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Zusammenfassung

Nietzsche betrachtet menschliches Leben als eine Wanderung ins Unbekannte. Philosophisches Denken ist ihm zufolge ein niemals abgeschlossener Selbstfindungsprozess und eine bodenlose, abgrundtiefe Auseinandersetzung mit sich selbst. Auf den Verlauf des Zweifels an der Selbsterkenntnis und ihrer Neubegründung baut Nietzsches Leibphilosophie auf. Ethik ist für Nietzsche ein Weg der Selbsterkenntnis. Das ist kein Weg mit einem letzten, sicheren Ziel, sondern ein Wanderweg, auf dem der freie Geist „seine Freude an dem Wechsel und der Vergänglichkeit“ hat. Der Wanderer ist ein Schaffender, der keine leblose Wahrheit, sondern Selbststeigerung und Selbstüberwindung sucht und versucht. Eine fehlende Sinngebung als Folge von Nihilismus betrachtet Nietzsche nicht nur als Gefahr, sondern auch als Chance, statt einer äußeren Autorität eine innere Authentizität zu gewinnen.

1. Die Antwort auf die Frage: „Wer bin ich?“ zerfällt in eine abweisende und eine affirmative Auslegung des Selbst. Der Begriff „Ich“ ist für Nietzsche eine notwendige Fiktion, und das „Selbst“ verwendet Nietzsche als einen regulativen Begriff, um das funktionierende Zusammenspiel des Leibs und die natürliche Einheit des menschlichen Individuums zu veranschaulichen.

1.1 Das menschliche Selbst als Bewusstsein oder Subjekt zu interpretieren, fungiert in Nietzsches Augen als ein unvermeidliches Hilfsmittel des Lebens, um erstens „denken“ zu können und zweitens ein soziales Leben zu führen. Denken heißt hier sprachliches Denken, nämlich mit Hilfe der Zeichen können wir nicht nur instinktiv auf die Lebenswelt reagieren, sondern auch die Welt reflexiv artikulieren und mit unseresgleichen darüber kommunizieren. Laut Nietzsche gehört dennoch das Bewusstsein-Subjekt nicht eigentlich zur Individual-Existenz des Menschen, sondern vielmehr zu dem, was an ihm Gemeinschafts-Natur ist. Also hat das Subjekt sich unter dem Druck des Mitteilungsbedürfnisses evolutionsbiologisch zum Zweck der Erhaltung und „Unterhaltung“ der Gemeinschafts-Natur des Menschen herausgebildet.

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1.2 Der Begriff des Selbst wird in Nietzsches Leibphilosophie als ein Versuch verstanden, der nicht nur eine „Dekonstruktion“ der philosophischen Grundbegriffe, sondern auch eine „Rekonstruktion“ des philosophischen Entwurfes beabsichtigt. Das Konzept stellt ein neues Menschenbild dar, das sich nicht mehr auf die dualistische, teleologische Denkweise stützt.

1.21. Nietzsche hält es für einen Fehlgriff der Philosophie, das Bewusstsein als „höchste erreichbare Form, als oberste Art Sein“ zu betrachten. Allerdings ist es auch falsch zu behaupten, dass bei Nietzsche auf eine letzte Instanz in den menschlichen Handlungen verzichtet werden kann.

1.22. Die unbewusste Seite von uns behindert nicht unsere Vorstellung der Freiheit. Nur wenn wir uns selbst als freies „Wesen“ ― isoliert von der übrigen Ganzheit der Natur, d.h. auch unsere Triebe als Widerstand ― begreifen, haben wir den Sinn der Freiheit missverstanden. Wir können nur dann wirklich „frei“ handeln, wenn wir lernen, „instinktiv zu handeln“.

1.23. Wir haben die Einsicht, unsere Handlungen steuern zu können, weil wir wissen, was wir eigentlich wollen. Nur wenn wir lernen, uns wieder in Einklang mit der Natur zu bringen, wissen wir, wie wir mit Einsicht unsere Handlungen korrigieren können. Dazu brauchen wir einen Lernprozess der Selbsterkenntnis, der als Űberwindung der Gegensätze zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein, Kultur und Natur zu sehen ist.

1.3 Der Weg vom Ich zum Selbst ist Nietzsches Abschied von dem metaphysischen Wahrheitspathos, welches absolute Sicherheit und Ordnung, aber keinen Wechsel, keine provisorische Interpretation, keine Lust an der Vielfältigkeit will. Deshalb hat Nietzsche Abneigung gegen den Metaphysiker. Das, was unsere Lebenssteigerung stets verhindert, ist das Wahrheitspathos, alles festnageln zu wollen, unsere Sucht nach unerschütterliche Beständigkeit und Grundlegung, in denen es sich leichter denken lässt. Erst eine Fixierung beruhigt uns. In Hinsicht auf die Lebenssteigerung ist gerade Ethik für den Menschen nötig. Sie dient dazu, das authentische Selbst zu erkennen und eine autonome Sinngebung zu erzeugen, obwohl in der Menschheitsgeschichte die Morallehren sich [Seite 132↓]immerhin auch so entwickelt haben, das menschliche Selbst zu täuschen.

