des ohnmächtigen Kleinbürgers

In der „Zeitschrift für Sozialforschung“ erschien 1937 der Aufsatz Zum Gefühl der Ohnmacht<204> (Fromms letzter Beitrag auf deutsch im Publikationsorgan des „Instituts für Sozialforschung“). Darin charakterisiert er den bürgerlichen Menschen als zwiespältig in seinem Schwanken zwischen dem Glauben an die eigenen großartigen technischen und materiellen Möglichkeiten und dem Gefühl, der Welt gegenüber machtlos zu sein:

Die ganze materielle Welt wird zum Monstrum einer Riesenmaschine, die ihm Richtung und Tempo seines Lebens vorschreibt. Aus dem Werk seiner Hände, bestimmt, ihm zu dienen und ihn zu beglücken, wird eine ihm entfremdete Welt, der er demütig und ohnmächtig gehorcht. Dieselbe Haltung der Ohnmacht hat er auch gegenüber dem sozialen und politischen Apparat (ebd. S.189).

Obwohl „allmählich fast jedes Kind wußte, daß man vor Kriegen stand, die auch für den Sieger das entsetzlichste Leiden mit sich brachten“, stemmten sich die Menschen nicht gegen die drohende Katastrophe, sondern ließen Aufrüstung, militärischen Drill und brutale Willkür zu. Der Autor möchte nun der Frage nachgehen, wie es dazu kommen konnte, daß die meisten Bürger dies nicht nur passiv und schicksalhaft akzeptierten, sondern sogar aktiv ihren eigenen Untergang herbeiführten.

Eine Erklärung für diesen Zwiespalt bestehe im Gefühl der Ohnmacht, das bisher niemand im bürgerlichen Charakter aufgedeckt hätte. Am leichtesten sei das Ohnmachtsgefühl beim Neurotiker nachzuweisen, jedoch „lassen sich die Ansätze des gleichen Gefühls auch beim gesunden Menschen unserer Zeit unschwer entdecken“.

Das Ohnmachtsgefühl ist bei neurotischen Menschen so regelmäßig vorhanden und stellt einen so zentralen Teil ihrer Persönlichkeitsstruktur dar, daß sich vieles dafür sagen ließe, die Neurose geradezu von diesem Ohnmachtsgefühl her zu definieren (ebd. S.190).<205>

Ohnmachtsgefühle werden von Fromm mit Schwäche, Machtlosigkeit, Nicht-ernst-genommen-Werden, Angst, Minderwertigkeitsgefühl und Sinnlosigkeitsgefühlen charakterisiert. Als Beispiel erwähnt er eine Analysandin, welche im Traum durch mehrfache Nicht-Beachtung und Herablassung in eine ohnmächtige Wut geriet. Sich minderwertig fühlende Menschen ziehen sich ängstlich zurück, klagen sich selbst an, lassen sich von anderen masochistisch ausnutzen, können sich nicht verteidigen und brüten Groll, Aggression und Racheaffekte aus.<206>

Die einzige Autorin, die Fromm im Zusammenhang mit dem Masochismus<207> erwähnt, ist Karen Horney. Folgen der Ohnmachtsgefühle sind Passivität, Wehrlosigkeit, fatalistischer Glaube mit begleitenden tröstenden Rationalisierungen (z.B. irreale Hoffnungen auf ein Wunder, wenn man nur geduldig abwartet), andererseits Kompensationen wie übermäßige Geschäftigkeit, „Vereinsmeierei“ und vor allem auch das „Streben nach Kontrolle und Führung“. Ohnmächtige kompensieren ihre Schwächen durch „Größenideen“, typischerweise bei den Angehörigen der bürgerlichen Mittelschicht und den Intellektuellen zu beobachten:

Der häufigste Fall dieser Art sind Männer, wie wir sie besonders im

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europäischen Kleinbürgertum finden, die in ihrer gesellschaftlichen und ökonomischen Existenz völlig ohnmächtig sind, aber ihren Frauen, Kindern und vielleicht dem Hund gegenüber einen intensiven Wunsch nach Macht und Kontrolle haben und imstande sind, ihn auch zu realisieren und zu befriedigen (ebd. S.197).

Im Mittelpunkt des Aufsatzes stehen die Ursprünge der Ohnmachtsgefühle und deren Äußerungen in der bürgerlichen Gesellschaft.

Das Verhalten des Erwachsenen zum Kind läßt sich dahingehend charakterisieren, daß das Kind im letzten Grunde nicht ernstgenommen wird. Dieser Tatbestand ist offenbar in den Fällen, in denen Kinder vernachlässigt und ausgesprochen schlecht behandelt werden (ebd. S.201).

Jedoch sei das Nichternstnehmen auch hinter „Verzärtelung und Verwöhnung versteckt“.<208> Hauptsächlich das bürgerliche Kind werde dadurch von der Realität abgehalten, auf irreale Ideale von Bescheidenheit, Anspruchslosigkeit und Nächstenliebe eingeschworen (was es nie erreichen könne) und von eigenen Leistungen abgehalten, andererseits in der Schule und im Erwerbsleben dazu angehalten, den gesellschaftlich höchsten Wert, nämlich die „ökonomische Leistungsfähigkeit“, zu verwirklichen.

Die Folgen im Erwachsenenleben sind verheerend: Ohnmacht wechselt mit Sadismus ab, und Verwirrung über die eigene Rolle ist die Regel.

Der durchschnittliche Erwachsene unserer Gesellschaft ist tatsächlich ungeheuer ohnmächtig, und diese Ohnmacht wirkt noch um so drückender, als er ja glauben gemacht wird, es müßte eigentlich ganz anders sein und es sei sein Verschulden, wenn er so schwach sei ... Gefühle, Meinungen, Geschmack werden ihm eingehämmert, und jede Abweichung bezahlt er mit verstärkter Isolierung (ebd. S.203).<209>

Die soziale und politische Lage wird aus der Sicht des Kleinbürgers differenziert geschildert. Das Ohnmachtsgefühl der erwachsenen Bürger verstärkt sich (nach der üblichen autoritären Erziehung in der Familie) durch Massenarbeitslosigkeit, Kriegsgefahr sowie Unwissen über Ökonomie und Psychologie:

Die europäische Situation stellt gerade sehr eindrucksvoll dar, wie fatalistisch die Menschen sich mit ihrem Schicksal abfinden, obwohl Millionen von ihnen eine im Prinzip richtige Theorie der gesellschaftlichen Vorgänge besitzen (ebd. S.204).

Fromm zeigt auf, daß zahlreiche Phänomene in Deutschland mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg zusammenhängen. Auf das Ohnmachtsgefühl folgten Kompensationen in Form von neuen Gesetzen, Reformen und Scheinaktivitäten, dann auch der Glaube, die Zeit werde alles heilen, und schließlich der Glaube an Wunder wie „begnadete Führer“, Rückkehr der Monarchie oder „irgendein Wechsel“.

Diese Hoffnung auf einen Umschwung, wie immer er auch geartet sei, war der Nährboden für das Wachstum der zum Sieg des autoritären Staates führenden Ideologien (ebd. S.205).

Bei den Kleinbürgern waren diese Mechanismen am wirksamsten, da sie sich durch die ökonomische Entmachtung am ohnmächtigsten fühlten.

Schon damals erhob man den Einwand, daß die autoritären Führer doch zur Umgestaltung der Gesellschaft viel Gutes beigetragen hätten. Fromm widerspricht dieser Auffassung jedoch und weist darauf hin, daß Verfolgung Andersdenkender, Armut und


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Krieg weiterhin fatalistisch und fast widerstandslos von der Bevölkerung akzeptiert wurden. Sie ließen sich durch Schlagworte wie „Naturgesetz“, „Zwang der Tatsachen“, „Macht der völkischen Vergangenheit“, „Wille Gottes“ oder „moralische Pflicht“ einlullen:

Immer bleibt es eine höhere Gewalt außerhalb des Menschen, der gegenüber jede eigene Aktivität endet und nur blinde Unterwerfung möglich ist (ebd. S.206).

4.4 Die Furcht vor der Freiheit

Fromm setzte seine kulturanalytischen Studien fort und veröffentlichte 1941 das Buch Die Furcht vor der Freiheit (Englisch: Escape from Freedom)<210>. Damit wurde er in den USA schlagartig berühmt. Zurecht, da sich in diesem Werk nicht nur ein Tiefenpsychologe, sondern auch ein Kenner der Soziologie, der christlichen und jüdischen Religion und Theologie, des Marxismus, der Aufklärungs-Philosophie und des Humanismus zu Wort meldete.

Das dem Buch vorangestellte Motto des Renaissance-Philosophen und Humanisten Pico della Mirandola (1463-1494) gibt das zentrale Thema vor:

Dir allein gab ich die Fähigkeit zu wachsen und dich nach deinem eigenen freien Willen zu entfalten. Du trägst in dir den Keim eines allumfassenden Lebens (ebd. S.216).

Der moderne Mensch hat sich zwar von den mittelalterlichen Fesseln, die ihm eine gewisse Sicherheit und Zufriedenheit gaben, befreien können. Er erlangte aber noch nicht die Fähigkeit, die Freiheit, „verstanden als positive Verwirklichung seines individuellen Selbst“ (ebd. S.218), in die Tat umzusetzen. Unabhängigkeit, technisches Können und ein gewisser Wohlstand wurden mit Isolierung, Angst und Ohnmacht erkauft. Zahlreiche Menschen ergriffen deshalb die Flucht und begaben sich wieder in Abhängigkeit von totalitären Systemen wie dem Faschismus oder dem Bolschewismus.

Fromm wendet sich anfangs den individuellen seelischen Bedingungen für dieses primär unverständliche Verhalten zu. Dabei stützt er sich hauptsächlich auf Freuds Psychoanalyse, ergänzt und korrigiert sie aber durch die Erkenntnisse von Karen Horney, Harry Stack Sullivan und seine eigenen.

Jeder Mensch hat Bedürfnisse wie Durst, Hunger und Schlaf, die er zwingend befriedigen muß, um sich selbst zu erhalten. Darüber hinaus ängstigt er sich aber auch panisch vor Isolierung und seelischer Vereinsamung, so daß er nach geeigneten Schutzmaßnahmen davor sucht:

Die Religion und der Nationalismus oder auch irgendeine Sitte oder ein noch so absurder und menschenunwürdiger Glaube sind - wenn sie den einzelnen nur mit anderen verbinden - eine Zuflucht vor dem, was der Mensch am meisten fürchtet: die Isolation (ebd. S.229).

„Das Bedürfnis, auf die Welt außerhalb seiner selbst bezogen zu sein und das Bedürfnis, Einsamkeit zu vermeiden“ (ebd. S.228) zählen somit ebenfalls zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Deshalb wagt er es auch nicht, sich gegen die bestehende Gesellschaftsordnung zu stellen, da er sonst Gefahr läuft, ausgeschlossen zu werden.

Fromm weist auf die Parallelen zwischen der Menschheitsgeschichte und der individuellen Entwicklung hin. Sobald sich der Mensch aus den naturgemäßen primären Bindungen löst (von der Familie durch Individuation, von der Natur durch eigene Produktivität, Vernunft und Wissen, wie es der Mythos vom Paradies symbolisiere), zeigt sich das „Doppelgesicht der Freiheit“, indem das Wachstum des Selbst mit Angst, Ohnmacht und dem Gefühl der Einsamkeit einhergeht. Dann treten Impulse auf,


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die eigene Individualität aufzugeben und das Gefühl der Einsamkeit und Ohnmacht dadurch zu überwinden, daß man völlig in der Außenwelt aufgeht (ebd. S.234).

Wer in diese „Fluchtmechanismen“ durch ökonomische, soziale und politische, aber auch selbst gewählte Faktoren gedrängt wird, verliert zusehends an Ichstärke; er verheddert sich im Teufelskreis von Angst, Aggression, Auflehnung, Verdrängung, Unterwerfung und Sadomasochismus. Die zentrale These des Buches lautet deshalb:

Der Mensch hat - je mehr er aus seinem ursprünglichen Einssein mit seinen Mitmenschen und der Natur heraustritt und „Individuum“ wird - keine andere Wahl, als sich entweder mit der Welt in spontaner Liebe und produktiver Arbeit zu vereinen oder aber auf irgendeine Weise dadurch Sicherheit zu finden, daß er Bindungen an die Welt eingeht, die seine Freiheit und die Integrität seines individuellen Selbst zerstören (ebd. S.230).

Erst das Freisein von der „süßen Knechtschaft des Paradieses“ (negative Freiheit) sei die Voraussetzung für die Freiheit zur Selbstbestimmung, d.h. zu seiner Individualität (positive Freiheit).<211>

In Europa hob die Möglichkeit zur Individuation nach dem Mittelalter mit der Renaissance an. Danach riß die Kluft zwischen der „Freiheit von“ und der „Freiheit zu“ bis zur Neuzeit mehr und mehr auf. Um diesen Prozeß zu verdeutlichen, vergleicht Fromm die Moderne mit der Reformation, in welcher der Mensch vor demselben Dilemma - nämlich der wachsenden Unabhängigkeit von äußeren Autoritäten, aber auch zunehmender Isolierung mit den Gefühlen der Bedeutungslosigkeit und Ohnmacht - stand.

4.5 Kulturanalyse des Mittelalters und der Reformation

In der Bewertung der sozio-kulturellen Vorgänge im Mittelalter streiten sich die Gelehrten. Einerseits spricht man vom finsteren Mittelalter, in dem Feudalismus und Absolutismus regierten, so daß das Individuum im Aberglauben verharrte, wenig von sich selbst wissen und sich nicht frei entwickeln konnte. Andererseits betonten einige „reaktionäre Philosophen, aber gelegentlich auch progressive Kritiker des modernen Kapitalismus“, daß der mittelalterliche Mensch solidarischer war, sich innerhalb seiner Familie, Kirche, Berufsgilde und mit seiner Orientierung auf unmittelbaren Lebensgenuß (nicht Geld- oder Machterwerb) sicherer und heimischer fühlte als spätere Generationen.

Fromm gibt beiden Seiten recht, bevorzugt aber die Interpretationen von Jakob Burckhardt<212> (1818-1897), Wilhelm Dilthey (1833-1911)<213> und Ernst Cassirer<214> (1874-1945). Deren Thesen hatte vor allem Johan Huizinga<215> (1872-1945) widersprochen und einige Mängel am Renaissance-Bild von Burckhardt aufgedeckt. Die Kritik trifft aber - so Fromm - auf die wesentlichen Elemente der Veränderung nicht zu, die darin bestehen, daß es sehr viel mehr Menschen in der Renaissance als im Mittelalter gelang, sich aus familiären, sozialen und politischen Fesseln zu befreien und die „Geburt des Individuums“ einzuleiten. Jakob Burckhardt beschrieb diesen Vorgang als „Entdeckung der Welt und des Menschen“<216>.

