3 Soziale Gerechtigkeit als Forschungsgegenstand

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Gerechtigkeit ist letztlich eine Frage der Moral. Und die Frage nach der Moral in der Gesellschaft, die im gesellschaftlichen Diskurs in periodischen Abständen immer wieder aufgeworfen wird (vgl.Müller, 1996), wird aus sozialwissenschaftlich theoretischer Perspektive in der Regel mit funktionalistischen Argumenten beantwortet. Moral - und damit auch Gerechtigkeit - leistet danach einen Beitrag zur sozialen Ordnung und zur Integration der Gesellschaft (vgl. v.a.Durkheim, 1991;Durkheim, 1992;Luhmann, 1978: 43-73;Luhmann, 1992: 30;Parsons, 1991;Parsons und Shils, 1951). Auch wenn in theoretischen Ansätzen - trotz des bereits durch Marx und Weber für die Sozialwissenschaften anhaltend desavouierten, zumindest jedoch problematisch gewordenen Verhältnisses zu Moral, weil sie einerseits als Teil des kulturellen Überbaus grundsätzlich abzulehnen oder andererseits die Gefahr des unwissenschaftlichen Moralisierens beinhalte - der Gegenstand Moral von Anfang an durchaus relevant war (vgl.Firsching, 1994)13, ist in der empirischen Forschung eine merkwürdige Abstinenz bei diesem Thema festzustellen, die erst seit einigen Jahrzehnten, also forschungsgeschichtlich relativ spät, gebrochen wurde. Moral als empirischer Untersuchungsgegenstand findet sich bei grober Betrachtung vor allem in folgenden Bereichen: der Erforschung der individuellen moralischen Entwicklung (vgl. z.B.Bertram, 1986;Döbert, 1987;Edelstein und Nunner-Winkler, 1986;Edelstein und Nunner-Winkler, 2000;Kohlberg, 1976;Kohlberg, 1995;Nunner-Winkler, 1992;Nunner-Winkler, 1996) der Werte- und Wertewandelsforschung (vgl. z.B.Gensicke, 1996;Hepp, 1996;Hillmann, 1989;Inglehart, 1977;Inglehart, 1989;Inglehart, 1990;Inglehart, 1997;Klages, 1998;Klages, 1998;Meulemann, 1996;Meulemann, 1998;Meulemann, 1998;Meulemann, 1998), der Erforschung der moralischen Kommunikation (vgl.Bergmann und Luckmann, 1999;vgl.Luckmann, 1996), des Vertrauens (vgl. z.B.Preisendörfer, 1995;Schweer, 1997;Sztompka, 1995;Walz, 1996;Ziegler, 1997) und eben der Gerechtigkeitsforschung (vgl. z.B.Alves und Rossi, 1978;Berger et al., 1972;Jasso, 1980;Jasso, 1989;Jasso und Rossi, 1977;Jasso und Wegener, 1997;Runciman, 1972;Wegener, 1987;Wegener, 1992;Wegener, 1999;Wegener, 2001 u.a.). Der Ursprung der sozialwissenschaftlichen Gerechtigkeitsforschung in der Form eigenständiger Publikationen liegt augenscheinlich in den 70er Jahren und geht zeitlich einher mit Entwicklungen der psychologischen Gerechtigkeitsforschung (vgl.Adams, 1963;vgl.Adams, 1965;Lerner, 1975;Lerner, 1980;Lerner und Lerner, 1981;Mikula, 1980;Walster et al., 1973;Walster et al., 1976;Walster und Walster, 1975;Walster et al., 1978) und dem Beginn eigenständiger Gerechtigkeitstraktate in der Philosophie, als erstes und am prominentesten die von Rawls (1971).

Schon aus dieser Beobachtung der Literatur kann offensichtlich festgehalten werden, dass Gerechtigkeitsforschung ein interdisziplinäres Forschungsfeld und auf interdisziplinären Diskurs hin angelegt ist und wohl auch sein muss (vgl.Liebig und Lengfeld, 2002;Müller und Wegener, 1995;Scherer, 1992;Wegener, 2001;Wegener, 2001;Wegener, 2002). Für den sozialwissenschaftlichen Zugang und damit auch für diese Studie bedeutet dies zunächst eine Auseinandersetzung mit diesen Theorien, Ansätzen und Forschungsergebnissen, um mögliche Anknüpfungspunkte auszuloten, die im Rahmen dieser Untersuchung von Belang sind. Zunächst wird der Forschungsgegenstand Gerechtigkeit in historischer Perspektive betrachtet, wobei hier die philosophische, soziale und sozialwissenschaftliche Entwicklung in Verschränkung aufgezeigt wird. Schließlich müssen relevante Theorien der Gerechtigkeit vorgestellt und wesentliche Unterscheidungen hinsichtlich dieser empirischen Untersuchung verdeutlicht werden.

3.1 Warum Gerechtigkeit? - Der praktische, historische und theoretische Bezug

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Soziale Gerechtigkeit wird immer dann im öffentlichen und politischen Diskurs zum Thema, wenn es die bestehende soziale Verteilung von Wohlstand und Übeln in einer Gesellschaft zu legitimieren oder neu auszutarieren gilt. Gerade in der Arena der politischen Auseinandersetzungen um die Intentionen zur Veränderung von Gesellschaften wird soziale Gerechtigkeit als Vokabel im Munde geführt, um die eine oder andere Maßnahme politisch durchsetzen bzw. öffentlich verkaufen zu können. Nur selten aber wird klar, was die politischen Akteure genau darunter verstehen, welche ungerechten Zustände im Namen von mehr Gerechtigkeit denn genau überwunden werden sollen und welche Gerechtigkeitserwägungen bei der Suche und Findung von Lösungsoptionen und Entscheidungen wichtig waren. So scheint sich der Eindruck zu verfestigen, dass "soziale Gerechtigkeit" offensichtlich nicht mehr als nur eine leere Worthülse der politischen Rhetorik ist (vgl.Lengfeld, 2002: 24f), wenn politische Akteure die hinter Handlungsoptionen liegenden Motive und Gerechtigkeitserwägungen nicht verständlich machen. Viele politische Vorhaben und Entscheidungen gehen vermutlich deshalb an der Bevölkerung vorbei oder bleiben nicht nachvollziehbar, weil die Bevölkerung im Unklaren darüber gelassen wird, inwiefern Gerechtigkeit mehr als eine rhetorisch zu gebrauchende Eigenschaftsvokabel ist.

Die Gerechtigkeitsforschung dagegen kann aufzeigen, dass ihr Gegenstand mehr als ein formales Stilmittel der Rhetorik ist und inhaltlich weiter bestimmt werden kann. So können normativ-philosophische Theorien und Überlegungen zur Gerechtigkeit beispielsweise zur Klärung der Begrifflichkeiten, zur Plausibilität von Begründungslogiken oder zum Stellenwert von Gerechtigkeit im Gesamtzusammenhang der Gesellschaft herangezogen werden. Die großen philosophischen Theorien der Gerechtigkeit bewegt die Frage, was eine gerechte Gesellschaft auszeichnet und wie sie aufgebaut ist (vgl.Hayek, 1981;Nozick, 1974;Rawls, 1994;Sen, 1997;Walzer, 1992). Die normative Frage, wie Rechte und Pflichten, knappe Güter, Wohlstand und Lasten in einer Gesellschaft verteilt werden sollen, ist keine neue, sondern eine Frage seit Anbeginn der Menschheit, die in philosophischen Texten seit der Antike dokumentiert ist (vgl. hierzu die Textsammlung beiHorn und Scarano, 2002). Und in ihren Überlegungen sind Philosophen weit konkreter geworden, als es die Ursprungsformel bzw. -definition von Gerechtigkeit aus der römischen Antike "Suum Cuique" ("Jedem das Seine", Ulpian)14 auszudrücken vermag. Die empirisch-sozialwissenschaftliche Forschung über Gerechtigkeit, im Rahmen dessen auch diese Studie ihren Beitrag leisten möchte, hat einen ganz anderen Zugang als normativ-philosophische Theorien. Sie geht von den Gerechtigkeitsvorstellungen aus, die Menschen subjektiv wahrnehmen und äußern, und möchte ihr Zustandekommen erklären. Damit vermag sie empirisch aufzuzeigen, dass einzelne Menschen und Bevölkerungsgruppen ganz unterschiedliche Gerechtigkeitsvorstellungen vertreten, ganz unterschiedlich Ungerechtigkeiten wahrnehmen und Verteilungen ganz unterschiedlich gerecht bzw. ungerecht bewerten können. Sie hat zum Ziel, Gerechtigkeit "in the eye of the beholder" ([];Walster et al., 1976: 4, vgl. neuerdings auch Svallfors 1995) empirisch zu erklären und kann auf diese Weise verdeutlichen, dass und inwiefern es relevant ist, welche Auffassung über Gerechtigkeit die Menschen vertreten (that it "matters, what the people think",Swift et al., 1995).

Diese empirische Öffnung auf den Menschen hin hat in philosophischer Hinsicht ihre historischen Wurzeln, die auf dem Weg in die Moderne zu finden sind.15 Vor allem die zu Beginn der Neuzeit einsetzende Kehrtwende in der Weltsicht auf das Irdische, das als kultureller Gestaltungsraum des menschlich Machbaren begriffen wurde, hat den Blick auf das handelnde Individuum als Subjekt und seine Deutung der Wirklichkeit eröffnet. Infolge der in der Renaissance einsetzenden aktiv gestalterischen Hinwendung des Menschen zur Welt konnte Gerechtigkeit nicht mehr als Teil einer objektiven Ordnung abgeleitet werden, die naturrechtlich, metaphysisch oder aus einem göttlichen Willen zu begründen war, sondern die der Mensch als Maßstab an die vorfindbare Wirklichkeit selbst anlegen konnte und musste (vgl.Van der Loo und Van Reijen, 1992). Das moralische Erwachen des Subjekts und seine Selbstaufgegebenheit, die sich dann auch in Kants aufklärerischem "Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit" ausdrückt, stellt den Menschen ins Zentrum und vor die Aufgabe, sich durch die Kraft des eigenen Verstandes von alten einengenden tradierten Strukturen, Institutionen und Gedanken zu befreien (Kant, 1968: 54ff). Wenn gesellschaftliche Bedingungen nicht mehr als natur- oder gottesgegeben aufgefasst werden, sondern als von Menschen gemacht und wandelbar, werden sie rechtfertigungsbedürftig. Dann freilich wird auch Gerechtigkeit als ein möglicher subjektiver Maßstab zu einer Angelegenheit und zum moralischen Beweggrund, für eine aktive Gestaltung der sozialen Welt einzutreten. Freilich ist es erst mit der französischen Revolution (insbesondere mit dem Ruf nach liberté, egalité, fraternité) und der mit der Industrialisierung aufkommenden "sozialen Frage" zu einer Breitenwirksamkeit dieser Einsicht gekommen. Dabei musste in philosophischer und theologischer Hinsicht auch der Gerechtigkeitsbegriff, der vor allem durch die begrifflichen Unterscheidungen aus der Antike durch Aristoteles (1995)16 und aus dem Mittelalter vor allem durch Thomas von Aquin (1952, STh II-II 57-62) geprägt wurde, einer Revision und Neubestimmung in Reaktion auf diese neuen gesellschaftlichen Problemfelder unterzogen werden (vgl.Schneider, 2001: 31ff), bevor er zunächst im Rahmen der katholischen Soziallehre in ethischer Auseinandersetzung mit der "sozialen Frage" (offiziell allerdings relativ spät in der Enzyklika 'Quadragesimo anno' vonPius XI, 1931) bis heute zu neuer Bedeutung gelangte und schließlich auch in der politischen Philosophie im Rahmen einer eigenen Theorie der Gerechtigkeit (v.a. durchRawls, 1994) neu und umfassend aufgegriffen wurde.

