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2  DIE HISTORISCHE ENTWICKLUNG

2.1 Die geburtshilfliche Situation bis zum Ende des 19. Jahrhunderts

In den Anfängen bestand die Geburtshilfe nur aus der „Hilfe bei der Geburt“. Frauen, meist selber Mütter, die eine besondere Begabung bei der Geburtshilfe zeigten, wurden zu Geburten herbeigerufen, um die Gebärenden zu unterstützen. Die Geburt wurde als natürlicher Vorgang im Leben einer Frau angesehen, war „Frauensache“ und fand selbstverständlich im eigenen Hause statt. Eine Alternative dazu gab es nicht.

Im 18.Jahrhundert rückte die Erforschung des menschlichen Körpers immer mehr in den Mittelpunkt der Medizin. Im Zuge dessen wurde auch die Geburtshilfe zunehmend zum Gegenstand der Wissenschaft und der medizinischen Forschung. Dies stand im Widerspruch zu der seit Jahrhunderten auf Erfahrungen basierenden Geburtshilfe der Hebammen. Es wurde eine massive Kritik an dieser Art unwissenschaftlicher Medizin geübt. Resultat dieser Kritik war die Errichtung von so genannten Accouchirhäusern. (29, 69)

Ziel dieser Anstalten war es zum einen, die erfahrungsorientierte Geburtshilfe der Hebammen durch eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung zu ersetzen. Dadurch entstand eine zunehmend staatlich geregelte Hebammenausbildung. Auf der anderen Seite wurde durch diese Anstalten eine wissenschaftliche Erforschung der Geburtshilfe möglich und zum ersten Mal konnten Studenten und Ärzte einen Einblick in den Geburtsablauf bekommen, der bis dato nur „Frauensache“ war. Somit avancierte die Geburtshilfe zunehmend zu einem akademischen Fach. (12, 156, 219)

Vor allem Frauen der Unterschicht kamen in die Accouchirhäuser, die sich eine Entbindung durch eine Hebamme nicht leisten konnten. Sie blieben während der Geburt und des Wochenbettes in den Anstalten und es wurde ihnen medizinische Hilfe zugesichert. Die Schwangeren mussten sich im Gegenzug als Lehrobjekt (bei Zangenentbindungen und später auch Kaiserschnittoperationen) und zu wissenschaftlichen Untersuchungen zur Verfügung stellen. (69, 60, 207)


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Die Frauen versuchten allerdings diese Anstalten so weit wie möglich zu meiden. Sie fürchteten die vielen Untersuchungen vor allem seitens der männlichen Praktikanten. Aufgrund der räumlichen Enge und der mangelnden Hygiene grassierte außerdem in diesen Anstalten das so gefürchtete Puerperalfieber.

Die Angst vor dem Kindbettfieber konnte den Frauen im 19. Jahrhundert allmählich genommen werden. Die Erkenntnisse von Ignaz Phillip Semmelweis „über die Verhütung der Wundinfektion durch Fernhaltung von Schmutz und Eiter“ trugen in großem Maße zu einer Senkung der Todesfälle an Kindbettfieber bei. (22, 76, 219)

Seine Lehren von der Aseptik und Antiseptik stellen eine entscheidende Entdeckung nicht nur für die Geburtshilfe, sondern für die gesamte Medizin dar. Besonders den operativen Fächern kamen sie zu gute, konnte doch dadurch die größte Gefahr der Operation, die Infektion, eingedämmt werden. Neben diesen Lehren trugen Weiter­entwicklungen auf dem Gebiet der Operations- und Nahttechniken dazu bei, dass die Mortalität des Kaiserschnittes erheblich verringert werden konnte. Während diese Mitte des 19.Jahrhunderts noch 50% betrug, konnte sie bis zur Jahrhundertwende auf 5 - 10% gesenkt werden. Entscheidend für diese Fortschritte waren natürlich auch die Entwicklungen auf dem Gebiet der Anästhesie. Erst durch die sichere Schmerz­ausschaltung sind operative Eingriffe in diesem Maße möglich geworden. Besonders der Kaiserschnitt verlor so nach und nach seinen Schrecken. (12, 60)

Durch diese Fortschritte entwickelten sich die Accouchirhäuser und Gebäranstalten der Universitätskliniken, die einst für arme und unverheiratete Frauen entstanden waren und wo das Gros der operativen Eingriffe stattfand, von einer Ergänzung zu einer Alternative zur häuslichen Geburtshilfe.


