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1.  Einleitung

Obwohl Poesiemaschinen heute hauptsächlich für den Computer vorliegen, ist die Geschichte von Textgeneratoren nicht auf dieses Medium beschränkt. Schon früh wurde der Versuch unternommen, das religiöse oder literarische Schreiben algorithmisch zu fassen und so mechanisch reproduzierbar zu machen. 1 Bereits die Rhetoriken und Poetiken eines Aristoteles oder Cicero können als Schritte in diese Richtung verstanden werden. Umgekehrt ist jedes Computerprogramm in eine Papiermaschine zurückzuverwandeln. 2 Die Untersuchung verfolgt die Entwicklung des maschinellen Umgangs mit Text und zeigt, in welcher Form die verschiedenen Ansätze aus einander hervorgehen. Gleichzeitig wird der phantasmatische und technologische Hintergrund beschrieben, der ihre Richtung bestimmt. Im Zentrum steht die Frage nach den Techniken der automatischen Erzeugung von Text, möglichen Paradigmen und realen maschinellen Tropen in einer Entwicklung, die an der Implementierung und damit Ablösung des Autors arbeitet. Vermieden werden sollen zwei populäre, einander entgegengesetzte Standpunkte: auf der einen Seite der Glaube, der Einzelne sei durch die Maschine vollständig imitierbar und daher letztlich ersetzbar, auf der anderen die Hoffnung, es könne aus dem Computer eine neue, und gerade als technologische besonders wertvolle Äußerung entwickelt werden. Die vorliegende Arbeit vermeidet die Aporien beider Standpunkte. Sie geht nicht davon aus, daß die Ära des Subjektes insgesamt überwunden ist, weder weil es ersetzbar geworden wäre, noch weil die Maschine eine höhere oder interessantere Intelligenz verkörpert. Auch wenn der Autor durch einen Algorithmus implementiert wird, hat dieser Algorithmus selbst einen Autor.


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Die Untersuchung erfolgt achronologisch, indem Geschichte nicht als aufwärtsgerichteter Pfeil akkumulierter Erfahrung betrachtet wird. Konzepte und Entdeckungen werden vielmehr verworfen, ignoriert, vergessen und zumindest bisher zuweilen wiederentdeckt. Im Bereich der Textgenerierung weisen die letzten Jahrzehnte mit der Dominanz von Expertensystemen als einzigem kommerziell verwertbaren Ergebnis der AI jedenfalls hinsichtlich Inspiriertheit, Forschungsdrang und resultierenden Ansätzen einen deutlichen Rückschritt auf. Die Arbeit skizziert eine fiktive Entwicklung, in der sich komplexere Systeme aus den Beschränkungen einfacherer entwickeln, und greift jeweils mit einiger Freiheit diejenigen Beispiele heraus, die die Konzepte inklusive ihrer Limitationen am besten illustrieren.

Die Vorgehensweise schlägt sich auch in der Verwendung der historischen Quellen nieder. Da sich das Programm Eliza (1967) explizit auf das Musical My Fair Lady (1956) bezieht, einer Vertonung von Shaws Pygmalion (1916), einer Neufassung des klassischen Pygmalion-Stoffes von Ovid (etwa 8 n. Chr), kulminiert bei Weizenbaum 1967 eine historische Entwicklung von etwa 2000 Jahren. Die Arbeit erhebt nicht den Anspruch, diesen Zeitspannen historisch gerecht zu werden. Sie steht vielmehr auf dem Standpunkt der Gegenwart und nimmt Vergangenes nur dann in den Blick, wenn sich die untersuchten Programme der Periode von 1960 bis 1980 explizit darauf beziehen. Auch Texte klassischer Philosophen wie Kant und Hegel werden nicht als historische Vorläufer betrachtet, sondern nutzbar gemacht, um die Strukturen der vorliegenden Programme und die Aporien der ihnen zugrundeliegenden Ansätze zu explizieren. Ihre Texte schildern in bewundernswerter Klarheit Logiken, die aufgrund ihrer den Reichtum des Besonderen enthaltenden Allgemeinheit Anwendung auf heutige Probleme finden können und sollten.