Die Befreiung des Individuums hing auch mit dem Besitz des Geldes zusammen. Diejenigen, die mehr davon besaßen, konnten sich persönlich besser entwickeln als die Masse des Volkes. Diese Fortschritte waren zuerst in Italien zu beobachten, wo Handel,


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Architektur, Kunst und Philosophie im 15. Jahrhundert einen großartigen Aufschwung nahmen. Das neu erwachte Individuum eroberte und bereiste andere Kontinente, verwischte die Standesgrenzen und entwickelte einen kosmopolitischen Geist, aus dem heraus Dante sagen konnte: „Meine Heimat ist die ganze Welt“ (ebd. S.244).

An der Spitze der Renaissance-Gesellschaft herrschte eine reiche Schicht (meistens Adlige oder Großbürger), während das Volk keine Rechte besaß, zunehmend dirigiert und ausgebeutet wurde. So entstand mit dem neuen Individualismus auch ein neuer Despotismus: „Freiheit und Tyrannei, Individualität und Orientierungslosigkeit waren unentwirrbar miteinander verwoben“ (ebd. S.245). Dazu kam noch ein erbarmungsloser Konkurrenzkampf um Besitz und Macht; Skrupellosigkeit, Egozentrik und unersättliche Gier nahmen Überhand.<217>

Die zu neuem Leben erwachten Individuen handelten sich mit ihrer persönlichen Expansion jedoch auch Vereinsamung, Selbstzweifel, Unsicherheit, Verzweiflung und Angst ein.<218> Kompensatorisch strebten deshalb zahlreiche Renaissance-Menschen wiederum nach Macht, Ruhm und Besitz.

Fromm erläutert nun den Übergang von der Renaissance zur Reformation und damit zum eigentlichen Kapitalismus der Neuzeit. Dabei sind wesentliche Unterschiede festzuhalten, denn die Wurzeln des Kapitalismus sind hauptsächlich in der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation Mittel- und Westeuropas sowie in den Lehren Luthers und Calvins zu finden.

In der Renaissance hatten sich einige wenige Reiche, Condottiere (Söldnerführer), Künstler und Adlige zur Individualität entfaltet, während in der Reformation der neue religiöse Geist die städtische Mittel- und Unterschicht sowie die Bauernschaft ergriff. Das städtische Bürgertum wurde, wie Max Weber<219> (1920) es ausdrückte, zum Rückgrat der modernen kapitalistischen Entwicklung.

Im folgenden weist Fromm nach, daß der „Geist“ der Renaissance und der Reformation unterschiedlich war.<220> Die mittelalterliche Gesellschaft besaß kaum große Unternehmen; der Kleinhandel dominierte, und die Zunfthandwerker hatten ihr Einkommen. Das Erwerbsleben war eher unwichtig. Habsucht galt als Todsünde, so daß kein Kapital angehäuft wurde.

Im 14., 15. und vor allem im 16. Jahrhundert jedoch veränderte sich die Situation. Es entstanden Monopole, Großunternehmer und konkurrierende Gesellschaften, die den kleinen Kaufmann in den Ruin trieben. Bereits Luther wetterte 1524 gegen die Monopole und den Wucher. Auch die Bauern, die zwar keine Leibeigenen mehr waren, mußten so hohe Abgaben entrichten, daß sie in eine materielle Hörigkeit gerieten.

Die Zeitgeist-Veränderungen zeigten sich auch an anderen Details: Allgemein ist mehr Hektik und Unruhe zu konstatieren - seit dem 16. Jahrhundert schlugen z.B. die Turmuhren in Nürnberg alle Viertelstunden, da keine Zeit mehr vergeudet werden durfte. Neue Tugenden und Werte wie Arbeitseifer, berufliche Tüchtigkeit und materieller Reichtum rangierten nunmehr an erster Stelle. Einigen Menschen gelang es tatsächlich in dieser zunehmend konkurrierenden Gesellschaft zu Macht, Ansehen und Kapital („Freiheit“) zu kommen.

Die neue Freiheit mußte in ihm (dem Menschen der Reformation) ein tiefes Gefühl der Unsicherheit und Ohnmacht, des Zweifels, der Verlassenheit und Angst wecken. Wenn der Mensch sich in der Welt behaupten sollte, mußte er wenigstens teilweise von diesen Gefühlen erleichtert werden (ebd. S.254).


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Luther und Calvin als Hauptrepräsentanten der Reformation drücken nun in ihrem Leben und ihren Lehren diesen Doppelaspekt der neuen Freiheit charakteristisch aus. Beide Persönlichkeiten werden von Fromm eindrücklich analysiert und interpretiert.

Luther war ein typischer Repräsentant des autoritären Charakters. Als Kind eines strengen Vaters hatte er wenig Liebe und Sicherheit erfahren. Gegenüber Autoritäten verhielt er sich ambivalent. Er lehnte sich gegen seinen Vater und den Papst auf, unterwarf sich andererseits Gott, den Obrigkeiten des Klosters und den Fürsten. Gefühle von Angst, Einsamkeit, Ohnmacht und Sündhaftigkeit waren allgegenwärtig; zwanghaft von Zweifeln geplagt, suchte er stets nach Sicherheit, Liebe, Kontrolle und Macht. Er haßte den „Pöbel“, sich selbst und das Leben.

Luther verkündete, daß er sich Gott freiwillig und aus Liebe unterwerfe. Tiefenpsychologisch betrachtet motivierten ihn jedoch eher die (unbewußten) Gefühle der Ohnmacht und der eigenen Sündhaftigkeit: Der Vergleich zu einer masochistischen Beziehung liegt auf der Hand, in der ebenfalls von „Liebe“ gesprochen wird.

Im Unterschied zu Luther und Calvin glaubte die mittelalterliche (katholische) Kirche noch, daß der Mensch trotz Sündenfall nach dem Guten streben, damit zu seinem Heil beitragen und durch die Sakramente der Kirche errettet werden könne. Augustinus, Thomas von Aquin und andere - von Luther als „Sau-Theologen“ bezeichnet - attestierten den Menschen einen freien Willen, der auch von Gott nicht beeinflußt werde. Erasmus von Rotterdam, der die Willensfreiheit verteidigt hatte, wurde von Luther deswegen ebenfalls wüst beschimpft. Gerade der letztere anerkannte die Würde des Menschen und seine Gottähnlichkeit, worauf sich echte Humanität gründen könnte.

Luthers Menschenbild sah anders aus. Er hielt den Menschen für verdorben und schlecht. Deshalb muß er sich der Gnade Gottes unterwerfen und ist somit nicht frei, sein Leben aus eigener Kraft, z.B. durch ein tugendhaftes Verhalten, zum Guten zu wenden.

Luthers „Glaube“ war die Überzeugung, man werde unter der Bedingung der völligen Unterwerfung geliebt (ebd. S.265).

Dies stand in diametralem Gegensatz zu seiner Rebellion gegen den Mißbrauch der Autorität durch den Papst und die Kirche. Sein Vorbild in dieser Hinsicht löste bei den Ärmsten und Bauern sogar Aufstände aus. Da er dem Mittelstand angehörte, hatte er jedoch Angst, daß die autoritäre Ordnung insgesamt, d.h. auch diejenige seiner Schicht, bedroht war. Deshalb stellte er sich z.B. bei den Bauernrevolten auf die Seite der Fürsten und Ausbeuter. Er brachte zwar die Autorität der Kirche ins Wanken, verlangte aber von sich und den Gläubigen, daß sie sich unbedingt und absolut der Autorität Gottes unterwarfen.

Damit waren die Voraussetzungen für die Unterwerfung unter jegliche Obrigkeit und Tyrannei gegeben. Tatsächlich verkündete er auch, daß die Ordnung und Gewalt der Machthaber - unabhängig von deren moralischen Qualitäten - gut wären, da sie von Gott kämen. Das suggestiv wirksame Anprangern der Verderbtheit und Wertlosigkeit der menschlichen Natur unterstützte zusätzlich die Bereitschaft zur Unterwerfung.

Diese Faktoren machen verständlicher, warum sich die Zeitgenossen Luthers (und die folgenden Generationen) bereitwillig zum Mittel für einen Zweck machen ließen, der außerhalb ihrer selbst lag, z.B. zum Zweck der industriellen Produktion, der Anhäufung von Kapital und in der Neuzeit zum Kanonenfutter für eine Ideologie bzw. für einen „Führer“.

Calvin gewann vor allem in den angelsächsischen Ländern bei konservativen Handwerkern und kleinen Geschäftsleuten Anhänger. Er predigte den Menschen, sich selbst zu erniedrigen, ihren Stolz auszurotten und das gegenwärtige Dasein zu verachten, denn Demut und Selbsterniedrigung wären die Voraussetzungen für die Akzeptanz durch Gott.

(Gegen die menschliche Verworfenheit) läßt sich kein anderes Heilmittel finden als dies, daß du dich selbst verleugnest, ... und deinen Sinn einzig danach streben läßt, das zu suchen, was der Herr von dir fordert (ebd. S.267).


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Calvin war auch der Meinung, daß Gott bereits entschieden hätte, wer erlöst oder verdammt würde (Prädestination). Damit erhielt Gott die Attribute eines Tyrannen (und nicht der Liebe).

Mit der Prädestinationslehre ist der menschliche Wille hoffnungslos zum Scheitern verurteilt. Allenfalls der bedingungslose Glauben an Gott könnte den Menschen retten. Der Glaube (und damit der Mensch) mußte daher um so fanatischer sein, da nur die absolut Gläubigen die Chance erhielten, zu den Auserwählten zu gehören.<221> Fromm stellt hier einen Zusammenhang mit den modernen Ideologien her, der nicht von der Hand zu weisen ist: Auch die Nazi-Ideologen z.B. unterteilten die Menschen in Auserwählte und solche, die nach ihrem „Recht“ gnadenlos vernichtet werden durften.

Eigentlich erwartet man als Folge von Fatalismus, Angst, Bedeutungslosigkeit und Ohnmacht Apathie und Depression. Fromm versucht jedoch deutlich zu machen, daß Calvin die Gläubigen zu einem zwanghaften Aktivismus, zu „innerweltlicher Askese“ (Max Weber) und Arbeitswut motivieren konnte: Leistung und Arbeit wurden Selbstzweck. Dies stand im Gegensatz zum mittelalterlichen Menschen, der sich bemühte, einen sittlichen Lebenswandel zu führen, und der das Geld nur für den Lebensunterhalt und - wenn vorhanden - den Lebensgenuß benötigte.

Zu Angst und Ohnmacht gesellten sich beim Mittelstand noch Affekte wie Feindseligkeit, Ressentiment, Neid, Mißtrauen und moralische Entrüstung über die Mächtigen und Besitzenden. Calvin und Luther waren auch hierin „Vorbilder“.

Aus den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen ergab sich somit eine neue Charakterstruktur, welche durch die religiösen „Reformationen“ intensiviert wurde:

Der Zwang zur Arbeit, der leidenschaftliche Sparsinn, die Bereitschaft, sein ganzes Leben einer außerpersönlichen Macht zu weihen, Askese und ein zwanghaftes Pflichtgefühl (ebd. S.276).

4.6 Flucht ins Autoritäre, Destruktive oder Konformistische

Um aus der seit der Renaissance sich steigernden Ohnmacht und Einsamkeit zu entkommen, gibt es nach Ansicht Fromms zwei Wege. Der erste führt in die „positive Freiheit“:<222>

Der Mensch hat die Möglichkeit, spontan in Liebe und Arbeit mit der Welt in Beziehung zu treten und auf diese Weise seinen emotionalen, sinnlichen und intellektuellen Fähigkeiten einen echten Ausdruck zu verleihen (ebd. S.299).

Der zweite Weg entspricht einer Regression, welche die Kluft zwischen dem Selbst und der Welt beseitigt, aber die Freiheit aufgibt („negative Freiheit“). Da die Regression entweder in Symbiose, Neurose oder zu „Fluchtmechanismen“ führt, wird die individuelle Integrität zerstört; der Mensch gelangt nicht zur Reife und bleibt somit unglücklich.

Fromm bespricht im Folgenden nur Fluchtmechanismen, die kulturell signifikant sind und für das Verständnis des Faschismus und der Demokratie verwandt werden können.

a) Flucht ins Autoritäre. - Durch die Aufgabe des eigenen Selbst und das Eingehen einer „sekundären Bindung“ mit einer Macht außerhalb seines Selbst wird versucht, den Verlust der primären Bindungen (Mutter, Eltern) auszugleichen. Dabei sind Formen von Unterwerfung oder Herrschaft bzw. Masochismus und Sadismus zu beobachten, „wie sie in unterschiedlichem Grad bei normalen und bei neurotischen Menschen anzutreffen sind“ (ebd. S.300).<223>


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Zu den masochistischen Strebungen zählen unter anderem Gefühle der „Minderwertigkeit, Ohnmacht und individuellen Bedeutungslosigkeit“ (ebd. S.300), Selbstanklagen, Selbstverkleinerungen, Gewissensbisse und Tendenzen, sich selbst zu verletzen und leiden zu machen, aber auch Zwangsriten und Zwangsvorstellungen.

Bei den sadistischen Komponenten, welche stets den Masochismus begleiten, unterscheidet Fromm drei Formen: 1. Andere abhängig machen und unterjochen; 2. andere ausbeuten, ausnutzen, bestehlen und ausnehmen; 3. wünschen, andere leiden zu machen oder leiden zu sehen. Oft werden die sadistischen Neigungen durch Reaktionsbildung wie überschwengliche Fürsorge oder Güte verdeckt. Dazu passen Rationalisierungen wie: „Ich beherrsche dich, weil es für dich das Beste ist.“<224> In der Erziehung wird zu diesem Zweck auch häufig Verwöhnung (unbewußt bzw. ungewollt) eingesetzt.

Von den tiefenpsychologischen Stellungnahmen erwähnt der Autor diejenigen von Freud und Adler, wobei der erstere den Sado-Masochismus mit dem Todestrieb (Thanatos) in Verbindung brachte: Gegen sich gewandt bewirkt Thanatos Masochismus, gegen andere gerichtet Sadismus. Adlers Machtwillen-Theorie werden nur wenige Worte gewidmet. Er hätte zwar wertvolle Einsichten bezüglich der Motivation beigesteuert, aber er sehe nur die rationale Seite der Phänomene, d.h. deren Zweckmäßigkeit.<225>

Fromms Sadomasochismus-Theorie geht davon aus, daß der Mensch durch Unterwerfung bzw. Herrschaft seiner Einsamkeit und Ohnmacht (der „Last der Freiheit“) entrinnen möchte. Masochisten wie Sadisten gemeinsam ist ihr Streben nach Symbiose, in der sie unentwickelt und voneinander abhängig bleiben. Der Masochist läßt sich von Schmerz und Angst überwältigen, bis er sich klein und hilflos fühlt. Wer dies in großen Massen ausübt, kann diesen Selbstverlust - wie z.B. die Aufmärsche der Nazis gezeigt haben - rauschhaft genießen. Andererseits nimmt der Masochist auch teil an einem größeren und mächtigeren Ganzen (Gott, Nation und Führer) außerhalb seines Selbst und befreit sich so von Verantwortung.

Beim Sadisten handle es sich um die Aneignung der Rolle des Herrschers und Gottes<226>, welche Destruktivität im Sinne von Feindseligkeit zur Folge hat. Sie entsteht, „wenn die sinnliche, emotionale und intellektuelle Entfaltung des Menschen vereitelt wird“ (ebd. S.310).

