4 Wohlfahrtsstaatliche Arrangements als Verteilungsregime

↓43

Geht es um die Verteilung des Wohlstands in einer modernen Gesellschaft, richtet sich der Blick interessanterweise zunächst nicht auf den Markt und seine auf Leistung und Wettbewerb bezogenen Verteilungsregeln, sondern auf den Wohlfahrtsstaat, von dem erwartet wird, dass er gerade die durch Marktkräfte entstandenen normativ und politisch nicht gewollten 'Fehlallokationen' und Ungleichheiten ausgleicht. Dem wohlfahrtsstaatlichen Arrangement einer Gesellschaft kommt bei der Verteilung des Wohlstands also eine zentrale Bedeutung zu, die vor allem darin begründet liegt, dass er eine politische Größe ist, die von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen politisch zu gestalten beansprucht wird (vgl.Luhmann, 1981;Offe, 1972).

↓44

Der Wohlfahrtsstaat muss als institutionelles Arrangement und aus dieser Sicht als zentrales Charakteristikum moderner Gesellschaften aufgefasst werden, das für Fragen der Gerechtigkeit von erstrangiger Bedeutung ist. So sind in seiner institutionellen Gestalt Gerechtigkeitsvorstellungen als normative Grundlage strukturell verankert und wirken auf die Lebensvollzüge und Lebenschancen von Menschen und beeinflussen damit auch wiederum ihre Wahrnehmungen, Bewertungen, Einstellungen und die Befürwortungen normativer Verteilungsideologien. Wohlfahrtsstaatliche 'Kulturen' wirken also strukturell auf Individuen und individuelles Denken und Handeln.

In diesem Kapitel werden deshalb wichtige Erkenntnisse der Wohlfahrtsstaatsforschung herangezogen und in den Rahmen dieser Studie gestellt. Nach Begriffsklärungen und Ausführungen zum Grundverständnis des Wohlfahrtsstaates unter Bezugnahme auf die internationale komparative Wohlfahrtsforschung werden Versuche der Typologisierung unterschiedlicher wohlfahrtsstaatlicher Arrangements in westlich-kapitalistischen Ländern dargestellt. Dabei werden relevante Dimensionen hinsichtlich der Einteilung und Unterscheidung von Wohlfahrtsregimes diskutiert. Die anhaltend populäre Einteilung von Esping-Andersen (1990;1999), der zwischen liberalen, konservativ-korporatistischen und sozialdemokratischen Wohlfahrtsregimes unterscheidet, wird eingehend erläutert, da sie eine wesentliche Grundlage dieser Untersuchung bildet. Mit Blick auf die wohlfahrtsstaatliche Entwicklung in postkommunistischen Ländern Osteuropas, der sich daran anschließt, ist eine Typologisierung unter Bezug auf Esping-Andersen allerdings nicht möglich, weil die zentrale Annahme einer langfristigen pfadabhängigen Entwicklung in diesen von radikalem Wandel erfassten Ländern nicht gegeben ist.

Abschließend wird die Möglichkeit der Verbindung wohlfahrtsstaatlicher Programmatik auf Makroebene mit individuellen Einstellungen, Wahrnehmungen und Bewertungen der Bevölkerung unter Bezugnahme auf das sozialtheoretische Zu- und Ineinander von 'Struktur' und 'Handeln' diskutiert und anthropologisch fundiert. Damit lässt sich die Bedeutung wohlfahrtsstaatlicher Arrangements im Rahmen einer theoretischen Weiterführung für die empirische Gerechtigkeitsthematik veranschaulichen.

4.1 Wohlfahrtsstaat und Wohlfahrtsstaatsforschung

↓45

Der Wohlfahrtsstaat ist im Kontext der im Zuge der Moderne eintretenden Herausbildung dreier Formen von Staatlichkeit zu sehen: (1) der Rechtsstaatlichkeit, mit der Durchsetzung, Achtung und Garantie bürgerlicher Freiheitsrechte (vor allem auch vor Eingriffen des Staates), (2) der demokratischen Staatlichkeit, welche die politischen Mitwirkungsrechte der Bürger gewährleistet, und (3) der Sozialstaatlichkeit, bei der es um die Erfüllung sozialer Anspruchsrechte geht (vgl.Marshall, 1992). Diese im Zuge der Moderne nach- und nebeneinander eintretenden konflikthaften politischen Bewegungen, die zeitgeschichtlich vor allem mit der französischen Revolution und der zunehmenden Industrialisierung verbunden werden können, bestimmen alle modernen industrialisierten, marktwirtschaftlich und demokratisch geprägten Gesellschaften bis heute.25 Dabei stehen Freiheit und Gleichheit als politische Ziele der rechtstaatlichen und der sozialstaatlichen Bewegung in einem Konflikt erzeugenden Spannungsverhältnis, wenn es staatliche Aufgabe ist, einerseits Freiheiten der einzelnen in der Gesellschaft zu sichern, indem der Staat wenig in die persönlichen Lebensentwürfe und Belange der einzelnen eingreift und der freiheitlichen Selbstentfaltung Raum verschafft, und andererseits soziale Ungleichheiten ausgleichend zu mildern, indem der Staat umverteilend eingreift und die Bevölkerung damit in die Pflicht nimmt (vgl.Dahrendorf, 1992;Dahrendorf, 2003;Sachße, 1990). Mit Freiheit wird auch und vor allem wirtschaftliche Freiheit, Freiheit der Marktkräfte und freier Wettbewerb im Sinne von Marktwirtschaft verstanden, denen der Wohlfahrtsstaat als ausgleichendes Korrektiv für Fehlentwicklungen in kapitalistischen Gesellschaften zur Seite steht. Nach dem Zusammenbruch der politischen und wirtschaftlichen Systeme in Osteuropa, die eine alternative wirtschaftliche Konzeption im Vergleich zur freien Marktwirtschaft westlicher Prägung verfolgten, erscheinen Marktwirtschaft und Demokratie westlicher Prägung auf ganzer Linie alternativlos. Wohlfahrtsstaaten dagegen existieren im Plural, d.h. es gibt verschiedene Formen wohlfahrtsstaatlicher Arrangements, zwischen denen der Wettbewerb um den "zukunftsfähigsten" längst entbrannt ist. Dabei geht es bei grundsätzlicher Betrachtung stets um die Frage, ob wohlfahrtsstaatliche "Intervention nun unvereinbar mit den Motiven und Prinzipien effizienten Wirtschaftens oder ob sie gerade umgekehrt unverzichtbar für die Stabilität und Reproduktion kapitalistischer Ökonomien sei - oder ob ironischerweise vielleicht sogar beides zutreffe" (Lessenich, 2000: 39).

Wohlfahrtsstaaten sind permanent umstritten und haben - so zeigt es insbesondere die bundesdeutsche Diskussion, die im Kern aber auch in allen anderen Ländern geführt wird - die unangenehme Eigenschaft, ständig in der Krise zu sein (vgl.Alber, 1988;Alber, 2002;Kaufmann, 1997;Kaufmann, 1997;Kaufmann, 2002;Klein und Scrivens, 1985;Lessenich, 2000: 65ff). Und Krisen resultieren offensichtlich aus zweierlei Problembereichen, nämlich aus einem objektiven, der sich aus konkreten veränderten wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen speist26, und einem subjektiven, der sich aus einem "politischen" Problemdruck ergibt (vgl.Flora et al., 1977: 718) und seine Legitimationsgrundlage betrifft.27 Schon die Entstehung und Entwicklung von Wohlfahrtsstaaten wird gewöhnlich als Folge von Krisen der Industrialisierung gedeutet, auch wenn die sozialwissenschaftliche Wohlfahrtsstaatsforschung diesbezüglich durch unterschiedliche Erklärungsansätze gespalten ist (vgl.Esping-Andersen, 1990;Esping-Andersen, 1998;Lessenich, 2000).28 Danach hat der Wohlfahrtsstaat die Aufgabe, die durch Industrialisierung und Kapitalismus erzeugten sozialen Gegensätze zu mildern. Freilich scheint die Lösung dieser Ursprungskrise mittlerweile selbst zur Krise geworden zu sein, wenn beispielsweise Offe schreibt: "Die Maschinerie des Klassenkompromisses ist selbst Objekt von Klassenkonflikten geworden" (Offe, 1984: 325). Ähnlich negativ äußert sich auch Luhmann, aus dessen Sicht der Wohlfahrtsstaat selbst eine eigene Wirklichkeit schaffe, indem er auch jene "Zustände und Probleme erzeugt, auf die er reagiert" (Luhmann, 1981: 15). Dass Wohlfahrtsstaaten hochgradig politisierte soziale Einrichtungen, deren Entstehung, Gestalt und Wandel an die jeweiligen Wertüberzeugungen und Interessen der Menschen gebunden ist, die um die konkrete Ausgestaltung der Strukturen streiten, in denen sie leben, macht deutlich, dass hier die normativen und prinzipiellen Grundlagen des sozialen Zusammenlebens berührt werden. Dabei geht es stets auch um Fragen der Gerechtigkeit, nämlich wie eine gerechte Verteilung von Wohlstand und Absicherung von Lebensrisiken erreicht werden kann. Die Legitimität eines institutionellen Arrangements wie dem Wohlfahrtstaat hängt wesentlich von den Einstellungen derer ab, die in und mit diesem leben.

Der Wohlfahrtsstaat ist seit seiner Entstehung Ende des 19. Jahrhunderts ein fachübergreifendes interdisziplinäres Forschungsfeld, das politische, ökonomische, juristische und sozialwissenschaftliche Sichtweisen mit ihren je eigenen Schwerpunkten integriert.29 Gerade die komparative Forschung über Wohlfahrtsstaaten hat eine Engführung auf nationale Entwicklungen durch den Blick über Landesgrenzen aufgelöst und den Blick auf die eigene Problemlage perspektivisch erweitert (vgl. z.B. aus deutscher SichtAlber, 1998;Leibfried und Wagschal, 2000;Obinger und Wagschal, 2000;Schmid, 2001;Schmid, 2003;Schmid und Niketta, 1998;Schmidt, 1999).

↓46

Dies fällt zunächst an den Begrifflichkeiten auf. Während in Deutschland eher der Begriff "Sozialstaat" verwendet wird, dominiert in internationalem Zusammenhang der Begriff "Wohlfahrtsstaat", obwohl beides scheinbar dasselbe meint. In Deutschland hat sich vermutlich aufgrund der Grundgesetzregelung der Begriff "Sozialstaat" im öffentlichen Diskurs langfristig etabliert (vgl.Zohlnhöfer, 1990), im Kontext der internationalen Forschung hingegen der umfassendere Begriff "Wohlfahrtsstaat". Hinter diesen Begrifflichkeitsanimositäten verbergen sich aber auch Einsichten, die auf inhaltliche Unterschiede hindeuten. Während es sich beim Begriff des Sozialstaats eher um punktuelle Eingriffe des Staates handelt, geht es aus wissenschaftlicher Sicht in Bezug auf den Wohlfahrtsstaatsbegriff um mehr: Er ist nicht nur eine Ansammlung staatlicher Institutionen und Praktiken, sondern "eine bestimmte Form gesellschaftlicher Organisation", eine spezifische Art "politisch veranstalteter Vergesellschaftung" (Kaufmann, 1989: 94). Diese Einsicht aus der angelsächsischen Wohlfahrtsstaatsforschung sieht den Wohlfahrtsstaat umfassender als ganzes wohlfahrtsstaatliches Arrangement, das als komplexer Zusammenhang interdependenter Verknüpfungen und Strukturierungen mehrerer Sphären zu konzeptualisieren ist, von der Produktionssph ä re bzw. dem Markt, der Verteilung s sphäre bzw. dem Staat und der Reproduktionssphäre bzw. den privaten Haushalten und Wohlfahrtsverbänden (vgl.Esping-Andersen, 1999;Kaufmann, 2002: 226f). Er besteht nicht nur aus einer komplexen Struktur institutioneller Arrangements, sondern wirkt strukturierend in die Gesellschaft und in die individuellen Lebensvollzüge der einzelnen hinein.

Betrachtet man die wohlfahrtstaatlichen Arrangements verschiedener Länder, lässt sich im Vergleich ferner feststellen, dass jedes Land eigene wohlfahrtsstaatliche Prioritäten verfolgt und diese für das jeweilige Verständnis des eigenen Wohlfahrtsstaats prägend sind. So gehört beispielsweise das Bildungssystem in angelsächsischen Ländern wie selbstverständlich zum wohlfahrtsstaatlichen System, in Deutschland dagegen wird Bildung abgekoppelt vom Sozialstaat als eigener Bereich betrachtet (vgl.Allmendinger, 1999;Allmendinger und Aisenbrey, 2002;vgl.Allmendinger und Leibfried, 2003). Der Blick über Ländergrenzen auf die internationale Ebene muss diesen Unterschieden Rechnung tragen. Auch besteht die Gefahr einer verzerrten Wahrnehmung durch implizite Wertungen, wenn andere Wohlfahrtsstaaten nur an der eigenen Meßlatte oder einem vorgefertigten normativen Idealbild gemessen werden. So wird beispielsweise dem schwedischen Wohlfahrtsstaat oft eine normative Leitbildfunktion zugesprochen, hinter dem alle anderen Länder sozialpolitisch zurückfallen (vgl.Menningen, 1969).

