Lévy, Alfred: Traditionen und Perspektiven im Werk von Erich Fromm

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Kapitel 6. Ausblick und kritische Würdigung: Fromms Beiträge zur Religionspsychologie, Soziologie, Pädagogik, Interdisziplinarität und humanistisch-sozialpolitischen Praxis

In den ersten fünf Teilen dieser Arbeit wurde Fromms Werk unter besonderer Berücksichtigung von Psychoanalyse, analytischer Sozialpsychologie, Religionspsychologie, Sozialismus, Kulturanalyse, Kulturkritik und Humanismus vorgestellt. Der Schlußabschnitt intendiert, eine Synthese aus Fromms Grundlagen, seiner geistigen Orientierung und Wirkungsgeschichte herzustellen und zentrale Aspekte der Diskussion und Kritik seiner Theorien und Vorschläge herauszuarbeiten. Dazu ist es erforderlich, einige grundsätzliche Prämissen zu hinterfragen.

6.1 Basis des Frommschen Denkens: Die jüdische Sozialisation

Als Fromm anfing, die Soziologie mit der Psychoanalyse zu verbinden, hatte er eine zwanzigjährige nachhaltige Prägung durch das Judentum hinter sich, in der alles vorhanden war, was dieser Religion eigen ist und was durch die Eltern vermittelt wurde: Gebete und Gesänge auf hebräisch, Synagogen- und Religionsschul-Besuche, Unterricht bei Talmudlehrern und damit jahrelange Beschäftigung mit dem Alten Testament und ihren Kommentatoren. Es gelang ihm zwar mit etwa 25 Jahren, die in der Gegenwart widersinnigsten Vorschriften von über 600 Ge- und Verboten zu übertreten, doch zeigt sich, daß er den „Geist“ dieser Prägung verinnerlicht hatte.

Zur jüdischen Tradition, wie Fromm sie in einem kleinbürgerlichen Haus erlebt hat, zählt unter anderem die mütterliche Überbesorgtheit, die sich in der ganzen Lebensführung kundtut und die eine Geborgenheit im kleinen Winkel (der Familie, dem Lehrer und der Gemeinde) vermitteln möchte. Es scheint, als habe Fromm ein Leben lang versucht, die (erhoffte) Familienidylle mit den Idealen von Harmonie, Frieden, Kooperation, Gesang, Festen und klug-kontroversen Gesprächen auf die Welt zu übertragen. Als jahrhundertelang verfolgte Minderheit suchte die jüdische Gemeinde aus verständlichen Gründen Orte der Harmonie und des Friedens; und sie fand sie am ehesten dort, wo man sich „Höherem“ hingab, nämlich in den Gebetstuben und bei den Vertretern der jüdischen Privatuniversitäten, den Talmudlehrern.

Die familiäre Atmosphäre war allerdings nicht dazu angetan, den verwöhnten und ängstlich behüteten Jungen zu halten, denn die Ehe der Eltern war schlecht. Erich fühlte sich stets als Verteidiger seiner depressiven Mutter, die aus ihm einen zweiten Paderewski (berühmter Pianist, Komponist und polnischer Ministerpräsident) machen wollte, während der Vater den eigenen Berufswunsch, ein berühmter Rabbiner wie sein Vater und Großvater zu werden, an Erich delegierte.

Aus dieser Konstellation ist bereits ersichtlich, daß Fromm zum einen die Mutterwelt (das Matriarchat) zu verteidigen aufgerufen war und andererseits höchste geistliche und ehrgeizige Berufsideale verinnerlicht hatte. Die von Fromm selbst eingestandene Verzärtelung führte zu einem Minderwertigkeitskomplex, den er hauptsächlich seinem „sehr neurotischen“ Vater attestierte:

Mein Vater, der seine intensiven Minderwertigkeitsgefühle auf mich übertrug, kam nach Heidelberg, weil er Angst hatte, ich würde durch die Prüfung fallen und Selbstmord begehen (Funk<390> 1998, S.21).

So wird verständlich, warum der Schüler und Student Fromm neue Väter suchte, die seinen zukünftigen Weg nachhaltiger als sein leiblicher Vater zu fördern in der Lage waren. Der Frankfurter Rabbiner Nehemia Anton Nobel (1872-1922) zum Beispiel, der selbst gestandene Philosophen zum Staunen brachte, übernahm eine zentrale Vaterrolle sowohl privat wie auch als Rabbiner und Lehrer. So schreibt Franz Rosenzweig (1886-


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1929) über ihn:

Er ist ein genialer Prediger. Er spricht frei, souverän, ganz schlicht ... Ein freier Kopf, Cohensche Schule, Gefühl für die Gestalt der Worte (ebd. S.29).

Der Studienkollege und Freund Fromms, Leo Löwenthal, der zur selben Zeit Nobel erlebt hatte, beschreibt den Rabbiner als „merkwürdige Mischung von mystischer Religiosität, philosophischer Eindringlichkeit“ (ebd. S.31) und Goetheverehrung. Der in der Biographie bereits erwähnte Neu-Kantianer Hermann Cohen<391> (1842-1918) war sowohl für Nobel als auch für Fromm ein großes Vorbild: Cohen lebte zwar nicht gesetzestreu jüdisch, entdeckte aber in dieser Tradition aufklärerische humanistische Gedanken und universalistische messianische Ideale der Menschheit. Darüber hinaus vertrat er eine Ethik, welche die „Idee der Menschheit“ und einen ethischen Sozialismus verwirklichen wollte - mit einem Wort: Frommsches Gedankengut. Auch Cohen war ein Verehrer von Nobels Predigten in der Frankfurter Synagoge.

Der junge Fromm ließ sich nach dem Ersten Weltkrieg auch vom pädagogischen Impetus leiten, der die Gründer einer jüdischen Volkshochschule in Frankfurt beseelte. Dort hielt er, wie andere jüdische Geistesgrößen von damals, Kurse ab.

Dr. Salman Baruch Rabinkow (1882-?) vermittelte Fromm in Heidelberg nicht nur den Talmud, sondern auch chassidische Mystik und - radikalen russischen Sozialismus, den er von einem seiner Schüler, Isaak N. Steinberg, einem Sozialisten und Kommunisten der ersten Stunde, von Grund auf kennengelernt hatte. Rabinkow kleidete seinen jüdischen Humanismus in folgende Worte:

Denn es ist die festeste Überzeugung des jüdischen Menschen: ... das Leben ist wert, gelebt zu werden, und jeder ist gut genug, die ihm zugedachte Stelle in der kontinuierlichen Kette des Lebensprozesses ganz auszufüllen (ebd. S.41).

Rabinkow war Vorbild in jeder Hinsicht: ein dem Geistigen hingegebener Gelehrter, den z.B. Finanzielles nicht interessierte, doch lebensfroh und das Leben maßvoll und ohne Askese genießend; Autorität, ohne autoritär oder intolerant zu sein. Diesen jüdischen Humanismus übersetzte Fromm in eine universale Weltanschauung der Biophilie, Selbstverwirklichung und seelisch-geistige Produktivität.

Die religiöse Sozialisation prägte Fromm so tief, daß Rainer Funk - selbst Theologe, Philosoph und Psychoanalytiker - in seinem umfangreichen Werk Mut zum Menschen<392> ihn einen Begründer einer „humanistischen Religion“ nennt. Deshalb fühlen sich zahlreiche Theologen<393> beider Konfessionen noch immer von Fromm angezogen, wobei sich auch - wie eine Tagung<394> im Jahre 2000 zeigte - Ökonomen und Management-Berater<395> mit Fromms Argumenten beschäftigen. Ein Pater (Rupert Lay) führt sogar „Ethikkurse für Manager“<396> auf der Grundlage der Frommschen Theorien durch. Aus diesen Gründen ist es zum Verständnis der Person Fromms hilfreich, Erkenntnisse aus der Religionspsychologie<397> zu Rate zu ziehen.

6.1.1 Religionspsychologische Erwägungen

Emotionaler Ausgangspunkt für den Glauben der meisten Religiösen ist ein übermäßiges Minderwertigkeitsgefühl respektive ein Minderwertigkeitskomplex, der sich


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hauptsächlich als Angst, Ohnmachtsgefühl und Flucht vor dem Leben äußert. Sämtliche Komponenten sind bei Fromm auszumachen: Ängstlichkeit, Neigung zu Weltflucht in Form von Mystik, Ablehnung bestehender Gesellschaftsordnungen und Anlehnung an „große“ Menschen, wobei gerade an letzteren erkennbar ist, daß deren reale Weltanschauung Fromm nicht so wesentlich erschien wie ihr geistig-sittliches Prestige - man denke hierbei nur an die angebliche „Religiosität“ des Atheisten Bertrand Russell im Vergleich zu Albert Schweitzer.

Fromms Tendenz zur Weltflucht erklärt zu einem beträchtlichen Teil auch seinen Erfolg bei der Aussteiger-Generation der Hippies und die Zustimmung bei der 68er Generation in ihrem Aufruhr gegen das Establishment. Bei vielen Teilnehmern dominierte mehr das Rebellische als das echt Revoltierende, wie die Kürze der Bewegung und baldige Anpassung an das Bestehende bewies.

Minderwertigkeitskomplexe rufen kompensatorische Strebungen hervor, die sich beim Religiösen natürlich nicht offen in Größenwahn ausdrücken dürfen. Nebenwege sind jedoch erlaubt und werden gut honoriert. Märtyrer gelangen oft zum Epitheton „heilig“ auf Wegen, die man nicht anders als neurotisch<398> bezeichnen muß: Der heilige Simon Stylites z.B. lebte stehend auf einer Säule, der Mystiker Heinrich Seuse trug ein Gewand mit Nägeln und Stacheln und andere küßten eitrige Wunden.

Am deutlichsten ist dies an der These im gleichlautenden Buch Ihr werdet sein wie Gott (1966) erkennbar. Darin ist zwar die von Ludwig Feuerbach geschaffene „anthropologische Reduktion“ der in den Himmel projizierten Eigenschaften des Menschen korrekt durchgeführt (indem die scheinbar „göttlichen“ Attribute dem Menschen wieder zugeschrieben werden), aber noch nicht mit der Erkenntnis verknüpft, daß der Mensch den „mißglückten Versuch darstellt, Gott zu werden“ (Sartre). Mit anderen Worten ist der durchschnittliche Mensch nicht nur „entfremdet“, sondern auch neurotisch.

Fromm begibt sich auf etliche geistige Umwege, um diese Tatsache zu verdrängen. So erkennt er z.B. nicht, daß ein haßerfüllt auf einem Feind herumtrampelnder Mensch (in einer Erzählung von Isaac Babel) seelisch schwer gestört ist oder daß der „nekrophile“ Hitler, der „zwischen Normalität und Geisteskrankheit“ (siehe 5.1.6) gestanden hätte, nur unter größten Vorbehalten mit Begriffen wie Normalität oder Gesundheit in Beziehung gebracht werden kann (oder darf).

Die „diagnostische“ Schwäche bei Fromm ist wahrscheinlich auf seine reduzierte Tätigkeit als Therapeut zurückzuführen. Es fällt auf, wie wenig praktische Erfahrung Fromm in Bezug auf Psychotherapie vermittelte; es existiert z.B. keine ausführliche und stimmige Falldarstellung in seinem großen Oeuvre.

Der homo religiosus glaubt in der Regel auch an Wunder, wobei dies bei Fromm durchaus keinen einfältig-primitiven Charakter annimmt. Wenn wir aber an einige seiner Vorschläge für die Schaffung einer gesünderen Gesellschaft denken, assoziiert man doch Naivität oder Wunderglauben. In Die Seele des Menschen (1964, siehe 5.6) schlägt er z.B. einen „Tag des Menschen“ vor, der im Verbund mit Festivals, Feiertagen und humanistischen Symbolen den Menschen bessern soll. Dieser Vorschlag erinnert an die Illusion von Massenbekehrungen, die aus entfremdeten, autoritätsgläubigen oder dem Konsum verfallenen Bürgern auf einfache und schnelle Weise ichstarke, tolerante und autonome Individuen machen sollen. Auch diverse Vorschläge in Haben oder Sein veranlaßten Kritiker, Fromm des Predigens zu bezichtigen, welches sich in „intellektueller Anspruchslosigkeit“ ergehe und lediglich eine „simple Heilslehre“<399> zustande gebracht habe (dieses Urteil darf allerdings nicht auf Fromms Gesamtwerk übertragen werden, das auf weite Strecken von hoher Geistigkeit und humanistischem Ethos zeugt).

Auf die Isolierung, Ohnmacht und Dichotomie des Menschen - was im Minderwertigkeitskomplex enthalten ist, der die Betroffenen zwischen Kleinheit und Streben nach Größe hin und her schwanken läßt - kommt Fromm in zahlreichen seiner


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Veröffentlichungen zurück und sucht dafür eine Erklärung. Er glaubt, sie im Alten Testament, der Psychoanalyse und der Entfremdungs-Theorie gefunden zu haben. Sein Modell sieht folgendermaßen aus: Der Mensch lebte ursprünglich im Paradies - welches das Judentum in der frommen Familie bzw. Gemeinde, die Psychoanalyse im Mutterleib, der Marxismus in der mütterlichen, nicht entfremdeten und klassenlosen Gesellschaft erblickte -, wurde aufgrund seiner Sündhaftigkeit daraus vertrieben und sehnt sich deshalb zeitlebens danach zurück.

Mit anderen Worten findet man in Fromms Unbewußtem und Verdrängtem religiöse Überzeugungen vor, die stets im Emotionalen verankert sind und sich vor allem in seinem Alterswerk manifestieren. Ein Beispiel unter vielen soll zur Demonstration genügen: Der moderne Mensch hat sich am „Haben“ versündigt; er ist vollkommen der Konsum- und Besitzgier verfallen, so daß sich die bösartigste Aggression entfalten kann: die Liebe zum Toten (Nekrophilie). Wer den vom Autor aufgestellten Sündenkatalog der technisierten Welt aufmerksam liest, hört neben der sehr wohl berechtigten Kulturkritik heraus, daß Fromms emotionale Befangenheit die Analyse in Richtung Dämonie und Verhängnis übertreibt. Dazu passen auch die zu Mythen verführenden Begriffe wie Nekrophilie, Biophilie und bösartige inzestuöse Beziehung.

6.1.2 Zur Rezeptionsgeschichte von Fromms Religionspsychologie

Die Rezeption der Frommschen religiös inspirierten Gedanken ist keineswegs beendet. So widmete z.B. Volker Frederking diesen Themen einen Aufsatz im Sammelband zu Erich Fromms 100. Geburtstag<400>. Darin wird der mittelalterliche Dominikaner Meister Eckhardt gewürdigt, der Fromms „Seins“-Begriff vorweggenommen habe:

Daß dieser von Eckhart in seinen innerseelischen Bedingungen in exemplarischer Weise vorgedacht wurde, begründet im Urteil Fromms die erstaunliche Aktualität des mittelalterlichen Mystikers und spirituellen Theologen (ebd. S.169).

Im selben Band befaßt sich Jürgen Hardeck mit der Frommschen Kombination von „Humanismus und Religion“<401>. Der Autor verweist darin unter anderem auf Eugen Drewermanns Werk<402>, der in den Fußstapfen Fromms Tiefenpsychologie und Religion miteinander verknüpft. Die mittelalterliche Mystik, die jüdische Tradition, Fromm und Drewermann wären sich darin einig, „daß der Mensch frei werden müsse, ledig von allem, selbst noch von Gott - um Gottes willen“ (ebd. S.183). Als „wahre Seel-Sorger“ wüßten sie, daß menschliches Heil nicht vom Glauben, sondern von der lebendigen (religiösen) Erfahrung abhänge.

Zwar sei Fromms idealer Mensch, der sich von allen inzestuösen Bindungen (Eltern, Rasse, Kirche, Partei, Konsum, Sucht usw.) losgesagt hätte, eine Utopie:

Diese Freiheit aus eigener Kraft erreichen zu wollen, erscheint allen Theologen dieser Welt als hybride Selbsterlösung, ja Selbstvergöttlichung des Menschen. Die Frage, ob das moderne aufgeklärte Bewußtsein die Welt besser versteht als das metaphysisch-religiöse, bleibt - im Sinne eines schlüssigen Beweises - unentscheidbar. (ebd. S.184).