Seit den ersten Entwürfen von Computern in den 1930er Jahren besteht eine anhaltende Faszination an anthropomorphen Paradigmen, die weitgehend die Richtung bestimmt, in die der Rechner sich entwickeln soll. Die Tendenz zeigt sich bereits auf der Ebene der Benennung der Hardware, deren Einzelteile [Seite 9↓]als „Memory“, „Reading-/ Writing-Head“, „Master/ Slave“ oder „Server/ Client“ bezeichnet werden. Der Computer soll alles imitieren, was Menschen können. Die Konstruktion einer Maschine „nach unserem Bilde“ gliedert sich in drei Hauptstränge, die sich lose der klassischen Dreiteilung des Subjektes in Körper, Seele und Geist assoziieren lassen: Sie soll sich intelligent und orientiert bewegen (verfolgt durch die Robotics seit Grey Walters Elmer/Elsie 1949 3 und Shannons Theseus 1952, der labyrinthelösenden Maus 4 ), sie soll wahrnehmen können wie wir (Mustererkennung, Videotracking und Spracherkennung seit Frank Rosenblatts Perceptron 1960 5 ) und sie soll denken (betrieben durch die sogenannte „Artificial Intelligence“-Forschung (im Folgenden „AI“) seit dem Logic Theorist von Alan Newell, Herbert Simon und J.C. Shaw 1955 6 ). Sichtbar ist das Paradigma auch daran, daß der Computer, wenn er dem Benutzer bildlich entgegentritt, zumeist als „Avatar“ repräsentiert wird - als grimassierendes und sprechendes Männchen. 7 Hier scheint es nicht darum zu tun zu sein, einen Menschen in einer Kiste zu verbergen wie bei Baron von Kempelens Schachspieler von 1769 8 , der die Illusion einer Maschine erzeugt, die in der Maskerade eines Türken schachspielt, sondern umgekehrt darum, die Kiste in einem Menschen zu verstecken und ihr durch ein getürktes Antlitz den Schrecken des Mechanischen zu nehmen. Im ersten Fall besteht der Sinn der Konstruktion darin, die Mechanik durch die Implantation eines Subjektes für den Beobachter zu intelligenter Handlung zu befähigen, im zweiten, die abstoßende Mechanizität der Maschine durch die humane Verkleidung und vermeintlich intuitive Bedienung zu mildern. Während die ersten beiden Projekte [Seite 10↓]verhältnismäßig schnell in mindestens pragmatisch befriedigender Weise gelöst wurden, steht eine Lösung des dritten bis heute aus. AI gilt zu Unrecht 9 als gescheitert und fristet in der unspektakulären Form der Expertensysteme ein trauriges Dasein. Der Ehrgeiz früherer Jahrzehnte scheint heute verblaßt.

Für die anhaltende Faszination an Anthropomorphismen innerhalb der Entwicklungsgeschichte der Computer gibt es mehrere Gründe. Seit seinen Anfängen verbindet sich mit ihm die Hoffnung auf Objektivität. Bereits die Antike vertraute auf Stimmen, die aus keinem menschlichen Mund sprachen und realisierte so auf rein analogem Wege erste Textgeneratoren, beispielsweise die Korkyräische Peitsche des Zeus-Orakels in Dodona, die auf das fünfte vorchristliche Jahrhundert datiert wird. Hier hält die Statue eines Knaben eine Peitsche in einen Bronzekessel und versetzt ihn so je nach Windverhältnissen in Schwingung. Es handelt sich um eine einfache Metapher auf die Sprechwerkzeuge: die Zunge, den Resonanzraum des Mundes und den Atem, der alles in Bewegung setzt. 10 Aber auch die Moderne ist fasziniert von einem Objektivitätsbegriff, wie er simpler und undialektischer nicht gedacht werden könnte: als einfache Durchstreichung des Subjektes. Günther Anders berichtet von General McArthur, er habe die Entscheidung über den Korea-Konflikt 1950, der den Einsatz nuklearer Waffen hätte einschließen können, einem [Seite 11↓]Computerprogramm überlassen, das den Kriegseintritt glücklicherweise als „Verlustgeschäft“ beurteilte. 11

Ein weiterer Grund besteht in der Hoffnung auf Unsterblichkeit, zumindest geistige. Gelänge es, die Funktionen und Strukturen des Gehirns zu formalisieren und in einem zweiten Schritt, sie auf die Maschine zu übertragen, so wären sie reproduzierbar und damit ewig. Diese Hoffnung scheint auch in Abhandlungen seriöser Wissenschaftler gerade des nordamerikanischen Kontinents immer wieder auf, wenn sie nicht sogar als beinahe erreichtes Endziel der Computerentwicklung plakativ proklamiert wird, wie beispielsweise in den „theoretischen“ Texten des Synthesizerherstellers Raymond Kurzweil 12 .

