11 Meritokratismus und Etatismus als Verteilungsideologien

↓176

Verteilungsideologien sind normative Vorstellungen darüber, wie und durch wen in einer Gesellschaft Wohlstand, Prestige, Güter oder Positionen zugeteilt werden sollen. Die beiden bedeutsamsten Ideologien sind Meritokratismus und Etatismus. Unter Meritokratismus wird die Befürwortung des Leistungsprinzips verstanden, also die Verteilung von Wohlstand, Gütern, Prestige und Positionen nach dem, was einer Person aufgrund ihrer individuell erbrachten Leistung für die Gesellschaft als Verdienst zusteht (vgl.Young, 1958). Danach werden Positionen, Güter und Wohlstand weniger vererbt oder zugeschrieben, als vielmehr durch eigene Leistung erworben. Vielfach wird in Bezug auf diese Ideologie auch von 'Individualismus' oder 'Marktgerechtigkeit' gesprochen. Etatismus als Verteilungsideologie hebt die besondere Rolle des Staates bei sozialen Distributionen heraus, weshalb man auch von 'Statism', 'Staatismus', "Staatsgerechtigkeit" oder "politischer Gerechtigkeit" sprechen kann (vgl.Lane, 1986). Danach ist es Aufgabe des Staates, in die marktwirtschaftlichen Allokationsprozesse, wonach Entlohnung weitgehend durch individuelle Leistung in modernen Gesellschaften bestimmt wird, umverteilend und absichernd einzugreifen. Dahinter steht auch die Vorstellung, dass all jene Gesellschaftsmitglieder, die nicht oder nicht mehr im Rahmen ihrer Leistungsfähigkeit zum Wohl der Gesellschaft beitragen (können), in die Gesellschaft dennoch eingeschlossen werden und Mittel für die Absicherung von Risiken aus den Wechselfällen des Lebens je nach Bedarf erhalten, so dass sie gesellschaftlich partizipieren können. Beide Ideologien stehen sich zwar in gewisser Weise konträr gegenüber, wenngleich in diesem Zusammenhang aufgrund der faktorenanalytischen Herangehensweise davon ausgegangen werden kann, dass sie unabhängig voneinander sind. Beide Ideologien sind in modernen Gesellschaften in dem einen oder anderen Mischungsverhältnis institutionalisiert, wie es die Ausführungen zu den wohlfahrtsstaatlichen Arrangements verdeutlicht haben. In diesem Abschnitt der Studie ist zu fragen, zu welchem Grad die Bevölkerung in verschiedenen Wohlfahrtsstaaten und Ländern beide Ideologien befürwortet. Dazu wird anhand der Ergebnisse von Analysen aus den ISJP-Daten zunächst wieder der Einfluss der wohlfahrtsstaatlichen Regimes in westlichen Ländern, danach der Einfluss der einzelnen Länder und schließlich das Gewicht von Makroindikatoren dieser Länder auf beide Ideologien bestimmt.

11.1 Der Einfluss der Wohlfahrtsregimes

Diese Studie geht davon aus, dass wohlfahrtsstaatliche Regime einen unterschiedlichen Einfluss auf individuelle Präferenzen von Verteilungsideologien haben. Liberale Wohlfahrtsstaaten verteilen weniger um als sozialdemokratische und auch konservative. Von daher ist anzunehmen, dass dort Meritokratismus eine bedeutsamere Rolle spielt als in sozialdemokratischen und konservativen Regimes. Umgekehrt ist in sozialdemokratischen Arrangements der Staat ein Garant für Absicherung und Wohlstand, indem er für Umverteilung und umfassende Vorsorge zuständig ist. Von daher wird vermutet, dass Etatismus auch von der Bevölkerung stärker befürwortet wird. Erste deskriptive Ergebnisse deuten allerdings nicht ganz in diese Richtung (vgl. Abb. 27). In allen westlichen Wohlfahrtsstaaten ist die Leistungsideologie von zentraler Bedeutung. Der Index des Meritokratismus ist in allen Regimes deutlich positiv und jeweils deutlich stärker als der des Etatismus.66 Individuelle Leistung ist also in allen westlichen Ländern die dominante Ideologie. Im Einklang mit dem, was erwartet wurde, sind liberale Wohlfahrtsstaaten stärker meritokratisch als sozialdemokratische, während sozialdemokratische wenngleich auch nur geringfügig stärker etatistisch sind als liberale. Sozialdemokratische Regimes sind damit weniger etatistisch als erwartet. In beiden Regimes wird aber - wenngleich das sozialdemokratische Regime nur wenig etatistisch ist - jene Ideologie stärker befürwortet, die auch wohlfahrtsstaatlich institutionalisiert ist. Das konservative Wohlfahrtsregime weist den höchsten Grad an Zustimmung sowohl zum Meritokratismus als auch mit Abstand zum Etatismus auf. Damit ist das konservative Regime in Übereinstimmung mit den Erwartungen beides, stark meritokratisch und etatistisch. Denn beide Ideologien sind auch in wohlfahrtsstaatlichen Arrangements institutionalisiert, indem sich dieser Typus stark leistungsbezogen umverteilend bzw. eingreifend verhält. Auffällig ist, dass sich die Bevölkerung im sozialdemokratischen Regime weniger staatsbezogen verhält als vermutet und der Abstand zum liberalen Regime nur marginal ist.

Abb. 27: Meritokratismus und Etatismus in Wohlfahrtsregimes

Datenbasis: ISJP, westliche Länder (ohne Ostdeutschland); eigene Berechnung. Summenindex der Variablen zu den Faktoren: Meritokratismus (Skala von '-6' bis '+6') und Etatismus (Skala von '-8 bis '+8').

↓177

Wird die Zeitdimension in den Blick genommen (Grafiken unten), ist zu erkennen, dass beide Ideologien, sowohl Meritokratismus als auch Etatismus, im konservativen leicht und im sozialdemokratischen Arrangement stärker abnehmen. Damit kann festgehalten werden, dass beide Ideologien nicht miteinander korrelieren, und auch nicht in einer Art Nullsummenspiel ("je mehr das eine, desto weniger das andere") präferiert werden, denn im konservativen Regime werden beide Ideologien jeweils stark bzw. am stärksten vertreten. Dadurch der Etatismus in sozialdemokratischen Ländern insgesamt und insbesondere 1996 noch deutlich niedriger als erwartet ausfällt, kann möglicherweise der Schluss gezogen werden, dass die normativ-institutionelle Wirkung auf die Ideologien der Menschen im sozialdemokratischen Regime einer anderen Logik folgt. Danach muss mehr Staatstätigkeit nicht unbedingt präferiert werden, weil sie ohnehin fest verankert und dies nicht bedroht ist, und der individuellen Leistungsideologie kann auch stärker zugestimmt werden, weil sie durch einen umverteilenden Wohlfahrtsstaat dann eingeschränkt wird, wenn sie beginnt, eine negative Wirkung auf Menschen (z.B. in Form zu starker sozialer Disparitäten) zu entfalten.

Wird die Ideologie des Meritokratismus multivariat analysiert (vgl. Tab. 41), kann festgehalten werden, dass sich die Regime in der Tat in der erklärten Weise unterscheiden (Modell 1). Das konservative Regime ist etwas meritokratischer, während sich das sozialdemokratische deutlich weniger meritokratisch als das liberale Regime auszeichnet.67 Unter Kontrolle der Zeit bleibt dieses Verhältnis bestehen (Modell 2), wenngleich über die Zeit hinweg Meritokratismus generell abnimmt. In der Interaktion von Regimetypus und Zeit (Modell 3) ist zu sehen, dass sich das konservative Regime von 1991 auf 1996 nicht signifikant verändert und dass der Erklärungsbeitrag der Regimes zu dieser Ideologie insgesamt über 6 Prozent beträgt. Mit individuellen Strukturmerkmalen dagegen werden weit weniger, nämlich nur 3 Prozent erklärt (Modell 4). Die Regime zu verschiedenen Zeiten erklären also mehr als individuelle Merkmale. Entgegen den Erwartungen gibt es keinen Alterseffekt, aber einen signifikanten Geschlechtseffekt. Danach sind Frauen weniger leistungsbetont als Männer, welches sich mit der zugeschriebenen Rolle der Frauen für das Soziale und Fürsorgende verdeutlichen lässt. Unerwartet ist der positive Effekt der Haushaltsgröße. Die Variablen zur sozialen Position der Individuen im gesellschaftlichen Hierarchiegefüge sind im Einklang mit den Vermutungen. Personen mit höherem Einkommen und solche, die sich selbst eher oben stehend einstufen, sind deutlich meritokratischer als Personen mit niedrigem Einkommen und solchen, die sich in der Selbsteinschätzung eher unten stehend verorten. Dies ist mit Motiven aus dem Eigeninteresse der Personen zu erklären, wonach Bessergestellte Leistung stärker befürworten, weil sie damit ihre eigene privilegierte Lage mit einem Prinzip legitimieren, das ihnen selbst diese Position eingebracht hat, während Schlechtergestellte dieses Prinzip eher weniger befürworten, weil es ihnen nichts gebracht hat (vgl.Haller et al., 1995: 223). Hinsichtlich der Bildung kann ein negativer Effekt konstatiert werden. Danach präferieren Höhergebildete Meritokratismus weniger als Personen mit niedriger Bildung. Dass Gebildete im Gegensatz zu wohlhabenden und sich sozial oben positionierenden Personen weniger für das Leistungsprinzip sind, kann möglicherweise auf kollektiv rationale Motive hinter der Bildung zurückgeführt werden. Danach haben Qualifizierte bei ihren Angaben eine "bessere" Einschätzung und das Gesamtwohl der Gesellschaft im Blick. Da die Leistungsgesinnung ohnehin die dominante Verteilungsideologie in allen westlichen Gesellschaften ist, muss sie aus dieser Motivation heraus weniger befürwortet werden. Arbeitslose sind als Teil der wohlfahrtsstaatlichen Versorgungsklassen, die weniger bis gar nichts zu leisten vermögen, verständlicherweise weniger für Meritokratismus als Verteilungsideologie. Der Effekt der Arbeitslosigkeit ist allerdings nur schwach ausgeprägt und verschwindet in den weiteren Modellen.

