5 Sozialer Wandel in West und Ost

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In diesem Abschnitt der Studie soll der soziale Wandel in den für diese Untersuchung ausgewählten Ländern im beobachteten Zeitrahmen genauer in den Blick genommen werden. Der soziale Wandel auf Makroebene ist die dynamische kontextuelle Komponente, welche die Gesellschaften, die in dieser Untersuchung im Blickfeld liegen, als sich verändernde Makroeinheiten hinreichend zu beschreiben vermag. Mit der Dimension der Zeit kann eine statische Momentaufnahme des Querschnitts überwunden werden und die entscheidende diachrone Beobachtungsperspektive hinzugefügt werden. Wer den sozialen Wandel individueller Wahrnehmungen und Bewertungen von Ungerechtigkeit, Einstellungen zu sozialer Ungleichheit und die Präferenz von Verteilungsideologien untersuchen will, muss auch auf gesellschaftlicher Makroebene Faktoren des sozialen Wandels in den Blick nehmen, die diese beeinflussen und damit zu erklären vermögen. Dabei muss insbesondere zwischen den Entwicklungen in osteuropäischen Transformationsländern und westlich-kapitalistischen Ländern differenziert werden, da sie in Qualität und Tragweite ganz verschieden eingestuft werden müssen. Nach den Ausführungen über wohlfahrtsstaatliche Regimes, die in westlich-kapitalistischen Gesellschaften nunmehr langjährige stabile pfadabhängige Traditionen aufweisen und in ihren Grundfesten wenig sozialen Wandel erkennen lassen, und den skizzierten, vergleichsweise noch instabilen wohlfahrtsstaatlichen Gehversuchen postkommunistischer Länder muss in diesem Abschnitt der Blick einerseits auf grundsätzlichere Wandlungsprozesse gelenkt werden, die es theoretisch zu skizzieren gilt, und andererseits in die empirische Beschreibung im Detail dieser Entwicklung gegangen werden, die durch die Veränderung zentraler Makroindikatoren auf Länderebene veranschaulicht werden kann. Da hier eine unüberschaubare Anzahl von theoretischen Entwürfen zu diskutieren wären und gleichsam unzählige Indikatoren in den Blick genommen werden müssten, um Wandlungsprozesse auf Makroebene der Länder hinreichend verdeutlichen und beschreiben zu können, können in dieser Untersuchung nur brachiale Skizzierungen unter erheblicher Beschränkung vorgenommen werden.

Sozialer Wandel in westlich-kapitalistischen Ländern kann unter dem theoretischen Paradigma der Modernisierung beschrieben werden (vgl.Van der Loo und Van Reijen, 1992;Weymann, 1998: 75-144). In modernen Gesellschaften - so die Vermutung im Anschluss an solche Varianten einer Modernisierungstheorie - sind Modernisierungsprozesse ganz unterschiedlicher Art im Gange, die langfristig diese Gesellschaften geprägt haben. Gewöhnlich werden diese grundlegenden Prozesse der Modernisierung mit den charakterisierenden Schlagworten der funktionalen Differenzierung, Rationalisierung, Individualisierung und Domestizierung zusammengefasst (Van der Loo und Van Reijen, 1992). Andere dagegen betonen die Errungenschaften zentraler Basisinstitutionen in westlich-kapitalistischer Gesellschaften wie Marktwirtschaft, Konkurrenzdemokratie und Wohlfahrtsstaat (vgl.Zapf, 1987;Zapf, 1992;Zapf, 1992;Zapf, 1994;Zapf, 1996), die sich im Zuge dynamischer Prozesse des sozialen Wandels in westlichen Gesellschaften geschichtlich herausgebildet haben und als bleibende Errungenschaften moderner Gesellschaften, als "evolutionäre Universalien" (Parsons, 1971) gelten können. Auf diese Entwicklungen muss in kurzen Umrissen eingegangen werden, weil sich damit auch Rückschlüsse in Bezug auf individuelle Bewertungen, Einstellungen und Präferenzen gewinnen lassen, die in diesem Kontext gesehen werden müssen.

Eine neue Qualität solcher Modernisierungsvorgänge kann Prozessen des sozialen Wandels in postkommunistischen Ländern nach dem radikalen Systemwechsel zu Beginn der 90er Jahre zugeschrieben werden. Diese Transformationsprozesse können als "ein spezifischer Typ sozialen Wandels" interpretiert werden, der sich "durch eine Intentionalität von gesellschaftlichen Akteuren, durch einen Prozess mehr oder minder bewusster Änderung wesentlicher Ordnungsstrukturen und durch einen über verschiedene Medien gesteuerten Umwandlungsprozess von sozialen Systemen" kennzeichnen lässt (Reißig, 1994: 324). Aufgrund seiner Radikalität und Schnelligkeit also ist die Transformation in postkommunistischen Ländern mehr als das, was zeitgenössische Modernisierungstheorien unter Modernisierung als gesellschaftlichen Wandlungsprozess westlicher demokratischer Marktgesellschaften verstehen. Diese Ansätze übertragen das ursprünglich westliche Konzept auf Osteuropa und verstehen den dort stattfindenden Umbruch als Prozess einer "nachholenden Modernisierung" im Sinne der Aufholung zum Westen durch Implementation von Basisinstitutionen westlichen Stils, ein Prozess also, dessen Richtung, Tempo, Tiefgang und Steuerbarkeit weitgehend vorgegeben ist (vgl.Zapf, 1994;Zapf, 1995;Zapf und Habich, 1996). Andere dagegen betonen den prozessualen, sequenziellen und grundsätzlich entwicklungsoffenen Charakter von Transformationsprozessen (vgl.Reißig, 1994). Die Debatte zwischen diesen theoretischen Lagern ist hauptsächlich in der deutschen sozialwissenschaftlichen Transformationsforschung zu finden und vermutlich dadurch zu begründen, dass aufgrund ihrer Fixierung auf den 'Sonderfall Ostdeutschland' der Blick auf den sozialen Wandel in anderen Transformationsländern ausgeblendet wurde. Aus international vergleichender Sicht betrachtet zeigt sich, dass Transformationsländer ganz unterschiedliche Wege in ihren Entwicklungen gehen können, sozusagen "dritte Wege" zwischen Beibehaltung von Remisen der sozialistischen Vergangenheit und Institutionen westlicher Prägung. In den nachfolgenden Ausführungen muss deshalb auch auf zentrale theoretische Erträge der Transformationsforschung eingegangen, Transformationstheorien vorgestellt und die Transformationsentwicklungen in postkommunistischen Ländern genauer skizziert werden und unter Beschränkung auf zentrale Indikatoren beschrieben werden.

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Das Vorgehen stellt sich also wie folgt dar: Im Anschluss an die Ausführungen zum sozialen Wandel in westlich-kapitalistischen Ländern werden die Entwicklungen in postkommunistischen Ländern nachgezeichnet. Dabei werden jeweils zuerst kurze theoretische Überlegungen und Skizzierungen vorgestellt und daran anschließend empirische Entwicklungen anhand einiger zentraler Indikatoren verdeutlicht. Angesichts der Komplexität und des Umfangs, die solche Ausführungen einnehmen könnten, ist verständlicherweise eine radikale Beschränkung notwendig.

5.1 Zur Modernisierung westlich-kapitalistischer Länder

Es ist unbestreitbar, dass auch westlich-kapitalistische Länder sozialem Wandel unterworfen sind, auch wenn dies nicht mit der Dramatik osteuropäischer Transformationsländer verglichen werden kann. Der soziale Wandel in westlich-kapitalistischen Ländern wird gewöhnlich unter dem Paradigma der Modernisierung theoretisch zutreffend beschrieben (vgl.Glatzer et al., 2002;Van der Loo und Van Reijen, 1992;Weymann, 1998: 75-144;Zapf, 1991;Zapf, 1991;Zapf, 1992;Zapf, 1992;Zapf, 1996). Dabei werden unterschiedliche Aspekte mit dem Begriff der Modernisierung in Zusammenhang gebracht. So ist von Modernisierung in politischer Hinsicht die Rede, wenn die demokratischen Bedingungen und politischen Institutionen unter Modernisierungszwang im Sinne der Anpassung angesichts allgemeiner sozialer Modernisierungsprozesse stehen (vgl.Beck, 1993;Beyme, 1991;Müller, 2001). Von der Modernisierung des Wohlfahrtsstaates wird gesprochen, wenn sich die wirtschaftlichen Grundlagen seiner Existenz ändern (vgl.Alber, 2002;Alber, 2002;Grunow, 1997;Krüger, 1994;Zapf, 1989). Auch der soziale Wandel im Anschluss an den Systemwechsel in Osteuropa bzw. in Ostdeutschland wird unter Modernisierungsaspekten diskutiert (vgl.Mänicke-Gyöngyösi, 1995;Peter, 1994;Sterbling, 1998;Tiryakian, 1998;Vobruba, 1991;Zapf, 1994;Zapf, 1994;Zapf, 1995). Modernisierung spielt auch hinsichtlich sozialstruktureller Veränderungen eine Rolle (vgl.Hradil, 1993;Hradil, 1995;Hradil, 1996), der Veränderungen in der Arbeitswelt (vgl.Heidenreich, 1996) und vor allem allgemein hinsichtlich der Veränderung der Struktur und Qualität sozialer Ungleichheit (vgl.Berger und Hradil, 1990;Hradil, 1993;Mayer, 1991;Vester, 1993;Vester, 1997;Vester et al., 2001), die zunehmend subjektive Dimensionen in Konzepte und Analysen aufnimmt. Von Modernisierung ist zudem die Rede, wenn es darum geht, die kulturelle Entwicklung und den Wandel in den Werten in Gesellschaften zu beschreiben (vgl.Gensicke, 1996;Inglehart, 1990;Inglehart, 1997;Inglehart, 2002;Inglehart und Baker, 2000;Klages, 1993;Klages, 1998;Klages, 1998;Meulemann, 1996;Meulemann, 1998;Meulemann, 1998). Kurz: Modernisierung wird an allen Ecken und Enden von sozialem Wandel festgemacht und kann als zentrales Charakteristikum moderner Gesellschaften gelten (Zapf, 1989;Zapf, 1992;Zapf, 1992;Zapf, 1996). Nicht von ungefähr war und ist Modernisierung als theoretisches Konstrukt auch Gegenstand heftiger Kontroversen, wie es die Debatten auf dem Deutschen Soziologentag von 1990 zeigen, der explizit unter dem Motto der 'Modernisierung moderner Gesellschaften' stand (vgl.Zapf, 1991). Dabei steht auch in Folge der Ansatz einer fortschreitenden linearen Modernisierung im Sinne der einfachen Weiterentwicklung der gesellschaftlichen Basisinstitutionen Markt, Demokratie und Wohlfahrtsstaat (Zapf, 1991;Zapf, 1996) den Ansätzen einer Konzeption der reflexiven Modernisierung (vgl.Beck, 1991;Beck, 1993;Beck et al., 1996) gegenüber, die davon ausgehen, dass die im Zuge der Moderne und im Anschluss an die Industrialisierung errungenen basalen Institutionen seit einiger Zeit zu einer Dynamik beitragen, welche ihre eigenen Existenzgrundlagen zunehmend aufhebt. Modernisierung ist also ein schillernder Begriff, der auch aufgrund seiner Abstraktheit und Allgemeingültigkeit sowohl Kontroversen provoziert als auch für Diagnosen einsetzbar ist, da er inhaltlich unbestimmt und beliebig erscheint. Auch Beschreibungen von Gesellschaften mit Anspruch auf umfassender Darstellung, die so genannten Gesellschaftsentwürfe, werden ausdrucksstark auf den Punkt gebracht, indem Begriffe wie zum Beispiel "Postindustrielle Gesellschaft", "Wertewandels-", "Risiko-", "Erlebnis-" oder "Multioptionsgesellschaft" und ähnliches erfunden werden.43 Wie aber sonst lassen sich die Dynamiken moderner Gesellschaften beschreiben, wenn nicht auf ein Catch-all-Vokabular zurückgegriffen wird? Auswege aus diesem Dilemma zwischen theoretischem Kompaktbegriff, der klotzig über das Einzelne hinwegfegt, und fundierter empirischer Darstellung, die sich im Detail verlieren mag, scheint es nicht zu geben. In Konsequenz dieser Einschätzung wird ein detailliertes Eingehen auf alle möglichen Prozesse des sozialen Wandels im Rahmen dieser Studie nicht möglich sein. Vielmehr können nur einige wenige allgemeine theoretische Aspekte diskutiert werden, die im Rahmen dieser Studie von Bedeutung sind. Anschließend werden wirtschaftliche, soziale und politische Entwicklungen in westlichen Ländern anhand zentraler Indikatoren verdeutlicht. Damit soll versucht werden, einerseits theoretische Vertiefungen und anderseits ausgewählte empirische Entwicklungen nebeneinander zu stellen, um den Kontext individueller Gerechtigkeitsäußerungen verständlich zu machen.

5.1.1 Theoretische Überlegungen

Sozialer Wandel auf dem Weg der Entwicklung zur Moderne gilt schon immer als zentrales Thema der Sozialwissenschaften. Auch wenn das "Projekt der Moderne" unvollendet erscheint (Habermas, 1988) und sich durch "neue Unübersichtlichkeit" auszeichnet (vgl.Habermas, 1985: 141f), haben die Sozialwissenschaften von Anfang an etwas zur Klärung der gesellschaftlichen Veränderungsprozesse beizutragen. Schon bei den Klassikern wird dies durch verschiedene (dichotome) Gesellschaftsbeschreibungen herauszuarbeiten versucht. Während Comte (1974) in seinem Drei-Stadien-Modell der gesellschaftlichen Entwicklung vom theologischen über das metaphysische hin zum positiven, d.h. wissenschaftlich-technischen Zeitalter skizziert, geht es Durkheim (1992) vor allem um die Konsequenz zunehmender Arbeitsteilung auf die Ausdifferenzierung des Sozialen, wenn er den Übergang der alten Gesellschaft, die durch "mechanische Solidarität" zusammengehalten wird, in eine neue zu beschreiben versucht, die durch "organische Solidarität" integriert wird. Während Tönnies sozialen Wandel am Übergang von "Gemeinschaft" zu "Gesellschaft" festmacht, betont Weber die "Entzauberung der Welt" durch den fortschreitenden Prozess der Rationalisierung sowie den Übergang von der traditionalen zur rationalen Legitimation von Herrschaft im Rahmen seiner Religions- und Herrschaftssoziologie (vgl.Weber, 1988) und verankert die Ursachen der Entwicklung des modernen Kapitalismus in religiösen Wurzeln des Kapitalismus (Weber, 1988). Für Marx wiederum sind es die Produktions- und Eigentumsverhältnisse, die in Widerspruch mit den Produktivkräften der Gesellschaft geraten und so zur Quelle sozialen Wandels in der Form der notwendigen Revolution werden um diesen Widerspruch zu überwinden (Marx, 1972: 8f). Diese frühen klassischen Untersuchungen zum sozialen Wandel, die sich beliebig ergänzen ließen, motivieren bis heute theoretische Strömungen der Sozialwissenschaften, von der kritischen Theorie bis zur strukturfunktionalen Theorie (vgl.Weymann, 1998: 75-144).

