12 Zusammenfassung und Ausblick

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Zusammenfassung des Konzepts

In dieser Studie wurde der Frage nachgegangen, inwieweit soziale Ungleichheit von Menschen in verschiedenen Gesellschaften als gerecht oder ungerecht wahrgenommen und bewertet wird, und welche normativen Auffassungen sie darüber haben, wie die Verteilungsordnung aus der Sicht der Bevölkerung normativ zu gestalten sei. Kern der Untersuchung war zum einen die Wahrnehmung und Bewertung der Gerechtigkeit der Einkommensverteilung in verschiedenen Gesellschaften zu verschiedenen Zeitpunkten als einem Aspekt der Belohnungsgerechtigkeit konkreter sozialer Verteilungsergebnisse (vgl.Wegener, 1999). Hier stand die gesellschaftliche Einkommensverteilung im Mittelpunkt, da Einkommen das in modernen Gesellschaften zentrale Entlohnungsmedium ist und damit wesentlich die Struktur sozialer Ungleichheit bestimmt. Zum anderen wurden normative Einstellungen der Bevölkerung in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeitpunkten als Aspekte der Prinzipiengerechtigkeit untersucht. Konkret bestanden diese einerseits aus dem Aspekt der Bewertung von sozialer Ungleichheit, also inwieweit soziale Ungleichheit abgelehnt und inwieweit soziale Ungleichheit zum Wohl der Gesellschaft für notwendig befunden wird, und andererseits aus der Zustimmung zu zentralen Verteilungsideologien einer Gesellschaft, die als Meritokratismus und Etatismus, also als Leistungsideologie und der Forderung nach verstärkter sozial umverteilender Staatstätigkeit bestimmt wurden.

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Zur Erklärung dieser untersuchten Aspekte bezog sich diese Studie auf ein Modell (vgl.Coleman, 1986;Coleman, 1990;Esser, 1999), das makrosoziale Kontexte als wesentlichen und insbesondere sozialwissenschaftlich relevanten Faktor in den Mittelpunkt stellt. Als Erklärungskontext subjektiver Wahrnehmungen und Beurteilungen auf Makroebene wurden Länder als sozial abgrenzbare soziale Einheiten in den Mittelpunkt gerückt, da Verteilungsordnungen und -ergebnisse weitgehend länderspezifisch und in unterschiedlicher Gestalt organisiert sind. Da Länder ohne weitere theoretische oder empirische Bestimmung inhaltsleer oder als black box offen für alle möglichen interpretierenden Erklärungen sind, mussten die Länder derart spezifiziert werden, dass der Forderung nach einer besseren Erklärungskraft Rechnung getragen wird. Diese Studie ist dabei in zweifacher Hinsicht vorgegangen.

Zum einen wurde eine Typologie von Wohlfahrtsregimes nach Esping-Andersen (1990;1999) verwendet, um die Länder zu klassifizieren. Der sozialwissenschaftliche Blick dieser Untersuchung hat sich damit auf das institutionelle Arrangement gerichtet, das für die Verteilung von Wohlstand in modernen Gesellschaften zuständig ist, nämlich den Wohlfahrtsstaat. Da sich moderne Gesellschaften weniger nach der Allokationslogik des Marktes unterscheiden, sondern vielmehr in der Art und Weise wohlfahrtsstaatlicher Eingriffe in Verteilungsprozesse, sind es wohlfahrtsstaatliche Arrangements, die ins Zentrum gerückt werden müssen. Mit Blick auf Wohlfahrtsregime kann einerseits ihre jeweils unterschiedliche kompensatorische Funktion betrachtet werden (z.B. in Form der Höhe der Sozialausgaben), aber auch ihre spezifische normativ konstitutive Gestalt und Wirkweise. Hier ist in Anknüpfung an sozialwissenschaftliche Erkenntnisse über den Zusammenhang von Struktur und Handeln (vgl.Schimank, 2000) davon auszugehen, dass die institutionellen Arrangements, in die normative Vorstellungen inkorporiert sind, selbst wiederum auf die Bevölkerung normative Wirkung entfalten (vgl.Mau, 2002;vgl.Rothstein, 1998). Sie beeinflussen also nicht nur auf verschiedene Weise die individuellen Lebensvollzüge der Bevölkerung, die in und mit diesen Strukturen lebt, sondern auch in ihrer unterschiedlichen ideologisch-normativen und kulturellen Gestalt die Wahrnehmungen, Bewertungen und Ideologien der Bevölkerung.