Tab. 41: Meritokratismus in Wohlfahrtsregimes (OLS-Regression, ISJP)

 

(1)

(2)

(3)

(4)

(5)

(6)

(7)

Wohlfahrtsregime

       

Ref. Liberal

       

Konservativ

0.157***

0.321***

0.248***

  

0.213***

-0.603***

 

(6.043)

(10.136)

(7.383)

  

(6.300)

(3.164)

Sozialdemokratisch

-0.395***

-0.321***

-0.252***

  

-0.259***

-0.795***

 

(13.033)

(10.025)

(7.365)

  

(7.538)

(3.998)

1996

 

-0.243***

-0.046

  

-0.056

0.182

  

(8.110)

(1.121)

  

(1.369)

(0.777)

1996*Sozialdemokratisch

  

-0.428***

  

-0.443***

0.313

   

(7.207)

  

(7.511)

(0.920)

2000

 

-0.268***

-0.196***

  

-0.231***

-0.047

  

(8.037)

(5.550)

  

(6.295)

(0.226)

Sozialstruktur. Merkmale

       

Geschlecht (Frauen=1)

   

-0.130***

-0.122***

-0.125***

-0.095**

    

(5.841)

(5.476)

(5.771)

(2.220)

Alter (in Jahren)

   

0.001

0.001

0.000

-0.003*

    

(1.477)

(1.487)

(0.362)

(1.782)

Haushaltsgröße

   

0.020**

0.019*

0.030***

0.009

    

(2.002)

(1.922)

(3.076)

(0.527)

Rel. Einkommen

   

0.061***

0.059**

0.054**

0.043

    

(2.647)

(2.569)

(2.355)

(1.335)

Kein Einkommen

   

0.126***

0.125***

0.034

0.017

    

(4.109)

(4.064)

(1.101)

(0.536)

Bildung (Casmin)

   

-0.107***

-0.108***

-0.087***

-0.126***

    

(12.952)

(13.138)

(10.601)

(9.104)

Unten-Oben-Skala

   

0.028***

0.021***

0.021***

0.018**

    

(3.553)

(2.685)

(2.749)

(2.302)

Selbständig

   

0.058

0.055

0.047

0.028

    

(1.362)

(1.307)

(1.129)

(0.390)

Arbeitslos

   

-0.119*

-0.103

-0.093

-0.038

    

(1.896)

(1.627)

(1.513)

(0.361)

In Rente

   

0.032

0.035

0.048

0.058

    

(0.828)

(0.894)

(1.263)

(0.785)

Nicht Erwerbstätig

   

-0.058

-0.056

-0.106**

-0.059

    

(1.075)

(1.038)

(1.996)

(1.084)

Bew. Einkommensungl.

    

-0.059***

-0.092***

-0.093***

     

(4.506)

(7.065)

(7.058)

Zufriedenheit gesamt

    

0.015*

0.017**

0.016*

     

(1.822)

(2.041)

(1.861)

       

+ Int.

Konstante

-0.108***

-0.108***

-0.108***

0.083

0.275***

0.392***

0.768***

 

(5.142)

(5.141)

(5.141)

(1.142)

(2.790)

(3.810)

(5.392)

Fälle

8542

8542

8542

8542

8542

8542

8542

R-Quadrat

0.048

0.058

0.063

0.032

0.035

0.092

0.103

Datenbasis: ISJP, westliche Länder (ohne Ostdeutschland); OLS-Regression mit robusten Schätzern; eigene Berechnung.
*** sign. p ≤ 0.01; ** sign. p ≤ 0.05; * sign. p ≤ 0.10; T-Werte in Klammern.

↓178

Werden neben diesen individuellen Merkmalen der Personen auch Einstellungen wie die Bewertung der Einkommensungleichheit und die allgemeine Zufriedenheit der Befragten kontrolliert, verbessert sich trotz signifikanter Effekte die Erklärung des Modells nicht wesentlich (Modell 5). Personen, welche die Einkommensungleichheit als zu hoch bewerten, lehnen das Leistungsprinzip eher ab, und mit dem Leben allgemein Zufriedene befürworten es eher. Unter Kontrolle individueller Strukturvariablen und Einstellungen bleiben die Effekte der Wohlfahrtsregimes nahezu unverändert (Modell 6). Die meritokratische Ideologie ist also in den Wohlfahrtsregimes in der skizzierten Weise relativ stabil verankert. Unter Kontrolle von Interaktionseffekten der wohlfahrtsstaatlichen Typen mit individuellen Strukturvariablen bleiben die Haupteffekte der Regimes signifikant (Modell 7). Allerdings ist zu sehen, dass im konservativen Regime deutlich weniger Meritokratismus befürwortet wird. Dies liegt daran, dass Höhergebildete, Personen in größeren Haushalten und die Älteren in diesem Regime die Leistungsideologie stärker befürworten als die entsprechenden Gruppierungen in anderen Regimes. Die Regimeeffekte äußern sich also zum Großteil auch über regimespezifische Einflüsse individueller Merkmale.

Ebenso sind hinsichtlich der etatistischen Ideologie die bereits deskriptiv verdeutlichten Unterschiede zwischen den wohlfahrtsstaatlichen Regimes in der multivariaten Analyse signifikant (vgl. Tab. 42, Modell 1). Im konservativen Arrangement ist mit Abstand die höchste Zustimmung zum Etatismus zu finden, aber auch im sozialdemokratischen Regime wird diese Ideologie deutlich stärker als im liberalen befürwortet. Bei diachroner Betrachtung ist eine Abnahme des Etatismus in konservativen und sozialdemokratischen Regimes zu finden (Modell 2), die im sozialdemokratischen deutlich stärker ausfällt als in konservativen (Modell 3). Auf der Ebene der Individuen erklären individuelle Merkmale der Befragten ebenso wie die wohlfahrtsstaatlichen Regimes 7 Prozent der Varianz (Modell 4). Die individuellen Merkmale erklären damit beim Etatismus statistisch mehr als beim Meritokratismus. Wie aufgrund der Hypothesen zu erwarten war, sind Frauen etatistischer als Männer, was vermutlich auf die stärkere soziale Orientierung von Frauen und ihr stärkeres Bedürfnis nach sozialer Absicherung zurückzuführen ist. Auch die Arbeitslosen und Rentner sind als Versorgungsklassen des Wohlfahrtstaates verständlicherweise für mehr staatliches Handeln, während der generelle Alterseffekt jedoch negativ ist. Mit zunehmendem Alter wird Etatismus als Ideologie entgegen den Erwartungen weniger getragen. Dies gilt ebenso für Personen in größeren Haushalten, die entgegen den Vermutungen weniger etatistisch eingestellt sind. Im Hinblick auf die Variablen zur sozialen Position der Befragten finden sich wie vermutet die umgekehrten Effekte wie beim Meritokratismus. Wohlhabende, Selbständige und die sich selbst als in der Gesellschaftshierarchie oben stehend Einstufenden sind weniger etatistisch eingestellt als solche, die eher unten stehen und weniger Einkommen beziehen. Hier spielen wiederum Eigeninteressen als Motiv eine zentrale Rolle. Da Wohlhabende nicht oder weniger von staatlichen Eingriffen profitieren, lehnen sie einen starken Staat eher ab. Hinsichtlich der Bildung ist ebenso wie beim Meritokratismus ein negativer Effekt zu finden, d.h. Höhergebildete lehnen nicht nur Meritokratismus, sondern auch Etatismus ab. Vermutlich sind Höhergebildete im Allgemeinen weniger "ideologisch" eingestellt als weniger Gebildete und befürworten daher beide Ideologien weniger. Im Gegensatz zum Meritokratismus erklären andere individuelle Einstellungen beim Etatismus deutlich mehr als individuelle Merkmale der Befragten alleine. Personen, welche die Einkommensungleichheit im Land stärker als zu hoch einschätzen, befürworten auch staatliche Eingriffe zur Absicherung und Umverteilung mehr. Personen, die mit ihrem Leben im Ganzen zufriedener sind, befürworten weniger Staatstätigkeit als solche, die weniger zufrieden sind. Denn für Zufriedenere muss der Staat aus ihrer Sicht weniger für Umverteilung und Absicherung herangezogen werden, weil es ihnen bereits gut geht. Nach dem Staat wird umgekehrt vor allem dann gerufen, wenn die Leute unzufrieden sind.

Tab. 42: Etatismus in Wohlfahrtsregimes (OLS-Regression, ISJP)

 

(1)

(2)

(3)

(4)

(5)

(6)

(7)

Wohlfahrtsregime

       

Ref. Liberal

       

Konservativ

0.588***

0.724***

0.695***

  

0.708***

-0.062

 

(20.621)

(21.923)

(20.224)

  

(21.772)

(0.354)

Sozialdemokratisch

0.103***

0.164***

0.191***

  

0.277***

-0.967***

 

(3.193)

(4.845)

(5.371)

  

(8.276)

(5.267)

1996

 

-0.200***

-0.124***

  

-0.143***

-0.126

  

(6.504)

(2.964)

  

(3.602)

(0.564)

1996*Sozialdemokratisch

  

-0.166***

  

-0.022

-0.106

   

(2.689)

  

(0.388)

(0.334)

2000

 

-0.223***

-0.195***

  

-0.211***

-0.420**

  

(6.883)

(5.763)

  

(6.232)

(2.271)

Sozialstruktur. Merkmale

       

Geschlecht (Frauen=1)

   

0.142***

0.096***

0.114***

0.204***

    

(6.258)

(4.396)

(5.401)

(4.499)

Alter (in Jahren)

   

-0.003***

-0.003***

-0.004***

-0.011***

    

(3.194)

(3.509)

(4.397)

(6.423)

Haushaltsgröße

   

-0.027***

-0.027***

-0.026***

-0.021

    

(2.683)

(2.774)

(2.718)

(1.143)

Rel. Einkommen

   

-0.139***

-0.132***

-0.209***

-0.163***

    

(5.724)

(5.725)

(9.063)

(5.006)

Kein Einkommen

   

0.084**

0.096***

0.009

-0.005

    

(2.556)

(3.059)

(0.288)

(0.168)

Bildung (Casmin)

   

-0.093***

-0.088***

-0.052***

-0.145***

    

(11.266)

(11.270)

(6.603)

(9.830)

Unten-Oben-Skala

   

-0.045***

-0.012

-0.026***

-0.028***

    

(5.814)

(1.613)

(3.541)

(3.773)

Selbständig

   

-0.333***

-0.316***

-0.263***

-0.276***

    

(7.084)

(7.097)

(6.117)

(3.430)

Arbeitslos

   

0.193***

0.121**

0.129**

0.276***

    

(3.560)

(2.385)

(2.565)

(2.987)

In Rente

   

0.121***

0.111***

0.104***

0.100

    

(2.926)

(2.788)

(2.687)

(1.226)

Nicht Erwerbstätig

   

0.071

0.058

-0.099**

-0.072

    

(1.471)

(1.304)

(2.245)

(1.618)

Bew. Einkommensungl.