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Interessant ist, dass der Gerechtigkeitsbegriff erst relativ spät in die gesellschaftlichen Diskurse Eingang gefunden hat. Denn die Kritik an der mit der Industrialisierung entstandenen kapitalistischen Gesellschaft wurde durch Marx schon im 19. Jahrhundert formuliert (vgl.Marx, 1972;Marx und Engels, 1958), wurde in ihrer realen Mobilisierung als "Gespenst des Kommunismus" wahrgenommen und gefürchtet (Marx und Engels, 1958: 23) und lebt in den sich entwickelnden Varianten des Marxismus und in kritischen Gesellschaftstheorien auch fortan weiter. Vor allem das angestrebte Ziel der tatsächlichen Veränderung durch Überwindung der Klassengesellschaft als "ungerechter" Gesellschaft geschieht zumindest indirekt im Namen der "Gerechtigkeit", auch wenn der Begriff selbst von Marx und infolge dessen auch vom Marxismus spöttisch abgelehnt wurde. Der marxschen und marxistischen Kritik am Kapitalismus muss daher eine implizite Vorstellung sozialer Gerechtigkeit unterstellt werden, auch wenn sie eine Verbreitung des Begriffs zumindest in Deutschland lange verhindert hat (vgl.Koller, 1994: 139). Die starke Anlehnung an Marx, der die Berufung auf Wendungen wie die der "gerechten Verteilung" spöttisch zu "veraltetem Phrasenkram" zählte (Marx, 1958: 17), womit seine gerechtigkeitsbezogene Verankerung in der klassischen soziologischen Theorie als "Unerwünschtheitstheorem" charakterisiert werden kann (vgl.Müller, 1995: 135), mag zwar die Verwendung des Wortes "Gerechtigkeit" verzögert haben, die substanzielle Wirkung seiner Überlegungen, die in einer fundamentalen Kritik an Kapitalismus und bürgerlicher Gesellschaft bestand, aber war ganz auf die Verwirklichung einer 'gerechten Sache' ausgelegt und ist trotz aller Debatten um den Stellenwert von Gerechtigkeit im Marxschen Denken (vgl. v.a.Dahrendorf, 1971;Müller, 1995;Müller und Wegener, 1995) wohl nicht zu leugnen.17

Damit ist unter anderem auch zu erklären, dass zwar soziale Ungleichheit als Gegenstand sozialwissenschaftlicher Theorie und Empirie den Sozialwissenschaften in die Wiege gelegt war (vgl.Berger, 2001), aber scheinbar nicht die soziale Gerechtigkeit, wenn einer der prominentesten Gründungsväter (zeitlich noch vor Durkheim und Weber!) diesen Begriff spöttisch ablehnte. Gleichwohl muss aus heutiger Sicht auch festgestellt werden, dass - metaphorisch gesprochen - Gerechtigkeit immer schon als Kuckucksei im sozialwissenschaftlichen Brutgelege lag, auch wenn es zunächst nicht als solches erkannt wurde. Auch wenn Gerechtigkeit und soziale Ungleichheit verschiedene Untersuchungsgegenstände sind, existiert eine wechselseitige Brücke zueinander, eine verwandtschaftliche Relation aus gemeinsamer Geburt. Die Frage nach der Gerechtigkeit wurde in der Frühphase der sozialwissenschaftlichen Klassik nicht explizit gesehen, aber implizit mit der "sozialen Frage" der Verschärfung sozialer Ungleichheiten und entstehender Klassenkonflikte im Zuge der Industrialisierung aufgeworfen (vgl.Müller und Wegener, 1995: 10-14).

Wenn nun die tatsächliche Entwicklung der gesellschaftlichen Verhältnisse in der Zeit der Industrialisierung in den Blick genommen wird, wird ein Bedeutungswandel des bis dahin gültigen Gerechtigkeitsbegriffs aus Mittelalter und Antike erkennbar, der Gerechtigkeit nicht mehr nur als individuellen sondern stärker als gesellschaftlichen Maßstab begreift und daher für einen Zugriff der Sozialwissenschaften erschließbar macht. Danach ist mit dem Prozess der Kumulation von Kapital bei einer kleinen Gruppe von Unternehmern bei gleichzeitiger Herabstufung des Großteils kleinerer Produzenten zu Lohnarbeitern im Zusammenhang der Entstehung industrieller Großbetriebe eine sich verschärfende Polarisierung der Ungleichheitsstruktur einhergegangen, die eben sozial und nicht mehr nur individuell legitimiert werden musste (vgl.Koller, 1994: 142). Vor allem durch die zunehmende Arbeitsteilung im Produktionsprozess, der Ausdehnung und Verflechtung der wirtschaftlichen Aktivitäten hat zu einem Eindruck geführt, dass wirtschaftliches Geschehen ein Gesamtprozess der funktionsteiligen Zusammenarbeit und der damit verbundenen gegenseitigen Abhängigkeit aller Beteiligten ist. Damit ist aber mit der perspektivischen Ausweitung auf die gesamtgesellschaftliche Ebene zugleich eine neue Auffassung von der Gesellschaft als Kooperations- und Solidargemeinschaft entstanden, die "die wirtschaftlichen und sozialen Positionen der Bürger nicht mehr länger als das zufällige Resultat unabhängiger Produktions- und Austauschvorgänge betrachtet, sondern vielmehr als sozi a le Güter, die aus der gemeinsamen Zusammenarbeit aller entspringen und die eben deswegen auch einer gerechten Verteilung bedürfen" (Koller, 1994: 144). Die gerechte Verteilung von Wohlstand bezieht sich demzufolge nicht mehr nur auf einzelne Vorgänge, sondern betrifft nunmehr die soziale Ordnung der gesamten Gesellschaft. Gerechtigkeit ist nicht mehr nur individuelle Tugend, Werthaltung oder Gesinnung, sondern vor allem eine gesellschaftliche und letztlich auch sozialethische Frage.

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Eine solche positive Sichtweise, die das Gesellschaftliche an der Gerechtigkeit ernst nimmt und sie als sozialen Wert und "moralische Schubkraft zur Verbesserung gesellschaftlicher Verhältnisse" ausweist (Müller und Wegener, 1995: 12), ist in der klassischen Soziologie bei Durkheim (1991;1992) zu finden. Das "Erwünschtheitstheorem" von Durkheim steht dabei in Kontrast zum "Unerwünschtheitstheorem" von Marx (Müller, 1995: 135). Gerechtigkeit hat bei ihm vor dem Hintergrund der Frage, wie soziale Integration in einer zunehmend arbeitsteiligeren und daher von Anomie bedrohten Gesellschaft möglich ist, als moralische Kategorie eine soziale Funktion zu erfüllen. Gerechtigkeit trägt zur Integration einer sich differenzierenden Gesellschaft bei, wenn die Gerechtigkeit der Normen, Regeln und Strukturen einer Gesellschaft mit den Gerechtigkeitsvorstellungen der Individuen in Einklang sind. Dabei wird das kollektiv getragene Moralbewusstsein ("conscience collective") durch ein soziales Wert- und Regelsystem durchgesetzt, das im Falle der Kongruenz individueller Moral bzw. daraus folgender Handlungen und kollektiven Werten oder Regeln Zwang und Kontrolle unnötig und eine Gefährdung des sozialen Friedens vermeidbar macht (vgl.Müller und Schmid, 1992: 491). Die "mechanische Solidarität" der einfachen traditionalen Gesellschaft (durch einen gemeinsamen religiösen Glauben als Zusammenhalt) wird in einer fortgeschritten arbeitsteiligen Gesellschaft durch "organische Solidarität" ersetzt, also einem moralischen Individualismus, bei der jedes Gesellschaftsmitglied mit anderen verbunden ist und sich so quasi als Teil eines Organismus versteht (vgl.Durkheim, 1992: 118-184;Müller, 1986). Die moderne Gesellschaft setzt mit dem Prozess der Differenzierung moralisch also auf das Individuum und seine (berufliche) Stellung. Der damit gefrönte "Kult der Person" (Durkheim, 1992: 470) wird das "neue heilige Kollektivideal" (vgl.Müller, 1986: 95;Müller, 1991: 328).18

Durkheims Vorstellungen von Moral und damit auch Gerechtigkeit in der Gesellschaft sind sowohl empirisch analytisch zu verstehen, indem gerechte Normen, Verträge (vgl.Durkheim, 1992: 263-276) und Verteilungsprozesse (vgl.Durkheim, 1991: 302) im Rahmen einer "individualistischen Kollektivmoral" als soziale Tatsachen zu behandeln sind und als solche eine soziale Integrationsfunktion in einer sich differenzierenden Gesellschaft haben, als auch als normative Forderung zugleich, die individuellen Gerechtigkeitsvorstellungen mit den kollektiven Wert- und Ordnungsvorstellungen in Einklang zu bringen (vgl.Liebig, 1997: 37-40). Gerechtigkeit wird bei Durkheim nicht nur im Rahmen gerechter Normen, Regeln und Verträge, sondern auch in Bezug auf gesellschaftliche Verteilungsprozesse gesehen, die als gerecht legitimiert sein müssen. Dabei ist die Gesellschaft dann gerecht, wenn Chancengleichheit19 herrscht (vgl.Durkheim, 1991: 302f) und das Leistungsprinzip gilt, in dem Sinne, dass Verteilung "im proportionalen Verhältnis zum sozialen Verdienst eines jeden erfolgt" (Durkheim, 1991: 296). Durkheims "Vision einer gerechten Gesellschaft" (Müller, 1992), die für die Gerechtigkeitsforschung bedeutsam ist, weil sie Gerechtigkeit explizit thematisiert, kommt - trotz seiner normativen Aufladung - in der Beschreibung der Gesellschaft, dem "Kult des Individuums" und der auf individueller Leistung beruhenden Verteilungsordnung den heutigen Verhältnissen sehr nahe. Sie kann geradezu als modern gesehen werden. Dass seine Untersuchungen allerdings in Deutschland nur wenig Beachtung gefunden haben, liegt möglicherweise an dem weiterreichenden Einfluss der "Marx-Weberschen Hegemonie", die Gerechtigkeit wissenschaftlich ablehnen (vgl.Müller und Wegener, 1995: 13f).

