Lévy, Alfred: Traditionen und Perspektiven im Werk von Erich Fromm

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Anmerkung zur Textgestaltung: In den einzelnen Kapiteln sind die Veröffentlichungen fett und kursiv ausgedruckt, wenn sie das erste Mal zitiert und kommentiert werden. Seine Werke werden größtenteils aus der Gesamtausgabe (Kürzel: GA, Bandzahlen arabisch), Hrsg. von Rainer Funk, Stuttgart 1980/1981, zitiert.


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Fragestellung, Hypothesen und Methodik

In der folgenden Arbeit ist beabsichtigt, folgende Fragen zu beantworten:

  1. Aus welchen kulturgeschichtlichen Quellen speist sich die Psychologie und Soziologie Fromms?
  2. Welche Auswirkungen haben diese geisteswissenschaftlichen Voraussetzungen auf das humanistische, religiöse, soziologische und psychologische Denken Fromms?
  3. Wir wirkte sich Fromms religiöse Sozialisation auf seine wissenschaftliche Terminologie aus?
  4. Inwieweit sind Fromms Begriffe des Gesellschaftscharakters und der Charakterologie noch heute in der Soziologie und Psychologie an- und verwendbar?
  5. Sind Fromms sozial-politische Utopien realisierbar und, wenn ja, mit welchen Modifikationen?

Im Verlauf der Untersuchung werden folgende Hypothesen aufgestellt und - soweit möglich - überprüft:

  1. Die jüdisch-religiöse Sozialisation war prägend für Werk und Leben Erich Fromms. Aus ihr resultieren persönliche, idealistische und wissenschaftliche Orientierungen am „Sein“, am humanitären und kommunitären Sozialismus sowie dualistisch-dichotome Konzepte wie „rational-irrational“, „Biophilie-Nekrophilie“ oder „Haben-Sein“.
  2. Als Angehöriger einer Minderheit war Fromm dazu prädestiniert, gegen den „Mainstream“ des Patriarchats (Autoritarismus), des Nationalismus und der traditionellen Glaubensbekenntnisse anzukämpfen. Der Marxismus erwies sich dabei als tragfähiges Fundament in der Auseinandersetzung mit dem in der Gesellschaft vorherrschenden Kapitalismus.
  3. Andererseits trugen die ängstlich-verwöhnende und religiöse Erziehung durch die Eltern zu konservativen und narzißtischen Zügen bei, die sich als Originalitäts-Streben und im Alter als verstärkte religiöse und mystische Glaubensinhalte manifestierten.
  4. Als Einzelkind hatte Fromm Mühe, sich in eine Gemeinschaft von Gleichaltrigen (z.B. Kolleginnen und Kollegen) einzufügen, obwohl er sich stets darum bemühte. Eine gewisse Fremdheit ist deshalb auch an seinen Begriffen festzustellen: Fromm nennt z.B. das Soziale „Bezogenheit“ (die in C konstatierte Originalitäts-Sucht spielt dabei ebenfalls eine Rolle).
  5. Der Begriff des von Fromm eingeführten „Gesellschaftscharakters“ ist noch immer wissenschaftlich relevant.
  6. Die Begriffe „Nekrophilie“ und „Marketing-Charakter“ sind nicht präzise und verführen zu Spekulationen. Noch fataler wirkt sich dies an Fromms Interpretation von nicht-theistischer „Religiosität“ aus, die er z.B. auch Atheisten attestiert. Dieser Mißgriff führte ihm zwar viele nach Halt suchende Anhänger zu, diskreditierte aber sein wissenschaftliches Renommee.

Methodisch wurde in dieser Arbeit kritisch-historisch sowie religionspsychologisch und tiefenpsychologisch (psychoanalytisch und individualpsychologisch) vorgegangen. Aus der bei Fromm vorliegenden Verbindung zwischen Soziologie und Psychoanalyse ergab es sich, daß psychoanalytisch interpretierende Soziologen, „Kritische Theorie“ und hermeneutisch operierende Analysen ebenfalls einbezogen wurden.

Die Teile 1 bis 6 befassen sich werkimmanent mit den wichtigsten Schriften Fromms, wobei chronologisch in den jeweiligen Themen vorgegangen wurde. Nach der Einleitung wird in die Biographie Fromms eingeführt.

Teil 1 befaßt sich mit Fromms grundlegenden Schriften, die seine besondere Position als Religionspsychologe, Psychoanalytiker, Marxist und Mitbegründer des Instituts für Sozialforschung verdeutlichen. Darin wird auch die lebenslange


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Auseinandersetzung, Abgrenzung und Abhängigkeit von Freud dargelegt.

Teil 2 enthält Fromms religionskritische und religionsreformerische (religionsstiftende?) Schriften und seine Stellungnahmen zu Märchen, Mythen und Träumen.

Teil 3 geht von Fromms Schriften zum Matriarchat aus und leitet über zu seiner Marxismus-Rezeption sowie seinem Entwurf eines kommunitären Sozialismus.

