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DIE 70ER UND 80ER JAHRE – 
DIE NORMALITÄT DER KLINIKENTBINDUNG IN DER DDR

4.1 Stand der Entwicklung zu Beginn der 70er Jahre in der DDR

Anfang des 20. Jahrhunderts hatten noch 99% der Geburten im privaten Haus stattgefunden. Anfang der 70er Jahre hatte sich dieses Bild nun umgekehrt: 99% der Frauen gebaren ihr Kind in einer geburtshilflichen Fachabteilung eines Krankenhauses. Die Gesundheitspolitik der DDR hatte erreicht, dass die Anzahl der Hausgeburten in relativ kurzer Zeit von 73% im Jahre 1946 auf 0,9% im Jahre 1970 gesunken war.

Ende der 50er Jahre hatte ein Prozess der Zentralisation eingesetzt, der etwa Mitte der 60er Jahre abgeschlossen war. Die kleinen Entbindungsheime, die noch Anfang der 50er Jahre gegründet worden waren, wurden nach und nach aufgelöst und es etablierten sich große leistungsfähige geburtshilfliche Abteilungen in den nahe­gelegenen Kreiskrankenhäusern. (30, 171)

Der Ausbau der Schwangerenberatungsstellen genoss in der DDR eine hohe Priorität. Die nahezu vollständige Erfassung alle schwangeren Frauen in den Beratungsstellen war bereits Ende der 50er Jahre erreicht worden. (200)

Diese Entwicklung spiegelt sich in der Statistik der Mütter- und Säuglingssterblichkeit wider. Die Säuglingssterblichkeit ist neben der Müttersterblichkeit eine wichtige Messziffer in der Beurteilung der Effektivität des Gesundheitsschutzes und der sozialökonomischen Lage der Bevölkerung eines Landes. Beide Zahlen dienen dazu, Erfolge gesundheitspolitischer Strategien zur Verbesserung des Gesundheitsschutzes der Bevölkerung insgesamt und speziell des Gesundheitsschutzes der Frauen messbar und beurteilbar zu machen. In diesem Sinne war die DDR bemüht, die Säuglings- und Müttersterblichkeit immer weiter zu senken. (63, 170, 200) Eine weitere Maßnahme, die diese Bemühungen widerspiegelte, war die Einführung von Fachkommissionen zur Bekämpfung der Mütter- und Säuglingssterblichkeit, die seit 1958 auf Kreis- und Bezirksebene gebildet worden waren. Diesen Kommissionen musste jeder Todesfall einer Schwangeren, Kreißenden oder Wöchnerin gemeldet werden, der dann auf seine Vermeidbarkeit hin untersucht wurde. Von den Kommissionen wurden, basierend auf [Seite 62↓]den Analysen, geeignete Vorschläge zur Verbesserung der medizinischen Versorgung von Mutter und Kind gemacht. Ab 1961 war die Obduktion „ ...bei verstorbenen Schwangeren, Kreißenden und Wöchnerinnen ... bei Totgeborenen und bei verstor­benen Säuglingen unter einem Jahr ...“ gesetzlich vorgeschrieben. (4, 5, 6, 166, 223)

Durch die Maßnahmen im gesundheitspolitischen Bereich konnte die Säuglings­sterblichkeit von 72,2 gestorbenen Säuglingen auf 1000 Lebendgeborene im Jahre 1950 auf 38,8 im Jahre 1960 gesenkt werden. Weitere 10 Jahre später lag die Säuglingssterblichkeit erstmals unter der 20‰ – Grenze, bei 18,5‰. In den folgenden Jahren nahm die Säuglingssterblichkeit weniger rapide, aber dennoch stetig ab. 1980 betrug sie 12,1‰, 1985 wurde zum ersten Mal ein Wert unter 10‰ erreicht. Im Jahre 1988 enden die statistischen Auswertungen der DDR. Die Säuglingssterblichkeit war zu diesem Zeitpunkt mit 8,1‰ aufgeführt. Mit diesen Werten nahm die DDR im internationalen Vergleich einen guten Platz ein. (233)

Abbildung 3: Säuglingssterblichkeit der DDR

(zusammengestellt aus den Statistischen Jahrbüchern der DDR 1952 – 1989)


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4.2  Die moderne, wissenschaftliche Geburtsmedizin in der DDR

