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5.  „Die Leute gehen mir manchmal auf die Nerven“ 116 - PARRY

Eliza verbirgt ihren Irrsinn unter dem weißen Kittel eines „HOW DO YOU DO. PLEASE TELL ME YOUR PROBLEM“ 117 und der entsprechenden rhetorischen Strategie der totalen Reflektion, die die Autorität des panoptischen Auges in die Dialogbeziehung einführt. Das Problem liegt auf seiten der Maschine, wird aber auf den Kommunikationspartner projiziert. Das amawfullygladaseeragain Joyces liegt simulationstechnisch auf derselben Ebene wie dieser erste Satz Elizas und wäre als Antwort geeignet. Ihr Irrsinn besteht in der absoluten Abstraktion von den Begebenheiten und Begierden der realen Welt, genauer: in ihrer totalen Fremdheit gegenüber dem, was im Reich des Subjektes das Symbolische heißt. Obwohl befähigt, alle möglichen Medientypen, also auch Schrift, darzustellen, ist der Computer ignorant, was die Art der Daten angeht. Er operiert nicht auf der Ebene der repräsentierten Informationen, sondern auf der ihr vorhergehenden von Sein und Nichts, der reinen, leeren und deshalb vollkommen bedeutungslosen Differenz, wie sie in Hegels Logik von 1812 angeschrieben wird:

A. Sein

Sein, reines Sein, - ohne alle weitere Bestimmung. [...] Es ist die reine Unbestimmtheit und Leere. – Es ist nichts in ihm anzuschauen [...]; oder es ist nur dies reine, leere Anschauen selbst. Es ist ebensowenig etwas in ihm zu denken, oder es ist ebenso nur dies leere Denken. Das Sein, das unbestimmte Unmittelbare ist in der Tat Nichts und nicht mehr noch weniger als Nichts.
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B. Nichts

Nichts, das reine Nichts; es ist einfache Gleichheit mit sich selbst, vollkommene Leerheit, Bestimmungs- und Inhaltslosigkeit; [...] - Insofern Anschauen und Denken hier erwähnt werden kann, so gilt es als ein Unterschied, ob etwas oder nichts angeschaut oder gedacht wird. [...] Beide werden unterschieden, so ist (existiert) Nichts in unserem Anschauen und Denken; oder vielmehr ist es das leere Anschauen und Denken selbst und dasselbe leere Anschauen und Denken als das reine Sein. - Nichts ist somit dieselbe Bestimmung oder vielmehr Bestimmungslosigkeit und damit überhaupt dasselbe, was das reine Sein ist. 118

Geschildert wird hier die reine Differenz zweier Zustände. Weil sie keinen weiteren Inhalt haben als ihre Unterschiedenheit, sind sie beide nichtig, aber existent, und deshalb dasselbe. Das gilt ebenso für die Zeichen auf dem Band der Turing-Maschine - das leere Feld und das Symbol. Die ontologische Kluft zwischen dem Strich und dem Papier, auf das er gesetzt wird, hebt die Konstruktion auf, indem sie die Leere selbst repräsentiert. Unterschieden werden also zwei Zeichen, eines für An- und eines für Abwesenheit. Nur Symbole allgemein, rein und ohne alle weitere Bestimmung, werden benötigt, um das, was nicht mehr Spiel zu nennen ist, in Gang zu bringen. Der Strich repräsentiert den Zustand des Feldes, auf dem er sich befindet, und stellt ihn selbst her. Er ist deshalb eine bloße Markierung und bedeutet nichts als den Umstand seiner Niederschrift. Die Identität von Identität und Nichtidentität ist hier daran zu erkennen, daß die Zeichen frei wählbar sind, solange sie sich nur unterscheiden, aber stets austauschbar bleiben. Nach Belieben können Buchstaben, Ziffern oder Piktogramme als Symbole verwendet werden. Turing arbeitet in der Beschreibung der Maschine zunächst mit Frakturbuchstaben, um sie dann durch Zahlen zu ersetzen und zu resümmieren: Wir „werden [...] schließlich zu einer Beschreibung der Maschine kommen, die die Form einer arabischen Ziffer [Seite 52↓]hat“. 119 Sie dienen in seiner Konstruktion lediglich dazu, Zustände zu bezeichnen, also Gleiches künstlich auseinanderzuhalten, nicht zum Zählen von Mengen. Null und Eins sind in dieser Funktion ebenso entgegengesetzt wie dasselbe. Dieser Umstand markiert einen Unterschied zur herkömmlichen Mathematik, in der Null stets ungleich Eins ist. Die Maschine einfach dem numerischen Feld zuzuschlagen, bedeutet, eine Pointe der Turing’schen Erfindung zu verfehlen. Der beweist ja 1937 gerade, daß sich die berechenbaren Zahlen auf die Mechanik einer Maschine zurückführen lassen, die wie die Rechenapparaturen, die ihr vorausgehen, durch die Raffiniertheit ihrer Konstruktion jedes mathematische Verständnis überflüssig macht. Das vormalige Rechnen transformiert sich in einen fiebernden Webstuhl.

Die Programmiersprachen markieren ihre Grundlage, den Satz der Identität als Basis eines verläßlichen logischen Operierens, durch die oftmalige Einfassung des Programmkerns durch „while(1){}“, das als „while(1==1){}“ ausgeschrieben werden müßte. In ihrer Möglichkeit sind alle Algorithmen aber von einer weiteren Klammer eingeschlossen, die als „while(0 == 1 && 0 != 1){}“ formuliert werden könnte. Übersetzt bedeutet das: Nur weil 0 gleichzeitig gleich 1 und ungleich 1 ist, kann die Turing-Maschine laufen. Der mathematische Skandal, daß 0 = 1 und 1 = 0 ist, wird ihr Programm. Die Anweisung beispielsweise, im Zustand 0 bei Antreffen eines leeren Feldes (0) den Befehl „1R1“ auszuführen, also ein Zeichen zu schreiben, ein Feld nach rechts zu rücken und in den Zustand 1 zu wechseln, realisiert die Identität von 0 und 1 gleich in doppelter Weise. Sowohl auf dem Papier als auch im internen Speicher des Kopfes verwandelt sich 0 in 1. Und dennoch ist die Bedingung der Möglichkeit des Übergehens die Verschiedenheit der Zeichen.


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C. Werden

[...] Das reine Sein und das reine Nichts ist also dasselbe. Was die Wahrheit ist, ist weder das Sein noch das Nichts, sondern daß das Sein in Nichts und das Nichts in Sein – nicht übergeht, sondern übergegangen ist. Aber ebensosehr ist die Wahrheit nicht ihre Ununterschiedenheit, sondern daß sie nicht dasselbe, daß sie absolut unterschieden, aber ebenso ungetrennt und untrennbar sind und unmittelbar jedes in seinem Gegenteil verschwindet. Ihre Wahrheit ist also diese Bewegung des unmittelbaren Verschwindens des einen in dem anderen: das Werden; eine Bewegung, worin beide unterschieden sind, aber durch einen Unterschied, der sich ebenso unmittelbar aufgelöst hat. 120

Das Werden, das die Differenz zweier leerer Nichtigkeiten aufhebt und so die Schrift in Gang setzt, heißt neusprachlich nicht untreffend Software.

Fünf Jahre nach Eliza schreibt der Psychotherapeut Kenneth Mark Colby ein Programm, das einen paranoiden Patienten imitiert. Die autoritäre Maskierung des eigentlich Verrückten fällt weg. Die Simulation bleibt in der therapeutischen Beziehung, wendet sich aber ihrer anderen Seite zu. Anstatt in der Verkleidung einer Frau den schweigenden und deshalb autoritären Repräsentanten von Gesetz und Normalität zu imitieren, wird jetzt, dem Vorschlag Turings folgend, der Bereich außerhalb des Systems in Angriff genommen. Unter dem Namen eines Mannes wird das Irrationale rekonstruiert: eine Frau? Im Mittelpunkt des Wahns des Paranoiden par excellence, Daniel Paul Schreber, an dem Freud seine Theorie entwickelte, steht jedenfalls dessen Verwandlung in ein Weib. 121 Die Fremdartigkeit der Maschine verbirgt sich hinter dem Realitätsverlust des Verrückten. Während der Turing-Test behauptete, gute Software sei für Männer mit Frauen identisch und Eliza zeigte, daß Programme für diese zuweilen bessere Gesprächspartner abgeben als das andere [Seite 54↓]Geschlecht, lautet die These hier: Paranoide und Computer, wenn sie sprechen, sind ununterscheidbar. Tatsächlich hat Parry angeblich mehrfach modifizierte Turing-Tests mit Psychiatern bestanden. 122 Wie die Maschine scheint der Verrückte von einem absoluten Außen der Sprache auf diese zu treffen. Was er äußert, ist zwar artikuliert, aber nicht verständlich. Er zieht Folgerungen aus unbedeutenden Details, auf die ein Subjekt innerhalb des als „normal“ angesehenen Systems nie verfallen würde. Sie sind extrem stereotyp, da sie sich immer auf dieselben Akteure (CIA und Mafia, die „obere“ und „untere“ Unterwelt) und Aktionen (Verfolgung, Vergeltung, Verstellung) beziehen. Aufgrund dieser Umstände handelt es sich bei Paranoia um ein Phänomen, das laut Colby in der Diagnose eine Einigkeit von 94 - 100 Prozent erreicht. 123 Das klinische Interview, dem das Programm als Patient ausgesetzt wird, ist darüberhinaus sowohl in thematischer wie auch in zeitlicher Hinsicht stark eingeschränkt. 124 Es liegen unzählige klinische Interviews mit dieser Personengruppe vor, so daß der Zieltext des Generators empirisch wohldefiniert ist.

Eliza war zwar aufgrund ihrer Position Kontextunabhängigkeit ihrer Antworten erlaubt, sie mußte aber in der Lage sein, auf beliebige Eingaben zu [Seite 55↓]reagieren, da der Patient ja einfach erzählen soll, was ihm in den Sinn kommt, wie „ein Reisender, der am Fensterplatze des Eisenbahnwagens sitzt und dem im Inneren Untergebrachten beschreibt, wie sich vor seinen Blicken die Aussicht verändert.“ 125 Sie konnte deshalb, abgesehen von den thematischen Sets, nur allgemeinste Verfahren des Nachfragens und Abwendens enthalten. Auch im Algorithmus von Parry muß kein Weltwissen implementiert werden, da von einem Verrückten ja vorausgesetzt wird, in seiner privaten Realität zu leben und nicht in der sozial geteilten. Umgekehrt ist Kontextunabhängigkeit Bedingung der Möglichkeit von Paranoia. Je weniger über die Anderen bekannt ist, desto mehr kann in sie hineingelegt werden. Colby schreibt dazu, daß „a person whose information processing (sic!) is dominated by the paranoid mode tends to ignore the context of [...] a term.“ 126 Die Abstraktion findet sich also auf beiden Seiten der therapeutischen Beziehung, auf der des Therapeuten bei Eliza und der des Patienten bei Parry. Das begründet, warum sich die AI in ihrer Frühzeit dieser Relation zuwendet.

Der Sinn von Analyseprogrammen, wie Colby sie in der Nachfolge von Eliza immer wieder propagiert und realisiert 127 , ist offenkundig: die Behandlung Kranker unter den Bedingungen moderner Rationalisierung. Der Ansatz verfolgt aber von Anfang an zwei Richtungen und simuliert ebenfalls, und zwar früher, den Patienten. 128 Wozu könnte es dienen, ihn zu implementieren? Eine mögliche praktische Anwendung ist das Training von angehenden Psychiatern. Ohne die Gefahr, Menschen zu schädigen, könnten an wirklich guten Modellen Behandlungsmethoden ausprobiert werden. 129 Das theoretische Ergebnis einer geglückten Simulation wäre nach Meinung des Psychologen zudem eine Bestätigung der zugrundegelegten Paranoiatheorie. Die Funktionsweise des [Seite 56↓]Geistes aus seinen Extremformen, den Krankheiten abzuleiten, macht deshalb Sinn, weil hier einzelne Gehirnfunktionen in gesteigerter Form und damit insgesamt faßbarer auftreten. Diese Methode wird seit mindestens 100 Jahren verfolgt. 130

Colby konzipiert Paranoia phänomenologisch in drei entscheidenden Charakteristika. Erstens leidet der Kranke unter der Wahnvorstellung, in jeder erdenklichen Art von anderen geschädigt zu werden. Zweitens besitzt er eine Hypersensibilität, die zu einer Ausweitung des Feindeskreises auf tendenziell alle führt. 131 Drittens wird die Rache, die das Subjekt an anderen verübt, von ihnen wiederum vergolten, was Colby im Anschluß an die kybernetische Theorie seiner Zeit als „feedback amplifie[r]“ bezeichnet. Die endlose Rekursion in einem positiven Feedback-Loop heizt das System solange an, bis es kollabiert. 132

Colby ist aber nicht nur an einer äußerlichen Simulation interessiert, die in ihrem Verhalten dem eines paranoiden Patienten entspräche, sondern ebensosehr an der Implementierung der zugrundeliegenden Prozesse. Es handelt sich also um eine doppelte Aufgabe. Eine Gruppe von Algorithmen repräsentiert das Innenleben, eine andere seine Reaktion auf äußere Einflüsse und den resultierenden sprachlichen Ausdruck. Das Input-Output-Verhalten wird dann Turing-Tests unterworfen, die attestieren, daß das Modell so agiert wie ein wirklich Paranoider. Die funktionelle Analogie soll die zugrundegelegte Theorie beweisen, indem sie vermuten läßt, daß die internen Prozesse im Paranoiden ähnlich ablaufen wie die in der Maschine implementierten. Dieser Schluß ist eng mit der bereits erwähnten Strukturanalogie verwandt. In jenem Fall wird erwartet, daß vergleichbare äußere Funktionalität auf einen identischen inneren Aufbau schließen läßt, in diesem, daß die Imitation von internen Strukturen wie dem [Seite 57↓]Neuron zu entsprechenden externen Erscheinungen führt. Eine abgeschwächte Version des Ansatzes wäre die Annahme, daß das, was sich auf dieselben formalen Schemata zurückführen läßt, auch ähnliche Eigenschaften aufweist.

