2 Zielsetzung und Konzeption

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Die Gerechtigkeit der sozialen Verhältnisse ist in der modernen Gesellschaft von zentraler Bedeutung für das Zusammenleben von Menschen. Wenn die Verteilung von Wohlstand, Gütern, Lebenschancen, Anerkennung oder Übeln etc. als ungerecht erachtet wird, ist Unzufriedenheit, Neid, Protest, Streit oder Krankheit etc. nicht selten die Folge. Die Legitimität der sozialen Ordnung wird damit in Frage gestellt. Für den Bestand und die Stabilität einer Gesellschaft ist die Legitimation der Verteilungsordnung durch die Gesellschaftsmitglieder jedoch eine notwendige Voraussetzung. Die Untersuchung der sozial ungleichen Verteilung von materiellem Wohlstand und sozialer Sicherheit ist eine Kernaufgabe der Sozialwissenschaften. Dabei stehen Erklärungen für die Ursachen sozialer Ungleichheit, die Formen und Dimensionen sozialer Ungleichheit sowie die Folgen für Individuen und Gesellschaft im Zentrum der theoretischen und empirischen Arbeit (vgl.Berger, 2001: 224). Letztendlich geht es um die Beantwortung der Grundfrage: "Wer bekommt was und warum" (Lenski, 1973: 18). Die Frage nach der Legitimität von sozialer Ungleichheit ist eine Frage nach der Wahrnehmung und Bewertung durch die Bevölkerung (vgl.Haller, 1986: 445). Auch wie die Bevölkerung über soziale Ungleichheit denkt, ist den Sozialwissenschaften als zu untersuchende Frage gestellt, die nur durch empirische Erforschung beantwortet werden kann. Dabei müssen die tatsächlichen Ungleichheitsstrukturen und die von der Bevölkerung akzeptierten allgemeinen Legitimationsprinzipien von sozialer Ungleichheit in Zusammenhang gebracht werden. Die Forschung darf sich nicht mit der Beschreibung und Erklärung von sozialer Ungleichheit begnügen, sondern muss auch die Wahrnehmung und Bewertung von sozialer Ungleichheit in den Blick nehmen und sie zu erklären versuchen. Es muss also nach den Gerechtigkeitskonzeptionen gefragt werden, mit denen soziale Ungleichheit in einer Gesellschaft legitimiert wird. Die sozialwissenschaftliche Gerechtigkeitsforschung ist also eine notwendige Erweiterung der Erforschung sozialer Ungleichheit (vgl.Müller und Wegener, 1995: 19).

Die vorliegende Untersuchung versteht sich als Beitrag zur sozialwissenschaftlichen Gerechtigkeitsforschung und zielt damit auf die subjektive Seite sozialer Ungleichheit, indem sie (1) die Wahrnehmung und Bewertung von sozialer Ungleichheit nach dem Gesichtspunkt ihrer Gerechtigkeit zum Gegenstand hat. Da Einkommen in modernen Gesellschaften wohl die wichtigste Dimension sozialer Ungleichheit darstellt, soll ein Erklärungsbeitrag dazu geleistet werden, wie die Einkommensverteilung von den Menschen wahrgenommen und bewertet wird. In diesem Punkt kann diese Studie auf einer Reihe anderer Untersuchungen aufbauen (vgl. u.a.Gijsberts, 1999;Headey, 1991;Hermkens, 1987;Hochschild, 1981;Jasso, 1978;Jasso und Rossi, 1977;Kelley und Evans, 1993;Kluegel et al., 1995;Kluegel und Smith, 1986;Szirmai, 1986;Wegener und Steinmann, 1995). Ferner kann diese Studie einen Beitrag dazu leisten (2), welche Einstellungen zu sozialer Ungleichheit geäußert und welche normativen Verteilungsprinzipien bzw. Gerechtigkeitsideologien von Menschen befürwortet werden und wie diese erklärt werden können (vgl. u.a.Abercrombie et al., 1980;Deutsch, 1975;Haller et al., 1995;Hochschild, 1981;Huber und Form, 1973;Kluegel und Matêjû, 1995;Lane, 1986;Liebig und Wegener, 1995;Rytina et al., 1970;Shepelak, 1987;Wegener und Liebig, 1993;Wegener und Liebig, 1995;Wegener und Liebig, 1998;Wegener et al., 2000). Beide Aspekte, die Wahrnehmung von Gerechtigkeit und die Befürwortung von Gerechtigkeitsideologien bzw. Einstellungen zu sozialer Ungleichheit werden in dieser Studie näher untersucht. Diese Arbeit geht diesbezüglich an entscheidender Stelle über den bisherigen Stand der Forschung hinaus, indem zahlreiche Länder miteinander verglichen und Veränderungen über die Zeit verfolgt werden.

In dieser Studie sollen Antworten auf folgende konkreten Fragen gegeben werden:

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  1. a) Welches Ausmaß an sozialer Ungerechtigkeit in Bezug auf die Einkommensverteilung wird von der Bevölkerung in osteuropäischen Transformationsländern und westlich-kapitalistischen Ländern wahrgenommen?
  2. b) Welche Einstellungen zu sozialer Ungleichheit (Ablehnung und Notwendigkeit sozialer Ungleichheit) werden in diesen Ländern jeweils stärker oder schwächer von der Bevölkerung befürwortet?
  3. c) Wie stark werden welche normativen Verteilungsideologien von der Bevölkerung in diesen Ländern vertreten?
  4. d) Inwieweit lassen sich Wahrnehmungen von sozialer Ungerechtigkeit, Einstellungen zu sozialer Ungleichheit und die Präferenz von Verteilungsprinzipien durch Variationen innerhalb eines Landes (v.a. durch die unterschiedliche sozialstrukturelle Verortung der Individuen) und durch Abweichungen zwischen Ländern (v.a. durch Merkmale und Besonderheiten der einzelnen Länder) erklären? Was ist der Erklärungsbeitrag mikrostruktureller und makrostruktureller Indikatoren?
  5. e) Inwieweit unterscheiden sich insbesondere osteuropäische Transformationsländer und westlich kapitalistische Länder hinsichtlich der Wahrnehmung von sozialer Ungerechtigkeit, Einstellungen zu sozialer Ungleichheit und der Präferenz von Verteilungsideologien?
  6. f) Wie verändern sich die Wahrnehmung von sozialer Ungerechtigkeit, Einstellungen zu sozialer Ungleichheit und der Präferenz von Verteilungsideologien angesichts des sozialen Wandels in osteuropäischen Transformationsländern und westlich-kapitalistischen Ländern in den 90er Jahren und wie lassen sich diese Veränderungen erklären (Punkt 'a' bis 'e' diachron)?

Um diese Fragen beantworten zu können, werden in dieser Studie Ansätze und Erkenntnisse der sozialen Ungleichheitsforschung und der Gerechtigkeitsforschung, der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung, der Transformationsforschung und in methodischer Hinsicht der Einstellungsforschung, der Gerechtigkeitspsychophysik und der internationalen komparativen Forschung herangezogen und in einem Untersuchungsrahmen verbunden. In einigen Punkten soll dieser Rahmen näher erläutert werden, bevor in den weiteren theoretischen Abschnitten dieser Studie dieser Rahmen weiter expliziert wird.

2.1 Objektive Lage und subjektive Wahrnehmung und Bewertung

Mit der Wahrnehmung von Ungerechtigkeit in der Einkommensverteilung, Einstellungen zu sozialer Ungleichheit und der Zustimmung zu normativen Verteilungsideologien wird die subjektive Komponente von ansonst objektiven "sozialen Tatsachen" (im Durkheimschen Sinne, Durkheim1991) angesprochen. Eine solche soziale Tatsache ist, dass Menschen unter ungleichen Lebensbedingungen leben und im Gefüge sozialer Ungleichheit unterschiedlich positioniert sind. Diese Positionierung im Ungleichheitsgefüge und die darin mögliche soziale Mobilität (z.B. durch Auf- oder Abstiege, Inklusion und Exklusion etc.) wird von unterschiedlichen Faktoren, nämlich individuellen (z.B. der Leistung, Bildung, Familie, Geschlecht etc.) und institutionellen (z.B. Staat, Markt, Wohlfahrtsstaat, Recht etc.) beeinflusst. Die Formen sozialer Ungleichheit zu analysieren, sie ursächlich zu erklären und die Folgen aufzudecken, ist Aufgabe der Erforschung von sozialer Ungleichheit. Ungeklärt bleibt dabei meist die Frage, welche soziale Ungleichheit als legitim und welche als illegitim erachtet wird. Zwar können Forscherinnen und Forscher Werturteile hinsichtlich der von ihnen diagnostizierten Ungleichheit abgeben, die Frage, wie die Bevölkerung darüber denkt, bleibt jedoch nicht selten außen vor. Mit der Frage nach der Gerechtigkeit der Verteilung von Belohnungen, Gütern und Lebenschancen in der Form von Einkommen, Vermögen, Macht, Prestige oder Anerkennung ist die subjektive Dimension sozialer Ungleichheit aufgeworfen. Es wird danach gefragt, welche Bedeutung soziale Ungleichheit in den Augen der Bürger hat, welche Ungleichheiten als legitim oder illegitim angesehen werden, wie eine Verteilung des Wohlstands gerecht gestaltet werden kann und welche normativen Prinzipien für eine solche Verteilung zur Geltung kommen sollen. Welche Vorstellung die Menschen von einer "gerechten Gesellschaft" haben und wie sie auszusehen hat, ist unter den Bedingungen demokratisch verfasster Gesellschaften zudem von besonderer Relevanz, da sie über den politischen Willensbildungsprozess Einfluss auf politische Akteure und deren Entscheidungen zur Gestaltung von Staat und Gesellschaft haben. Und die politischen Akteure sind über regelmäßig wiederkehrende Wahlen an die Auffassungen der wahlberechtigten Gesellschaftsmitglieder gebunden. Die Frage nach der subjektiven Wahrnehmung und Bewertung von sozialer Ungleichheit muss jedoch über eine rein deskriptive Meinungsforschung hinausgehen, auch wenn sich politische Akteure dieser gerne (aufgrund der schnellen Verfügbarkeit) bedienen, um rasch populäre und durchsetzungsfähige Entscheidungen treffen zu können. Es geht vielmehr darum, solche Wahrnehmungen, Bewertungen und Gerechtigkeitsurteile zu erklären, indem entsprechende Determinanten kritisch identifiziert und systematisch untersucht werden (Wegener, 1992). Es müssen individuelle Motive, mögliche Verzerrungen durch spezifische Interessenlagen der Individuen und die gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen als Erklärungsfaktoren herangezogen werden.

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Auch wenn Marx in seiner Denkweise soziale Gerechtigkeit begrifflich mied, als Teil des Überbaus eher ablehnte, zumindest jedoch aus theoretischer Sicht für unerwünscht erklärte (Müller, 1995), kann hinsichtlich der im Rahmen der Gerechtigkeitsforschung gesuchten Determinanten von Gerechtigkeitswahrnehmungen und Bewertungen ganz im Marxschen Sinne, auch wenn der vor allem damit die Produktionsverhältnisse im Auge hatte, der Schluss gezogen werden: "Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt" (Marx, 1972: 9). Daraus ist zu folgern, dass nach der individuellen Verortung der Individuen in der Gesellschaft gefragt werden muss, um ihr Bewusstsein, in diesem Falle ihre Gerechtigkeitsvorstellungen, erklären zu können. Bezogen auf normative Vorstellungen hat dies pointiert vor allem auch Homans formuliert, der die Erfahrung der Menschen als Determinante normativer Einstellungen sieht, indem er schreibt: "was ist, bestimmt immer, was sein sollte" (Homans, 1972: 91). Das hängt damit zusammen, dass das, was tatsächlich passiert, eine normative Wirkung auf Menschen entfaltet. Und in seiner klassischen austauschtheoretischen Aussage zur Verteilungsgerechtigkeit meint er, "the rule of distributive justice is a statement of what ought to be, and what people say ought to be is determined in the long run and with some lag by what they find in fact to be the case" (Homans, 1961: 249f). Es entstehen Erwartungen hinsichtlich der Verteilung von Belohnungen in einer Gesellschaft, die sich "langfristig immer auf das gründen, was tatsächlich geschieht" (Homans, 1972: 94), und erst dann, wenn diese nicht erfüllt werden, nehmen dies die Menschen als ungerecht wahr und reagieren "ärgerlich". So können sich Menschen scheinbar auch an Benachteiligungen im gesellschaftlichen Belohnungssystem gewöhnen und diese langfristig als gerecht empfinden. Eine Verletzung der Gerechtigkeitsempfindung kommt vor allem erst durch sozialen Wandel und Veränderung, nämlich dann, wenn normative Erwartungen an den Wandel unerfüllt bleiben. So kann "eine Person oder eine Gruppe, bei der sich, aus welchen Gründen auch immer, die Erwartung ständig steigender Belohnungen ausgebildet hat, ärgerlich werden, wenn die Belohnung nicht wie erwartet steigt oder sogar sinkt, selbst wenn sie absolut gesehen jetzt besser daran ist als zu Beginn" (Homans, 1972: 94).

