8 Hypothesen und Konzept revisited

↓133

Nach der Vorstellung der Daten, Variablen und Analysemethoden, die dieser Studie zugrunde liegen, muss nun der Bogen zu einigen Aspekten der theoretischen und konzeptionellen Erörterungen des ersten Teils der Studie gespannt werden, um daraus Hypothesen entwickeln zu können. Thema dieser Untersuchung ist der Vergleich von verschiedenen Ländern hinsichtlich der Wahrnehmung und Bewertung der Ungerechtigkeit der Einkommensverteilung, der Einstellungen im Sinne der Ablehnung oder Notwendigkeit von sozialer Ungleichheit und der Befürwortung der Verteilungsideologien Meritokratismus und Etatismus. Die zwei Gerechtigkeitsmodi der Belohnungsbewertungs- (Wahrgenommene Ungerechtigkeit der Einkommensverteilung) und der Prinzipienbefürwortungsgerechtigkeit (Einstellungen zu sozialer Ungleichheit und Verteilungsideologien) sollen also erklärt werden, indem ihre Determinanten bestimmt werden. Im Anschluss an die theoretisch-konzeptionellen Ausführungen im Rahmen des Colemanschen Erklärungsmodells sind es vor allem Faktoren auf Aggregatsebene und Faktoren auf Mikroebene, welche die zu erklärenden Gerechtigkeitsäußerungen der Menschen bestimmen, wobei dem Ansatz dieser Studie nach der Aggregatsebene der Länder mehr Aufmerksamkeit zukommt.

1) Individualebene

Auf individueller Ebene beeinflussen soziodemografische Merkmale und Einstellungen bzw. Wahrnehmungen die Gerechtigkeitsäußerungen der Individuen, die in dieser Studie als wahrgenommene Ungerechtigkeit der Einkommensverteilung, Einstellungen zu sozialer Ungleichheit und Verteilungsideologien operationalisiert wurden. Hinter den individuellen Strukturmerkmalen der Personen stehen unterschiedliche Motivationen, wie das aus der eigenen sozialen Lage sich ergebende Eigeninteresse (vgl.Coleman, 1990), aber auch vertretene moralisch altruistische Werte (vgl.Mau, 2002;Mau, 2002) und sachliche kollektiv-rationale Beurteilungen (vgl.Norden, 1985;Norden, 1986). Auf diesen Grundmotivationen, hinter denen auch grundlegende naturale Antriebsstrukturen menschlichen Verhaltens liegen (vgl.Korff, 1985), basieren im wesentlichen die vermuteten Zusammenhänge auf der Individualebene in dieser Studie (vgl. Tab. 27).

↓134

Es ist davon auszugehen, dass vor allem Merkmale, welche die soziale Position eines Individuums in der Gesellschaft bestimmen, stärker von Interessen geleitet sind. Geht es um die generelle Stellung im Hierarchiegefüge der Gesellschaft, die sich am Einkommen und der Selbsteinschätzung der Personen in obere oder untere Positionen der Gesellschaft festmachen lässt, kann angenommen werden, dass Personen mit höherem Einkommen bzw. diejenigen, die sich weiter oben stehend einschätzen, die Einkommensverteilung der Gesellschaft als weniger ungerecht bewerten als solche, die sich eher unten einstufen oder weniger Einkommen haben (vgl.Kelley und Evans, 1993: 79). Bessergestellte lehnen auch soziale Ungleichheit vergleichsweise weniger ab und finden diese stattdessen stärker für notwendig. Sie befürworten auch stärker das Leistungsprinzip und sind weniger für den Etatismus als normative Verteilungsideologie. Denn weiter oben stehende Personen haben ein Interesse, dass die gesellschaftliche Hierarchie aufrechterhalten wird, damit sie ihre privilegierte Stellung beibehalten können, während für eher unten stehende Personen eine Besserung ihrer vergleichsweise schlechteren Situation eher erreicht werden kann, wenn sie Ungleichheit als ungerecht ablehnen, die Einkommensverteilung stärker als ungerecht bewerten und für einen sozial ausgleichenden Staat plädieren.

