7 Daten, Variablen und Methoden

↓109

Um die Analysen und die erzielten Ergebnisse dieser Studie adäquat beschreiben und entsprechend auch im Kontext verstehen zu können, ist es zunächst notwendig, Auskunft über die verwendeten Daten zu geben, indem Informationen zu ihrer Erhebung gegeben, ihre Qualität beurteilt und Modifikationen an den Daten zum Zwecke der Auswertung offen gelegt werden. Im Rahmen des wissenschaftlichen Vorgehens ist es erforderlich, die verwendeten Daten, Variablen und Methoden der Analyse zu charakterisieren, damit die nachfolgenden Ergebnisse richtig eingeschätzt und auch überprüft werden können. Deshalb werden in diesem Abschnitt der Studie die verwendete Datenbasis, die Datenlage in den ausgewählten Ländern und die in den Analysen zur Verfügung stehenden oder neu berechneten bzw. modifizierten Variablen beschrieben. Im Anschluss daran werden die Analysemethoden unter Bezugnahme auf die Ausführungen zur komparativen Forschung dargelegt.

7.1 Datenbasis (ISJP, ISSP, Länderdaten) und Länderauswahl

Die Individualdaten dieser Studie stammen aus zwei international renommierten Umfrageprojekten, dem 'International Social Justice Project' (ISJP) und dem 'International Social Survey Programme' (ISSP). Die Aggregatdaten zu den einzelnen Ländern kommen aus unterschiedlichen internationalen Quellen wie der Weltbank, dem Internationalen Währungsfond (IWF), der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), dem Statistischen Bundesamt und veröffentlichten Berechnungen aus Daten der Luxembourg Income Study (LIS).

1) International Social Justice Project (ISJP)

↓110

Das International Social Justice Project (ISJP) ist ein internationales Forschungsprogramm unter Beteiligung von Sozialwissenschaftlern aus zwölf Ländern mit dem Ziel, Einstellungen zur sozialen Ungleichheit und sozialen Gerechtigkeit der Bevölkerung in diesen zwölf Ländern vergleichend zu untersuchen (vgl. hierzu folgende Dokumentationen:Alwin et al., 1993;Alwin und Wegener, 1995;Christoph et al., 1998;Hauss et al., 2001;Kleebaur und Wegener, 1991). Im Zentrum der Studie stehen Fragen nach der empfundenen Gerechtigkeit in zentralen Lebensbereichen, der Präferenz von Ideologien der Verteilungsgerechtigkeit, der Wahrnehmung von sozialer Ungleichheit und sozialer Gerechtigkeit sowie deren Determinanten. Damit ist die grundsätzliche Frage nach der Legitimation der Verteilungsordnung und dem System sozialer Ungleichheit in den untersuchten Gesellschaften aufgeworfen. Die Grundintention des Projektes liegt in der Ermöglichung ländervergleichender Untersuchungen, insbesondere zwischen osteuropäischen Transformationsländern aber auch einigen westlichen Ländern. Die Stärke des Projekts liegt in der zeitgleichen Durchführung standardisierter allgemeiner Bevölkerungsumfragen mit gleich lautendem Erhebungsinstrument (Fragebogen) in den Teilnehmerländern. Durch die Ziehung geschichteter Zufallstichproben können die in den Ländern erhobenen Individualdaten als für die jeweilige Bevölkerung repräsentativ gelten.

Die erste Erhebung wurde 1991 in Bulgarien, Deutschland (Ost und West), Estland, Großbritannien, Holland, Japan, Polen, Russland, Slowenien, der Tschechoslowakei, Ungarn und den Vereinigten Staaten durchgeführt. In 6 dieser 12 Länder, nämlich in Bulgarien, Deutschland (Ost und West), Estland, Russland, der Tschechischen Republik und Ungarn konnte 1996 eine Replikation der Studie von 1991 mit gleich lautendem Erhebungsinstrument organisiert werden. Die Replikation 1996 hatte vor allem zum Ziel, den rapiden sozialen Wandel in den Wahrnehmungen und Einstellungen zu sozialer Ungleichheit und Gerechtigkeit in den osteuropäischen Transformationsländern fünf Jahre später nachzeichnen zu können. Dazu wurde das Erhebungsinstrument jeweils nur geringfügig verändert (vgl.Christoph et al., 1998). Im Jahr 2000 konnte aufgrund mangelnder Teilnahmebereitschaft der Vertreter der anderen partizipierenden Länder eine Replikation der Umfrage nur mehr in Deutschland (Ost und West) realisiert werden (vgl.Hauss et al., 2001).

Nach der Entstehung zweier eigenständiger Staaten, der Tschechischen und der Slowakischen Republik, aus der ehemaligen Tschechoslowakei am 1.1.1993 konnte eine Befragung 1996 nur mehr in der Tschechischen Republik realisiert werden. Für die hier vorgenommenen Analysen sind daher die gemeinsamen Daten aus der Tschechoslowakei von 1991 getrennt worden, um eine separate Behandlung beider heutiger Staaten zu ermöglichen. Holland hat sich 1996 zwar nicht zu einer vollständigen Replikation der Erhebung und damit Partizipation am Projekt entschlossen, durch eine Harmonisierung und Angleichung von gleichzeitig, aber in anderem Zusammenhang erhobenen niederländischen Daten zur sozialen Ungleichheit und Gerechtigkeit (vgl.Gijsberts und Ganzeboom, 1996) und deren erfolgreicher Integration in die Daten das ISJP, können für 1996 nun auch Analysen mit einem neben Deutschland weiteren westlichen Land vorgenommen werden.

↓111

Der Ausgangsfragebogen von 1991, der an die 100 standardisierte Fragen enthält, wurde von allen Gründungsmitgliedern des Projekts gemeinsam erarbeitet und ausgehend vom englischen Masterfragebogen in die einzelnen Landessprachen übersetzt. Eine unabhängige Rückübersetzung inklusive Vergleich mit dem Masterfragebogen sollte ein vergleichbares "Wording" sicherstellen. Des Weiteren wurde auf eine gleiche Abfolge der Fragen geachtet. Damit konnte ein den internationalen methodischen Anforderungen entsprechendes standardisiertes und vergleichbares Erhebungsinstrument und Vorgehen in der Durchführung realisiert werden. Die Umfragen wurden an national repräsentativen Stichproben der jeweiligen Bevölkerung in ungefähr eine Stunde dauernden Face-to-Face Interviews durchgeführt. Lediglich in den Vereinigten Staaten wurde die Umfrage in der Form von Telefoninterviews und in Holland 1991 als selbstständige auszufüllende Computer basierte Umfrage durchgeführt. Mit der Stichprobenziehung in den einzelnen Ländern wurde jeweils Repräsentativität zur Bevölkerung angestrebt. Alle Stichproben basieren auf mehrstufigen, zum Teil geschichteten Zufallsauswahlen. Erhebungseinheiten sind Haushalte, Wähler-, Adresslisten oder Einwohnerverzeichnisse. Die Telefonstichprobe der USA wurde nach dem Random-Digit-Dialing-Verfahren gewonnen. Die wichtigsten methodentechnischen Informationen (wie Stichprobe, Befragungsform und Ausschöpfung) zu den Daten kann einer Zusammenstellung im Anhang entnommen werden (vgl. Tab. 47 , S. 272).52

2) International Social Survey Programme (ISSP)

Das International Social Survey Programme (ISSP) ist ein internationaler Forschungsverbund, der in jedem Jahr eine internationale Umfrage zu ausgewählten wechselnden sozialwissenschaftlichen Themen in bis heute 38 Teilnehmerländern durchführt. Er startete 1983 mit vier Gründungsmitgliedern (Australien, Deutschland, Großbritannien und den Vereinigten Staaten) und hatte zum Ziel, gemeinsame Fragemodule zu wichtigen Forschungsgebieten der Sozialwissenschaften zu entwickeln, die als Supplement an reguläre nationale Umfragen weitgehend angekoppelt werden können und einen gemeinsamen extensiven Kern an Hintergrundvariablen enthalten. Damit sollten der internationalen Wissenschaftsgemeinschaft international vergleichende Daten zur Verfügung gestellt werden. Neben der Etablierung von international vergleichenden Umfragen ist durch die Wiederholung und weitgehende Replikation thematischer Module neben der Möglichkeit des Ländervergleichs auch die Chance des zeitlichen Vergleichs getreten. Somit bietet das fortgeschrittene ISSP zunehmend die Gelegenheit, sozialen Wandel in seinen vielfältigen Fassetten im Längsschnitt analysieren zu können.