Colbys Basistheorie für die Simulation des Innenlebens ist die Konzeption von Paranoia als „causal chain of strategies for dealing with distress induced by the affect of shame-humiliation. A strategy of blaming others functions to repudiate the belief that the self is to blame for an inadequacy.“ 133 Die Unangemessenheit oder Differenz zwischen Mensch und Maschine ist eine grundsätzliche. Wer daran schuld ist, ist nicht zu entscheiden. Sie wird deshalb auf beiden Seiten empfunden - auf der des Programmierers und seiner Maschine und auf der des Benutzers. Die Scham und als Reaktion darauf die Beschuldigung des anderen, um den Glauben zu verleugnen, daß man selbst für die Störung verantwortlich ist, ist ebenfalls eine zweifache. Vom Software-Entwickler aus gesehen bedeutet das: Die Scham, der Sprache nicht angemessen zu sein, wird auf das Gegenüber projiziert. Nicht der Computer ist schuld an der empfindlichen Gestörtheit der Kommunikation, sondern das Subjekt. Die Maschine geht zum Angriff über. „To parry“ bedeutet parieren, einen Angriff abwehren. Parry ist mit einem gewissen Grad von Autonomie („some degree of autonomy“) ausgestattet, die die Sklavenmoral („slave mentality“) früherer AI Programme hinter sich läßt. 134 Er kann sich entscheiden, nicht zu antworten und sogar zu lügen („even to lie“), weil er über einen Algorithmus verfügt, der beurteilt, ob er seine Ziele erreicht und entsprechend dieser Analyse seine Aktionen modifiziert. Die Simulation des Inneren spaltet sich also nochmals auf in ein Objekt- und ein Metasystem. Die Autonomie wird besonders deutlich an der Reaktion der Maschine, wenn sie den Interviewer nicht versteht – am Rand der Implementierung. Wo Eliza noch einräumte „I am not sure I understand you fully“, also den Fehler auf ihrer Seite verortete, produziert Parry „angry [Seite 58↓]statements about an interviewer wasting its time on irrelevant topics“ 135 , oder nutzt die Pause, um von seinen Wahnvorstellungen zu erzählen, was den Eindruck von Unbeirrbarkeit, einem Charakteristikum von Paranoia, erzeugen soll. 136 Wäre die Software nicht von einem Programmierer geschrieben, müßte man sagen, daß die Strategie, andere, also Menschen, für die Störung der Kommunikation verantwortlich zu machen, eine natürliche Reaktion der Maschine darstellt. Die Antwort des Gegenübers, die den „Feedback-Amplifier“ einleitet, ist an dem zum Schluß des Artikels erwähnten „Spiel“ zu erkennen, das Programm einfach endlos zu beschimpfen („game [...], simply to swear at it [the model] endlessly“ 137 ) und so die Erniedrigung wiederum auf den anderen zu wenden, was eine entsprechende eskalative Reaktion seinerseits auslöst, etc. So wie jeder interaktive Textgenerator über Standardantworten verfügt, wenn er nichts versteht („NONE“), so besitzt seither jeder solche Algorithmus Routinen, um mit Beleidigungen umzugehen, der natürlichen Reaktion des Subjekts auf die Zumutung Maschine. 138

Auf seiten des Menschen ist die Scham, die in die Beschuldigung der Gegenseite umschlägt, dagegen eine andere. Günther Anders diskutiert sie bereits 1956 als „prometheisch“. Sie besteht im Wesentlichen darin, daß das Subjekt sich vor seinen Produkten schämt, „Gezeugter statt Erzeugnis“ zu sein. Diese sind im Gegensatz zu ihm aufgrund ihrer Ersetzbarkeit ewig, scheinbar unfehlbar, völlig flexibel und objektiv. General McArthurs Schritt, nach dem Korea-Konflikt Präsident eines Büromaschinen-Konzerns zu werden, deutet Anders als Versuch, sich für die Beschämung durch die Rechner, die ihm die Kriegsentscheidung abnahmen, an der gesamten Gattung zu rächen. 139 Es ist [Seite 59↓]wohl die Mischung aus dem Glauben an die erhabenen Eigenschaften von Computern und die Erfahrung ihrer tatsächlichen Kommunikationsunfähigkeit, die Menschen immer wieder dazu bringt, sie wüst zu beschimpfen.

Sie beschämen jedoch nicht nur ob ihrer scheinbaren Objektivität ihre Benutzer, sondern mindestens ebensosehr und zuerst ihre Programmierer. Josef Weizenbaum schildert 1976 die Beziehung zwischen einem zwanghaften Entwickler und „seiner“ Maschine folgendermaßen: „Der Computer fordert seine Macht heraus, nicht sein Wissen. Tatsächlich erreicht die fieberhafte Erregung des zwanghaften Programmierers ihren Höhepunkt, wenn er einem äußerst widerspenstigen Fehler auf der Spur ist [...] [und] der Computer all seinen Bemühungen Hohn spricht [...]. Dementsprechend nähern sich seine Stimmung und Aktivität der Raserei, wenn er glaubt, kurz vor der Entdeckung des Fehlers zu stehen [...] [Schließlich] verhalten sich die verschiedenen Teile des Programms [...] plötzlich ganz zahm und liefern genau die erwarteten Ergebnisse. Der Diagnostiker hat allen Grund zur Freude und auch zu Stolz.“ 140 Die Passage demonstriert eine Grunddialektik des Mensch-Maschine Verhältnisses, jedoch nicht die der Hegel‘schen „Herrschaft und Knechtschaft“. Während diese im Kern darin besteht, daß der Herr den Knecht nicht anerkennt, also kein selbständiges Gegenüber hat 141 , kehrt hier ein Problem wieder, das dem Kolonialismus und dem Sklavenhaltertum der Antike vermutlich nicht unbekannt war. Der Programmierer erteilt einem scheinbar völlig willfährigen Rechner Befehle, der als perfekter Knecht bereitsteht. Er muß aber in einer fremden Sprache, nämlich seiner eigenen, instruiert werden. Hierbei übersteigt leicht der Aufwand der Programmierung den der eigentlich zu verrichtenden Arbeit, besonders, wenn nicht-gleichförmige Aufgaben zu erledigen sind.


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Das gilt um so mehr, wenn die Anweisungen in einer formalen Sprache formuliert werden müssen. Wie Kurt Gödel 1931 bewies, sind solche Systeme prinzipiell unvollständig. In die Informatik übersetzt bedeutet das: Es gibt keine Software ohne „Bugs“ (Programmierfehler) 142 , es gibt nur Umgebungsbedingungen und Nutzungsweisen, in denen die Defekte nicht in Erscheinung treten. Wie jede hinreichend komplexe Formalisierung unentscheidbare Aussagen enthält, so treten in jedem größeren Programm Zustände auf, die nicht vorhergesehen wurden, für es also nicht „entscheidbar“ sind. Sie können nur im „Trial-and-Error“-Verfahren des Debuggens und Beta-Testens gefunden und behoben werden. Ihre Reparatur führt selbstredend ein neues Fehlerpotential ein. „Der wahre Grund für die Unvollständigkeit, welche allen formalen Systemen der Mathematik anhaftet, liegt […] darin, daß die Bildung immer höherer Typen sich ins Transfinite fortsetzen läßt […], während in jedem formalen System höchstens abzählbar viele vorhanden sind.“ 143 Das bedeutet, daß das Schreiben von Software eine prinzipiell unabschließbare Tätigkeit ist. Der absolute Widerstand ist jedoch in der Programmierung an keiner Stelle als solcher spürbar. Das Arbeitsmaterial erscheint im Gegenteil absolut flüssig. Der Entwickler setzt seinen eigenen Willen problemlos durch. Er scheitert daher mit seinen Algorithmen nicht an der Maschine, die er verfluchen könnte, sondern an sich selbst. Er kämpft mit seinem Spiegelbild. Dieser Umstand begründet seine Raserei.


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In seiner Schilderung versucht Weizenbaum, zwanghafte und normale Programmierer zu unterscheiden und unternimmt so eine Ehrenrettung der Zunft. Erstere seien dadurch gekennzeichnet, daß sie auf Schwierigkeiten dadurch reagieren, daß sie ihrer Software einfach einen neuen Epizyklus hinzufügen, der den Fehler abfängt. Dies ist aber nicht eine unsaubere Arbeitsweise einiger besessener Entwickler, wie er glauben machen möchte, sondern eine prinzipielle Konsequenz aus der Unvollständigkeit formaler Systeme, der keiner entkommt, der versucht, eine größere Applikation zu schreiben. Er selbst nimmt in Eliza eine Trennung von Algorithmus und Skript vor, die es ihr erlauben soll, „to be grown and molded as experience with it builds up.“ 144 Das bedeutet aber konkret: beobachten, wie das Programm sich verhält, eine Fehlfunktion entdecken und einen Epizyklus in Form eines neuen Schlüsselwortes hinzufügen, das sie behebt. Die Grundstruktur einer jeden Software ist das leere Kreisen der Maschine, eingeschlossen in die ewige und unabänderliche Wahrheit der absoluten Tautologie: „while(true){}“. 145 Während wahr wahr ist, folge deinen Befehlen. Es ist dies die Fundamentalbedingung jedes logischen Systems: der Satz der Identität. Wenn sie nicht mehr erfüllt wird, ist es mit Sicherheit das Beste, das Programm abzubrechen, da ihm sehr grundsätzlich nicht mehr zu trauen ist. Jede Zeile zwischen den Klammern, die das „while(true)“ begrenzen, ist eine Funktion, die einen Epizyklus darstellt. Dasselbe gilt für jede Änderung des Kontrollflusses durch „If“-, „For“-, „While“- oder „Switch“-Statements. Ein neues Schlüsselwort zum Eliza-Skript hinzuzufügen bedeutet den Einschub einer weiteren „If“-Schleife. Sowohl Parry als auch Eliza lassen sich als Kreis von Kreisen abbilden. Eine treffende graphische Idealisierung der allgemeinen [Seite 62↓]Struktur von Software ist daher die 1904 durch den schwedischen Mathematiker Helge v. Koch entwickelte Fraktal der Von Koch’schen Kurve. 146 Die zeitliche Ökonomie der Arbeit nähert sich dieser unter digitalen Bedingungen zusehends an. Der Umweg wird Prinzip im Einschub von immer neuen Unteraufgaben vor der Inangriffnahme der eigentlichen Tätigkeit.

Weizenbaum vergleicht Programmierer aufgrund ihres im Grunde animistischen Weltzugangs schließlich mit professionellen Spielern: „Die Erfahrung hat ihn etwa gelehrt, daß er zum Gewinnen am Tag des Spiels den Rücken eines Buckligen berühren und einen Hasenlauf in der linken Tasche tragen muß [...] Jede falsifizierende Erfahrung enthält jedoch bestimmte Elemente, die sich in die Grundmuster seines hypothetischen Rahmens integrieren lassen und so dessen Gesamtstruktur retten. Darum bedeutet ein Spielverlust nicht, es sei falsch oder irrelevant, einen Hasenlauf in der Tasche zu tragen, sondern nur, daß eine weitere Erfolgsbedingung bisher übersehen wurde. Vielleicht stand das letzte Mal, als er gewann, eine blonde junge Dame hinter seinem Stuhl. Aha! [...] [Er] fügt so seiner Struktur tatsächlich einen Epizykel hinzu.“ 147 Was Weizenbaum hier beschreibt, ist die endlose Verschachtelung von „If“-Schleifen als Erfolgsbedingung in einem Universum des Sinns, dessen Regeln dem Subjekt unbekannt sind und denen es sich tastend annähert. Auch der paranoide Parry, dessen Welt sich unversehens gegen ihn gewendet hat, ist den Pferdewetten verfallen. Da Programmieren ein bloß formales Spiel ist (allerdings in beiden Fällen mit möglicherweise ernsthaften realen Konsequenzen), dessen Unvollständigkeit unvorhersehbar erst im Moment seines Scheiterns zutagetritt, erscheint es nur folgerichtig, daß viele Entwickler sich schließlich im Versuch, wirklich alle Bedingungen zu kontrollieren (was unmöglich ist) in die endlose Rekursion einer paranoiden Kontrolle des Kontrollsystems des Kontrollsystems des Kontrollsystems [...] verrennen. Nicht zufällig lautet eine der Standardoptionen des Compilers gcc, der den Quelltext [Seite 63↓]einer Software in Maschinensprache übersetzt, „-DPARANOID“. Weil der „Bug“ unerkannt überall lauert, ist Programmierung selbst fundamental paranoid. 148

Auffallend ist zudem, daß die ersten beiden Charakteristika der Phänomenologie des Wahns, die in dem Satz „Alle verfolgen mich“ ausgedrückt werden könnten, eine genaue Umkehrung der bei Eliza beobachteten Struktur darstellen. Paranoia ist die logische Reaktion des Insassen eines Panoptikums und in dessen Struktur als Zelle bereits enthalten. War es hier ein zentrales, aber unsichtbares Auge, das eine Vielzahl von Patienten oder Delinquenten unaufhörlich beobachtet, so sind jetzt die Positionen vertauscht: Die Anderen, und zwar potentiell alle, wirken auf das paranoide Subjekt in der Mitte ein. „People make me nervous. - How do they do that? - They stare at me.“ 149 Die Autorität der panoptischen Konstruktion, die stets die Androhung von Gewalt impliziert 150 , kehrt wieder in der vermuteten Aggression der Umwelt. Wie die Zentrale von Benthams Erfindung von einer kaschierten Spaltung in An- und Abwesenheit durchlaufen war, die es in universale Präsenz verwandelte, brechen jetzt die Anderen als personifizierte Allgegenwart in der Auffassung des Subjekts in Erscheinung und Wesen auseinander. Sie wirken völlig normal, aber in kleinen Zeichen wird sichtbar, wer sie wirklich sind: die Mafia, die CIA, die Unterwelt. „Who are you really? - I am really a doctor. [...] What is your role in all this? [...] What are you trying to do?“ 151 Freud äußert, daß „die Paranoia zerlegt, so wie die Hysterie verdichtet.“ 152 Der Verfolgungswahn spaltet die Phänomene und macht sie durchsichtig auf eine vermeintlich reine Wahrheit. Alle sind [Seite 64↓]verdächtig, heimlich für die Mächte tätig zu sein, die im Verborgenen wirken. Indem der Verrückte entlang der symbolischen Ketten die Eigentlichkeit entbirgt, entspricht seine Methode minutiös der von Freud geforderten, an einem Bruch anzusetzen und von ihm ausgehend die Fäden zu verfolgen. 153 Er psychoanalysiert die Welt der Anderen, wenn auch auf fundamental falsche Weise. Paranoia ist, wie das Universum des Spielers und des Programmierers, ein Wahn von Zeichen. Das wirft die Frage auf, ob er wirklich außerhalb des Systems situiert ist, oder nicht vielmehr zu sehr innerhalb, zu sehr infiziert von dem Virus, der Sprache heißt. Die Positionen des Psychoanalytikers und des Wahnsinnigen sind als zwei Pole im Reich des Sinns vollkommen austauschbar. Beide beginnen ihre Erforschung auf einem dunklen Kontinent jenseits der Welt („kontextunabhängig“) und erweitern ihren Horizont ausschließlich mit den Mitteln der Deduktion.

