6 Zur komparativen Methode - der Gesellschaftsvergleich

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Die Methode des Vergleichs gehört seit ihren Anfängen zum Wesen der Sozialwissenschaften und insbesondere der Soziologie. Sie ist die "einzige, welche der Soziologie entspricht" (Durkheim, 1991: 205)."Die vergleichende Soziologie ist nicht etwa nur ein besonderer Zweig der Soziologie; sie ist soweit die Soziologie selbst, als sie aufhört, rein deskriptiv zu sein" (Durkheim, 1991: 216). Aufgrund dieser Zentralität des Vergleichs insbesondere im Rahmen dieser Studie sollen in diesem Abschnitt zentrale Befunde, Probleme und Herausforderungen der komparativen Forschungsmethode skizziert und diskutiert werden.

Bei der vergleichenden Methode in der empirischen Sozialforschung geht es immer um die Untersuchung von Ähnlichkeits- oder Unähnlichkeitsmustern in Subgruppen einer überschaubaren Anzahl von Fällen. Dabei werden Subgruppen von anderen Subgruppen unterschieden, die ihrerseits wiederum ähnliche Muster aufweisen. Der Blickwinkel liegt also auf der Untersuchung von Diversität hinsichtlich der Analyseeinheiten und Homogenität hinsichtlich eines zu erklärenden Aspektes der empirischen Wirklichkeit (Ragin, 1987), das innerhalb einer spezifischen Auswahl von Fällen erklärt werden soll. Gesucht wird in der Regel dabei nach Ähnlichkeiten zwischen Fällen, die dasselbe oder ein ähnliches Ergebnis hinsichtlich des Untersuchungsgegenstandes aufweisen (vgl.Ragin, 1994: 105ff). Fälle sind in der Regel Individuen, die anhand bestimmter sozial relevanter Merkmale eingeteilt werden. Eines dieser Merkmale kann dann in der international vergleichenden Forschung auch die Zugehörigkeit zu einem Land sein. Fälle können generell aber auch alle anderen sozialen Einheiten sein wie Institutionen, Organisationen, Gruppen usw. und eben auch Länder. Im ersten Fall spricht man von Individualdatenanalyse, im letzteren von Aggregatdatenanalyse. Beides ist international vergleichende Forschung, wenn das soziale Merkmal 'Land' eine Rolle spielen soll und Länder bzw. Personen aus Ländern zur Analyse ausgewählt wurden.

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Der Vergleich verschiedener Länder, Nationalstaaten oder Kulturen steht von Anfang an im Zentrum sozialwissenschaftlicher Forschung. Unter einem Ländervergleich wird dabei die "Untersuchung eines bestimmten Sachverhaltes von mehreren, im Regelfall rechtlich und politisch unterschiedlichen, sowie räumlich und/oder zeitlich abgegrenzten Einheiten" (Immerfall, 1994: 22) verstanden. Die international vergleichende Forschung hat seit Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend an Bedeutung gewonnen. Dabei sollten jedoch zweierlei Formen des Ländervergleichs zunächst systematisch auseinander gehalten werden, der Vergleich von Ländern anhand zentraler Makroindikatoren aus der amtlichen und sonstiger Statistiken auf Aggregatebene und der Vergleich von Ländern anhand von Bevölkerungsumfragen auf Individualebene, die vor allem mit der Gründung der "International Sociological Association" (ISA) 1949 und dem "Research Committee on Social Stratification and Mobility" (RC28), zahlreichen Konferenzen und Büchern in den 60er und 70er Jahren enormen Auftrieb erhalten haben (vgl. den historischen Überblick beiGauthier, 2000: 3-6). Dabei hat sich die Forschung von der Aggregatsdatenanalyse hin zur Analyse von Individualdaten im Ländervergleich entwickelt, indem zunächst auf der Basis der Harmonisierung nationaler Umfragedaten50 angefangen wurde mit dem Ziel, eine Vergleichbarkeit der Daten herzustellen. Schließlich kam es mit erheblichen Anstrengungen internationaler Forschergruppen und Forschungsverbunden zur Etablierung von teilweise vollständig durchgeführten internationalen Umfrageprojekten mit identischen Fragebögen, weitgehend einheitlichem Design und Befragungen zur selben Zeit. Dabei war es auch das Ziel, nicht nur im Querschnitt internationale Daten zu erheben und zu untersuchen sondern entsprechende Forschungsunternehmen auch im Längsschnitt zu etablieren.