Außerdem fällt auf, daß das genannte Paradigma von seinen frühen Anfängen bis heute von einer eigentümlichen Geschlechterdifferenz durchzogen ist. Im Pygmalion Ovids 13 , dem Gründungsmythos der Zunft, kreiert ein Bildhauer die Statue einer Frau nach seinem Idealbild und verliebt sich folgerichtig in sie. Es handelt sich um eine eng mit dem medientheoretisch als Servomechanismus interpretierten 14 Mythos von Narziß verwandte Geschichte. Beide Male verliebt sich der Protagonist tragisch in sich selbst als etwas Anderes. Eine reale und radikale Durchführung dieses Projektes findet sich im Versuch des Malers Oskar Kokoschka, seine verflossene Geliebte Alma Mahler 1918 von der Puppenmacherin Hermine Moos aus Stoff, Pelz und Holzwolle nachkonstruieren zu lassen. 15


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Auch der Turing-Test, dessen erste Implementierung Eliza versucht und der immer wieder falsch dargestellt wird, bezieht die Geschlechterdifferenz an entscheidender Stelle ein. Turing schlägt ihn 1950 16 als Ersatz für die Frage vor, ob Maschinen denken können. Ein Fragesteller unterhält sich über Fernschreiber mit zwei Personen verschiedenen Geschlechts und soll nur anhand dessen die sexuelle Identität seiner Gesprächspartner bestimmen. Dabei soll die weibliche Seite versuchen, ihm bei der Identifizierung zu helfen, der Mann, ihn zu täuschen. Er soll also eine Frau simulieren. Die neue Frage ist nun: „What will happen when a machine takes the part of A [des Mannes, Anm. D. L.] in this game?“ Nicht ein Mensch allgemein soll von einem Computer unterschieden werden, sondern der Interrogator soll eine Frau von einer Maschine unterscheiden, die vorgibt, eine ebensolche zu sein. Der ironische Beweis ex negativo äußert den schwerwiegenden Verdacht, daß das Verständnis, das die männliche Seite von der weiblichen hat, jenes nicht übersteigt, das einer Maschine einprogrammiert werden kann, und sagt viel über die mindestens durch den Homosexuellen Turing erlebte Tiefe der Kluft zwischen den Geschlechtern. Beide Begriffe bleiben an der Oberfläche, so die Behauptung. Diese unterstützt auch Weizenbaum, wenn er äußert: „In such cases the machine is no more handicapped than I am, being a man, in trying to understand, say, female jealousy.“ 17 Wird die Differenz als fundamental akzeptiert, kommen weitere Determinanten des Charakters wie Kultur, Alter oder Beruf in den Blick und zersplittern das zu Simulierende in viele einzelne Wesenheiten. Den einen Geist, und damit die eine Sprache des Subjektes, gibt es nicht.

Die angesprochenen Disziplinen versuchen, das Denken - im Fall der „Character-Animation“ auf Ebene der Emotionen, in der AI auf der des Verstandes - zu simulieren. Das Projekt stößt auf dieselben unlösbaren Aporien, [Seite 13↓]die die Philosophie des Geistes seit der Antike beschäftigen. 18 Während die Modellierung der Flugbahn einer Rakete zwar mathematisch aufwendig, aber aufgrund der Wirklichkeit, Beobachtbarkeit und Meßbarkeit des Objektes verhältnismäßig einfach zu realisieren ist, handelt es sich in diesem Fall um eine nicht existente Entität. Die Enzyklopädie Hegels bestimmt den Geist als „absolute Negativität“ und sein Verhältnis zu seinem eigenen Dasein folglich als „unendlichen Schmerz“ 19 , was wesentlich weniger (und gleichzeitig viel mehr) ist als Nichts.

Lediglich zwei seiner Manifestationen sind der Beobachtung zugänglich. Auf der einen Seite seine Äußerungen: das Verhalten des Subjektes, seine Mimik und Gestik, und seine sprachlichen Akte. Auf der anderen Seite ist auch die materielle Basis des Geistes greifbar, das Gehirn und seine Neuronen. Bei allen diesen Repräsentationen tritt jedoch eine allgemeine Dialektik von Wesen und Erscheinung in Kraft. Das Wesen selbst ist ausschließlich in seiner Erscheinung zugänglich. Sie ist ihm also wesenhaft. Sie ist aber gleichzeitig nicht mit ihm identisch, was die Möglichkeit des Betrugs, der täuschenden Erscheinung, einführt. Das Gesicht ist ebenso Spiegel der Seele wie ihre raffinierteste Maske. Zudem hängt die Qualität der Repräsentation ab von der Eignung des Materials, in dem sich der Geist darstellt. Ähnliches gilt für Handlungen und Sprache. Sie können ihn offenbaren, müssen es aber nicht. Er ist aus allen seinen Erscheinungen in sich reflektiert 20 und allenfalls im [Seite 14↓]Rückschluß zu rekonstruieren. Dieser ist aufgrund des ambivalenten Verhältnisses zu den Manifestationen so trügerisch wie diese selbst.

