Einleitung

Dionysos – Dithyrambus

Jetzt

einsam mit dir,

zwiesam im eignen Wissen,

zwischen hundert Spiegeln

vor dir selber falsch,

zwischen hundert Erinnerungen

ungewiβ,

an jeder Wunde müd,

an jedem Froste kalt,

in eignen Stricken erwürgt,

Selbstkenner!

Selbsthenker! 1

Nietzsche streift zeitlebens auf dem Wanderweg2 der Selbsterkenntnis. An einen geraden Weg [Seite 7↓]zur endgültigen Erkenntnis des Selbst glaubt der Philosoph des Zweifels keineswegs. Aber verzweifelt am Selbst, auch wenn er gefährlich durch Eis und Wüste zieht, ist der tragische, einsame Wanderer nie und nimmer. Auf der Suche nach dem seelischen Heil findet ein Kampf statt, um den Gegensatz von skeptischer Sinnlosigkeit und dogmatischem Glauben zu überwinden.

Der griechische Spruch „Erkenne dich selbst!“(gnôthi sauton) trifft in der Philosophie Nietzsches auf viele Dimensionen seines Denkens zu. Philosophisches Denken ist ihm zufolge ein unendlicher Prozess der Selbsterkenntnis und eine bodenlose Auseinandersetzung mit sich selbst. Auf dem Verlauf vom Zweifel an der Selbsterkenninis und ihrer Neubegründung baut Nietzsches Leibphilosophie auf. Wenn wir Nietzsches persönliche Selbstdarstellung über seine „Genesung“ im späteren Werk Ecce homo lesen, scheint es deutlich zu sein, dass die Krankheit ihm eine „Umkehr“ aller seiner Gewohnheiten anbietet und „jenes unterste Selbst“ erweckt hat. Die Krankheit3 nötigte Nietzsche „zum Stillliegen, zum Müßiggang, zum Warten und Geduldigsein“, damit „denken“ zugelassen werden kann ― im Gegensatz zum „Hören-Müssen auf andre Selbste“: das nennt er „lesen“. „Endlich redete es wieder!“ schreibt Nietzsche auffällig mit diesem „es“ statt „ich“ und hat damit eine Umkehr bzw. eine Rückkehr angekündigt.

Die Krankheit bietet Nietzsche eine Gelegenheit, gelassen zu warten, und die Geduld führt zu einem natürlichen Wachsen-Lassen. Daraus erwächst ihm ungewöhnliche Kraft. Er kann wieder aus eigener Kraft leben und denken, muss nicht mehr passiv, zwangsläufig zuhören, sondern kann spontan, selbstverständlicher reden. Die „Genesung“ bedeutet für Nietzsche, dass die Krankheit bewirkt hat, seine Lebens- und Denkweise von einem fremdbestimmten „Ich“ als einer notwendigen Fiktion im Rahmen des „Subjekt-Objekt-Denkschemas“ zu [Seite 8↓]befreien und sie in ein intimes „Selbst“, d.h. in ein Zusammenspiel der selbstorganisierten Vielfalt des einheitlichen Naturprozesses, nämlich in Leib zu verwandeln. Diese therapeutische Verwandlung nennt Nietzsche „Rückkehr zu mir“. Das ist nicht nur ein Umdenken alter Denkgewohnheiten, sondern auch eine Verwandlung der Handlungsweise, nämlich von einem rational geplanten oder kalkulierten Handeln in ein absichtsloses, selbstvergessenes Handeln, das ganz selbstverständlich, wie „von selbst“ der jeweiligen Situation entspricht. Durch diese Verwandlung hat Nietzsche Freiheit erlangt. Er kann frei reden, denken und handeln. Freies Reden bedeutet ein Reden ohne zu reden, nämlich das nicht von uns absichtlich erzeugte, sondern ein natürliches, selbst-laufendes Reden. Das Gleiche gilt für das Denken und Handeln, also Denken ohne zu denken, Handeln ohne zu handeln ― von selbst so.4

Der hier vorgelegten Arbeit liegt die Űberlegung zugrunde, dass die Ethik für Nietzsche ein Weg der Selbsterkenntnis ist. Das ist kein Weg mit einem letzten Ziel, sondern ein Wanderweg, auf dem der freie Geist „seine Freude an dem Wechsel und der Vergänglichkeit“ (MA I, Nr. 638; KSA 2, S. 363) hat. Der Wanderer ist ein Suchender, der keine Wahrheit, sondern Selbststeigerung und Selbstüberwindung sucht und versucht. Eine fehlende Sinngebung als Folge des Nihilismus betrachtet Nietzsche nicht nur als Gefahr, sondern auch als die Chance, statt einer äußeren Autorität eine innere Sinngebung zu finden. Der Mut, den eigenen Weg zu gehen, fehlt Nietzsche keineswegs. Er ruft uns zu: „Es giebt in [Seite 9↓]der Welt einen einzigen Weg, auf welchem niemand gehen kann, ausser dir: wohin er führt? Frage nicht, gehe ihn“ (UB III, Schopenhauer als Erzieher 1; KSA 1, S. 340), und feuert uns weiter an: „Ein Mann erhebt sich niemals höher, als wenn er nicht weiss, wohin sein Weg ihn noch führen kann“ (ebenda). Ob der Weg der Selbsterkenntnis zur endgültigen Heilung führt, kann niemand garantieren; aber eine immer weiter führende Selbstüberwindung kann jeder von uns erhoffen.