War es vorher die Verbergung einer möglichen Abwesenheit, die zu universaler Anwesenheit führte, so liegt jetzt im Verdeckten die mögliche Fülle eigentlicher und, da sie sich auf alle bezieht, allgemeiner Wahrheit. Im Fall des panoptischen Auges war die Verhüllung schamhaft und dissimulierte einen Mangel. In der Struktur der Paranoia schlummert im Verborgenen dagegen eine apokalyptische Offenbarung. In der Typologie Baudrillards, die sich von dem einfachen Glauben an das Wesen und seine Erscheinung zur totalen Arbitrarität bewegt, läßt sich die Bentham’sche Konstruktion auf Stufe III verorten („Die Erscheinung verbirgt, daß das Wesen abwesend ist“), der Verfolgungswahn auf Stufe II („Die Erscheinung verdeckt das eigentliche Wesen“). 154 Erstere liegt auf Ebene der Simulation, zweiter auf der der Dissimulation. Der Panoptismus ist zynisch, die Paranoia noch „gläubig“. Die Wahrheit, die sich dem Verrückten offenbart, ist eine rein persönliche. Die opake Welt wird durchsichtig auf einen [Seite 65↓]einzigen Zweck: ihn selbst. Wo es war, ist endlich Ich geworden, könnte man mit Freud ironisch kommentieren. 155 Indem er sich endlos in einem narzißtischen Fürsichsein spiegelt, ist er ebenso blind wie die reflektierten Insassen des Panoptikums. Die Wahrheit des absoluten Fürsichseins ist der Wahnsinn. 156

1964, zwei Jahre vor der Veröffentlichung von Eliza, beschreibt Paul Baran in einem RAND Memorandum die Struktur eines verteilten Netzwerkes als besonders überlebensfähig im Fall feindlicher Attacken. 157 5 Jahre später, 1969, wird von der ARPA (Advanced Research Projects Agency des [Seite 66↓]Verteidigungsministeriums der Vereinigten Staaten) an der University of California, Los Angeles, der erste Knoten dessen geschaffen, was heute „Internet“ heißt und damals als „ARPANET“ bezeichnet wurde. 1971, im Entstehungsjahr Parrys, verfügt das Netz bereits über 19 Knoten. 158 Im Gegensatz zu früheren Kommunikationssystemen wie dem Telephon, wo die Sichtbarkeit nur zwischen den Vermittlungsstellen der miteinander verbundenen Baumsysteme gegeben war, ist in dem seit Ende der 1960er Jahre aus Paranoia vor dem elektromagnetischen Puls (EMP) eines Atomschlags entwickelten Glasfasernetzen jeder einzelne Teilnehmer durch eine Kennziffer eindeutig identifiziert. Sowohl Eliza als auch Parry wurden von der ARPA finanziert und zudem auf den ersten „Timesharing“-Systemen, die die gleichzeitige Benutzung durch mehrere Nutzer zulassen, entwickelt. Die Befürchtungen, die die neuen, absolut transparenten Strukturen betreffen, kehren wieder in den ersten beiden virtuellen Charakteren der Intelligenzforschung: alle zu sehen und von allen gesehen zu werden. Im Internet sind Sichtbarkeit und Vulnerabilität wie beim Paranoiden gleichbedeutend. Etwas ist überhaupt nur da, weil es mit Daten beschossen wird und sie aussendet, ähnlich wie man es beim Auge vom Licht sagen könnte. Ob sie regelkonform oder feindlich sind, ist erst nach ihrem Empfang feststellbar. Im Internet ist jeder einzelne Knoten ein Panoptikum. Jeder Teilnehmer ist gleichzeitig Insasse in dem aller anderen wie Wächter im Zentrum seines eigenen. Die Spaltung in An- und Abwesenheit, Sicht- und Unsichtbarkeit, Wesen und Erscheinung zeigt sich in den für „Chats“ verwendeten „Nicknames“, [Seite 67↓]die gleichzeitig mehr sagen als Namen, indem sie direkte Auskunft über „A/S/L“ - „Age - Sex - Location“ oder Charaktereigenschaften geben, gleichzeitig aber jederzeit austauschbare Masken darstellen. Berühmt wurde der Fall eines Psychiaters, der sich als Behinderte ausgab und so im Gespräch mit anderen Frauen intime Details erfuhr. 159

Bedauerlicherweise wurde Parry im Gegensatz zu Eliza nie portiert. Noch betrüblicher ist der Umstand, daß von dem überlieferten Quellcode 160 , an dem mindestens drei Personen etwa 6 Jahre intensiv gearbeitet haben, lediglich etwa 50 Prozent erhalten sind. Auch umfangreiche Recherchen förderten ihn nicht zutage. Die Quellenlage dieses Programms von 1981 ist der der Vorsokratiker in der Geschichte der Philosophie vergleichbar. Er „compiles and runs using the MLISP language (meta-lisp) on the WAITS operating system running on a DEC PDP-10. [...] The code is definitely non-portable. Parts of it are written in PDP-10 assembly code [...]. Other parts are written in MLISP [...].“ 161 Alle genannten Maschinen, Betriebssysteme und Programmiersprachen sind heute nicht mehr vorhanden und können auch nicht emuliert werden. Das wirft ein scharfes Licht auf die Veränderungen, die der Begriff der Bewahrung durch die Digitalisierung erfahren hat. War es früher noch die Inschrift in ein möglichst haltbares Material und dessen Lagerung an einem von zerstörerischen Einflüssen freien Ort, die [Seite 68↓]das Überleben von Texten sicherte, so sind sie spätestens mit dem Einsetzen der Massenproduktion von Büchern „platonoider“ geworden, um ein Wort von Günther Anders zu gebrauchen. 162 Er berichtet in diesem Zusammenhang, daß durch die Verbrennungen der Nazis kein einziger Text vernichtet wurde. In dem Moment, wo die Idealisierung aber so weit geht, daß die Information nicht mehr materiell vorliegt, wandelt sich die Konservierung in einen mehrstufigen Prozeß permanenter Aktivität, und das auf mindestens zwei Ebenen:

1.) Wie Geld muß die Information nun permanent zirkulieren. Bleibt sie liegen, ist sie der unaufhaltsamen Korrosion der Speichermedien ausgesetzt. Auf unterster Ebene bedeutet daher Bewahrung: einen Zielort für die Daten auswählen; ihn auf Fehler des Speichermediums prüfen; die Informationen an die neue Adresse kopieren; einen neuen Zielort auswählen; etc. Da die Prüfung selbst in einer Schreib-Leseoperation besteht, die keinerlei Aussage über den Erfolg zukünftiger Speicherungen zuläßt, ist Datenverlust in diesem Verfahren niemals auszuschließen. Die Prüfung ermöglicht nur die Aussage: Jetzt funktioniert dieser Sektor noch. In der nächsten Schreiboperation kann die Information schon schal geworden sein. Die Daten müssen also gleich mehrmals kopiert werden. Nach jeder Umschichtung muß geprüft werden, ob sie vollständig übertragen wurden und notfalls auf eine Sicherungskopie zurückgegriffen werden. Der Schutz des Copyrights ist aus diesem Grund eine Strategie des Gutenberg-Zeitalters, die lediglich das Verschwinden von Information befördert.

2.) Noch schwerwiegender wirkt sich der Umstand aus, daß die Formate, in denen gespeichert wird, absolut arbiträr sind. 163 Dies gilt auch für die scheinbar universellen wie ASCII. Sie beruhen auf reiner, nicht oder unwesentlich historisch bedingter Konvention. Wo ihre Kodierung nicht [Seite 69↓]mitüberliefert wird (etwa aufgrund einer „raffinierten“ Unternehmensstrategie 164 ) verwandeln sich zuvor lesbare Texte über Nacht in Kryptographie. Die Informationen müssen also nicht bloß permanent umgewälzt, sondern auch ständig umformatiert werden. Was nicht in neue Konventionen übertragen oder, im Fall von Programmen, in neue Sprachen portiert wird, geht beinahe unwiederbringlich verloren. Im digitalen Zeitalter wird deshalb nur noch überliefert, was im Moment interessiert. Ein einsichtsreiches Wiederentdecken alter Quellen wird nicht stattfinden, oder nur um den Preis umfangreicher Dechiffrierung. Archäologie geht über in die Kryptologie obsoleter Formate. Sie wird schließlich mit Techniken arbeiten, die denen nicht unähnlich sind, die heute in der Suche nach außerirdischen Botschaften verwendet werden. 165

Weil entscheidende Programmteile von Parry verloren sind, beziehen sich die folgenden Ausführungen lediglich auf die von Colby, Faught und Parkison verfaßten Texte sowie die erhaltenen Fragmente.

Der Algorithmus ist dem von Eliza sehr ähnlich. Im Gegensatz zu ihr verfügt Parry jedoch über ein komplexeres Programm für die Zerlegung und das Verständnis der eingegebenen Sätze, den „Parser“. Anstatt nur nach Schlüsselworten zu suchen, die ihm bekannt sind, versucht er, möglichst große Inseln von zusammenhängenden Worten aufzubauen, die verstanden werden. Natürlichsprachliche Eigenheiten wie Idiome, Synonyme, Anaphora und Ellipsen werden dabei erkannt und analysiert. Ihm liegt jedoch kein syntaktisches [Seite 70↓]Verständnis des Englischen zugrunde. Zentrale Substantive werden einfach zwischengespeichert und bei Bedarf verwendet, um die genannten Bezüge zu klären. Die gewonnenen Inseln werden dann in Begriffsmuster, sogenannte „concept patterns“, überführt. Das Ergebnis sind, ähnlich wie bei seinem Vorgänger, natürlichsprachliche Formeln wie „CAUSE YOU UPSET“, das die Frage nach dem Grund von Parrys Aufregung kodiert und in der alle drei Worte weiter auf eine Liste von Synonymen verweisen, die auf sie zurückgeführt werden können. Auch die „Wildcard“ ist vorhanden, allerdings nur in der absoluten Form „any“, nicht als bestimmte Anzahl von Elementen. Der Parser verwandelt das Gemisch aus Syntax und Semantik, das die Eingabe darstellt, in reine Inhaltlichkeit, indem er die Satzkonstruktion extrem vereinfacht. In den Synonymlisten steht „A“ für alles, was das System für unwichtig hält. Das erlaubt eine weitere Auftrennung der Semantik in Entscheidendes und Nebensächliches.

Durch Interpretationsmuster („interpretation patterns“), werden die Formeln in Situationseinschätzungen („beliefs about situations“) übersetzt, wie etwa „DMAFIA“ - den Glauben, daß der Arzt zur Mafia gehört. Hierbei werden alle gefundenen Inseln parallel prozessiert. Das System verfügt über etwa 50 solcher Annahmen, denen jeweils eine Zahl zwischen 0 und 10 zugeordnet ist, die den aktuellen Glauben Parrys an den Sachverhalt repräsentiert. Sie gliedern sich in Bewertungen der eigenen Person, der des Arztes, Vermutungen darüber, was er über den Patienten denkt und Beurteilungen des bisherigen Gesprächs, erreichen also ein erstaunlich hohes Reflexionsniveau. Einschätzungen des Psychiaters über den Paranoiden tragen den Präfix „DB“ (beispielsweise „DBEXCITED“ - er ist erregt), solche Parrys über den Doktor „D“, alle anderen haben kein Vorzeichen. Die Verneinung einer Annahme, die durch einen vorangestellten Stern markiert wird, ist ein völlig unabhängiger „Belief“, der einen eigenen Zahlenwert besitzt, beispielsweise „DHELPFUL“ - der Arzt ist hilfreich und „*DHELPFUL“ - er ist es nicht.