Es gibt also Grund zu der Annahme, dass das, was ist, sei es die individuelle Verortung der Menschen im Gefüge sozialer Ungleichheit einer Gesellschaft, die politische und normative Kultur einer Gesellschaft, ihre Verteilungsregeln und -institutionen und vielleicht ganz allgemein der wirtschaftliche, politische und soziale Gesamtzusammenhang einer Gesellschaft, den Erwartungsrahmen von Menschen konstituiert und auf diese Weise individuelle Gerechtigkeitswahrnehmungen und -bewertungen beeinflusst. Kurz: Die subjektive Seite der Wahrnehmung und Bewertung wird von objektiven Lagen beeinflusst.

Die Untersuchung der subjektiven Sichtweise der Individuen, der Wahrnehmung und Bewertung von sozialer Ungleichheit und Gerechtigkeit, sowie der Befürwortung von Gerechtigkeitsprinzipien und -ideologien muss empirisch angegangen werden. In der Regel werden diese Aspekte anhand von Einstellungen der Bevölkerung erhoben, in denen Menschen zu Einschätzungen anhand vorgegebener Messskalen bewegt werden (vgl. hierzu insbesondere Kap. 7.2, S. 139). In dieser Studie geht es vor allem um Einstellungen, welche die Gesellschaft als Ganzes anbelangen und auf die Verteilungsordnung in Bezug auf Einkommen zielt. Dabei geht es einerseits allgemein um die Vorstellung, wie die Verteilungsordnung aus normativer Sicht der Bevölkerung gestaltet sein sollte (nach welchen allgemeinen Regeln, durch welche Institutionen und in welchem Ausmaß), und andererseits um das Empfinden und die Bewertung von konkreten Verteilungsergebnissen, die das institutionalisierte Verteilungs- und Belohnungssystem aus der Perspektive der Wahrnehmung der Bevölkerung vornimmt. Mit beiden subjektiven Komponenten ist sicherlich nicht notwendigerweise soziales Handeln impliziert, indem z.B. konkretes Protestverhalten, gesundheitliche Beeinträchtigung damit untersucht werden würde. Einstellungen können jedoch verhaltenswirksam werden, weil sie aus individueller Perspektive und im individuellen Lebensvollzug reale Tatsachen sind und damit zur Grundlage für das Handeln und Entscheiden von Menschen werden, und sind schon von daher als Untersuchungsgegenstand relevant (vgl.Meinefeld, 1977).

2.2 Kultur und Struktur als Erklärungshintergrund

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Wenn die Legitimation von sozialer Ungleichheit, die Präferenz von Ideologien hinsichtlich der sozialen Verteilung von Wohlstand und die Wahrnehmung und Bewertung von Verteilungsungerechtigkeit durch die Bevölkerungen mehr als nur einfach beschrieben werden sollen, muss danach gefragt werden, durch welche Determinanten sie sich erklären lassen. Aus theoretischer Perspektive stehen hierzu zwei grundsätzliche Möglichkeiten einer kausalen Erklärung zur Verfügung, die im Rahmen der politischen Kulturforschung (seitAlmond und Verba, 1963) immer wieder im Zentrum theoretischer Diskussionen stehen: Struktur und Kultur (vgl.Wegener, 2000). Einerseits können strukturelle Lebenszusammenhänge von Individuen innerhalb der Sozialstruktur einer Gesellschaft (z.B. ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht, Geschlecht, Alter, Bildung, Beruf etc.) auf Mikroebene und strukturelle Merkmale einer Gesellschaft selbst (wie z.B. die wirtschaftliche, politische und soziale Entwicklung) auf Makroebene als Erklärungsfaktoren herangezogen werden. Andererseits können Aspekte der Kultur einer Gesellschaft, kollektive Werte, Normen, die konsensuell geteilt werden, religiöse Doktrinen, Traditionen und gemeinsame geschichtliche Erfahrungen zur Erklärung individueller perzeptiver oder normativer Einstellungen und Bewertungen herangezogen werden (vgl.Archer, 1988;Rohrschneider, 2000). Um erklären zu können, inwieweit Kultur- oder Struktureinflüsse individuelle Einstellungen determinieren, ist der Gesellschaftsvergleich in empirischen Analysen notwendige Voraussetzung. Strukturalisten gehen unter dieser Anforderung davon aus, dass die Sozialstruktur unabhängig von anderen nationalen Charakteristiken einen über die Länder hinweg einheitlichen Effekt auf Individuen hat. Kulturalisten dagegen nehmen an, dass gemeinsame Kultur, kollektiv geteilte gesellschaftliche Werte, Normen etc. den Effekt der Sozialstruktur auf Individuen modifizieren und daher unterschiedliche länderspezifische Ergebnisse bewirken (vgl.Gauthier, 2000: 7). Da eine Klärung der Gültigkeit dieser Positionen letztendlich nicht theoretisch geleistet werden kann, kann nur mit empirischen Studien an konkreten Fragestellungen versucht werden, zur Klärung des Richtungsstreits beizutragen (vgl.Archer, 1988). Aber auch in methodischer Hinsicht besteht die Schwierigkeit, wie sich kulturelle und sozialstrukturelle Effekte empirisch trennen lassen. So ist diesbezüglich darauf hingewiesen worden, dass dies nur unter der Voraussetzung des Vergleichs mehrerer Gesellschaften Erfolg versprechend ist, und es wurde vorgeschlagen, kulturelle Einflüsse dem 'Rest' unerklärter Varianz zuzusprechen, die nach Kontrolle aller theoretisch denkbaren sozialstrukturellen Faktoren übrig bleiben (vgl.Wegener und Liebig, 1993: 669).

Besondere Probleme löst in den Sozialwissenschaften offenbar der oft gebrauchte Kulturbegriff aus, der konturenlos, beliebig und inhaltlich ungeklärt bleibt und sich durch "bedeutungsgeladene Diffusität" (Soeffner, 1988) auszeichnet. Und es ist eine Eigentümlichkeit moderner Gesellschaften, dass sie sich selbst als Kultur beschreiben (vgl.Baecker, 2001: 44). Dabei scheint es, dass Gesellschaftsmitglieder selbst durch Verwendung des Begriffs dazu beizutragen, dass der Begriff inhaltlich beliebig und diffus bleibt, und dass der Begriff Kultur der Gefahr ausgesetzt ist, synonym zu Gesellschaft gebraucht zu werden. Letzteres ist freilich auch in der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung ein ungeklärtes Thema. So sind im Rahmen der strukturfunktionalen Theorie Parsons "theoretische Manöver" (Baecker, 2001: 135) notwendig, um Kultursystem und Sozialsystem im Rahmen der Entwicklung seines AGIL-Schemas (vgl.Parsons, 1972: 12-42)1 auseinander halten zu können, und zu erklären, inwiefern eines für das andere konstituierend ist.2 Wie kommen Symbole des Kulturellen, tradierte und erschaffene Inhalte und Muster von Werten und Ideen zustande, die soziale Interaktionen von Individuen und Kollektiven prägen und selbst als Ergebnis sozialen Handelns bezeichnet werden müssen? Dieser argumentative Zirkelschluss zwischen der gegenseitigen Konstituierung von sozialem und kulturellem System bzw. Handlungen und den Symbolen, an denen sich Handeln orientiert, lässt unklar, ob Kultur soziales Handeln in Situationen vorreguliert oder nur die Unterscheidung dafür liefert und ob die Frage nach der Unterscheidung von korrektem und inkorrektem Handeln im Kultursystem oder im Sozialsystem beantwortet wird (vgl.Baecker, 2001: 141). Schon diese theoretischen Probleme, die letzten Endes auf die Unmöglichkeit kausal eindeutiger Erklärungsversuche hinweisen, bestärken den Eindruck, dass empirischen Erklärungsanstrengungen ohne theoretische Enderklärung der Vorzug zu geben ist. Um die Handlungsrelevanzen von Kultur zu erkennen kommt es also darauf an, die innere Struktur von Kultur näher zu bestimmen, damit Kultur nicht "gewissermaßen zu einer 'black box', zu einer Residualkategorie, der all das zugeschrieben wird, was nicht durch andere Faktoren gebunden erscheint" wird, indem von Kultur nicht "in einem diffusen und unbestimmten Sinne" geredet wird, sondern von "inhaltlich bestimmten Ideen aus dem Konglomerat der Ideen, die die Kultur einer Zeit ausmachen" (Lepsius, 1988: 32). In der politischen Kulturforschung seit der Studie von Almond und Verba (1963) wurde genau dieser Versuch durch zahlreiche Anstrengungen unternommen, wenngleich auch hier die Kritik nicht abgeebbt ist, inwiefern der Begriff der politischen Kultur nicht doch zu vage und diffus bleibt (vgl.Berg-Schlosser, 1999;Dörner, 2003;Eckstein, 1988;Fuchs, 2002;Gabriel, 1994;Kaase, 1994;Pappi, 1986;Rohe, 1987;Rohe, 1994). Der von Wegener (2000) vorgeschlagene Weg, die politische Kulturforschung durch die schon weiter ausgearbeitete, konkret auf Gerechtigkeit bezogene Forschung zu bereichern (und umgekehrt), geht in diese Richtung, den Begriff Kultur stärker mit inhaltlich fassbareren normativen Werten und Ideen des Kulturellen in konkreten einzelnen Studien zu bestimmen.

Um den Blick von den theoretischen Überlegungen wieder auf den Gegenstand der vorliegenden Studie zu richten, sei zusammenfassend festgehalten, dass in dieser Studie auch geklärt werden soll, inwieweit strukturelle Effekte, die sich aus der tatsächlichen sozialen Situation ergeben, und kulturelle Einflüsse, die auf lang anhaltenden Traditionen und sozialisierten Werten beruhen, auf die Wahrnehmung und Bewertung von Ungerechtigkeit, die Legitimation von sozialer Ungleichheit und die Präferenz normativer Verteilungsideologien vorliegen, wobei zwischen Effekten der Mikro- und der Makroebene unterschieden werden muss (vgl. Tab. 1).