Teil 4 beinhaltet die Diskussion Fromms bekanntester Schriften, die sich mit den Gesellschaftsstrukturen des Mittelalters, der Reformation, des Faschismus, der Demokratie und der technisierten Demokratie befassen. Das Phänomen der Aggression wird im Zusammenhang mit Hitler, der Nekrophilie und Fromms Buch über die Destruktivität behandelt.

Teil 5 geht von den ethischen Positionen Fromms aus und erläutert sein Konzept des liebenden, produktiven und humanistischen Charakters als Grundlage einer gesunden Gesellschaft. Fromms psychoanalytische und sozio-politische Arbeiten zum Humanismus werden inhaltlich dargestellt und kommentiert.

Teil 6 präzisiert die in den vorangegangenen Teilen entstandene Kritik und ergänzt sie durch Stellungnahmen von Fachleuten aus verschiedenen Disziplinen zu den Themen der Religion, Sozialpsychologie, Aggressionstheorie und Pädagogik. Es wird auch versucht, Fromms Begriff des Gesellschaftscharakters auf die Moderne anzuwenden. Die abschließenden Bemerkungen beabsichtigen, Fromms Schwächen und Verdienste noch einmal zusammenzufassen.


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Einleitung

Noch anläßlich des 100. Geburtstages von Erich Fromm (am 23. März 2000) erregten Name und Werk dieses Neo-Psychoanalytikers und Sozialpsychologen breit gefächerten Widerspruch. Die Urteile reichten von „intellektueller Anspruchslosigkeit“ und „zu Buchlängen aufgeschwemmten Predigten guten Wollens“ (Michael Rutschky, TAZ Berlin) über eigene „Neurose im Namen Gottes“ (Lorenz Jäger in der FAZ) bis zur Einschätzung von Richard Herzinger (Tagesspiegel Berlin), daß Fromm „ein ganz und gar ernstzunehmender, wenn nicht bedeutender Sozialwissenschaftler (war), der die Geschichte einer der wichtigsten intellektuellen Gruppierungen des vergangenen Jahrhunderts mitgeprägt hat“ (gemeint ist die „Frankfurter Schule“ des Instituts für Sozialforschung unter der Leitung von Max Horkheimer).

So kommt es, daß z.B. Werner Herkner im Lehrbuch Sozialpsychologie<1> Erich Fromm nicht einmal im Personenregister erwähnt, geschweige denn dessen Errungenschaften und Theorien bespricht.

In der vorliegenden Arbeit soll daher versucht werden, anhand von Analyse und Kritik des Frommschen Ouevres zu einem differenzierten Urteil zu gelangen. Da sich Fromms Forschung nicht nur einer wissenschaftlichen Disziplin widmete, ist es erforderlich, das Spektrum der Untersuchungen auf zahlreiche Gebiete wie Psychoanalyse, Sozialpsychologie, Anthropologie, Sozialismus, Marxismus, Religion und Kulturkritik auszudehnen. Dabei wird keine Vertiefung in diesen Wissenschaften angestrebt, sondern der Versuch unternommen, die Interdisziplinarität darzulegen sowie Werk und Autor unter Berücksichtigung der damit verbundenen Widersprüche, Polaritäten und Paradoxien als Einheit zu erfassen.

Berlin, September 2000


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Biographisches zu Erich Fromm

Im Werk von Erich Fromm finden sich nur wenige autobiographische Angaben, doch hat der Herausgeber der Frommschen Werke, Rainer Funk, mehrere biographische Texte verfaßt. Darauf werden wir uns in der Folge hauptsächlich stützen. Es handelt sich dabei um die Einleitung in die Gesamtausgabe<2> (1980/1981;1999), des weiteren um das Buch Mut zum Menschen und Erich Fromm in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten<3>. Funk war der letzte Assistent von Fromm, der ihm in seinen späten Jahren bei der Ausarbeitung seiner Alterswerke hilfreich zur Seite stand. Er hat sich auch seit dem Tode seines Mentors im Jahre 1980 intensiv um die Herausgabe von dessen sämtlichen Werken bemüht. Des weiteren ist er derzeit Präsident der Internationalen Erich Fromm-Gesellschaft.

Erich war das einzige Kind jüdischer Eltern und wurde am 23. März 1900 in Frankfurt am Main geboren. Das Judentum spielte in der Familie eine große Rolle, gab es doch unter seinen Großvätern bekannte und sogar berühmte Rabbiner. Er erhielt deshalb auch eine intensive Ausbildung im Alten Testament und dem Talmud, einem Kompendium von Aussagen und Diskussionen jüdischer Gelehrter, die über viele Jahrhunderte hinweg gesammelt wurden. So kam es, daß auch Erich Fromm in der Kindheit den leidenschaftlichen Wunsch hegte, Talmudgelehrter zu werden.

Sein Vater wird als überängstlich in gesundheitlichen Fragen, seine Mutter als depressiv, besitzergreifend und dominant beschrieben. Wahrscheinlich erreichte sie damit, daß sich ihr Sohn zeitlebens mit dem Mutterrecht und dem Patriarchat befaßte, wobei er mehrheitlich das Patriarchat bekämpfte. Er beschäftigte sich aber auch mit der „bösartigen inzestuösen Beziehung“ zur Mutter, die seiner Meinung nach zur Nekrophilie (Liebe zum Toten) führt.