Die Darstellung der Arbeit wird sich in zwei Hauptteile gliedern. Als erstes handelt es sich um die Frage: „Wer bin ich?“ Die Antwort zerfällt in eine abweisende und eine affirmative Auslegung des Selbst. Der Begriff „Ich“ ist für Nietzsche eine notwendige Fiktion, und „Selbst“ verwendet Nietzsche als einen regulativen Begriff, um das funktionierende Zusammenspiel des Leibs und die natürliche Einheit des menschlichen Individuums zu veranschaulichen. Der Begriff des Selbst wird in Nietzsches Leibphilosophie als ein Versuch verstanden, der nicht nur eine „Dekonstruktion“ der philosophischen Grundbegriffe wie Ich, Bewusstsein, Subjekt, Vernunft, Substanz, Wesen, sondern auch eine „Rekonstruktion“ des philosophischen Entwurfes beabsichtigt. Das Konzept stellt ein neues Menschenbild dar, das sich nicht mehr auf die dualistische, teleologische Denkweise stützt. Der nächste Abschnitt verfolgt die Absicht, zu einer Űberwindung der cartesischen Spaltung beizutragen und den Weg zu einem praktikablen Lösungsansatz durch Entfaltung der menschlichen Selbsterkenntnis zu weisen. Dabei wird auch zu zeigen versucht, wie wir uns den Sinn des Selbst sowie der Welt in Bezug auf die Formel „Wille zur Macht“ zu denken haben.

Im zweiten Teil lautet die Leitfrage: „Wie soll ich handeln?“ Es wird eine Steigerungssystematik in Nietzsches Ethik gezeigt. Am chronologischen roten Faden durchwandert Nietzsche die drei Phasen von Selbstgestaltung, Selbstaufklärung und Selbstverwandlung. Diese Trias bildet eine dynamische Einheit zur Steigerung des Selbst, die für Nietzsches Ethik charakteristisch ist. Start- und Zielpunkt der Steigerung des Selbst sind gleich, d.h. „wie du bist“. Auf diese Weise soll ein Beitrag geleistet werden, Nietzsches Ethik als den Weg der Selbsterkenntnis klarer hervortreten zu lassen.


[Seite 10↓]

Zuweilen werden wir dazu in einem Exkurs, in Erläuterungen sowie Fußnoten versuchen, Nietzsches Denken über Selbsterkenntnis vor dem Hintergrund der asiatischen Denktradition von Buddhismus und Daoismus auszulegen. Dadurch wird deutlich, dass der Impuls von Nietzsches Denken eine die abendländische Begrenztheit sprengende Kraft war. Eben diese Dynamik seines Denkens ist beispielgebend für uns gegenwärtige Menschen, die wir in der Gegenwart gezwungen sind, Probleme nicht mehr nur aus eigene Perspektive und Tradition, sondern vollständiger und umfassender, globaler zu verstehen.


Fußnoten und Endnoten

1 Zwischen Raubvögeln; KSA 6, S. 390.

2 Nietzsche betrachtet menschliches Leben als eine Wanderung ins Unbekannte. Er schildert den Wanderweg in seinem Aufsatz „Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben“ so: „Und wie kommen wir zu jenem Ziele? werdet ihr fragen. Der delphische Gott ruft euch, gleich am Anfange eurerer Wanderung nach jenem Ziele, seinen Spruch entgegen ‚erkenne dich selbst!‘ Es ist ein schwerer Spruch: denn jener Gott ‚verbirgt nicht und verkündet nicht, sondern zeigt nur hin‘ wie Heraklit gesagt hat. Worauf weist er euch hin?“ (HL 10; KSA 1, S. 332-333). In Ecce home schreibt Nietzsche über sein eigenes Verständnis der Philosophie und ist der Ansicht, dass Philosophie das freiwillige Leben in Eis und Hochgebirge ist. Philosophie ist deshalb eine „Wanderung im Verbotenen“ (EH, Vorwort 2; KSA 6, S. 258). Vgl. auch MA I, Nr. 638; KSA 2, S. 362f., sowie MA II, Vorrede 5; KSA 2, S. 375, und viele Stellen in Also sprach Zarathustra.

3 Anfang 1879 verschlechterte sich Nietzsches Gesundheitszustand mit heftigen Kopf- und Augenschmerzen und ständigem Erbrechen, so dass er am 2. Mai sein Entlassungsgesuch an den Regierungspräsidenten von Basel richte. Siehe Ivo Frenzel, Friedrich Nietzsche, Hamburg 2003, S. 89.

4 Vgl. Günter Wohlfart, Zhuangzi (Dschuang Dsi). Meister der Spiritualität, Freiburg im Breigau 2002, S. 97ff. Vgl. auch ders., Der Philosophische Daoismus: Philosophische Untersuchungen zu Grundbegriffen und komparative Studien mit besonderer Berücksichtigung des Laozi (Lao-tse), Köln 2001, S. 81 ff. Nach Daoismus ist der Weise zwar aus eigener Kraft und Fähigkeit weise, aber wirkt durch „ohne Tun“ (Chinesisch: 無為; wu wei), ohne sich dabei anzustrengen und abzumühen. In der antiken Philosophie Chinas spielt das Konzept „ohne Tun“ nicht nur im Daoismus, sondern auch im Konfuzianismus eine bedeutende Rolle. Man darf „ohne Tun“ aber keineswegs als völlige Gleichgültigkeit und Untätigkeit verstehen, sondern eher als das Unterlassen aller unnötigen Eingriffe in das natürliche Geschehen. Das Gegenteil des „ohne Tuns“ ist eine aus unnatürlichen Űberlegungen und rein rationalen Rechnungen geborene Aktivität. Wer den Weg des „ohne Tuns“ versteht, kann die Dinge verstehen und mühelos mit ihnen umgehen; sein Wirken ist unauffällig und hinterlässt keine Spuren. Vgl. Hubert Schleichert, Klassische chinesische Philosophie. Eine Einführung, Frankfurt am Main 1980, S. 90ff.



© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 3.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
04.08.2004