1 Einleitung, Problem- und Zielstellung

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An Pelargonium zonale `Kleiner Liebling` konnten nach spontaner und induzierter Mutation zahlreiche Varianten ausgelesen und ein umfangreiches Klonsortiment etabliert werden, das eine Vielzahl von Chimären umfasst (POHLHEIM et al. 1972; POHLHEIM & POHLHEIM 1974; POHLHEIM 1978; POHLHEIM & RÖSSEL 1989). Im Mittelpunkt der Untersuchungen dieser Arbeit steht der Klon 5/74/2, der durch abnorme Ploidieverhältnisse in der Epidermis auffällt. Die histologischen Untersuchungen von Sprossspitzenschnitten feststellte jedoch, dass die Polyploidisierung nicht schon im Sprossscheitel, sondern erst bei der Blattentwicklung stattgefunden hat (LIEBAU 1988). Da als Hypothese davon ausgegangen wird, dass es sich bei diesem Klon ebenfalls um eine ungewöhnliche Cytochimäre handeln könnte, wird im Folgenden auf das Klonsortiment, auf die Entstehung von Chimären und von somatischen Variabilität sowie auf die Entmischung näher eingegangen.

1.1 Chimären und ihr Entwicklungsmechanismus

In der Regel ist die genetische Information in allen Zellen und Zellschichten einer Pflanze identisch. Mutationen finden in einzelenden Zellen statt und erfolgt meist nicht in allen Zellen des Sprossscheitels in der Pflanze, sondern nur in einem Teil (oft ist es nur eine Schicht oder ein Sektor). Teilen sich sowohl mutierte als auch unmutierte Zelltypen im meristematischen Gewebe, können sich die ursprünglichen und die veränderten Zellen in unterschiedlichen Schichten oder Sektoren im Scheitel anordnen. Solche intraapikalen Heterohistonten werden als Chimären bezeichnet und es können somit mindestens zwei oder auch drei verschiedene Genotypen in einer Chimäre vereinigt sein (BERGANN & BERGANN 1959; BERGANN 1967).

Der Terminus `Chimäre` wurde als erstes von WINKLER (1907) für Pflanzen benutzt. Er bezeichnete die neue Pflanze, die aus dem Verwachsungsgewebe einer Pfropfung entstand, als Chimäre. BAUR (1909) entwickelte den Begriff der Chimäre durch anatomische Untersuchungen an Pelargonium zonal e (L.) mit zwei neuen Begriffen weiter: Periklinal- und Sektorialchimäre. Bei Periklinalchimären sind die genetischen Veränderungen in mindestens einer bzw. in verschiedenen Schichten des Sprossscheitels zu beobachten (POHLHEIM 1983; 1984). Bei einer Sektorialchimäre ist in der Regel nur ein Sektor aller Sprossscheitelschichten von der genetischen Veränderung betroffen.

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Histologische Untersuchungen weisen darauf hin, dass der Sprossscheitel der meisten dikotylen Pflanzen aus drei unabhängigen Schichten besteht (STEWART & BURK 1970; STEWART & DERMEN 1970; 1975; GIFFORD & CORSON 1971; HOWARD 1978; STEWART 1978; HUALA & SUSSEX 1993) (Abb. 1)

Abb. 1: Schematische Darstellung der Zellschichten im Sprossscheitel (nach GIFFORD & CORSON 1971; HUALA & SUSSEX 1993, modifiziert ). AZ: Apikale Zone; L1 bis L3: Zellschicht 1-3.

Dabei haben die Zellen der apikalen Zone (AZ) eine höhere Initiative (GIFFORD & CORSON 1971; SESSIONS, 2000; FLETCHER, 2002). Die Zellen teilen sich in den äußeren zwei Tunicaschichten (L1, L2, L= Layer) in der Regel antiklin und die Zellen der inneren Corpusschicht (L3) teilen sich sowohl periklin als auch antiklin (BARTON & POETHIG 1993; FLETCHER & MEYEROWITZ 2000).Diese Besonderheit in den Teilungsrichtungen hat zur Folge, dass in den Sprossscheiteln höherer Pflanzen in der Regel drei Zellschichten unabhängig übereinander existieren. Da genetische Änderungen in der Regel Ein-Zell-Akte sind, bleiben sie primär auf eine Zellschicht, L1, L2 oder L3, beschränkt (POHLHEIM, 2003).

