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10.  Ausblick

Die weitere Entwicklung von Poetry Machine wird folgende Wege einschlagen:

1) Ihre Wissensbasis wird dynamisiert. Im jetzigen Zustand bleiben Netze, nachdem sie einmal aufgebaut wurden, unverändert. Nur das Hinzukommen weiterer Informationen relativiert sie. Es ist wünschenswert, daß Assoziationen sich mit der Zeit wieder abnutzen, wenn keine Wiederholung erfolgt. Das System würde so besser den tagesaktuellen Stand von Langage und Langue repräsentieren, sich entsprechend dynamisch verändern und so die Dialektik von Vergessen und Speichern möglichst weit entfalten.

2) Das Programm sollte die allgemeine Worthäufigkeit in allen bisher eingelesenen Texten dazu verwenden, sie in einem neuen Dokument relativ zu beurteilen. Seltene Elemente oder Verbindungen, falls sie öfters vorkommen, könnten dann höher bewertet werden.

3) Die Software sollte von sich aus eine thematische Entwicklung anstreben, beginnen, sich für bestimmte Inhalte zu interessieren und sich zu ihnen gezielt Informationen beschaffen. Das brächte ein Spiel zwischen Assimilation und Abgrenzung in Gang, in dem dem Benutzer das Programm nicht lediglich als williger Sklave entgegenträte. So entstünden mit der Zeit automatisch assoziative „Rhematiker“, die sich tiefer in bestimmte Thematiken einarbeiten, untereinander kommunizieren und in einem Abstimmungsprozeß herausfinden könnten, wer am kompetentesten ist, die Eingabe zu beantworten.

4) Das derzeitige Display der Poetry Machine liefert eine zweidimensionale Ansicht der semantischen Netze in Realzeit. Benutzer können ihren allmählichen Aufbau verfolgen. Es zeigt jedoch aus Platzgründen stets nur [Seite 159↓]einen winzigen Ausschnitt, nämlich die 300 derzeit am stärksten verbundenen Knoten. Die Darstellung wird in die Dreidimensionalität erweitert, was den Wechsel der Programmiersprache von JAVA zu OpenGL erfordert. Der Benutzer soll interaktiv das gesamte Netzwerk erforschen können. Außerdem werden die Schüsse des Programms visualisiert, um seine Funktionsweise weiter transparent zu machen.

Mit dem Übergang zu Routinen ergeben sich zahlreiche Möglichkeiten, Textgeneratoren zu entwickeln, die die angesprochene Beschränktheit skriptbasierter Programme hinter sich lassen. Sie bewegen sich nicht mehr in Richtung Entropie, sondern reduzieren die Mannigfaltigkeit des vollständigen Rauschens auf relevante Information. Durch die rasche Entwicklung des Internet besteht zum ersten Mal die Möglichkeit, Algorithmen nach außen hin auf den großen Text zu öffnen und so die tatsächliche Sprachverwendung in repräsentativen Mengen beobachten zu können. Die Einengung der anfänglichen Unbestimmtheit auf kontrollierten Zufall („Die Welt wird enger mit jedem Tag“ 350 ) kann in verschiedener Weise erfolgen. Der Bereich dieser Gattung von Textgeneratoren ist weitgehend unerforscht. Zum Schluß bleibt deshalb nur Enzensberger Parole zu wiederholen: „Poesie-Programmierer aller Länder, vereinigt euch!“ 351


Fußnoten und Endnoten

350 Vgl. Kafka 1920, S. 320: “‘Ach’, sagte die Maus, ‘die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.’ - ‘Du mußt nur die Laufrichtung ändern’, sagte die Katze und fraß sie.”

351 Enzensberger 1974, S. 64.



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15.04.2005