Webers Bedeutung im Rahmen einer sozialwissenschaftlichen Betrachtung von Gerechtigkeit kann als ambivalent eingeschätzt werden. Danach hat Gerechtigkeit einerseits keinen eigentlichen Stellenwert in seiner Gesellschaftstheorie (vgl.Weber, 1980). Er formuliert keine "Theorie der Gerechtigkeit", sondern lehnt den Begriff polemisch ab, indem er sogar Anführungszeichen bei seiner Verwendung gebraucht und ihn weitgehend vermeidet (bis auf Ausnahme der "formalen" Gerechtigkeit in seiner Rechtssoziologie). Sein Ansatz kann aus der Perspektive der Gerechtigkeitsforschung als "Unmöglichkeitstheorem" bezeichnet und in seiner Rekonstruktion auf unterschiedlichen Ebenen begründet werden, auf persönlicher, methodologischer und theoretischer (vgl.Müller, 1995: 139f). Danach ist für Weber aus persönlicher Sicht Gerechtigkeit zwar durchaus auf der individuellen zwischenmenschlichen Verhaltensebene von Bedeutung, als institutionelles oder gesellschaftliches Ideal lehnt er sie (stehend auf Nietzsches Wertenihilismus und Marxens Kritik am Kapitalismus) als Illusion ab, da ihm die Wohlfahrtsmentalität der Massen aufgrund seines persönlichen freiheitlichen Gesellschaftsverständnisses ("aristokratischer Individualismus"), das er durch Gleichheit/Gerechtigkeit eingeschränkt sieht, suspekt ist (vgl.Müller, 1995: 140f). Aus methodologischer Perspektive macht auch Webers striktes Postulat der Wertfreiheit der Sozialwissenschaften (vgl.Weber, 1991) ein Dafürhalten moralischer Ideale oder deren Ableitung aus seiner Sicht nach wissenschaftlich unmöglich. Die Beantwortung normativer Fragen ist keine Aufgabe der Sozialwissenschaft. Soziale Ungleichheit kann zwar analysiert, aber es kann nicht wissenschaftlich bestimmt werden, ob sie gerecht ist (vgl.Müller, 1995: 144f). Auch auf theoretischer Ebene ist eine Realisierung von Gerechtigkeit nach Weber nicht möglich, da sich die funktional ausdifferenzierenden Wertsphären und Lebensordnungen mit ihren inkompatiblen Standards (vgl.Weber, 1988: 542-567) nicht mehr unter einheitlichen Richtmaßen integrieren lassen (vgl.Müller, 1995: 146f).

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Trotz dieser Argumente, die Webers ablehnende Haltung gegenüber Gerechtigkeit als normativen Begriff auf Gesellschaftsebene nahe legen, gibt seine Position andererseits auch Anknüpfungspunkte für eine sozialwissenschaftliche Analyse von Gerechtigkeit (vgl.Arts und Veen, 1992;Liebig, 1997: 52-58;Müller, 1995). Denn Webers Standpunkt richtet sich "nicht primär gegen 'Gerechtigkeit' als sozialwissenschaftlicher Kategorie, sondern gegen egalitäre Gerechtigkeitsforderungen und gegen das Bemühen, einen normativen Begriff wissenschaftlich bestimmen zu wollen" (Liebig, 1997: 53). Ausgehend von der Frage, wie sich eine soziale Ordnung auf Anerkennung stützen kann, führt Weber zweckrationale Motive, Gewöhnung und Legitimität als Voraussetzung an, wobei Legitimität am bedeutendsten ist, weil sie normativ verbindliche Geltung beanspruchen kann und am wenigsten labil ist (vgl.Weber, 1980: 16). In seiner Herrschaftstypologie unterscheidet er vier Legitimationstypen, die traditionale, charismatische, wertrationale und rationale Legitimation. Auch wenn der Stellenwert der wertrationalen Legitimität (an erster oder zweiter Stelle der Bedeutsamkeit) bei Exegeten Webers (vgl.Kopp und Müller, 1980;Winckelmann, 1952) umstritten ist, weist sie doch auf die Bedeutung des gesellschaftlichen Konsenses über die verbindliche Geltung von Werten als Legitimationsgrundlage einer sozialen Ordnung hin. Ferner folgt aus dem Postulat der Wertfreiheit Webers nicht, dass auch Gerechtigkeitsvorstellungen der Menschen nicht untersucht werden könnten. Im Gegenteil meint er im Hinblick auf seine eigene Forschung zum Protestantismus (vgl.Weber, 1988) sogar, dass "die kausale Wirkung des faktischen Bestehens gewisser ethischer oder religiöser Überzeugungen auf das Wirtschaftsleben [...] nicht etwa die Folge [hat]: dass man nun jene kausal vielleicht sehr wirksam gewesenen Überzeugungen um deswillen auch zu teilen habe oder auch nur für 'wertvoll' halten müsse" (Weber, 1991: 191).

Versucht man die Ausführungen zu den drei Klassikern der Sozialwissenschaften (der "Soziologischen Dreifaltigkeit",Kaesler, 1999: 206) in ihren unterschiedlichen Standpunkten dahingehend zusammenzufassen, welchen Beitrag sie im Rahmen dieser Studie leisten, kann folgendes festgehalten werden: Gerechtigkeit ist als Teil der moralischen Wertebasis ein relevanter Untersuchungsgegenstand der Sozialwissenschaften, weil sie nicht nur ein individueller Maßstab im Lebensvollzug von Personen, sondern auch auf der Gesellschaftsebene in Strukturen und Institutionen verankert ist. Hier ist Gerechtigkeit hinsichtlich der Sicherung der Beteiligung aller Personen am gesellschaftlichen Leben, vor allem aber bei der Verteilung von Gütern, Wohlstand etc. relevant. Sind individuelle Gerechtigkeitsvorstellungen mit kollektiven Gerechtigkeitsvorstellungen (in der Art eines gesellschaftlichen Kollektivbewusstseins a la Durkheim) im Einklang, fördert dies die Integration einer Gesellschaft. Für die moderne Gesellschaft, die unter dem Verdikt von Prozessen der funktionalen Differenzierung steht, ist eine derartige Integration notwendig, aber aufgrund der Differenzierung und Pluralisierung der Wertebasis schwierig und durch die Gefahr der Anomie bedroht. Diese Wertepluralisierung ist mit gesellschaftlichen Individualisierungsprozessen verbunden (vgl.Simmel, 1992: 791-816), der zunehmenden "Ungebundenheit der persönlichen Kräfte durch Bevormundungen irgend welcher Art, ständische oder kirchliche, politische oder wirtschaftliche" (Simmel, 1992: 811), die mit der "Sprengung aller engenden und beengenden Einungen verknüpft war" (Simmel, 1992: 812). Die Legitimation einer gesellschaftlichen Verteilungsordnung kann durch die gemeinsame Anerkennung allgemeiner Verteilungsregeln und Gerechtigkeitsstandards (z.B. dem Leistungsprinzip) gesichert werden. Vor dem Hintergrund der Rechtfertigung sozialer "Ungleichheit unter Menschen, diese reiche Quelle so vieles Bösen, aber auch alles Guten" (Kant, 1968: 97), ist Gerechtigkeit der notwendige Untersuchungsgegenstand, wenn es um die Legitimation von sozialer Ungleichheit, der sozialen Ordnung einer Gesellschaft und damit letztlich ihrer Integration geht. Da Gerechtigkeit ein "menschliches Konstrukt" ist (Walzer, 1992: 30), das sozial definiert und konstruiert ist, sind individuelle Gerechtigkeitsvorstellungen und Bewertungen der empirischen Sozialwissenschaft zur Analyse zugänglich.

3.2 Gerechtigkeitsforschung und Gerechtigkeitstheorien - Ein Überblick

Gerechtigkeit ist - wie bereits erwähnt - ein sehr heterogenes Untersuchungsfeld, an dem unterschiedliche Wissenschaftsdisziplinen (Philosphie, Psychologie, Soziologie, Theologie etc.) mit höchst unterschiedlichen Zugängen beteiligt sind (vgl.Scherer, 1992). Der Begriff "Gerechtigkeitsforschung" suggeriert möglicherweise eine Einheit, die es noch gar nicht gibt. Vor allem zwischen normativ-analytischen und empirisch-deskriptiven Studien und den entsprechenden Theorien gibt es noch immer eine Kluft im Diskurs, die trotz aller Bemühungen unüberwindbar scheint (vgl.Liebig und Lengfeld, 2002;Wegener, 2001). Aber auch in den empirischen Studien zur Gerechtigkeit in Psychologie und den Sozialwissenschaften sind die Zugänge divers, weshalb eigentlich zutreffender von Gerechtigkeitsstudien ("justice studies") gesprochen werden muss (vgl.Wegener und Steinmann, 1995: 151). In diesem Abschnitt der Studie kann zwar keine Lösung dieses interdisziplinären "Together Apart" gefunden, aber die wesentlichen Anknüpfungs- und Bezugspunkte der unterschiedlichen normativen und empirischen Theorien müssen ohne Anspruch auf umfassende Darstellung und Diskussion im Einzelnen aufgezeigt werden.

3.2.1 Die "empirische Wende" normativer Theorien

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Auch wenn aus dem Befund der Literatur auf eine weitgehende Trennung analytisch-philosophischer Theorien der Gerechtigkeit und der empirischen Gerechtigkeitsforschung geschlossen werden kann, scheint in jüngster Zeit Bewegung ins Zu- und Gegeneinander der disparaten Zweige der Gerechtigkeitsforschung gekommen zu sein. Während die empirische Gerechtigkeitsforschung seit jeher Anregung durch die Begriffsexplikationen und aufgedeckten Begründungszusammenhänge philosophischer Theorien einholt und ihre Ergebnisse vor dem Hintergrund normativer Theorien diskutiert, ist auch bei philosophischen Theorien eine Bewegung hin "zur Empirie" zu spüren (Wegener, 1995), die sich möglicherweise aus der Einsicht ergibt, dass ansonsten durch die Abstraktheit und Realitätsferne normativer Theorien die Gefahr besteht, irrelevant für die alltägliche (politische) Praxis zu werden und den "Bezug zum wirklichen Leben" zu verlieren (Wegener, 2001: 880). Unabhängig davon, welcher Standpunkt im Zueinander der disparaten Teilbereiche der Gerechtigkeitsforschung eingenommen wird, ob eine strikte Trennung weiter eingehalten, Anknüpfungspunkte gesucht oder eine gemeinsame Gerechtigkeitstheorie angestrebt werden sollte (vgl.Wegener, 2001: 881-883), mit denen auf Dauer wissenschaftlicher Fortschritt erzielt werden kann, ist für normative Theoretiker jedenfalls neuerdings die Frage relevant, ob soziale Gerechtigkeit auch das ist, was die Leute dafür halten (vgl.Miller, 1992;Swift et al., 1995). Dieses Bemühen um einen empirischen Bezug lässt sich an den zwei prominentesten philosophischen Theorien der Gerechtigkeit verdeutlichen: den Theorien von Rawls (1971;1992;1994) und Walzer (1983;1992).