Seit den 80er Jahren sind die Möglichkeiten der international vergleichenden Forschung in den Sozialwissenschaften vor allem deshalb stark angewachsen, da neue internationale Datensätze für eine wissenschaftliche Analyse hinzugekommen und für die breite Masse der Forscherinnen und Forscher verfügbar wurden. Auch wenn Grundprobleme wie die Vergleichbarkeit der Daten, die Auswahl der Länder usw. auch heute noch genauso virulent sind, kann jedoch nicht behauptet werden, dass das Rad der kulturvergleichenden Methodologie ständig neu erfunden worden sei (vgl.Scheuch, 1989) oder dass sich die Möglichkeiten der vergleichenden Forschung nicht erweitert hätten (vgl.Gauthier, 2000: 1). Vor allem die Kumulation und die Verfügbarkeit neuer Datensätze, methodische Entwicklungen im Rahmen der Mehrebenen-Analyse und die Bereicherung von Querschnitt- durch Längsschnittdaten stellen die empirische Sozialforschung vor neue Herausforderungen und ermöglichen vertiefte Erkenntnis.

Bereits in den 70er Jahren gab es eine Kontroverse über den Stellenwert von Theorie in der international vergleichenden Umfrageforschung (Wiatr, 1977). Während es einigen nur um die Etablierung von internationalen Umfragedaten ging, betonten andere die Überprüfung konkreter statistischer Hypothesen durch die Ausweitung nationaler Untersuchungen auf die internationale Ebene. Die auch heute noch strittige Frage, ob am besten deduktiv oder induktiv vorgegangen werden soll, stand bereits damals im Vordergrund, indem einige vorgeschlagen hatten, die Theoriebildung vorerst zurückzustellen, während es anderen um das Testen von Hypothesen auf Makroebene bzw. um die Validierung von Ergebnissen in verschiedenen nationalen und kulturellen Settings ging.

6.1 Theoretische Zugänge

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In der international vergleichenden Forschung geht es primär um den Vergleich verschiedener Länder mit dem Ziel, Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten herauszufinden. Allgemein wird die Debatte darüber von zwei theoretischen Richtungen geprägt, nämlich den "Strukturalisten", die eine Ähnlichkeit von Ländern mit ähnlichen Strukturen in Bezug auf bestimmte Ergebnisse erwarten, und den "Kulturalisten", die eine Verschiedenheit in den Ergebnissen auf Grund von Ländern inhärenten unterschiedlichen Charakteristiken erwarten.51 Strukturalisten gehen davon aus, dass die Sozialstruktur unabhängig von anderen nationalen Charakteristiken einen über die Länder hinweg einheitlichen Effekt auf Individuen hat. Kulturalisten nehmen an, dass Kultur und gesellschaftliche Werte den Effekt der Sozialstruktur auf Individuen modifizieren und daher unterschiedliche länderspezifische Ergebnisse bewirken (vgl.Gauthier, 2000: 7).

Diese beiden theoretischen Modelle bei der Suche nach Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten zwischen Ländern sind auch heute noch anleitend für international vergleichende Untersuchungen. Allerdings wurde der theoretische Analyserahmen deutlich verfeinert, indem hinsichtlich der Sozialstruktur nunmehr Erklärungskomponenten auf verschiedenen Ebenen (Makro-, Meso- und Mikroebene) unterschieden werden. Sozial-ökologische Modelle, die sich seit einiger Zeit an Popularität erfreuen, versuchen diese Multidimensionalität der Sozialstruktur einzufangen. In international vergleichenden Studien haben diese jedoch noch so gut wie keinen Eingang gefunden, da sie meist an den Möglichkeiten der Datengrundlage scheitern, da geeignete Variablen vor allem unterhalb der nationalen Ebene fehlen.

In Abb. 8 wird ein allgemeines rudimentäres Schema eines sozial-ökologischen Modells dargestellt. So können die internationale, die nationale, die regionale und die lokale Ebene in wirtschaftlicher, politischer und sozialer Dimension unterschiedliche Wirkungen aufeinander und von kleineren sozialen Einheiten bis hin zum Individuum haben. Vor allem den engeren sozialen Kreisen eines Individuums wird in Modellen dieser Art immer stärkere Aufmerksamkeit zuteil, indem sich teilweise erhebliche Effekte nachweisen lassen. So haben einige Untersuchungen immer wieder zeigen können, dass die Zusammensetzung der Nachbarschaft, die Institutionen, mit den Individuen unmittelbar konfrontiert sind, der erweiterte Familien- und Freundeskreis und die Familien im engeren Sinne erheblichen Einfluss auf das Individuum haben (vgl. die Beispiele beiGauthier, 2000: 8-10).

