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2.  Grammophone auf Gräbern

Daß es möglich ist, das gedankliche Geschehen und dessen sprachlichen Ausdruck perfekt und glaubhaft zu simulieren, ist spätestens seit James Joyces Ulysses klar, einem der ersten Texte, die in extremer Detailliertheit auf über 1000 Seiten den inneren Monolog eines Subjektes rekonstruieren, wahrscheinlich aber schon sehr viel länger. Die Gattung der Autobiographie seit Augustinus genügt diesem Anspruch jedenfalls inhaltlich, wenn auch nicht formal. 39

Mr. Bloom, die Hauptfigur des Romans, bewegt sich über einen Friedhof:

How many! All these here once walked round Dublin. Faithful departed. As you are now so once were we.

Besides how could you remember everybody? Eyes, walk, voice. Well, the voice, yes: gramophone. Have a gramophone in every grave or keep it in the house. After dinner on a Sunday. Put on poor old greatgrandfather Kraahraark! Hellohellohello amawfullyglad kraark awfullygladaseeragain hellohello amarawf kopthsth. Remind you of the voice like the photograph reminds you of the face. Otherwise you couldn't remember the face after fifteen years, say. For instance who? For instance some fellow that died when I was in Wisdom Hely's.

Rtststr! A rattle of pebbles. Wait. Stop.

He looked down intently into a stone crypt. Some animal. Wait. There he goes.

An obese grey rat toddled along the side of the crypt, moving the pebbles. An old stager: greatgrandfather: he knows the ropes. The grey alive crushed itself in under the plinth, wriggled itself in under it. Good hidingplace for treasure. 40

Medien als Grabsteine, aufbewahrtes Leben. In diesem Fall ist noch gesagt, wessen Tod aufgehoben werden soll: greatgrandfather. Die Konserve enthält jedoch immer nur Teilaspekte. Eyes, walk wird gestorben bleiben, auch [Seite 22↓]wenn die Photographie Bilder der Person überliefert. Die erste Illusion, die die Schallplatte produziert, ist die Präsenz des Vergangenen, amawfullyglad. Kraark: Das Rauschen und Knacken der Zeit setzt sich berichtigend über die Lüge. Awfullygladaserragain. Selbstredend kann der Tote so wenig sehen wie sprechen. Der dreiste Wechsel auf das visuelle Feld verstärkt jedoch die Wahrheit des Falschen im Sinne gelungener Illusion. Wie auf den meisten Kommunikationsleitungen fließt hier hauptsächlich hellohellohello - die Überprüfung und Bestätigung, daß der Übertragungskanal offen ist.

Wenn das durch die KI unternommene Projekt unscharf formuliert wird, etwa als „Maschinen [...], die das Verhalten des menschlichen Geistes weitestgehend simulieren“ 41 , kann man dabei an Maschinen denken, die wie der Plattenspieler auf dem Grab einfach Satz für Satz eines feststehenden Textes, dem etwa des Ulysses, reproduzieren. Die Idee ist nicht so abwegig, wie es scheinen mag. Viele Arbeiten der als Designwriting gefeierten Literaturgattung und der Visuellen Poesie beschränken sich in der Nachfolge der Konkreten Poesie des Dadaismus darauf, Texte in typographisch oder multimedial besonderer Weise darzustellen. 42 Unbefriedigend ist der Ansatz aber aus mindestens drei Gründen:

1. Das gewählte Verfahren hat zunächst einen ganz praktischen Nachteil. Bedenkt man, daß Joyce in drei verschiedenen Städten (Triest - Zürich - Paris) insgesamt sieben Jahre an der Simulation von Leopold Bloom gearbeitet hat, zeigt sich die Vorgehensweise in zeitlicher Hinsicht als unökonomisch, insbesondere in Anbetracht der Tatsache, daß ein mindestens scheinbarer Vorteil von Computern darin besteht, Aufgaben automatisch erledigen zu können und so dem Subjekt Zeit zu schenken.


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2. Im Gegensatz zum Geist, der vor allem aufgrund seiner Fähigkeit interessant ist, Neues, jedenfalls aber Unterschiedliches zu produzieren, wiederholt sich die gerade beschriebene Maschine bereits nach einem Durchlauf. Dadurch enttarnt sie sich als Unlebendiges und Unbeseeltes. Sie ist nur Medium und Display der festgelegten Botschaft.

3. Bezieht man als Teil des zu simulierenden Verhaltens auch diejenigen Züge ein, die in Kommunikation mit der Umwelt treten, so wird deutlich, daß es der geschilderten Gerätschaft an der Fähigkeit einer solchen Reaktion mangelt. Der äußere Reiz, der die Gedanken plötzlich in eine andere Richtung lenkt, wird in Joyces Geschichte vielmehr intern repräsentiert, durch das Geräusch und den Anblick des Tiers. Es bildet textimmanent eine zweite Ebene, ein Außen gegenüber dem inneren Fluß der Gedanken, das mit diesen in Wechselwirkung tritt. Auf das reale Erscheinen einer Ratte oder mindestens das Wort reagieren zu können, würde einen beachtlichen Schritt auf dem Weg zu einer Simulation des Geistes darstellen.


Fußnoten und Endnoten

39 Vgl. die klassischen Werke der Gattung Autobiographie, Augustinus 397, Rousseau 1782, Goethe 1812.

40 Joyce 1922, S. 144f. Vgl. als evt. inspirierend Freud 1909, den Fall des “Rattenmannes”, in dem die Angst, der Vater könne im Grab von Ratten verspeist werden, eine zentrale Rolle einnimmt.

41 Turing 1959, S. 10.

42 Vgl. zu Konkreter Poesie Gomringer 1953, zu Designwriting Amerika 2000(E), zu Visueller Poesie ALIRE 1997.



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15.04.2005