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3  DIE 50ER UND 60ER JAHRE – 
DER WEG ZUR KLINIKENTBINDUNG IN DER DDR

3.1 Die Gesundheitspolitik in der Nachkriegszeit

3.1.1 Die Sowjetische Besatzungszone

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Mai 1945 begann der Neuaufbau Deutschlands unter den vier Besatzungsmächten. In der sowjetisch kontrollierten Zone wurde am 9. Juni 1945 die Sowjetische Militäradministration (SMAD) errichtet. Durch den Erlass von Befehlen wurde der Aufbau der sogenannten Ostzone geregelt und dadurch Einfluss auf die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Zukunft in diesem Teil Deutschlands genommen.

Insgesamt herrschte ein sehr desolater Zustand auf dem Gebiet des Gesundheits­wesens, der in der Sowjetischen Besatzungszone noch wesentlich ernster war als in den westlichen Zonen. Obwohl es in der Nachkriegszeit durch die forcierte Ausbildung während des Krieges ein relatives Überangebot an Ärzten gab, waren diese ungleichmäßig verteilt. Viele Ärzte und Pflegepersonal hatten sich auf der Flucht vor der Roten Armee in den westlichen Besatzungszonen niedergelassen. (153, 229)

Die Gesundheitsämter und Gesundheitsverwaltungen waren personell verwaist und größtenteils nicht mehr arbeitsfähig. Der Großteil der Krankenhäuser war im Krieg stark zerstört worden und nur sehr eingeschränkt nutzbar. Es herrschte ein akuter Mangel an Krankenhausbetten. Bis Ende 1945 konnte eine Zahl von 185 000 Betten wieder notdürftig hergerichtet werden. Ebenso fehlten Arznei- und Verbandsstoffe. (165, 261)

Durch die große Zerstörung (mehr als die Hälfte des Wohnraums in den Grosstädten) waren die Wohnmöglichkeiten für die Bevölkerung sehr beschränkt. Licht-, Wasser- und Gasanlagen waren entweder völlig zerstört oder nur bedingt nutzbar. Gerade im Osten Deutschlands ließen sich viele Umsiedler nieder, die z.T. auf kleinstem Wohnraum lebten. Die Ernährungslage war katastrophal. Sie hatte sich in vielen Fällen auch negativ auf die Schwangerschaftsentwicklung ausgewirkt. Die Abort– und [Seite 18↓]Fehlgeburtenrate war in den ersten Nachkriegsjahren stark angestiegen. Es wurden vermehrt untergewichtige Kinder geboren. Die Unterernährung der Mütter beeinflusste die Qualität der Muttermilch und wirkte sich somit wiederum negativ auf die Entwicklung des Neugeborenen aus. Die Säuglingssterblichkeit war bedenklich angestiegen. Infektionskrankheiten und Seuchen, wie Fleckfieber, Typhus, Tuberkulose, Ruhr und Geschlechtskrankheiten, drohten sich in gefährlichen Maß auszubreiten.(15, 40, 92, 111, 117, 150, 153, 165, 261, 262)

Die allgemeine Sterblichkeit stieg auf Werte von über 20 / 1000 Einwohner. Im Jahre 1946 betrug die Säuglingssterblichkeit in der Sowjetischen Besatzungszone 131 gestorbene Säuglinge auf 1000 Geborene. (15)

Bereits im Juli 1945 erließ die SMAD Befehle, die das Gesundheitswesen betrafen. Der Befehl Nr.17 umfasste die Bildung der „Deutschen Zentralverwaltungen“, wobei der Gesundheitsdienst als eine gleichberechtigte und selbständige Zentralverwaltung aufgeführt war. (161)

Dieser und nachfolgende Befehle (Befehl Nr. 105, 234, 272) zielten auf den Aufbau eines neuen Gesundheitssystems nach sozialistischen Grundprinzipien.

Diese Prinzipien beinhalten:

Mit Befehl Nr.28 vom 27.01.1947 der SMAD wurde eine einheitliche Sozialversicherung eingeführt.

Bereits bis Ende 1947 waren in der Sowjetischen Besatzungszone zahlreiche poliklinische Einrichtungen entstanden. Um die flächendeckende ärztliche Versorgung der Bevölkerung in den Städten und auf dem Land sicherzustellen, wurde am [Seite 19↓]11.12.1947 der Befehl 272 der SMAD erlassen, der das Ziel hatte den systematischen Aufbau von öffentlichen Polikliniken und Ambulatorien fortzuführen. Der Befehl Nr.234 vom 9.10.1947 schuf die Grundlage für das Betriebsgesundheitswesen. Er verpflichtete die Betriebe, die erforderlichen Gebäude für die Einrichtungen des Gesundheitswesens zur Verfügung zu stellen bzw. zu errichten. Diese Befehle stellten eine einheitliche Entwicklungsgrundlage für das spätere Gebiet der DDR dar. In ihnen wurden auch die Organisation und die Aufgaben der Einrichtungen beschrieben. Polikliniken sollten mindestens fünf Fachabteilungen umfassen (Chirurgie, Innere Medizin, Gynäkologie und Geburtshilfe, Kinderheilkunde und Zahnheilkunde) sowie ausgestattet sein mit Röntgen- und Labordiagnostik. Sie sollten die diagnostisch – therapeutischen und prophylaktischen Aufgaben der medizinischen Grundbetreuung erfüllen. Ambulatorien sollten mindestens zwei Fachabteilungen umfassen. (15, 52, 117, 121, 161, 165, 178, 263)

Mit dem Befehl Nr. 156 wurde festgestellt, dass zu den Aufgaben des Gesundheits­wesens auch die Schwangerenfürsorge und die Säuglings- und Kleinkinderfürsorge gehört. Dies bedeutete die Anregung zur Errichtung von „Beratungsstellen für Frauen und Kinder“, von Säuglings- und Kleinkinderheimen, auch Frauenmilchsammelstellen und die Kontrolle der bereits vorhandenen Einrichtungen. (40)

Den absoluten Schwerpunkt der Gesundheitspolitik und –verwaltung bildeten die öffentliche Hygiene und Seuchenbekämpfung. Die Seuchenbekämpfung wurde zur wichtigsten Aufgabe sämtlicher Gesundheitseinrichtungen erklärt. Dazu wurden zahlreiche Bestimmungen erlassen. Darunter zählen die Befehle Nr. 25, 030 und 273 zur Verhütung und Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten, Befehl Nr.297 zum Kampf gegen die Tuberkulose, Befehl Nr. 46 und 105 für die Lebensmittel­überwachung. (161, 165, 261)

Schon in der unmittelbaren Nachkriegszeit nahm die „Frauenfrage“, als Bestandteil der „sozialen Frage“, einen großen Platz ein. (K. Winter 1949) So ging die Gestaltung der Frauenpolitik von der Zielsetzung aus, durch die dauerhafte Einbeziehung der Frauen in Wirtschaft und Gesellschaft ihre gesellschaftliche Stellung grundlegend zu verändern. Nur dadurch könne die sozialistisch proklamierte Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau erreicht werden. (256, 262)


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Am 19.02.1947 wurden mit dem Befehl Nr. 39 der SMAD gesetzliche Regelungen erlassen, die bei Wahrung des Frauenschutzes Hemmnisse für die Gleichberechtigung der Frauen beseitigten sollten. Für die Entwicklung der gesellschaftlichen Stellung der Frau waren politische Organisationen wichtig, die ihre Interessen vertraten und Einfluss auf das politische Leben ausübten. Mit Befehl dem Nr.080 wurde die Arbeit der demokratisch – antifaschistischen Frauenausschüsse bei den Stadtverwaltungen in der sowjetischen Besatzungszone organisatorisch geregelt, aus denen im März 1947 der Demokratische Frauenbund Deutschlands (DFD) hervorging. (256)

Für das Gesundheitswesen stand nun die Aufgabe, „... der Frau die Erleichterungen und die Voraussetzungen bei der Arbeit zu schaffen, die ihre physische Eigenart erforderlich macht. Wir müssen ihr helfen, dass sie ihre Arbeit ohne Gefährdung ihrer Gesundheit durchführen kann.“ (K. Winter 1949)

Um die Entwicklung auf dem Gebiet der Gesundheitsfürsorge der Frau voranzutreiben, wird das Jahr 1949 unter das Motto „Jahr der Fürsorge für Mutter und Kind“ gestellt. (262)

3.1.2 Die ersten Jahre nach der Gründung der DDR

Am 7.10.1949 wurde die DDR gegründet. In der Verfassung wurde die Gleich­berechtigung zwischen Mann und Frau festgeschrieben. Die Ehe und die Familie wurden unter besonderen Schutz des Staates gestellt.

Unmittelbar nach der Gründung erfolgte eine umfangreiche Ausgestaltung der sozialen Rechte der Bürger, die für die Entwicklung des Gesundheitsschutzes von prägender Bedeutung war. Der III. Parteitag der SED im Juli 1950 beschloss für den ersten Fünfjahresplan 1951 – 1955 wesentliche Maßnahmen zur Verbesserung des Gesund­heitszustandes der Bevölkerung. Im Vordergrund des Beschlusses stand die Ent­wicklung des Gesundheitsschutzes, insbesondere die Erweiterung prophylaktischer Maßnahmen.


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Von besonderer Bedeutung war das „Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau“ vom 27. September 1950. (71)Mit diesem Gesetz sollte der Frau die Möglichkeit gegeben werden, Mutterschaft und Berufstätigkeit zu vereinbaren, ohne die Gefahr der Überforderung und Doppelbelastung einzugehen. Gleichzeitig sollte der Kinderwunsch gefördert werden.

Das Gesetz gliedert sich in vier Abschnitte.

1. Der erste Abschnitt betrifft die staatliche Hilfe für Mütter und Kinder. Es wurde eine Geburtenbeihilfe festgelegt, die ab dem dritten Kind und dann steigernd für jedes weitere Kind gezahlt wurde.

In § 4 wurde zur Verbesserung der ärztlichen Betreuung der Kinder die Errichtung von Kinderpolikliniken, Kinderabteilungen in Krankenhäusern und Kinderheime für Klein­kinder festgeschrieben.

„Um die Heranziehung der Frauen zur gesellschaftlichen schöpferischen Arbeit ... zu ermöglichen,...“ wurde in § 5 die Errichtung von Kinderkrippen und Kindertagesstätten angeordnet.

Im folgenden Paragraf wurde die weitere Eröffnung von 190 Mütter- und Kinderberatungsstellen festgelegt, mit dem Ziel, dass in jedem Kreis durchschnittlich nicht weniger als drei Beratungsstellen vorhanden waren. Es wurden auch die Aufgaben der Beratungsstellen genannt. Ihnen oblag:

  1. die Registrierung sämtlicher schwangeren Frauen,
  2. die laufende ärztliche Betreuung ihrer Gesundheit,
  3. die hygienische Erziehung der schwangeren Frauen,
  4. die allgemeine Beratung in sozialen und rechtlichen Fragen,
  5. die ärztliche Betreuung der stillenden Mütter,
  6. die ärztliche Beobachtung der Gesundheit und Entwicklung der Kleinkinder bis zum 3. Lebensjahr. (71)

Nach §7 erhielten schwangere Frauen ab dem 6. Monat und stillende Mütter während der ganzen Periode des Stillens die doppelte Lebensmittelration.

Des Weiteren wurde in § 8 auf die Anzahl der Entbindungsbetten eingegangen. In Grosstädten und Industriezentren sollten 10 Entbindungsheime mit je 60 bis 100 Betten [Seite 22↓]errichtet werden. In den vorhandenen Krankenhäusern sollten neue Entbindungs­abteilungen mit einer Erhöhung der Gesamtbettenzahl auf 2000 geschaffen werden.

Mit § 10 wurde für arbeitende Frauen ein Schwangerschafts- und Wochenurlaub von fünf Wochen vor und sechs Wochen nach der Geburt unter Fortzahlung des durchschnittlichen Nettoeinkommens gewährt. Von der Sozialversicherung war eine Unterstützung zur Anschaffung einer Wäscheausstattung für jedes Neugeborene in Höhe von 50 DM zu zahlen.

Die künstliche Unterbrechung der Schwangerschaft stand unter Strafe. Ausnahmen bildeten die medizinische und eugenische Indikation.

2. Der zweite Abschnitt betrifft die Ehe und die Familie: „Eine gesunde Familie ist einer der Grundpfeiler der demokratischen Gesellschaft.“

Er umfasst das Familienrecht, das gemeinsame Entscheidungsrecht der Eheleute in Fragen der Kindererziehung, der Wahl des Wohnsitzes und der Wohnung und der Haushaltsführung. Die Diskriminierung der unehelichen Mutter wurde beseitigt: „Die nichteheliche Geburt ist kein Makel.“

3. Der dritte Abschnitt befasst sich mit der „Frau in der Produktion und der Schutz ihrer Arbeit“. Er enthält Förderungsmaßnahmen für die berufstätige Frau, die die Ausbildung, die Qualifizierung und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen betreffen. Insbe­sondere waren Schutzbestimmungen für die in einem Beruf arbeitende Frau, sowie gesundheitliche und soziale Maßnahmen festgelegt worden.

4. Der vierte Abschnitt beinhaltet die Tätigkeit der Frau im staatlichen und gesellschaftlichen Leben.

Um die Forderungen des Gesetzes praktisch zu verwirklichen, wurden in der Periode von 1953 bis 1961 zahlreiche Beschlüsse, Durchführungsbestimmungen und Richtlinien erlassen.