Der Begriff "Wohlfahrtsstaat" verweist zunächst auf den Staat als Träger der Sozialpolitik. Er ist "Bestandteil staatlicher Herrschaft" (Rieger, 1992: 20). Und für Flora, Alber und Kohl (1977) wird der Wohlfahrtsstaat über jene "staatlichen Interventionen definiert, die auf eine Verwirklichung der Ziele von Gleichheit und Sicherheit in Bezug auf die Verteilung wirtschaftlicher Güter und Ressourcen auf der Grundlage von Rechtsansprüchen zielen" (Flora et al., 1977: 723). Auch bei Luhmann (1981) wird der Wohlfahrtsstaat "als Staat charakterisiert, der für bestimmte Schichten der Bevölkerung in großem Umfange Sozialleistungen bereitstellt und dafür in rasch wachsendem Maße Kosten aufzubringen hat“ (Luhmann, 1981: 25). Dennoch müssen mit dem Wohlfahrtsstaat auch jene nicht-staatlichen Institutionalisierungsformen sozialer Solidarität in Verbindung gebracht, die außerhalb der unmittelbar staatlichen Sphäre liegen, wie Wohlfahrtsverbände, kirchliche Einrichtungen, Hospize etc. (vgl.Evers und Olk, 1996;Goll, 1991;Heinze et al., 1997), aber auch die Wohlfahrtsproduktion in Familien und Haushalten (vgl.Esping-Andersen, 1999;Kaufmann, 2002: 226f). Für eine Konzeptualisierung ist die Beschreibung möglichst aller Dimensionen und Erscheinungsweisen wohlfahrtsstaatlichen Agierens und Steuerns unerlässlich.

↓47

Hilfreicher für eine definitorische Fassung des Wohlfahrtsstaates ist die Unterscheidung von Bereichen: Der Wohlfahrtsstaat kann (1) über Ziele und Aufgaben, (2) über Mittel, Institutionen und Verfahren und (3) über die historische Dimension definiert werden (vgl.Pioch und Vobruba, 1995: 116;Rieger, 1992: 19ff). Vor allem hinsichtlich der Ziele besteht Einigkeit: Danach hat der Wohlfahrtsstaat ausdrücklich die Aufgabe, sozioökonomische Sicherheit und sozioökonomische Gleichheit herzustellen (vgl.Flora et al., 1977;Roller, 1992: 10). Neben Sicherheit vor negativen Modernisierungsfolgen (Stabilisierung der Lebenschancen) und Gleichheit hinsichtlich der Einlösung bürgerlicher, politischer und sozialer Grundrechte (vgl.Flora et al., 1977;Zapf, 1989: 61) führt Zacher (1987;1993: 16) als zentrale Zieldimensionen auch Gerechtigkeit hinsichtlich der Verteilung des erarbeiteten Wohlstandes an.30 Aus der systemtheoretischen Perspektive Luhmanns wird auch das Ziel der "politischen Inklusion" genannt, das nicht bloß eine "Anhebung allgemeiner Mindeststandards" meint, sondern das die Einbeziehung der Gesamtbevölkerung in die gesellschaftlichen Funktionssysteme garantieren soll (vgl.Luhmann, 1981: 27).

Im Rahmen dieser Studie bleibt aus den kurzen vorangegangenen Erörterungen im Hinblick auf die bundesdeutsche Diskussionslage festzuhalten, dass das Konzept des Wohlfahrtsstaates umfassend verstanden werden muss. Auch wenn von Wohlfahrtsstaaten gesprochen wird, ist damit ein ganzes institutionelles Arrangement gemeint, das nicht nur den Staat als Akteur einschließt.31 Wohlfahrtsstaaten haben ganz unterschiedliche Entstehungsgeschichten, Regulierungstraditionen und Entwicklungsperspektiven (vgl.Lessenich, 1995: 56). Sie strukturieren das soziale Leben allgemein und individuelle Lebensläufe insbesondere (vgl.Mayer und Müller, 1986;Mayer und Müller, 1989). Sie stellen damit nicht nur Sicherheit bei eintretenden Risiken her und bewirken Gleichheit, durch eine Umverteilung allzu großer Einkommensdisparitäten, sondern sie schaffen mit diesen strukturellen Eingriffen möglicherweise auch neue soziale Ungleichheitsstrukturen (vgl.Esping-Andersen, 1990). Wohlfahrtsregimes dürfen nicht nur auf ihre Kompensationsfunktion in der Form von Reparaturzahlungen beschränkt, sondern müssen um die institutionelle Dimension erweitert werden. Danach wirken wohlfahrtstaatliche Arrangements bereits im Vorfeld konkreten Eingreifens durch das bloße Etablieren entsprechender Ordnungen, Regelungen und Verfahren in das öffentliche Leben. Die wohlfahrtsstaatliche Ordnungsstruktur ist Individuen ideologisch und alltagspraktisch vorgegeben und dazu kommen kompensierende Eingriffe in der Form von Sozialausgaben hinzu (vgl.Lessenich, 1995: 64). Wohlfahrtsstaaten wirken also mindestens hinsichtlich zweier Dimensionen, einerseits durch eine bestimmte Konstitution als Institutionen geleitet von bestimmten normativen Vorstellungen und andererseits auch durch eine bestimmte Form der Ko m pensation (z.B. durch Art und Höhe der Hilfe in Not).

4.2 Typologien wohlfahrtsstaatlicher Regimes

Um zu verstehen, wie Wohlfahrtsstaaten kompensatorisch (im wesentlichen durch die Höhe der Sozialausgaben) und konstitutiv (im wesentlichen durch seine moralische Normativität hinsichtlich seiner jeweiligen Verteilungsideologie) auf die individuelle Wahrnehmung von sozialer Ungleichheit und Ungerechtigkeit sowie auf die Präferenz von Verteilungsideologien wirken, ist es notwendig, den Wohlfahrtsstaat in den einzelnen Ländern in seiner diesbezüglichen Charakteristik genauer zu bestimmen. Dies kann prinzipiell zum einen durch die Bestimmung zentraler Indikatoren geschehen, die den Wohlfahrtsstaat hinreichend zu repräsentieren vermögen. Zu denken ist hier an Indikatoren wie die tatsächliche soziale Ungleichheit in einem Land, die Ausgaben für soziale Sicherung als Anteil am erwirtschafteten Bruttoinlandsprodukt, die Arbeitslosigkeit, die staatlichen Transfers (Steuerabgaben, Sozialbeiträge, Ausgaben für verschiedene Bereiche der sozialen Sicherung etc.) u.a. Zum anderen können Klassifizierungen von Wohlfahrtsstaaten gebildet oder verwendet, welche das jeweilige Typische seiner Art entschlüsseln. Wohlfahrtsstaatstypologien, die sich in der internationalen Wohlfahrtsforschung spätestens seit Esping-Andersen (1990) höchster Popularität erfreuen, bilden Typologien von Wohlfahrtsstaaten auf empirischer Basis.32 Dabei sind solche Versuche dann Erfolg versprechend, wenn sie möglichst alle Schattierungen und Dimensionen von Wohlfahrtsstaaten konzeptionell zu integrieren und das Typische durch Abstraktion, Verallgemeinerung und damit Komplexitätsreduktion herauszuarbeiten vermögen.

↓48

Typologien von Wohlfahrtsstaaten richten ihre Aufmerksamkeit meist auf bestimmte Merkmale, Dimensionen, Entstehungsweisen und Ausprägungen des Wohlfahrtsstaates, denen nach empirischer Prüfung theoretische Bedeutung zugemessen wird. Einzelne Länder lassen sich dann anhand der gefundenen Dimensionen unterscheiden. Es können dabei ganz unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden. So können für die einen die konkurrierenden philosophischen 'Ideologien' und Werthaltungen der Wohlfahrtsstaaten im Vordergrund der Klassifizierung stehen (Titmuss, 1974), für andere gilt als Unterscheidungskriterium lediglich die Höhe der Sozialausgaben als Maß der Ausprägung eines Wohlfahrtsstaates, für wieder andere sind es die Institutionalisierungen des Wohlfahrtsstaates (vgl.Rieger, 1992) und seine institutionelle und strukturierende Wirkung auf das Leben der Menschen (vgl.;vgl.Mayer, 2001;Mayer und Müller, 1989, auch Allmendinger und Hinz 1997). Einige Typologisierungen, die teilweise deutliche Gemeinsamkeiten aufweisen, werden nun vorgestellt und bewertet (vgl. Tab. 5).

Tab. 5: Typologien wohlfahrtsstaatlicher Regimes

 

Typ

I

II

III

 

Titmuss

(1974)

Residual welfare model

Industrial achievement - performance model

Institutional redistributive model

 

Furniss und Tilton

(1977)

Positive State

Social Security State

Social Welfare State

 

Korpi

(1980)

Marginaler Wohlfahrtsstaat

 

Institutioneller Wohlfahrtsstaat

 

Esping-Andersen

(1990)

Liberaler Wohlfahrtsstaat

Konservativer Wohlfahrtsstaat

Sozialdemokratischer Wohlfahrtsstaat

 

Ferrera

(1993)

 

Beruflich fragmentierter Wohlfahrtsstaat

Universalistischer Wohlfahrtsstaat

 

Französische Wohlfahrtsstaats-forschung

 

Bismarck-Typus

Beveridge-Typus

Eigene Zusammenstellung

Einen sehr frühen Versuch einer Wohlfahrtstypologie unternahm Titmuss (1974), indem er die Gestaltungsmaximen, die Wert- und Ordnungsvorstellungen der Sozialpolitik als Dimension in den Vordergrund rückte. Es geht in seinen drei 'social policy models' um die 'Ideologie' bzw. um die moralischen Ziele verschiedener Wohlfahrtsstaaten und die entsprechenden Mittel ihrer Verwirklichung. Er unterscheidet zwischen dem res i dualen Wohlfahrtsmodell, in dem Sozialpolitik nur subsidiär zu Markt und Familie ansetzt, Sozialleistungen an Einkommens- und Bedürftigkeitsprüfungen gebunden sind und kein eigenständiger Rechtsanspruch darauf besteht, dem industrial achi e vement - performance Modell, bei dem sich Sozialpolitik an ökonomischen Kriterien und Funktionslogiken orientiert, indem Sozialleistungen vom Arbeitsverhältnis abhängen und mittels Beitragsleistungen begründet werden, und dem instit u tionell umverteilenden Wohlfahrtsmodell, in dem aus Gründen der Solidarität und mit dem Ziel der Herstellung von mehr Gleichheit umverteilt wird, und in dem soziale Anspruchsrechte den Charakter staatsbürgerlicher Grundrechte haben (vgl.Kohl, 1993: 72). Versucht man die Modelle politischen Traditionen zuzurechnen, steht das residuale Modell eher liberalen, das industrial achievement Modell eher konservativen und das institutionelle Modell eher sozialistischen Traditionen nahe. Allerdings ist diese Zuordnung von politischer Traditionslinie, Modelltyp und den entsprechenden Ländern nicht eindeutig. Beispielsweise ließe sich Großbritannien aufgrund der Beveridge-Reformpläne und wegen seiner sozialistischen Sozialpolitiktradition dem institutionellen Modell, jedoch hinsichtlich seiner (früh-)liberalen Sozialpolitik-Phase dem residualen Modell zuordnen. Es bleiben Widersprüche nicht zuletzt dadurch, dass sich Wohlfahrtsstaaten nur tendenziös hinsichtlich der Inspiration durch verschiedene politische Richtungen unterscheiden lassen, denn historisch betrachtet änderte sich in vielen Ländern mit einem politischen Regierungswechsel meist nur wenig an der Um- und Ausgestaltung des Wohlfahrtsstaates. Zudem haben sich Institutionalisierungsformen, wie zum Beispiel das System der sozialen Sicherung, das zwar als eines der Charakteristika des industrial achievement-performance model angesehen wird, in den meisten Ländern unabhängig von politischen Orientierungen durchgesetzt (vgl.Kohl, 1993: 73).