Aber trotzdem hofft der Autor - da wird ihm auch niemand widersprechen -, daß...

das 21. Jahrhundert mehr auf die Stimme des großen Humanisten Erich Fromm hören (wird) als auf die derjenigen, die das Wohlsein des Menschen auf dem Altar irgendeines ideologischen Götzen zu opfern bereit sind (ebd.

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S.185).

Kommentar: Wenn sich Fromm eingehender mit seinen tiefenpsychologischen Kollegen beschäftigt hätte, wäre er z.B. in Harald Schultz-Henckes Buch Der gehemmte Mensch<403> (1940) auf die (weltanschaulich motivierten) Hemmungsabsichten des Christentums gestoßen: Die christlichen Tugenden Armut, Keuschheit und Gehorsam stehen nämlich in direktem Gegensatz zu den natürlichen menschlichen Antrieben des Besitzes, der Sexualität, der Freiheit und der Geltung. Wie die abendländische Kultur gezeigt hat, führte die oft gelungene Unterdrückung zur Schwächung des Menschen an seinen biologischen Wurzeln und bewirkte Untertanenmentalität, Perversion und (eklesiogene) Neurosen.

Fromm analysierte gewiß korrekt die destruierende Wirkung der Hemmung auf Seiten der Sexualität und vor allem der Freiheit. Aber im Bereich des „Habens“ war er durch das jahrhundertealte antisemitische Vorurteil des angeblich raffgierigen Juden geprägt und entwickelte deshalb kompensatorisch (psychoanalytisch: durch Sublimierung) einen Hang zur Askese und Abstraktion. Deshalb wohl auch seine religiös-moralistisch eingefärbte Aversion gegen den Kapitalismus und den Protestantismus und die fast völlig fehlende Analyse des Antisemitismus, die solche Zusammenhänge deutlich gemacht hätte.

6.2 Analytische Sozialpsychologie

Übereinstimmung herrscht darin, daß sich Fromm bleibende Verdienste auf dem Gebiet der Sozialpsychologie erworben hat. Bereits Anfang der dreißiger Jahre profilierte er sich im Institut für Sozialforschung in Frankfurt (IfS), das unter Max Horkheimers Leitung bemüht war, Psychoanalyse und Marxismus in Einklang zu bringen. Wie gut Fromm diese Vorgabe erfüllte, zeigen seine Veröffentlichungen und seine weithin akzeptierte Einordnung zu den Freudo-Marxisten<404> (Siegfried Bernfeld, Wilhelm Reich und Otto Fenichel).

Als Soziologe wußte er, daß ökonomische, soziale und politische Tatsachen nicht direkt durch die Psychoanalyse erforscht werden können. Das Bindeglied, das er in die Sozialpsychologie einführte, war der Gesellschaftscharakter. Um ihn zu verdeutlichen, arbeitete er interdisziplinär, indem er unter anderem auch Philosophie, Literaturanalyse, Ethik und Politologie mit einbezog.

Helmut Dahmer<405> (Jahrgang 1937), Soziologe und Philosoph, attestiert Fromm daher:

Fromm brachte die Ideen Reichs und Bernfelds (in differenzierter Fassung) in die großen theoretisch-empirischen Untersuchungen des Instititus für Sozialforschung über Autorität und Familie und den autoritätsgebundenen Charakter ein (ebd. S.68).

Im Programm des IfS wurden die verschiedenen Faktoren aufgeschlüsselt; Fromm war für die „Veränderung der psychischen Struktur ihrer (der gesellschaftlichen Gruppe) einzelnen Mitglieder und den auf sie wirkenden und von ihr hervorgebrachten Gedanken und Einrichtungen“ zuständig.

Die Motive für diese Untersuchungen liegen auf der Hand: Die Katastrophen des Ersten Weltkriegs, der Sieg des Kommunismus in der Sowjetunion, die Weltwirtschaftskrise, der Zerfall der Weimarer Republik und das Aufkommen des braunen Terrors brannten als Tagesthemen unter den Nägeln und erzwangen entweder Verdrängung oder Stellungnahme. Es gehört zum bleibenden Verdienst Fromms, daß er


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seine Augen der aufkommenden Hitlerdiktatur gegenüber nicht verschloß und sich - mit seinen Mitteln - bemühte, darüber aufzuklären.

6.2.1 Die „Kritische Theorie“ und der Gesellschaftscharakter

Die marxistisch orientierten Soziologen standen auf dem Standpunkt, daß die ökonomischen und politischen Verhältnisse dominieren und den einzelnen Menschen ohnmächtig gegenüber Markt, Staat, Krise und Krieg machen: Auf diese Weise ist das Primat von sozialökonomischen Erklärungen über die Psychologie zu verstehen. Horkheimer<406> erklärte deshalb, daß Psychologie demnach nicht Grundwissenschaft, sondern nur die „freilich unentbehrliche Hilfswissenschaft der Geschichte“ sei. Die Psychologie hätte die Aufgabe, die irrationalen, zwangsmäßig die Menschen bestimmenden Mächte psychologisch aufzudecken, wobei die „Kritische Theorie“ darauf achtet, daß eine ideologiefreie, materialistische „Naturwissenschaft der Seele“ (Otto Fenichel) präsentiert wird,

um sie von den ideologieverdächtigen, geisteswissenschaftlich orientierten Psychologien abzugrenzen (Dahmer, ebd. S.72).

Fromm mußte notgedrungen mit seiner kulturphilosophisch geprägten Orientierung an Spinoza, Goethe, der Aufklärung und der Religion anecken und zu Widerspruch herausfordern, was bekanntlich zum Bruch mit dem Institut führte. Dahmer sagt dazu folgendes:

Fromms Lehre vom „Sozialcharakter“ ... führt von der Freudschen Psychologie fort zu einer Sozialgeschichtsschreibung in psychologischen Kategorien (ebd. S.75).

Max Horkheimer begründete die „Kritische Theorie“ - die sich an der Marxschen Kritik der politischen Theorie orientiert - im Kontrast zur traditionellen Natur- und Sozialwissenschaft, welche sich auf Descartes berufen kann. Letztere hätte die gesellschaftlichen Fakten als unveränderliche Normen akzeptiert, während die „Kritische Theorie“ die Menschen dazu bringen möchte, ihre sozio-ökonomische Ohnmacht zu durchschauen und zu durchdenken: Die dumpfe Gesellschaft soll mittels Kritik bewußt gemacht werden.

Die „Frankfurter Schule“ versuchte, den von Freud postulierten Gegensatz von Individuum und Gesellschaft zu akzeptieren und nicht zu verwischen. Fromm wäre, so behaupteten Horkheimer, Adorno und Marcuse, von dieser Position abgewichen. Dazu nahm Fromm in zwei Repliken auf Herbert Marcuse Stellung: Die Auswirkungen eines triebtheoretischen „Radikalismus“ auf den Menschen. Eine Antwort auf Herbert Marcuse (1955) und Eine Erwiderung auf Herbert Marcuse<407> (1956). Marcuse hatte Fromm „Revisionismus“, „idealistische Philosophie“ und Anpassertum an die bestehende entfremdete Gesellschaft vorgeworfen („Kulturismus-Revisionismus-Debatte“<408>); „idealistisch“ wären Fromms Ausführungen zu Liebe, Integrität, innere Stärke usw. Marcuse glaubte nämlich nicht, daß es in einer entfremdeten Gesellschaft Liebe, Integrität oder Ich-Stärke gebe; selbst Anflüge davon würden in der modernen Gesellschaft unterdrückt.

Diesem Marcuseschen Nihilismus tritt Fromm entschieden entgegen und betont, daß die Menschen z.B. mit Hilfe einer Analyse sich auf den Weg der Selbstverwirklichung begeben könnten. Darüber hinaus zerfalle der Vorwurf des „Revisionismus“, wenn man die Bedeutung des „Gesellschaftscharakters“ korrekt erfasse: Darin sei stets eine deutliche Kritik an den herrschenden Verhältnissen enthalten.

Fromm kritisiert Marcuses Einstellung, daß allein die sexuelle Befreiung ein Beweis für die „Radikalität“ einer Theorie sei, und verweist dabei auf die heute weit


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verbreitete Konsumgier und den geringen Spannungsbogen, der sich in allen Bereichen, also auch in der Sexualität, schädlich auswirke. Wer nach der Devise wie in Huxleys Schöne neue Welt (1946) lebe:

Schiebe nie das Vergnügen, das du heute haben kannst, auf morgen auf (ebd. S.117),

und Sex, Essen, Kino, Trinken usw. ohne Aufschub genieße, erleide einen Selbstzerfall und könne schließlich wie ein Automat manipuliert werden. Eindringlich weist Fromm auf die für die Stabilität der Gesellschaft erforderliche ethische Haltung der Sublimierung hin.

Bis vor kurzem noch hatte die „Kritische Theorie“ damit zu tun, die Psychoanalyse von ihrer Etikettierung als Naturwissenschaft zu befreien, obwohl bereits Siegfried Bernfeld<409> früh (1932) befand, daß die Psychoanalyse nicht in das überkommene Schema der Wissenschaften passe und einen „noch nicht zulänglich erfaßten Typus von Psychologie“ repräsentiere. Habermas fügte das „szientistische Selbstmißverständnis der Psychoanalyse“<410> hinzu, was bedeutet, daß die Psychoanalytiker in der Praxis hermeneutisch durch Interpretation und Deutung vorgehen. Dahmer kommt deshalb zu folgendem Schluß:

Psychoanalyse ist weder Natur- noch Geisteswissenschaft im traditionellen Verstande. Diese wissenschaftstheoretische Unterscheidung ist ohnehin fragwürdig, insofern „die Existenz einer Kommunikationsgemeinschaft die Voraussetzung aller Erkenntnis in der Subjekt-Objekt-Dimension ist“<411>, alle szientistischen Verfahren also an den (durch hermeneutische Interpretationen erst gewonnenen) Konsens über Ziele der Forschung und Relevanzkriterien der „Daten“ gebunden sind (ebd. S.85).

6.2.2 Symboltheorie, Interaktionslehre und Sprache

In den siebziger Jahren wurde die Psychoanalyse vor allem durch Jürgen Habermas und Alfred Lorenzer wissenschaftstheoretisch „aufgearbeitet“ und quasi modernisiert. Lorenzer bezieht sich in seinem Aufsatz Symbol, Interaktion und Praxis<412> auf Fromm, der das Zusammenwirken von „objektiv-gesellschaftlichen und subjektiv-natürlichen Bedingungen“ (ebd. S.27) beschrieben hatte, aber nicht erläuterte, „wie“ und „wo“ - ob im Es (biologistisch) oder Ich (sozio-ökonomisch) - sich diese Veränderungen abspielen würden. Fromm versuchte das Problem dadurch zu lösen, daß er den „Gesellschaftscharakter“ via Familie als Vermittler fungieren ließ:

Die Familie ist das wesentlichste Medium, durch das die ökonomische Situation ihren formenden Einfluß auf die Psyche des einzelnen ausübt (ebd. S.30).

Dieses „Familienkonzept“ lasse aber wiederum Einseitigkeiten zu: Es werde entpolitisiert, indem man sich nur mit der Familie befaßt, oder aber politisiert, wenn das Hauptgewicht auf die gesellschaftlichen Dinge gelegt wird. Die „neue Linke“ leitete deshalb aus der Analyse der patriarchalisch-autoritären Gesellschafts-Struktur ab, daß nur eine antiautoritäre Erziehung Erfolg haben könnte, was bekanntlich zu Verwahrlosungs-Erscheinungen geführt hat.

Alfred Lorenzer ist bestrebt, die Vermittlung von Psychologischem und Sozio-Ökonomischen zu klären. Dazu führte er den Begriff der „Interaktion“ ein und interpretierte die Psychoanalyse als „Interaktionslehre“<413>. Das logische und


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psychologische Verstehen, die Akzeptanz von Ich, Es und Über-Ich sowie die Ineinssetzung von Gesellschaft und Herrschaft<414> spielen dabei eine maßgebliche Rolle:

Nicht als Sprecher, sondern als Akteur im Spiel der Szenen wird der Patient verstanden. Zentraler psychoanalytischer Verstehensmodus ist demnach „szenisches Verstehen“ (ebd. S.36).

Die Interaktion wiederum kann nur verstanden werden, wenn man die Symbole als Elemente der menschlichen Interaktion (ebd. S.38) einbezieht. „Symbolischer Interaktionismus“ löse das „szientistische Selbstmißverständnis“ der Psychoanalyse auf.

Die Verbindung von Bewußtsein (Denken) und Verhalten (Handeln) geschieht unter anderem mit der Sprache in der Kommunikation, die aus Symbolen besteht. Psychoanalyse wird somit sinnvollerweise als „Sprachoperation“ bezeichnet, die sich z.B. um Symbolbildung, Desymbolisierung und „Protosymbole“ (unbewußte oder verdrängte Symbole) kümmern muß.

Auch der neurotische Konflikt wird mittels Symbolen beschrieben, wobei als Grundtendenz stets eine Auseinandersetzung zwischen gesellschaftlichen Normen und damit unvereinbaren Triebansprüchen vorliege. In diesem Kampf müsse der Einzelne einen Kompromiß eingehen, der mit einer „Desymbolisierung“ einhergeht, d.h. einer „Verstoßung aus der Sprache, Exkommunikation, Entfernung aus dem Verständniszusammenhang“ (ebd. S.41); es entstehen „Klischees“<415>, welche das Verhalten regulieren. Die „Sprachzerstörung der Neurose, die Exkommunikation aus dem sprachlichen Zusammenhang“ (ebd. S.42) hat ihr Spiegelbild in der Gesellschaft:

Gerade die Kultur- und Gesellschaftsspezifität unbewußt determinierten, d.h. klischeebestimmten Verhaltens (verweist) auf die Abkunft aus den gesellschaftlich vermittelten Symbolbildungsprozessen (ebd. S.42).

Psychotherapie hat es deshalb mit der „Rekonstruktion aufgespaltener Sprachspiele“ und „Restituierung von kognitiven und emotionalen Akten, von Reflexionsvermögen und Handeln“ (ebd. S.43) in einer erneuerten Interaktion zu tun.

Darüber hinaus könne die Symboltheorie auch den Bereich der „Praxis“, d.h. der Auswirkungen der Produktionsverhältnisse, die auf dem Arbeitsprozeß beruhen, verdeutlichen. Marx erkannte bereits, daß der Mensch seine Arbeit im Kopf vorgebildet hat: „Produktion beginnt als intelligente, d.h. als Symboloperation“ (ebd. S.50). Somit sind Begriffe wie Desymbolisierung, Klischee und Symbolzerstörung ebenfalls im Bereich des Gesellschaftlichen anwendbar: Entfremdung kann als Verzerrung und Verstümmelung von Sprach- und Praxisprozessen beschrieben werden.

Lorenzer ist aber doch gezwungen, Begriffe wie Gewalt, Trauma, Zerstörung usw. zu benutzen. Deshalb verteidigt er die „Kritische Theorie“ folgendermaßen:

Um auch nicht die Spur eines idealistischen Mißverständnisses zuzulassen, sei wiederholt: Der Eingriff in Symbolbildung ist allemal an die drei „Realitäten", die biologisch-physiologischen Körperakte, die „reale“ Interaktion und die „materielle Produktion“ geheftet; das Symbol ist als „Produktionsmittel“ allen drei Ebenen menschlichen Handelns zugeordnet (ebd. S.53).

Damit stehe die Psychoanalyse der „Kritik der politisch-ökonomischen Lage“ (d.h. dem Marxismus und der „Kritischen Theorie“) nicht als Rivalin oder Hilfswissenschaft, sondern „als ihr anderer Teil“ gegenüber. Auf diese Weise versucht Lorenzer, die Psychoanalyse an den Marxismus ohne verdächtiges idealistisches Vokabular (Geist, Liebe, Vernunft, Gefühl) anzuschließen.