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Am 03.06.1953 wurde eine Durchführungsbestimmung zum „Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau“ und am 02.01.1954 Richtlinien für die Tätigkeit der Schwangerenberatungsstellen erlassen. Sie stellten die Basis dar zur Realisierung einer systematischen gesundheitlichen Vorsorge, sozialen Fürsorge und hygienischen Erziehung aller werdenden Mütter zur Verhinderung, Früherkennung und Beseitigung von Störungen des Schwangerschaftsverlaufes. In den Bestimmungen waren die Organisation und die Aufgaben der Schwangerenberatungsstelle näher erläutert. Die Beratungsstellen wurden nun offiziell „Schwangeren- und Mütter­beratungsstellen“ genannt. Weitere Richtlinien dazu wurden 1955 und 1964 erlassen.

Die Idee der Schwangerenberatungsstellen war nicht neu, aber zum ersten Mal waren ihre Aufgabenbereiche und das Ziel der systematischen Schwangerenvorsorge gesetzlich festgehalten worden. Bereits Max Hirsch hatte auf die Bedeutung der Schwangerenberatung hingewiesen um z. B. pathologische Schwangerschaftsverläufe aufzudecken. Gustav Döderlein stellte in den 40er Jahren konkrete und gut detaillierte Vorschläge für eine systematische Schwangerenberatung vor. Dabei unterschied er zwischen Schwangerschaftsvorsorge, d.h. der somatischen Betreuung, und der Schwangerschaftsfürsorge, also der sozialen Betreuung der Schwangeren. Er sah in einer intensiven Schwangerenbetreuung eine wesentliche Voraussetzung für eine weitere Verminderung der peripartalen und perinatalen Mortalität. (60, 36, 50, 57, 170, 198, 203, 227, 244)

1953 schreibt Kraatz in einem Artikel „Über die Notwendigkeit der Schwangeren­beratung brauche ich kein Wort zu verlieren.“ (128)

Um die schwangeren Frauen zu einem regelmäßigen Besuch der Schwangeren­beratung von einem möglichst frühen Zeitpunkt der Schwangerschaft an zu veranlassen (und der Forderung nach der Registrierung sämtlicher schwangeren Frauen Folge zu leisten), wurde einmal die Notwendigkeit der Aufklärung über den regelmäßigen Besuch der Schwangerenberatungsstelle unterstrichen, zum anderen wurde durch den Staat ein gewisser materieller Anreiz geschaffen. Die Aufklärung erfolgte in Vorträgen der Beratungsstellen, z. B. Mütterschulungskurse oder Vorträgen des DFD, Rundfunk, Kino, Informationsblättern und im persönlichen Gespräch, mit dem Ziel, die Frauen für eine freiwillige Inanspruchnahme der Schwangerenberatung zu gewinnen. (133, 144, 184, 185, 186, 198, 199, 252)


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Die gesonderte Erwähnung der Notwendigkeit der Aufklärung der Schwangeren über die Bedeutung und Wichtigkeit der Schwangerenberatung findet man ab der „Richtlinie über die Schwangerenberatungsstellen“ von 1964 nicht mehr.

Bis 1949 war der Besuch der Schwangerenberatungsstellen mit der Gewährung von Milch- und Weißbrotscheinen an Frauen mit reduziertem Ernährungszustand verbunden. (144, 207)Mit dem Inkrafttreten des "Gesetzes über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau" 1950 hatte, wie bereits erwähnt, jede schwangere Frau vom 6. Monat der Schwangerschaft an das Recht auf eine zusätzliche Lebensmittelration. 1958 wurde das Lebensmittelkartensystem abgeschafft und in dem Gesetz zur Änderung des "Gesetzes über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau" vom 28.05.1958 die Auszahlung von Kinderbeihilfen festgelegt. Diese Beihilfen waren einmalige Zahlungen, die bereits bei der Geburt des ersten Kindes gezahlt wurden. Für das erste Kind erhielt die Frau 500 DM, für das zweite 600 DM, das dritte 700 DM, für das vierte 850 DM und jedes weitere Kind 1000 DM. Für die Auszahlung dieser Geldbeträge war die Mütter- und Stillkarte erforderlich, die nur von den Schwangerenberatungsstellen ausgestellt wurden. (72)Die Auszahlung erfolgte in Teilbeträgen, von der ersten Beratung an bis 3 Monate nach der Entbindung. Um die Mütter zu einem möglichst frühzeitigen Besuch der Schwangerenberatung zu bewegen, wurde die erste Rate des Schwangerengeldes reduziert, wenn die Vorstellung später als bis zum Ablauf des 4. Monats erfolgte. (198, 229)

Des Weiteren wurden die Anzahl der ärztlichen Untersuchungen sowie die jeweils durchzuführenden Untersuchungen und Beratungen festgelegt. 1954 sind vier Untersuchungen erwähnt, 1978 sind Konsultationen im Vier – Wochen – Abstand bis zur 28. Schwangerschaftswoche, Drei – Wochen – Abstand von der 29. – 36. Schwangerschaftswoche und alle ein bis zwei Wochen von der 37. – 40. Schwangerschaftswoche vorgesehen. (184)

In der ersten Richtlinie über die Tätigkeit der Schwangerenberatungsstellen von 1954 steht unter „Aufgaben der Ärzte und Hebammen“: „Die Beratungsstelle weist in allen Fällen auf die Vorzüge einer gut geleiteten Anstalts- vor der Hausentbindung hin.“ Anschließend werden kurz die Vorteile einer Anstaltsentbindung genannt. Es werden auch die Indikationen für eine Klinikentbindung aufgeführt und auf die rechtzeitige Überweisung in die Klinik hingewiesen. (184) In den Richtlinien vom 28.02.1955, in [Seite 25↓]denen der Plan für die Mütterschulungskurse bekannt gegeben wurde, steht im Programm die Erläuterung der „Vorteile der Anstaltsentbindung“. (185) Eine grundsätzliche Forderung nach einer Klinikentbindung war zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich, da noch nicht ausreichend Entbindungsbetten zur Verfügung standen.

Noch 1953 wurde gefordert, die Beratungsstellen in geeigneten Räumen der staatlichen Verwaltung, möglichst in Räumen der stationären oder ambulanten Einrichtungen des staatlichen Gesundheitswesens zu errichten. (43) In den Richtlinien von 1964 ist vermerkt, dass die Schwangerenberatungsstellen den geburtshilflich – gynäkologischen Fachabteilungen der Krankenhäuser zuzuordnen sind. Dadurch sollte eine bessere Koordinierung der Arbeit zwischen den Schwangerenberatungsstellen mit den zuständigen stationären geburtshilflichen Kliniken erreicht werden. (186) Durch den regelmäßigen Besuch eines Krankenhauses sollte den Frauen wohl auch die Angst vor einer klinischen Geburt und dem damit verbundenen Krankenhausaufenthalt ge­nommen werden.

Des Weiteren heißt es: „Grundsätzlich ist für jede Schwangere eine klinische Entbindung anzustreben.“ Bis 1963 waren so viele Entbindungsbetten in fachärztlich geleiteten stationären Abteilungen eingerichtet worden, dass theoretisch alle Ent­bindungen stationär hätten durchgeführt werden können, wenn dies von den Schwangeren gewünscht worden wäre.

Auch die personelle Besetzung der Schwangerenberatungsstellen wurde in den Richtlinien festgelegt. Es sollten Fachärzte für Gynäkologie und Geburtshilfe bzw. in der Geburtshilfe erfahrene Ärzte, Hebammen und Fürsorgerinnen tätig sein. In Schwangerenberatungsstellen, die Krankenhäusern angeschlossen waren, sollten möglichst in der Klinik tätige Ärzte die Beratungen durchführen. Dadurch war nicht mehr nur die örtliche Nähe zwischen Beratungsstelle und Krankenhaus gegeben, sondern die Zusammenarbeit konnte „personifiziert“ und so ein größeres Vertrauen der Schwangeren gewonnen werden. (184, 186) Ruck und Jungnickel (1954) schrieben dazu: „Ein weiterer Vorteil gehäufter Untersuchungen und Beratungen im letzten Schwangerschaftsdrittel ist schließlich, jedenfalls für die an Kliniken, geburtshilflichen Abteilungen und Entbindungsanstalten angeschlossenen Beratungsstellen, in der verstärkten persönlichen Fühlungsnahme zwischen der Schwangeren und dem Arzte zu sehen, .... Das hieraus erwachsende unbedingte Vertrauen und nicht zuletzt die Gewöhnung an das klinische Milieu vermögen die Haltung der Kreißenden unter der [Seite 26↓]Geburt, vielleicht sogar ihre Einstellung zu künftigen Schwangerschaften entscheidend zu beeinflussen, ....“ (203)

Ähnliche Vorteile über diese Symbiose zwischen Beratungsstelle und Krankenhaus und dem dazugehörigen Personal beschreibt auch Krüger bereits Ende der 50er Jahre und forderte damit eine Umorganisation der Schwangerenberatungsstellen. (136)

Betrachtet man die Statistik über die Beratungen in den Schwangerenberatungsstellen, so sieht man, dass die Zahl der erfassten Frauen stetig stieg. Ab 1958 übersteigt die Zahl der erfassten Schwangeren sogar die Anzahl der Geburten. Ob diese Tatsache auf Ungenauigkeiten bei der Registrierung zurückzuführen ist oder ob auch die Frauen in der Frühschwangerschaft beraten wurden, die später einen Abort erlitten, bleibt ungeklärt. (198)

Das Ziel, die Erfassung sämtlicher schwangerer Frauen, kann jedenfalls somit als erreicht angesehen werden. (64, 65, 141, 198, 200)

Durch die systematische Erfassung nahezu aller werdenden Mütter durch die Beratungsstellen, die Zusammenfassung vieler Schwangerer in großen Einrichtungen und die starke Zunahme der Klinikentbindungen konnte man den Anforderungen einer umfassenden psychischen Betreuung der schwangeren Frau während der Schwangerschaft und der Geburt, die früher durch die Hebamme erfolgte, oft nicht mehr ausreichend gerecht werden. Bereits in den 50er Jahren gewann die sogenannte psychoprophylaktische Methode der Geburtsvorbereitung, die auf Grundlage der Pawlowschen Lehre entwickelt wurde, immer mehr an Bedeutung. Der Ministerratsbeschluss vom 08.07.1954 forderte eine verstärkte „Anwendung der psychoprophylaktischen Methode zur Linderung des Geburtsschmerzes nach dem Beispiel der Leipziger Universitätsfrauenklinik“. Es entstanden psychoprophylaktische Geburts­vorbereitungsprogramme, die von den Beratungsstellen angeboten wurden. Zunehmend wurde nun den Aufgaben der Schwangerenberatung neben der Vorsorge und der Fürsorge ein dritter Punkt zugefügt, die sogenannte Psychoprophylaxe, also die psychische Vorbereitung auf die Geburt. (14, 131, 185, 198) Somit umfassen die Aufgabenbereiche der Schwangerenberatung die Schwangerenvorsorge, die Schwan­gerenfürsorge und die Psychoprophylaxe.


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Im Jahre 1951 wurde die Errichtung von Frauenmilchsammelstellen gesetzlich angeordnet. Sie existierten bereits vor dieser Anordnung, unterlagen aber keiner gesetzlichen Regelung. Besonders verdient gemacht haben sich um deren Aufbau M.E. Kayser und ihr Mann K. Kayser aus Erfurt(118, 119, 120) Von vielen Geburts­helfern wurde immer wieder auf die Bedeutung der Frauenmilchsammelstellen hinge­wiesen, da Frauenmilch die beste Nahrung für das Neugeborene darstellt. (54, 118, 212, 243) Man hatte herausgefunden, dass die Säuglingssterblichkeit, vor allem der Säuglinge, die künstlich ernährt wurden, wesentlich höher war als die von gestillten Säuglingen. Besonders bedeutsam war die gesammelte Frauenmilch für Frühgeburten. Sie hatten durch die Ernährung mit Frauenmilch eine höhere Überlebenschance. (46, 118, 149, 150) Des Weiteren waren die Frauenmilchsammelstellen zur damaligen Zeit insofern von Bedeutung, als noch nicht genügend hochwertige künstliche Säuglingsnahrung zur Verfügung stand. (8, 44)

Auf dem V. Parteitag der SED im Juli 1958 wurden weitere Aufgaben für die Ent­wicklung des Gesundheitswesens festgelegt. Für den Gesundheitsschutz von Mutter- und Kind wurden folgende Aufgaben formuliert: Die Förderung der Geburtenent­wicklung, die Senkung der Säuglingssterblichkeit, die Verstärkung der Reihenunter­suchungen der Frauen, die Förderung der Anstaltsentbindung und die Verbesserung der Frühgeburtenbetreuung. Den letzten beiden Punkten wird dabei eine besondere Bedeutung beigemessen. (117)

Am 24.02.1949 wurde von der Deutschen Wirtschaftskommission die Anordnung über die Niederlassung der Ärzte verabschiedet. Danach wurden Neueröffnungen von ärztlichen Praxen nur genehmigt, wenn unter Berücksichtigung der gesamten Planung des ambulanten Gesundheitswesens und den Bedürfnissen der Bevölkerung entsprechend, eine Verstärkung der öffentlichen Behandlungsstellen notwendig war. Die Niederlassung konnte versagt werden, wenn die ärztliche Versorgung in dem betreffenden Gebiet gesichert war oder wenn es sich um die erste Niederlassung handelte oder wenn dem Antragsteller eine entsprechende Stelle im öffentlichen Gesundheitssystem nachgewiesen werden konnte. (165, 202, 261) Viele private Arztpraxen wurden, „aus ideologischer Gründen“, in staatliche Praxen umgewandelt. [Seite 28↓]Aufgrund dieser Beschränkungen wanderten viele Ärzte in die westlichen Besatzungszonen ab. Infolge dieser Fluchtbewegung herrschte ein akuter Mangel an Ärzten und Pflegepersonal. Im Jahre 1949 waren 7,0 Ärzte je 10 000 der Bevölkerung registriert. (233)Die Zahl der tätigen Ärzte stieg nur langsam an, gerade die erste Hälfte der 50er Jahre war geprägt von der Ärzteabwanderung. (1953 7,6, 1954 7,7, 1955 7,7 Ärzte je 10 000 der Bevölkerung) (233)

Mitte 1951 wurde eine Steuervergünstigung für Einnahmen aus „freiberuflicher Tätigkeit“ verabschiedet. (165)Diese Maßnahme reichte aber nicht aus, um die Ärzte im Land zu halten. Nachdem 1959 rückläufige Zahlen beim Verlassen der DDR zu verzeichnen waren, stieg deren Zahl 1960 wieder massiv an. Die Versorgungs­schwierigkeiten in der medizinischen Betreuung spitzten sich dramatisch zu, sodass am 18.12.1960 ein Kommuniqué über „Maßnahmen zur weiteren Entwicklung des Gesundheitswesens und zur Förderung der Arbeit der medizinischen Intelligenz“ veröffentlicht wurde. (229) Es gestattete unter anderem eine Weiterführung der Praxen durch die Kinder niedergelassener Ärzte sowie die Genehmigung neuer Nieder­lassungen. Kurz nach dieser Veröffentlichung wurde am 13.08.1961 die Staatsgrenze zur BRD militärisch geschlossen. Die Beschlüsse blieben erhalten, aber die Genehmi­gungszahlen für private Niederlassungen blieben äußerst gering. Nach der Schließung der Grenzen stabilisierte sich langsam die Situation. (1961 8,5 Ärzte je 10 000 der Bevölkerung, 1962 bereits 9,1) (229, 233)

Für die mittleren medizinischen Berufe, z. B. Hebammen, galten ähnliche Regelungen, die im Abschnitt „verändertes Berufbild der Hebamme“ besprochen werden.