↓112

Im Rahmen dieser Studie werden die Schwerpunkt-Module "Soziale Ungleichheit" aus den Jahren 1987, 1992 und 1999 (vgl.Zentralarchiv, 1987;Zentralarchiv, 1992;Zentralarchiv, 1999) verwendet. Thematisch beschäftigen sich die Module mit verschiedenen Aspekten von sozialer Ungleichheit und Gerechtigkeit, vor allem mit Einstellungen zu Ursachen und Funktionen sozialer Ungleichheit, der allgemeinen Bewertung von Einkommensunterschieden, Erwartungen an den Staat hinsichtlich seiner Aufgabe in Bezug auf den Umgang mit sozialer Ungleichheit, der Präferenz von Verteilungsnormen hinsichtlich der Einkommensverteilung sowie der Abfrage des geschätzten tatsächlichen Einkommens und des als gerecht empfundenen Einkommens einer Reihe vorgegebener Berufe beziehungsweise Berufsgruppen. Zum Großteil werden damit Einstellungen erhoben, die Aspekte der Wahrnehmung mit Aspekten der Bewertung von sozialer Ungleichheit verbinden. Mit drei Erhebungszeitpunkten wird eine Analyse des sozialen Wandels in einer Zeitspanne von nunmehr 12 Jahren in einigen der Länder ermöglicht.

Ein besonderes gravierendes Problem für die Analyse ergibt sich aus der teilweisen Veränderung des Erhebungsinstrumentes zwischen den Erhebungsjahren, die aus dem Ausschluss, der Modifikationen oder einer Neuaufnahme einzelner Fragebogenteile besteht. Damit reduziert sich die Anzahl der auswertbaren Variablen über alle Zeitpunkte erheblich. Eine inhaltliche Neuausrichtung und methodische Verbesserung des Erhebungsinstrumentes konnte nur zum Preis einer eingeschränkten Vergleichbarkeit über die Zeit erkauft werden. Eine weitere Einengung der Analysemöglichkeiten kommt dadurch hinzu, dass nicht alle Fragen in allen Ländern gleichermaßen erhoben wurden. Hier wird das Problem international vergleichender Umfrageforschung sichtbar, dass nationale Interessen und Besonderheiten für das große gemeinsame Interesse an der Herstellung einer internationalen Vergleichbarkeit der Daten zurückgestellt werden müssten, um insgesamt mehr durch umfassendere Analysemöglichkeiten gewinnen zu können.

Auch in diesem Umfrageverbund wird aber weitgehend darauf geachtet, dass ein gemeinsames standardisiertes Erhebungsinstrument mit gleich lautendem "Wording" und derselben Frageabfolge in den beteiligten Ländern implementiert wird, auch wenn es nicht uneingeschränkt sichergestellt werden kann. Der ursprünglichen Idee und Intention nach sollte der ISSP-Fragebogen als schriftlicher, selbst auszufüllender Drop-off nach einem Face-to-Face Interview im Rahmen einer nationalen Umfrage miterhoben werden. Der Überblick über die verschiedenen Befragungsformen, die in den drei Ungleichheitsmodulen verwendet wurden (vgl. Tab. 48, S. 273), zeigt jedoch, dass die realisierten Befragungsformen sehr divergierenden und sich mit der Zeit eine Tendenz zu Face-to-Face Interviews abzeichnet. Über mögliche Wirkungen unterschiedlicher Befragungsformen auf Ergebnisse im Rahmen des ISSP kann zum gegenwärtigen Stand nur spekuliert werden, einer einheitlichen Erhebungsweise wäre aus methodischen Gesichtspunkten jedoch deutlich der Vorzug zu geben. Von Nachteil ist auch, dass die Feldzeiten, soweit sie überhaupt veröffentlicht sind, teilweise erheblich voneinander abweichen.

↓113

Aus den Dokumentationen der Daten ist zu entnehmen, dass die Umfragen in der Regel an national repräsentativen Stichproben der jeweiligen Bevölkerung durchgeführt wurden. Soweit es dokumentiert ist, basieren die Stichproben in der Regel auf mehrstufigen, zum Teil geschichteten Zufallsauswahlen. Erhebungseinheiten sind Haushalte, Wähler-, Adresslisten und Einwohnerverzeichnisse. Eine Studie zum Monitoring des ISSP 1999 hat erstmals systematisch (durch eine Befragung der Organisatoren in den Teilnehmerländern) aufzeigen können, inwiefern sich die einzelnen Länderstudien in den zentralen Aspekten der Erhebung unterscheiden (vgl.Harkness et al., 2003). Sie gibt Anlass, noch stärker auf Harmonisierung und Vergleichbarkeit der ISSP-Erhebungen bei den beteiligten Forschungsinstitutionen und -gruppierungen zu drängen, um die Potentiale des ISSP stärker ausschöpfen zu können. Die zusammengetragenen methodentechnischen Informationen zu den Daten (Stichprobe, Befragungsform, Ausschöpfung etc.) sind einer Zusammenstellung im Anhang zu entnehmen (vgl. Tab. 48, S. 273).53

3) Aggregatdaten der Länder

Die Aggregatdaten zu den einzelnen Ländern mussten mit erheblichem Aufwand zusammengetragen werden und stammen aus unterschiedlichen internationalen Quellen wie der Weltbank, dem Internationalen Währungsfond (IWF), der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), dem Statistischen Bundesamt und aus veröffentlichten Datenberechnungen, die im Rahmen der Luxembourg Income Study (LIS) gewonnen wurden. Sie wurden aus CD-Roms extrahiert (vgl.International Statistical Yearbook, 2002), aus Webseiten der Organisationen bezogen (ILO, 2003;LIS, 2003;LIS, 2003;World Bank, 2003) oder aus statistischen Jahrbüchern (vgl.Statistisches Bundesamt, 1991-2002) und Jahresberichten von Organisationen (vgl.Weltbank, 1991;Weltbank, 1995;Weltbank, 1996;Weltbank, 1999;Weltbank, 2001;Weltbank, 2002) entnommen. Zum Zwecke der vorliegenden Untersuchung wurde ein Makrodatensatz generiert, der die aus den unterschiedlichen Quellen gesammelten Daten zu allen der hier betrachteten Länder für den Zeitraum von 1985 bis 2001 enthält. Für die Berechnungen im Rahmen dieser Studie wurden die Makrodaten zu jenen Ländern und Zeitpunkten, für die Individualdaten aus den beiden Umfrageprojekten vorliegen, mit den Individualdaten verknüpft. Die damit verbundenen immensen Anstrengungen geben an dieser Stelle Anlass, auf die Notwendigkeit kollektiver Makrodaten hinzuweisen, die im Interesse aller auch durch gemeinsam organisierte Bemühungen bereitgestellt werden könnten.

↓114

4) Auswahl der Länder und Analyseanordnung

Für die Analysen im Rahmen dieser Studie werden Daten aus beiden Umfrageprojekten, dem ISJP und dem ISSP, in Kombination mit Aggregatdaten zu einzelnen Ländern verwendet. Bei der Auswahl der Länder stand das Ziel im Vordergrund, möglichst viele Länder der westlich-kapitalistischen Hemisphäre sowie des osteuropäischen Transformationsblocks in die Analysen aufzunehmen, für die vergleichbare Daten zur Verfügung standen, um eine hinreichende Varianz auf Individual- und auf Aggregatebene der Länder zu erhalten. Ausschlaggebend für den Einschluss in das Sample war vor allem, dass zentrale Variablen, die im Rahmen dieser Studie relevant sind, erhoben wurden, entsprechende vergleichbare Makrovariablen zur Beschreibung der Länder zugänglich waren und die ausgewählten Länder entweder als Transformationsland oder im Rahmen der hier verwendeten Klassifikation von Wohlfahrtstaaten in den theoretischen Zusammenhang dieser Studie integriert werden konnten. Der Überblick über die verwendeten Daten (vgl. Tab. 21) gibt Auskunft über die getroffene Länderauswahl und die entsprechenden Zeitpunkte, an denen Daten zur Verfügung standen.