Zum anderen wurden die Länder inhaltlich weiter spezifiziert, indem zentrale Makroindikatoren zur Beschreibung der wirtschaftlichen und sozialen Lage in diesen Ländern herangezogen wurden. Insbesondere wurde der Einfluss der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, der Arbeitslosigkeit, der tatsächlichen Einkommensungleichheit und der Höhe der Sozialausgaben als Einflussfaktoren auf subjektive Wahrnehmungen, Bewertungen und Einstellungen untersucht. Mit der tatsächlichen Einkommensungleichheit und der Höhe der Sozialausgaben wurde dabei die kompensatorische Funktion von Wohlfahrtsstaaten herausgehoben und ihr makrostruktureller Effekt auf individuelle Gerechtigkeitsurteile und Einstellungen studiert.

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Um den Einfluss von Faktoren der Makroebene auf individuelle Wahrnehmungen, Bewertungen und Einstellungen in den beiden geschilderten Weisen zu untersuchen, ist es notwendig, diese auf eine breite Datenbasis zu stellen. Es war daher Ziel dieser Studie, möglichst alle Länder auszuwählen, für die vergleichbare Daten zur Verfügung standen, und alle Datenquellen zu nutzen, die eine Untersuchung von Gerechtigkeitsäußerungen, Wahrnehmungen und Bewertungen von sozialer Ungleichheit und die Zustimmung zu Verteilungsideologien ermöglichen. Dabei wurde auf Daten des Internationals Social Survey Programme (ISSP) und des International Social Justice Project (ISJP) zurückgegriffen, die eine derartige auf maximale Ausschöpfung gerichtete international vergleichende Analyse zulassen. Damit geht diese Studie über die bislang durchgeführten ländervergleichenden Analysen in der Form von Fallstudien deutlich hinaus und ermöglicht es, den Einfluss von Ländermerkmalen mit Individualdaten multivariat zu testen. Es werden also nicht einfach Assoziationen von Ländermerkmalen auf Aggregatebene vorgenommen, sondern der Einfluss von Ländermerkmalen auf individueller Ebene wird unter Kontrolle sozialstruktureller Merkmale von Personen international vergleichend getestet.

Diese Studie zeichnet sich insbesondere auch dadurch aus, dass neben der Untersuchung von Länderunterschieden im Querschnitt auch eine diachrone Betrachtung im Längsschnitt aufgrund der verwendeten Daten ermöglicht wurde. Damit ist die Chance verbunden, gerechtigkeitsbezogene Wahrnehmungen, Bewertungen und Einstellungen über die Zeit zu verfolgen und damit ihre Stabilität oder Veränderungen angesichts des Grades der strukturellen Veränderung in den einzelnen Ländern zu verfolgen. Damit rückt also auch der soziale Wandel in den einzelnen Ländern in den Mittelpunkt des Interesses und bietet die Gelegenheit, zu verfolgen, inwieweit sich die subjektiven Wahrnehmungen, Bewertungen und Einstellungen je nach dem Grad makrostrukturellen Wandels verändern.