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Abb. 8: Beispiel eines sozialökologischen Rahmens

Die ländervergleichende Sozialforschung wird in der alltäglichen Forschungspraxis gewöhnlich auf zweierlei Weise durchgeführt, nämlich intensiv in der Form von Fallstudien und extensiv als ländervergleichende Studien mit großer Fallzahl (vgl. Tab. 20). Ragin (1989: 57) spricht in dieser Hinsicht auch von der U-Kurve des Zusammenhangs von Fallzahl der Länder (sample size) und Anzahl der Studien. Entweder werden in der Forschungspraxis viele Fälle miteinander verglichen (large N, meist größer als 40) oder nur wenige Fälle (small N bzw. case studies, meist 1 bis 3). Doch ist diese Zweiteilung etwas, das aus der Sicht Ragins überbrückt, zumindest jedoch ausbalanciert werden sollte, wenn die international vergleichende Sozialforschung erfolgreich sein sollte. Der Grund für diese Eigenart, dass es nur wenige Studien mit mittlerer Fallzahl (N zwischen 4 und 40) gibt, liegt seiner Ansicht nach in einem Set verschiedener Aspekte, die auf die Forschung Druck ausüben. Zunächst haben die beiden Richtungen der vergleichenden Sozialforschung ein unterschiedliches theoretisches Interesse. Während es Fallstudien eher um bedeutungsvolle historische Prozesse und Ergebnisse in Einzelfällen geht, drehen sich Studien mit einer großen Fallzahl an Ländern um die Erklärung makrosozialer Variationsmuster, die Allgemeingültigkeit beanspruchen können. Erstere legen die Bedeutung eher auf die Vollständigkeit der Analysen der wenigen Fälle mit einem vertieften Wissen über diese Länder, während letztere die Verallgemeinerbarkeit in den Mittelpunkt stellen. Fallstudien gehen daher bei der Auswahl ihrer Fälle meist theoretisch vor, indem sie typische, unter theoretischen Annahmen beste oder dafür repräsentative Fälle in den Blick nehmen, die intensiv studiert werden. In Analysen mit großer Fallzahl kommt es dagegen darauf an, möglichst viele Länder in den Blick zu nehmen, um verallgemeinerungsfähige Aussagen treffen zu können und allgemein gültige Erklärungsmuster zu ermitteln. So kommt es, dass die beiden Zugangsweisen zur international vergleichenden Forschung einerseits als Fall-orientiert, indem Länder als eigenständige Einheiten und als Ganzes behandelt werden, und andererseits als Variablen-orientiert zusammenfassend charakterisiert werden können, indem Länder durch den Gebrauch theoretischer Konzepte operationalisiert werden und so anhand beobachtbarer Variablen zu messen versucht werden (vgl.Ragin, 1994: 1f).

Tab. 20: Forschungstypen im Rahmen des internationalen Vergleichs

 

Fallstudien

Ländervergleichende Studien

 
 

Kleine Fallzahl

Große Fallzahl

 
 

Intensiv

Extensiv

 

Charakteristik

Fall-Orientiertheit

Variablen-Orientiertheit

 

Ziel

Historisch spezifische Entwicklung von Ländern

Allgemeine Erklärungsmuster

 

Auswahl

Typische, repräsentative Fälle

Möglichst viele Fälle

 

Methode

Vergleich von strukturellen Konfigurationen von Ländern

Multivariates Testen von Ländermerkmalen

 

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Bei beiden Typen von Studien entsteht allerdings das Problem, dass der Heterogenität und Diversität der Länder nicht Genüge getan wird. So können bei Fallstudien Ergebnisse nicht als universell gültig dargestellt werden, da Annahmen bei der Auswahl dies nicht zulassen. Bei nur wenigen untersuchten Fällen kann keine Allgemeingültigkeit der Ergebnisse sichergestellt werden. Außerdem kann eine zu starke Betonung der Exklusivität und Besonderheit der Länder zu dem Schluss führen, dass diese überhaupt nicht mehr verglichen werden können, da sie in ihrer Entwicklung als zu speziell und damit eigentlich als unvergleichbar angesehen werden. Bei extensiven ländervergleichenden Studien mit großer Fallzahl dagegen werden Länder in Variablen disaggregiert mit der Folge, dass man der Komplexität der Länder damit nicht mehr gerecht wird (vgl.Ragin, 1989: 60f). Es werden zwar Relationen zwischen Variablen analysiert, aber die Gesamtsituation eines Landes, die Komplexität der geschichtlichen Entwicklungen und der Gesamtzusammenhang eines Landes können mit einigen Variablen nur unzureichend erfasst werden. Hinzu kommt, dass mit multivariaten Tests von Faktoren methodisch schnell an die Grenzen der zu geringen Fallzahl gestoßen wird. Interaktionseffekte können mangels Fällen meist nicht hinreichend getestet werden. Festzuhalten bleibt also, dass bei Untersuchungen mit vielen Ländern nicht mehr intensiv auf die Länder als Einzelfälle eingegangen werden kann. Forscherinnen und Forscher können nur mehr allgemein mit den Ländern als Fällen vertraut sein, diese jedoch nicht mehr intensiv studieren und dieses umfassende Wissen in die Interpretation der Ergebnisse einfließen lassen. Allerdings ergeben sich bei diesem analytischen Zugang auch große Vorteile, die diese Richtung attraktiv machen. Es wird möglich, mehr als nur einige Fälle von Ländern zu einem bestimmten Zeitpunkt zu untersuchen. Alternative Erklärungen von Zusammenhängen können leichter berücksichtigt und getestet werden. Damit kann einer Engführung auf partikularistische Erklärungen aus subjektiven Erwägungen der Forscher und Forscherinnen begegnet werden, da die kausalen Verhältnisse probabilistisch gesehen werden (vgl.Ragin, 1991: 2).