Kommentar: In althergebrachter Begrifflichkeit hieße das: Geistige Prozesse sind beim Menschen maßgeblich an biologischen, psycho-sozialen und letztlich auch an ökonomisch-politischen Prozessen beteiligt. Die Psychoanalyse hat sich deshalb nicht


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nur um Sexualität, Liebe, Familie und Triebe zu kümmern, sondern auch um Arbeit, Gemeinschaft, Wirtschaft und Politik.

Fromm hat sich in diesem Sinne betätigt und dazu in der Philosophie und Psychologie übliche Begriffe benutzt. Es stellt sich deshalb die Frage, ob Worte, welche von geistig-emotionalem Beiwerk „befreit“ sind, die angesprochenen Probleme richtiger, wahrer und objektiver lösen können.

Wenn dieser kritische Maßstab an Fromms Werk angelegt wird, muß man zugeben, daß vor allem die religiös inspirierten Veröffentlichungen - wie in 6.1 erläutert - einen verschwommenen Idealismus vermitteln. Deshalb beabsichtigt die vorliegende Arbeit ebenfalls, das Mystische, Ambivalente und Mißverständliche kritisch zu hinterfragen und durch tiefenpsychologische Begriffe und Erkenntnisse zu ersetzen bzw. zu ergänzen.

6.3 Aggressionstheorie

Das Thema „Aggression“ ist aktuell wie eh und je. Es bietet sich daher an, Fromms Aggressiontheorie näher zu beleuchten, insbesondere auch, weil seine Thesen in Anatomie der menschlichen Destruktivität (1973) zum Teil heftige Debatten ausgelöst hatten. Daran waren unter anderem Adelbert Reif<416> (Lektor und Wissenschaftspublizist), Rolf Denker (Philosoph), Irenäus Eibl-Eibesfeldt (Tierforscher), Lutz Rosenkötter (Psychoanalytiker), Wolfgang Schmidbauer (Psychoanalytiker) und Agnes Heller (neo-marxistische Philosophin) beteiligt.

6.3.1 Neo-marxistische Analyse der Aggression

Die neo-marxistische Philosophin Agnes Heller, 1929 in Budapest geboren, Schülerin und Assistentin von Georg Lukács, von den ungarischen Kommunisten wegen ihrer „revisionistischen“ Ideen aus der Akademie ausgestoßen, setzte sich in ihrem Aufsatz Aufklärung und Radikalismus - Kritik der psychologischen Anthropologie Fromms<417> (1977) sorgfältig mit Fromms Aggressionstheorie auseinander.

Heller stellt Fromms Konzepte in eine Reihe mit den Theorien der „dritten Richtung der Psychologie“, deren namhaftester Vertreter Abraham H. Maslow<418> war. Im Zentrum der „humanistischen Psychologie“, wie sie auch genannt wird, steht die Persönlichkeit des Menschen. Heller nennt deren Auffassung einen „persönlichkeitstheoretischen Naturalismus“, da sie das Wesen des Menschen - und damit auch das Gute - aus der Natur des (einzelnen) Menschen ableitet.

Fromm kritisiere mit Recht am „Instinkt-Theoretiker“ Konrad Lorenz wie auch am Behaviorismus, daß beide den Menschen wie eine Marionette behandeln. Darüber hinaus hätten sie einen viel zu weiten Begriff von Aggression. Aber auch Fromms Begriff sei zu unspezifisch und verschwommen, wenn er die Aggression folgendermaßen definiert:

Alle Akte ..., die einer anderen Person, einem Tier oder einem unbelebten Objekt Schaden zufügen oder dies zu tun beabsichtigen (ebd. S.16).

Nach dieser Definition wären wir als Fleischesser allesamt schon Aggressoren, da wir Tiere töten, ohne uns verteidigen zu müssen. Oder ein anderes Beispiel: Wer einem Notleidenden Geld gibt, schädigt damit seine Familie finanziell und wäre damit - laut Fromms Definition - aggressiv, was gewiß nicht stimmt.

Welche Definition von „Aggression“ wäre dann richtig? Heller enttäuscht hier vermutlich viele Leser, wenn sie schreibt:


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Meiner Ansicht nach ist nämlich die Aggression - als allgemeiner Begriff - undefinierbar, da eine „Aggression im allgemeinen“ überhaupt nicht existiert. Definieren kann man nur dort, wo es gemein-wesentliche Merkmale gibt (ebd. S.18).

Aggression als solche existiere nicht, da sie ein Wertbegriff mit negativem Akzent ist, geschaffen aus der Erfahrung mit Faschismus, Kriegen, Bedrohung durch Atombomben, Verbrechen usw.

Im zweiten Teil des vorliegenden Buches<419> geht Heller auch sorgfältig und kenntnisreich auf andere Argumente ein, die behaupten, die menschliche Aggressivität beweisen oder antrainieren zu können (die Instinkt- und Triebforscher<420> verweisen hierbei auf Phänomene wie Krieg, Kannibalismus und Wut, während die Behavioristen der Ansicht sind, daß man jeden Menschen aggressiv konditionieren könne).

Heller verwendet den Begriff der Aggression nicht als Kategorie, sondern als „regulative theoretische Idee“, um die menschliche Entwicklung hemmende, schädigende und „gefährliche“ Handlungs- und Verhaltenstypen zu charakterisieren. Ihr Anliegen ist es, deren psychische und soziale Hintergründe aufzudecken.

Fromm hingegen möchte die Aggression aus der menschlichen Natur ableiten, deren vitale Interessen und Bedürfnisse in Aggression umschlagen, wenn sie durch eine kranke und entfremdete Gesellschaft frustriert werden.

Heller weist Fromm nach, daß er den Marxschen Entfremdungsbegriff falsch verwendet hätte. Marx verstand unter Entfremdung das Auseinanderklaffen der in der gesamten Gesellschaft vorhandenen „Gattungskräfte“ - dem „Reichtum der Gattung“ - und der relativen Armut der Individuen. Fromms Entfremdungs-Begriff lasse sich eher auf Feuerbach zurückführen (Projektion der menschlichen Eigenschaften auf Gott). Deswegen sei es Marx nicht um die Entfaltung des Individuums im Sozialismus gegangen, sondern um die Aufhebung der Arbeitsteilung, damit sich jeder den bereits entfalteten Gattungsreichtum aneignen könne - was aber letztlich den Frommschen Thesen recht nahe kommt.

Der Mensch finde bei der Geburt als „stumme Gattung“ nur biologische Voraussetzungen zur Selbsterhaltung vor und erhalte alle seine Ziele, sein Ich und sein Wesen „von außen“, d.h. von der Gesellschaft, in die er hineingeboren werde:

Die Gesellschaft ... entwickelt den Menschen aus dem Menschen auf eine Weise, daß das Individuum seine eigentliche Gattungsmäßigkeit, die im Augenblick seiner Geburt außerhalb seiner selbst existiert, aktiv in sich „einbaut“ (ebd. S.23).

Was er einbaut, sind die „sozialen Objektivationen“. Fromm postuliert eine Art „Instinkt der gutartigen Aggression“, der von der Zivilisation unterdrückt wird. Er ist der Meinung, daß Liebe, Solidarität, Gerechtigkeit, Wahrheitsstreben und Vernunft unserer biologischen Natur mitgegeben wären, sogar in unserem genetischen Code. Heller dagegen ist der Überzeugung, daß mit der Zivilisation (den Objektivationen, den Normen und Verhaltensweisen) neben dem Bösen auch das Gute in die Welt trete:

Denn das Gute und das Böse sind Reflexionsbestimmungen und zugleich moralische Kategorien (ebd. S.24).

Damit erhält der Mensch die Chance einer relativ freien, d.h. bewußten Wahl, um sich zwischen den moralischen Normen entscheiden zu können.

Der von Fromm als „biophiler Charakter“ beschriebene Mensch sei keineswegs der (gute) Mensch im allgemeinen, sondern ein heutiger Menschentyp, „den Fromm zu den gleichfalls heute gegenwärtigen Subjekten der Menschheitsvernichtung in Gegensatz stellt“ (ebd. S.27). Die von den Biophilen angestrebten Werte wurden von den antiken


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Griechen, den Christen und der bürgerlichen Gesellschaft als Werte bereits herausgearbeitet und als solche erkannt.

Heller kommentiert Experimente (z.B. von Stanley Schachter<421>), welche belegen, daß durch Stimulation im Gehirn oder durch Adrenalin ausgelöste Spannungszustände von den jeweiligen Probanden ganz unterschiedlich als physiologische Veränderungen, Freude, Aufregung oder Wut interpretiert wurden. Schachters Experimente machten deutlich, daß erst „sozial-kognitiv vermittelte Ursachen“<422> (charakteristische Situationen) Emotionen in Ärger, Angst, Freude usw. verwandeln. Wut und Aggression sind auch keinesfalls identisch, obwohl gewisse Aggressionen mit Wut einhergehen können. Heller schließt daraus: Der Mensch besitzt weder einen defensiven noch einen offensiven aggressiven Instinkt.

Fromm leitete das Böse aus zwei Charakterkonstellationen ab, dem Sadismus und der Nekrophilie. An letzterem Konzept nimmt Heller zahlreiche Korrekturen vor, ohne es ganz zu verwerfen. Hitler z.B. passe wohl in das nekrophile Charaktersyndrom, Göring und Eichmann aber nicht. Denn Eichmann als geschickter Bürokrat wäre unter anderen Umständen, wie viele andere Deutsche, vielleicht Verkehrsexperte geworden (dieses Argument stammt von Fromm). Letztlich wären wir sogar alle nekrophil, da wir in einer entfremdeten Gesellschaft leben. Man müßte eher danach fragen, wie der unauffällige deutsche Bürger zur Aggression fähig gemacht wurde und noch immer gemacht werden kann.

Darauf gebe Fromms dritte „geheime Aggressionstheorie“, die Heller mit ihm teilt, eine Antwort. Die destruktive Einstellung hängt von den „bewertenden und der auf den Wertgehalt der Objektivationen bezogenen bewußten Intention, Wahl und Entscheidung“ (ebd. S.39) ab und ist somit veränderlich<423>, was bedeutet, daß die moderne, technisierte, auf Konkurrenz ausgerichtete Gesellschaft die „instrumentale Aggression“ als Norm akzeptiert hat und sie als Wert vermittelt. Diese aggressiven Verhaltensweisen benötigen weder Wut noch erzeugen sie Lust:

Wer ein Mädchen seines Geldes wegen heiratet, einen Geschäftsmann zugrunde richtet, um zu einem größeren Einkommen zu gelangen, seine Angehören belügt, um Konflikten auszuweichen usw. - der hat die „Zweckrationalität“ an die Stelle der „Wertrationalität“ gesetzt (ebd. S.51).

Deshalb ist die instrumentale Aggression bei vielen Menschen zu einem „natürlichen“ Bestandteil ihres Charakters geworden.

Zwar ist der Mensch - so lauten Hellers Schlußfolgerungen - nicht von Natur aus gut oder biophil. Aber die humanistischen und produktiven Orientierungen Fromms geben erstrebenswerte persönliche und gesellschaftliche Leitbilder für die Zukunft vor.

Im zweiten Teil des Buches Instinkt, Aggression, Charakter geht Heller unter anderem auf das Phänomen Krieg ein und bestätigt zwar, daß „der Krieg selbst, das legalisierte Morden, ständiger Produzent von Aggressivität ist“; doch wäre auch das Gegenteil denkbar:

Aggressivität kann sich als nicht-einbaubar erweisen, wenn die Struktur der Gesellschaft Aggressivität überflüssig macht und für ihren Einbau keine Chancen bereitstellt (ebd. S.112).

Der weit verbreitete Sadismus sei ebenfalls nicht auf einen angeborenen Trieb, sondern auf ein gesellschaftlich vermitteltes „perverses Subjekt-Objekt-Verhältnis“, in dem ein entfremdetes Ich den anderen als Mittel zum Lustgewinn benutzt, zurückzuführen.<424>

Eine aggressionsfreie Gesellschaft ist unter den gegebenen Verhältnissen nicht vorstellbar, da in unserer Zeit der Egoismus als Lebensideologie und Leitprinzip sowie


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die Konkurrenz sich durchgesetzt haben und der Mensch sich nicht am eigenen Schopf durch Selbstverwirklichung aus dem Sumpf der Entfremdung ziehen könne. In diesem Punkt stimmt Heller mit Fromm überein.

Kommentar: Fromm hat in seinem Konzept die personale Reifung für die Verwirklichung des „Guten“ vorausgesetzt (vor allem in Psychoanalyse und Ethik, 1947). Damit erwies er sich weitaus progressiver und mutiger als die Mehrzahl der Analytiker, welche Ethisches aus der Tiefenpsychologie und Psychotherapie heraushalten möchten. Heller ist zwar auch der Ansicht, daß die Zukunft davon abhängt, ob der Mensch das „Gattungswesen“ in seine zweite Natur einbauen kann oder nicht. Dies gelinge möglicherweise durch Änderungen in den bestehenden Verhältnissen, aber nicht durch Manipulation oder Bekehrung. Diejenigen, welche am meisten unter den bestehenden Verhältnissen leiden und diejenigen, welche „der an Eigentumswert orientierten Gesellschaft den Handschuh vor die Füße werfen“ und sich selbst verwirklicht haben, wären am ehesten dazu in der Lage, eine bessere Zukunft herbeizuführen. Hier fehlen der Philosophin jedoch Erfahrungen und Einsicht in Projekte, welche die Entwicklung zu positiven Gefühlen und revoltierenden Charakterzügen belegen.<425>

6.3.2 Sozialanalytische Theorie der Aggression; Kritik der Frommschen Thesen.

Eine gewisse Ähnlichkeit zu diesem soeben erörterten Hellerschen Konzept weist die von Enno Schwanenberg<426> 1971 vorgestellte „Sozioanalyse“ von Talcott Parsons auf, der das menschliche Verhalten ebenfalls von „kollektiven Werten“ her bestimmt sah.

Parsons verband seine „soziofunktionalistische Theorie“ mit der Psychoanalyse, von der er das Menschenbild eines aus dem Es anarchisch motivierten Individuums übernahm. Ein potentiell auf Frustration mit Aggression<427> reagierendes Wesen gerate innerhalb seiner Sozialisation in eine „Kontrollhierarchie“, die sich aus einem kulturellen, sozialen, psychologischen und organismischen System zusammensetzt. Diese sozialen Strukturen und Institutionen bändigen und organisieren den Menschen und damit die Aggression über Rollen-Strukturen, in welche Wertorientierungen eingebunden sind.

Die „Rollen“ vermitteln zwischen Individuum und Gesellschaft. Sie organisieren das Handeln, das auf der Basis eines Wert einbeziehenden Wollens geschieht; deshalb spricht man bei Parsons Konzept auch von einer „Handlungstheorie“<428>. Die psychischen Vorgänge werden im Sinne der Psychoanalyse libidinös (energetisch) mit „Objektbesetzung“, Identifikation, Verinnerlichung usw. beschrieben.

Ein wesentlicher Schwachpunkt von Parsons liegt in der einseitig positiven Einschätzung der amerikanischen Gesellschafts-Werte, die er mit „der protestantischen Ethik und der aufgeklärten Verfassung“ (ebd. S.231) identifiziert.

Daran wird deutlich, daß Fromm von der humanistischen Tradition her die Wertfrage hellsichtiger und revoltierender beantwortete als Parsons, der zwar eine moderner klingende Theorie konzipierte, aber im Grunde genommen Anpassung an die bestehende Gesellschaftsordnung betrieb.