Untersuchungen über die Säuglingssterblichkeit und die Todesursachenanalyse hatten gezeigt, dass sich der Schwerpunkt der Säuglingssterblichkeit seit 1970 etwa in die Perinatalperiode verlagert hatte. Um eine weitere Senkung der Säuglingssterblichkeit zu erreichen, mussten die Bemühungen um eine Verbesserung der medizinischen Betreuung in die pränatale und perinatale Phase verlegt werden. (16, 108, 124, 200) Dies bedeutete eine Intensivierung der Schwangerenbetreuung, der Geburtsüber­wachung und –leitung und der Primärversorgung des Neugeborenen. Diese Aufgabe schien angesichts des wissenschaftlichen Fortschritts in den 60er Jahren nur durch vermehrten technischen Einsatz und Aufwand lösbar zu sein. Die Geburtshilfe konzentrierte sich also zunehmend auf die physiologische Seite der Schwangerschaft und des Geburtsgeschehens und dessen Pathologien.

Seit Anfang der 70er Jahre wurden die Kardiotokographie, der Ultraschall, die Amniocentese, die Mikroblutuntersuchung, diverse Stoffwechseluntersuchungen und wehenfördernde oder -hemmende Medikamenten in den geburtshilflichen Kliniken eingeführt. (12) In der ersten Zeit waren diese technischen Möglichkeiten nur auf einige große Krankenhäuser konzentriert. Die routinemäßige Herzfrequenzüberwachung des Feten sub partu und regelmäßige Ultraschalluntersuchungen während der Schwangerschaft erforderten eine große Anzahl von Geräten und Personal, die diese bedienen konnten. Die DDR – Industrie verfügte nicht über eigene Produktions­kapazitäten von Ultraschallgeräten und modernen Überwachungsmonitoren für Mutter und Kind, sodass diese Anlagen aus westeuropäischen Ländern importiert werden mussten. Aufgrund der Devisenknappheit konnte nur das Nötigste in den Krankenhäusern bereitgestellt werden. (30) Die kontinuierliche CTG – Überwachung war deshalb am Anfang nur für Risikoschwangere vorbehalten. Die CTG – Kontrolle bei Aufnahme im Kreißsaal und eventuell eine weitere Kontrolle bei suspektem auskultatorischen Herztonbefund wurde angestrebt. Erst Mitte der 80er Jahre konnte die kontinuierliche Herzfrequenzüberwachung vor und während der Geburt flächendeckend mit der DDR – Technik eingesetzt werden.

1978 wurde eine neue Richtlinie für die Schwangerenbetreuung erlassen. Zur Sicherung des Entbindungstermins, heißt es hier: „Erforderlichenfalls ist entsprechend [Seite 64↓]den vorhandenen Möglichkeiten die Ultraschalldiagnostik zu nutzen.“ (187) In der Richtlinie für die Schwangerenbetreuung von 1988 heißt es dagegen: „Die erste Ultraschalluntersuchung sollte spätestens bis zur 18. Schwangerschaftswoche durchgeführt werden.“ (183) In den 80er Jahren wurde von vielen Ärzten die grundsätzliche Sonographie aller Schwangeren gefordert, vor allem in Hinblick auf Fehlbildungen, mit der möglichen Konsequenz eines Schwangerschaftsabbruches. (163, 271)

