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3.  Variablenskripte

Um dem zweiten Problem, dem der Wiederholung, auszuweichen, könnten für jeden Satz Alternativformulierungen ersonnen werden. Per Zufallsentscheidung würde dann in jedem Durchlauf eine der Optionen ausgewählt und so die Wiederkehr des Gleichen aufgeschoben. Der ursprüngliche Text verwandelte sich hierdurch in einen Shifter, der nicht mehr sich selbst bedeutet, sondern auf eine Menge möglicher Elemente verweist. Eines der unzähligen Beispiele von Poesiemaschinen, die über Variablenskripte auf Wortebene operieren, ist der Romance Writer von Nick Sullivan 43 . Literarische Vorläufer sind James Joyces Finnegans Wake von 1939, in dem aber die verschiedenen Lesarten nicht auseinandergehalten, sondern in einem Wort kodiert werden, und Cent mille milliard de poèmes von Raymond Queneau (1961), einem Buch, dessen Seiten in 14 Streifen geschnitten sind, so daß sich die einzelnen Zeilen des Sonetts beliebig miteinander kombinieren lassen.

Das Programm besteht aus dem Skelett einer Geschichte, in dem 20 Variablen angelegt und durch Einklammerung bezeichnet sind, und einer Liste, die für jede von ihnen mögliche Werte angibt. In jedem Durchgang werden sie per Zufall neu initialisiert. Es scheint, als ermögliche die Rekombination der 20 Elemente eine schier unendliche Anzahl verschiedener Geschichten. Diese Illusion weckt auch der Titel des eben erwähnten Vorläufers, Cent mille milliard de poèmes (100.000.000.000.000 - Hunderttausend Milliarden Gedichte), was rechnerisch zutreffend ist, da für die 14 Zeilen des Sonetts jeweils zehn Alternativen angeboten werden - 1014, also 100 Billionen. Entsprechend könnte man behaupten, der Romance Writer sei in der Lage, über 100 Trillionen (genau 162.502.982.561.911.799.808) verschiedene Geschichten zu schreiben. Das Verfahren der Vervielfältigung ist hier die Multiplikation der Optionen, die zu einer [Seite 25↓]Potenzierung führt. 14 Variablen mit jeweils zehn Optionen erzeugen nicht 10 * 14 = 140, sondern 1014 Rekombinationen. Der Grund hierfür liegt in deren Unabhängigkeit.

Im Fall des Rahmens wird die erzielte Varianz durch einen Verlust an Konkretheit bezahlt. Er darf, da er statisch ist und keine Methode bereit steht, auch ihn zu generieren, nur allgemeinste Verknüpfungen enthalten. Der Romance Writer vertraut hier, um Spannung zu erzeugen, auf die binären Schemata von Erwartung und Erfüllung (im Programmskript die Zeilen s2 - s9), Enttäuschung und froher Überraschung (s5 - s7) und Reiz - Reaktion (s6 - s7).

Die Variable selbst bezeichnet die allgemeine Gattung, die verschiedenen Elemente sind metonymische Konkretisierungen. Meist werden nur Eigennamen eingesetzt, nebensächliche Eigenschaften wie Farben ausgetauscht oder Synonyme verwendet. Die Variable [heroine] ist ein typischer Fall. Ob sie nun „Mindy West, Student Nurse“ (p3) oder „the terrified Violetta“ (p10) heißt, macht nicht wirklich einen Unterschied. Sind die Eigenschaften unbedeutend, führen sie aber nicht zu grundsätzlich anderen Geschichten. Der Autor ist deshalb gezwungen, die Variablen so stark wie möglich inhaltlich anzureichern, um wirklich Varianz zu schaffen. Je bestimmter aber die gewählten Instanzen sind, desto wahrscheinlicher werden störende Kollisionen. „Software magnate Bill Gates“ (p5) als [hero] verträgt sich beispielsweise schlecht mit „nervously adjusting his artificial leg“ (p5) als Begrüßungsaktion ([embrace]). Die Zwangsjacke Rekombination, in der alle Elemente zu allen passen müssen, zusammen mit dem entgegengesetzten Wunsch, Abwechslung zu erzeugen, läßt nur die Möglichkeit offen, unbedeutende Eigenschaften abzuwandeln und den Mangel an echter Varianz durch deren Übertreibung zu überspielen. Das Resultat ist ein albern anmutender, flacher Exotismus. Diesen inhärenten Widerspruch von Textgeneratoren bemerkt Enzensberger bereits 1974: „Während die Logik einfacher Textautomaten auf Gleichförmigkeit, Regelmäßigkeit, Redundanz und Monotonie zielt, muß ein Poesie-Automat ein Maximum an Mannigfaltigkeit, Überraschung, Polysemie, und begrenzter [Seite 26↓]Regelverletzung anstreben. Insofern steht die primäre Struktur des Programmes im Gegensatz zu seiner poetischen Sekundärstruktur.“ 44