John Rawls: Gerechtigkeit als 'Fairness '

Für Rawls ist Gerechtigkeit der wesentliche soziale Maßstab der Verteilungsordnung der liberalen Gesellschaft. Es geht ihm um die Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens (vgl.Kramer, 1992: 76) und die Frage, welche Gerechtigkeitsstandards bzw. -prinzipien Menschen im Rahmen eines Gesellschaftsvertrags aushandeln (vgl.Kersting, 1994;Kley, 1989). Gerechtigkeit ist daher nicht ausschließlich Tugend des Einzelnen, sondern primär auf der Gesellschaftsebene als "die erste Tugend sozialer Institutionen" (Rawls, 1994: 19) anzusiedeln. Dabei müssen alle Menschen eine gerechte Ausstattung mit Grundgütern erhalten, also jenen Dingen, "von denen man annimmt, dass sie ein vernünftiger Mensch haben möchte, was auch immer er sonst noch haben möchte" (Rawls, 1994: 112). Erst mit diesen Grundgütern sind Menschen in der Lage, Lebensperspektiven nach eigenen Vorstellungen zu entwickeln und bei der Gestaltung der Gesellschaft mitzuwirken. Der Leitgedanke in Rawls Gerechtigkeitskonzeption besteht darin, dass die Prinzipien der Gerechtigkeit den Grundsätzen entsprechen, die "freie und vernünftige Menschen in ihrem eigenen Interesse in einer anfänglichen Situation der Gleichheit zur Bestimmung der Grundverhältnisse ihrer Verbindung annehmen würden" (Rawls, 1994: 28).

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Um die Gerechtigkeitsstandards für eine gerechte Verteilung der Grundgüter herauszufinden, greift Rawls auf die Strategie eines Gedankenexperiments zurück. Danach befinden sich Menschen in einer hypothetischen Entscheidungssituation ('original position'). Über sie ist ein 'Schleier der Unwissenheit' verhängt, d.h. sie kennen weder ihre individuell spezifischen Begabungen noch ihre jetzige oder zukünftige soziale und wirtschaftliche Lage, die sie einnehmen. Sie wissen jedoch, wie Gesellschaften und die Verteilung von Vorteilen und Lasten in einer Gesellschaft allgemein funktionieren. In diesem 'Urzustand', in dem Menschen quasi in einen Zustand der 'Unparteilichkeit' und 'Gleichheit' versetzt sind, einigen sich Menschen beim Aushandeln der Verteilungsprinzipien 'intuitiv' auf einen allgemeinen Gerechtigkeitsstandard, der fair ist (vgl.Höffe, 1977: 19). Der dabei herauskommende Grundgedanke - "Alle sozialen Werte [...] sind gleichmäßig zu verteilen, soweit nicht eine ungleiche Verteilung jedermann zum Vorteil gereicht" (Rawls, 1994: 83) - kann anhand zweier genereller Grundprinzipien präzisiert werden, nämlich "einmal die Gleichheit der Grundrechte und Grundpflichten; zum anderen [der] Grundsatz, dass soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten [...] nur dann gerecht sind, wenn sich aus ihnen Vorteile für jedermann ergeben, insbesondere für die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft" (Rawls, 1994: 31f).20 Diese beiden Prinzipien werden nach Rawls unter dem ‘Schleier der Unwissenheit’ ‘frei’ gewählt, wobei dem ersten Prinzip der Vorrang vor dem zweiten, dem Differenzprinzip, zukommt. Mit dem zweiten Prinzip wären also zum Beispiel größere Einkommensungleichheiten in einer Gesellschaft dann zulässig und sogar erwünscht, wenn sich durch eine egalitäre Einkommensverteilung das Los der am meisten Benachteiligten verschlechtern würde (vgl.Kley, 1993: 356).

Auch wenn die eigentlichen Anknüpfungspunkte für eine sozialwissenschaftliche Gerechtigkeitsforschung in der Gerechtigkeitstheorie von Rawls gewöhnlich dem 'späteren' Rawls (1992) zugeschrieben werden (vgl.Wegener, 1995), ist bereits in der ursprünglichen Konstruktion seiner Theorie ein empirischer Zugang angelegt. Danach kann nur empirisch geklärt werden, welche Gerechtigkeitsvorstellungen die Menschen tatsächlich befürworten, wenn sie im 'Urzustand' einen Gesellschaftsvertrag ‘freier’ Menschen aushandeln. Freilich kann die empirische Forschung den ‘Naturzustand’ nicht ‘real’ herstellen, jedoch versuchen, die Gerechtigkeitsstandards der Menschen zu rekonstruieren, sowie die Ungleichheit in einer Gesellschaft und ihre Wirkung auf diese Gerechtigkeitsurteile erforschen und somit ihren Beitrag zu den ‘intuitiven’ Vermutungen Rawls leisten. Der ‘späte’ Rawls (1992) weicht seine uneingeschränkt normative Theoriekonzeption der Gerechtigkeit auf, indem er nunmehr annimmt, dass Vorstellungen zur Gerechtigkeit "implizit in der öffentlichen Kultur einer demokratischen Gesellschaft vorhanden sind" (Rawls, 1992: 365). Seine als universelle (philosophisch-ethische) Lehre (miss-)verstandene Theorie (Rawls I) wird in der Fortführung (Rawls II) vollends zu einer politischen Lehre, die den Bezug zur Demokratie sucht und damit den empirischen Gegebenheiten näher steht (vgl.Wegener, 1995: 196f). Danach muss Rawls einräumen, dass es "in einer modernen Demokratie einen Pl u ralismus der Vorstellung über das Glück und das Gute gibt" (Wegener, 1995: 196) und dass Gerechtigkeit im Kontext der politischen Kultur demokratischer Gesellschaften gesehen werden muss (vgl.Wegener, 2001: 880). Die Gerechtigkeitsstandpunkte in der (öffentlichen) politischen Kultur und das, "was die Leute denken", kann freilich nur empirisch untersucht werden und damit öffnet sich seine Theorie für die empirische Gerechtigkeitsforschung.

Michael Walzer: Gerechtigkeit als 'komplexe Gleichheit '

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Im Gegensatz zu Rawls vertritt Walzer (1992) von Anfang an eine eher pluralistische Gerechtigkeitskonzeption, die als Gegenentwurf zu Rawls angesehen werden kann.21 Er stimmt mit Rawls darin überein, dass die menschliche Gesellschaft als eine 'Distributions-' bzw. eine 'Verteilungsgemeinschaft' aufgefasst werden kann (vgl.Walzer, 1992: 26). Allerdings geht er nicht von einem universell geltenden Gerechtigkeitsprinzip wie Rawls aus. Er nimmt allerdings die sozialwissenschaftlich diagnostizierte Differenzierung der Gesellschaft in seiner theoretischen Konzeption ernst (vgl.Müller, 1992). Für ihn gibt es verschiedene plurale Gerechtigkeitsprinzipien, die kontextuell und bereichspezifisch Anwendung finden und von den zu verteilenden Gütern abhängig sind. Verschiedene Güter verlangen unterschiedliche Verteilungsregeln. "Es gibt einfach keine einzig richtige Verteilungsregel oder einen konsistenten Satz von Verteilungsregeln, nach der man alle heute begehrten Güter verteilen könnte" (Walzer, 1992: 12). Walzer betont die Eigenständigkeit der Verteilungsregeln und die Autonomie von Verteilungssphären und stellt fest, dass Gerechtigkeit in unterschiedlichen Kontexten bzw. Sphären verschiedene Bedeutung hat. Die Verteilung von Gütern wird nach unterschiedlichen Verteilungskriterien und -verfahren bewerkstelligt. Damit kann keine ‘einfache Gleichheit’ hergestellt werden, denn es gibt hierzu keine übergreifende Gerechtigkeitsvorstellung, sondern eben nur bereichsspezifische. Es muss deshalb versucht werden, eine Situation 'komplexer Gleichheit' in der Gesellschaft herbeizuführen und zu erhalten, die die verschiedenen Gerechtigkeitsvorstellungen und Verteilungskriterien in den einzelnen Sphären insgesamt ausgleichen kann. Ein einziger Gerechtigkeitsstandard - so scheint seine Hauptbotschaft zu sein - vermag die ‘komplexe Gleichheit’ einer Gesellschaft aus mehreren sphärenspezifischen Gerechtigkeitsregeln nicht herbeizuführen.

Die empirische Kritik an Walzer setzt meist an seiner Unterstellung an, dass abgegrenzte autonome Gerechtigkeitssphären mit ihren jeweiligen Verteilungsregeln quasi als soziale Gerechtigkeitssysteme real existieren. Auch wenn seine Theorie insofern empirisch ist, als sie soziale Gerechtigkeit als sozial "konstruiert" ernst nimmt (vgl.Walzer, 1992: 30), stellt sich zurecht die Frage, inwieweit es zwischen den theoretisch konzipierten abgegrenzten Sphären mit ihren eigenständigen Verteilungsregeln in Wirklichkeit nicht doch eine Konvertierbarkeit der Güter aber auch der Gerechtigkeitsstandards gibt (vgl.Wegener, 2001: 888). Walzer fragt auch nicht, ob solche konsistente Gerechtigkeitssphären wirklich in den Vorstellungen der Menschen existieren. Und es bleibt unklar, welches Gerechtigkeitskriterium auf der ‘Meta-Ebene‘ der ‘komplexen Gleichheit’ unabhängig von den verschiedenen Gerechtigkeitsregeln in den einzelnen Sphären gilt. Auch mit späteren Klärungsversuchen anhand der Unterscheidung von 'thick and thin' Moralitäten (Walzer, 1996), mit der er universale Gerechtigkeitsstandards (z.B. Menschenrechte) von Moralen in ausdifferenzierten Sphären abgrenzt, führen diesbezüglich nicht weiter.

In beiden philosophischen Entwürfen einer Gerechtigkeitstheorie ergeben sich vielfältige Anschlussmöglichkeiten für die sozialwissenschaftliche Gerechtigkeitsforschung. Denn schon hinsichtlich der Überprüfung ihrer Vorannahmen und Bedingungen sind normative Theorien auf eine empirische Klärung angewiesen (vgl.Wegener, 2001: 884f): (1) ein abgrenzbares Verteilungsuniversum (inklusive der Mitgliedschaft der Individuen), (2) benennbare Verteilungsinstanzen oder -strukturen und (3) die prinzipielle Veränderbarkeit von Zuständen. Vor allem aber durch eine weitere Öffnung philosophisch abstrakter Theorien hin zu dem Ort, wo Menschen Gerechtigkeitsstandards tatsächlich anwenden, nämlich in der Praxis der verschiedenen sozialen Beziehungen von Menschen (vgl. hierzu den Versuch vonMiller, 1999), wie es die empirische Forschung durch das Aufdecken der Regelmäßigkeiten von Gerechtigkeitsäußerungen und ihren Randbedingungen bereits tut, bietet die Chance für wissenschaftlichen Fortschritt und echte Interdisziplinarität (vgl.Wegener, 2001: 889).