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Tab. 1: Ebenen der Kultur- und Struktureinflüsse

  

Kultur

Struktur

 

Makroebene

(A)

Kollektive Wertsysteme und institutionell verankerte Werte

(B)

Strukturelle Indikatoren der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Entwicklung

 

Mikroebene

(D)

Sozialisierte und situativ geprägte Werthaltungen und geäußerte Bewertungen

(C)

Sozialstrukturelle Merkmale der Individuen und ihre soziale Position

Eigene Darstellung

Inwieweit die Wahrnehmung und Bewertung von Ungerechtigkeit, die Legitimation von sozialer Ungleichheit und die Präferenz normativer Verteilungsideologien erklärt werden können, hängt danach zunächst von kulturellen und strukturellen Einflüssen auf der Makroebene der Gesellschaft ab bzw. von kulturellen und strukturellen Merkmalen auf der Ebene der komparativ betrachteten Länder und von individuellen (kulturell konstituierten) Werthaltungen und sozialstrukturellen (also strukturell konstituierten) Merkmalen der Individuen auf Mikroebene. Hinsichtlich kultureller Determinanten auf Makroebene der Länder (A) wurde in bisherigen Studien vor allem auf "dominante Ideologien" einer Gesellschaft (vgl.Abercrombie et al., 1980;Abercrombie et al., 1990;Abercrombie und Turner, 1978), auf Traditionen religiöser Doktrinen hinsichtlich primärer und sekundärer Ideologien (vgl.Liebig und Wegener, 1995;Wegener, 1992;Wegener und Liebig, 1995) oder auf institutionell im Rahmen des wohlfahrtsstaatlichen Arrangements verankerte Werte (vgl.Andreß und Heien, 2001;Arts und Gelissen, 2001;Haller, 1989;Kluegel und Miyano, 1995;Lippl, 1997;Lippl, 2000;Lippl, 2003;Mau, 1997;Roller, 1994;Roller, 2000;Svallfors, 1995;Svallfors, 1997;Svallfors, 1999) Bezug genommen. Gerade wenn es um normative Verteilungsregeln in einer Gesellschaft geht, kann angenommen werden, dass der staatlichen Aufgabe zur Umverteilung im Rahmen der sozialpolitischen Sicherung der Bevölkerung eine herausgehobene Bedeutung zukommt. Üblicherweise wird diesbezüglich dem wohlfahrtsstaatlichen Arrangement als Ganzem Aufmerksamkeit geschenkt, das Funktionsweise, Prinzipien und gesamtgesellschaftliche sowie individuell-lebenslaufbezogene Wirkungen einschließt, indem auf einschlägige Typologien (vor allem die vonEsping-Andersen, 1990) Bezug genommen wird. Bislang wenig Aufmerksamkeit wurde strukturellen Faktoren auf Makroebene (B) in empirischen Analysen geschenkt, die als gesamtgesellschaftliche Indikatoren in der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Hinsicht (z.B. Wirtschaftswachstum, wirtschaftliche Kraft, Ausmaß an Arbeitslosigkeit, Umfang an Sozialausgaben, politisches Klima etc.) die Wahrnehmung und Bewertung von Ungerechtigkeit, die Legitimation von sozialer Ungleichheit und die Präferenz normativer Verteilungsideologien determinieren können. Voraussetzung für eine Analyse dieser Makrofaktoren ist jedoch eine möglichst große Fallzahl auf Makroebene durch die Analyse vieler Länder, die angesichts unzureichender Datenlage bislang nur schwer möglich war. Strukturelle Merkmale der Individuen (z.B. Geschlecht, Alter, Bildung, soziale Schicht etc.) auf der Mikroebene (C), die damit gegebene soziale Position der Individuen und die damit verbundenen individuellen Interessenlagen und Motivationen schließlich beeinflussen ebenfalls die Wahrnehmung und Bewertung von Ungerechtigkeit, die Legitimation sozialer Ungleichheit und die Befürwortung normativer Verteilungsideologien. Dass individuelle Merkmale der Befragten Gerechtigkeitsvorstellungen und Einstellungen zu sozialer Ungleichheit beeinflussen, konnte in zahlreichen Studien immer wieder bestätigt werden (vgl.Andreß und Heien, 2001;Gijsberts, 1999;Haller, 1989;Kelley und Evans, 1993;Liebig und Verwiebe, 2000;Liebig und Wegener, 1995;Lippl, 2000;Wegener und Liebig, 1995;Wegener et al., 2000). Über den generellen Einfluss individueller Strukturmerkmale hinaus ist besonders auf gesellschaftsspezifische Determinanten auf individueller Ebene (in der Form von landesspezifischen Interaktionseffekten) zu achten. Schließlich sind der Vollständigkeit halber noch andere individuelle kulturell geprägte (D), jedoch auch Kultur stiftende Werthaltungen, subjektive Einstellungen und Bewertungen als die untersuchten zu nennen, die einen Einfluss auf die Werte haben können, die untersucht und erklärt werden sollen. Es stellt sich jedoch hier zu Recht verschärft die Frage, inwieweit sich theoretisch sinnvoll Werthaltungen und Bewertungen durch andere Werthaltungen erklären lassen. Es ist sicherlich theoretisch sinnvoll, über den Zusammenhang verschiedener Werthaltungen auf individueller Ebene nachzudenken, empirisch kann aufgrund der ungeklärten Kausalitätsrichtung jedoch nicht sinnvoll über eine Assoziation oder Typenbildung von Werthaltungen hinausgegangen werden.3 Es kann also festgehalten werden, dass in dieser Studie die Einflüsse von A, B und C auf D untersucht werden. Eine zusätzliche Dimension ergibt sich außerdem durch die diachronen Blickrichtung, auf die nun näher eingegangen werden muss.

2.3 Sozialer Wandel, Transformation und wohlfahrtsstaatliche Arrangements als Kontext

Im Rahmen dieser Studie können Wahrnehmungen und Bewertungen von Ungerechtigkeit, die Legitimation von sozialer Ungleichheit und die Präferenz normativer Verteilungsideologien über eine durch die verwendeten Daten ermöglichte Zeitspanne von 1987 bis 1999 (ISSP) bzw. 1991 bis 2000 (ISJP) untersucht werden. Von daher ergibt sich die Chance, die verschiedenen Formen des sozialen Wandels in Ost und West in den Blick zu nehmen, der in westlich-kapitalistischen Ländern mit dem Stichwort der fortschreitenden Modernisierung und in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion mit den besonderen Bedingungen von Transformationsprozessen charakterisiert werden kann (vgl. Tab. 2).

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Tab. 2: Kennzeichen des sozialen Wandels in Ost und West

  

West

Ost

 

Prozesse

Modernisierung

Transformation

 

Fokus:

Wohlfahrtsstaatliches Arrangement und makrosoziale Indikatoren

Transformationsverlauf, sozialpolitische Ausrichtung und makrosoziale Indikatoren

 

Erklärungsproblem:

Pfadabhängigkeit oder aktuelle Entwicklung?

Sozialisation oder Situation?

Eigene Darstellung

Es ist zwar davon auszugehen, dass sich westlich-kapitalistische Länder makrosozial nicht in demselben Maße verändert haben wie die osteuropäischen Transformationsländer, die durch einen radikalen Systemwechsel in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht geprägt sind. Dass sich jedoch auch der Westen im betrachteten Zeitraum in Maßen verändert hat, dürfte unumstritten sein.4 Hier sind vor allem soziale Prozesse der Modernisierung ausschlaggebend für sozialen Wandel, die sich theoretisch mit den Stichworten Rationalisierung, Differenzierung und Individualisierung kennzeichnen lassen (vgl.Van der Loo und Van Reijen, 1992). Der in modernen Gesellschaften etablierte Wohlfahrtsstaat als Verteilungsinstitution von Wohlstand und Sicherheit, der im Rahmen dieser Studie als institutioneller Erklärungsfaktor individueller Einstellungen, Bewertungen und Verteilungsideologien unter einem besonderen Blickwinkel steht, wird vielfach zum Kristallisationspunkt sozialer Umgestaltung und damit von sozialem Wandel. Vor allem die wirtschaftlichen Herausforderungen unter den Bedingungen einer zunehmenden Globalisierung (vgl.Rieger, 1998;Rieger und Leibfried, 1997;Rieger und Leibfried, 2001;Rieger und Leibfried, 2003), die den Wohlfahrtssystemen inhärenten Strukturprobleme und gesellschaftsinterne Veränderungsprozesse haben westliche Länder mit ihren wohlfahrtsstaatlichen Arrangements unter enormen Veränderungsdruck gesetzt (vgl. z.B.Alber, 2002;Alber, 2002;Bäcker, 1995;Butterwegge, 1999;Crouch, 1999;Eichenhofer, 1998;Kaufmann, 1997;Kaufmann, 1997;Kaufmann, 2002;Leibfried und Wagschal, 2000;Lessenich, 1996;Offe, 1995;Offe, 1998;Scharpf, 2000;Schmid und Niketta, 1998). Andererseits wird auch davon ausgegangen, dass sich die in langen sozialpolitischen Traditionslinien herausgebildeten wohlfahrtsstaatlichen Arrangements im Westen vor allem in ihren normativ-kulturellen Grundlagen nur wenig verändern können (vgl.Bonoli, 1997;Castles und Mitchell, 1993;Cochrane, 1993;Esping-Andersen, 1990;Esping-Andersen, 1998;Esping-Andersen, 1999;Ferrera, 1998;Flora, 1993;Flora et al., 1977;Flora und Heidenheimer, 1987;Lessenich und Ostner, 1998;Rokkan, 2000;Schmid, 2001). Von daher ist im Rahmen dieser Studie die Frage zu stellen, inwieweit durch normativ kulturelle Pfadabhängigkeit der wohlfahrtstaatlichen Traditionen in westlichen Ländern und/oder durch aktuelle Entwicklungen als Einflussfaktoren auf individuelle Einstellungen und Bewertungen der in diesen Strukturen lebenden Menschen zu rechnen ist.

Mit Beginn der 90er Jahre sind in den ehemals sozialistischen Ländern des Ostens Umwälzungen in Gang gekommen, die alle Ebenen und Sektoren dieser Gesellschaften nahezu gleichzeitig betroffen haben (vgl.Offe, 1991;Offe, 1994). Da ein sozialer Wandel dieser Art qualitativ anders ist als in westlichen Ländern, lässt sich dies nicht mehr mit dem Begriff der Modernisierung adäquat beschreiben, auch wenn durchaus oft von "nachholender Modernisierung" die Rede ist (vgl.Zapf, 1994;Zapf, 1994). Besonders interessant sind osteuropäische Länder insofern, als dort ein Umbruch nicht ohne einen Wandel auch der Einstellungen und Werte der Bevölkerung hätte erfolgen können. Das kommunistische Gesellschaftssystem konnte nur auf der Basis eines Legitimationsverlustes bei den in diesem System lebenden Menschen durch ein neues demokratisches und marktwirtschaftlich organisiertes Gesellschaftssystem ersetzt werden. Es ist daher von besonderem Interesse, wie sich die Werte und Einstellungen der Bevölkerung, also die kulturellen Grundlagen des Umbruchs, nach dem Systemwechsel verändern. Dabei ist durchaus mit im Ergebnis ambivalenten Prozessen zu rechnen. So geht eine Zunahme an Freiheit und eine Vermehrung von Optionsmöglichkeiten in den Lebensentwürfen mit einer Zunahme an sozialer Ungleichheit einher, die gesellschaftlich erst legitimiert werden muss. Mit der egalisierenden "klassenlosen Gesellschaft" ist zudem auch der paternalistische Versorgungsstaat abhanden gekommen, der für soziale Sicherheit bei vielen Lebensrisiken sorgte. Von daher ist die Frage spannend, wie sich angesichts der radikalen Wandlungsprozesse dieser Gesellschaften die Wahrnehmungen und Bewertungen von Ungerechtigkeit, die Legitimation von sozialer Ungleichheit und die Präferenz normativer Verteilungsideologien entwickelt haben. Ein besonderes Problem bei der Erklärung solcher Einstellungen und Urteile ergibt sich aus dem Spezifikum der Transformation, inwieweit nämlich Einstellungen aus sozialisierten sozialistischen Werten und Überzeugungen, die noch nachwirken, erklärt werden können oder als neu entstandene Werte und Bewertungen aufgefasst werden müssen, die aus der jeweils aktuellen Lage und Situation resultieren. Ein besonderes Augenmerk muss auch auf die Entwicklungen wohlfahrtsstaatlicher Institutionen in osteuropäischen Transformationsländern gerichtet werden, inwieweit sie ihrer Aufgabe, Wohlstand und Sicherheit fair zu verteilen, gerecht werden. Als makrosoziale Erklärungsfaktoren können Typen von Wohlfahrtsstaaten in Osteuropa in dieser Studie jedoch nur bedingt herangezogen werden, da sich sozialpolitische Traditionen erst über einen längeren Zeitraum herauskristallisieren. Von daher dürfen erste Versuche einer Typologisierung wohlfahrtsstaatlicher Arrangements (vgl.Deacon, 1993;Deacon, 2000;Götting, 1998;Standing, 1996), die sich an den für westliche Länder geltenden Typen orientieren, nur mit Vorbehalt und äußerster Vorsicht herangezogen werden.

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Für westlich-kapitalistische und osteuropäische Transformationsländer ergeben sich also vor allem zwei Probleme, wie Einstellungen zu sozialer Ungleichheit, die Wahrnehmung und Bewertung von Einkommensungerechtigkeit und die Zustimmung zu normativen Verteilungsideologien erklärt werden können: (1) Pfadabhängige Entwicklung oder Veränderung in westlichkapitalistischen Ländern und (2) Sozialisations- oder Situationseinfluss in postkommunistischen Ländern. Theoretisch unklar und wohl auch empirisch nur durch Plausibilitätsannahmen zu klären ist, inwieweit die aktuelle Situation und Entwicklung die Einstellungen, Werte und Bewertungen beeinflussen, und inwieweit mit sozialisierten Einstellungen, Werthaltungen und Bewertungen zu rechnen ist, sei es mit solchen vor der Transformation, die noch nachwirken, oder solchen, die über die in den Strukturen westlicher Wohlfahrtsstaaten inkorporierten normativen Vorstellungen wirken. Im Folgenden soll diskutiert werden, inwiefern diese beiden Erklärungen im Kontext der Transformation in Betracht zu ziehen sind.