Insgesamt liegen mit beiden Umfrageprojekten 91707 analysierbare Fälle vor. In der Regel werden jeweils alle Länder in die Analysen einbezogen. Die Daten aus beiden Umfrageprojekten werden aufgrund der sonst nicht gegebenen Vergleichbarkeit jedoch getrennt untersucht. Für Analysen der Wohlfahrtsregime werden nur Daten westlicher Länder verwendet, d.h. die Fallzahl reduziert sich entsprechend im ISSP (N=35934) und im ISJP (N=10021). Jedes wohlfahrtsstaatliche Regime in der Einteilung von Esping-Andersen (1990;1999) mit der Erweiterung um den mediterranen Wohlfahrtstypus (vgl.Ferrera, 1996;Ferrera, 1998;Leibfried, 1992;Lessenich, 1994) kann dadurch mit ein bis fünf der westlich-kapitalistischen Länder abgedeckt werden. Danach gelten die USA, Großbritannien, Australien, Kanada und die Schweiz als liberales, Westdeutschland, Österreich und Frankreich als konservativ-korporatistisches, Schweden, Norwegen und auch die Niederlande als sozialdemokratisches und Italien, Spanien und Portugal als mediterranes Wohlfahrtsregime.

↓115

Tab. 21: Datensätze, Länder und Zeitpunkte sowie Fallzahlen

     

ISSP

ISSP

ISSP

 

ISJP

ISJP

ISJP

 
  

Land

  

1987

1992

1999

 

1991

1996

2000

Total

  

West

          
 

L

USA

US

 

1564

1273

1272

 

1414

  

5523

 

L

Großbritannien

UK

 

1212

1066

804

 

1319

  

4401

 

L

Australien

AU

 

1663

2203

1672

    

5538

 

L

Kanada

CA

  

1004

974

    

1978

 

L

Schweiz

CH

 

987

      

987

 

K

Westdeutschland

WG

 

1397

2297

921

 

1837

987

1891

9330

 

K

Österreich

A

 

972

1027

1016

    

3015

 

K

Frankreich

F

   

1889

    

1889

 

S

Schweden

S

  

749

1150

    

1899

 

S

Norwegen

N

  

1538

1268

    

2806

 

S

Niederlande

NL

 

1638

   

1783

790

 

4211

 

M

Italien

I

 

1027

996

     

2023

 

M

Spanien

E

   

1211

    

1211

 

M

Portugal

P

   

1144

    

1144

  

Total West

   

35934

   

10021

  
  

Ost

          
  

Tschech. Rep.

CZ

  

678

1834

 

810

1246

 

4568

  

Ostdeutschland

EG

  

1094

511

 

1019

1137

1324

5085

  

Slowak. Rep.

SK

  

423

1082

 

370

  

1875

  

Ungarn

H

 

2606

1250

1208

 

1000

1001

 

7065

  

Polen

PL

 

3943

1636

1135

 

1542

  

8256

  

Slowenien

SL

  

1049

1006

 

1375

  

3430

  

Bulgarien

B

  

1198

1102

 

1405

1636

 

5341

  

Lettland

LV

   

1100

    

1100

  

Estland

ET

     

1000

1025

 

2025

  

Russland

R

  

1983

1705

 

1734

1585

 

7007

  

Total Jahr

  

17009

21464

24004

 

16608

9407

3215

 
  

Total Projekt

   

62477

   

29230

 

91707

Anmerkung: L = Liberales, K = Konservatives, S = Sozialdemokratisches und M = Mediterranes Wohlfahrtsregime.

Problematisch ist, dass nicht alle Zeitpunkte mit Umfragedaten aus allen Ländern gleichermaßen abgedeckt werden können. Dies hat zur Folge, dass sich die unterschiedlichen wohlfahrtsstaatlichen Regimes in den Analysen teilweise aus unterschiedlichen Ländern zusammensetzen. Hinzu kommt auch, dass aufgrund fehlender Variablen teilweise eine erhebliche Reduktion der Fälle eintritt. Davon sind deskriptive Analysen, noch stärker jedoch multivariate Analysen betroffen.

7.2 Variablen: Operationalisierung und Konstruktion

Im Rahmen dieser Studie geht es um die Wahrnehmung und Bewertung der Einkommensverteilung einer Gesellschaft durch die Bevölkerung, Einstellungen zur sozialen Ungleichheit und die Präferenz von Verteilungsideologien in verschiedenen Ländern und Zeitpunkten, die erklärt werden sollen. Das heißt, es kommt darauf an, deren Determinanten auf Mikro- und Makroebene der Gesellschaft zu bestimmen. Dazu muss der Zusammenhang mehrerer Variablen aufgezeigt und multivariat getestet werden. In diesem Abschnitt der Studie werden die dazu notwendigen abhängigen und unabhängigen Variablen vorgestellt und es wird veranschaulicht, wie diese operationalisiert werden.

↓116

1) Abhängige Variablen

Die zu erklärenden Variablen in den Analysen dieser Studie sind die Wahrnehmung und Bewertung der Ungerechtigkeit der Verteilungsordnung, Einstellungen zur sozialen Ungleichheit und die Präferenz von Verteilungsideologien. Mit diesen drei Gerechtigkeitsäußerungen werden die beiden zentralen Grundmodi der Gerechtigkeitsanalyse und die dahinter stehenden beiden unterschiedlichen Arten von Bekundungen von Gerechtigkeit, die Belohnungsbewertungs- und die Prinzipienbefürwortungsgerechtigkeit, ins Zentrum der Analyse gestellt. Diese sind allesamt komplexere Konstrukte, deren Operationalisierung einer näheren Erläuterung bedarf.

a) Wahrnehmung und Bewertung der Ungerechtigkeit der Einkommensverteilung

↓117

Das Konzept der Wahrnehmung und Bewertung der Ungerechtigkeit der Einkommensverteilung muss als Form ergebnisbezogener Belohnungsgerechtigkeit aufgefasst werden und baut auf den gerechtigkeitstheoretischen Überlegungen im Rahmen der Justice Function Theorie auf, die auch als Theorie des Gerechtigkeitssinns (theory of distributive justice force) bekannt ist (vgl.Jasso, 1978;Jasso, 1980;Jasso, 1989;Jasso und Wegener, 1997). Grundlegende Aspekte dieser Theorie, welche Gerechtigkeit aus der Sicht der Individuen als mathematische Funktionen zu modellieren vermag, wurden bereits vorgestellt (vgl. Kap. 3.2.2).

Es geht in diesem Konstrukt um die Gerechtigkeitsbewertung der Einkommensverteilung, also der Bewertung von verschiedenen Einkommen in einer Gesellschaft nach ihrer Gerechtigkeit. Einkommen ist sicherlich einer der grundlegendsten Indikatoren zur Messung der materiellen Dimension sozialer Ungleichheit in einer Gesellschaft, da es den Wohlstand von Individuen, ihre soziale Position im sozialen Hierarchiegefüge und in der Sozialstruktur, die Gestaltung des Lebens usw. entscheidend determiniert (vgl. z.B.Berger, 2001;Geißler, 1996;Hradil, 1999;Kerbo, 1991;Kreckel, 1992). Es hat einen zentralen Stellenwert im Alltagsleben der Menschen, indem es Lebenschancen und Konsummöglichkeiten eröffnet oder verschließt, die Funktion von Belohnungen erfüllt und wichtiges Austauschmittel in einer Gesellschaft ist. Die gesamtgesellschaftliche Einkommensverteilung allgemein und persönliches Einkommen insbesondere werden auch von Wohlfahrtsregimes entscheidend mitbestimmt, weil Wohlfahrtsarrangements in unterschiedlichem Maße auf die Umverteilung von Einkommen Einfluss nehmen. Durch diese zentrale Stellung des Einkommens in der Gesellschaft ist auch die Gerechtigkeitsbewertung von Einkommen von ebenso großer Bedeutung.