Neue Erkenntnismöglichkeiten ergeben sich durch den Einschluss sowohl westlich-kapitalistischer als auch postkommunistischer Länder, die sich durch einen in Qualität und Reichweite unterschiedlichen Grad an sozialem Wandel unterscheiden. Während in westlich-kapitalistischen Ländern Modernisierungsprozesse mit deutlich geringerem Ausmaß an sozialem Wandel vonstatten gehen, findet in postkommunistischen Ländern im Zuge eines gleichzeitigen Systemwechsels in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht ein für die Bevölkerung dramatischer Umbruch der gesamten Lebensverhältnisse statt, der sich auch auf Wahrnehmungen, Bewertungen und Einstellungen niederschlägt (vgl.Delhey, 2001). Der soziale Wandel in den osteuropäischen Transformationsländern muss aufgrund seiner Schärfe und der damit verbundenen qualitativ nachhaltigen und umfassenden Veränderungsprozesse anders als die in westlichen Ländern stattfindenden Wandlungsprozesse gewertet werden. Es wurde angenommen, dass sich in westlich-kapitalistischen Ländern weit mehr an Stabilität vor allem in Bezug auf grundsätzliche Bewertungen der Ungleichheitsstruktur und ideologische Einstellungen in der Bevölkerung abzeichnet als in postkommunistischen Transformationsländern. Da sich in ehemals sozialistischen Ländern nach dem Systemwechsel noch keine ideologisch lang anhaltenden normativen Wirkungen neuer institutioneller und insbesondere wohlfahrtsstaatlicher Strukturen entfalten konnten, ist zunächst unklar, wie Menschen auf die Veränderungsprozesse in ihren subjektiven Wahrnehmungen, Bewertungen und ideologischen Einstellungen reagieren. Alte tradierte ideologische Werthaltungen vermischen sich möglicherweise mit neuen Werthaltungen, die als Reaktionen auf die neuen institutionellen Strukturen und Errungenschaften zu deuten wären. Da diese Erklärungsproblematik in Transformationsländern mangels geeigneter Daten aus der sozialistischen Zeit (also mit Vorher-Nachher-Messung) wohl nie endgültig geklärt werden kann, bleibt eine geeignete Interpretation von Ergebnissen der Stärke plausibler Argumente überlassen.

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Zusammenfassung der Ergebnisse

Nach der skizzierten Kurzzusammenfassung der Konzeption dieser Untersuchung können nun die zentralen Ergebnisse zusammengefasst werden. Drei zentrale subjektive Äußerungen von Menschen in Bezug auf ihre Wahrnehmungen, Bewertungen und normativen Präferenzen im Blick auf die Verteilungsordnung in verschiedenen Ländern und zu verschiedenen Zeitpunkten standen als zu erklärende Aspekte im Mittelpunkt: (1) Die wahrgenommene Ungerechtigkeit der Einkommensverteilung als Belohnungsgerechtigkeit, die sich auf Verteilungsergebnisse (hier: die Einkommensverteilung) bezieht; (2) Allgemeine Einstellungen zu sozialer Ungleichheit im Hinblick auf den Grad der Ablehnung einerseits, die stärker ideologischen Charakter trägt, sowie den Grad der Notwendigkeit zum Wohl der Gesellschaft andererseits, von der ausgegangen wird, dass sie sich stärker auf die jeweils aktuelle Situation bezieht; (3) Die Präferenz von zentralen gesellschaftlichen Verteilungsideologien, die zum einen als Meritokratismus, also der Verteilung von Wohlstand nach dem individuellen Verdienst bzw. der gesellschaftlich erbrachten Leistung, und zum anderen als Etatismus, also dem Grad der Verteilungsteuerung durch den Staat als zentralem Akteur mit dem Ziel der Herstellung sozialen Ausgleichs großer Wohlstandsdisparitäten, näher bestimmt werden können. Mit diesen liegen Gerechtigkeitsäußerungen in der Form von Prinzipiengerechtigkeit vor, die sich auf die grundlegende normative Gestalt der gesellschaftlichen Verteilungsordnung beziehen.