2. Um die praktische Frage: „Wie soll ich handeln?“ zu beantworten, kann auf eine Steigerungssystematik in Nietzsches Ethik verwiesen werden. Am chronologischen roten Faden durchwandert Nietzsche die drei Phasen von Selbstgestaltung(1), Selbstaufklärung(2) und Selbstverwandlung(3). Diese Trias bildet eine dynamische Einheit zur Steigerung des Selbst, die für Nietzsches Ethik charakteristisch ist. Start- und Zielpunkt der Steigerung des Selbst sind gleich, d.h. „wie du bist“.

2.1 Was ist eine gute Handlung? „Instinktives Handeln“ ist nach Nietzsche die eigentliche grundlegende Steuerung menschlichen Verhaltens. Aufgrund von Nietzsches Begriff des instinktiven Handelns ist das Moment des künstlerischen Schaffens in Nietzsches Ethik der Selbsterkenntnis zu charakterisieren. Der Grundstein für Nietzsches Ethikder Selbsterkenntnis kann durch das Prinzip der Selbstgestaltung(1) etabliert werden. Wofür soll ich moralisch sein? Die Antwort kehrt schlüssig zum Fragenden zurück. Der absolute Anfang der Ethik ist Nietzsche zufolge der Wille zur Selbstgestaltung.Nietzsche nennt ein souveränes Individuum den Freigeist, der den Mut hat, seine eigene Lebensform zu gestalten, der „etwas ganz Neues und Neuschaffendes“ ist, „etwas Absolutes, alle Handlungen ganz sein eigen“ weiß. Nietzsches Forderungder Selbstgestaltung beruht nicht auf einem endgültigen Geltungsanspruch,sondern orientiert sich an einem Moralmodell, das auf dem durch die perspektivische Objektivität erworbenen Standpunkt basiert. Der Freigeist glaubt nicht an die Wahrheit, an eine für alle gleichermaβen verpflichtende, allgemeine Moral, er sieht seine Pflicht zuerst im künstlerischen Schaffen des Selbst. Nietzsches Freigeist symbolisiert eine n Lösungsprozess von de r metaphysischen und religiösen Heimat. Das ist ein Prozess der Befreiung von christlicher Religion, Metaph y sik und herrschender Moral. Diese Befreiung führt unweigerlich zur Selbsterkenntnis des Menschen.

2.2 Der Weg der Selbsterkenntnis ist ein Prozess der Selbstaufklärung(2) und Selbstheilung. Die „Genesung“ bedeutet für Nietzsche, unsere Lebens- und Denkweise von einem [Seite 133↓]fremdbestimmten „Ich“ als eine notwendige Fiktion im Rahmen des „Subjekt-Objekt-Denkschemas“ zu befreien und sie in ein intimes „Selbst“, d.h. in ein Zusammenspiel der selbstorganisierten Vielfalt des einheitlichen Naturprozesses, nämlich in Leib zu verwandeln. Diese therapeutische Selbstaufklärung nennt Nietzsche „Rückkehr zu mir“. Das ist nicht nur ein Umdenken alter Denkgewohnheiten, sondern auch eine Transformation der Handlungsweise, nämlich von einem rational kalkulierten Handeln in ein unwillkürliches, aber authentisches Handeln, das ganz selbstverständlich, wie „von selbst“ der jeweiligen Situation entspricht. Durch diese Selbstaufklärung am Leitfaden des Leibes, die sich mühelos aufklärt und mit Einsicht im ganzen Leben einverleibt, können wir Freiheit und „Gesundheit“ erlangen.

2.3 Das Ziel des Weges der Selbsterkenntnis ist in der zirkulären Zeitvorstellung anfangs bereits erreicht, denn Nietzsche ist schon seit Beginn sein Selbst gewesen und letztlich durch den Prozess der Selbstverwandlung(3) auch Selbst geworden. Auf der Suche nach dem Selbst leugnet Nietzsche jedes Schlussziel, er sagt: „Hätte das Dasein eins, so müßte es erreicht sein“. Der Wanderweg der Selbsterkenntnis ist ein in sich selbst zurücklaufender Kreis, der sich nur aus dem Wiederkunftsgedanken ergeben kann. Denn „ewige Wiederkunft“ bedeutet: Die Zukunft ist schon in der Vergangenheit passiert. Jeder Augenblick ist nicht nur ein „Zeitpunkt“, sondern ein „Zeitzirkel“. Ewigkeit existiert nur in jedem zwar vergänglichen, aber richtig erkannten und bejahten Moment. Das ist der einzige Weg, um das Leiden an der Zeit und den Nihilismus zu überwinden. Das wirkliche Denken ist dann nicht getrennt von dem Erleben, das den ganzen Leib erschüttert. Philosophieren ist die Partizipation an der Realität, die man nur durch eine kontinuierliche Selbstverwandlung erlangen kann. Was vorher nur im Kopf als Hypothese gedacht ist, wird augenblicklich einverleibt zur organischen Ganzheit von sich selbst. Diese einheitliche Verwandlung deutet damit zugleich eine philosophische Űberwindung an. Alle begrifflichen Grenzziehungen und das Subjekt-Objekt-Schema werden abgelehnt, oder besser gesagt „vereinbart“, stattdessen wird die Einheit aller unterschiedlichen Momente der Welt bzw. des Lebens erfahren.


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04.08.2004