Im Fall der physikalischen Gesetze als Innerem der Erscheinung ist die Ableitung einfach, da sie bloß eine Formel konstruieren muß, die beispielsweise Kraft in Geschwindigkeit überführt, also zwei Quantitäten in Verhältnis setzt. Bei den Gehirnfunktionen ist hingegen völlig unklar, von welchem Typ die Elemente sind, auf die geschlossen werden soll. Liegen sie auf neuronal-elektrischer Ebene? Sind sie symbolisch, also Worte? Imaginär? Handelt es sich um Quantitäten oder um Qualitäten?

Den Bereich der Wissenschaften, die sich mit den Äußerungen des Geistes beschäftigen, unterzieht Hegel bereits 1807 einer gründlichen Untersuchung. Nacheinander analysiert er Astrologie, Chiromantie, Graphologie, und Physiognomik, um schließlich über die „höchste“ dieser Wissenschaften, die Schädellehre, abfällig zu äußern, daß ihre Beobachtungen „dem Inhalte nach [...] nicht von denen abweichen [können]: ‚Es regnet allemal, wenn wir Jahrmarkt haben‘, sagt der Krämer; ‚und auch allemal, wenn ich Wäsche trockne‘, sagt die Hausfrau.“ 21 Sein Urteil lautet schließlich: „Die bei der Physiognomik erwähnte Erwiderung eines solchen Urteils durch die Ohrfeige bringt zunächst die weichen Teile aus Ansehen und Lage und erweist nur, daß diese kein wahres Ansich, nicht die Wirklichkeit des Geistes sind; - hier [bei der Schädellehre] müßte die Erwiderung eigentlich soweit gehen, einem, der so urteilt, den Schädel einzuschlagen, und gerade so greiflich, als seine Weisheit ist, zu erweisen, daß ein Knochen für den Menschen nichts an sich, viel weniger seine wahre Wirklichkeit ist.“ 22

Auch die Untersuchung der Gehirnstrukturen führt in fundamentale Probleme. Hier können drei Methoden unterschieden werden. Die gröbste besteht zunächst darin, sie an Toten zu analysieren oder die Reizweiterleitung [Seite 15↓]an Fröschen oder anderen Tieren zu beobachten. Die Detailuntersuchung der Neuronen scheitert aber an der unüberbrückbaren Kluft zwischen strukturellen, chemischen oder elektrischen Beschreibungen und der Ebene des Symbolischen. 23 Ihre algorithmische Formalisierung durch McCulloch und Pitts 24 in den frühen1940ern führte zwar zu einem neuen Zweig der AI, der sich in der Folge mit neuronalen Netzwerken beschäftigte. Der Ansatz überschritt jedoch nie die Grenze zum Symbolischen, sondern wurde hauptsächlich zu Zwecken der Mustererkennung eingesetzt. Er nähert sich der Welt der Zeichen einzig in der Optical Character Recognition (OCR), ohne jedoch mehr zu erreichen als die Übersetzung bildlicher Information in Buchstaben. Eine zweite Möglichkeit eröffnet das Elektroencephalogramm (EEG), erfunden von Hans Berger 1928 25 : Es repräsentiert die Spannungsschwankungen verschiedener Schädelregionen in der Zeit. Dadurch läßt sich zwar ihre Aktivität feststellen, nicht aber deren Inhalt. Ähnliches gilt schließlich für die derzeit wohl avancierteste Methode, die Funktionale Magnetresonanztomographie (FMRT). Ergebnis dieser Beobachtungsform sind Aktivitätskarten 26 , die den Sauerstoffanteil in den verschiedenen Gehirnarealen anzeigen, also wiederum nur den quantitativen Grad einer geistigen Tätigkeit.