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3.2  Die Diskussionen um das Thema Hausgeburt und / oder Klinikgeburt in der DDR

3.2.1 Demographische Entwicklung

Ein Jahr nach Kriegsende, im Jahre 1946 betrug in der sowjetischen Besatzungszone der Anteil der Anstaltsentbindungen je 100 Geborene insgesamt 27%. Es waren natürlich, wie auch in der bisherigen Entwicklung, bedeutende Unterschiede zwischen den Grosstädten und den ländlichen Regionen zu verzeichnen. Auf dem Lande fanden vor allem Hausgeburten statt. Insgesamt überwiegen auf dem Gebiet der DDR die ländlichen Regionen. Die Anzahl der Anstaltsentbindungen nahm Jahr für Jahr kontinuierlich zu. 1950 wurde ein Anteil von 38% vermerkt, 1952 bereits von 48,2% und 1955 von 71,0%. (Abb.1)

Innerhalb der DDR gab es zwischen den Bezirken große Unterschiede. So fanden 1955 im Bezirk Suhl erst 53,8% der Geburten in einer geburtshilflichen Anstalt statt. In den Bezirken Erfurt (61,5%), Cottbus (66,5%), Magdeburg (68,0%), Halle (67,1%), Gera (70,5%) und Leipzig (70,9%) lag der Anteil der Anstaltsentbindungen zum Teil weit unter dem DDR – Gesamtdurchschnitt. Frankfurt und Potsdam führten mit 77,8% Anstaltsgeburten.

In den folgenden Jahren war der Zuwachs nicht mehr so stark, aber dennoch stetig. Innerhalb der Bezirke lässt sich diese Entwicklung, nur von unterschiedlichen Ausgangswerten aus verfolgen. Bereits 1961 war die 90% - Grenze überschritten worden. 1964 wurden 95,5% der Kinder in einem Krankenhaus geboren. Ende der 60er Jahre waren es dann 98,9%. 1967 erfolgte in den statistischen Erhebungen zum letzten Mal die Differenzierung nach Hausgeburt und Anstaltsentbindung für alle Bezirke. Suhl (95,7% Klinikentbindungen), Erfurt (95,2%), Magdeburg (97,3%) und Cottbus (97,4%) liegen weiterhin unter dem DDR Durchschnitt von 98,1%. In Karl – Marx – Stadt ist mit 99,4% die höchste Rate an Klinikgeburten zu verzeichnen, gefolgt von Gera mit 99,3%. Im Jahr 1970 wurde der Anteil der Anstaltsentbindungen für das gesamte Gebiet der DDR mit 99,1% angegeben. In den folgenden Jahren wurde der Prozentsatz der Anstaltsgeborenen nicht mehr statistisch aufgeführt. Er wurde nahezu als 100% angesehen. (233)


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Abbildung 1: Hausgeburten je 100 Geborene auf dem Gebiet der damaligen DDR

(zusammengestellt aus den Statistischen Jahrbüchern der DDR 1950 - 1971)

Ähnlich vollzog sich die Entwicklung der Entbindungsbetten. Um den Forderungen in dem „Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau“ Folge zu leisten, d.h. Entbindungsheime zu schaffen und die Bettenzahl in den vorhandenen Krankenhäusern zu erhöhen, stieg die Anzahl der Entbindungsbetten in den ersten Jahren rasch an. (71, 184)Insgesamt gab es Entbindungsbetten in Krankenhäusern, in Polikliniken und Ambulatorien sowie in Mütter- und Säuglingsheimen. Daneben gab es noch selbständige Entbindungsheime. Diese Heime wurden meist in Verbindung mit Landambulatorien errichtet um jeder Frau, besonders in ländlichen Regionen, die Möglichkeit zu geben unter hygienisch einwandfreien Bedingungen und unter ärztlicher Kontrolle ihr Kind zur Welt zu bringen. Die Schwangeren konnten längere Zeit vor und nach der Entbindung in dem Heim aufgenommen werden. Man erhoffte sich dadurch eine Senkung der Säuglingssterblichkeit, die auf dem Lande bedeutend höher war als in den Städten. (15)


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1951 wurden 5007 Entbindungsbetten in Krankenhäusern registriert, in ambulanten Behandlungsstellen waren es 521. Die Entbindungsbetten in Mütter- und Säuglings­heimen waren mit 301 angegeben.

Die Zahl der stationären Entbindungsbetten stieg kontinuierlich bis zum Jahr 1965 an: 1955 waren es 7156 Betten, 1960 7581 und 1965 8431 Betten. In den folgenden Jahren nahm die Anzahl der Entbindungsbetten ab und erreichte ein Tief von 7005 Entbindungsbetten im Jahre 1975. Dieser Abfall war bedingt durch die demographische Entwicklung. Bis Mitte der 70er Jahre hatte die Geburtenrate stark abgenommen, danach war wieder ein leichter Anstieg zu verzeichnen. Ebenso stieg auch die Anzahl der Betten wieder an und erreichte 1988 in etwa die Anzahl der Entbindungsbetten von 1977.

Während zu Beginn der 50er Jahre auch die Entbindungsbetten in ambulanten Behandlungsstellen stetig zunahmen (1951 521 ambulante Entbindungsbetten, 1953 714, 1955 917 Entbindungsbetten), sank deren Zahl bereits ab 1955 wieder ab. (1958 874, 1960 809, 1963 451, 1965 293 ambulante Entbindungsbetten) 1970 betrug die Anzahl der Entbindungsbetten in ambulanten Behandlungsstellen 87. 1975 waren es nur noch 20.

Ähnlich verlief auch die Entwicklung der Entbindungsbetten in den Mütter- und Säuglingsheimen. Bis Mitte der 50er Jahre stieg deren Zahl an, 1954 wurden mit 405 Entbindungsbetten die meisten registriert. Dann wurden die Heime zunehmend reduziert und so auch die Anzahl der Betten. 1955 waren es 299 Betten, 1960 noch 224, 1965 59, 1970 nur noch 19 und 1975 12 Entbindungsbetten in Mütter- und Säuglingsheimen.

Ab dem Jahre 1977 wurden im „Statistischen Jahrbuch der Deutschen Demokratischen Republik“ die Entbindungsbetten nicht mehr gesondert nach ambulanten Behandlungsstellen und Mütter- und Säuglingsheimen aufgeführt. Es wurden nur noch die Entbindungsbetten in Krankenhäusern statistisch festgehalten sowie die Gesamtbettenzahl in den Mütter- und Säuglingsheimen.

Entsprechend der Entwicklung der kleinen Einrichtungen wurden auch die selbständigen Entbindungsheime nach und nach aufgelöst. Im Jahre 1955 waren insgesamt 23 Entbindungsanstalten mit 437 Betten verzeichnet. Davon waren 17 Entbindungsheime in staatlichem Besitz, vier waren konfessionelle Einrichtungen, zwei [Seite 32↓]in privatem Besitz. 1965 waren es noch neun Entbindungsheime mit 229 Betten, 1970 gab es nur noch fünf mit 114 Betten. Von diesen fünf Einrichtungen waren zwei staatlich, drei gehörten Religionsgemeinschaften an. 1975 sind zwei Entbindungsheime mit 87 Betten aufgeführt. Eines der beiden Entbindungsheime ist eine private Einrichtung einer Religionsgemeinschaft, das andere eine staatliche Einrichtung. (233)

Insgesamt kann man eine deutliche Konzentrierung der Entbindungsbetten auf große, leistungsfähige Krankenhäuser erkennen. Die Anzahl der Entbindungsbetten ging insgesamt zurück. Diese Tatsache lässt sich allerdings mit dem allgemeinen Geburtenrückgang in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erklären.

Abbildung 2: Entbindungsbetten in Krankenhäusern, in ambulanten Behand­lungsstellen und in Mütter- und Säuglingsheimen

(zusammengestellt aus den Statistischen Jahrbüchern der DDR 1952 – 1989)


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3.2.2  Das Thema Hausgeburt und Klinikentbindung im Spiegel der medizinischen Zeitschriften der DDR

Nach den letzten großen Auseinandersetzungen um das Thema der Hausgeburt und / oder Anstaltsgeburt im Dritten Reich und den daraus resultierenden „Leitsätzen für die Ordnung der Geburtshilfe“ 1940 war es in den medizinischen Zeitschriften etwas stiller um dieses Thema geworden, ohne aber vollständig aus der Zeitschriftenwelt zu verschwinden. Die Bedeutung der Anstaltsgeburtshilfe, gerade in bezug auf kompliziert verlaufende Geburten und das Krankenhaus als einzigen und sichersten Ort für die operative Geburtshilfe, war allgemein anerkannt und mit Zahlenmaterial belegt worden.

In den Jahren nach der letzten großen öffentlichen Auseinandersetzung, das heißt Anfang der 40er Jahre bis etwa Mitte der 60er Jahre, wurden weitere Arbeiten und Analysen aus verschiedenen Kliniken veröffentlicht, die sich mit dem Vergleich der Hausgeburt und der Anstaltsgeburt und ihren Auswirkung auf die Mütter- und Säuglingssterblichkeit beschäftigten. (2, 6, 17, 31, 47, 57, 58, 77, 83, 105, 106, 112, 123, 143, 174, 191, 220, 227, 242, 263, 264)

Die Analysen der Mütter- und Säuglingssterblichkeit wurden seit jeher als Gradmesser in der Beurteilung der Qualität der geburtshilflichen Tätigkeit verwendet. (49, 106, 131, 198, 263)Nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhr die Thematik einen neuen Anstoß. Durch den Krieg und die damit verbundenen sozialen und wirtschaftlichen Probleme war die Säuglingssterblichkeit und die Rate der Fehlgeburten stark gestiegen. (40, 92, 150, 153, 264)Somit wurde in der Nachkriegszeit die Bekämpfung der Säuglings­sterblichkeit und auch der Müttersterblichkeit zu einem zentralen Thema.

Es war bereits allgemein anerkannt, dass die Häufigkeit von Sterbefällen während der Schwangerschaft nicht ausschließlich eine Resultante der Qualität des geburtshilflichen Handelns ist, sondern dass auch nicht – medizinische Einflüsse eine nicht zu unterschätzende Bedeutung haben. Hier zu nennen sind Transportprobleme, abhängig von geographischen und meteorologischen Bedingungen, und vor allem soziale Faktoren.

Des Weiteren war anerkannt, dass durch die Überwachung der dem Geburtsvorgang gewissermaßen vorgeschalteten Zeit der Schwangerschaft Komplikationen frühzeitig [Seite 34↓]erkannt werden können und somit die Schwangeren einer aussichtsreichen Therapie zugeführt werden können. Dadurch könnte die so gefährliche sekundäre Klinikeinweisung vermindert werden. Die Schwangerenbetreuung wurde also als wesentliche Voraussetzung für eine weitere Verminderung der mütterlichen und kindlichen Mortalität angesehen. (3, 10, 13, 35, 36, 37, 38, 40, 57, 65, 66, 74, 102, 112, 131, 133, 135, 136, 143, 151, 153, 154, 162, 170, 174, 196, 203, 208, 220, 227, 262, 264, 265)

Mit der Gründung der DDR und auch bereits in der sowjetischen Besatzungszone standen diese Themen in einem neuen Gesundheits- und Gesellschaftssystem zur Diskussion.

In den Zeitschriften wurde zu dem Thema der klinischen Geburtshilfe meist im Zusammenhang mit der Mütter- und Säuglingssterblichkeit berichtet, die den eigentlichen Auslöser der ganzen wissenschaftlichen Diskussionen zu Beginn des Jahrhunderts dargestellte hatte. Des Weiteren wurde zu der Thematik in Verbindung mit prophylaktischen Maßnahmen Stellung genommen.