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Die erste Schicht (L1) bildet in der Regel die Epidermis, die zweite Schicht (L2) die Subepidermis, das Palisadengewebe, Teile des Schwammparenchyms (BURK et al. 1964) und die Gameten (SIMON 2001). Die L3 ist für die Ausbildung des inneren Gewebes, des Schwammparenchyms, des Markgewebes sowie der Stecklingswurzel verantwortlich (BATESON 1916; 1926; BERGANN 1967; POETHIG 1984).

Der Begriff der Meriklinalchimäre wurde von JÖRGENSEN & CRANE (1927) hinzugefügt. Bei einer Meriklinalchimäre begrenzt sich die genetische Veränderung auf einen Bereich einer Sprossscheitelschicht. Eine Meriklinalchimäre ist instabil und entwickelt sich im weiteren Verlauf zu einer Periklinalchimäre oder zu einem Homohistonten.

BERGANN & BERGANN (1962) teilten die Periklinalchimären nach der Anordnung der verschiedenen Genotypen im Sprossscheitel in drei weitere Typen ein: Monektochimären, Diektochimären und Mesochimären. Monektochimären haben eine mutierte äußerste Schicht und zwei unmutierte innere Schichten bzw. umgekehrt. Diektochimären besitzen zwei genetisch gleiche äußere Schichten und eine davon genetisch verschiedene innere Schicht. Bei Mesochimären sind die erste und dritte Scheitelschicht genetisch gleich. Die dazwischen liegende Scheitelschicht ist andersartig. Wenn alle drei Schichten im Sprossscheitel unterschiedlich sind, nennt man das Trichimäre (BERGANN 1961; POHLHEIM 1977). Trichimären sind selten.

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Pflanzliche Chimären können anhand des genetischen Unterschiedes der Zellen klassifiziert werden (TILNEY-BASSETT 1963; 1986; RIEGER et al. 1991; PLASCHIL 1997; HAGEMANN 2000): Artchimären (klassische Pfropfmischlinge), Cytochimären (Unterschiede in der Chromosomenzahl: diploid-tetraploid, euploid, aneuploid, usw.), Plastidenchimären (durch erbliche Plastiden-Unterschiede, z.B. Blattmuster G-W-G: G = grüne normale, W = defekte weiße), Mitochondrienchimären (durch erbliche Mitochondrien-Unterschiede), Anthocyanchimären (durch erbliche Anthocyan-Unterschiede, z. B. Blütenmuster (oder Blattmuster), W-R-R: W = weiß, R = rot). Plastidenchimären und anthocyanchimären lassen sich durch charakteristische Farbverläufe des Blatt- und Blütenmusters erkennen.

Die Ploidiestufen verschiedener Schichten von cytochimärischen Pflanzen lassen sich nicht durch Chromosomenzählung nach der klassischen Quetsch-Methode von Spross- bzw. Wurzelspitzen bestimmen, da nach der Quetschung die Zellen nicht mehr den entsprechenden Sprossscheitelschichten zugeordnet werden können und die Wurzel meist nur der inneren Komponente (L3) entstammt (BATESON 1916). Jedoch können Ploidiemutationen in L3 anhand der Zellen in der Wurzelspitze nachgewiesen werden (DAKER 1967).

Die Bestimmung der Ploidiestufen in verschiedenen Zellschichten von Datura erfolgte bei SATINA et al. (1940) durch den Vergleich der Zellgröße in verschiedenen Scheitelschichten. Die Ploidiestufe in L1- und L2-bürtigen Zellen kann auch durch den Vergleich der Stomata- und Pollengröße indirekte bestimmen (TILNEY-BASSETT 1986). ADANIYA & ARDIAN (1994) schlugen vor, durch die maximale Nukleoluszahl der Stomata und Pollen die Ploidiestufe in L1- und L2-bürtigen Zellen indirekt zu bestimmen. Die Bestimmung der Anzahl von Nukleoli hat einen Vorteil im Vergleich zur Bestimmung der Chromosomenzahl. Da Nukleoli in der Interphase auftreten, lassen sie sich länger beobachten und einfacher in den verschiedenen Zellschichten zählen.