Die Bemühungen, die Geburt so sicher wie möglich zu gestalten und zu einer weiteren Senkung der Säuglingssterblichkeit beizutragen, führten dazu, dass immer mehr versucht wurde, den Geburtsverlauf zu kontrollieren und zu beeinflussen. Innerhalb der Geburtshilfe vollzog sich ein „Wandel von der klassisch expektativen Geburtsleitung zur prospektiven, mehr aktiven Geburtsleitung“. (245) Die Entwicklung gipfelte in dem Konzept der Schwangerschaftsbeendigung zum errechneten Geburtstermin. H. Jung prägte den Begriff der „programmierten Geburt“, der später zum Inbegriff dieser somatisch orientierten Epoche der Geburtshilfe wurde. (114, 132, 238) „Die Zufälligkeit des Geburtsbeginns und Geburtsablaufes mit allen unvorhergesehenen Zwischenfällen durch induzierten Geburtsbeginn überzuführen in einen Geburtsablauf unter vorgeplanter, sicherer Kontrolle für Mutter und Kind, von Anfang bis zum Ende, ist Sinn der programmierten Geburt.“ (94) Mögliche Komplikationen einer Übertragung sollten so verhindert werden. Weitere Vorteile dieser Art der Geburtshilfe wurden in der „Planbarkeit“ der Geburten gesehen. Der Klinikablauf verlief geregelter. Das Gros der Geburten wurde in einen Zeitraum verlegt, in dem die personelle Situation für eine lückenlose Geburtsüberwachung am besten gegeben war. Dies bedeutete auch, dass unvorhergesehenen Schwierigkeiten schnell und mit optimalem technischen und personellen Aufwand begegnet werden konnten. Die Schwangeren kamen morgens ausgeruht in die Klinik, waren nicht schon erschöpft von einer durchwachten Nacht. Die Geburtsdauer war meist kürzer. (60, 181) Ab Ende der 60er Jahre wurde die „programmierte Geburt“ in vielen Kliniken eingeführt. In der Folgezeit wurden Arbeiten veröffentlicht, die die Vor- und Nachteile der programmierten Geburt aufzeigten und den Effekt auf die Neugeborenenmorbidität und –mortalität untersuchten. Anfangs wurde diese Art der Geburtshilfe von vielen Ärzten und Hebammen begrüßt, wurde aber schnell wieder verlassen, da man zu der Ansicht kam, dass eine vollständige „Regelung“ der Natur nicht möglich war. Eine bedeutende Senkung der Säuglings­[Seite 65↓]sterblichkeit war damit auch nicht erreicht worden. (88, 181) Die perinatale Mortalität hatte zwar weiter abgenommen, aber nicht in dem erhofften Maße. Die programmierte Geburt wurde für Risikogeburten vorbehalten, wie Schwangere mit Diabetes.

Mit den Neuerungen in der prä- und perinatalen Phase fand auch der postnatale Bereich eine zunehmende Beachtung. Es wurde ein neues Fachgebiet, die Neonato­logie, begründet. Als Teilgebiet der Pädiatrie befasst sie sich mit der Diagnose und Therapie von Erkrankungen des Neugeborenen. (192) In den Krankenhäusern wurden in räumlicher Beziehung zu den geburtshilflichen Abteilungen spezielle neonatologische Stationen errichtet. Zunehmend wurde die Anwesenheit eines perinatologisch geschulten Geburtshelfers oder Pädiaters bei jeder Geburt, oder zumindest bei jeder Risikogeburt, gefordert, der die Erstversorgung und die Einschätzung jedes Neuge­borenen vornehmen sollte. (16)

Insgesamt ist die immer umfangreichere und verfeinerte Technisierung und Medi­kalisierung von Diagnostik und Therapie in der Schwangerschaft und unter der Geburt kennzeichnend für die Zeit der 70er und frühen 80er Jahre. Dies bedeutete aber auch, dass eine noch größere Sicherheit für Mutter und Kind garantiert werden sollte. (16, 155) Risikobelastete Schwangerschaften und Geburten wurden zunehmend be­herrschbar. Diese Sicherheit hatte auf viele Frauen eine beruhigende Wirkung und wurde allgemein als positiv aufgefasst. Sie waren darin bestärkt, ihr Kind in einem Krankenhaus zur Welt zu bringen. Zudem war die Klinikgeburt auch ein Zeichen der medizinischen und sozialen Modernität. Für viele Mütter der jungen Generation der 70er Jahre war die Klinikentbindung noch nicht der Standard gewesen. Für sie, die junge Generation aber, wurde es zu einer Normalität in einem Krankenhaus zu gebären. (181)


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4.3  Kurzer Abriss der Entwicklung der Geburtsmedizin in der BRD in den 70er und 80er Jahren

4.3.1 Die moderne, wissenschaftliche Geburtsmedizin

Die Entwicklung der Geburtshilfe in den 70er Jahren, hin zu einer naturwissenschaftlich orientierten, organmedizinisch ausgerichteten Geburtsmedizin, war kennzeichnend für die meisten europäischen Länder, so auch für die Bundesrepublik Deutschland. Die Entbindungen in den Kliniken hatten nach dem Zweiten Weltkrieg stark zugenommen. Die Zunahme erfolgte aber nicht so rapide wie in der DDR.

