Mahlich, Wolfgang: Die Herausbildung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften in der DDR, dargestellt an der Entwicklung des Kreises Haldensleben, Bezirk Magdeburg (1952 bis 1960)

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Kapitel 5. Versuch einer kritischen Bilanz

In folgerichtiger Weiterführung ihres vorangegangenen Kurses gesellschaftlicher Veränderungen verkündete die Parteiführung auf der 2. Parteikonferenz der SED im Juli 1952 den planmäßigen Aufbau der Grundlagen des Sozialismus in der DDR. Sie orientierte sich dabei am Beispiel der UdSSR und der von der KPdSU - insbesondere unter Stalins Einfluß - geprägten Ideologie des "Marxismus-Leninismus".

Nach Auffassung der SED-Spitze bedeutete dies für die Landwirtschaft, den Widerspruch zwischen den zunehmend nach Konzentration und Spezialisierung drängenden Produktivkräften und den von den Einzelbauernwirtschaften geprägten Produktionsverhältnissen, durch den allmählichen freiwilligen Zusammenschluß der Einzelbauern in LPG zu lösen. Im Übergang zur genossenschaftlichen landwirtschaftlichen Großproduktion sah die Parteiführung die Möglichkeit, die Arbeitsproduktivität in der Landwirtschaft beträchtlich zu steigern, den Lebensstandard der Bevölkerung zu erhöhen, die Lebensbedingungen der Landbewohner langfristig denen der Städter anzugleichen und insgesamt die Bauernschaft fester an das neue gesellschaftliche System zu binden.

Die sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft ist als die in der Praxis der sozialistischen Länder bedeutendste Konzentrationsmaßnahme im landwirtschaftlichen Sektor anzusehen. Sie fügte sich in die Gesamtstrategie der SED-Führung ein, die auf dem Gebiete der Ökonomie in der Durchsetzung sozialistischer Produktionsverhältnisse in Industrie und Landwirtschaft bestand. Verlauf und Resultate des Umwälzungsprozesses auf dem Lande standen in enger Wechselbeziehung zu ähnlichen Veränderungen in anderen gesellschaftlichen Bereichen.

Ohnehin die schwierigste Aufgabe auf dem Wege zu einem Sozialismus sowjetischer Prägung, gestaltete sich der Aufbau des Sozialismus in den Dörfern der DDR durch den Fortbestand jahrhundertealter einzelbäuerlicher Traditionen, dem ausgeprägten Eigentumssinn der Bauern und die offene Grenze zwischen zwei gegensätzlichen Gesellschaftssystemen besonders kompliziert und fand deshalb höchste Aufmerksamkeit sowohl in den Plänen als auch in der praktischen politisch-ökonomischen Tätigkeit der Partei und des Staates.

Die Rolle der SED und ihres Apparates

Die SED-Führung nahm in allen Etappen der sozialistischen Umgestaltung der Landwirtschaft ihre selbstzuerkannte Führungsrolle konsequent und uneingeschränkt, aber auch mit Gespür für die entsprechende Situation und einer gewissen politischen Elastizität, wahr. Unmittelbar oder mittelbar lenkte sie über die SED-BL und die SED-KL sowie über die Räte der Bezirke und der Kreise die gesamtgesellschaftliche Entwicklung in der DDR. Vermittels ihres engmaschigen Apparates griff sie dort ein, wo sich Hemmnisse und Widerstände bei der Durchsetzung ihrer Vorhaben auftaten oder ihr das Tempo der Veränderungen zu langsam erschien.

Auf dem Lande setzte die SED ihre führende Rolle über die Parteikader im Staatsapparat, in den


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Institutionen, Massenorganisationen und den LPG durch. Die Auswahl der Kader unterlag einer strengen hierarchischen Nomenklatur. Leitungspositionen ließen die SED-KL beinahe ausschließlich mit SED-Mitgliedern bzw. Mitgliedern von Blockparteien besetzen, an deren politischer Zuverlässigkeit kein Zweifel bestand.<2337>

Zur Durchsetzung der agrarpolitischen Zielvorstellungen der Parteiführung wandten die übergeordneten Parteiorgane erheblichen ideologischen Druck gegenüber den nachgeordneten Organen an, die ihrerseits wiederum die Pressionen auf die Räte der Kreise, die örtlichen Organe der Staatsmacht und die LPG-Vorstände weitergaben bzw. verschärften. Exemplarische Beispiele dafür sind die Vorgehensweise der SED-KL, der Räte der Kreise und der lokalen Organe der Staatsmacht bei Aufholung von Planrückständen<2338>, Erntekampagnen und der LPG-Bildung.

Bei der Überführung von werktätigen Einzelbauern in LPG bestimmten oftmals wenig Skrupel die Handlungen der o. g. Organe. Andererseits versuchte der Staatsapparat vor allem über ökonomische Mittel, die wirtschaftspolitischen Vorhaben der Parteiführung zu realisieren.

In den Dörfern wahrte die SED ihre Führungsposition weiter über ein Netz von "Anleitungs- und Kontrollinstitutionen" wie die Politischen Abteilungen (PA)<2339> in den MAS/MTS, die VdgB (BHG), die Frauenausschüsse in den LPG, die Gemeindevertretungen und -räte mit den Bürgermeistern an der Spitze, die Grundorganisationen der SED bzw. ausgangs der fünfziger Jahre die Ortsparteiorganisationen.

Besondere Bedeutung kam in diesem Zusammenhang den PA der MAS/MTS zu. Deren grundsätzliches Anliegen bestand darin, die werktätigen Einzelbauern in LPG zu überführen und das Dorf auf sozialistischer Grundlage umzugestalten.<2340> Nach der Umstrukturierung der PA in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre erhielten die Leiter der PA in den MTS den Rang von Sekretären der SED-KL. Sie richteten ihr Augenmerk nun vermehrt auf die wirtschaftlich-organisatorische Festigung der LPG, aber ebenso auf die Gründung weiterer Genossenschaften sowie die Bekämpfung und Abwehr dem Sozialismus feindlichen Gedankengutes.<2341>

Die politische Funktion der zumeist von SED-Mitgliedern dominierten Kreisverbände der VdgB (BHG) - ab


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dem Frühjahr 1957 der VdgB<2342> - bestand darin, als "Transmissionsriemen" zwischen der SED und der werktätigen Bauernschaft zu fungieren. Sie sollten die werktätigen Einzelbauern für den Eintritt in LPG bzw. die Gründung neuer LPG - z. B. über die Bildung Ständiger AG - gewinnen, den Einfluß von Großbauern in den Vorständen der VdgB (BHG) ausschalten und sie darüber hinaus aus allen öffentlichen Ämtern verdrängen.<2343>

Im Verlaufe des Umgestaltungsprozesses in den Dörfern - besonders in der Endphase des Vergenossenschaftlichungsprozesses -, verstand es die Parteiführung, die Blockparteien und die Massenorganisationen in die Realisierung ihrer Vorhaben im ländlichen Raum mehr als zuvor einzubeziehen. Ihre Mobilisierung in den letzten Monaten vor Abschluß der LPG-Bildung verlieh dem Überleitungsprozeß der noch einzeln wirtschaftenden Bauern in Genossenschaften erheblich an Tempo und Dynamik.