Zahlreiche Autoren haben Fromms Aggressions-Thesen kritisch analysiert. Einige davon finden sich in Adelbert Reifs Buch Erich Fromm - Materialien zu seinem Werk (1978). Dort schreibt unter anderem Wolfgang Hingst<429>, daß nicht verständlich sei, warum der eine - laut Fromm - seine aus der Langeweile und Depression stammende Aggression selbstzerstörerisch auf sich selbst in Form von Alkohol, Drogen oder Selbstmord, der andere aber sadistisch oder nekrophil gegen die Mitmenschen richte:


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Fromm widerspricht sich auch selbst, wenn er die bösartige Aggression als Zerstörung um ihrer selbst willen bezeichnet, sie aber gleichzeitig als Abwehr gegen unerträgliche Leere und Isolierung darstellt (ebd. S.84).

Aus verständlichen Gründen attackiert er darüber hinaus Fromms Erklärungen zur (gutartigen!) „instrumentalen“ Aggression des Krieges, in welchem der Mensch wieder solidarisch und menschlich werde: „Der Krieg ist eine indirekte Rebellion gegen Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Langeweile“ (Fromm, zit. ebd. S.85):

Als wären die militärischen und politischen Eliten, die die Kriege noch allemal verursacht haben, voll edler Gefühle, frei von bösartiger Aggression, als wäre je einer von ihnen so elend zugrunde gegangen wie ein gemeiner Soldat (ebd. S.85).

Erstaunlicherweise taucht der Begriff der „Aggression“ im Sammelband zu Erich Fromms 100. Geburtstag: Erich Fromm heute - Zur Aktualität seines Denkens (2000), in keiner Überschrift auf. Darin werden mehrheitlich übergeordnete Themen wie Gesellschaft, Humanismus, Bildung, „Haben und Sein“, Religion und Weltwirtschaftsethik diskutiert. Im folgenden soll es aber noch einmal um ein zentrales Thema gehen: die Auswirkungen des Frommschen Denkens auf die Pädagogik.

6.4 Pädagogik

Obwohl Fromm relativ wenig explizit zur Pädagogik ausgesagt hat, lassen sich aus seinen Gedanken dennoch vielfältige Anregungen zur erzieherischen Theorie und Praxis destillieren. Dies geschieht z.B. im Sammelband von Johannes Claßen<430>: Erich Fromm und die Kritische Pädagogik (1991).

In diesem Buch schreibt Hans Thiersch<431> über Erich Fromms Anthropologie und die heutigen Lebensbedingungen bei Jugendlichen. Seine Ausgangsthese lautet: Jugend ist ein Lebensalter, das bereits an sich auf Offenheit zu authentischem Leben, d.h. zum Lebensmodus des Seins hin orientiert ist. Dafür findet er zahlreiche Belege bei Fromm und vor allem auch, mit philosophischem und poetischem Schwung ausgestattet, bei Ernst Bloch in Das Prinzip Hoffnung<432>. Thiersch ist der Meinung, daß dies trotz Konsum-Orientierung und, wie er am Beispiel von Fritz Zorns erfolgreichem Roman Mars (1980) expliziert, „spätautoritär-nekrophilem“ (ebd. S.29) Charakter für die Jugend ganz allgemein zutrifft:

Daß Jugend also neue und freiere Möglichkeiten hat, ihre Chance zu einem offenen, experimentierenden und authentischen Leben zu erfüllen (ebd. S.30).

Jedoch bedeutet diese „Freiheit zu“ noch nicht Aufhebung der Entfremdung. Man sollte aber die neuen Orientierungen auch nicht einfach „als Ausdruck von Marktgesetzen und egozentrischem Psychokult“ abtun. Thierschs Glauben an die Chancen der Jugend, zu biophilen Lebensweisen zu kommen, ist berechtigt und pädagogisch wertvoll, da einseitig negative Kritik eher hemmt als hilft.

Big Brother. - Diese Sichtweise kann auch am „Big-Brother“-Experiment, das im Frühjahr 2000 im deutschen Fernsehen durchgeführt wurde, überprüft werden. 100 Tage lang erlebten Millionen Zuschauer praktisch rund um die Uhr über 28 Kameras und 60 Mikrophone einen Ausscheidungskampf in einem Wohncontainer, bei dem zuletzt die Zuschauer darüber entschieden, „wer Big Brothers bravstes Kind gewesen“ war. Dem Gewinner wurden 250.000 DM versprochen, von dem er anderen (etwas) abgeben sollte. Die Bezeichnung „Big Brother“ ist auf George Orwells Buch 1984 zurückzuführen, das


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1949 veröffentlicht wurde, um in dieser Utopie eine allwissende Regierung zu charakterisieren, die er „Großer Bruder“ nannte.

Renée Zucker<433> schrieb zu diesem Thema einen informativen, psychologisch einfühlsamen und humorvollen Bericht mit dem Titel „Ein falscher Bruder“. Sie nahm nämlich an, daß ein gewisser Jürgen, eine „hohle Schleimbacke“, gewinnen würde, da er die „hiesige Durchschnittsnudel“ Deutschlands am besten repräsentiere. Er verkörpere auf ideale Weise das Ziel des „Großen Bruders“, das beabsichtige,

aus dem unglücklichen, dennoch lebendigen Menschen mit all seinen Ängsten, Schuldgefühlen, Sehnsüchten und Träumen ein leeres Gefäß zu machen, das nur noch mit der Liebe zum großen Bruder aufgefüllt werden kann.

„Jürgen Mustermann“ übertraf die letzte Teilnehmerin an dieser Show, die immerhin auch ein gerüttelt Maß an „Light-Positivismus“ versprühte:

Jedes dritte Wort bei ihm war „Spaß“ als kategorischer Imperativ mit 3 S: Dat Leben muß doch Spasss! machen.

Dieser beliebte junge Mann wird als verklemmter, Phrasen dreschender, Gefühle heuchelnder, nationalstolzer, sentimental-kinderlieber Sadist beschrieben, der äußerlich hui, innerlich aber pfui war und sich „bei Bedarf und sofort abrufbereit (als) der größte Frauenverächter“ entpuppte.

Irgendwann wären sein Opportunismus und seine latente Komplizenschaft mit den Mächtigen zu offensichtlich geworden. Jürgen ist der kleinste, gemeinsame Nenner in uns: Rund um die Uhr auf Spasss! aus.

Zur größten Überraschung vieler gewann aber - das wußte Renée Zucker noch nicht - mit hauchdünnem Vorsprung John, ein „harm- und arbeitsloser, aber umso seelenvollerer Hausbesetzer“ aus der ehemaligen DDR, der eine Spur mehr Sympathie der Zuschauer eroberte.

Man könnte daraus schließen, daß etwa die Hälfte der Beobachter in ihrem Geschmack und in ihren Einschätzungen nicht so daneben lagen. Robert Ide<434> kommentierte Johns Erfolg wenige Tage später leicht ironisch folgendermaßen:

Der Traum vom einfachen Glück mit echten Gefühlen - niemand im Fernsehhaus konnte ihn so gut personifizieren wie der arbeitslose Zimmermann aus Potsdam. Kochend, Gitarre spielend, Sport treibend und ausgleichend.

Möglicherweise stimmen diese Zuschauer mit den Kommentatoren überein, welche auf die Gefahren derartiger Sendungen hinwiesen und damit die Bevölkerung aufklärten.

Es wäre aber ebenfalls denkbar, daß die Mehrzahl der Beobachter auf die „fiktionale Realität“, d.h. die künstlich produzierte Welt, hereinfielen. Mit Fromm könnte man sagen, daß der moderne Mensch kaum mehr unterscheiden kann, was wirkliches Leben und was „fiktionale“, d.h. von prestige- und geldsüchtigen Organisationen vorgetäuschtes und nachgeahmtes Leben darstellt: Die Entfremdung hat im Alltag tatsächlich ein beachtliches und bedrohliches Ausmaß angenommen. Solche Sendungen degradieren, wie das Fernsehen überhaupt, den einzelnen zum Voyeur, in den perverse Verhaltensweisen „eingebaut“ (Heller) werden.

Umgang mit Dissozialität. - In Claßens Sammelband kommen auch Pädagogen zu Wort, die Fromms Ideen in die Wirklichkeit übertragen haben. Dazu zählt unter anderem Helmut Johach, der über Anpassung oder Verweigerung? Zum kritischen Umgang mit Normen in der Sozialpädagogik schrieb. Dieser Sozialpädagoge versucht mit Hilfe einer sozialtherapeutischen Institution „dissoziale“ Menschen wieder in die Gesellschaft zu integrieren, wobei es darum geht, sie ihr nicht blind anzupassen und zu


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unterwerfen, sondern Grundlagen zur Selbstverwirklichung im Sinne Fromms zu schaffen.

Der Begriff der „Dissozialität“ (Rauchfleisch<435>, 1981) hat analoge Bezeichnungen wie Verwahrlosung oder Asozialität verdrängt:

Typischerweise ist dissoziales Verhalten keineswegs „a-sozial“, sondern wie alles menschliche Handeln durch einen sozialen Rahmen - den der jeweiligen Gruppe oder Clique - geprägt, wobei allerdings die im Rahmen der Clique geltenden Normen von den gesellschaftlich anerkannten bzw. dominierenden abweichen (ebd. S.41).

Damit sind Jugendliche gemeint, die bürgerliche Normen ablehnen: Drogenabhängige, Alkoholiker, Straffällige, Randalierer und Verhaltensauffällige. Vor allem Unterschicht-Jugendliche, die aus dem „Normensystem der kapitalistischen Leistungsgesellschaft“ herausfallen, versagen in der Schule, greifen zu Alkohol und neigen zu „aggressiven Durchbrüchen“ gegen Ausländer. Als Ursachen für Dissozialität werden Härte, Verwöhnung, „broken-home“-Situation, Vernachlässigung und Arbeitslosigkeit ausgemacht. Die dissoziale Karriere wird durch bürokratisch-juristische Reaktionsformen mit diskriminierenden Eintragungen und Haftstrafen begünstigt.

Johach nennt einige Normen, welche die sozialtherapeutische Einrichtung ihren Klienten zu vermitteln versucht: Arbeit, gewaltfreie Konfliktregelung, Ordentlichkeit, Pünktlichkeit und Verläßlichkeit. Mit anderen Worten üben die Sozialpädagogen das ein, was eine bestehende und zukünftige Gesellschaft ausmacht:

Wir gehen in unserer Konzeption davon aus, daß ein gewisses Maß an Disziplin, gegenseitiger Rücksichtnahme und Zuverlässigkeit in einer Gemeinschaft, in der der eine auf den anderen angewiesen ist, erforderlich ist (ebd. S.52).

Radikale Erziehungskritik. - Die Diplom-Pädagogen Beatrix und Burkhard Bierhoff vergleichen in ihrem Aufsatz Jenseits der Antipädagogik. Radikale Erziehungskritik nach Erich Fromm die pädagogischen Implikationen von Alice Millers Antipädagogik und Fromms humanistischer Erziehungskritik und kommen zum Schluß, daß letzterer mit seiner optimistischen Pädagogik-Einstellung mehr zur Praxis beiträgt als Alice Miller, die generell die Schuld für Versagen oder psychische Krankheit der Kinder bei den Eltern sucht. Miller schlägt deshalb vor, nicht mehr zu erziehen, sondern nur noch eine Beziehung anzubieten und zu „begleiten“ - was aber, wie die Autoren bemerken, praktisch nicht durchführbar ist.

Bierhoffs geben Empfehlungen dafür, wie Eltern in der „modernen Wertekrise“ den Kindern Orientierung vermitteln könnten: Z.B. führe Zu-sich-selbst-Bekennen zu Selbstannahme, sich angenommen fühlen zu Nähe und Zugehörigkeit, sich selbst leben dürfen zu Integrität und Selbstbewahrung.

Der Leser erfährt allerdings nicht, wie ein derart anspruchsvolles Programm zu verwirklichen wäre. Nur in einem kleinen Nebensatz steht, daß wir der Erziehung „nachspüren können, oftmals in schmerzlichen Selbsterfahrungsprozessen mit oder ohne Hilfe eines Therapeuten“ (ebd. S.58).

Im Gegensatz dazu steht die pädagogische Erkenntnis, daß die „Erziehung der Erzieher“<436> Voraussetzung dafür ist, daß Kinder sich wirklich entfalten können. Man muß daher annehmen, daß weder Bierhoffs noch Fromms Vorschläge ohne weiteres zu einer „radikalen“ Änderung des Charakters führen.

Kreativität und revolutionärer Charakter bei Erich Fromm - so lautet die Überschrift eines Artikels des Pädagogen und Sozialpsychologen Wolfgang Rissling. Er stützt sich in seinen Ausführungen auf folgende Veröffentlichungen von Fromm: Zum Gefühl der Ohnmacht (1937, siehe 4.3), Der kreative Mensch (1959, siehe 5.4) und Der


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revolutionäre Charakter (1963, siehe 5.5).

Wachstum und Kreativität sind die „pädagogischen Kardinaltugenden in der Frommschen Ethik“ (ebd. S.128). Es ist der biophile, „kreativ-revolutionäre“ Charakter, der sie in kreatives Fühlen (Lieben), Denken (kritische Vernunft) und Handeln (Freiheit) umsetzt. Charakterliche Voraussetzungen der Kreativität sind Staunen, Konzentration, Hören auf das humanistische Gewissen, Fähigkeit zum Ungehorsam, Selbsterfahrung durch Transzendenz und Erfahrung der unio mystica, Konfliktfähigkeit sowie Mut und Glauben.

Die übliche Erziehung mit Verwöhnung, Unterwerfung oder „Nichternstnehmen“ führt in der Regel zu „Ohnmächtigkeit“, die der „Wirkmächtigkeit“ des revolutionären Charakters gegenübergestellt wird. Als Therapie empfahl Fromm eine disziplinierte Selbstanalyse, die eine biophile Revolution des eigenen Selbst (durch Transzendenz des Selbst) bewirke:

Die paradoxe Lebensaufgabe des Menschen besteht darin, seine Individualität zu verwirklichen und sie gleichzeitig zu transzendieren (1962a, GA Bd.9, S.154).

Der revolutionäre Mensch lebe aus sich heraus: „Sein Selbst ist die Quelle seines Lebens“ (1963b, GA Bd.9, S.348).

Erich Fromms Grundaussage zur Erziehung wurde von Johannes Claßen in einem Aufsatz ausführlich diskutiert. Sie baut auf Fromms Kommentar zum mexikanischen Waisenhaus in der Feldstudie über ein mexikanisches Dorf (GA Bd.3, hier 5.3) auf, um zu zeigen, daß...

eine Gemeinschaft auf der Grundlage kooperativer, lebensorientierter Grundsätze (ebd. S.456)

fähig ist, den bäuerlichen Charakter, der durch Egoismus und Argwohn geprägt ist, zu verändern. Das Waisenhaus wurde 1954 von Pater William Wasson in Cuernavaca für elternlose Kinder und Jugendliche gegründet; einige darunter waren auch vorbestraft. Ähnliche pädagogische Leitlinien wurden von Armin Lüthi, der in Hasliberg-Goldern (Schweiz) die „École d‘Humanité“ leitete, praktiziert. Letztere ist eine Fortführung der ehemaligen „Odenwaldschule“ von Paul Geheeb und Edith Geheeb-Cassirer.<437>

Die Kinder und Jugendlichen kamen ins Waisenhaus mit Charakterzügen, die von Mißtrauen, Argwohn, Angst, Besitzstreben und Opposition gegen Autoritäten geprägt waren. Fromm bemerkt, daß sich die etwa 1000 Jungen und Mädchen (3-20 Jahre alt) allmählich als „Großfamilie“ fühlten; es wurde eine

Gemeinschaft mit Wertbegriffen, in deren Mittelpunkt das Leben steht, und die durch den Geist der Kooperation und ein gegenseitiges Verantwortungsgefühl charakterisiert ist (ebd. S.459).