Fromm bemüht sich, den Sadomasochismus vom Verdacht der Neurose zu befreien; solche Charaktere müßten „nicht unter allen Umständen neurotisch sein“. Es hänge von der gesellschaftlichen Struktur ab, in der sie sich befinden.

Tatsächlich ist für weite Teiles des Kleinbürgertums in Deutschland und anderen europäischen Ländern der sado-masochistische Charakter typisch, und - wie noch zu zeigen ist - fühlten sich Menschen mit dieser Charakterstruktur von der Nazi-Ideologie am stärksten angesprochen. Da der Begriff „sado-masochistisch“ mit Perversion und Neurose in Zusammenhang gebracht wird, möchte ich lieber ... von einem autoritären Charakter sprechen, besonders wenn es sich dabei nicht um einen neurotischen, sondern um einen normalen Menschen handelt (ebd. S.313).<227>


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Fromms (widersprüchliche) Differenzierung hängt vielleicht damit zusammen, daß er auch ein gesundes Machtstreben sowie sinnvolle („rationale“) Autorität kennt und beschreibt. Pathologische und destruktive Machtgier entsteht aus Schwäche und Frustration und manifestiert sich als Macht über andere, während Macht im Sinne von Können und Befähigung zu etwas mit Können als „schöpferischer Potenz“ zusammenhängt.<228> „Rationale Autoritäten“ wie Lehrer, Wissenschaftler und Künstler benötigen deshalb auch keine herrschaftlichen Methoden, um ihren Schülern etwas beizubringen, und ihr Verhältnis ist von Bewunderung, Dankbarkeit und Liebe geprägt (bzw. sollte es sein), während das Unterwerfungs-Verhältnis Angst, Neid und Haß ausbrütet.

Der autoritäre Charakter umfaßt somit zwei Kategorien, Mächtige und Machtlose, wobei in einem Menschen in der Regel beide Komponenten aufzuweisen sind: Nach oben buckelt und bewundert er, nach unten tritt er mitleidlos. Oft ist auch Trotz gegen Autoritäten zu bemerken. Trotz ist jedoch Rebellion und nicht Revolte: Wenn der Trotzige selbst an die Macht kommt, ändern sich die Verhältnisse keineswegs, sondern er herrscht dann über andere.

Der autoritäre Charakter unterwirft sich fatalistisch dem „Schicksal“, indem er Kriege, Unterdrückung, Katastrophen und gesellschaftliche Situationen als unveränderlich erwartet und erduldet. Weltanschaulich bleibt er somit konservativ. Die Religion paßt zu dieser Einstellung, da sich diese Charaktere in einer „schlechthinnigen Abhängigkeit“ - einer Kennzeichnung des religiösen Gefühls durch Schleiermacher - befinden.

Andere Komponenten des autoritären Charakters sind: Aktivität nur auf Befehl; Mut nur im Erdulden und Ertragen; Glaube an eine überirdische Macht, aber nicht an die menschlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten (damit gehen Verzweiflung und Nihilismus einher); Suche nach einem „magischen Helfer“, dem er sich in Form Gottes oder eines „Führers“ unterwirft bzw. in den er sich verliebt.

b) Flucht ins Destruktive. - Der Grad der Destruktivität hängt vom Ausmaß der Blockierung der Entfaltungsmöglichkeiten ab:

Das Leben hat seine eigene Dynamik; es hat die Tendenz zu wachsen, sich Ausdruck zu verschaffen, sich zu leben. ... Destruktivität ist das Ergebnis ungelebten Lebens (ebd. S.324).

Lebens- und Destruktionstrieb stehen zueinander in einem umgekehrten Verhältnis. Fromm hatte dies bereits an der frustrierten und unterdrückten Mittelklasse in der Reformation demonstriert, die sich mit asketischem Geist selbst geißelte und andere oft mit Mißtrauen, Neid und Haß verfolgte. Über allen thronte ein „erbarmungsloser Gott“, der nahtlos in die Gestalt des „Führers“ einging, der mit Erfolg an die Destruktivität des Kleinbürgertums appellierte.

Andere Fluchtmöglichkeiten, die Fromm erwähnt, sind Rückzug aus der Welt in die Psychose oder Aufblähung des eigenen Ich im Narzißmus: Bei beiden Varianten schrumpft die Außenwelt. Kulturell wären diese Mechanismen aber nicht so bedeutsam.<229>

c) Flucht ins Konformistische. - Die meisten normalen Menschen in unserer heutigen Gesellschaft entscheiden sich für die Flucht ins Konformistische. Man hört dann auf, ein Selbst zu sein und gleicht sich an das Übliche an. Wer sich selbst aufgibt und ein Automat wird, fühlt sich auch nicht mehr allein.

Der Konformist wird mit einem Hypnotisierten verglichen, der die suggerierte Meinung als die eigene wiedergibt und dabei felsenfest davon überzeugt ist, daß sein Ich diese Gedanken geschaffen hat. Denken, Wollen und Fühlen können allesamt fremdbestimmt sein, so daß viele Menschen z.B. ihre Meinungen aus einem „Pseudo-


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Denken“ schöpfen und dabei mit Vorurteilen, Rationalisierungen und vorgefertigten Gefühlen jede Entwicklung verhindern.

Fromm erläutert diese Fluchtweise an Beispielen aus seiner psychotherapeutischen Praxis. Ausführlich wird ein 22-jähriger Medizinstudent beschrieben, der Psychiater werden will. Vor allem Träume von ihm verdeutlichen, daß er nur studierte, weil der Vater es ihm suggeriert hatte. Erst in der Analyse kam ihm die Fragwürdigkeit seines eigenen Willens zu Bewußtsein.

An die Stelle des ursprünglichen Selbst setzt sich ein „Pseudo-Selbst“, das mit Identitätsverlust und allgemeiner Schwäche einhergeht und somit ebenfalls zu Unterwerfung unter Verführer und Machthaber prädisponiert.

4.7 Nationalsozialismus, Hitler und die Nekrophilie

4.7.1 Psychologie des Nazismus und des Kleinbürgers Hitler

Ein zentrales Kapitel des vorliegenden Buches befaßt sich mit den Anhängern des Nazismus,<230> den Kleinbürgern, die wesentlich am Erfolg von Hitler und seinen Gefolgsleuten beteiligt waren. Die Arbeiterklasse und das liberale und katholische Bürgertum beugten sich der Gewalt ohne wesentlichen Widerstand, gehörten aber nicht zu den Bewunderern der Nazis. Die Arbeiter hatten bereits 1918 und in den folgenden Jahren ihre Hoffnungen auf eine gesellschaftliche Veränderung begraben. Sie mißtrauten ihren eigenen Führern und allen politischen Doktrinen. Eine Untersuchung des „Instituts für Sozialpsychologie“, an der Fromm wesentlich beteiligt war (Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches, 1930/31)<231>, ergab, daß die Arbeiter und Angestellte aufgrund ihrer Charakterstruktur weder dazu neigten, Anhänger der Nazis noch ihre tatkräftigen Gegner zu werden.

Es waren die Kleinbürger (Geschäftsleute, Handwerker, kleine Angestellte), welche den Nazismus begeistert begrüßten.<232> Blinder Gehorsam gegenüber dem Führer, Haß gegen rassische und politische Minderheiten, Streben nach Eroberung und Herrschaft, Verherrlichung des deutschen Volkes und der nordischen Rasse - all dies sprach den autoritären Charakter des Kleinbürgers an. In ihrem Gesellschafts-Charakter dominierten Vorliebe für die Starken, Haß auf die Schwachen, Kleinlichkeit, allgemein feindselige Haltung, übertriebene Sparsamkeit in bezug auf Gefühle wie auf Geld und eine asketische Einstellung. Das Fremde wurde gehaßt und verachtet, man war übermäßig neugierig und neidisch auf die Umgebung, spionierte sie aus und rationalisierte den Neid als moralische Entrüstung.

Das deutsche Kleinbürgertum war bereits vor dem Ersten Weltkrieg auf die Untertanen-Mentalität eingeschworen;<233> es erblickte in der Monarchie den Garanten für sein relativ stabiles nationales Prestige und Einkommen. In der Familie gebärdete sich der Vater wie der Kaiser und bläute seinen Kindern patriarchalisch-autoritär ein, sich Gott, dem Kaiser, dem Militär und natürlich ihm selbst zu unterwerfen.

Nach dem Krieg kam jedoch der wirtschaftliche Absturz. Die Inflation raffte bis zur ihrem Höhepunkt (1923) alles Ersparte hinweg. Die kurze Erholungsphase bis 1928 wurde durch die Weltwirtschaftskrise 1929 abrupt unterbrochen. Der bürgerliche Mittelstand war davon am schwersten betroffen.

Dazu gesellten sich noch psychologische Probleme: der verlorene Krieg, der Sturz der Monarchie, die Sinnlosigkeit des Sparens, die zerstörte Autorität des Staates und die gesellschaftliche Abwertung der Position als „Bürger“. Schließlich wurde auch die


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letzte Bastion der Sicherheit erschüttert, die Familie, als die Nachkriegsjugend gegen die Autorität des Vaters (des Repräsentanten der Monarchie) rebellierte und sich protestierenden Jugendverbänden<234> anschloß.

Die ältere Kleinbürger-Generation wurde immer verbitterter, verwirrter und machtloser, und die jüngere Generation drängte zur Tat. Alle Niederlagen Deutschlands und die Versailler Verträge stachelten den Groll weiter an. Insgesamt fühlte sich die deutsche Nation bedeutungslos und ohnmächtig.

Fromm betont, daß diese Faktoren nicht die Ursachen des Nazismus, sondern deren psychologische Basis darstellen. Von den politischen und wirtschaftlichen Faktoren erwähnt er nur, daß die Vertreter der Großindustrie und die halb bankrotten Junker hofften, durch Hitler wieder zu Geld und Besitz zu kommen. Hitler konnte sich mit den erbitterten und haßerfüllten Kleinbürgern bestens identifizieren - auch er fühlte sich im Alltag als „Niemand“ - und betätigte sich opportunistisch, als er sich in den Dienst der Großindustriellen und Junker stellte (indem er gleichzeitig hinterlistig dem Volk einen Antikapitalismus verkündete). Ursprünglich empfahl er sich nämlich als Messias des Mittelstandes, welcher die Warenhäuser abzuschaffen und die „Zinsknechtschaft“ zu brechen versprach, was er aber nie tat. Er lullte seine Anhänger höchst wirksam damit ein, daß er Hunderttausenden von ihnen Ämter verschaffte (oft von Juden und politischen Gegnern) und prestigeträchtige Aufmärsche und „Spiele“ organisieren ließ.

Hitler repräsentierte den autoritären Charakter in Reinkultur. Fromm belegt dies mit ausführlichen Zitaten aus dessen „Autobiographie“ Mein Kampf (1933). Unter anderem diagnostiziert er beim „großen Führer“ ein sadistisches Streben nach Macht, Verachtung und Mißachtung der Massen und der Frauen, schlaue Hypnotiseur-Eigenschaften mit geschickter Manipulation des Volkes, so daß es seinen Sadismus an Schwachen und „minderwertigen Rassen“ austobte. Er rechtfertigte seine Destruktivität durch einen vulgären Sozialdarwinismus (das freie Spiel der Kräfte sei die „Weisheit des Lebens“). Verfolgungswahnartige Projektionen, Lügen und „paranoide Aufrichtigkeit“ passen ebenfalls zum sadistischen Charakter Hitlers.

Die Masse des Volkes wurde mit Parolen wie: „Der Einzelne ist nichts und zählt nicht“ auf masochistische Verhaltensweisen eingestimmt und daraufhin erzogen. Der Staatsbürger soll seine Bedeutungslosigkeit annehmen, sich einer höheren Macht hingeben und stolz darauf sein, an deren Stärke und Glorie teilhaben zu können. In diesem Sinne schrieb der Propagandist Goebbels in seinem Roman Michael, man müsse die Persönlichkeit „der Gesamtheit zum Opfer bringen“.

Hitler schwelgte selbst ab und zu in masochistischen Bildern und gelobte, sich Gott, der Vorsehung, der Geschichte und der Natur zu unterwerfen, eben einer „überwältigend starken Macht“ (ebd. S.353). Auch Minderwertigkeitsgefühle, Haß auf das Leben, Asketentum und Neid auf diejenigen, die sich des Lebens erfreuen, sind bei Hitler auszumachen.

Das Gemeinsame an Faschismus, Nazismus und Stalinismus besteht darin, daß sie den hoffnungslosen, unterdrückten und ohnmächtigen Menschen eine Zuflucht boten und durch Nationalismus, Führerkult und Imperialismus den narzißtischen Hunger der Untertanen befriedigten. Fromm macht aber auch sorgfältig auf die Unterschiede zwischen den jeweiligen Totalitarismen in Italien, Deutschland und Rußland aufmerksam.<235>

4.7.2 Hitler als Prototyp des Nekrophilen

Über 30 Jahre später kam Fromm noch einmal auf das Thema Hitler zurück. In Anatomie der menschlichen Destruktivität (1973)<236> figurieren Stalin und Himmler<237>


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unter den Sadisten, während Hitler einen „Fall von nekrophiler bösartiger Aggression“ darstellt (allerdings mit sadistischen Anteilen).

Die bösartige Aggression bzw. Destruktivität läßt sich nach Fromm in Grausamkeit (Sadismus) und „Liebe zum Toten“ (was Nekrophilie übersetzt bedeutet) unterteilen. Anhand zahlreicher Details aus Stalins Biographie beweist der Autor, daß Sadismus „die seelische Religion der Krüppel“ (ebd. S.263) ist und von Menschen ausgeübt wird, die auf „absolute und uneingeschränkte Herrschaft“ (ebd. S.262) ausgerichtet sind. Zum Syndrom des Sadismus gehören aber auch Lebensangst, Unterwürfigkeit und Feigheit sowie eine „vitale Impotenz“.

Der Sadist besitzt einen autoritären Charakter, was noch deutlicher bei Heinrich Himmler, einem „Fall von anal-hortendem Sadismus“, beobachtet werden kann. Alle Attribute des analen Charakters werden bei ihm sorgfältig nachgewiesen und seine psycho-soziale Entwicklung dargestellt. Der Autor charakterisiert Himmler als pedantisch, kaltherzig, scheinbar freundlich, unterwürfig gegenüber Autoritäten, lebensschwach (deshalb kompensatorisch hart und grausam), opportunistisch, narzißtisch, hypochondrisch, sexuell verklemmt, schwatzhaft, Karriere-besessen, neidisch, bösartig und intrigant. Die mit Zitaten belegte Menschenverachtung dieses SS-Führers braucht hier nicht besonders ausgeführt zu werden.

Zu den Voraussetzungen eines sadistischen Lebensentwurfes zählen unter anderem eine schwache, verwöhnende und anklammernde Mutter, ein autoritärer Vater, körperliche Schwäche und Ungeschicklichkeit, Neid auf Geschwister, Schüchternheit Frauen gegenüber, pedantische und verlogene familiäre Situation sowie eine konservative, bürgerliche und reaktionäre Gesellschaft.