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Um die adäquate Erklärung und um das bessere Verständnis des sozialen Wandels in der modernen Gesellschaft konkurrieren auch heute in den Sozialwissenschaften einflussreiche Theorien miteinander. Grob lassen sich Ansätze auf der Makroebene, denen ein Interesse an den funktionalen Erfordernissen der sozioökonomischen Strukturen und der gesellschaftlichen Teilsysteme gemein ist von Theorien auf der Akteursebene unterscheiden, die den Blick auf die handelnden Subjekte und ihr Zutun zum Wandel der Gesamtgesellschaft richten. Im Folgenden soll lediglich eine der einflussreichsten Makrotheorien, nämlich die Systemtheorie Parsons skizziert werden, die in Verbindung zu seiner Handlungstheorie steht, und die als Modernisierungstheorie bezeichnet werden kann (vgl.Weymann, 1998: 89). Ferner gilt es, die heutige Variante einer Modernisierungstheorie, die sich auf Parsons beruft, vorzustellen.

Zur Systemtheorie Parsons

Mit der Systemtheorie von Parsons lässt sich die moderne Gesellschaft im Gegensatz zur traditionalen als eine in soziale Teilsysteme ausdifferenzierte beschreiben (Parsons, 1951;Parsons, 1971). Danach geht der Wandel einer Gesellschaft in die Moderne über die funktionale Differenzierung von vier zentralen Funktionssystemen: Wirtschaft (Anpassung), Politik (Zielerreichung), soziale Gemeinschaft (Integration) und Kultur (Erhaltung von Wertmustern). Voraussetzung für die Stabilität einer Gesellschaft ist die Ausbildung bestimmter "evolutionärer Universalien", vor allem aber von vier organisatorischen Komplexen, die für die Struktur einer modernen funktional differenzierten Gesellschaft bestandsnotwendig sind: "bürokratische Organisationsformen zur Realisierung kollektiver Ziele; Geld und Marktsysteme; ein allgemeingültiges universalistisches Rechtssystem; und die demokratische Assoziation mit gewählter Führung, durch die es möglich wird, für bestimmte politische Ziele den Konsensus der Mitglieder zu gewinnen" (Parsons, 1971: 72). Wenn zentrale revolutionäre Universalien fehlen, ist das politische System nicht mehr in der Lage, die ansteigende Komplexität seiner Umwelt zu reduzieren. Es verliert damit an Legitimität und wird instabil. Eine rein autoritäre Oktroyierung sozialer Normen bringt daher keine Integration in der modernen Gesellschaft, denn diese basiert im Sinne Durkheims "organischer Solidarität" auf sozial anerkannten Werten und ihrer Internalisierung auch durch die Gesellschaftsmitglieder. Strukturwandel gilt nach Parsons deshalb vor allem auch als Wandel der normativen Kultur, bei der demokratische Strukturen und Verfahren unverzichtbar sind (vgl.Parsons, 1971: 70). Wichtig aber für den Erhalt der sozialen Ordnung sind die in einer Gesellschaft geteilten Werte und Normen, an denen sich individuelles Handeln auszurichten hat. Im Rahmen seiner voluntaristischen Handlungstheorie (vgl. hierzuMünch, 1988) schaffen also Werte Erwartungs- und Verhaltenssicherheit für Individuen, die sich damit wechselseitig aufeinander einstellen können. Systeme (wie hier das kulturelle Wertesystem) lösen also das im Rahmen der Handlungstheorie auftretende Problem der doppelten Kontingenz (vgl.Parsons und Shils, 1951: 16). Angesichts der starken Konzentration auf Stabilität und Ordnung ist zu Recht nach der Rolle und dem Stellenwert des sozialen Wandels zu Fragen. Dieser kommt auf Systemebene der vier Teilsysteme von unten durch Wirtschaft und Politik in Richtung Gesellschaft und Kultur, während Kultur und Gesellschaft von oben stabilisierend wirken (vgl.Weymann, 1998: 88). Die Gesellschaft wird also letztendlich von einem Wertekonsens zusammengehalten und vor radikalem Wandel in der Form von Umstürzen und Revolutionen bewahrt. Auf individueller Handlungsebene sichern die Systeme über Sozialisation, Erziehung, Bildung und Disziplinierung abweichenden Verhaltens den Gesellschaftskonsens. Kultureller Wandel, also der Wandel der Werte und Normen ist dagegen Ergebnis kulturellen Austauschs. Wandel kommt jedoch auch durch institutionelle Veränderungen, vor allem aber aus dem Austausch der Bevölkerung durch Geburt und Tod, indem alte "Kulturträger" gehen und "barbarische Neugeborene" kommen. "What has sometimes been called the 'barbarian invasion' of the stream of new-born infants is, of course, a critical feature of the situation in any society. Along with the lack of biological maturity, the conspicuous fact about the child is that he has yet to learn the patterns of behavior expected of persons in his statuses in his society" (Parsons, 1951: 208). Sozialer Wandel kommt bei Parsons also letztlich durch den Wandel der normativen Kultur. Wenn das Gleichgewicht der Systeme gestört ist, setzt sozialer Wandel ein.44

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Modernisierungstheorie heute

Die neuere Modernisierungstheorie und die sich daran orientierende Forschung bezieht sich auf Parsons, ist jedoch eher auf der Makroebene anzusiedeln und erklärt Wandlungsprozesse aus dem Erfolg der zunehmenden Wohlfahrt (vgl.Zapf, 1994;Zapf, 1996). Diese Wohlfahrt beruht auf der Errungenschaft von Basisinstitutionen: Konkurrenzdemokratie, Marktwirtschaft, Wohlfahrtsstaat und Massenkonsum. Der wirtschaftlichen Prosperität kommt eine wichtige Bedeutung dabei zu, da sich in ihr Innovationen der Gesellschaft verwirklichen, vor allem in der Form technischer Fortschritte (vgl.Fourastié, 1969). Mit diesen wirtschaftlichen Umstrukturierungsprozessen gehen auch soziale Mobilisierungen der Gesellschaft einher, die nicht zuletzt aus einem Umbau gesellschaftlicher Institutionen, der Kultur und individueller Lebensformen bestehen. Diese Wandlungsprozesse gehen nicht ohne Konflikt ab. Erstaunlich ist jedoch, dass sich diese nicht stärker manifestiert haben. "Unkenrufe über Legitimationskrisen und Unregierbarkeit haben sich bislang als haltlos erwiesen, alle tief greifenden Veränderungen haben nicht die unüberwindbaren, fundamentalen Spaltungen (cleavages) in der Gesellschaft erzeugt" (Weymann, 1998: 93). Möglicherweise ist es in der Tat das Verdienst der stark empirisch ausgerichteten Dauerbeobachtung der Gesellschaft durch die Modernisierungsforschung, die immer wieder eine Selbstverständigung der Gesellschaft bewirkt und eine stärkere Manifestation von Konflikten verhindert hat. Als anthropologisch optimistische Theorie über die machbare Gestaltbarkeit von Gesellschaft kommt ihr jedenfalls in der international vergleichenden Forschung von weniger und stärker entwickelten Gesellschaften eine prominente Rolle zu (vgl.Weymann, 1998: 93f).

Vier Grundprozesse der Modernisierung

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Der Wandel moderner westlicher Gesellschaften als Prozess der Modernisierung ist in detaillierter Sicht ein multivariates vielfältiges Geschehen. "Modernisierung verweist auf einen Komplex miteinander zusammenhängender struktureller, kultureller, psychischer und physischer Veränderungen, der sich in den vergangenen Jahrhunderten herauskristallisiert und damit die Welt, in der wir augenblicklich leben, geformt hat und noch immer in eine bestimmte Richtung lenkt" (Van der Loo und Van Reijen, 1992: 11). Modernisierung ist ein Prozess, dessen Endpunkt unbekannt und die zahlreiche Variationen aufweisen kann (Möglichkeiten einer selektiven oder partiellen Modernisierung). Modernisierung muss nicht kontinuierlich, gleichmäßig, sondern kann auch gegensätzlich ablaufen. Modernisierung lässt sich auch nicht monokausal erklären, sondern kennt höchst unterschiedliche und vielfältige Ursachen ihrer Entstehung. Und sie ist zudem auch eine Theorie, die sich an der Empirie messen lassen muss (vgl.Van der Loo und Van Reijen, 1992: 18-28). Gemeinsamer Nenner aller modernisierungstheoretischen Überlegungen sind nach Van der Loo und Van Reijen (1992) vor allem vier grundlegende soziale Prozesse: Differenzierung, Rationalisierung, Individualisierung und Domestizierung.

Differenzierung meint einerseits Prozesse der zunehmenden Arbeitsteilung und den daraus folgenden Problemen für den Zusammenhalt der Gesellschaft (Durkheim, 1992). Eine Modernisierung in dieser Dimension bedeutet trotz der Gefahr anomischer Entwicklungen jedoch nicht Vereinzelung oder Verfall gesellschaftlicher Strukturen, sondern eben auch die Entstehung neuer Bindungen und Sicherheiten. Die Art des Zusammenhalts ändert sich jedoch, was Durkheim (1992) "organische Solidarität" nennt. Dass Menschen sich immer mehr voneinander unterscheiden (v.a. hinsichtlich ihrer Berufe) und sich spezialisieren führt also auch zu einer stärkeren Angewiesenheit und wechselseitiger Abhängigkeit. Differenzierung in diesem Sinne ist also letztendlich eine Pluralisierung der Lebensformen. Ferner wird mit Differenzierung in modernen Gesellschaften ein zwar durchlässiges, aber sich auch immer mehr ausdifferenzierendes System sozialer Ungleichheit im Sinne der Rangordnung errichtet. Danach werden soziale Positionen in einer Gesellschaft nicht mehr zugeschrieben, sondern erworben (Linton, 1947). Damit wird soziale Differenzierung als soziale Ungleichheit paradoxerweise zum Ärgernis der einen und zum legitimen Bedürfnis der anderen, sich von anderen abzusetzen.45 Und schließlich meint Differenzierung auch funktionale Differenzierung auf Gesellschaftsebene im Sinne des Auseinandertretens gesellschaftlicher Teilsysteme (Wirtschaft, Politik, Religion, Wissenschaft) und den sich aus dieser Komplexitätssteigerung ergebenden Problemen des Funktionierens von Gesellschaft auf Makroebene (vgl.Luhmann, 1984;Luhmann, 1998).

Rationalisierung als Prozess spielt auf individueller Ebene und auf kollektiver bzw. Gesellschaftsebene eine Rolle als "das Ordnen und Systematisieren der Wirklichkeit mit dem Ziel, sie berechenbar und beherrschbar zu machen" (Van der Loo und Van Reijen, 1992: 119). (1) In individueller Hinsicht geht es um zweckrationales Handeln des Menschen im Sinne planerischen Gestaltens des eigenen Lebens, des sich Darstellens und Einordnens in das Soziale, das auch durch Schlagworte wie "life politics" (Giddens, 1991: 209ff) oder "impression management" (Goffman, 2000) sozialwissenschaftlich aufgegriffen wird. Auch das rationale Einordnen anderer in den eigenen Lebensvollzug und darin eigene Selbstbestimmung zu finden ist hier zu nennen (Soeffner, 1992). (2) Auf der Ebene kollektiven Handelns geht es schließlich um Rationalisierung von Gesellschaftsabläufen im Sinne der Organisation von Institutionen und des sozialen Zusammenlebens. Bürokratische Apparate als "stahlharte Gehäuse" werden stärker auf instrumentell-strategisches und effizientes Walten hin entwickelt (Weber, 1980: 203, 551-579). Ähnlich negativ wird auch von der "Kolonialisierung der Lebenswelt" gesprochen (Habermas, 1988: Bd. 2: 232f, 267f). Und schließlich scheint (3) Rationalisierung prozessual auf weltanschaulicher Ebene zu wirken, indem Rationalisierung zur mythischen 'Entzauberung' der Welt und zur Aufklärung beiträgt. Dies schlägt sich auch in Säkularisierungstendenzen bzw. der Entstehung neuer Formen des Religiösen nieder (Berger, 1988).

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Individualisierung als grundlegender Prozess der Modernisierung meint allgemein die zunehmende Konzentration auf das Individuum, statt auf das Kollektiv (vgl.Simmel, 1992: 791-816). Sie wird neutral bzw. positiv anhand von Schlagworten wie Selbstentfaltung, Selbständigkeit, Personalisierung, Subjektivierung oder Autonomisierung diskutiert, aber auch negativ mit Narzissmuskultur, Ich-Zeitalter, Intimisierung, Privatisierung, Hedonismus, Vereinzelung etc. in Verbindung gebracht. Die gesellschaftliche und auch sozialwissenschaftliche Einschätzung dieser Entwicklungsprozesse ist kontrovers. Auch die 'neuere' Individualisierungsdebatte, die Individualisierung gesellschaftsbezogen als die Auf- und Ablösung industriegesellschaftlicher Lebensformen konzipiert, die zugleich Chancen der Befreiung von einengenden Strukturen als auch Gefahren neuer Zwänge und Unsicherheiten in sich birgt, hat Kontroversen hervorgerufen.46 Alles in allem wird mit Individualisierung das grundlegende Verhältnis von Individuum und Gesellschaft thematisiert. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass ihr theoretischer Stellenwert und die damit verbundenen Entwicklungstendenzen auch sozialwissenschaftlich durchaus kontrovers diskutiert werden.