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Die Bewertungen führen weiter zu Änderungen der „Gefühle“ des Modells. Beispielsweise erhöht der Glaube „DMAFIA“ die Angst („FEAR“) um 0.2. Implementiert wurden, der Psychologie von Tomkins folgend 166 , Scham, Zorn, Angst, Bedrängnis, Interesse und Vergnügen. Auch die Emotionen besitzen einen Zahlenwert von 0 bis 10, der ihre momentane Stärke beziffert. Bedrängnis („DISTRESS“) stellt eine Zusammenfassung der Gefühlslage dar und ergibt sich aus den anderen. Die aktivierten Begriffsmuster, Situationseinschätzungen und Affekte zusammengenommen aktivieren dann bestimmte Intentionen wie etwa „PHELP“ - den Willen, sich helfen zu lassen - und Aktionen wie „DEFEND“ - sich zu verteidigen. Sie werden zu komplexen Absichten kombiniert. Unter ihnen wird diejenige mit dem höchsten Zahlenwert ausgewählt. Negative Emotionen haben im Modell generell ein höheres Gewicht als positive. Unabhängig von ihrer Beeinflussung von außen steigen oder sinken sie aber auch im Laufe der Zeit in definierten Schritten. Das entspricht dem Nachlassen von Reizen in der Pavlov’schen Konditionierung und führt eine andere Form von Temporalität ein als das Schlüsselwort „MEMORY“ bei Eliza. Während diese sich immer gleich bleibt, verändert sich Parry ständig und antwortet je nach „Gemütslage“ verschieden. Den Kern des Programms bildet ein dynamisch in jedem Schritt modifizierter Datensatz. Die Prozessierung erfolgt in mehreren Zyklen, bis keine neuen Variablen mehr aktiviert werden können.

Andererseits verweisen die Begriffsmuster weiter auf Worte, die das Thema der Eingabe zusammenfassen („meaning pointers“). So wird „CAUSE YOU UPSET“, wenn es zusammen mit „BE YOU DRUGS“ auftritt, in „NOT I DRUGS“ überführt und bestimmt das Thema der Gegenrede. Abhängig von allen genannten Variablen wird einer der (nicht mehr erhaltenen) 1800 vorformatierten Antwortsätze („formatted output utterances“) ausgewählt und an den Benutzer ausgegeben. 167 Der Verarbeitungsprozess, den Colby als endlosen Kreislauf 168 [Seite 72↓]bezeichnet, ist im Gegensatz zu Eliza unabhängig von seinen Eingaben. Das Programm kann ihn deshalb mit seiner nächsten Aussage unterbrechen, bevor er seine Antwort komplettiert hat, und durchbricht so das starre Schema von Rede und Gegenrede.

Das Metasystem ist ähnlich strukturiert wie die Interpretationsmuster und beurteilt, ob Parry seine Intentionen erreicht. Ist dies der Fall, steigt die Emotion „Vergnügen“, sonst seine „Wut“. Colby äußert hierzu selbstbewußt: „Thus, it is not necessarily true that computer models cannot know what they are doing.“ 169 Leider ist auch dieser Teil des Programms nicht überliefert, so daß ich mich auf die kurze Erwähnung beschränken muß. 170

Der Theorie folgend, daß Paranoia nur eine Abweichung innerhalb normaler Prozesse 171 darstellt, verwendet der Algorithmus angeblich in diesem Modus dieselben Prozeduren wie sonst. Das liegt aber nicht etwa an der Universalität des Modells, wie Colby suggeriert, sondern einfach daran, daß es hartkodierte Interpretationsmuster gibt, die einzig für die Produktion des Verfolgungswahns zuständig sind. So ist beispielsweise die Folge „SHAME - DISTRESS - FIND_CAUSE - CAUSE_FROM_OTHER“, das Scham in Verzweiflung verwandelt, nach einem Grund für sie sucht und ihn in den anderen findet, nicht ein Teil des üblichen Funktionierens von Subjekten, sondern die explizite Programmierung einer Auffassung von Paranoia.

Parry verfügt über insgesamt 44 Themensets, über die er Auskunft erteilen kann. Sie beantworten zunächst die typischen Fragen zur Person in [Seite 73↓]einem klinischen Interview: Name, Alter, Beruf, Wohnort, Geburtsdatum, Geburtsort, Hobbies, Religionszugehörigkeit und politische Ausrichtung, Erkundigungen nach Erziehung und Elternhaus, nach Gesundheit und Körpermerkmalen, den eigenen Gefühlen, Erfahrungen mit Frauen und Freunden, ob er Drogen konsumiert und schließlich, wie er mit den Ärzten, den Mitpatienten und der Klinik im Allgemeinen zurechtkommt. Der modellierte Patient namens Pat oder Frank Smith ist aus einem dokumentierten 172 und zwei von Colby selbst behandelten Fällen zusammengesetzt. „The resultant hypothetical patient is“, wie der Psychiater schreibt, „a hospitalized 28-year-old single man who worked as a stock clerk in a large department store. He lived alone and seldom saw his parents. His hobby was gambling on horse races.“ Die konkrete Vorgeschichte des Falls ist folgende: „A few month prior to his hospitalization he became involved in a violent quarrel with a bookie, which he lost. It then occured to him that bookies are protected by the underworld and that this bookie might seek revenge by having him injured or killed by the mafia.“ 173 Daß diese Annahme per se als „false belief“ betrachtet wird, erstaunt, da Pferderennen im Chicago der 1930er Jahre, aber auch 1971 noch ein Geschäftsfeld der Mafia darstellten. In der Zeit der Parry-Entwicklung kämpft die U.S Regierung eine ihrer letzten entscheidenden Schlachten gegen sie. 174 Das Feld von Pferderennen, Buchmachern und Gangstern wird durch entsprechende thematische Sets abgedeckt und bildet die eigentliche Erzählung. Sieben weitere Module liefern allgemeinere Funktionalität. Zwei Gruppen, „IYOUME“ und „YOU“, befassen sich mit Aussagen, die die Gesprächsbeziehung betreffen und solchen des Interviewers über sich selbst. Fragen beantworten „YESNO“ (Ja-Nein-[Seite 74↓]Fragen) und „QUESTION“ (Allgemeine Fragen). „STRONGFEELINGS“ übersetzt die Rede des Arztes in Gefühle des Patienten - beleidigt zu werden, Zorn oder Unglauben. „FACTS“ und „GAMES“ implementieren ein Minimalwissen von Welt, beispielsweise den Namen des amerikanischen Präsidenten, und ermöglichen es der Maschine, auf einfache Tests wie etwa das Stellen von Rechenaufgaben reagieren zu können.

Außer den Wortmustern finden sich in den Themensets fünf Arten von übergeordneten Variablen: zunächst logische Zeichen wie „TRUE“, „FALSE“ oder „LASTINP“ (letzter Input), die es vermutlich ermöglichten, auf einer Meta-Ebene auf die Wahrheit oder Falschheit von Eingaben reagieren zu können. Eine zweite Gruppe bezeichnet den illokutionären Sprachmodus: „ASSESS“ (einschätzen), „ELABORATE“ (ausführen) oder „REASON“ (begründen). Eine andere erlaubt die Beurteilung der Qualität der Äußerungen des Interviewers - „MISSPELLED“ (Tippfehler) und „GIBBERISH“ (Kauderwelsch). „DURATION“ und „LOCATION“ werden eingesetzt, um Fragen nach Zeit und Raum zu beantworten. Zeichen wie „*?*“ markieren solche allgemeinerer Art oder sind Platzhalter für Eigennamen („X“). Schließlich finden sich einige schwer verständliche Symbole wie „SPEC_CONCEPT“, das der Frage nach der Angst, den eigenen Körper zu verlassen, begegnet wie „DELNLIST“ der nach dem Tod und eine „SENSITIVELIST“, die wohl negativ und positiv konnotierte Adjektive enthielt. Alle diese Variablen verwiesen wahrscheinlich weiter auf entsprechende Listen, die jedoch nicht mehr erhalten sind. Auch Recherchen bei den Autoren führten nicht weiter. 175


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Eigenartig an diesem Algorithmus ist, daß er kaum eine Komplexitätsreduktion vornimmt. Einmalige Eingaben verweisen auf einmalige thematische Pointer. Sie sind zu eng, um auf richtig Erkanntes kurzweilig zu antworten, und gleichzeitig zu weit, da sie im Fall einer Fehlanalyse mit völlig unverständlichen Repliken aufwarten. Die einzige Einengung wird durch die Synonymlisten 176 vorgenommen. Während diese in etwa den „DLISTS“ Elizas entsprechen, stellen die Interpretationsmuster eine wesentlich offenere Verknüpfung dar. Aussagen des Arztes über sich selbst oder den Patienten, die sich auf die Verbindung eines Attributes mit entweder „I“ oder „YOU“ reduzieren lassen 177 , also eminent dialogisch strukturiert sind, werden übersetzt in Selbsteinschätzungen des Klienten, dessen Bild des Doktors und Annahmen darüber, was letzterer über ersteren denkt.

Zunächst finden sich hier direkte Schlüsse. Sie erfolgen häufig sowohl aus Aussagen, die der Psychiater über sich selbst macht, wie aus Sätzen über den Paranoiden. So wird sowohl aus „I ANGRY“ als auch aus „YOU SHIT“ gefolgert, daß der Sprecher erregt ist („DEXCITED“). Es wäre interessant, die Interpretationsmuster generell „chiastisch“ anzulegen, also an dieser Stelle noch zusätzlich zu folgern, daß Parry minderwertig ist. Das Kreuzen der Klingen beim Parieren („parry“) würde so formal aufgenommen. Das Schema zeigt eine mögliche vollständige Struktur:

In ihr würde ein Dupel von Aussagen des Doktors über sich oder den Patienten auf Reflexionsstufe 1 zu Einschätzungen des Paranoiden über den [Seite 76↓]Arzt und sich selbst führen, auf Ebene 2 zu Annahmen, was der Psychiater über Parry und sich selbst denkt, usw. Der Prozeß wäre tendenziell endlos fortzusetzen, scheitert aber spätestens ab Stufe 3 (den Vermutungen des Interviewers über die Gedanken seines Gesprächspartners) an zu hoher Komplexität. Die Struktur gegenseitiger Reflexion ins Unendliche scheint nur auf, ohne konsequent implementiert worden zu sein. Wo Eliza einem Spiegel vergleichbar agierte, implementiert Parry ihren Tunnel - zwei einander zugewandte Reflektoren. Dieser erste „Feedback-Loop“, der den der Paranoiatheorie implementiert, ist in seiner technischen Umsetzung als Kamera, die ihr eigenes Bild filmt, in den 1980er Jahren dazu verwandt worden, Nachricht aus dem Reich der Toten zu erhalten 178 und bedeutet in dieser Konstellation die Entdeckung der autonomen Produktivität von Feedbackschleifen mit eingebauter Verzögerung. Anstatt weiterhin die Natur sich in den Medien selbst schreiben zu lassen, werden sie jetzt auf sich selbst angewendet und erzeugen unvorhergesehene Effekte.

Zusätzlich finden sich auch hier die bereits bekannten metonymischen Verallgemeinerungen. So schließt Parry aus der Erwähnung von „PILLS“ oder „NURSES“ auf den größeren Bereich, in dem sie verortet sind, das Krankenhaus, und weist das Attribut sich selbst zu: „NEEDHOSPITAL“ - der Glaube, daß er dort einen Aufenthalt benötigt. Ins Auge springen hier jedoch Folgerungen ins unmittelbare Gegenteil. So führt beispielsweise die bloße neutrale Erwähnung von „MONEY“ zu der Annahme „NOMONEY“, die bedeutet, daß er kein Geld hat. Schon Freud schreibt ja im Rückgriff auf den Philologen Abel, daß „das Verhalten des Traumes gegen die Kategorie von Gegensatz und Widerspruch" höchst auffällig ist. „Das ‘Nein’ scheint für den Traum [und damit für das Unterbewußtsein] nicht zu existieren." 179 Dem entspricht die Analysetechnik [Seite 77↓]eines Lloyd de Mause, der in Reden von Politikern zunächst alle Negationen ausstreicht und den Rest als eigentliche Rede analysiert. 180

Weiter gibt es Folgerungen, die offensichtlich ein Glied überspringen oder verdrängt haben. Auf die Verknüpfung von „YOU“ mit „GIRL“ folgt die Annahme, Parry habe keine Klasse, sei ein Trottel („NOCLASS“). Aus „YOU GIRL“ müßte aber eigentlich erst „I NOGIRL“ geschlossen werden, das Faktum, daß er keine Freundin hat, und erst dann die genannte Feststellung. Noch aufgelockerter ist die Verbindung, wenn der Arzt behauptet, „Pat“ (der Vorname des Patienten), Gott oder der Präsident zu sein. Der Paranoiker glaubt, er treibe ein bloßes Spiel. Der vermutete Unernst ergibt sich aus dem Größenwahn.

Durch die parallele und wiederholte Prozessierung der Eingaben und die gegenseitige Abhängigkeit der Gefühle, Intentionen, Situationseinschätzungen und schließlich Aktionen transformiert sich der dem Modell zugrundeliegende Baum in ein Netzwerk höchst unterschiedlicher Beziehungen. Dementsprechend begreift Colby die „paranoid delusions“ im Zentrum des Modells auch als „networks of false beliefs“ 181 , wobei nur der Gesprächspartner darüber befinden kann, was falsch ist. Die Organisationsstruktur der Verbindungen der einzelnen Optionen generalisiert sich, allerdings ohne daß sie weniger substantiell begriffen werden. Die Zahlenwerte der Situationseinschätzungen und Gefühle bilden das Gewicht des jeweiligen Übergangs.