Der Versuch, das Neuron digital zu simulieren, besiegelt zudem die Geschichte der Strukturanalogien, eine der Hauptfaszinationen der Kybernetik seit Norbert Wieners Cybernetics 27 . Auch wenn hier darauf verzichtet wird, sie zu implementieren, stellen sie eine der beliebtesten Schlußformen des [Seite 16↓]Strukturalismus und Poststrukturalismus seit Roman Jacobson dar. 28 Obwohl bereits früh der Verdacht aufkam, diese Argumentation sei eher der Poesie zuzurechnen als der Logik, bleibt die Annahme bestehen, daß etwas, das auf identische Strukturen zurückgeführt werden kann, dieselben Eigenschaften aufweist bzw. ähnliche Äußerungen produziert. Die Geschichte der neuronalen Netzwerke demonstriert jedoch, daß dies nicht der Fall ist. Obwohl sie in begrenztem Maße „lernfähig“ sind, ist ihr Verhalten weit davon entfernt, Eigenschaften des Hirns zu simulieren. Die symbolische Ebene bleibt unerreichbar, es sei denn, sie wird dreist vorausgesetzt, wie beispielsweise in Freuds Entwurf einer Psychologie von 1895 29 .

Ein weiteres Problem erwächst aus der Universalität der Aufgabe. Nicht der Gedankenhaushalt eines Einzelnen soll simuliert werden, sondern der Geist im Allgemeinen. Diese zutiefst aporetische Forderung kann nur aufgestellt werden durch den Einzug einer strengen Dichotomie, in der das Gehirn allgemeine Verfahrensweisen enthalten soll, die bei jedem Sujekt identisch sind, und sie auf jeweils wechselnde Daten der Außenwelt anwendet. Die Routinen, wie sie beispielsweise die klassische Logik formuliert, kranken aber daran, daß ihre pure Formalität den Übergang in die Inhaltlichkeit vereitelt. Ihre allgemeine Grundlage ist die Tautologie. Es kann nichts abgeleitet werden, was in den Bedingungen nicht bereits enthalten ist. 30


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Auffällig ist schließlich, daß der Intelligenzbegriff innerhalb der AI meist ein Element des Bezugs auf etwas Fremdartiges beinhaltet. So führt Minsky sie auf Neid und Bewunderung für mentale Leistungen zurück. Seine Definition spricht von „mental performances that we admire“. 31 Entsprechende Ansätze finden sich auch bei Turing und Weizenbaum. 32 Fragt man hier weiter, was genau bewundert wird, stößt man nicht auf ein Konzept der Ähnlichkeit, sondern auf die Unbegreiflichkeit des Anderen, und zwar bei allen genannten Autoren. Mit einem „Wie ist der darauf bloß gekommen!“ könnte die Fassungslosigkeit angesichts einer unerwarteten und deshalb als intelligent anerkannten Leistung formuliert werden. Sie darf dabei nur nachvollziehbar scheinen, nicht nachvollziehbar sein. Diese Definition stimmt auffällig mit Kants Begriff von Schönheit überein: „Schönheit ist Form der Zweckmäßigkeit eines Gegenstandes, sofern sie, ohne Vorstellung eines Zwecks, an ihm wahrgenommen wird.“ 33 Sie ist der Anschein von Intelligibilität, der sich nie einlöst, eine ewige Sehnsucht bleibt und so den Blick fesselt. Sie flackert beständig zwischen Verständlichkeit und Unverständlichkeit. Analog läßt sich als intelligent nur bezeichnen, was so geheimnisvoll wie nachvollziehbar ist und es auch bleibt. Der Begriff ist gleichbedeutend mit „noch nicht verstanden“ oder, im Computerzeitalter, mit „noch nicht implementiert“. Intelligenz verlischt exakt im Augenblick ihrer Programmierung. Sie in einen Algorithmus zu fassen ist also ein paradoxes Unterfangen. Was durch ein formales Verfahren gewonnen werden kann, ist lediglich eine Routine, die prinzipiell jeder wohlerzogene Affe ausführen kann. In der Systemadministration unterscheidet man wohl nicht zuletzt deshalb spöttisch [Seite 18↓]zwischen one-, two- und three-banana problems. 34 Der Weg ist vorgezeichnet, er muß nur noch begangen werden. Wo dies allerdings nicht der Fall ist, sondern lediglich verschiedene Elemente vorliegen, die zu einem Zweck kombiniert und gebraucht werden sollen, beispielsweise verschiedene Kisten und Stöcke, um Bananen von der Decke zu angeln, die Art der Anwendung aber nicht feststeht, sondern erst erfunden werden muß, spricht man mit Recht von Intelligenz, auch bei Affen. 35 Wie das Beispiel illustriert, geht es darum, eine Kluft zu überbrücken, um Früchte zu ernten, einen Sprung zu machen, um auf etwas Neues zu kommen. Diese Fähigkeit nennt Kant in der Kritik der Urteilskraft reflektierende Urteilskraft. Ihr Funktionieren beruht auf der Annahme einer Zweckmäßigkeit der Natur, „als ob gleichfalls ein Verstand (wenngleich nicht der unsrige) sie zum Behuf unserer Erkenntnisvermögen [...] gegeben hätte.“ 36 In Schönheit und veritabler Intelligenz scheint diese Zweckmäßigkeit als ein Jenseits des Subjektes auf.