Trotz Schulbesuch und Umgang mit zahlreichen christlichen Kameraden sowie wacher Anteilnahme am Zeitgeschehen bezeichnete sich Fromm als „vormodern“, d.h. zahlreichen alten Einsichten verhaftet. Dies zeigte sich vor allem auch in seinem Interesse für die Geschichten der Bibel, wobei er prophetische Schriften oder Beschreibungen von Ungehorsam gegen Obrigkeiten, aber auch harmonische und friedliche Geschichten bevorzugte.

Fromm erinnert sich, daß ihn als Pubertierenden der Selbstmord einer 25-jährigen Frau erschütterte, die mit ihrem verwitweten Vater, der starb, beerdigt werden wollte. Das war einer der Gründe, warum ihn die Psychologie - und darunter insbesondere die in der Psychoanalyse Freuds besonders problematisierten Eltern-Kind-Beziehungen - in der Studentenzeit bereits anzog.

Sein größtes Interesse galt jedoch jahrelang dem Religions- und Thorastudium. Vor allem wurde für ihn in Frankfurt der Rabbiner Dr. Nehemia Anton Nobel (1871-1922) wichtig, der auch weitläufig philosophisch gebildet war. Während seiner Studentenzeit (ab 1919) besuchte er des weiteren fünf Jahre lang täglich Rabbi Dr. Salman Baruch Rabinkow (geboren 1882) in Heidelberg, wo Fromm Soziologie studierte. Über Rabinkow lernte er auch den radikalen russischen Sozialismus kennen, da ein bekannter Sozialist (Issak Steinberg) zu dessen Schülern gezählt hatte. Fromms soziologische Doktorarbeit<4> befaßte sich denn auch mit einem jüdischen Thema: Er untersuchte drei Diasporagemeinden sozial-psychologisch und stellte fest, daß nur die Chassidim ihr „religiöses Eigenleben in die soziologische Struktur des Judentums“ einfügten, während z.B. die Reformjuden die Sphäre des Religiösen dogmatisierten.

Gegen Ende seines Studiums löste sich Fromm von der jüdischen Religionspraxis, ohne jedoch Atheist zu werden. Er schreibt später, er sei stets religiös


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geblieben, aber ohne Glauben an Gott<5>. Er selbst nennt seine Position eine „nicht-theistische Mystik“<6>. Dabei stützte er sich auf die „negative Theologie“ eines Maimonides und des Neukantianers Hermann Cohen (Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums). Auch Georg Grimm (Die Lehre des Buddha. Die Religion der Vernunft, Die Wissenschaft des Buddhismus) wies ihm den Weg zu einer Religion ohne einen persönlichen Gott.

Die Massenhysterie des Ersten Weltkriegs steckte den Pubertierenden nicht lange an. Es imponierte ihm, wie einer seiner bewunderten Lehrer gegen den auch unter den Schülern grassierenden Nationalismus und Ausländerhaß Stellung bezog, indem er ihnen ruhig mitteilte, daß sie sich nichts vormachen sollten: England hätte noch niemals einen Krieg verloren. Wahrscheinlich orientierte er sich bereits an den Rebellen, welche sich mutig gegen die übliche Ideologie und Orthodoxie wandten.

Nach dem Abitur entschied sich Fromm zunächst für ein Jurastudium, das ihn aber nach wenigen Semestern langweilte. Nun trat hauptsächlich sein soziologisch-philosophisches Interesse in den Vordergrund, und seit 1919 studierte er Soziologie, Psychologie und Philosophie in Heidelberg. Dort lehrten Heinrich Rickert, Karl Jaspers, Max und Alfred Weber und manch anderer namhafter Gelehrte.

Durch die oben genannten Glaubenslehrer wurde Fromm auch zur Philosophie von Hermann Cohen (1842-1918) hingeführt, der das Haupt der Marburger Schule des Neukantianismus war. Cohen konnte als einziger Jude die Position eines Ordinarius der Philosophie im Preußen jener Zeit erringen. Er und Paul Natorp (1854-1924) standen für eine Form der Kant-Auslegung, die Kant mit einem religiösen und doch auch wissenschaftlichen Humanismus vereinigte.

Diese Bildungsquellen sind für Fromm zeitlebens wichtig geblieben. Auch andere junge jüdische Intellektuelle hatten hier ihren Ausgangspunkt, z.B. Franz Rosenzweig, Ernst Simon, Gerschom Scholem, Siegfried Kracauer und Martin Buber. Mit einigen von ihnen war Fromm befreundet und pflegte einen lebhaften Gedankenaustausch.

Bereits zu Beginn seines Studiums faszinierten ihn die Schriften von Karl Marx. Er fand bei ihm einen Sozialismus, der die Selbstwerdung und die Humanisierung des Menschen im Auge hatte. Der Mensch sollte ohne die Tröstungen der Religion zu seinem Wesen befreit werden. Dies alles schien bei Fromm keine Widersprüche auszulösen, als er mit Rabbi Georg Salzberger das „Freie Jüdische Lehrhaus“ (Volkshochschule) gründete, in dem Franz Rosenzweig die Leitung übernahm.