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SATINA et al. (1940) und OLBRICHT (1998) hatten zählbare Chromosomen in histologischen Schnitten von Datura sowie Petunia. ZONNEVELD & IREN (2000) zeigten, dass man mit Hilfe des modernen Verfahrens der Flow Cytometrie unterschiedliche Ploidiestufen in einem Pflanzeorgan (Blattspreite) nachweisen kann. Allerdings lassen sich damit die Ploidiestufen nicht den Zellschichten zuordnen. Deswegen ist es notwendig, Methoden zur direkten Ploidiebestimmung durch Chromosomenzählung anzuwenden. In der vorliegenden Arbeit soll bei Pelargonium zonale `Kleiner Liebling` die Chromosomenzählung bei in Kunststoff eingebetteten histologischen Dauerdünnschnitten daraufhin geprüft werden.

Chimärische Muster können sich durch die Umlagerung von Zellschichten auf drei unterschiedlichen Wegen verändern (BERGANN & BERGANN 1962; POHLHEIM 1986; LIEBAU 1988): Reduplikation (Schichtenverdoppelung von Zellen der äußeren Schicht infolge perikliner Teilung unter gleichzeitiger Verdrängung der Zellen der inneren Schicht), Perforation (Schichtendurchbruch der Zellen der äußeren Schichten und die Zellen der darunter liegenden Schicht treten in das Gewebe ein) und Translokation (Austausch von Zellen der Schichten).

Eine stabile Vermehrung von Chimären ist nur auf vegetativem Weg z.B. durch Stecklinge oder Tochterzwiebeln möglich (BROERTJES et al. 1968; POHLHEIM 1985; CARPENTER & COEN 1995). Da Gameten in der Regel L2-bürtig sind, repräsentieren generative Nachkommen den Genotyp der L2. Chimären spielen zwar in der generativ vermehrten landwirtschaftlichen Produktion keine Rolle, sie können aber für die Klonzüchtung wie Obst, Kartoffeln eine Rolle spielen. Chimären sind für die Klonzüchtung im Zierpflanzenbau besonders von Bedeutung. So können beispielsweise aus einer Periklinalchimäre, die weiß und grün markiert ist, durch Umlagerungen 2³ unterschiedliche Schichtkonstitutionen entstehen und somit fünf neuartige Periklinalchimären. Darüber hinaus können Chimären zu ihren genetisch unterschiedlichen Komponenten entmischen und Homohistonten mit neuen Merkmalen bilden. Das Entmischungsverhalten der Chimären gilt gleichzeitig als Kriterium des Nachweises von Chimären.

1.2 Ausgangspflanze Pelargonium zonale ‘Kleiner Liebling’ und die aus ihr hervorgegangenen chimärischen Klone

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Pelargonium zonale (L.) L´HERIT. ex. Ait. `Kleiner Liebling` (syn. Pe largonium x hortorum Bailey `Kleiner Liebling`) ist eine locker wachsende Pelargonium-Sorte mit relativ kleinen Blättern von frischer grüner Farbe. Sie ist gut lebensfähig, wenig empfindlich bzw. vegetativ leicht vermehrbar und wächst kontinuierlich das ganze Jahr hindurch (POHLHEIM 1977). Die Pflanzen sind sehr reichblütig und ihre Blüten relativ klein, rot und ungefüllt (DE GRAF 1968) und werden als Zierpflanzen kultiviert. Es gelang bisher nicht, einen Hinweis zur Entstehung der Sorte `Kleiner Liebling` zu finden. Jedoch deutet der deutsche Sortename auf eine Entstehung im deutschen Sprachraum hin.

CHITTENDEN (1926; 1927) erwähnte die Sorte `Kleiner Liebling` das erste Mal im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Untersuchungen über Variegationen von Blütenmustern. DAKER (1966; 1967) wies bei der Sorte `Kleiner Liebling` an der mitotischen Phase von Zellen der Wurzel- und Sprossspitzen mehrerer Herkünfte nach, dass die Sorte haploid mit 9 Chromosomen in den somatischen Zellen ist. Gleichzeitig ist das eine der nachgewiesenen Chromosomengrundzahlen der Gattung Pelargonium. Die haploide Sorte `Kleiner Liebling` ist steril. Diese Sterilität beruht nicht ausschließlich auf der vorliegenden Haploidie. Offenbar haben sich in der Klongeschichte genetisch bedingte Meiosestörungen angereichert und verhindern die Pollenbildung (DAKER 1967). Auf Grund der vorliegenden Sterilität sind Selbstungen oder Kreuzungen mit dieser Sorte auch nach Diploidisierung nicht möglich. Eine genetische Analyse dieser Variante konnte deshalb bis in die heutige Zeit nicht durchgeführt werden. Seit ihrer Entstehung wurde diese Sorte ausschließlich vegetativ vermehrt.