Nekrophil-destruktive Menschen werden wiederum leidenschaftlich „von allem, was tot, vermodert, verwest und krank ist“ (ebd. S.301) angezogen. Sie zerstören um der Zerstörung willen und interessieren sich fast ausschließlich für Mechanisches und Technisches. Nekrophile sind „Hasser, Rassisten, Befürworter von Krieg, Blutvergießen und Destruktion“ (ebd. S.334). Als Prototypen des Gegenteils, der „Biophilie“ (Liebe zum Leben), nennt Fromm Namen wie Albert Schweitzer, Albert Einstein und - Papst Johannes XXIII.<238>

Der Autor subsumiert unter das Syndrom der Nekrophilie eine Fülle von Lastern und Details, die hier nicht alle aufgelistet werden können. Auch der moderne Gesellschaftscharakter (der sogenannte „Marketing“-Charakter), wird in diese Rubrik eingereiht.<239> Das folgende Kapitel wird diesen modernen Charakter, den er in die Nähe der Schizophrenie bringt, genauer darstellen.<240>

Als Ursache der Nekrophilie macht Fromm eine „bösartige inzestuöse Bindung“ aus. Er beschreibt hierbei eine verhätschelnde, übertrieben beschützende und bewundernde Mutter, welche das Kind eng an sich bindet und es dadurch oft in ein autistisch-distanziertes Verhältnis zu ihr treibt.

Der nekrophile Adolf Hitler. - Hitlers Mutter, Klara Hitler, wird nun ebenfalls als überfürsorgliche, verwöhnende und ihren Sohn anhimmelnde Frau geschildert, welche bei Adolf die soeben beschrieben „bösartige inzestuöse Bindung“ verursacht haben soll. Deshalb sei der Sohn kalt geblieben, und die narzißtische Schale hätte nicht gesprengt werden können. Sie wäre für ihn keine reale Person geworden,

sondern ein Symbol der unpersönlichen Macht von Erde, Schicksal - und Tod ... Jedoch, trotz seiner Kälte, mag Hitler symbiotisch an die Mutter und ihre Symbolisation gebunden gewesen sein, eine Bindung, deren letztes Ziel

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die Vereinigung mit der Mutter im Tode ist. (Eine nicht seltene, perverse Form der unio mystica) (ebd. S.342).

Fromm interpretiert Hitlers Bindung an Deutschland als Mutterbindung und den Selbstmord als verdrängten Wunsch, „die Mutter (= Deutschland) zu zerstören“.<241>

Es folgen einfühlsame und lehrreiche biographische sowie charakterologische Details von Vater und Sohn Hitler, wobei deutlich wird, daß die Eltern des Diktators keineswegs destruktive Übeltäter waren (den Vater kann man allerdings mit einiger Berechtigung autoritär nennen).

Adolf, der älteste Sohn, war ein verspielter und in Karl May eingesponnener Junge, der ausgesprochen narzißtisch-empfindlich reagierte und jegliche Kooperation und geregelte Arbeit verweigerte. Weder in Wien noch später in München interessierte er sich wirklich für seine (angebliche) Berufung zum Künstler: Er verbummelte seine Zeit, malte Ansichtskarten, um das Allernötigste zum Leben zu verdienen, und bestand kein einziges Aufnahme-Examen. Das einzige, was er beherrschte, war, den anderen großmäulig zu imponieren. Das Soldatenleben im Ersten Weltkrieg vermittelte ihm nachhaltig nationalistische und narzißtische Befriedigung; dabei stilisierte er sich zum Helden empor.

Die vorhin erwähnten Kriterien der Nekrophilie werden nun von Fromm auf Hitler angewandt und bestätigt. Er attestiert ihm zusammenfassend gravierende psychische und soziale Defekte, die aber nicht zu einer manifesten Psychose geführt hätten. Einschränkend stellt er fest:

Man darf mit Recht vermuten, daß er psychotische, vielleicht schizophrene Züge aufwies. Aber war Hitler deshalb ein „Wahnsinniger“, hat er, wie gelegentlich behauptet wird, an einer Psychose oder Paranoia gelitten? Ich glaube, daß man darauf mit Nein antworten muß (ebd. S.391).

Er war „in einem dynamischen, interpersonalen Sinn ein schwerkranker Mann“ (ebd. S.392). Damit möchte Fromm ausdrücken, daß ein durch und durch destruktiver und böser Mensch nicht wie ein Teufel mit Hörnern (oder ein Wahnsinniger) aussehen muß, sondern sich höflich oder sogar liebenswürdig präsentieren kann.

Unter uns gibt es Hunderte von Hitlern, die hervortreten würden, wenn ihre historische Stunde gekommen wäre ... Jede Analyse, die Hitlers Bild verzerrt, indem sie ihn seiner menschlichen Eigenschaften beraubt, würde uns nur noch blinder machen für die potentiellen Hitlers, die keine Hörner haben (ebd. S.393).

4.8 Das Doppelgesicht der Freiheit in der Moderne.

4.8.1 Kulturanalyse und Kulturkritik der demokratischen Gesellschaft

Die Analyse des Gesellschaftscharakters in der Reformation bereitete das Verständnis für den Rückfall in die Barbarei des 20. Jahrhunderts vor. Die Veränderungen, die Fromm dabei am Freiheitsbegriff erläutert, sind natürlich auch in der Geistesgeschichte, insbesondere der Philosophie, nachvollziehbar. Kant und Hegel z.B. postulierten zwar die Autonomie und Freiheit des Individuums, bejahten aber die Unterordnung des Einzelnen unter den allmächtigen Staat. Die französischen Aufklärer (Diderot, Condorcet, Helvétius usw.) sowie Feuerbach, Marx, Stirner und Nietzsche protestierten gegen die Verwendung des Menschen als Mittel zu einem Zweck und betonten, daß jedes Individuum das Recht auf eigene Entfaltung besitzt. Wir verdanken es allerdings hauptsächlich dem Marxismus, Anarchismus und Sozialismus, daß dem Recht des Menschen auf positive Freiheit durch Selbstverwirklichung lautstark und kämpferisch Nachdruck verliehen wurde. Es gab (und gibt) aber immer auch reaktionäre


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Philosophen, die forderten, „daß der einzelne sich der geistlichen und weltlichen Autorität unterzuordnen habe“ (Furcht vor der Freiheit, S.289).

Der Protestantismus hatte den Einzelnen darauf vorbereitet, sich nicht nur Gott, sondern auch der Wirtschaft oder einem Führer bedingungslos zu unterwerfen. Dies betraf praktisch alle, denn

in einer jeden Gesellschaft bestimmt der Geist, der in den mächtigsten Gruppen dieser Gesellschaft herrscht, den Gesamtgeist (ebd. S.284).

Die mächtigsten Gruppen wiederum denken, fühlen und handeln so, wie sie es in der Familie und den Bildungssystemen (Schule, Kirche, Presse, Theater - der Kultur allgemein) gelernt haben.

Mit dem Siegeszug des Kapitalismus übernahm der Markt und das Geld die Herrschaft, wobei möglichst vielen Menschen vor allem durch Reklame vermittelt wird, sie handelten und produzierten im Sinne ihres eigenen Selbst. In Wirklichkeit geschieht jedoch folgendes:

Das „Selbst“, in dessen Interesse der moderne Mensch handelt, ist das gesellschaftliche Selbst (ebd. S.286).

Das gesellschaftliche Selbst ist identisch mit der Rolle, die jedermann im Wirtschaftsprozeß zu spielen hat. Somit lebt der moderne Mensch entfremdet an seinem „wahren Selbst“<242> vorbei und produziert Dinge, ohne sie genießen zu können. Die Beziehungen untereinander sind instrumentalisiert und verdinglicht, so wie er selbst im Wirtschaftsprozeß „verwendet“ (employed) wird. Arbeiter, Angestellter, Arzt oder Geschäftsmann verkaufen ihre Persönlichkeit wie eine Ware: Wenn jemand nichts, was die Umgebung braucht, besitzt (hat), ist er auch nichts (diesen Zusammenhang wird Fromm in Haben oder Sein, 1976) vertiefen.<243>

In der Moderne kommt es zur Konzentration des Kapitals in wenigen Konzernen (Monopolen), die hauptsächlich die kleineren und mittleren Geschäftsleute, d.h. den Mittelstand, bedrohen. Auch in der Politik, im Sport und anderen Veranstaltungen sind Mammut-Organisationen entstanden, welche die meisten Menschen zu unpersönlichen Rädchen im Getriebe der Gesellschaft degradieren (siehe Kapitel 3.6).

Das haben Philosophen wie Kierkegaard und Nietzsche sowie der Dichter Kafka feinfühlig erkannt und mit den Begriffen und Beschreibungen von Ohnmacht und Angst versehen. Der Durchschnittsbürger verspürt die Angst jedoch kaum. Er verdrängt und überdeckt sie mit den vorhin beschriebenen und neuen Fluchtwegen wie Unterwerfung unter einen Führer (Autoritarismus in faschistischen Ländern) oder zwanghafte Konformität (Automatisierung in der Demokratie).

Der Automaten- bzw. Robotermensch der Neuzeit ist durch Pseudo-Gefühle (z.B. antrainierte, kommerzialisierte Freundlichkeit, Sentimentalität, aufgesetzte „Coolness“ usw.) charakterisiert. Da der Tod in Form des Sterbens z.B. von Angehörigen tabuisiert, aber gleichzeitig Massensterben als Nervenkitzel in den sichtbaren Medien künstlich inszeniert wird, verfällt der Sinn für das Tragische und damit ein grundlegender Aspekt des Lebens. Wer den Tod verdrängt, fühlt weniger Antrieb für die gegenwärtige Existenz und kann nicht die Tiefe und Intensität seiner Erfahrungen erleben.

Fromm konstatiert auch eine allgemeine Verflachung und Verwirrung des Denkens, welche durch die Medien gefördert wird, indem sie Katastrophen, Werbung, Show, Sport und Politik in einem Einheitsbrei anbieten, so daß „Wahrheit“, „Ordnung“ und „Struktur“ durcheinander geraten.

Ähnliche Konfusion stellt Fromm beim Wollen fest. Kaum jemand überlegt noch, ob seine angestrebten Ziele sinnvoll sind und ob sie überhaupt von ihm selbst stammen. Die meisten jagen Dingen nach, die von anderen vorgegeben sind.

Kirche, Staat und Gewissen wurden in den demokratischen Ländern als


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Autoritäten größtenteils abgesetzt und durch die „anonyme Autorität des gesunden Menschenverstandes und der öffentlichen Meinung“ ersetzt, was nichts anderes als Konformität bedeutet. Diese moderne seelische Verfassung hat der italienische Dramatiker und Schriftsteller Luigi Pirandello in seinem Werk einfühlsam ausgedrückt:

Er (Pirandello) geht von der Frage aus: Wer bin ich? ... Seine Antwort ist nicht wie bei Descartes die Bejahung des persönlichen Selbst, sondern dessen Leugnung: Ich besitze keine Identität, es gibt kein Selbst außer dem Spiegelbild dessen, was andere von mir erwarten: Ich bin, „wie du mich haben willst“ (ebd. S.365).

Ohne Selbst und ohne Identität ist der moderne Mensch innerlich leer. Er versucht, diese Leere durch Surrogate wie grelles Anderssein, Drogen, Sport, Fernsehen und Zerstreuung zu füllen. Und nicht zuletzt sind diese im tiefsten Innern unglücklichen Menschen bereit, Führern, Verführern und Ideologien zu folgen, wenn sie nur aufregend genug sind und vorgeben, den wahren Sinn des Lebens gefunden zu haben. Mit anderen Worten ist „die Verzweiflung des automatenhaften Konformisten ... ein fruchtbarer Boden für die politischen Ziele des Faschismus“ (ebd. S.366).

4.8.2 Kulturanalyse der technisierten Gesellschaft. Irrationale und rationale Autorität.

Der Kapitalismus des 19. Jahrhunderts brachte den von Freud beschriebenen „analen Charakter“ hervor. Fromm nennt ihn den „hortenden“ Charakter, da es ihm vor allem um die Vermehrung seines (Geld-)Besitzes und seines Profites geht. Wie bei allen Charakterorientierungen finden sich positive und negative Anteile. Einerseits ist der anale Charakter sparsam, sorgsam, vorsichtig, ordentlich, überlegt und zuverlässig, andererseits aber auch geizig, mißtrauisch, kalt, ängstlich, trotzig, pedantisch, zwanghaft und gierig.

Im 20. Jahrhundert löste der konsumierende und Marketing-Charakter den hortenden Charakter ab. Damit wurden die analen Eigenschaften des ordentlichen Sparens nicht nur überflüssig, sondern auch antiproduktiv. Nach Ansicht Fromms blieben auf diese Weise nur die negativen analen Orientierungen übrig.<244> Das kapitalistische Prinzip aber, nämlich „die Benutzung des Menschen durch den Menschen“<245>, blieb bestehen. Es ist nunmehr das Kapital, also etwas Totes, das den lebendigen Menschen mit seiner Arbeitskraft beherrscht.

In der Moderne fand auch ein grundlegender sozialer Wandel statt. In der Feudalzeit hatten der Adel und der Klerus die absolute Macht in ihren Händen. Da die Herrschaft nur auf Geburt und Zufall, aber nicht auf Fähigkeiten beruhte, nennt Fromm sie „irrationale Autorität“. Sie hemmte die menschliche Entwicklung und konnte jederzeit, wie die Französische Revolution bewies, zusammenbrechen.

Seit der Renaissance entwickelte sich jedoch auch parallel zur irrationalen die „rationale Autorität“, die sich auf Vernunft, Können und Arbeit stützt. Im 19. Jahrhundert konnte die Mischung aus diesen beiden Herrschaftsarten an den stolzen, individualistischen und hart arbeitenden Großbürgern beobachtet werden. Gesellschaftlich dominierte jedoch bereits der gnadenlose Konkurrenzkampf und die Ausbeutung, so daß man die Kapitalisten ebenfalls „irrationale Autoritäten“ nennen muß. Das 20. Jahrhundert bringt noch, wie bereits erwähnt, eine dritte Variante der Autorität hervor: die versteckte „anonyme Autorität der öffentlichen Meinung und des Marktes“.

In Wege aus einer kranken Gesellschaft aus dem Jahre 1955 (siehe 4.1.1) versuchte Fromm, der modernen „Teamarbeit“ humane Absichten abzugewinnen:

Man strebt nicht mehr nach einem ständig wachsenden Profit, sondern man möchte ein ständiges sicheres Einkommen haben. Anstatt andere

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auszubeuten, sucht man den Reichtum unter mehr Menschen zu verbreiten und sie daran teilnehmen zu lassen. Andererseits zeigt sich die Tendenz, andere - und sich selbst - zu manipulieren (ebd. S.73).

Der mittlere Mensch trachte danach, sich anzupassen und von der Mehrheit gebilligt zu werden. Die emotionale Grundstimmung sei nicht mehr von Stolz und Machtbewußtsein (wie in der Renaissance und dem 19. Jahrhundert), sondern von einem unbewußten Gefühl der Ohnmacht geprägt.