Domestizierung als Modernisierungsprozess schließlich zielt auf die Zähmung und Beherrschung der natürlichen und biologischen Kräfte. Damit wird einerseits die zunehmende Durchsetzung des Menschen gegenüber der Natur im Sinne des Umbaus der Natur zu menschlicher Kultur verstanden, die sowohl gestalterisches Hegen und Pflegen aber auch destruktive zerstörerische Tendenzen annehmen kann. Unabhängigkeit von der Natur ist aber andererseits auch durch Selbstdomestizierung im Sinne der verstärkten Disziplinierung eigener Gefühle und der zunehmenden Triebbeherrschung und Affektkontrolle zu verstehen (vgl.Elias, 1990). Jedes Neugeborene ist demnach als 'Barbar' in diese Welt geworfen und muss erst den gesamten kulturell-evolutiven Prozess der Menschheitsgeschichte erst erlernen und in der eigenen Entwicklung auf kurze Zeit durchlaufen, um sich durch Sozialisation den Regeln der Gesellschaft zu unterwerfen.

Diese vier Grundprozesse bestimmen die Entwicklung moderner Gesellschaften (Van der Loo und Van Reijen, 1992). Sie sind insofern paradoxe Entwicklungsdimensionen, indem sie gegensätzliches bewirken, Gefahr und Chance, Öffnung und Schließung, Konditionierung und Nicht-Konditionierung zugleich sind. Nun stellt sich die Frage, wie sich die Entwicklung der in dieser Studie betrachteten Länder im Detail beschreiben lässt. Dazu werden zentrale Indikatoren vorgestellt, welche die Modernisierung zwar nicht im Abbild der skizzierten Prozessdimensionen beinhalten, aber hierzu einen Bezug haben. Soziale Differenzierung drückt sich etwa in der Konzentration der Einkommen in einer Gesellschaft aus. Die wirtschaftliche Wertschöpfung in einer Gesellschaft ist Ausdruck ihres Wohlstandes und des rationalen Einsatzes von Produktionsmitteln.

5.1.2 Wirtschaftliche, politische und soziale Entwicklung

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Die Entwicklung der westlich-kapitalistischen Länder wird nun anhand einiger zentraler Indikatoren beschrieben. Dazu werden Analysen der Entwicklung des Bruttosozialprodukts, der Arbeitslosigkeit, der Sozialausgaben und der sozialen Ungleichheit vorgestellt. Da in diesem Rahmen nicht auf jedes Detail der einzelnen Entwicklungen in den einzelnen Ländern eingegangen werden kann, werden nur einige grobe Entwicklungstendenzen und Unterschiede anhand von Länderdaten herausgearbeitet, die im Rahmen dieser Studie relevant sind.47

Wirtschaftswachstum

Das Bruttosozialprodukt als die Summe der von den Einwohnern eines Landes im In- und Ausland erzielten Nettoproduktionswerte (zu Marktpreisen) ist Ausdruck für die Wirtschaftskraft eines Landes. Seine Höhe und Entwicklung gibt Aufschluss über den Wandel des Wohlstands einer Gesellschaft und der Mittel, die sie zu verteilen vermag. In Abb. 4 ist die Höhe und Veränderung des Bruttosozialprodukts für die westlich-kapitalistischen Länder dargestellt, die im Zentrum dieser Untersuchung stehen. In den meisten Ländern sind auf den ersten Blick nur geringe Veränderungen hinsichtlich des Bruttosozialprodukts pro Kopf zu sehen. Meist kann über den betrachteten Zeitraum hinweg ein geringer Anstieg verzeichnet werden. Stärker steigt das Bruttosozialprodukt über die gesamte Periode in den Vereinigten Staaten und bis in die Mitte der 90er Jahre in Norwegen, der Schweiz, während es danach wieder leicht abfällt. Ein nur leichter wirtschaftlicher Aufschwung ist auch in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Österreich bis Mitte der 90er Jahre auszumachen, der danach allerdings wieder abfällt. Dieser Knick in vielen Ländern in der Mitte der 90er Jahre ist vermutlich auf die zu diesem Zeitpunkt einsetzenden weltwirtschaftlichen Krisen und den damit verbundenen Rückgang der wirtschaftlichen Kräfte zurückzuführen.

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Die Länder unterscheiden sich auch vielleicht nicht so sehr in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung, vor allem jedoch unterscheiden sie sich in Bezug auf die Höhe des Bruttosozialprodukts. So weist die Schweiz das vergleichsweise höchste Bruttosozialprodukt pro Kopf auf, während Portugal das Schlusslicht bildet. Zu den Ländern mit den beträchtlichsten Werten zählen auch Norwegen und die Vereinigten Staaten, gefolgt von Schweden und den meisten anderen mitteleuropäischen Ländern, sowie Australien und Kanada. Das Schlusslicht bilden die südeuropäischen Länder Spanien und Portugal.

Abb. 4: Bruttosozialprodukt zu Marktpreisen in westlich-kapitalistischen Ländern (US-Dollar je Einwohner)

Datenbasis: Weltbank, Quelle: Statistisches Bundesamt (1991-2002),
Wechselkurs und Preisentwicklung in den USA eingerechnet.

Abb. 5: Arbeitslosenrate in westlich-kapitalistischen Ländern (in Prozent)

Datenbasis: IWF, Quelle: International Statistical Yearbook (2002), eigene Darstellung

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Arbeitslosigkeit

Anhaltend hohe Arbeitslosigkeit wirkt sich schlecht auf die Wirtschaftskraft und das soziale Klima eines Landes aus, es belastet die Staatsfinanzen und verursacht hohe Ausgaben bei gleichzeitigen Einnahmeverlusten. Die Arbeitslosenquote, d.h. der Anteil an der Zahl der erwerbsfähigen Bevölkerung ist ein entscheidender Indikator sowohl für das wirtschaftliche Wohlergehen einer Gesellschaft als auch für soziale Probleme. Die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in den ausgewählten Ländern stellt sich im Blick auf Abb. 5) wie folgt dar: Während die Schweiz die geringste Arbeitslosenquote aufzuweisen hat, ist der Anteil der Arbeitslosen in Spanien (mit fast 25 Prozent Mitte der 90er Jahre) am höchsten. Die kontinentaleuropäischen Länder bewegen sich mit einer Arbeitslosenquote um die 10 Prozent im Mittelfeld. Hier ist auch die geringste Veränderung über die Zeit festzuhalten. Auffällig ist die Entwicklung vor allem in Großbritannien und in den Niederlanden, in denen die relativ hohe Arbeitslosigkeit Mitte der 80er Jahre fällt. In Großbritannien ist dies die Zeit einer Rezession, die sich auch nochmals zu Beginn der 90er Jahre am Ende der Thatcher-Ära verstärkt hatte und durch starke Anstrengungen überwunden werden konnte. In den Niederlanden wurde dieser Rückgang durch die konzertierte Aktion im Rahmen des Poldermodells und einer starken Ausweitung der Teilzeitarbeit erreicht (vgl.Koch, 2003;Pioch, 2000;Vobruba, 1995).

Soziale Sicherung

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Zur Absicherung der zentralen Lebensrisiken (Krankheit, Arbeitslosigkeit, Rente etc.) wird in modernen Wohlfahrtstaaten ein großer Teil des erwirtschafteten Wohlstandes ausgegeben. Die Ausgaben für soziale Sicherung sind damit auch ein sozialer Indikator, da sie die Solidaritätsbereitschaft der einzelnen voraussetzt. In Tab. 11 sind die Ausgaben für soziale Sicherung in westlich-kapitalistischen Ländern in den Jahren 1985, 1990 und 1996 einzusehen. Die zeitliche Veränderung der Ausgaben im Blick kann zunächst festgehalten werden, dass sich im Schnitt über alle Länder die Sozialausgaben von 21 Prozent (1985) auf 24 Prozent (1996) über die Zeit hinweg ständig erhöht haben. Westliche Gesellschaften geben immer mehr ihres Wohlstands für soziale Sicherung aus. Dies trifft auch für das Gros der Entwicklung in den einzelnen Länder zu. Die Ausnahme ist hier ein leichter Rückgang in Deutschland von 1985 auf 1990 und ein größerer Rückgang in den Niederlanden von 1990 auf 1996 im Rahmen der konzertierten wohlfahrtsstaatlichen Aktion.

Richtet sich der Blick auf die Höhe der Sozialausgaben und damit auf die Unterschiede zwischen den Ländern ist ein Zusammenhang mit dem Regimetypus des Wohlfahrtsstaates zu erkennen. So sind die Sozialausgaben in den liberalen Wohlfahrtsstaaten Australien, USA, Kanada, aber auch Großbritannien am niedrigsten. Dies trifft auch für die mediterranen Wohlfahrtsstaaten Portugal, Spanien und Italien zu, in denen die Absicherung von Lebensrisiken weitgehend dem Familienzusammenhang zugemutet wird. Annähernd so hoch wie in sozialdemokratischen WohlfahrtsRegimes sind die Beiträge in den konservativ-korporatistischen, auch wenn sich hier die Rangfolge im Einzelnen zwischen den einzelnen Zeitpunkten verändert. Schweden als das typischste sozialdemokratische Wohlfahrtsregime hat in allen Zeiten die höchsten Sozialausgaben.

Tab. 11: Ausgaben für soziale Sicherung in westlich-kapitalistischen Ländern (in Prozent des BIP)

 

Land

1985

1990

1996

 

Schweden

31.1

32.2

34.7

 

Frankreich

27.0

26.7

30.1

 

Deutschland*

26.3

25.5

29.7

 

Norwegen

20.0

27.1

28.5

 

Niederlande

28.9

29.7

26.7

 

Österreich

24.4

24.2

26.2

 

Schweiz

17.4

20.1

25.9

 

Italien

21.6

23.1

23.7

 

Großbritannien

21.1

19.6

22.8

 

Spanien

18.5

19.6

22.0

 

Portugal

13.2

14.6

19.0

 

Kanada

16.4

17.6

17.7

 

USA

13.4

14.1

16.5

 

Australien

14.0

14.5

15.7

 

Mittelwert

21.0

22.0

24.2

Datenbasis: ILO, Quelle: ILO (2003), * 1985 nur Westdeutschland, geordnet nach der Ausgabenhöhe 1996.

↓79

Soziale Ungleichheit

Inwieweit die Einkommen in den westlichen Ländern ungleich verteilt sind, ist aus Tab. 12 zu entnehmen. Der Gini-Koeffizient ist ein Maß für die Einkommenskonzentration in einer Gesellschaft.48 Danach kann in den Vereinigten Staaten und Großbritannien als liberale Wohlfahrtsstaaten mit wenig umverteilenden Eingriffen in das Marktgeschehen die höchste Einkommensungleichheit gefunden werden, während für Norwegen und Schweden als exemplarisch sozialdemokratische Wohlfahrtsregime die vergleichsweise geringste Einkommenskonzentration zu verzeichnen ist. Auffallend ist auch, dass die mediterranen Wohlfahrtstypen Italien und Spanien ein hohes Ausmaß an Einkommensungleichheit aufweisen, das auf dem Niveau der liberalen Wohlfahrtsländer anzusiedeln ist. Die kontinentaleuropäischen konservativ-korporatistischen Regime finden sich mit ihren mäßigen Wohlstandsumverteilungen erwartungsgemäß in der Mitte zwischen liberalen und sozialdemokratischen Ländern.

Tab. 12: Soziale Ungleichheit der Einkommensverteilung in westlich-kapitalistischen Ländern (Gini-Koeffizient)

 

Land

1987

1991

1994

1997

1999

Durchschnitt

        
 

USA

.335*

.336

.355

.372

.368**

.353

 

Großbritannien

.303*

.336

.339

 

.345

.333

 

Italien

.306*

.289

.342**

  

.312

 

Schweiz

 

.307**

   

.307

 

Spanien

 

.303*

   

.303

 

Australien

.292***

.304***

.311

  

.302

 

Kanada

.283

.281

.284

.291

 

.289

 

Frankreich

 

.287***

.288

  

.287

 

Österreich

.227

 

.280

.266

 

.262

 

Niederlande

.256

.266

.253

  

.258

 

Deutschland

 

.247**

.261

  

.254

 

Ostdeutschland++

 

.192

.207

.205

.214**

-

 

Westdeutschland++

.262**

.254

.267

.255

.263**

-

 

Norwegen

.233*

.231

.238**

  

.234

 

Schweden

.218

.229**

.221**

 

.252**

.230

 

(Portugal n. verf.)

     

-

        

Datenbasis: LIS, Quelle: LIS (2003), geordnet nach dem Durchschnitt über alle Jahre
++ Landesteile Deutschland: Datenbasis: SOEP 1985-2000, Quelle: Statistisches Bundesamt (2002: 583),
* 1 Jahr vor, ** 1 Jahr nach, *** 2 Jahre vor dem angegebenen Zeitpunkt

↓80

Werden die zeitlichen Veränderungen in den Blick genommen, lässt sich zunächst feststellen, dass in allen liberalen WohlfahrtsRegimes USA, Großbritannien, Australien und Kanada die Einkommenskonzentration in der betrachteten Zeitspanne zunimmt. In den konservativen Arrangements ist kein einheitlicher Trend innerhalb und zwischen den Ländern auszumachen. In den sozialdemokratischen Ländern ist eine leichte Zunahme der Einkommensungleichheit über die Jahre zu verzeichnen. Hier fällt vor allem der für Schweden unübliche Anstieg zum letzten Zeitpunkt auf, der möglicherweise auf Maßnahmen im Zuge der Rettung des in die Krise geratenden schwedischen Wohlfahrtsmodells zurückzuführen ist.