Der Sprossscheitel von Pelargonium zonale besteht wie bei den meisten Dikotylen aus drei Schichten (BAUR 1909; BERGANN 1967; TILNEY-BASSETT 1986). Die Sorte `Kleiner Liebling` besitzt drei genetisch grüne haploide Zellschichten im Sprossscheitel. Bei der Blattentwicklung wird aus den Abkömmlingen der Zellen der L1 die Epidermis gebildet, aus Abkömmlingen der Zellen von L2 die Palisadenschicht, das untere Schwammparenchym, sowie Mesophyll des Blattrandes und aus Abkömmlingen der Zellen der L3 das restliche Innengewebe (VON GUTTENBERG 1960; LIEBAU 1988) sowie die Stecklingswurzeln.

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Die haploide Sorte `Kleiner Liebling` hat den Vorteil, dass nach Behandlung mit einem Mutagen rezessive Mutationen nicht durch dominante Allele bei der Merkmalausbildung kompensiert werden können (POHLHEIM 1978). Man kann unmittelbar verfolgen, wie sich die Abkömmlinge einer entsprechend mutierten Zelle in der weiteren Entwicklung verhalten. Somit ist die Sorte als Modellpflanze für Mutationsversuche gut geeignet.

Seit längerer Zeit wurden bei Mutagenitätstests vor allem niedere Organismen, tierische und menschliche Zellen eingesetzt. Um diese Lücke zu schließen, führte POHLHEIM (1978) an haploiden Pflanzen von Pelargonium zonale `Kleiner Liebling` ein umfangreiches Mutationsexperiment mit Bestrahlung und Chemikalien durch. Die Kloneltern ‚Kleiner Liebling’, die für die Untersuchungen zur Verfügung standen, erhielt Prof. BERGANN 1968 aus den Royal Botanic Gardens Kew (POHLHEIM 1978). Durch die mehrjährigen Arbeiten in Potsdam und Berlin (POHLHEIM et al. 1972; POHLHEIM & POHLHEIM 1974; POHLHEIM 1978; POHLHEIM & RÖSSEL 1989)steht hervor gegangen aus Pelargonium zonale `Kleiner Liebling` eine umfangreiche Sammlung von heterohistischen Sprossvarianten für vergleichende Untersuchungen zur Verfügung. In Abbildung 2 wird die Entstehung einiger Varianten dieser Sammlung, die für die vorliegende Arbeit eine Rolle spielen, schematisch dargestellt.

So entstanden an `Kleiner Liebling` durch Chlorophylldefektmutation chimärische Laubblattmuster: Weißrandmuster GWG (L1- und L3-bürtige Zellen sind grün, L2-bürtige Zellen weiß), Weißkernmuster GGW (L1- und L2-bürtige Zellen sind grün, L3-bürtige Zellen weiß). Chimärisch bedingte Blütenfarbmuster entstanden durch Anthocyan-defektmutation: beispielsweise W*RR (L1-bürtige Zellen sind anthocyandefekt, L2-bürtige und L3-bürtige Zellen anthocyanintakt). Die letztgenannte Variante wurde als `Rosa Liebling` (RL) benannt. Eine weitere Variante mit andersartiger Anthocyandefektmutation ohne Musterbildung wurde als `Weißer Liebling` (WL) bezeichnet.

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Neben Chlorophyll- und Anthocyandefektmutationen traten auch Veränderungen der Ploidiestufe im Sortiment von `Kleiner Liebling` auf. Es liegen die Ploidiechimären DHH (L1-bürtige Zellen sind diploid, L2- und L3-bürtige Zellen haploid), HDD (haploid-diploid-diploid) und OTT (oktoploid-tetraploid-tetraploid) sowie die Homohistonten DDD (diploid) und TTT (tetraploid) vor.