Allerdings weist er auch auf eine neue Form des Kapitalismus hin, die er „Superkapitalismus“ nennt, in der Monopolisten und Großunternehmer versuchen, möglichst alle Menschen einer Gesellschaft in ihr System einzuspannen.<246> Großindustrielle schlugen dabei z.B. vor, ihre Arbeiter durch ein Bonus-System am Gewinn zu beteiligen - was übrigens sehr erfolgreich war.

Dreizehn Jahre nach dem Buch Wege aus einer kranken Gesellschaft war der Optimismus im Buch Die Revolution der Hoffnung. Für eine Humanisierung der Technik<247> (1968) weitgehend verflogen, obwohl Fromm es verfaßte, um gegen die hoffnungslose Stimmung der Amerikaner in Bezug auf eine bessere Zukunft seine humanistischen Gedanken zu setzen.

Ausgangspunkt dieses Werkes war der Wahlkampf von Senator Eugene McCarthy, den Fromm zwei Jahre zuvor mit diesen Ausführungen aktiv unterstützt hatte. McCarthy, den Fromm einen professoralen Freund der Poesie und Philosophie nennt, unterlag dem Republikaner Nixon, der bekanntlich den Vietnamkrieg forcierte und die konservativ-reaktionären Trends in den USA förderte. Im Jahr der Veröffentlichung, 1968, glimmte doch wieder so etwas wie Hoffnung auf, als z.B. 500.000 Menschen in Washington gegen den Vietnamkrieg demonstrierten.<248>

Hauptgründe, warum sich in der westlichen Welt trotz imponierender Erfolge der Wirtschaft und der Technik eine pessimistische Grundstimmung ausgebreitet hat, sind die Gefahr der Selbstvernichtung durch die Waffen und die Versklavung durch die „Megamaschine“<249>. Die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber der Politik, der Bürokratie und der Macht der Industrie haben die Hoffnungslosigkeit ebenfalls gefördert. Zur „Vision der dehumanisierten Gesellschaft im Jahre 2000“ zählen Fromm und andere Autoren noch Konformismus, Langeweile, Hedonismus, brutale Konkurrenz und besinnungslosen Konsum.

Die technisierte Gesellschaft geht nach der Devise vor, die H. Ozbekhan bereits 1966 in seinem Buch The Triumph of Technology: „Can“ implies „Ought“ (Können impliziert Müssen) aufgedeckt hatte: Fromm führt als Beispiele dafür die Raumfahrt und die hypertrophe Apparate-Medizin an, die behauptet, man müsse etwas tun, wenn man es technisch verwirklichen könne. Somit dominiert ein zwanghaftes Tun, ohne daß darüber nachgedacht wird, ob es vernünftig und sinnvoll ist.<250>

Ökonomische Zwänge sind in der modernen Sozietät überhaupt die Regel: Ziele wie „maximale Effizienz und maximale Produktion“ kurbeln die Wirtschaft, die Arbeit und damit auch den Konsum und die Zerstreuungsindustrie an. Wenn die Menschen nämlich nur das Nützliche kaufen und das noch Brauchbare behalten würden, käme die Industrie (zumindest teilweise) zum Erliegen.

Aus zahlreichen von Fromm benannten Gründen ist beim modernen Menschen eine Spaltung zwischen Denken und Fühlen entstanden, die er als „leichte chronische Schizophrenie“ (ebd. S.290) diagnostiziert. Solche milden Formen von Psychose fallen jedoch nicht auf, weil Millionen Menschen mit ihr das Leben fristen.


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Als Beispiel führt er H. Kahns Buch The Year 2000 (1967)<251> an, das emotionslos Atomkrieg, Zerstörung von Städten, Industrien und Menschen, Bevölkerungsexplosion usw. als Möglichkeiten einkalkuliert und durch eine Flut von Statistiken den von der Wissenschaft abgesegneten Eindruck hinterlassen möchte, daß solche Katastrophen realistisch einzuplanen und problemlos zu verkraften wären. Bereits einige Jahre zuvor (1960) meinte Kahn<252>, man könne unser Leben, unsere Freiheit und Kultur dadurch schützen, daß man einen „taktisch begrenzten“ Atomkrieg (natürlich „präventiv“) auslöse.

Die hohe Wertschätzung der Technik hängt auch mit der Anziehung des Mechanischen und - im Extremfall - mit der „Liebe zum Toten“ (Nekrophilie)<253> zusammen. Wer so sehr an das Technische glaubt, hegt die Hoffnung, das Lebendige durch Ewiges und Unzerstörbares ersetzen zu können.<254> Hinter Technologie-Bewunderung stecken oft Angst vor dem Leben, Pessimismus und konservative Weltanschauung. Daraus entwickeln sich wiederum mittels Projektionen phantasierte menschenähnliche Maschinen.<255>

„Unser Zeitalter hat einen Ersatz für Gott gefunden: die unpersönliche Kalkulation“ (ebd. S.299), meint Fromm pessimistisch. Die Mehrzahl der Menschen hofft, daß die in den Computer eingespeisten Daten doch irgendwie eine richtige Lösung ergeben; die Rechenmaschine soll für den menschlichen Verstand einspringen. Jedoch müssen Fakten in größeren Zusammenhängen interpretiert und verstanden werden, was aber - noch immer - nur der Mensch leisten kann.

4.9 Aggression, Destruktivität und Nekrophilie in der Gesellschaft

Fromm gelang mit seinem Alterswerk Anatomie der menschlichen Destruktivität (1973)<256> noch einmal ein großer Wurf. Er behandelte darin die Befunde der Instinkt- und Trieblehren, des Behaviorismus und der Psychoanalyse, des weiteren die verschiedenen Arten von Aggression und Destruktivität an den Beispielen Stalins, Himmlers und Hitlers (siehe 4.2.7). Er bezog in diese umfangreiche Untersuchung neurophysiologische, tierpsychologische, paläontologische und anthropologische Erkenntnisse mit ein. Man kann das Werk über die Aggressionsforschung wohl als eine der vollständigsten Publikationen zu diesem enorm wichtigen Fragenkomplex bezeichnen. Es ist bewundernswert, wie sich Fromm in die verschiedenen Fachbereiche eingearbeitet hat und sie kompetent darzustellen weiß.

In seiner Einleitung hebt der Autor hervor, daß eine derart fachübergreifende und interdisziplinäre Betrachtungsweise derzeit - in den USA zumindest - nicht beliebt sei. Solche weitläufigen Perspektiven weise man allenfalls der Philosophie zu, aber innerhalb der Wissenschaften tendiere man doch zur möglichst exakten Bearbeitung von schmalspurigen Detailthemen.

Wer Aggression nur unter dem Gesichtspunkt des Schädigens beurteilt, blendet die Vielfalt der Ursachen und der Motive aus. Fromm differenziert in 1. „gutartige Aggression“ - die reaktiv und defensiv ist - sowie 2. in „bösartige Aggression“, die er in Destruktivität und Grausamkeit unterteilt. Mit letzterer ist die spezifisch menschliche Leidenschaft zu zerstören und absolute Kontrolle über ein Lebewesen gemeint.

Fromm stellt im folgenden dar, daß die Aggression kein Trieb ist. Er möchte eine Erklärung dafür finden, daß in der entwickelteren Zivilisation mehr Aggression aufzufinden ist. Es geht dabei nicht mehr um Instinkte und Triebe, sondern um den Charakter, der sich in sado-masochistischen und destruktiven Leidenschaften äußert.


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Seine Untersuchung bevorzugt ein „sozialbiologisch-evolutionäres, historisches Prinzip“ (ebd. S.5), das die Freudsche Psychoanalyse an zahlreichen Punkten erweitert.

Konrad Lorenz und das sogenannte Böse. - Durch die Veröffentlichung von Konrad Lorenz (Das sogenannte Böse) aus dem Jahre 1963 wurde die Debatte um die Aggression intensiv angefacht. Lorenz vertrat einen „Instinktivismus“, der bei den Menschen gut ankommt, da er Aggressivität als angeboren annimmt. Dadurch fühlen sich die Menschen von der Verantwortung, etwas ändern zu müssen, entlastet.

Lorenz hält die Aggression (wie Freud die Libido) für eine Energie, die sich im Organismus staut und wie eine Art Dampf abgelassen werden müsse (hydraulisches Modell). Mit Freud stimmt er darin überein, daß gestaute Aggressionen für den Urheber schädlich wären. Deshalb plädiert er dafür, solchen Affekten in Fußballspielen und anderen sportlichen Wettkämpfen freien Lauf zu lassen, damit sie sich nicht zu kriegerischen Auseinandersetzungen aufschaukeln.

Fromm zerpflückt und ironisiert die recht fadenscheinige Lorenzsche Beweiskette, die auf dem Analogieprinzip beruht: Die Nächstenliebe werde z.B. nur deshalb praktiziert, weil man sie (analog) ebenfalls erfahren hätte und „weil es sich schon im Paläolithikum oft genug ereignet hat“ (ebd. S.25).

Darüber hinaus vertritt Lorenz dem Darwinismus gegenüber eine „quasi-religiöse Haltung“ (ebd. S.29), welche die Evolution vergötzt. Er bewundert die Selektion und Mutation als die einzig „großen Konstrukteure“ der Welt, die schon alles in die richtige Bahn lenken werden. Dies entspricht jedoch der widerspruchslosen Hinnahme von Kapitalismus und brutalem Existenzkampf, wie es die Sozial-Darwinisten seit Jahrzehnten vorgegeben haben.

Behaviorismus. - Die Lorenzschen Gedanken fügen sich in die heute herrschende Psychologie, den Behaviorismus (behavior = Verhalten), gut ein. Der Behaviorismus wurde 1914 von J.B. Watson<257> begründet. Diese Theorie konzentriert(e) sich auf das objektiv beobachtbare und meßbare menschliche Verhalten und klammert(e) individuell unterschiedliches Denken, Fühlen und Wollen aus.

Der Behaviorismus hatte großen Einfluß auf die Aggressionstheorien. Er besagt im Kern, daß Aggression aufgrund von Gratifikationen angelernt ist. Da sich die Verhaltenspsychologen bei menschlichen Handlungen nicht um deren tiefer liegende, verdrängte oder versteckte Motive kümmern, kommt es dazu, daß sie z.B. zwei ihre Söhne schlagende Väter diagnostisch gleich beurteilen und therapeutisch auf dieselbe Weise neu konditionieren, obwohl bei den „aggressiven“ Vätern in der Regel sehr differente Situationen und Gesinnungen vorliegen.

Eindrücklich und engagiert sind auch Fromms Kommentare zu B.F. Skinners<258> Neobehaviorismus. Dieser dachte recht verschwommen und naiv, wenn er meinte, daß z.B. ein Bomben produzierender Arbeiter diese Waffe völlig unabhängig von Werturteilen z.B. gegenüber Feinden, die man damit besiegen möchte, herstelle. Es ist unter anderem auch dem „Geist“ der Neobehavioristen zu verdanken, daß die kybernetische Gesellschaft<259> nach der bereits erwähnten Maxime: „Etwas muß getan werden, weil es technisch möglich ist“ (ebd. S.35) vorgeht, da sie ihre Handlungsmotive nicht reflektiert.

Skinner fand - wie Lorenz - viel Anklang, weil er einen optimistischen Liberalismus vertrat, der einen permanenten Fortschritt annahm, wenn sich der Mensch nur an die gegebenen Verhältnisse anpasse. Daraus leitet der konservative Liberale ab, daß alles, was nicht in die gegenwärtige Gesellschaft hineinpaßt, beseitigt werden darf und soll: Damit ist aber der mehr oder weniger aggressiven Manipulation Tür und Tor geöffnet.

Verhaltenspsychologische Experimente. - Das sogenannte „Milgram-Experiment“ (nach Stanley Milgram<260> benannt) hatte in den 60er und 70er Jahren viel


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Staub aufgewirbelt. In diesem Test wurden 40 Männer zu „Versuchsleitern“ gemacht, die ihren Opfern in einem anderen Raum Stromstöße versetzen sollten, wenn sie Fragen nicht richtig beantworteten. Die Opfer dieser Aggression waren über das Experiment unterrichtet, während die „Versuchsleiter“ nur wußten, daß sie ihr Geld unabhängig davon erhielten, wie die Untersuchung verlaufe. Die Organisatoren sagten ihnen, daß man herausfinden wolle, welche Wechselwirkung zwischen Lehrer und Lernenden stattfinde und welche Wirkung die Bestrafung (die Stromstöße) auf das Lernen hätte.

Milgram war entsetzt darüber, daß etwa zwei Drittel der Versuchsleiter nur aufgrund der Anordnungen die hörbaren und später auch sichtbaren Quälereien (die „Opfer“ fingen, wie vereinbart, ab 300 Volt an, hörbar gegen die Wand zu trommeln) fortsetzten. Nur 35 Prozent widersetzten sich den Aufforderungen, sie sollten mit den Stromstößen weitermachen. Damit hätte Milgram - so interpretiert er und die meisten Kommentatoren - bewiesen, daß die Gehorsamstendenzen und die Bereitwilligkeit, anderen Menschen sadistisch Schmerz und Leid zuzufügen, in der Bevölkerung noch immer weit verbreitet sei.

Fromm zieht die Schlußfolgerungen in Frage, da seiner Meinung nach das Experiment nicht das wirkliche Leben darstelle. Die Wissenschaftler hätten als anerkannte Autoritäten zwar zwei Drittel zu diesen aggressiven Handlungen bringen können, wobei sich aber bei diesen Personen massive Angstsymptome, neurotisches Lachen und Schuldgefühle einstellten. Das Experiment beweise eher, daß sich die Menschen gegen sadistisches Tun sträuben oder ein Drittel sogar den Gehorsam verweigere. Denn das Handeln (Verhalten) allein sagt noch nichts darüber aus, ob sich die Quäler dabei wohl fühlten oder darunter litten. Mit anderen Worten könne der Mensch nicht so einfach „entmenschlicht“ werden, wie Milgram meinte.<261>

Ein zweites Experiment, das von P. Zimbardo 1972 durchgeführt wurde, beweise ebenfalls nicht - wie Zimbardo<262> behauptet -, daß der normale Mensch innerhalb kurzer Zeit zu einem unterwürfigen Wesen (einem Gefangenen) oder in einen erbarmungslosen Sadisten (Gefängniswärter) verwandelt werden könne. Denn die zu Gefangenen gemachten Versuchspersonen wurden tatsächlich öffentlich gedemütigt und schikaniert, so daß sie in existentielle Krisen gerieten. Wiederum verhielten sich etwa zwei Drittel der „Wärter“ nicht sadistisch, sondern machten unwillig und voller Skrupel mit, da sie (wie auch die Gefangenen) nicht genau darüber informiert wurden, daß sie jederzeit das Experiment abbrechen könnten. Das Experiment war außerordentlich fragwürdig, da die Ortspolizei ganz realistisch auftrat, die Verhaftungen vornahm und ihre Opfer nicht aufklärte. Nach Fromms Meinung müßte man echte Gefängnisse untersuchen und herausfinden, ob tatsächlich, wie Zimbardo behauptet, so viele Gefangene zu Unterwürfigen und die Mehrzahl der Wärter zu Sadisten mutieren.