Tab. 27: Hypothesen auf Individualebene (Mikro)

  

Ungerech-tigkeitsbe-wertung

Ablehnung sozialer Ungleichheit

Notwendig-keit sozialer Ungleichheit

Merito-
kratismus

Etatismus

 

Ind. Merkmale:

     
 

Geschlecht (Frauen)

+

+

-

-

+

 

Alter

+

+

-

-

+

 

Haushaltsgröße

+

+

-

-

+

 

Hierarchieposition:

     
 

Rel. Einkommen

-

-

+

+

-

 

Unten-Oben-Skala

-

-

+

+

-

 

Erwerbsposition:

     
 

Selbständig

-

-

+

+

-

 

Arbeitslos

+

+

-

-

+

 

In Rente

+

+

-

-

+

 

Nicht Erwerbstätig

-

+

-

-

+

 

Bildung:

     
 

Bildung

+/-

+/-

+/-

+/-

+/-

 

Einstellungen:

     
 

Bew. Einkommensungl.

+

+

-

-

+

 

Konflikt Arm/Reich

+

+

-

n.v.

n.v.

 

Zufriedenheit gesamt

n.v.

n.v.

n.v.

+

-

+ = positiver, - = negativer Effekt, n.v. = nicht vorhanden/nicht bestimmbar.

Geht es um die Position im Erwerbsleben, stehen ebenso Motivationen aus dem nutzenmaximierenden Eigeninteresses hinter den vermuteten Zusammenhängen. Selbständige verhalten sich ähnlich wie diejenigen mit hohem Einkommen. Sie finden als Profiteure einer stärkeren Einkommensungleichheit die Einkommensverteilung auch weniger ungerecht, befürworten daher auch stärker den Meritokratismus als Verteilungsideologie und lehnen Etatismus eher ab. Dagegen sind die Nutznießer eines stärkeren sozialen Ausgleichs durch Umverteilung des Wohlstand, die so genannten "Versorgungsklassen" des Wohlfahrtsstats (vgl.Alber, 1984) aus Eigeninteresse konträr eingestellt. So finden Arbeitslose und Rentner die Einkommensverteilung eher stärker ungerecht, weil sie selbst vergleichsweise weniger erhalten. Sie lehnen auch soziale Ungleichheit stärker ab und befürworten stärker, dass der Staat absichern und umverteilen soll. Den meritokratischen Verteilungsgedanken lehnen sie eher ab, da sie selbst mit eigener Leistung nichts zum Wohl der Gesellschaft beitragen.

↓135

In Bezug auf Geschlecht und Alter können altruistische Motive hinter Gerechtigkeitsäußerungen vermutet werden. Danach ist zu erwarten, dass Frauen soziale Ungleichheit aus emotional altruistischen Motiven stärker ablehnen als Männer. Sie sind auch stärker für sozialen Ausgleich und weniger für das Leistungsprinzip. Ihre "sozialere" Einstellung lässt sich durch fortwirkende Zuschreibungen durch die Gesellschaft, aber auch durch die gesellschaftlich zugeschriebenen reproduktiven Aufgaben erklären (vgl.Kelley und Evans, 1993: 100). Hinsichtlich des Alters können ähnliche Effekte angenommen werden, da Personen mit zunehmendem Alter in ihren Einstellungen "milder" und "sozialer" werden. Allerdings ist auch zu vermuten, dass ältere Personen stärker den Meritokratismus befürworten als jüngere.

Der Einfluss der Bildung auf Gerechtigkeitsäußerungen kann als ambivalent eingestuft werden. Höhergebildete Menschen - so ist anzunehmen - werden stärker von sachlich rationalen Überlegungen geleitet als von ihrem Eigeninteresse hinsichtlich ihrer sozialen Position. Von daher ist zu vermuten, dass der Bildungseffekt nicht Länder übergreifend einheitlich ist, sondern eher landes- und zeitspezifisch aus der unterschiedlichen Situation und Lage heraus geprägt ist.