Nach Bestrahlung von Pelargonium zonale `Kleiner Liebling` entstand der Klon 5/74 mit weißem Laubblattbinnenfeld. An Klon 5/74 trat ein Sport auf, der gekräuselte Blätter aber ebenfalls das weiße Binnenfeld hatte. Dieser Sport konnte als Klon etabliert werden und wurde als Klon 5/74/1 benannt. Daraus bildete sich eine Form mit völlig grünem Blatt aber nach wie vor gekräuselten Epidermis, die als Klon aufgebaut werden konnte und mit 5/74/2 bezeichnet wurde (Abb. 2). LIEBAU (1988) fand heraus, dass die Epidermis von Klon 5/74/2 in ihren Zellgrößen weit über dem Maß der ursprünglich haploiden Zellgröße liegt. Es wurde angenommen, dass es sich bei Klon 5/74/2 um eine Cytochimäre folgender Konstitution handelt: polyploid, haploid, haploid. Jedoch wurden bei histologischen Untersuchungen am Sprossscheitel haploide Zellen in L1 festgestellt. Daraus wurde geschlossen, dass die Polyploidisierung der Epidermiszellen von Klon 5/74/2 nicht schon im Sprossscheitel, sondern erst bei der Blattentwicklung beginn (LIEBAU, 1988).Auffallend war dabei, dass die Vergrößerung der Zellen der Epidermis nicht einheitlich ist, wie es von einer normalen Ploidiemutation (auch bei Pelargonium zonale) zu erwarten ist. Das heißt, dass möglicherweise somatische Variabilität in diesem Zellklon auftritt.

Ziel der Arbeit ist es, dies vermutete somatische Variabilität in der Epidermis von Klon 5/74/2 naher zu charakterisieren. Fermer ist festzustellt, ob es sich bei 5/74/2 um eine Ploidiechimäre handelt und ob sie sich z. B. über die in vitro-Kultur entmischen lässt.

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Sind einzelne Sprossscheitelschichten unterschiedlich und wenn möglich mehrfach markiert, kann man die daraus entstehenden Gewebe den Schichten relativ einfach zuordnen. Entstehen durch spontane oder induzierte Entmischung Homohistonten, kann man auch diese aufgrund ihrer Merkmale dem Genotyp einer entsprechenden Sprossscheitelschicht der ursprünglichen Chimäre zuweisen.

An Klonen mit markierten Geweben (in der vorliegenden Arbeit wurden die Klone `Weißer Liebling`, DHH, GWG, WRR und `Mrs. Pollock` GWG und GGW genutzt) können Untersuchungen zur Regeneration der kompetenten Zellschichten in der in vitro-Kultur durchgeführt werden, da sich die Regenerate eindeutig den Geweben des Ausgangsexplantates zuordnen lassen. Bisher wurde in der Literatur beschrieben (CASSELS & MINAS 1983), dass Pelargonium zonale hauptsächlich aus subepidermalem Gewebe regeneriert. Sind L1-, L2- und L3-bürtige Gewebe genetisch verschieden, lässt sich der Regenerationsort bestimmen. Bei der Nutzung von ploidiemarkierten Chimären können allerdings Schwierigkeiten der Zuordnung auftreten, da in der in vitro-Kultur Polyploidisierung von Zellen auftreten kann (BENNICI 1974). Auf die Problematik der in vitro-Kultur bei Pelargonium als solches wird im Kapitel 1.3 eingegangen.

Abb. 2: Übersicht über die Entwicklung verschiedener Klone aus Pelargonium zonale `Kleiner Liebling` (nach Pohlheim 1978; Liebau 1988; Rössel 1990; Späth 2000).

1.3 In vitro-Kultur bei Pelargonium zonale

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Die in vitro-Kultur ist eine Methode, mit der isolierte Pflanzenteile (Explantate) außerhalb des intakten pflanzlichen Organismus auf oder in einem geeigneten Nährmedium kultiviert werden. Das Medium übernimmt dabei die Funktion der ursprünglich in der Pflanze benachbart liegenden Zellen, Gewebe und Leitbündel. Dabei kann man die Bedingungen des Wachstums optimieren, die Generationsdauer verkürzen und die Arbeitsleistung erhöhen. Für eine Primär-Kalluskultur eignet sich am besten Gewebe mit einem hohen Anteil parenchymatischer und /oder meristematischer Zellen (NEUMANN 1995).