Transformation: Sozialisation oder Situation?

Sollen Einstellungen und Werthaltungen im Kontext von Transformationsprozessen mehr als nur beschrieben werden, so ist danach zu fragen, wie sie erklärt, beurteilt und interpretiert werden können. In zeitlicher Perspektive können sie entweder aus der unterschiedlichen geschichtlichen Entwicklung vor Beginn der Transformation, in der Phase danach oder im ganzen Zeitraum geprägt worden sein.5 Je nachdem, wie Einstellungen und Werthaltungen ausfallen, werden sie gewöhnlich anhand zweier Argumente begründet, zum einen als Folge der aktuellen Lage und Situation der Befragten und andererseits als bleibende Relikte der Vergangenheit, die lange vorher sozialisiert und von daher bleiben sind. Die wissenschaftliche Diskussion darüber, inwiefern das eine oder andere zutreffend ist, ist strittig und scheint relativ beliebig zu sein. Daher muss dieses Problem kurz diskutiert werden.

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Mit Parsons ist davon auszugehen, dass Werte und Werthaltungen langfristig vermittelt sind und über verschiedene Sozialisationsinstanzen der Gesellschaft (wie Elternhaus, Primärgruppen, Schule etc.) geprägt werden. Kulturelle Muster und Werthaltungen werden durch Prozesse des Lernens, der Internalisierung und der sozialen Kontrolle vermittelt und führen so zur Anpassung des Individuums an die gesellschaftlichen Verhältnisse (vgl.Parsons, 1951: 201-325). Dabei ist von einer relativ frühen Prägung der Individuen auszugehen. Und das kulturell verankerte Wertesystem von Gesellschaften lässt sich im Gegensatz zu Institutionen scheinbar auch nicht in kurzer Zeit einfach verändern, vielmehr ist bei Transformationsprozessen davon auszugehen, dass kulturelle Gesellschaftsrelikte langfristig fortbestehen (vgl.Dahrendorf, 1990;Inglehart, 1990: 19).

Bei der Interpretation von Einstellungen vor allem in Transformationsländern, welche Werthaltungen der Bevölkerung beinhalten, kommt es daher darauf an, welches Gewicht man der Prägung der kulturellen Wertbasis auf Makroebene bzw. der individuellen Werthaltungen auf Mikroebene durch eine sozialistische Sozialisation vor dem Systemwechsel und dem Einfluss der Transformationsprozesse nach dem Systemwechsel beimisst, welche durch die nachhaltige Erschütterung der Wertbasis und der individuellen Wertbezüge herrühren. Die im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung entstandene Debatte zur Begründung von Einstellungsunterschieden zwischen Ost- und Westdeutschen (vgl.Braun, 1993;Pickel, 1998) lässt sich auf andere Transformationsländer übertragen. Die Sozialisationshypothese führt die unterschiedlichen Einstellungen in beiden Landesteilen auf unterschiedliche Sozialisation von Werten durch ungleiche Gesellschaftssysteme in den beiden ehemaligen deutschen Teilstaaten zurück (Arzheimer und Klein, 1997;Fuchs, 1997;Fuchs, 2002;Fuchs et al., 1997;Westle, 1994). In Ergänzung dazu tritt die "Persistenzhypothese", die darauf verweist, dass die auf Sozialisation beruhenden Einstellungen dauerhaft und nur langsam veränderbar seien (vgl.Pollack, 1997: 6). Die Situationshypothese begründet Einstellungsunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland durch spezifische Interessenlagen und gesellschaftliche Bedingungen aus der tatsächlichen Situation heraus (Pollack, 1996;Pollack, 1997;Pollack und Pickel, 1998;Veen, 1997;Veen, 2001). Zwar werden Einflüsse unterschiedlicher Sozialisation nicht ausgeschlossen, treten jedoch angesichts situationaler Bedingungen in den Hintergrund bzw. verändern sich rasch, so dass sie einige Jahre nach der Wiedervereinigung keine zentrale Rolle mehr spielen.6

Die im Zusammenhang dieser beiden Hypothesen entstandene Debatte, die sicherlich durch die pointierte Überzeichnung der Ansätze geprägt ist, wird abschließend nicht geklärt werden können. Dazu müssten langfristige Indikatoren der Wertebasis der Bevölkerung (in osteuropäischen Ländern) vor dem Transformationsbeginn vorliegen. Allenfalls für Ungarn und Polen, in denen Daten 1987 im Rahmen des ISSP erhoben werden konnten, können mehr als nur Interpretationsrückschlüsse gezogen und Plausibilitätsannahmen getroffen werden. Vermutlich wird auch mit beidem, sowohl mit sozialistisch sozialisierten Werten als auch mit neuen situationsbedingten Werthaltungen, gerechnet werden müssen und zwar sowohl vor als auch nach den Umbrüchen (vgl. Tab. 3).

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Tab. 3: Erklärung von Einstellungen vor und nach dem Systemwechsel

  

vor dem Systemwechsel

nach dem Systemwechsel

 

Sozialisation

durch kollektive sozialistische Prägung

durch institutionelles Lernen am aufgebauten neuen System

 

Situation

durch individuelle Skepsis, Abwehr und Rückzug vom System

durch gesellschaftliche Bedingungen und die eigene Lebenssituation

Eigene Darstellung

Denn es ist zum einen davon auszugehen, dass sich weite Teile der Bevölkerung in Osteuropa zumindest schon einige Zeit vor den radikalen Systemwechseln innerlich von den offiziell proklamierten Werten und Formen der praktizierten Staatskultur distanzierten, zurückzogen und sich auf eine neue Werteordnung konzentrierten, auch wenn diese noch nicht gesellschaftlich institutionalisiert und offiziell wirksam war. Vermutlich standen sich "der offizielle Staatskult mit seinen demonstrativen Inszenierungen und die gelebte politische Kultur, die mehr durch Skepsis, Abwehr und Rückzug geprägt war, scharf gegenüber" (Pollack, 1998: 308). Aber auch nach den Umbrüchen werden aktuelle Entwicklungen, institutionelle Errungenschaften einen Einfluss auf Einstellungen bewirken, der sozialisierend wirkt. Der neu entstandene institutionelle Rahmen für die Bevölkerung macht "institutionelles Lernen" unvermeidlich (vgl.Rohrschneider, 1996). Und man wird zum anderen aber auch nicht ignorieren können, dass auch nach den Umbrüchen in Osteuropa zumindest in Teilen der Bevölkerung bestimmte Vorstellungen über die politische Gestalt des Gemeinwesens durch alte Denkmuster geprägt sind. Darunter darf nicht notwendigerweise eine antidemokratische Haltung verstanden werden, sondern möglicherweise eine spezifisch osteuropäisch geprägte Vorstellung von Demokratie (vgl.Fuchs et al., 1997: 11).

Hinsichtlich der Orientierung osteuropäischer Länder an westlichen Institutionen bei der Neugestaltung im Rahmen der Transformationsprozesse und ihrer gesellschaftlichen Legitimierung gewinnt die Debatte um Situation und Sozialisation auch eine institutionentheoretische Dimension. So hat Offe (1994) im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung, die sich vor allem hinsichtlich des Institutionentransfers westdeutscher Institutionen nach Ostdeutschland von anderen Transformationsländern unterscheidet (vgl.Lehmbruch, 1993;Lehmbruch, 1994), darauf hingewiesen, dass eine reine Übertragung formaler institutioneller Strukturen nicht ausreichend ist, um eine reibungslose Funktion von in Westdeutschland bewährten Institutionen auch im ostdeutschen Kontext zu gewährleisten. Vielmehr müssen zwei Aspekte von Institutionen, ihre formalen Strukturen und ihre moralische Wertbasis, analytisch auseinander gehalten werden (vgl.Offe, 1994: 44f). Danach bestehen Institutionengefüge zum einen aus formalen Strukturen. Zum anderen basieren Institutionen auch auf Traditionen, Routinen, Wert- und Normvorstellungen und möglicherweise nicht explizit sichtbaren, aber wirksamen kulturell basierten Wertbezügen. Diese Wertbezüge und moralökonomischen Grundlagen sind Institutionen strukturell inhärent und werden von ihnen nach außen vermittelt und verbindlich gemacht (vgl.Lepsius, 1995;Rehberg, 1994: 56f). Beide Aspekte von Institutionen sind real nicht unabhängig oder eigenständig, sondern nur analytisch trennbar. Wenn also institutionelle Strukturen wie z.B. im Rahmen der deutschen Wiedervereinigung nur formal transferiert werden, ohne auf bestimmte Traditionen, Werthaltungen, Routinen und Erwartungen in der Bevölkerung zurückgreifen zu können, mit denen diese Institutionen Legitimität beanspruchen und Funktionalität garantieren können, besteht die Gefahr, dass sie eben nicht anerkannt werden bzw. nicht funktionieren. Ein einfacher Transfer von Institutionen garantiert noch keine Akzeptanz, sondern braucht eine entsprechende Wertegrundlage in der Bevölkerung, die diese Institutionen trägt (vgl.Offe, 1994: 45). Ein Wertefundament lässt sich nicht einfach wie formale Institutionenstrukturen transferieren (vgl. auchEisen und Wollmann, 1996). Und ein Transfer garantiert ebenso nicht, dass Institutionen im Zusammenspiel mit der Bevölkerung funktionieren, denn 'Hardware' ohne 'Software' bleibt wirkungslos und nicht funktionsfähig. Insofern ist in dieser Studie auch zu fragen, inwieweit die in den Gesellschafts- und Institutionenstrukturen inkorporierten Werte in Osteuropa mit entsprechenden Werthaltungen auf Seiten der Bevölkerung in Einklang sind und inwieweit sich die Wertvorstellungen der Menschen im Zuge des Transformationsprozesses angepasst haben.

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Wohlfahrtsstaatliche Arrangements: Pfadabhängigkeit oder aktuelle Entwicklung?

Ein ähnliches Problem wie in osteuropäischen Transformationsländern findet sich auch in westlichen Ländern, wenn es darum geht, Einflüsse auf Werthaltungen und Bewertungen der Ungleichheitsstruktur auf Makroebene zu bestimmen. Hier können einerseits langfristige gesellschaftliche Verteilungstraditionen und ihre normativen Grundlagen sozialisierend wirken, wobei hier besonders an den Wohlfahrtsstaat als Verteilungsinstitution zu denken ist, andererseits aber auch an aktuelle wirtschaftliche, politische und soziale Veränderungen und Entwicklungstendenzen, die relativ kurzfristig das Einstellungsbild der Bevölkerung prägen können.