In der zionistischen Studentenorganisation (KJV) war Fromm ebenfalls so aktiv, daß man ein Gebet kreierte: „Mach mich wie den Erich Fromm, daß ich in den Himmel komm’!“ Fromm wandte sich aber bald vom Zionismus ab, da dieser seiner Ansicht eines „universalistischen Messianismus und Humanismus“ widersprach.

Ein weiterer Autor fesselte den jungen Studenten ebenfalls seit 1920: Johann Jakob Bachofen. Er hielt an der Universität über dessen Theorie der mutterrechtlichen Gesellschaft ein derart mitreißendes Referat, daß ihm die Kommilitonen Beifall klatschten. Bachofen lieferte ihm das Material, um gegen Freuds patriarchalisch orientierte Gesellschaftsordnung schlagkräftige Argumente zu finden. Fromm erläuterte dies in zahlreichen späteren Werken mit der unterschiedlichen Liebe der Eltern: Die Mutter liebe das Kind ohne Rücksicht auf deren Verdienst; der Vater jedoch nur dann, wenn es ihm gehorche und Leistungen in seinem Sinne vollbringe. Bachofens idealtypische Unterscheidungen waren Fromm auch hilfreich bei der Interpretation des leistungsorientierten Patriarchats und eines Zentralproblems der menschlichen Entwicklung: Die Bedeutung der Sehnsucht nach der Mutter (bei Mann und Frau) und der Mutterbindung.

Nach der Promotion 1922 wandte sich Fromm, primär aus eigenen Problemen heraus, intensiv der Psychoanalyse zu. Er lernte Frieda Reichmann (1890 geboren) kennen, die ab 1924 ein privates Sanatorium in Heidelberg betrieb, das sogenannte


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„Torapeutikum“ (eine scherzhafte Bezeichnung für einen Ort, an dem die orthodoxen Juden ihren Glauben an die jüdische Lehre, die Tora, verloren), wo sie neben Fromm zahlreiche jüdische Intellektuelle analysierte (z.B. Leo Löwenthal und Ernst Simon). Persönliche Kontakte zu ihr führten 1926 zur Heirat. Die Ehe hielt bis 1930, dann zerbrach die eheliche Verbindung. Die Scheidung fand in den vierziger Jahren statt; sie blieben aber zeitlebens Freunde. Frieda Fromm-Reichmann wanderte 1934 in die USA aus.

Frieda Reichmann war in Königsberg eine Mitarbeiterin von Kurt Goldstein (geb. 1878) gewesen, der sich als Neurologe und Gestaltpsychologe einen Namen machte. Von ihm fand sie zur Psychoanalyse, innerhalb derer sie in späteren Jahren einen hohen Rang als Pionier der Schizophrenen-Therapie in den USA einnahm. Ihre Behandlungsweise wurde fast populär durch das bekannte Buch ihrer Patientin Hannah Green (eigentlicher Name Joanne Greenberg): Ich hab dir nie einen Rosengarten versprochen<7>.

Fromms jüdische Religions-Ausübung fand 1926 mit dem Genuß einer Schweinswurst ihr sinnfälliges Ende. E.S. Tauber<8> führt dies unter anderem auch auf Fromms Beschäftigung mit dem Buddhismus zurück, der in seiner Lehre ohne Offenbarung, Mystik und göttliche Autorität auskommt. Später sympathisierte Fromm mit den Quäkern, wurde aber nicht deren Mitglied. In den fünfziger Jahren beschäftigte er sich ausführlich mit dem Zen-Buddhismus (Daisetz T. Suzuki). Auch in späteren Jahren zogen ihn die Bewegungs-, Atem-, Konzentrations- und Meditationsübungen an. Die Schriften eines aus Deutschland stammenden buddhistischen Mönches (N. Mahathera) erinnerten ihn an den deutschen Mystiker Eckhart, den er noch in seinen letzten Lebensjahren eingehend studierte.

Ab 1926 datiert die sogenannte „nicht-theistische humanistische Religiosität“, in deren Verlauf sich Fromm mit eigenständigen Thesen zu religiösen Fragen zu Wort meldete (Dauernde Nachwirkungen eines Erziehungsfehlers 1926a; Der Sabbat 1927a, GA VI). In letzterer Arbeit interpretierte er den jüdischen Ruhetag als Erinnerungstag „an die Ermordung des Vaters und die Gewinnung der Mutter, das Arbeitsverbot gleichzeitig als Buße für das Urverbrechen und seine Wiederholung durch Regression auf die prägenitale Stufe“ (Fromm GA VI, S.9). 1930 kam - wie auch die Schrift über den Sabbat - Die Entwicklung des Christusdogma (GA VI) in der psychoanalytischen Zeitschrift „Imago“ zur Veröffentlichung.