Von vielen Autoren, unterstützt durch das staatliche Gesundheitssystem, wurde ein besonderer Stellenwert auf die Prophylaxe gelegt. Entgegen einigen Auffassungen, die davon ausgingen, dass eine weitere Verbesserung der bisher erzielten Ergebnisse in der klinischen Geburtshilfe nicht möglich sei, vertraten sie die Meinung, dass eine weitere Steigerung erreichbar und auch nötig ist. Diese Verbesserung ist aber nicht durch weitere Optimierung operativer Techniken und Methoden, aseptischer Vor­gehensweise oder veränderter Indikationsstellungen des Kaiserschnittes wie bisher zu erzielen, da diese einen hohen Grad der Vervollkommnung erreicht haben. Eine Verbesserung sei nur durch „Geburtsprophylaxe“ möglich. Darunter fasste man die Schwangerenberatung und die primäre Klinikentbindung zusammen. Sie wurden auch als „die beiden Säulen der modernen Geburtshilfe“ bezeichnet. (35, 49, 50, 55, 57, 66, 128, 129, 134, 135, 151, 153, 197, 198) Ganse schreibt dazu: „Wir möchten noch einmal betonen, dass unserer Auffassung nach die Problematik in der modernen Geburtshilfe darin liegt, dass man den Wandel, den die geburtshilflichen Maßnahmen erfahren haben, erkennen muss. Sie werden dadurch bestimmt, dass Prophylaxe und Klinikentbindung in den Vordergrund getreten sind.“ (66)


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Aus diesem Grund wurde im Bemühen um eine weitgehende Durchsetzung prophylaktischer Prinzipien die klinische Geburtshilfe von Anfang an gefördert. Ihre Grundlage hatte diese Förderung, wie bereits beschrieben, in dem „Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau“ vom 27.09.1950, in den „Richtlinien für die Tätigkeit der Schwangerenberatungsstellen“ vom 02.01.1954 sowie in der von Schröder (1955) überarbeiteten Hebammendienstordnung. (71, 184, 219)

In den ersten Jahren der DDR wurde zunächst nach dem Prinzip Hirschs im Sinne der „Neuordnung der Geburtshilfe“ verfahren, das heißt, dass alle voraussichtlich pathologisch ablaufenden Geburten in die Klinik überwiesen wurden. (97) Dies war nötig, da die technische Ausstattung, also die Anzahl der Krankenhäuser sowie die Anzahl der geburtshilflichen Betten noch nicht ausreichten und die personelle Situation nicht ausreichend war, um alle Frauen in einer Klinik entbinden zu können. (37, 50, 129, 162, 174, 198) Natürlich war auch das Gros der Frauen noch nicht auf eine primäre Klinikentbindung eingestellt. Vor allem auf dem Lande waren Traditionen tief verwurzelt.

Die meisten Geburtshelfer forderten aber für die Zukunft den „Idealzustand“, das heißt, dass möglichst jede Geburt eine Anstaltsgeburt sein sollte. (55, 90, 128, 147, 151, 162, 180, 191, 199, 220, 262) Nur dadurch, so meinte man, könne die mütterliche und kindliche Mortalität auf ein Minimum gesenkt werden. Mit der vollständigen Verlagerung der Geburten in die Klinik könnte dann der Einfluss der Hausentbindung auf die Mortalitätszahlen vollständig eliminiert werden. „Anhaltender Aufmerksamkeit bedürfen auch die Bemühungen zur Erhöhung des prozentualen Anteils der Entbindungen in Anstalten.“, schreibt Rothe 1962, als schon 93,2% der Entbindungen in Kranken­häusern stattfanden. Auch wenn einige Ärzte die Anstaltsgeburt nicht als „Idealzustand“ ansahen oder ihn nicht für realisierbar hielten, so wurde doch in fast jeder Arbeit bis Mitte der 60er Jahre eine weitere Ausweitung der klinischen Geburtshilfe gefordert und die sich im Gange befindliche Entwicklung begrüßt. (100, 143, 174)

Begründet wurde diese Auffassung des „Idealzustandes“ in den meisten Fällen damit, dass jede normal beginnende Entbindung pathologisch werden kann, und dass das Gefahrenmoment für Mutter und Kind sich erheblich vergrößert, wenn die Einweisung in die Klinik erst während der Geburt, das heißt also eine sekundäre Klinikeinweisung erfolgt. Ein zweiter Punkt ergab sich aus dem sozialen Milieu. Die beengten Wohnverhältnisse nach dem Krieg und die meist unzureichenden hygienischen [Seite 36↓]Verhältnisse erschwerten eine Hausentbindung ungemein, machten sie oft sogar unmöglich. An ein aseptisches Vorgehen war meist nicht zu denken. Die Morbidität und Mortalität sowohl für die Mutter als auch für das Kind waren sehr hoch. Aus diesem Grund wurde die Klinikentbindung gefordert, damit jede Frau unter besten hygienischen Verhältnissen ihr Kind zur Welt bringen kann. (10, 106, 128, 211)

In vielen Arbeiten wurden Vergleiche zwischen der Müttersterblichkeit verschiedener Länder angestellt. Dabei fiel auf, dass die Länder mit dem höchsten Prozentsatz an Klinikentbindungen die niedrigste Müttersterblichkeit aufwiesen. An der Spitze rangierten die USA, Schweden und Neuseeland. Die USA hatten im Jahre 1955 98% Klinikgeburten bei einer Müttersterblichkeit von 5 auf 10 000 Lebendgeborene zu verzeichnen. Schweden wies bei 95% Klinikgeburten eine Müttersterblichkeit von 5 auf 10 000 Lebendgeburten auf. Im Vergleich dazu hatte die DDR eine Müttersterblichkeit von 14 auf 10000 bei 71% Klinikgeburten. Ganse (1962) schreibt zu dieser Tatsache: „Die Deutsche Demokratische Republik liegt dabei zwar günstig, aber – wie Vergleiche mit anderen Ländern zeigen – kann hier durchaus noch eine Verbesserung erreicht werden.“

Für die meisten Autoren ergab sich aus diesen Vergleichen die Forderung nach 100% iger Klinikentbindung auch auf dem Gebiet der DDR. Die Beispiele zeigten, dass eine effektive Senkung der Müttersterblichkeit durch vollständige Verlagerung der Entbindungen in geburtshilfliche Kliniken zu erreichen ist. (10, 49, 66, 103, 133, 134, 151, 216, 227) „Klinikentbindungen sollten nicht nur für ältere Erstgebärende und nach Eintritt von Komplikationen, sondern für alle Gebärenden eine Selbstverständlichkeit werden, wenn die mütterliche und kindliche Mortalität weiter gesenkt werden soll.“ (Felker 1966)

Gegen einen vollständigen Übergang zur klinischen Geburtshilfe sprach sich vor allem Döderlein aus. Er hielt an der von Hirsch propagierten Unterteilung in häuslich – normale und klinisch – operative Geburtshilfe fest. Auf der Tagung der Medizinisch – Wissenschaftlichen Gesellschaften für Geburtshilfe und Gynäkologie an den Univer­sitäten Greifswald und Rostock 1949 vertrat er die Meinung, dass sich häusliche und klinische Geburtshilfe sinnvoll ergänzen müssen. „Die Geburtshilfe leistet Optimales für [Seite 37↓]Mütter und Kinder bei primär klinischer Entbindung mit systematischer ärztlicher Schwangerenvorsorge.“ Die reine Hausgeburtshilfe zeigt ebenfalls gute Ergebnisse, wenn pathologisch zu erwartende Fälle frühzeitig herausgefunden werden und in eine Klinik überwiesen werden. Vorraussetzung dafür ist, dass die Schwangerenvor- und Schwangerenfürsorge gut organisiert ist, und dass die Ärzte und Hebammen eine fundierte geburtshilfliche Ausbildung erhalten um pathologische Verläufe zu erkennen. (37)

Auf der Tagung der gleichen Gesellschaften acht Jahre später, 1957, hielt Döderlein an dieser Meinung fest. Er registriert die starke Zunahme der Klinikentbindungen, weist aber auf die großen Unterschiede zwischen Städten und ländlichen Regionen hin. „Nach wie vor treten also Klinikentbindung und Hausgeburt nicht in Konkurrenz. Beide haben ihre Vor- und Nachteile.“ Nach Döderlein bestehen auch weiterhin drei Möglichkeiten für die geburtshilfliche Leistung:

1) Die normale Geburt ohne Komplikationen, vor allem bei Mehrgebärenden. Dies ist die klassische Hausgeburt, die von der Hebamme allein geleitet werden kann. Darunter fallen 85 – 90% aller Geburten.

2) Treten während der Schwangerschaft, der Geburt oder dem Wochenbett Komplikationen auf, ist es die Pflicht der Hebamme diese dem Arzt mitzuteilen, der dann wiederum entscheidet, ob ein Facharzt hinzuzuziehen ist, oder ob eine Einweisung in die Klinik erfolgen muss.

3) Die primäre klinische Geburtshilfe mit entsprechenden Indikationen.

Zu 5 – 15% der Schwangeren oder Gebärenden muss ein Arzt gerufen werden oder die Geburten verlaufen primär in einer Klinik. Grundprinzip, so betonte er immer wieder, ist die Ausbildung der Hebammen und Ärzte aber vor allem der praktisch tätigen Ärzte in der Pathologie der Geburtshilfe um regelwidrige Vorgänge zu erkennen sowie die systematische Schwangerenvorsorge. Grundsätzlich bleibt aber jeder Schwangeren die Entscheidung über Hausgeburt oder klinischer Entbindung selbst überlassen. (35, 37, 38, 39)

In der Literatur findet man keinen eindeutigen Fürsprecher, aber auch keinen Widersacher dieser Trennung der Geburtshilfe. Die meisten Geburtshelfer teilen seine grundlegenden Ansichten über die Schwangerenvor- und –fürsorge und knüpfen daran [Seite 38↓]die Forderung nach einem weiteren Ausbau der Schwangerenberatungsstellen. Sie stimmen ebenso der verstärkten Ausbildung der Hebammen und Ärzte im Hinblick auf die Vorsorgetätigkeit zu. „Die zunehmende Tendenz zur Anstaltsentbindung verlegt die Belange des Hausarztes in die Schwangerenberatungsstelle.“ (203) Sie äußerten sich aber nicht zu den verschiedenen Möglichkeiten der geburtshilflichen Leistung. (2, 13, 49, 50, 57, 64, 66, 103, 112, 128, 129, 131, 135, 136, 141, 143, 151, 174, 180, 194, 196, 197, 198, 199, 203, 218, 227, 228, 244, 264)

Auf der anderen Seite verlor dieser Diskussionspunkt zunehmend an Boden, da die Anstaltsgeburtshilfe im Steigen begriffen war und sie 1957 bereits 78,7% ausmachte.

Die Ärzteschaft übernahm die von Döderlein vorgeschlagenen Aufgabenbereiche und Arbeitsteilung zwischen Ärzten, Hebammen und Sozialfürsorgerinnen und die Doku­mentation in Form von Karteikarten.

Auf die prinzipiell freie Wahl des Entbindungsortes durch die Schwangere wies Krüger nochmals deutlich hin. Dadurch sollte der Tatsache vorgebeugt werden, dass freipraktizierende Hebammen oder praktische Ärzte die von ihnen betreuten Schwangeren ungern in die öffentliche Beratungsstelle überwiesen, aus Angst, dass die Frau in einer Klinik entbinden könnte und sie damit der Kontrolle der niedergelassenen Hebammen und Ärzten entzogen werden könnte. Gleichzeitig schrieb Krüger aber auch, „Hiermit hat nichts zu tun, dass wir die in unserer eigenen Überwachung stehenden Schwangeren bezüglich der Haus- und Klinikentbindung nach unserem besten Wissen und Gewissen beraten.“, was man etwas zweideutig verstehen könnte. (136)

Andere befürworten dagegen die Tätigkeit der freipraktizierenden Ärzte in den öffentlichen Beratungsstellen um der Befürchtung der Ärzte, ihre Patientinnen an die Krankenhäuser zu verlieren, vorzubeugen. Gleichzeitig würde somit eine einheitliche Schwangerenberatung möglich sein. (174)

Uneinigkeit herrscht noch darüber, wie oft die Schwangeren diese Beratungsstellen zu einer Untersuchung aufsuchen sollten. Einige Autoren hielten drei Untersuchungen während der Schwangerschaft, zu Beginn, im 5. – 6. Monat und drei bis vier Wochen [Seite 39↓]vor dem errechneten Geburtstermin für ausreichend. (36, 50, 162) Andere dagegen sprachen sich für eine wesentlich häufigerere Untersuchung aus. Die meisten hielten die monatlich einmal vorgenommene Untersuchung für notwendig. (2, 57, 128, 129, 134, 141, 197, 198, 203, 227)Die Forderung nach der mehrmaligen Untersuchung ergab sich auch aus der Entwicklung. Zu Beginn des systematischen Ausbaus der Schwangerenberatung gab es weder genügend Beratungsstellen noch ausreichend Personal, sodass „nur“ eine dreimalige Untersuchung realistisch war. Mit dem weiteren Ausbau konnten auch die Forderungen weiter gefasst werden und nach dem „Ideal“ gestrebt werden. So findet man die ersten Forderungen dazu ab dem Jahre 1953. Mit dem Inkrafttreten der „Richtlinien für die Tätigkeit der Schwangerenberatungsstellen“ am 02.01.1954 wurden vier Untersuchungen gesetzlich vorgeschrieben. Ab 1964 waren mindestens fünf Untersuchungen festgelegt worden und ab 1978 waren dann alle drei bis vier Wochen, sowie von der 37. bis 40. Schwangerschaftswoche in ein- bis zweiwöchentlichen Abständen Untersuchungen vorgesehen. (184, 186, 187)