Zu den Hauptschwächen des realen Sozialismus gehörte der Mangel an Demokratie. Statt des von Partei- und Staatsführung proklamierten Prinzips des demokratischen Zentralismus gewann das Prinzip des oligarchischen Zentralismus die Oberhand. Bis zum Ende der DDR wuchs es sich sukzessive zum Zentralismusmonopol des Politbüros aus. Daraus ergaben sich Defizite an Mitspracherecht in sämtlichen grundsätzlichen Fragen des gesellschaftlichen Lebens. Die Statuten räumten den Genossenschaftsbauern ein, in allen die LPG betreffenden Problemen mitentscheiden zu können. In der Praxis aber erwies sich dieses verbriefte Recht als teilweise beträchtlich eingeschränkt. Der Handlungsspielraum der LPG blieb bei strukturbestimmenden betrieblichen Dispositionen sehr eng, da sich die Sekretariate bzw. Büros der SED-KL und die Räte der Kreise auf ökonomischem Gebiet gleichfalls Entscheidungen von größerer Tragweite vorbehielten. Demokratische Umgangsformen wurden abrupt beendet, sobald die "Frage der Macht" berührt und Entscheidungen von Partei und Regierung infrage gestellt wurden.<2344>

Trotz zahlreicher Fehlentscheidungen staatlicher Organe bestand für die betroffenen LPG keine Möglichkeit - der Plan galt als Gesetz -, gegen den Staat zu klagen.<2345> Was für andere gesellschaftliche Teilgebiete zutraf, galt ebenso für die Landwirtschaft: Demokratische Mitbestimmung kam nur dort zum Tragen, wo sie den Staatszielen nutzte. Auf der untersten Ebene - wie im Betrieb, der Brigade, der Abteilung hingegen -, konnten selbst grundsätzliche Fragen durchaus diskutiert werden.<2346>

Deutlich lassen sich die Grenzen der Mitbestimmung am Beispiel der Kaderpolitik nachvollziehen.


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Entsprechend genossenschaftlichen Gepflogenheiten hätte den Genossen-schaftsbauern eingeräumt werden müssen, einen Vorsitzenden aus ihren Reihen zu wählen, dessen Persönlichkeitsstruktur sie kannten. Das war beileibe nicht immer der Fall. Wie im DDR-System üblich, erhielten sie einen der SED-KL politisch opportunen Vorsitzenden vom Rat des Kreises vorgeschlagen, dessen formale Wahl auf dem Fuße folgte. Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters einer Gemeinde mußten eine Überprüfung ihrer politischen Eignung durch die SED-KL hinnehmen.<2347>

Die Rolle der staatlichen Einrichtungen

Im politischen System der DDR bestanden enge Verflechtungen und wechselseitige Beziehungen zwischen Partei- und Staatsapparat. Letzterer fungierte als verlängerter Arm der Partei. Seinem Wesen nach verkörperte der Staatsapparat eine Institution zur praktischen Umsetzung und Kontrolle von Parteientscheidungen auf politischem, ökonomischem, sozialem und kulturellem Gebiet. Die staatlichen Strukturen entsprachen im Aufbau den Strukturen des Parteiapparates weitgehend.

Die SED-KL setzten in den Räten der Kreise ihres Zuständigkeitsbereiches, vermittels von Parteiaufträgen über die Genossen und durch die Besetzung fast aller leitenden Positionen durch Parteimitglieder, die führende Rolle der Partei durch. Zwar stand den Räten der Kreise formal das Recht zu, über wesentliche Belange ihres Territoriums und der dort ansässigen Bevölkerung zu befinden, jedoch gingen bedeutsame Beschlüsse faktisch vom hauptamtlichen Apparat der SED aus. Der Staatsapparat handelte zumeist als zuverlässiger Erfüllungsgehilfe der Partei.<2348>

Bei der Realisierung der Beschlüsse von Partei und Regierung verfügten die Räte der Kreise zweifelsohne aber über eine gewisse Selbständigkeit. So steuerten die Abteilungen "Landwirtschaft", in Abstimmung mit den gleichnamigen Abteilungen der SED-KL, maßgeblich die Gesamtentwicklung der Landwirtschaft ihrer Bereiche.

Mit der wachsenden Zahl und der zunehmenden wirtschaftlichen Bedeutung der LPG gewann die Tätigkeit des Staatsapparates an Stellenwert. Doch längst nicht immer gelang den Räten der Kreise eine Verbesserung ihrer leitenden und lenkenden Tätigkeit<2349>, die zu einer höheren Produktivität im gesamten landwirtschaftlichen Bereich und zur Belebung der LPG-Bildung führen sollte. Als Ursache hierfür ist in nicht unwesentlichem Maße die z. T. zu geringe Qualifikation der Mitarbeiter sowie die Verquickung von Partei- und Staatsapparat zu betrachten. Dieser aufgeblähte Leitungsapparat arbeitete oft mit geringer Effizienz.

Der Staatsapparat übte auf alle wirtschaftslenkenden Organe auf dem Lande - wie MAS/MTS und die


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Volkseigenen Erfassungs- und Aufkaufbetriebe (VEAB) -, die in seinem und dem Auftrag der Partei handelten, bestimmenden Einfluß aus. Beispielsweise traf er noch vor Beginn des sozialistischen Aufbaus auf dem Lande, in engem Einvernehmen mit der Parteiführung, verschiedene Maßnahmen zur Schwächung der Wirtschaftskraft der Großbauern.<2350> Neubauern hingegen gestand er im September 1950 einen hohen Schuldenerlaß zu.