Grundsätzlich kann also festgehalten, dass sich die westlich-kapitalistischen Ländern in zentralen Indikatoren unterscheiden und auch in der zeitlichen Entwicklung unterschiedliche Tendenzen bestehen. Vor allem anhand der Stärke der Einkommenskonzentration und der Höhe der Sozialausgaben konnte gezeigt werden, dass diese mit den theoretischen Ausführungen zu den WohlfahrtsRegimes korrespondieren. Nach diesem kurzen Blick auf die westlichen Länder, muss nun der soziale Wandel in osteuropäischen Transformationsländern näher dargestellt werden.

5.2 Zur Transformation postkommunistischer Länder

Mit den um das Jahr 1990 einsetzenden Transformationsprozessen in Osteuropa hat sich für die Sozialwissenschaften die einmalige Chance ergeben, politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen, die in vielen Ländern Osteuropas nahezu zeitgleich begonnen haben, als Quasi-Experiment aufzufassen, d. h. als nicht von der Forschung selbst indizierten Großversuch (Reißig, 1999). Auch wenn zunächst nur im Zusammenhang mit der deutschen Einheit vom "sozialen Großversuch" (Giesen und Leggewie, 1991) und "natürlichen Experiment" (Offe, 1991) gesprochen wurde, lässt sich dies ohne weiteres auf alle osteuropäischen Transformationsländer übertragen. Experimentellen Versuchscharakter erhalten die Transformationsprozesse dadurch, das in diesen Ländern nahezu gleichzeitig Wandlungsprozesse eingetreten sind, mit denen auf teils gemeinsamer und teils unterschiedlicher Ausgangsbasis das gemeinsame Ziel einer nachhaltigen Modernisierungen von Institutionen und Strukturen sowie einer Mehrung des sozialen Wohlstands erreicht werden sollte. Für die Sozialwissenschaften ergibt sich damit die einmalige Gelegenheit, das bisherige Studium von ungleichzeitigen Wandlungsprozessen von Gesellschaften mit dem Wissen über simultane Veränderungen in den Transformationsländern zu ergänzen. Dabei bietet sich die Möglichkeit, "systematisch zwischen länderspezifischen Bedingungen auf der einen Seite und projektspezifischen Faktoren auf der anderen zu differenzieren" (Wiesenthal, 2000).

↓81

Mit dem Begriff Transformation wird der grundlegende Wechsel von politischen Regimes, gesellschaftlichen Ordnungen und wirtschaftlichen Systemen bezeichnet. Dieser ist hierbei ganz umfassend in allen Teilbereichen zu verstehen, indem er die politische, ökonomische und gesellschaftliche bzw. kulturelle Sphäre betrifft. In wissenschaftlichen Diskussionen des Transformationsprozesses in Osteuropa wird häufig auch von Systemwandel, Systemwechsel oder Transition gesprochen. Sicherlich kann zwischen diesen Begriffen genauer unterschieden werden, indem Systemwandel eher den allmählichen Umbau des Strukturen eines Systems bezeichnet, unter Systemwechsel der "zeitlich dramatisierte" Übergang mit prinzipiell offenem Ausgang verstanden wird und Transition - begrifflich aus der Transitionsforschung über Südeuropa und Lateinamerika kommend - konkret den "Übergang zur Demokratie" meint (vgl.Merkel, 1999: 74-76). Allerdings werden in der Forschungspraxis alle Begriffe für Osteuropa gleichsam verwendet, eine präzise Differenzierung scheint sich nicht durchzusetzen.

5.2.1 Transformationstheorien

Auch wenn es mitnichten Absicht dieser Studie ist, Transformationsprozesse in Osteuropa auf gesamtgesellschaftlicher Ebene zu erklären, können sie für das Verständnis des Wandels auf individueller Ebene informativ sein. Transformationstheorien, die sich auf allgemeine Theorien des sozialen Wandels berufen, geben Aufschluss über mögliche Faktoren, welche individuelle Wahrnehmungen, Bewertungen und Präferenzen beeinflussen. Daher sollen im folgenden Abschnitt auch die einschlägigen Transformationstheorien kurz vorgestellt und auf die wesentlichen Entwicklungsfaktoren näher eingegangen werden.

Die Transformationsforschung, die sich schon auf die 50er und 60er Jahre zurückführen lässt, hat bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine Reihe von theoretischen Überlegungen zum Transformationsprozess hervorgebracht, die auch in Osteuropa Anwendung gefunden haben. Gewöhnlich wird auch hier zwischen Ansätzen auf der System- bzw. Gesellschaftsebene und Ansätzen auf der Akteursebene unterschieden (vgl.Beyme, 1994: 88f). Systemansätze beziehen sich auf die Makroebene und insbesondere auf den Zusammenhang von funktionalen Erfordernissen sozioökonomischer Systeme mit deren sozialen und politischen Strukturen, die im Wandel begriffen sind, indem sie viele Funktionen des alten Systems beleuchten und Chancen eines neuen Systems ausloten. Zusätzliche Erkenntnismöglichkeiten ergeben sich jedoch durch auf der Mikroebene ansetzende Akteurstheorien, welche die handelnden Akteure sowie deren Opponenten ins Zentrum stellen. Dies sind vor allem jene, die politische Macht innehaben oder die Chance auf politische Macht gewinnen. Insgesamt können Makrotheorien in der Transformationsforschung eher als soziologische Ansätze klassifiziert und in System-, Struktur- und Kulturtheorien differenziert werden, während Akteurstheorien eher mikropolitologisch anzusiedeln sind und stärker für die politikwissenschaftliche Betrachtung von Bedeutung sind (vgl.Beyme, 1994: 80f;Merkel, 1999: 77).

↓82

Systemtheorien

Nach der bereits vorgestellten Systemtheorie von Talcott Parsons, der Gesellschaft als eine in soziale Teilsysteme ausdifferenzierte beschreibt (Parsons, 1951;Parsons, 1971), ist die Ausbildung bestimmter "evolutionärer Universalien" - wie bereits erwähnt - eine wichtige Voraussetzung für die Stabilität einer Gesellschaft (vgl.Parsons, 1971: 72). Wenn diese fehlen, ist das politische System nicht mehr in der Lage, die ansteigende Komplexität seiner Umwelt zu reduzieren, verliert an Legitimität und wird instabil. Nach Parsons sind es vor allem zwei Aspekte, welche die Stabilität politischer Systeme garantieren: (1) die funktionale Differenzierung der Gesellschaft und (2) eine ausreichende Legitimation der politischen Herrschaft durch die Gesellschaft (vgl.Merkel, 1999: 79f). Eine politisch totalitäre Durchdringung der Gesellschaft, die eine moderne "reflektierte Anerkennung von Werten" durch eine verordnete Ideologie blockiert und eine funktionale Ausdifferenzierung gesellschaftliche Teilsysteme durch zentrale Herrschaftskontrolle verhindert, führt nach Parsons zum Verlust der Herrschaftskontrolle und damit in letzter Konsequenz zum Zusammenbruch des autokratischen Systems. Die Geschichte hat seine Prognose zur Transformation Osteuropas, "dass sich die kommunistische Gesellschaftsorganisationen als instabil erweisen wird und entweder Anpassungen in Richtung auf die Wahlrechtsdemokratie und ein pluralistisches Parteiensystem machen oder in weniger entwickelte und politisch weniger effektive Organisationsformen 'regredieren' wird" (Parsons, 1971: 71) jedenfalls bestätigt. Dem ersten Fall der Instabilität hat Parsons deutlich mehr Chancen eingeräumt, weil eine Weiterentwicklung damit deutlich schneller zu erzielen gewesen wäre.

Luhmann radikalisiert in seiner Systemtheorie das von Parsons herausgearbeitete Theorem der funktionalen Differenzierung. Allerdings hält er die dominante Stellung des politischen Systems über anderen Teilsystemen für eine Täuschung. Mit dem Übergang von der stratifikatorischen zur funktionalen Differenzierung (vgl.Luhmann, 1998: 707f) ist eine Rangordnung unter den gesellschaftlichen Teilsystemen obsolet geworden. "Als Form gesellschaftliche Differenzierung betont funktionale Differenzierung mithin die Ungleichheit der Funktionssysteme. Aber in dieser Ungleichheit sind sie gleich. Das heißt: das Gesamtsystem verzichtet auf jede Vorgabe einer Ordnung (z. B.: Rangordnung) der Beziehung zwischen den Funktionssystemen" (Luhmann, 1998: 746). Genau das aber ist in den sozialistischen Ländern in Osteuropa zum Problem geworden und zog einen Systemwechsel nach sich. Die Dominanz des politischen Systems über andere Teilsysteme verhinderte eine weite funktionale Differenzierung dieser Teilsysteme (insbesondere des Wirtschaftssystems). Die damit einhergehende Effizienzminderung führte zu einem Rückgang der ökonomischen Wohlfahrtentwicklung, indem "der auf Zahlungen beruhende Code, der allein eine ökonomische Rationalität im Umgang mit knappen Gütern garantiert, geknackt und von einem der Herrschaftssicherung und dem kommunistischen Gesellschaftsmodell verpflichteten politischen Code überlagert wurde" (Merkel, 1999: 81f). Aus System theoretischer Perspektive musste sich die Dominanz des kommunistischen politischen Systems, das umfangreiches Informationsmanagement, umfassende Planung und totale Kontrolle über alle Teilsysteme beanspruchte, als ein zum Scheitern verurteilter Irrtum erweisen. Die blockierte funktionale Ausdifferenzierung der Teilsysteme hat langfristig zu Effizienz- und Legitimationskrisen geführt und die hierarchische Dominanz des politischen Systems selbst ausgehöhlt. Damit hat gerade die Stabilisierung öffentlich geschlossenen Systems zu seiner Destabilisierung geführt (vgl.Pollack, 1990: 296). Die Systemtheorie konnte damit zwar theoretische Argumente dafür liefern, warum dem Sozialismus langfristig kein Erfolg beschieden war, auf Grund ihrer Abstraktheit konnte sie jedoch keine exakten Daten zum Transformationsprozess und zum Verlauf des Übergang vom Sozialismus zum Kapitalismus bereitstellen (vgl.Beyme, 1994: 197).

↓83

Modernisierungstheorie

Die modernisierungstheoretisch orientierte Demokratieforschung ist ebenso auf der Makroebene anzusiedeln und erklärt Transformationsprozesse vor allem, indem sie einen engen Zusammenhang von wirtschaftlicher Prosperität unter Fähigkeit einer Gesellschaft zur Demokratie postuliert (vgl.Lipset, 1981: 31). Die Korrelation von Wohlstand und dem Entstehen bzw. der dauerhaften Etablierung einer Demokratie konnte in unterschiedlichen Operationalisierungen statistisch in zahlreichen Studien nachgewiesen werden. Wohlstand wird in der Regel durch den ökonomischen Indikator des Bruttoinlandsprodukts gemessen, wobei in der Regel auch soziale und politische Komponenten hinter diesem recht allgemeinen Indikator stehen. Lipset (1981: 64ff) führt hier ein hohes Niveau in der Allgemeinbildung, der Urbanisierung, der technischen Informations- und Kommunikationsmittel, eine durchlässige Klassenstruktur mit hoher vertikaler Mobilität durch Aufstiegschancen, eine große Mittelschicht sowie eine von existenzieller Armut nicht bedrohte Arbeiter- und Unterschicht, ein hohes Organisations- und Partizipationsniveau in Interessengruppierungen sowie ein relativ egalitäres Wertesystem an (vgl.Merkel, 1999: 84f). Die Entwicklung von Wohlstand zur Demokratie führt dabei kausal über ein ansteigendes Bildungsniveau, im Zuge dessen die Bürger tolerantere, gemäßigtere und rationalere Einstellungen, Verhaltensweisen und Werte als notwendige Bedingungen für den Erfolg einer Demokratie entwickeln. Hinzu kommt aber auch, dass durch den steigenden Wohlstand extreme Armut und ökonomische Ungleichheit abgebaut werden kann. Durch die Stärkung der Mittelschichten kann politischer Extremismus eingedämmt und die politische Partizipation sowie das soziale Engagements der Bürger für die Demokratie gestärkt werden. Der Beitrag modernisierungstheoretischer Ansätze für die Transformationsforschung liegt in der Betonung der wirtschaftlich prosperierenden Entwicklung als Ursache eines Systemwechsels sowie als nachhaltige Basis einer demokratischen Konsolidierung. Tendenziell fördert Wirtschaftswachstum Demokratien und wirkt legitimierend. Allerdings vermag die Modernisierungstheorie den Modernisierungsstand sowie den Zeitpunkt, ab dem ein Systemwechsel eintritt, nicht genau zu bestimmen. Durch ihre Fixierung auf die breiten Mittelschichten ist sie ferner blind für günstige bzw. ungünstige Akteurskonstellationen und Handlungssituationen.

Strukturtheorien

↓84

Strukturtheorien der Transformationsforschung versuchen, die Kluft zwischen sozioökonomischen Voraussetzungen und Demokratieentwicklung dadurch zu überbrücken, indem sie die sozio- und machtstrukturellen Zwänge in Transformationsprozessen betonen. Verschiebungen in den Machtstrukturen einer Gesellschaft sind demnach die wesentlichen Ursachen von Veränderungen, wobei die Demokratie als Ergebnis dieser Veränderungen nicht zwangsläufig stehen muss. Moore (1969: 495) geht dabei von fünf Faktoren aus, welche die Etablierung einer Demokratie aus strukturalistischer Perspektive bestimmen können: "1. der Machtverteilung innerhalb der Eliten, 2. der ökonomischen Basis der agrarischen Oberschicht, 3. der Konstellation von Klassenkoalitionen, 4. der Machtverteilung zwischen den sozialen Klassen und 5. der Autonomie des Staates gegenüber den dominanten Klassen" (Merkel, 1999: 90). In der Weiterentwicklung der strukturtheoretischen Überlegungen Moores wurde der Blick vor allem auf die Klassenstrukturen und Machtbeziehungen zwischen den Klassen gerichtet, wobei der Arbeiterklasse (ggf. auch dem Kleinbürgertum und den Mittelschichten) die entscheidende Rolle einer Entwicklung zur Demokratie zugesprochen wird, sowie dem Machtverhältnis zwischen Staat und den zivilen Gruppierungen der Gesellschaft, das sich durch eine gewisse Machtbalance auszeichnen sollte (vgl.Rueschemeyer et al., 1992). Auf eine breite Streuung der Machtressourcen in Wirtschaft und Gesellschaft als Bedingung von Demokratie setzt der "Machtdispersionsansatz" (vgl.Vanhanen und Kimber, 1994). Dabei sind die Entwicklungschancen auf dem Weg zur Demokratie umso geringer, je stärker die Macht in einer Gesellschaft konzentriert ist. Denn eine geringe Streuung von Macht verhindert die Möglichkeit der Kompromissbildung zwischen gesellschaftlichen Gruppen, da die Hegemonie der einen zur Unterdrückung der anderen wird. Insgesamt bleibt als Verdienst strukturalistischer Ansätze fest zu halten, dass nicht nur die ökonomischen Bedingungen, wie es die Modernisierungstheorien postulieren, sondern vor allem die Klassenstruktur bzw. die Machtverhältnisse innerhalb einer Gesellschaft bzw. die zwischen Staat und Gesellschaft für die Transformation zur Demokratie und ihren langfristigen Bestand von Bedeutung sind.