Um die makrosozialen Effekte auf diese drei verschiedenen Typen von Gerechtigkeitsäußerungen zu bestimmen, wurde jeweils so vorgegangen, dass zunächst der unmittelbare Einfluss der wohlfahrtsstaatlichen Regimes für westlich-kapitalistische Länder bestimmt wurde. In Ausweitung auch auf die Situation in den postkommunistischen Ländern wurde dann der eigenständige Einfluss der Länder untersucht. Schließlich wurde jeweils der Effekt von Makroindikatoren in der Form der inhaltlichen Weiterbestimmung der Länder getestet.

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Wahrgenommene Ungerechtigkeit der Einkommensverteilung: Geht es um das Ausmaß an Ungerechtigkeit hinsichtlich der Einkommensverteilung, das in den Ländern zu verschiedenen Zeitpunkten wahrgenommen wird, lässt sich für westliche Länder ein wohlfahrtsstaatlicher Einfluss festhalten. Danach wird in sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaaten, die stärker umverteilen und für sozialen Ausgleich sorgen, die Einkommensverteilung als deutlich weniger ungerecht empfunden als in liberalen, konservativen oder mediterranen Regimes, die weniger umverteilen. Der Einfluss konservativer Regimes dagegen ist entgegen den Vermutungen uneinheitlich und nicht unbedingt in der Mitte zwischen liberalem und sozialdemokratischem Regime anzusiedeln, indem sie sich einmal durch eine geringfügig stärkere (im ISJP) und ein andermal durch niedrigere wahrgenommene Ungerechtigkeit (im ISSP) im Vergleich mit liberalen Regimes auszeichnen. Auch von daher bietet es sich an, die einzelnen Länder und Zeitpunkte genauer in den Blick zu nehmen. Dann kann festgestellt werden, dass zwar die groben Einflüsse der Regimes weitgehend zu finden sind, aber auch einzelne Länder und Zeitpunkte in ihren Effekten widersprüchlich zu denen wohlfahrtsstaatlicher Regimes durchschlagen (z.B. Frankreich 1999 mit einer überaus starken Ungerechtigkeitswahrnehmung oder Australien mit einer für liberale Regimes vergleichbar geringen Ungerechtigkeitswahrnehmung). Insbesondere kann in zeitlicher Hinsicht als länderspezifisches Ergebnis festgehalten werden, dass die wahrgenommene Ungerechtigkeit in den liberalen Regimes Australien stark und in den USA leicht steigt, in den konservativen Ländern Österreich und Westdeutschland jedoch über den gesamten Zeitraum fällt.

Für postkommunistische Länder wurde im Vergleich zu den westlichen Ländern eine insgesamt deutlich stärkere Ungerechtigkeitswahrnehmung angenommen, da die Bevölkerung in den Transformationsländern auf die Zunahme sozialer Ungleichheit und die zunehmend ungleichere Verteilung des Wohlstands mit einer entsprechend stark ausgeprägten Ungerechtigkeitswahrnehmung reagiert. Dies trifft in der Tat auch zu, wenngleich präzisiert werden muss, dass einige Länder (die Tschechische Republik, Ostdeutschland, die Slowakische Republik, Bulgarien und Slowenien in den Daten des ISSP und nur Ostdeutschland im ISJP) in Bezug auf die Ungerechtigkeitswahrnehmung auf dem hohen Niveau der Vereinigten Staaten oder sogar weit darunter liegen. Die Ungerechtigkeit in der Einkommensverteilung ist dagegen in den Transformationsländern, die mit institutionellen Reformen nur zögerlich begonnen haben und hinterherhinken, besonders groß (z.B. Russland und Estland). Von daher lässt sich vielleicht der Schluss ziehen, dass sich ein rascher und überzeugender Systemwechsel im Hinblick auf eine abgemilderte Ungerechtigkeitswahrnehmung in der Bevölkerung bezahlt gemacht hat. Dies zeigt sich nicht zuletzt auch am Beispiel des speziellen Transformationsfalls Ostdeutschland. Auch wenn sich Ostdeutschland noch immer durch eine geringfügig stärkere Ungerechtigkeitswahrnehmung im Vergleich mit Westdeutschland auszeichnet, zeigen die Analysen jedenfalls aus internationaler Perspektive, dass die beiden Landesteile in der Wahrnehmung und Bewertung der Einkommensverteilung bereits relativ gut zusammengewachsen sind. Die in Deutschland immer wieder geführte Debatte um die "Gerechtigkeitslücke" zwischen Ost- und Westdeutschland ist also auch eine Frage der Vergleichsperspektive.