↓49

Korpi (1980) und Mishra (1981) gehen von zwei diametral gegensätzlichen sozialpolitischen Modellen aus, die als Extreme aufgefasst werden können, zwischen denen alle Wohlfahrtsstaaten verortet werden können. Sie unterscheiden zwischen dem marginalen und dem institutionellen Wohlfahrtsstaat. Allerdings lässt sich mit einer solchen Dichotomie beispielsweise die Eigenart eines deutschen Wohlfahrtsstaates mit seiner starken Koppelung der Sozialpolitik an die Stellung auf dem Arbeitsmarkt wenig erhellen. Die Mehrdimensionalität von Sozialpolitik lässt sich mit einer dichotomen Typologie kaum abbilden.

Der wohl bislang am meisten stimulierende Versuch einer Typologie von Wohlfahrtsregimes geht auf die sozialpolitischen Untersuchungen von Esping-Andersen (1990) zurück. Während sich frühe Typologisierungsversuche meist auf die jeweiligen Sozialausgaben der Staaten (also nur die Dimension der Kompensation) als zentralen Indikator für die wohlfahrtsstaatliche Extensivität beschränkt haben, wird mit der Typologie Esping-Andersens der inhaltlichen Bestimmung wohlfahrtsstaatlicher Intensivität (also der Dimension der Konstitution) eher Rechnung getragen. Denn es kommt nicht nur darauf an, wie viel im Rahmen des Wohlfahrtsstaates verteilt wird, sondern auch, wie, nach welchen Kriterien, mit welchen Institutionen, an wen, warum und mit welcher ‘Ideologie’ (vgl.Kohl, 1993: 67). Die politischen Intentionen bzw. sozialpolitischen ‘Philosophien’ wohlfahrtsstaatlicher Aktivitäten und deren Institutionalisierungen bzw. Realisierungsformen werden in dieser Typologie mit dem Niveau der Sozialausgaben kombiniert. Wirtschaft, welche die Höhe der Sozialausgaben regelt, und Politik, welche die ‘Verteilungsideologie’ bestimmt, bzw. Markt und Staat müssen zusammengedacht werden. In einer Revision der Typologie wird auch den Haushalten verstärkte Aufmerksamkeit zuteil (vgl.Esping-Andersen, 1999). Drei Dimensionen sind für die Klassifizierung entscheidend (vgl. dazu ausführlichEsping-Andersen, 1990;Esping-Andersen, 1999;Kohl, 1993;Lessenich, 1994;Lessenich, 1995;Offe, 1993).

↓50

Aus seiner empirischen Analyse demokratischer Wohlfahrtsstaaten anhand dieser Dimensionen entwickelt Esping-Andersen (1990) drei wohlfahrtsstaatliche Typen: den liberalen, den konservativen und den sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat, die er als historisch relativ stabile Gebilde ansieht. Dabei kommt der Dimension der Dekommodifizierung die ausschlaggebende Bedeutung zu. Ein stark dekommodifizierender Wohlfahrtsstaat zeichnet sich dadurch aus, dass er wohlfahrtsstaatliche Unterstützung ohne eine notwendige Erfüllung aufgestellter Bedingungen (z.B. Beitragszahlungen) garantiert, dass ein soziales Minimum für jede Person rechtlich gesichert ist und dass die grundsätzlichen sozialen Risiken wie z.B. Arbeitslosigkeit, Behinderung, Krankheit und Alter usw. abgesichert sind. Im Dekommodifizierungs-Index sind also sowohl quantitative als auch qualitative Elemente vereinigt.

Die Wohlfahrtsstaats-Typologie Esping-Andersens wurde als wesentlicher Fortschritt im Vergleich zu früheren Typologieversuchen (vgl.Furniss und Tilton, 1977;Korpi, 1980;Mishra, 1977;Mishra, 1981;Titmuss, 1974) angesehen, v.a. weil er die jeweilige Verteilungslogik eines Landes (das 'Wie') mit der Höhe der tatsächlichen Sozialausgaben (das 'Wie viel') und dem Grad der sozialen Strukturierung zusammenbrachte. Über die Konzentration auf den quantitativen Aspekt der Sozialausgaben der traditionellen Forschung ging er deutlich hinaus und öffnete den Blick für die qualitative Dimension der Institutionalisierung von Wohlfahrtsstaatlichkeit. Außerdem verfolgt Esping-Andersen mehr als andere Ansätze einen historischen Zugang, der die politisch-ideologische Dimension mit einschließt, die im Rahmen dieser Studie von besonderem Interesse ist. Die Regime-Typen scheinen seiner Analyse nach intern relativ konsistent zu sein und sogar in ihrer historischen Genese robust (vgl.Kohl, 1993).

Eine Kritik seines Konzeptes in methodischer und inhaltlicher Art blieb nicht aus. So wurde bemängelt, dass seine Dimensionen nicht hinreichend empirisch überprüft werden können. Länder können nicht eindeutig und zweifelsfrei einem bestimmten Typus zugeordnet werden, weil ihre konkreten institutionellen wohlfahrtsstaatlichen Ausgestaltungen (z.B. die nach verschiedenen Logiken funktionierenden sozialen Sicherungssysteme) meist aus einem Mix unterschiedlicher und nicht exklusiver Typologie-Elemente bestehen (vgl.Kohl, 1993: 75). Unberücksichtigt bleiben etwa unterschiedliche Formen des Sozialschutzes, die meist unter den Stichworten Sozialversicherung versus Staatsversorgung, Beitrags- versus Steuerfinanzierung diskutiert werden. Problematisch ist hier etwa die Einteilung der Niederlande, die ein Sozialversicherungssystem besitzt, sich aber auch in derselben Kategorie wie Dänemark befindet, das steuerfinanziert ist. Unklar bleiben Fragen, wie sich aus einem Nebeneinander unterschiedlicher Dimensionen zweifelsfrei das dominante Element eruieren lasse und welche Dimension für eine eindeutige Zuordnung dann die wichtigste ist. Für Esping-Andersen scheint dies Dekommodifizierung zu sein. Unklar bleibt ferner, inwieweit die einzelnen Dimensionen in allen Ländern die gleiche Bedeutung haben (vgl.Offe, 1993: 83), inwiefern zeitliche Veränderungen der Wohlfahrtsstaaten (z.B. durch neue Maßnahmen oder durch Umbau) eine eindeutige Zuordnung zu Typen zulassen, sie also wirklich historisch einigermaßen robust sind.34 Diese Art kritischer Anfragen an die Typologie bezieht sich weitgehend auf den empirischen ‘Wahrheitsgehalt’ der Typologie. Allerdings scheint diese Art der Kritik oftmals unberechtigt, denn 'Idealtypen' wollen ihrem Anspruch nach keine 'Realtypen' sein.

↓51

Andere kritisieren inhaltlich, Esping-Andersen blende systematisch bestimmte Staaten aus, wie z.B. südeuropäische Wohlfahrtsstaaten (vgl.Ferrera, 1998;Leibfried, 1992;Lessenich, 1994: 227). Diese würden sozusagen als vierter Typus stärkeres Gewicht auf familiäre Wohlfahrtsvorsorge legen. Eine weitere Kritik an Esping-Andersens Ansatz entzündet sich an der ‘Geschlechtsblindheit’ seines Zuganges. Ihm wird vorgeworfen, er klammere das Geschlecht aus, obwohl Wohlfahrtsstaaten dem Geschlecht meist keineswegs gleichgültig gegenüberstehen. Familie bzw. Haushalt werden als wichtige Dimension nur erwähnt, nicht aber als konstitutives Element behandelt (vgl.Langan und Ostner, 1991;Orloff, 1993;Sainsbury, 1994;Sainsbury, 1996;Schmid, 1994). Vor allem hinsichtlich der wichtigen Dekommodifizierungs-Dimension werden Frauen in den einzelnen Typen unterschiedlich stark berücksichtigt, weil sie auf dem Arbeitsmarkt im Vergleich zu Männern unterrepräsentiert und in den einzelnen Ländern zudem auch unterschiedlich präsent sind (vgl. die neuere Diskussion beiLewis, 1997 und Kritikerinnen).35

Nach Esping-Andersen sind weitere Klassifikationen entstanden, die zwar nicht unbedingt viel mehr neuere Erkenntnisse zu Tage bringen, aber der Vollständigkeit halber vorgestellt werden sollen. So hat Ferrera (1993;1998) ein Modell vorgelegt, das die Reichweite des Wohlfahrtsstaates (Coverage-Modell) betont. Sein Modell konzentriert sich auf den Aspekt der Übermittlung von Wohlfahrt, nämlich auf die Reichweite von sozialen Sicherungssystemen. Er unterscheidet zwischen dem 'Occupational Welfare State', der sich dadurch auszeichnet, dass unterschiedliche Sozialsysteme unterschiedliche Gesellschaftsgruppen abdecken, und dem 'Universalist Welfare State', der aus einem einzigen Sozialsystem besteht und die ganze Bevölkerung gleichermaßen abdeckt. Diese Klassifizierung und Charakterisierung korrespondiert mit der üblichen Unterscheidung zwischen beitragsfinanzierter Versicherung und staatlich-steuerfinanzierter Versorgung. Danach lassen sich skandinavische Länder grob als eher universalistisch und kontinentaleuropäische Länder durch ein stärkeres Ausmaß an beruflicher Fragmentierung der Sozialversicherung charakterisieren. In der Typologie Ferreras ist die Reichweite die zentrale Dimension und damit v.a. die Rezipienten wohlfahrtsstaatlicher Leistungen im Blickwinkel. Die Vorteile dieser Klassifikation liegen in der klaren Unterscheidung zwischen dem Verteilungsmodus bzw. der Verortung von Wohlfahrtsleistungen und den Wohlfahrtsausgaben des Staates.

In der französischen Forschungstradition zum Wohlfahrtsstaat (vgl. z.B.Chatagner, 1993: 106;Rosanvallon, 1995: 45) wird grob zwischen dem Modell Beveridge und dem Modell Bismarck unterschieden (vgl. Tab. 6).36

↓52

Tab. 6: Typen der Sozialpolitik: Modell Bismarck und Modell Beveridge (nach Bonoli 1997)

  

Bismarck-Modell

Beveridge-Modell

 

Gegenstand/Ziel

Einkommenserhalt

Armutsvermeidung u. -bekämpfung

 

Inanspruchnahme

Einkommensbezogen

Einheitsrate

 

Berechtigung

Beitragsnachweis

Wohnnachweis oder Bedarf

 

Reichweite

Beschäftigte

Gesamtbevölkerung

 

Finanzierung

Beiträge

Steuer

Quelle: Bonoli (1997: 357); Eigene Übersetzung.

Ziel des Bismarckschen Modells ist der Einkommenserhalt von Berufsgruppen und nicht die Bekämpfung von Armut. Das Bismarck-Modell hat deshalb nur eine geringe Reichweite, da nur abhängig Beschäftigte im Sozialsystem integriert sind. Es hat keine Wirkung auf jene, die nicht am Arbeitsmarkt teilnehmen (können). Der Grund hierfür liegt in der historischen Entwicklung dieses Modells. Bismarck wollte durch die Begünstigung von Arbeitern deren Loyalität zum Staat und zum politischen System sichern. Er sah in der Arbeiterbewegung eine Gefahr für die politische Stabilität im Land. Seine Motivation lag nicht in einer Verbesserung der Arbeitersituation. Die Inanspruchnahme sozialpolitischer Leistungen richtet sich in diesem Typus von Sozialpolitik nach dem eigenen Einkommen. Berechtigt sind nur diejenigen, die nachweisen, dass sie Beiträge in das beitragsfinanzierte soziale Sicherungssystem entrichtet haben. Im Gegensatz dazu zielt das Beveridge-Modell auf die Gesamtbevölkerung und nicht nur auf Arbeiter. Das Ziel ist hier nicht Einkommenserhalt, sondern hauptsächlich die Verhinderung von Armut. Es gibt eine einheitliche Inanspruchnahme, zu der ein Nachweis des Wohnorts oder eine Berechtigung aufgrund eines bestimmten Bedarfs notwendig sind. Finanziert wird dieses Sozialsystem durch Steuern.

Ein Problem bei dieser Klassifikation liegt darin, dass die reale Wirkung beider Modelle (z.B. Ressourcen-Transfers von der arbeitenden Bevölkerung zur nicht arbeitenden Bevölkerung) letztendlich gleich, das eigentlich intendierte Wirkungsziel beider Modelle jedoch verschieden ist. Während Modell Bismarck auf Einkommenserhalt abzielt, richtet Modell Beveridge seine Aufmerksamkeit auf die Vermeidung und Bekämpfung von Armut. Diese Klassifikation bringt darin Vorteile, dass sie unabhängig von einer quantitativen Ausrichtung auf politische Dimensionen (z.B. Gleichheit und Umverteilung) Wert legt, welche die historische Entstehung einbezieht. Nachteilig ist freilich, dass keine klare Unterscheidung zwischen universeller und gruppenspezifischer Ausrichtung der wohlfahrtsstaatlichen Versorgung gemacht wird und dass der Versuch einer quantitativen Überprüfung unterbleibt.