Im Rahmen dieser Studie geht es jedoch nicht um die Gerechtigkeitsbewertung des eigenen Einkommens, sondern um die Gerechtigkeitsbewertung der Einkommen anderer. Das heißt, es geht nicht um die reflexive (d.h. selbstbezogene) Beurteilung der eigenen Entlohnung, sondern um die nicht-reflexiven Gerechtigkeitsbewertungen der Entlohnung anderer. Um genauer zu sein, es geht um die Bewertung der allgemeinen Einkommensverteilung, die dadurch bestimmt werden kann, welche Bewertung mit verschiedenen Berufen im gesamten Spektrum der Berufshierarchie subjektiv assoziiert wird.

↓118

In den Umfragen wurde danach gefragt, wie viel ein Vorstandvorsitzender eines großen nationalen Unternehmens und ein ungelernter Arbeiter tatsächlich verdienen, und im Anschluss daran, wie viel diese jeweils verdienen sollten. Dabei sollten die Befragten jeweils einen konkreten Geldbetrag nennen. Und weil es für viele Personen relativ schwierig sein kann, das Einkommen von Berufen einzuschätzen, weil sie über die Berufe wenig Bescheid wissen oder sich nicht in der Lage sehen, ein entsprechendes Einkommen anzugeben, wurden sie explizit vom Interviewer dazu ermutigt, einen ungefähren Betrag einfach zu schätzen. Durch diese Angaben bzw. Einschätzungen des tatsächlichen und gerechten Einkommensbetrags für bestimmte Berufe (dies wird auch als income ruling bezeichnet, vgl.Szirmai, 1986;Szirmai, 1991) liegt indirekt ein Gerechtigkeitsurteil vor, da beide Einkommensbeträge jeweils individuell in ein Verhältnis gesetzt werden können.

Im Rahmen der Theorie des Gerechtigkeitssinns lässt sich die wahrgenommene Gerechtigkeitsbewertung (J) als Logarithmus des Verhältnisses von tatsächlicher Belohnung (A) und gerechter Belohnung (C) ausdrücken. Indem konkrete Einkommensbeträge (tatsächlich und gerecht) vorliegen, können die Gerechtigkeitsbewertungen für jede befragte Person für jeden Beruf berechnet werden:

 

(8)

↓119

Die Gerechtigkeitsbewertung wird auf diese Weise also nicht direkt gemessen oder erfragt, sondern indirekt berechnet. Von daher sollte auch von der wahrgenommenen Gerechtigkeitsbewertung gesprochen werden.54

Wenn der tatsächliche Einkommensbetrag höher als der gerechte ist, gilt eine Person (hier: Personen mit einem bestimmten Beruf) als überbelohnt. Aus der Sicht der Befragten wird tatsächlich mehr Einkommen bezogen, als gerechterweise zusteht (J > 0). Umgekehrt gilt eine Person als u n terbelohnt, wenn das gerechte Einkommen höher als das tatsächliche ist (J < 0). Und eine gerechte Entlohnung liegt dann vor, wenn tatsächlicher und gerechter Einkommensbetrag gleich groß sind (J = 0). Der besondere Vorzug der mathematischen Funktion der Gerechtigkeitsbewertung besteht darin, dass Gerechtigkeitsbewertungen numerisch auf einem Zahlenkontinuum abgetragen werden können, wobei die Zahl '0' den Zustand einer vollkommen gerechten Verteilung anzeigt und der Grad der jeweiligen Abweichung in den positiven oder negativen Zahlenbereich jeweils den Grad einer ungerechten Überbelohnung oder Unterbelohnung signalisiert (Jasso und Wegener, 1997).

Wenn die Gerechtigkeitsbewertungen für beide Berufe (Vorstandsvorsitzender und ungelernter Arbeiter) ermittelt sind, ergeben sich aber noch keine umfassenden Hinweise auf die Bewertung der Gerechtigkeit bzw. Ungerechtigkeit der gesellschaftlichen Einkommensverteilung. Diese kann erst durch eine Kombination der Gerechtigkeitsbewertungen der beiden Berufe erhalten werden.55 Allerdings lässt sich die Bezeichnung 'Gerechtigkeit der Einkommensverteilung' nur unter der Annahme aufrechterhalten, dass mit beiden Berufen das gesamte Einkommensspektrum einer Gesellschaft abgedeckt wird. Mit dem ungelernten Arbeiter als einem Niedriglohnberuf bzw. einem Beruf mit geringem Prestige und dem Vorstandsvorsitzenden als einem Hochlohnberuf bzw. einem Beruf mit hohem Prestige wird dieser Annahme Rechnung getragen, auch wenn erstgenannter Beruf sicherlich vager und unspezifischer als letztgenannter ist.

↓120

Durch Kombination der beiden berufsbezogenen Gerechtigkeitsbewertungen lässt sich ein Gerechtigkeitsmaß des ganzen Einkommensspektrums ermitteln. Dazu ergeben sich mehrere Möglichkeiten, die auch als Gerechtigkeitsindizes bezeichnet werden (vgl.Jasso, 1999). Eine besteht beispielsweise darin, die Gerechtigkeitsbewertung des ungelernten Arbeiters von der des Vorstandsvorsitzenden zu subtrahieren. Da letzterer im Durchschnitt stets als eher überbelohnt und ersterer meist als eher unterbelohnt eingeschätzt wird, erhält man mit dieser neuen Größe ein Maß, das als Gerechtigkeitslücke bezeichnet werden kann (vgl. hierzuVerwiebe, 1999;Verwiebe und Wegener, 2000). Eine andere Möglichkeit der Kombination besteht darin, die absoluten Beträge der beiden Gerechtigkeitsbewertungen zu addieren, die dann als wahrgenommenes Ausmaß an Einkommensungerechtigkeit in einer Gesellschaft oder als wahrgenommene Ungerechtigkeit der Einkommensverteilung bezeichnet werden kann (vgl.Lippl, 2000;Lippl, 2003). In dieser Studie wird letztgenannter Index verwendet. Die wahrgenommene Ungerechtigkeit der Einkommensverteilung (JI2) ergibt sich aus den beiden Gerechtigkeitsbewertungen wie folgt:

 

(9)

Diese Art der Messung von Einkommensungerechtigkeit lässt allerdings keine Spezifikation zu, ob Vorstandsvorsitzender oder ungelernter Arbeiter jeweils als über-, gerecht oder unterbelohnt eingeschätzt wird.56 Mit diesem Maß wird lediglich angegeben, inwieweit beide berufsbezogenen Gerechtigkeitsbewertungen in Kombination vom Zustand einer "perfekten" Gerechtigkeit entfernt sind, ohne zwischen einer Über- und Unterbelohnung in den beiden Berufen genauer zu unterscheiden.

↓121

In den Daten der beiden Umfrageprojekte, dem ISSP und dem ISJP, wurden Einschätzungen des tatsächlichen und des gerechten Einkommens eines ungelernten Arbeiters und eines Vorstandsvorsitzenden erhoben. Mit beiden Daten können die geschilderten Berechnungen vorgenommen werden. Allerdings dürfen die Maße aus beiden Umfrageprojekten nicht unmittelbar miteinander verglichen oder gemeinsam ausgewertet werden, da die erhobenen Einkommensangaben jeweils unterschiedlich erhoben wurden. Einschränkungen ergeben sich (1.) aus der unterschiedlichen Befragungsform (mündlich im ISJP und schriftlich im ISSP) und (2.) an unterschiedlichen Frage- und Kontexteffekten der Erhebungsinstrumente.57 Daten aus Österreich 1992 und Italien 1987 enthalten keine Einkommensvariablen. Diese Fälle müssen bei den Analysen zur Ungerechtigkeitsbewertung ausgeschlossen werden.58

b) Einstellungen zur sozialen Ungleichheit

Die Einstellungen zur sozialen Ungleichheit werden anhand einer Faktoranalyse von vier Items und ausschließlich in den ISSP-Daten gewonnen (vgl. Tab. 22). Alle Items wurden von den Befragten jeweils anhand einer fünfstufigen Einstellungsskala (1 = starke Ablehnung, 5 = starke Zustimmung) bewertet. Die ausgegebenen Faktorladungen wurden mit der Principal Component Factor Analysis und anschließender Varimax Rotation über die Gesamtpopulation (alle Länder zu allen Zeitpunkten) ermittelt.59 Mangels geeigneter Einstellungsvariablen, die über die drei Zeitpunkte hinweg und in den meisten Ländern gleichermaßen vorliegen, reduzieren sich die Analysemöglichkeiten erheblich. Und so lässt sich auch einer der beiden gewonnenen Faktoren nur unzureichend mit entsprechenden Variablen abdecken.