Darüber hinaus verweist der Autor auf die Erfahrungen in den Konzentrationslagern der Nazis<263>, wo die Weltanschauung und die Charakterologie den Ausschlag dafür gab, ob und wie aggressiv z.B. die KZ-Insassen mit den Peinigern kooperierten (religiös und politisch Engagierte behielten trotz aller Erniedrigung ihre menschliche Würde und Hilfsbereitschaft).

Die Frustrations-Aggressions-Theorie besitzt nach Fromm ebenfalls nicht die Allgemeingültigkeit, die man ihr nachsagt. Die These, daß jeder Aggression eine Frustration vorangehe, stammt von J. Dollard<264> (1939) und seinen Mitarbeitern. Einer der Mitarbeiter, N.E. Miller<265>, wandte bereits 1941 ein, daß Frustrationen auch andersartige Reaktionen hervorrufen könnten. Fromm kritisiert an dieser Theorie, daß sie


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Frustrationen nicht deutlich genug in Unterbrechung einer Aktivität, Zurückweisung oder Versagung differenziere und weder die Situation noch den Charakter der Betroffenen in Betracht ziehe. Denn es gibt zahlreiche Versagungen im menschlichen Leben, die zu Lernen und Entwicklung führen, während Ungerechtigkeit oder Unterdrückung oft aggressive Reaktionen auslösen.

Die Aggressionstheorie der Psychoanalyse. - Die Instinkt-Theorie der Aggression wurde von Sigmund Freud vorweggenommen, der davon überzeugt war, daß der Mensch über einen angeborenen Aggressions-Trieb verfüge. In seinen verschiedenen Trieblehren hat Freud diese Hypothese stets in den Vordergrund gerückt. Zuletzt postulierte er einen Triebdualismus zwischen Eros und Thanatos, wobei sich der letztgenannte „Todestrieb“ entweder als Aggression nach außen oder nach innen äußere. Jedenfalls müsse der Mensch irgendwelche Opfer für seine Gewaltbereitschaft finden, da er ansonsten dazu verurteilt sei, sich selbst zu zerstören.<266>

Neurophysiologische Befunde sprechen dafür, daß die Aggression größtenteils der Verteidigung und der Selbsterhaltung dient. Wahrscheinlich überwog in der Geschichte eher das Flucht- als das Aggressionsverhalten. Raubtiere sind ebenfalls von Natur aus nicht aggressiv, sondern sie verteidigen sich, um ihr Leben zu erhalten. Nur der Mensch tötet und quält ohne Gründe des Selbstschutzes.

Das Verhalten der Tiere und paläontologische Befunde. - Tiere in freier Wildbahn sind nicht aggressiv; nur in Gefangenschaft zeigen sie destruktives Verhalten, wobei meistens die Einengung ihres Territoriums (z.B. bei Ratten) zu Aggressionen führte.

Beim Menschen ist es aber auch nicht allein die räumliche Enge bei Überbevölkerung, die Aggressionen auslöst, sondern mehr die „Anomie“ (Emile Durkheim<267>), d.h. der Verlust der sozialen Bindungen in der modernen technisierten Gesellschaft: der „Mangel an Gemeinschaft“. Allerdings verursacht Überbevölkerung in unterentwickelten Ländern, da sie in der Regel mit Armut gepaart ist, Neid, Aggression und Destruktion.

Die Frühgeschichte der Menschen zeigt, daß weder die Vorfahren, die Menschenaffen, noch die frühen Menschen wie Raubtiere lebten, sondern im Gegenteil gegenseitige Hilfe die Regel war. Mit anderen Worten besitzt der Mensch eine Tötungshemmung, die erst beseitigt werden muß, bevor er mordet.

Anthropologie. - Der frühe Mensch als Jäger, Sammler und Ackerbauer mußte seine Fähigkeiten verbessern, um zu überleben, d.h. er mußte sich entwickeln. Dabei kam es kaum zu Machtkämpfen, da die Menschen froh waren, daß sich gute Leiter und Organisatoren als „Führer“ zur Verfügung stellten. Macht um der Macht willen war unbekannt und deshalb gab es selten Kriege. Wenn sie dennoch auftraten, waren sie nicht zentral organisiert und gingen nicht auf Eroberung aus. Die Kriegslust nahm erst mit Privatbesitz, Nationalismus und Militarismus zu.<268>

Wahrscheinlich hat die „städtische Revolution“ im vierten und dritten Jahrtausend v. Chr. bewirkt, daß der Mensch lernte, den anderen „als ökonomisches Werkzeug zu benutzen, daß man ihn ausbeuten und zum Sklaven machen konnte“ (ebd. S.145). Es waren schließlich hauptsächlich die Männer, die den Weg zur Herrschaft über die anderen beschritten und den Sadismus im Sinne Fromms als leidenschaftliches Begehren nach unbegrenzter, gottähnlicher Macht über Menschen und Dinge entwickelten. Auch die nekrophile Destruktivität setzte - laut Fromm - bereits mit den Zerstörungen von Babylon, Karthago und Jerusalem ein und fand ihre Fortsetzung in Dresden und Hiroshima.

Der Autor analysiert des weiteren ethnologische Daten von 30 primitiven Stämmen, die deutlich zeigen, daß es keine Instinkte gibt, welche den menschlichen


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Zerstörungstrieb auslösen könnten. Er unterscheidet drei Gesellschaftsformen: lebensbejahende, nicht destruktive (jedoch aggressive) und destruktive Gemeinschaften.

Fromm grenzt eine biologisch adaptive, dem Leben dienende, gutartige Aggression von der biologisch nicht adaptiven, bösartigen Aggression ab. Letztere äußert sich als Destruktivität und Grausamkeit und „ist biologisch schädlich, weil sie sozial zerstörerisch wirkt“<269> (ebd. S.167).

Die Unterschiede von „Pseudoaggression“ (spielerischer Art), „defensiver Aggression“ (zur Selbsterhaltung) und „instrumentaler Aggression“ (z.B. Drogenbeschaffung) werden vom Autor sorgfältig herausgearbeitet.

Eine der fatalsten instrumentalen Aggressionen ist der Krieg. Fromm nennt die These, daß die Ursache für Kriege eine angeborene Destruktivität sei, „einfach absurd“ (ebd. S.189), da solche Destruktionen stets durch mannigfache Gründe ausgelöst und weitergeführt werden. Er interpretiert als Beispiele den Ersten und Zweiten Weltkrieg, in denen unter anderem machtpolitische, ökonomische, gruppenpsychologische (Anstacheln des Nationalstolzes), karrieristische Faktoren sowie den Soldaten verlogen suggerierte Ideale wie Selbstverteidigung und Freiheit auszumachen sind. Es waren die „militärischen und politischen Eliten“ (ebd. S.193) und nicht das Volk, welche die Gemetzel aufrecht erhielten. Auf Fromms Vorschläge, wie Kriege verhindert werden könnten, wird in Teil 5 eingegangen.

Grausamkeit (Sadismus) und Destruktivität als bösartige Aggressionen. - Ausgangspunkt seiner Betrachtung ist die dichotome und widersprüchliche Natur des Menschen, wie in 3.5 dargelegt.

Er (der Mensch) ist gezwungen, das Entsetzen vor seiner Isoliertheit, seiner Machtlosigkeit und seiner Verlorenheit zu überwinden und neue Formen des Bezogenseins zur Welt zu finden, durch die er sich in ihr zu Hause fühlen kann (ebd. S.204).

Dazu dienen im menschlichen Charakter verankerte Leidenschaften wie Liebe, Zärtlichkeit, Streben nach Gerechtigkeit, Unabhängigkeit und Wahrheit, Haß, Sadismus, Masochismus, Destruktivität und Narzißmus.

Fromm geht nun, auf eine Vielzahl von Autoren verweisend, im Detail auf die existentiellen Bedürfnisse des Menschen und die verschiedenen Leidenschaften ein. Wenn sie unbefriedigt bleiben oder frustriert werden, sind sie Auslöser von Destruktion.<270> Zu den „Leidenschaften“ zählen die Suche nach einem „Rahmen der Orientierung und einem Objekt der Hingabe“, unbefriedigte Bedürfnisse nach „Verwurzelung“, „Einheitserleben“, „Wirkmächtigkeit“ (Potenz) und „Erregung und Stimulation“. „Langeweile und chronische Depression“ hängen mit fehlendem Interesse zusammen und sind Ursachen für Drogen, Fernsehkonsum, Arbeitsverweigerung, Gewalttätigkeit und Destruktivität.

Höchst aktuell wirken Zeitungsberichte aus dem Jahre 1972, in denen von einem 16-jährigen Schüler berichtet wird, der in der Schule gute Leistungen zeigte, im Kirchenchor mitsang - und seine Eltern erschoß, „weil er einmal sehen wollte, wie das ist, wenn man einen umbringt“ (ebd. S.226). Fromm ist der Meinung, daß diese Morde aus dem „unerträglichen Gefühl der Langeweile und Ohnmacht“ geschehen wären.

Er vertritt die Auffassung, daß alle existentiellen Bedürfnisse entweder durch positive Einstellungen und Handlungen oder durch Sadismus, Masochismus, Trunksucht, Drogen und Destruktivität befriedigt werden können.<271> Fromm vervollständigt seine Untersuchung über die Aggression durch Differenzierung in „spontane“, „ekstatische“ und „anbetende Destruktivität“.

Im abschließenden Epilog schreibt der Autor „über die Zwiespältigkeit der


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Hoffnung“. Da Sadismus und Nekrophilie nicht angeboren sind, bestehe trotz weit verbreiteter leichter schizophrener Psychose der Gesellschaft noch eine gewisse Hoffnung für die Zukunft des Menschen. Wer sich nämlich für einen radikalen Humanismus im Sinne der Biophilie engagiert, entwickelt einen „rationalen Glauben“ sowie Optimismus und vermag deshalb tatkräftig zu einer besseren Gesellschaft beitragen.

4.10 Sozial-politische Stellungnahmen

Es kommt (leider) recht selten vor, daß ein Tiefenpsychologe sich für Politik interessiert und darüber auch Fundiertes auszusagen hat. Bei Fromm war dies bereits in frühen Jahren der Fall, als er sein Studium der Soziologie abschloß und die herrschenden Verhältnisse aus der Perspektive eines marxistischen Sozialismus betrachtete. Seine Einsichten verhalfen ihm bekanntlich zur rechtzeitigen Emigration in die USA. Im folgenden sollen einige Beiträge zur Politik erörtert werden, da sie eine Seite von Fromm offenbaren, die weniger bekannt ist.

Aus verständlichen Gründen befaßte sich Fromm in den USA anfangs vorrangig mit dem kriegführenden Deutschland, über das zahlreiche Vorurteile im Umlauf waren. Der Artikel Fragen zum deutschen Charakter<272> aus dem Jahre 1943 behandelt die Frage, ob es überhaupt einen „Nationalcharakter“ gebe und wie er allenfalls zu bestimmen wäre. Überall auf der Welt kursierte z.B. die Meinung, daß „die Deutschen“ ordnungslieb, diszipliniert und verantwortungsbewußt wären, andererseits auch kleinlich, pedantisch, sadomasochistisch und starrköpfig. Darüber hinaus seien sie zu transzendentem Denken begabt, das aber ins Phantastische und Satanische umschlagen könne.

Am Beispiel der deutschen Mittelschicht erläutert Fromm, daß die „Charakter-Matrix“ primär weder gut noch böse ist, sondern das Resultat einer „jahrhundertealten Wechselwirkung von Charakter, Ideen und gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten“ (ebd. S.7). Tugenden und Laster werden durch die von Klasse zu Klasse wechselnden Bedingungen geprägt.

Fromm hat in mehreren Schriften auf die Entstehung des kleinbürgerlichen Charakters in Deutschland hingewiesen (siehe 4.7). Sobald die gesellschaftlichen Bedingungen Freiheit, Solidarität und Wachstum zulassen und fördern, entfalten sich auch die positiven Charakterzüge der Deutschen. Voraussetzung dafür ist allerdings erst die „völlige Vernichtung der nationalsozialistischen Herrschaft und all derer, die an ihr interessiert sind oder waren“ (ebd. S.7).

Anläßlich eines Rundgespräches in den USA, an dem unter anderem Bertrand Russell und Sigrid Undset teilnahmen, trug Fromm den Aufsatz Was soll mit Deutschland geschehen?<273> vor. Darin kritisiert er ein Buch des Psychiaters R.M. Bricker, der 1943 ein Buch mit dem Titel Ist Deutschland unheilbar? geschrieben hatte, in dem dieser den Deutschen einen paranoiden Charakter attestierte. Für diese These verwandte er Aussagen von Schriftstellern, die Fromm als reaktionär und nationalistisch bezeichnet. Wenn der Autor wissenschaftlich vorgegangen wäre, hätte er feststellen müssen, daß spezifische soziale, ökonomische und politische Verhältnisse die erwähnten paranoiden Züge hauptsächlich beim deutschen Mittelstand, aber nicht bei der Mehrzahl der Deutschen ausgebildet hatten. Im übrigen deckt er noch andere Mängel dieses Buches auf.

Im Essay Der gegenwärtige Zustand des Menschen<274> aus dem Jahre 1955 greift Fromm die Themen der Freiheit des modernen Menschen nach dem Mittelalter und die Entfremdung wieder auf. Der Mensch des 20. Jahrhunderts kann hauptsächlich durch die Eigenschaften der Passivität und Marktorientierung charakterisiert werden. Passiver


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Konsum von Nahrung, Vergnügen, Abenteuer und Sex dominieren bei dieser „oralen“ Haltung. Die Industrie macht den Konsumenten manipulativ glauben, daß er nur mit diesen oder jenen Produkten glücklich werde; dafür arbeitet er automaten- und roboterhaft. Vor den Produkten sinkt er dann in die Knie und betet die seine Lebenskräfte in entfremdeter Form verkörpernden technischen Götzen an. Ein Teufelskreis von „schizoider Selbstentfremdung“ erzeugt Sinnlosigkeitsgefühle, senkt das Kulturniveau und erhöht das destruktive Potential.

Fromm schlägt eine Renaissance der geistigen Werte (Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit) sowie eine Umstrukturierung der Gesellschaft in Richtung eines demokratischen Sozialismus vor.

Ähnliche Kriterien stellt der Autor im Aufsatz Die moralische Verantwortung des modernen Menschen<275> (1958) auf. Als Gegengewicht zum modernen Werterelativismus sollten die in der Natur des Menschen begründeten Grundwerte wieder zur Geltung gebracht werden, was bedeutet, daß jeder mit den Mitmenschen und der Natur „in Beziehung treten müsse“.

Aus den bereits erwähnten Kritikpunkten am modernen Charakter leitet Fromm die „Aufgaben der Gegenwart“ ab. Dazu zählen: Die Spaltung von Denken und Fühlen überwinden; an die Stelle des Konsumierens schöpferisches Handeln (Kreativität) setzen und den Menschen als höchstes Ziel anstreben, d.h. ihn nicht zum Mittel degradieren.