3.2.2 Ansätze der empirischen Gerechtigkeitsforschung

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Im Gegensatz zu normativen Theorien der Gerechtigkeit befasst sich die empirische Gerechtigkeitsforschung nicht mit der Frage, wie in einer Gesellschaft verteilt werden soll und wie die gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen gestaltet werden sollen, so dass sie gerecht wirken und gerecht verteilen. Ihr geht es vielmehr um die Rekonstruktion dessen, wie Menschen einerseits tatsächlich Gerechtigkeit wahrnehmen, Verteilungen und Verteilungsergebnisse bewerten und tatsächlich verteilen und andererseits welche Gerechtigkeitsprinzipien oder Gerechtigkeitskriterien sie in konkreten Situationen befürworten und tatsächlich anwenden. Darüber hinaus geht es ihr darum, gerechtigkeitsbezogene Wahrnehmungen, Bewertungen, prinzipielle Einstellungen und Verhaltensweisen nicht nur zu beschreiben, sondern auch zu erklären, indem sie den Referenzrahmen zu rekonstruieren versucht, innerhalb dessen sie stattfinden, und ihre Determinanten bestimmt (vgl.Wegener, 1992).

Da sich das Forschungsfeld der empirischen Zugangsweisen zu Fragen der Gerechtigkeit als äußerst heterogen erweist, ist eine Systematisierung der verschiedenen Ansätze und Traditionen hilfreich. Im Anschluss an eine von Wegener (1992: 271) vorgeschlagene Taxonomie lassen sich verschiedene Typen von Theorien und Forschungen anhand zweier Unterscheidungs-Dimensionen auseinander halten.

Danach lässt sich zunächst zwischen sozialwissenschaftlichen Ansätzen auf Mikro- und Makroebene unterscheiden. Die Gerechtigkeitsforschung auf Mikroebene ist im wesentlich sozialpsychologische Forschung und interessiert sich für die psychischen und sozialen Prozesse in der Formation individuelle Gerechtigkeitsurteile und der Präferenz von Verteilungskriterien, -ideologien bzw. -regelungen sowie deren Determinanten, indem sie das individuelle Urteils-, Bewertungs- und Zustimmungsverhalten untersucht. Dagegen erforschen Ansätze auf Makroebene die in einer Gesellschaft faktisch vorfindbaren Gerechtigkeitswahrnehmungen, -bewertungen und Präferenzen von Verteilungsregelungen und -vorgänge, die durch Verteilungsinstitutionen vorgenommen bzw. in größeren makrosozialen Einheiten (z.B. in Ländern) institutionalisiert bzw. zu finden sind. Während der ‘Mikro-Zugang’ also eher psychologisch erklären will, wie Individuen zu Gerechtigkeitsurteilen kommen, legt der ‘Makro-Zugang’ seinen Schwerpunkt darauf, inwieweit Gerechtigkeitsurteile, Präferenzen von Verteilungsprinzipien, Gerechtigkeitsideologien und entsprechende Verhaltenskonsequenzen durch strukturelle (aber auch kulturelle) Aspekte bestimmt werden. Dies kann methodisch freilich nur durch einen komparativen Zugang erreicht werden.

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Die zweite Dimension der Taxonomie entsteht durch eine interne Differenzierung individueller Gerechtigkeitsurteile. Danach können zwei gänzlich verschiedene Arten von Gerechtigkeitsäußerungen auseinander gehalten werden, wenn man ihren Bezugsrahmen, das jeweils vorrangig adressierte Subjekt und ihre inhaltliche Qualität in den Blick nimmt: 'Mikrogerechtigkeit' und 'Makrogerechtigkeit' (vgl.Brickman et al., 1981) bzw. 'selbstbezogene' und 'ordnungsbezogene' Gerechtigkeitsvorstellungen (Wegener, 1992) bzw. 'Belohnungs-' und 'Prinzipiengerechtigkeit' (Wegener, 1999). Die Veränderung der ursprünglichen Begriffsverwendung deutet auf eine begriffliche Unschärfe der ursprünglichen Bezeichnung hin, die vermutlich einerseits in der Verwechslungsgefahr mit der ersten Dimension eines sozialwissenschaftlich eher mikro- oder makro-ausgerichteten Zugangs liegt und die sich andererseits aber in dem Verdacht äußert, dass mehrere Dimensionen vermischt und ungeklärt bleiben. Es zeigt jedenfalls, dass eine kompakte Bestimmung dessen, was gemeint ist, schwierig ist. So geht (vgl.Brickman et al., 1981) davon aus, dass sich 'Mikrogerechtigkeit' auf die Bewertung von Belohnungen bezieht, die Individuen erhalten (z.B. "Inwieweit ist mein Einkommen ungerecht zu hoch, gerecht oder ungerecht zu niedrig?"), während sich 'Makrogerechtigkeit' mit den Gerechtigkeitsideologien und -prinzipien in einer Gesellschaft beschäftigt, welche die Verteilungsordnung der Gesellschaft betreffen, (z.B. "Es ist gerecht, dass diejenigen, die mehr leisten, auch mehr Lohn als andere erhalten"). Vor allem mit der Betonung von Individuen einerseits und der Gesellschaftsebene andererseits wird eine Assoziation mit Mikro und Makroebene geweckt, die nicht unbedingt zutreffen muss, auch wenn sie in der gegenwärtigen Forschung aus guten Gründen (es ist der Regelfall) überwiegend üblich ist. So können beispielsweise auch Prinzipien individuenbezogen und auch Verteilungsergebnisse gesellschaftsbezogen konzeptualisiert und analysiert werden.22 Diese Gefahr kann auch Wegener (1992) mit der begrifflichen Unterscheidung von 'selbstbezogenen' bzw. später 'ergebnisbezogenen' und 'ordnungsbezogenen' Urteilen nicht gänzlich vermeiden. Vielmehr kommt es darauf an, die inhaltliche Qualität dieser zwei Gerechtigkeitsmodi herauszuheben und zu betrachten. Danach lassen sich Wahrnehmungen, Beurteilungen und Bewertungen ko n kreter Verteilungsergebnisse von prinzipiellen Gerechtigkeitsstatements über gültige Verteilungsregeln, -prinzipien und -kriterien unabhängig von ihrer Ebene (Mikro oder Makro) unterscheiden. Mit den Begriffen 'Belohnungsgerechtigkeit' und 'Prinzipiengerechtigkeit' (Wegener, 1999) wird klarer, dass es bei dem einen Modus der Gerechtigkeitsanalyse um Ergebnisbewertungsgerechtigkeit und beim anderen um Prinzipienbefü r wortungsg e rechtigkeit hinsichtlich der Verteilung von Wohlstand, Gütern und Nachteilen in einer Gesellschaft geht.

Tab. 4: Typologie der Ansätze im Rahmen der empirischen Gerechtigkeitsforschung

 

Gerechtigkeitsforschung auf

 
 

Mikroebene

Makroebene

 

Belohnungsgerechtigkeit

Ergebnisbewertungs-gerechtigkeit

Theorie der relativen Deprivation

Equity-Theorie

Status Value Theorie

Justice Function Theorie

Erweiterungen im Rahmen der Justice Function Theorie

 

Prinzipiengerechtigkeit

Prinzipienbefürwortungs-gerechtigkeit

Mehrprinzipien-Ansatz

Theorien der Verfahrensgerechtigkeit

Local Justice Forschung

Altruismusforschung

Dominant Ideology Thesis

Split-Consciousness-Ansatz

Primäre und sekundäre Ideologien

 

Eigene Darstellung auf der Basis von Wegener (1992: 271).

Anhand der beiden Dimensionen, nämlich der Ebene der Gerechtigkeitsanalyse (Mikro- und Makroebene) und der Art der Gerechtigkeitsurteile (Belohnungs- und Prinzipiengerechtigkeit) lassen sich die empirischen Ansätze zuordnen, auf die nun eingegangen werden soll. Dabei ist unter der Perspektive ihrer historischen Entwicklung festzuhalten, dass sozialwissenschaftliche Ansätze auf Mikroebene (v.a. sozialpsychologische) weit ausgearbeiteter sind als die auf der Makroebene, die sich erst relativ spät als genuin sozialwissenschaftlicher Forschungsbereich entwickelt haben. Die folgende Zusammenfassung dieser Ansätze stützt sich weitgehend auf Wegener (1992: 270-274). Einen umfassenderen Überblick bietet Liebig (1997: 109-195).

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a) Ansätze auf Mikroebene

Es lassen sich vier Ansätze der Belohnungsgerechtigkeit auf Mikroebene unterscheiden, die den forschungsgeschichtlichen Ausgangpunkt bilden: die Theorie der relativen Deprivation, die Equity-Theorie, die Staus-Value Theorie und die Justice Funktion Theorien (hier vor allem die Theorie der Distributive Justice Force). Als wichtige Ansätze der Prinzipiengerechtigkeit sind besonders der Mehrprinzipien-Ansatz, Theorien der Verfahrensgerechtigkeit, die Local Justice Forschung sowie die Altruismusforschung hervorzuheben.

Die meisten sozialwissenschaftlichen Forschungsansätze berufen sich auf die Theorie der relativen Deprivation(Merton und Rossi, 1968;Runciman, 1972;Stouffer et al., 1949), weil anhand dieser Theorie verdeutlicht werden kann, dass Gerechtigkeitsbewertungen immer vor dem Hintergrund von sozialen Vergleichen mit anderen stattfinden. Dieser Ansatz geht von der Grundannahme aus, dass sich Menschen an Vergleichsgruppen orientieren, wenn sie Einschätzungen und Bewertungen vornehmen. Unabhängig davon, ob eine Person tatsächlich ungerecht behandelt wurde, stellt sich dann ein Gefühl der Deprivation ein, wenn eine Person aus dem Vergleich mit anderen Personen glaubt, sie werde ungerecht behandelt. Allerdings muss genau bestimmt werden, mit welcher Vergleichsgruppe sich Menschen vergleichen. So hat Runciman den Vorschlag gemacht, systematisch zwischen verschiedenen Referenzgruppen zu unterscheiden, nämlich die "comparative reference group", mit der sich ein Individuum unmittelbar vergleicht, die "normative reference group", aus der die Standards für den Vergleich abgeleitet werden und die "membership reference group", zu der sich das Individuum zugehörig fühlt (vgl.;vgl.Runciman, 1972: 13, vgl. auch Lippl 2001). Wie auch immer man das Problem der Bestimmung der richtigen Referenzgruppe empirisch einer Lösung zuzuführen gedenkt, ergeben sich auch gravierende Einwände gegen diese rein psychologische Erklärung, die objektive Bedingungen aus der Verteilungssituation und strukturelle Bedingungen aus der eigenen Statusposition und der erwarteten sozialen Mobilität außer Acht lassen (vgl.Boudon, 1986;Wegener, 1991).