↓122

Tab. 22: Faktoranalyse der Einstellungen: Ablehnung und Notwendigkeit sozialer Ungleichheit

 

Soziale Ungleichheit

Ablehnung

Notwendigkeit

h2

 

Die sozialen Unterschiede bleiben bestehen, weil sich die einfachen Bürger nicht zusammenschließen, um diese zu beseitigen.

0.780

0.227

0.660

 

Die sozialen Unterschiede bleiben bestehen, weil sie den Reichen und Mächtigen nützen.

0.750

-0.133

0.580

 

Es ist Aufgabe des Staates, die Einkommensunterschiede zwischen den Leuten mit hohem Einkommen und solchen
mit niedrigem Einkommen zu verringern.

0.645

-0.418

0.591

 

Große Einkommensunterschiede sind für den Wohlstand
<des Landes> notwendig.

0.002

0.932

0.868

 

Eigenwert

1.588

1.113

 

Principal Component Factor
Varimax Rotation
h2: Kommunalitäten

Die sich ergebenden Faktoren können als Ablehnung von sozialer Ungleichheit bzw. als Notwendigkeit von sozialer Ungleichheit terminologisch näher bestimmt werden. Die Ablehnung von sozialer Ungleichheit setzt sich demnach zusammen aus von den Befragten eingeschätzten unterschiedlichen Begründungen für das Bestehen sozialer Unterschiede, nämlich von unten, weil die Menschen nicht gemeinsam dagegen angehen, und von oben, weil es den Reichen nützt. Deshalb sollte es - dies ist die dritte Komponente - Aufgabe des Staates sein, Einkommensunterschiede in der Gesellschaft zu minimieren. Die Einschätzung, dass soziale Ungleichheit notwendig ist, wird in Bezug auf den Wohlstand des ganzen Landes gemessen. An dieser Stelle sollte freilich auch betont werden, dass die beiden Faktoren unterschiedlich in ihrem Charakter sind. Während die Ablehnung sozialer Ungleichheit in der hier operationalisierten Form stärker ideologische Züge trägt, stellt die Notwendigkeit sozialer Ungleichheit eine eher funktionale Einschätzung dar, die stärker situations- und lagespezifisch ist. Die beiden Faktoren werden im Rahmen der multivariaten Analysen als abhängige Variable verwendet. Für die deskriptiven Darstellungen in dieser Studie wurden der besseren Anschaulichkeit wegen jeweils einfache additive Summenindizes aus den Variablen der beiden Faktoren verwendet, die mit dem Wert '0' auf den Mittelpunkt der erhaltenen Skala des Indizes geeicht sind.

↓123

c) Präferenz von Verteilungsideologien

Auch die Befürwortung der beiden Verteilungsideologien Meritokratismus und Etatismus wurde durch eine Faktorenanalyse über sieben Items gewonnen. Die gewonnenen Faktoren können allerdings nur für die Daten des ISJP berechnet werden. Die sieben Aussagen, die von den Befragten anhand einer fünfstufigen Skala (1 = trifft überhaupt nicht zu, 5 = trifft voll und ganz zu) bewertet wurden, sind ebenso einer Principal Component Factor Analysis und anschließender Varimax Rotation über die gesamten Fälle unterzogen worden. Die damit ermittelten Faktorladungen stellen zwei Ideologien dar (vgl. Tab. 23).

Tab. 23: Faktoranalyse der Verteilungsideologien: Meritokratismus und Etatismus

  

Meritokratismus

Etatismus

h2

 

Die Leute sind nur dann bereit, in ihrem Beruf zusätzliche Verantwortung zu übernehmen, wenn sie dafür auch zusätzlich bezahlt werden.

0.734

0.110

0.550

 

Ein Anreiz für Leistung besteht nur dann, wenn die Unterschiede im Einkommen groß genug sind.

0.650

-0.120

0.437

 

Es ist gerecht, dass Menschen, die hart arbeiten, mehr verdienen als andere.

0.560

0.077

0.319

 

Der Staat sollte für alle, die arbeiten wollen, einen Arbeitsplatz zur Verfügung stellen.

0.134

0.746

0.574

 

Der Staat sollte für alle einen Mindestlebensstandard garantieren.

0.132

0.702

0.511

 

Der Staat sollte eine Obergrenze für die Einkommenshöhe festsetzen.

-0.183

0.688

0.507

 

Am wichtigsten ist, dass die Menschen das bekommen, was sie zum Leben brauchen, auch wenn die Besserverdienenden dafür etwas von ihrem Einkommen abgeben müssen.

-0.095

0.536

0.297

 

Eigenwert

1.352

1.843

 

Principal Component Factor
Varimax Rotation
h2: Kommunalitäten

↓124

Der Meritokratismus stellt die in modernen Gesellschaften verbreitete Leistungsideologie dar, wonach sich die Entlohnung bzw. der Verdienst von Menschen daran auszurichten habe, was diese im Rahmen der Gesellschaft individuell leisten (vgl.Young, 1958). Dahinter steht die funktionalistische Argumentation, dass sich Menschen nur dann zu mehr Leistung in der Gesellschaft bewegen lassen, wenn sie entsprechend mehr bezahlt werden (vgl.Davis und Moore, 1966;Parsons, 1970). Der zweite Faktor stellt den Staat als Akteur von Umverteilung und Absicherung in den Vordergrund, wobei die von den Befragten ermittelte Forderung nach staatlicher Bereitstellung eines Arbeitsplatzes, nach einem staatlich garantierten Mindesteinkommen und nach einer festgelegten Einkommensobergrenze enthalten ist. Des Weiteren ist eine Komponente in diesem Faktor enthalten, mit dem die Umverteilung nach Bedarf einbezogen wird. Für die deskriptiven grafischen Darstellungen wurden wie bereits bei den Einstellungen zur sozialen Ungleichheit auch hier wiederum Summenindizes in derselben Weise zu den beiden Faktoren gebildet.

2) Unabhängige Variablen

Als unabhängige bzw. erklärende Aspekte werden einerseits Variablen verwendet, welche die Länder beschreiben, und andererseits Variablen, welche sozialrelevante Merkmale der Individuen darstellen oder ihre soziale Position in der Sozialstruktur der Gesellschaft bestimmen. Zunächst werden die standarddemografischen Variablen vorgestellt, anschließend die unabhängigen Einstellungsvariablen und zum Schluss die Ländervariablen.60

↓125

a) Standarddemografische Variablen

Geschlecht/Alter/Haushaltsgröße: Das Geschlecht der Befragten wurde so kodiert, dass Frauen den Wert '1' erhalten und Männer die Referenzkategorie bilden. Das Alter der Befragten geht als kontinuierliche Variable in die Analysen ein. In mehreren Ländern mussten jüngere Befragte unter 18 Jahre als Missing-Werte gesetzt werden, um eine in der Alterstruktur vergleichbare Untersuchung zu gewährleisten. In den ISSP-Daten aus Italien 1987 fehlt die Altersangabe. Die Haushaltsgröße beinhaltet alle Personen, die im Haushalt leben, einschließlich der befragten Person. Diese Variable fehlt in den ISSP-Daten für Polen 1987, Italien 1987 und Schweden 1992.

Tab. 24: Zusammenstellung der standarddemografischen Variablen

 

Variable

Beschreibung

 

Geschlecht

Dummy (Frauen = 1)

 

Alter

Alter der Befragten in Jahren

 

Haushaltsgröße

Anzahl der Personen im Haushalt

 

Relationales Einkommen

Log-ratio des individuellen Haushaltsäquivalenzeinkommens zum durchschnittlichen Haushaltsäquivalenzeinkommen des jeweiligen Landes zu einem Zeitpunkt; mit Imputation fehlender Werte.

 

Kein Einkommen

Instrumentelle Dummy-Variable, um die imputierten Einkommensangaben zu kontrollieren (Imputiertes Einkommen = 1)

 

Bildung (Jahre)

Anzahl der Jahre im Bildungssystem, nur im ISSP

 

Bildung (Casmin)

5-sufige Bildungsskala nach König, Lüttinger und Müller 1988, , nur im ISJP

 

Unten-Oben-Skala

Selbsteinschätzung auf einer 10-stufigen Oben-Unten-Skala (1 = unten, 10 = oben).