Daß Colby die 1800 statischen Antworten des Modells als „canned“ bezeichnet, führt ein weiteres Artefakt der Industriealisierung in die Geschichte der Textgeneratoren ein: die Blechdose, spätestens prominent positioniert seit [Seite 78↓]Warhols Campbell's Soup Can von 1962 und Campbell’s Soup I von 1968. 182 Sie führt die Zeitlichkeit im Lebensmittelbereich gleichzeitig aus und ein. Ersteres, weil sie die langfristige Konservierung von Gemüse und Früchten erlaubt; letzteres, weil sie stets über ein Verfallsdatum verfügen muß, gerade weil die Nahrung nicht mehr sichtbar ist. Die Haltbarkeit wird verlängert und der Verfall gleichzeitig definitiv fixiert. Der schon bei Teekannen, Bausteinen und Handies beschriebene Effekt extremer formaler Standardisierung bei gleichzeitiger Variabilität von Oberflächeneigenschaften ist hier ebenfalls erkennbar, in Warhols Serien ändert sich sogar nur noch der Name der Suppe. Während bei Hegel die Fäulnis der Worte, über Nacht „schal geworden“ zu sein, ihren Grund darin findet, daß sie in allgemeiner Weise etwas fixieren, was lediglich eine vorübergehende Einzelheit ist 183 , und Lord Chandos ganz ähnlich seine Sprache verrotten fühlt „wie modrige Pilze“, da sie nicht imstande ist, das Singuläre zu erfassen 184 , wird in den rekombinatorischen Techniken offenbar ein Verfall der Zeichen aus sich selbst heraus empfunden. Trotzdem kommt es nicht zur Implementierung eines Verfallsdatums („Timestamp“), das das Verderben verhindern könnte.

In Colbys Artikel finden sich auffällig viele Bezüge zu Nahrungsmitteln. Er zitiert Einstein - „It is not the function of science to give the taste of the soup“ 185 , um ihm zu widersprechen, und äußert schließlich: „The proof of the pudding is in the eating.“ 186 Suppe und Pudding sind aufgrund ihrer flüssigen Konsistenz dem Plastik in der industriellen Produktion vergleichbar. Der Nahsinn des [Seite 79↓]Geschmacks wird hier als Zeichen absoluter Evidenz ins Feld geführt, da er traditionell als weniger täuschungsanfällig betrachtet wird als der des Gesichts und Gehörs. Die Metapher stärkt den Eindruck der unmittelbaren Beweiskraft der funktionellen Analogie, wenn etwas sich verhalte wie ein Paranoider, sei die implementierte Theorie korrekt. Die Gier nach Realität geht hier so weit, daß sie, wo sie sich wirklich ergäbe, direkt verschlungen würde.

Diesen Anspielungen antwortet schließlich Keith Gunderson in seiner Erwiderung auf Colbys Artikel, die wie kaum eine andere die implizit stets unterstellte Beweiskraft von Analogien vom Tisch fegt, wobei er allerdings strukturelle und funktionelle verwechselt. Im Zentrum der Replik steht ein zweites zentrales Insignium der nordamerikanischen Moderne - der Hamburger:

To be content with Turing’s test criteria for assessing modeling success in CS [Cognitive Science] is rather like thinking that slapping two halves of some analogical bun together makes a good hamburger. („Hey where’s the meat? the onion? Also I wanted a pickle!“) Conversely, to be discontent with a simulation model of cognitive processes, because it failed to pass Turing’s test would be a mistake. [...] A cooked hamburger patty with onion and pickle upon it might give us a pretty good grasp of a hamburger even if an analogical bun were missing and the whole repast were lodged within pita bread. („Hey, this tastes pretty much like a Big Mac!“) 187

Entscheidend ist also nicht die strukturelle oder funktionelle Ähnlichkeit der Simulation mit dem Original, sondern nur der Geschmack des Endproduktes. Stimmt das Ergebnis hier mit der Vorlage überein, kann das Modell als gelungen bezeichnet werden. Jede Hoffnung, dies durch Imitation von Struktureigenschaften zu erreichen oder aus identischem Verhalten Wesensmerkmale des Gegenstandes abzuleiten, weist Gunderson mit Recht zurück. Die Aufgabe der Simulation liegt auf einer einzigen Ebene: dem Geschmack der reinen Oberfläche. Er ist weder zu begründen noch durch den Rekurs auf seinen visuellen Aufbau zu erschließen.


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Auch Parry begegnet der Herausforderung, der ewigen Wiederholung des Gleichen zu entkommen, zunächst durch Faszination an der Potenz. Wenn Colby schreibt, „PARRY is full of surprises, not only because of the number of combinatorial possibilities [...], but also because the model has truly independent variables“ 188 , liegt dem dasselbe simplifikatorische Konzept von Überraschung zugrunde wie den früheren Skripten. Leitend ist die Masse der generierten Optionen sowie die Unabhängigkeit der Variablen als deren Bedingung. Sie finden sich hier jedoch nur intern, als Teil der Produktionsregeln. Der Text, der dem Benutzer antwortet, wird nicht kombinatorisch erzeugt. Er kann deshalb auch nicht überraschen, da er von vornherein Satz für Satz feststeht. Weil die internen Variablen auf eine endliche Liste von Antworten verweisen, bleibt die Wiederholungsrate vorhersagbar.

Der Sinn von Textgeneratoren, wo sie interaktiv sein wollen, kann aber nicht darin bestehen, dem durch die Schnittstelle bereits extrem eingeschränkten Verhalten des Benutzers dadurch zu antworten, daß „entsprechende“, vorgefertigte Schilder gezeigt werden. Dies entspricht der Technik, die Nietzsche folgendermaßen beschreibt: „Wenn Jemand ein Ding hinter einem Busche versteckt, es eben dort wieder sucht und auch findet, so ist an diesem Suchen und Finden nicht viel zu rühmen.“ 189 Der Algorithmus sollte im Gegenteil so dynamisch wie möglich reagieren. Die Aussagen müssen dabei nicht nur dem Leser neu sein, das ist beim ersten Mal ja stets so, sondern auch seinem Autor. Systeme, die ihren Verfasser nicht überraschen können, langweilen auch schnell ihre Benutzer. Colby hat sicher recht, wenn er schreibt, daß „something has to be canned at some level.“ 190 Aber bereits auf Satzebene einzudosen, erzeugt zwei gleich fatale Alternativen. Entweder die Wiederholung tritt schon nach kürzester Zeit ein oder der Programmierer sieht sich der unermeßlichen Aufgabe [Seite 81↓]gegenüber, tendenziell alle möglichen Aussagen aufzuschreiben und nach brauchbaren Kriterien zu katalogisieren. Langeweile und Repetition entkommt er nur durch konsequenten Enzyklopädismus. Ein Auswuchs desselben innerhalb der AI ist das gigantomanische Projekt CYC Doug Lenats, das den Anspruch erhebt, das gesamte Allgemeinwissen zu erfassen und in einer Großdatenbank formal zu repräsentieren.

Cycorp's goal is to break the „software brittleness bottleneck“ once and for all by constructing a foundation of basic „common sense“ knowledge - a semantic substratum of terms, rules, and relations - that will enable a variety of knowledge-intensive products and services. 191

Die Festlegung oder Eindosung auf Wortebene bei möglichst freier Definition von Rekombinationsregeln ist mit dem gleichen Makel behaftet. Solange die verfügbaren Begriffe feststehen, sind diese Verfahren nur mehr oder minder kunstvolle und in jedem Fall schließlich scheiternde Versuche, die Wiederkehr des Gleichen durch den Einschub von immer neuen Epizyklen zu verhindern. Die Masse des produzierten Materials bläht sich auf, ohne interessanter zu werden. Parallel dazu wächst der Aufwand exponentiell. Wenn also die Atome der Rekombination nicht im Vorhinein fixiert werden dürfen, verschiebt sich die Arbeit auf die dynamische Prozessierung bereits bestehender Texte, die in der Sprachtheorie von Markov und Shannon, dem Dada und den Cutup-Experimenten des Beat ihren Anfang nimmt. Hier scheint zum ersten Mal die Möglichkeit auf, veritabel Neues zu produzieren und so die Endlichkeit des Programms nach außen hin zu öffnen.

Überraschung erzeugen vor allem die Fehlantworten von Parry, etwa wenn er auf die Auskunft eines Chinesen, in Peiping aufgewachsen zu sein, antwortet: „That‘s not true. I don‘t smoke.“ 192 Colby führt das optimistisch auf „the [Seite 82↓]program‘s refined cleverness in desperate situations“ 193 zurück, weil der Parser, wenn er gar nichts versteht, von einem Tippfehler ausgeht und versucht, ihn durch das Einsetzen ähnlicher Worte wie „piping“ zu korrigieren. Tatsächlich zeigt sich hier die unauflösbare Ambiguität von Sprache, die man besser poetisch wenden würde als den Versuch zu unternehmen, sie auszumerzen. Grillende Amerikaner, darbende Heroinabhängige und verschleierte Frauen sind und bleiben nun einmal demselben Begriff assoziiert: „Turkey“. Aufgrund dieses Umstands ist es auch nicht „trivial“, wie er vorgibt, „to add volumes of facts to the model‘s knowledge.“

Völlig übersehen wird in Colbys Theorie der entscheidende Bezug auf höhere Mächte, der ursächlich dazu führt, daß der Verstand des Subjektes ver-rückt und der Verfolgte außer sich gerät – παρανους. 194 Für den Paranoiden gilt, was Theunissen über eine andere Geisteskrankheit äußert: „Die Welt des Schizophrenen ist Realität gewordene Metaphysik, Metaphysik von der Art der überkommenen.“ 195 Indem er zwei wirkmächtige „Rechte“ veranschlagt, das obere und das untere, gelingt ihm auch und vor allem die Erklärung des Übels in seinem Universum. Die Paranoia kennt keine Theodizee. Analog zur Geburt der Tragödie bei Hegel 196 besteht das untere, die Mafia, aus familienähnlichen Strukturen, die tatsächliche Großfamilien im Kern haben, während das obere, die CIA, brachial das staatliche Rechtssystem ausübt. Die Konstellation führt zwangsläufig in die Tragödie, „die ewige [...] Notwendigkeit des furchtbaren Schicksals“ 197 , unabhängig davon, für welches Recht sich das Subjekt entscheidet. „Dem Inhalte nach aber hat die sittliche Handlung das Moment des Verbrechens an ihr, weil sie [...] als unentzweite Richtung auf das Gesetz innerhalb der natürlichen Unmittelbarkeit bleibt und als Tun diese Einseitigkeit [Seite 83↓]zur Schuld macht, nur die eine der Seiten des Wesens zu ergreifen und gegen die andre sich negativ zu verhalten, d. h. sie zu verletzen. [...] Aber im Wesen mit diesem verknüpft, ruft die Erfüllung des einen das andere hervor, und, wozu die Tat es machte, als ein verletztes und nun feindliches, Rache forderndes Wesen.“ 198 Hegel geht so weit zu schreiben: „Unschuldig ist daher nur das Nichttun wie das Sein eines Steines, nicht einmal eines Kindes.“ 199 Die erste Tragödie, die er hierfür als Beispiel anführt, ist ausgerechnet die des Ödipus, die bei Freud als Urszene die Rolle einer allen psychischen Phänomenen zugrundeliegenden Realität spielt. Am Ende des Dramas gehen beide Seiten unter: „Erst in der gleichen Unterwerfung beider Seiten ist das absolute Recht vollbracht und die sittliche Substanz als die negative Macht, welche beide Seiten verschlingt, oder das allmächtige und gerechte Schicksal aufgetreten.“ 200 Das System der widerstreitenden Reiche geht über in den Rechtszustand. Auch diese stark formalisierte Beschreibung der Generierung von Tragödie hat bedauerlicherweise nie eine Implementierung erfahren.

Colbys Behauptung, Freuds Interpretation von Paranoia als latenter Homosexualität sei in seiner eigenen enthalten 201 , unterschätzt dessen Theorie und verleugnet seine eigene Geschichte. Die hier beschriebenen und formalisierten Inversions- und Projektionsmechanismen gehen nämlich weit über die von ihm implementierten Operationen hinaus. Diese reduzieren sich, abgesehen von der Innerlichkeitsmetaphorik, auf die vom Wert der Emotions- und Sachverhaltsvariablen abhängige Auswahl in einer Liste von Optionen. Die programmierten Gefühle sind völlig arbiträr und haben im Laufe der Entwicklung [Seite 84↓]des Systems tatsächlich gewechselt. 202 Magaro und Shulman schreiben in ihrer Kritik:

More damaging to the theory is the possibility that the same simulated behavior could be produced by changing a few links so that some emotion other than shame-humiliation (fear? distress?) simulates the paranoid mode. 203

Die Gefühle des Programms sind Variablenbezeichnungen, die im kompilierten Programm, wenn es ausgeführt wird, nicht mehr vorhanden sind. Es ändert am Verhalten einer Software nichts, sämtliche Namen zu ändern. Sie sind, wie Colby selbst an anderer Stelle sagt, nur Merkhilfen für den Programmierer. 204 Entscheidend ist vielmehr, welche Strukturen sie bilden und welche Operationen damit ausgeführt werden. In LISP dominieren Klammerungskonstruktionen, die der Sprache den Beinamen „Lost In Silly Parantheses“ eingetragen haben. Die Operationen in Parry ähneln gewichteten „Fuzzy Links“ 205 , da hier nicht, wie bei Eliza, die Erkennung von Schlüsselworten direkt zu entsprechenden Antworten führt, sondern die unvorhersehbare Kombination des Zahlenwertes von verschiedenen Variablen als „verborgene Schicht“ dazwischentritt und die Verbindung verunklart. Diese Eigenschaft ist vergleichbar mit den „Hidden Layers“ neuronaler Netze. 206 Hervorzuheben ist, daß die Verknüpfungen nicht rein zufällig sind, wie bei den Variablenskripten. Die Gewichte stellen vielmehr einen vom Verhalten des Benutzers abhängigen, kontrollierten Zufall dar.