Schon in der Heidelberger Zeit setzten sich Fromm und seine Frau nachdrücklich für die Psychoanalyse ein. Fromm absolvierte eine Lehranalyse unter anderem bei Karl Landauer in Frankfurt und später bei Hanns Sachs in Berlin (seit 1928). Seine diesbezügliche Ausbildung erfolgte am Berliner Psychoanalytischen Institut, das damals führend in der Analytiker-Instruktion war. Dort lehrten z.B. so bedeutende „Nachwuchstalente“ wie Sándor Radó, Franz Alexander, Hanns Sachs, Karen Horney, Ernst Simmel, Otto Fenichel, Theodor Reik und Siegfried Bernfeld. Harald Schultz-Hencke entwickelte an diesem Institut die Grundzüge der Neo-Psychoanalyse, indem er von der Libido-Theorie abrückte und sein „Hemmungs-Konzept“ beschrieb. Auch Wilhelm Reich propagierte in Berlin seine analytischen Innovationen, zu denen die starke Betonung der „orgastischen Befriedigung“ und die Notwendigkeit einer Sexualpolitik gehörten.

Bereits in Berlin erweiterte Fromm seine psychoanalytische Praxis und Theorie durch die bald parallel erfolgende Mitarbeit am „Institut für Sozialforschung“ Max Horkheimers in Frankfurt, wo er die entstandenen Ideen und Ideologien daraufhin untersuchte, wann und in welcher geistigen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Situation sich die leibhaftigen Menschen befunden haben. Die Verbindung von Sozialpsychologie, Marxismus und Psychoanalyse fand ihren ersten theoretischen Höhepunkt in der Veröffentlichung Über Methode und Aufgabe einer analytischen


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Sozialpsychologie: Bemerkungen über Psychoanalyse und historischen Materialismus aus dem Jahre 1932 (in: GA Bd.1).

In der Horkheimer-Gruppe arbeiteten unter anderem Leo Löwenthal, Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno, F. Pollock und K.A. Wittfogel mit. Fromm wurde bald ein prominentes Mitglied dieser Forschergemeinschaft, die sich etwa mit dem Problem des Autoritarismus und der Faschismus-Anfälligkeit der deutschen Arbeiterschaft und des Bürgertums befaßte. Man gab ihm den Auftrag, eine empirische Untersuchung über diese Thematik durchzuführen (diese Feldstudie über Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches erschien erst 1980 in: GA Bd.3). Es stellte sich heraus, daß die unbewußten Motive der Befragten mit den Parteibekenntnissen und der Parteizugehörigkeit keineswegs übereinstimmten. Aus den Antworten konnte bereits vorausgesagt werden, daß die durch Parteien und Gewerkschaften erzogenen Arbeiter Hitlers Machtergreifung wenig Widerstand entgegensetzen würden. 1936 wurde der Fragebogen und Teile des Berichtes in den Studien über Autorität und Familie<9> veröffentlicht.

Die Zusammenarbeit mit dem Institut für Sozialforschung dauerte von 1930 bis 1938. Aufgrund der nationalsozialistischen Herrschaft wurde das Institut zuerst nach Genf, anschließend nach New York (1934) verlegt.

1931 kam es zur Trennung Fromms von seiner Frau. In diesem Zusammenhang brach eine Tuberkulose bei Fromm aus, und der mit ihm und Frieda befreundete Georg Groddeck (1870-1934) äußerte in seiner unbekümmerten Direktheit, es sei die Angst vor dem Ehezusammenbruch gewesen, welche die Lungenkrankheit bewirkt habe. Jedenfalls mußte Fromm einen einjährigen Kuraufenthalt in Davos einschalten, wo er die Zeit für sehr gründliche und verschiedenartige Literaturstudien nutzte. Einige Jahre später wurde ein zweiter Davos-Aufenthalt nötig, aber hernach war die Tbc ausgeheilt.

1934 emigrierte auch Fromm in die USA. Er hielt Vorlesungen am psychoanalytischen Institut in Chicago (wo Franz Alexander und Karen Horney wirkten) und an der Columbia-Universität von New York. Es schien zunächst, als ob Fromm gleichsam nahtlos seine Frankfurter Arbeiten am Institut in New York weiterführen könnte. Doch es stellten sich Spannungen zwischen den Forschern ein, wobei Fromm in zunehmendem Maße isoliert wurde. Er führte dies auf den wachsenden Einfluß von Adorno zurück, mit dem er gar nicht gut auskam. Aber es mögen wohl auch tiefere Ursachen im Spiel gewesen sein. Fromm rückte mehr und mehr von der orthodoxen Psychoanalyse ab, die für Horkheimer etwa das Muster und Ideal einer „naturwissenschaftlichen“ Psychologie war. Man warf Fromm psychoanalytischen Revisionismus vor, und das bedeutete im Rahmen des neomarxistischen Sprachgebrauchs einen fast unverzeihlichen Sündenfall. Fromms Kritik an der Psychoanalyse kam bereits in Die sozialpsychologische Bedeutung der Mutterrechtstheorie (1934) und Die gesellschaftliche Bedingtheit der psychoanalytischen Therapie (1935) zur Geltung. Nach längeren Streitigkeiten erhielt Fromm, der einen lebenslänglichen Arbeitsvertrag mit dem Institut hatte, eine Abfindungssumme von 20.000 Dollar und kehrte der „Kritischen Theorie“ den Rücken. Er gewann dadurch eine geistige Unabhängigkeit, die seiner Lebensarbeit zugute kam.