Kulturtheorien

Kulturtheorien beziehen sich in der Regel auf Webers Religionssoziologie (vgl.Weber, 1988;Weber, 1988;Weber, 1988) und stellen religiöse und kulturelle Aspekte als Basis der Transformation zu Demokratie und Marktwirtschaft in den Vordergrund (vgl.Huntington, 1996). Da kulturelle Traditionen tief verwurzelt und, wenn überhaupt, sich nur längerfristig verändern, ist ein Übergang zu Demokratie nur unter bestimmten kulturellen und zivilisatorischen Bedingungen förderlich. Die restriktive These, dass Demokratie nur in der westlichen Kultur gedeihen kann, ist angesichts der historischen Entwicklungen nicht mehr aufrechtzuerhalten. Vielmehr gilt es allgemeine kulturelle Faktoren zu ermitteln, die eine geeignete Basis von Demokratie sind. Ein relativ sicheres Indiz für eine erfolgreiche demokratische Entwicklung scheint das Ausmaß an Säkularisierung der Gesellschaft bzw. der Trennung von Religion und Staat zu sein (vgl.Merkel, 1999: 100). Neben dem Grad der religiös-kulturellen Zivilisation sind aber auch gesellschaftliche Werte, Traditionen und historische Gemeinschaftserfahrungen von besonderer Bedeutung, die als Zivilkultur charakterisiert werden können. Werte und Verhaltensweisen der Gesellschaft, welche Demokratie fördern und stützen, können nicht ad hoc implementiert werden, sondern müssen erst langfristig gelernt, habitualisiert und geschichtlich als soziales Kapital akkumuliert werden (vgl.Putnam, 1993). Moralische Ressourcen wie wechselseitiges Vertrauen, bürgerschaftliches Engagement, gemeinschaftliche Kooperation und zivile Selbstorganisation wachsen langsam durch Ihren Gebrauch und führen zu positiven Effekten der demokratischen Konsolidierung, die wiederum das zivilgesellschaftliche soziale Kapital von Vertrauen und Kooperationen befördern.

↓85

Akteurstheorien

Für Akteurstheorien sind die politischen Strategien, Allianzen und Handlungen von Akteuren die entscheidenden Determinanten von Transformationsprozessen hin zur Demokratie. Anders als die Systemtheorie, Modernisierungstheorie, Struktur- und Kulturtheorien setzen Akteurstheorie auf der Mikroebene an. Akteurstheorien leugnen die ökonomischen, kulturellen und soziostrukturellen Faktoren nicht. Diese bilden vielmehr den strukturellen Handlungsrahmen für das politische Handeln der Akteure. Entscheidend sind jedoch die situationsgebundenen Wahrnehmungen, Präferenzen, Handlungsmöglichkeiten und -strategien der relevanten Akteure (vgl.Przeworski, 1991). "Der Ausgang von Transformationsprozessen ist deshalb aus dieser handlungstheoretischen Perspektive weniger von objektiven Umständen (Strukturen) oder Machtkonstellationen abhängig als vielmehr von den subjektiven Einschätzungen, Strategien und Handlungen der relevanten Akteure" (Merkel, 1999: 102). Als Akteure sehen Akteurstheorien dabei nicht die breiten Massen, deren Beteiligung allenfalls zu Beginn der Transition eine Rolle spielen kann, sondern vielmehr die politischen Eliten, die für oder gegen bestimmte politische Ziele sind. In Zeiten der Transformation sind die genauen Machtverhältnisse für die Akteure des alten Regimes und der Opposition meist unbekannt und Handlungsoptionen unkalkulierbar. Durch Pakte zwischen den Handelnden, in denen Art und Grad der Demokratisierung festgeschrieben und so Ungewissheiten in Gewissheiten überführt werden können, kann der Übergang zur Demokratie auf paradoxerweise zweifelhaft demokratische Weise geschehen. Rational-choice-Ansätze sehen Transformationsprozesse als Abfolge wechselnder strategischer Situationen, in denen Akteure auf Grund der (Fehl-) Wahrnehmung des politischen Kräftefeldes Kosten-Nutzen-Kalkulationen zum Machterhalt bzw. Machtzugang anstellen.

Zusammenfassend kann fest gehalten werden, dass keine der vorgestellten Theorien zur Transformation Einleitung, Verlauf und Ergebnis von Systemwechseln umfassend erklären können. Ansätze auf der Makroebene und Akteurstheorien weisen unterschiedliche Stärken in der Analyse auf und können sich auf diese Weise sinnvoll ergänzen. Der Grad der Modernisierung, die sozioökonomische Lage, das Klassen- und Machtgefüge, die institutionelle Entwicklung und die kulturelle Basis der Bevölkerung sind Gelegenheitsstrukturen und Makrokontext für individuelles Verhalten von Akteuren im osteuropäischen Transformationsprozess. Dabei sind diese Faktoren nicht nur Chancen und Restriktionen für das soziale Verhalten der politischen Eliten, sondern auch für die Bevölkerung. Sie determinieren auch die eigene Lage und die Lebenschancen der Bevölkerung, deren individuelle Wahrnehmungen und Bewertungen sowie alle Einstellungen und Meinungen. So ist im Rahmen dieser Studie v.a. die Modernisierungstheorie und die die Kulturtheorie von Bedeutung. Danach ist zu vermuten, dass sozialistische Werte wie Egalitarismus und Etatismus als kulturelle Reminiszenz in den Köpfen der Menschen zumindest über eine bestimmte Zeit hinweg fortleben und als Äußerungen empirisch zu finden sind. Die Modernisierungstheorie lenkt den Blick auf Faktoren der aktuellen Entwicklung, vor allem der wirtschaftlichen und sozialen. Danach ist etwa zu vermuten, dass ein geringes oder rückläufiges wirtschaftliches Wachstum und höhere Arbeitslosigkeit sich in der Wahrnehmung von mehr sozialer Ungerechtigkeit niederschlägt. Auch höhere Einkommensungleichheit wird in der Bevölkerung entsprechend als Ungerechtigkeit wahrgenommen und abgelehnt sowie als Forderung an den Staat geäußert, diese abzubauen.

5.2.2 Erträge der postkommunistischen Transformationsforschung

↓86

Mit dem nahezu gleichzeitigen Übergang von 29 Ländern von Sozialismus und Diktatur hin zur Demokratie, von der Plan- hin zur Marktwirtschaft und vom Konzept einer geschlossenen hin zum Konzept einer offenen Gesellschaft haben sich für die empirischen Sozialwissenschaften die Gelegenheit ergeben, ein großes Sample simultaner Wandlungsprozesse ganzer Gesellschaften systematisch im Vergleich zu untersuchen (vgl.Wiesenthal, 2002: 16). Die annähernd gleichzeitig einsetzenden Wandlungsprozesse auf politischer, ökonomischer und sozialer Ebene stellen die Sozialwissenschaften vor die Herausforderung, ihr Wissen über sozialen Wandel und die entsprechenden Theorien einer systematischen Überprüfung zu unterstellen (vgl.Wiesenthal, 2002). Was die Transformationsprozesse im Allgemeinen auszeichnet und welche spezifischen Probleme sich im Rahmen der Transformationsprozesse stellen, soll anhand einiger zentraler Punkte ausgeführt werden.

Das Dilemma der Gleichzeitigkeit: Das für eine erfolgreiche Transformation größte Problem ist die gleichzeitige Einführung von Demokratie und Marktwirtschaft, das geschichtlich bislang ohne Vorbild war. Das Gleichzeitigkeitsdilemma (vgl.Elster et al., 1998;vgl.Offe, 1991;Offe, 1994) besteht in einem gleichzeitigen Wandel des politischen wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Kräftefeldes, die diesen Gesellschaften als dreifache Aufgabe zu lösen gestellt ist, nämlich "eine neue Wirtschaftsordnung, eine neue Rechts- und Verfassungsordnung und neue Regeln sozialer Integration, also Regeln sozialer Anerkennung und Zugehörigkeit im Großmaßstab ganzer Gesellschaften in Geltung zu setzen" (Offe, 1994: 19). Da durch die Transformation der Wirtschaft vor allem mit unvermeidlichen Übergangskosten (v.a. hohe Arbeitslosigkeit, Einkommensverluste etc.) gerechnet werden musste, bestand die Gefahr, dass die Bevölkerung, die durch den gleichzeitigen Demokratisierungsprozess stärker politisch partizipieren und im Rahmen von Wahlen ihre Meinung kundtun konnte, versucht sein könnte, gegen Reformprogramme der politisch Regierenden zu stimmen, die ihrerseits wiederum genau dafür gewählt werden wollten. Es bestand also die Gefahr, dass notwendige Reformen nicht weit genug hätten durchgesetzt werden können oder sogar eine völlige Umkehr zum alten System hätte erfolgen können.

Kulturelles Voraussetzungsdefizit: Wertorientierungen, Ideologien und kollektive Werte sind kulturell verankert und in den Traditionen von Gesellschaften fest verwurzelt. Sie sind nicht flüchtig und können sich nur langsam und träge verändern. Sie sind außerdem in den Strukturen und Institutionen der Gesellschaft inkorporiert. Mit der raschen Transformation der Kerninstitutionen einer Gesellschaft und der damit verbundenen Etablierung neuer Werthaltungen in den Basisinstitutionen Demokratie und Marktwirtschaft wandeln sich die Werte und Ideologien der Bevölkerung nicht notwendigerweise im selben Tempo und in dieselbe Richtung mit. Die zeitliche Verzögerung des kulturellen Wandels "in den Köpfen" bzw. in Form eines cultural lag(Ogburn, 1922;Ogburn, 1973) im Vergleich zum Wandel der Strukturen und Institutionen kann zu einer längeren Periode mit anhaltenden Konflikten führen, wenn das "sozialistische Erbe" in den Köpfen längerfristig Bestand hat (vgl.Wiesenthal, 2002).

↓87

Fehlender Überblick: Durch die zahlreichen Reformen auf allen Ebenen der Gesellschaft sind viele Strukturen und Institutionen gleichzeitig von Veränderungen betroffen worden. Dies hat nicht selten dazu geführt, dass auch die Entscheidungsträger den Überblick über Reichweite, Geltungsbedingungen und Ziele von Maßnahmen verloren haben. Die Anpassungsfähigkeit der Gesellschaft wurde dadurch systematisch überstrapaziert. Vor allem das Informations- und Orientierungsvermögen der Bevölkerung wurde systematisch überfordert. Empirisch zeigt sich dies beispielsweise darin, dass Menschen ihre soziale Position im neuen Gesellschaftssystem erst nach einiger Zeit 'besser' einschätzen können, dass Einstellungen zu Beginn von Transformationsprozessen widersprüchlich sein können und erst im zeitlichen Verlauf sich konsistente Einstellungsmuster herauskristallisieren (vgl.Kluegel und Matêjû, 1995;Matêjû, 1993;Matêjû und Vlachová, 1997). Eine Legitimation des gesellschaftlichen Wandels durch die Bevölkerung ist vor allem unter demokratischen Bedingungen jedoch unbedingt notwendig. Vor allem auch die marktwirtschaftlichen Reformen mit den gravierenden negativen Folgen (z. B. Massenarbeitslosigkeit, Inflation, vorübergehender Abfall des Lebensstandards, Verarmung und zunehmende soziale Ungleichheit etc.) müssen von der Bevölkerung akzeptiert werden (vgl.Spéder et al., 1997: 337). Und damit wird auch der empirische Untersuchungsgegenstand dieser Studie berührt. Werden doch mit der Wahrnehmung von sozialer Ungerechtigkeit und der Äußerung von Gerechtigkeitsvorstellungen die in den osteuropäischen Übergangsgesellschaften etablierten Verteilungsregime bewertet, wie sie sich in den letzten Jahren auf unterschiedliche Art und Weise herausgebildet haben.