Fromm führt folgende Voraussetzungen für die positive Veränderung des Charakters an:

  1. Das Prinzip der vorbehaltlosen Annahme: Dies entspricht der mütterlichen Liebe: „Ich werde geliebt, weil ich bin“; niemand wird z.B. aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, egal, was er auch tut.
  2. Das Prinzip, die Rechte anderer zu respektieren und altersgemäß Pflichten der Gemeinschaft gegenüber zu erfüllen. Dies entspricht dem väterlichen Prinzip.
  3. Das Prinzip, die Kinder und besonders die Jugendlichen in weitem Umfang bei der Entscheidung über eigene Angelegenheiten mit heranzuziehen. Die Mitverantwortung erstreckte sich über alles, was die Jugendlichen taten.
  4. Das Prinzip unbürokratischer Führung. Es gab keine Uniformen; die Räume hatten keine Nummern, sondern Namen. Gespräche wurden stets persönlich geführt.
  5. Das Prinzip, Anregungen zu bieten, unter anderem Musik, Tanz, Näh-, Bastel-Kurse, Sport, Tischlerwerkstatt und Bibliothek.

Anders als Fromm verweist Claßen auch auf andere Quellen dieser


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humanistischen Pädagogik, z.B. auf Georg Kerschensteiner<438> und Eduard Spranger, welche mit Hilfe einer „begabungsfördernden Ermutigungspädagogik<439> (ebd. S.210) die Jugend positiv beeinflussen wollten.

In diesen Kontext gehören ebenfalls Fromms Stellungnahmen zu A.S. Neills antiautoritärem Projekt „Summerhill“ (Vorwort zu A.S. Neill, Summerhill<440>, 1960e und Pro und Contra Summerhill<441>, 1970i). Er plädiert darin für die Neillsche Pädagogik, dessen Kennzeichen „die Liebe zum Leben“ ist.

Schließlich kommt Claßen in seinem vielschichtigen Aufsatz auf den Begriff des „Tätigseins“ zu sprechen, das dazu beiträgt, wirkliche und nicht irrationale Autorität hervorzubringen. Er erwähnt auch das essentielle Moment einer „echten und starken Persönlichkeit“, welche über Erfolg und Mißerfolg solcher Projekte wie diejenigen von Wasson und Neill entscheidet.

Kommentar: Gerade an den von Rissling und Claßen mit Recht als essentiell für die Pädagogik ausgewählten Texten von Erich Fromm sind Qualität und Schwäche seines Denkens gut zu explizieren. Niemand wird Fromm bestreiten, daß die meisten der angeführten Bestandteile des kreativen und revolutionären Charakters wesentlich und zentral sind. Jedoch muß sich Fromm (und damit auch diese Autoren) fragen lassen, wie es kommt, daß diese hehren Ziele von den Menschen bisher relativ selten und nur in Ansätzen verwirklicht wurden.

Das hängt unter anderem damit zusammen, daß Fromm und seine Adepten wesentliche pädagogische Erkenntnisse und Praktiken der Individualpsychologie und der Neo-Psychoanalyse wohl aus Konkurrenzgründen nicht oder ungenügend assimilierten. Fromms (narzißtischer) Drang nach Originalität, Autarkie und Anerkennung mit der Folge, die Quellen seines Denkens zu verschweigen oder Kollegen die Anerkennung zu versagen, wurde bereits in den vorhergehenden Teilen erwähnt.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Alfred Adler und die Individualpsychologen haben seit 1914 (Adler, A.: Heilen und Bilden) unermüdlich betont, daß bei den psychisch und psychosomatisch kranken wie auch den verwahrlosten und delinquenten Menschen das Gemeinschaftsgefühl (Sozialgefühl) zu wenig ausgebildet ist. Damit sind fehlende Beiträge zu den Lebensaufgaben Arbeit, Liebe (Sexualität), Gesellschaft und Kultur gemeint: Der gesunde, produktive, kreative und revolutionäre Charakter trägt in vielen Bereichen kooperativ zu besseren Ergebnissen in Sozietät und Kultur bei.

Soziale Defizite wurden ausgiebig in den individualpsychologischen Schriften analysiert und diskutiert. Darüber hinaus praktizierten in etwa dreißig Beratungsstellen im sogenannten „roten Wien“ der zwanziger Jahre Pädagogen, Sozialarbeiter, Lehrer und geschulte Eltern diese Erkenntnisse und korrigierten überaus erfolgreich Schulschwierigkeiten, jugendliche Delinquenz und neurotische Symptome.<442>

Essentiell wirksam am Erziehungsprozeß ist die Bereitschaft der Beteiligten, die von der Leitung vorgelebte Kooperation anzunehmen und in die Praxis umzusetzen. Das bedeutet jedoch, daß auch die Erzieher, Sozialarbeiter, Lehrer und Eltern möglichst viele der genannten Tugenden verwirklicht haben. Daß dies in der Regel nicht ohne Studium, Ausbildung oder eigene Analyse gelingt, ist weder bei Claßen noch bei Fromm zu erfahren.

Darüber hinaus ist bei Fromm und Neill zu bemängeln, daß sie den geistigen Hintergrund in der Pädagogik allzu sehr vernachlässigen. Denn ohne einen früh begonnenen und lebenslang fortgeführten Bildungsprozeß bleibt das Verhalten an der Oberfläche haften und geht allzu schnell wieder verloren.<443>


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6.5 Gibt es einen modernen Gesellschaftscharakter?

Adelbert Reif führte 1976 und 1977 mehrere Interviews mit Fromm durch, in deren Verlauf er einige Thesen genauer hinterfragte und im Aufsatz Haben oder Sein. Aufzeichnungen nach einem Gespräch mit Erich Fromm<444> (1978) zusammenfaßte. Fromm hatte die moderne Gesellschaft unter dem Signet des „Habens“ in Form von „Egoismus, Selbstsucht und Habgier“ charakterisiert.

Obwohl mit der Renaissance sich auch humanistisches Gedankengut in Europa verbreitete, setzte sich in den folgenden Jahrhunderten das Patriarchat mit Ausbeutung und manipulierendem Denken durch. Die moderne Gesellschaft ist - laut Fromm - von einer allgemeinen Schizophrenie und einem weltweit pathogenen Zustand durchsetzt:

Der Mensch hörte mehr und mehr auf, das Wichtigste im Leben zu sein, und an seine Stelle traten die Ökonomie und damit die Maschine, der Profit und das Kapital. Die Konsumtion wurde das eigentliche ... „religiöse“ Ziel des modernen Menschen (ebd. S.222).

Diesem düsteren Bild haben einige „Utopisten des Seins“, z.B. die Propheten, Karl Marx und Ernst Bloch, eine humanistische Zukunftsvision entgegengehalten. Fromm ist in Bezug auf eine bessere Zukunft, in der diese Visionen verwirklicht werden sollten, sehr skeptisch:

Ich halte die Chancen, daß nicht nur diese Gesellschaft, sondern unter Umständen die ganze Welt durch einen Atomkrieg oder andere Katastrophen zum Untergang verurteilt ist, für sehr groß (ebd. S.245).

Trotzdem hält er an den Möglichkeiten, neue Formen des menschlichen und gesellschaftlichen Zusammenlebens zu erproben, fest, da er an die Vernunft als wichtigste erreichbare Tugend des Menschen glaubt.

Darüber hinaus gibt es in der Gegenwart eine große Anzahl von Menschen, die unter der Entfremdung leiden und etwas Neues anstreben. Der Kapitalismus sei „wohl auf seinem Höhepunkt angelangt, er ist aber auch gleichzeitig am Beginn seines Niedergangs“ (ebd. S.233).

Natürlich werden sich die Regierungen und die großen Industrien mit allen Mitteln gegen jede Veränderung zur Wehr setzen, und es ist viel wahrscheinlicher, daß wir zu einer neuen Art von Faschismus kommen - ich nenne es „Faschismus mit lächelndem Gesicht“ -, zu einem Faschismus, der mehr auf Manipulierung als auf äußerer Gewalt beruht ... Die westliche Festung ... kann durch Terror, Sabotage und viele andere Akte zerstört oder schwer geschädigt werden und plötzlich nicht mehr funktionieren (ebd. S.247).

Fromms Thesen stießen zum Teil auf harsche und berechtigte Kritik. Ein Beispiel dafür ist der Aufsatz Anatomie der Erwerbsgesellschaft<445> (1978) des Wissenschaftspublizisten Ludger Lütkehaus. Seiner Ansicht nach scheint Fromm mit seinem Buch Haben oder Sein „auf fundamentalontologisches Geraune zu regredieren“ (ebd. S.248). Lütkehaus beschreibt Fromms angeblich der Gesellschaft inhärentes Gegensatzpaar als prinzipiellen Kampf um die Herrschaft - „wie weiland Gott und Teufel“ (ebd. S.251), und es sehe bei Fromm so aus, als hätten Jesus, Marx und Albert Schweitzer dieselbe radikal-humanistische Kritik am „Haben“ geübt:

Wohl kaum. Solcher „Stimmenfang“ läuft Gefahr, zu vielen etwas zu bieten, um noch etwas peinlich Genaues zu besagen. Auch sind Fromms Formulierungen mehrfach derart, daß sie für die Gegenaufklärung

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mißbräuchlich zitierbar werden (vor allem die kuriose Mittelalter-Nostalgie) (ebd. S.251).

Noch einen Tick schärfer ist die Kritik von Gonsalv K. Mainberger in Mahnmal in verwüsteter Landschaft<446> (1978). Der Autor ist der Meinung, daß Fromm in Haben oder Sein versucht, „seinen psychoanalytischen Aussagen eine höhere Weihe zu geben“ (ebd. S.261). Mainberger weist nach, daß Fromm philosophisch unkritisch, d.h. unwissenschaftlich vorgeht, wenn er zwei ontologische Kategorien (Haben und Sein), welche zur Grundstruktur des indogermanischen Sprachtypus gehören, auf Psyche, Geschichte, Ökonomie, Sehnsüchte und Tagespolitik überträgt, ohne die bisher unvereinbaren Differenzen zu beachten.

Es gibt philosophiegeschichlich und systematisch gesprochen keine problematischere Kategorie als Sein, als Haben (ebd. S.263).

Zwar übe er exakte Selbst- und Fremdbeobachtung und beziehe klinische Erfahrungen mit ein, aber...

andererseits wagt er das moralische Urteil, läßt dem theoretisch verfaßten Diskurs auf weite Strecken weite Bahn, holt zu beschwörenden Ermahnungen aus, prophezeit die Weltapokalypse und argumentiert rundum nach den Regeln der rhetorischen Plausibilität (ebd. S.262).

Er nennt das Buch eine Mischung aus „wissenschaftlicher Argumentation und religiöser Ermahnung“ und zieht auch deren Anreger, den Theologen Funk und „Moralprofessor“ Dietmar Mieth sowie Meister Eckhart, in die Kritik mit ein:

Konkret kommt es dabei auf die Vermischung von Wissenschaft und Erbauung heraus ... Als Psychoanalytiker spielt er sich die Prophetie zu, um mit ihr die Lücken der analytischen Aussagen stopfen zu können. Umgekehrt erhält im Frommschen Zusammenhang die Prophetie unversehens den Schein von Exaktheit und Unfehlbarkeit, die aber aus der Psychoanalyse entlehnt sind, so daß man schließlich doch noch vermuten könnte, die Psychoanalyse sei so etwas wie eine Prophetie (ebd. S.263).

Man könnte annehmen, daß diese Kritik von einem Atheisten stammt - aber weit gefehlt: Mainberger ist ein Dominikanerpater (nach eigenen Angaben von 1947 bis 1975), der Philosophie an einer Schweizer Schule doziert!

Mainberger versucht zwar, Fromms Thesen positive Seiten abzugewinnen, kommt aber letztlich doch zu sehr skeptischen Aussagen:

Fromm geht mit der Geschichte um, als könnte sie durch zwei Begriffe - Haben und Sein - rückgängig gemacht werden. Dabei haben eben sie im Abendland Geschichte gemacht ... Haben wirkliche Habenichtse je etwas davon, wenn sie wirklich sind (ebd. S.265)?

Ein anderer Kritikpunkt wurde von der Soziologin und Psychoanalytikerin Uschi Eßbach-Kreuzer<447> angesprochen, die sich mit der Frommschen Theorie des Sozialcharakters befaßte. Sie bemängelt an Fromm, daß er die Kategorien „Klasse“ oder „Schicht“ teilweise ausgespart und vernachlässigt hatte. Eßbach-Kreuzer weist diese Lücke am Beispiel der in Furcht vor der Freiheit analysierten Mittelschicht zur Zeit des Protestantismus nach und folgert aus dem Konzept des Sozialcharakters, der - laut Fromm - für alle Mitglieder einer Gesellschaft gelten soll:

Diese Unterscheidung ist jedoch insofern problematisch, als bei der Annahme von klassenspezifischen Charakterstrukturen der Begriff „Sozialcharakter“ einen Grad von Allgemeinheit erhält, der nur noch sehr vage soziologische Aussagen ermöglicht (ebd. S.321).


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Was zuerst nur für die Mittelschicht galt, übertrage Fromm (unzulässig) auf alle Menschen in der Reformationszeit.

Da die Autorin jedoch ausschließlich von der Psychoanalyse ausgeht, erfaßt sie nicht die eigenschöpferischen Seiten der Charakterbildung. Denn jeder Mensch gibt auch eine individuell gestaltete Antwort auf die allgemeinen Bedingungen z.B. einer Schicht.

6.5.1 Der moderne Marketing-Charakter

Die Autoren Rainer Funk, Gerd Meyer und Helmut Johach haben im Jahr 2000 - anläßlich Fromms 100. Geburtstag - verdienstvoll einen Sammelband Erich Fromm. Zur Aktualität seines Denkens<448> herausgegeben. Rainer Funk schreibt darin über Fromms Bedeutung für die Gegenwart<449>. Dessen Diagnose der Moderne, die Marketing-Orientierung, ist Funks Hauptuntersuchungsobjekt. Er bezeichnet sie als eine moderne Gesellschafts-Krankheit, die sich an der „Verkaufsstrategie“ - was mit Marketing gemeint ist - ausrichtet: Verpackung, Aussehen, Image, Showeffekt, Vermittlung, Performance, Outfit, Inszenierung. Der Mensch identifiziert sich mit der „ökonomischen Erfordernis kapitalistisch-marktwirtschaftlicher Produktionsweise“:

Er erlebt sich selbst, seine Persönlichkeit, als eine Ware, die es zu verkaufen gilt (ebd. S.37).

Als Charakterzüge, die sich daraus entwickeln, nennt Funk unter anderem Flexibilität, Mobilität, Bezogensein ohne emotionale Bindung, Coolness, effektives Funktionieren und Leistungswille.

Die menschlichen Eigenschaften werden in der Marketing-Orientierung auf die Produkte und Waren projiziert, was dem Vorgang der Entfremdung entspricht:

Nicht mehr der Mensch ist zärtlich, sondern der Weinbrand. Die Werbung spiegelt dabei nur die bei der Marketing-Orientierung praktizierte Wirklichkeitsverdrehung (ebd. S.41).

Die innere Leblosigkeit wird durch eine „inszenierte Wirklichkeit“ aufgefüllt und stimuliert.

Der Werbespot erzeugt eine Welt von Erlebnis oder süßem Traum oder faszinierend schöner Welt, in der die Sehnsüchte der Menschen verwirklicht sind und zugleich der Joghurt oder das Bier zu Hause sind (ebd. S.43).

Es werden also „Pseudo-Wirklichkeiten“ erzeugt, in der sich zwar Millionen treffen und sich normal fühlen, die aber doch einer „Borderline-Pathologie“ entspreche.

Kommentar: Die Diagnose einer „Borderline“-Krankheit bedeutet in der modernen Psychiatrie, daß eine schwerwiegende frühkindliche Störung vorliegt und unter bestimmten Bedingungen zum Ausbruch einer Wahnkrankheit führen kann. An dieser, wie auch bei anderen Stellen, überkommt einem neutraleren Betrachter unserer Zeit das Gefühl, daß bei Funk - wie auch bei Fromm - etwas zu viel schwarze Farbe aufgetragen und der Finger zu moralisierend dabei erhoben ist (der theologische Hintergrund mag bei Funk eine gewichtige Rolle spielen).