Die von Hans Moravec konstatierte „große Flut“ 37 illustriert das erwähnte Verlöschen in der Implementierung. Wenn immer mehr Bereiche der [Seite 19↓]Produktivität standardisiert, maschinisiert, formalisiert und automatisiert werden, verringert sich zusehends die Anzahl der Tätigkeiten, die noch als intelligent und damit wertschöpfend betrachtet werden. Immer mehr Subjekte, die einst qualifizierte Arbeiter darstellten, werden durch Geräte ersetzt. Dies führt zu einer Degradierung all derer, die nicht Schritt halten können, zu digitalem Lumpenproletariat. Prozesse können jedoch aus prinzipiellen Gründen nie vollständig automatisiert werden. Restfunktionen wie die Eingabe von Daten, das Auswählen von Elementen und die Kontrolle des Gesamtsystems werden weiterhin von Menschen ausgeführt. Die Automatisierung setzt deshalb den Arbeiter zu einer bloßen Eingabeeinheit herab. Die Maschinisierung fand ihren Höhepunkt in der Erfindung des Fließbandverfahrens, in der das erzeugte Gesamtprodukt aufgrund der Parzellierung der Schritte gleichgültig wird. Dieser Grausamkeit wurden jedoch nur die materiell produzierenden Subjekte unterworfen. Die Automatisierung und Digitalisierung gipfelt hingegen in einer globalen Asomnie, in der alle, seien es Architekten, Broker, das Kontrollpersonal eines Atomkraftwerks oder der Autor dieses Textes, der gleichen Situation ausgesetzt sind: allein vor Bildschirm, Maus und Tastatur, und mehr oder weniger fieberhaft dieselben Tätigkeiten der Dateneingabe und -selektion ausführen, kontinuierliches Zeigen und diskretes Schreiben. Die Arbeit wird nicht zusehends abgeschafft, sondern verschiebt sich auf die Übernahme von nicht automatisierbaren Restfunktionalitäten innerhalb des „Information-Processing“ in einer Gleichzeitigkeit von extremster Monotonie und manischer Intensivierung.

Nimmt man mit Moravec eine zukünftige Implementierung von Intelligenz in großem Maßstab an, lassen sich seine poetischen Zukunftsvisionen nicht von der Hand weisen. Die „große Flut“ erzwingt es, wie er schreibt, „that we build Arks as that day nears, and adopt a seafaring life.“ Das bedeutet, sich radikal von Grund und Boden der bisherigen Betätigungen des Geistes zu [Seite 20↓]verabschieden, die Sicherheit und Verläßlichkeit dieser Tradition aufzugeben, nicht, um zu neuen Ufern aufzubrechen, sondern in der Gewißheit, nie mehr Land zu sehen. Die Beschäftigung des Subjektes verschöbe sich mehr und mehr auf inspirierte und vom heutigen Standpunkt aus merkwürdig erscheinende Tätigkeiten. Die Computerisierung erzwänge, über 100 Jahre nach dem Zarathustra Nietzsches, den Übermenschen. 38

Die vorangegangenen Überlegungen zeigten die Vergeblichkeit des Versuchs auf, Intelligenz imitativ zu implementieren. Der Argumentationsstrang führte eher auf Differenz als auf Identität, auf das Fremde und nicht auf das Eigene. Die einzige Möglichkeit im Umgang mit Maschinen besteht deshalb in der konkreten Programmierung von etwas, das noch nicht begriffen, beschrieben und formalisiert ist, in der Arbeit an dem Subjekt fremden und fremd bleibenden Algorithmen, von denen sich erst im Nachhinein feststellen läßt, ob sie zu Ergebnissen führen, die wir bewundern können oder zumindest solchen, die nicht schon im Moment ihrer Entstehung schal geworden sind. Jeder Versuch, hierbei menschliche Fähigkeiten oder die zugrundeliegenden Strukturen zu imitieren, ist vielleicht inspirierend, macht es aber aufgrund der Arbitrarität der Analogiebildung keinen Deut wahrscheinlicher, erhabene Ergebnisse zu erzielen. Weil sie explizit kodiert werden, ist die Bewunderung, die sie erheischen, zudem im selben Moment schon vergangen, da der Algorithmus durch die Implementierung nachvollziehbar wird, mindestens für die, die ihn zu lesen vermögen. Leitend war für meine theoretische wie praktische Arbeit an Textgeneratoren die Vermutung, daß die fundamentale Sprachfremdheit der Maschine eher poetisch zu wenden als auszumerzen ist.