Abbildung 4: Klinikgeburten in der DDR und der BRD

(zusammengestellt aus den Statistischen Jahrbüchern der DDR 1952 – 1989 und dem Statistischen Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland 1952 – 1990)


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1952 betrug der Anteil der Anstaltsgeborenen in der BRD 47% (DDR 48,2%), 1960 nur noch 66,3% im Vergleich zu 89,3% in der DDR. 1970, im Jahre in dem die Unterteilung nach Anstalts- und Hausgeborenen in der DDR zum letzten Mal vorgenommen wurde, machten die Anstaltsgeburten in der BRD 95% aus. (99, 166) 1975 war der Anteil der Klinikgeburten auf 98,6% angestiegen, 1979 lag er bei 99,2%. (99, 241, 269) Im Gegensatz zur DDR wurden die Statistiken über den Geburtsort, trotz des hohen Anteils an Klinikgeburten, weitergeführt. Es wurde aber nicht mehr wie bisher nach Hausgeburt und Klinikgeburt unterteilt, sondern nach ‘geborene Kinder‘ und ‘geborene Kinder im Krankenhaus‘. Die Zahl der außerklinischen Geburten setzt sich zusammen aus Hausgeburten, Praxis- und Geburtshausgeburten. Für das Jahr 1980 errechnete sich ein Anteil von 0,7% außerklinischer Geburten. Bis 1985 war eine Zunahme auf 1,2% zu verzeichnen. In den folgenden Jahren wurden wieder weniger Kinder außerhalb eines Krankenhauses zur Welt gebracht. 1989 betrug deren Anteil 0,2%.

Ab Mitte der 60er Jahre hielt die moderne Technik Einzug in die geburtshilflichen Abteilungen der Krankenhäuser. Die breite Nutzung dieser Möglichkeiten vollzog sich schneller als in der DDR, da die neuen Geräte ausreichend vorhanden waren. Die Entwicklung und Verbreitung der Herzfrequenzüberwachung des Feten, die Amnioskopie und die Fetalblutanalyse wurden seit Beginn der 70er Jahre sehr stark vorangetrieben, so dass diese Maßnahmen bereits Ende der 70er Jahre aus der modernen Geburtsmedizin nicht mehr wegzudenken waren. (132) Wehenfördernde oder –hemmende Medikamente, sowie Schmerzmittel und Spasmolytika wurden standardmäßig in den Kreißsälen eingesetzt. Die Entwicklung fand ihren Höhepunkt in dem Konzept der „programmierten Geburt“, die Ende der 60er Jahre in den Krankenhäusern eingeführt wurde. Viele Ärzte sahen darin die Möglichkeit „ ... die uns aufgrund des Einzugs der modernen Technik in den 60er Jahren in die Geburtshilfe aus dem bis dahin höchst starren Schema geburtshilflicher Gesetzmäßigkeiten heraushelfen konnte.“ (114) Auf wissenschaftlichen Kongressen nahm die Thematik einen breiten Raum ein. Die Argumente der Verfechter der programmierten Geburt, nämlich die weitere deutliche Senkung der perinatalen Mortalität, wenn möglich auf den Wert Null, bewahrheiteten sich letztendlich aber auch in der BRD nicht. Die perinatale Mortalität hatte zwar weiter abgenommen, aber nicht in dem vorgestellten Maße. (1970: 26,7‰, 1973: 23‰, 1975: 19,4‰, 1977: 15‰) (84) So wurde die systematische [Seite 68↓]Programmierung der Geburt, wie auch in den anderen europäischen Ländern Ende der 70er Jahre wieder verlassen, für bestimmte Risikoschwangerschaften hatte sie aber weiterhin ihre Berechtigung.