Die Analysen zum Einfluss von Makroindikatoren haben gezeigt, dass es insbesondere makrostrukturelle Merkmale der Länder sind, die individuell wahrgenommene Ungerechtigkeit besonders gut erklären können. Während die Arbeitslosigkeit eines Landes nur wenig zu erklären vermag, hat die wirtschaftliche Leistungskraft, gemessen am Bruttosozialprodukt eines Landes, einen deutlich stärkeren Einfluss. Je stärker die Wirtschaftsleistung und damit der Wohlstand eines Landes ist, desto weniger Ungerechtigkeit wird wahrgenommen. Dies gilt für westliche Länder und insbesondere für postkommunistische Länder. Wenn es insgesamt mehr in einer Gesellschaft zu verteilen gibt, sinkt auch die Ungerechtigkeitswahrnehmung, weil scheinbar alle (also auch die sozialstrukturell weniger Begünstigten) von einem höheren Wohlstand profitieren. Noch viel deutlicher sind die Effekte der wohlfahrtsstaatlichen Makroindikatoren, nämlich des Ausmaßes an tatsächlicher Einkommensungleichheit und der Höhe der Sozialausgaben. Je mehr soziale Ungleichheit in den Einkommen in einer Gesellschaft herrscht, desto mehr Einkommensungerechtigkeit wird wahrgenommen. Je höher die Sozialausgaben in einem Land sind, desto weniger Ungerechtigkeit wird wahrgenommen. Auch hier gilt, dass die Effekte in den Transformationsländern deutlich stärker sind als in westlich-kapitalistischen Ländern. Daraus lässt sich zum einen der Schluss ziehen, dass der hohe Erklärungsbeitrag der Effekte der Makroindikatoren dafür spricht, dass ergebnisbezogene Gerechtigkeitsbewertungen - wie theoretisch angenommen - stärker strukturell determiniert sind und weniger aus kulturellen sozialen Verankerungen resultieren. Es sind besonders die wohlfahrtsstaatlichen Indikatoren, die die Ungerechtigkeitswahrnehmung am stärksten beeinflussen. Zum anderen lässt sich augenscheinlich auch ein praktisch politischer Schluss ziehen. Demnach sind der Abbau von tatsächlicher Einkommensungleichheit und höhere Sozialausgaben scheinbar gut geeignet, die wahrgenommene Ungerechtigkeit der Einkommensverteilung in der Bevölkerung zu verringern.