Unterschiedlicher Ausgangspunkt und unterschiedlicher Transformationsverlauf: Hinsichtlich der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen in den osteuropäischen Transformationsländern muss davon ausgegangen werden, dass sie Ergebnis langfristiger Strukturprozesse sind. So sind die Ausgangsbedingungen in der Umbruchphase dieser Länder höchst unterschiedlich, da sie Ergebnis der gesellschaftlichen Entwicklungen vor dem Umbruch sind. Hinzu kommen kurzfristige Veränderungen durch spezifische Akteurskonstellationen, Reformbewegungen (von religiösen, parteiinternen und -externen Oppositionsgruppen etc.) und Transformationsstrategien (vgl.Spéder et al., 1997: 337). So wurden die gesellschaftlichen Reformen in der Tschechoslowakei, Polen und der ehemaligen DDR von unten erzwungen, während sie in Russland, Bulgarien und Ungarn von oben eingeleitet wurden. Hinsichtlich der Transformationsstrategien können grob und vereinfachend zwei Richtungen unterschieden werden (vgl.Quaisser, 1997). Das Programm einer radikalen Schoc k therapie mit kompromisslos schneller Privatisierung von Unternehmen, starken Zwängen zu marktkonformen Anpassungsleistungen der Unternehmen, umfassender Liberalisierung der Preise, des Außenhandels und aller Binnenmärkte und konsequenten institutionellen und rechtlichen Reformen setzt "nicht nur auf die Geschwindigkeit, sondern auch auf Glaubwürdigkeit, Konsistenz und Kontinuität der Reformpolitik" (Quaisser, 1997: 4). So können Tschechien, die Slowakei und mit leichter Verzögerung auch Polen als diesbezüglich fortgeschrittene Transformationsländer klassifiziert werden. Estland und etwas später auch die anderen baltischen Republiken Litauen und Lettland haben ebenfalls eine radikale Reformstrategie eingeschlagen. Allerdings können Sie aufgrund der schwierigen Ausgangs- und Rahmenbedingungen und des späteren Transformationsbeginns nur einen vergleichsweise mittleren Fortschritt verzeichnen. Auch Slowenien kann als fortgeschrittenes Transformationsland bezeichnet werden. Die Richtung einer graduellen Transformat i onsstrategie beinhaltet im Gegensatz zur Schocktherapie ein eher vorsichtiges wirtschaftliches Vortasten, wobei dem institutionellen Wandel mehr Bedeutung beigemessen wird als eine Liberalisierung und schnellen Privatisierung (vgl.Quaisser, 1997: 6). Mit institutionellen Reformen beabsichtigt diese Strategie, die negativen Folgen einer Radikalkur dadurch abzufedern, dass sie langsam privatisiert und partiell reformiert. Damit erhofft sie geringere Transformationskosten durch eine Abschwächung binnenwirtschaftliche Ungleichgewichte und eine Verringerung der Gefahr von Inflation zu erreichen, die sozialverträglicher, steuerbarer und durch stärkere soziale Akzeptanz der Bevölkerung auch politisch abgesicherter ist. So verfolgte Ungarn nach 1990 mit einer schrittweisen Preisliberalisierung und Privatisierung eine graduelle Strategie und muss aufgrund der weit entwickelten institutionellen Umgestaltung als fortgeschrittenes Transformationsland gelten. Eine graduelle Strategie ist Rumänien, Bulgarien und Russland gemein. Allerdings handelt es sich hier vielfach nicht um eine bewusst implementierte Strategie sondern eher um eine "inkonsistente »Stop-and-go«-Politik" als "Resultat politischer Machtkämpfe, eines weit verbreiteten Populismus und mangelnder Entschlossenheit der herrschenden Eliten" (Quaisser, 1997: 7). Die russische Transformation in den Anfangsjahren schien sogar keiner erkennbaren Strategie zu folgen, sondern weist erst ab Mitte der 90er Jahre deutliche Fortschritte auf.

Tab. 13: Transformationsstrategien und Erfolgsbilanz osteuropäischer Transformationsländer

  

Strategie

Erfolg

Niedrigster Stand des BIP 1994 in Prozent von 1989

5

Slowenien

Schocktherapie

Fortgeschritten

84

1

Polen

Schocktherapie

Fortgeschritten

82

2

Ungarn

Graduelle Strategie

Fortgeschritten

80

3

Tschechien

Schocktherapie

Fortgeschritten

80

4

Slowakei

Schocktherapie

Fortgeschritten

77

7

Bulgarien

Graduelle Strategie

Mittel

73

6

Rumänien

Graduelle Strategie

Mittel

69

8

Estland

Schocktherapie

Mittel

69

9

Lettland

Schocktherapie

Mittel

60

10

Russland

Graduelle Strategie

Mittel

57

Quelle: Eigene Darstellung basierend auf Quaisser (1997) und Verwiebe (1999).

↓88

In allen osteuropäischen Transformationsländern ist in den Anfangsjahren - wie erwartet -ein dramatischer Rückgang des Bruttoinlandsprodukts zu beobachten (basierend vor allem auf Ein- bzw. Zusammenbrüchen in der Industrie, vgl.Müller, 1998). Doch fällt dieser Rückgang für die einzelnen Länder recht unterschiedlich aus (vgl. Tab. 13). Von daher spricht vieles dafür, dass ein radikaler Transformationsansatz die besten Chancen bietet, bestehende wirtschaftliche (und soziale) Probleme innerhalb eines überschaubaren Zeitraums in den Griff zu bekommen (vgl.Quaisser, 1997: 7). Vor allem das zu Beginn der Transformation aufgestaute Ausmaß an Inflation ist entscheidend dafür, wie erfolgreich sich eine Wirtschaft im Transformationsverlauf stabilisieren kann (vgl. Tab. 14).

Tab. 14: Inflation in Transformationsländern

  

1990

1991

1992

1993

1994

1995

1996

1

Slowenien

-

117.7

201.3

32.3

19.8

12.6

9.7

2

Polen

584.7

70.3

43.0

34.6

33.3

28.1

19.8

3

Ungarn

28.9

35.0

23.0

22.5

19.1

28.5

23.6

4

ČSFR

10.0

57.9

10.4

-

-

-

-

5

Tschech. Rep.

-

56.7

11.1

20.8

10.0

9.1

8.9

6

Slowak. Rep.

-

61.2

10.0

23.2

13.4

10.0

6.0

7

Bulgarien

20.0

338.5

79.3

72.9

96.0

62.1

123.1

8

Rumänien

13.0

165.5

210.4

256.0

136.9

32.2

38.8

9

Estland

-

283.0

1073.0

89.8

47.6

28.9

23.1

10

Lettland

-

172.2

949.7

109.0

35.8

25.0

17.7

11

Russland

5.3

100

1528.0

875.0

309.0

197.4

47.8

Quelle: Quaisser (1997: 8), Veränderung gegenüber Vorjahr in Prozent.

Bei hoher Inflation unterbleiben Investitionen unausweichlich, wenn die binnenwirtschaftliche Gleichgewichte aus dem Lot sind. Eine restriktive Fiskal- und Geldpolitik zwingt zudem die Staatsunternehmen, erste Anpassungsprozesse einzuleiten. Dies ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, die Arbeitsproduktivität im bestehenden Industriesektor zu steigern. Umfassende wirtschaftliche Liberalisierung zusammen mit stabilen Rahmenbedingungen fördert das Entstehen von Privatunternehmen und damit das Wirtschaftswachstum.

↓89

Sonderfall Ostdeutschland: Der ostdeutsche Transformationsprozess muss im Vergleich mit den anderen postkommunistischen Transformationsländern eindeutig als Sonderfall herausgestellt und als solcher auch behandelt werden. Hierbei handelt sich - ohne als Voraussetzung die politischen Feinheiten der internationalen Anerkennung dieser 'Staaten' als Staaten zu berücksichtigen - letztendlich um den Zusammenschluss zweier Staaten (DDR+BRD = Deutschland). Charakteristisch für den ostdeutschen Transformationsfall ist vor allem die umfassende Adaption westlicher Institutionen und Systeme (vgl.Reißig, 1997;Reißig, 1999;Reißig, 2000), die mit nur wenigen Ausnahmen weitgehend in einer kompletten Übernahme westlicher politischer, wirtschaftlicher und sozialer Einrichtungen bestand und mit dem Modus des "Institutionentransfers" beschrieben wird (vgl.Lehmbruch, 1993;Lehmbruch, 1996;Lehmbruch, 2000). Das Konzept hinter diesem Transformationsfall, der auch als Beitritt in einen "ready-made-state" bezeichnet werden kann (vgl.Rose und Haerpfer, 1997;Rose et al., 1994), ist das der "nachholenden Modernisierung" nach westlichen Standards in der Übernahme der Errungenschaften westlicher Institutionen (vgl.Zapf, 1995). Durch die Präsenz westdeutscher Akteure haben Außenstehende weitgehend den sozialen und politischen Wandel gesteuert, der Transformationsprozess kann als weitgehend auf das Ziel der schnellen Integration gerichtet eingeschätzt werden, während endogene Faktoren (aus dem Ostteil heraus) erst später an Gewicht gewonnen haben (vgl.Reißig, 1997). Hervorzuheben sind ebenfalls die umfangreichen Transferleistungen monetärer Art zur Kompensation der Transformationskosten, die vor allem einerseits aus einem eins-zu-eins Währungsumtausch von DDR Mark in Deutsche Mark ohne einen entsprechenden Produktivitätszuwachs (30% des Westens, vgl.Wiesenthal, 2002) und andererseits aus Geldern im Rahmen der Übertragung des westdeutschen sozialen Sicherungssystems bestanden. Darüber hinaus kamen und kommen immer noch zusätzliche andere Transfers (vgl.Bundesregierung, 1999). Politisches Ziel war ein Systemwandel, der Risiken minimiert und Kontinuität und Stabilität der alten Bundesrepublik sichert. "Im Osten sollte sich alles, im Westen nichts ändern" (Reißig, 1999: 134).

Ostdeutschland Ost oder West?: Dass Ostdeutschland angesichts der hier nur kurz ausgeführten Charakterisierungen eindeutig als Sonderfall eines Transformationsprozesses zu bewerten ist, zieht Konsequenzen und Schwierigkeiten in erheblichem Ausmaß im Rahmen dieser Studie nach sich, die sich in der Frage zuspitzen, ob Ostdeutschland nun eher westlich oder postkommunistisch ist. Im Detail ergeben sich Probleme, weil (1) aufgrund des Zusammenschlusses mit der ehemaligen Bundesrepublik international vergleichende Makro-Daten nicht mehr für Ost- und Westdeutschland getrennt ausgegeben werden. (2) Die wohlfahrtsstaatliche Charakterisierung Ostdeutschlands als konservativer Wohlfahrtsstaat ist nach Esping-Andersen zwar möglich, aber sie kann sich nicht auf eine langjährige Tradition berufen. Hinsichtlich der hier analysierten Einstellungen und Bewertungen der ostdeutschen Bevölkerung ergeben sich daher erhebliche Interpretationsprobleme, da sozialisatorische und wohlfahrtsstaatliche Einstellungsmotivationen nicht getrennt werden können aber beide möglicherweise in Frage kommen. (3) Während in anderen postkommunistischen Ländern ein Vergleich der Bevölkerung mit westlichen Ländern eher unwahrscheinlich ist bzw. in geringeren Maßen stattfinden dürfte (Ausnahme sind vielleicht Polen und die Tschechei), das angesichts der stärkeren geographischen Distanz zu westeuropäischen Ländern und dem Fehlen entsprechender Mobilität zu begründen wäre, scheint die ostdeutsche Bevölkerung von Beginn der Einheit an in Vergleichsprozessen weitgehend auf Westdeutschland fixiert zu sein. Die gleichermaßen "doppelte Vergleichsperspektive" (Liebig und Verwiebe, 2000) der ostdeutschen Bevölkerung mit der Lage der Bevölkerung in westlichen genauso wie mit der in osteuropäischen Ländern kann als Chimäre gelten und allenfalls als Plädoyer der Wissenschaft für ihre Untersuchungen verstanden werden. Die ehemaligen Bruderländer - so ist zu vermuten - haben Ostdeutsche längst in den Hintergrund gestellt.

Bei gesamter Betrachtung werden die Transformationsprozesse trotz aller Probleme und auch negativer Entwicklungen von intimen Kennern heute als weitgehend gelungen eingeschätzt und haben alle pessimistischen Prognosen widerlegt (vgl.Wiesenthal, 2000). Selbst angesichts der Schnelligkeit und Gleichzeitigkeit verschiedener zu lösender Problemherde haben sich auch Strategieempfehlungen eines "muddling through" (Lindblom, 1959) oder eines "peacemeal social engineering" (Popper, 1987) im realen Hin und Her der Reformmaßnahmen bewährt. Im Zuge des wirtschaftlichen Umbaus war vor allem die Herstellung und Stabilisierung wachstumsfördernder Rahmenbedingungen durch eine Geringhaltung inflationärer Tendenzen und eine Sanierung der Staatshaushalte sowie die Liberalisierung der Wirtschaft durch Preisfreigabe und durch Gewährleistung von Eigentumsrechten und die Privatisierung staatlicher Unternehmen notwendig (vgl.Wiesenthal, 2000). Diese wirtschaftlichen Erfordernisse sind in allen Ländern in unterschiedlichem Maße realisiert worden. Im Vergleich der Länder kann festgehalten werden, dass eine radikale Transformationsstrategie mit schnellem und umfassenden Reformbeginn die Phase der Transformationskrise, die durch drastischen Rückgang des Wirtschaftswachstums und einer hohen Inflation gekennzeichnet ist, auf ein zeitliches Minimum beschränkt wurde und langfristig mehr Wachstum der Wirtschaft angekurbelt hat (vgl.Beyer, 2001). Dass sich das Timing der Maßnahmen als wichtig erwies, zeigt auch, dass eine gleichzeitige Stabilisierung der Wirtschaft zusammen mit einer Preisliberalisierung ein rasches Überwinden der Rezession ermöglichte (vgl.Beyer, 2001). In politischer Hinsicht war es vor allem der überraschend schnelle Systemkollaps, der den politischen Akteuren als 'window of opportunity' weitgehend freie Hand für rasches Handeln ermöglichte (Balcerowicz, 1995). Außerdem "erwies sich eine "reformgünstige Struktur der Interessenrepräsentation" in der Form konsensorientierter und entscheidungsfreudiger Reformeliten einerseits und artikulationsschwacher Mitglieder sowie der "Abwesenheit repräsentativer Interessenrepräsentation" andererseits als günstig für Reformen, so dass eine "Lähmungswirkung" im Reformprozess durch "Verteilungskoalitionen" weitgehend verhindert werden konnte (vgl.Wiesenthal, 2000).

5.2.3 Wirtschaftliche, politische und soziale Entwicklung

↓90

Wie bei den westlichen Ländern sollen nun auch die Entwicklungen in postkommunistischen Ländern anhand zentraler Indikatoren beschrieben werden. Danach ergeben die ersten zehn Jahre nach Beginn der Transformation in Osteuropa ein sehr unterschiedliches Bild für die einzelnen Länder. Sie unterscheiden sich heute im Hinblick auf ihre soziale, wirtschaftliche und politische Situation teilweise recht deutlich.