Auch er erliegt der Magie des Wortes „Marketing“, wenn er darunter Begriffe subsumiert, die mit der Verkaufsstrategie primär nichts zu tun haben: Wenn sich z.B. jemand inszeniert, eine Show „abzieht“ oder sich ständig um sein Outfit kümmert, bedeutet dies hauptsächlich, daß er sein kleines Ich, das unter dem mangelhaften Selbstwertgefühl leidet (ohne daß es ihm bewußt ist), durch solches Tun aufzuwerten versucht.

Dieses Verhalten läßt sich mit eindeutiger definierten, tiefenpsychologischen Begriffen und Diagnosen als „hysterisch“, „histrionisch“, „narzißtisch“, „kompensatorisch“ oder „Prestige-Streben“ adäquater beschreiben und einordnen; dazu sind keine anderen Begriffe erforderlich.


177

Auch die „inszenierte Wirklichkeit“ ist nichts Neues: Der Neukantianer Hans Vaihinger hatte in seiner Philosophie des Als-Ob<450> (1911) den Begriff der „Fiktion“ („Als-ob“-Wirklichkeit) eingeführt, um die Annahmen und Konstruktionen damit zu bezeichnen, die den Menschen als Leitbilder im komplizierten, chaotischen und ängstigenden Leben dienen. Sie werden normalerweise im Alltag wieder fallengelassen, wenn man sie nicht mehr benötigt.

6.5.2 Ost- und westdeutscher Gesellschaftscharakter?

Der Politologe Gerd Meyer<451> unternahm 1991/92 mit nicht erwähnten und beruflich nicht charakterisierten Mitarbeitern den verdienstvollen Versuch, Fromms sozialpsychologisches Konzept auf je 15 Primarschul-LehrerInnen der ehemaligen DDR (Ost) und des Westens anzuwenden, um durch „Tiefeninterviews“ und Gruppenauswertung Unterschiede oder Gemeinsamkeiten der beiden seit 1989 vereinten Staaten herauszuarbeiten. Sie stellten (sich) die Frage, ob es eine „Charaktermauer“ gebe, welche die umfassende Vereinigung von Ost und West hintertreiben würde.

Als innovativ im Vergleich zu Fromm bewerteten sie die psychoanalytische Auswertungsmethode, die darin bestand, die Übertragung und Gegenübertragung auf die Antworten der Interviewten in der Gruppe zu diskutieren und in die Auswertung einzubeziehen.<452>

Das Team klassifizierte die Interviewten nach folgenden Charakterorientierungen in Bezug auf Dominanz, aber auch Mischung dieser Strukturen: Autoritäre, Marketing, leicht narzißtische und produktive Gesellschafts-Charakterorientierung. Das Autoritäre ist durch Herrschaft mit sadistischen oder masochistischen Anteilen gekennzeichnet. Der Marketing-Charakter ist derjenige, der stets gut ankommen und sich gut verkaufen möchte, also konformistisch eingestellt ist. Der leicht-narzißtische Typ ist selbstbezogen und „verzweckt“ die anderen für den eigenen Erfolg und die eigene Bedeutsamkeit. Der produktive Charakter ist im Sinne Fromms kreativ, liebesfähig und vernünftig.

Es ergaben sich folgende, zum Teil überraschende Resultate: Von den 30 Untersuchten wiesen 16 dominant, sekundär (d.h. an zweiter Stelle) sogar 23 Personen autoritäre Orientierungen auf, wobei, wie erwartet, drei Viertel im Osten, aber immerhin noch etwa ein Viertel im Westen auf Herrschen hin ausgerichtet waren.

An zweiter Stelle rangierte der leichte Narzißmus (6-9 Personen), fünf- bis neunmal im Westen, ein- bis fünfmal im Osten. Der Marketing-Charakter dominierte wie erwartet bei vier Personen im Westen; im Osten war er nur dreimal als sekundäre Orientierung zu diagnostizieren.

Der Vergleich zwischen Ost und West zeigt, daß im Osten weiterhin autoritäre Orientierungen vorherrschen (12 von 15 LehrerInnen), während die Westdeutschen (9 von 15) eher marketing- oder narzißtisch orientiert sind (ebd. S.52).

Die Dominanz der autoritären Einstellung im Osten wird auf den „sozialistischen Paternalismus“, einer Mischung aus Bevormundung und staatlicher Fürsorge, zurückgeführt, wobei die Studie Fromms These widerlegt, wonach in den kommunistischen Staaten ebenfalls der kapitalistische Geist triumphiere.

Der Westen mit seiner demokratisch-liberalen Gesellschaftsstruktur sollte an sich mehr produktive Charaktere hervorbringen. Die Untersucher sind deshalb überrascht, noch so viele Autoritäre vorzufinden. Als Erklärung dafür ziehen sie den Beruf des Lehrers (für Herrschaft disponierend) sowie die Sozialisation in der Familie und den hierarchischen Institutionen heran.

Die DDR-Sozialisation wird vom Autor kenntnisreich von den inneren und


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äußeren Faktoren her bestimmt. Er findet auch eine Erklärung für die zweite Überraschung, daß nämlich die ostdeutschen weitaus häufiger als die westdeutschen LehrerInnen zu produktiven Orientierungen tendieren (das Team fand übrigens nur einen echt produktiven Charakter, nämlich im ehemaligen Osten).

Der relative Mangel und der politische Druck, der auf allen lastete, ermöglichten oft (nicht durchweg) eine besondere Art der Nähe und eine zum Teil bemerkenswerte Qualität in den menschlichen Beziehungen. Sie zeigte sich im persönlichen Gespräch; in praktischer, nicht nur materieller Hilfsbereitschaft und Solidarität (ebd. S.60).

Meyer kritisiert mit Recht einige Mängel an Fromms Sozialpsychologie. Letzterer gehe zu undifferenziert und abstrakt vor und berücksichtige zu wenig die Einflüsse von Politik, Kultur, Sozialisation<453>, Arbeitsinhalten und Medien. In Fromms Untersuchungen wären auch „die Ebene des Verhaltens und der Einstellungen“ (ebd. S.63) unterrepräsentiert.

Die Untersucher kommen zum Schluß, daß es „keine Charaktermauer im Sinne strukturell verfestigter psychischer Barrieren für eine innere Einheit“ (ebd. S.66) gebe.

Kommentar: Die Studie zeigt, daß Fromms Begriffe begrenzt tauglich sind, soziologische Untersuchungen zu fundieren, wobei auch hier wenig Substantielles mit dem schillernden Begriff des Marketing-Charakters auszusagen war (der im konsumverfallenen Westen nicht einmal dominierte!). Daß die produktiven Orientierungen öfter im Osten aufzufinden waren, überrascht den Tiefenpsychologen nicht, da dafür, wie wir abschließend ausführen werden, die „bemerkenswerte Qualität in den menschlichen Beziehungen“ ausschlaggebend sind.

6.5.3 Kindheit und Jugend 2000 in Deutschland

Zu allen Zeiten stellt sich die Frage nach der Beschaffenheit der Jugend. Fromm hatte dies mit dem Verweis auf den modernen Marketing- und Konsum-Charakter getan. Daran knüpft unter anderem auch Burkhard Bierhoff in einem Beitrag: Gesellschafts-Charakter und Erziehung<454> an.

Fromm hatte die nicht-produktiven Charaktere in der Gesellschaft als „sozial defekt“, aber nicht krank beschrieben, da sie gemäß der Vorgaben der Wirtschaft arbeiten und der Regierung durch Anpassung gehorchen. Bierhoff deckt den Frommschen Widerspruch auf, daß diese funktionierenden Menschen doch Unzufriedenheit, Langeweile oder chronische Depressivität verspüren. Deshalb möchte er diese Charaktere mit dem Epitheton „beschädigte Subjektivität“ belegen.<455>

Die gegenwärtigen Wandlungsprozesse in der Gesellschaft, die er unter anderem mit Pluralisierungs- und Individualisierungstendenzen umschreibt, hätten einen derartigen Bruch herbeigeführt, daß auch die Pädagogik davon betroffen sei. Die neue Erkenntnis laute:

In der zeitgenössischen Erziehungstheorie hat sich der Fokus auf das seine Realität aktiv formende Subjekt verlagert (ebd. S.92).<456>

Der Autor geht sogar so weit zu sagen, daß die neuen Transformationsprozesse nach Kriterien verlangen, „die nicht der Vergangenheit entnommen werden“ (ebd. S.92) könnten.

Er verweist auf zeitgenössische Diagnosen, welche von einer dem Zugriff der Pädagogik, der Spiele- und Freizeitindustrie preisgegebenen Kindheit, von Anspruchs- und Konsumdenken und von einem „eher toleranten, teils aber auch gleichgültigen, permissiven“ Erziehungsstil sprechen. Der Individualisierungsdruck bestehe darin, daß


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den Kindern biographische, familiäre und berufliche Entscheidungen zugemutet werden, die sie überfordern und zu „psycho-sozialem Streß und biographischen Krisen“ führen. Obwohl oft von einer „Risikokindheit“ gesprochen wird, steht er auf folgendem Standpunkt:

Kinder heute erscheinen deutlich weniger belastet als etwa in der Kriegs- und Nachkriegszeit; jedenfalls sind es andere Belastungen als früher (ebd. S.94).

Jugendliche wären an „hoher kognitiver Präsenz und einem leidenschaftslosen Engagement mit rasch wechselnden Orientierungen“ erkennbar, welche sie als cool, gelangweilt und distanziert erscheinen lassen:

Das Gefühlsleben dieses Menschentyps ist längst nicht so differenziert entwickelt wie sein Denken (ebd. S.95).

Bierhoff schwankt zwischen Zutrauen und Mißtrauen der Jugend gegenüber und nimmt an, daß sie die Realität nicht schlechter als die frühere bewältigen könne.

Aus nicht dargelegten Gründen kommt er zur Feststellung, daß allgemein ein geringes Selbstwertgefühl existiere, welches von den meisten Menschen mit Konsum oder Suche nach Anerkennung durch andere kompensiert werde. Deshalb stellt er die - wirklich essentielle - Frage: Wie gewinnen Kinder und Jugendliche heute mehr „Selbstwert“?

Obwohl Bierhoff vor kulturpessimistischer Kritik warnt, führt er negative Beispiele wie „extreme Formen des Selbsterlebens und Bewirkenkönnens“, Konsum und Konformismus an und beklagt, daß es „keine zeitlos gültigen Werte und Traditionen mehr gibt“ (ebd. S.99). Fast im selben Atemzug schließt er sich der Frommschen Alternative an, die entweder von produktiver Entwicklung in Richtung Vernunft, Liebe und produktiver Arbeit<457> oder von Untergang berichtet. Es verwundert daher nicht, daß Bierhoffs Unschlüssigkeit und Wertekonfusion in eine eher fatalistische Stellungnahme zur Zukunft der pädagogischen Möglichkeiten einmündet.

Zur Diagnostik der technisierten Gesellschaft und insbesondere der Jugend hat auch Helmut Wehr in seinem Aufsatz Biophile Alternativen in der Weiterentwicklung der Schule<458> Stellung genommen. Der Mensch der Moderne wird als höchst bedrohtes Wesen geschildert, das sich ständig differenzieren und individualisieren müsse. Eine kleine Auswahl aus Wehrs Analyse sieht folgendermaßen aus: „Veränderte Kindheit“ mit elterlicher Verunsicherung, aber auch pädagogischer Dauerbetreuung; „Medienkindheit“ (H. von Hentig<459>, 1984); „Verinselung“; Leben in einer „Risikogesellschaft“ (U. Beck<460>, 1986) mit der Folge einer „Patchwork-Identität“.

Die Folgen bestehen aus einer ganzen Palette von Frustrationen, Ängsten, depressiven, gelangweilten Passivitäten und destruktiven Kompensationen. Wehr geht aber nach dieser recht pessimistischen Sichtweise dazu über, auf der Basis des Frommschen Biophilie-Prinzips Vorschläge für eine veränderte Gesprächs- und Schulkultur zu machen. Es soll sich dabei um ein „soziales Lernen“ handeln, das „Lern- und Arbeitstechniken, kompetentes Sozialverhalten, zum Beispiel Gesprächsfähigkeit, Umgang mit Angst und Streß“ (ebd. S.113) vermitteln soll.

Kommentar: Diese veränderte Bildung benötigt allerdings auch entsprechende Ausbildung der LehrerInnen. Der Autor läßt aber kein Wort darüber fallen, wie eine solche Ausbildung...

in Richtung Verantwortung für partnerschaftliche Lernkultur, Selbststeuerung und -verantwortung, Kreativität, kommunikative Fähigkeiten, fachliche,

180

didaktische, methodische Kompetenz, Kooperations- und Teamfähigkeit (ebd. S.114)

aussehen könnte. Nur ein „pädagogisch-therapeutisches Gespräch in der Supervisionsgruppe“ wird als hilfreich erwähnt. Wehr verweist schließlich auf Fromms Bild einer antiautoritären, kommunitären Erziehung, um sie den LehrerInnen zu empfehlen: Bedingungslose, mütterliche Liebe, väterliche Verantwortung, produktive Stimulation, Interesse, Selbstverwaltung und unbürokratische Führung - alles hehre Ziele, die aber nur über eine nicht explizierte intensive Ausbildung zu verwirklichen wäre (auf die „Notwendigkeit weitreichender Reformen der Lehrerausbildung“ und die dementsprechenden Schwierigkeiten hat unter anderem Jürgen van Buer<461> in mehreren Publikationen hingewiesen).

Ein humorvoller Aufsatz von Jürgen Kalcher über die Vermessenheit des Messens sozialer Arbeit<462>, der das moderne Rentabilitätsprinzip in der Sozialarbeit kritisiert, überträgt die Frommschen Charakter-Orientierungen auf diverse Zähl- und Meßmethoden.

Kommentar: Obwohl der Autor absolut berechtigte Kritik an den inhumanen Interessen der Wirtschaft, der Manager und des geldgierigen Staates übt, liest er mehr aus den Frommschen Begriffen heraus, als sie eigentlich beinhalten. Es wäre zweckdienlicher, wenn er diejenigen, welche sich z.B. auch in den Wissenschaften einseitig und zwanghaft auf das Messen, Zählen und „Operationalisieren“ stürzen, als Menschen beschreiben würde, die aus einem Minderwertigkeitskomplex heraus nach Überlegenheit in Richtung Macht, Prestige oder Besitz streben. Karen Horneys Begrifflichkeit z.B. in ihrem Buch Neurose und menschliches Wachstum<463> (1950) brächte hier weitaus mehr Deutlichkeit in die psychologische Diagnostik als diejenige Fromms.

6.5.4 Die Generation Golf

Momentan hat der Begriff der Generation Golf Furore gemacht, der die moderne Jugend charakterisieren soll. Mit diesem Buchtitel<464> beschreibt Florian Illies die Jugendlichen, die zwischen 1965 und 1975 geboren sind (Illies selbst ist Jahrgang 1971). Die Bezeichnung „Generation Golf“ als auch die Zwischenüberschriften des Buches stammen aus den Werbeslogans von VW für diese Automarke und drücken nach Ansicht des Autors präzise das Lebensgefühl, die Ziele und Einstellungen seiner Altersgenossen aus.

Illies schildert mit ironisch-lächelnder Distanz eine Kindheit, die von Verwöhnung, Überbesorgtheit, Bemutterung und supermoralischen Ansichten geradezu überquoll. Das Leben richtete sich auf Wärme, Süße, Bequemlichkeit, Mode, Konsum, Technik und Luxus genau so ein, wie es die gekonnt und perfekt wiedergegebenen Werbespots verkündeten. Solche Verwöhnung hatte natürlich Folgen: Illies versagte in Mathematik<465> und entwickelte sich zu einem Narzißten, was er als Diagnostikum der ganzen Generation Golf zuschreibt:

Narziß ist zum Idol geworden, Bulimie und Magersucht die konsequenten Folgen (ebd. S.91) ... Aber Narziß ist der größte Gott der Generation Golf. Man huldigt ihm am besten vor dem Spiegel (ebd. S.196).