Im Verlaufe des Umgestaltungsprozesses räumte der Staatsapparat LPG, aber desgleichen werktätigen Einzelbauern, verschiedene Vergünstigungen ein. Letzteren kam z. B. die Aufhebung des Viehhalte- bzw. Anbauplanes in den Jahren 1956 bzw. 1957 zugute. Andererseits verschärfte sich nach der 2. MTS-Konferenz Ende Januar 1958 der Druck der Stationen auf die individuell wirtschaftenden Bauern, um sie zum LPG-Beitritt zu bewegen.

Die Großbauern betrachtete der Partei- und Staatsapparat - von den ersten Monaten nach Verkündung des "Neuen Kurses" einmal abgesehen - über den gesamten Zeitraum der LPG-Bildung hinweg als "Klassengegner". Daran änderte sich auch dann nur wenig, als Teilen der Großbauernschaft der Beitritt in Genossenschaften offenstand.

Die VEAB verkörperten eine straffgeführte Organisation zur Kontrolle der Planerfüllung. Für jede der anfänglich fast eine Million Einzelbauernwirtschaften erstellten die VEAB Liefernachweise, getrennt nach unterschiedlichen Produkten. Deren Erfüllungsstand kontrollierten sie genau. Als willfähriges Instrument des Staates ahndeten sie im Regelfalle selbst kleinere Verstöße von Großbauern gegen die Ablieferungspflicht mit empfindlichen Strafen, während sie gegenüber Bauern mit kleinerer LN und vor allem LPG Großmut walten ließen.

Das Ziel der staatlichen Kreditpolitik auf dem Lande bestand in den fünfziger Jahren vornehmlich darin, über die Deutsche Bauernbank durch die Ausreichung von Krediten nach streng pragmatischen Erwägungen, zur Beschleunigung und Vertiefung der sozialistischen Entwicklung auf dem Lande beizutragen. Die Erteilung kurz- und langfristiger Kredite an Genossenschaften zu günstigen Konditionen und die Streichung ihnen zugestandener Kredite in teils beträchtlicher Höhe bedeutete eine außerordentliche Unterstützung der jungen LPG.<2351> Solche und weitere finanzpolitische Maßnahmen sollten helfen, den Grad der wirtschaftlich-organisatorischen Festigung der LPG zu erhöhen und sie auf dem Wege zu leistungsfähigen genossenschaftlichen landwirtschaftlichen Großbetrieben voranbringen.

Bereits in den fünfziger Jahren bestand eine deutliche, stetige Diskrepanz zwischen den oftmals überzogenen wirtschaftspolitischen Zielen der SED-Führung und den limitierten ökonomischen Möglichkeiten<2352>, die zumindest formal zu glätten, der Staatsapparat die Verantwortung trug.<2353>Die


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erhöhte Nachfrage der Landwirtschaft nach modernen Investitionsgütern konnte durch die begrenzten Vorleistungen der Industrie nicht annähernd gedeckt werden. In diesem Falle wurde es zu einem dringenden Erfordernis des Staates, stets von neuem regulierend einzugreifen, um zumindest Grundbedürfnisse der Landwirtschaft abzusichern. Zugleich wuchs der Zwang zur Selbsthilfe.

Das Engagement der Gemeindevertretungen, der Gemeinderäte und der Bürgermeister bei der Lösung wesentlicher Probleme ihrer Dörfer, ihr Bemühen um die Popularisierung des Genossenschaftsgedankens unter den werktätigen Einzelbauern, ihre Bereitschaft und Fähigkeit, objektive und subjektive Hemmnisse im Zuge des Umgestaltungsprozesses zu beseitigen, entsprach nur selten der Schwere der Aufgaben. Für die Erfüllung der Festlegungen der Räte der Kreise fehlten in den Gemeinden zumeist die materiellen Voraussetzungen.

In der Endphase der LPG-Bildung zeigten sich zahlreiche Räte der Kreise und örtliche Volksvertretungen, trotz Ausdehnung und qualitativer Verbesserung ihrer Aktivitäten, nicht auf der Höhe der Anforderungen. Vollauf traf dies auf den Rat des Kreises Haldensleben zu. Wie zuvor traten in seiner Arbeitsweise in den ersten Monaten nach Abschluß der Überführung sämtlicher Bauern in LPG bei der Bewältigung der veränderten Aufgaben unübersehbare Mängel zutage.

Die Rolle der LPG

Die LPG, die die Einzelbauernwirtschaften als bestimmende Betriebsform auf dem Lande abgelöst hatten, wurden in den fünfziger Jahren nur in selteneren Fällen den Kriterien eines sozialistischen landwirtschaftlichen Großbetriebes gerecht. Bis weit über den Abschluß der LPG-Bildung hinaus bestanden in vielen LPG erhebliche Schwierigkeiten in wesentlichen, den Grad ihrer wirtschaftlich-organisatorischen Festigung betreffenden Belangen. Sie entsprangen objektiven wie subjektiven Gründen. In den meisten LPG mangelte es an qualifizierten Mitgliedern und vor allem an den erforderlichen materiellen Voraussetzungen für eine leistungsfähige genossenschaftliche Großproduktion. Es fehlte an Saatgut, an modernen Maschinen und Geräten, an hochwertigem Zucht- und Nutzvieh und den dazugehörigen Stallungen.

In der Arbeitsorganisation der LPG traten, hauptsächlich bedingt durch den geringen Qualifizierungsgrad der LPG-Vorsitzenden und Brigadiere sowie deren fehlenden Erfahrungen in der Organisation eines landwirtschaftlichen Großbetriebes, immer wieder teils gravierende Schwächen zutage. Sie verhinderten zu oft einen geordneten, effektiven Produktionsablauf. Die Parteiführung kam nicht umhin einzusehen, daß die einfache Zusammenfassung von Einzelbauernbetrieben nicht automatisch einen leistungsfähigen landwirtschaftlichen Großbetrieb ergibt.


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Vorwiegend in den Anfangsjahren der LPG-Bildung<2354> traten krasse Verfehlungen in solchen, die wirtschaftlich-organisatorische Festigung der LPG maßgeblich bestimmenden Komponenten zutage:

Bis zum Abschluß der LPG-Bildung erreichten in diesen wichtigen Belangen die meisten Genossenschaften keine dauerhaften Fortschritte.