Kraatz trat aus einem anderen Grund für die Belassung eines gewissen Teils der Entbindungen im häuslichen Milieu ein. (128)Dabei betonte er selbst, dass es nur ein Teil der Entbindungen sein solle, und zwar nur zum Zweck der geburtshilflichen Ausbildung. Er war der Meinung, dass ein Arzt immer in die Situation geraten kann Hausgeburtshilfe zu leisten und deshalb auch darin ausgebildet sein muss. Das Gleiche gilt auch für die Hebammen. „Solange nicht genügend klinische Betten für die Geburtshilfe zur Verfügung standen, solange die Mentalität der Frauen darauf ausgerichtet war, in erster Linie zu Hause zu entbinden, solange musste der Geburtshelfer auch mit allen Improvisationen seines Faches vertraut sein...“ Ansonsten hielt er die Klinikentbindung für die Idealform der Geburtshilfe. In Anbetracht der sozialen Probleme in der Nachkriegszeit und ihrer Folgen für Mutter und Kind schrieb Kraatz 1953, „... die Lösung, die mir vorschwebte, gipfelte immer wieder in der Forderung, die Entbindungen nach Möglichkeit in den Kliniken oder Entbindungs­heimen mit den besten Therapieverhältnissen, vor allen Dingen aber den besten hygienischen Verhältnissen ablaufen zu lassen.“ (128)

In einer Arbeit aus dem Jahre 1964 stellte Kraatz fest, dass die klinischen Geburten bereits die Mehrzahl der Fälle ausmachen (1964 ca. 95,5%) und begrüßte diese Tatsache. Von seiner Position aus dem Jahre 1953 in bezug auf die Hausgeburt wich [Seite 40↓]er dahingehend ab, dass er nicht mehr für die Beibehaltung einer gewissen Zahl an Hausgeburten eintrat, sondern lediglich an der Notwendigkeit festhielt in der Facharztweiterbildung befindliche Ärzte, als auch praktische Ärzte in der Hausgeburts­hilfe zu schulen, damit diese im Notfall eingreifen können. „Ferner ist es unumgänglich, daß jeder Arzt in der Lage ist, geburtshilfliche Notoperationen auszuführen, wenn die Situation einen Transport in die Klinik ausschließt.“ (129, 130)

Von einigen Autoren wurde auf die Komplikationen einer Klinikentbindung hingewiesen. (138, 172, 193, 194, 195, 196, 214, 272) In diesem Zusammenhang forderten einige von ihnen eine nicht vollständige Aufgabe der Hausgeburtshilfe. Hierbei sind vor allem Röpke und Schneider zu nennen. (193, 194, 195, 196, 214)

Im Vordergrund der Komplikationen standen vor allem die Mastitis puerperalis und die Säuglingsdyspepsien, die in den 50er Jahren zum Teil eine große Angst in den geburtshilflichen Abteilungen auslösten. In den durchgeführten Analysen wurde deutlich, dass die Ergebnisse der Hausgeburtshilfe deutlich besser waren, das heißt, dass weniger stillende Mütter an einer Mastitis bzw. weniger Säuglinge an dyspeptischen Beschwerden erkrankten. Man machte die Keimflora für diese Unterschiede verantwortlich. In den Kliniken herrscht eine andere Keimflora mit einer höheren Virulenz als in häuslichen Verhältnissen. Des Weiteren wurde die unkritische Anwendung von Antibiotika für die erhöhte Anfälligkeit der Frauen und für die Entwicklung von resistenten Bakterienstämmen angesehen. (138, 172, 193, 195, 214)

Diese Tatsache veranlasste Röpke (1957 / 1960) die „kombinierte Geburtshilfe unter Bevorzugung der Hausgeburt“ zu fordern, da diese „die besten Ergebnisse haben würde als eine reine klinische Geburtshilfe; ausschlaggebend hierfür ist die Mastitis.“ (194) Er betonte, dass er nicht ein „Zurück zur Hausgeburt“ damit meinte, da die bisherige Entwicklung am wenigsten auf medizinische Gründe zurückzuführen war. Er machte vor allem soziale (Wohnungs- und Familienverhältnisse) und ökonomische Erwägungen für die stetige Zunahme der Anstaltsentbindungen verantwortlich, „vor allem aber der Wunsch nach Bequemlichkeit und Komfort, die die Entwicklung bedingen; die Anstaltsentbindung gehört zum Lebensstandard wie Ferienplatz und Kraftfahrzeug.“ (196)Außerdem war eine Erhöhung der Hausentbindungen durch den damaligen Mangel an Hebammen völlig unmöglich. (193)


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Aus diesem Grundstellt er die Forderung auf, dass alle Bemühungen zur Vorbeugung der Klinikmastitis fortgesetzt werden sollten. (193, 194, 195, 196) Er übte heftige Kritik an den Gewohnheiten der Kliniken, so der strikten Trennung von Mutter und Kind und damit verbunden die „Erziehung zur Unselbständigkeit“ der Mutter. Sie erhielt das Kind nur zum Stillen, beim Wickeln durfte sie nur zusehen, um Infektionen zu vermeiden. Nach der Entlassung war die Frau aber auf sich allein gestellt, so dass Fehler in der Betreuung der Säuglinge häufig vorkamen. Der obligatorische Besuch der Fürsorgerin erfolgte erst Wochen nach der Entlassung und war in der Bevölkerung nicht gern gesehen. Röpke leitete aus diesen Missständen Vorschläge zur Verbesserung der geburtshilflichen Abteilungen ab. Er strebte die Betreuung der Wöchnerin mit ihrem Kind in einem Einzelzimmer an. Auf diese Weise würde eine enge Mutter – Kind – Bindung entstehen, die sich günstig auf die Stillfähigkeit auswirken würde. Die Pflege des Neugeborenen sollte sich in den ersten Tagen vor ihren Augen vollziehen, in den letzten Tagen sollte die Mutter die Pflege des Säuglings unter Aufsicht einer Säuglingsschwester übernehmen. Einen Nachteil stellt allerdings die Ruhestörung der Wöchnerin besonders in der Nacht dar. Weiterhin sollte die Arbeit der Hebammen nicht nur auf den Kreissaal beschränkt sein, sondern sich auch auf die Wochenstation erstrecken. Für sehr wichtig hielt Röpke den häufigen Besuch des Vaters, der das Kind auch in die Arme nehmen sollte. Nach der Entlassung sollte die Hebamme mindestens einmal in der ersten Woche die junge Mutter besuchen. (196) Die antibiotische Behandlung sollte sehr kritisch erfolgen und auf ein Minimum reduziert werden. Man erhoffte sich dadurch einen Rückgang der resistenten Bakterienstämme und einen positiven Einfluss auf die, durch den häufigen Antibiotikagebrauch verminderte Immunität der Frauen. (193, 195) Grundgedanke von Röpke war also ein normales Keimmilieu, ähnlich dem häuslichen zu schaffen, um damit die pathologischen Keime abzuschwächen. Außerdem ging er in seinen Betrachtungen sehr auf die psychischen Erfordernisse der Wöchnerin mit ihrem Kind ein.

Schneider (1957) stellte ähnliche Forderungen wie Röpke auf. Er ging in seinen Ausführungen stärker auf das Problem der Säuglingsdyspepsien ein. Auch er meinte: „Es liegt im Zuge der Zeit, daß die Hausentbindung immer weiter durch die Anstalts­entbindung verdrängt wird. ... Die Vorteile der Anstaltsentbindung gegenüber der Hausentbindung sind allgemein bekannt, so daß sich eine Betrachtung darüber [Seite 42↓]erübrigt, um so mehr ist es die Pflicht der klinischen Geburtshelfer, dafür Sorge zu tragen, daß Mutter und Kind keine Gefahr laufen, wenn sie sich vertrauensvoll in eine Klinik begeben.“ Die Schaffung von kleinen Pflegeeinheiten, mit dem Ideal des Einbettzimmers für die Unterbringung von Mutter und Kind, sah er als Grundlage für die Eindämmung des Problems an. Im Gegensatz zu Röpke forderte er aber ein scharfes Aseptikgebot auf den Stationen. Die Arbeit der Hebammen sollte auf den Kreißsaal beschränkt bleiben. Schneider sprach sich weiterhin gegen den häufigen Besuch des Vaters aus. Zum Schutz des Säuglings sollte dem Vater nur ein einziger Besuch gewährt werden, bei Schutz des Kindes unter einer Cellophandecke. (214)

Noack und Sommer (1956) veröffentlichten ähnliche Daten wie Röpke und Schneider, die Mastitiden verteilen sich auf Klinik- und Hausgeburten wie 9 : 1. Auch sie machten den bakteriellen Hospitalismus mit der zunehmenden Resistenzentwicklung dafür verantwortlich. Als wichtigste Quelle und Vermittlungsstelle nannten sie die großen Säuglingszimmer und die Betreuung der Wöchnerinnen durch viele verschiedene Schwestern. Sie forderten für die Bekämpfung ebenfalls die Einrichtung von kleinen Pflegeeinrichtungen, allerdings hielten sie an den separaten Säuglings- und Wöchnerinnenzimmern fest, aber in kleinerem Maßstab. An erster Stelle der Bemühungen sollte aber die konsequente Aseptik stehen, Desinfektion der Hände und Atemwege des Pflegepersonals, sämtlicher Geräte, ständige Desinfektion der Neugeborenenstation mit Aerosolen und ultravioletten Luftentkeimern. Der Besuch auf der Wochenstation sollte weitgehend eingeschränkt werden. Der Antibiotikagebrauch sollte ebenso reduziert werden, die Autoren verwiesen aber auf die gute Wirkung von anderen antibiotischen Mitteln. (172)

Mit dem Mastitisproblem hat sich auch von Zenker (1957) beschäftigt. Seine Zahlen bestätigten eine höhere Frequenz der Mastitis bei Klinikentbindungen. Er verwies in seinen Betrachtungen immer wieder auf die Arbeit von Noack und kam zu ähnlichen Schlussfolgerungen hinsichtlich der Prophylaxe der Klinikmastitis. Er beschrieb die routinemäßige Schlussdesinfektion der Wöchnerinnenzimmer bei gleichzeitiger lockerer Belegung der Stationen, die Ausstrahlung aller Räume der Entbindungsstation mit [Seite 43↓]ultraviolettem Licht und die Anwendung von antiseptischer Wundsalbe als erfolgreiche Mittel zur Senkung der Mastitisfrequenz. (272)

Es lassen sich also deutliche Unterschiede in den Ansichten von Noack / Sommer und von Zenker auf der einen Seite und Röpke auf der anderen Seite in der Art der Prophylaxe der Klinikmastitis finden. Aber sowohl Noack und Sommer als auch von Zenker stellen die klinische Geburtshilfe nicht mehr in Frage.

Von anderen Autoren wurde der bakterielle Hospitalismus mit der hohen Mastitisgefahr ebenfalls kritisch beurteilt. Ihrer Meinung nach kann aber dieser Einwand an der Überlegenheit der Klinikentbindung nichts ändern. (66, 180)

Ein weiterer häufig erwähnter Punkt in den Arbeiten über die außerklinische und die klinische Geburtshilfe waren die Landentbindungsheime. Kleinere Entbindungs­einrichtungen auf dem Lande, meist in einem organisatorischen Zusammenhang mit Landambulatorien, waren vor allem nach dem Krieg geschaffen worden. Ziel war es, das Niveau der medizinischen Versorgung auf dem Lande dem der Stadt anzugleichen und damit allgemein den Gesundheitszustand der Landbevölkerung zu heben. Auf dem Gebiet der Geburtshilfe erhoffte man sich durch die Entbindungsheime eine Senkung der Säuglingssterblichkeit auf dem Lande zu erreichen, die höher war als in der Stadt. (75, 150)Die hygienischen Verhältnisse auf dem Lande waren meist unzureichend, die Wohnungsverhältnisse durch den Flüchtlingsstrom beengt. Der Zustand der Straßen und die Transportmöglichkeiten in die nächstgelegene Stadt waren vor allem in ländlichen Regionen oft unzulänglich, wobei auch die Jahreszeit eine bedeutende Rolle spielte. Für die Frauen war es zum Teil mit größeren Schwierigkeiten verbunden eine Schwangerenberatungsstelle aufzusuchen oder zur Entbindung in eine Klinik zu fahren. Die Landentbindungsheime sollten nun den Frauen ermöglichen, unter hygienisch einwandfreien Bedingungen und unter kontinuierlicher Aufsicht und Betreuung einer Hebamme und eines Arztes ihr Kind zur Welt zu bringen. (75) In der Realität konnte aber nicht immer ein Arzt zugegen sein, der Ärztemangel war gerade auf dem Land besonders ausgeprägt. Vielfach waren junge, wenig ausgebildete Ärzte dort tätig. Die geburtshilfliche Leistung war aber gerade bei außerklinischen Geburten stark von der Erfahrung und den Fähigkeiten des Arztes abhängig. (Grüger 1957)Die Ausstattung in einem Landentbindungsheim war einfach, so dass komplizierte Geburten doch in eine [Seite 44↓]größere Entbindungsabteilung eingewiesen werden mussten. Diese „Verlegungsfälle“ waren mit einer höheren kindlichen und mütterlichen Mortalität behaftet. Auch die Einrichtungen selbst wiesen eine höhere Sterblichkeit auf. „In Entbindungsabteilungen mit weniger als 100 Geburten je Jahr ist die peripartale Mortalität mehr als doppelt so hoch wie in Einrichtungen mit mehr als 500 Geburten, ...“ schreibt Mosler (1969). (164) Die Sicherheit der werdenden Mutter konnte also nicht garantiert werden. (1, 49, 50, 75, 164, 191) Emmrich (1961) war der Meinung, dass die Geburten in Landent­bindungsheimen Hausgeburten gleichzusetzen sind. (50) Daraus schlussfolgernd müssten diese kleineren Heime ausgebaut werden, um die Sicherheit von Mutter und Kind zu erreichen. Dies würde aber eine zu große Zersplitterung der aufgewendeten Mittel bedeuten, die an einigen Stellen konzentriert besser wirksam wären. Die kleinen Einrichtungen sollten also allmählich zugunsten von größeren gut ausgestatteten Abteilungen in Krankenhäusern abgebaut werden. (49, 50, 129, 130, 134)„Sie (die Landentbindungsheime) sind nicht geeignet, an der Senkung der Müttersterblichkeit teilzunehmen.“ (Emmrich 1961) (50) Diese Auffassung wurde schon von Döderlein (1951) vertreten. Er meint, dass kleine Entbindungsheime eher Schaden als Nutzen bringen. (37) Rothe (1962) schrieb, dass sich die kleineren Entbindungseinrichtungen, vor allem jene ohne fachärztliche Leitung, „als auffälliges Hindernis bei der Senkung der mütterlichen Mortalität auswirken.“ (199) Diese Meinung unterstützten vor allem Emmrich und Kraatz.