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Die Equity-Theorie(Adams, 1963;Adams, 1965;Homans, 1961;Walster et al., 1973;Walster et al., 1976;Walster und Walster, 1975;Walster et al., 1978) beruft sich auf die aristotelische Konzeption der proportionalen Verteilungsgerechtigkeit. Danach wird eine Verteilung dann als gerecht angesehen, wenn im Vergleich bzw. in Austauschverhältnissen das proportionale Verhältnis von Einsatz bzw. Leistung (input) und Belohnung (output) zwischen einer Person A und einer Person B gleich ist. Und es wird als ungerecht erachtet, wenn das Verhältnis zwischen zwei Personen ungleich ist, sich also das Verhältnis zwischen Leistung (input) und Belohnung (output) beider Personen nicht entsprechen. Als Gerecht gilt folgendes Verhältnis:

 

(1)

Empirische Untersuchungen auch unter einer Beteiligung einer dritten Partei haben zeigen können, dass Proportionalität zwischen Leistung und Belohnung oder zwischen Kosten, Aufwand bzw. Investitionen und Belohnungen in sozialen Austauschprozessen eine weitgehend akzeptierte Gerechtigkeitsregel ist (z.B.Greenberg und Cohen, 1982). Wenn das Prinzip übermäßig verletzt wird, reagiert die benachteiligte Person mit Ärger (vgl.Homans, 1968: 64). Die ursprüngliche Equity Theorie erfuhr gerade in der psychologischen Forschung erhebliche Aufmerksamkeit und wurde zunächst vor allem von Adams (1963;1965) und Walster et al. (1973;1976;1975;1978) weiterentwickelt und bestimmt trotz und wegen der Kritik in ihrer Unklarheit darüber, wann und mit wem sich Personen vergleichen, bis heute weite Teile der psychologischen Gerechtigkeitsforschung.

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An Schwäche der Unbestimmtheit des Vergleichsprozesses, welche sowohl die Theorie der relativen Deprivation als auch die Equity Theorie auszeichnet, knüpfen die Überlegungen der Status-Value-Theory an ([];[];Berger et al., 1972, vgl. auch Berger, Fisek und Norman 1989 und Berger et al. 1998), indem sie den Referenzrahmen für Vergleichsprozesse und den damit verbundenen Bewertungen weiter bestimmen. Für sie ist die individuelle Wahrnehmung der eigenen Statusposition der Referenzrahmen für Vergleichsprozesse. Danach vergleicht sich ein Individuum, wenn es Gerechtigkeitsurteile bildet, mit anderen, die einen ähnlichen Status besitzen. Der Bestimmung des eigenen Status ist hier also der Ausgangspunkt für den Vergleich mit anderen Menschen (mit ähnlichem Status). Als gerecht wird eine Verteilung dann beurteilt, wenn andere mit ähnlichem Status ungefähr genauso viel bekommen.

Die den Justice Function Theorien zuzuordnenden Vertreter (Alves und Rossi, 1978;Jasso, 1978;Jasso, 1980;Jasso, 1989;Jasso und Wegener, 1997) versuchen, den in der Status-Value-Theory hervorgehobenen Referenz- und Bezugsrahmen von Gerechtigkeitsurteilen mathematisch besser zu präzisieren. Vor allem das von Jasso und Wegener (1997) bislang ausgearbeitete Theorieprogramm des Gerechtigkeitssinns ("theory of distributive justice force",Jasso, 1980) eröffnet weitreichende Untersuchungsmöglichkeiten. Dabei stehen vier Fragen im Zentrum dieser Theorie:

  1. 1. "Was empfinden Individuen oder Gruppen als gerechte Belohnungen und wovon ist diese abhängig?
  2. 2. Wie bestimmen Gerechtigkeitsvorstellungen das, was Menschen als tatsächliche Belohnungen erhalten?
  3. 3. Welches Ausmaß an Ungerechtigkeit empfinden Menschen, wenn ihre Belohnungen vom Zustand perfekter Gerechtigkeit abweichen?
  4. 4. Worin bestehen die verhaltensmäßigen und sozialen Konsequenzen wahrgenommener Ungerechtigkeit?" (zitiert nach:Wegener, 2001: 895f)

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Durch die von Sneed (1979) wissenschaftstheoretisch möglich gemachte mengentheoretische Rekonstruktion von Theorien lassen sich Antworten auf diese vier Fragen mathematisch als Funktionsbeziehungen darstellen und bilden den Rahmen der Theorie. Der Kern der Theorie und Erweiterungen des Theoriekerns müssen in weiteren Schritten spezifiziert werden.

Da im Rahmen dieser Studie die Beantwortung der dritten Frage von zentraler Bedeutung ist, soll die Gerechtigkeitsbewertung, die im Übrigen auch im Zentrum der bisherigen Theorieentwicklung steht, weiter präzisiert werden. Eine Gerechtigkeitsbewertung liegt im Allgemeinen dann vor, wenn tatsächliche Belohnung und gerechte Belohnung in Beziehung gesetzt werden. Danach lässt sich die Gerechtigkeitsbewertung J allgemein als eine Funktion h von beiden Elementen beschreiben:

 

 

(2)

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Diese allgemeine Gerechtigkeitsbewertungsfunktion h konnte bereits mathematisch spezifiziert werden. Sie ist, so haben es zahlreiche Studien bestätigen können, linear und lässt sich unter Berufung auf Gesetzmäßigkeiten der Psychophysik (Fechner, 1877) als das logarithmierte Verhältnis von tatsächlicher und gerechter Belohnung bestimmen:

 

(3)

bzw. formal:

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,

(4)

wobei J die Gerechtigkeitsbewertung, A die tatsächliche und C die gerechte Belohnung sind. Das logarithmierte Verhältnis von gerechter und tatsächlicher Belohnung hat viele gute Eigenschaften. "It provides a mapping of the justice evaluation variable onto the full real-number line, with zero representing the point of perfect justice, negative numbers representing unjust underreward (overburden), and positive numbers representing unjust overreward (underburden)" (Jasso und Wegener, 1997: 410). Der Fehlerterm θ drückt im Endeffekt die individuelle "Sensibilität" für Gerechtigkeit aus und lässt sich (ohne dass dies mathematisch an dieser Stelle weiter vertieft werden kann) weiter spezifizieren (vgl. hierzuJasso und Wegener, 1997;Wegener, 1999: 180f).

 

,

(5)

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Durch die Spezifizierung von θ können all jene Faktoren näher bestimmt werden, die auf den Prozess eines Gerechtigkeitsurteils vor allem als Wahrnehmungshorizont von Personen einwirken. Drei Faktoren spielen hier eine wesentliche Rolle: Erstens kommt die individuelle Entscheidung s freiheit zum Tragen, also die allgemeine Fähigkeit des einzelnen Menschen, etwas generell als gut oder schlecht, gerecht oder ungerecht einzuschätzen (signum). Zweitens ist die jeweilige Wah r nehmungsfähigkeit hinsichtlich der Bewertung eines Gegenstands oder Sachverhalts ausschlaggebend, die sich von Mensch zu Mensch unterscheiden kann (θ). Beides zusammen wird auch als framing coefficient bezeichnet, weil er angibt, wie ein Individuum eine Verteilungssituation durchblickt. Drittens fließt auch die Artikulationsfähigkeit ein (|θ| als Ausdruckskoeffizient), also ob und wie das Individuum die eigene Gerechtigkeitsvorstellung auszudrücken in der Lage ist (vgl.Jasso und Wegener, 1997). Diese Theorie des Gerechtigkeitssinns, die hier nur in groben Zügen vorgestellt werden konnte, hat ihren Ursprung in experimentellen Erhebungen (im Rahmen des Factorial Survey D e sign) und wird erst seit einiger Zeit auch anhand von Umfragedaten getestet (vgl.Jasso und Wegener, 1999;Wegener und Steinmann, 1995). Sie macht deutlich, dass "die Gerechtigkeit von Verteilungsergebnissen nach bestimmten Regelmäßigkeiten beurteilt wird und dieses Urteilsverhalten von den psychischen Determinanten der Urteiler ebenso beeinflusst wird wie von sozialen Kontextfaktoren" (Liebig, 1997: 141).

Ansätze auf Mikroebene, die Prinzipiengerechtigkeit zum Thema haben, versuchen zu zeigen, wie Individuen zu Gerechtigkeitsurteilen kommen, die prinzipiell vor allem die Gestaltung der Gesellschaft betreffen. Der Mehrprinzipien-Ansatz(Deutsch, 1975;Deutsch, 1985) geht davon aus, dass Menschen in unterschiedlichen Bereichen des Lebens verschiedene Gerechtigkeitsprinzipien bei der Beurteilung von Gütern oder Sachverhalten anwenden. So sind das Equity- bzw. das Leistungsprinzip (z.B. Entlohnung proportional zur erbrachten Leistung) keineswegs die einzigen, an denen alles bemessen wird. In familiären oder Freundschaftsbeziehungen oder generell in ‘fürsorgenden’ Gesellschaftsbereichen gelten auch alternative Prinzipien, wie etwa das Bedarfsprinzip (Entlohnung nach Bedarf). Es gibt also verschiedene Gerechtigkeitsprinzipien und damit auch verschiedene ‘Gerechtigkeiten’, die der Mehrprinzipienansatz zu berücksichtigen versucht. Der Vollständigkeit halber müssen auch die in dieser Studie allerdings nicht weiter thematisierten eigenständigen Theorien der Verfahrensg e rechtigkeit(Cohen, 1985;Moessinger, 1990;Röhl, 1993;Schmidt, 1993) genannt werden, die ihre Aufmerksamkeit vor allem auf den Aspekt richten, wie etwas verteilt wird. Auch die Local Justice Forschung stellt eine mehr oder weniger eigenständige Forschungsrichtung dar. Dieser Forschungszweig (Elster, 1990;Elster, 1991;Elster, 1992;Elster, 1995;Schmidt, 1992;Schmidt, 1992;Schmidt, 1993;Schmidt, 1994;Schmidt und Hartmann, 1997) bewegt sich zwischen Mikro- und der Makro-Ebene, indem er Verteilungsprozesse in Institutionen und Organisationen untersucht. Es geht hier vor allem um die Frage, wie Institutionen knappe Ressourcen verteilen (z.B. Organe für Organtransplantationen etc.). Die Altruismusfo r schung(Cook, 1979) schließlich befasst sich damit, unter welchen Bedingungen, wann und wie Menschen mit Gerechtigkeitsforderungen konfrontiert werden (z.B. zu teilen und etwas von ihrem Wohlstand abzugeben). Unter welchen Bedingungen kommen Menschen den verschiedenen Forderungen von außen dann tatsächlich nach? Wie viel ist nötig, damit der ‘Gerechtigkeitsdrang’ bzw. das Mitleid eines Menschen angeregt wird?

b) Ansätze auf Makro ebene

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Im Vergleich zu Ansätzen auf der Mikroebene sind genuin sozialwissenschaftliche Makroansätze noch wenig entwickelt. Für die Fragestellung dieser Studie, die sich auf der Ebene von Gesellschaften bewegt, sind sie jedoch außerordentlich bedeutsam. Hinsichtlich der Prinzipiengerechtigkeit geht es in den Ansätzen stets um die Frage, ob es in einer Gesellschaft bestimmte vorherrschende Gerechtigkeitseinstellungen gibt und ob sich verschiedene Gesellschaften in diesen 'dominanten' Vorstellungen von Gerechtigkeit unterscheiden. Mittlerweile lassen sich drei verschiedene Varianten dieser These einer 'dominanten Ideologie' unterscheiden, nämlich die ursprüngliche ‘dominant ideology thesis’ (Abercrombie et al., 1980;Abercrombie et al., 1990;Abercrombie und Turner, 1978), die ‘split-consciousness-Theorie’ (Kluegel, 1989;Kluegel und Smith, 1986) und die ‘Theorie der primären und sekundären Ideologien’ (Liebig und Wegener, 1995;Wegener, 1992;Wegener und Liebig, 1991;Wegener und Liebig, 1995).