Der Leistungsstand nicht weniger LPG bewegte sich während der Jahre der LPG-Bildung auf niedrigem Niveau. Umfassende staatliche Hilfeleistungen bewirkten nur zum Teil eine Reduzierung der Zahl von LPG, die nicht auf die Stützung des Wertes ihrer AE verzichten konnten. Ein weiterer Beweis für die ökonomische Schwäche der Genossenschaften in den Anfangsjahren ist die Notwendigkeit staatlicher Unterstützungen in Form von Sonderkrediten bzw. ab dem späten Frühjahr 1958 von Wirtschaftsbeihilfen, die bis Ende der fünfziger Jahre eine größere Anzahl von LPG benötigte.

Durch die inkonsequente Anwendung des Leistungsprinzips enthoben sich sehr viele LPG eines äußerst wichtigen Stimulus zur Steigerung der genossenschaftlichen Produktion. Die häufig praktizierte "Gleichmacherei", d. h. die Bewertung der Arbeit allein nach der Anzahl der geleisteten Stunden und die Stützung des Wertes der AE, führten zu Interessenlosigkeit und Gleichmut sowie zu vermindertem Einsatz eines Teils der Genossenschaftsbauern im Arbeitsprozeß.

Nicht vergessen sei bei der Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung der LPG, daß sich ihre Festigung durch die administrativ verordnete Übernahme von unzureichend mit Arbeitskräften, Vieh und Inventar bestückten ÖLB in den Jahren 1953 bis 1957 zusätzlich erschwerte.<2355>

Der sogenannte sozialistische Wettbewerb sollte sich auch auf dem Lande zum ständigen Element des sozialistischen Wirtschaftens entwickeln. Er beruhte auf moralischen und materiellen Anreizen. Für die Beteiligten blieb er ohne soziale Konsequenzen. Da oftmals eindeutige Kriterien zu seiner Führung fehlten, ließ sich die Realisierung der Wettbewerbspunkte z. T. nur schwerlich kontrollieren. Sehr bald verkam der Wettbewerb zum Ersatzprogramm für planmäßig nicht abrufbare Produktionsfaktoren bzw. unrealistische Produktionsziele. Der sozialistische Wettbewerb erwies sich letztlich als von ideologischen Dogmen überfrachteter, untauglicher Versuch, ein höheres ökonomisches Niveau als es die Marktwirtschaft aufwies, zu erreichen. Als Leistungsstimulator der genossenschaftlichen Produktion kam ihm nur eine geringe Wirksamkeit zu. Im Vergleich zur Konkurrenzwirkung auf einem funktionierenden Arbeitsmarkt blieb seine Bedeutung marginal. Hingegen zeitigte die öffentliche Abrechnung innerhalb und


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zwischen den Arbeitskollektiven durchaus positive Wirkungen, wenn die Beteiligten die Bedingungen dieses Vergleichs akzeptierten.

Die massenhafte Entsendung von Industriearbeitern in die Dörfer, von dem sich die Parteiführung einen Aufschwung der Landwirtschaft im allgemeinen und der LPG im besonderen erhoffte, erfüllte nicht die hochgeschraubten Erwartungen. Die aufs Land entsandten Industriearbeiter kennzeichnete beinahe ausnahmslos eine Gemeinsamkeit: die fehlende landwirtschaftliche Vorbildung und eine eingeschränkte Leistungsmotivation aufgrund oft komplizierter Arbeits- und Lebensbedingungen. Ihr Beitrag zur Entwicklung der Genossenschaften ist als begrenzt, ihre Akzeptanz unter der Dorfbevölkerung als gering einzuschätzen.<2356> Die DDR-Geschichtsschreibung sah dies freilich anders. Sie überbewertete den Effekt, den der Einsatz von Industriearbeitern auf dem Lande bewirkte.

Größere Industriebetriebe und Institutionen gewährten mit Beginn der LPG-Bildung, auf der Basis von Patenschaftsverträgen, LPG vorrangig materielle Hilfe und Unterstützung im Produktionsprozeß. In den Wintermonaten wiederum leisteten Genossenschaftsbauern häufig "sozialistische Hilfe" in Betrieben. Im Kreis Haldensleben führte die Patenschaftshilfe zu keinen merklichen Fortschritten in der wirtschaftlich-organisatorischen Festigung der LPG. Punktuell erwies sie sich als hilfreich.

Von den MAS/MTS verlangte die Parteiführung, den Genossenschaften in allen Etappen des Umgestaltungsprozesses umfassende Unterstützung zu erweisen. Sie befanden sich aber selbst noch im Aufbau. Ihre materiell-technische Basis wies ein nur sehr begrenztes Niveau auf.<2357> Vor allem in der Anfangsphase der Veränderungen auf dem Lande vermochten sie deshalb den LPG nicht in einem solchen Maße helfen, wie es für deren kontinuierliche Weiterentwicklung notwendig gewesen wäre.

Die von der DDR-Historiografie als "Bastionen" des Sozialismus auf dem Lande bzw. als "Stützpunkte" der Arbeiterklasse auf dem Lande<2358> deklarierten MTS sind für den Fortgang der Umgestaltungen und die Festigung der LPG längst nicht von solcher Relevanz gewesen, wie sie der Öffentlichkeit suggeriert wurde. Wenn auch nicht in dem offiziell verlautbarten Maße, so trugen die MAS/MTS aber unbestritten zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion der LPG, zur Verbesserung des Wirkungsgrades der Arbeit der Genossenschaftsbauern und zu einem höheren kulturellen Niveau in den Dörfern bei.