Anhand der statistischen Angaben kann man erkennen, dass diese Forderungen umgesetzt wurden. Sobald ausreichend Betten in den großen geburtshilflichen Einrichtungen geschaffen worden waren und das Straßennetz und die Transport­möglichkeiten verbessert und der soziale Standard gestiegen waren, konnten die Betten in kleineren geburtshilflichen Einrichtungen abgebaut werden. Diese Redu­zierung begann ab Mitte der 50er Jahre. Bis Mitte der 70er Jahre waren fast alle Entbindungsheime geschlossen worden.

Ab Ende der 60er Jahre wurde in den Arbeiten über die peripartale oder perinatale Sterblichkeit immer wieder die Bedeutung der Schwangerenvorsorge und der primären Klinikentbindung für deren Senkung in der Vergangenheit herausgestrichen. Arbeiten, die sich ausschließlich mit dem Thema der klinischen Geburtshilfe bzw. der Hausgeburtshilfe beschäftigten, gab es schon seit Ende den 50er Jahren nicht mehr. [Seite 45↓]Während Anfang und Mitte der 60er Jahre noch eine Erhöhung der Klinikgeburten gefordert wurde und als bedeutendes Mittel zur weiteren Senkung der mütterlichen und kindlichen Mortalität angesehen wurde, verlor man nun keine Worte mehr darüber. Der vollständige Übergang zur Klinikgeburt wurde begrüßt und nunmehr als Tatsache hingenommen. 1969 fanden 98,9% der Geburten in der Klinik statt. Dieser einst sehr bedeutende Faktor, der die Säuglingssterblichkeit stark beeinflusste, war nun also nicht mehr relevant. (81, 164)

3.2.3 Das veränderte Berufsbild der Hebamme in der DDR

Der allmähliche Übergang zu einer primären Klinikentbindung erst nur bei voraus­sichtlich pathologisch ablaufenden Geburten, später dann für alle Geburten hatte natürlich auch Einfluss auf die Hebammen. Bis zum Erlass des Hebammengesetzes 1938 war die Hebamme nur für die Hausgeburten zuständig. In den Entbindungs­kliniken waren fast nur Ärzte und Pflegepersonal tätig, sodass die existentiellen Probleme der Hebammen groß waren. Wie erwähnt bestand ab 1938 eine Hinzuziehungspflicht für Hebammen sowohl im Privathaus als auch in der Klinik. Das Betätigungsfeld der Hebamme wurde also auf den klinischen Bereich erweitert. (29, 249)

Durch die stete Zunahme der Klinikentbindungen nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde die Existenz vieler Hebammen zunehmend bedroht. Der zeitlich unterschiedlich starke Rückgang der Hausgeburt in den Großstädten und in ländlichen Regionen spiegelte sich auch bei den Hebammen wieder. Aufgrund der spezifischen Situation auf dem Lande waren dort noch länger Hebammen tätig als in der Stadt, wobei sich die Arbeit einer Hebamme auf eine größere Region ausdehnte, da einige der Landfrauen bereits in ein Krankenhaus gingen und der allgemein zu verzeichnende Geburtenrückgang dies für die Existenz der Hebamme notwendig machte. Bald reichte auch die Zusammenlegung von Hebammenbereichen nicht mehr aus. Viele Landhebammen konnten von der geringen Anzahl der Hausgeburten und der niedrigen Bezahlung nicht leben und waren gezwungen, ihre freiberufliche Tätigkeit aufzugeben. Einige von ihnen [Seite 46↓]wanderten in die Städte ab um sich an geburtshilflichen Kliniken anstellen zu lassen, andere nahmen ihre Arbeit in Landambulatorien wieder auf. (18, 263)

In den Großstädten vollzog sich die Entwicklung, wie bereits erwähnt, wesentlich schneller. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg bis etwa Mitte der 50er Jahre war ihre freiberufliche Tätigkeit noch sehr gefragt. Die geburtshilflichen Betten der Kliniken reichten nicht aus, um für alle Schwangeren eine klinische Entbindung zu gewähr­leisten. (181)

Nach dem Kriege führten die katastrophalen Wohnverhältnisse und die mangelnde Hygiene zu einem deutlichen Rückgang der Hausgeburtshilfe. Einige freiberufliche Hebammen hatten aus diesem Grund in ihrer Wohnung eine Art Geburtszimmer eingerichtet. Frauen konnten zur Geburt ihres Kindes zu der Hebamme kommen und nach einigen Stunden wieder nach Hause gehen. Nicht wenige Frauen nutzten diese Möglichkeit, da sie auf diese Weise in ordentlichen Verhältnissen Ihr Kind zur Welt bringen konnten und so, im Gegensatz zur klinischen Entbindung, nur kurze Zeit von ihren Familien getrennt waren. Diese Form entsprach in etwa der poliklinischen Geburtshilfe, nur dass die Entbindung von einer Hebamme vorgenommen wurde. (88, 89, 181)

In den ersten Jahren der DDR war es auch noch möglich, dass die schwangere Frau eine niedergelassene Hebamme bestimmen konnte, die dann im Krankenhaus die Entbindung durchführte. (30)

Bis Anfang der 60er Jahre wurde die Zahl der niedergelassenen Hebammen immer geringer. Bis Mitte der 60er Jahre waren nur noch vereinzelt Hebammen tätig. Es wird z. B. immer wieder von einer engagierten Hebamme B. erzählt, die bis 1963 / 64 im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg und Friedrichshain ihre Arbeit versah. Danach gab es in diesen Stadtteilen keine niedergelassene Hebamme mehr. (86, 87, 88, 89)

Die letzten freipraktizierenden Hebammen waren meist ältere Hebammen, die nicht mehr die Arbeit in einer Klinik aufnehmen und bis zum Rentenalter ihrer alten, traditionellen Tätigkeit nachgehen wollten. Zum Teil bestanden bei diesen Hebammen erhebliche Vorurteile gegenüber der klinischen Entbindung. Von einigen wurde die Verlagerung der unkomplizierten Geburten in die Kliniken nicht verstanden, sie hielten an Altbewährtem fest. In der Klinik lag die Hauptverantwortung für Mutter und Kind in [Seite 47↓]den Händen der Ärzte, sodass sich eine erfahrene Hebamme in ihrer Handlungs- und Entscheidungsfreiheit oft eingeschränkt fühlte. (20)

Gerade von jungen Hebammen wurde die klinische Geburtshilfe und das damit veränderte Berufsbild begrüßt. Wie auch die Schwestern arbeiteten sie in Kranken­häusern nach geregelten Arbeitszeiten im Dreischichtsystem, mussten also nicht mehr jederzeit abrufbar sein. Von den Krankenhäusern erhielten sie ein festes Einkommen, wodurch die finanzielle Lage der Anstaltshebammen oft erheblich besser war als die der selbständigen. Waren viele Hebammen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts alleinstehende Frauen, so waren nun, dank der besseren wirtschaftlichen Lage und der geregelten Arbeitszeit, die meisten Hebammen verheiratet und hatten Kinder. (18, 88)

Ein weiteres Betätigungsfeld für die Hebamme ergab sich aus dem starken Ausbau der Schwangerenberatung. Die Hebammen sollten sowohl eine betreuende als auch beratende Funktion innerhalb der Schwangerenvor- und Schwangerenfürsorge übernehmen. Krüger schrieb sogar, „Das Hauptbetätigungsfeld der Hebammen wird zukünftig in der Schwangerenvor- und –fürsorge liegen.“ (134)

Von vielen Geburtshelfern wurde dies unterstrichen. Den Hebammen konnte ein Ausgleich zur bisherigen Tätigkeit in der Hausgeburtshilfe geboten werden. Man erhoffte sich dadurch aber auch, dass die Hebammen mehr für eine Klinikgeburt eintraten und diese unter den betreuten Schwangeren aus innerer Überzeugung propagierten.

„Ich vertrete daher die Auffassung, daß wir die Hebammen in das öffentliche Gesundheitswesen eingliedern müssen. Wir müssen sie im öffentlichen Gesundheits­dienst mit einem festen Gehalt anstellen, das es ihr ermöglicht, gut zu existieren, und das sie unabhängig von einer Bezahlung für die Entbindung durch Gebärende macht. Wenn wir diesen Grundsatz verwirklichen, wird die Hebamme endlich zum besten Propagisten der Anstaltsentbindung werden, für die sie heute noch das entscheidende Hindernis darstellt.“ (K. Winter 1949) (262) In einem weiteren Artikel schreibt Winter (1950): „Auch diese Nachschulung darf sich keineswegs nur auf fachliche Fragen begrenzen, sondern muß jedem Einzelnen endlich einmal zum Bewußtsein bringen, aus welchen gesellschaftlichen Verantwortungsbewußtsein heraus er seine Arbeit zu leisten hat.“ (263)


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Zu Beginn der Entwicklung wurde in der Beratungsstelle eine mindestens dreimalige ärztliche Untersuchung angestrebt. Zwischen diesen ärztlichen Untersuchungen kümmerte sich die Hebamme um die Schwangere. Bei Problemen des Schwanger­schaftsverlaufes wurde dann eine vorzeitige ärztliche Kontrolle anberaumt. Die Beratung sollte einerseits dazu dienen, die werdende Mutter von der Notwendigkeit des Besuchs der Beratungsstelle überhaupt zu überzeugen, von einem möglichst frühen Zeitpunkt an und davon „... die Beratung mehrmals aufzusuchen und in einer Klinik zu entbinden.“ (182) Die beratende Hebamme konnte auf die Wahl des Geburtsortes meist einen nicht unerheblichen Einfluss ausüben. Außerdem sollten sie die Frauen über den Schwangerschaftsablauf, Geburt, Wochenbett und Neugeborenenpflege aufklären und sich an der hygienischen Erziehung der Frauen beteiligen. (20, 39, 74, 182)

Im Zuge der Verlagerung der Geburten in die Kliniken sowie der Haupttätigkeit der Hebammen in die Schwangerenberatung erfolgte eine Änderung der Hebammen­ausbildung. Diese war bereits von mehreren Geburtshelfern gefordert worden. Sie sollte ihren Schwerpunkt in der Physiologie und Pathophysiologie der Schwangerschaft haben, damit pathologische Schwangerschaftsverläufe rechtzeitig erkannt werden und die Einweisung in eine geburtshilfliche Klinik erfolgen kann.

Im Dezember 1950 wurde vom Ministerrat eine Anordnung über die Neuordnung der Ausbildung der Hebammen beschlossen. Ein Hauptgewicht der Ausbildung lag auf der Ausbildung zu „Anstaltshebammen“. „ ..., sie werden allen Anforderungen der Ausdehnung und Verlagerung ihrer Tätigkeit in Geburtskliniken und Entbindungs­anstalten gewachsen sein.“ (67) Ein weiteres Hauptgewicht der Ausbildung lag auf der Betreuung der schwangeren Frauen in den Beratungsstellen. Zusätzlich erweiterte sich der Unterricht auf grundsätzliche Fragen der Hygiene, Asepsis, Antisepsis und der Bakteriologie.

„Fortschrittliche demokratische Hebammen mit hohen Maß an Allgemeinbildung und fachlichen Kenntnissen, damit aber eine ständige Verbesserung der Hilfe für schwangere Frauen in den Beratungsstellen, Kliniken und Entbindungsheimen, werden ihr (der neuen Ausbildung) praktisches Ergebnis sein.“ (7, 67)

Im Rahmen dieser Dissertation interviewte Hebammen, die ihre Ausbildung in den 50er Jahren in Berlin absolvierten, berichteten, dass der Ausbildungsjahrgang 1957 noch eine ausführliche Ausbildung in der Hausgeburtshilfe erhielt. Mit dem Bestehen der [Seite 49↓]Abschlussprüfungen erhielten die Hebammen gleichzeitig eine Berechtigung als freipraktizierende Hebamme zu arbeiten. Die Niederlassung musste allerdings noch beantragt werden. (89) Der Jahrgang 1959 dagegen wurde nicht mehr in der Hausgeburtshilfe unterrichtet und die Hebammen erhielten demzufolge keine Berechtigung als freie Hebamme tätig zu werden. (86, 87, 89) Eine offizielle Anordnung seitens des Ministeriums für Gesundheitswesen oder anderer öffentlicher Stellen hinsichtlich der Streichung dieses Ausbildungsinhaltes war in der Literatur bzw. noch auffindbaren Schriftstücken nicht nachweisbar.