    

0.342***

0.331***

0.338***

     

(27.224)

(25.812)

(26.150)

Zufriedenheit gesamt

    

-0.053***

-0.026***

-0.024***

     

(6.670)

(3.224)

(2.944)

       

+ Int.

Konstante

-0.705***

-0.705***

-0.705***

0.339***

-0.897***

-1.369***

-0.756***

 

(29.220)

(29.217)

(29.215)

(4.698)

(9.598)

(13.848)

(5.402)

Fälle

8542

8542

8542

8542

8542

8542

8542

R-Quadrat

0.064

0.070

0.071

0.070

0.156

0.210

0.226

Datenbasis: ISJP, westliche Länder (ohne Ostdeutschland); OLS-Regression mit robusten Schätzern; eigene Berechnung.
*** sign. p ≤ 0.01; ** sign. p ≤ 0.05; * sign. p ≤ 0.10; T-Werte in Klammern.

↓179

Unter Kontrolle dieser individuellen Strukturvariablen bleiben die wohlfahrtsstaatlichen Effekte weitgehend stabil (Modell 6). Nur der zeitspezifische unterschiedliche Effekt zwischen konservativem und sozialdemokratischem Typ verschwindet 1996, wobei die grundsätzlichen Regimeunterschiede in den Haupteffekten bestehen bleiben. Die Zustimmung zum Etatismus fällt in beiden Regimes 1996 also gleichermaßen. Interaktionen der wohlfahrtsstaatlichen Regimes mit individuellen Strukturvariablen führen dazu, dass sich der wohlfahrtsstaatliche Einfluss nicht mehr insgesamt, sondern über die individuellen Merkmale auswirkt. Unter Kontrolle der individuellen Dispositionen ist nur mehr der sozialdemokratische Regimeeffekt signifikant und nun negativ, d.h. das sozialdemokratische Regime ist deutlich weniger etatistisch als das liberale und konservative Regime. Dies liegt daran, dass Frauen im sozialdemokratischen Arrangement weniger stark für Etatismus sind, Höhergebildete sind umgekehrt im Vergleich zu den anderen Regimes etatistischer als weniger Gebildete und der Alterseffekt hebt sich auf. Auch im konservativen Regime sind Frauen vergleichsweise weniger etatistisch und Ältere etatistischer als im liberalen Regime. Höhergebildete im konservativen Regime dagegen sind zwar etatistischer als im liberalen Regime aber nicht ganz so etatistisch wie die Höhergebildeten im sozialdemokratischen Regime.

Diskussion

Es kann festgehalten werden, dass die deskriptiv veranschaulichten Ergebnisse der Unterschiede zwischen wohlfahrtstaatlichen Regimes in Bezug auf die Ideologien des Meritokratismus und Etatismus auch bei der multivariaten Analyse unter Kontrolle individueller Merkmale standhalten. Danach ist die Bevölkerung des konservativen Regimes am etatistischsten und am meritokratischsten. Da in diesem Regime nach Esping-Andersen (1990) sowohl auf die Spiegelung der Hierarchie aus der Erwerbswelt als auch auf einen stark durch Absicherung und Umverteilung Einfluss nehmenden Staat geachtet wird, ist es nicht verwunderlich, dass beide Ideologien, die strukturell in dieses wohlfahrtsstaatliche Arrangement eingebaut sind, auch von der Bevölkerung stark befürwortet werden. Der konservative Wohlfahrtstypus produziert also jene ideologischen Haltungen, die er inkorporiert. Beim sozialdemokratischen Regime ist dies etwas anders. Im Vergleich zum liberalen Regime findet sich zwar das erwartete Ergebnis, dass die Bevölkerung des liberalen Regime meritokratischer ist als die des sozialdemokratischen und umgekehrt im sozialdemokratischen Regime Etatismus stärker als im liberalen befürwortet wird, aber der Unterschied ist nicht so deutlich, wie vermutet. Vor allem der Etatismus wird entgegen den Erwartungen nicht so stark als Ideologie getragen, obwohl sich dieser Wohlfahrtstypus seiner Intention nach und in seiner Wirkungsweise am etatistischsten gibt. Das sozialdemokratische Arrangement produziert also nicht in demselben Maße wie das konservative Regime jene ideologischen Haltungen, die in seinen Strukturen als normative Basis inkorporiert ist. Vielmehr scheint in umgekehrter Logik Etatismus aus der Sicht der Bevölkerung nicht in entsprechendem Maße hochgehalten werden zu müssen, weil ihn die wohlfahrtsstaatlichen Institutionen ja tatsächlich repräsentieren und verwirklichen. Und das Leistungsprinzip kann durchaus stärker begrüßt werden, weil den negativen Folgen einer zu starken Umsetzung dieses Prinzips in diesem wohlfahrtsstaatlichen Arrangement durch den institutionalisierten sozialen Ausgleich begegnet wird. Ferner kann festgehalten werden, dass beide Ideologien gleichermaßen befürwortet oder abgelehnt werden können, also auch zwei verschiedene Dimensionen vorliegen, die sich nicht in einer Art Nullsummenspiel zueinander verhalten. So zeigt die zeitliche Entwicklung, dass im konservativen und sozialdemokratischen Regime gleichermaßen eine Entideologisierung im Sinne eines Rückgangs der Zustimmung zu beiden Ideologien stattfindet. Möglicherweise kann dies als ein Anzeichen für eine partielle ideologische Legitimationskrise dieser Wohlfahrtsregime gedeutet werden, wenngleich dies stärker untersucht werden müsste. Und schließlich kann auch festgehalten werden, dass die Regime für sich genommen mehr bzw. zumindest genauso viel die individuell variierende Präferenz dieser Ideologien erklären wie individuelle Merkmale der Befragten selbst. Dass Regimeeinflüsse unter Kontrolle von Interaktionseffekten weitgehend signifikant bleiben, zeigt, dass wohlfahrtsstaatliche Regimes nicht nur über regimespezifische Strukturmerkmale der Befragten langfristig wirken, sondern dass ihnen selbst ein direkter eigenständiger Erklärungsbeitrag zuerkannt werden muss, der nicht über die sozialstrukturelle Position der Individuen wirkt. Die wohlfahrtsstaatliche Kultur wirkt also auf individuelle ideologische Haltungen. Um auch die Länder hinter diesen Regimes genauer in den Blick zu nehmen und die postkommunistischen Länder einzubeziehen, werden nun Ergebnisse der Analysen auf Länderebene vorgestellt.

11.2 Der Einfluss der Länder

↓180

Inwiefern sich die Länder in Ost und West hinsichtlich der Präferenz der beiden Ideologien unterscheiden, kann zunächst wiederum deskriptiv anhand der beiden Indizes aufgezeigt werden (vgl. Abb. 28). Wird nicht nach der zeitlichen Entwicklung unterschieden, sind überraschenderweise die Menschen in den meisten postkommunistischen Ländern sogar meritokratischer als in westlichen Ländern. Das Leistungsprinzip wird in Bulgarien, der Slowakei, Polen, Russland und der Tschechei stärker befürwortet als im meritokratischsten westlichen Land, nämlich Westdeutschland. Ostdeutschland unterscheidet sich aus internationaler Perspektive kaum von Westdeutschland. Ungarn zeichnet sich im Vergleich zu den anderen postkommunistischen Ländern mit der geringsten Zustimmung zum Meritokratismus aus und liegt damit nur etwas unter dem Niveau der Vereinigten Staaten. Da die westlichen wohlfahrtsstaatlichen Regimes mit Ausnahme des liberalen Typs jeweils nur mit einem Land abgedeckt werden, ist der westliche Ländereffekt derselbe wie der Wohlfahrtsstaatseffekt. Beim liberalen Wohlfahrtsregime allerdings fällt Großbritannien unerwartet mit einer stärkeren Zustimmung zum Meritokratismus im Vergleich zu den Vereinigten Staaten auf. Der Blick auf den Etatismus zeigt, dass mit Ausnahme der Tschechischen Republik in allen postkommunistischen Ländern auch Etatismus mit Abstand viel stärker befürwortet wird als in westlich-kapitalistischen Ländern. Dies liegt gemäß den Begründungen der Hypothesen einerseits an der gemeinsamen sozialistischen Vergangenheit und der gemeinsamen Erfahrung eines staatspaternalistischen Versorgungsstaats, der für soziale Sicherheit sorgte und umfassend in die Lebenszusammenhänge der Menschen eingriff. Die sozialistische Vorstellung eines starken Staates als kollektivem Brennpunkt der Gesellschaftsmitglieder kann vermutlich als geprägte bzw. sozialisierte ideologische Werthaltung verstanden werden, die scheinbar auch noch nach dem Systemwechsel lange anhält. Andererseits können auch die mit den Transformationsprozessen einhergehenden Probleme einer Verschärfung sozialer Ungleichheit und Entstehung neuer Unsicherheiten im Umbruch individueller Lebensvollzüge hinter dem stärkeren Ruf nach dem Staat als Garant für Sicherheit und Stabilität stehen. Besonders ausgeprägt ist die Forderung nach einer verstärkten Staatstätigkeit in Ostdeutschland und Ungarn, die mit deutlichem Abstand zu den anderen postkommunistischen Ländern am stärksten ist. Werden Veränderungen dieser ideologischen Haltungen über die Zeit verfolgt (vgl. die beiden unteren Grafiken der Abb. 28), ist an der Veränderung der Reihenfolge der Länder bei einer Sortierung nach der zeitlich letzten Messung der Ideologie zu erkennen, dass sich hinter dem vorher statischen Bild eine ideologische Dynamik verbirgt. Danach ist der vergleichsweise stärkere Meritokratismus in postkommunistischen Ländern von 1991 auf 1996 so stark zurückgegangen, dass sie nunmehr eine Position vergleichbar mit westlichen Ländern einnehmen. Der Etatismus dagegen wird anhaltend stark in postkommunistischen Ländern vertreten, in den krisengeschüttelten Ländern Russland und Bulgarien als Transformationsnachzügler sogar noch stärker.