Nach der 2. Zentralen MTS-Konferenz Ende Januar 1958 erfolgte die allmähliche Unterstellung der Traktorenbrigaden der MTS unter die Einsatzleitung der LPG-Vorsitzenden. Wirtschaftlich gefestigte größere LPG übernahmen ab dem Frühjahr 1959 leihweise die Technik der MTS. Beide die ländliche Struktur neuerlich verändernden Maßnahmen sollten dazubeitragen, den Einsatz moderner Technik effektiver und den Produktionsablauf überschaubarer zu gestalten, die Selbstkosten zu senken, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der LPG zu verbessern und schließlich die Anziehungskraft der


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Genossenschaften auf die werktätigen Einzelbauern zu erhöhen. In der Praxis gelang dies bis zum Abschluß der LPG-Bildung zumeist nur in eingeschränktem Maße.<2359>

Unbeschadet der zuvor genannten Schwierigkeiten traten in den genossenschaftlichen landwirtschaftlichen Großbetrieben im Vergleich mit den individuell betriebenen Bauernwirtschaften am Ende des Umgestaltungsprozesses erste ökonomische Vorteile zutage. Es wurde möglich:

Die Funktion der LPG beschränkte sich nicht ausschließlich auf die Produktion. Vielmehr nahmen die Genossenschaften gleichfalls kommunale, soziale und kulturpolitische Aufgaben wahr. Im Zusammenwirken mit den Gemeinden und städtischen Betrieben errichteten die LPG Wohnungen, Kulturhäuser, Kindergärten und -krippen sowie Sportstätten. Sie besserten Straßen aus und legten neue an, installierten Wasserleitungen und Kanalisationssysteme, zogen Entwässerungsgräben, eröffneten Verkaufsstellen und Gaststätten.

Die Übernahme einer derartigen Aufgabenfülle durch die LPG - verstärkt in den sechziger Jahren - führte dazu, daß eine Reihe von Genossenschaftsmitgliedern Tätigkeiten außerhalb der unmittelbar genossenschaftlichen Produktion verrichteten. Gemessen an dem hohen Arbeitskräftebesatz in den LPG hatte dies zur Folge, daß formal die Effizienz der LPG gegenüber den Einzelbauernbetrieben der fünfziger Jahre<2360> eine geringere war.

Soziale und kulturelle Veränderungen auf dem Lande

Die Umwälzungen in der Landwirtschaft führten zu grundsätzlichen Veränderungen in der ländlichen Sozialstruktur, die sich direkt aus der ökonomischen Struktur ableiten lassen.<2361> Die bäuerlichen Kategorien Landarbeiter, Klein-, Mittel- und Großbauern verschwanden. Im Zuge des Aufbaus des Sozialismus auf dem Lande bildete sich gemäß der marxistisch-leninistischen Ideologie eine neue Klasse, die Klasse der Genossenschaftsbauern, heraus. Sie unterschied sich von den Einzelbauern durch ihren


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Platz im gesellschaftlichen System der Produktion, ihre Stellung zum Eigentum an den Produktionsmitteln, ihre Stellung bei Erlangung und Verteilung des Produktionsergebnisses sowie der Größe des Anteils am Endprodukt.

Aus der Sicht der SED-Führung galt die Klasse der Genossenschaftsbauern als der Hauptverbündete der Arbeiterklasse bei der Errichtung des Sozialismus in der DDR. Sie erfuhr umfassendste staatliche Unterstützung beim Aufbau leistungsfähiger landwirtschaftlicher Großbetriebe. Als Hauptproduzent von Nahrungsmitteln für die Bevölkerung und wichtigster Lieferant von heimischen Rohstoffen für die Industrie sollte sie maßgeblich dazu beitragen, "kleinbürgerliche" Verhaltensweisen und Ansichten aus den Köpfen der Landbewohner zu verdrängen und die sozialistische Ideologie und Kultur zur alleinherrschenden werden zu lassen.<2362>

Die Klasse der Genossenschaftsbauern kennzeichnete Homogenität in ihrer Stellung zum genossenschaftlichen Eigentum. Sie war aber inhomogen im Hinblick auf die soziale Herkunft ihrer Mitglieder und andere ökonomische und soziale Aspekte wie:

Die LPG-Bildung ging mit einer Fülle positiver sozialer Wandlungen für die Dorfbevölkerung einher. Mit der Überführung der Einzelbauern in LPG verringerten sich die physischen Belastungen der Bauern - insbesondere die der Bäuerinnen - auf den Feldern, in den Ställen und Lagerhallen allein durch die gemeinschaftliche Arbeit, vor allem aber durch den Einsatz von Maschinen und kompletten Maschinensystemen.<2364>

An weiteren sozialen Veränderungen im Sinne der Genossenschaftsbauern kamem hinzu:

Desgleichen konnten die LPG-Mitglieder im Bedarfsfalle Familien-, Mutter- und Kinderschutz zu beanspruchen. Die materielle Situation von Genossenschaftsbauern, deren Kinder einen Beruf erlernten oder studierten, verbesserte sich durch den Bezug von Ausbildungsbeihilfen. Bäuerinnen mit Kindern empfanden es als erleichternd und beruhigend, unbesorgt ihrer Arbeit nachgehen zu können. Ihre Kleinen befanden sich indessen - gut betreut - in Kindergärten und -krippen.<2365> An der positiven Bewertung sollen keine Abstriche vorgenommen werden, selbst wenn die Erziehung der Kleinkinder ideologisch geprägt verlief.

Neue äußerst günstige Perspektiven eröffneten sich den Frauen. Verrichteten sie zuvor in der familieneigenen Wirtschaft oder als Landarbeiterinnen "einfache Tätigkeiten", so konnten sie sich mit dem Eintritt in LPG beruflich qualifizieren und verantwortungsvolle Arbeitsaufgaben übernehmen. Die in der Regel feste Arbeitszeit in den LPG half ihnen, weniger entbehrungsvoll als Hausfrau und Mutter wirken zu können.

Als weiterer sozialer Fortschritt auf dem Lande ist die Überwindung der in der Landwirtschaft traditionell praktizierten Kinderarbeit zu werten.

Für die Dorfjugend bestand nicht mehr die Notwendigkeit, im Interesse einer erfolgreichen beruflichen Entwicklung in die Stadt abwandern zu müssen. Ihr stand es frei, einen landwirtschaftlichen Beruf zu erlernen und zu studieren. Im Zuge der Veränderungen taten sich ihr Möglichkeiten in sämtlichen Fachrichtungen der landwirtschaftlichen Großproduktion auf. Der Umgang mit moderner Technik kam ihrem Hang nach neuen Herausforderungen entgegen. Es blieb keine Ausnahme, daß befähigte und als politisch zuverlässig geltende Jugendliche in die Leitung einer Genossenschaft einbezogen wurden.<2366> Einschränkend sei aber festgestellt, daß in jenen Jahren eine Tätigkeit in den LPG mit zumeist geringem Verdienst einherging. Die Bedingungen in vielen LPG, VEG und MTS hielten zahlreiche junge Menschen


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davon ab, ihr berufliches Fortkommen mit einer Tätigkeit auf dem Lande zu verbinden.