Fußnoten und Endnoten

1 Vgl. Lullus 1596, Harsdörffer 1651, Kuhlmann 1671.

2 Vgl. Turing 1969, S. 91: “Ein Mensch, ausgestattet mit Papier, Bleistift und Radiergummi sowie strikter Disziplin unterworfen, ist in der Tat eine Universalmaschine.”

3 Walter 1950.

4 Shannon 1952.

5 Rosenblatt 1960.

6 Newell, Shaw, Simon 1963.

7 Vgl. Britannica CD 1997(E), “avatar”: “Sanskrit AVATARA (‘descent’), in Hinduism, the incarnation of a deity in human or animal form to counteract some particular evil in the world”. Bekanntestes Beispiel ist vermutlich derzeit das Microsoft Word Helferlein.

8 Vgl. die Schilderung bei Poe 1836.

9 Daß die AI an ihrem eigenen Anspruch gescheitert ist, bedeutet ja noch nicht, daß sie im Licht anderer Ansätze nicht mindestens interessant sein kann. Es wäre jedenfalls falsch, ihren Beitrag zum Paradigmenwechsel weg von anthropomorphistischen Konzepten und in der allgemeineren Frage, was Computer können oder eben nicht können, zu unterschätzen.

10 Vgl. Cook 1902, 5ff.; Strabo 1988, 7.7. Fgmt.3: “Im Tempel stand ein Kupferkessel mit einer darüber gebeugten Menschenfigur, welche eine kupferne Peitsche hielt, ein Weihgeschenk der Korcyräer. Die Peitsche aber war dreifach und kettenartig gegliedert und hatte von ihr herabhängende Klöppel, welche, sobald sie vom Winde bewegt wurden, unaufhörlich an den Kupferkessel schlagend lang fortklingende Töne hervorbrachten, so daß ein die Zeit Abmessender vom Anfange eines Tones bis zu seinem Ende wohl bis 400 zählen konnte.” Zitiert nach Dieterle 1999(E). Vgl. Abb. 1.

11 Anders 1956, S. 59. Wie bei vielen Geschichten von Anders ist die Faktizität dieser Anekdote äußerst ungesichert. Der beste Nachweis zumindest ihres Realismus besteht darin, daß die Geschichte glaubwürdig ist.

12 Kurzweil 2000(E), Z. 133ff.: “But by 2030, we’ll have the means to scan the human brain and re-create its design electronically.”

13 Ovidius 8, Kap. 10, 243ff.

14 Vgl. McLuhan 1964, S. 73ff.: “Diese Ausweitung seiner selbst im Spiegel betäubte seine Sinne, bis er zum Servomechanismus seines eigenen erweiterten und wiederholten Abbilds wurde.”

15 Kokoschka 1971, S.190: “Mir gefiel, wie leicht sie [seine Haushälterin, Anm. D. L.] errötete, doch jetzt dachte ich mit Spannung an die Ankunft der Puppe, für welche ich auch Pariser Unterwäsche und Kleider gekauft hatte.”

16 Turing 1950, 149 f.

17 Weizenbaum 1967, S. 476.

18 Vgl. Platon -387, Kap. 26ff.: “Und nicht wahr, auch das haben wir schon lange gesagt, daß die Seele, wenn sie sich des Leibes bedient, um etwas zu betrachten [...], daß die dann von dem Leibe gezogen wird zu dem, was sich niemals auf gleiche Weise verhält, und dann selbst schwankt und irrt und wie trunken taumelt, weil sie ja eben solches berührt.”

19 Hegel 1830, 313f.

20 Vgl. Hegel 1807, S. 233: “Das Innere ist in dieser Erscheinung wohl sichtbares Unsichtbares, aber ohne an sie geknüpft zu sein; es kann ebensowohl in einer anderen Erscheinung sein, als ein anderes Inneres in derselben Erscheinung sein kann- Lichtenberg sagt daher mit Recht: Gesetzt, der Physiognom haschte den Menschen einmal, so käme es nur auf einen braven Entschluß an, sich wieder auf Jahrtausende unbegreiflich zu machen.”