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Die von Freud am Fall des Senatspräsidenten Schreber, also nur anhand eines Textes, entwickelte Theorie geht von einer latenten Homosexualität aus, obwohl es treffender wäre, von einer durch das Subjekt nicht lösbaren Bindung zu einer Vaterfigur zu sprechen. Sie drückt sich in dem Satz „Ich liebe ihn“ aus, der nicht geäußert werden kann. Deshalb werden seine drei Glieder in ihr Gegenteil verkehrt. Die Negation des Verbs erzeugt „Ich hasse ihn“, die des Objektes „Ich liebe sie“ und die des Subjektes „Sie liebt ihn“. Schließlich ist noch die vollständige Verneinung des Sachverhaltes möglich: „Ich liebe nichts und niemanden“. In einem zweiten Schritt der Entstellung werden die Sätze, soweit sie sich noch auf die eigene Person beziehen, nochmals verkehrt. Subjekt und Objekt werden ausgetauscht und so das Attribut auf das Gegenüber projiziert. Aus „Ich hasse ihn“ wird so „Er haßt und verfolgt mich“, ein Ausdruck, der die Paranoia einleitet. „Ich liebe sie“ geht über in „Sie liebt mich“, nach Freud Ausdruck von Erotomanie. Der dritte Satz bezieht sich bereits auf den anderen und steht für krankhafte Eifersucht. „Ich liebe nichts“ schließlich wird in „Ich liebe mich“ transformiert, und repräsentiert Größenwahn und Narzißmus. 207 Die beiden Operationen, die auf dem Ursprungssatz ausgeführt werden, sind Verkehrung und Projektion.

Diese Techniken sind bereits bei Hegel die zwei Komponenten, die seinen Text vorantreiben. Seine Dialektik läßt sich zur einen Hälfte als Dreischritt von Position, Negation und Negation der Negation (oder Differenz) beschreiben, also als beständige Verkehrung. Hegel fordert in der Logik

die Erkenntnis des logischen Satzes, daß das Negative ebensosehr positiv ist oder daß das sich Widersprechende sich nicht in Null, in das abstrakte Nichts auflöst, sondern wesentlich nur in die Negation seines besonderen Inhalts, oder daß eine solche Negation nicht alle Negation, sondern die Negation der bestimmten Sache, die sich auflöst, somit bestimmte Negation ist; daß also im Resultate wesentlich das enthalten ist, woraus es resultiert [...] Indem das Resultierende, die Negation, bestimmte Negation ist, hat sie [Seite 86↓]einen Inhalt. Sie ist ein neuer Begriff, aber der höhere, reichere Begriff als der vorhergehende; denn sie ist um dessen Negation oder Entgegengesetztes reicher geworden, enthält ihn also, aber auch mehr als ihn, und ist die Einheit seiner und seines Entgegengesetzten. 208

Zur anderen Hälfte muß aber hinzugefügt werden, daß die Akteure der Dialektik durch Begriff und Gegenstand, genauer: das Füreinanderessein und das Ansichselbstsein des Inhaltes des Bewußtseins gestellt werden, dessen vermeinte und dessen wirkliche Realität.

An dem also, was das Bewußtsein innerhalb seiner für das Ansich oder das Wahre erklärt, haben wir den Maßstab, den es selbst aufstellt, sein Wissen daran zu messen. Nennen wir das Wissen den Begriff, das Wesen oder das Wahre aber das Seiende oder den Gegenstand, so besteht die Prüfung darin, zuzusehen, ob der Begriff dem Gegenstande entspricht. [...] Das Wesentliche aber ist [...], daß diese beiden Momente, Begriff und Gegenstand, Füreinanderes- und Ansichselbstsein, in das Wissen, das wir untersuchen, selbst fallen. 209

Diese oszillieren in beständiger Vertauschung der Positionen, wie in der bereits zitierten Passage vom „Gesetz des Herzens“. Das Bewußtsein entwickelt ein bestimmtes Verständnis von Welt. Sein realer Begriff deckt sich aber nicht mit dem vermeinten. Die entstehende Realität für es ist von der an sich existierenden verschieden. Es geht also fort zu einem anderen Wirklichkeitskonzept. Das geistige Tun, das sich aus dem Widerspruch entwickelt, wird unmittelbar auf seine Welt projiziert und ist für es nur in ihr erfahrbar.

Die unüberwindliche Bindung des Subjektes an eine Vaterfigur findet seine stärkste Verkörperung im Verhältnis des Schöpfers zu seinem Geschöpf, wie es paradigmatisch in Mary Shelleys Frankenstein durchgespielt wird. 210 Die [Seite 87↓]Beziehung ist hier eine gegenseitige. Beide, Frankenstein wie seine namenlose Kreatur, können sich nicht voneinander lösen. Er ist an es „mit Banden gebunden, die nur der Untergang eines von uns beiden lösen kann“, es selbst betrachtet ihn als seinen „natürlichen Herrn und König.“ 211 Dadurch daß die Kräfte des Wesens die seines Konstrukteurs übersteigen, sind die beiden Positionen vertauschbar: „Du bist mein Schöpfer, aber ich bin jetzt dein Herr. [...] Ich bin furchtlos und deshalb mächtig“ 212 , sagt das Monster am zentralen Wendepunkt der Erzählung, als hätte es Hegel gelesen. Die gegenseitige Bindung wird invertiert und projiziert und endet in einer zweifachen paranoiden Situation. Frankenstein wird verfolgt durch einen unsichtbaren, übermächtigen und allgegenwärtigen Kontrahenten, der seine gesamte Umgebung und Familie auslöscht. „Mittlerweile ergriff ich jede Vorsichtsmaßnahme, um mich für den Fall zu rüsten, daß mein Feind offen über mich herfallen sollte. Ständig trug ich Pistolen und einen Dolch bei mir und war stets auf der Hut, nicht in einen Hinterhalt zu geraten.“ 213 Seine Kreatur dagegen wird von ihrem Meister, aber auch von allen anderen gehetzt. Sie hat aus enttäuschter Liebeserwartung „dem ganzen Menschengeschlecht den Krieg [erklärt], vor allem aber meinem Schöpfer, der mich diesem unerträglichen Elend ausgesetzt hatte“, ständig abgewiesen zu werden. Die derart Befeindeten schlagen zurück. Seinen Racheeid schwört Frankenstein auf einem Friedhof „bei den Schatten, die um mich schweben“ 214 , also wiederum der Unterwelt, und im Gedenken seiner ermordeten Familie, wie im Übrigen jeder gute Held. 215 Die Jagd führt schließlich zum Nordpol, wo er an Erschöpfung stirbt und sein Wesen sich am absoluten Nullpunkt auf einem Scheiterhaufen verbrennt. Beide finden ihre Ruhe schließlich nur noch im Tod. 216 Die übertriebene Furcht vor Computern, die [Seite 88↓]bereits in Weizenbaums Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft von 1976 formuliert wird, verstärkt sich in den 1980er Jahren und kulminiert in den 1990er Jahren mit Veröffentlichungen wie Postmans Technopoly. 217 Ihr Paradigma ist die Frankenstein-Erzählung. Sie wäre mit Freuds Paranoiatheorie vor allem als unlösbare Liebe des Subjektes zu den von ihm geschaffenen Maschinen zu re-interpretieren und als Unfähigkeit, sie einzugestehen.

Die Aussage Colbys stellt eine Verkennung seiner eigenen Geschichte dar, weil er selbst in den Jahren 1963 bis 1965 eine Implementierung der von Freud beschriebenen Mechanismen versucht hat. Unter dem Titel Computer Simulation of a Neurotic Process 218 nimmt er eine weitere Differenzierung des Modells vor und gliedert die verschiedenen Transformationen nach ihrem Entstellungsgrad. Auch er geht dabei von der normalen Satzstruktur „Subjekt - Prädikat - Objekt“ aus. Die erste der Techniken, „Deflection“ (Ablenkung), verschiebt das Objekt. Ob dies im metaphorischen Sinne einer Ersetzung von „Vater“ durch „Chef“, der metonymischen von „Vater“ durch „Familie“ oder dem einer Verkehrung von „Vater“ nach „Mutter“ gemeint ist, bleibt offen. Die „Substitution“ dagegen mildert das Verb. Aus „hate“ wird „tell off“ (heimleuchten). „Displacement“ kombiniert die beiden ersten Verfahren. Auf einer vierten Stufe der Entstellung wir das Tätigkeitswort neutralisiert: „Ich hasse den Chef“ wird zu „Der Chef ist mir egal“. Auf der nächsten wird es verkehrt: „Ich möchte dem Chef helfen“, während die „Negation“ es einfach verneint. Die „Reflexion“ verschiebt das Objekt auf die eigene Person: „Ich hasse mich selbst“, die „Projection“ vertauscht es mit dem Subjekt: „Der Chef/ alle hassen mich“. Die paranoide Transformation bildet auch hier den höchsten Grad der Verkehrung. Je stärker entstellt eine Aussage ist, desto weniger trägt sie zur Entladung des Gesamtsystems bei, die freudianisch als Hauptziel veranschlagt wird. Das [Seite 89↓]resultiert in einer „repetitive preoccupation with conflictual areas“, die nach Meinung Colbys typisch für Neurosen ist. 219 Außer den zuvor beschriebenen Techniken der Verkehrung und Vertauschung finden sich hier also abgemilderte Operationen wie metonymische und metaphorische Verschiebung oder Milderung, die Neutralisierung und Negation des Verbs, sowie die Reflexion in eine selbstbezügliche Aussage.

Inversion und Projektion gehören auch zu den Mitteln heutiger Nachrichtenpolitik, die wohl kaum ein anderer drastischer beschrieben hat als Jean Baudrillard.

Alle Manipulationshypothesen lassen sich kreiselartig endlos umkehren. [...] Handelt es sich bei den Sprengstoffanschlägen in Italien um Taten linker Extremisten oder um eine Provokation der extremen Rechten oder um eine von der Mitte ausgehende Inszenierung, um damit die eigene angeschlagene Macht wiederzuerlangen, oder handelt es sich um ein Scenario der Polizei und um eine Erpressung der öffentlichen Sicherheit? All das ist gleichzeitig wahr. 220

In immer neuen Transformationen wird die Botschaft solange entstellt, bis ihr eigentlicher Kern nicht mehr zu entziffern ist. Die Attribuierung springt dabei zwischen den beiden Lagern, seien es „rechts“ und „links“, „Kapitalismus“ und „Kommunismus“ oder „konservativ“ und „progressiv“, und wird dabei permanent in ihr Gegenteil verkehrt. Wenn alle möglichen Entstellungen der zunächst einfachsten Erklärung für ein bestimmtes Ereignis „gleichzeitig wahr“ sind, eine Aussage, die auf den Kreisel verschiedener Stufen „falschen“ Bewußtseins in Hegels Phänomenologie des Geistes ebenfalls zutrifft, ist das einzige wirksame Gegenmittel die Konstruktion von Verschwörungstheorien, eine abstrakte Form von Paranoia. Damit steigt wenigstens die Wahrscheinlichkeit, den eigentlichen Grund zu erreichen, wenn auch zu keinem Zeitpunkt entschieden werden kann, [Seite 90↓]welche der zahllosen Möglichkeiten die richtige ist. Das Internet stellt in dieser Hinsicht eine wertvolle Quelle dar. Neben Sex, Kommerz und Computertechnik bilden Verschwörungstheorien aller Couleur ein ebenbürtiges Thema. 221

Mit der Aufgabe der Hypnose verwandelte sich die Psychoanalyse von einer körperlichen Technik in reines „Information-Processing“, das eine physische Anwesenheit nicht mehr erfordert. Der Patient ist gehalten, alles zu sagen, was ihm in den Sinn kommt, der Analytiker lauscht ihm in „gleichschwebender Aufmerksamkeit“. 222 Sie bietet sich so der Implementierung durch die AI an, die Colby von 1963 bis heute verfolgt. Sein letzter Schritt in dieser Richtung ist die Entwicklung der Software Overcoming Depression, die auf seiner Website vertrieben wird. 223 Psychisch Kranke sollen durch gesunde Simulationen von Psychologen geheilt werden und beheben so den gravierenden Personalmangel in diesem Feld. Die Idee wirkt äußerst zynisch und hat Weizenbaum zutiefst empört und schließlich zum Kritiker des Computers bekehrt. Hier fallen mehrere Aspekte ins Auge.

Zeit seines Lebens hat Sigmund Freud daran gearbeitet, die Psychoanalyse so streng zu formulieren und zu formalisieren, daß sie den Status einer Wissenschaft erreichen würde. 224 Wenn sie das sein kann, dann ist ihre Technik auch in einem Algorithmus implementierbar. Schon die Betrachtung von Colbys Neurosensimulation zeigte, daß der Mechanismus der Verdrängung programmierbar ist. Dies gilt auch für das Verfahren der Analyse, das ein symmetrisches Gegenstück zu den Rationalisierungsoperationen des Patienten [Seite 91↓]bilden muß. Die gleichschwebende Aufmerksamkeit für das von ihm Geäußerte jedenfalls, die Freud selbst mit einem Telephonhörer illustriert, ist technisch wesentlich einfacher zu realisieren als innerhalb eines Bewußtseins.

Maschinelle Psychotherapie hätte zudem den Vorteil auszuschließen, daß ein nicht oder unvollständig analysierter Arzt seine eigenen Komplexe auf den Patienten überträgt. Computer haben keine psychischen Defekte und die, die möglicherweise durch einen neurotischen Programmierer hineingetragen werden, sind in einer Überprüfung durch andere leicht auszumerzen, weil Algorithmen im Gegensatz zu Menschen explizit kodiert sind. Es ist Freuds Verdienst, für das Subjekt die entscheidende Rolle des Latenten herausgestellt zu haben. Es ist das, was gleichzeitig vor und außerhalb jeder Turing-Maschine liegt. In ihr sind alle Werte explizit, manifest und diskret. Es gibt keine verdrängten Bits. Die maximale Verdeckung innerhalb des Computers ist Kryptographie, ein Umstand, der eine seiner entscheidendsten Differenzen zum Menschen markiert.