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2.2  Hausgeburt und / oder Klinikgeburt? – 
Die Entwicklung zu Beginn des 20.Jahrhunderts

2.2.1 Die demografische Situation

Noch zur Jahrhundertwende fanden so gut wie alle Geburten in der Privatwohnung statt. 1896 betrug die Zahl der Hausentbindungen im Deutschen Reich 99%. Der Anteil der Klinikentbindungen stieg zu Beginn des 20.Jahrhunderts nur langsam an, da trotz des wissenschaftlichen Fortschrittes ein Vorurteil gegenüber den Entbindungsanstalten wie auch den Krankenhäusern bestand. Sie wurden immer noch als Einrichtungen des Armenwesens angesehen. Die folgenden Zahlen beschreiben die Entwicklung in Berlin, die aber in ähnlicher Weise auch in den anderen Großstädten Deutschlands stattfand: 1903 betrug der Anteil der Anstaltsentbindungen 8,1% und stieg auf 32,7% im Jahre 1916. Während des 1. Weltkrieges sank deren Anteil etwas ab (1917: 29,7%; 1919: 25%), um dann ab 1920 wieder anzusteigen (1920: 28,3%). 1933, im Jahre der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, lag der Anteil der Anstaltsentbindungen bei 63%. Die klinische Geburtshilfe hatte sich innerhalb von 30 Jahren in den Großstädten zu einer echten Alternative der Hausgeburtshilfe herausgebildet. Über die Hälfte der Schwangeren brachte ihr Kind in einem Krankenhaus zur Welt. (240)

Der Übergang zur Klinikentbindung vollzog sich regional aber sehr unterschiedlich. So besteht ein Gefälle nicht nur zwischen Städten und ländlichen Gebieten, sondern auch zwischen industriellen und agrarischen Regionen. Dieses Phänomen kann als Ost – West – Gefälle festgehalten werden, das in etwa dem industriellen Entwicklungsstand entspricht. In den westdeutschen Städten war der Anteil der Anstaltsentbindung besonders hoch (z.B. in Wiesbaden 69%). Der Anteil der Anstaltsentbindungen in ländlichen Kreisen lag, abhängig von der jeweiligen Region, zwischen 1,8% (Königsberg) und 16% (Düsseldorf). (177)


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2.2.2  Die Diskussion um eine Neuordnung der Geburtshilfe

Nach den bedeutsamen wissenschaftlichen Fortschritten auf dem Gebiet der Geburtshilfe Ende des 19.Jahrhunderts stellte sich nun Anfang des 20.Jahrhunderts für die Ärzteschaft die Frage, wie man diese Erkenntnisse und Möglichkeiten möglichst vielen Frauen zugänglich machen könnte. Das Fach Geburtshilfe bezog sich nun nicht mehr nur auf die Geburt an sich, sondern auf den gesamten Vorgang von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Die Frage, wie pathologischen Vorgängen während dieser einzelnen Phasen am besten begegnet werden und wie eine Geburt möglichst optimal mit einer geringen Mütter- und Säuglingssterblichkeit erfolgen kann, stand im Mittelpunkt der Diskussionen. Besonders nach dem ersten Weltkrieg ging man diesen Fragen intensiv nach. Die Diskussion um Anstaltsgeburt und / oder Hausgeburt nahm dabei einen breiten Raum ein.

Zu Beginn dieser Diskussion versuchte man Modelle zu finden, die einen Kompromiss zwischen diesen beiden Extremen darstellten, da ein vollständiger Übergang zur Anstaltsgeburtshilfe aus Kapazitäts- und Finanzgründen nicht möglich war und von den meisten Ärzten auch nicht als notwendig angesehen wurde.

Die wichtigsten Modelle werden im Folgenden kurz beschrieben.