International vergleichende Forschung kann auch danach unterschieden werden, welchen Stellenwert Länder in der Untersuchung haben. Eine solche Einteilung deckt sich teilweise mit der bereits vorgestellten Unterscheidung, aber der Blickwinkel kommt aus einer anderen methodischen Perspektive. So können einerseits Länder als Untersuchungsgegen s tand gelten (also als abhängige Variable), die an und für sich interessant für eine Untersuchung bestimmter Aspekte und Entwicklungen sind, und andererseits können Länder als Untersuchungskontext eingesetzt werden (also als unabhängige Variable), welches theoretisch zu begründen ist (vgl.Kohn, 1989). Ein dritter Typus der Verwendung von Ländern in international vergleichenden Untersuchungen verwendet Länder als Analyseeinheiten beziehungsweise als Fälle, wobei dies verständlicherweise nur mit einer großen Fallzahl durchführbar ist.

Wenn Länder die Analyseeinheiten sind, werden meist Aggregatdaten analysiert. In seiner Kritik an der international vergleichenden Forschung bezieht sich Lieberson (1991;1994) vor allem auf diese Art von Analysen, in denen Länder beziehungsweise spezifische Aspekte von Ländern die zu erklärenden abhängigen Variablen sind. Er führt eine ganze Reihe von Problemen bei international vergleichenden Untersuchungen an, die meist ungelöst bleiben (z.B. keine Zufallsauswahl der Länder, festgelegte und nicht empirisch überprüfbare Kausalitätsfestlegungen, die Betonung der Erklärung von Unterschieden statt der Suche nach Gemeinsamkeiten und Konstanten, eine ungenügende Spezifikation der Variablen und eine gewöhnlich unüberlegte Ansammlung von unabhängigen Kontrollvariablen etc.). Als Lösung dieser Probleme führt er eine bessere Theorie, eine stärker reflektierte Auswahl der zu erklärenden Aspekte, die Verwendung von Längsschnittdaten, die Legitimität einer beschreibenden Darstellung, wenn Kausalitätsanalysen scheitern und vor allem eine kritische Selbstbeschränkung in der Forschung auf das, was man sicher wissen kann. Dazu gehört auch das Selbsteingeständnis, dass vieles in der quantitativ international vergleichenden Forschung nicht hundertprozentig erklärt werden kann, sondern eher wissenschaftlich konstruiert und interpretiert wird. Vor allem bei Untersuchungen mit kleiner Fallzahl an Ländern können Wahrscheinlichkeitstheorien nicht verwendet werden, Interaktionseffekte, Messfehler und alle möglichen kausalen Zusammenhänge nicht getestet werden (Lieberson, 1991: 320). Bessere, konkretere und vielleicht sogar endgültige Lösungsvorschläge vermag Lieberson aus der Sicht Mayers (1998) jedoch auch nicht anzubieten, da es diese wohl auch nicht gibt. Und zu Recht fragt Mayer deshalb, was Makro-Komparativisten denn sonst auch anderes tun können (vgl.Mayer, 1998: 149).

6.2Probleme und Schwierigkeiten

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Der internationale Vergleich, also der Vergleich zwischen verschiedenen Ländern, ist zwar nur ein Vergleich unter vielen möglichen Vergleichen der Sozialwissenschaften, aber wohl der komplexeste. Aus den bisherigen Diskussionen zur international vergleichenden Sozialforschung, die bislang kurz skizziert wurden, können eine Reihe von verschiedenen Problemen und Schwierigkeiten in zusammenfassend systematisierender Weise festgehalten und weiter erläutert werden.