Vertreter der These der dominanten Ideologie glauben, dass es in jeder Gesellschaft entweder typische kulturelle Faktoren (z.B. religiöse Traditionen etc.) oder bestimmte strukturelle Merkmale (z.B. eine bestimmte Form der Marktwirtschaft, der Institutionalisierung des Wohlfahrtsstaats etc.) gibt, die eine Entwicklung, Verbreitung und allgemeine Geltung einer gemeinsamen landesspezifischen Ideologie begünstigt, welche integrierend und legitimierend wirkt (vgl.Wegener, 1992: 273). Dieser letztlich schon bei Marx und Engels zu findende Gedanke geht von der Existenz einer dominanten Ideologie in einer Gesellschaft aus ("Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse",Marx und Engels, 1958: 41)23, einer Überbauideologie, durch die die hierarchische Gesellschaftsstruktur kapitalistischer Gesellschaften erhalten wird und sich perpetuiert. Diese herkömmliche marxistische Sichtweise haben die Vertreter der These der dominanten Ideologie allerdings kritisiert. Ihr Einwand richtet sich gegen die Vorstellung, dass die herrschende Klasse, die das Kapital kontrolliert, auch die dominante Ideologie einer Gesellschaft prägt und aufrechterhält, um Personen in unteren Gesellschaftspositionen ‘bei der Stange’ zu halten. Sie bezweifeln die Stichhaltigkeit der Vorstellung einer ‘Überbauideologie’, die von oben nach unten einfach weitergegeben wird. Sozialer Konsens ist nicht einfach nur aus gemeinsamen Werten herzustellen. Vielmehr zeigen sie an der Analyse Großbritanniens zeigen, dass die Hauptfunktion einer ‘Ideologie’ darin besteht, den Zusammenhalt der dominanten Klasse selbst zu sichern. Untergeordnete Klassen müssen dabei nicht die herrschende Ideologie unterstützen, weil sie gar nicht für deren alltägliches Leben relevant ist. Deshalb kann man aus der Sicht dieser Autoren nicht davon ausgehen, dass die Integration einer Gesellschaft wesentlich von der Internalisierung einer gemeinsamen Kultur oder ‘Ideologie’ oder gemeinsamer Werte herrührt.24

Der Split-Consciousness-Ansatz(Kluegel, 1989;Kluegel und Smith, 1986) kritisiert ebenfalls die Vorstellung einer einzigen dominanten Ideologie, indem er betont, dass ein und derselbe Personenkreis eine bestimmte ‘Ideologie’ vertreten kann, aber zugleich auch ihr Gegenteil, dass also Menschen in ihren Werthaltungen gespalten sein können und nicht notwendigerweise konsistent sein müssen. Zum Beispiel kann man für sich andere Gerechtigkeitsmaßstäbe gelten lassen als generell für die Gesellschaft. Es gibt also unterschiedliche ‘Ideologien’ in einer Gesellschaft, die sich sogar innerhalb gesellschaftlicher Gruppen überlagern oder widersprechen können.

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Die vom Split-Consciousness-Ansatz diagnostizierten Widersprüche im Gerechtigkeitshaushalt von Personen und Gruppen in einer Gesellschaft führten zu einer Weiterentwicklung dieser Konzeption, zum Ansatz der primären und sekundären Ideologien(Liebig und Wegener, 1995;Wegener, 1992;Wegener und Liebig, 1991;Wegener und Liebig, 1995). Er geht davon aus, dass es nicht nur dominante und nicht dominante, sondern verschieden ausgeprägte Ideologien gibt. Primäre Ideologien werden mehr oder weniger von allen Mitgliedern einer Gesellschaft unabhängig von ihrem Status geteilt. Sekundäre Ideologien hingegen können ausschließlich für sich allein oder zusammen mit der primären Ideologie von bestimmten Gesellschaftsgruppen vertreten werden. Wertwidersprüche in ein und derselben Person im Sinne der Split-Consciousness-These sind nicht ausgeschlossen. Nach Wegener (1992: 274) lassen sich primäre Ideologien, welche die Gesellschaft zusammenhalten, entweder über historische und kulturelle Tradierung (z.B. in der Form ‘religiöser Doktrinen’, der politischen Kultur etc.) oder über individuelle Gewöhnungsprozesse erklären. Sekundäre Ideologien werden aufgrund gruppenspezifischer Interessen und Nutzenerwartungen vertreten. Hier wird praktisch diejenige Ideologie vertreten, die der Gruppe insgesamt den größten Vorteil bringt.Mit der Unterscheidung primärer und sekundärer Ideologien bietet diese Theorie die Möglichkeit, sowohl lang anhaltende kulturelle Wertetraditionen in Gesellschaften als auch kurzfristige eher interessengeleitete Werthaltungen von Individuen zu konzeptionalisieren und trägt so zu einer angemessenen Beschreibung der Situation moderner multikultureller Gesellschaften bei.

Ein Ansatz der Belohnungsgerechtigkeit, der auf Makroebene der Gesellschaft bedeutsam ist, ist erst vor kurzem im Rahmen von Erweiterungen der Justice Function Theorie entwickelt worden (Jasso, 1999;Jasso, 2000). Danach lassen sich individuelle Gerechtigkeitsbewertungen in Populationen auf unterschiedliche Weise zusammenfassen, um damit ein Maß für Gerechtigkeit bzw. Ungerechtigkeit auf Aggregatebene zu erhalten. Dabei ergeben sich im Anschluss an Formel 3 zwei mögliche Gerechtigkeitsindizes aus den Gerechtigkeitsbewertungen von Individuen auf Makroebene, indem entweder der einfache Erwartungswert über die Gerechtigkeitsbewertungen einer Reihe von Individuen (Gerechtigkeitsindex 1, JI1)

 

,

(6)

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oder der Erwartungswert über den Betrag der Gerechtigkeitsbewertungen einer Reihe von Individuen gebildet wird (Gerechtigkeitsindex 2, JI2).

 

(7)

Der Gerechtigkeitsindex 2 differenziert nicht zwischen einer ungerechten Unterbelohnung (underreward) oder einer ungerechten Überbelohnung (overreward), weil er auf den absoluten Werten der Gerechtigkeitsbewertungen basiert. Mit solchen Gerechtigkeitsindizes ist ein Maß gefunden, das Ausmaß an wahrgenommener Ungerechtigkeit in Aggregaten (wie z.B. Ländern) zu bestimmen (vgl. v.a.Jasso, 1999: 144-147).

3.3 Belohnungs- und Prinzipiengerechtigkeit

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Nach diesem kurz skizzierten Überblick über mögliche Ansätze der Gerechtigkeitsforschung stellt sich die Frage, an welchen diese Studie anknüpft. Als sozialwissenschaftliche Untersuchung richtet sich der Blick auf die gesellschaftliche Ebene, auch wenn die Erkenntnisse über das individuelle Zustandekommen von Gerechtigkeitsurteilen nicht minder instruktiv für die Einschätzung der Theorieentwicklung auf Makroebene sind, nicht zuletzt deswegen, weil sie forschungsgeschichtlich darauf basieren.

Theoretisch wie empirisch von zentraler Bedeutung ist die Unterscheidung zweier grundlegend unterschiedlicher Typen individueller Gerechtigkeitsvorstellungen, die unterschiedliche Analysemöglichkeiten erforderlich machen (Wegener, 1992;Wegener, 1999). Mit Urteilen zur Belohnungsgerechti g keit (»Ergebnisbewertungsgerechtigkeit «) sind Bewertungen konkreter gesellschaftlicher Verteilungsergebnisse und konkreter Belohnungen von Individuen und Bevölkerungsgruppen nach Gesichtspunkten der Gerechtigkeit (z.B. "Welchen Lohn bekommt jemand gerechterweise für etwas?"). Diese beziehen sich auf Ergebnisse ganz konkreter Verteilungsvorgänge in Gesellschaften. Erhoben werden ergebnisbezogene Urteile in Umfragen, indem etwa nach einem konkreten Lohn (nach Geldbeträgen, aber auch Schulnoten und allem, was verteilt werden kann) gefragt wird, den eine befragte Person selbst (reflexives Urteil) oder eine andere Person (nicht reflexives Urteil) zum einen tatsächlich erhält und zum anderen eigentlich erhalten sollte. Mit ergebnisbezogenen Gerechtigkeitsurteilen ist eine mathematische Modellierung von Gerechtigkeitsbewertungen möglich, wie es die empirische Justice-Function-Theorie propagiert (Jasso, 1978;Jasso, 1980;Jasso und Wegener, 1997), indem Ist- und Soll-Werte ins Verhältnis gesetzt werden, um den Grad einer ungerechten Über- und Unterbelohnung sowie eine gerechte Belohnung zu ermitteln. Prinzipiengerechtigkeit in der Form ordnungsbezogener Gerechtigkeitseinstellungen (»Prinzipienbefürwo r tungsgerechtigkeit«) dagegen sind normative, prinzipielle oder ideologische Haltungen allgemeiner Art, die Individuen in Bezug auf verschiedene Aspekte ihres Lebens vertreten können und die in der Regel die grundlegende normative Ordnung der Gesellschaft, also die Makroebene betreffen (z.B. "Es ist gerecht, wenn jemand, der mehr leistet, mehr bekommt" oder "Alle Gesellschaftsmitglieder sollten das gleiche bekommen"). Darunter fallen auch normative Kriterien, nach denen etwas in der Gesellschaft verteilt werden sollte (z.B. inwiefern nach Fähigkeiten, Anstrengungen, Fertigkeiten, gemäß den Anforderungen des Marktes oder des Staates oder den Erfordernissen des Gemeinwohls etc. distribuiert werden sollte). Auch die verantwortlichen Akteure im gesellschaftlichen Verteilungsprozess können zum Gegenstand empirischer Analysen werden (z.B. Staat vs. Markt, Etatismus vs. Eigenverantwortung, vgl.Lane, 1986), sowie grundsätzliche Vorstellungen über gerechte Verteilungsregime oder eine gerechte Gesellschaft. Prinzipien dieser Art sind weniger als unmittelbar konkrete Normen und Verfahrensweisen zu verstehen, sondern eher als strukturierungs- und verfahrensrelevante Grundsätze. Sie geben eine Grundausrichtung für das Handeln an, nicht jedoch eine Anweisung für den einzelnen konkreten Fall.