Hinsichtlich der Niederlassung von Angehörigen der mittleren medizinischen Berufe, d.h. auch von Hebammen, galten ähnliche Regelungen wie für die Niederlassung von Ärzten. (Siehe Abschnitt „die ersten Jahre nach der Gründung der DDR“) Am 4.05.1955 wurde die „Zweite Durchführungsbestimmung zur Verordnung über die Berufserlaubnis und Berufsausübung in den mittleren medizinischen Berufen sowie medizinischen Heilberufen“ veröffentlicht. (45) Danach wurde eine Niederlassungserlaubnis nur „entsprechend den Bedürfnissen der Bevölkerung unter Berücksichtigung der Durchführung und Verbesserung der notwendigen medizinischen Versorgung durch Einrichtungen des staatlichen Gesundheitswesens“ erteilt. Ähnlich der Regelung für Ärzte konnte die Niederlassung versagt werden, wenn die medizinische Versorgung in dem betreffenden Gebiet gesichert war, oder wenn es sich um die erste Niederlassung handelte und ein entsprechender Arbeitsplatz im staatlichen Gesundheitswesen nachgewiesen werden konnte. (45)

Durch den gesetzlich geregelten Ausbau der Schwangerenfürsorge und die starke Zunahme der primären Klinikentbindung entstanden natürlich sehr viele Arbeitsplätze für Hebammen.

Dellas schreibt zu diesem Punkt: „Ab Anfang der 60er Jahre wurde die Zahl der niedergelassenen Hebammen und Geburtshelfer immer geringer, da sie zum Einen durch die Entwicklung des Krankenhauswesens nicht mehr benötigt wurden und zum Anderen aus ideologischen Gründen. Niedergelassene Ärzte und Hebammen passten nicht in das Entwicklungskonzept der stalinistisch deformierten Regierungspolitik der DDR.“ (30)

Im März 1952 wurde eine „Richtlinie für das Mindesteinkommen der Hebammen“ beschlossen. Danach hatten freiberuflich tätige Hebammen einen Anspruch auf [Seite 50↓]1200 DM Mindesteinkommen im Jahr. „Anspruchsberechtigte sind freiberuflich tätige Hebammen, wenn die Zahl der in ihrem Bezirk anfallenden Entbindungen und die Möglichkeit eines Einsatzes im öffentlichen Gesundheitsdienst so gering sind, dass sie sich ein ausreichendes Berufeinkommen nicht erarbeiten können.“ Der Amtsarzt erteilte die Bestätigung, dass ein Einsatz im Gesundheitsdienst nicht erfolgen konnte. Wenn also ein Arbeitsplatz in einer Beratungsstelle oder in einer Geburtsklinik nachgewiesen werden konnte, war die Hebamme gezwungen, ihre freiberufliche Tätigkeit aufzugeben. (188)

Alle diese gesetzlichen Regelungen zielten also offenbar auf eine Aufgabe der freiberuflichen Tätigkeit der Hebammen und damit ein Aussterben dieser Form der Hebammenarbeit sowie der gesamten selbständig hebammengeleiteten Geburtshilfe.


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3.3  Positive Aspekte der Klinikentbindung im Zusammenhang mit der geburtshilflichen und gesundheitspolitischen Situation in der DDR

Seit der Jahrhundertwende hat die Frequenz der Klinikengeburten stetig zugenommen, konnte durch Hausgeburtenpropaganda nicht aufgehalten werden und zeigte auch nach dem Zweiten Weltkrieg eine steigende Tendenz. Es fragt sich, welche Gründe dafür maßgebend waren und sind, welche Vorteile die Klinikentbindung gegenüber der Hausgeburtshilfe bietet.

1. Die medizinische Indikation

Der wichtigste Grund für ein Aufsuchen der Klinik war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die sogenannte medizinische Indikation. Die Vorstellungen Max Hirschs setzten sich immer weiter durch, nach denen für voraussichtlich pathologische Geburten eine Krankenhausentbindung anzustreben war. Dies geschah mit dem Ziel, die operative Geburtshilfe vollständig in die Kliniken zu verlegen. Nach dem zweiten Weltkrieg war dieses Ziel weitgehend erreicht. Es wurden nur noch in seltenen Ausnahmefällen Geburten operativ im Privathaus beendet.

Geburtshilfliche Abteilungen in Krankenhäusern bieten sowohl die notwendige technische Ausstattung (Instrumente, Beleuchtung), als auch die notwendigen räumlichen Erfordernisse, um ein aseptisches Vorgehen zu gewährleisten. Die technische Ausstattung ist umfangreich, sodass eine kontinuierliche Überwachung der schwangeren Frau möglich ist. Des Weiteren sind zu jeder Zeit ausgebildete Fach­kräfte, Ärzte, Hebammen und Schwestern zur Stelle, die ein sofortiges Eingreifen ermöglichen. Zu erwähnen ist auch die Möglichkeit eine fachgerechte geburtshilfliche Anästhesie und Schmerzlinderung durchzuführen, z. B. die Periduralanäthesie. Der Vorteil des schnellen Zugangs zu Laboranalysen und Blutkonserven sowie die Möglichkeit Hilfe anderer Fachrichtungen schnell in Anspruch nehmen zu können, besonders der Neonatologie, spielen ebenfalls eine bedeutende Rolle bei dieser Entwicklung. (38, 129)

[Seite 52↓]2. Die Sicherheit

In zunehmenden Maße kamen dann auch Frauen in die Kliniken, bei denen nicht pathologisch ablaufende Geburten zu erwarten waren. Dieser Zuwachs ist vor allem auf den Aspekt der Sicherheit zurückzuführen. Die Schwangeren hatten erkannt, dass eine klinische Entbindung mehr Sicherheit für sie selbst, und auch für ihr Kind bedeutete. (201) Dieser Wunsch ist auch auf die demographische Entwicklung des 20. Jahrhunderts zurückzuführen. Die Anzahl der Kinder pro Familie sank erheblich, sodass jedem Kind ein größeres individuelles Gewicht beigemessen wurde, sodass auch für jedes Kind ein größeres Sicherheitsbedürfnis bestand. (60)

In den Kliniken werden die Kreißenden während des gesamten Geburtsablaufes von den Hebammen oder Schwestern betreut, so dass auftretende Probleme schnell erkannt werden können. Die Geburtshilfe an sich ist in der Klinik arztgeleitet. Wenn gravierende Probleme auftreten, die ein operatives Eingreifen erfordern, stehen sofort ein Operationssaal und Fachpersonal zur Verfügung. Die Zeit zwischen Auftreten der Komplikationen und Eingreifen kann sehr kurz gehalten werden. Dies wirkt sich nicht unerheblich auf die mütterliche und kindliche Mortalität aus. (38, 66)

In den 50er Jahren wurde von den Befürwortern der Klinikentbindung auch auf die Möglichkeit des raschen Blutersatzes hingewiesen. Traten bei einer Frau nach der Entbindung atonische Blutungen auf, so konnte die Frau transfundiert und auf diese Weise oft ihr Leben gerettet werden. Die Blutbanken waren immer den Kliniken angegliedert. Die Forderung nach der Ausweitung der Möglichkeiten zur Bluttransfusion wurde von den meisten Geburtshelfern nachdrücklich gefordert. (3, 38, 49, 50, 129, 134)

3. Die soziale Indikation

Anfang des 20. Jahrhunderts setzte eine immer stärkere Landflucht ein. Die Menschen, meist der unteren sozialen Schicht angehörend, wohnten in den Städten auf engem Raum zusammen. Die Familie hatte oftmals keinen gesonderten Raum, in dem die Frau ihr Kind zur Welt bringen konnte. In den sogenannten Mietskasernen gab es häufig kein fließendes Wasser, kein ausreichendes Licht, die Hygiene ließ zu wünschen übrig. Infektionskrankheiten breiteten sich schnell aus. Auf dem Lande sah die Lage oft [Seite 53↓]etwas besser aus. Allerdings waren auch hier die hygienischen Verhältnisse nicht einwandfrei. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich die Wohnungssituation z. T. noch verschärft. Gerade die Großstädte waren stark zerstört, die Menschen lebten zum Teil in Häuserruinen und Kellern, eine große Anzahl auf engem Raum. Durch die vielen Flüchtlinge spitzte sich die Situation noch mehr zu. Viele Familien hatten ihr ganzes Hab und Gut verloren. Den meisten stand nicht ausreichend frische Wäsche zur Verfügung. Nach Wasser musste auf den Straßen angestanden werden. Die elektrischen Leitungen waren meist zerstört.

Diese Frauen waren also auf die Krankenhäuser angewiesen, um in ruhigen und ordentlichen hygienischen Verhältnissen ihr Kind zur Welt bringen zu können. (38, 74, 75, 106, 128, 129, 211)

Ibrügger (1953) schreibt: „Die völlig veränderten sozialen Verhältnisse mit dem Mangel an Wohnraum, notwendigsten Hausgerät, Wäsche usw. haben hier völlig neue Verhältnisse ergeben und eine Entwicklung (die Zunahme der Anstaltsentbindungen) beschleunigt, die sich bereits anbahnte.“ (106)

4. Das Wochenbett – Erholung und gesicherte Nachsorge

Nach der Geburt in der Klinik blieb die Frau im allgemeinen noch einige Tage im Krankenhaus. In der DDR hatte sich in den 50er Jahren ein drei– bis viertägiger, später ein sieben bis zehntägiger Krankenhausaufenthalt durchgesetzt. Die Ärzteschaft aber auch die Frauen sahen darin wieder den Aspekt der Sicherheit. Wochenbett­komplikationen konnten schnell erkannt und behandelt werden.

Im Zuge der größeren Bedeutung für das einzelne Kind wurde auch der medizinischen Betreuung des Kindes immer mehr Wert beigemessen. Eine pädiatrische Kontrolle des Kindes nach der Geburt wurde in den meisten Krankenhäusern systematisch durchgeführt. Wenn Gefahren für das Kind unter der Geburt vorherzusehen waren, konnte ein Pädiater zur Geburt hinzugezogen werden. Große Krankenhäuser hatten pädiatrische Stationen in unmittelbarer Nähe der geburtshilflichen Abteilungen. Später entwickelte sich als weitere Spezialisierung zur besseren und spezielleren Betreuung der Neugeborenen und vor allem der Frühgeborenen der Zweig der Neonatologie. (38, 90)


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Schon seit Jahrhunderten wurde von den Ärzten der positive Effekt des Stillens herausgestrichen. Stillen wurde mit als eine der Maßnahmen zur Senkung der Säuglingssterblichkeit, besonders der Spätsterblichkeit angesehen. Im National­sozialismus wurden Kampagnen unternommen, um das Stillen zu fördern. Gerade für Arbeiterinnen war dies nicht leicht, da sie recht bald nach der Geburt wieder ihre Arbeit aufnehmen mussten.

Die Herstellungsverfahren der künstlichen Säuglingsnahrung waren noch in der Phase der frühen Entwicklung. Die Säuglingsnahrung stand nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung. Dies stellte vor allem nach dem Krieg ein großes Problem dar. Durch die schlechte Ernährungslage der Mütter war auch die Stillfähigkeit der Mütter herab­gesetzt und die Kinder besonders bedroht. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg waren Frauenmilchsammelstellen gegründet worden, die die überschüssige Milch von Frauen sammelten, um damit vor allem Frühgeburten oder Säuglinge von Frauen, die nicht stillen konnten, zu ernähren.

Im Krankenhaus wurde den jungen Müttern von erfahrenen Hebammen und Kinderkrankenschwestern der Sinn und die Notwendigkeit des Stillens erklärt. Den Frauen wurde die richtige Stilltechnik gezeigt. Die Schwestern achteten besonders darauf, dass nach jeder Mahlzeit die Restmilch abgepumpt wurde. Dadurch konnte der Entstehung einer Mastitis wirksam begegnet und die Milchsekretion angeregt werden.

Auf diese Weise konnte ein großer Einfluss auf den Stillwillen der Mütter genommen und die Unwissenheit und Angst abgebaut werden. Wenn Säuglinge nicht voll gestillt werden konnten, wurden die Mütter in der Zubereitung der künstlichen Nahrung unterwiesen. (74, 162)

Unerfahrene Erstgebärende hatten in der Klinik ferner die Gelegenheit, die wesentlichen Grundregeln der Säuglingspflege von einer erfahrenen Schwester zu erlernen. Im 20. Jahrhundert siedelte sich vor allem die junge Generation in den Städten an. Die Großfamilien zerfielen langsam, so dass die jungen Frauen oft keine ältere Kontaktperson mehr hatten, von der sie Rat und Hilfe für die Betreuung ihres Kindes bekommen konnten. Deshalb war diese Möglichkeit des Erlernens für viele Frauen sehr willkommen. (74)

Eine weitere Bedeutung kam der Anleitung der Wöchnerin zur Wochenbettgymnastik zu. Diese Gymnastik dient der Rückbildung der Unterbauchorgane und der erschlafften [Seite 55↓]Bauchdecken. Sie wird systematisch vom zweiten Wochenbettstag an, unter Anleitung einer Heilgymnastin durchgeführt. Der Beckenbodenmuskulatur wird dadurch wieder die notwendige Festigkeit verliehen und der Entstehung einer Scheidensenkung und einer bleibenden Bauchdeckenerschlaffung vorgebeugt. (162) Durch den Krankenhaus­aufenthalt können die Frauen die Übungen konsequent durchführen und der Effekt kann nicht durch verfrühte Anstrengungen im Haushalt zunichte gemacht werden.