Gerade hinsichtlich der Herstellung einer gerechten Verteilungsordnung kommt dem spezifischen wohlfahrtsstaatlichen Arrangement eine besondere Aufmerksamkeit zu (vgl.Blasche und Döring, 1998;Döring et al., 1995;Kersting, 2000;Mau, 2002;Mezger und West, 1998;Pioch, 1999;Rothstein, 1998). Als Institution greift der Wohlfahrtstaat nicht nur regulierend in die Verteilungsprozesse einer Gesellschaft ein, wirkt damit in die individuellen Lebenszusammenhänge und Lebensverläufe der Menschen, sondern hat aufgrund seiner moralischen Basis, die in seinen Strukturen inkorporiert ist und damit auch sozial wirken kann, außerdem Einfluss auf Einstellungen zu sozialer Ungleichheit, die Wahrnehmung und Bewertung von Ungerechtigkeit und die Präferenz normativer Verteilungsideologien. Normative und ungleichheitsbezogene Einstellungen zum Wohlfahrtsstaat konnten anhand empirischer Studien für Deutschland (vgl.Andreß et al., 2001;Braun, 1998;Bulmahn, 1997;Eith und Mielke, 2000;Gangl, 1997;Roller, 1992;Roller, 1996;Roller, 1997;Roller, 1998;Roller, 2000;Roller, 2002;Ullrich, 1999;Ullrich, 2000) analysiert werden. Der Einfluss unterschiedlich verfasster Wohlfahrtsstaaten auf subjektive Einschätzungen, Bewertungen konnte vor allem durch international vergleichende Analysen aufgezeigt werden (vgl.Andreß und Heien, 2001;Arts und Gelissen, 2001;Bonoli, 2000;Haller, 1989;Kluegel und Miyano, 1995;Lippl, 1997;Lippl, 2000;Lippl, 2003;Mau, 1997;Mau, 1998;Roller, 1994;Roller, 2000;Svallfors, 1995;Svallfors, 1997;Svallfors, 1999). Eine Analyse des Einflusses von Wohlfahrtsstaaten auf individuelle Werthaltungen und Bewertungen ist nur in komparativer Perspektive (also durch Variation auf Makroebene) möglich. Angesichts der Komplexität der jeweils nationalen Wohlfahrtsstaatskonzeptionen und ihrer spezifischen Wirkung ist eine Reduktion der Informationsfülle bei Analysen unumgänglich. In bisherigen Studien wurden Wohlfahrtsstaatseffekte deshalb stets durch Bezugnahme auf eine Klassifikation der Wohlfahrtsstaaten (vgl.Bonoli, 1997;vgl.Castles und Mitchell, 1993;Esping-Andersen, 1990;Esping-Andersen, 1999;Ferrera, 1998;Leibfried, 1992) untersucht, bei denen davon ausgegangen werden kann, dass sie langfristig stabile und unterschiedliche Richtungen wohlfahrtsstaatlicher Politik kennzeichnen. Da dies zu Recht auch kritisiert werden kann, wie es die folgende Diskussion zeigt, wird in dieser Studie darüber hinausgehend der Versuch unternommen, den Effekt zentraler wohlfahrtsstaatsbezogener Indikatoren (z.B. der Sozialausgaben, der tatsächlichen sozialen Ungleichheit, staatlichen Transferleistungen etc.) auf individuelle Werte und Bewertungen zu testen.

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Eine Bildung von Typen wohlfahrtsstaatlicher Regimes auf empirischer Basis (wie z.B. der vonEsping-Andersen, 1990) geht von der Annahme aus, dass wohlfahrtsstaatliche Traditionen langfristig wirken und sich auch langfristig aufgrund ihrer Strukturträgheit und der moralisch-kulturellen Verankerung in der Wertebasis der Bevölkerung nicht stark verändern können. Gewöhnlich wird dieser Charakterzug mit dem Begriff der "Pfadabhängigkeit" umschrieben, um damit zu veranschaulichen und zu begründen, inwiefern eine einmal politisch eingeschlagene wohlfahrtsstaatliche Richtung durch Entscheidungen nur mehr begrenzt rückgängig gemacht werden kann. Der Begriff kommt aus den Wirtschaftswissenschaften und meint, dass einzelne, kontingente Ereignisse im Zeitverlauf ein Verfahren oder einen Entwicklungs- oder Allokationsprozess z.B. von Gütern und Produkten letztendlich nachhaltig mitbestimmen. Dies geschieht vor allem dadurch, dass alternative Entwicklungsmöglichkeiten gleichzeitig verhindert werden. Dabei können diese Entwicklungen, welche Ereignisse punktuell determinieren, eher zufällig sein statt systematisch (vgl.David, 1985)7 und müssen nicht notwendig die effektivsten und daher rational sinnvollsten sein. Kritik ist daher vor allem an der endgültigen Festgelegtheit ("lock-in") von einmal eingeschlagenen Entwicklungspfaden aufgekommen (vgl.Liebowitz und Margolis, 1990;Liebowitz und Margolis, 1995).

In der neoklassischen Institutionenökonomie hat der Begriff der Pfadabhängigkeit dahingehend Eingang gefunden, dass z.B. freier Markt und Wettbewerb eben auch durch Faktoren wie irrationalem Verhalten von Akteuren, Transaktionskosten und der damit verbundenen Trägheit von Institutionen eingeschränkt wird (vgl.Richter, 1994). Vor allem große institutionelle Änderungen ereignen sich nur langsam, weil damit einerseits Kosten der Umorganisation und andererseits eine Änderung der die Institutionen tragenden Ideologie und Wertbasis, also eine gesellschaftliche Veränderung auch in den subjektiven Werthaltungen der Gesellschaftsmitglieder, verbunden sind (vgl.North, 1991).8 Mit dem Konzept der Pfadabhängigkeit wird die geschichtliche Entstehung von Institutionen anerkannt und zugleich der soziale Wandel von Institutionen problematisiert, der sozialwissenschaftlich besonders interessant ist. So gibt es bereits implizite Hinweise bei Rokkan, dass die Entwicklung von Staat und Demokratie durch pfadabhängige Entwicklungen charakterisiert ist (vgl.Rokkan, 2000). Ebenso geht Esping-Andersen (1990) in Hinblick auf die wohlfahrtsstaatliche Entwicklung einzelner Länder von langfristigen sozialpolitischen Traditionen aus. Und es scheint ein Charakteristikum von Pfadabhängigkeit vor allem bei politischen Institutionen zu sein, dass stärker als bei ökonomischen Institutionen vor allem Individuen ein Interesse an einer Aufrechterhaltung solcher institutioneller Traditionen entwickeln, weil sie sich "increasing returns" versprechen, indem sie sich auf diese institutionellen Strukturen einstellen (vgl.Pierson, 2000: 257).

Der sozialwissenschaftlich interessante Zusammenhang besteht zwischen der pfadabhängigen Entwicklung von Institutionen (wie dem Wohlfahrtsstaat) und den Verhaltensweisen aber auch Einstellungen, Werten und Überzeugungen individueller Akteure, die sich gegenseitig bedingen und damit auch stabilisieren. Institutionelle Reformen erscheinen aus dieser Perspektive - wie es vor allem auch die gegenwärtig in Deutschland geführten Diskussionen zum Wandel des Sozialstaats zeigen - nahezu unmöglich. Unklar an dem Konzept der Pfadabhängigkeit bleibt also, wie hoch ein Veränderungsdruck sein muss, damit sich Institutionen auch in andere effizientere Pfade jenseits eines vielleicht suboptimalen Pfades wandeln, und welche Rolle dabei institutionellen Lernprozessen und exogenen Faktoren zukommt. Eine Analyse der Pfadabhängigkeit müsste präzise aufzeigen können, welche Faktoren in der Geschichte genau den Entscheidungspunkt für einen eingeschlagenen Pfad determiniert haben und warum dies dann ein Pfad ist und bleibt. Vielleicht haben aber auch Kritiker des Konzepts recht, die sich wohl an dem starken Determinismus des Konzepts stören, wenn sie meinen, dass vielleicht alles irgendwie pfadabhängig ist, wenn man nur weit in die Geschichte zurückgeht (Mahoney, 2000).

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Wenn in dieser Studie auf eine Klassifikation der Wohlfahrtsstaaten Bezug genommen wird (vgl.Esping-Andersen, 1990), die explizit unter der Prämisse der Pfadabhängigkeit wohlfahrtsstaatlicher Traditionen steht, muss davon ausgegangen werden, dass diese langfristig stabilen und unterschiedlichen Richtungen wohlfahrtsstaatlicher Politik, in denen normative Vorstellungen einer gerechten Verteilung von Wohlstand inkorporiert sind, einen Einfluss auf Einstellungen der Bevölkerung zu der durch diese Strukturen mitbewirkten sozialen Ungleichheit, der Bewertung der durch diese Verteilungsordnung implizierten tatsächlichen Verteilung und den normativen Verteilungsideologien der Bevölkerung hat. Und es soll ebenfalls getestet werden, inwieweit Einstellungen über die Zeit stabil sind oder ob nicht vielleicht Indikatoren der aktuellen Entwicklung dieser Länder bessere Erklärungen individueller Einstellungen und Bewertungen liefern. Dann wären möglicherweise Hinweise darauf gefunden, inwieweit Werthaltungen und Bewertungen zum einen in relativ kurzem Zeitraum wandelbar sind und zum anderen, welcher Erklärungsbeitrag subjektiver Einstellungen dabei den normativ institutionalisierten Verteilungsinstanzen (hier vor allem dem Wohlfahrtsstaat) und welcher der aktuellen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Situation einer Gesellschaft zugerechnet werden kann.

2.4 Die komparative Perspektive: Ländervergleich und Vergleich über die Zeit

Voraussetzung zur Überprüfung des bisher aufgerissenen Problemzusammenhangs ist eine komparative Perspektive mit einer Querschnittsdimension hinsichtlich der zu vergleichenden Länder und einer diachronen Dimension hinsichtlich des zu betrachtenden Zeitraumes. Dabei können beide Dimensionen auf der Makroebene, indem die wirtschaftliche, soziale und politische Entwicklung der verschiedenen ausgewählten Länder über die Zeit verfolgt wird, und auf der Mikroebene analysiert werden, indem die individuellen Werthaltungen und Bewertungen der Bevölkerung und deren normative Gerechtigkeitsvorstellungen in den einzelnen Ländern und über die Zeit untersucht werden. Dabei müssen Makro- und Mikroebene angewandt auf das Thema dieser Untersuchung insofern zusammengedacht werden, dass es hinsichtlich beider Ebenen um den Vergleich verschiedener Länder in einem bestimmten Zeitrahmen geht, wenn individuelle Werthaltungen, Bewertungen und Gerechtigkeitsvorstellungen der Bevölkerung erklärt werden sollen.

Geht man von einer allgemeinen Definition des Vergleichs im Rahmen der international vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung aus, wonach darunter die "Untersuchung eines bestimmten Sachverhaltes von mehreren, im Regelfall rechtlich und politisch unterschiedlichen, sowie räumlich und/oder zeitlich abgegrenzten Einheiten" verstanden werden kann (Immerfall, 1994: 22), wird vor allem die Makroebene der Gesellschaften angesprochen. Im Rahmen dieser Forschungsrichtung ist es wesentliches Ziel des Vergleichs, Länderinformationen zu erheben, um Länder zu beschreiben, über die Relativität und Partikularität des sozial Vertrauten (aus dem eigenen Land) aufgeklärt zu werden, Zusammenhänge von Indikatoren dieser Ländern (Regeln und Gesetzmäßigkeiten) zu explorieren bzw. zu überprüfen und hinsichtlich der Entwicklungsmöglichkeiten im eigenen Land (der Forschenden) alternative politische Strategieoptionen aufgezeigt zu bekommen (vgl.Immerfall, 1994: 22). Durch das Lernen aus der geschichtlichen Genese und der dimensionalen Ausprägung des eigenen Wohlfahrtsstaates im Vergleich lassen sich wertvolle Erkenntnisse und Lösungsmöglichkeiten in Krisen des eigenen Wohlfahrtsstaates gewinnen. Da wohlfahrtsstaatliche Großversuche, mit denen neue sozialpolitisch Alternativoptionen durch 'trial and error' experimentell getestet werden könnten, in einem Land nicht realisierbar sind, wird der komparative Blick über die Ländergrenzen zur grundsätzlichen Empfehlung. Durch den Vergleich mit anderen Ländern, die jeweils unterschiedliche sozialpolitische Strategien in ihren wohlfahrtsstaatlichen Arrangements verfolgen, können Wirkungen dieser Strategien in diesen Ländern studiert und ausgelotet werden, inwieweit eine Übernahme auch im eigenen Land erfolgversprechend ist (vgl. z.B.Alber, 1998;Leibfried und Wagschal, 2000;Obinger und Wagschal, 2000;Schmid, 2001;Schmid und Niketta, 1998;Schmidt, 1999).9

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Mit diesen vielversprechenden Zielen sind jedoch auch erhebliche Schwierigkeiten und Fallstricke verbunden. Das wohl größte Problem im Zusammenhang des Gesellschaftsvergleichs auf Makroebene kann neben der Verfügbarkeit vor allem in der Vergleichbarkeit der Daten (über Länder und Zeit hinweg) gesehen werden. Wenn Daten der jeweiligen nationalen amtlichen Statistik verwendet werden, taucht unweigerlich die Frage auf, ob diese Daten vergleichbar sind, d.h. ob mit statistischen Zahlen in den jeweiligen Ländern dasselbe gemessen wird, auf welche Weise bzw. auf welcher Datenbasis (Stichprobe oder Totalerhebung?) und mit welcher Methode diese Zahlen ermittelt (geschätzt oder gezählt) wurden. Die Verwendung offiziellen Datenmaterials aus amtlichen Statistiken einzelner Länder allein garantiert noch keine Vergleichbarkeit, da länderspezifisch unterschiedliche Operationalisierungen die Gefahr einer 'misplaced concretness' bergen (vgl.Schmid, 2001). Am Beispiel der Erfassung von Arbeitslosen lässt sich dies verdeutlichen (vgl. hierzuAuer et al., 1988). Länder unterscheiden sich bei der Erfassung der Arbeitslosenstatistik danach, ob jeweils registrierte Arbeitslose gezählt (z.B. Deutschland) oder anhand von Bevölkerungsumfragen geschätzt werden (z.B. USA) und inwieweit Teilzeitarbeitssuchende, ältere Arbeitslose oder verdeckte Arbeitslose enthalten sind, die in Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen geparkt sind (vgl.Auer et al., 1988). Von internationalen Organisationen, wie der Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD), der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Weltbank (World Bank) aber auch mit europaweiten Bemühungen des europäischen statistischen Amtes (EUROSTAT) wird daher zunehmend versucht, international vergleichbare Daten meist auf der Basis intensiver Haushaltsbefragungen bereitzustellen. Neben der Verfügbarkeit von Daten (nicht in allen Ländern oder Zeitpunkten ist ein entsprechend geeignetes Datenmaterial vorhanden) und ihrer Vergleichbarkeit stellt sich ein weiteres Problem im Zusammenhang des Gesellschaftsvergleichs hinsichtlich der Übertragbarkeit von Erkenntnissen aus dem internationalen Vergleich heraus, da soziale Phänomene meist kontextgebunden sind und nur kontextuell adäquat interpretiert werden können. Es entsteht hier vor allem auch für Forschende die Gefahr der selektiven Wahrnehmung sozialer Phänomene und der Projektion eigener Werturteile auf Ergebnisse (Immerfall, 1994: 25f).