Wirtschaftswachstum

Dem Wirtschaftswachstum kommt aus der Sicht der Weltbank (1999) eine enorme Bedeutung bei der Entwicklung von Ländern zu. Gerade in osteuropäischen Transformationsländern ist es notwendig, dass der freie Markt als regulative Form implementiert wird, so dass für die wirtschaftlichen Kräfte ein Anreiz dafür besteht, die eigenen Strukturen zu verändern, um wettbewerbsfähig und produktiv zu werden. Wirtschaftswachstum ist der Schlüssel für den Erfolg der Transformation in osteuropäischen Ländern, denn ohne Wirtschaftswachstum ergeben sich für individuelle Haushalte keine Möglichkeiten Einkommen zu beziehen. Der individuelle Wohlstand der Bevölkerung hängt ganz entscheidend vom Wirtschaftswachstum ab. Ferner können ohne Wirtschaftswachstum keine öffentlichen Güter und Ressourcen bereitgestellt werden, eine basale Infrastruktur, notwendige Investitionen in die Bildung und Gesundheit der Bevölkerung getätigt oder insgesamt gesehen ein soziales Netz für Arme und bedürftige entwickelt werden.

↓91

In Abb. 6 ist die Entwicklung des Bruttossozialprodukts für osteuropäische Transformationsländer als Maß für das wirtschaftliche Wachstum dieser Länder einzusehen. Mit Ausnahme von Bulgarien und Russland steigt das Bruttosozialprodukt in allen Transformationsländern mehr oder weniger stark im beobachteten Zeitraum von 1990 bis 2000 an. Das Wirtschaftswachstum konnte also in einer Reihe von Transformationsländern erhöht werden. Nach Ansicht der Weltbank (1999) hängt es davon ab, inwieweit eine Liberalisierung implementiert wurde, inwieweit eine strenge Haushaltsdisziplin und Budgetierung realisiert werden konnte und in welchem Mix dies geschah. In Russland fällt das Bruttosozialprodukt und in Bulgarien bleibt es nahezu konstant auf unterem Niveau. Dies ist möglicherweise die Folge der lange aufgeschobenen Wirtschaftsreformen in diesen Ländern. Bulgarien und Russland begannen zwar mit der Liberalisierung ihrer Wirtschaft, versäumten es aber über eine längere Zeit hinweg, eine starke Haushaltsdisziplin beizubehalten. Außerdem konnten sie nicht verhindern, dass Arbeitskräfte in Massen entlassen wurden und sich einige am Volkseinkommen unrechtmäßig bereichern konnten. Auch wenn neue Unternehmen in den frühen Transformationsjahren ermutigt wurden, konnte in diesen Ländern kein allgemeines positives Investitionsklima geschaffen werden, das über selektive Förderung und selektiven Schutz hinausging (Weltbank, 1999).

Abb. 6: Bruttosozialprodukt zu Marktpreisen in postkommunistischen Ländern (in US-Dollar je Einwohner)

Datenbasis: Weltbank, Quelle: Statistisches Bundesamt (1991-2002),
Wechselkurs und Preisentwicklung in den USA eingerechnet.

Den höchsten Stand des Bruttosozialprodukts hat aufgrund der guten Ausgangslage vor Beginn der Transformationsprozesse Slowenien (nicht abgebildet), indem es sich dem Westen radikal öffnete. In der Tschechischen und der Slowakischen Republik ist das Bruttossozialprodukt stark angestiegen. Vor allem Tschechien steht im Vergleich mit den anderen Ländern am besten da, während in der Slowakei vor allem nach der Trennung von Tschechien 1992 fast bis Mitte der 90er Jahre mit wirtschaftlichen Problemen belastet war. Von Vorteil erwies sich in beiden Ländern, dass über einen langen Zeitraum hinweg Haushaltsdisziplin und Investitionsförderungen weniger streng reglementiert wurden. Auch in Estland, Ungarn und Polen wurde unter weitgehender Liberalisierung darauf geachtet, dass eine strenge Haushaltsführung eingehalten wurde und entsprechende Institutionen geschaffen wurden, die das Verhalten privater Unternehmen steuerten. Vor allem in Polen und auch in Ungarn konnten damit inländische und ausländische Investoren anzogen werden (vgl.World Bank, 2002: XVIII). Estland hatte gleich zu Beginn mit der vergleichsweise längsten Rezession zu kämpfen und kann daher noch nicht als wirtschaftlich stabil angesehen werden. Insgesamt zeigt sich, dass Tschechien, Polen und Ungarn und vor allem Slowenien als erfolgreichste Länder hinsichtlich des Wachstums des Bruttosozialprodukts gelten können, während es in den baltischen Ländern noch wenig aufwärts geht. In Russland und Bulgarien ist die Wirtschaft noch nicht so richtig in Fahrt gekommen. Vor allem die wirtschaftlich problematischen Entwicklungen in Russland (verzögerte Umstrukturierung des Energiesektors, Anpassungsschwierigkeiten, Rubelentwertung) werden erst seit kurzem stärker mit Umstrukturierungsmaßnahmen bekämpft (vgl.Clement, 2003: 20f).

↓92

Arbeitslosigkeit

Vergleicht man nun die Länder hinsichtlich der Entwicklung der Arbeitslosigkeit (vgl. Abb. 7), kann festgestellt werden, dass sie im beobachteten Zeitraum mit Ausnahme von Slowenien und Ungarn in allen Ländern deutlich bis dramatisch angestiegen ist. Dies ist sicherlich Folge der Privatisierung staatlicher Unternehmen, die Arbeitskräfte in Massen freigesetzt hat. In Bulgarien, Polen und der Slowakischen Republik ist die Arbeitslosigkeit mit einer Quote von über 15 Prozent am Ende der 90er Jahre im Vergleich der Länder auf dem höchsten Stand. Der Zuwachs über die Zeit ist in Russland, gefolgt von Estland am größten. Während Russland zu Beginn des Systemwechsels noch nahezu keine Arbeitslosigkeit zu verzeichnen hatte und damit den vergleichsweise niedrigsten Ausgangsstand hat, ist die Arbeitslosigkeit daher in relativ kurzer Zeit dramatisch gestiegen. Russland liegt damit am Ende der 90er Jahre zusammen mit den anderen baltischen Staaten im Mittelfeld der Transformationsstaaten. Ungarn, Slowenien und die Tschechische Republik weisen insgesamt gesehen die niedrigste Arbeitslosenrate der postkommunistischen Länder auch über die Zeit hinweg auf. In Slowenien und Ungarn ist die Arbeitslosigkeit zurückgegangen, in Tschechien dagegen ist sie leicht gestiegen.

Es kann also festgehalten werden, dass sich die postkommunistischen Länder in Bezug auf das Problem der Arbeitslosigkeit deutlich unterscheiden und dass auch die Entwicklungen über die Zeit durchaus verschiedene Tendenzen aufweisen (vgl.Allison und Ringold, 1996). So ist zu vermuten, dass sich auch die Bevölkerung hinsichtlich ihrer Einstellungen, Wahrnehmungen und Bewertungen der sozialen Verteilungen entsprechend unterscheiden. In Ländern mit höherer Arbeitslosigkeit wird mehr Ungerechtigkeit wahrgenommen und soziale Ungleichheit eher abgelehnt.

↓93

Abb. 7: Arbeitslosenrate in postkommunistischen Ländern (in Prozent)

Datenbasis: IWF, Quelle: International Statistical Yearbook (2002), eigene Darstellung.

Soziale Ungleichheit und Armut

Geht es um die gesellschaftliche Verteilung des Wohlstandes in einer Gesellschaft, richtet sich der Blick stets auf die Einkommensungleichheit zwischen den oberen und den unteren Gesellschaftsschichten und auf den Anteil der Armen. Im Folgenden wird daher für die Transformationsländer der Gini-Koeffizient und der Anteil der Armen an der Gesamtbevölkerung als Maß für soziale Disparitäten berichtet (vgl. Tab. 15), indem die Veränderung wenige Jahre nach Beginn des Systemwechsels mit der Zeit davor kontrastiert wird.

↓94

Der mit dem Systemwechsel erwartete Anstieg der sozialen Ungleichheit fällt in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich aus. Während soziale Ungleichheit im Vergleich zur Zeit des Kommunismus in der Anfangsphase der Transformation in Slowenien, Polen und Ungarn nur gering zugenommen hat, ist sie in Estland, Bulgarien, Lettland und der Tschechischen Republik (mit einem Anstieg um die 30 Prozent) deutlich stärker. Auch hier fällt Russland deutlich aus dem Rahmen, indem soziale Ungleichheit nach der einsetzenden Transformation auf das doppelte angewachsen ist. So bewegen sich Ungarn Slowenien, die Tschechische Republik und Polen Anfang der 90er Jahre noch im Rahmen des auch in westlichen Ländern üblichen Rahmens der Einkommensverteilung, während die Spreizung der Einkommensverteilung in Bulgarien, den baltischen Ländern und vor allem in Russland deutlich höher liegt (vgl.World Bank, 2002: 8f). In der Slowakischen Republik hat die Einkommensungleichheit, die auf sehr niedrigem Stand ist, sogar abgenommen (möglicherweise ist dies auf die Schätzung für die Slowakei vor dem Systemwechsel zurückzuführen, vgl.Milanovic, 1998: 168).

Tab. 15: Soziale Ungleichheit der Einkommensverteilung (Gini-Koeffizient) und Armut in postkommunistischen Ländern

  

Gini-Koeffizient

Armut in %

         
 

Land

1988

 

1993

Anstieg %

1988

 

1993

    
             
 

Russland

.238

 

.480

 

50.4

 

1.5

 

49.7

  
 

Estland

.230

 

.354

***

35.0

 

.9

 

37.2

***

 
 

Bulgarien

.233

**

.343

 

32.1

 

1.4

**

14.6

  
 

Lettland

.225

 

.310

***

27.4

 

.8

 

29.8

***

 
 

Rumänien

.233

**

.286

**

18.5

 

5.8

**

59.0

**

 
 

Polen

.256

*

.284

 

9.9

 

5.7

*

19.9

  
 

Tschech. Rep.

.194

 

.266

 

27.1

 

.02

 

.1

  
 

Slowenien

.215

 

.251

 

14.3

 

.07

 

.3

  
 

Ungarn

.210

*

.226

 

7.1

 

.5

*

4.0

  
 

Slowak. Rep.

.195

 

.183

 

-6.6

 

.05

 

.12

  
             

Datenbasis: Weltbank, Quelle: Milanovic (1998: 164-187) und eigene Berechnungen,
Gini des Bruttoeinkommens (Erwerbseinkommen + Sozialtransfers + andere Einkünfte)
Armutsquote bei fester Armutsgrenze von 120$ Kaufkraftparitäten zu Preisen von 1990
* 1 Jahr vor, ** 1 Jahr nach, *** 2 Jahre nach dem angegebenen Zeitpunkt

Auch Armut hat mit Ausnahme der Tschechischen, der Slowakischen Republik, Slowenien und Ungarn deutlich zugenommen, legt man feste Armutsgrenzen zugrunde. Während sich die Zunahme an Armut in Bulgarien und Polen auf einen leichten Anstieg begrenzt, ist er in Russland und den baltischen Staaten Estland und Lettland enorm. Nicht zuletzt ist dies das Resultat der starken Einkommensungleichheit also einer Konzentration des Einkommens bei den Superreichen. Jüngste Untersuchungen legen nahe, dass sich die Einkommenskonzentration in diesen Ländern sogar noch weiter verstärkt hat (vgl.World Bank, 2002).

↓95

Soziale Sicherung

Will man die wohlfahrtsstaatliche Aktivität eines Landes anhand eines zentralen Indikators charakterisieren, werden gewöhnlich die Ausgaben für soziale Sicherung ins Visier genommen. Je höher sie sind, desto umfangreicher gilt die soziale Absicherung der zentralen Lebensrisiken der Menschen (vgl.Bäcker et al., 2000;Schmidt, 1998). In Tab. 16 sind die Ausgaben für soziale Sicherung in Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP)49 in den Transformationsländern für drei Zeitpunkte abgetragen.

Tab. 16: Ausgaben für soziale Sicherung in postkommunistischen Ländern (in Prozent des BIP)

 

Land

1985

1990

1996

 

Polen

17.0

18.7

25.1

 

Ungarn

 

18.4

22.3

 

Slowak. Rep.

 

15.9

20.9

 

Lettland

  

19.2

 

Tschech. Rep.

 

16.0

18.8

 

Estland

 

13.1

17.1

 

Bulgarien

 

16.5

13.2

 

Russland

  

10.4

 

Slowenien

  

-

 

Total

17.0

16.4

18.4

Datenbasis: ILO, Quelle: ILO (2003), Prozentualer Anteil am BIP (= Bruttoinlandsprodukt), geordnet nach der Ausgabenhöhe 1996.

↓96

Mit Ausnahme Bulgariens ist in allen Ländern eine leichte Zunahme der Sozialausgaben von Beginn bis Mitte der 90er Jahre festzuhalten. Während Russland und Bulgarien nur wenig (ca. 10-13 Prozent des BIP) für soziale Sicherung ausgeben, bewegen sich die anderen Länder bei um die 20 bis 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Im Vergleich mit westlichen Ländern liegen diese Länder damit ungefähr auf dem Niveau liberaler Wohlfahrtsstaaten westlicher Prägung, die nur wenig Mittel für soziale Sicherung bereitstellen. Angesichts des Ausmaßes an Armut, sozialer Ungleichheit und Arbeitslosigkeit ist dies äußerst gering, aber wohl auf die geringe Wirtschaftskraft zurückzuführen. Denn nur was erwirtschaftet wird, kann auch in entsprechenden Leistungen wieder ausgegeben werden.

Politische Freiheit

Individuelle Lebenschancen werden stark durch die eingeräumten politischen Rechte, bürgerlichen Freiheiten und Liberalität eines Landes bestimmt. 'Freedom House' hat hierzu ein Maß entwickelt, um alle Länder dieser Erde anhand der Gewährung dieser individuellen politischen Grund- und Freiheitsrechte vergleichend einzuordnen (vgl.Freedom House, 2003). In jedem Jahr werden anhand eines komplexen Verfahrens Indexwerte der politischen Freiheit für alle Länder bestimmt und veröffentlicht. Die Indexwerte der 7-stufigen Skala reichen von 1 (höchster Grad an Freiheit) bis 7 (niedrigster Grad an Freiheit). In Tab. 17 sind die Mittelwerte dieses Index für die Jahre von 1990 bis 2000 für westlich-kapitalistische und postkommunistische Länder ersichtlich.