Abb. 28: Meritokratismus und Etatismus nach Ländern

Datenbasis: ISJP; eigene Berechnung. Summenindex der Variablen zu den Faktoren: Meritokratismus (Skala von '-6' bis '+6') und Etatismus (Skala von '-8 bis '+8').
Anmerkung: B (Bulgarien), CZ (Tschech. Rep.), EG (Ostdeutschland), ET (Estland), H (Ungarn), NL (Niederlande), PL (Polen), R (Russland), SK (Slowak. Rep.), SL (Slowenien), UK (Großbritannien), US (USA), WG (Westdeutschland).

Ein genaueres Bild, das zwischen Ost und West differenziert, findet sich in Abb. 29. Die Situation in westlichen Ländern zeigt, dass in Westdeutschland Meritokratismus am stärksten und zeitlich stabil vertreten wird. In Großbritannien wird individuelle Leistung stärker befürwortet als in den Vereinigten Staaten als dem anderen liberalen Wohlfahrtsstaat. In den Niederlanden als Vertreter des sozialdemokratischen Wohlfahrtsregimes findet sich die geringste Zustimmung zur Leistungsideologie, die zudem von 1991 auf 1996 auch deutlich sinkt. Auch Etatismus findet unter den westlichen Ländern in Westdeutschland den stärksten Rückhalt in der Bevölkerung. In den USA wird Etatismus als einzigem Land sogar abgelehnt (negatives Vorzeichen des Indexes), während er in Großbritannien als anderem liberalen Wohlfahrtstypus entgegen den Erwartungen sogar stärker befürwortet wird als in den Niederlanden. Möglicherweise sind die Bevölkerungen europäischer Länder deutlich befürwortender in Bezug auf den Staat eingestellt und das liberale Großbritannien insbesondere. In Westdeutschland und den Niederlanden sinkt die Zustimmung zum Etatismus über die Zeit. Da in den Niederlanden damit nicht nur der Etatismus, sondern auch der Meritokratismus sinkt, kann hier von Anzeichen ausgegangen werden, dass in diesen Ländern eine generelle entideologisierende Tendenz Nachschub gewinnt.

↓181

Abb. 29: Meritokratismus und Etatismus nach Ländern in Ost und West in zeitlicher Entwicklung

Datenbasis: ISJP; eigene Berechnung. Summenindex der Variablen zu den Faktoren: Meritokratismus (Skala von '-6' bis '+6') und Etatismus (Skala von '-8 bis '+8').
Anmerkung: B (Bulgarien), CZ (Tschech. Rep.), EG (Ostdeutschland), ET (Estland), H (Ungarn), NL (Niederlande), PL (Polen), R (Russland), SK (Slowak. Rep.), SL (Slowenien), UK (Großbritannien), US (USA), WG (Westdeutschland).

In allen postkommunistischen Ländern, in denen zwei Zeitpunkte der Messung vorliegen, kann ein Sinken der Zustimmung zum Meritokratismus festgehalten werden. Die ursprüngliche Euphorie nach dem Systemwechsel mit einem Vorschuss an individueller Leistungsbereitschaft scheint eine halbe Dekade später zu einer Ernüchterung bzw. einer realistischeren Einschätzung geführt zu haben (vgl.Kluegel et al., 1999). Denn besonders dramatisch fällt dieser Rückgang in den beiden Transformationsländern aus, welche mit den meisten Transformationsproblemen zu kämpfen hatten, nämlich Bulgarien und Russland. In dieses Bild passt auch, dass der Etatismus im gleichen Zeitraum am stärksten und nur in diesen Ländern steigt, während er in allen anderen Ländern sinkt oder gleich bleibt (Estland). Auch wenn die etatistische Ideologie in Ostdeutschland und Ungarn über die Zeit leicht zurückgeht, ist sie im Vergleich der postkommunistischen Länder am höchsten. Mit Ausnahme von Bulgarien und Russland, die sich durch einen problematischen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Transformationsverlauf auszeichnen, kann in allen anderen Transformationsländer ein Rückgang oder Gleichbleiben (Etatismus in Estland) beider Ideologien festgestellt werden, worin sich möglicherweise eine im Zuge des Transformationsverlaufs realistischere Sichtweise der Verhältnisse in der Bevölkerung abzeichnet (vgl.Matêjû, 1993;Mühleck und Wegener, 2002: 34).

Wird die Befürwortung zum Meritokratismus in den verschiedenen westlich-kapitalistischen und postkommunistischen Ländern der multivariaten Prüfung unterzogen (vgl. Tab. 43), erweisen sich die deskriptiven Länderunterschiede als signifikant. In Großbritannien ist die Zustimmung höher als in den Vereinigten Staaten und noch höher ist sie in Westdeutschland (Modell 1). In den Niederlanden ist sie dagegen erheblich geringer. Doch die stärkste Zustimmung findet sich insgesamt in den Transformationsländern. Wird jedoch nach postkommunistischen Ländern differenziert (Modell 2), weisen die Länder erhebliche Unterschiede auf, die entsprechend den deskriptiven Befunden von der niedrigsten Präferenz in Ungarn bis zur höchsten in Bulgarien reichen. Den stärksten Rückgang des Meritokratismus ist bei der Betrachtung über die Zeit hinweg in Bulgarien, gefolgt von den Niederlanden und Russland, zu finden. Auch wenn für die Niederlande keine plausiblen Argumente für dieses Ergebnis gefunden werden können, scheint es für die postkommunistischen Länder nahe liegend, dass der fehlende Erfolg im Transformationsprozess für einen Rückgang der leistungsbezogenen Ideologie verantwortlich gemacht werden kann. Meritokratismus, der in postkommunistischen Ländern vermutlich auch als neue und westliche Werthaltung gelten kann, wird bei geringen Transformationserfolgen möglicherweise deshalb auch wieder stärker abgelehnt. Die Länder-Zeit-Effekte erklären über 8 Prozent der Varianz, die individuellen Strukturvariablen hingegen nur 1 Prozent (Modell 4). Hier finden sich die bereits erläuterten Effekte. Unter Kontrolle der Strukturvariablen bleiben die Länder-Zeit-Einflüsse stabil (Modell 5) und unter Kontrolle der Interaktionseffekte mit Strukturvariablen verschwinden die meisten Länder-Zeit-Einflüsse, vor allem in den Transformationsländern. Hier ist nur der Rückgang in Russland und Bulgarien in der Präferenz des Meritokratismus von 1991 auf 1996 signifikant. Da in den Transformationsländern keine stabilen lang anhaltenden kulturellen Traditionen hinsichtlich der Präferenz des Leistungsprinzips zu erwarten waren, ist die Auflösung in den Interaktionen mit Strukturvariablen nicht verwunderlich. In westlichen Ländern ist der Meritokratismus mit Ausnahme der rückläufigen Tendenz in den Niederlanden stabil.

↓182

Tab. 43: Meritokratismus in Ländern (OLS-Regression, ISJP)

 

(1)

(2)

(3)

(4)

(5)

(6)

Land und Zeit

      

Ref. USA

      

Großbritannien

0.165***

0.165***

0.165***

 

0.168***

-0.328

 

(3.989)

(3.988)

(3.987)

 

(4.043)

(1.355)

Westdeutschland

0.234***

0.234***

0.325***

 

0.311***

-0.767***

 

(6.819)

(6.817)

(8.045)

 

(7.678)

(3.192)

Westdeutschland 96

  

-0.046

 

-0.041

0.173

   

(1.120)

 

(0.996)

(0.738)

Westdeutschland 00

  

-0.196***

 

-0.197***

-0.037

   

(5.550)

 

(5.576)

(0.177)

Niederlande

-0.318***

-0.318***

-0.175***

 

-0.198***

-0.953***

 

(8.452)

(8.450)

(4.286)

 

(4.859)

(3.856)

Niederlande 96

  

-0.474***

 

-0.482***

0.516**

   

(11.055)

 

(11.349)

(2.093)

Transformation (Ref. Tschech.)

0.308***

0.321***

0.485***

 

0.465***

-0.552*

 

(9.725)

(8.431)

(10.460)

 

(9.898)

(1.922)

Tschech. Rep. 96

  

-0.271***

 

-0.235***

0.231

   

(5.949)

 

(5.186)

(0.838)

Ostdeutschland

 

-0.093***

-0.066

 

-0.059

-0.023

  

(3.309)

(1.419)

 

(1.286)

(0.078)

Ostdeutschland 96

  

-0.247***

 

-0.223***

0.165

   

(5.940)

 

(5.324)

(0.602)

Ostdeutschland 00

  

-0.288***

 

-0.264***

-0.286

   

(7.179)

 

(6.518)

(1.056)

Slowak. Rep.