Während des „kalten Krieges“ rüsteten die Blöcke wahnwitzig auf. Fromm nahm 1960 dagegen in Gründe für eine einseitige Abrüstung<276> Stellung. Da die jahrelange gegenseitige Bedrohung den Frieden nicht voranbrachte, schlägt der Autor vor, daß die westliche Seite mit gutem Beispiel vorangehe und schrittweise einseitig abrüste. Die Vernunft würde dann auch bei den kommunistischen Staaten siegen. Voraussetzungen dafür wären der Abbau eigener Vorurteile und Fehleinschätzungen sowie das In-Frage-Stellen der Allmacht des Staates. Fromm klärt über Sachverhalte auf, nimmt die Argumente der Gegner ernst und setzt sich mit ihnen sachlich, aber kritisch auseinander. Wie in der Psychotherapie deckt er Illusionen, Projektionen und versteckte Motivationen auf und erläutert sie.

Für die Festschrift zu Ehren von Daisetz T. Suzuki (den Zen-Buddhisten) schrieb Fromm über Die prophetische Auffassung vom Frieden<277> (1960). Darin rekurriert Fromm auf die Propheten des Altertums, um deren Vorstellung eines friedlichen Zusammenlebens der Menschen darzulegen (siehe 2.4).

Eine größere Abhandlung über die Politik erfolgte in: Es geht um den Menschen! Eine Untersuchung der Tatsachen und Illusionen in der Außenpolitik<278>. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Staatsform die Sowjetunion verwirklicht hat und ob sie unter Stalin und Chruschtschow tatsächlich die Weltrevolution - wie allgemein behauptet wurde - anstrebte.

Fromm entlarvt zahlreiche „Fiktionen“<279> der Großmächte, die sich gegenseitig „Weltherrschaft“ bzw. „kapitalistische Ausbeutung“ vorwerfen, um das eigene Machtstreben zu kaschieren. Die Sowjetunion (SU) ist, entgegen ihren Verlautbarungen, „ein konservativer, totalitärer Managerstaat und kein revolutionäres System, das nach Weltherrschaft strebt“ (ebd. S.167). Beide Systeme ähneln sich, da die Macht in den Händen der Manager und der Bürokraten liegt.

Man kann auch in der Politik ein gesundes und pathologisches Denken unterscheiden. Wie beim Individuum kommen dabei psychische Mechanismen wie Paranoia, Projektion, Fanatismus (Narzißmus), manipulatives und suggestives Denken in Frage. Fromms Kritik läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig:


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Technisch und intellektuell leben wir in einem Atomzeitalter, emotional leben wir noch in der Steinzeit. ... Trotz all seiner intellektuellen und technischen Fortschritte ist der Mensch noch immer befangen in der Verehrung seiner Götzen: der Bande des Blutes, des Besitzes und der Institutionen (ebd. S.64).

Fromms Ausführungen zur sowjetischen Geschichte, zur russischen Revolution, zu Lenin, Stalin und Chruschtschow sind kenntnisreich, differenziert und - wie immer - spannend zu lesen. Lenin z.B. befürwortete (gegen die Marxschen Vorstellungen) eine elitäre Staatsführung, welche der Diktatur Stalins Vorschub leistete. Er erlitt 1922 den ersten Schlaganfall; 1924 starb er. In der Zwischenzeit hatte er die Kapitalisten dazu gebracht, wieder in Rußland zu investieren. Stalin verwandelte die kommunistische in eine „Manager-Revolution“. Die Industrialisierung, in die er die SU mit Gewalt und Terror trieb, schaffte er innert 30 Jahren. Nach Stalin kam Chruschtschow an die Macht und beendete die Gewalt. Fromm ist der Meinung, daß die Bevölkerung hinter dem Kommunismus stehe; sie hätten nur noch Angst vor Krieg: „Ganz sicher möchten sie es nicht durch ein System wie den Kapitalismus ersetzt wissen“ (ebd. S.74).<280>

Die Staatsbürokratie übernahm in der SU die Macht und sicherte sich Privilegien wie eh und je. Das sowjetische System war ein zentralistisch verwaltetes Wirtschaftssystem, das dem Menschen nicht die Möglichkeit der freien und ganzheitlichen Entfaltung - wie es der Sozialismus vorschlug - gab. Als konservatives Land strebte es nicht mehr nach der „Weltrevolution“ und zeigte auch - laut Fromm - keine imperialistischen Ansichten.<281>

Das „Problem China“ ist ebenfalls Thema dieses Buches. Der Mensch werde in der chinesischen Revolution wie Rohmaterial zur gewaltsam vorangetriebenen Industrialisierung verwendet. Wer China in die Isolation treibt, fördert auch dessen Aggression. Deshalb empfiehlt Fromm, China Kredite zu gewähren, ihm den Zugang zum freien Markt zu ermöglichen und es in die UNO eintreten zu lassen; der freie Markt werde eine friedliche Koexistenz bewirken.

Die Stellungnahmen Fromms zum „Problem Deutschland“ sind aus verständlichen Gründen von Vorsicht geprägt. Lange Zeit hielt sich Deutschland daran, sich nicht wieder zu bewaffnen. Inzwischen (1961) wurde Deutschland wieder „die stärkste Militärmacht Europas“ (ebd. S.140); die meisten Generäle würden auch eine Atombewaffnung befürworten. Wie so oft könnte es wieder zu einer Allianz zwischen Industrie und Militär kommen.

Das neue Deutschland besitzt nicht nur das industrielle und militärische Potential, um aufs neue eine aggressive Rolle zu spielen, sondern auch das nationalistische Potential, dessen man sich für aggressive Pläne bedienen kann (ebd. S.143).

In den „Vorschlägen zum Frieden“ (siehe Teil 5) setzt sich Fromm für weltweit kontrollierte Abrüstung, den Status quo der amerikanisch-russischen Beziehungen sowie die Beibehaltung von Ostberlin und der DDR ein. Denn die „Wiedervereinigung“ könnte „nicht ohne Krieg“ (ebd. S.170) vonstatten gehen. Die Bundesrepublik würde stets auch den Zwist zwischen den USA und Rußland anfachen, um eine Verständigung zu verunmöglichen.

Als Beispiel eines demokratischen Sozialismus erwähnt Fromm Titos Jugoslawien, dessen Regierung wie in Ägypten, Indien und China „nach allen Berichten“ (ebd. S. 177) nicht korrupt wäre.

Die Außenpolitik der USA wird scharf kritisiert. Fromm prangert paranoide Gedankengänge und verbrecherische Interventionen z.B. in Südamerika an, wobei sie bedenkenlos im Dienste von Wirtschaftskartellen korrupte Diktatoren unterstützte.


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Während der Kuba-Krise (deren Vorgeschichte er schildert) wäre Chruschtschow praktisch gezwungen gewesen, Fidel Castro zu unterstützen, um den chinesischen Einfluß abzuwehren. (Im Nachwort aus dem Jahre 1963 schreibt Fromm, daß Castro inzwischen aber auch Kommunist geworden sei und Kuba zum Polizeistaat gemacht hätte. Deutschland und Frankreich hätten die Absicht, das Machtzentrum des „Neuen Europa“ zu werden, möglichst unter Ausschluß Großbritanniens.)

Ebenfalls 1961 nahm Fromm zum Kommunismus in Kommunismus und Koexistenz. Das Wesen der totalitären Bedrohung heute<282> Stellung. Es handelt sich dabei um eine Analyse der Erklärung der 81 Kommunistischen Parteien, die sich 1960 in Moskau getroffen hatten. Rußland hatte sich zur wohlhabenden Industrienation entwickelt, während China noch immer zu den unterentwickelten, armen Staaten zählte. China warf einigen kommunistischen Ländern vor, „Revisionisten“ zu sein, die sich den Erzfeinden, den Kapitalisten, anschließen würden. Chruschtschow und die russischen Anhänger setzten ihre Thesen von der friedlichen Koexistenz und des wirtschaftlichen Wettbewerbs durch. Sie nahmen deutlich gegen den kalten Krieg und das „Balancieren am Rande des Krieges“ (vor allem der USA) Stellung. Die Nichteinmischung in die innerstaatlichen Angelegenheiten anderer Länder wurde besonders hervorgehoben. Fromm erblickte in der Erklärung die Bestätigung der friedlichen Absicht Chruschtschows, die Koexistenz und die Abrüstung voranzubringen. Kennedy dagegen malte die russische Weltrevolution als Gefahr an die Wand und hätte damit die „ritualisierte kommunistische Ideologie mißverstanden“ (ebd. S.211).<283>

Gemeinsam mit Michael Maccoby verfaßte Fromm 1962 den Artikel Die Frage der Zivilverteidigung<284>. 1961 spitzte sich die Berlin-Frage zu, als die Berliner Mauer errichtet wurde. Chruschtschow und Kennedy bedrohten sich gegenseitig. Der letztere plante ein 207 Millionen-Dollar-Projekt für Schutzräume vor dem Atomkrieg. Herman Kahn, der die USA-Politiker beriet und ein einflußreicher Verfechter der Zivilverteidigung war, versuchte in seinen Schriften<285>, die Auswirkungen eines Atomkrieges zu verharmlosen. Die Autoren gehen Kahns Argumenten sorgfältig nach und betonen, daß im Falle eines Atomkrieges stets auch die wehrlosen Städte angegriffen und damit Millionen Zivilisten vernichtet werden. Danach wäre auch jahrzehntelang kein normales Leben mehr möglich. Der Verfasser behauptete nämlich, daß sich das Leben selbst nach den zwei Weltkriegen wieder normalisierte. Dagegen stehen die Erfahrungen der Pestjahre (1348 und 1349) und der Kriege, nach denen stets Depression, Neid, Haß, Verbrechen und brutale Tyrannei (Stalin, Hitler) entstanden waren.

Marschiert Deutschland bereits wieder? (1966)<286> ist eine Frage, die Fromm nach einem Besuch der BRD im Jahre 1965 beschäftigte. Darin wird seine Skepsis gegenüber der Wirtschaftsmacht Bundesrepublik deutlich, an deren Spitze Adenauer und Franz Josef Strauß agierten. Vor allem der letztere sprach sich offen für die Ausrüstung der BRD mit Atomwaffen aus und plädierte für die „Notstandsgesetze“, welche die Bevölkerung mittels des Zivilschutzes wieder militarisieren und disziplinieren wollten. Fromm hörte schon damals die ewig gestrigen imperialistischen und rechts stehenden Stimmen, welche die Ostgebiete, Schlesien und das Sudetenland „zurück haben“ wollten. Strauß galt ihm als der „bei weitem verschlagenste und rücksichtsloseste“ (ebd. S.17) Politiker der damaligen Zeit.

Die Anmerkungen zur Entspannungspolitik<287> aus dem Jahre 1975 enthalten in geraffter Form Fromms politische Einschätzungen zur Gegenwart, wie er sie 1974 vor dem Senatsausschuß für Auswärtige Beziehungen unter Senator Fulbright vortrug (andere Geladene waren unter anderem Henry Kissinger, Eugene<288> McCarty und Dean


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Rusk). Fulbright war ein Verfechter der Entspannung und des Abbaus der Waffen (SALT-Gespräche).

Fromm legt dar, daß die SU nicht vorhätte, durch Revolutionen die Weltherrschaft zu übernehmen, so daß die wahnwitzige Aufrüstung überflüssig wäre. Stalin hätte einen konservativen Staat errichtet, der auf „Pflicht, Patriotismus und Arbeit“ setzte. Es gab inzwischen genügend Hinweise auf seine Kollaboration mit antirevolutionären Kräften: Koalition mit den Nationalsozialisten gegen die Sozialdemokraten; Liquidation von Revolutionären in Spanien; Verweigerung von Hilfe an die griechischen Kommunisten und Unterstützung Allendes in Chile.

Die kommunistischen Parolen sind nichts weiter als „ritualisiertes Gerede“ zur Stütze der Ideologie. Beide Blöcke sind von paranoidem Denken befallen, in dem man das Mögliche für wahr nimmt, um sich durch Aufrüstung abzusichern. Auf politischem Gebiet muß man jedoch zwischen „realistischen Wahrscheinlichkeiten und abstrakten Möglichkeiten“ unterscheiden, um den gegenseitigen Selbstmord durch Krieg mit Atomwaffen zu verhindern.


Fußnoten:

<181>

EF: Wege aus einer kranken Gesellschaft. In: GA Bd.4

<182>

In: Löwith, Karl: Man‘s Self-Alienation in the Early Writings of Marx. In: Social Research, 21 (1954), S.204-230

<183>

In: Fülöp-Miller, R. und Eckstein, F.: Tolstois Flucht und Tod, Berlin 1925

<184>

Thoreau, Henry: Life without Principle (1863). In: The Portable Thoreau (Hrsg. Carl Bode), New York 1947

<185>

Durkheim, Emile: Der Selbstmord (1897). Neuwied/Berlin 1973

<186>

Tawney, R.H.: The Acquisitive Society (1920). New York 1920

<187>

Mayo, Elton: The Human Problems of an Industrial Civilization. New York 1933

<188>

Tannenbaum, Frank: Eine Philosophie der Arbeit (1952). Nürnberg 1954

<189>

Mumford, Lewis: The Conduct of Life. New York 1951

<190>

Huxley, Aldous: Schöne neue Welt (1931). Frankfurt/Hamburg 1955

<191>

Schweitzer, Albert: Verfall und Wiederaufbau der Kultur. In: Werke, Bd.2, S.17-93, Zürich 1973

<192>

Einstein, Albert: Why Socialism? In: Monthly Review. An independent socialist magazine. New York 1 (1949), Nr.1, S.9-15

<193>

EF: Die Furcht vor der Freiheit (1941). In: GA Bd.1

<194>

Mit „neurotischen Mechanismen“ sind andererseits pathologische Verhaltensweisen gemeint - man sieht, daß Begriffs-Definitionen in der Psychologie stets von der Person des Urteilenden abhängen. Fromm widersetzte sich bekanntlich früh dem entfremdeten Arbeitseinsatz in der kapitalistischen Gesellschaft.

<195>

Das Begriffs-Dilemma setzt sich im Werk Fromms fort. Später wird er von der „Pathologie der Normalität“ sprechen. Unseres Erachtens ist es jedoch zulässig, im Sinne des Frommschen Gesundheitsbegriffes (Wachstum des eigenen Selbst und der sozialen Haltung) von einer kranken und neurotischen Gesellschaft zu sprechen.

<196>

EF: Der Staat als Erzieher. Zur Psychologie der Strafjustiz (1930); Zur Psychologie des Verbrechers und der strafenden Gesellschaft (1931). In: GA Bd.1, S.7-31

<197>

Alexander, Franz: Psychische Hygiene und Kriminalität. In: Imago, Wien 17, 1931

<198>

Heindl, R.: Der Berufsverbrecher, Berlin 1926

<199>

Heute ergibt sich durch die globale Verbreitung des Fernsehens an dieser Stelle ein anderes Bild: Die Massen können durch Konsum und Medien ruhig gehalten und manipuliert werden.