A) Die poliklinische Geburtshilfe

Diese Form der Geburtshilfe wurde vor allem in den Städten praktiziert. Basis der poliklinischen Geburtshilfe war immer noch die Hausgeburt. Wenn bei einer Geburt Komplikationen auftraten, wurden durch den Arzt oder die Hebamme Assistenten der geburtshilflichen Klinik zu Hilfe gerufen. Diese führten dann, wenn notwendig, operative Geburtsbeendigungen im Privathaus durch. (32, 42)

Die guten Ergebnisse dieser Form von Geburtshilfe wurden in den Auseinander­setzungen um eine Neuordnung als Beweis dafür herangezogen, dass auch häusliche Geburtshilfe, die in den Händen gut ausgebildeter Geburtshelfer liegt, ihre Daseins­berechtigung hat. (33, 34, 56, 80, 95, 157, 158, 257)


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Die abdominellen Schnittentbindungen blieben weiter an die Krankenhäuser gebunden. Um nun die Frauen zu identifizieren, bei denen mit größter Wahrscheinlichkeit eine operative Entbindung vorgenommen werden musste und um diese primär in die geburtshilfliche Klinik einzuweisen, wurden von einigen Polikliniken Schwangeren­beratungsstellen eingerichtet. (42, 175, 248)

Negativ und begrenzend für dieses Modell wirkten die schlechten Wohnverhältnisse, gerade in den Großstädten während der Wirtschaftskrise, die ein aseptisches Vorgehen unmöglich machten.

Diese Form der Geburtshilfe konnte aber auch der immer wieder geforderten Ausbildung von Studenten gerecht werden, deren Zahl im Gegensatz zur allgemeinen Geburtenzahl stetig zunahm und für die Geburtshilfe im Medizinstudium ein obligatorisches Fach war.(34, 257)

B) Fachärzte in der häuslichen Geburtshilfe

Dieses Modell entsprach im weitesten Sinne dem Modell der poliklinischen Geburtshilfe. Bei kompliziert verlaufenden Geburten sollte von der Hebamme und dem praktischen Arzt ein Facharzt hinzugezogen werden. Auf diese Weise sollte dem Problem der als unzureichend geltenden Ausbildung im Fach der Geburtshilfe und der mangelnden operativen Erfahrung der praktischen Ärzte begegnet werden. (80, 146)

C) Geburtshilfliche Ambulatorien

Dieses Modell wurde von Alfred Dührssen im Jahre 1919 vorgeschlagen. (42)Unter dem Gesichtspunkt der Hygiene, auf die er das wesentliche Absinken der Mortalität an Kindbettfieber in den Anstalten seit der Einführung der Aseptik zurückführte, forderte Dührssen die Anstaltsgeburtshilfe idealerweise für jede schwangere Frau. In den geburtshilflichen Anstalten gab es aber bei weitem nicht ausreichend Betten und an Neubauten konnte nach dem Ersten Weltkrieg zunächst nicht gedacht werden. Deshalb forderte Dührssen, dass zumindest alle Schwangeren bei Geburtsbeginn in der Anstalt aufgenommen werden und nach komplikationslosem Verlauf einige Stunden nach der Geburt wieder nach Hause gefahren werden. Der Transport sollte von der Anstalt [Seite 8↓]gewährleistet sein. Die noch fehlenden Betten sollten aus frei werdenden Lazaretten des Ersten Weltkrieges zur Verfügung gestellt werden. (42)

Dührssen schlug weiter vor, dass sich jede schwangere Frau ungefähr vier Wochen vor Geburtstermin in der Anstalt vorstellen sollte, um eventuelle Geburtsstörungen oder Abnormitäten schon vor dem Beginn der Geburt herauszufinden.

Auch dieses Modell würde sich ausgezeichnet für die Ausbildung von Studenten im Pflichtfach Geburtshilfe eignen.

Die Geburtshilfe war im Begriff sich zu verändern. Die erste große Debatte über die zukünftige Organisation der Geburtshilfe wurde von Max Hirsch (Sozialgynäkologe in Berlin) ausgelöst. Er war der bedeutendste Verfechter einer kompletten Neuordnung der Geburtshilfe. In seinem Vortrag auf der 20. Versammlung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in Bonn 1927 zeigte Hirsch auf, dass sich die Mütter- und Kindersterblichkeit sowie die Sterblichkeit an Kindbettfieber in den letzten Jahrzehnten nicht verändert hatten. Aus dieser Tatsache leitete er seine Forderungen für eine Neuorganisation der Geburtshilfe ab. (96)

Seine zwei Hauptforderungen waren:

Auch vaginal – operative Entbindungen wurden im Privathaushalt durchgeführt, in dem die hygienischen Verhältnisse oft zu wünschen übrig ließen. (95) Die praktischen Ärzte, die diese Eingriffe durchführten, hatten nach Ansicht Hirschs nicht ausreichend operative Erfahrung, da immer weniger Geburten von einem Arzt vorgenommen wurden. Gelang die Geburtsbeendigung nicht, so wurden die Gebärenden zum Teil anoperiert und zu einem Zeitpunkt mit schon ungewissem Ausgang für Mutter und Kind, in die Klinik überwiesen. Hirsch forderte eine restlose Verlegung der operativen Geburtshilfe in die Klinik, wobei die Fälle rechtzeitig und ‘keimfrei‘ in die Klinik kommen sollten, sodass jederzeit ein aseptisches Operieren durchgeführt werden könne. (95, 96, 97) Es sollte eine „grundsätzliche Überführung der operativen Geburtshilfe aus der antiseptischen in die aseptische Chirurgie“ erfolgen. (96)


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Hirsch sprach sich für eine Erweiterung der Indikationen für eine klinische Aufnahme aus um bei Schwangeren mit zu erwartenden Komplikationen möglichst lange konservative Geburtshilfe betreiben zu können und um bei auftretenden Problemen sofort in optimaler Weise handeln zu können. Bis dahin umfassten die Indikationen für Anstaltsentbindungen nur das enge Becken, die Placenta praevia und die Eklampsie. Der erweiterte Katalog sollte unter anderem Lageanomalien, verzögerte Geburt, alte Erstgebärende, Schwangere mit organischen Erkrankungen, vorzeitiger Fruchtwasser­abgang, abnormer Verlauf früherer Schwangerschaften enthalten. (95, 97)

Da sich einige dieser Auffälligkeiten und Besonderheiten bereits während der Schwangerschaft erkennen lassen, sollte nach Ansicht Hirsch’ die Schwangeren­fürsorge, in der sich die Schwangeren im letzten Monat vorzustellen hätten, weiter ausgebaut werden. (95)

Die Aufgabe des Praktikers und der Hebamme sollte in Zukunft die Beurteilung der Schwangerschaft und die Frühdiagnostik geburtshilflicher Störungen sein. Dahin sollte auch die Ausbildung zukünftiger Ärzte zielen: „alle Mühen des Unterrichts (müssen) auf die praktische Ausbildung in der Diagnostik und Prognostik verwendet werden...“, so Hirsch. (95, 97) Die operative Therapie sollte in den Händen der Klinik liegen und in der Ausbildung nur noch als „Notfallgeburtshilfe“ gelehrt werden. (95, 96, 97)

Nur durch diese Neuordnung der Geburtshilfe könne, so Max Hirsch, „dem Mütter- und vor allem dem enormen Kindersterben bei der Geburt ein Ende bereitet werden.“ (97)

Stärkster Kontrahent dieser „Neuordnung“ von Max Hirsch war Georg Winter (Direktor der Universitäts – Frauenklinik in Königsberg). Er setzte sich vehement für eine Beibehaltung der operativen Geburtshilfe im Privathaus durch den praktischen Arzt ein. Er stellte die statistischen Analysen Hirschs in Frage und veröffentlichte eigene Ergebnisse, die von denen Hirschs stark abwichen. Die Daten hatte er in Form von Fragebögen von seinen ehemaligen Schülern gesammelt. (260) Mit diesen Ergebnissen versuchte er die Leistungsfähigkeit der praktischen Ärzte zu beweisen und auch die besseren Ergebnisse und Erfahrungen des abdominellen Kaiserschnittes. (257, 258, 259, 260)

Winter erkannte an, dass die Resultate der operativen Geburtshilfe verbessert werden müssen, stellt aber eigene Thesen auf um dieses Ziel zu erreichen. (260)


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Er forderte:

  1. den Ausbau der Schwangerenfürsorge mit dem Ziel, dass sich jede Schwangere vier Wochen vor der Geburt untersuchen lässt um festzustellen, ob bei der Geburt ärztliche Hilfe notwendig ist oder sogar die Einweisung in eine Klinik erfolgen muss.
  2. dass der Schwerpunkt der Hebammenausbildung auf das Erkennen von Regel­widrigkeiten gelegt wird, damit so früh wie möglich ärztliche Hilfe geholt werden kann.
  3. dass Fälle mit schweren Komplikationen, die fachärztlich operatives Eingreifen erfordern, umgehend ohne vorheriges „Anoperieren“ durch den praktischen Arzt in die Klinik überwiesen werden.
  4. eine Verbesserung der Ausbildung der Studenten, wobei der Hauptschwerpunkt auf der Lehre der Pathologie der Schwangerschaft und der Aneignung operativer Techniken liegen soll. (257, 260)