Des Weiteren ist von starken Einflüssen der Einstellungen und Wahrnehmungen der Menschen auszugehen. Nehmen Menschen die Einkommensunterschiede im Land stärker als zu hoch wahr, finden sie diese auch stärker ungerecht. Sie lehnen soziale Ungleichheit eher ab und präferieren eine stärkere Staatstätigkeit zur Herstellung von mehr sozialem Ausgleich, während sie die Leistungsideologie eher ablehnen. Dieselben Effekte können für solche Personen erwartet werden, die stärkere soziale Konflikte zwischen Armen und Reichen im Land wahrnehmen. Umgekehrt stimmen Personen, die mit ihrem Leben allgemein zufriedener sind, weniger für eine stärkere Staatstätigkeit, weil sie bereits zufriedener sind.

↓136

2) Länderebene

Kern dieser Untersuchung sind jedoch weniger Individualeffekte, die bereits gut untersucht sind, als vielmehr Makroeinflüsse. Durch den Ländervergleich soll geklärt werden, welcher Erklärungsbeitrag dem Faktor Land zugeschrieben werden muss und welcher individuellen Strukturmerkmalen. Und es muss gezeigt werden, inwiefern Länder auf individuelle Gerechtigkeitsäußerungen wirken. Da Länder ohne nähere Bestimmung eigentlich nur als black box angesehen werden können, die im Unklaren lässt bzw. allein der theoretischen Argumentation überlässt, was genau an Ländern die Variationen in den abhängigen Variablen erklären könnte, bleibt als Forschungsstrategie, die neue Erkenntnisse versprechen könnte, nur die Suche nach einer besseren Charakterisierung und Bestimmung der Länder sowie die Analyse einer größeren Anzahl von Ländern.

Eine zentrale These dieser Arbeit ist, dass unterschiedliche wohlfahrtsstaatliche Regimes einen Einfluss auf individuelle Gerechtigkeitsvorstellungen haben. Bisherige Untersuchungen und Überlegungen scheinen mit guten Argumenten und empirischen Ergebnissen in Bezug auf einzelne Länder darauf hinzudeuten (vgl. z.B.Andreß und Heien, 2001;Arts und Gelissen, 2001;Lippl, 2000;Lippl, 2003;Mau, 2002). Diese Studien sind jedoch in der Regel Fallanalysen von Ländern (vgl. Kap. 6), beschränken sich in der Auswahl und zielen eher auf intensiveres Studium dieser Länder und ihrer Einflüsse auf individuelle Gerechtigkeitsbekundungen als auf die systematisch breite Untersuchung möglichst vieler Länder. Mit den jüngsten Datenwellen des ISJP und des ISSP sind nunmehr auch umfangreichere Studien und damit bessere Analysemöglichkeiten gegeben. Diese Studie setzt deshalb auf eine breite Masse von Ländern. Sie verwendet damit Länder auch als Fälle und weniger als Kontext. Möglichst viele Länder sollen hinsichtlich der Gerechtigkeitsäußerungen von Menschen verglichen werden. Damit geht sie einen entscheidenden Schritt weiter über bisherige Fallstudien hinaus. Von daher ist auch klar, dass nicht mehr intensiv auf die einzelnen Länder eingegangen werden kann. Vielmehr kommt es darauf an, Charakterisierungen und Merkmale der Länder zu finden, die hinreichend für die Erklärung individueller Gerechtigkeitsvorstellungen sind.