<200>

Liszt, F. von: Strafrechtliche Aufsätze und Vorträge. 2 Bände, Berlin 1905

<201>

Fromm verweist hier auf August Aichhorn (Verwahrloste Jugend. Die Psychoanalyse in der Fürsorgeerziehung. Wien 1925), unterschlägt aber die große Erfahrung und Wirksamkeit der individualpsychologischen Psychotherapeuten, Ärzte und Pädagogen.

<202>

EF: Ödipus in Innsbruck (1930). In: GA Bd.8, S.133

<203>

Aus diesem kleinen Aufsatz Fromms wird ersichtlich, daß er schon früh danach trachtete, eine eigene Meinung dazwischen zu plazieren, und daß ihn das Problem des Vatermordes beschäftigte. Es fehlt auch ein Hinweis darauf, daß eine biographische Analyse des Angeklagten z.B. eine Neigung zum Schwindeln und Lügen und andere Lebensprobleme hätte aufdecken können, was ein noch differenzierteres Urteil ermöglicht hätte.

<204>

EF: Zum Gefühl der Ohnmacht (1937). GA Bd.1, S.189

<205>

Als eigentlicher „Erfinder“ und Erforscher des Minderwertigkeits- bzw. Ohnmachtsgefühls gilt ohne Zweifel Alfred Adler (Über den nervösen Charakter, 1912).

<206>

All dies wie auch die folgenden Ausführungen könnten einem Lehrbuch der Individualpsychologie entnommen sein, obwohl Fromm dies nie erwähnt.

<207>

Die Zusammenarbeit mit Karen Horney war in diesen Jahren besonders intensiv. Fromm übernahm, ohne darauf hinzuweisen, zahlreiche Erkenntnisse aus Horneys Büchern (The Problem of Feminine Masochism, 1935 und vor allem aus Der neurotische Mensch unserer Zeit, 1937). Horney wiederum erwähnt nicht, daß sie viele Erkenntnisse von Alfred Adler übernommen hatte.

<208>

Verzärtelung und Verwöhnung sind nach Adlers Ausführungen neben Härte die Hauptursachen für Neurose, Psychose und Delinquenz.

<209>

Die einfühlsame Darstellung der ohnmächtigen Kinder (und Erwachsenen) läßt vermuten, daß Fromm selbst eine solche Sozialisation durchlitten hat, nämlich Verwöhnung, höchste Forderungen an sittliche Ideale und erlebtes Außenseitertum durch die Abkehr (Angst?) vom üblichen Geschäfts- und Erwerbssinn.

<210>

EF: Die Furcht vor der Freiheit (1941). GA Bd.1, S.217

<211>

Es erhebt sich die Frage, ob dies tatsächlich die einzigen Alternativen sind, die der Mensch besitzt.

<212>

Burckhardt, Jakob: Die Kultur der Renaissance in Italien (1860). Berlin 1981

<213>

Dilthey, Wilhelm: Weltanschauung und Analyse des Menschen seit Renaissance und Reformation (1914). Ges. Schriften II, Leipzig und Berlin 1923

<214>

Cassirer, Ernst: Individuum und Kosmos in der Philosophie der Renaissance. Leipzig 1927

<215>

Huizinga, Johan: Das Problem der Renaissance. In: Wege der Kulturgeschichte. München 1930

<216>

Burckhardt 1981, S.335

<217>

Darüber liegen zahlreiche Berichte vor, unter anderem von der Familie der adligen Borgias, in deren Reihen Päpste, Renaissance-Fürsten (Cesare Borgia als Vorbild für Macchiavellis Der Fürst, 1513) und -Fürstinnen (Lucrezia Borgia) auftraten, welche neben ausschweifendem Leben Reichtum und Macht anhäuften, aber auch großzügig die Künste förderten.

<218>

Wilhelm Dilthey wies dies u.a. eindrücklich am Dichter Petrarca nach (Dilthey 1923, S.19ff).

<219>

Weber, Max: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. In: Ges. Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd.1, Tübingen 1920

<220>

Er nimmt dabei Bezug auf Autoren wie K. Lamprecht, R. Ehrenberg, W. Sombart, G. von Below, M. Weber, J.S. Schapiro, R.H. Tawney und L. Kraus.

<221>

Max Weber hielt diese Faktoren auf dem Weg zum Kapitalismus für ausschlaggebend.

<222>

Der Begriff der „Flucht“ ist hier eher mißverständlich.

<223>

An dieser Stelle verheddert sich Fromm in eine begriffliche Auseinandersetzung mit Karen Horney, die eigentlich nur darum kreist, ob man „Fluchtmechanismen“ mit „neurotischen Tendenzen“ gleichsetzen könne, was er ablehnt. Diese Abgrenzung hat jedoch zur Folge, daß Fromm im Folgenden Begriffe wie „Sadomasochismus“ auch als „normal“ bezeichnen muß.

<224>

Derartige sadistische Komponenten sind in der Erziehung oft zu beobachten.

<225>

Adlers differenzierte Ausführungen zum Machtproblem - die hauptsächlich von Nietzsche ausgehen - werden von Fromm mit „oberflächlich“ abgewertet. Adler hätte das Machtstreben auf die Funktion reduziert, das Individuum gegen Gefahren zu schützen, die aus seiner Unsicherheit und Mangelhaftigkeit herrühren. Adler betonte jedoch stets, daß Überlegenheits- und Machtstreben Folge von zu gering ausgeprägtem Sozialgefühl sind, d.h. aus antisozialen und egozentrischen Einstellungen stammen.

<226>

Das „Gottähnlichkeitsstreben“ ist ebenfalls ein basaler Bestandteil der individualpsychologischen Theorie.

<227>

In diesem Zusammenhang übernimmt Fromm die Diagnosen „normal“ oder „neurotisch“ von der allgemeinen Beurteilung und hinterfragt sie nicht tiefenpsychologisch. Verwirrend ist auch die Beschreibung eines „liebevollen Sadismus“.

<228>

Wer potent in diesem Sinne ist, greift nicht zur "Perversion der schöpferischen Potenz“, nämlich dem Sadismus.

<229>

Diese Komponenten sind bei den anderen Fluchtvariationen ebenfalls aufzuweisen.

<230>

Fromm verwendet anstelle von Nationalsozialismus diese Kurzbezeichnung auch, um die Assoziation mit „Sozialismus“ zu vermeiden.

<231>

EF: Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches. Eine sozialpsychologische Untersuchung (1980). In: GA Bd.3

<232>

Fromm verweist hier unter anderem auf zwei Untersuchungen: Lasswell, H.D.: The Psychology of Hitlerism. In: The Political Quaterly, London 4 (1933) und Schumann, F.L.: The Nazi Dictatorship, New York 1939.

<233>

Die beste Charakterisierung hat wohl Heinrich Mann in seinem Buch Der Untertan (1918) geschaffen.

<234>

Bekannt ist die Jugendbewegung des „Wandervogels“. Fromm lernte diese antiautoritäre Haltung auch in der zionistischen Jugendgruppe kennen, die er kurzzeitig frequentiert hatte.

<235>

Unter anderem in Wege aus einer kranken Gesellschaft (GA, Bd.4).

<236>

EF: Anatomie der menschlichen Destruktivität. GA Bd.7

<237>

Fromms psychologische, soziologische und biographische Analysen von Stalin, Heinrich Himmler und Hitler gehören zu den Höhepunkten des vorliegenden Werkes. Sie sollten zu Pflichtlektüren in Schulen verwandt werden.

<238>

Wahrscheinlich taucht hier dieser Papst deshalb auf, weil er Begegnungen mit anderen christlichen Kirchen und Religionen gefördert hatte und für den Weltfrieden eingetreten war.

<239>

Etwas skurril mutet folgende Klassifikation von nekrophilen Handlungen an: Churchill, der, als er sich in Nordafrika aufhielt, massenhaft Fliegen erschlug und sie dann auf dem Tischtuch aufreihte; oder, wer Streichhölzer und Blumen zerbreche, ständig über Krankheiten und Tod berichte und sich Wunden aufkratze.

<240>

Die Aufzählung einer sehr umfänglichen Seelenpathologie drückt wohl Fromms Alters-Meinung über den Menschen aus; sie ist gewiß pessimistisch. Er versucht allerdings stets, Argumente zu finden, welche zu Hoffnung berechtigen.

<241>

Neben der religiösen zeigt sich in Fromms Alterswerk auch die Verstärkung der mystischen Ader, die auf geheimnisvolle Art erklären soll, warum Hitler Deutschland und sich selbst in den Ruin getrieben hatte.

<242>

Der Begriff des „wahren Selbst“ stammt von Karen Horney. Er steht im Gegensatz zum „idealisierten“ Selbst, das mit Entfremdung einhergeht.

<243>

In späteren Werken nennt Fromm dies den „Marketing-Charakter“, der kennzeichnend für die Moderne ist.

<244>

Dieser logische Schluß ist nicht ganz einsichtig: Warum verschwinden die negativen analen Anteile nicht auch? Fromm scheint einen Grund mehr für die negativen Eigenschaften des Menschen zu suchen.

<245>

EF: Wege aus einer kranken Gesellschaft (1955). In: GA Bd.4, S.69

<246>

Dies ist momentan (im Jahre 2000) auch daran erkennbar, daß z.B. kostspielige Anstrengungen unternommen werden, jeden Bürger zum Aktienbesitz zu verleiten.

<247>

EF: Die Revolution der Hoffnung. Für eine Humanisierung der Technik (1968). In: GA Bd.4, S.255

<248>

Damit in Zusammenhang stand auch die 68-er Rebellion der Studenten in Deutschland.

<249>

Hierzu vor allem Lewis Mumford: The Myth of the Machine, 1967 und Jacques Ellul: La Technique ou L‘Enjeu du siècle, 1954.

<250>

Dies zeigen die Waffenproduktion und die Gentechnologie in aller Deutlichkeit. Fromm geht aber nicht darauf ein, welchen Werten die technisierte Gesellschaft anhängt: Es sind die Ziele Profit, Macht und Prestige.

<251>

Kahn, H.: Ihr werdet es erleben (1967). Voraussagen der Wissenschaft bis zum Jahr 2000. Wien 1968

<252>

Kahn, H.: On Thermonuclear War. Princeton 1960

<253>

Zum Begriff der Nekrophilie siehe 4.9.

<254>

Und damit auch die Hoffnung, selbst unsterblich und allmächtig zu werden.

<255>

Solche brutalen, aber angstfreien Roboter-Menschen, die Lewis Mumford (In the Name of Sanity. New York 1954) beschrieb, bevölkern inzwischen die Fernsehschirme.

<256>

EF: Anatomie der menschlichen Destruktivität. GA Bd.7

<257>

Watson, J.B.: Behavior, an Introduction to Comparative Psychology. New York 1914

<258>

Skinner, B.F.: Wissenschaft und menschliches Verhalten (1953). München 1973

<259>

Mit „kybernetisch“ (Wissenschaft von den technischen und biologischen Regelungs- und Steuerungsvorgängen) wird die Computer-Gesellschaft charakterisiert.

<260>

Milgram, S.: Behavioral Study o Obedience. In: Journal of Abnormal Social Psychology, Washington 67 (1963), S.371-378 und:

Milgram S.: Das Milgram-Experiment. Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität. Reinbek 1974

<261>

Fromm unterschlägt aber, daß man bei einer großen Zahl von Normalbürgern doch eine „Untertanenmentalität“ diagnostizieren muß.

<262>

Zimbardo, P.: Pathology of Imprisonment. In: Trans-Action 9 (April 1972), S.4-8

<263>

Bettelheim, Bruno: Aufstand gegen die Masse (1960). München 1964

<264>

Dollard, J.; Doob, L.W.; Miller, N.E.; Mowrer, O.H.; Sears, R.S.; Ford, C.S.; Hovland, C.I.; Sollenberger, R.T.: Frustration und Aggression (1939). Weinheim, Berlin, Basel 1970

<265>

Miller, N.E.: Frustration-Aggression Hypothesis. In: Psychological review, Washington 48 (1941), S.337-342

<266>

Lorenz übernahm diese These und glaubte an die Aggressionsverminderung durch Fußball und Krieg.

<267>

Durkheim, Emile: Der Selbstmord (1897). Neuwied/Berlin 1973

<268>

Benedict, Ruth: The Natural History of War. In: An Anthropologist at Work, hrsg. Von M. Mead. Boston 1959, S.369-382

<269>

In 4.9 nennt er auch das Kontrollierende destruktiv.

<270>

Mit anderen Worten rekurriert hier Fromm doch, ohne es zu erwähnen, auf die Frustrations-Aggressions-Theorie. Im übrigen wirken seine „neuen“ Begriffe teilweise recht konstruiert und stiften Verwirrung.

<271>

Diese dualistische und alternativistische Sichtweise legt sich ungern fest und läßt auf diese Weise den Leser im Unklaren.

<272>

EF: Fragen zum deutschen Charakter (1943). In: GA Band 5, S.3

<273>

EF: Was soll mit Deutschland geschehen? (1943) In: GA Band 5, S.9

<274>

EF: Der gegenwärtige Zustand des Menschen (1955). In: GA Band 5, S.267

<275>

EF: Die moralische Verantwortung des modernen Menschen (1958). In: GA Bd.9, S.319

<276>

EF: Gründe für eine einseitige Abrüstung (1960). In: GA Bd.5, S.213

<277>

EF: Die prophetische Auffassung vom Frieden (1960). In: GA Bd.6

<278>

EF: Es geht um den Menschen! In: GA Bd.5, S.43

<279>

„Fiktion“ ist ein Begriff, den der Neukantianismus (Vaihinger) oft anwandte, um die menschliche Orientierung in der Welt zu verdeutlichen. Adler übernahm diesen Begriff und charakterisierte damit die neurotische Phantasie, die häufig mit Fiktionen (von Stärke, Schönheit und Edelmut) arbeitet.

<280>

Hinter diese Behauptung muß man heute zweifellos ein Fragezeichen setzen.

<281>

In Bezug auf Macht und Herrschaft erweist sich Fromm als relativ naiv und unerfahren. Kuba, Korea und die verschiedenen Intervention der SU wären strategische Faktoren im Kalkül der Regierung gewesen.

<282>

EF: Kommunismus und Koexistenz. Das Wesen der totalitären Bedrohung heute. In: GA Bd.5, S.199

<283>

Man erkennt in diesen Stellungnahmen Fromms Eigenheit, gegen das „Establishment“ (der USA) den besseren Glauben der Gegenseite anzunehmen, was wohl fragwürdig ist.

<284>

EF und Maccoby, M.: Die Frage der Zivilverteidigung. In: GA Bd.5, S.225

<285>

Kahn, H.: On Thermonuclear War. Princeton 1960

<286>

EF: Marschiert Deutschland wieder? (1966) In: GA, Bd.5, S.14

<287>

EF: Anmerkungen zur Entspannungspolitik (1975). In: GA Bd.5, S.259

<288>

Der Republikaner Joseph R. McCarthy war der Kommunistenverfolger von 1950-54, nicht der Demokrat Eugene McCarthy.


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Wed Mar 14 15:21:56 2001