 

0.122**

-0.042

 

-0.023

0.269

  

(2.124)

(0.671)

 

(0.359)

(0.665)

Ungarn

 

-0.373***

-0.363***

 

-0.318***

-0.081

  

(11.295)

(7.766)

 

(6.820)

(0.275)

Ungarn 96

  

-0.344***

 

-0.317***

-0.099

   

(7.294)

 

(6.748)

(0.334)

Polen

 

0.012

-0.152***

 

-0.163***

-0.157

  

(0.328)

(3.456)

 

(3.710)

(0.586)

Slowenien

 

-0.186***

-0.350***

 

-0.315***

-0.333

  

(4.627)

(7.275)

 

(6.515)

(1.164)

Bulgarien

 

0.237***

0.389***

 

0.488***

0.429

  

(7.834)

(8.860)

 

(10.910)

(1.573)

Bulgarien 96

  

-0.601***

 

-0.568***

-0.397*

   

(15.937)

 

(14.581)

(1.688)

Estland

 

0.168***

0.004

 

0.087*

0.446

  

(4.297)

(0.081)

 

(1.839)

(1.604)

Russland

 

0.121***

0.203***

 

0.301***

0.396

  

(3.854)

(4.364)

 

(6.380)

(1.374)

Russland 96

  

-0.454***

 

-0.421***

-0.443*

   

(10.775)

 

(9.825)

(1.684)

Sozialstruktur. Merkmale

      

Geschlecht (Frauen=1)

   

-0.077***

-0.086***

-0.087

    

(5.735)

(6.674)

(1.404)

Alter (in Jahren)

   

0.001

0.000

-0.006**

    

(1.597)

(0.205)

(2.409)

Haushaltsgröße

   

0.049***

0.023***

0.007

    

(9.291)

(4.214)

(0.276)

Rel. Einkommen

   

0.117***

0.065***

0.076

    

(8.282)

(4.562)

(1.613)

Kein Einkommen

   

-0.014

-0.026

-0.038*

    

(0.644)

(1.164)

(1.694)

Bildung (Casmin)

   

-0.013***

-0.033***

-0.135***

    

(2.934)

(7.204)

(5.355)

Unten-Oben-Skala

   

-0.016***

0.017***

0.014***

    

(3.779)

(3.903)

(3.192)

Selbständig

   

0.081***

0.122***

0.069

    

(2.866)

(4.509)

(0.713)

Arbeitslos

   

-0.038

-0.005

0.268*

    

(1.240)

(0.166)

(1.684)

In Rente

   

0.025

0.032

0.002

    

(1.108)

(1.456)

(0.018)

Nicht Erwerbstätig

   

-0.036

-0.048

-0.019

    

(1.021)

(1.416)

(0.563)

Bew. Einkommensungl.

   

-0.043***

-0.059***

-0.056***

    

(5.841)

(7.842)

(7.335)

Zufriedenheit gesamt

   

-0.013***

0.016***

0.015***

    

(2.963)

(3.464)

(3.048)

      

+ Int.

Konstante

-0.184***

-0.184***

-0.184***

0.265***

-0.013

0.786***

 

(6.019)

(6.018)

(6.017)

(4.526)

(0.189)

(4.089)

Fälle

22337

22337

22337

22337

22337

22337

R-Quadrat

0.036

0.058

0.083

0.011

0.095

0.112

Datenbasis: ISJP; OLS-Regression mit robusten Schätzern; eigene Berechnung.
Aufgrund fehlender Variablen ausgeschlossen: Estland 1996.
*** sign. p ≤ 0.01; ** sign. p ≤ 0.05; * sign. p ≤ 0.10; T-Werte in Klammern.

Inwieweit ein starker Staat in den Ländern befürwortet wird, wird in Tab. 44 statistisch getestet. Danach zeichnet sich Großbritannien als europäischer liberaler Wohlfahrtstypus durch einen stärkeren Etatismus aus als die Vereinigten Staaten (Modell 1). In Westdeutschland findet sich die stärkste Befürwortung des Etatismus, während in den Niederlanden zwar im Vergleich mit den USA eine stärkere Zustimmung, im Vergleich mit anderen europäischen Staaten jedoch die geringste herrscht. Deutlich etatistischer als die westlich-kapitalistischen Länder sind die osteuropäischen Transformationsländer. Die Forderung nach einem starken Staat ist in der Tschechischen Republik am geringsten (Modell 2), während sie in Ostdeutschland mit Abstand am größten ist. Das Einbeziehen der zeitlichen Dimension zeigt, dass der Etatismus mit Ausnahme von Russland und Bulgarien in allen Ländern zurückgeht (Modell 3). Länder-Zeit-Effekte erklären über 18 Prozent, während die individuellen Strukturvariablen nur knapp 16 Prozent erklären. Die Strukturvariablen zeigen mit Ausnahme des Alters die bereits bei den Modellen der Wohlfahrtsregimes geschilderten Effekte (Modell 4). Mit zunehmendem Alter steigt die Zustimmung zum Etatismus jedoch, was auf die Einbeziehung der postkommunistischen Länder zurückzuführen ist, in denen Ältere aufgrund ihrer längeren Sozialisation im staatspaternalistischen System stärker am Staat als Garanten von Sicherheit hängen. Unter Kontrolle von Strukturvariablen verändern sich teilweise die Länder-Zeit-Effekte (Modell 5). Danach ist der Etatismus in Großbritannien nicht ganz so hoch, während er in den Niederlanden nun deutlich stärker ausgeprägt ist. Auch der Rückgang des Etatismus in Ostdeutschland, das sich insgesamt durch die größte Zustimmung zum Etatismus auszeichnet, fällt nun deutlich stärker aus. Estland und Bulgarien unterscheiden sich nicht mehr von der Tschechischen Republik. Da sich in Bulgarien auch die Zustimmung zeitlich nicht ändert, bleibt Russland als problematischer Transformationsfall das einzige Land, in dem der Etatismus an Boden gewinnt. Unter Kontrolle von Interaktionen mit den Strukturvariablen verschwinden wieder die Länder-Zeiteffekte vor allem in den Transformationsländern. Insbesondere mit zunehmendem Alter ist die Zustimmung zum Etatismus in den Transformationsländern aufgrund der längeren sozialistischen Sozialisation deutlich höher.

Tab. 44: Etatismus in Ländern (OLS-Regression, ISJP)

 

(1)

(2)

(3)

(4)

(5)

(6)

Land und Zeit

      

Ref. USA

      

Großbritannien

0.811***

0.811***

0.811***

 

0.676***

0.178

 

(18.034)

(18.030)

(18.027)

 

(15.942)

(0.755)

Westdeutschland

0.965***

0.965***

1.072***

 

1.018***

0.411*

 

(26.636)

(26.631)

(26.142)

 

(25.869)

(1.772)

Westdeutschland 96

  

-0.124***

 

-0.138***

-0.186

   

(2.964)

 

(3.471)

(0.830)

Westdeutschland 00

  

-0.195***

 

-0.245***

-0.488***

   

(5.762)

 

(7.493)

(2.633)

Niederlande

0.480***

0.480***

0.567***

 

0.609***

-0.529**

 

(12.203)

(12.201)

(13.516)

 

(15.222)

(2.192)

Niederlande 96

  

-0.290***

 

-0.244***

-0.275

   

(6.384)

 

(5.964)

(1.173)

Transformation (Ref. Tschech.)

1.324***

0.919***

0.972***

 

0.909***

0.223

 

(39.258)

(23.218)

(20.301)

 

(19.774)

(0.800)

Tschech. Rep. 96

  

-0.088*

 

-0.153***

-0.419

   

(1.951)

 

(3.677)

(1.589)

Ostdeutschland

 

0.731***

0.826***

 

0.849***

0.279

  

(27.948)

(19.974)

 

(21.346)

(1.119)

Ostdeutschland 96

  

-0.224***

 

-0.257***

-0.216

   

(6.231)

 

(7.323)

(1.009)

Ostdeutschland 00

  

-0.198***

 

-0.303***

-0.212

   

(6.307)

 

(9.455)

(1.059)

Slowak. Rep.

 

0.274***

0.221***

 

0.147***

0.102

  

(5.451)

(3.876)

 

(2.744)

(0.325)

Ungarn

 

0.593***

0.669***

 

0.483***

0.569**

  

(18.515)

(14.597)

 

(11.353)

(2.117)

Ungarn 96

  

-0.256***

 

-0.359***

-0.047

   

(5.570)

 

(8.623)

(0.182)

Polen

 

0.299***

0.246***

 

0.191***

0.483*

  

(8.561)

(5.582)

 

(4.653)

(1.936)

Slowenien

 

0.404***

0.351***

 

0.141***

0.386

  

(11.326)

(7.852)

 

(3.339)

(1.520)

Bulgarien

 

0.338***

0.163***

 

0.003

-0.135

  

(11.813)

(3.672)

 

(0.061)

(0.516)

Bulgarien 96

  

0.232***

 

0.051

0.049

   

(6.403)

 

(1.450)

(0.226)

Estland

 

0.215***

0.162***

 

0.041

-0.146

  

(5.841)

(3.556)

 

(0.942)

(0.573)

Russland

 

0.337***

0.128***

 

0.137***

-0.221

  

(11.718)

(2.896)

 

(3.176)

(0.839)

Russland 96

  

0.288***

 

0.100***

0.187

   

(7.855)

 

(2.813)

(0.847)

Sozialstruktur. Merkmale

      

Geschlecht (Frauen=1)

   

0.115***

0.117***

0.244***

    

(9.110)

(10.024)

(3.863)

Alter (in Jahren)

   

0.002***

0.001**

-0.013***

    

(3.211)

(2.467)

(5.116)

Haushaltsgröße

   

0.009*

-0.013***

-0.070***

    

(1.757)

(2.753)

(2.958)

Rel. Einkommen

   

-0.077***

-0.193***

-0.242***

    

(5.824)

(14.795)

(5.474)

Kein Einkommen

   

-0.072***

-0.075***

-0.071***

    

(3.256)

(3.533)

(3.380)

Bildung (Casmin)

   

-0.088***

-0.070***

-0.079***

    

(21.167)

(16.715)

(2.852)

Unten-Oben-Skala

   

-0.063***

-0.035***

-0.030***

    

(16.031)

(8.794)

(7.517)

Selbständig

   

-0.343***

-0.306***

-0.269***

    

(11.677)

(11.207)

(2.626)

Arbeitslos

   

0.174***

0.033

0.156

    

(6.661)

(1.330)

(1.000)

In Rente

   

0.117***

0.056***

0.034

    

(5.291)

(2.766)

(0.295)

Nicht Erwerbstätig

   

0.017

-0.096***

-0.098***

    

(0.559)

(3.274)

(3.273)

Bew. Einkommensungl.

   

0.187***

0.188***

0.187***

    

(25.240)

(26.418)

(26.177)

Zufriedenheit gesamt

   

-0.058***

-0.025***

-0.023***

    

(13.877)

(5.897)

(5.487)

      

+ Int.