Das Outfit beherrschte das Leben, wobei die Jugendlichen konsequent gegen die Vorstellungen der Mütter und Väter opponierten, von denen viele der 68er Generation entstammten und die ihre Kinder zum Protest gegen Atomenergie, gegen Konsumterror


181

(Coca-Cola, Süßigkeiten), gegen Umweltzerstörung, Schminken, Luxus und dröhnende Musik erziehen wollten.

Kommentar: Es wäre interessant, mit dem Buch von Illies, das keinen sozialpsychologischen Anspruch erhebt, eine Probe aufs Exempel zu wagen, indem die Frommsche Charakterologie auf die Generation Golf angewandt wird: Die Generation Golf zeigt gewiß alle Anzeichen der Konsum- und Narzißmus-Orientierung. Marketing als „Vorspiegelung und Inszenierung“ von nicht eigenen Fähigkeiten, Gefühlen und Gedanken, nur um anzukommen und sich selbst zu verkaufen (laut Definition von Funk, München 2000, S.8), ist allerdings kaum erkennbar. Eine nekrophile Einstellung im Sinne einer destruktiven Aggressivität oder gar „Liebe zum Toten“ ist ebenfalls nicht auszumachen - im Gegenteil: Die Generation Golf stemmt sich „gegen die Spaßfeindlichkeit der Gesellschaft“ (ebd. S.169), was eher als biophil zu interpretieren wäre.

Die Erziehung der Golf-Generation kann relativ widerspruchsfrei auf einen Nenner gebracht werden: Verwöhnung und Verzärtelung. Daraus resultieren die meisten Charakterzüge der Golf-Generation, die sich zwischen kleinem, schwachem Ich (Kleinheitswahn) und kompensatorisch großartigem, aufgeplustertem Ich (Größenwahn) bewegen.

Illies selbst hat eine protestantische Sozialisation hinter sich, die vor „Moralhoheit“ und alternativen (biophilen!) Werten strotzte.<466> Dagegen opponierten die Jugendlichen mit allen (un)möglichen Moden und Slogans. Illies irrt sich daher, wenn er annimmt, daß es keine ödipalen Verhaltensweisen mehr gebe und Ödipus ausgedient hätte. Mit der Devise: „Wir sind doch nicht so blöd wie die Generation vor uns“ (ebd. S.181) ging nämlich der ödipale Protest gegen die 68er Generation so weit, daß sie den sozialpolitischen Diskussionen, der Tages- und Weltpolitik nur noch trotzige Gleichgültigkeit entgegenbrachten.

Da in Schule und Familie der Antifaschismus großen Raum einnahm - Nationalsozialismus stand „zwischen dem dritten und 13. Schuljahr mindestens achtmal auf dem Lehrplan“, ebd. S.174), - solidarisierte sich die Generation Golf sogar mit Martin Walser, der...

von der „Dauerpräsentation unserer Schande“ redete und von der Kultur des Wegschauens (und beschloß), in bezug auf die Nazi-Zeit den erhobenen Zeigefinger nicht mehr zu akzeptieren ... Zugleich sah dennoch kein Generationsangehöriger weder im ganzen Walser-Bubis-Streit noch im Kosovo-Krieg Anlaß, sich zu äußern (ebd. S.175).<467>

Letztlich hat sich aber, zumindest bei Illies, eine relativ produktive und biophile Orientierung durchgesetzt: Er ist Feuilletonredakteur einer angesehenen Zeitung und schreibt ein Buch, das die infantilen, narzißtischen und konsumorientierten Charakterzüge der Golf-Generation bissig-witzig kommentiert, also aufklärerisch wirkt. Gegen Ende vergleicht er - möglicherweise doch etwas zu kühn? - seine Generation mit der „skeptischen“ Nachkriegsgeneration, die auf keine hohlen Phrasen mehr hereinfalle.

6.5.5 Jugend 2000

Zwei Markt- und Sozialforschungs-Institute interviewten und analysierten zwischen den Jahren 1998-2000 über 4000 Jugendliche und versuchten, mittels modernster statistischer Verfahren das „Typische“ der Jugend 2000<468> herauszufinden. Die Ergebnisse wurden unter der Bezeichnung „Shell-Studie“ auch in der Presse bekannt gemacht und vermittelten den Eindruck, daß die bislang abgegebenen negativen Urteile


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über die Jugend revidiert werden müßten. Beziehung zu den Eltern, soziale Kontakte, berufliche Orientierung, Umgang mit der Technik, Meinung über die Ausländer und Leistungsbereitschaft - alle Angaben zu diesen Bereichen gaben mehr zu Optimismus als zu üblichen Abwertungen Anlaß.

Aus der überwältigenden Datenfülle wird im Folgenden eine Auswahl getroffen, um den Bezug zu den Frommschen Kriterien (Haben-, Konsum-, Marketing-Orientierung, Biophilie und Nekrophilie) herstellen zu können.

Wer die Aussagen der Jugendlichen und die Statistiken nüchtern zur Kenntnis nimmt, konstatiert bald, daß die optimistische Sichtweise hauptsächlich ein Resultat der Interpretation ist. Dazu ein Beispiel: Eine Mitherausgeberin der Studie, Yvonne Fritzsche, gibt in einem Resultat der Befragung bekannt, daß die Mehrzahl der Jugendlichen täglich über zwei Stunden fernsehe, Partys besuche und „rum hänge“ (98 bwz. 96%, ebd. Bd.1, S.206).

Als Befürworterin der „Inflation am Wertehimmel“ (mit der Abdankung alter Wertkonzepte) erblickt sie im Fernsehen keineswegs etwas Schädliches:

Die Medien, besonders das Fernsehen, fungieren als Avantgarde eines modernen Lebensstils und verstärken die allgemeine gesellschaftliche Tendenz, die auch als „Jugendkult“ oder „Generalisierung von Jugend“ bezeichnet wird (ebd. Bd.1, S.102).

Deshalb können ihr jugendliche „Patchwork-Identität“, Genußstreben und oberflächliche Sozialkontakte nicht als negativ imponieren, sondern gelten ihr als Zeichen besonders flexibler Anpassungsfähigkeit und als Kapital für die Zukunft.

Aus der Fülle der Daten und der Resumees lassen sich einige hier relevante Schlußfolgerungen ziehen:

6.6 Abschließende Bemerkungen

Fromms Verdienste im Bereich der Sozialpsychologie sind unbestritten. Man darf seine Studien zum Marxismus, zur sozio-historischen Entwicklung des Kapitalismus und Protestantismus und zur Entfaltung des humanistischen Gedankens zweifellos bewundern. Er hat, wenn man Karl-Friedrich Wessels<470> Kriterien für die Humanontogenetik (Wissenschaft vom ganzen Menschen) heranzieht, dem Ideal der Interdisziplinarität hervorragend entsprochen:

Weiter verbreitetem kritischen Geist - auch in den Human- und Sozialwissenschaften, nicht nur in Deutschland - muß es bald gelingen, das menschliche Individuum nicht mehr als disziplinäres Stückwerk, sondern (wieder) in seiner (biopsychosozialen) Einheit, zugleich in seiner Einheit mit Natur und Gesellschaft, aufzufassen und zu achten, um menschenwürdige Zukunft gestalten zu können (Zeitschrift für Humanontogenetik, ebd. S.4).

Fromms Kenntnisse in Soziologie und Psychoanalyse waren umfassend, aber leider allzu sehr auf Freud eingeengt. Erst spät anerkannte er z.B. Adlers Leistungen, wobei er zwar die „Bezogenheit“ im Sozialgefühl der Individualpsychologie wiedererkannte, doch Adlers hervorragende Erkenntnisse in der Pädagogik und Erweiterungen der Tiefenpsychologie nicht ausreichend zu würdigen vermochte. Auch in Bezug auf seine Kolleginnen und Kollegen - z.B. Karen Horney, Harry Stack Sullivan und Abraham H. Maslow - wies Fromm noch einige Attitüden eines Einzelkindes auf, das zeitlebens darauf pochte, von allen anerkannt, geliebt und als Urheber von essentiellen Innovationen bestätigt zu werden.

Daraus resultierte wohl ebenso, daß Fromm den zentralen Faktor der menschlichen Entwicklung und möglichen Veränderung stets unterschätzte: die individuelle Einstellung zum Sozialen - deshalb auch der etwas verstiegen anmutende Begriff der „Bezogenheit“. Seine Erfahrungen innerhalb des sozialen Umfelds paßten dazu, gelang doch die Zusammenarbeit weder im Frankfurter Institut noch in den psychoanalytischen und neo-psychoanalytischen Vereinigungen. Damit soll keinesfalls gesagt werden, daß die Probleme nur auf Seiten Fromms gelegen hätten, aber eben doch auch.

Im Begriff des „Gesellschafts-Charakters“ ist zwar die Verbindung zwischen Individuum und den sozio-ökonomischen Verhältnissen vorhanden - Fromm spricht dabei von den „Bedürfnissen“, welche von der Gesellschaft geweckt, dirigiert, manipuliert und partiell befriedigt werden -, aber es fehlt dabei der individuelle und schöpferische Beitrag des Einzelnen.

Was ist mit dem „Sozialen“ gemeint? Die Existenzphilosophie (Martin Heidegger<471>, Karl Löwith<472>) betont, daß der Mensch von Geburt an in einer „Mitwelt“ bzw. in einem „Miteinandersein“ lebt. Phänomenologisch gesehen gibt es keine Trennung von Ich und Welt: Das Ich ist stets durch ein Du in Form von Mutter, Vater, Geschwister, Lehrer, Geschlechtspartner und Gemeinschaft bestimmt und konstituiert. „Welt“ ist somit soziale „Mitwelt“, in der man nach Meinung der Wertphilosophen Max Scheler<473> und


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Nicolai Hartmann<474> eine Welt der Tatsachen von der Welt der Werte unterscheiden kann. Tatsachen wie Güter- und Geldwerte sind „real“, während Werte „ideal“ existieren, d.h. die Mitarbeit des Menschen benötigen, um ihr „Sein-Sollen“ zu verwirklichen.

Auch Fromm setzte sich zeitlebens für das Sein-Sollende - was dem Ethischen entspricht - ein, indem er Neurose als ethisches Defizit definierte und deren Heilung durch Selbstverwirklichung, Reifung der Person und „Produktivität“ beschrieb sowie den Aufbau eines kommunitären Sozialismus vorschlug. Es fällt jedoch auf, daß er diesen Vorgang zum Teil nicht wirklichkeitsnah genug beschreiben konnte: Zahlreiche Kritiker monierten seinen abgehobenen Moralismus und Utopismus.

Dies hängt unter anderem damit zusammen, daß ihm die Wertphilosophie und die daran anknüpfenden anthropologisch-philosophischen Psychologen (z.B. Philipp Lersch<475> und Felix Krueger<476>) nicht bekannt waren, die herausgefunden haben, daß der Mensch „Organe“ besitzt, welche Werte erkennen können, nämlich die Gefühle, und daß nur der zur Person herangereifte Mensch umfassend und weltoffen fühlen kann. Zwischen Wertverwirklichung, Gefühlen und Entwicklung des Menschen besteht ein dialektisches Verhältnis: Wer nicht arbeitet, zum Gelingen von Beziehungen nichts beiträgt und sich geistig nicht bemüht, erwirbt keine Gefühle, bleibt schwach und neurotisch.

Somit ist die Gefühlsentwicklung Dreh- und Angelpunkt der individuellen wie der sozialen Vervollkommnung. Die moderne Tiefenpsychologie hat von Max Scheler<477> die Erkenntnis übernommen, daß die Liebe den Kern der Gefühle ausmacht. Obwohl Liebe gewiß nicht einfach zu definieren ist, kann von ihr doch zumindest ausgesagt werden, daß sie das ideale Baumaterial einer besseren, vollkommeneren und schöneren (Mit-)Welt, d.h. des Sozialen, darstellt.

Fromm hat zwar in Kunst des Liebens (1956, siehe 5.2) zahlreiche Strukturen des liebenden Charakters herausgearbeitet und mit Recht betont, daß Selbstliebe zur Menschenliebe und letztere zur höchsten menschlichen Tugend zählt. In dieses wahrhaft humanistische Gedankengut schmuggelte er jedoch einige Mystizismen ein, die der Realisierung durchaus hinderlich sind.

Der eine betrifft die unselige Verknüpfung von aggressiver Destruktivität und Haß mit der Liebe, wobei Fromm als Garanten dafür die Babelsche Beschreibung des Zertrampelns eines Menschen heranzieht, was angeblich die „Erkenntnis“ als Bestandteil der Liebesfähigkeit fördern soll.

Die tiefenpsychologische Emotionslehre<478> besagt jedoch, daß Aggression, Haß, Wut, Eifersucht, Neid ebenso wie Angst und Depression keine Gefühle, sondern Affekte<479> sind, welche soziale Bindungen (und damit Liebesgefühle) hemmen, sabotieren und zerstören. Affekte sind die maßgeblichen Verursacher von Neurose, Psychose und Psychosomatose. Dagegen verbinden Gefühle wie Sympathie, Wohlwollen, Freude, Hoffnung und Liebe mit der Wertwelt und bringen den Menschen dazu, sich tatkräftig für deren Verwirklichung einzusetzen.

Darüber hinaus verirrt sich Fromm auch seitenlang in die Gedanken an die „Gottesliebe“, die ihn dazu bringen, daran zu glauben, daß die Mystiker Gott als „letzte Wirklichkeit“, nämlich als „absolutes Nichts“ oder als „Endloses“ erkannt und daraus das liebevolle, fortschrittliche Handeln erlernt hätten. Die kontemplative Einswerdung mit Gott (unio mystica) führe zur universalen Liebesfähigkeit.

An dieser Stelle wird deutlich, warum Fromm mit der von ihm selbst so


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benannten „paradoxen Logik“ dazu beitrug, daß sein humanistisches Gedankengut nur eingeschränkt in eine praktikable und zukunftsträchtige Sozialtherapie einmündete, da er zum Teil mystische und illusionistische Ideen - d.h. neurotische Symptome - förderte.

Fromm mutet auch den zukünftigen Revoltierenden und „Stützen der Gesellschaft“ (Analysanden, Lehrtherapeuten, Pädagogen, Eltern, Lehrern, Ärzten, Politikern usw.), welche die Gesellschaft ändern sollen, kein umfassendes Bildungsprogramm zu. Wenn es daher im Sinne Fromms darum gehen soll, Pläne für eine humanere Zukunft auszuarbeiten, gehört neben der stets aktuellen Verbesserung der ökonomischen und politischen Situation unabdingbar die Entfaltung und Entwicklung der einzelnen Person dazu, da sie den sozialen Körper und die sozialen Institutionen konstituiert. Dies bedeutet allerdings, daß die Psychoanalyse aus ihrem Nischendasein als schwer verständliche Lehre oder politisierte Psychologie<480> durch eine Tiefenpsychologie befreit werden muß, welche auf breiter Front die angestrebten Ziele verwirklichen kann.

Diese Kritik soll Fromms wertvolle Innovationen innerhalb der Psychoanalyse und seinen vorbildlich engagierten und lebenslangen Einsatz für die Humanität nicht schmälern. Humanistische Ziele werden jedoch erst dann verwirklicht, wenn sie die soziale Bewährungsprobe bestanden haben, und dies gelingt am besten in Gruppen, die von geschulten Kräften angeleitet werden. Wohl hat Fromm die Aufteilung der Gesellschaft in kleine und größere Gruppen vorgeschlagen, jedoch nur eingeschränkt anzugeben gewußt, wie dies zu realisieren wäre (z.B. wie im mexikanischen Waisenhaus, in Werkgemeinschaften oder in den israelischen Kibbuzim).

Modelle für solche Gruppenarbeit gibt es mittlerweile genug<481>; es fehlt jedoch noch immer an ausgebildeten Kindergärtnern, Ärzten, Lehrern, Pädagogen, Dozenten und Psychotherapeuten, welche die Kinder und Erwachsenen gruppendynamisch und gruppentherapeutisch fachgemäß dazu (an)leiten, sich eine umfassende Bildung anzueignen. Die Erfahrung zeigt nämlich, daß mit dem Setzen des sozio-kulturellen Keimlings ein Gefühls-Prozeß in Gang gesetzt wird, der die meisten Menschen dazu bringt, sich in Richtung Humanität entwickeln zu wollen.