Auffallend ist außerdem, daß einige der Variablen des Skriptes aufeinander abgestimmt sind, obwohl es in der Auswahl der Elemente keinerlei Relationalität gibt. Was für A steht, beeinflußt nicht, was für B eingesetzt wird. So gehört das eben Bill Gates zugesprochene Holzbein eigentlich dem „Parisian Pirat Pierre“ ([hero] p12). Der hier absurde Umstand scheint eine Erinnerung des Autors daran zu sein, daß sinnvolle Verbindungen und Redundanzen eine interessantere Geschichte kreieren als die wahllose Kombination bonbonbunter Elemente. Eine solche Abhängigkeit der Instanzen findet sich sogar in dem Kinderlied Grün, grün, grün sind alle meine Kleider 45 , einem Skript mit nur zwei Variablen, nämlich [Farbe] und [Beruf]. Der offenbar auch für Kinder beschränkte Reiz des Liedes, hat es doch lediglich vier Strophen, ergibt sich gerade aus der engen symbolischen Bindung der Farbe der Kleider der Frau an den Beruf des Mannes. Die Verknüpfung der Instanzen würde jedoch die erwünschte Potenzierung vereiteln, da die Auswahl eines Elementes auch die anderen bestimmen würde.

Außerhalb der eigentlichen Geschichte, wo die semantische und syntaktische Freiheit größer ist, im Titel etwa oder auch bei Variablenskripten, die Gedichte verfassen, beispielsweise die sogenannten Haikus 46 , ist der Zusammenhang zwischen den Variablen und den ihnen zugeordneten Optionen loser. Die Titelzeile von Romance Writer, „The [darkest] [night]“, generiert nicht nur „The Burning Stranger“, sondern auch „The Tender Stars“. Vorgegeben sind hier nur noch die Wortarten, erst Adjektiv, dann Substantiv, und der Wortbestand des zu generierenden Genres, Überschriften von Trivialromanen. An dieser Stelle läßt sich anmerken, daß die Erzeugung von Varianz durch die Abwandlung von nebensächlichen Eigenschaften eine Technik ist, die tatsächlich von den [Seite 27↓]akkordarbeitenden Autoren solcher Textserien eingesetzt wird. Die Variablen des Romance Writers können darüberhinaus rekursiv definiert werden. So wird „[darkest]“ in „The [darkest] [night]“ auch als „[night] Of The“ (p8) instantiiert. Der volle Titel heißt dann also „The [night] Of The [night]“, also instantiiert etwa „The Stars Of The Heart“. Für die Software riskanter, weil zirkulär, ist eine der Optionen von „[night]“: „[Night]“ kann ersetzt werden durch „[darkest][night]“, was zu einer endlosen Schleife in dieser Variable führen könnte („The [darkest] [darkest] ... [night]“), wäre die mehrmalige Rekursion bei sieben Elementen nicht zu unwahrscheinlich. Sie bleibt aber dennoch möglich und würde das Programm tatsächlich in eine dunkle dunkle ... Nacht ohne Wiederkehr stürzen, da es nicht über zusätzliche Kontrollstrukturen verfügt.

Nicht zufällig ebenfalls am Anfang des Textes findet sich auch die zweite Eskapade des Autors. Der Ort, an dem die Heldin auf den Heros wartet („[wait-place]“) kann unter anderem „the full knowledge that her fate was now sealed“ sein. Das volle Bewußtsein, daß ihr Schicksal nun besiegelt ist, ist kein Warteplatz, sondern eine syntaktisch mögliche metaphorische Verschiebung - ein Ort in einem Leben. Als einzige Substitution, die aus den metonymischen Gattungshierarchien ausbricht, stellt diese Stelle die interessanteste des Skriptes dar. Es wäre einen Versuch wert, an Programmen zu arbeiten, in denen die Variablen nur so subsumieren. Die „weiche“ Kohärenz von Metaphern könnte eine interessantere und breitere Varianz erzeugen als die steife Subsumption von Elementen unter Gattungen.