Nicht zuletzt ist natürlich auch noch die Möglichkeit der Erholung zu nennen. Zu Hause war die notwendige Ruhe nach der Entbindung oft nicht gewährleistet, da die Wöchnerinnen, gedrängt von ihren häuslichen Pflichten, oft zu früh aufstanden und sich zu stark belasteten. Ein „zwangsweiser“ Aufenthalt in der Klinik bedeutete dagegen Erholung. Nicht selten wünschten auch die Frauen selbst eine klinische Entbindung, weil sie die Möglichkeit, sich zeitweilig aus ihrem häuslichen Aufgabenbereich zu lösen, nicht ungern nutzten. (38, 74, 147, 197, 198)

5. Klinikentbindung als Zeichen der Modernität

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten die Entbindungsanstalten noch den Ruf eines Armenkrankenhauses. Dieser Ruf verblasste zunehmend aufgrund der guten Erfolge, die die klinische Geburtshilfe zu verzeichnen hatte. Die Entbindung in einem Krankenhaus galt nunmehr als Ausdruck der Moderne. Sie spiegelte den Fortschritt, die neuen Errungenschaften und das hohe Niveau der Entwicklung der medizinischen Wissenschaft wider. In der DDR wurde dieser Aspekt der Modernität aufgegriffen, um für die Klinikentbindung zu werben. Die Frau in der DDR wurde als progressive, moderne Frau dargestellt, für die nur eine Klinikentbindung in Frage kommen konnte. Von vielen Geburtshelfern wurde immer wieder betont, dass die Frauen in freier Entscheidung in die Klinik zum Entbinden gingen, dass diese rasante Entwicklung nicht oktroyiert wurde. Das Bewusstsein der Frau hatte sich zu diesem Thema grundlegend geändert. Die umfangreichen Aufklärungen über die klinische Geburtshilfe hatten aber trotzdem keinen unbedeutenden Einfluss auf diese Entwicklung gehabt. (220) Es war ein Bild der modernen Geburtshilfe unter der Bevölkerung entstanden, welches sich viele Ärzte gewünscht hatten. (60) Dieses Bild konnte auch nicht durch Presse­meldungen über eine erhöhte Frequenz der Mastitis puerperalis in den geburtshilflichen Abteilungen der Krankenhäuser Anfang der 50er Jahre getrübt werden.


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3.4  Positive Aspekte der Hausgeburt im Zusammenhang mit der geburtshilflichen und gesundheitspolitischen Situation in der DDR

Trotz der starken Zunahme der Klinikentbindungen haben sich Hausgeburten als Form der Geburtshilfe bis Ende der 60er Jahre in der DDR gehalten, wenn auch unbe­deutend hinsichtlich der statistischen Relevanz. Hier sollen die damals geltenden Vorteile der Hausgeburt erläutert und die möglichen Gründe der Frauen für die Entscheidung zu einer Hausgeburt betrachtet werden.

1. Vorbehalte gegen Anstaltentbindungen

Anfang des 20. Jahrhunderts bestanden sehr starke Abneigungen gegen Anstalts­entbindungen. Die Kliniken waren für arme mittellose und ledige Frauen errichtet worden und so haftete ihnen noch der Ruch eines Armenasyls an. Es fanden nur sehr wenige Geburten in Anstalten statt. Im Laufe des Jahrhunderts nahmen die Anstalts­geburten zu und die Anstalten verloren diesen Makel. Die Entbindungsanstalten wurden zunehmend wegen ihrer medizinischen Möglichkeiten aufgesucht und hörten auf ein Zeichen der Armut zu sein. Es kamen auch wohlhabende Frauen in eine Klinik um unter guten medizinischen Bedingungen ihr Kind zur Welt zu bringen. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Vorbehalte der Armut völlig überholt. (60, 69)

Die Kliniken waren zu Beginn der Entwicklung vornehmlich an Universitäten errichtet worden, wo die Ausbildung von zukünftigen Ärzten und Hebammen stattfand. Mit der Aufnahme in die Anstalt wurden die Frauen verpflichtet, sich der Untersuchung durch mehrere Studenten und Hebammenschülerinnen zur Verfügung zu stellen. Viele Frauen fürchteten diese Untersuchungen. Die Tatsache, dass es meist männliche Studenten waren, stellte einen zusätzlichen Punkt der Abneigung dar. (69)

Die Ängste wurden im Laufe der Zeit gemindert. Einerseits kamen durch die starke Zunahme der Klinikgeburten mehr Frauen auf die auszubildenden Studenten und Hebammenschülerinnen, sodass nicht mehr eine Frau von allen Lernenden untersucht wurde. Auf der anderen Seite wurde mehr Rücksicht auf die Psyche der Frauen genommen und die ständigen Untersuchungen vermieden. Man war auch zunehmend [Seite 57↓]der Ansicht, dass zu häufige innere Untersuchungen der Frau eher von Schaden sind, als von Nutzen.

Die von Hirsch aufgeworfenen Diskussionen um eine Neuordnung der Geburtshilfe hatte zu einer Teilung in klinisch – operative und häuslich – normale Geburtshilfe geführt. In der Bevölkerung wurde lange Zeit die Meinung vertreten, dass die klinische Entbindung gleichzusetzen sei mit schwieriger oder sogar operativer Geburt. Trotz großer Erfolge Ende des 19. Jahrhunderts war die abdominale Schnittentbindung immer noch eine risikoreiche Operation.

Neben der Angst vor Operationen bestand eine große Angst vor Infektionen. Zu Beginn des Jahrhunderts fürchtete man die Puerperalsepsis noch sehr. Durch die Erkenntnisse von Semmelweis über die Aseptik und Antiseptik konnte sie stark eingedämmt werden, große Epidemien traten nicht mehr auf. Dieser großen Angst konnte aber erst mit Beginn der Sulfonamid- und Antibiotikaära in den 40er Jahren ernsthaft begegnet werden. Dadurch konnten Infektionen noch effektiver bekämpft werden. Das Kindbettfieber stand dann nicht mehr an erster Stelle der Ursachen der Müttersterblichkeit. (55, 199)

Anfang der 50er Jahre führte dagegen die hohe Rate an Mastitis puerperalis zu starken Vorbehalten gegenüber der Anstaltsentbindung. Es zeigte sich ein starker Zuwachs der Infektionen in Kliniken, nicht dagegen nach Hausgeburten. Antibiotika waren zum Teil nicht wirksam, da die Bakterien durch die unkritische Anwendung dieser Stoffe resistent gegen sie geworden waren. (38, 196, 214)

Ein Vorbehalt, der sich noch sehr lange hielt, im Gegensatz zu den oben genannten, war die Anonymität der Klinik. Die Schwangeren bzw. Wöchnerinnen wurden in großen Krankensälen betreut, im Kreißsaal waren die einzelnen Betten nur durch Vorhänge voneinander getrennt. Die Kreißenden hörten das Stöhnen und Schreien ihrer Nachbarinnen. Sie wurden dadurch gestört und verunsichert. Das Personal konnte ihnen diese Verunsicherung oft nicht nehmen. Die Hebammen und Ärzte versahen ihren Dienst im Schichtsystem, so dass sie oft wechselten. Eine Kreißende wurde nicht kontinuierlich von einer Hebamme bzw. einem Arzt betreut. Dadurch konnte keine ausreichende Vertauensbeziehung zwischen Arzt und Hebamme auf der einen Seite und Kreißender auf der anderen Seite aufgebaut werden. Zudem war die personelle Lage in den Krankenhäusern oft unzureichend. Es fehlte sowohl an Ärzten, als auch an [Seite 58↓]Hebammen und Schwestern. Die Zeit, die für jede einzelne Frau blieb, war also sehr knapp bemessen. (62)

Viele Frauen zeigten ihr Unbehagen über die strikten Trennung von Mutter und Kind, die in den meisten Kliniken praktiziert wurde. Aus Angst vor Infektionen des Säuglings bekamen die Mütter ihre Kinder nur zu den festgelegten Stillzeiten in ihre Arme. Sonst konnten die Neugeborenen nur durch ein Fenster betrachtet werden. Ein Stillen der Säuglinge außerhalb der festgelegten Zeiten war nicht möglich. „Nachdem die Mutter einmal von der Ferne – um die ‘Asepsis‘ des zentralen Säuglingszimmers, des am stärksten mit Staphylokokken verseuchten Raumes der ganzen Anstalt, nicht zu gefährden – schauen durfte, wie es gewickelt wird, erhält sie es nach der ersten Woche oder noch früher in den Arm und wird in ein Transportfahrzeug gesetzt.“ (196)

Der Besuch vom Vater des Kindes, von Geschwisterkindern oder anderen Familien­angehörigen war auf den Wöchnerinnenstationen nicht willkommen. Die Angst vor Infektionen war zu groß und der Besuch des Kindsvaters wurde nicht als unbedingt nötig erachtet. (214)

2. Der „psychische“ Vorteil der Hausgeburt

Von vielen Autoren wurde immer wieder die große und bleibende Bedeutung der psychischen Faktoren während der Geburt und im Wochenbett betont. Der Hausgeburt wird eine erleichterte Psychoprophylaxe zugeschrieben. Die Frau blieb in ihrer gewohnten häuslichen Umgebung, wurde nicht durch die fremde Klinikumgebung irritiert. Sie wurde nicht durch andere Gebärende beunruhigt. Enge Kontaktpersonen konnten die Kreißende während den einzelnen Phasen psychisch unterstützen, meist reichte die bloße Anwesenheit oder ein Händedruck.

Idealerweise hatte die Hebamme die Frau schon die gesamte Schwangerschaft über betreut oder sogar schon bei älteren Kindern Beistand geleistet. Sie kannte die Kreißende also sehr gut und durch die kontinuierliche Betreuung durch eine Hebamme konnte ein gutes Hebammen – Schwangeren – Verhältnis aufgebaut werden. Wenn erforderlich, wurde der Hausarzt der Familie gerufen, der meist das uneingeschränkte Vertrauen der Frau und der ganzen Familie genoss.


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Nach der Geburt erhielt die Frau ihr Kind sofort in den Arm und konnte es stillen. Die junge Mutter konnte zu jeder beliebigen Zeit ihr Kind zu sich holen. Dadurch konnte eine enge Mutter – Kind – Beziehung aufgebaut werden, die sich wiederum günstig auf das Stillen auswirkte. (60, 38, 196)

3. Der Einfluss von Traditionen

Anhand der Statistik konnte man erkennen, dass die Hausgeburten gerade in ländlichen Regionen lange überdauert haben. Dort stellte die Geburt eines Kindes ein Ereignis dar, das mit dem dazugehörigen Brauchtum fest in das Leben der Bevölkerung integriert war. Die Geburt war ein familiäres Ereignis. Die Hebamme war in entlegenen Gebieten oft die einzige Person, die sich um die gesundheitlichen Belange der Familie, der Frauen, Kinder und meist auch der Männer kümmerte. Ihr wurde großes Vertrauen geschenkt. Mutter und Großmutter hatten im eigenen Haus mit Hilfe der Hebamme ihre Kinder geboren und so sollte es auch für die Kinder sein. Das Verständnis und die Einsicht, zur Entbindung in ein Krankenhaus zu gehen, fehlten oft. (60, 38, 88) Außerdem war ein Bruch der Traditionen in einem kleinen Dorf schlechter für die Familie zu verkraften als in einer anonymen Stadt.

Auf dem Lande waren oft die familiären Strukturen noch intakt. Es existierten häufig traditionelle Großfamilien, so dass die junge Familie nicht auf sich allein gestellt war. Die junge Mutter wurde von Verwandten, Mutter, Tante oder Großmutter versorgt. Von ihnen erhielt sie Hinweise zur Pflege und zum Stillen des Neugeborenen.

4. Die medizinische Unterversorgung der Landregionen

Nach dem Zweiten Weltkrieg bestanden noch sehr große Unterschiede in der medizinischen Versorgung zwischen Stadt und Land. Krankenhäuser mit geburts­hilflichen Abteilungen waren sehr weit entfernt. Die Wege dorthin z. T. beschwerlich. Unmittelbar nach dem Krieg standen als Transportmittel oftmals nur der Pferdewagen oder das Fahrrad zur Verfügung. Die Frauen gebaren also im eigenen Hause oder begaben sich bei vorhersehbaren Komplikationen bereits vor Geburtsbeginn in die Klinik.


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Die Beseitigung dieser Zustände, das heißt die Angleichung der medizinischen Versorgung der Landbevölkerung an die der Stadtbevölkerung, war ein vornehmliches Ziel der Gesundheitspolitik der DDR. Resultat war die Errichtung von Landentbindungs­heimen. Mit ihrer Errichtung nahm die Zahl der eigentlichen Hausgeburten ab. (62, 13, 38, 85)

5. Die große unversorgte Familie

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren große Familien noch die Regel. Die Familien auf dem Lande hatten wiederum mehr Kinder als in der Stadt. Diese mussten betreut und versorgt werden. Kinderbetreuungseinrichtungen waren nach dem Krieg noch eine Seltenheit, auf dem Lande gab es sie fast gar nicht. Durch die gesetzlichen Bestimmungen wurde ihr Ausbau in den ersten Jahren der DDR forciert, ein Mangel bestand aber noch lange. Wenn die Frau zur Geburt zu Hause blieb, hatte sie die Möglichkeit, vom Bett aus den Haushalt zu überblicken und zu dirigieren. Allerdings führte dies dazu, dass die Wöchnerin sehr früh wieder aufstand, um ihren Pflichten nachzugehen und so das Risiko für Wochenbettkomplikationen erhöht sein sollte. (62, 38, 129, 181)


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23.04.2004