In den folgenden Jahren nahm die Diskussion um eine „Neuordnung der Geburtshilfe“ einen breiten Raum ein. Von vielen Geburtshelfern wurden vergleichende Untersuchungen angestellt und bereits vorhandenes Zahlenmaterial ausgewertet um die Analysen und daraus abgeleiteten Forderungen Hirschs zu belegen bzw. abzulehnen. (68, 82, 104, 110, 126, 168, 224, 225, 226, 232, 253)

In vielen Arbeiten wurde die zu positive Zahlenauswahl Winters kritisiert. Gleichermaßen versuchte man die Schärfe von Hirschs Vorschlägen abzuschwächen. Sellheim (1929) meinte schließlich sogar, dass sich die „Neuordnung der Geburtshilfe“ ohnehin bereits in vollem Gange befinde. (224)

Letztendlich wurden aber die Forderungen Hirschs in immer größerem Maße anerkannt und angenommen. Als erstes erfolgte die weitestgehende Verlagerung der operativen Geburtshilfe in die Krankenhäuser. Der Indikationskatalog zur klinischen Entbindung wurde zunehmend erweitert. (101, 126, 127, 224, 225, 226, 250)

Und schließlich wurden auch die vaginalen Entbindungsmethoden immer mehr zu­gunsten der abdominalen Schnittentbindungen verlassen. So wurden also alle Forde­rungen Hirschs einer „Neuordnung der Geburtshilfe“ nach und nach in die Praxis umgesetzt. (56, 59, 73, 82, 126, 127, 146, 224, 225)


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2.3  Hausgeburt und / oder Klinikgeburt? – 
Die Entwicklung im Nationalsozialismus

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten entbrannten erneut die Diskussionen um das Thema Hausgeburt und / oder Klinikgeburt. Von Seiten des Staates wurde die Hausgeburt gefördert. Dem Prozess der Verlagerung der Entbindungen in die Kliniken sollte Einhalt geboten, und wenn möglich, eine Rückverlagerung der Entbindungen in die Haushalte erreicht werden.

Hauptvertreter dieser Forderungen waren von offizieller Seite Frau Nanna Conti, die spätere Leiterin der Reichshebammenschaft, und deren Sohn Leonardo Conti, ab 1939 Reichsgesundheitsführer. Zu der Konstellation Mutter und Sohn schreiben J. Zander und E. Goetz in ihrer Abhandlung „Hausgeburt und klinische Entbindung im Dritten Reich“ folgendes: „Für die weitere Entwicklung dürfte ein offensichtlich intimes Zusammenspiel zwischen dem damaligen Staatskommissar für das Gesundheitswesen im Preußischen Innenministerium, Staatsrat Dr. Leonardo Conti, und seiner Mutter, der Hebamme und späteren Leiterin der Reichshebammenschaft, Frau Nanna Conti, kennzeichnend sein.“ (270)

Die erklärten Ziele der Regierung wurden in einem Runderlass des preußischen Ministeriums des Inneren im September 1934 verdeutlicht. (204) In diesem wurde vor allem Kritik an der Neuordnung der Geburtshilfe der letzten Jahre geübt.

Die klinische Entbindung einer Schwangeren, bei der ein pathologischer Geburtsverlauf zu erwarten war, stand dabei außer Frage. Ebenso wurde die klinische Entbindung bei schlechten Wohnverhältnissen anerkannt. Allerdings wurde die Entbindung von Frauen mit normalem Schwangerschaftsverlauf in einem Krankenhaus als unnütz angesehen. Es wurde behauptet, dass die Ergebnisse der Mütter- und Säuglingssterblichkeit keinen Vorteil für die Anstaltsentbindungen ergäben, eher einen Nachteil. Dem Nachteil der Hausgeburt, dass bei Komplikationen eine verspätete Klinikeinweisung erfolgen könnte, stünden nach Ansicht der Verfasser erhebliche Vorzüge gegenüber. So wurde die ununterbrochene Betreuung durch eine Hebamme erwähnt, der allmähliche Übergang zur häuslichen Tätigkeit und der ausgeprägtere Wille zum Stillen. Ein Argument – das der Familienzusammengehörigkeit – nahm einen besonderen Platz ein. „Die Förderung des Familiengedankens entsprach der nationalsozialistischen Weltanschauung, [Seite 12↓]während die Werbung für die grundsätzliche Verlegung möglichst aller Entbindungen in Anstalten früher vielfach einer familienfeindlichen Anschauung entsprach.“ (204)

Ein weiterer wichtiger Punkt war der finanzielle Faktor, der im Laufe der Jahre in den Diskussionen noch an Bedeutung gewann. Die Mehrausgaben, die eine Klinik­entbindung forderte, müssten vom Staat aufgebracht werden und belasteten so die Allgemeinheit.