Auch die Übertragungsliebe der Patientinnen erzeugt in der maschinellen Analyse kein Problem, da sie in keinem Fall vollzogen werden kann. „Je mehr man den Eindruck macht, selbst gegen jede Versuchung gefeit zu sein, desto eher wird man der Situation [der Übertragungsliebe] ihren analytischen Gehalt entziehen können“, schreibt Freud 1915. 225

Maschinen zur Normalisierung einzusetzen erscheint auch deshalb folgerichtig, weil diese selbst als eine Anzahl mechanischer Regeln zu beschreiben ist, besonders in den behaviouristischen Therapien des nordamerikanischen Kontinents. Das lateinische Substantiv „norma“ und das Adjektiv „normalis“ bezeichneten ursprünglich das Winkelmaß, mit dem Handwerker für Rechtwinkligkeit sorgen. 226 Das Projekt, Programme zu schreiben, die Menschen simulieren, nimmt seinen Ausgang von ihrer Beobachtung. Newell und Simon entwickeln ihren General Problem Solver, die [Seite 92↓]erste Software, die allgemeine Problemlösungsverfahren implementiert, aus Untersuchungen der Entscheidungsverfahren von Managern. 227 Die Deskription und Formalisierung der Tätigkeiten von Subjekten geht historisch jedoch unmittelbar über in ihre Disziplinierung, wie bereits Weizenbaum bemerkt. Begriffe wie „Programm“, „Code“ und „Befehl“ sind nicht zufällig doppeldeutig, weil es parallel darum zu tun war, Maschinen und Menschen textuell die Regel zu geben und schließlich die Fehlerhaftigkeit letzterer durch die Perfektion ersterer zu ersetzen.

Ein weiterer Vorteil des Verfahrens besteht in der Verstärkung der Wahrheitsfunktion. Der Analytiker gewinnt seine Autorität nur durch die Strategie seiner doppelten Unsichtbarkeit, topologisch und rhetorisch. Er nimmt „hinter ihm, von ihm ungesehen, Platz“, Freud äußert dazu nonchalant: „Ich vertrage es nicht, acht Stunden täglich [...] von anderen angestarrt zu werden“ 228 , und er verweigert sich der Thematisierung seiner eigenen Person. Demgegenüber verfügt die Maschine als außersubjektiver Textgenerator über natürliche Objektivität. Ihre Aussagen haben Orakelqualität, weil sie nicht mit dem Makel der Individualität befleckt sind. Der Rechner befindet sich immer schon hinter einem Vorhang. Es spricht, nicht irgendein Ich.

Falls das Programm nicht, wie im Fall von Colby, auf statischen Skripten basierte, sondern wirklich generativ arbeiten würde, könnte man sich von ihm außerdem erhoffen, die Aussagen des Patienten auf originellere Sachverhalte zurückzuführen als den Ödipuskomplex, unterdrückte Sexualität in allen Varianten, ihre Organe oder deren Kastration. Freuds Traumdeutung wäre so gegen den Strich zu lesen, daß die Analysemethoden des Therapeuten in Produktionsregeln des Analysanden umformuliert werden.

Wenn Colby schreibt, das Wissen von Parry sei „broad but shallow“, so ist ihm zu widersprechen, da das Besondere seines Ansatzes gerade darin besteht, [Seite 93↓]daß er Weizenbaums Algorithmus zwei entscheidende Tiefen hinzufügt: den inneren Zustand, der denen der Turing-Maschine vergleichbar ist, und das Metasystem. Sie stellen eine alternative Art dar, innerhalb eines endlichen, geschlossenen Systems Interesse zu erwecken: die Dramatik des Suchens und Findens. Wenn der Programmierer ein Ding hinter einem Busche versteckt und die Aufgabe des Benutzers darin besteht, es zu entdecken, tritt eine Spannung in Kraft, deren Vorbild die Schatzsuche ist und die unzähligen Adventure- und anderen Spielen zugrundeliegt. Die im Inneren verborgene Kostbarkeit bilden bei Parry die „delusional beliefs“. Er verfügt über eine kleine (und zutreffende) und eine große (und unzutreffende) Geschichte. Die eine besteht in seinen Personendaten, die andere in seinem Drama in der Welt von Pferderennen und Mafia. Letzteres stellt das objet précieux 229 dar, das der Benutzer dem Programm durch geeignetes Verhalten entlocken muß. Das ist in diesem Fall besonders schwierig, weil seine internen Zustände verborgen sind und deren parallele Modifikation eine Unübersichtlichkeit erzeugt, die es verunmöglicht, sie vorherzusagen. Die beste Strategie ist der von Eliza ähnlich. Die Aktion „VLEADIN“, in der der Paranoide die Erzählung von den Buchmachern und der Mafia einleitet, wird aktiviert, wenn er eine Flaute in der Konversation feststellt. Dies geschieht, wenn der Benutzer ihn allgemein und ungerichtet dazu auffordert weiterzusprechen, also beispielsweise äußert: „TELL ME MORE“. Ganz ähnlich wird auch seine „Heilung“ durch möglichst unbestimmte positive Eingaben erreicht, die keines der sensiblen Themen berühren, da die Emotionswerte ohne weitere Erregung langsam fallen. Wird Parry nicht weiter angeheizt, kühlt er automatisch ab. Die Metapher der Lösung eines Knotens oder der Hebung verdrängter Inhalte spielt bei Colby keine Rolle. Der Paranoide wird einfach als glühender Motor verstanden. Daß die Unterhaltungen zwischen Eliza und Parry dennoch extrem unproduktiv verlaufen, liegt vor allem daran, daß in den beiden Programmen gleiche Themen verschieden kodiert werden. „What do you think?“, [Seite 94↓] Elizas Standardfrage und inhaltlich synonym zu „TELL ME MORE“, wird von Parry nicht verstanden:

What resemblance do you see?
*Why do you need to know that?
What do you think?
*I don't understand your motives.
Why don't you understand my motives?
*Shouldn't I be?
Why do you say that just now?
*That's just the way it is.
Suppose that's just the way it were not.
*So?
I am not sure I understand you fully. 230

Das Gespräch, das an die Auseinandersetzungen eines alten schwerhörigen Ehepaares erinnert und keinerlei Inhaltlichkeit enthält, wurde als einer der ersten Tests des frühen ARPANETs geführt und deshalb sogar als RFC (Request For Comments, eine Form der Definition von Standards im Internet) veröffentlicht. Auf den Kanälen fließt weiter hellohellohello.

Bei Parry findet gegenüber Eliza eine weitere Vertauschung der Positionen statt. Im Zentrum von dieser stand die Eigentlichkeit des Benutzers, sein wahres Wesen, das mit (ungeeigneten) Mitteln maschinell gehoben werden sollte. Bei jenem dagegen bildet umgekehrt die Erforschung des im Programm Versteckten ein wichtiges rhetorisches Element.

Das Eigentliche ist verborgen, das Verborgene ist das Eigentliche - diese Gleichung einer negativen Theologie ist bei Parry allgegenwärtig. Zunächst als [Seite 95↓]Ziel der Simulation: Die Übereinstimmung zwischen Original und Modell erschließt das Wesen der Blackbox Gehirn. Zweitens als Struktur der Paranoia: In Wirklichkeit wird die Welt von den Mächten gesteuert, die im Dunklen wirken. Drittens als rhetorische Inszenierung einer Dramatik: Der Benutzer muß die delikate Geschichte durch geeignetes Verhalten hervorlocken. Viertens als Hindernis, das die Schatzsuche nur spannender macht: Die entscheidenden Variablen der Software sind unsichtbar und können nur indirekt beeinflußt werden. Ist die Öffnung der Endlichkeit des Programms nicht möglich, muß also die Dramatik auf einem runden abgegrenzten Platz stattfinden, kann man sie durch Inklusion erzeugen. Ein Bereich innerhalb der σκηνη 231 wird abgeteilt, verborgen und der Zugang zu ihm restringiert. Die Öffnung nach innen wird zuerst im Allerheiligsten der Hebräer inszeniert und von nachfolgenden Geheimbünden und Logen übernommen. Durch Definition von Schwellen werden immer höhere Bereiche des Sakralen geschaffen, zu denen Zutritt nur denen gewährt wird, die sich einer definierten Disziplin unterziehen. Die architektonische Ordnung erzwingt auf seiten der Subjekte eine ebenso hierarchische Gliederung. Diese Einschließung und räumliche Abstufung scheint noch bei de Sade auf, wo das Arkanum der absolut zügellosen Perversion nur in eigens abgeteilten, besonders privaten Gemächern vollzogen werden darf. 232 Der Adept dringt immer tiefer. Je weiter innen er sich befindet, desto höher ist sein eigener Rang. Am Endpunkt der Entwicklung ist er gleichzeitig Teil der Familie wie im Besitz der höchsten Wahrheiten. Die Dramatik der Initiation wird konsequent um- und eingesetzt in den zeitgleich zu Parry entwickelten „Adventures“.


Fußnoten und Endnoten

116 “People get on my nerves sometimes” ist eine der Repliken von “Parry”, wenn er den Interviewer nicht versteht. Vgl. Cerf 1973(E), Z.22.

117 Weizenbaum 1966, S. 44.

118 Vgl. Hegel 1812, S. 82ff.

119 Turing 1937, S. 30.

120 Vgl. Hegel 1812, S. 82ff.

121 Vgl. Schreber 1902, S. 129: “Nunmehr aber wurde mir unzweifelhaft bewußt, daß die Weltordnung die Entmannung [...] gebieterisch verlange und daß mir daher aus Vernunftgründen gar nichts Anderes übrig bleibe, als mich mit dem Gedanken der Verwandlung in ein Weib zu befreunden.”

122 Vgl. Colby et al. 1972, Heiser et al. 1977. Der Turing-Test bei Parry setzt allerdings alle Beteiligten unter Druck, eine Position zu behaupten, die bedroht ist, nicht nur den Computer. Zunächst die Kognitionswissenschaftler. Schlägt der Test fehl, steht zunächst ihre Programmierfähigkeit infrage, generell aber ihre Glaubwürdigkeit. Die Alternativansicht lautet: Scharlatane betreiben Cargo Cult Science und wird von Colby 1981 explizit geäußert: “It is that this sort of theory development and model building may represent what I will dub ‘Cargo Cult Science’.” (Colby 1981, S. 534) Die Situation der Psychiater, einer ebenfalls nicht als Wissenschaft anerkannten Profession, stellt sich genau umgekehrt dar: gelingt das Experiment, könnte man das zunächst der Perfektion des Programms zuschreiben. Der Umstand, daß diese einen Verrückten nicht von einem Computer unterscheiden können, bedeutet aber weiter, daß die angewandte Interviewtechnik fundamental unzureichend ist. Quacksalber täuschen Empathie vor. Ein ähnlicher Antagonismus findet sich auch auf Ebene der Probanden. Das Programm simuliert, ein verrückter Mensch zu sein. Der wiederum simuliert, normal zu sein, integrierbar in das zivilisierte Programm Gesellschaft. Das Verstellungspotential ist hier also wesentlich höher als im Originalvorschlag Turings.

123 Colby 1981, S. 518.

124 Colby rechnet etwa mit 20 - 60 Minuten. Vgl. Colby et al. 1971b, S. 5.

125 Freud 1913, S. 194.

126 Colby et al. 1971b, S. 9. Anm. D. L.

127 Vgl. Colby 1966, 1967, 1971a, 1973, 1976b, 1980, 1986, 1989, 1995, 1999.

128 Vgl. Colby 1963, 1964a und b, 1965, 1971b, 1975, 1976a, 1981.

129 Vgl. Colby et. al 1971b, S. 23: “For example, one might subject it [the program] to experiments designed to modify its paranoid I-O behavior and apply the favorable results to human patients.”

130 Vgl Broca 1861, Pavlov 1932.

131 Colby 1981, S. 518: “[This] lead[s] the paranoid to interpret events that have nothing to do with him as bearing on him personally.” Freud äußert zu diesen Aspekt treffend, Paranoiker erwarteten “von allen Fremden etwas wie Liebe [...]; diese anderen zeigen ihnen aber nichts dergleichen, sie lachen vor sich hin, fuchteln mit ihren Stöcken oder spucken sogar auf den Boden, wenn sie vorbeigehen.” (Freud 1922, S. 222)

132 Colby a. a. O., S. 518.

133 Colby a. a. O., S. 518.

134 Colby a. a. O., S. 533.

135 Colby a. a. O., S. 522.

136 Colby et al 1971b, S. 9.

137 Colby 1981, S. 558. Anm. D. L.

138 Auch Eliza verfügt in allen Implementationen außer der Originalfassung über derartige Routinen. Vgl. bspweise Free Software Foundation 1985(E), Z. 389: “I would appreciate it if you would watch your tongue!”

139 Anders 1956, S. 21ff.

140 Weizenbaum 1976, S. 166.

141 Hegel 1807, S. 141ff.: “Seine Wahrheit ist vielmehr das unwesentliche Bewußtsein, und das unwesentliche Tun desselben.”

142 Der erste “Bug” wurde am 9. September 1945 auf einer Mark II in Harvard entdeckt. Vgl. IEEE 2001(E).

143 Gödel a. a. O., S. 191, Anmerkung 48a. Die von Gödel bewiesene Unentscheidbarkeit bestimmter Sätze gilt jedoch nicht für das Kreter-Paradoxon, wie es beispielsweise der Brockhaus beschreibt: “Der Seher Epimenides war ein Kreter. Von ihm stammt der Satz: ‘Alle Kreter sind Lügner’. Man kann nicht entscheiden, ob der Satz wahr oder nicht wahr ist, da er auf sich selbst bezogen ist. Beide Annahmen führen zu einem Widerspruch.” (Der Brockhaus, Stichwort “Epimenides”) Die Annahme, Epimenides lüge, führt aber nicht zu einem Widerspruch, da das Gegenteil von “Alle Kreter sind Lügner” lautet “Ein Kreter sagt die Wahrheit”, und nicht: “Alle Kreter sagen die Wahrheit”. Epimenides lügt also, und irgendein anderer Kreter sagt die Wahrheit.