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Um den Einfluss des Wohlfahrtsstaates auf individuelle Gerechtigkeitsäußerungen bei einer großen Anzahl von Ländern zu bestimmen, ergeben sich drei verschiedene Möglichkeiten der Analyse: (1) Eine Länderklassifizierung bzw. eine Wohlfahrtsstaatstypologie bringt durch eine Kombination von verschiedenen relevanten Kriterien eine theoretisch plausible Einteilung der Länder, von der ein einheitlicher Effekt auf individuelle Gerechtigkeitsäußerungen zu erwarten ist (vgl.Ragin, 1994: 114). Dabei kommt es darauf an, Faktoren und Merkmale der Länder für eine Klassifikation oder Typologie ausfindig zu machen, welche die Ähnlichkeit bzw. Nicht-Ähnlichkeit der Gerechtigkeitsvorstellungen der Menschen determinieren. Mit der Typologie wohlfahrtsstaatlicher Regimes von Esping-Andersen (1990;1999) auf der Basis empirischer Indikatoren ist eine solche gefunden worden, die hinsichtlich der Erklärung von Gerechtigkeitsvorstellungen nur wenig Bedenken hervorruft (vgl.Arts und Gelissen, 2001), sondern eher zu überzeugen vermag (vgl.Lippl, 1997;Lippl, 2000;Mau, 1997;Mau, 1998). (2) Die Länder werden wie bisher als Du m my-Variablen behandelt, um anhand theoretischer und empirischer Überlegungen die gefundenen Länderunterschiede zu verdeutlichen. Hier ist vor allem an den Unterschied zwischen osteuropäischen Transformationsländern und westlich-kapitalistischen Ländern zu denken und an den Hintergrund des bisherigen Stands der Transformation in diesen Ländern. (3) Schließlich können zentrale Merkmale und Indikatoren der Lä n der auch direkt und ohne den Umweg über Typologien bei einer großen Anzahl von Fällen in die Analysemodelle als Variablen eingebracht werden, indem sie Länder-Dummies oder Typen von Ländern in empirischen Modellen einfach ersetzen. Länder werden auf diese Weise in Variablen disaggregiert. Zwar sind multivariate Tests verschiedener Indikatoren auch hier nur begrenzt möglich, da fehlende Freiheitsgrade ein gleichzeitiges Testen mehrerer Makroindikatoren statistisch nicht zulassen. Es kann jedoch in einzelnen Modellen geschätzt werden, wie hoch der jeweilige Erklärungsbeitrag einzelner Ländermerkmale und -indikatoren in Bezug auf individuelle Gerechtigkeitsäußerungen ist.

Mit den Vorgehensweisen (1) 'Typologie' und (3) 'Indikatoren' kann die Komplexität einer hohen Anzahl von Ländern reduziert und zugleich inhaltlich bestimmt werden. Mit beiden wird eine Vereinfachung erreicht, die den Verlust von Komplexität jedoch dann auszugleichen vermag, wenn theoretisch überzeugend sichergestellt ist, dass die Merkmale und Indikatoren, auf die Länder reduziert werden, in Bezug auf den zu untersuchenden Gegenstand zentral sind. Die hier verwendete Wohlfahrtsstaatstypologie kann als theoretisch plausibles Konzept gelten. Aber auch die Makroindikatoren, die hier getestet werden sollen, nämlich die Wirtschaftskraft, die Arbeitslosigkeit, soziale Ungleichheit in der Form von Einkommenskonzentration und die Sozialausgaben eines Landes sind zentrale Kennzeichen der Länder und damit geeignete Indikatoren, um Gerechtigkeitsvorstellungen von Menschen zu erklären. Die Frage ist nun, welche Hypothesen sich aus den Erörterungen des ersten Teils der Studie ableitend zusammenfassen lassen (vgl. Tab. 28).

a) Wohlfahrtsregime

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Die verschiedenen institutionellen Arrangements von Wohlfahrtsstaaten funktionieren nach unterschiedlichen Verteilungsideologien (Esping-Andersen, 1990;Esping-Andersen, 1999), die ihren institutionellen Strukturen inhärent sind und befördern diese auf unterschiedliche Weise in die Bevölkerung (vgl.Rothstein, 1998). So begünstigt in liberalen Staaten die Philosophie des "vom Tellerwäscher zum Millionär" eine durchlässige, aber auf Leistung bezogene Aufstiegsmobilität. Liberale Wohlfahrtsstaaten greifen wenig durch Umverteilung in die Verteilungsprozesse des Marktes ein. Von daher ist zu erwarten, dass eine vergleichsweise starke Ungerechtigkeit der Einkommensverteilung von den Menschen auch wahrgenommen wird. Da zu vermuten ist, dass die Bevölkerung ihr wohlfahrtsstaatliches Arrangement trägt, kann angenommen werden, dass Ungleichheit weniger abgelehnt und eher für notwendig befunden wird. Auch die Leistungsideologie wird stärker, während Etatismus weniger stark befürwortet wird. Der gänzlich konträre Effekt ist vermutlich in sozialdemokratischen Wohlfahrtsregimes zu finden, der viel auf Umverteilung, Unabhängigkeit von Marktkräften, umfassende Absicherung, Inklusion und Partizipation aller setzt. Hier bewerten Personen die Einkommensverteilung vermutlich als weniger ungerecht, lehnen soziale Ungleichheit stärker ab und präferieren den sozialen Ausgleich durch den Staat stärker, weil es dem verteilungsideologischen Charakter ihres Wohlfahrtsarrangements entspricht.