Konstante

-1.082***

-1.082***

-1.082***

-0.020

-1.247***

-0.569***

 

(32.906)

(32.900)

(32.893)

(0.360)

(20.064)

(2.919)

Fälle

22337

22337

22337

22337

22337

22337

R-Quadrat

0.141

0.173

0.181

0.159

0.285

0.304

Datenbasis: ISJP; OLS-Regression mit robusten Schätzern; eigene Berechnung.
Aufgrund fehlender Variablen ausgeschlossen: Estland 1996.
*** sign. p ≤ 0.01; ** sign. p ≤ 0.05; * sign. p ≤ 0.10; T-Werte in Klammern.

↓183

Diskussion

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich die Länder teilweise erheblich in der Präferenz der beiden Gerechtigkeitsideologien durch die Bevölkerung unterscheiden (vgl. Abb. 30). Für westlich-kapitalistische Länder und ihre Wohlfahrtsstaaten findet sich generell das Bild, das aufgrund der unterschiedlichen wohlfahrtsstaatlichen Typen zu erwarten war. Meritokratismus ist in den Niederlanden als sozialdemokratischem Wohlfahrtsregime niedriger als in Großbritannien und den USA als liberalem Typus, während umgekehrt Etatismus stärker als in den Vereinigten Staaten befürwortet wird. Allerdings fällt Großbritannien als liberales Wohlfahrtsregime mit einem stärkeren Meritokratismus und Etatismus auf als die USA und sogar die Niederlande. Möglicherweise kann dieser Unterschied im liberalen Typus darauf zurückgeführt werden, dass europäische Länder generell und insbesondere die des liberalen Typs ideologischer als außereuropäische sind. In Westdeutschland wird der Etatismus wie auch der Meritokratismus gleichermaßen am stärksten unter den westlichen Ländern vertreten.

Generell kann für die osteuropäischen Transformationsländer eine im Vergleich mit westlichen Ländern deutlich stärker ideologische Haltung festgestellt werden. Sowohl Meritokratismus als auch Etatismus wird stärker befürwortet als in westlichen Ländern. Allerdings sind die postkommunistischen Länder zu Beginn der Transformationsprozesse allgemein ideologischer. Der Meritokratismus, der als westlich-kapitalistische Leistungsideologie gelten kann, wird nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Systeme scheinbar übermäßig begrüßt, sinkt jedoch 5 Jahre nach dem Systemwechsel mit Ausnahme Ostdeutschlands (hier erst verspätet von 1996 auf 2000) in allen Ländern teilweise beträchtlich. Am deutlichsten ist der Rückgang in Bulgarien und Russland, die durch eine verspätete Transformation und mit einem problematischen Transformationsverlauf gekennzeichnet werden können. Auch der Etatismus ist in fast allen Ländern vermutlich deshalb zurückgegangen, weil er als Relikt des alten staatspaternalistischen Systems eben zunehmend abgelehnt wird. In Russland und Bulgarien allerdings hat sich vermutlich aufgrund der schlechten Lebensbedingungen der Bevölkerung im Zuge stagnierender Transformationsprozesse der Etatismus als ideologische Einstellung verstärkt (Russland) oder ist gleich geblieben (Bulgarien, Veränderung nicht signifikant).

↓184

Ostdeutschland zeichnet sich insgesamt durch die höchste Zustimmung zum Etatismus in allen Ländern aus. Vermutlich ist hier jedoch die Zustimmung zum Etatismus deswegen so groß, weil durch den staatlich organisierten Institutionentransfer aus Westdeutschland im Zuge der deutschen Vereinigung eigenständige ostdeutsche Entwicklungen und damit auch selbst errungene subjektive Neuorientierungen eher verhindert wurden. Eine Überwindung und Bewältigung der sozialistischen Wertevergangenheit scheint auf diese Weise eher verstellt worden zu sein, so dass Etatismus in Ostdeutschland - sei er das Relikt der alten sozialistischen Staatsabhängigkeitsideologie oder eine neue Versorgungsmentalität aufgrund der speziellen Form des Systemwechsels - auch heute stark vertreten wird.

Abb. 30: Landkarte der Ideologien: Meritokratismus und Etatismus

Datenbasis: ISJP; OLS-Regression mit robusten Schätzern; unstandardisierte Regressionskoeffizienten der Ideologien unter Kontrolle individueller Strukturmerkmale der Befragten; eigene Berechnung.
Aufgrund fehlender Variablen ausgeschlossen: Estland 1996.
Anmerkung: B (Bulgarien), CZ (Tschech. Rep.), EG (Ostdeutschland), ET (Estland), H (Ungarn), NL (Niederlande), PL (Polen), R (Russland), SK (Slowak. Rep.), SL (Slowenien), UK (Großbritannien), US (USA), WG (Westdeutschland).

11.3 Der Einfluss von Makroindikatoren

Es ist nun zu fragen, ob die inhaltliche Weiterbestimmung der Länder anhand zentraler Indikatoren nicht vielleicht besser diese Ideologien erklären können als die Länder selbst. Es ist jedoch angesichts der gerechtigkeitstheoretischen Ausführungen zur Prinzipiengerechtigkeit zu vermuten, dass die Wirtschaftsleistung, die Arbeitslosigkeit, die tatsächliche Ungleichheit und die Höhe der Sozialausgaben nur wenig die ideologischen Einstellungen der Bevölkerungen zu erklären vermögen, da diese vor allem in westlich-kapitalistischen Ländern eben weniger von der aktuellen Lage abhängen, sondern stärker in langfristigen historischen Entwicklungen wurzeln. Allenfalls ist in postkommunistischen Ländern mit stärkeren Effekten makrostruktureller Indikatoren zu rechnen, da langfristige ideologische Traditionen durch den Systemwechsel in Turbulenzen geraten sein können.

↓185

Hinsichtlich des Meritokratismus (vgl. Tab. 45), der als westlich-kapitalistischer Wert in postkommunistischen Ländern im Zuge der Transformationsprozesse tatsächlich an Bedeutung gewonnen hat, erklären - wie bereits aufgezeigt - individuelle Strukturvariablen nur wenig (Modell 1). Ein signifikanter positiver Transformationseffekt zeigt an, dass in Transformationsländern Meritokratismus generell stärker befürwortet wird als in westlich-kapitalistischen Ländern (Modell 2). Ein Blick auf die erklärte Varianz der Regressionsmodelle mit den Makroindikatoren (Modell 3 bis 10) lässt offenkundig den Schluss zu, dass die Makroindikatoren der Länder nur wenig zusätzlich zur Erklärung der meritokratischen Ideologie beitragen. Dies kann als Bestätigung der These gewertet werden, dass die Struktur der Länder ideologische Haltungen der Bevölkerung weniger zu erklären vermag als kulturelle Faktoren der Länder. Zwar sind die Effekte der einzelnen Makroindikatoren signifikant, erklären jedoch nicht viel. Demnach sinkt mit zunehmender Wirtschaftsleistung die Zustimmung zur Leistungsideologie (Modell 3). Allerdings zeigt sich, dass in westlich-kapitalistischen Ländern der Effekt positiv ist, während er in postkommunistischen Ländern negativ ist und damit konträr zum Westen verläuft (Modell 4).68 Mit zunehmender Arbeitslosigkeit wird die Leistungsideologie stärker befürwortet (Modell 5). Allerdings ist auch hier ein konträrer West-Ost-Effekt zu finden. Demnach sinkt die Zustimmung zum Meritokratismus in postkommunistischen Ländern mit zunehmender Arbeitslosigkeit leicht, während sie nur in westlich-kapitalistischen Ländern steigt (Modell 6). Mit zunehmender Einkommenskonzentration wird die Leistungsideologie stärker befürwortet (Modell 7). Dieser Zusammenhang gilt für den Westen und auf höherem Niveau für den Osten, da der Interaktionseffekt von Transformation und Gini-Koeffizient nicht signifikant ist (Modell 8). Mit höheren Sozialausgaben sinkt die Zustimmung zum Leistungsprinzip (Modell 9). Dies gilt für westliche Länder und in verstärktem Maße für postkommunistische Länder (Modell 10). Insgesamt kann festgehalten werden, dass soziale Probleme wie Arbeitslosigkeit oder eine höhere Einkommensungleichheit zu einem stärkeren Meritokratismus im Sinne von mehr eigener Anstrengung führen, während verstärkte Staatstätigkeit oder mehr Wohlstand aufgrund einer höheren Wirtschaftsleistung in eine geringere Zustimmung zur Leistungsideologie münden, da Leistung bei stärkerer wirtschaftlicher Prosperität und besserer staatlicher Absicherung auch nicht notwendigerweise gebraucht wird. Postkommunistische verhalten sich bei den wirtschaftlichen Indikatoren jedoch konträr zu den westlichen Ländern, was jedoch in der abschließenden Diskussion genauer verdeutlicht werden soll.

Tab. 45: Makroeinflüsse auf den Meritokratismus (OLS-Regression, ISJP)

 

(1)

(2)

(3)

(4)

(5)

(6)

   

Sozialstruktur. Merkmale

         

Geschlecht (Frauen=1)

-0.078***

-0.084***

-0.084***

-0.086***

-0.078***

-0.087***

   
 

(5.586)

(6.080)

(6.018)

(6.189)

(5.580)

(6.326)

   

Alter (in Jahren)

0.001*

0.001*

0.001**

0.001*

0.001

0.001*

   
 

(1.745)

(1.787)

(2.135)

(1.930)

(1.591)

(1.954)

   

Haushaltsgröße

0.050***

0.028***

0.024***

0.020***

0.049***

0.030***

   
 

(9.042)

(4.999)

(4.194)

(3.507)

(8.819)

(5.331)

   

Rel. Einkommen

0.120***

0.069***

0.084***

0.059***

0.113***

0.072***

   
 

(8.186)

(4.639)

(5.679)

(3.930)

(7.622)

(4.873)

   

Kein Einkommen

0.001

0.023

0.035

0.027

-0.001

0.010

   
 

(0.023)

(1.041)

(1.523)

(1.204)

(0.046)

(0.423)

   

Bildung (Casmin)

-0.029***

-0.033***

-0.034***

-0.033***

-0.029***

-0.031***

   
 

(6.099)

(6.873)

(7.130)

(6.952)

(5.996)

(6.404)

   

Unten-Oben-Skala

-0.012**

0.011**

0.009*

0.016***

-0.009**

0.013***

   
 

(2.568)

(2.468)

(1.843)

(3.500)

(2.093)

(2.822)

   

Selbständig

0.093***

0.092***

0.088***

0.094***

0.090***

0.097***

   
 

(3.218)

(3.244)

(3.057)

(3.301)

(3.118)

(3.419)

   

Arbeitslos

-0.010

-0.039

0.021

-0.011

-0.032

-0.018

   
 

(0.333)

(1.258)

(0.687)

(0.345)

(1.013)

(0.578)

   

In Rente

0.016

-0.027

-0.010

-0.031

0.008

-0.026

   
 

(0.684)

(1.151)

(0.444)

(1.312)

(0.332)

(1.094)

   

Nicht Erwerbstätig

-0.030

-0.037

-0.016

-0.033

-0.039

-0.020

   
 

(0.819)

(1.032)

(0.434)

(0.902)

(1.069)

(0.558)

   

Bew. Einkommensungl.