Hinsichtlich der Auswahl der Länder - so man angesichts der Datenlage überhaupt vor der Situation steht, auswählen zu können - lassen sich gewöhnlich zwei Strategien verfolgen (vgl.Mill, 1843;nachSchmid, 2001). Die Konvergenzmethode bzw. Methode der Übereinstimmung zielt auf die Auswahl und Analyse möglichst ähnlicher sozialer Einheiten, um sie auf Variationen auf unteren Analyseebenen (z.B. Einstellungen von Individuen) untersuchen zu können. Umgekehrt geht es bei der Differenzmethode bzw. Methode des Unterschieds um die Auswahl und Analyse möglichst unterschiedlicher sozialer Einheiten, um die Wirkung unterschiedlicher Aspekte und Merkmale der ausgewählten Einheiten zu untersuchen. Bei der Analyse der unterschiedlichen Wirkweise von Wohlfahrtsstaaten (z.B. auf Einstellungen) legt die Anwendung der Differenzmethode nahe, da hier das Interesse an den Effekten unterschiedlicher wohlfahrtsstaatlicher Praxen auf Individuen im Vordergrund steht.

Auf der Makroebene geht es in dieser Untersuchung um den Vergleich verschiedener Länder hinsichtlich ihres Einflusses auf normative Werthaltungen und Bewertungen der Bevölkerung, wobei der jeweilige Erklärungsbeitrag, der ihnen anhaftet, eruiert werden soll. Dazu müssen Länder inhaltlich genauer bestimmt und besser charakterisiert werden, wenn ihnen in den Analysen mehr als nur der Stellenwert einer black box zukommen soll, die unklar lässt, was spezifisch an den einzelnen Ländern denn genau Erklärungskraft besitzt. Die Catch-all-Variable 'Land' muss dahingehend präzisiert werden, welche sozialstrukturellen, ökonomischen, politischen oder kulturellen Kontextbedingungen der einzelnen Länder tatsächlich ausschlaggebend für Effekte sind (vgl.Niedermayer, 1992: 83). Angesichts der hohen Fallzahl der Länder, die in dieser Studie angestrebt wird, die in ihrem Charakter über bisherige Fallstudien deutlich hinausgeht, kommt es darauf an, Charakterisierungen der ausgewählten Länder zu finden, die hinreichend für die Erklärung individueller Werthaltungen, Bewertungen und Präferenzen sind. Die Komplexität aufgrund der hohen Zahl an Ländern muss dabei so reduziert werden, dass die wesentlichen erklärenden Aspekte extrahiert werden. Grundsätzlich kommen dazu zwei Herangehensweisen in Frage: die Bildung bzw. Verwendung von Typologien, mit denen Länder klassifiziert bzw. gruppiert werden und die unmittelbare Verwendung zentraler Indikatoren an Stelle von Ländern. Mit beiden Möglichkeiten kann eine Vereinfachung erreicht werden. Eine Reduktion von Komplexität ist dann gerechtfertigt, wenn theoretisch überzeugend dargelegt werden kann, dass die Klassifizierungen, Merkmale und Indikatoren, auf die Länder reduziert werden, in Bezug auf den zu untersuchenden Gegenstand zentral sind. Mit der Typologie wohlfahrtsstaatlicher Regimes von Esping-Andersen (1990;1999), die auf Basis empirischer Indikatoren gewonnen wurde, wird der Fokus einerseits auf den Wohlfahrtsstaat als Verteilungsinstitution gerichtet. Damit können überzeugend individuelle Werthaltungen und Gerechtigkeitsvorstellungen makrosozial erklärt werden. Mit zentralen Merkmalen und direkten Indikatoren der Länder (wie z.B. der Stärke der Wirtschaftkraft, das Ausmaß der Arbeitslosigkeit, der Höhe der Ausgaben für soziale Sicherung, der Grad der tatsächlichen Ungleichheit der Einkommensverteilung etc.) andererseits, mit denen sich Länder anhand weniger Indikatoren hinreichend hinsichtlich der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lage verorten lassen, können bei einer großen Anzahl von Ländern als Fälle unmittelbar in Analysemodelle als Variablen eingebracht werden, indem sie Länder-Dummies oder Dummies von Ländertypen einfach ersetzen. Länder werden auf diese Weise in inhaltlich spezifischere Variablen disaggregiert. Mit der Anwendung beider Strategien, die Komplexität der Länder auf zentrale Aspekte zu reduzieren, kann zudem auch geklärt werden, ob mit dem Einsatz einer Typologie oder der Verwendung geeigneter Indikatoren als Länderersatz bessere Erklärungsmöglichkeiten von individuellen Einstellungen, Bewertungen und der Präferenz von Verteilungsideologien erreicht werden kann.

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Der Ländervergleich auf Mikroebene, der gewöhnlich auf in Umfragen gewonnene Individualdaten basiert, ist nicht weniger problematisch als der auf Makroebene, der sich auf Aggregatdaten meist aus der amtlichen Statistik stützt. Vor allem hinsichtlich des Forschungsdesigns und der Operationalisierung ergeben sich hier die größten Schwierigkeiten. Hauptproblem ist auch hier die Vergleichbarkeit der Messung und die Sicherstellung der Äquivalenz der erhobenen Konzepte vor allem bei Einstellungen, die sich vor allem durch sprachliche Barrieren (z.B. durch eine geeignete Übersetzung) ergibt. In der international vergleichenden Forschung ist daher sicherzustellen, dass ein Konstrukt in den entsprechenden Landessprachen so übersetzt wird, dass es auch in den einzelnen Ländern die gleiche Bedeutung hat. Ebenso sind die Antworten der Befragten vor dem Hintergrund des Kontextes und der Bedingungen zu sehen, innerhalb derer sie entstanden sind. Weitere Probleme ergeben sich auch hinsichtlich unterschiedlicher Auswahlverfahren, Befragungsformen und Erhebungstechniken, welche eine Vergleichbarkeit untergraben können. Die hier verwendeten Individualdaten stammen aus großen internationalen Forschungsprojekten, in denen international kooperiert und auf dieselben methodischen Standards geachtet wird. Von daher kann darauf vertraut werden, dass die Einhaltung dieses Standards gewährleistet ist.

Versucht man die komparative Perspektive dieser Studie zusammenzufassen, handelt es sich um einen Vergleich gleich in mehrfacher Hinsicht. (1) Zunächst können einzelne Länder im Que r schnitt miteinander verglichen werden, inwieweit sich die Einstellungen und Bewertungen von sozialer Ungleichheit und die Gerechtigkeitsvorstellungen der Bevölkerung in diesen Ländern unterscheiden. (2) Ferner kann ihre Veränderung über die Zeit in den einzelnen Ländern verglichen werden. (3) Ost-West-Vergleiche in zeitlicher Entwicklung sind ebenso möglich, indem osteuropäische Transformationsstaaten mit westlich-kapitalistischen Länder(-gruppen) kontrastiert werden. (4) Der Vergleich verschiedener Wohlfahrtsregimes in zeitlicher Veränderung kann beleuchtet werden, wenn die Länder entsprechend gruppiert und eingeordnet werden. (5) Länder können durch Makroindikatoren ersetzt und damit im Vergleich näher bestimmt werden. (6) Schließlich können verschiedene Bevölkerungsgruppierungen innerhalb und zwischen Ländern miteinander verglichen werden.

2.5 Zusammenfassung des Untersuchungskonzepts

Die Erklärung der Wahrnehmung und Bewertung von sozialer Ungerechtigkeit in der Einkommensverteilung einer Gesellschaft, der Einstellungen zu sozialer Ungleichheit und der Zustimmung zu normativen Verteilungsideologien, wie sie in dieser Studie verfolgt wird, lässt sich anhand eines Grundmodells der soziologischen Erklärung verdeutlichen, wie es von Coleman (1986;1987;1990: 1-23) und Esser (1999: 90-102) vorgeschlagen wird. Dabei wird vor allem von Esser einer Argumentation im Sinne des Ansatzes von Weber (1980) gefolgt, dass Soziologie ihrem Kern nach eine sowohl verstehende wie gleichzeitig dadurch erklärende Wissenschaft sei (vgl.Esser, 1999: 5). "Soziologie (im hier verstandenen Sinn dieses sehr vieldeutig gebrauchten Wortes) soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und in seinen Wirkungen ursächlich erklären will" (Weber, 1980: 1). In dieser Konzeption einer verstehend-erklärenden Soziologie besteht ihre Aufgabe darin, offensichtlich vier Elemente miteinander zu verbinden: Situation, Akteur, das soziale Handeln und dessen Wirkungen. Sie muss den subjektiven Sinn des Handelns in einer typischen Situation in einem ersten Schritt rekonstruieren, sodann in einem zweiten Schritt den Ablauf des Handelns anhand einer Handlungstheorie ursächlich erklären und schließlich in einem dritten Schritt die externen Effekte des Handelns, also dessen Wirkungen, ableiten (vgl.Esser, 1999: 5f). Mit seinem an Weber angelehnten Grundmodell jeder soziologischen Erklärung, das gewöhnlich beispielhaft anhand Webers postulierter These des Zusammenhangs von "Protestantischer Ethik" und dem "Geist des Kapitalismus" veranschaulicht werden kann (vgl.Weber, 1988), vermag Esser überzeugend aufzuzeigen, wie Phänomene auf der kollektiven Ebene, die genuin primäres Ziel soziologischer Erklärungen sind10, über Prozesse auf individueller Ebene handelnder Akteure zu erklären sind (vgl. Abb. 1). Um eine soziologische Erklärung in ihrer Kernstruktur vollständig darzustellen, bedarf es dreier Schritte, um von Randbedingungen der sozialen Situation, denen individuelle Akteure ausgesetzt sind, bis zu einem Explanandum zu kommen. In einem ersten Schritt muss die soziale Situation, in der sich Akteure befinden, rekonstruiert werden (Logik der Situation). Damit wird eine Verbindung der Makroebene mit der Mikroebene der Akteure über Beschreibungen des Kontextes, der Randbedingungen bzw. über Brückenhypothesen gebildet, welche das individuelle Handeln der Akteure determiniert. In einem zweiten Schritt schließlich wird das individuelle Handeln selbst erklärt, indem auf allgemeine nomologische Gesetze zur Wahl von Handlungsalternativen unter den gegebenen Bedingungen Bezug genommen wird (Logik der Selektion). Diese Mikro-Mikro-Verbindung der vor Entscheidungen gestellten Akteure mit ihrem sozialen Handeln erfolgt unter Bezugnahme auf eine allgemeine Handlungstheorie, welche die Erwartungen und Bewertungen der Akteure mit entsprechenden Handlungsalternativen zu verbinden vermag. In einem dritten Schritt schließlich muss eine Verbindung der individuellen Ebene des Handelns der einzelnen Akteure zum jeweiligen kollektiven Explanandum, also den kollektiven Folgen, hergestellt werden (Logik der Aggregation). Dieser schwierige Schritt geschieht in der Regel über Transformationsregeln, durch welche individuelles Handeln einzelner Akteure kombinierend zusammengefasst werden muss.11 Zusammenfassend kann man sagen: "Die soziologische Erklärung eines bestimmten Explanandum besteht also in der sukzess i ven und schließlich kombinierten Lösung von drei ganz unterschiedlichen Fragestellungen: Die typisierende Beschreibung von Situationen über Brückenhypothesen; die Erklärung der Selektion von Handlungen durch die Akteure über eine allgemeine Handlungstheorie; und die Aggregation der individuellen Handlungen zu dem kollektiven Explanandum über Transformationsregeln" (Esser, 1999: 97). Damit vermag die Soziologie, ausgehend von der Makroebene, über die Mikroebene handelnder Akteure, soziale Phänomene auf der Makroebene zu erklären. Dabei muss dieses Modell nicht nur statisch verstanden werden, sondern auch der soziale Wandel kann damit erklärt werden, indem kollektive Phänomene zu einem Zeitpunkt 1 zur Definition der Situation zu einem Zeitpunkt 2 usw. bis zu einem Zeitpunkt t werden.