Formal knüpft dieser Typus von Textgeneratoren an kombinatorische Verfahren an, die seit dem Mittelalter existieren, wenn auch die Absicht eine völlig andere ist. 47 Bereits innerhalb der klassischen Kombinatorik lassen sich verschiedene Ansätze unterscheiden. Am stärksten bei Lullus, aber auch bei Leibniz, wird diese Technik in der Absicht verwendet, die Mannigfaltigkeit des religiösen oder weltlichen Wissens aus wenigen Urelementen zu generieren und [Seite 28↓]diese so als Essenz und Wahrheit jener zu erweisen. Lullus hat mit seinem wahrscheinlich kabbalistisch beeinflußten System versucht, den Orient zu missionieren. Leibniz dagegen unternimmt es, indem er der Annahme folgt, „daß die Verbindung von Ideen einer arithmetischen Multiplikation entspricht, die Zerlegung in ihre einfachen Elemente somit analog der Teilung in ihre Primfaktoren erfolge“, durch Multiplikation von Primzahlen, die wesentliche definitorische Merkmale repräsentieren, jedem Gegenstand eine eindeutige Ziffer zuzuordnen, die die beteiligten Ideen enthält: „Als Beispiel wählt Leibniz den Begriff animal, den er mit der Primzahl 2 [...] belegt. Wenn dem Begriff rationalis 3 [...] zugeordnet [wird], dann ergibt die Kombination (sprich Multiplikation) dieser beiden Faktoren den zusammengesetzten Begriff ‚rationales Wesen‘: 2 x 3 = 6 [...]; das Ergebnis solch einer Verbindung ist also ‚Mensch‘.“ 48

Eine zweite, weniger ambitionierte Variante verfolgt das Projekt, mittels Kombinatorik ein universalsprachliches Alphabet weniger Zeichen zu schaffen, mit dem sich Völker aller Länder verständigen könnten. Sie verkürzt die benötigten Codebücher. Bereits Trithemius behauptet 1518, eine Methode beschrieben zu haben, „wie ein des Lateins Unkundiger in wenigen Tagen, um nicht zu sagen Stunden so unterrichtet werden könne, daß er Latein schreiben, lesen, sprechen und verstehen könne.“ 49

Begleitet wird der Ansatz drittens aufgrund des Umstandes, daß die universale Kommunikation nur dem Besitzer des Codebuches zugänglich ist, durch die Entwicklung von Kryptographien. Die Scheiben eines Lullus können ja, wenn sie nicht kombinatorisch, sondern substitutiv gelesen werden, unmittelbar zur Erzeugung von Geheimalphabeten verwendet werden und spielen bis mindestens zur ENIGMA der deutschen Wehrmacht in vielen Verschlüsselungsmethoden eine entscheidende Rolle. 50


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In ihrer schwächsten Form schließlich zeigt sich die Technik viertens da, wo sie lediglich noch als Mnemonik dient. Dieses Anwendungsgebiet ist bereits bei Lullus vorhanden, durchzieht aber das Werk aller genannten Autoren.

Keiner dieser Aspekte ist bei den literarischen Nachfolgern seit Queneau noch vorhanden. Einzig im nächtlichen Gesang Finnegans Wake des Enzyklopädisten Joyce, der bekanntlich einmal prahlte, beliebige Dokumente in seinen Text integrieren zu können, ist die Herkunft dieser Techniken in Universalsprache und Kryptographie noch spürbar. War es hier die Reduktion der lebensweltlichen Mannigfaltigkeit auf einige wenige Prinzipien, die kombiniert wieder die Welt ergaben, so sind ihre modernen Erben nur noch fasziniert von der umgekehrten Möglichkeit einer Multiplikation, die in Potenzierung übergeht und schiere Vielfalt generiert.