-0.038***

-0.046***

-0.057***

-0.053***

-0.038***

-0.045***

   
 

(4.851)

(5.974)

(7.238)

(6.817)

(4.883)

(5.878)

   

Zufriedenheit gesamt

-0.007

0.010**

0.004

0.014***

-0.004

0.012**

   
 

(1.520)

(2.071)

(0.837)

(3.022)

(0.765)

(2.451)

   

Makrostruktur

         

Transformation

 

0.278***

 

0.540***

 

0.761***

   
  

(17.335)

 

(7.830)

 

(13.098)

   

Bruttosozialprodukt

  

-0.112***

0.081***

     
   

(15.067)

(2.778)

     

Tr.*Bruttosozialprodukt

   

-0.152***

     
    

(4.998)

     

Arbeitslosigkeit

    

0.008***

0.054***

   
     

(4.942)

(7.015)

   

Tr.*Arbeitslosigkeit

     

-0.065***

   
      

(8.284)

   

Gini-Koeffizient

         
          

Tr.*Gini-Koeffizient

         
          

Sozialausgaben

         
          

Tr.*Sozialausgaben

         
          

Konstante

0.231***

-0.009

0.399***

-0.205**

0.137**

-0.410***

   
 

(3.761)

(0.153)

(6.422)

(2.174)

(2.137)

(4.901)

   

Fälle

20368

20368

20368

20368

20368

20368

   

R-Quadrat

0.012

0.026

0.022

0.029

0.013

0.030

   
 

(7)

(8)

(9)

(10)

    

Sozialstruktur. Merkmale

        

Geschlecht (Frauen=1)

-0.078***

-0.086***

-0.085***

-0.087***

    
 

(5.617)

(6.179)

(6.159)

(6.326)

    

Alter (in Jahren)

0.001*

0.001*

0.001*

0.001*

    
 

(1.784)

(1.850)

(1.802)

(1.890)

    

Haushaltsgröße

0.051***

0.028***

0.035***

0.017***

    
 

(9.058)

(4.976)

(6.158)

(3.051)

    

Rel. Einkommen

0.124***

0.076***

0.117***

0.069***

    
 

(8.380)

(5.085)

(7.970)

(4.593)

    

Kein Einkommen

0.001

0.025

0.030

0.039*

    
 

(0.030)

(1.120)

(1.321)

(1.726)

    

Bildung (Casmin)

-0.031***

-0.036***

-0.042***

-0.041***

    
 

(6.356)

(7.409)

(8.622)

(8.482)

    

Unten-Oben-Skala

-0.011**

0.013***

0.006

0.020***

    
 

(2.493)

(2.764)

(1.395)

(4.332)

    

Selbständig

0.092***

0.089***

0.088***

0.095***

    
 

(3.199)

(3.144)

(3.072)

(3.364)

    

Arbeitslos

-0.004

-0.030

0.028

0.006

    
 

(0.135)

(0.974)

(0.905)

(0.199)

    

In Rente

0.017

-0.026

0.010

-0.024

    
 

(0.728)

(1.105)

(0.422)

(1.004)

    

Nicht Erwerbstätig

-0.026

-0.027

0.006

-0.018

    
 

(0.700)

(0.743)

(0.154)

(0.486)

    

Bew. Einkommensungl.

-0.040***

-0.051***

-0.053***

-0.059***

    
 

(5.127)

(6.450)

(6.726)

(7.557)

    

Zufriedenheit gesamt

-0.006

0.011**

0.001

0.017***

    
 

(1.335)

(2.207)

(0.123)

(3.589)

    

Makrostruktur

        

Transformation

 

0.420***

 

0.562***

    
  

(4.219)

 

(8.865)

    

Bruttosozialprodukt

        
         

Tr.*Bruttosozialprodukt

        
         

Arbeitslosigkeit

        
         

Tr.*Arbeitslosigkeit

        
         

Gini-Koeffizient

0.274**

0.891***

      
 

(2.393)

(2.684)

      

Tr.*Gini-Koeffizient

 

-0.485

      
  

(1.379)

      

Sozialausgaben

  

-0.019***

-0.005**

    
   

(15.811)

(2.406)

    

Tr.*Sozialausgaben

   

-0.015***

    
    

(5.751)

    

Konstante

0.165**

-0.244**

0.669***

0.128

    
 

(2.470)

(2.241)

(9.934)

(1.518)

    

Fälle

20368

20368

20368

20368

    

R-Quadrat

0.012

0.027

0.024

0.034

    

Datenbasis: ISJP, OLS-Regression mit robusten Schätzern; eigene Berechnung.
Aufgrund fehlender Variablen ausgeschlossen: Slowenien 1991, Russland 1991, Estland 1996.
Bruttosozialprodukt in US-$ je 10.000 Einwohner, Arbeitslosigkeit in Prozent, Sozialausgaben in Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
*** sign. p ≤ 0.01; ** sign. p ≤ 0.05; * sign. p ≤ 0.10; T-Werte in Klammern.

Werden die multivariaten Regressionsanalysen zum Etatismus herangezogen (vgl. Tab. 46), kann zunächst festgehalten werden, dass in Bezug auf diese Ideologie Strukturvariablen mit 16 Prozent bedeutend mehr erklären als beim Meritokratismus (Modell 1). In postkommunistischen Ländern wird Etatismus stärker als in westlichen Ländern befürwortet (Modell 2). Es ist kein direkter Effekt des Bruttosozialprodukts signifikant (Modell 3), aber die Wirtschaftskraft getrennt nach westlich-kapitalistischen und postkommunistischen Ländern weisen für sich genommen einen positiven Einfluss auf den Etatismus auf, der in Osteuropa nicht nur insgesamt höher ist, sondern auch noch stärker steigt als in westlichen Ländern. Dass mit zunehmender Wirtschaftsleistung die Zustimmung zum Staat in Ost und West steigt (Modell 4), aber der Haupteffekt alleine nicht signifikant ist (Modell 3), liegt sicherlich daran, dass die Unterschiede im Bruttosozialprodukt zwischen Ost und West enorm sind und daher auf diese Weise einen Gesamteffekt verhindern. Mit steigender Arbeitslosigkeit im Land nimmt auch die Zustimmung zum Etatismus zu (Modell 5). Allerdings ist dieser Effekt nur in postkommunistischen Ländern signifikant (Modell 6). Also nur in den Transformationsländern wird einem sozialen Problem wie das der Arbeitslosigkeit dadurch begegnet, dass vermehrt nach dem Staat gerufen wird. Erstaunlich ist, dass eine tatsächlich stärkere Einkommenskonzentration nicht zu mehr, sondern zu weniger Etatismus führt (Modell 7). Allerdings kann konstatiert werden, dass dieser eigentlich unerwartete Effekt nur in westlichen Ländern klar hervorbricht. In postkommunistischen Ländern ist dieser Einfluss bei insgesamt niedrigerem Ausgangsniveau (negativer Transformationseffekt) erheblich abgeschwächt (Modell 8). Je höher die Sozialausgaben in den Ländern, desto stärker wird auch die Rolle des Staates als dem absichernden und umverteilenden Akteur betont (Modell 9). Wenn man so will, führt eine vermehrte Staatstätigkeit auch zu höherem Anspruchsdenken an den Staat. Dieser Effekt gilt für Ost und West, auch wenn er in postkommunistischen Ländern leicht abgeschwächt ist. Wird abschließend der Anteil an der erklärten Varianz in den Blick genommen, so ist festzustellen, dass auch bei dieser Ideologie die makrostrukturellen Variablen nur wenig zusätzlichen Erklärungsbeitrag liefern. Allenfalls fällt der Einfluss der Arbeitslosigkeit ins Gewicht, der allerdings nur für postkommunistische Länder gilt.