1941 erschien sein Buch Escape from Freedom (Die Furcht vor der Freiheit), das ihn schlagartig bekannt machte. Der Text kam insofern zur rechten Zeit, als er die Frage aufwarf, welche historischen und geistesgeschichtlichen Voraussetzungen für den Sieg des Faschismus in Europa und anderswo geltend gemacht werden sollten. Fromm blickte darin zurück auf die Entstehung des modernen Menschentums im Mittelalter und in der Renaissance, wobei er ökonomische und ideologische Wandlungen im Gesellschaftscharakter des Bürgertums für dessen Faschismus-Anfälligkeit verantwortlich machte.

Die feinsinnigen Analysen dieser historisch-psychologischen Prozesse wurden von vielen Experten als geradezu meisterhaft empfunden. Die Ausbreitung des


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Sadomasochismus in den Volksmassen hing nach Fromm mit einer universellen Freiheitsfurcht zusammen, die nach dem Zusammenbruch der feudalen Ordnungen das europäische Menschentum befallen hatte. Denn Freiheit ist immer auch mit Verantwortung verbunden. Wer sich vor ihr fürchtet, will der Last des Ich-selbst-Seins entrinnen, die üblicherweise auch Verängstigung mit sich führt. Nach Fromms Gesellschafts-Diagnose war der Faschismus ein Rückgriff ins Mittelalter. Er bot gewissermaßen den verängstigten Individuen Schutz und Zuflucht in einem absolutistischen Kollektiv.

Zunächst bildete Fromm mit Karen Horney und anderen Anhängern Freuds ein neopsychoanalytisches Team, das 1941 das „American Institute of Psychoanalysis“ gründete; aber auch diese Zusammenarbeit zerbrach in Folge persönlicher und theoretischer Dissonanzen. Nun schloß sich Fromm 1946 dem William Alanson White-Institut in New York an, das unter Harry Stack Sullivans (1892-1949) Leitung stand. Der letztere war Urheber revolutionärer Neuerungen in der Schizophrenen-Therapie und Begründer einer interpersonellen Psychiatrie<10>. Im Rahmen seiner Schule konnte Fromm zwischen 1946 und 1950 seine neuen Gedanken im Kreise von überaus empfänglichen Psychologen und Psychiatern entwickeln.

Die Internationale Psychoanalytische Vereinigung nahm Fromm nicht mehr in ihre Liste auf, da er in der Folge in seinen Veröffentlichungen trotz Berufung auf Freud gravierende Kritik an dessen grundlegenden Hypothesen äußerte. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte er sein humanistisches Welt- und Menschenbild weiter, indem er neben alttestamentarischen auch philosophische, ökonomische, sozialistische und ethno-historische Gesichtspunkte von Autoren wie Aristoteles, Spinoza, Karl Marx und Johann Jakob Bachofen in seine Werke kenntnisreich mit einbrachte. Zu Fromms Bekannten- und Freundeskreis zählten ebenfalls Ethnologen und Anthropologen wie Abraham Kardiner, Margaret Mead, Ruth Benedict und John Dollard, deren Gedanken von Fromm aufgegriffen wurden.

Fromms Begriff des Gesellschafts-Charakters und die Theorie von den Wechselwirkungen zwischen individuellem Charakter und den ökonomischen und sozialen Bedingungen der Gesellschaft begannen, Wissenschaftler aus verschiedenen Sparten zu interessieren. Er machte einige Charakter-Orientierungen idealtypisch namhaft und beschrieb ihre Funktionalität bzw. Dysfunktionalität innerhalb der sozio-ökonomischen Verhältnisse. Damit entstand eine neuartige Verknüpfung zwischen Charakterologie und ethischer Fragestellung. Er differenzierte in produktive und nicht-produktive Charakterorientierungen und konnte auf diese Weise vernunftorientierte von destruktiven und pathologischen Gesellschaftsordnungen abgrenzen.

Die Charakter-Orientierungen (oral-sadistische, anal-hortende und „marketing“ als nicht-produktive Einstellungen) entscheiden über gute oder böse Handlungen, über Glück oder Scheitern des Menschen. Wer den Charakter und die ihn prägenden Faktoren ernst nimmt, hat den Schlüssel für individuelle und soziale Veränderungen in der Hand. Diese humanistische Charakterologie veröffentlichte Fromm 1947 in Man for Himself (Psychoanalyse und Ethik, 1954, GA Bd.2).

1944 ging Fromm eine zweite Ehe ein, und zwar mit Henny Gurland. Auch sie war eine Emigrantin, die sich durch eine abenteuerliche Flucht dem Nationalsozialismus entzog und in die USA einwandern konnte. In diesen aufreibenden und abenteuerlichen Lebensumständen hatte sie sich ein Rückenmarksleiden zugezogen, zu dem später noch eine rheumatische Arthritis hinzu kam. Auf ärztlichen Rat suchte Fromm eine Möglichkeit, nach Mexiko zu kommen, wo es radioaktive Quellen gab, denen man Heilungschancen für diese Leiden einräumte.