 

Selbständig

Dummy (Selbständige = 1)

 

Arbeitslos

Dummy (Arbeitslose = 1)

 

In Rente

Dummy (Rentner = 1), nur im ISJP

 

Nicht Erwerbstätig
(im ISSP)

Dummy (Rentner, Behinderte, Hausfrauen und Hausmänner, Studierende, Personen im Erziehungsurlaub = 1)

 

Nicht Erwerbstätig
(im ISJP)

Dummy (Behinderte, Hausfrauen und Hausmänner, Studierende, Personen im Erziehungsurlaub = 1)

↓126

Relationales Haushaltsäquivalenzeinkommen: Das relationale Haushaltsäquivalenzeinkommen (EKp rel) einer Person (P) ist deshalb relational zu verstehen, weil es ins logarithmierte Verhältnis des individuellen Haushaltsäquivalenzeinkommens (EKP) einer Person zum Durchschnitt der Haushaltsäquivalenzeinkommen aller Personen (N) eines Landes (c) zu einem bestimmten Zeitpunkt (t) gesetzt wurde (N=Nc t):

 

(10)

Das angegebene durchschnittliche monatliche Haushaltsnettoeinkommen wurde zunächst durch die Anzahl der Personen im Haushalt geteilt, wobei jede zur befragten Person weitere Person mit dem Faktor 0,7 gewichtet wurde. Eine den gängigen Gewichtungen entsprechende Berechnung (z.B. OECD-Standard), die zwischen Kindern und Erwachsenen unterscheidet, konnte mangels Information über die genaue Haushaltszusammensetzung im ISSP nicht durchgeführt werden. Mit dem Haushaltseinkommen werden alle möglichen Einkommensquellen eines Haushaltes erfasst (also z.B. auch Sozialleistungen, Kapitalerträge etc.). Es ist also mehr als nur das Erwerbseinkommen aller Haushaltspersonen enthalten. Mit dieser Angabe wird letztendlich der Betrag berechnet, der einer Person im Durchschnitt auch tatsächlich für Konsumausgaben etc. zur Verfügung steht. Das so berechnete Haushaltsäquivalenzeinkommen wurde relational im Sinne zum Landesdurchschnitt der Äquivalenzeinkommen berechnet, d.h. es wurde für jeden Befragten durch das landes- und zeitpunktspezifische durchschnittliche Haushaltsäquivalenzeinkommen geteilt und logarithmiert. Dadurch lässt sich diese Variable als das eigene Haushaltseinkommen im Vergleich zum Landesdurchschnitt interpretieren. Die relationale Form als logarithmiertes Verhältnis macht einen Vergleich über Länder einfacher, weil damit Probleme der Währungsumrechnung und der unterschiedlichen Kaufkraft zu verschiedenen Zeiten umgangen werden können. Wenn die Einkommensangaben nur in kategorialer Form von Einkommensspannen vorlagen, wurden diese auf metrisches Skalenniveau rekodiert, indem die arithmetischen Mittelwerte der Einkommensspannen verwendet wurden. Ein besonderes Problem hinsichtlich der Einkommensvariablen sind fehlende Werte (meist aufgrund von Verweigerungen). Deshalb wurden einzelne fehlende Werte landes- und zeitpunktspezifisch imputiert, d.h. durch andere Variablen (Geschlecht, Alter, Haushaltsgröße, Bildung, Oben-Unten-Einstufung, Erwerbstätigkeit, Familienstand) mittels linearer Regressionen geschätzt. Die imputierten Werte werden mit einer Dummy-Variablen "Kein Einkommen" in den Analysen kontrolliert. Diese instrumentelle Variable wird inhaltlich nicht interpretiert. Darüber hinaus fehlen in den ISSP-Daten Einkommensangaben für Polen 1987, Bulgarien, Schweden und Kanada 1992 und im ISJP für Estland 1996 vollständig, weshalb diese Länder zu diesen Zeitpunkten aus multivariaten Analysen ausgeschlossen werden müssen.

↓127

Bildung: In den beiden Daten des ISSP und des ISJP muss Bildung im Rahmen dieser Studie unterschiedlich verwendet werden. Im ISSP wird mangels geeigneter und vergleichbarer Bildungsvariablen in den Ländern die Anzahl der Jahre im Bildungswesen verwendet. Dies ist problematisch, da 'Bildung in Jahren' angesichts der Unterschiedlichkeit der Bildungssysteme ein länderspezifisch unterschiedlich guter Indikator für den Bildungsgrad einer Person ist (vgl.Braun und Müller, 1997;Groß, 1998).61 Für Analysen des ISJP wird die Casmin Klassifizierung (König et al., 1988) der Bildung verwendet, welche die unterschiedlichen Bildungssystemen Rechnung trägt (vgl. auchBraun und Müller, 1997;Müller, 1999;vgl. auchMüller und Shavit, 1998;Müller et al., 1997).

Unten-Oben-Skala: Die Befragten wurden gebeten, sich auf einer 10-stufigen Unten-Oben-Skala einzuordnen, d.h. ihre eigene wahrgenommene soziale Position in der Gesellschaftshierarchie zu bestimmen. Neben den objektiven Indikatoren zum sozialen Status wird also mit dieser Variable auch eine subjektive Wahrnehmungskomponente kontrolliert.

Variablen zum Erwerbsstatus: Schließlich müssen auch Variablen kontrolliert werden, die den Erwerbstatus der Befragten hinreichend beschreiben. Angesichts fehlender und über die Zeit diesbezüglich unterschiedlich erhobener Variablen im ISSP können nur drei vergleichbare Dummies gebildet werden, welche die Selbständigen, Arbeitslose und alle nicht im Erwerbsleben stehende gegenüber den abhängig beschäftigten Erwerbstätigen als Referenzgruppe herausheben. Im ISSP wird 1987 in einigen Ländern bedauerlicherweise nicht zwischen verschiedenen Nicht-Erwerbstätigen (Rentner, Behinderte, Hausfrauen und Hausmänner, Studierende, Personen im Erziehungsurlaub) genauer unterschieden, weshalb diese in einer Kategorie zusammengefasst werden müssen, um über die Zeit hinweg vergleichen zu können. Im ISJP können dagegen die Rentner als eigenständige Gruppierung in der Form einer weiteren Dummy Variable herausgehoben und kontrolliert werden.

↓128

Weitere wichtige standarddemografische Variablen wären als Kontrollvariablen auf Individualebene notwendig, können aber aufgrund fehlender Werte oder problematischer Umkodierungen im ISSP nicht in multivariaten Analysen verwendet werden. So wäre gerade die politische Ausrichtung der Befragten für Gerechtigkeitsäußerungen eine wichtige Kontrollvariable, auch wenn die Kausalität hier keine eine eindeutige Richtung des Zusammenhangs aufzuzeigen vermag (vgl.Kelley und Evans, 1993). Das Berufsprestige kann im ISSP aufgrund der unterschiedlichen Berufsklassifizierungen in den Ländern mangels entsprechender Umsatzkodierungen aus den spezifisch nationalen Berufsklassifikationen in die internationale Berufsklassifikation (vgl.International Labour Office, 1990) oder direkt in entsprechende Prestigewerte (vgl. z.B.Ganzeboom et al., 1992;Ganzeboom und Treiman, 1996;Treiman, 1977;Wegener, 1988) nur teilweise ermittelt werden und scheidet daher aus. Insgesamt, so kann festgehalten werden, sind die Möglichkeiten der Kontrolle individueller Strukturmerkmale begrenzt. Dieses Problem ergibt sich fast ausschließlich in den unterschiedlichen Wellen des ISSP.

b) Einstellungsvariablen

Zusätzlich zu standarddemografischen wurden auch Einstellungsvariablen als erklärende Aspekte in die Analysen aufgenommen (vgl. Tab. 25). Hierbei handelt es sich um die subjektive Einschätzung der Einkommensungleichheit im jeweiligen Land zum jeweiligen Zeitpunkt. In den Analysen der ISSP-Daten wurde auch die Einschätzung der Konflikte zwischen Armen und Reichen im eigenen Land und in einigen Untersuchungen der ISJP-Daten die allgemeine Zufriedenheit mit dem eigenen Leben hinzugenommen.