Das skizzierte Verfahren setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: den Optionen, die zur Verfügung stehen, und der Operation der Auswahl zwischen ihnen. 51 In diesem Licht lassen sich die Sätze der Grammophone auf Gräbern re-interpretieren als Zeiger, die auf ein einziges Element weisen, nämlich sich selbst. Das Verhältnis ist eines eindeutiger und einfacher Bestimmtheit. In Romance Generator geht es über in absolute Unbestimmtheit. Mal wird zufällig dieses Wort ausgewählt, mal ein anderes. Die Selektion folgt keiner Regel außer der Regellosigkeit. Alle Elemente der Menge sind gleich gültige Substitute. Als Operation wäre sie jedoch erst zu bezeichnen, wenn sie bestimmter erfolgt. Der Zufall öffnet die einfache Determiniertheit des Textes auf die Möglichkeit von τυχη - des glücklichen Zusammentreffens. 52 Darüber hinaus [Seite 30↓]trägt er aber nichts dazu bei, den Moment des Sinns tatsächlich zu herbeizuführen.

Die Operation ist zudem nur scheinbar aleatorisch. Innerhalb des Digitalen als eines Mediums absoluter Diskretheit, Bestimmtheit und damit Sichtbarkeit kann es keinen wirklichen Zufall geben. Er muß in einem bestimmten, effektiven, also nachvollziehbaren Verfahren gewonnen werden und ist dadurch keiner. John von Neumann äußert bereits 1951: „Any one who considers arithmetical methods of producing random digits is, of course, in a state of sin.“ 53 Die aleatorischen Algorithmen und Daten können nur verschlüsselt oder anderweitig verborgen werden. Der Programmierer muß den Samen, der die Mannigfaltigkeit der „Random“-Funktion befruchtet, unterschlagen. 54 Der Zufall eines blind von außen eintretenden Ereignisses ist genau das, was der Computer auf unterster Ebene ausschließt.

Worte, die sich mal auf diese, mal auf eine andere konkrete Instanz beziehen, wie die Variablen der Skripte, werden in der Linguistik „Shifter“ genannt. 55 Ein Beispiel sind die Personalpronomen. Jeder sagt „Ich“, obwohl alle verschieden sind. In geringerem Maße besitzt jeder Begriff mindestens der indogermanischen Sprachen eine metonymische Allgemeinheit, die es ermöglicht, ihn auf eine nur unscharf umrissene Gruppe ähnlicher Gegenstände anzuwenden. Gerade die vermeintlich konkretesten, bestimmtesten und sinnlichsten Worte wie „Jetzt“, „Hier“, „Dieses“ sind - wie Hegel am Anfang seiner [Seite 31↓] Phänomenologie des Geistes 56 aufweist - diejenigen, die am beliebigsten shiften. In Wirklichkeit sind gerade sie die allgemeinsten, unbestimmtesten und abstraktesten. Jetzt ist jetzt schon nicht mehr jetzt. In der Mathematik heißt die Struktur Variable, innerhalb der Informatik auch Pointer.

Die Notwendigkeit, nicht-shiftende, wirklich eindeutige Namen zu kreieren, die sowohl in der Programmierung als auch im Internet auftritt, sprengt dagegen tendenziell die Grenzen der natürlichen Sprachen. Der Weg führt von der Verlängerung der Bezeichner über die Erfindung von Neologismen schließlich in die Kryptographie. 57 Um alle 6 Milliarden Menschen zu identifizieren, benötigt man nach dem derzeitigem Standard von 37 erlaubten Symbolen einen siebenstelligen Code (377 = 94.931.877.133) oder eine zehnstellige Kennziffer. Wo sich die Individualität einen wirklich einmaligen Namen geben will, steuert sie geradewegs in Geheimsprachen.

Die Massenproduktion zu Anfang des 18. Jahrhunderts versuchte die maschinelle Multiplikation von Waren. Nach der anfänglichen Euphorie über die neue Produktionsweise, die Marx als „erste Zeit der jungen Liebe“ verspottet und die außerordentliche Gewinne abwirft, weil die Preise noch auf Manufakturniveau stehen, sinken sie jedoch dramatisch, weil weniger Arbeiter mehr Artefakte erzeugen und sich dadurch der ihnen zugesetzte Wert vermindert. 58 Diese Entwertungstendenz wirft die grundsätzliche Frage auf, was es bedeutet, etwas zu vervielfältigen, und inwieweit die Multiplikation eines Gegenstandes nicht grundsätzlich immer auch seine Division darstellt. Benjamin geht so weit, das verdoppelte Objekt nicht bloß als halbiert, sondern als vernichtet anzusehen: Seine Einmaligkeit und Echtheit, seine Aura und seine Tradition sind durch die [Seite 32↓]Reproduktion gestrichen. 59 Auch der heute grassierende Effekt einer rasanten Entwertung der Produktionsmaschinen ist bereits in den 1830er Jahren vorhanden. Babbage schreibt 1832: „The improvement which took place not long ago in frames for making patent-net was so great, that a machine, in good repair, which had cost 1200l., sold a few years after for 60l. During the great speculations in that trade, the improvements succeeded each other so rapidly, that machines which had never been finished were abandoned in the hands of their makers, because new improvements had superseded their utility.“ 60