Auf einer Tagung der Arbeitsgemeinschaft Mutter und Kind im Mai 1937 hielt L. Conti einen Vortrag zu dem Thema „Geburtshilfe und Hebammenwesen in Deutschland“. (25)

In diesem Vortrag zeichnete L. Conti die Gründe für eine Zunahme der Anstalts­entbindungen auf, analysierte die einzelnen Punkte und stellte die Vorteile und Nachteile einer Hausgeburt und einer Klinikentbindung gegenüber. Dabei wurde seine Position dazu deutlich: Die Darlegung der Vorteile der Hausgeburt nahm einen wesentlich größeren Raum ein als die der Klinikentbindungen, die lediglich auf den Vorteil der Möglichkeiten bei komplizierten Entbindungen limitiert war. Einige Mängel der Hausgeburtshilfe wurden als nichtig und behebbar dargestellt. „Die aus Wohnungsgründen in die Anstalten erfolgenden Überweisungen sind in den seltensten Fällen wirklich notwendig. Erfahrungsgemäß verlaufen Entbindungen auch in primitiven Wohnverhältnissen ausgezeichnet, ...“ „Pflegekräfte ließen sich heranziehen aus der Verwandtschaft, Nachbarschaft oder durch Organisationen der Bewegung.“ „Der Familienzusammenhang ist auch ideell gewahrt. Der Übergang zur Wiederaufnahme der Tätigkeit erfolgt im Hause gleichmäßiger.“ (25)

Aus seinen Betrachtungen folgernd warf er die Frage auf, „... ob es nicht erfolg­versprechender ist, nur denjenigen Geburten die Vorzüge der klinischen Entbindung zugute kommen zu lassen, die ihrer bedürfen, und vor den Nachteilen der klinischen Entbindung alle die zu bewahren, bei denen kein ausreichender ärztlicher Grund vorliegt.“ Daraus leitete sich für ihn die Notwendigkeit eines geordneten Hebammen­wesens ab. Er kritisierte die Vernachlässigung des Hebammenstandes und forderte für das neue Hebammengesetz eine Hinzuziehungspflicht der Hebamme bei allen Entbindungen, eine geordnete Altersversorgung und ein Mindesteinkommen. (25, 270)

Insgesamt wurde national eine massive Propaganda zu Gunsten der Hausgeburtshilfe geführt, die von Nanna und Leonard Conti initiiert wurde. Gleichzeitig griffen diese progressiv denkende Kliniker an, die die Klinikentbindung als eine soziale [Seite 13↓]Errungenschaft betrachteten, die sich auf sehr gute Ergebnisse für Mutter und Kind berufen konnten. Unter den führenden Vertretern der klinischen Geburtshilfe war man sich einig, dass die klinische Geburtshilfe die optimale Form der Geburtshilfe darstellte. Die Diskussionen der 20er Jahre zwischen den Geburtshelfern um eine „Neuordnung der Geburtshilfe“ waren beendet. Zwei Strömungen polarisierten sich. Die Contis vertraten mit der offiziellen staatlichen Propaganda für Hausgeburten die eine Seite, die meisten Kliniker als Vertreter der wissenschaftlichen Geburtshilfe die andere Seite. Die starken Angriffe von staatlicher Seite lösten bei den Klinikern eine Fülle von Untersuchungen aus, mit denen die Vorteile und Fähigkeiten der Anstaltsentbindung belegt werden sollten. (17, 31, 48, 83, 105, 123, 127, 160, 189, 242)

Bis zu diesem Zeitpunkt wurde in sämtlichen Untersuchungen nur nach Hausgeburt und Anstaltsgeburt unterteilt. Diese Betrachtungsweise wurde aber zunehmend als nicht korrekt angesehen, da die Hausgeburten „eine Auslese darstellen, indem die ‘schweren Fälle‘ bereits abgeschoben sind“ und „die Klinikgeburten andererseits durch die ‘schweren Fälle‘ belastet sind“. (160) Von Martius und Haselhorst wurde angeregt, das Zahlenmaterial in primäre Anstaltsentbindungen, sekundäre Anstaltsentbindungen und Hausgeburten zu unterteilen. (83)Man versteht unter einer primären Klinikentbindung „Fälle, die unberührt und möglichst von Anfang der Geburt an unter der Leitung der Klinik gestanden haben“. (83) Als sekundäre Fälle bezeichnet man solche, „die anbehandelt oder erst nach Auftreten von Komplikationen der Klinik zugewiesen worden sind“. (83)