↓53

Die Klassifikation europäischer Wohlfahrtsstaaten von Bonoli (1997) verbindet eine quantitative und eine qualitative Dimensionen, indem die Sozialausgaben und die Unterscheidung zwischen einem Bismarck-Typus und einem Beveridge-Typus berücksichtigt werden. Die Sozialausgaben werden in Prozent des Bruttoinlandsprodukts gemessen, die Bismarck-Beverdige-Dimension durch den Anteil der Beitragsfinanzierung an den Sozialausgaben approximiert.

Tab. 7: Europäische Wohlfahrtsstaaten anhand zweier Dimensionen (nach Bonoli 1997)

   

Qualitative Dimension

   

Beveridge-Typ

Bismarck-Typ

 

Quantitative

Hohe Sozialausgaben

Skandinavische Länder

Kontinentaleuropäische Länder

 

Dimension

Niedrige Sozialausgaben

Irland/England

Südeuropäische Länder

Darstellung nach Bonoli (1997: 361).

Als Ergebnis erhält Bonoli vier Idealtypen von Wohlfahrtsstaaten hinsichtlich der beiden Dimensionen, die auch geographisch zugeordnet werden können (vgl. Tab. 7). Skandinavische Länder zeichnen sich durch hohe Sozialausgaben und durch ein universales und meist steuerfinanziertes Sicherungssystem aus. Ebenfalls hohe Sozialausgaben haben kontinentaleuropäische Länder, die allerdings entsprechend dem Bismarck-Typus auf Einkommenserhalt zielen und ein beitragsfinanziertes Sicherungssystem besitzen. Generell niedrige Sozialausgaben haben angelsächsische und südeuropäische Länder, wobei erstere dem Beverdigeschen und letztere dem Bismarckschen Typus zuzurechnen sind. Diese Einteilung entspricht mit Ausnahme der Schweiz, der Niederlande, Belgiens und Finnlands weitgehend auch den Ergebnissen Esping-Andersens.

↓54

Die Verbindung der qualitativen Bismarck/Beveridge Dimension mit der quantitativen Dimension der Sozialausgaben ist gut geeignet, Wohlfahrtsstaaten voneinander abzugrenzen. Die Kombination quantitativer und qualitativer Elemente kann stärkeren Aufschluss über die zukünftige Entwicklung eines Wohlfahrtsstaates geben. Die qualitative Dimension besitzt bei Bonoli stärkeres Gewicht. Bismarck-Typen verteilen weniger vertikal um als steuerfinanzierte oder universell ausgerichtete Systeme. Im Wohlfahrtsstaat Bismarckschen Stils überwiegt horizontale Umverteilung, also eine Umverteilung nur zwischen Personen in derselben Einkommenskategorie, die von verschiedenen Risiken betroffen sein können. Die Beitragsfinanzierung und einkommensbezogene Inanspruchnahme von Sozialleistungen sind nicht progressiv wie bei der Steuerfinanzierung eines universalistischen Systems sozialer Sicherung, sondern entweder proportional, indem Beitragszahler dasselbe Verhältnis ihres Lohnes unabhängig vom Gesamteinkommen zahlen, oder sogar regressiv aufgrund von Ceiling-Effekten (Je höher das Einkommen, desto geringer das Verhältnis der Beitragszahlung).

Betrachtet man die vorgestellten Typologien wohlfahrtsstaatlicher Arrangements, so ist insgesamt gesehen der Schluss zu ziehen, dass einerseits im Rahmen einer Typologie mindestens zwei Dimensionen notwendig sind, um die Komplexität von Wohlfahrtsstaaten einzufangen, nämlich eine kompensatorische und eine konstitutive. Darüber hinaus haben die vorgestellten Typologien inhaltlich weitere mögliche Kriterien angeregt, die im Prinzip beliebig erweitert werden könnte:

↓55

Gleichwohl kann anderseits der Eindruck nicht zerstreut werden, dass die kumulative Ansammlung neuer Typologieversuche und neuer Einteilungskriterien und Dimensionen wenig Erkenntnisfortschritt in der international vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung gebracht hat und weiterhin bringt (vgl.Lessenich, 2000: 69). Die Bahn brechende und zugleich populäre Klassifizierung wohlfahrtsstaatlicher Regimes von Esping-Andersen (1990) wurde nicht mehr entscheidend übertroffen und bildet daher den Bezugspunkt dieser Studie. Bislang wurde zwar auf die Konzeption dieser Typologie eingegangen, indem sie formal beschrieben wurde, aber die einzelnen Typen müssen nun inhaltlich noch hinreichend beschrieben werden.

4.3 Beschreibung wohlfahrtsstaatlicher Regimes

Die Typologie Esping-Andersens (1990), die auch in seiner jüngsten Veröffentlichung beibehalten wurde (Esping-Andersen, 1999), unterscheidet zwischen dem liberalen, dem konservativen und dem sozialdemokratischen Wohlfahrtstypus. Die drei Typen lassen sich anhand zentraler Charakteristiken beschreiben (vgl. Tab. 8).

Tab. 8: Typologie von Wohlfahrtsregimes (nach Esping-Andersen 1990, 1999)

 

Regime-Typ

Liberal

Konservativ

Sozialdemokratisch

 

Zentrale regulative Idee

Eigenverantwortung

Status-Hierarchie

Universalismus

 

Dekommodifizierung
(= Schutz gegen den Markt)

Minimal

Hoch (für 'breadwinner')

Maximum

 

Dominantes Prinzip des sozialen Sicherungssystems

Fürsorge

Versicherung

Versorgung

 

Dominanter Wertebezug

Freiheit

Sicherheit

Gleichheit

 

Wesentlicher sozialer Strukturierungseffekt

Exklusion

Segmentierung

Inklusion

 

Ländergruppen

angelsächsische
Länder

kontinental-
europäische Länder

skandinavische
Länder

 

Zugeordnete Länder

USA, Kanada, Australien, Großbritannien

Deutschland, Österreich, Frankreich, Belgien, Italien, Spanien

Schweden, Norwegen, Dänemark, Finnland, Niederlande

Eigene Zusammenstellung auf der Basis von Esping-Andersen (1990;1999), Kohl (1993), Lessenich (1995).

↓56

Der liberale Regime-Typ findet sich vorwiegend im angelsächsischen Raum und ist idealiter in den USA verwirklicht. Der Markt regelt weitgehend die Versorgung und die Wohlfahrt der Bevölkerung. Sozialpolitische Institutionen und Interventionen beschränken sich auf ein Minimum und müssen marktkonform sein. Dem Staat kommt lediglich eine ordnungspolitische Aufgabe zu, den Markt und seine Ordnung zu stabilisieren und so die Eigenverantwortung der Einzelnen und gesellschaftlichen Gruppen zu erzwingen. Er übernimmt nur eine Art ‘Restverantwortung’ als Fürsorgestaat in Form „bedürftigkeitsgeprüfter Fürsorgeleistungen“ (vgl.Lessenich, 1995: 58).37 Die soziale Sicherung bleibt der Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger überlassen bzw. liegt allenfalls in den Händen intermediärer Instanzen (z.B. Kirchen, Tarifparteien etc.). Wohlfahrtsstaatlichkeit beschränkt sich hier auf das Allernötigste, nämlich auf Linderung von Armut bzw. der Sicherung eines Existenzminimums. Es findet fast keine staatliche, nur eine vom Markt geleitete Umschichtung statt. Der Grad der Dekommodifizierung ist minimal. Die Menschen sind eher vom Marktgeschehen (vor allem vom Arbeitsmarkt) abhängig. Die Sozialstruktur und Stratifizierung der Gesellschaft ist also stärker das Ergebnis von Marktprozessen und dessen Zuteilungskriterien als von der staatlicher Einflussnahme. In liberalen Wohlfahrtsstaaten gilt Freiheit als Wertbezug. Das Leistungsprinzip gilt als normatives Verteilungsprinzip des Wohlstands und ist wohlfahrtsstaatlich institutionalisiert. Lane (1986) spricht in diesem Zusammenhang von 'Marktgerechtigkeit' und betont den Markt als Akteur von Verteilungen. Es wird nur der vom Markt belohnt, der etwas leistet. Der Staat mischt sich wenig in das Marktgeschehen ein, sondern ergreift nur in äußersten Notlagen unterstützend die Initiative. Damit befördert der liberale Wohlfahrtstypus eine eher leistungsorientierte Gesellschaft.

Das konservative wohlfahrtsstaatliche Arrangement findet sich vornehmlich in den kontinentaleuropäischen Ländern. Idealiter ist er in Deutschland verwirklicht. Auch hier sichert der Staat nicht universal die Wohlfahrt seiner Bürgerinnen und Bürger, obwohl die Staatsaktivität hier ausgeprägter als beim liberalen Typus ist. Soziale Sicherung erfolgt subsidiär durch intermediäre Institutionen. Die Wohlfahrt des Landes bestimmt sich also nicht ausschließlich über den Markt (oder durch den Staat). Das Handeln des Staates konzentriert sich jedoch meist darauf, die bestehende marktgenerierte Status-Hierarchie zu stützen und zu sichern, die wesentlich von der Stellung auf dem Arbeitsmarkt bestimmt ist. Staatliche Transfers beruhen auf dem Versicherungsprinzip. Die Sozialversicherung ist stark gegliedert und besteht aus einer Art Zwangsversicherung und Versicherungspflicht. Der Status, der sich aus der Stellung auf dem eher segmentierten Arbeitsmarkt ergibt, wird einfach auf das System sozialpolitischer Versorgungslagen übersetzt und setzt sich in diesem Bereich fort. Es herrscht überwiegend das Leistungsprinzip: Nur wer arbeitet und in die Versicherungen einzahlt (oder bei einer erwerbstätigen Person mitversichert ist), hat Ansprüche auf Gegenleistung. Sicherungsansprüche sind weitgehend an die Stellung des Einzelnen im Erwerbssystem gekoppelt (‘Lohnarbeitszentrierung’). Soziale Sicherheit muss durch Teilnahme am Erwerbsleben ‘verdient’ werden. Das Konstrukt des ‘Normalarbeitsverhältnisses’ (Mückenberger, 1985;Mückenberger, 1990) und das Modell des ‘Male-Breadwinners’ sind zudem normativer Bezugspunkt für die soziale Sicherung und Wohlfahrt der Bürgerinnen und Bürger und wirken sich oft zusätzlich negativ auf bestimmte Bevölkerungsgruppen aus (z.B. Frauen, Alleinerziehende etc.). Der Grad der Dekommodifizierung hängt also weitgehend von der Stellung auf dem Arbeitsmarkt und von der Möglichkeit ab, in einem ‘Normalarbeitsverhältnis’ beschäftigt zu sein. Nur im Erwerbsleben Stehende können sich versichern und sich damit von Marktprozessen unabhängiger machen. Diejenigen, die nicht am Erwerbsleben teilnehmen (z.B. Frau und Kinder) werden über den meist männlichen ‘Breadwinner’ abgesichert und bleiben auf dessen Unterhalt auch hinsichtlich sozialer Sicherheit angewiesen. Der Staat greift in diesem Wohlfahrtsstaatstypus subsidiär ein, also nur dann, wenn die ‘je kleinere Einheit’ nicht mehr allein für sich eigenverantwortlich sorgen kann und Unterstützung braucht. Auch dieses Wohlfahrtsregime neigt zu wenig Umverteilung. Diese erfolgt eher dann, wenn die ‘konservative’ gesellschaftliche Moral (z.B. konservatives Familienleitbild) bedroht ist und gestützt werden muss, und auch dann meist nur horizontal (d.h. innerhalb einer sozialen Schicht), nicht jedoch vertikal (d.h. zwischen sozialen Schichten). Die ausgeprägte Segmentation des Arbeitsmarktes spiegelt sich in den sozialen Sicherungssystemen wider und wird dort fortgeschrieben. Dieses Regime begünstigt eine eher segmentierte Gesellschaftsstruktur, die im Wesentlichen auf Statussicherung beruht. Als institutionalisierte Verteilungsprinzipien gelten sowohl das Ausgleichs- als auch das Leistungsprinzip, denn sowohl der in den Arbeitsmarkt eingreifende Staat (z.B. durch Einkommenssteuern, Rahmenordnungen etc.) als auch der Markt mit seinen Eigenlogiken bestimmen die Höhe des Erwerbseinkommens und die Allokation von Gütern etc. Da der Staat nur subsidiär eingreift, können leistungszentrierten Verteilungsprinzipien auf dem Markt wirken. Zusätzlich dazu greift der Staat je nach Bedürftigkeit der einzelnen bzw. bestimmten Bevölkerungsgruppen mittels umverteilender und unterstützender Maßnahmen ein. Der Staat verteilt also hier um, ohne den Mechanismus der Belohnung von Leistung durch den Markt aufzuheben.