Anfang des 19. Jahrhunderts entdeckte die Industrie die Rekombination von Warenteilen als Multiplikation der Multiplikation. Erste Schritte in Richtung auf eine derartige Standardisierung wurden ab 1907 von Peter Behrens bei der AEG unternommen. 61 Teekocher und andere Produkte wurden in verschiedenen Materialien und Oberflächenbehandlungen angeboten. Hier zeigt sich, daß die Rekombination nur effektiv ist, wenn sie sich auf äußerliche Eigenschaften bezieht. An erster Stelle steht hier die Farbe, dann die Oberflächenbeschaffenheit, schließlich das Material und in sehr seltenen Fällen die Form selbst. Ihre Veränderung erzwingt die Definition von Schnittstellen, um Inkompatibilitäten zu verhindern. 62 Sollen Formen vollständig rekombinierbar bleiben, müssen sie deshalb extrem standardisiert werden, wie etwa das legendäre System LEGO (seit 1932), das etwa 1958 im 8er Baustein mit 11 Verbindungsmöglichkeiten und 6 Farben seinen Zenit erreicht. 63 Es ist sicher kein Zufall - abgesehen von der zweimaligen Zerstörung des gesamten Werkes durch Feuer (1942 und 1960 64 ), daß die Produktion bei LEGO nach dem zweiten [Seite 33↓]Brand vollständig von Holz auf Plastik umgestellt wurde. Um verschiedene Formen in Masse zu fertigen, ist dieses - die Software älterer Tage - das ideale Material 65 und Guß das perfekte Verfahren.

Im Fall der Variablenskripte ist die Potenzierung der Anzahl verschiedener Geschichten scheinbar, da bereits die Wiederholung ein oder mehrerer Elemente einen Repetitionseffekt erzeugt. Auch wenn die Menge der theoretisch verschiedenen Geschichten astronomisch ist, liegt die Wahrscheinlichkeit der Dopplung eines Wortes, die das eigentliche Pudendum darstellt, bei etwa 0,5 (20 Variablen mit durchschnittlich 11 Optionen). Ungefähr jedes zweite Mal wiederholt sich also eines der Elemente. Außerdem bleibt der syntaktische Aufbau des Rahmens unverändert. Jede Geschichte beginnt beispielsweise mit „Waiting alone in the“. Auch im Fall der Skripte geht die anvisierte Potenzierung der Ware Text, die Hoffnung etwa, durch eine Verfünffachung des Arbeitsaufwandes 5n Varianten kreieren zu können und so die Variablenanzahl in die Potenz zu heben, über in Division, weil mit dieser Anstrengung letztlich doch nur eine abstrakt schale Geschichte geschrieben wird. Dadurch, daß sich die Substitution allenfalls im Schema von Gattung und Art abspielt, bedeutet jede dasselbe. In stereotyper Syntax werden Beispiele für ein und dieselbe Regel aneinandergereiht. Bei mehreren Durchläufen gleicht der Abwechslungsreichtum dieser Textgattung in seinem langweiligen Mix verschiedener schriller Exotiken der von Handyoberschalen. Anything goes. Nothing matters.