Für Pelargonium wurden in vitro-Kulturverfahren mit Geweben von jüngeren Pflanzen (meistens Sämlingen) schon vielfach beschrieben (BENNICI et al. 1968; BENNICI 1974; KAMEYA 1975; MARSOLAIS et al. 1991; CASSELLS et al. 1995; HUTCHINSON & SAXENA 1996b; KRISHNARAJ et al. 1997; MURTHY et al. 1999; MITHILA et al. 2001). Jedoch gibt es genotypabhängige Probleme, adulte Gewebe von Pelargonium zonale in der in vitro-Kultur zu regenerieren, da adulte Gewebe phenolähnliche metabolische Substanzen (Hauptkomponenten sind Quercetin, Proanthocyanidine und Ellagitannine) enthalten. Sie können mit mehreren Chemikalien des Nährmediums eine schwarze, toxische Phenolverbindungen bilden und diese in das Medium ausscheiden (ANONYMOUS 1978; PIERIK 1989; BAUER 1993; RASAI et al. 1995). Diese Phenolverbindungen schädigen die isolierten Gewebe und verhindern die Kallusinduktion. Es gab Versuche mit verschiedenen Methoden, solche Ausscheidungen zu beseitigen (BAJAJ 1991; JORDAN et al. 1991; BRIDG 1993). Dabei ist das wiederholte Umsetzen der Explantate einfach anzuwenden, jedoch ist es sehr zeit- und materialaufwendig (NEUMANN 1995). Deswegen erweist es sich als notwendig, Verfahren zur Optimierung der Kulturbedingungen zu entwickeln, um hohe Regenerationsraten zuverlässig erzielen zu können.

Die meistens benutzten Wachstumsregulatoren zur Induktion von Kallus und zur Regeneration aus den Geweben von Pelargonium zonale sind IAA, NAA, 2,4-D und BAP sowie TDZ (BENNICI 1990; MARSOLAIS et al. 1991; MURTHY et al. 1996; MITHILA et al. 2001). BENNICI (1974) regenierte Adventivpflanzen aus Petalgeweben von Pelargonium zonale `Kleiner Liebling` auf einem MS-Medium mit NAA und Kinetin. Mehrere Autoren berichteten über die Induktion von somatischer Embryogenese durch TDZ bei Pelargonium zonale (VISSER et al. 1992; HUTCHINSON & SAXENA 1996a; MURTHY et al. 1996; HUTCHINSON et al. 1997; MITHILA et al. 2001). Aber die Wirkung von TDZ auf Explantate adulter Pflanzen wurde bisher nur an Pelargonium peltatum-Hybriden (ROBICHON 1997) und in wenigen Fällen an Pelargonium zonale untersucht (CROKE & CASSELLS 1997), wobei in beiden Berichten keine quantitativen Ergebnisse zur Regeneration dargestellt wurden (HÄNSCH 2001). Ursprünglich wurde TDZ als eine Substanz zum Entblättern bei Baumwolle benutzt. MOK et al. (1982) fanden die Cytokininaktivität von TDZ. VISSER et al. (1992) beobachteten, dass IAA und BAP im Gegensatz zu TDZ keine Wirkung auf die Kallusinduktion vom Pelargonium-Gewebe zeigen, wenn sie allein angewandt werden. MITHILA et al. (2003) beobachteten, dass eine niedrige Konzentration von TDZ die Sprossorgane induziert, während eine hohe Konzentration somatische Embryogenese auslöst. Der Mechanismus der Funktion von TDZ ist noch unklar.

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Daher ist es ein weiteres Ziel der Arbeit, verbesserte Protokolle für die in vitro-Regeneration von Pflanzen aus Kallus bei Pelargonium zonale zu entwickeln. Der Effekt verschiedener Maßnahmen gegen die Phenolbildung bzw. -akkumulation soll geprüft werden. Desweiteren wird der Einfluss unterschiedlicher Kombinationen von Wachstums-regulatoren auf die Kallusentwicklung getestet.

1.4 Fragstellungen

Anhand der Untersuchungen sollen die folgenden Fragen beantwortet werden:

  1. Wie verhalten sich die Zellen der L1-bürtigen Epidermis und wodurch entsteht die somatische Variabilität in der Epidermis des chimärischen Klons 5/74/2?
  2. Welcher Zusammenhang besteht zwischen der somatischen Variabilität der Epidermis und dem Phänotyp (morphologische Besonderheit) von Klon 5/74/2?
  3. Lassen sich Sprossvariation (Entmischung) zur L1- oder Innenkomponente von Klon 5/74/2 in den Scheiteln beobachten und welche Eigenschaften zeigen diese?
  4. Können variierende Zellen der Epidermis von Klon 5/74/2 durch in vitro-Kultur getrennt und zu Homohistonten regeneriert werden?
  5. Welche Zellen sind bei Pelargonium zonale kompetent für die Kallusinduktion und Regeneration?
  6. Wie kann die Methode zur in vitro-Regeneration aus adulten Geweben von Pelargonium zonale verbessert werden?


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21.10.2005