1. Begriffsklärung: Begrifflich werden zur Charakterisierung der international vergleichenden Forschung im Englischen folgende Wortbedeutungen verwendet: "cross-national", "transnational" oder einfach nur "comparative". Im Deutschen werden gewöhnlich die Begriffe "Kulturvergleich", "Gesellschaftsvergleich" und "Ländervergleich" verwendet. Doch was unterscheidet diese Begriffe? Gibt es hier überhaupt einen Unterschied oder wird unter diesen Begriffen eigentlich dasselbe verstanden? In der Forschungspraxis wird mit diesem Problem auf unterschiedliche Weise umgegangen. Während die einen diese Begriffe weitgehend synonym gebrauchen, sehen andere die Notwendigkeit, zwischen diesen verschiedenen Vergleichen genauer zu differenzieren. So scheint es, dass mit dem Kulturvergleich auf Ländergruppen mit ähnlicher Kultur abgezielt wird (zum Beispiel die westliche, die arabische oder die asiatische Kultur). Mit dem Begriff Gesellschaftsvergleich wird meist eine theoretische soziologische Debatte verbunden, was genau unter Gesellschaft zu verstehen und wie diese von einer anderen Gesellschaft zu unterscheiden ist. Mit dem Begriff Ländervergleich wird meist der Vergleich von geopolitisch differenten Gebieten gemeint und damit sind die politischen Grenzen von Nationalstaaten impliziert. Begriffsklärungen können notwendig sein, wenngleich sie auch oftmals den eigentlichen Erklärungsgehalt durch Spitzfindigkeit verdecken können.

2. Theoretischer Rahmen: Das größte Problem der international vergleichenden Forschung - und dies gilt für beide Richtungen - scheint die Bestimmung dessen zu sein, durch welche Unterschiede zwischen den Ländern unterschiedliche Ergebnisse zwischen den Ländern erklärt werden können (Kohn, 1989: 84). Bzw. anders ausgedrückt: Von welchen Faktoren, Aspekten oder Merkmalen, anhand derer sich Länder unterscheiden, hängen bestimmte Länderunterschiede in den Ergebnissen genau ab? Daher müssen für ländervergleichende Untersuchungen nicht nur Länder, sondern vor allem auch ein theoretischer Analyserahmen ausgewählt werden, für den eine Auswahl an Ländern überhaupt interessant ist. Im Analyserahmen müssen alle Faktoren enthalten sein, anhand derer die Länder(-auswahl) verglichen werden soll. Der Umfang, Art und Auswahl geeigneter Indikatoren richtet sich an den theoretischen Überlegungen hinsichtlich des zu erklärenden Untersuchungsgegenstandes.

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3. Vergleichbarkeit: Für das Gelingen einer international vergleichenden Sozialforschung ist Vergleichbarkeit unbedingte Voraussetzung. Vergleichbarkeit muss zum einen bei der Datenerhebung und zum anderen im Rahmen der Datenanalyse und Interpretation sichergestellt sein. Eine hohe Reliabilität, eine hohe Validität und eine Vergleichbarkeit des Untersuchungsablaufs ist unabdingbar. Dies schließt ein geeignetes und vergleichbares Untersuchungsdesign ein, ein entsprechendes Zufallsauswahlverfahren und eine Sicherstellung dessen, dass die Untersuchungskonzepte in der Analyse auch wirklich in den verschiedenen kulturellen Kontexten äquivalent sind. Beides, die linguistische und konzeptionelle Gleichheit der Fragen und Antworten in Umfragen muss gegeben sein. Vergleichbarkeit ist dann hergestellt, wenn das gleiche Erhebungsinstrument unter gleichen Bedingungen angewendet wird. Problematisch kann hierbei sein, dass nicht unbedingt mit Sicherheit festgestellt werden kann, ob für verschiedene soziale oder kulturelle Gruppierungen in den Ländern die gleichen Fragen und Antwortvorgaben auch gleich verstanden oder etwas Unterschiedliches darunter verstanden wird. Denn Begriffe haben oft unterschiedliche Bedeutung in unterschiedlichen Kulturen (vgl.Harkness et al., 2003: 10). Von daher sollte auch bei der Auswertung darauf geachtet werden, ob latente Konstrukte in verschiedenen kulturellen Kontexten eine identische oder verschiedene Dimensionalität aufweisen (vgl.Harkness et al., 2003: 12).