21 Hegel 1807, S. 236; zusätzlich ebd., S. 224 der Hinweis, die empirische Psychologie müsse doch mindestens zu der Verwunderung gelangen, “daß in dem Geiste, wie in einem Sacke, so vielerlei und solche heterogenen einander zufällige Dinge beisammen sein können.”

22 Hegel 1807, S. 249. Anm. D. L.

23 Vgl. die strenge Scheidung von Realem und Symbolischem bei Weizenbaum 1976, S. 184: “Außerdem ist eine Mikroanalyse der Gehirnfunktionen für ein Verständnis der Denkprozesse so wenig sinnvoll wie eine entsprechende Analyse der einen Computer durchfließenden Impulse für das Verständnis des Programms, das der Computer gerade abarbeitet.”

24 McCulloch, Pitts 1943.

25 Vgl. Kugler, Berger 1966.

26 Vgl. Abb. 2.

27 Wiener 1948.

28 Vgl. bspweise Jacobson 1956.

29 Freud 1895a.

30 Vgl. Hegel 1830, S. 165: “[Es] kann durch solche Schlüsse das Verschiedenste, wie man es nennt, bewiesen werden. Es braucht nur der medius terminus genommen zu werden, aus dem der Übergang auf die verlangte Bestimmung gemacht werden kann. Mit einem anderen medius terminus aber läßt sich etwas anderes bis zum Entgegengesetzten beweisen.” und Hegel 1830, S. 168: “Der Obersatz [setzt] das, was der Schlußsatz sein sollte, selbst voraus [...] als einen somit unmittelbaren Satz. – ‘Alle Menschen sind sterblich, also ist Cajus sterblich’, - ‘alle Metalle sind elektrische Leiter, also auch z. B. das Kupfer’. Um jene Obersätze, die als Alle die unmittelbaren Einzelnen ausdrücken und wesentlich empirische Sätze sein sollen, aussagen zu können, dazu gehört, daß schon vorher die Sätze über den einzelnen Cajus, das einzelne Kupfer für sich als richtig konstatiert sind.”

31 Minsky 1997(E), Z. 32ff.

32 Weizenbaum: “But once a particular program is unmasked, once its inner workings are explained in language sufficiently plain to induce understanding, its magic crumbles away [...] [The observer, Anm. D. L.] moves the program in question from the shelf marked ‘intelligent’ to that reserved for curios.” (1966, S. 36); Turing: “Wenn wir in der Lage sind, sein [des Objektes, Anm. D. L.] Verhalten zu erklären und vorauszusagen, oder wenn ihm kaum ein Plan zu unterliegen scheint, sind wir wenig in Versuchung, Intelligenz dahinter zu vermuten.” (1969, S. 112f.)

33 Kant 1790, B 61.

34 Vgl. The Jargon Dictionary 2000(E), Stichwort “one-banana problem”, Z. 23ff.: “At mainframe shops, where the computers have operators for routine administrivia, the programmers and hardware people tend to look down on the operators and claim that a trained monkey could do their job. It is frequently observed that the incentives that would be offered said monkeys can be used as a scale to describe the difficulty of a task. A one-banana problem is simple; hence, ‘It's only a one-banana job at the most; what's taking them so long?’”

35 Vgl. die Berichte von der preußischen Primatenstation auf Teneriffa in Köhler 1917, zit. nach Brommund 1980, S. 192: “Sultan [ein Schimpanse, Anm. D. L.] hockt zuerst gleichgültig auf der Kiste, dann erhebt er sich, nimmt die beiden Rohre auf, setzt sich wieder auf die Kiste und spielt mit den Rohren achtlos herum. Dabei kommt es zufällig dazu, daß er vor sich in jeder Hand ein Rohr so hält, daß sie in einer Linie liegen; er steckt das dünnere ein wenig in die Öffnung des dickeren, springt auch schon auf ans Gitter und beginnt, eine Banane mit dem Doppelrohr heranzuziehen.”

36 Kant 1790, B XXVII.

37 Moravec 1998b(E), Z. 574ff.: “Advancing computer performance is like water slowly flooding the landscape. A half century ago it began to drown the lowlands, driving out human calculators and record clerks, but leaving most of us dry. Now the flood has reached the foothills, and our outposts there are contemplating retreat. We feel safe on our peaks, but, at the present rate, those too will be submerged within another half century. I propose (Moravec 1998) that we build Arks as that day nears, and adopt a seafaring life! For now, though, we must rely on our representatives in the lowlands to tell us what water is really like.”

38 Vgl. Nietzsche 1885.



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