In den folgenden Untersuchungen wurde immer wieder die Korrektheit dieser Unterteilung betont und sämtliches Zahlenmaterial dahingehend gegliedert und analysiert. (17, 31, 48, 62, 105, 106, 123, 160, 189, 242)

Anhand dieser Resultate konnten zwei zentrale Thesen endgültig bestätigt werden (Rodecurt 1939):

  1. „Die Resultate der Klinikgeburten sind selbst dann viel besser, wenn sich die Anstalt derselben Verfahren bedient als die häusliche Praxis.“
  2. „Die Anstaltsergebnisse übertreffen die des Privathauses in erster Linie nicht wegen der Möglichkeit chirurgischer Eingriffe.“ (189)


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Am 21. Dezember 1938 wurde das neue Hebammengesetz erlassen. Es war das erste reichsweite Hebammengesetz. Die wesentliche Neuerung des Gesetzes bestand in der Hinzuziehungspflicht der Hebamme, d.h. bei jeder Geburt sollte eine Hebamme Geburtshilfe leisten. Diese Pflicht galt sowohl für die Schwangere als auch für den Arzt im Privathaus oder in einer Entbindungsanstalt. Weiter war in dem Gesetz die Niederlassung der Hebammen geregelt, die sich nach Bevölkerungsdichte, Geburten­frequenz und Entfernungs- und Verkehrsverhältnissen richtete. Eng mit der Nieder­lassungserlaubnis verknüpft war die Gewährung eines Mindesteinkommens. Im Zusammenhang mit dem Reichshebammengesetz wurde die „Reichsfachschaft Deutscher Hebammen“ mit ihren einzelnen Landesgruppen sowie weitere Ver­einigungen von Hebammen aufgelöst und unter dem Namen „Reichshebammenschaft“ neu zusammengefasst. Als erste Leiterin wurde Nanna Conti ernannt. Mit der Berufsanerkennung bestand für jede Hebamme Mitgliedspflicht in der Reichs­hebammenschaft. (27, 28, 29, 76, 78, 142, 270)

Insgesamt betrachtet war dieses Gesetz eine große Errungenschaft für die Hebammen. Ihr Beruf wurde als selbständiger Beruf anerkannt und sozial aufgewertet. Es wurde ein umfangreiches Arbeitsgebiet mit Zuspruch neuer Kompetenzen geschaffen sowie ein Anspruch auf ein Mindesteinkommen gesetzlich gewährleistet.

In den folgenden Jahren wurden durch weitere Erlasse die Befugnisse der Hebammen erweitert. Am 30. Oktober 1939 und 2. Juli 1940 wurde die „Anwendung von Arzneimitteln und sonstigen Maßnahmen durch Hebammen bei drohender Lebensgefahr von Mutter und Kind“ zugelassen. Eine Hebamme durfte nun nach eigenem Ermessen wehenfördernde Mittel verabreichen und subkutane Injektionen in der Nachgeburtsperiode durchführen, wenn ein Arzt auch fernmündlich nicht zu erreichen war. Bisher durfte die Hebamme nur nach ärztlicher Anordnung Medikamente verabreichen. In einem weiteren Erlass vom 18. Juni 1940 wurde der Hebamme die Schwangeren-, Säuglings- und Kleinkinderfürsorge zugesprochen. (26, 206, 260)