Der Übergang zur landwirtschaftlichen Großproduktion in der DDR bildete die Voraussetzung für die allmähliche Beseitigung der sozialen Benachteiligung der Landbewohner - inklusive der Wohnverhältnisse - im Vergleich zur Stadt. Die Schnitterkasernen der Wanderarbeiter und die armseligen Katen der Landarbeiter verschwanden zunehmend aus den Dörfern.<2367>

Durch die Errichtung von Einfamilienhäusern und Neubaublöcken<2368> verbesserten sich die Wohnbedingungen vieler LPG-Mitglieder, wenngleich die zumeist in Blockbauweise gefertigten Bauten nur unzulänglich den ländlichen Lebensgewohnheiten entsprachen.<2369>

Den gewachsenen Konsumansprüchen der Landbevölkerung trugen neue bzw. modernisierte Einkaufsstätten und der Einsatz ambulanter Verkaufszüge Rechnung.

Mit der wachsenden der Zahl der LPG, mit zunehmendem Umfang der genossenschaftlichen Produktion wurde das Straßen- und Wegenetz in den Dörfern und ihrem Umkreis erweitert und ausgebessert. Dadurch konnte der Berufs- und der individuelle Kraftverkehr reibungsloser gestaltet werden.

Mit der Ausweitung des Wettbewerbs "Das schöne Dorf" wurden viele Dörfer sauberer und ansehnlicher.

In der Verbesserung der Lebensbedingungen der in Genossenschaften vereinigten Bauern ist eine bedeutsame, wenn nicht gar die bedeutsamste Errungenschaft im Verlaufe der LPG-Bildung zu sehen.

Wie im sozialen, so traten im Verlauf und besonders nach Abschluß der LPG-Bildung gleichfalls im bildungspolitischen, kulturellen und sportlichen Bereich augenscheinliche Veränderungen zutage. Ein plastisches Beispiel für die Wandlungen im ländlichen Bildungswesen ist das Verschwinden der Einklassenschulen aus dem Dorfbild. Fortan sorgten mit allen erforderlichen Mitteln ausgestattete Zentralschulen für eine zeitgemäße Unterrichtsgestaltung. Eine solide Wissensvermittlung und die Aneignung von Fähigkeiten im polytechnischen Unterricht half den Schülern, sich auf den Eintritt ins Berufsleben vorzubereiten.

Bei allen positiv zu bewertenden Seiten des Bildungswesens der DDR darf jedoch nicht übersehen werden, daß es als intolerant in weltanschaulich-politischer Hinsicht, ja dogmatisch eingeschätzt werden muß. Es erschwerte somit die Entwicklung der Schüler zu selbständig denkenden und handelnden Persönlichkeiten.

In der Erwachsenenqualifizierung bürgerten sich verschiedene Formen der Weiterbildung und Qualifizierung ein. Zur Intensivierung der politischen Einflußnahme und zur qualitativen Erhöhung des Bildungungsstandes der LPG-Mitglieder führten die Kreisvolkshochschulen Winterschulungen durch, an


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denen auch werktätige Einzelbauern teilnehmen konnten. Dorfakademien halfen ab Ende der fünfziger Jahre Genossenschafts- und werktätigen Einzelbauern, ihren Wissensstand an Dorfakademien zu erweitern. In der Folgezeit konnte ein großer Teil der Genossenschaftsbauern und -bäuerinnen den Facharbeiterbrief für einen landwirtschaftlichen Beruf erwerben. Den Qualifizierungsmaßnahmen kam jedoch sehr oft nur rein formaler Charakter zu.

In den meisten LPG fehlte es über längere Zeit an gut ausgebildeten Leitungskräften, wodurch sich ihre wirtschaftlich-organisatorische Festigung erschwerte. Die Delegierung von Genossenschaftsbauern zu Speziallehrgängen an landwirtschaftliche Fachschulen und an die LPG-Hochschule Meißen sowie die Übernahme von Absolventen der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultäten der Universitäten deckte den Bedarf der LPG an Führungskräften lange Zeit nur unzureichend ab.<2370>

Schrittweise gelang es, die Kulturlosigkeit aus den Dörfern der DDR zu verbannen. Galt das Dorf bisher als kulturelles Niemandsland, so eröffneten sich den Dorfbewohnern im Zuge des Veränderungsprozesses bisher ungekannte Möglichkeiten auf kulturellem Gebiet. Ein Besuch des Dorfklubs oder die allwöchentlichen Veranstaltungen des Landfilms verschaffte ihnen Entspannung von der noch immer schweren körperlichen Arbeit. Ab Mitte der fünfziger Jahre gesellte sich zu den vorhandenen kulturellen Einrichtungen ein Netz von Kulturhäusern hinzu - zumeist am Sitz einer MTS. Die Auftritte von Theatergruppen, Jugendtanzabende und Sportveranstaltungen ließen die Dörfler zeitweilig vergessen, auf dem Lande zu wohnen.

Farbe ins Kulturleben der Landbewohner brachten die Dorffestspiele, die einmal jährlich in größeren Dörfern stattfanden. In deren Verlauf wechselten nicht nur verschiedene Kulturveranstaltungen aneinander ab, sondern es stand den Landbewohnern auch frei, sich selbst kulturell oder sportlich zu betätigen.

In beinahe allen größeren Dörfern entstanden unter Mithilfe breiter Bevölkerungskreise im Rahmen des "Nationalen Aufbauwerkes" Sportplätze, die für den Schul- und Breitensport genutzt werden konnten.

* * *

Als Fazit sei gezogen: Die sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft ist als eine stabsmäßig von der SED-Führung und der ihr untergeordneten Leitungen geführte und organisierte administrative Überführung der Bauern in landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften einzuschätzen.

Um ihre Ziele in möglichst kurzer Zeit durchzusetzen, wechselte die Parteiführung entsprechend der


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jeweiligen innen- und außenpolitischen Konstellationen ihre Taktik. Echten sozialen Verbesserungen standen demagogische Versprechungen und zu verurteilende Praktiken gegenüber.