Das sozialdemokratische Wohlfahrtsmodell ist hauptsächlich in skandinavischen Ländern verwirklicht. Paradebeispiel ist Schweden. Der eine universalistische Politik verfolgende Staat übernimmt die umfassende Versorgung der Bürgerinnen und Bürger und die Verantwortung für ihre Wohlfahrt. Er garantiert einen bestimmten Lebensstandard für alle. Jedes Individuum hat unabhängig davon, ob es im Erwerbsleben steht und etwas ‘leistet’, das Recht, Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen. Der Staat sorgt mit einer aktiven Arbeitsmarktpolitik dafür, dass möglichst alle erwerbsfähigen Personen (vor allem auch Frauen) beschäftigt sind. Er tritt sogar selbst in höherem Ausmaß als zentraler Arbeitgeber auf, indem er die sozialen Dienstleistungen übernimmt und anbietet (großer öffentlicher Sektor). Dieser Wohlfahrtstypus sorgt also mittels Umverteilung für eine breite Versorgung der Bevölkerung mit sozialen Leistungen und Diensten. Der Grad der Dekommodifizierung ist damit sehr hoch. Durch eine erwerbsunabhängige Grundversorgung sollen die Bürgerinnen und Bürger weitgehend von den Märkten unabhängig gemacht werden. Durch die massive Umverteilung tendiert der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat zu einem Egalisieren sozialer Schichten und einem Abbau sozialer Ungleichheit. Die aktive Beschäftigungspolitik und die vom Erwerbsleben unabhängige staatliche Grundversorgung helfen, geschlechtsspezifische soziale Ungleichheit (wie sie in anderen Regimes gefördert wird) zu überwinden bzw. im Ansatz zu verhindern. Dieser Wohlfahrtsstaatstypus begünstigt die Entstehung einer egalitäreren Gesellschaft, da die Menschen unabhängig vom Markt (hohe Dekommodifizierung) gemacht werden, indem der Staat zwischen Reichen und Armen Wohlstand und Risiken aktiv umverteilt. Der Staat garantiert sozialen Ausgleich zwischen Bevölkerungsgruppen und für alle gleichermaßen soziale Sicherheit, weshalb man nach Lane (1986) auch von 'politischer' bzw. 'Staatsgerechtigkeit' sprechen kann.

↓57

Hinsichtlich der wohlfahrtsstaatlich institutionalisierten Gerechtigkeit in verschiedenen Wohlfahrtsregimes kann man abschließend zusammenfassen: Das Leistungsprinzip ist in liberalen Wohlfahrtsstaaten vorherrschend institutionalisiert. Der Staat greift nur wenig in die Verteilungsvorgänge ein. Stattdessen regelt der Markt weitgehend, wie viel der Einzelne bzw. Bevölkerungsgruppen zugeteilt bekommen. Das Bedarfs- bzw. das Ausgleichsprinzip ist in sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaaten stärker institutionalisiert als in liberalen. Hier greift der Staat mehr oder weniger stark in die Verteilungen des Marktes ein und verteilt noch zusätzlich nach bestimmten Kriterien zwischen Einzelnen bzw. Bevölkerungsgruppen um, nämlich meist nach denen des Bedarfes. Diese Kriterien richten sich nach bestimmten individuellen Merkmalen von Personen und Gruppen. Verschiedene Personengruppen werden also vom Staat ungleich behandelt, indem ihnen unterschiedlich viel Geld zusätzlich bzw. weniger zufließen. Personen in der gleichen Gruppierung, welche dieselben Merkmale aufweisen, werden gleich behandelt. Personen in unterschiedlichen Gruppierungen mit verschiedenen Merkmalen werden nach dem jeweiligen Kriterium ungleich behandelt. Das Ausgleichs- bzw. das Bedarfsprinzip ist wie das Leistungsprinzip ein Differenzprinzip, das Personen nur dann gleich behandelt, wenn sie - wie im Fall des Leistungsprinzips - die gleiche Leistung erbringen oder - wie im Falle des Ausgleichsprinzips - dieselben Merkmale aufweisen, die den Bedarf einer Person bzw. Gruppe bestimmen.

Die Diskussion im Anschluss an Esping-Andersen (1990) regte einen vierten Regimetypus an, der als südeuropäisch-mediterraner Wohlfahrtstypus charakterisiert werden kann (vgl.Ferrera, 1996;Leibfried, 1992;Lessenich, 1994). Dieser findet sich beispielsweise in Spanien und Italien, die in der Typologie Esping-Andersens dem konservativen Tyus zugerechnet werden. Der Wohlfahrtsstaat in diesen Ländern gilt nicht zuletzt deswegen als relativ rudimentär, weil er im Vergleich zu anderen relativ spät entstanden ist. Er lässt sich als klientelistisch in Bezug auf die Verteilungspraxis beschreiben, weil regierende christliche Parteien damit ihre eigene Wahlklientel bedienen (Ferrera, 1996). Esping-Andersen (1999) lehnt diesen Aspekt als konstitutives Kriterium eines eigenen Typus ab, da der Wohlfahrtsstaat in diesen Ländern nicht zu diesem Zweck geschaffen wurde. Ebenso lehnt er Leibfrieds (1992) Hinweis auf die Besonderheit des sozialen Sicherungssystems in diesen Ländern ab, das als rudimentär gelten kann, da soziale Sicherung nur ein Element von vielen und eben nicht konstituierend ist (vgl.Esping-Andersen, 1999: 90). So wurde der Wohlfahrtsstaat in diesen Ländern deswegen nicht ausgebaut, weil ein starker 'Familialismus' herrscht (Banfield, 1958), der den Ort sozialer Hilfe in der Familie verankert "and it is assumed that families normally do not 'fail'" (Esping-Andersen, 1999: 90).

Im Rahmen dieser Studie wird auf die typologische Einteilung Esping-Andersens zurückgegriffen, die um den mediterranen Typus erweitert wird. Damit soll trotz der grundlegenden Gemeinsamkeiten mit dem konservativen Typus auch die Eigenart als rudimentärer Typus berücksichtigt werden. Nach dieser Beschreibung westlicher Wohlfahrtsregimes muss nun der Blick auf die Entwicklungen im postkommunistischen Osteuropa lenkt werden.

4.4 Wohlfahrtsstaatliche Entwicklung in postkommunistischen Ländern

↓58

Die wohlfahrtsstaatliche Entwicklung in postkommunistischen Ländern Osteuropas stellt die internationale Wohlfahrtsstaatsforschung vor neue Herausforderungen. Der radikale Systemwechsel mit Beginn der 90er Jahre, der zunächst vor allem wirtschaftlich vom Plan zum Markt und politisch hin zur Demokratie bewerkstelligt werden musste (vgl. hierzu Kap. 5.2), stellte diese Länder - mit Ausnahme der ehemaligen DDR, die durch einfachen Institutionentransfer des wohlfahrtsstaatlichen Arrangements aus der ehemaligen Bundesrepublik dieser Aufgabe entledigt wurde - vor das Problem, welchen Wohlfahrtsstaat sie entwickeln und institutionalisieren sollten. Während es hinsichtlich Demokratie und Marktwirtschaft als Basisinstitutionen der Moderne (Zapf, 1994;Zapf, 1996) nur wenig alternative Möglichkeiten gab, gestaltet sich die Neukonzeption des Wohlfahrtsstaates angesichts der Auswahl verschiedener modellhafter Typen in westlichen Ländern weitaus schwieriger, nicht zuletzt auch deswegen, weil die Ausgestaltung des wohlfahrtsstaatlichen Systems von der Bevölkerung akzeptiert werden musste (vgl.Götting und Lessenich, 1998: 312f). Außerdem hat das Problem der "Gleichzeitigkeit" (Offe, 1991;Offe, 1994), also des gleichzeitigen Umbaus des politischen und wirtschaftlichen Systems, die Institution des Wohlfahrtsstaates zu Beginn der Transformationsprozesse noch nicht in vollem Umfang betroffen. Die wohlfahrtsstaatliche Entwicklung, die neue wohlfahrtsstaatliche Politik konstituiert, hat in Osteuropa später eingesetzt. Während die wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen Reformen in vielen Ländern in unterschiedlichem Ausmaß weit vorangegangen sind, scheinen sozialpolitische Reformen nur wenig sichtbar und hinter den anderen Reformen hinterherzuhinken (vgl.Deacon, 2000;Götting, 1998;Götting, 1998;Weltbank, 1996).

a) Der staatspaternalistische Wohlfahrtsstaat

Deshalb gilt es zunächst die Ausgangslage der Entwicklungen im Transformationsprozess zu bestimmen, d.h. die wohlfahrtsstaatliche Konzeption vor der Transformation zu charakterisieren. Dieser staatspaternalistische Wohlfahrtsstaat ist in allen Ländern des ehemaligen sowjetischen Hegemonieraumes in lediglich geringen Variationen zu finden (Götting, 1998). Bis zum Beginn der Transformationsprozesse zeichnete sich Osteuropa und die ehemalige Sowjetunion durch ein relativ kohärentes und ähnliches System der Wohlfahrtspolitik und Wohlfahrtsvorsorge aus. Er garantierte eine umfassende Versorgung und Absicherung von "der Wiege bis zum Grab" (Götting, 1998: 57). Dieser 'Sozialvertrag' zwischen Partei- und Staatsapparat, der Nomenklatur und der Bevölkerung bestand darin, für Nahrung, Wohnungen, öffentliche Verkehr und andere notwendige Lebensgrundlagen zu erschwinglichen Preisen zu sorgen, Beschäftigung zu garantieren, eine adäquate Gesundheitsvorsorge und Bildungsmöglichkeiten bereitzustellen und für geringe Lohnunterschiede zwischen Arbeitern, Professionellen und Managern zu sorgen, die durch die Sozialphilosophie des Marxismus-Leninismus ideologisch geprägt waren (vgl.Lane, 1987). Auch wenn es sicherlich verschiedene Privilegien derer im Partei- und Staatsapparat gab, die weitgehend in der Form höherer Löhne bestand, waren diese nicht offiziell sichtbar, sondern für die allgemeine Bevölkerung eher verborgen (vgl.Deacon, 2000: 146). Es war überaus erwünscht und daher die Regel, dass Frauen am Erwerbsleben partizipierten (vgl. hierzu auchNickel, 1993;Nickel, 1997). Sie bekamen Geld für die Kindererziehung, wenn sie ein Kind bekamen, und hatten danach das Recht, wieder ihre alte Beschäftigungsstelle anzutreten. Allerdings waren sie damit stärker noch als Frauen in westlichen Ländern einer doppelten Vergesellschaftung unterworfen, indem sie sowohl einer Erwerbstätigkeit nachgingen als auch für die Betreuung der Familie und der Kinder zuständig waren (vgl.Deacon, 2000: 147).

↓59

Will man den staatspaternalistischen Wohlfahrtsstaat als Regime charakterisieren, ergeben sich nach Götting (1998: 83) folgende Merkmale (vgl. Tab. 9): (1) Der Staat besitzt die Monopolstellung im Bereich des Sozialpolitischen, auch wenn Sozialpolitik weitgehend in Betriebe und damit ins Beschäftigungssystem eingelagert ist, das wiederum staatlich ist. Der Markt oder der dritte Sektor spielt für die Produktion von sozialen Dienstleistungen keine Rolle. Die informelle Ökonomie hatte vor allem dann eine starke Bedeutung, wenn das öffentliche System ausfiel. (2) Soziale Sicherung beschränkt sich auf die "Gemeinschaft der Werktätigen" (vgl.De Deken, 1994: 72). (3) Andere Strategien der Existenzsicherung wurden nur notgedrungen vom universellen Versorgungsanspruch des Staates geduldet (vgl.Götting, 1998: 83).

Tab. 9: Charakteristika des staatspaternalistischen Wohlfahrtsregimes

  

Staatspaternalistisches Wohlfahrtsregime

 

Ländergruppe

Osteuropäische Länder vor der Transformation

 

Zentrale regulative Idee

Monopolstellung des Staates,

Tolerierung der informellen Ökonomie

 

Dekommodifizierung

total

 

Sozialer Strukturierungseffekt

Inklusion der "Werktätigen"

Quelle: Darstellung nach Götting (1998: 84).