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Abb. 1: Grundmodell einer soziologischen Erklärung (nach Coleman und Esser)

Es muss nun näher ausgeführt werden, inwiefern dieses Essersche Modell einer sozialwissenschaftlichen Erklärung auf das Thema dieser Studie übertragen werden kann. Ausgangspunkt der Argumentation sind die eigentlich zentralen Fragen dieser Studie, die auf der Makroebene, also der Länderebene angesiedelt sind (Pfeil »d« im Modell von Esser): Warum ist die wahrgenommene soziale Ungerechtigkeit in der Einkommensverteilung in einigen Ländern höher als in anderen Ländern? Warum ist die Leistungsideologie in einzelnen Ländern unterschiedlich hoch bewertet? Warum fällt die Bewertung der Einkommensverteilung hinsichtlich ihrer Gerechtigkeit durch die Bevölkerung in Ländern mit einer stark ungleichen Verteilung der Einkommen negativer aus als in Ländern mit einer weniger ungleichen Verteilung?

Zur Beantwortung dieser Fragen kann sicherlich eine einfache Korrelation zwischen Indikatoren oder Klassifikationen von Ländern einerseits und aggregierten Individualvariablen in der Form von Einstellungen zur sozialen Ungleichheit, der Zustimmung zu normativen Verteilungsideologien und der Bewertung der Ungerechtigkeit der Einkommensverteilung eines Landes andererseits auf Makroebene gebildet werden. Zwei Charakteristiken bzw. Makroindikatoren werden dabei für eine Reihe von Länder (behandelt als Fälle) in einen statistischen Zusammenhang gebracht: das, was erklärt werden soll, und etwas anderes, das den Kontext für ersteres abgibt. Dies wird zum Beispiel im Rahmen der international vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung mit Makroindikatoren auf Länderebene auch vielfach gemacht (vgl. z.B.Alber, 1998;Alber, 2000;Alber, 2002;Scharpf, 1999;Scharpf, 2000;Streeck, 1995). Die Stärke des von Coleman und Esser propagierten Erklärungsansatzes liegt jedoch darin, dass Zusammenhänge auf Makroebene über die individuelle Handlungsebene von Akteuren in verschiedenen Ländern modelliert werden können, ja sogar müssen.12 Dieser Gang über die Mikroebene ist der entscheidende Erklärungsgewinn im Gegensatz zu Effektbestimmungen rein auf der Makroebene, da sich soziale Zusammenhänge auf Ebenen über der individuellen Ebene von Akteuren in der Regel aus dem Verhalten mehrerer Akteure zusammensetzen und diese Zusammenhänge auf kollektiver Ebene, an denen ja primär das Erkenntnisinteresse der Sozialwissenschaften liegt, unter Kontrolle individueller Merkmale der sozialen Position getestet werden können. Ein vertieftes Erklärungsmodell hat damit einen höheren Erklärungswert (vgl.Coleman, 1990: 4). Nur über den Weg der individuellen Akteure, also den einzelnen Gesellschaftsmitgliedern kann eindeutig bestimmt werden, inwiefern strukturelle oder kulturelle Effekte auf der Länderebene und strukturelle, von Interessen geleitete Effekte, die sich durch die soziale Position von Individuen einer jeweiligen Gesellschaft ergeben, auf Personenebene bei der Erklärung von Einstellungen, der Präferenz von Verteilungsregeln und Gerechtigkeitsbewertungen wirksam sind.

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Wird nun das Modell in Anwendung auf diese Studie im Detail betrachtet (vgl. hierzu Abb. 2), ist zunächst von der sozialen Situation auszugehen, die auf der Makroebene zu bestimmen ist. Da Einstellungen zur sozialen Ungleichheit und Bewertungen der Verteilung von Einkommen sowie der Verteilungsordnung der Bevölkerung erklärt werden sollen, geht diese Studie einerseits vom institutionalisierten Wohlfahrtsstaat aus, der in modernen Gesellschaften wesentlich gesellschaftliche Verteilungsprozesse mitbestimmt, und stellt die These auf, dass unterschiedliche Typen von Wohlfahrtsstaaten einen spezifischen Einfluss auf individuelle Einstellungen und Bewertungen der Bevölkerung haben. Dies gilt vor allem für westlich-kapitalistische Länder, da hier von einer langjährigen pfadabhängigen Wohlfahrtsstaatsentwicklung ausgegangen werden kann, die durch eine entsprechende moralische Basis in der Bevölkerung getragen wird. In osteuropäischen Transformationsländern sind zwar erste Schritte einer wohlfahrtsstaatlichen Entwicklung nach dem Systemwechsel erkennbar, wenngleich hier nicht von einer langfristigen Tradition wie im Westen ausgegangen werden kann. Es ist deshalb zu vermuten, dass Effekte aus der wohlfahrtsstaatlichen Entwicklung seit Transformationsbeginn mit spezifischen Transformationseffekten einhergehen, die allerdings sowohl analytisch als auch empirisch nicht eindeutig getrennt werden können, sondern allenfalls mit mehr oder weniger plausiblen Argumenten verdeutlicht werden können.

Abb. 2: Der Untersuchungsrahmen in schematischer Darstellung

Eigene Darstellung.

Es ist davon auszugehen, dass wirtschaftliche, soziale und politische Indikatoren der Entwicklung dieser Länder auf Makroebene mehr erklären können als wohlfahrtsstaatliche Typologisierungen. Hintergrund für diese These ist die Annahme, dass durch den Systemwechsel und die Umbruchsphase danach auch die Wertebasis der Bevölkerung radikal vom Wandel erfasst, zumindest jedoch erschüttert wurde. So ist davon auszugehen, dass sowohl sozialisierte Werte aus der Zeit des Sozialismus in der Bevölkerung fortbestehen, möglicherweise in der Form einer rückwärtsgewandten moralischen Idealisierung der sozialistischen Vergangenheit, als auch "neue" aus der Umbruchssituation entstandene und geprägte Werte, die aus dem Blick nach Westen und/oder einer in die Zukunft gewandten Einstellung resultieren. Effekte aus der spezifischen Lage der Transformation - so die Annahme - überlagern also wohlfahrtsstaatlich geprägte normative Haltungen, die es so noch nicht gibt. Denn der Wohlfahrtsstaat in Osteuropa kann sich noch nicht auf ein langfristig tragendes moralisches Fundament in der Bevölkerung berufen. Beide Makroeffekte, unterschiedliche wohlfahrtsstaatliche Arrangements und unterschiedlich erfolgreiche Transformationsverläufe wirken auf Individuen (Pfeil »a« im Modell von Esser).

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Die Wirkung unterschiedlich gearteter wohlfahrtsstaatlicher Arrangements und erfolgreicher Transformationsverläufe erfolgt auf Individuen in deren spezifischer sozialen Lage, d.h. Aspekte der Positionierung und Verankerung der Individuen in der Sozialstruktur, die durch individuelle Merkmale (wie z.B. Alter, Geschlecht, Bildung, Einkommen, erwerbsbezogene Aspekte etc.) gemessen wird, haben einen Einfluss auf deren Werthaltungen, Bewertungen und Präferenzen hinsichtlich sozialer Ungleichheit und Gerechtigkeit. Diese Mikro-Mikro-Verbindung kann durch Bezugnahme auf eine Handlungstheorie hergestellt werden (Pfeil »b« im Modell von Esser).

Unter Bezugnahme auf Rational-Choice-Theorien kann davon ausgegangen werden, dass Individuen in allem, was sie tun und denken, vor allem von ihren Interessen geleitet werden, den eigenen Nutzen zu vermehren. Von daher ist von Effekten des sozialen Status innerhalb der Gesellschaftsstruktur auszugehen, die derart gerichtet sind, dass nach individueller Kosten-Nutzen-Abwägungen jene Alternative gewählt wird, bei der der Nutzen der Individuen maximiert wird (vgl.Esser, 1999: 95f), Individuen also jene Werthaltungen, Präferenzen und Bewertungen äußern, von denen sie annehmen, dass sie am meisten davon profitieren (vgl.Hechter, 1994). Einstellungen, Präferenzen und Bewertungen im Zusammenhang mit sozialer Ungleichheit ergeben sich vor allem aus der strukturellen Lage der Betroffenen bzw. genauer: der damit gegebenen statusspezifischen Wahrnehmungen (vgl.Wegener, 1987) und Interessen. Vor diesem Hintergrund lassen sich eine Reihe von Hypothesen aufstellen. So ist zu erwarten, dass Personen in unteren Gesellschaftsschichten mehr soziale Ungleichheit in der Gesellschaft wahrnehmen, diese im Hinblick auf ihre Verteilung auch stärker ungerecht finden und damit auch stärker ablehnen als Personen in oberen Schichten, weil sie selbst in einer vergleichsweise ungünstigeren Lage sind und sich davon erhoffen, dass soziale Ungleichheit abgebaut wird und sie gesellschaftlich aufsteigen können, wenn sie soziale Ungleichheit "dramatisieren" und als ungerecht ablehnen. Umgekehrt sind Personen in oberen Schichten daran interessiert, dass soziale Ungleichheit hoch bleibt, weil sie selbst ja oben sind, von ihrer Position profitieren, indem sie mehr Lebenschancen haben, und diese bei einer Verringerung der sozialen Ungleichheit durch Umverteilung von Wohlstand verlieren würden (vgl.Della Fave, 1980;Kelley und Evans, 1993: 78f;Shepelak, 1987: 487;Stolte, 1983: 338f). Für eine stärkere Rolle des Staates bei der Umverteilung von Wohlstand plädieren daher - so die Annahme - auch eher untere als obere Schichten. Und hinsichtlich normativer Verteilungsregeln ist zu erwarten, dass eine Leistungsideologie in dem Sinne, dass diejenigen, die entsprechende Leistungen erbringen, auch nach dieser Leistung entsprechend belohnt werden sollen, eher von höheren Gesellschaftsschichten befürwortet wird, während egalisierende Verteilungsregeln, die auf eine Verteilung nach Bedarf (bei Familien), auf der Basis von Chancengleichheit oder die strikte Gleichverteilung im Ergebnis zum Ziel haben eher von Personen in unteren Segmenten des Ungleichheitsgefüges gefordert werden (vgl. z.B.Haller et al., 1995: 225;Wegener und Liebig, 1993: 675f). Bestimmte Interessen stehen auch hinter Einstellungen und Bewertungen, wenn die eigene erfahrene soziale Mobilität im Ungleichheitsgefüge (aufwärts oder abwärts) ins Blickfeld gerückt wird (vgl.Alesina und La Ferrara, 2001;Piketty, 1995;Wegener und Liebig, 1993) oder die generellen Mobilitätsmuster von Gesellschaften. Hinsichtlich der osteuropäischen Transformationsländer aber auch bezüglich des Wohlfahrtsstaates muss außerdem gefragt werden, wer Gewinner bzw. Nutznießer und wer Verlierer ist. So ist anzunehmen, dass Rentner und Arbeitslose eher zu den Gewinnern von Umverteilung gezählt werden müssen und diese entsprechend auch fordern, als gesellschaftlich Marginalisierte dagegen werden sie die Ungleichheitsstruktur stärker als ungerecht empfinden. Dagegen dürften Selbständige eher weniger für Umverteilung eintreten und auch die Ungleichheitsstruktur als gerechter bewerten.