Der Abschluß der LPG-Bildung innerhalb weniger Monate erfolgte unter Anwendung von starkem politischem, ökonomischem und vor allem psychischem Druck auf die noch individuell wirtschaftenden Bauern. Zwangsmaßnahmen, Gesetzesverletzungen und der Einsatz von staatlicher Gewalt gegenüber Einzelbauern, die sich einem LPG-Beitritt verschlossen oder ihn hinauszuzögern versuchten, blieben keine Ausnahmen.

Die Vorgehensweise der von den SED-KL und den Räten der Kreise gelenkten Werbebrigaden ist mit dem heutigen demokratischen Selbstverständnis nicht in Einklang zu bringen, durch kein Argument zu rechtfertigen. Diese unstrittige Schwachstelle des Umgestaltungsprozesses, die in der Schlußphase kraß zutage trat, nutzten und nutzen bestimmte Historiker, die LPG-Bildung in der DDR in die Nähe der Zwangskollektivierung in der UdSSR zu rücken. Der Autor empfindet diesen Vergleich als übezogen, ohne die damals angewandten Maßnahmen im entferntesten zu billigen.

Eine beträchtliche Zahl von Bauern übersiedelte angesichts der Drangsalierungen, denen sie sich ausgesetzt sahen, nach Westberlin oder in die Bundesrepublik Deutschland. Aufgrund fehlender Arbeitskräfte und eingeschränkter physischer Kraft vollzogen allerdings auch Bauern - der Konsequenz der eigenen Lage folgend - aus freien Stücken den Übergang in LPG.

Nach dem Abschluß der LPG-Bildung standen die Bauern, die sich zum Bleiben in der DDR entschieden hatten, vor der Wahl, entweder ihren Berufsstand zu wechseln oder ihr Auskommen in den Genossenschaften zu suchen. Die absolute Mehrheit der Bauern entschied sich für die zweite Variante und war bestrebt, sich im Staate einzurichten, sich mit ihm zu arrangieren. Durch die Errichtung der Berliner Mauer nur rund anderthalb Jahre nach Beendigung der ländlichen Umwälzungen stand für die Bauern - von Ausnahmen abgesehen - ohnehin keine andere akzeptable Variante mehr zur Wahl ...

In den ersten Jahren nach dem Abschluß der LPG-Bildung führten verschiedene Faktoren zu einem Wachstumsrückgang in der Landwirtschaft. Besonders genannt seien:

Desweiteren trugen die Flucht von Bauern unmittelbar vor oder kurze Zeit nach dem Abschluß der Umbildungen und die für die Landwirtschaft ungünstigen Witterungsbedingungen das Ihrige zur vorübergehend regressiven Entwicklung der Landwirtschaft bei.

Ab Mitte der sechziger Jahre entwickelte sich der größte Teil der LPG der DDR zumeist sukzessive,


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zuweilen sprunghaft und erreichte die Rentabilität. Die Wandlung der LPG zu leistungsfähigen sozialistischen landwirtschaftlichen Großbetrieben, in denen die Bauern mehrheitlich ihre materiellen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse und Interessen in höherem Maße denn als Einzelbauern gewahrt sahen, vollzog sich trotz verschiedener, nie völlig ausgemerzter Schwachpunkte, offensichtlich. Der überwiegende Teil der Bauern identifizierte sich mit "seiner" LPG und ersehnte keine Rückkehr zu den vormaligen Verhältnissen auf dem Lande.

Mit der allseitigen Weiterentwicklung der LPG in den sechziger und siebziger Jahren veränderte sich das Verhältnis zwischen der Bauernschaft und dem Staat. Es gestaltete sich weniger spannungsvoll, zumal sich für einen erheblichen Teil der Bauernschaft die Arbeits- und Lebensbedingungen erheblich verbesserten.

Ungeachtet der berechtigten Kritik an der Art und Weise der Genossenschaftsbildung in der DDR entstand mit den Genossenschaften eine reale, tragfähige Alternative zur individuell betriebenen Landwirtschaftsproduktion. Die Landwirtschaft entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem der leistungsfähigsten Wirtschaftszweige der DDR-Volkswirtschaft. Sie erwies sich nach der deutschen Einheit als der Wirtschaftsbereich mit der größten Stabilität und Anpassungsfähigkeit. Die derzeitige Entwicklung der aus LPG hervorgegangenen Nachfolgebetriebe ist als Beleg für die Vorteile der Großproduktion sowie in bestimmten Fällen der genossenschaftlichen Produktionsweise - auch unter marktwirtschaftlichen Bedingungen - anzusehen.


Fußnoten:

<2337>

Die SED-KL oder nach einem entsprechenden Beschluß die Räte der Kreise bestätigten den Kadereinsatz auf allen bedeutsamen politischen und wirtschaftlichen Positionen.

<2338>

Um im Wettbewerb formal vorn zu liegen, wurden auf ihr Geheiß hin nicht selten Arbeiten auf den Feldern trotz ungünstiger Witterungsbedingungen bei bewußter Inkaufnahme später auftretender Verluste fortgeführt.

<2339>

Weniger bekannte Abkürzungen werden in den Schlußbemerkungen nochmals ausgeschrieben.

<2340>

Zu den Hauptaufgaben der PA zählten:

- die Unterstützung der LPG, aber auch die Hilfeleistung für die werktätigen Einzelbauern;

- die Einflußnahme auf die Wahl im Sinne der SED politisch opportuner und fachlich erprobter LPG-Vorstände;

- die Formierung arbeitsfähiger PO in den LPG voranzutreiben;

- das "Hineintragen" der sozialistischen Ideologie in die Landbevölkerung;

- die fachliche Qualifizierung der LPG-Mitglieder.

<2341>

Die Sekretäre der SED-KL in den MTS überwachten auch die Tätigkeit der Dorfzeitungsredaktionen ihres Bereiches und leiteten diese an - insofern sie dazu die fachliche Befähigung besaßen.

<2342>

Im Frühjahr 1957 erfolgte die organisatorische Trennung von VdgB und BHG.

<2343>

Die letztgetroffenen Feststellungen beziehen sich auf die ersten Jahre des Umgestaltungsprozesses.

<2344>

In den Jahren 1956 bis 1958 bekamen die Intoleranz der Parteiführung in Grundsatzfragen Oelßner und Vieweg zu spüren, deren agrarpolitische Änderungsvorschläge die Parteioberen als Verrat an der Sache des Sozialismus brandmarkten.