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Einstellungen zu sozialer Ungleichheit: Werden nun die Einstellungen der Bevölkerung zur sozialen Ungleichheit im internationalen Vergleich näher betrachtet, ist zumindest in westlichen Ländern verstärkt von einer kulturellen ideologischen Verankerung dieser Haltungen auszugehen. Dies wurde stärker bei der eher ideologisch zu charakterisierenden Ablehnung von sozialer Ungleichheit und weniger bei der Notwendigkeit sozialer Ungleichheit erwartet. Die Ergebnisse weisen in diese Richtung. Der Einfluss wohlfahrtsstaatlicher Regimes ist hinsichtlich der Ablehnung von sozialer Ungleichheit deutlich zu finden. Demnach wird soziale Ungleichheit in liberalen Wohlfahrtsregimes weniger abgelehnt als in konservativen und sozialdemokratischen, jedoch am stärksten im mediterranen Typ. Auffallend und entgegen den Erwartungen sind die Personen in sozialdemokratischen Ländern nicht ablehnender gegenüber sozialer Ungleichheit eingestellt als in konservativen Regimes. Im Kern kann also bestätigt werden, dass in liberalen Wohlfahrtsstaaten, die sich durch eine stärkere soziale Ungleichheit auszeichnen und diese auch ideologisch durch eine Leistungsideologie legitimieren, auch soziale Ungleichheit weniger abgelehnt wird als in Wohlfahrtsstaaten, die dies nicht in der Deutlichkeit tun. Von daher wird auch verständlich, dass in mediterranen Ländern, die ebenso eine vergleichsweise starke soziale Ungleichheit aber keine entsprechend wohlfahrtsstaatlich beförderte Ideologie zur Legitimation aufweisen, soziale Ungleichheit auch am stärksten abgelehnt wird. Für einen wohlfahrtsstaatlich legitimierenden Einfluss spricht auch, dass diese Einstellung in westlichen Wohlfahrtsstaaten zeitlich relativ stabil ist. In Bezug auf die Notwendigkeit sozialer Ungleichheit setzen sich die sozialdemokratischen und konservativen Wohlfahrtsstaaten durch eine geringere Einschätzung der Notwendigkeit von mediterranen und liberalen ab. Werden jedoch insbesondere die einzelnen Länder hinter diesen Regimes betrachtet, konnte festgestellt werden, dass sich die Länder weniger zwischen den Regimes in Bezug auf die Notwendigkeit sozialer Ungleichheit voneinander unterscheiden. Das heißt, die Ländereinflüsse sind innerhalb der Regimes nicht homogen.

Für postkommunistische Länder kann festgehalten werden, dass sie sich insgesamt betrachtet nicht wesentlich von westlich-kapitalistischen Ländern im Grad der Ablehnung von sozialer Ungleichheit unterscheiden. Der Ost-West-Unterschied ist marginal. Zwischen den Ländern gibt es jedoch Unterschiede. So ist die beispielsweise die Ablehnung in Ungarn am geringsten und in Ostdeutschland und Polen am größten. Nimmt man die zeitliche Veränderung in den Blick, die in Transformationsgesellschaften besonders relevant ist, konnte gezeigt werden, dass sich die Länder nicht wesentlich im Grad der Ablehnung verändern. Sie ist zeitlich stabil. Umgekehrt findet sich hinsichtlich der Notwendigkeit sozialer Ungleichheit ein deutlicher Wandel. Zu Beginn der Transformationsprozesse wurde soziale Ungleichheit überaus stark für notwendig empfunden. Dahinter steht vermutlich die nach dem Scheitern des Sozialismus entstandene überaus starke Orientierung am sozialen Ungleichheitssystem des Westens. Nach der Phase des Sozialismus, in der kollektive Gleichheit befördert wurde, ist der Wunsch nach stärkerer sozialer Ungleichheit überaus groß. Diese "Sehnsucht nach sozialer Ungleichheit" drückt sich zu Beginn der Transformationsprozesse in einer überaus starken Zustimmung zur Notwendigkeit sozialer Ungleichheit zum Wohl der Gesellschaft aus (»Go West«). Allerdings erscheint diese Ungleichheitsorientierung Ende der 90er Jahre mit einer Ausnahme teilweise drastisch erschüttert worden zu sein. Soziale Ungleichheit wird ausdrücklich weniger für notwendig befunden und am deutlichsten zeichnet sich dies im krisengeschüttelten Russland ab. Ostdeutschland dagegen ist das einzige Transformationsland, in dem die Einschätzung, soziale Ungleichheit sei notwendig, über die Zeit zunimmt. Damit nähert sich auch hier der ostdeutsche Landesteil dem westdeutschen an.