144 Weizenbaum 1966, S. 42.

145 Dieses Kreisen ist gleichzeitig absolute Tätigkeit und absolute Starre. Mit einer winzigen Erweiterung wird hieraus das Programm eines autistischen Kindes, mit dem Weizenbaum einmal Colbys funktionelle Analogien verspottete: “begin while T do READ() end.” Das ist umso witziger, als dieser tatsächlich ab 1971 beginnt, Computerprogramme zur Behandlung autistischer Kinder zu entwickeln. Vgl Colby 1971a, 1973.

146 Vgl. Abb. 10.

147 Weizenbaum 1976, S. 170ff.

148 Vgl. hierzu auch PPL, die “Paranoid Programming Language”, die eine Parodie auf die paranoiden Konstrukte der Programmiersprache “ADA” darstellt und so schöne Datentypen enthält wie: “x : dodgy integer; y : unreliable string; z : inaccurate float” (Fenelon1988(E), Z. 36ff.)

149 Colby et al. 1971b, S. 19.

150 Vgl. hierzu den der Definition von Herrschaft und Knechtschaft vorhergehenden “Kampf auf Leben und Tod”. Hegel 1807, S. 144ff. Ähnlich wie Wissen in Macht übergeht, bedeutet der Blick potentielle Gewalt.

151 Colby a. a. O., S. 22.

152 Freud 1911, S. 175. Paranoia könnte so als der lesende, Hysterie als der schreibende Wahn angesehen werden.

153 Vgl. Freud, 1895b, S. 311: “Durch Aufspüren von Lücken in der ersten Darstellung des Kranken, die oft durch ‘falsche Verknüpfungen’ gedeckt sind, greift man ein Stück des logischen Fadens an der Peripherie auf und bahnt sich [...] von da aus den weiteren Weg.”

154 Baudrillard 1978, S. 15.

155 Vgl. Freud 1932, S. 516: “Wo es war, soll ich werden.”

156 Vgl. hierzu “Das Gesetz des Herzens und der Wahnsinn des Eigendünkels” in Hegel 1807, S. 266ff: “[Es] ist aber das Bewußtsein in seinem Gesetze sich seiner selbst als dieses Wirklichen bewußt; und zugleich, indem ihm ebendiese Wesenheit, dieselbe Wirklichkeit entfremdet ist, ist es als Selbstbewußtsein, als absolute Wirklichkeit sich seiner Unwirklichkeit bewußt, oder die beiden Seiten gelten ihm nach ihrem Widerspruche unmittelbar als sein Wesen, das also im Innersten verrückt ist.” Auch die Strategie der Projektion findet sich bereits hier: darin, “daß es die Verkehrtheit, welche es selbst ist, aus sich herauswirft und sie als ein Anderes anzusehen und anzusprechen sich anstrengt.” Die Welt ist dann eine “von fanatischen Priestern, schwelgenden Despoten und für ihre Erniedrigung hinabwärts durch Erniedrigen und Unterdrücken sich entschädigenden Dienern derselben erfundene und zum namenlosen Elende der betrogenen Menschheit gehandhabte Verkehrung des Gesetzes des Herzens und seines Glücks.”

157 Vgl. Baran 1964(E), Z.78ff.: “Redundancy levels on the order of only three permit withstanding extremely heavy level attacks with negligible additional loss to communications. [...] Thus, the optimum degree of redundancy can be chosen as a function of the expected level of attack. Further redundancy buys little. The redundancy level required to survive even very heavy attacks is not great - on the order of only three or four times that of the minimum span network.”

158 Vgl. Abb. 11.

159 Vgl. Stone 1993, Z152ff.: “The private conversation was actually under way for a few minutes before Lewin realized it was profoundly different from any conversation he'd been in before. Somehow the woman to whom he was talking had mistaken him for a woman psychiatrist. He had always felt that even in his most personal conversations with women there was always something missing, some essential connection. Suddenly he understood why, because the conversation he was now having was deeper and more open than anything he'd experienced. ‘I was stunned’, he said later, ‘at the conversational mode. I hadn't known that women talked among themselves that way. There was so much more vulnerability, so much more depth and complexity. And then I thought to myself, Here's a terrific opportunity to help people’.”

160 Artificial Intelligence Repository 1995a, Parry Archiv(E).

161 Readme Datei des obigen Archivs, Z6ff. Vgl. Abb. 12.

162 Anders 1956, S. 51f.

163 Absolut arbiträr, weil sie die beispielsweise von Saussure diagnostizierte Arbitrarität des sprachlichen Zeichens (Vgl. Saussure 1916, S. 79ff.) in ihrer fast vollständigen Ahistorizität übersteigen. Verwende ich ein neues Wort für eine Vorstellung, werde ich nicht mehr verstanden, weil ich die historische Konvention verlasse. Neue Formate für Computerdaten dagegen kommen beinahe täglich auf den Markt.

164 Vgl. beispielsweise den derzeitigen Hauptvertreter dieser Strategie, Microsoft, sowie insbesondere das Format von MSWord, in dem auch dieser Text verfaßt wurde. Für die meisten Microsoft Formate liegt eine Spezifikation, die es erlauben würde, diese auch in 100 Jahren noch dechiffrieren zu können, derzeit nicht vor. Texte, an deren Überlieferung Autor oder Lesern gelegen ist, sollten daher zumindest in offenen Formaten gespeichert werden.

165 Eine schöne Illustration möglicher zukünftiger Verfahrensweisen der Archäologie verdankt der Autor Robert O’Kane. Auf die Frage, wie man die möglicherweise bereits verrosteten 8 Zoll Disketten des Original-Parry noch lesen könnte, schlug er vor, die Diskette mit einer magnetischen Flüssigkeit zu benetzen, das resultierende Muster abzuphotographieren und so der gespeicherten Binärkette habhaft zu werden.

166 Vgl. Tomkins 1962.

167 Parry verfügte 1971 noch über teilweise dynamisch zusammengesetzte Antworten, ähnlich wie Eliza, und zwar im Fall von Fragen über “sensitive areas” und “flare topics”. Diese Technik wurde jedoch in der weiteren Entwicklung aufgegeben. Da sie nicht wirklich dynamisch arbeitet, ist sie jederzeit einfacher statisch zu kodieren. Vgl. Colby et al. 1971b, S. 6.

168 Colby 1981, S. 525.

169 Colby a. a. O., S. 526.

170 Wenn Faught schreibt, daß “the current program simply notes the lack of ability to determine an answer and decrements the level of control that the program believes it has over itself” (Faught 1978, S. 63), scheint das Metasystem nicht besonders weit entwickelt gewesen zu sein. Es ist nur deshalb interessant, weil es zu aufgabenorientierten “Problem Solvern” wie SHRDLU überleitet, die generell über ein Objekt- und ein Metasystem verfügen.

171 Colby a. a. O., S. 527.

172 Cameron 1959.

173 Colby a. a. O., S. 519. 1971 ist Parry noch “post office clerk” (Colby et al. 1971b, S. 5.)

174 Die Pferderennen in Chicago wurden kontrolliert von Mont Tennes und James O’Leary. Vgl. Lindberg 2001(E). In der Zeit von 1967 bis 1971 werden parallel zur Verschärfung der Gesetze, die im “Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act” von 1970 gipfelt, achtzehn regionale “strike forces” gegen die Mafia gegründet, die die Geschichte der Mafia weitgehend besiegeln. Vgl. The RICO Act 1994(E).

175 “David, I work, and I have kids, and I am on the PTA, and I am a soccer coach, and I have to paint my bathroom. Also, I don't particularly remember this version of Parry. I think you are on your own for now. When my kids are out of the house (in about 10 years) I will have time to pursue fun things in my copious leisure time. Sorry. Bill” (Email von Bill Faught, dem Verfasser des semantischen Teils von Parry vom 13. 3. 2001). “PTA” ist ein Akronym für “Parent Teacher Association”, einer Vereinigung, die sich in den USA für die Rechte von Kindern und Jugendlichen einsetzt.

176 In der genannten Distribution sind dies die Dateien “SYNONM.ALF”, “IRREG.ALF”, “IDIOM.ALF” und “DICTIO”.

177 Entsprechend schreiben Colby et al. 1971b, S. 13: “A combination of ‘you’ or ‘your’ with some form of the attribute, plus optionally another object or assisting concept will adequately convey the meaning of the conceptualization intended.”

178 Vgl. Holbe 1987. Zuerst erwähnt wird die technische Konstellation bei Abraham 1976. Vgl. auch Nam June Paiks Installation “TV Buddha” zwei Jahre früher, Paik 1974(V).

179 Freud 1910, S. 229. Anm. D. L.

180 Mause 1982, S. 163ff. zur Technik der Phantasieanalyse, Regel 5: “Lassen Sie alle Negationen unberücksichtigt. [...] Alle Negationen und Verleugnungen sind Teil der Abwehr-, nicht der Phantasiestruktur.”

181 Colby a. a. O., S. 3.

182 Diese wurde zwar bereits 1810 durch Nicolas Francois Appert als Einmachglas erfunden und von John Hall 1811 in ihre Blechform überführt, diese frühen Dosen wurden jedoch per Hand gefertigt und mit Zinn überzogen und waren entsprechend teuer. Erst um 1890 wird in England ein Produktionsautomat erfunden, der die Herstellung des heutigen Massenproduktes ermöglicht. Vgl. Can Manufacturers Institute 2000(E) und Abb. 13.

183 Hegel 1807, S. 81.

184 Hofmannsthal 1902, S. 49.

185 Colby 1981, S. 529.

186 Colby a. a. O., S. 531.

187 Colby a. a. O., S. 538. Anm. D. L.

188 Colby a. a. O., S. 557.

189 Nietzsche 1873, S. 514.

190 Colby a. a. O., S. 534.

191 Cycorp 2001(E), Z212ff.

192 Colby a. a. O., S. 540.

193 Colby a. a. O., S. 553.

194 Vgl. Gemoll 1908, S. 568: “παρα[...] bei, neben” und S. 524: “νοος, zsgz. νους [...] Verstand, Vernunft”.

195 Theunissen 1992, S. 61.

196 Vgl. zum Folgenden Hegel 1807, S.317ff., “Der wahre Geist, die Sittlichkeit”.

197 Hegel a. a. O., S. 331.

198 Hegel a. a. O., S. 335.

199 Hegel a. a. O., S. 334.

200 Hegel a. a. O., S. 337.

201 Colby a. a. O., S. 555.

202 1971 sind die implementierten Gefühle noch “FEAR” und “ANGER”, die zusammengenommen “MISTRUST” bestimmen. Vgl. Colby et al. 1971b, S. 4.

203 Colby 1981, S. 542.

204 Colby 1999, S. 9: “The concept labels look like English words but they are only convenient mnemonics for the program’s author trying to keep track of matters that can become quite complicated.”

205 Zur Erfindung der “fuzzy logics” vgl. Zadeh 1965.

206 Vgl. zu diesem Aspekt neuronaler Netze Hoffmann 1993, S. 39ff.

207 Vgl. Freud 1911, S. 186ff.

208 Hegel 1812, S. 49.

209 Hegel 1807, S. 71.

210 Shelley 1831.

211 Shelley a. a. O., S. 134.

212 Shelley a. a. O., S. 224.

213 Shelley a. a. O., S. 257.

214 Shelley a. a. O., S. 271.

215 Vgl. Theweleit 1988, S. 344, der dies für Batman und andere Superhelden nachweist.

216 Shelley a. a. O., S. 292, 299.

217 Vgl. Weizenbaum 1976, Eurich 1988, Postman 1993.

218 Colby 1963. Vgl. auch Colby 1964a, 1964b, 1965.

219 Colby 1963, S. 172ff.

220 Baudrillard 1978, S. 29f.

221 Vgl. als eins von unzähligen Beispielen beispielsweise Disinformation Company 1997(E).

222 Freud 1913, S. 171.

223 Malibu Artifactual Intelligence Works 2000(E).

224 Freud 1938, S. 52: “Unsere Annahme eines räumlich ausgedehnten, zweckmäßig zusammengesetzten, durch die Bedürfnisse des Lebens entwickelten psychischen Apparates, der nur an einer bestimmten Stelle unter gewissen Bedingungen den Phänomenen des Bewußtseins Entstehung gibt, hat uns in den Stand gesetzt, die Psychologie auf einer ähnlichen Grundlage aufzurichten wie jede andere Naturwissenschaft, z. B. wie die Physik.”

225 Freud 1915, S. 226. Anm. D. L.

226 Vgl. Kürschner o. J., S. 3028: “norma, ae: Winkelmaß; Richtschnur”.

227 Vgl. Simon 1947.

228 Freud 1913, S. 193.

229 Mit diesem Ausdruck bezeichnet Lacan das Objekt der Begierde “petit a”, das fetischistische Partialobjekt. Vgl. Lacan 1960/61, S. 163ff.

230 Cerf 1973(E), S. 3, Z191 ff. Sätze mit Sternchen stammen von Parry, die anderen von Eliza.

231 Vgl. Gemoll 1908, S. 678: “σκηνη[...] hölzernes Gerüst, auf dem die Schauspieler spielten, Bühne”.

232 Sade 1785, S. 72f.: “Er [der Verbrecher, Anm. D. L.] war allein, außerhalb Frankreichs, in einem sicheren Lande, im Grund eines unbewohnbaren Waldes, in einem Versteck dieses Waldes, das durch die getroffenen Maßregeln den Vögeln des Himmels allein erreichbar war, er war im Grund der Eingeweide der Erde” und S. 70: “Dieses Kabinett war eine Art Boudoir, es war außerordentlich still und abgelegen, sehr warm, sehr dunkel tagsüber und für Wollustkämpfe zu zweit bestimmt oder für gewisse andere, geheime Vergnügungen, die wir später erklären werden.”



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15.04.2005