4. Auswahl der Länder: Ferner ist danach zu fragen, wie viele Länder eigentlich für eine ländervergleichende Analyse notwendig sind und wie sie ausgewählt werden sollen. Im Falle einer Primärforschung ist sicherlich der erhebliche finanzielle, zeitliche, methodische und der zur Koordination notwendige Aufwand ein Grund zur Beschränkung der Anzahl der Länder. In Sekundärstudien dagegen wird man auf die Auswahl möglichst vieler Länder abzielen, bei denen ein Vergleich aufgrund einer sauberen Datenbasis methodisch möglich ist. Es ist methodisch höchst vorteilhaft, Daten von all jenen Ländern zu benutzen, von denen sichere Informationen, saubere Daten und ein Wissen über diese Länder vorliegen, das zur Interpretation herangezogen werden kann (vgl.Kohn, 1989: 95). Allerdings ist es auch nicht notwendigerweise so, dass am meisten daraus gelernt werden kann, je mehr Länder in den Analysen eingeschlossen sind. Denn man braucht über alle Länder in den Analysen notwendige Informationen, die bei der Interpretation eben herangezogen werden können. Die Anzahl der Länder, die für Analysen ausgewählt werden, sollte sich also auch an der Kapazität orientieren, Informationen über diese Länder sammeln und verarbeiten zu können, sowie an theoretischen Überlegungen und der Substanz des jeweils vorliegenden Forschungsproblems. Die Auswahl der Länder sollte sich also auch von der Frage leiten lassen, ob damit wirklich neue Erkenntnisse erzielt werden können und die Interpretationsbasis erweitert werden kann (vgl.Kohn, 1989:94-96).

5. Bias bei der Länderauswahl/ Datenmangel: Eng damit verbunden ist die Frage, was das Interesse an der international vergleichenden Umfrageforschung genau ist und wer ein spezielles Interesse hat. Es bleibt festzuhalten, dass sie hauptsächlich von solchen Ländern betrieben wird, die auf Grund finanzieller Möglichkeiten die notwendige Basis haben, solche durchzuführen. International vergleichende Umfragenforschung begrenzt sich aus verschiedenen Gründen auf Länder der westlichen Hemisphäre. Hier können nicht nur finanzielle Mittel für solche Forschungsvorhaben bereitgestellt werden, sondern es besteht auch ein gesellschaftlicher Bedarf an solcher Forschung, die von der Öffentlichkeit aktiv gewollt wird. Umfrageforschung allgemein und international vergleichende Umfrageforschung findet sich damit weniger im asiatischen, afrikanischen und südamerikanischen Kulturraum und fast gar nicht in islamisch geprägten Ländern. Zu warnen ist aber auch vor einem "imperialistisch" verstandenen Datensammeln in bislang von der Forschung ausgeblendeten Ländern durch den Westen. Allgemeine Voraussetzung ist nämlich auch, dass Forscher und Forschergruppen international bei der Datensammlung und Datenauswertung effektiv zusammenarbeiten.

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6. Kosten und Kooperation im Verbund: Schließlich ist danach zu fragen, wie hoch die Kosten für eine international vergleichende Studie sind. Diese sind in der Regel größer als viele Forscherinnen und Forscher vermuten. International vergleichende Forschung benötigt eine sichere Finanzierung in allen Ländern. Des Weiteren ist eine gute Zusammenarbeit aller Beteiligten in einem Forschungsverbund unabdingbar. Und schließlich müssen alle methodologischen Fallstricke gemeinsam gelöst werden, um eine Vergleichbarkeit in den Methoden, in Untersuchungskonzepten und der Untersuchungsanordnung zu erreichen. Außerdem muss es für jedes Land in der Untersuchung einen Experten geben, der über das notwendige Wissen über diese Länder verfügt. Und es muss ein Arbeitsklima herrschen, das einen Austausch von Wissen und eine Interpretation innerhalb eines gemeinsamen theoretischen Rahmens gewährleistet. Eine effektive Zusammenarbeit, um Dinge durchzudenken, braucht auch genügend Zeit der Vorbereitung und Durchführung. Ein zusätzliches Problem sind auch die unterschiedlichen Standards und Forschungspraktiken der Sozialforschung in unterschiedlichen Kulturen und Ländern, die eine Zusammenstellung von vergleichbaren Daten erschweren. Nicht nur innerhalb der Disziplin eines Landes sondern auch zwischen den Ländern herrscht oft Uneinigkeit über die richtige und am besten angemessene Methodologie (vgl.Harkness et al., 2003: 6). Im internationalen Kontext ist auch Interdisziplinarität erforderlich, nicht nur, indem Forscher und Forscherinnen über ihren eigenen kulturellen Rahmen hinausgehen müssen, sondern auch, indem sie mit Linguisten zusammenarbeiten um Vergleichbarkeit in sprachlich konzeptioneller Hinsicht sicherzustellen.