↓97

Tab. 17: Freiheitsindex der Länder in Ost und West (Mittelwert 1990-2001)

 

West

Mittel

Score

 

Ost

Mittel

Score

 
 

Kanada

1.10

    
 

Niederlande

1.10

    
 

Norwegen

1.10

    
 

Österreich

1.10

    
 

Schweden

1.10

 

Tschech. Rep.

1.45

 
 

Schweiz

1.10

 

Ungarn

1.45

 
 

USA

1.10

 

Polen

1.62

 
 

Portugal

1.11

 

Slowenien

1.73

 
 

Spanien

1.18

 

Slowak. Rep.

2.10

 
 

Italien

1.19

 

Estland

2.23

 
 

Deutschland

1.20

 

Bulgarien

2.28

 
 

Frankreich

1.20

 

Lettland

2.33

 
 

Großbritannien

1.20

 

Russland

4.08

 
 

Total

1.14

 

Total

2.05

 

Eigene Berechnung auf der Basis von Freedom House (2003), 'Freedom in the World Country Ratings' (7-stufige Skala von 1 = höchster Grad an Freiheit, 7 = niedrigster Grad an Freiheit), .

Erwartungsgemäß zeigen die westlich-kapitalistischen Länder keine nennenswerten Varianzen. Hervorzuheben ist jedoch der Unterschied zu den osteuropäischen Ländern auch nach dem Systemwechsel. In postkommunistischen Ländern sind politische Freiheiten insgesamt etwas weniger verwirklicht. Die Werte haben sich in allen osteuropäischen Ländern relativ rasch gleich zu Beginn der 90er Jahre erheblich verbessert und sich weitgehend dem Niveau der westlichen Länder angenähert. Lediglich in Russland und mit Abstrichen auch in den baltischen Ländern ist eine restriktivere Einschränkung der politischen Freiheit mit möglicherweise auch lang anhaltenden Nachwirkungen zu beobachten.

Eine Zusammenfassung der bisher gezeichneten Lage ist außerordentlich schwierig. Die postkommunistischen Transformationsländer hatten seit dem Systemwechsel mit enormen Schwierigkeiten zu kämpfen. (1) Angesichts dieser vielfältigen Herausforderungen, des von den Wissenschaften als besonders problematisch einstuften "Gleichzeitigkeitsdilemmas" (Offe, 1991) der Etablierung von Markt und Demokratie gleichermaßen, die im Sinne einer überdimensionalen "Large-Scale Reform" (vgl.Beyer, 2001;Wiesenthal et al., 2001) letztendlich 'nur' als Lösung von "Gleichzeitigkeitsproblemen" (Elster et al., 1998) zu erfolgen hatte, wenn ihr Erfolg beschieden sein sollte, sind die bisherigen Fortschritte dieser Anstrengungen erstaunlich. Diese Gesamtbewertung darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass enorme Probleme immer noch existieren und eine zweite Welle von Reformen ansteht (Wiesenthal, 2000). (2) Auch ist festzuhalten, dass sich die einzelnen Länder hinsichtlich der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Lage deutlich unterscheiden. Da sich diese Situation - so eine der zentralen Kernfragen dieser Studie - auf die soziale Situation der Bevölkerung auswirkt, ist anzunehmen, dass sich auch Effekte auf Einstellungen zur Bevölkerung nachweisen lassen können.

↓98

Weitere Aufschlüsse über diese Einschätzung können sich auch durch den unmittelbaren und zusammenfassenden Vergleich mit westlichen Ländern ergeben, der nun ins Zentrum gerückt wird. Dabei stellt sich auch die Frage, wie die Entwicklungen in westlich-kapitalistischen und postkommunistischen Ländern in vergleichender Perspektive zu bewerten sind.

5.3 Postkommunistische und westlich-kapitalistische Länder im Vergleich

Der soziale Wandel in Ost und West wird - so sollen es die bisherigen Ausführungen verdeutlichen - von Modernisierungsprozessen eher in westlich-kapitalistischen Ländern und Transformationsprozesse eher in postkommunistischen Ländern bestimmt. Nun stellt sich die Frage nach dem unmittelbaren Vergleich der Ländergruppen. In Tab. 18 und Tab. 19 sind dazu noch einmal einige zentrale Merkmale der Länder zusammengefasst.

Tab. 18: Allgemeine Indikatoren aller Länder (Bevölkerung)

  

Bevölkerung

in Mio. 2000

Durchschnittliche jährliche Wachstumsrate der Bevölkerung (1990-2000)

Stadtbevölkerung

in Prozent (1999)

Lebenserwartung in Jahren (1999)

 

West

    
 

Australien

19

1.2

90.1

78.9*

 

Deutschland

82

.3

87.3

77.4

 

Frankreich

59

.4

75.2

78.5

 

Großbritannien

60

.4

89.4

77.3*

 

Italien

58

.2

66.9

78.8

 

Kanada

31

1.0

78.5

78.9*

 

Niederlande

16

.6

89.4

77.8

 

Norwegen

4

.6

74.4

78.3

 

Österreich

8

.5

67.2

77.9

 

Portugal

10

.1

62.7

75.5

 

Schweden

9

.4

83.3

79.4

 

Schweiz

7

.7

67.5

79.7*

 

Spanien

39

.2

77.4

78.2*

 

USA

282

1.2

77.0

76.6

 

Mittelwert

 

.6

77.6

77.8

 

Ost

    
 

Bulgarien

8

-.7

67.5

71.4

 

Estland

1

-.9

69.5

70.6

 

Lettland

2

-1.0

62.1

70.4

 

Polen

39

.1

62.2

73.0

 

Russland

146

-.2

72.9

66.0

 

Slowak. Rep.

5

.2

57.3

72.9

 

Slowenien

2

-.1

49.3

74.9

 

Tschech. Rep.

10

-.1

74.5

74.7

 

Ungarn

10

-.3

64.3

70.6

 

Mittelwert

 

-.3

64.4

71.6

Datenbasis: Weltbank, Quellen: Bevölkerung in Mio. 2000, durchschnittliche jährliche Wachstumsrate der Bevölkerung in Prozent von 1990-2000: Weltbank (2002), Stadtbevölkerung in Prozent der Gesamtbevölkerung 1999 und Lebenserwartung zum Zeitpunkt der Geburt in Jahren 1999: World Bank (2003). * für 2000.

↓99

Unterschiede zwischen Ost und West ergeben sich vor allem durch die vergleichsweise erheblich niedrigere Wirtschaftskraft der osteuropäischen Länder. Die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts ist in den 90er Jahren nur in den erfolgreicheren Ländern Polen, Slowenien, der Slowakischen und der Tschechischen Republik in der Summe positiv, in Russland, den baltischen Staaten und Bulgarien dagegen deutlich negativ. Die Aufholprozesse im Osten sind zwar im vollen Gange, Strukturschwächen jedoch auch noch deutlich zu erkennen. So ist ein ausgebauter Dienstleistungssektor, der im Sinne der Einteilung wirtschaftlicher Sektoren nach Fourastié (1969) als Zeichen der Fortschritts für moderne Gesellschaften in postkommunistischen Ländern insgesamt noch unterentwickelt. Die Bevölkerung schrumpft im Osten, während wie in westlichen Ländern wächst, die Lebenserwartung und die Urbanisierung ist in postkommunistischen Ländern deutlich geringer.

Tab. 19: Allgemeine Indikatoren aller Länder (Wirtschaft)

  

Durchschnittliche Wachstumsrate des BIP in Prozent

Wertzuwachs des BIP (in Prozent) durch (1999)

  

1970-1980

1980-1990

1990-2000

Land-wirtschaft

Industrie

Dienst-leistungen

 

West

      
 

Australien

3.0

3.4

4.1

3.2

26.1

70.7

 

Deutschland

2.6

2.2

1.5

1.2

31.1

67.7

 

Frankreich

3.2

2.4

1.7

3.0

25.9

71.1

 

Großbritannien

2.0

3.2

2.5

1.2

28.6

70.2

 

Italien

3.8

2.4

1.5

3.1

29.4

67.6

 

Kanada

4.6

3.4

2.9

2.5**

32.8**

64.7**

 

Niederlande

2.9

2.3

2.9

3.0

26.7

70.3

 

Norwegen

4.8

2.8

3.6

2.2

35.9

61.9

 

Österreich

3.4

2.2

2.0

2.2

32.9

64.9

 

Portugal

4.3

2.9

2.6

4.1

30.5

65.3

 

Schweden

1.9

2.3

1.8

2.0*

29.2*

68.8*

 

Schweiz

0.5

2.2

0.7

1.6*

30.3*

68.1*

 

Spanien

3.5

3.2

2.4

3.9

30.4

65.7

 

USA

2.8

2.9

3.4

-

-

-

 

Mittelwert

3.1

2.7

2.4

2.7

29.7

67.5

 

Ost

      
 

Bulgarien

 

4.0

-2.1

17.3

26.8

55.9

 

Estland

 

2.1

-0.5

5.8

25.7

68.5

 

Lettland

4.9

 

-3.4

4.5

27.0

68.5

 

Polen

 

1.8

4.6

3.9

35.8

60.3

 

Russland

5.6

2.8

-4.8

7.4

35.5

57.2

 

Slowak. Rep.

 

2.0

2.1

4.1

31.6

64.3

 

Slowenien

  

2.7

3.7

38.3

58.0

 

Tschech. Rep.

 

1.7

0.8

4.1

40.8

55.1

 

Ungarn

4.6

1.6

1.5

5.7*

33.7*

60.6*

 

Mittelwert

5.0

2.3

0.1

6.3

32.7

61.0

Datenbasis: Weltbank, Quellen: Durchschnittliche Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes (BIP) in % von 1970-1980: Weltbank (Weltbank, 1995), 1980-1990: Weltbank (1999), 1990-2000: Weltbank (1995), Wertzuwachs des BIP durch Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistungen World Bank (2003).
* für 1998, ** für 1997.

Da Ost und West sich erheblich unterscheiden, ist auch zu erwarten, dass sich erhebliche Ost-West-Differenzen bei der Wahrnehmung und Bewertung von Einkommensungerechtigkeit, der Einstellung zu sozialer Ungleichheit und der Präferenz von Verteilungsideologien finden lassen. Da die soziale Ungleichheit der Einkommensverteilung in postkommunistischen Ländern höher als in westlich-kapitalistischen Ländern ist, kann ein starker Transformationseffekt im Sinne einer deutlich höheren Ungerechtigkeitswahrnehmung der Einkommensverteilung angenommen werden. Nicht zuletzt ist dies Folge des Vergleichs mit der Zeit vor dem Systemwechsel, in der eher 'Gleichheit' der Einkommen bestand. Dem Staat wird daher eine deutlich bedeutendere Aufgabe zugeteilt, soziale Ungleichheit abzubauen und Ungleichheit wird generell stärker abgelehnt.

↓100

Bevor die Ergebnisse der Analysen im Rahmen dieser Studie auch hierzu vorgestellt werden, müssen zuvor noch einige methodische Anmerkungen erfolgen. Zunächst ist nach den Implikationen und methodischen Vorgehensweisen der internationalen komparativen Forschung zu fragen.


Fußnoten und Endnoten

43  Vgl. hierzu beispielsweise Touraine (1972), Klages (1993), Beck (1986), Schulze (1992, 1993) und Gross (1994).

44  Exemplarisch hat Parsons dies im Rahmen seiner Studie zum Ursprung der modernen europäischen Gesellschaft für verschiedene 'ältere' Gesellschaften untersucht (vgl. Parsons, 1975) und in seinen Studien zur Entwicklung der europäischen Nationen (vgl. Parsons, 1972b).

45  Für die Theorie und Erforschung sozialer Ungleichheit gerade aus differenzierungstheoretischer Sicht sind hier vor allem die Ausführungen von Veblen (1986) aufschlussreich.

46  "Individualisierung meint erstens die Auflösung und zweitens die Ablösung industriegesellschaftlicher Lebensformen durch andere, in denen die einzelnen ihre Biographie selbst herstellen, inszenieren, zusammenschustern müssen, und zwar ohne die einige basale Fraglosigkeit sichernden, stabilen sozial- moralischen Milieus, die es durch die gesamte Industriemoderne hindurch immer gegeben hat und als 'Auslaufmodelle' immer noch gibt" (Beck und Beck-Gernsheim, 1993: 179). Vgl. hierzu auch Beck (1995, 1997) und Beck und Beck-Gernsheim (1994).

47  Eigene Indikatoren für Ostdeutschland werden in den Daten der internationalen Organisationen, die hier verwendet werden, nicht mehr bereitgestellt. Deshalb werden nur Daten für Gesamtdeutschland verwendet, um die Vergleichbarkeit zu gewährleisten. Die Suche nach geeigneten vergleichbaren Makroindikatoren, die in allen Ländern in vergleichbarer Weise zur Verfügung stehen.

48  Der Gini-Koeffizient liefert ein zweckmäßiges zusammenfassendes Maß des Grades an sozialer Ungleichheit in der Einkommensverteilung einer Gesellschaft. Er misst, inwieweit die Verteilung des Einkommens auf Personen oder Haushalte in einer Volkswirtschaft von einer vollkommen gleichmäßigen Verteilung abweicht. Ein Gini-Koeffizient von '0' bedeutet totale Gleichverteilung, ein Index von '1' hingegen vollkommene Ungleichverteilung (vgl. Atkinson, 1970; Engelhardt, 2000). Da zwischen den Ländern sowohl bei der Durchführung der Erhebungen der Angaben als auch bei der Art der Erhebung teilweise erhebliche Datenunterschiede bestehen, muss bei Vergleichen des Gini-Koeffizienten besonders vorsichtig umgegangen werden. Die hier verwendete Datenquelle lässt einen Vergleich der Länder zu.

49  Das Bruttoinlandsprodukt ist die Bruttowertschöpfung zu Käuferpreisen aller inländischen Produzenten in dem jeweiligen Land zuzüglich Steuern und abzüglich Subventionen, die nicht im Produkt Wert enthalten sind.



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18.07.2006