Neben diesen - wenn man so will - "egoistischen" Motiven soziale Ungleichheit und Gerechtigkeit wahrzunehmen und zu bewerten, spielen bei Einstellungen, Bewertungen von sozialer Ungleichheit und Präferenzen von Verteilungsideologien auch altruistische Motive eine Rolle (vgl.Norden, 1985;Norden, 1986;Pioch und Vobruba, 1995: 130), wie sie beispielsweise in Werthaltungen der Uneigennützigkeit, der Solidarität und Gegenseitigkeit im Hinblick auf wohlfahrtstaatliche Politik diskutiert werden (vgl.Mau, 2002;Mau, 2002). Empirisch muss unterschieden werden, ob bestimmten Personengruppen Altruismus und ähnliche Werte unterstellt werden können oder ob solche Werthaltungen empirisch gemessen werden können. Beides ist im Prinzip möglich, doch sei darauf hingewiesen, dass bei ersterem das Problem der Unterstellung letztendlich nicht geklärt werden kann und bei letzterem Probleme bei der Suche nach einer sich eignenden Operationalisierung entstehen, die es erlaubt, altruistische Werthaltungen (als erklärendem Aspekt) von Einstellungen und Bewertungen von Ungleichheit und Gerechtigkeit und der Präferenz von Verteilungsideologien (als zu erklärendem Aspekt) untautologisch und mit einer plausibel begründbaren Kausalitätsannahme sauber zu trennen. Im ersten Fall einer Identifizierung bestimmter Personengruppen ist unter Heranziehung von Argumenten der Sozialisation oder einer engen Mutter-Kind-Beziehung beispielsweise davon auszugehen, dass Frauen soziale Ungleichheit stärker ablehnen, mehr soziale Ungerechtigkeit wahrnehmen und hinsichtlich der von ihnen präferierten Verteilungsideologien für eine stärkere umverteilende Rolle des Staates bzw. für mehr Umverteilung eingestellt sind. Ein ähnlicher Effekt ist auch hinsichtlich religiöser Menschen anzunehmen, die durch den Einfluss der Religion oder der gelebten Religiosität sozialisatorisch geprägt sind, für mehr Mitmenschlichkeit und Sozialsinn einzutreten. Möglicherweise kann auch hinsichtlich der politischen Ausrichtung und der Parteienpräferenz von Personen angenommen werden, dass diese nicht nur durch Interessen, sondern auch durch persönliche Beweggründe und Werthaltungen geprägt sind.

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Schließlich kann als weitere handlungstheoretische Grundlage kollektive Rationalität als individuelles Motiv für Einstellungen zu sozialer Ungleichheit, der Bewertung von Verteilungen und der Befürwortung bestimmter Verteilungsideologien herangezogen werden. Auch mit diesem Motiv werden Interessen ausgedrückt, allerdings sind dies keine Eigeninteressen, sondern Kollektivinteressen, die sich am Gesamtwohl der Gesellschaft orientieren. Individuen sind beispielsweise dann für eine stärkere Umverteilung, wenn sie denken, dass der Frieden in einer Gesellschaft gefährdet ist oder sich das Allgemeinwohl der ganzen Gesellschaft verschlechtern würde (vgl.Norden, 1986;Pioch und Vobruba, 1995: 130). Bei Höhergebildeten vor allem ist davon auszugehen, dass kollektive Rationalität hinsichtlich ihrer Einschätzung von Ungerechtigkeit und der Präferenz von Verteilungsideologien als Motivlage eine stärkere Rolle spielt.

Diese drei unterschiedlichen Motive - Eigeninteresse, Altruismus und kollektive Rationalität - sind letztendlich auch identisch mit dem, was Korff (1985) in anthropologischer Hinsicht als basale naturale Antriebsstrukturen des Menschen identifiziert hat. Danach besteht integriertes zwischen-menschliches Zusammenleben aus einem Spannungsgefüge dreier sozialer Beziehungsdimensionen: von verbindendem Zueinander (für den anderen sorgen), konkurrierendem Gegeneinander (sich gegenüber dem anderen behaupten) und des sachhaften Bezugs aufeinander (den anderen je nach Bedarf gebrauchen). Diese "soziale Perichorese", wie er dieses Beziehungsgesetz menschlichen Umgangs mit Menschen nennt, lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: "Der Mensch ist dem Menschen Bedürfniswesen, Aggressor und Fürsorger zugleich" (Korff, 1985: 91).

Damit ist die Motivlage als handlungstheoretischer Hintergrund für das Zustandekommen von Einstellungen zu sozialer Ungleichheit, Bewertungen sozialer Verteilungsprozesse und der Präferenz von Verteilungsideologien auf Mikroebene hinreichend umrissen. Um von diesen individuellen Äußerungen der Einzelnen auf die kollektive Ebene der Gesellschaft zurückzukommen, muss nach einer Logik der Aggregation vorgegangen werden (Pfeil »c« im Modell von Esser). Die Wahl von geeigneten Transformationsregeln wird heftig diskutiert und reicht von simpler Aggregation individuellen Verhaltens bis zu komplexeren Formen einer Synthese (vgl. die Diskussion hierzu inAlexander et al., 1987). In dieser Studie wird zur Aggregation auf die einfache Ermittlung des Bevölkerungsdurchschnitts gesetzt, also den durchschnittlichen Einstellungen, Bewertungen und Präferenzen, die auf kollektiver Ebene miteinander verglichen werden. Es werden keine Gewichtungen oder andere Formen der Synthese verwendet.

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Nachdem das Untersuchungskonzept dieser Studie umrissen wurde, stellt sich nun die Frage, wie der Erklärungsgegenstand dieser Studie - individuelle ungleichheitsrelevante Einstellungen, Bewertungen gesellschaftlicher Verteilungen und die Präferenz von Verteilungsideologien - weiter präzisiert werden kann. Deshalb muss darauf eingegangen werden, inwiefern soziale Gerechtigkeit als Gegenstand empirischer Untersuchungen tauglich ist und was die empirische Gerechtigkeitsforschung vor allem in theoretischer Hinsicht im Rahmen dieser Studie beitragen kann.


Fußnoten und Endnoten

1  Danach ist das kulturelle System mit sinnstiftenden Regeln und Symbolen dafür zuständig, für die latente Strukturerhaltung eines Systems zu sorgen. Das Sozialsystem dagegen ist für die Koordination und Steuerung von Interaktionen verantwortlich (vgl. Morel et al., 1989: 149f).

2  Die Entwicklung der Parsons'schen Sichtweise zu diesem Thema findet sich bei: Parsons und Shils (1951b), Parsons und Smelser (1984), Kroeber und Parsons (1958) und Parsons (1968; 1972a). Kultur scheint für Parsons durch drei Schlüsselmerkmale gekennzeichnet zu sein: "first, that culture is transmitted, it constitutes a heritage or a social tradition; secondly, that it is learned, it is not a manifestation, in particular content, of man's genetic constitution; and third, that it is shared. Culture, that is, is on the one hand the product of, on the other hand a determinant of, systems of human social interaction" (Parsons, 1951: 15). Und gerade die Übertragbarkeit von Kultur macht den Unterschied zum Sozialsystem aus, weil Kultur damit ein analytisch und empirisch abstraktes Muster im einzelnen Sozialsystem ist (vgl. Parsons, 1951: 15).

3  An dieser Stelle könnte z.B. eine Anknüpfung an die Wertewandelsforschung (vgl. Bürklin, Klein und Ruß, 1994; Gensicke, 1996; Hepp, 1994; Inglehart, 1977, 1989, 1997; Inglehart und Baker, 2000; Klages, 1998a; Meulemann, 1996, 1998b, c; Thome, 2003) gesucht werden, wenn entsprechend operationalisierte Variablen erhoben worden wären. Da dies mit den hier verwendeten Daten jedoch nicht möglich ist, wird auf diese Ergänzung nicht weiter eingegangen.

4  Ausgeblendet wird an dieser Stelle auch der soziale Wandel im Westen, der gerade durch die Transformationsprozesse in Osteuropa induziert wurde. Diese Auswirkungen der osteuropäischen Transformation auf westliche Länder sind bislang auch schwer einzuschätzen. Hinsichtlich der deutschen Wiedervereinigung kann jedoch festgestellt werden, dass die momentane Krise des deutschen Sozialstaates in wesentlichen Teilen auf die Finanzierung der deutschen Einheit durch die sozialen Sicherungssysteme zurückzuführen ist.

5  Die Phase nach dem Systemwechsel meint die gesamte Phase nach dem Einsetzen der Institutionalisierung des neuen Systems und darf nicht so verstanden wären, als wäre der Systemwechsel mit einem Schlag vollzogen worden.

6  Die Unterschiede zwischen beiden Thesen lassen sich auch am Beispiel der Einstellungen zum Wohlfahrtsstaat nochmals verdeutlichen. Die Sozialisationshypothese vermutet, dass die empirisch nachweisbare stärkere Befürwortung sozialstaatlicher Umverteilung durch den Staat in Ostdeutschland auf die Sozialisation aus DDR-Zeiten zurückzuführen ist, in denen der Staat seine Bürger mehr oder weniger umfassend sozial abgesichert hat (Roller, 1997). Für Vertreter der Situationshypothese plädieren Ostdeutsche für sozialstaatliche Umverteilung vermutlich deshalb in stärkerem Ausmaß, weil sie damit eine schnellere Überwindung ihrer vergleichsweise schlechteren ökonomischen Situation sehen.

7  Pfadabhängigkeit ist als Erklärung bei der Durchsetzung und dem Fortbestehen der englischen Schreibmaschinentastatur 'QWERTY' (genannt nach den Anfangsbuchstaben der Tastatur von links oben) begrifflich entstanden. Diese Tastatur hat sich aufgrund einer besseren Mechanik bis heute durchsetzen können, obwohl andere Tastaturen eher ein schnelleres effizienteres Tippen ermöglicht hätten. Die Tastatur ist heute immer noch dieselbe, also auch z.B. in Computern zu finden, bei denen keine mechanischen Probleme wie bei der Schreibmaschine mehr auftreten. Zufällige historische Ereignisse am Ende des 19. Jahrhunderts haben also bis heute (!) der QWERTY-Tastatur einen scheinbar irreversiblen Vorsprung verliehen, der mit besseren Tastaturen (z.B. mit der in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelten DSK-Tastatur) nicht mehr einholbar und ablösbar war (vgl. David, 1985). Bei der Durchsetzung des VHS-Standards bei Videoaufzeichnungen, bei Betriebssystemen von Computern etc. finden sich ähnliche Beispiele.

8  North versteht unter Institutionen folgendes: "Institutions are the rules of the game in a society or, more formally, are the humanly devised constraints that shape human interaction. In consequence they structure incentives in human exchange, whether political, social or economic" (North, 1991: 3).

9  Die bundesdeutschen Diskussionen im Rahmen von Reformen auf dem Arbeitsmarkt mit dem Ziel höherer Beschäftigung unter dem Stichwort "Benchmarking" (vgl. Eichhorst, 2002), aber auch die Diskussionen um die PISA-Studie (Deutsches PISA-Konsortium, 2001) und die Rolle von Bildung im Rahmen sozialpolitischer Reformen (vgl. Allmendinger und Leibfried, 2003; Schmidt, 2003) zielen genau auf diese Funktion des internationalen Vergleichs (vgl. kritisch auch Schmid, 2003).

10  Coleman drückt dies folgendermaßen aus: "The principal task of the social sciences lies in the explanation of social phenomena, not the behavior of single individuals" (Coleman, 1986: 2).

11  Gerade dieser Schritt eines "Micro-Macro Link" erweist sich als besonders schwierig, weil Makrophänomene möglicherweise nicht einfach durch simple Aggregation individuellen Verhaltens, sondern durch komplexere Formen einer Synthese entstehen (vgl. die Diskussion hierzu in Alexander et al., 1987).

12  Nicht von ungefähr liegen die meisten Daten der Sozialwissenschaften in der Form von Umfragedaten vor. Eine komplexere statistische Analyse von Makrodaten scheitert meist an der geringen Fallzahl und an der schieren Größe der Makroeinheiten. Von daher ist es sogar nahe liegend, von Analysen auf individueller Ebene auszugehen (vgl. Coleman, 1986: 3).



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18.07.2006