6.3Analysestrategien

Von besonderer theoretischer Bedeutung ist die Frage, welche Rolle und welcher Stellenwert Ländern in vergleichenden Analysen eingeräumt werden. Entscheidend ist dabei auch, wie wichtig oder nicht wichtig Ländern im Vergleich zu anderen Determinanten Platz eingeräumt wird. Allgemein können zwei Untersuchungsstrategien voneinander unterschieden werden, bei denen Einflüsse von Makrostrukturen getestet werden können. Auseinandergehalten werden müssen einerseits Ländereinflüsse in Analysen auf Aggregatsebene (Länder als Fälle) und andererseits Ländereinflüsse auf Ergebnisse auf individueller personenbezogener Ebene (Länder als Kontext), die im Folgenden näher erläutert werden müssen (vgl. hierzuGauthier, 2000: 10-18).

Bei Untersuchungen auf der Aggregatsebene handelt es sich um deskriptive Analysen von Schlüsselindikatoren oder aggregierten Individualdaten, die zwischen Ländern verglichen werden. Die Datenbasis solcher Untersuchungen sind jedenfalls Aggregatsdaten auf Länderebene. Länder werden anhand charakteristischer Indikatoren miteinander verglichen, wobei meist das Ziel im Vordergrund steht, Länder anhand von Mittelwerten eines zu untersuchenden Merkmals in eine Rangfolge zu bringen oder einen Zusammenhang von Merkmalen der Länder aufzuzeigen. Bei Betrachtungen über die Zeit hinweg ist es dann auch meist das Ziel solcher Untersuchungen, etwa den Erfolg oder Misserfolg bestimmter politischer Maßnahmen aufzudecken (vgl. z.B. das Gros der Untersuchungen am Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung) oder Ländertypologien abzuleiten. Auch wenn Charakteristiken von Ländern damit deskriptiv zusammengefasst werden können, bleiben Binnenvariationen innerhalb dieser Länder (z. B. auf regionaler oder individueller Ebene) unbeachtet. Handelt es sich um multivariate Analysen auf Aggregatsebene, werden Beziehungen zwischen Variablen analysiert, die diese Länder charakterisieren. Dabei wird unterstellt, dass ein einziges multivariates Modell für alle Länder geeignet ist. Länder dienen in solchen Analysen lediglich dazu, die Varianz und damit die Zahl der Freiheitsgrade zu erhöhen. Sie selbst sind jedoch an sich weniger von Interesse, sondern vielmehr die untersuchten Variablen, die diese Länder charakterisieren. Damit muss sich diese Analysestrategie den Vorwurf gefallen lassen, dem Problem des ökologischen Fehlschlusses zu erliegen. Außerdem besteht die Gefahr, dass die Wahl bzw. die Anzahl der Länder die Validität der statistischen Analysen verzerrt, da Ausreißer stärker ins Gewicht fallen und ihnen meist nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt wird.