Unter historisch-vergleichender Betrachtung der ehemaligen westlich-kapitalistischen und östlich-sozialsitischen Blockstaaten im Rahmen der frühen komparativen Wohlfahrtsstaatsforschung wurde in Untersuchungen nachgewiesen, dass sich Länder in beiden Blöcken hinsichtlich der Höhe der Sozialausgaben nicht wesentlich unterschieden haben (vgl.Pryor, 1968;Wilensky, 1975). Diese noch in den 60er und 70er Jahren auch im Rahmen der "Konvergenztheorie" (vgl.Coughlin, 2001) diskutierte Ähnlichkeit der ehemaligen Blöcke in wohlfahrtsstaatlicher Hinsicht, die weitere Forschungsanstrengungen damit erübrigten, wurde allerdings in den 80er Jahren angezweifelt und einer erneuten Erforschung unterzogen (vgl.Castles, 1986). Danach bleiben bereits ab Mitte der 60er Jahre die Ostblockstaaten hinter der westlichen Entwicklung zurück (vgl. zu Konvergenz versus Divergenz auchSchmidt, 1998: 197-204) und unterscheiden sich immer mehr auch in regulativer Hinsicht: Während in Osteuropa ein in den Produktionsprozess integriertes Sicherungssystem entsteht, findet sich in Westeuropa ein ausgebautes, dem Arbeitsmarkt komplementäres Sicherungsnetz (vgl.Götting, 1998: 81).

↓60

Das staatspaternalistische Wohlfahrtsregime hat zu einer Reihe von Problemen geführt, die zumindest im Nachhinein als Unzulänglichkeiten charakterisiert werden können und den Systemwechsel auf verschiedene Arten positiv beeinflusst haben. So war das Wohlfahrtsystem Teil des totalitären politischen und wirtschaftlichen Systems und wurde ebenso zentral gesteuert. Auf diese Weise war es für die Bedürfnisse derjenigen, die seine Leistungen in Anspruch nahmen, relativ unsensitiv und auf Dauer auch wirtschaftlich ineffizient. Der paternalistische Wohlfahrtsstaat bestimmte von oben, wie das Volkseinkommen verteilt werden sollte. Einzelne hatten kein Recht, ihre sozialen Bedürfnisse zu artikulieren oder einzufordern. Da der Staat für die Verteilung von Löhnen, Pensionen und alle öffentlichen Ausgaben zuständig war, bedürfte es auch keines Systems der Besteuerung, wie es in kapitalistischen Wirtschaftssystemen üblich ist (vgl.Deacon, 1993;Deacon, 2000: 147).

Durch den Wechsel des wirtschaftlichen und politischen Systems Anfang der 90er Jahre wurden diese Unzulänglichkeiten des wohlfahrtsstaatlichen Systems sichtbar. Hohe Arbeitslosigkeit und hohe Inflation gefährdeten den ohnehin schon niedrigen Lebensstandard der Bevölkerung. Die Kosten für die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung stiegen unter Bedingungen des Marktes erheblich an und waren damit für viele nicht mehr bezahlbar. Viele Einrichtungen im Bildungs- und Gesundheitsbereich mussten geschlossen werden. Viele Rechte der Frauen wurden beschnitten und das System der finanziellen Unterstützung der Frauen bei der Kinderbetreuung wurde eingeschränkt. Das reale Volkseinkommen ist zwischen 1990 und 1995 in Russland um ungefähr 54 Prozent gefallen, im übrigen Osteuropa um 25 Prozent (vgl.Deacon, 2000: 148).

Während sich die osteuropäischen Länder vor dem Systemwechsel hinsichtlich der Einkommensungleichheit ungefähr auf dem Level sozialdemokratischer Wohlfahrtsstaaten, also skandinavischer Länder bewegten (vgl.Milanovic, 1998), ist die Einkommensungleichheit in allen Ländern mit Ausnahme der slowakischen Republik enorm gestiegen. Nach dem Systemwechsel liegen sie nun bei einer Position ähnlich der von liberalen Wohlfahrtsstaaten (wie z.B. Großbritannien (vgl.Deacon, 2000: 149).38 Wie im folgenden Kapitel gezeigt wird, unterscheiden sich die Länder sowohl hinsichtlich ihrer wohlfahrtsstaatlichen Entwicklung als auch in Bezug auf den Verlauf der Transformation jedoch erheblich.

↓61

b) Neuentwicklungen in postkommunistischen Ländern

Es stellt sich nun die Frage, wie sich die Entwicklungen nach dem Systemwechsel auf dem Gebiet der Sozialpolitik in Osteuropa zusammenfassen lassen. Bei der Entwicklung ihrer wohlfahrtsstaatlichen Politik waren die osteuropäischen Länder vor eine mehrfache Aufgabe gestellt, nämlich das staatliche Monopol im Bereich der Sozialpolitik aufzugeben und mehr Marktwirtschaft in ihre Sozialsysteme zu integrieren. Die neuen Unternehmen mussten von ihrer sozialpolitischen Verantwortung entlastet werden, zugleich mussten die im Zuge des Transformationsprozesses neu entstandenen und sich verschärfenden sozialen Risiken kompensiert bzw. abgemildert werden (v.a. bei denen davon am stärksten Betroffenen). Ferner musste ein eigenes Institutionensystem aufgebaut werden, denn ein einfacher Transfer eines westlichen Systems (wie im Falle der ehemaligen DDR) schien angesichts der immensen Implementationsprobleme vor dem Hintergrund einer schlechten wirtschaftlichen Entwicklung und risikoreicher zarter demokratischer Entwicklungen unmöglich ('illfare' statt welfare, vgl.Ferge, 2001). Ein wohlfahrtsstaatlicher Systemwechsel war also unstrittig, unklar war jedoch in welche Richtung und in welchem Ausmaß eine institutionelle Umgestaltung erfolgen sollte (vgl.Götting, 1998: 85).

Grundsätzlich ergaben sich aus der Orientierung an den westlichen Modellen des sozialdemokratischen, konservativ-korporatistischen und liberalen wohlfahrtsstaatlichen Arrangements drei institutionelle Optionen. Angesichts der weitgehenden Ähnlichkeit des sozialdemokratischen Modells skandinavischer Prägung mit dem alten sozialistisch-paternalistischen Typ (vgl.Ferge, 1992: 206f), wäre eine Anlehnung daran intuitiv zu vermuten gewesen, denn beide Modelle sind hinsichtlich der Solidarität, dem impliziten Egalitarismus als Verteilungsideolog und der universellen Absicherung ähnlich. Außerdem hätte es eher Sicherheit in stürmischen Zeiten des Wandels und angesichts der unberechenbaren Zukunft geboten, in denen Menschen aus ihrer sozialstrukturellen Position in neue Positionen geworfen werden. Tatsächlich hat das sozialdemokratische Modell allerdings nur eine geringe Rolle gespielt, weil es zunächst angesichts hoher Steuern und der damit verbundenen Umverteilung nicht finanzierbar gewesen wäre, hinsichtlich der Nähe zur sozialistischen Werteordnung bereits diskreditiert war (auch kommunistische Parteien waren dagegen) und angesichts der zeitgleichen Krise des schwedischen Wohlfahrtsstaates auch keine Erfolg versprechende Option war (vgl.Götting, 1998: 86).

↓62

Im Grunde genommen blieben also nur das konservative und das liberale Modell als realistische Optionen, nicht zuletzt auch deswegen, weil mächtige internationale politische Institutionen diese Modelle propagierten. Während die Europäische Union und die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) das konservativ-korporistische Modell westlicher Prägung anpriesen, sprachen sich Weltbank und Internationaler Währungsfond (IWF) nachdrücklich für das liberale Modell aus (vgl.Deacon, 2000: 152;Götting, 1998). Während das liberale Modell als klares Gegenkonzept zum Paternalismus alter Prägung Abschied vom Anspruchs- und Versorgungsdenken der Vergangenheit bringen sollte, aber das Problem mit sich zog, wenig gesellschaftliche Legitimation beanspruchen zu können, war das konservative Modell als Kreuzung bzw. Mittleres zwischen wirtschaftlicher Effizienz und maßvollem sozialen Ausgleich nahe liegend (vgl.Götting, 1998: 86f).

Auch wenn es zehn Jahre nach Beginn der Transformationsprozesse noch immer zu früh ist, die wohlfahrtsstaatliche Entwicklung der osteuropäischen Länder und Russlands als in eine sozialpolitische Richtung endgültig festgelegt zu betrachten, zeichnen sich doch erste Tendenzen ab. Dennoch bleibt es bis heute schwierig, die neu entstandenen Wohlfahrtsstaaten im Osten zu charakterisieren. Auch wenn sich einige schon früh mit Klassifizierungsversuchen und Typologisierungen á la Esping-Andersen vorgewagt haben (Deacon, 1993;Nielsen, 1996), ist angesichts des bislang nur graduellen wohlfahrtsstaatlichen Wandels, das alte und neue Elemente kombiniert, noch keine eindeutige Zuordnung zu Typen möglich (vgl.Götting, 1998;Götting, 1998: 274;vgl.Götting und Lessenich, 1998). Dadurch dass die postkommunistischen Wohlfahrtsmodelle als "discount versions" bezeichnet werden müssen, lässt sich die Typologie Esping-Andersens, die für westlich-kapitalistische Wohlfahrtsstaaten gilt, nicht einfach auf Osteuropa übertragen. Hinzukommt, dass eine wesentliche Annahme als Basis für eine Typologie a la Esping-Andersen in Bezug auf Osteuropa fehlt, nämlich Pfadabhängigkeit der Entwicklung und eine längere wohlfahrtsstaatliche Tradition, die Rückhalt in der Bevölkerung hat. Die osteuropäischen Wohlfahrtsstaaten sind zudem auch eher Folge kurzfristiger Reaktionen auf aktuell eintretende Krisen als Folge langfristiger normativer Überlegungen, die in institutionelle Strukturen überführt werden (vgl.Standing, 1996).

Versucht man die konkreten sozialpolitischen Entwicklungen in osteuropäischen Ländern nachzuzeichnen und auf Charakteristiken westlicher Wohlfahrtsregimes hin zu überprüfen, kommt man mit Deacon (2000: 151ff) zu folgenden Einschätzungen: Danach entwickelt sich die Tschechische Republik, Ungarn, Polen, Estland, Slowenien und möglicherweise auch andere baltische Staaten in die ein oder andere Variante eines westeuropäischen Wohlfahrtsstaates, der den Bismarckschen Versicherungsgedanken mit dem skandinavischen Finanzierungsmodus über Steuern kombiniert. Herauskommen werden dabei wohl Varianten des Typus eines residualen Wohlfahrtstaates mit konservativ-korporatistischen Einschlägen (vgl.Brusius, 1999;Brusius, 1999). Bulgarien und Rumänien und weite Teile der ehemaligen Sowjetunion beharren noch immer auf der Beibehaltung staatlicher und arbeitsplatzbezogener Wohltaten alten Stils. Die enge Verknüpfung zwischen Arbeiter und Arbeitsplatz aus dem alten Sozialkontrakt der Vergangenheit würde dadurch gestört. Dieses System wird vermutlich langfristig nicht aufrechterhalten zu sein, sondern zum Kollaps des alten Wohlfahrtsystems mit einer daran anschließenden Neuentwicklung eines residualen Wohlfahrtsystems führen.

↓63

Ausschlaggebend für den langfristigen Erfolg der Etablierung wohlfahrtsstaatlicher Systeme ist wohl auch nicht so sehr die Art des Wohlfahrtstypus, sondern die Reformkraft im Zuge der institutionellen Konstitution eines Arrangements. So findet sich in Polen, der Tschechischen Republik und Ungarn ein starker nationaler Konsens für liberale Reformen. Dagegen versuchen Länder wie Bulgarien und Rumänien verspätet auf diesen Reformzug aufzuspringen. In Russland, der Ukraine und in der Slowakischen Republik dagegen findet ein permanenter und anhaltender Konflikt über die richtige Reformstrategie statt (Deacon, 2000: 151ff). Die Weltbank (1996) geht daher in ihrer Analyse der Sozialreformen in Osteuropa davon aus, ob und wie weitgehend osteuropäische Länder Rentenreformen und andere Sozialreformen durchgeführt haben. Die meisten Sozialreformen wurden danach in Polen, Slowenien, Ungarn, der Tschechischen und der Slowakischen Republik durchgeführt. In Estland, Litauen, Bulgarien und Rumänien erfolgten nur moderate Reformen. In Russland und anderen GUS-Staaten gibt es nur begrenzte bzw. keine Neuerungen (Weltbank, 1996).

Mit Blick auf die Reformerneuerung ist also davon auszugehen, dass die wohlfahrtsstaatlichen Entwicklungen in Polen, Slowenien, Ungarn und der Tschechischen Republik, nicht zuletzt wegen der deutlichen Nähe zur Europäischen Union, am weitesten fortgeschritten sind. Vor allem in Tschechien konnte unter günstigen wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen frühzeitig ein relativ gut ausgebauter Wohlfahrtsstaat geschaffen werden, der dafür sorgte, dass soziale Ungleichheit (gemessen am Gini-Koeffizient) zumindest in den ersten Jahren nur gering anstieg. In der Tschechischen Republik ist auch der Ausbau des Gesundheitswesens mit einer auf Wettbewerb beruhenden öffentlichen Gesundheitsversicherung am weitesten gediehen.