Hinsichtlich der Makroindikatoren, mit denen die Länder inhaltlich besser bestimmt werden können, kann als Ergebnis festgehalten werden, dass sie die beiden Einstellungen nur wenig zu erklären vermögen. Makrostrukturelle Faktoren determinieren die Einstellungen zu sozialer Ungleichheit im Gegensatz zu den wohlfahrtsstaatlichen Regimes und den Ländern nur in geringem Maße. Die Effekte sind zwar signifikant, aber der Erklärungsbeitrag gering. Außerdem finden sich teilweise konträre Einflüsse zwischen westlich-kapitalistischen und postkommunistischen Ländern, die nicht erwartet wurden. Für westliche Länder können keine plausiblen Interpretationen der Ergebnisse angeführt werden, die sich aus den Indikatoren selbst ergeben würden. Stattdessen kann aufgrund dieser unerwarteten Effekte nur der Schluss gezogen werden, dass eigentlich nur wohlfahrtsstaatlich beförderte Ideologien zur Legitimation sozialer Ungleichheit hinter den Indikatoren stehen können. Denn dass wohlfahrtsstaatliche Regimes Einstellungen zur sozialen Ungleichheit stark determinieren, konnte bereits gezeigt werden. In postkommunistischen Ländern dagegen zeigen die Indikatoren überwiegend die erwarteten Effekte. Vor allem soziale Probleme wie die Arbeitslosigkeit wirkt sich dahingehend aus, dass soziale Ungleichheit bei höherer Arbeitslosigkeit stärker abgelehnt und auch weniger für notwendig befunden wird.

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Präferenz von Verteilungsideologien: Welche Vorstellung Menschen in verschiedenen Ländern darüber haben, wie die Verteilung in einer Gesellschaft gestaltet sein solle, wurde anhand der Zustimmung zu zwei Verteilungsideologien verdeutlicht, nämlich dem Meritokratismus und dem Etatismus. Auch hier zeichnen sich für westlich-kapitalistische Länder Einflüsse wohlfahrtsstaatlicher Regimes ab, auch wenn diese nicht alle in der erwarteten Weise ausfallen. Ein Grund hierfür liegt möglicherweise darin, dass die wohlfahrtsstaatlichen Regimes jeweils nur mit einem oder zwei Ländern abgedeckt werden konnten. Grundsätzlich konnte gezeigt werden, dass in liberalen Wohlfahrtsstaaten (USA und Großbritannien) Meritokratismus stärker befürwortet wird als in sozialdemokratischen (Niederlande). Die Leistungsideologie wird also in jenen Ländern stärker von der Bevölkerung befürwortet, in denen die sozial ungleichere Verteilung von Wohlstand auch wohlfahrtsstaatlich durch eine stärker institutionalisierte Leistungsideologie legitimiert wird. Umgekehrt wird eine stärkere Staatstätigkeit, die die Herstellung des sozialen Ausgleichs durch Umverteilung und eine umfassende Absicherung der Bevölkerung zum Ziel hat, in den Niederlanden als sozialdemokratischem Regime zwar stärker als in den Vereinigten Staaten als liberalem Regime gewollt, aber deutlich weniger als in Großbritannien (liberal) und Westdeutschland (konservativ). Hier wurde erwartet, dass Etatismus in jenen Ländern stärker befürwortet wird, in denen er auch tatsächlich praktiziert und damit ideologisch befördert wird. Auffallend und entgegen den Erwartungen ist vor allem die stärkere Zustimmung zum Etatismus in Großbritannien als eigentlich liberalem Wohlfahrtsstaat.