Es ist zu begrüßen, daß Fromms Ansatz, Ethisches in die Humanontogenese (Ethnologie, Psychoanalyse, Soziologie, Pädagogik usw.) wieder zu integrieren, erneut und verstärkt Fuß faßt. Ein Beweis dafür ist z.B. der Sammelband Ethischer Sozialismus<482> (1994), der unter dem Blickwinkel des Neukantianismus einige geistige Vorläufer Fromms (Spinoza, Karl Marx, Hermann Cohen, Eduard Bernstein) untersucht und die Zukunft der Geschichte - und damit auch des Sozialismus - vom Einzelnen in der Gesellschaft abhängig macht: „Ihr (der Geschichte) Weg und Ziel bleibt Sache der sie gestaltenden Menschen“<483>.


Fußnoten:

<390>

Funk, Rainer: Erich Fromm mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (1983). Reinbek 1998

<391>

Cohen, Hermann: Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums (1919)

<392>

Funk, Rainer: Mut zum Menschen. Erich Fromms Denken und Werk, seine humanistische Religion und Ethik. Stuttgart 1978

<393>

Z.B. auch Jan Dietrich: Das Religionsverständnis Erich Fromms. In: Fromm-Forum, Heft 3/1999, S.32f

<394>

Tagung in der Katholischen Rabanus Maurus Akademie/Wiesbaden-Naurod: „Produktivität - ökonomische Leitidee und Inbegriff gelingenden Lebens?“

<395>

Fassbender, P.: Egoistische Selbstbehauptung? Menschenbilder der Ökonomie - Ökonomie der Menschenbilder. In: Fromm-Forum, 4a/2000, S.34

<396>

Hardeck, Jürgen: Humanismus und Religion. Pluralismus der Wege, nicht der Werte. In: Funk/Johach/Meyer (Hrsg.): Erich Fromm heute. Zur Aktualität seines Denkens. München 2000, S.182

<397>

Rattner, Josef: Tiefenpsychologie und Religion. Ismaning/München 1987

<398>

James, William: Die religiöse Erfahrung in ihrer Mannigfaltigkeit. Leipzig 1914

<399>

Rhode, Roman: Die gute Substanz. Der Mensch und sein Anwalt: Der Entfremdungskritiker Erich Fromm ist wieder aktuell. In: Der Tagesspiegel, 16. Juli 2000

<400>

Frederking, Volker: Vom Haben zum Sein. Fromms Gesellschaftskritik und die Mystik Meister Eckharts. In: Funk/Johach/Meyer (Hrsg.): Erich Fromm heute. Zur Aktualität seines Denkens. München 2000

<401>

Hardeck, Jürgen: Humanismus und Religion. Pluralismus der Wege, nicht der Werte. In: Erich-Fromm heute. München 2000

<402>

Drewermann, Eugen: Kleriker. Psychogramm eines Ideals. München 1991

<403>

Schultz-Hencke, Harald: Der gehemmte Mensch (1940). Stuttgart 1978

<404>

Burns, John: Die Charakterologie Erich Fromms unter besonderer Berücksichtigung des Gesellschafts-Charakters. Diplomarbeit im Fach Psychologie, Berlin 1990.

<405>

Dahmer, Helmut: Psychoanalyse und historischer Materialismus. In: Psychoanalyse als Wissenschaft. Frankfurt/Main 1971

<406>

Horkheimer, Max: Geschichte und Psychologie (1932). In: Kritische Theorie, Bd.I, Frankfurt/Main 1968, S.18

<407>

EF: Die Auswirkungen eines triebtheoretischen „Radikalismus“ auf den Menschen und Eine Erwiderung auf Herbert Marcuse. In: GA Bd.8, S.113 und 121

<408>

Görlich, B.: Der Stachel Freud. Frankfurt 1980

<409>

Bernfeld, S.: Die kommunistische Diskussion um die Psychoanalyse und Reichs Wiederlegung der Todestriebhypothese. In: Internat. Zeitschr. für Psychoanalyse 18 (1932)

<410>

Habermas, Jürgen: Erkenntnis und Interesse. Frankfurt/Main 1968, S.263

<411>

Apel, K.O.: Szientistik, Hermeneutik, Ideologiekritik. Entwurf einer Wissenschaftslehre in erkenntnisanthropologischer Sicht. In: Wiener Jb. für Philosophie, Bd.I, 1968, S.15-45

<412>

Lorenzer, Alfred: Symbol, Interaktion und Praxis. In: Psychoanalyse als Sozialwissenschaft. Frankfurt/Main 1971

<413>

Lorenzer, Alfred: Sprachzerstörung und Rekonstruktion, Vorarbeiten zu einer Metatheorie der Psychoanalyse. Frankfurt 1970

<414>

Freud postulierte einen immerwährenden Unterdrückungskampf der Gesellschaft gegen die individuellen Triebe (was aber hauptsächlich von der herrschenden Ideologie abhängt).

<415>

Im psychologischen Sprachgebrauch hieße Klischee Vorurteil.

<416>

Reif, Adelbert (Hrsg.): Erich Fromm - Materialien zu seinem Werk. Wien 1978

<417>

Heller, Agnes: Aufklärung und Radikalismus - Kritik der psychologischen Anthropologie Fromms. In: Instinkt, Aggression, Charakter. Einleitung zu einer marxistischen Sozialanthropologie. Hamburg/Berlin 1977

<418>

Maslow, Abraham H.: Psychologie des Seins (1968). München 1973

<419>

Heller, Agnes: Über die Instinkte - Studie zur Sozialanthropologie. In: Instinkt, Aggression, Charakter. Hamburg/Berlin 1977

<420>

Kurth, Gottfried: Implications of Primate Paleontology for Behavior. In: Spuhler J.N. (Ed.): Genetic diversity and Human Behavior. Chicago 1967

<421>

Schachter, St.: A Cognitive-Psychological View of Emotion. In: Perspectives in Social Psychology. New York 1965

<422>

Schachter St. und Singer, J.E.: Cognitive, social and physiological determinants of emotional state. Psychol. Rev. 1962, 69, 379-399

<423>

Heller, Agnes: Das Alltagsleben. Budapest 1970

<424>

Hier ist auf das „Big-Brother“-Projekt zu verweisen (siehe 6.4)

<425>

Rattner, Josef: Gruppentherapie - Die Psychotherapie der Zukunft. Frankfurt/Main 1972

<426>

Schwanenberg, Enno: Psychoanalyse versus Sozioanalyse oder: Die Aggression als kritisches Problem im Vergleich von Freud und Parsons. In: Lorenzer/Dahmer/Horn/Brede/Schwanenberg: Psychoanalyse als Sozialwissenschaft 1971

<427>

Ders.: Über wesentliche Ursachen und Formen der Aggressivität. In: Beiträge zur soziologischen Theorie (Hrsg. D. Rüschemeyer). Neuwied 1964

<428>

Parsons, Talcott: The Structure of Social Action (1937). N.Y. 1964

<429>

Hingst, W.: Ungelebtes Leben - Ursprung der Destruktivität. In: Reif, A. (Hrsg.): Erich Fromm - Materialien zu seinem Werk. Wien 1978

<430>

Claßen, Johannes (Hrsg.): Erich Fromm und die Kritische Pädagogik. Weinheim und Basel 1991

<431>

Thiersch, Hans: Erich Fromms Anthropologie und die heutigen Lebensbedingungen bei Jugendlichen. In: Claßen 1991

<432>

Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung (1938-1947). Frankfurt/Main 1979

<433>

Zucker, Renée: Ein falscher Bruder. In: Der Tagesspiegel, 10.6.2000

<434>

Ide, Robert: Still und leise. Warum der Potsdamer John zum geheimen Favoriten wurde. In: Der Tagesspiegel, 13.6.2000

<435>

Rauchfleisch, Udo: Dissozial. Entwicklung, Struktur und Psychodynamik dissozialer Persönlichkeiten. Göttingen 1981

<436>

Wexberg, Erwin: Erziehung der Erzieher. In: Internat. Zschr. für Individualpsychologie 2, 41-45, 1924

<437>

Näf, M.: Alternative Schulformen in der Schweiz. Informationen, Ideen, Erfahrungen. Zürich 1988

<438>

Kerschensteiner, G.: Theorie der Bildung. Leipzig und Berlin 1926

<439>

Die „Ermutigung“ ist einer der zentralen Begriffe in der individualpsychologischen Pädagogik.

<440>

EF: Vorwort zu A.S. Neill, Summerhill. In: GA Bd.9, S.409

<441>

EF: Pro und Contra Summerhill. In: GA Bd.9, S.415

<442>

Furtmüller, Carl: Denken und Handeln. Schriften zur Psychologie 1905-1950. Von den Anfängen der Psychoanalyse zur Anwendung der Individualpsychologie. München/Basel 1983

<443>

Diesen Gesichtspunkt hat z.B. Josef Rattner in den „Jahrbüchern für Verstehende Tiefenpsychologie und Kulturanalyse“, Berlin 1989-2000, hervorgehoben.

<444>

Reif, Adelbert: Haben oder Sein. Aufzeichnungen nach einem Gespräch mit Erich Fromm. In: Erich Fromm. Materialien zu seinem Werk (Hrsg. von A. Reif). Wien 1978

<445>

Lütkehaus, Ludger: Anatomie der Erwerbsgesellschaft. In: Reif (Hrsg.), Wien 1978

<446>

Mainberger, Gonsalv K.: Mahnmal in verwüsteter Landschaft. In: Reif (Hrsg.), Wien 1978

<447>

Eßbach-Kreuzer, Uschi: Die Theorie des Sozialcharakters in den Arbeiten von Erich Fromm. In: Reif (Hrsg.), Wien 1978

<448>

Funk, R.; Johach, H.; Meyer, G. (Hrsg.): Erich Fromm heute. Zur Aktualität seines Denkens. München 2000

<449>

Funk, R.: Psychoanalyse der Gesellschaft. Der Ansatz Erich Fromms und seine Bedeutung für die Gegenwart

<450>

Vaihinger, Hans: Die Philosophie des Als-Ob (1911). Leipzig 1923

<451>

Meyer, Gerd: Gesellschafts-Charaktere in Deutschland: Eine „Charaktermauer“ zwischen Ost und West? In: Funk et al., München 2000

<452>

Diese Methode ist keineswegs neu, da die von Michael Balint nach dem zweiten Weltkrieg gegründeten „Balint-Gruppen“ und insbesondere die Gruppenpsychotherapie solche Prozesse schon seit langem beachtet.

<453>

Siehe hierzu: Böhm, J.M. und Hoock, C.: Sozialisation und Persönlichkeit: Autoritarismus, Konformismus oder Emanzipation bei Studierenden aus Ost- und Westdeutschland. Gießen 1998

<454>

Bierhoff, Burkhard: Gesellschafts-Charakter und Erziehung. In: Funk et al., München 2000

<455>

Hier folgt Bierhoff Fromms narzißtischen Spuren und verwendet einen neuen Begriff, nur um die eigene Originalität zu beweisen; „neurotisch“ wäre dem Sachverhalt weiterhin angemessen.

<456>

Wie bereits angemerkt, gehört dieser aktive und schöpferische Aspekt seit 1912 zu Adlers Einschätzung vom Menschen.

<457>

Warum der Autor diese Ziele und Lebensaufgaben nicht als zeitlos gültige Werte ansieht, ist nicht verständlich.

<458>

Wehr, Helmut: Biophile Alternativen in der Weiterentwicklung der Schule. In: Funk et al., München 2000

<459>

Hentig, H. von: Das allmähliche Verschwinden der Wirklichkeit. Ein Pädagoge ermutigt zum Nachdenken über die neuen Medien. München 1984

<460>

Beck, U.: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt/Main 1986

<461>

Buer, Jürgen van: Studienreform in der Wirtschaftspädagogik in Berlin - quo vadis? In: Matthäus, S. & Seeber, S (Hrsg.): Das universitäre Studium der Wirtschaftspädagogik. Institut f. Wirtschafts- und Erwachsenenpädagogik, Humboldt-Universität Berlin 2000, S.11

<462>

Kalcher, Jürgen: Über die Vermessenheit des Messens sozialer Arbeit. In: Funk et al., München 2000

<463>

Horney, Karen: Neurose und menschliches Wachstum (1950). München 1975

<464>

Illies, Florian: Generation Golf. Ein Inspektion. Berlin 2000

<465>

Die Mathematik-Schwäche ist charakteristisch für Verwöhnung, die mit Minderwertigkeitskomplexen einhergeht, wie Adler schon früh konstatierte: „Menschen mit starkem Unsicherheitsgefühl sind für gewöhnlich schlechte Rechner“ (in: Adler, A.: Kindererziehung (1930), Frankfurt/Main 1976, S.59)

<466>

Psychoanalytisch gesprochen bedeutet dies, daß Illies ein strenges „Über-Ich“ entwickelt hat.

<467>

Die im Moment (August 2000) in allen Medien geführte Rechtsradikalismus-Diskussion sollte ebenfalls unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden.

<468>

Fischer, A.; Fritzsche, Y.; Fuchs-Heinritz, W.; Münchmeier, R.; Deutsche Shell (Hrsg.): Jugend 2000. 2 Bde., Opladen 2000

<469>

Badel, Steffi: Jugendliche im Modellversuch Modulare-Duale-Qualifizierungs-Maßnahme (MDQM) - wahrgenommene Belastungen und Bewältigungsstrategien. In: Matthäus/Seeber (Hrsg.): Das universitäre Studium der Wirtschaftspädagogik - Befunde und aktuelle Entwicklungen. Inst. für Wirtschafts- und Erwachsenenpädagogik. Berlin 2000

<470>

Wessel, Karl-Friedrich: Nach gutem Start. In: Zeitschrift für Humanontogenetik, Heft 1 / 1999

<471>

Heidegger, Martin: Sein und Zeit (1927). Tübingen 1979

<472>

Löwith, Karl: Das Individuum in der Rolle des Mitmenschen. München 1928

<473>

Scheler, Max: Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik (1916). Bern 1980. Siehe auch 6.3.

<474>

Hartmann, Nicolai: Das Problem des geistigen Seins. Untersuchungen zur Grundlegung der Geschichtsphilosophie und der Geisteswissenschaften (1933). Berlin 1962 und ders.: Ethik (1925). Berlin 1935

<475>

Lersch, Philipp: Aufbau der Person (1951). München 1970

<476>

Krueger, Felix: Zur Philosophie und Psychologie der Ganzheit. Berlin, Göttingen, Heidelberg 1953

<477>

Scheler, Max: Wesen und Formen der Sympathie (1913). GW Bd.7, Bern 1973

<478>

Rattner, Josef und Danzer, Gerhard: Grundbegriffe der Tiefenpsychologie und Psychotherapie. Darmstadt 2000

<479>

Noch verständlicher ist der Begriff des „nihilistischen Affektes“ (siehe dazu Fuchs, Irmgard: Eros und Gefühl. Würzburg 1998).

<480>

Psychoanalyse, Marxismus und Sozialwissenschaften. Rotdruck, S‘Gravenhage 1972

<481>

Z.B. in: Kreeger, Lionel (Hrsg.): Die Großgruppe. Stuttgart 1977; Krüger, Wolfgang: Neue Wege der Gruppentherapie. München 1984; Yalom, Irvin D.: Gruppenpsychotherapie. München 1974

<482>

Holzhey, Helmut (Hrsg.): Ethischer Sozialismus. Zur politischen Philosophie des Neukantianismus. Frankfurt/Main 1994

<483>

Schmidt, Alfred: Ethik und materialistische Geschichtsphilosophie - Komplement oder Korrektiv? In: Holzhey (Hrsg.): Ethischer Sozialismus. Frankfurt/Main 1994, S.93


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Wed Mar 14 15:21:56 2001