Beide Arten von Gerechtigkeitsäußerungen stehen im Mittelpunkt dieser Studie. So geht es einerseits um die in verschiedenen Ländern wahrgenommene Ungerechtigkeit hinsichtlich der Einkommensverteilung (Belohnungsgerechtigkeit) und andererseits um die legitimatorische Bewertung von sozialer Ungleichheit und die Präferenz von Verteilungsideologien (Prinzipiengerechtigkeit) andererseits. Dabei ist davon auszugehen, dass die Wahrnehmung von Einkommensungerechtigkeit stärker von der aktuellen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Situation geprägt sind, während Ungleichheits- und Gerechtigkeitseinstellungen als eher kulturell geprägt und in der Tradition verankert gelten (Wegener, 1999). Neben diesen Makrodeterminanten ist auch von individuellen Struktureffekten auszugehen. Hier wird angenommen, dass sich Struktureffekte stärker bei wahrgenommenen Einkommensungerechtigkeit zeigen, weil sie unmittelbar auf die Eigeninteressen der Individuen bezogen werden können, während sich Ungleichheits- und Gerechtigkeitseinstellungen weniger stark durch Struktureffekte auf individueller Ebene erklären lassen, weil angenommen werden kann, dass sie stärker kulturell verankert sind.

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Hinsichtlich der Wahrnehmung von Einkommensungerechtigkeit stützt sich diese Studie auf die Rekonstruktion von Gerechtigkeitsbewertungen auf der Basis der empirischen Theorie des Gerechtigkeitssinns (Alves und Rossi, 1978;Jasso, 1978;Jasso, 1980;Jasso, 1989;Jasso und Wegener, 1997) und ihrer sozialwissenschaftlichen Erweiterung auf Makroebene in der Form der Konstruktion von Gerechtigkeitsindizes (Jasso, 1999;Jasso, 2000). Gemessen wird die wahrgenommene Ungerechtigkeit der Einkommensverteilung in einer Gesellschaft durch die individuelle Einschätzung des tatsächlichen und des gerechten Einkommens zweier Berufe an den extremen Polen der Prestigehierarchie von Berufen, nämlich eines ungelernten Arbeiters und eines Vorstandsvorsitzenden eines großen nationalen Unternehmens. Es werden also keine reflexiven sondern non-reflexive Gerechtigkeitsbewertungen der Analyse unterzogen (d.h. nicht Bewertungen des Einkommens der Befragten selbst, sondern das fiktiv wahrgenommene Einkommen anderer, festgemacht an zwei konkreten Berufen). Verteilungsideologien und Einstellungen zur sozialen Ungleichheit werden anhand der Zustimmung zu Aussagen erhoben, die meist in den in der internationalen Forschung üblichen Abfrageformulierungen vorliegen (zur weiteren Operationalisierung vgl. Kap. 7.2). Hier lassen sich theoretisch Anknüpfungsmöglichkeiten zur 'These der dominanten Ideologie', der ‘split-consciousness-Theorie’ und der ‘Theorie der primären und sekundären Ideologien’ aufzeigen.

Mit diesem kurzen Überblick über die Theorien der Gerechtigkeitsforschung und der Einordnung dieser Studie in diesen Rahmen sind Überlegungen zu den individuellen Einstellungen und Bewertungen der Befragten vorgestellt worden. Ihr Kontext, der vor allem - so die These dieser Studie - auf der Ebene von Ländern durch unterschiedliche wohlfahrtsstaatliche Arrangements bestimmt ist, wurde noch nicht näher vorgestellt und ist daher Thema des folgendes Kapitels.


Fußnoten und Endnoten

13  Neuere theoretische Überlegungen zu einer sozialwissenschaftlichen Behandlung von Moral drehen sich vor allem um die Sicherung von Verantwortung, die Rolle des Rechts und die Gestalt sozialer Systeme in einer komplexer werdenden sozialen Realität (vgl. Baumann, 1995; Baurmann, 1996; Bühl, 1998; Joas, 1997; Kaufmann, 1989b, 1992, 1995, 1997b; Lüschen, 1998; Popitz, 1980).

14  So formuliert Ulpian: "Iustitia est constans et perpetua voluntas ius suum cuique tribuendi" (Ulp.dig.1,1 pr.). Begriffsgeschichtlich ist die Verwendung des "Suum Quique", das in der Antike als Redewendung scheinbar weit verbreitet war, allerdings schon auf Aristoteles (1995) und Platon (1961) zurückzuführen (vgl. Klenner, 2002).

15  In alltagspraktischer Hinsicht ist das Aufkommen des Gerechtigkeitsbegriffs mit der Auflösung der Feudalordnung, dem Wachstum der Städte und des wirtschaftlichen Handels und der zunehmenden Arbeitsteilung, also die "Marktplatzkonzeption der Gesellschaft"(Koller, 1994: 140), welche gerechte verbindlich-rechtliche Regelungen erforderlich und Austauschprozesse gerechtigkeitstheoretisch relevant werden haben lassen (vgl. Koller, 1994: 140-145).

16  Aristoteles, der erst in der Scholastik wieder entdeckt wurde, widmet dem Thema Gerechtigkeit in seiner Nikomachischen Ethik ein ganzes Kapitel. Zum einen konzipiert er wie Platon (1961) Gerechtigkeit als Kardinaltugend, also als Charaktereigenschaft im Rahmen des Habitus einer Person (vgl. Schramm, 1995: 498). Zum anderen verknüpft Aristoteles den Gerechtigkeitsbegriff konzeptionell mit der ‘objektiven Ordnung’, dem ‘natürlichen’ und dem ‘positiven’ Gesetz, in dem Sinne, "dass gerecht der sein wird, wer die Gesetze beobachtet und Freund der Gleichheit ist“ (Aristoteles, 1995: 101, V 2). Danach hat Gerechtigkeit bereits eine soziale Dimension und steht als ordnendes Element in Zusammenhang mit der politischen Ordnung, die das Glück der Menschen in einer Gemeinschaft fördern soll (vgl. Hägglund, 1984: 441). Dabei unterscheidet er: ausgleichende Gerechtigkeit (iustitia correctiva) oder einfache arithmetische Gerechtigkeit (z.B. bei der Wiedergutmachung des Schadens nach einem Verbrechen) und austeilende (geometrische) Gerechtigkeit (iustitia distributiva), bei der es um die richtige, d.h. proportional angemessene Verteilung von Gütern, Rechten und Übeln in einer Gesellschaft geht (vgl. Aristoteles, 1995: 105-111, V 5-7).

17  Auch wenn Marx den Begriff und die Idee der Gerechtigkeit spöttisch ablehnt und dem Bereich des ideologischen Überbaus zuordnet, der überwunden werden muss, weil die bestehende Verteilungsordnung damit ideologisch anerkannt und zementiert wird, scheint Gerechtigkeit der Sache nach eine wesentliche Rolle zu spielen. Marx kennt zwar in der Interpretation Dahrendorfs keinen relativen, aber einen absoluten Begriff der Gerechtigkeit: Die kommunistische Gesellschaft ist gerecht (vgl. Dahrendorf, 1971: 115). Gerechtigkeit darf bei Marx deswegen auch nicht als Ideal oder Idee verstanden werden, sondern seine Forderung der kommunistischen Gesellschaft leitet sich durch die "dialektische Notwendigkeit der geschichtlichen Entwicklung ab" (Dahrendorf, 1971: 163).

18  Damit ergeben sich jedoch auch Widersprüche in seiner Theoriekonzeption (vgl. Müller, 1986: 96-99): So ist unklar inwieweit seine Gesellschaftsbeschreibung, die sich implizit als gerechte Gesellschaft charakterisieren lässt, deskriptiv oder normativ zu verstehen ist. Auch scheint die Formel "kollektiver Individualismus" als Lösung der Spannungsrelation Gesellschaft - Individuum viel mehr neue Fragen aufzuwerfen als gelöst werden (z.B. inwieweit angesichts der Dominanz der Gesellschaft Individuen nicht doch in ihrer Autonomie eingeschränkt und auf die Rolle passiver Rezipienten festgelegt sind). Moral wird aus der Perspektive der Gesellschaft betrachtet und ihrer Funktion, Disharmonien und Konflikte aus der Perspektive der Individuen werden eher zu wenig beleuchtet.

19  Durkheim spricht hier nicht explizit von Chancengleichheit aber vom Abbau der sozialen Ungleichheiten, die qua Geburt oder familiärer Bindungen (z.B. Reichtum oder Intelligenz des Vaters etc.) entstehen, und er sieht den Abbau derartiger sozialer Ungleichheiten vermutlich in Anlehnung an Thomas von Aquin als Sache der Barmherzigkeit in der Form des Gefühls mitmenschlicher Sympathie, da die Menschen dafür nichts können (vgl. Durkheim, 1991b: 303).

20  An anderer Stelle werden diese beiden Prinzipien, die Höffe (1977) als 'politische Gerechtigkeit' und 'soziale Gerechtigkeit' bezeichnet, explizit genannt: "1. Jedermann soll gleiches Recht auf das umfangreichste System gleicher Grundfreiheiten haben, das mit dem gleichen System für alle anderen verträglich ist" (Rawls, 1994: 81, 1. Fassung). "2. Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind so zu regeln, dass sie sowohl (a) den am wenigsten Begünstigten die bestmöglichen Aussichten bringen als auch (b) mit Ämtern und Positionen verbunden sind, die allen gemäß der fairen Chancengleichheit offen stehen"(Rawls, 1994: 104, 2. Fassung).

21  Seine Theorie ist aufgrund ihrer Nähe zum Kommunitarismus und der dort vertretenen philosophischen Konzeption vom ‘guten Leben’ bekannt geworden (vgl. Müller und Wegener, 1995: 15). Auf den Zusammenhang der gerechtigkeitsbezogenen philosophischen Debatten zwischen Liberalismus und Kommunitarismus kann an dieser Stelle jedoch nicht eingegangen werden (vgl. hierzu die Beiträge in: Brumlik und Brunkhorst, 1993; Frankenberg, 1994; Honneth, 1995; Mulhall und Swift, 1992; Zahlmann, 1992).

22  So sind selbstbezogene Verteilungsprinzipien vorstellbar, wenn es die prinzipiellen Verteilungsregeln innerhalb von persönlichen Paarbeziehungen zu untersuchen gilt oder die Verteilungsregeln, die eine Person sich selbst auferlegt (z.B. Nach welcher Regel belohne ich mich, wenn ich dieses oder jenes Arbeitspensum am Tag schaffe? Für jede fünfte Seite geschriebener Text eine Tafel Schokolade?). Und andererseits können ordnungsbezogene Gerechtigkeitsbewertungen z.B. in der Form internationaler Verteilungstransaktionen zwischen Ländern im Rahmen der internationalen Finanz- und Verteilungsarchitektur analysiert werden.

23  Und in der deutschen Ideologie: "Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d.h., die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende ideelle Macht" (Marx und Engels, 1969: 46).

24  Ein weiteres Argument gegen die These der dominanten Ideologie liefert Marx nach Wegener (1992: 273) bereits selbst, indem er an anderer Stelle konstatiert, dass jede Klasse ihre eigenen Interessen ausbildet und verfolgt. Die verschiedenen Interessen stoßen in einer Gesellschaft notwendigerweise aufeinander. Von daher kann es keine einzige dominante ‘Ideologie’ geben.



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18.07.2006