Die postkommunistischen Länder fallen zu Beginn der Transformationsperiode mit einer stärkeren Zustimmung zur Leistungsideologie auf, die Mitte der 90er Jahre in allen Ländern erheblich zurückgeht. Auch hier ist ein Abkühlen der zu Beginn der Transformation euphorisch begrüßten westlichen Leistungsideologie festzustellen (vgl.Kluegel et al., 1999). Die Bevölkerung in postkommunistischen Ländern ist insgesamt auch stärker etatistisch eingestellt als die in westlich-kapitalistischen Ländern (vgl.Mühleck und Wegener, 2002). Mit deutlichem Abstand zum ohnehin unter den westlichen Ländern bereits stark etatistischen Westdeutschland ist der Ruf nach dem Staat in Ostdeutschland. Damit ist der ostdeutsche Landesteil auch generell unter allen Ländern am stärksten etatistisch. Möglicherweise kommt darin zum Ausdruck, dass aufgrund des speziellen Transformationsfalls, der vor allem durch die Vereinigung zweier Staaten und einen umfassenden Institutionen- und Wohlstandstransfer aus dem Westen charakterisiert werden kann, eine eigenständige Bewältigung der neuen Herausforderungen in Ostdeutschland eher verstellt wurde. Vielmehr scheint trotz einer über die Zeit hinweg leicht rückläufigen Tendenz eine stark auf den ("westlichen") Staat bauende Versorgungsmentalität in Ostdeutschland verbreitet zu sein, die im Staat den wesentlichen Garanten von Wohlstand und Sicherheit in wirtschaftlich und sozial unsicheren Zeiten sieht.

Ebenso wie bei den Einstellungen zur sozialen Ungleichheit erklären die Makroindikatoren trotz signifikanter Effekte die Präferenz von Verteilungsideologien erwartungsgemäß nur wenig. Die Makrostruktur der Länder beeinflusst also Ideologien kaum. Auch hier finden sich teilweise konträre signifikante Ost-West-Effekte, die für westliche Länder angesichts des eigentlich zu erwartenden Einflusses der Indikatoren unverständlich sind und sich eigentlich nur im Rückgriff auf wohlfahrtsstaatlich institutionalisierte Verteilungsideologien verdeutlichen ließen. In postkommunistischen Ländern dagegen sind die Effekte überwiegend plausibel. Vor allem das soziale Problem der Arbeitslosigkeit hat hier einen positiven Einfluss auf den Etatismus und einen negativen auf den Meritokratismus, d.h. je höher die Arbeitslosigkeit, desto etatistischer sind die Menschen und desto weniger meritokratisch sind sie.

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Schluss

Die Ergebnisse der Studie machen deutlich, inwiefern wohlfahrtsstaatliche Regimes die Gerechtigkeitsäußerungen von Menschen beeinflussen. Während Einstellungen und Präferenzen aus dem Bereich der Prinzipiengerechtigkeit, also Gerechtigkeitsvorstellungen in Bezug auf die grundsätzliche Ordnung einer Gesellschaft, stärker durch die normativ-kulturelle und damit ideologische Konstitution wohlfahrtsstaatlicher Arrangements geprägt werden, kann der Einfluss auf Aspekte der Belohnungsgerechtigkeit, also der Bewertung konkreter Verteilungsergebnisse in einer Gesellschaft, stärker an der strukturell wirkenden Kompensation sozialer Disparitäten durch wohlfahrtsstaatliche Arrangements festgemacht werden. Makroindikatoren der Länder und insbesondere die in wohlfahrtsstaatlicher Hinsicht (Höhe der Sozialausgaben und Einkommensungleichheit) erklären hinsichtlich der wahrgenommenen Ungerechtigkeit der Einkommensverteilung mehr, aber hinsichtlich der Einstellungen zur sozialen Ungleichheit und der Verteilungsideologien wenig. Wohlfahrtsstaatliche Regimes (und Länder vor dem Hintergrund ihrer wohlfahrtsstaatlichen Regimezuordnung) dagegen erklären umgekehrt deutlich mehr im Hinblick auf Einstellungen und normative Verteilungsideologien als (wohlfahrtsstaatliche) Makroindikatoren. Wohlfahrtsstaaten wirken also auf zweierlei Weise: einerseits strukturell über die Makroebene und andererseits kulturell über ihre normativ prägende Kraft.


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18.07.2006