Russland dagegen musste gleich zu Beginn der Transformation mit einer rasch ansteigenden Inflation kämpfen, die zu einem Kollaps staatlicher Einrichtungen führte und damit auch die wohlfahrtsstaatlichen Einrichtungen traf. Die alte Nomenklatur konnte sich daran erheblich bereichern. Die wohlfahrtstaatliche Situation Russlands kann damit als "chaotic situation, in which people are dying, drifting into illnesses, forced into crime or induced to contemplate suicide [which] requires a straightforward system of basic social transfers" charakterisiert werden (Standing, 1998: 41).

↓64

Tab. 10: Forschritt wohlfahrtsstaatlicher Reformen in postkommunistischen Ländern

  

fortgeschritten

mäßig

rückständig

 

Länder

Tschechische Rep., Polen, Slowenien, Ungarn

Bulgarien, Rumänien, Slowakische Rep.

Estland, Lettland, Russland

Eigene Darstellung

Nachdem nun Typen von Wohlfahrtsstaaten für westlich-kapitalistische Länder vorgestellt und inhaltlich erläutert wurden und Aspekte der wohlfahrtsstaatlichen Entwicklung in postkommunistischen Ländern aufgezeigt wurden, müssen nun im Rahmen des Untersuchungskonzepts dieser Studie die Verbindungen zwischen wohlfahrtsstaatlicher Programmatik auf Makroebene und Wahrnehmungen und Bewertungen von Ungerechtigkeit und die Präferenz normativer Verteilungsideologien auf individueller Mikroebene theoretisch veranschaulicht werden. Abschließend soll also aufgegriffen werden, welche Schlussfolgerungen sich aus den bisherigen Ausführungen für die vorliegende Untersuchung ergeben.

4.5 Wohlfahrtsstaatliche Arrangements und soziale Gerechtigkeit

Wohlfahrtsstaatliche Arrangements - so haben es die bisherigen Ausführungen verdeutlichen wollen - bestehen aus einem Bündel verschiedener institutioneller Strukturen, die als Kulturleistung langfristig gewachsen sind und auf menschliches Handeln und Denken zurückwirken. Bei ihrer Entstehung und Gestaltung sind verschiedene normative Vorstellungen in ihre strukturelle Verfasstheit eingegangen. Diese normative Seite der Strukturen und ihre das Leben von Individuen und sozialen Gruppen formierende Wirkung hat auch Einfluss auf Wahrnehmungen, Bewertungen, Einstellungen und normative Präferenzen von Individuen und Gruppen, die in diesen Strukturen leben und von diesen beeinflusst werden (vgl.Rothstein, 1998). Soziale Gerechtigkeit ist also nicht nur in diesen Strukturen inkorporiert, sondern diese Strukturen wirken auch in ihrer Normativität auf Individuen und deren individuelle normativen Perzeptionen und Präferenzen. Dieses wechselseitig sich konstituierende Verhältnis zwischen institutioneller Struktur und individuellen Äußerungen, das auch als "Moralökonomie" bezeichnet werden kann (vgl.Mau, 2002;Mau, 2002), wirft grundsätzliche Fragen der Sozialwissenschaft auf.

↓65

a) Struktur und Handeln - Institutionen und Einstellungen

Inwieweit institutionelle Arrangements, wie es Wohlfahrtsstaaten sind, die Wahrnehmung und Bewertung von Einkommensungerechtigkeit, Einstellungen zur sozialen Ungleichheit und die Präferenz normativer Verteilungsideologien beeinflussen, steht in Beziehung mit der viel grundlegenderen theoretischen Frage nach dem sozialwissenschaftlichen Zusammenhang von Struktur und Handeln. Genauer wird damit das Zueinander von Institutionen auf Makroebene und Einstellungen auf Mikroebene und ihr wechselseitiger Einfluss aufeinander aufgeworfen. Einstellungen können zwar nicht als das Handeln selbst, sehr wohl aber als handlungsleitend aufgefasst werden 39 Dieser Zusammenhang ist erklärungsbedürftig und kann anthropologisch fundiert werden.

Zunächst kann festgehalten werden, dass Institutionen keine der menschlichen Sphäre externen Gebilde, sondern von Menschen geschaffen sind und von ihnen am Leben erhalten werden. Sie sind soziale Einrichtungen und haben eine soziale Funktion. So kann aus anthropologischen bzw. ethologischen Überlegungen hergeleitet werden, dass Institutionen eine Hilfsfunktion zur Kompensation naturaler Mängel in der menschlichen Ausstattung innehaben (Gehlen, 1986).40 Institutionen sind menschliche 'Gehhilfen' bzw. 'Krücken', um menschliche Defizite aus seiner naturalen Instinktreduziertheit auszugleichen. Zugleich sind sie Kulturleistungen und damit einerseits auch Ausdruck menschlichen Entfaltungsdrangs, entsprechen andererseits aber auch einem Entlastungs- und Orientierungsbedürfnis. Durch diese Einbettung in vertraute, bewährte und verlässliche Strukturen gewinnt menschliches Leben an Dynamik und Sicherheit (vgl.Gehlen, 1986: 66-77).

↓66

Übertragen auf den Wohlfahrtsstaat als institutionelles Arrangement heißt dies, dass er einerseits als menschliche Kulturleistung von Menschen geschaffen, zwar relativ beständig, aber wandelbar ist, und dass ihm andererseits die Aufgabe zugeteilt ist, Menschen von Sorgen des täglichen Lebens wenn nicht gänzlich zu befreien, so doch davon zu entlasten bzw. davor zu schützen. In anthropologisch fundierter Hinsicht besteht also eine Wechselwirkung zwischen Institution und menschlichem Handeln, das sozialwissenschaftlich durch die Diskussion der aufeinander bezogenen Begriffe von Struktur und Handeln aufgegriffen wird (vgl.Schimank, 2000: 53).

Bei der sozialwissenschaftlich zentralen Frage nach Struktur und Handeln stellt sich zunächst die Frage nach dem Strukturbegriff. Strukturen lassen sich begrifflich auffassen als die "institutionellen, dauerhaften Gegebenheiten, mit denen die Individuen konfrontiert werden, in denen sie sich bewegen und mit denen sie 'leben' und sich auseinandersetzen müssen" (Treibel, 1993: 243). Strukturen im weitesten Sinne41 (z.B. Verhaltensmuster, Normen, Institutionen etc.) prägen menschliches Handeln, sind aber nicht von menschlichem Handeln unabhängig, indem sie lediglich auf menschliches Handeln von ‘Außen’ einwirken würden, sondern werden auch durch und im Handeln ständig reproduziert (vgl.Durkheim, 1991: 105ff;Giddens, 1988: 68). Damit sind sie also keinesfalls zeitlos konstant und unvergänglich, sondern auch prinzipiell veränderbares Ergebnis menschlichen Handelns, werden von Menschen geschaffen, erhalten und können verändert oder sogar völlig abgeschafft werden. Strukturen sind jedoch ambivalent. Ihnen ist einerseits eine strukturbeharrende Tendenz zu eigen, d.h. sie lassen sich nicht leicht verändern, sie sind pfadabhängig und strahlen das aus, was philosophisch als "normative Kraft des Faktischen" bezeichnet wird. Aus den vorgegebenen Strukturen erwächst eine normativ wirkende Kraft, die es Menschen schwer macht, Strukturen zu verändern. Strukturen werden andererseits aber erst im menschlichen Handeln real und bleiben diesem zugeordnet (vgl.Kießling, 1988: 290).42 Kurz: Strukturen sind dem menschlichen Handeln vorgegeben, im menschlichen Handeln mitgegeben und diesem zugleich aufgegeben. Nicht nur in ihrem Dasein, sondern auch in ihrer Wirkung sind Strukturen ambivalent. Sie ermöglichen einerseits menschliches Handeln, indem sie es entlasten, Orientierung vermitteln und somit die Grundlage für neues weiteres oder anderes Handeln bilden (dynamisierende Wirkung), und schränken andererseits aber auch menschliches Handeln zugleich ein, indem sie aufgrund ihrer inhärenten Normativität Grenzen setzen (hemmende Wirkung). Diese wechselseitige Beeinflussung und Konstitution von sozialer Struktur und sozialem Handeln (vgl.Schimank, 2000: 9) kann folgendermaßen zusammengefasst werden (vgl. hierzu auch Abb. 3): Menschen handeln nicht unabhängig von Strukturen und Strukturen werden umgekehrt erst durch menschliches Handeln real (Treibel, 1993: 243f).

Abb. 3: Das Zueinander von Struktur und Handeln

↓67

b) Das Modell im Kontext der Studie

Der wechselseitige Einfluss von Struktur und Handeln ist für die Erklärung von Ungerechtigkeitswahrnehmungen, Gerechtigkeitseinstellungen und die Präferenz normativer Ideologien zentral. Es ist zu vermuten, dass die individuelle Wahrnehmung von Ungerechtigkeit, individuelle Präferenzen und Äußerungen von Gerechtigkeit nicht unabhängig von den Strukturen (wie dem institutionalisierten wohlfahrtsstaatlichen Arrangement) und Kontexten sind, in denen sich Individuen befinden, und umgekehrt Strukturen nicht unabhängig von individuellen Gerechtigkeitsvorstellungen und ihrer Artikulation. Dabei ist der strukturelle Rahmen der individuellen Äußerungen ambivalent. Er kann individuelle Wahrnehmungen, Einstellungen und Präferenzen ermöglichen, aber auch einschränken oder verhindern. Die empirische Frage, inwieweit individuelle Wahrnehmungen, Einstellungen und Präferenzen von gesellschaftlichen Strukturen oder umgekehrt diese Strukturen von individuellen Äußerungen bestimmt werden, wirft Fragen der Kausalität auf bzw. die Frage nach einem Zirkelschluss. Rothstein bringt dies auf den Punkt, wenn er schreibt: "Opinions, interests, values, ideology, preferences, etc., all influence institutions and policies. But policies and institutions also influence opinions, etc. Depending on what normative standpoint you take, this is a question of historically developed paths in which the variables, be they dependent or independent, get into virtuous or vicious circles ending up in different but stable equilibria. […] In simplified form, the mental figure looks like this: institutions give rise to certain interests and norms, which in turn either reinforce or undermine the original institutions. We observe, in other word, a bi-directional causal logic between institutions and interests/norms" (Rothstein, 1998: 135). Die Frage nach der Kausalität im Rahmen dieser Studie kann also nur theoretisch plausibel beantwortet, nicht jedoch mit Sicherheit empirisch geklärt werden, denn eine solche Untersuchung müsste über mehrere Jahrzehnte durchgeführt werden.

Im Rahmen dieser Studie sollen individuelle Äußerungen in der Form von Ungerechtigkeitswahrnehmungen, Einstellungen und Präferenzen aus Strukturen erklärt werden (linker Pfeil in Abb. 3), das dem 'Wannen-Modell' Colemans (1986;1987;1990: 1-23) und Essers (1999: 90-102) entspricht. Der Einfluss individueller Äußerungen im Rahmen demokratischer Mitwirkungsprozesse auf die konkrete Ausgestaltung und Veränderung staatlicher Institutionen wie die Wohlfahrtsstaaten ist bislang empirisch noch nicht umfassend erforscht, da hierzu eine umfangreiche Untersuchung des Einflusses individueller Äußerungen im Rahmen von Wahl-, Protest und Meinungsanalysen auf Politikerverhalten bzw. über intermediäre Institutionen (wie Verbänden und Interessengruppierungen) auf konkrete politische Entscheidungen im Rahmen demokratischer Mitbestimmungs- und Entscheidungsprozesse erforderlich wäre (rechter Pfeil in Abb. 3), die über bisherige Policy-Untersuchungen weit hinausgehen würde.

↓68

Ziel dieser Untersuchung ist unter anderem die Bestimmung des Einflusses von Wohlfahrtsstaaten auf individuelle Sichtweisen und Äußerungen, seien es Wahrnehmungen, Einstellungen oder normative Präferenzen. Da institutionelle Strukturen als unbeweglicher, pfadabhängiger und daher weniger grundsätzlich wandelbar gelten können, ist eine Annahme dieser Kausalitätsrichtung theoretisch plausibel voraussetzbar, wenngleich die andere Richtung theoretisch zu berücksichtigen wäre (Rothstein, 1998).