Abschließend läßt sich bemerken, daß der Ansatz der Variablenskripte das Problem der Wiederholung des Gleichen (Problem 2) lediglich aufschiebt. Die Verzögerung wird teuer bezahlt durch die Zusammenhangslosigkeit des Erzählten, die Programm ist, einen Anstieg der Abstraktheit der Geschichte und durch eine weitere Steigerung des Arbeitsaufwandes (Problem 1). Die Schleife [Seite 34↓]wird lediglich verlängert, in der Hoffnung, daß die Auffassung „auf einer Seite ebensoviel [verliert], als sie auf der anderen gewinnt“ 66 und so das schon Bekannte schließlich als erhaben neu erlebt. Bei einer Marathonserie wie Dallas, die in 13 Jahren 356 stereotype Folgen produzierte, wird sich am Ende niemand mehr an den Anfang erinnern. Experimente mit dieser Sendung haben gezeigt, daß einzelne Szenen sogar beliebig rekombinierbar sind, ohne daß der Zuschauer Zusammenhangslosigkeit empfindet. Das gilt auch für die Mischung verschiedener Serien untereinander. 67


Fußnoten und Endnoten

43 Sullivan 1997(E); vgl. zum Folgenden Abb. 3. Die meisten Textgeneratoren im Internet gehören zu dieser Gruppe.

44 Enzensberger 1974, S. 31f.

45 Vgl. Deutsche Weisen 1958, S.259.

46 Vgl. als ein Beispiel unter unzähligen Selendy 1999(E).

47 Die folgenden, sehr verkürzten Ausführungen folgen Strasser 1988.

48 Strasser 1988, S. 241.

49 Zit. nach Strasser 1988, S. 38.

50 Vgl. hierzu Kahn 1967.

51 Zur Unterscheidung von Option und Operation vgl. Interface Programmheft 1995, S. 32: “Das Technologische ist bis an seine Grenzen auszureizen; im Bündnis von Kunst, Naturwissenschaft, Philosophie und Ingenieurtum ist zumindest an der Möglichkeit der Artikulation des Anderen im Netz zu arbeiten: Operation versus Option.”

52 Vgl. Gemoll 1908, S. 754: “τυχη [...] 1. Zufall [..] 2. Schickung [...], Schicksal [...] Göttin des Glückes” und Lacan 1964, S. 63ff.

53 Neumann 1951, S. 768.

54 Vgl. Linux Programmer’s Manual o. J.(E), Stichwort “srand”: “NAME rand, srand - pseudo-random numbers. [...] The algorithm depends on a static variable called the ‘random seed’; starting with a given value of the random seed always produces the same sequence of numbers in successive calls to rand. [...] You can exploit this to make the pseudo-random sequence less predictable, if you wish, by using some other unpredictable value (often the least parts of a time-varying value) as the random seed before beginning a sequence of calls to rand.”

55 Der Ausdruck “Shifter” wurde von C. S. Peirce eingeführt und von Jespersen 1925 auf die Linguistik übertragen. Vgl. Bußmann 1990, S. 163, “Deiktischer Ausdruck”.

56 Hegel 1807, S. 79ff.

57 Beispielsweise heißt die Website von pretty good privacy, einer Kryptographie-Software, “pgpi.org” statt “pgp.org”, das durch die Pecan Grove Plantation besetzt wurde (Verlängerung der Bezeichner), Beratungsfirmen firmieren unter Accenture (Neologismen) und auf Websites identifizieren “Session-IDs” wie “1994247cef887edcc667b500637e568b” den Besucher (Kryptographie).

58 Marx 1867, S. 429ff.

59 Benjamin 1935, S. 136ff.

60 Babbage 1832, S. 286.

61 Vgl. Britannica CD 1997(E): “industrial design” und Abb. 4.

62 Von hier aus könnte man versuchen, eine andere, weniger euphorische Geschichte der “Schnittstelle” zu schreiben, die dieselbe von Anfang an als Verbiegung und Standardisierung der verschalteten Elemente zum Zweck der Potenzierung begreift.

63 Vgl. Abb. 5.

64 Vgl. LEGO 2002(E).

65 Vgl. Barthes 1957, S. 79ff. “Das Plastik ist weniger eine Substanz als vielmehr die Idee ihrer endlosen Umwandlung. [...] Sein Geräusch vernichtet es, wie auch seine Farbe, denn es scheint nur die besonders chemischen fixieren zu können [...] [Es] gebraucht sie einzig wie einen Namen, der nur in der Lage ist, Begriffe von Farben zur Schau zu stellen.” Plastik wurde in seiner Vorform Bakelit 1907 von Leo Baekeland erfunden, vgl. Brockhaus, Bd. VI, S. 575: “Kunststoffe”.

66 Kant 1790, S. B87 zum “quantitativ Erhabenen”.

67 Diese Experimente wurden von S. Zielinski in den frühen 1980ern gemeinsam mit Studenten an der TU Berlin durchgeführt.



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15.04.2005