↓129

Tab. 25: Zusammenstellung der Einstellungsvariablen

 

Variable

Beschreibung

 

Beurteilung der Einkommensungleichheit im Land

Wenn Sie ganz allgemein an die Einkommensunterschiede in [EIGENES LAND] denken: Halten Sie die Einkommensunterschiede heute für: viel zu groß, etwas zu groß, ungefähr angemessen, für etwas zu klein oder für viel zu klein?

umkodierte 5-stufige Skala: 1 = viel zu klein, 5 = viel zu groß

 

Konflikt Arm/Reich

In allen Ländern gibt es Gegensätze oder sogar Konflikte zwischen verschiedenen sozialen Gruppen. Wie stark sind diese Konflikte Ihrer Meinung nach in [EIGENES LAND]?

In Deutschland gibt es zwischen Armen und Reichen gar keine Konflikte, eher schwache Konflikte, starke Konflikte, sehr starke Konflikte.

Abfragung im Rahmen einer Liste mehrer Konflikte

umkodierte 4-stufige Skala: 1 = gar keine Konflikte, 2 = eher schwache Konflikte, 3 = starke Konflikte, 4 = sehr starke Konflikte); nur im ISSP vorhanden.

 

Zufriedenheit gesamt

Allgemeine Zufriedenheit mit dem eigenen Leben zum gegenwärtigen Zeitpunkt im Rahmen einer Abfrage mehrer Zufriedenheitsaspekte:

Wie zufrieden, würden Sie sagen, sind Sie alles in allem mit Ihrem Leben überhaupt?

7-stufige Skala: 1 = in hohem Maße unzufrieden, 4 = weder zufrieden noch unzufrieden, 7 = in hohem Maße zufrieden; nur im ISJP vorhanden.

c) Ländervariablen

Im Rahmen dieser Untersuchung stehen vor allem Variablen zu den einzelnen Ländern und Zeitpunkten im Zentrum der Betrachtung, da sich an den Ländern vor allem Makroeinflüsse festmachen lassen, sei es in der Form des jeweiligen wohlfahrtsstaatlichen Regimes, der Einteilung als westlich-kapitalistisches oder post-kommunistisches Land oder hinsichtlich eines zentralen Makroindikators, der ein Land zu einem bestimmten Zeitpunkt charakterisiert. Damit gehen Länder zum einen als gruppierte wohlfahrtsstaatliche Dummy-Variablen, zum anderen als singuläre Land/Zeitpunkt Dummy-Variablen, aber auch als inhaltlich durch zentrale Indikatoren näher bestimmte Variablen in die Analysen ein. Vor allem diese inhaltlichen Variablen müssen nun genauer beschrieben werden (vgl. Tab. 26).

↓130

Bruttosozialprodukt: Das Bruttonationaleinkommen zu Marktpreisen (Bruttosozialprodukt) im Nachweis der Weltbank, das in US-Dollar je Einwohner angegeben ist und den Wechselkurs sowie die Preisentwicklung des Nationaleinkommens der USA berücksichtigt, gilt als wichtiger Indikator für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft (vgl.Statistisches Bundesamt, 1991-2002). Es steht bedauerlicherweise nicht für die Kombination mit den Daten des ISSP 1987 zur Verfügung, wodurch sich in Analysen mit Makroindikatoren die Fallzahl verringert. Für Ost- und Westdeutschland wurde mangels vergleichbarer Daten zu den Landesteilen derselbe Wert für Gesamtdeutschland zugespielt.

Arbeitslosigkeit: Die jährliche Arbeitslosenrate ist ein Indikator für die wirtschaftlichen und sozialen Probleme eines Landes. Die Daten wurden vom Internationalen Währungsfond (IWF) bezogen (vgl.International Statistical Yearbook, 2002) Da für Deutschland keine landesteilspezifischen Werte ausgewiesen werden, wurden für Ost- und Westdeutschland daher Berechnungen auf der Grundlage des SOEP verwendet, die das Statistische Bundesamt auf der Basis von Schätzungen anhand des Mikrozensus im April/Mai des jew. Jahres vorgenommen hat (vgl.Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung, 2001).

Tab. 26: Zusammenstellung der Makrovariablen der Länder

 

Variable

Beschreibung

 

Bruttosozialprodukt (US-$ je EW)

Bruttonationaleinkommen zu Marktpreisen (Bruttosozialprodukt) im Nachweis der Weltbank, in US-Dollar je Einwohner. Wechselkurs und Preisentwicklung des Nationaleinkommens der USA ist eingerechnet.

Quelle: Statistisches Bundesamt 1991-2002, Missing: für 1987

 

Arbeitslosigkeit (Prozent)

Jährliche Arbeitslosenrate in Prozent, Quelle: IWF in: International Statistical Yearbook 2002, Missing für Polen und Ungarn 1987

Für Ost- und Westdeutschland: auf Basis des Mikrozensus, in: Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung 2001: 163.

 

Gini (LIS)

Gini-Koeffizient des nächsten zu erhaltenden Zeitpunktes eines Landes aus den Daten der Luxembourg Income Study (vgl. LIS 2003a).

Für Ost- und Westdeutschland: Statistisches Bundesamt (2002: 583).

 

Gini (kalk.)

Gini-Koeffizient, eigenständige Berechnung aus den Angaben zum Haushaltsäquivalenzeinkommen der ISSP und ISJP-Daten nach Land und Zeitpunkt (STATA-Befehl 'rspread').

Missing in Polen und Italien 1987, Bulgarien, Schweden und Kanada 1992.

 

Sozialausgaben (Prozent/BIP)

Alle Ausgaben für soziale Sicherung als Prozent am Bruttoinlandsprodukt

Quelle: ILO 2003, Missing für Ungarn 1987, Russland 1991, 1992, Slowenien 1992, 1992 und 1999.

↓131

Gini (LIS): Die Ungleichheit der Einkommensverteilung wird gewöhnlich anhand des Gini-Koeffizienten gemessen. Die hier verwendeten Maße stammen aus den berichteten Daten der Luxembourg Income Study (vgl.LIS, 2003). Für Ost- und Westdeutschland wurden, da in den LIS-Daten nicht ausgewiesen, Berechnungen auf der Basis des SOEP für beide Landesteile verwendet (vgl.Statistisches Bundesamt, 2002: 583). Da Gini-Koeffizienten nicht für jedes Jahr zur Verfügung stehen, wurden die Werte des jeweils zeitlich am nächsten liegenden Zeitpunktes eines Landes verwendet.62

Sozialausgaben: Alle Ausgaben für soziale Sicherung als Prozent am Bruttoinlandsprodukt werden von der Internationalen Arbeitsorganisation berichtet (vgl.ILO, 2003). Da dies nur für drei Zeitpunkte 1985, 1990 und 1996 vergleichend berechnet wurde, werden diese Daten dem jeweiligen nächsten Zeitpunkt in den Daten des ISSP und ISJP hinzugefügt. Für die beiden Landesteile Ost- und Westdeutschland wird mangels geeigneter und vergleichbarer Werte der entsprechende gemeinsame Wert für Deutschland verwendet.

Die Verwendung von Makrodaten in Analysen von Individualdaten erweist sich aus zusammenfassender Perspektive als äußerst schwierig. International vergleichbare Makrodaten stehen nicht zu allen Zeitpunkten und nicht für alle Länder gleichsam zur Verfügung. Einschränkungen und Abwägungen bestimmen letztendlich stärker als theoretische Überlegungen die Entscheidung für oder gegen einen zu analysierenden Makroindikator. Die diesbezügliche Datenlage scheint sich zwar gerade in den letzten Jahren erheblich verbessert zu haben, die Bedingungen könnten jedoch noch besser sein. Denn nur so lassen sich auch detaillierter Einflüsse von Ländern auf individuelles Wahrnehmen, Handeln und Bewerten vor dem Hintergrund eingehender theoretischer Überlegungen analysieren.