Im Anschluss an die Ausführungen zum Erklärungsmodell von Coleman (1986;1990) und Esser (1999) im Rahmen der Konzeption der Studie (vgl. Kap 2.5, S. 32) wirken Wohlfahrtsstaaten als institutionelles Arrangement auf Makroebene auf Personen und damit auf ihre Sichtweisen und Äußerungen. Es wird angenommen, dass Individuen in ihren Äußerungen und Einschätzungen vor allem von ihren Interessen geleitet (d.h. damit ihren materiellen Nutzend mehrend) werden, die sich aus ihrer sozialen Position und anderen sozialrelevanten Merkmalen ergeben. Über diese sozialstrukturellen Effekte hinaus, in denen der Wohlfahrtsstaat sozusagen über die gesellschaftsstrukturelle Ebene auf Individuen wirkt, ist auch mit unmittelbaren und direkten Wohlfahrtsregimeeffekten auf Wahrnehmungen und Einschätzungen zu rechnen, die kultureller Art sind. Als spezifische Moralen inkorporierende Institutionen beeinflussen unterschiedliche Wohlfahrtsregimes die Wertvorstellungen von Individuen, die in und mit ihnen leben. Sie prägen normativ und direkt individuelle Einschätzungen und Wertäußerungen, da davon auszugehen ist, dass Individuen ein moralisches Gleichgewicht zu den Moral inkorporierenden Institutionen herstellen. Kurz: Sie unterstützen das Wohlfahrtsregime mit entsprechenden Werthaltungen, das sie normativ prägt, und sie nehmen die Ungerechtigkeit wahr, die das institutionelle Arrangement seiner Logik nach tatsächlich hervorbringt.

In osteuropäischen Transformationsländern dagegen kann aufgrund des grundlegenden Systemwechsels, des damit verbundenen lang anhaltenden sozialen Wandels aller gesellschaftlicher Strukturen und Institutionen und der erst begonnen Suche nach einem neuen normativen Fundament der Verteilung des gesellschaftlichen Wohlstands von einer langfristig wechselseitigen normativen Prägung nicht ausgegangen werden. Wohl können Werthaltungen der Bevölkerung empirisch eingefangen und dargestellt werden, aber wohlfahrtsstaatlich sind sie weniger aus kulturellen Traditionen von Regimes zu erklären, sondern eher durch aktuelle soziale, politische und wirtschaftliche Entwicklungen und deren Folgen. Der soziale Wandel in Form von Transformationsprozessen ist vermutlich durchschlagender als normative Langzeitprägung.


Fußnoten und Endnoten

25  In Deutschland z.B. sind diese drei Formen der Staatlichkeit in Artikel 20, Abs. 1 ("Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat") und in Artikel 28 Abs. 1 S. 1 des Grundgesetztes ("Die verfassungsmäßige Ordnung in den Ländern muss den Grundsätzen des republikanischen, demokratischen und sozialen Rechtsstaates [...] entsprechen") verankert (vgl. Zacher, 1987, 1993).

26  Als solche quasi 'objektiv' gegebenen Bedingungen der Krise des Wohlfahrtsstaates (v.a. hinsichtlich seiner Finanzierung) werden gewöhnlich folgende Aspekte genannt: (1) demographische Veränderungen, also Verschiebungen im Altersaufbau der Gesellschaft in Richtung zunehmender Alterung, (2) geringeres wirtschaftliches Wachstum mit der Folge, dass die monetäre Basis für wohlfahrtsstaatliche Leistungen entfällt, (3) die steigende Zahl an Arbeitslosen, die mit doppeltem Kosteneffekt den Sozialkassen einerseits Leistungen entnehmen und andererseits auch keine Beiträge zuschießen, (4) die veränderten Bedingungen des internationalen Wettbewerbs und deren soziale und politische Folgen, die unter dem Stichwort 'Globalisierung' diskutiert werden, (5) das Ineinanderwirken von Individualisierung und Pluralisierung von Lebensentwürfen und der damit einhergehenden Hinfälligkeit der Vorstellung klassischer 'Erwerbsbiographien' als Voraussetzung für die Wirkung sozialpolitischer Institutionen (vgl. Schmid, 1996: 285f).

27  Unabhängig von objektiven Problemen existiert eine subjektive Krisenrhetorik im öffentlichen Diskurs, die aus verschieden Deutungen, Interpretationen und politischen motivierten Argumenten resultiert. Im Angelpunkt politischer Debatten um den Wohlfahrtsstaat stehen sich letztlich zwei politische Lager gegenüber: Der Wohlfahrtsstaat produziere Anspruchsdenken, entmündige Menschen durch Umverteilung des Wohlstands und umfassende Absicherung statt zu Aktivieren (‘rechte’ Kritik). Der Wohlfahrtsstaat ist der "Reparaturbetrieb des Kapitalismus" und der muss Reichtum umverteilen und umfassend absichern ('linke Kritik'). Die in dieser Form gleichsam entscheidende 'subjektive' Seite wohlfahrtsstaatlicher Politik (also die Krisenrhetorik der Verantwortlichen in den Bereichen von Politik, Wirtschaft, Medien und Wissenschaft sowie die Einstellungen, Wahrnehmung und Bewertungen der Bevölkerung) wird in der Forschung noch zu sehr vernachlässigt (vgl. Pioch und Vobruba, 1995: 114; Ullrich, 2000).

28  Die Entwicklung moderner Wohlfahrtsstaaten wird meist als eine Folge der zunehmenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert angesehen, die mit einer Verlagerung des Produktionsschwerpunktes (und damit auch der menschlichen Arbeitskräfte) vom landwirtschaftlichen zum industriellen Sektor und einer Bevölkerungsmobilität vom ländlichen in den städtischen Raum einhergeht, und den daraus resultierenden sozialen Konflikten (vgl. Flora, 1986). Auf die genaue Entstehungsgeschichte der Wohlfahrtsstaaten und die Erklärungsansätze für ihre historische Entwicklung kann in dieser Arbeit jedoch nicht weiter eingegangen werden (zur deutschen Situation vgl. v.a. Alber, 1982, 1989; Flora, Alber und Kohl, 1977; Flora und Heidenheimer, 1987).

29  Ein wesentliches Problem der Wohlfahrtsstaatsforschung besteht darin, dass in Definitionen und Problemzusammenhängen normative und empirische Argumentationszusammenhänge oftmals auch von wissenschaftlicher Seite nicht sauber getrennt werden. Damit wird der Zugang zum eigentlichen Sachverhalt durch Politisierung oft verstellt.

30  Unklar freilich bleibt, was unter diesen Begriffen verstanden werden kann. Sicherheit meint mehr als bloß Schutz. Der Wohlfahrtsstaat soll Stabilität, Verlässlichkeit und Gewissheit garantieren und letztlich ein Gefühl der Geborgenheit und des „Eingeordnet-Seins“ in eine „garantierte Welt“ erzeugen (vgl. Kaufmann, 1970: 1f, Allmendinger 1994: 31). Unklar bleibt jedoch, was genau unter den Begriffen Gleichheit, Sicherheit und Gerechtigkeit verstanden werden kann, und welche Prioritäten bei der Verwirklichung dieser Ziele gesetzt werden sollen (vgl. Zacher, 1987: 573f). Meint Gleichheit das gleiche Fortbestehen der sozialen Ungleichheit oder eine ausgleichende Umverteilung hinsichtlich einer jeweiligen Leitvorstellung von Gerechtigkeit? Meint Gleichheit gleiche Ausgangsbedingungen für sozial ungleich gestellte Menschen, gleiche Ergebnisse im Sinne des Fortbestehens und der Aufrechterhaltung der gegebenen Ungleichheitsstruktur oder gleiche Ergebnisse im Sinne der Herstellung einer sozialen Gleichheit von ursprünglich sozial ungleichen Menschen? Oder meint Gleichheit einfach nur gleiche Verfahren für alle? Inwiefern zielt die Forderung nach Gleichheit im Sinne gleicher Ausgangsbedingungen (Chancengleichheit) oder auf gleiche Ergebnisse? Meint das Ziel Gleichheit eine Gleichbehandlung von Menschen mit gleichen Bedürfnissen bzw. gleichen Leistungen oder den Abbau sozialer Ungleichheit, also eine Ungleichbehandlung von Menschen in unterschiedlichen sozialen Lagen um im Ergebnis mehr soziale Gleichheit zu erhalten?

31  Selbst Esping-Andersen vermeidet übrigens den Begriff des Wohlfahrtstaates neuerdings und spricht von welfare regimes, statt von welfare state regimes (vgl. Esping-Andersen, 1999).

32  Wohlfahrtsstaatstypen werden hier als Idealtypen und damit - ganz im Sinne Max Webers (Weber, 1968: 234f) - nicht als real vorfindbare Erscheinungen, sondern als wissenschaftliche Konstrukte angesehen, die aus der komplexen Realität, die sie zu beschreiben suchen, die wesentlichen Züge herausgreifen. Verkürzungen und Vereinfachungen bei der Bildung von Idealtypen sind also nicht unbedingt von Nachteil, können sie doch die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche richten. Sie erheben also nicht den Anspruch, der jeweiligen realen Besonderheit umfassend gerecht zu werden. Vielmehr helfen sie gerade durch die idealisierende Überzeichnung des ‘Typischen’, das Besondere der einzelnen Realität zu verstehen. Kurz: Sie bringen komplexe Wirklichkeit auf den Punkt.

33  "A minimal definition [des dekommodifizierenden Wohlfahrtsstaates, B.L.] must entail that citizens can freely, and without potential loss of job, income, or general welfare, opt out of work when they themselves consider it necessary" (Esping-Andersen, 1990: 23).

34  Die gegenwärtige Entwicklung Schwedens, die Diskussion um den Umbau des Sozialstaates in Deutschland und die massiven Veränderungen der Sozialpolitik in den Niederlanden deuten an, dass Wohlfahrtsstaaten zwar möglicherweise träge in Bezug auf Veränderungen sind, aber nicht immun gegenüber einem Wandel, weil sie der jeweiligen politischen Wetterlage und dem öffentlichen Meinungsklima ausgesetzt sind. Von daher muss man annehmen, dass die Typologie Esping-Andersens einer steten Aufmerksamkeit und einer empirischen Überprüfung bedarf.

35  Weitere und auch zusammenfassende Abhandlungen der Kritik am Konzept Esping-Andersens finden sich bei Lessenich und Ostner (1998), Abrahamson (1999), Gough (1999), Arts und Gelissen (2002) und Kasza (2002).

36  Der von Bonoli als 'Beveridge-Modell' bezeichnete Typ entspricht nicht der originären Beveridgeschen Sozialpolitik in Großbritannien, da Beveridge stärker die Beitragsfinanzierung befürwortete und Aversionen gegen Durchschnittsraten hatte (vgl. Bonoli, 1997: 357).

37  "The poor rely on the state, and the remainder on the market" (Esping-Andersen, 1990: 25).

38  In Russland ist der Gini-Koeffizient beispielsweise von .25 auf .48 dramatisch gestiegen. Auf die Entwicklung der Einkommensungleichheit in den einzelnen Ländern wird später detailliert eingegangen.

39  Einstellungen können insofern als Handeln begriffen werden, indem sie im Vorgang der Datenerhebung ein Handeln der Befragten gegenüber den Interviewern darstellen.

40  Den ethologischen Arbeiten Gehlens zufolge ist der Mensch im Unterschied zum Tier als ‘Mängelwesen’ zu charakterisieren. Während das Tier seinen Instinkten folgt und an diese gebunden ist, ist der Mensch von seinen Instinkten weitgehend entbunden (d.h. instinktreduziert). Dieses durch Instinkte "nicht festgestellte Wesen" Mensch (Gehlen, 1986: 10) muss kraft der Vernunft "sich selbst festzustellen" (Gehlen, 1986: 16f) und durch Erfindungsgeist die eigene Welt und das soziale Zusammenleben gestalten und arrangieren, um so die eigene Lebens- und Überlebensbasis sichern zu können. Der „nicht festgestellte“ Mensch ist also ein 'Wesen der Freiheit', das auf den Gebrauch der eigenen Vernunft angewiesen ist, um Kultur hervorzubringen. Dabei ist er nicht nur zur Freiheit ‘verurteilt’ (Sartre, 1963: 16), sondern sie ist umgekehrt auch Chance und Herausforderung.

41  Damit ist all das erfasst, was einzelne Menschen außerhalb ihrer selbst vorfinden und wodurch sie letztlich bestimmt werden. Die den Strukturen inhärente Normativität wirkt auf den Menschen ein. Es ist ferner zu bedenken, dass Strukturen nicht nur ‘äußerlich’ als konkrete Ordnungen, Institutionen, Normen etc. erscheinen, sondern auch als kognitive Schemata ‘in den Köpfen’ der Menschen.

42  "Wären Strukturen nichts als metaphysische Konstruktionen, bräuchte kein Hahn nach ihnen zu krähen. Strukturen zwingen oder schränken mich nur ein insofern, als sie mir im wirklichen oder antizipierten Handeln anderer Akteure praktisch gegenübertreten“ (Anthony Giddens in: Kießling, 1988: 290).



© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
18.07.2006