1949 ergab sich eine günstige Konstellation, um nach Mexiko-City zu übersiedeln. Die dortige medizinische Fakultät wollte eine Abteilung für Psychoanalyse aufbauen. Damit wurde Fromm betraut, und er ließ sich bald darauf in Mexiko City nieder. Aber Henny Gurland genas nicht und starb bereits 1952.

Schon ein Jahr darauf heiratete Fromm Annis Freeman, geb. Grover. Diese


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großgewachsene, attraktive Amerikanerin, die eine Zeitlang in Indien gelebt hatte, wurde die Gefährtin seines Alters und hat ihn um einige Jahre überlebt. Mit ihr zog er 1956 in ein eigenes, neu erbautes Haus in Cuernavaca, außerhalb von Mexiko City.

In Mexiko setzte sich Fromm intensiv für die Ausbreitung der Psychoanalyse ein. Dabei ging es ihm stets auch um die Erweiterung des psychoanalytischen Einflusses auf andere Disziplinen wie die Psychiatrie, Psychologie und die Medizin. Es gelang ihm sogar, 1960 die Ausbildung zum Psychoanalytiker in der Medizinischen Fakultät Mexikos zu verankern. Zum theoretischen Lehr- und Lernprogramm Fromms und seiner Mitarbeiter zählte an erster Stelle Freud, dann Fromms eigene „humanistische Psychoanalyse“ und die Lehren von Jung, Adler, Rank, Ferenczi, Horney, Sullivan, Alexander, Klein, Erikson, Hartmann und anderer. Im philosophischen Kurs studierten die zukünftigen Analytiker Aristoteles, Spinoza, Hegel, Marx, Kierkegaard, Heidegger und Sartre.

Vier Monate im Jahr lehrte Fromm in den USA an unterschiedlichen Universitäten und Instituten. Aus den sogenannten „Terry-Lectures“ über Religion entstand das Buch Psychoanalyse und Religion (1950) und aus anderen Vorlesungen 1951 das Werk Märchen, Mythen, Träume. Ein wesentliches Produkt seiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit Karl Marx und dessen Verknüpfung mit der Psychoanalyse war die Veröffentlichung Wege aus einer kranken Gesellschaft (1955), die Fromms Gesellschaftskritik enthielt. Als Lösung der kapitalistischen und kommunistischen Misere (die er ebenfalls als kapitalistisch orientiert interpretierte) empfahl er einen „kommunitären Sozialismus“ mit humanistischen Wertvorstellungen sowie fundamental-demokratische Neugestaltungen in Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Er bezog diese Theorien aus den Erfahrungen mit Werksgemeinschaften.

Ende der fünfziger Jahre trat Fromm deshalb der Sozialistischen Partei der Vereinigten Staaten bei (SP-SDF). Sein Programm scheiterte an der Politbürokratie; deshalb trat er wieder aus; die Partei hatte sich zu weit nach rechts entwickelt. Er blieb jedoch politisch aktiv im „humanistischen Sozialismus“, der Internationalismus und Einheit der Menschheit propagierte. Er stellte Forderungen für die Entspannungspolitik auf und arbeitete tatkräftig in der Friedens- und Abrüstungsbewegung mit. Mit seinem Buch Es geht um den Menschen! Eine Untersuchung der Tatsachen und Illusionen in der Außenpolitik (1961a, GA Bd.5) wies Fromm auf das destruktive Potential des amerikanischen Antikommunismus hin.

Mit großem Einsatz führten Fromm und seine Mitarbeiter ab 1957 eine sozialpsychologische und empirische Untersuchung eines mexikanischen Bauerndorfes durch. Die Ergebnisse wurden 1970 gemeinsam mit Michael Maccoby unter dem Titel Psychoanalytische Charakterologie in Theorie und Praxis. Der Gesellschaftscharakter eines mexikanischen Dorfes veröffentlicht.

Fragen der Pädagogik beschäftigten ihn ebenfalls. Dabei setzte er sich unter anderem sehr für A.S. Neills antiautoritäre Erziehungsmaßnahmen ein (Vorwort zu A.S. Neill „Summerhill“, 1960 und Pro und Contra Summerhill, 1970, GA Bd.9).

Fromm blieb 25 Jahre in Mexiko und wurde dort Mittelpunkt einer intellektuellen Gruppe, die wie er eine humanistische Gesellschaftsveränderung anstrebte und zu diesem Zweck Marxismus, Psychoanalyse und Soziologie zu vereinigen suchte. Aber das Spektrum seiner Interessen war noch weiter gespannt. So bewunderte er etwa den japanischen Wahl-Amerikaner Daisetz T. Suzuki, der in den USA den Zen-Buddhismus eifrig propagierte. Fromm veranstaltete mit ihm und anderen ein Seminar über die geistige Verwandschaft der psychoanalytischen Doktrin und den zen-buddhistischen Praktiken, das viel beachtet wurde.

1962 war er Beobachter an der Moskauer Abrüstungskonferenz und machte in seiner Rede auf Heinz Brand, einen inhaftierten DDR-Dissidenten aufmerksam. Dieser kam erst 1964 frei, als ihn auch Amnesty International zum „Gefangenen des Jahres“ erklärt hatte.