Tab. 28: Hypothesen auf Länderebene (Makro)

  

Ungerech-tigkeitsbe-wertung

Ablehnung sozialer Ungleichheit

Notwendig-keit sozialer Ungleichheit

Merito-
kratismus

Etatismus

Typologie

     
 

Liberal

###

#

###

###

#

 

Konservativ

##

##

##

##

##

 

Sozialdemokratisch

#

###

#

#

###

 

Mediterran

###

###

#

n.v.

n.v.

Ost-West

     
 

Transformationsländer

+

+

-

-

+

Indikatoren

     
 

Bruttosozialprodukt

-

0

0

+

-

 

Arbeitslosigkeit

+

0

0

0

0

 

Soz. Ungleichheit

+

+

-

-

+

 

Sozialausgaben

-

-

+

-

+

+ = positiver, - = negativer Effekt, 0 = kein Effekt; Anzahl der '#' = Stärke des Effekts; n.v. = nicht vorhanden/möglich.

Konservative Regimes in kontinentaleuropäischen Ländern können vermutlich jeweils irgendwo in der Mitte angesiedelt werden. Es kann angenommen werden, dass eine relativ starke Ungerechtigkeit der Einkommensverteilung wahrgenommen wird, da das Wohlfahrtssystem nur begrenzt umverteilt, sondern stattdessen auf die Spiegelung der Ungleichheitshierarchie aus der Erwerbssphäre im wohlfahrtsstaatlichen Arrangement setzt. Ungleichheit wird zwar abgelehnt aber auch für notwendig erachtet. Die Leistungsideologie wird dementsprechend ebenso stark präferiert wie der Etatismus. Im Vergleich der wohlfahrtstaatlichen Regime ist also Indifferenz in den Ideologien und Einstellungen zu erwarten. Der mediterrane südeuropäische Wohlfahrtsstaat ist rudimentär, zumal er auch vergleichsweise relativ spät entstanden ist (vgl.Ferrera, 1996;Lessenich, 1994). Er setzt stark auf die familiäre Selbsthilfe und starke Familienbande, die in Risikolagen schützen. Soziale Ungleichheit wird stärker abgelehnt und die Einkommensverteilung wird aufgrund des rudimentären Ausbaus des Wohlfahrtsregimes auch stärker als ungerecht bewertet. Dieser Typus wirkt ideologisch auf Menschen ähnlich wie das sozialdemokratische Regime, aber in Bezug auf Ergebnisbewertungsgerechtigkeit aufgrund der geringen Umverteilung und starken Einkommensungleichheit wie das liberale Regime.

↓139

b) Transformation

Aufgrund der unterschiedlichen Qualität des sozialen Wandels in postkommunistischen Ländern und westlich-kapitalistischen Ländern wird auch ein deutlicher Ost-West-Unterschied in der wahrgenommenen Ungerechtigkeit der Einkommensverteilung, den Einstellungen zu sozialer Ungleichheit und der Präferenz von Verteilungsideologien angenommen. Da im Übergang vom sozialistischen Gesellschaftssystem zu Markt und Demokratie auch eine neue Ungleichheitsstruktur entstanden ist, kann angenommen werden, dass sich diese für die Bevölkerung neue Situation in einer insgesamt stärkeren Ungerechtigkeitswahrnehmung in Bezug auf die Einkommensverteilung ausdrückt. Soziale Ungleichheit wird nach der langen Zeit mit nur wenig tatsächlicher sozialer Ungleichheit zwar stärker für notwendig befunden, zugleich aber auch stärker abgelehnt, weil die negativen Folgen für die Bevölkerung spürbar sind. Auch wenn in dieser Studie nicht geklärt werden kann, ob die Einstellungen und Präferenzen der Personen aufgrund ihrer Sozialisation im sozialsitischen System oder aufgrund der prekären Lage nach dem Systemwechsel zustande kommen, ist zu vermuten, dass sie etatistischer und maritokratischer zugleich sind. Sie rufen aufgrund problematischer Entwicklungen nach dem Systemwechsel verstärkt nach dem Staat und sind auch prowestlich eingestellt, indem sie die Leistungsideologie kapitalistischer Gesellschaften stärker befürworten, die in sozialistischen Zeiten nicht oder nur wenig Geltung hatte.