<2345>

Zuweilen kam es vor, daß LPG Einspruch gegen auf Kreis- oder Bezirksebene getroffene Entscheidungen erhoben. Nur in den seltensten Fällen fanden sich jedoch der Rat des Kreises respektive der Rat des Bezirkes bereit, von einmal getroffenen Entscheidungen abzurücken. Da in der DDR keine Verwaltungsgerichtsbarkeit existierte, gab es keine Klagemöglichkeiten im juristischen Sinne.

<2346>

Als Beispiel hierfür seien die Diskussionen zu inhaltlichen Fragen der Brigadepläne angeführt. Sie gingen oftmals mit heftiger Kritik an den Vorständen der LPG einher.

<2347>

In den Grenzgemeinden des Kreises Haldensleben achtete die SED-KL streng darauf, daß als Bürgermeister ausschließlich politisch aktive SED-Mitglieder wirkten.

<2348>

Z. B. auch über die Parteigruppe des Kreistages.

<2349>

So wie es das Gesetz über die örtlichen Organe der Staatsmacht vom Januar 1957 forderte.

<2350>

U. a. veranlaßte der Staatsapparat eine Anhebung der MAS-Tarife für Großbauern. Die stufenweise Erhöhung des Ablieferungssolls auf der Grundlage der Größe der Wirtschaften in den Jahren 1950 bis 1952 verungünstigte die wirtschaftliche Lage vieler Bauern mit einer LN ab 20 ha weiter.

<2351>

Beispielsweise verfügte das ZK der SED im Sommer 1956 die Streichung von Krediten in Höhe von fast 2 000 000 DM, die LPG mit schwierigen Ausgangsbedingungen erhalten hatten. Vgl. Volksstimme, Magdeburg, 8. 12. 1956.

<2352>

Erinnert sei hier an die Planziele und deren eingeschränkte Realisierungsmöglichkeiten, den hohen In-vestbedarf der Landwirtschaft und die begrenzten Vorleistungen der Industrie.

<2353>

So sind die Vorhaben des 1958 verabschiedeten Siebenjahrplans und die Parole, die Bundesrepublik Deutschland innerhalb weniger Jahre im Pro-Kopf-Verbrauch an Nahrungsmitteln zu überflügeln, völlig illusorisch gewesen.

<2354>

Bekanntlich stießen zunächst selten die leistungswilligsten und -fähigsten Einzelbauern zu den Ge-nossenschaften.

<2355>

Staatliche Hilfsmaßnahmen erwiesen sich weder als hinreichend noch entsprachen sie den Bedürfnissen.

<2356>

In den Dörfern der DDR bezeichneten die Bewohner damals mitunter die Industriearbeiter etwas gering-schätzig als "nachgemachte Bauern."

<2357>

MTS und VEG fehlte es - trotz eines Aufschwungs des Landmaschinenbaus - über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg an ausreichender materieller Ausstattung. Ebenso mangelte es an qualifizierten Kadern. Diese ungünstigen Voraussetzungen hinderten die Stationen daran, die Erntetermine stets durch gängig einzuhalten. Ernteverluste und damit eine geringe Flächenproduktivität waren die Folge.

<2358>

So wurden die Stationen in der Propagandasprache der SED bezeichnet.

<2359>

Im Kreis Haldensleben beabsichtigte das Büro der SED-KL bis zum Beginn der Getreideernte des Sommers 1959, die gesamte Technik der MTS den LPG leihweise zu übergeben. Ihr Vorhaben verzögerte sich aufgrund der verweigernden Haltung von Belegschaftsmitgliedern einiger MTS.Zu Recht befürchteten diese, beim Eintritt in eine LPG finanzielle Einbußen hinnehmen zu müssen.

<2360>

Diese konzentrierten sich in der Regel ausschließlich auf das produktionstechnische Element.

<2361>

Vgl. Krebs, Chr. , Der Weg zur industriemäßigen Organisation der Agrarproduktion in der DDR, Die Agrarpolitik der SED 1945-1960, Bonn 1989, S. 190, Tabelle 9.

<2362>

Es wäre eine eigene Untersuchung wert, Wollen und tatsächliche Ergebnisse dieser Anstrengungen aus der Optik der Gegenwart realistisch darzustellen.

<2363>

Z. B. Landeinbringer mit Inventarbeiträgen und solche ohne dergleichen.

<2364>

Andererseits aber mühten sich viele LPG-Bäuerinnen nach der Arbeit in den LPG in ihren persönlichen Hauswirtschaften, statt sich hinreichend zu regenerieren. Die Erleichterungen relativierten sich dadurch wieder.

<2365>

Diese und die vorgenannten Vergünstigungen bewegten mitunter Einzelbauern, ohne Anwendung von Zwangsmaßnahmen LPG beizutreten.

<2366>

Nochmals sei darauf hingewiesen, daß auch nach Abschluß der LPG-Bildung viele jugendliche Dorfbewohner ihr Heimatdorf verließen, um auf Großbaustellen und in Industriebetrieben zu arbeiten und besser als in der Landwirtschaft entlohnt zu werden. Einstellungsverbote in verschiedenen Wirt-schaftszweigen und Institutionen standen ihren Veränderungsabsichten mitunter entgegen.

<2367>

Schnitterkasernen und Katen prägten noch Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs, besondersim Mecklenburgischen, das Bild zahlreicher Dörfer.

<2368>

Für ihren Bau gewährte der Staat Zuschüsse.

<2369>

Vom Ästhetischen wirkten die Bauten wenig anheimelnd.

Bei Darstellung der sozialen Bedingen der Genossenschaftsbauern darf nicht unerwähnt bleiben, daß bis zum Ende der DDR noch immer Genossenschaftsbauern mit unzulänglichen Wohnverhältnissen vorliebnehmen mußten.

<2370>

Tatsächlich reduzierte sich der Mangel der LPG an qualifizierten Kadern auf zwei wesentliche Gründe. Einerseits fehlte es einer beträchtlichen Zahl von LPG-Vorständen, einschließlich der Vorsitzenden, an der Bereitschaft zur Qualifizierung. Andererseits sperrten sich nicht selten Leitungen von LPG gegenüber Weiterbildungsabsichten von Mitgliedern. Bei dem notorischen Arbeitskräftemangel in den LPG war diese Haltung zunächst verständlich, auf lange Sicht hingegen ist sie als ausgesprochen kurzsich tig zu bewerten.


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