Da trotz aller Propaganda die Anzahl der Hausgeburten immer weiter abnahm, wurden nun am 6. September 1939 eindeutige staatliche Maßnahmen ergriffen, um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten. Vom Reichsministerium des Inneren wurde eine Anordnung erlassen, in der es hieß: „Der zu erwartende Bedarf an Krankenhausbetten [Seite 15↓]macht es notwendig, dass die im Laufe der letzten Jahre auf Kosten der Hausentbindungen stark gestiegenen Zahl der Anstaltsentbindungen auf das unbedingt notwendige Maß zurückgeführt wird. Ich ersuche daher, die Leiter der Krankenhäuser und Entbindungsanstalten mit Ausnahme der Lehranstalten anzuweisen, Schwangere zur Entbindung nur dann aufzunehmen, wenn entweder eine ärztliche Notwendigkeit für die Aufnahme vorliegt oder die genaue Erfragung der Wohnungs- und Pflege­verhältnisse dies dringend notwendig erscheinen lässt. Hierbei ist jedoch von der Erkenntnis auszugehen, dass die Durchführung der Entbindung auch unter dürftigen Wohnverhältnissen unter der Einzelbetreuung der Hebamme weit bessere Ergebnisse für Mutter und Kind zeitigt, als die Entbindung im gegebenenfalls überfüllten oder mit Erkrankten verschiedener Art gefüllten Krankenanstalten ohne die für die Geburtshilfe erforderliche reichliche Zahl von nur hierfür zur Verfügung stehenden Ärzten und Pflegekräften und Isolierungsmöglichkeiten es vermag. Es ist daher bei der Beurteilung der Aufnahme aufgrund mangelhafter häuslicher Wohn- und Pflegeverhältnisse im Interesse der Schwangeren selber ein strengerer Maßstab anzulegen, als dies im allgemeinen bisher der Fall ist.“ (205)

Dieser Erlass sorgte für große Unsicherheit unter der Ärzteschaft und stellt den Höhepunkt der Auseinandersetzungen zwischen Gynäkologen und der Gesundheits­führung des Dritten Reiches dar. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), dabei besonders zu erwähnen sind die Professoren Döderlein und Stoeckel, trat in der Diskussion um die Frage der ‘Hausentbindungen – Anstalts­entbindungen‘ als Vertreter der Kliniker auf. Von der DGGG wurde eine Denkschrift erarbeitet, die kritisch Stellung zu folgenden Fragen nahm:

  1. Hausgeburt oder Anstaltsentbindung,
  2. Befugniserweiterung für Hebammen
  3. Vorsichtsuntersuchungen bei Schwangeren

Diese Denkschrift sollte an alle Mitglieder der Gesellschaft verschickt werden. Vorerst wurde inoffiziell ein Abdruck dem Reichsgesundheitsführer L. Conti zugeleitet, der daraufhin Professor Stoeckel zu einem Gespräch empfing. (236) Nach mehreren Briefwechseln und Gesprächen wurde ein Kompromiss gefunden. Die DGGG verzichtete auf die Versendung ihrer Denkschrift. Vom Reichsgesundheitsminister [Seite 16↓]wurden „24 Leitsätze für die Ordnung der Geburtshilfe“ entworfen. Sie entsprachen im Wesentlichen Stoeckels Thesen zur Geburtshilfe. (236) In diesen Richtlinien wurde klargestellt, dass die Schwangere selbst über den Entbindungsort entscheiden kann. Die Hausgeburt unter Leitung einer Hebamme sollte bei sogenannter normaler Entbindung weiter gefördert werden. Auf der anderen Seite wurden aber auch die Vorteile der Krankenhausentbindungen genannt und ihre Bedeutung in der Vergangenheit und in der Zukunft für den Fortschritt der modernen, wissenschaftlichen Geburtshilfe erwähnt. Des Weiteren wurde eine Ausweitung der Schwangerenvorsorge gefordert, um Entbindungen, die möglicherweise oder sicher pathologisch verlaufen werden, herauszufiltern und primär in ein Krankenhaus einzuweisen. Diese Leitsätze wurden nun anstelle der Denkschrift an die Mitglieder der DGGG verschickt und auch in der Zeitschrift „Der öffentliche Gesundheitsdienst“ veröffentlicht. (24, 270)

In den darauffolgenden Jahren fand man nur noch wenige Beiträge zu dem Streitthema ’Hausgeburt – Anstaltsentbindung’. Die Überlegenheit der Anstaltsentbindung war anerkannt worden, nicht nur in der wissenschaftlichen Geburtshilfe, sondern auch unter der Bevölkerung. Bis 1931 hatte der Anteil der Anstaltsentbindungen stetig zugenommen und lag bei 64,3%. In den darauffolgenden Jahren, bis 1936 musste man einen leichten Rückgang des Anteils an Anstaltsentbindungen verzeichnen, mit einem Tiefpunkt im Jahre 1934 mit 61,3%. Danach stieg die Zahl wieder an, um 1937 wieder in etwa die Werte von 1931 zu erreichen (64%). (240)


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