Allerdings ist in den Transformationsländern aufgrund der zeitlich relativ raschen Wandlungsprozesse auf allen Gesellschaftsebenen davon auszugehen, dass auch erheblich stärkere Veränderungen in der subjektiven Wahrnehmung von Ungerechtigkeit, den Einstellungen und auch den Ideologien zu finden sind als in westlich-kapitalistischen Ländern. Vor allem bei der Zustimmung zu Verteilungsideologien kann angenommen werden, dass sie sich aufgrund von negativen Transformationserfahrungen verändern, während sie in westlichen Ländern weitgehend stabil bleiben. So kann angenommen werden, dass der Etatismus alter Prägung bei deutlich negativer Transformationserfahrung wieder steigt und Meritokratismus wieder eher abgelehnt wird. Ebenso wird soziale Ungleichheit für weniger notwendig befunden und die Einkommensverteilung wird als stärker ungerecht wahrgenommen. Unterschiede zwischen den Ländern ergeben sich vor allem im Grad der Befürwortung, Ablehnung und Wahrnehmung der zu erklärenden Aspekte und richten sich nach dem Grad des Erfolgs im Transformationsprozess und Umbau der Gesellschaften.

↓140

c) Makroindikatoren

Wenn Makroindikatoren als inhaltliche Weiterbestimmungen der Länder die einzelnen Länder-Dummies ersetzen, ist ebenso mit deutlichen Effekten zu rechnen. Hinsichtlich der Wirtschaftsleistung eines Landes ist kein Effekt auf die Einstellungen zu sozialer Ungleichheit der Bevölkerung zu erwarten. Je höher aber das Bruttosozialprodukt ist, desto weniger wird die Einkommensverteilung als ungerecht empfunden, da es genug zu verteilen gibt und es wahrscheinlich ist, dass jedes Gesellschaftsmitglied genug vom Wohlstand abbekommt. Auch hinsichtlich der Arbeitslosigkeit ist nur ein Effekt auf die Wahrnehmung der Ungerechtigkeit der Einkommensverteilung zu erwarten, da eine hohe Arbeitslosigkeit die gesamte Gesellschaft zumindest mental in Mitleidenschaft zieht, da sie ein soziales Problem ist. Hinsichtlich der tatsächlichen Einkommensungleichheit, sei sie aus den ISSP- bzw. ISJP-Daten berechnet oder durch andere Daten ermittelt, sind jedoch starke Effekte zu erwarten: Je höher die Einkommensungleichheit, desto höher die Wahrnehmung von Ungerechtigkeit. Soziale Ungleichheit wird bei höherer Einkommensungleichheit auch stärker abgelehnt. Etatismus wird als Verteilungsideologie mit zunehmnder tatsächlicher Einkommensungleichheit stärker, während Meritokratismus weniger befürwortet wird. Hinsichtlich der Sozialausgaben wird angenommen, dass je höher sie sind, desto weniger Ungerechtigkeit wird wahrgenommen, weil der Staat ja mehr für soziale Sicherung ausgibt und damit für sozialen Ausgleich sorgt. Soziale Ungleichheit wird entsprechend weniger abgelehnt. Ideologisch wird der soziale Ausgleich durch den Staat stärker befürwortet, da die höheren Sozialausgaben sich ja als vorteilhaft erweisen. Nachdem nun das Untersuchungskonzept für den empirischen Teil der Untersuchung aufbereitet und präzisiert wurde, können nun die einzelnen Ergebnisse vorgestellt werden.


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18.07.2006