Fromm initiierte 1965 ein Symposium zum „Sozialistischen Humanismus“, das jenseits der existierenden Parteien abgehalten wurde. Daran beteiligten sich unter


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anderem Ernst Bloch, B. Russell, Léopold Senghor, H. Marcuse, Danilo Dolci, T.B. Bottomore, Iring Fetscher, M. Markovic, G. Petrovic und Adam Schaff.

68-jährig setzte sich Fromm aktiv in der Wahlkampagne des humanistisch gesinnten Senators Eugene McCarthy ein, den er einen Freund der Poesie und Philosophie nannte. Eine Herzattacke zwang den Analytiker ab 1969, die aufreibende Tätigkeit aufzugeben und seinen Wohnsitz an einen ruhigen Ort, zuerst nach Locarno, dann Muralto im Tessin/Schweiz zu verlegen. Seit 1974 blieb er für immer im Tessin.

Energisch betrieb er aber weiterhin den Ausbau seines literarischen Werkes. 1956 war sein Büchlein über Die Kunst des Liebens erschienen, das seine massenwirksamste Publikation wurde. Es mögen von diesem Text inzwischen mehrere Millionen Exemplare abgesetzt worden sein; auch wurde er in viele Fremdsprachen übersetzt. Das Buch bot eine sehr populäre Anleitung über die psychologische Seite der Liebesfähigkeit, der eine zentrale Bedeutung beim Gelingen der menschlichen Lebensführung zugemessen wurde. Untergründig wurde dabei auch eine Polemik gegen die Freudsche Überbewertung des Trieblebens durchexerziert. Fromms Analysen sind klug und geistreich, aber man hat ihnen vorgeworfen, daß sie anstelle des analytischen Scharfsinns und der psychologischen Zergliederungskunst moralisierende Anweisungen geben.

Ethische Fragen, die stets mit seiner Art von Gott und Kirche verneinender Religiosität verbunden waren, beschäftigten ihn in seinen Büchern Die Revolution der Hoffnung. Für eine Humanisierung der Technik (1968a, GA IV) und in seinem Spätwerk Haben und Sein (1976a, GA II). Noch deutlicher kam es zum Ausdruck in Ihr werdet sein wie Gott (auch: Die Herausforderung Gottes und des Menschen, 1966a, GA VI), worin der Autor eine radikale Interpretation des Alten Testaments und seiner Überlieferung bis auf den heutigen Tag vornimmt.

Die Ausarbeitung der Theorie der Nekrophilie nahm in Fromms letzten Werken großen Raum ein. Er glaubte, in der modernen kybernetischen Gesellschaft, welche die Menschen wie Maschinen-Teilchen benutzt, einen Hauptverursacher von nekrophilen Menschen zu erkennen. Solche Gesellschaften bilden einen nekrophil-destruktiven Gesellschaftscharakter aus (The Heart of Man; deutsch: Die Seele des Menschen. Ihre Fähigkeit zum Guten und zum Bösen 1964a, GA Bd.2).

Trotz seines angeschlagenen Herzens war Fromm im Tessin noch für Vorträge zu haben, und er schrieb auch weiterhin an seinen Büchern und Abhandlungen. 1973 war sein Opus magnum Anatomie der menschlichen Destruktivität (GA Bd.7) erschienen, das wahrhaftig eine imposante Leistung darstellt. Er erörterte fast enzyklopädisch den gesamten Themenkomplex von Aggression und menschlicher Natur, der durch das relativ unbesonnene Buch von Konrad Lorenz Das sogenannte Böse (1963) eine ungeheure Aktualität gewonnen hatte. Fromm stellt Stalin als sadistisch-grausamen Typen und Hitler als nekrophilen Destruktiven dar.

Neben diesem wissenschaftlichen Werk erscheint das letzte Buch Fromms über Haben oder Sein (1976) eher als ein Abstieg im Niveau. Mit einer antithetischen und antinomischen Konstruktion stellt der Autor alle möglichen Formen des Habens- und Seins-Modus einander gegenüber. Er stützt sich dabei zum ersten auf ein Zitat von Marx, das lautet: „Je weniger du bist, je weniger du dein Leben äußerst, um so mehr hast du, um so größer ist dein entäußertes Leben“. Dies paßt zweitens zu Meister Eckharts Worten: „Das ist ein armer Mensch, der nicht will und nichts weiß und nichts hat.“ Wer sein Leben vom Haben her bestimmt, wird leerer, entfremdeter, gieriger, ängstlicher, süchtiger und bedeutungsloser, da er nur als Prothese außerhalb seiner selbst existiert. Er verpaßt seine ureigensten Potenzen der Vernunft, der Liebe und der Kreativität.

Nach der Beendigung der Arbeit an diesem Buch erlitt Fromm 1977 und 1978 einen zweiten und dritten Herzinfarkt, so daß seine Schaffenskraft deutlich nachließ. Jedoch gab er noch immer bereitwillig Interviews und beschäftigte sich in seiner letzten Arbeit mit Sigmund Freuds Psychoanalyse - Größe und Grenzen (1979). Am 18. März 1980 erlitt er dann einen eher sanften Herztod ohne Anzeichen eines Todeskampfes.


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Wed Mar 14 15:21:56 2001