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Untersuchungen auf individueller Ebene benutzen Individualdaten, um herauszufinden, ob Ergebnisse auf Individualebene, die in einem Land gefunden wurden, auch in anderen Ländern repliziert werden können. Dies kann durch nach Ländern getrennte Analysemodelle geschehen oder durch ein einziges allgemeines Modell mit gepoolten Daten, wobei auch hier jeweils eine deskriptive und eine multivariate Variante unterschieden werden kann. Bei nach Ländern getrennten Untersuchungen interessiert in deskriptiver Hinsicht die Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit der Länder in der abhängigen Variablen. In multivariater Hinsicht dagegen steht im Vordergrund, inwieweit der jeweilige Erklärungsbeitrag und Effekt der Variablen untereinander zwischen Ländern ähnlich ist oder nicht. Ein Problem dieser Art von Studien ist, dass nur wenige Länder auf diese Weise untersucht werden können, da sonst der Überblick auf Grund der Komplexität der Analysen verloren gehen würde. Bei gepoolten Daten aus verschiedenen Ländern und einer einzigen statistischen Analyse werden die Regressionskoeffizienten über die Länder hinweg fixiert. Neben den Variablen auf der Mikroebene können Makroindikatoren von Ländern (z. B. die Arbeitslosenrate) oder Länder-Dummies in Modelle hinzugefügt werden. Bislang werden in den Analysemodellen jedoch meist nur Länder-Dummies eingesetzt. Zwar können auf diese Weise bequem Ausreißer in substanziellen Makrovariablen umgangen und damit sogar die erklärte Varianz in Regressionsmodellen entscheidend verbessert werden, allerdings sagen Länder-Dummies nichts substanziell darüber, warum sich einige Länder von anderen unter Kontrolle anderer Determinanten auf individueller Ebene signifikant unterscheiden. Von daher ist es der empirischen Forschung stets aufgegeben, wo immer es geht, inhaltlich unbestimmte Länder-Dummies durch inhaltliche relevante Aggregatsvariablen auf Makroebene zu ersetzen (vgl.Przeworski und Teune, 1970). Warum dies bislang nur selten bis gar nicht gemacht wird, liegt daran, dass hierzu einerseits Daten einer größeren Anzahl von Ländern in vergleichbarer Form vorliegen müssen. Die Möglichkeiten hierzu haben sich erst seit kurzem erheblich verbessert. Optimal ist die Lage dennoch nicht, da die zentrale Voraussetzung der Vergleichbarkeit der Daten gegeben sein muss, die als noch erheblich eingeschränkt charakterisiert werden kann. Derartige Analysen werden andererseits auch deshalb nur selten gemacht, weil internationale Datensätze bis auf die Zuordnung der Fälle (Individuen) zu Ländern selbst bislang keine inhaltlichen Makrovariablen enthalten und diese erst in aufwendiger Recherchearbeit gesammelt werden müssen. Makroindikatoren und -informationen zu Ländern werden zwar von statistischen Ämtern und internationalen Organisationen bereitgestellt, liegen jedoch in unterschiedlicher Form und Qualität vor. So gilt es also auch hier (1) vergleichbare Daten (was nur in begrenztem Maße der Fall ist), (2) l ü ckenlose und (3) zu den Individualdaten passende Daten zu bekommen, d.h. alle Länder und Zeitpunkte in den Individualdaten müssen mit entsprechenden ihrerseits vergleichbaren Makrodaten lückenlos abgedeckt werden können. Dieses Unternehmen scheint jedoch angesichts der Datenlage der international vergleichenden Forschung noch immer aussichtslos und bedarf noch der erheblichen Verbesserung. Diese Schwierigkeit des Findens, Zusammentragens und Kombinierens von Makrodaten mit Individualdaten ist enorm, aufreibend und setzt eine Bereitschaft zum methodischen Bargaining voraus, das darin besteht, in eigenen derartigen Analysen, diejenige optimale Lösung zu finden, die inhaltlich theoretischen Anforderungen genügt und zugleich am wenigsten Datenverlust, sei es auf Individual- oder Aggregatsebene, mit sich bringt.

Fazit

Mit den hier vorgestellten Problemen der international vergleichenden Forschung sollte unter anderem aufgezeigt werden, wie schwierig und voraussetzungsreich eine solche Untersuchungsanordnung ist, wenn sie den methodischen Standards entsprechen und genügen soll. Eine absolute Sicherheit bei der Datenerhebung, dass in allen nationalen Kontexten dasselbe und keine methodologischen Artefakte gemessen werden, gibt es nicht. Trotz der Bemühung um methodologische Vergleichbarkeit und der Einsicht, dass das Unvergleichbare geringer ist als das Vergleichbare, bleiben restliche Zweifel und fordern zur kritischen Betrachtung auf. Bei der Datenauswertung international vergleichender Studien werden in der Regel Länderunterschiede gefunden und auch entsprechend interpretiert. Angesichts der bisherigen Datenlage (bei Individual- wie Aggregatsdaten) gibt es allerdings keine endgültige methodische Sicherheit darin, ob tatsächlich gefundene Länderunterschiede 'wirklich' oder nur 'künstlich' sind. Es kommt darauf an, die international vergleichende Forschung dadurch zu stimulieren und noch weiter methodisch zu verbessern, indem erhebliche Anstrengungen unternommen werden, Vergleichbarkeit, Verfügbarkeit und Vollständigkeit von Daten zu sichern und auch bereitzustellen. Bevor der Faden an dieser Stelle wieder aufgenommen wird, wenn es um die Einordnung dieser Studie im Rahmen der international vergleichenden Forschung geht, müssen zunächst Informationen zu den verwendeten Daten und der hier getroffenen Auswahl der Länder erfolgen.


Fußnoten und Endnoten

50  Viele Umfragen vor Ende 1970 waren im Design, in der Implementation und von der Intention her nicht komparativ angelegt. Komparative Daten wurden künstlich hergestellt, indem nationale Umfragedaten im Nachhinein nach einem komparativen Schema rekodiert wurden (vgl. Harkness, Mohler und Van de Vijver, 2003: 4).

51  So werden die beiden theoretischen Richtungen im Hinblick auf den Vergleich des Berufsprestiges z.B. folgendermaßen charakterisiert: "The extreme “structuralist” would presumably insist that the modern industrial occupational system is a highly coherent system, relatively impervious to influence by traditional culture patterns. (…) By contrast, an extreme “culturalist” might insist that within each country or culture the distinctive local value system would result in substantial - and, indeed, sometimes extreme - differences in the evaluation of particular jobs in the standardized modern occupational system (Inkeles und Rossi, 1956: 329).



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18.07.2006