↓186

Diskussion

Insgesamt kann festgehalten werden, dass zwar die Effekte der makrostrukturellen Variablen in Bezug auf beide Ideologien weitgehend signifikant sind, dass aber ihr Beitrag zur Erklärung der beiden Ideologien gemessen am Zuwachs der Modellanpassung geringer als der von Länder-Dummies selbst ist. Dies ist auch nicht verwunderlich bzw. war nicht zu erwarten und entspricht damit einer These dieser Studie, dass Gerechtigkeitsideologien stärker geschichtlich in den Traditionen der Gesellschaften verankert sind und damit weniger aus strukturellen Gegebenheiten erklärt werden können. Von daher kann auch das zunächst überraschende Ergebnis verständlich gemacht werden, dass mit zunehmender sozialer Ungleichheit Etatismus (in westlich-kapitalistischen Ländern) weniger befürwortet wird. Dahinter stehen - wie bereits verdeutlicht wurde (vgl. Kap. 11.1 S. 218) - eher unterschiedliche Legitimationen in wohlfahrtsstaatlichen Regimes, wonach liberale und konservative Regimes eine starke Einkommenskonzentration verstärkt mit einer Leistungsideologie rechtfertigen, die von der Bevölkerung auch getragen wird, während sozialdemokratische Regimes durch einen stark umverteilenden und absichernden Staat gekennzeichnet sind, die durch die

Tab. 46: Makroeinflüsse auf den Etatismus (OLS-Regression, ISJP)

 

(1)

(2)

(3)

(4)

(5)

(6)

   

Sozialstruktur. Merkmale

         

Geschlecht (Frauen=1)

0.111***

0.098***

0.111***

0.103***

0.111***

0.104***

   
 

(8.306)

(7.605)

(8.340)

(8.153)

(8.588)

(8.115)

   

Alter (in Jahren)

0.002***

0.002***

0.002***

0.001**

0.001*

0.001**

   
 

(2.678)

(2.859)

(2.646)

(2.152)

(1.694)

(2.153)

   

Haushaltsgröße

0.007

-0.037***

0.009*

-0.006

-0.001

-0.033***

   
 

(1.416)

(7.136)

(1.737)

(1.122)

(0.198)

(6.400)

   

Rel. Einkommen

-0.070***

-0.172***

-0.067***

-0.145***

-0.120***

-0.179***

   
 

(4.976)

(12.332)

(4.690)

(10.551)

(8.700)

(12.931)

   

Kein Einkommen

-0.057**

-0.011

-0.060***

-0.052**

-0.067***

-0.016

   
 

(2.550)

(0.510)

(2.664)

(2.407)

(3.097)

(0.754)

   

Bildung (Casmin)

-0.087***

-0.094***

-0.087***

-0.088***

-0.084***

-0.092***

   
 

(19.513)

(21.407)

(19.311)

(20.467)

(19.166)

(21.199)

   

Unten-Oben-Skala

-0.066***

-0.020***

-0.068***

-0.039***

-0.052***

-0.024***

   
 

(15.872)

(4.853)

(15.432)

(9.241)

(12.831)

(5.821)

   

Selbständig

-0.333***

-0.335***

-0.333***

-0.327***

-0.353***

-0.349***

   
 

(10.962)

(11.360)

(10.941)

(11.225)

(11.922)

(11.929)

   

Arbeitslos

0.184***

0.127***

0.182***

0.036

0.042

0.048*

   
 

(6.791)

(4.865)

(6.662)

(1.397)

(1.596)

(1.828)

   

In Rente

0.127***

0.041*

0.129***

0.054**

0.073***

0.030

   
 

(5.446)

(1.848)

(5.531)

(2.452)

(3.204)

(1.359)

   

Nicht Erwerbstätig

0.024

0.009

0.022

-0.023

-0.036

-0.033

   
 

(0.723)

(0.282)

(0.687)

(0.716)

(1.130)

(1.013)

   

Bew. Einkommensungl.

0.192***

0.175***

0.194***

0.204***

0.190***

0.177***

   
 

(24.494)

(23.602)

(24.438)

(27.710)

(25.425)

(24.272)

   

Zufriedenheit gesamt

-0.060***

-0.027***

-0.061***

-0.035***

-0.038***

-0.023***

   
 

(13.732)

(6.259)

(13.772)

(8.075)

(8.672)

(5.463)

   

Makrostruktur

         

Transformation

 

0.551***

 

0.618***

 

0.067

   
  

(35.932)

 

(9.303)

 

(1.229)

   

Bruttosozialprodukt

  

0.009

0.141***

     
   

(1.305)

(4.993)

     

Tr.*Bruttosozialprodukt

   

0.087***

     
    

(2.983)

     

Arbeitslosigkeit

    

0.056***

-0.010

   
     

(36.284)

(1.416)

   

Tr.*Arbeitslosigkeit

     

0.049***

   
      

(6.529)

   

Gini-Koeffizient

         
          

Tr.*Gini-Koeffizient

         
          

Sozialausgaben

         
          

Tr.*Sozialausgaben

         
          

Konstante

-0.015

-0.491***

-0.029

-0.848***

-0.633***

-0.418***

   
 

(0.247)

(8.488)

(0.475)

(9.417)

(10.653)

(5.301)

   

Fälle

20368

20368

20368

20368

20368

20368

   

R-Quadrat

0.162

0.215

0.162

0.241

0.206

0.230

   
 

(7)

(8)

(9)

(10)

    

Sozialstruktur. Merkmale

        

Geschlecht (Frauen=1)

0.114***

0.106***

0.118***

0.109***

    
 

(8.676)

(8.344)

(8.897)

(8.630)

    

Alter (in Jahren)

0.001**

0.002***

0.002***

0.002***

    
 

(2.363)

(2.655)

(2.646)

(2.878)

    

Haushaltsgröße

0.007

-0.037***

0.022***

-0.022***

    
 

(1.282)

(7.319)

(4.246)

(4.249)

    

Rel. Einkommen

-0.104***

-0.210***

-0.067***

-0.197***

    
 

(7.406)

(15.141)

(4.778)

(14.340)

    

Kein Einkommen

-0.058***

-0.024

-0.085***

-0.053**

    
 

(2.647)

(1.098)

(3.832)

(2.430)

    

Bildung (Casmin)

-0.073***

-0.080***

-0.075***

-0.073***

    
 

(16.273)

(18.152)

(16.707)

(16.749)

    

Unten-Oben-Skala

-0.069***

-0.028***

-0.083***

-0.040***

    
 

(16.587)

(6.650)

(19.149)

(9.600)

    

Selbständig

-0.329***

-0.314***

-0.329***

-0.324***

    
 

(10.993)

(10.831)

(10.896)

(11.210)

    

Arbeitslos

0.132***

0.097***

0.148***

0.047*

    
 

(4.917)

(3.706)

(5.496)

(1.826)

    

In Rente

0.118***

0.035

0.133***

0.029

    
 

(5.119)

(1.615)

(5.729)

(1.317)

    

Nicht Erwerbstätig

-0.013

-0.050

-0.010

-0.063*

    
 

(0.415)

(1.539)

(0.316)

(1.956)

    

Bew. Einkommensungl.

0.214***

0.192***

0.206***

0.196***

    
 

(27.456)

(25.545)

(26.157)

(26.663)

    

Zufriedenheit gesamt

-0.067***

-0.025***

-0.068***

-0.029***

    
 

(15.330)

(5.801)

(15.199)

(6.760)

    

Makrostruktur

        

Transformation

 

-0.728***

 

0.854***

    
  

(7.373)

 

(13.685)

    

Bruttosozialprodukt

        
         

Tr.*Bruttosozialprodukt

        
         

Arbeitslosigkeit

        
         

Tr.*Arbeitslosigkeit

        
         

Gini-Koeffizient

-2.325***

-5.847***

      
 

(21.183)

(17.249)

      

Tr.*Gini-Koeffizient

 

4.479***

      
  

(12.685)

      

Sozialausgaben

  

0.018***

0.038***

    
   

(15.385)

(18.191)

    

Tr.*Sozialausgaben

   

-0.007***

    
    

(2.666)

    

Konstante

0.545***

1.072***

-0.431***

-1.523***

    
 

(8.402)

(9.857)

(6.758)

(19.031)

    

Fälle

20368

20368

20368

20368

    

R-Quadrat

0.179

0.235

0.172

0.249

    

Datenbasis: ISJP, OLS-Regression mit robusten Schätzern; eigene Berechnung.
Aufgrund fehlender Variablen ausgeschlossen: Slowenien 1991, Russland 1991, Estland 1996.
Bruttosozialprodukt in US-$ je 10.000 Einwohner, Arbeitslosigkeit in Prozent, Sozialausgaben in Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
*** sign. p ≤ 0.01; ** sign. p ≤ 0.05; * sign. p ≤ 0.10; T-Werte in Klammern.

↓187

ideologische Haltung des Etatismus von der Bevölkerung legitimiert wird. Der eigentlich zu erwartende Effekt, dass mehr soziale Ungleichheit einen lauteren Ruf nach dem Staat durch die Bevölkerung hervorbringt, findet sich eher in postkommunistischen Ländern, da hier noch keine länger herrschenden Traditionen ausgebildet wurden, die wohlfahrtsstaatlich normativ wirken und ihrerseits Legitimität in der Bevölkerung erwarten lassen könnten. In postkommunistischen Ländern reagiert die Bevölkerung in der Tat scheinbar stärker auf die aktuelle strukturelle Situation und Lage, wenn sie sich "ideologischer" im Sinne einer stärkeren Befürwortung von Meritokratismus und Etatismus äußert. Dies zeigt nicht nur die geringere Zustimmung zur Leistungsideologie und die stärkere Befürwortung staatlicher Aktivität bei vermehrter sozialer Ungleichheit, sondern auch die deutliche Reaktion auf das soziale Problem Arbeitslosigkeit. Arbeitslosigkeit führt in postkommunistischen Ländern zu weniger Zustimmung zum Meritokratismus und zu stärkerem Einverständnis mit dem Etatismus. In westlichen Ländern dagegen haben die Struktureffekte scheinbar fast keine Bedeutung oder sind sogar konträr zu dem, was angesichts der tatsächlichen Lage erwartet werden könnte, da sie weniger über die aktuelle strukturelle Situation determiniert, sondern stärker durch die wohlfahrtsstaatliche Kultur beeinflusst sind.


Fußnoten und Endnoten

66  Zum Zwecke der besseren grafischen Darstellung wurden wieder einfache additive Summenindizes aus den Variablen gebildet, die in die beiden Faktoren Meritokratismus und Etatismus eingegangen sind.

67  Da in den Daten des ISJP nur wenig westliche Länder enthalten sind, soll an dieser Stelle nochmals darauf hingewiesen werden, dass sich in den Regressionstabellen hinter den Jahreseffekten von 1996 nur das konservative und sozialdemokratische Regime (Ref. konservativ) und hinter dem Jahreseffekt von 2000 nur das konservative Regime verbirgt.

68  Da für Ostdeutschland hinsichtlich des Bruttosozialproduktes die Werte für Gesamtdeutschland verwendet werden mussten, kann aufgrund der Überschätzung der Wirtschaftsleistung Ostdeutschlands davon ausgegangen werden, dass der Effekt für die Transformationsländer stärker negativ wäre. Des Weiteren ist eine Scheinkorrelation mit der Zeit nicht auszuschließen.



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18.07.2006