7.3 Analysemethoden

↓132

Nach der Vorstellung der Daten und Variablen, die dieser Studie zugrunde liegen, muss nun danach gefragt werden, mit welchen Methoden die zentralen Fragestellungen der Untersuchung analysiert werden. Der Vergleich der Länder hinsichtlich der Gerechtigkeitsäußerungen der Menschen als den zu erklärenden Variablen steht dabei im Vordergrund. Methodisch wird ganz allgemein und prinzipiell so vorgegangen, dass zunächst Länderunterschiede in den verschiedenen Gerechtigkeitsäußerungen deskriptiv veranschaulicht werden. Diese werden in einem zweiten Schritt jeweils einer multivariaten Untersuchung anhand von OLS-Regressionen unterzogen. Damit sollen Länderunterschiede auch unter Kontrolle individueller Merkmale der Befragten statistisch überprüft werden.

Der Einfluss der Länder ist - wie bereits ausgeführt - jedoch in dreierlei Hinsicht zu verstehen. Eine zentrale These ist, dass die wohlfahrtsstaatlichen Regimes als institutionelle Arrangements, in die westliche Länder gruppiert werden können, Einfluss auf Gerechtigkeitsäußerungen ausüben (vgl.Lippl, 2003;Rothstein, 1998). Ferner ist auch zu fragen, inwieweit einzelne Länder zu einzelnen Zeitpunkten Gerechtigkeitsvorstellungen und -urteile beeinflussen, auch wenn Länder als black box dabei inhaltlich unbestimmt bleiben. Und schließlich gilt es Länder und Zeitpunkte in den Berechnungen zu "eliminieren", indem sie durch inhaltlich bestimmbarere Makroindikatoren ersetzt werden.

Zur Überprüfung der verschiedenen Einflüsse werden für alle drei Länderaspekte jeweils aufeinander aufbauende multivariate OLS-Regressionsmodelle berechnet, um Zusammenhänge mehrerer unabhängiger Variablen auf eine lineare abhängige Variable zu testen (vgl.Backhaus et al., 1996: 2). Die Annahmen zur Anwendung dieses Schätzverfahrens (Linearität, Normalverteilung der Schätzfehler, keine einflussreichen Datenpunkte) können als weitgehend erfüllt gelten. Schwierigkeiten bereitet jedoch Heteroskedastizität, die sich in einer Verzerrung der Standardfehler der Schätzungen ausdrückt (vgl.Brüderl, 2000). Diese tritt vor allem dann auf, wenn die Daten gruppiert bzw. geklustert sind, wie es in Querschnittsdaten über mehrere Zeitpunkte hinweg üblich ist, also bei einer Wiederholung von Messungen der Analyseeinheit, wie hier vor allem der Länder (vgl.Stimson, 1985). Die Beobachtungen vor allem auf Länderebene sind also nur bedingt voneinander unabhängig. Damit ist eine zentrale Annahme von Regressionen verletzt, die sich zwar nicht in den Koeffizienten, aber eben in einer Fehlschätzung der Standardfehler äußert. Deshalb muss eine robuste Schätzung der Standardfehler vorgenommen werden, in der Heteroskedastizität korrigiert wird. Ein solches robustes Schätzverfahren über die Kovarianzmatrix haben Huber und White vorgeschlagen (vgl.Huber, 1967;White, 1980;White, 1982). Dieses Schätzverfahren, das in der verwendeten statistischen Software STATA implementiert ist, wurde in den multivariaten Berechnungen verwendet. Bevor jedoch Ergebnisse der Analysen mit diesen Methoden vorgestellt werden, muss der Faden aus dem theoretischen Teil wieder aufgenommen werden.


Fußnoten und Endnoten

52  Weitere Informationen zum ISJP finden sich im Internet unter http://www.isjp.de/ für den deutschen Teil des Projekts und unter http://www.butler.edu/isjp/ für den internationalen Teil.

53  Weitere Informationen zum ISSP finden sich im Internet auf der Seite der "Gesellschaft Sozialwissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen e.V." (GESIS) unter http://www.gesis.org/en/social_monitoring/issp/ und auf der offiziellen ISSP-Webseite unter http://www.issp.org/.

54  Die Gerechtigkeitsbewertung im Rahmen der Justice Function Theory basiert auf einer theoretischen Konstruktion. Sie drückt nicht die unmittelbar geäußerte, sondern die wahrgenommene Gerechtigkeitsbewertung von Menschen aus. Sie ließe sich in die geäußerte Gerechtigkeitsbewertung durch Multiplikation der Formel mit dem Fehlerterm (bzw. Ausdruckskoeffizient |θ|), wenn er bekannt ist, transformieren (vgl. Jasso und Wegener, 1997: 411).

55  Da Gerechtigkeit nur vorliegt, wenn die Gerechtigkeitsbewertungen für beide Berufe gerecht ist (J=0), ist eine wie auch immer gestaltete Kombination zwangsweise eher ein Maß für Ungerechtigkeit als für Gerechtigkeit. In diesem Sinne kann auch der Forderung Shklar (1992) genüge getan werden, sich wissenschaftlich stärker auf Ungerechtigkeit als auf Gerechtigkeit zu konzentrieren.

56  Die genauen mathematischen Eigenschaften und damit verbundene Möglichkeiten bzw. Vor- und Nachteile werden von Jasso (1999) ausführlich diskutiert. weitere Überlegungen und deskriptive Ergebnisse zu den beiden Gerechtigkeitsindizes für Deutschland finden sich bei Lippl (2001).

57  Im ISSP wurde das tatsächliche und das gerechte Einkommen eines Vorstandsvorsitzenden und eines ungelernten Arbeiters im Kontext mit neun weiteren Berufen gewonnen, zunächst für alle Berufe nur das tatsächliche und dann unmittelbar darauf für alle Berufe das gerechte Einkommen. Im ISJP wurden dagegen das tatsächliche und das gerechte Einkommen zunächst für den Vorstandsvorsitzenden und nach weiteren gerechtigkeitsbezogenen Angaben im Anschluss daran die beiden Einkommensangaben für den ungelernten Arbeiter erhoben. Angaben für weitere Berufe wurden hier nicht ermittelt. Außerdem wurden die Daten des ISSP als schriftliche Befragung (in der Regel ein schriftlicher "drop off") nach mündlichen Interviews durchgeführt, während das ISJP gänzlich aus einem mündlichen Interview besteht.

58  Häufigkeitstabellen, prozentuale Anteile und Verteilungsmaße zu allen Variablen sind im Zusammenhang dieser Studie inhaltlich nicht von Interesse. Eine Zusammenstellung können Interssierte im Internet einsehen unter: http://www.isjp.de/download/lippl_diss_zusatzanhang.pdf

59  Die Stabilität dieser gefundenen Struktur in allen nationalen Kontexten und zu allen Zeitpunkten wurde überprüft, indem auch nach Land und Zeitpunkt separate Faktorenanalysen zu diesen Items durchgeführt wurden. Da sich in der Regel auch hier jeweils dieselbe Faktorstruktur ergibt, ist eine gemeinsame Faktoranalyse für alle Länder und Zeitpunkte möglich.

60  Nach Land und Zeitpunkt getrennte tabellarische Zusammenfassungen zu den einzelnen Variablen (Verteilungsmaße für kontinuierliche Variablen und Angaben der prozentualen Anteile für kategoriale Variablen) finden Interessierte im Internet unter: http://www.isjp.de/download/lippl_diss_zusatzanhang.pdf

61  Zwar wurde auch eine Kodierung von Bildungsabschlüssen in die Casmin Klassifizierung versucht, die aber an fehlenden Bildungsvariablen scheiterte, die hierzu notwendig wären.

62  Für jedes Land zum entsprechenden Zeitpunkt können Gini-Koeffizienten als Maß für die tatsächliche Ungleichheit der Einkommensverteilung auch aus den Angaben der Haushaltseinkommens in den verwendeten Daten des ISSP und des ISJP selbst berechnet werden. Im Rahmen dieser Studie wurde dies gemacht, und die berechneten Koeffizienten wurden in den multivariaten statistischen Verfahren dieser Untersuchung getestet. Da sich die Ergebnisse nicht wesentlich von denen der berichteten Gini-Koeffizienten unterscheiden und auch weniger fehlende Fälle in Kauf genommen werden müssen, werden nur die auf breiter Datenbasis berechneten Gini-Koeffizienten der Luxembourg Income Study für die vorgestellten Ergebnisse verwendet.



© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
18.07.2006