Von vielen Frauen wurde dieser hohe Standard an Sicherheit wohlwollend aufgenommen. Im Notfall die gesamte Technik und das medizinische Personal hinter sich zu wissen, vermittelte den Frauen ein Gefühl von Sicherheit. Aber es zeigten sich auch die negativen Auswirkungen dieser technisierten Geburtshilfe. Die Anwesenheit von Menschen „konnte“ auf ein Minimum reduziert werden. Die kindlichen Herztöne mussten nicht mehr von der Hebamme mit dem Hörrohr abgehört werden, der kurze Blick auf den Ausdruck des CTG – Gerätes genügte. Die Frauen blieben lange Zeit allein, sodass mögliche psychische Nöte und Ängste nicht wahrgenommen wurden. „Dieser psychische Aspekt der Entbindung wird, solange er keine somatischen Folgen zeigt, von keinem Apparat registriert.“ (60) Zu nennen ist auch die Diskontinuität der betreuenden Personen. Die relative ‘Fixierung‘ der Kreißenden durch Kabel auf dem Gebärbett stellte für viele Frauen einen weiteren angstfördernden Faktor dar. Durch all diese Auswirkungen gewann der Circulus viciosus der Angst – Spannung – Schmerz – Angst zusätzlich an Bedeutung. (145) Besonders die programmierte Geburt rief bei vielen Frauen Ängste hervor, da sie darin einen unnatürlichen Vorgang sahen und sich in eine passive Rolle gedrängt sahen. (155) Die technisierte Geburtshilfe hatte auch auf die postpartalen Phase Auswirkungen. Durch die sofortige Trennung von Mutter und Kind schon im Kreißsaal und später auf der Wochenstation konnte der frühen sensiblen Phase der Mutter – Kind – Beziehung nicht ausreichend Rechnung getragen werden. (60, 145, 155)

4.3.2 Die Herausbildung der Kritik an der modernen Geburtsmedizin und die Reaktionen

Die Errungenschaften der Geburtshilfe in den 70er Jahren in der Bundesrepublik wurden aufgrund dieser negativen Auswirkungen nicht nur gelobt, sondern auch kritisiert. Diese Kritik wurde vor allem von der autonomen Frauenbewegung [Seite 69↓]Anfang / Mitte der 70er Jahre zum Thema der Diskussionen gemacht. Die autonome Frauenbewegung entstand Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre. Sie hatte ihren Ursprung zum einen in der 68er Studentenbewegung, die neben der Gleich­berechtigung der Frau in Familie und Beruf, „um die Befreiung aus persönlicher Abhängigkeit und Bevormundung, um Autonomie auch im Privaten und um andere Formen der Partizipation im Politischen“ kämpfte und zum anderen, seit 1971, in der Kampagne gegen den Paragraphen 218. (60, 70, 169)

Engagierte Frauen empfanden die bestehende, männerdominierte Geburtshilfe als frauenfeindlich und mütterverachtend. Es wurde ein neuer „Weiblichkeitsmythos“ propagiert, „ ... der die Bedeutung von Körpererlebnissen wie Mutterschaft, Schwanger­schaft, Geburt, Stillen usw. als zentralen Teil des Frauseins betonte.“ (169) Sie forderten mehr Selbstbestimmung während Schwangerschaft, Geburt und Mutter – Sein und eine Enttechnisierung der Geburt. Sie wollten, dass eine Kontaktperson, meist der Kindsvater, bei der Geburt mit anwesend ist. Kinder sollten nach der Geburt nicht sofort von ihnen getrennt werden. Die Mütter begannen wieder ihre Kinder mehr zu stillen, propagierten das „self – demand – feeding“ und forderten darin Unter­stützung. Denkanstöße zu diesen Forderungen gaben französische Geburtshelfer wie Leboyer, der das Neugeborene in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen stellte. Er versuchte zu zeigen, dass das Neugeborene ein Mensch mit Gefühlen und Empfindungen ist. Auf die Emotionen des Neugeborenen nach der Geburt sollten besser eingegangen werden als bisher. (139, 217) Odent und Fallière gingen mehr auf die psychosozialen Aspekte der Gebärenden ein. Lamaze setzte sich für das „accouchement sans douleurs“ ein. (155)

Mitte der 70er Jahre ergänzte die Ökologiebewegung diesen Prozess mit der Forderung nach mehr „Natürlichkeit“. All diese Forderungen waren allerdings mit den vorhandenen Strukturen der westdeutschen geburtshilflichen Kliniken anfangs nicht vereinbar. (217) Auf der Suche nach Möglichkeiten, die Geburt sowohl für die Schwangere, als auch für das Kind angenehmer zu gestalten, wurde von einigen Feministinnen die Hausgeburt wiederentdeckt. Damit sollte die Geburt wieder zu einer reinen „Frauensache“ werden. Die häusliche Umgebung und die Anwesenheit von bekannten Personen sollte angst– und somit schmerzlindernd wirken. Die Propagierung der Hausgeburt wurde mit einer sehr starken Radikalität und [Seite 70↓]Kompromissunfähigkeit gegenüber den Angeboten und Möglichkeiten der „medizinischen“ Geburtshilfe betrieben. (60, 169)

Seit Mitte der 70er Jahre erschienen sehr viele Publikationen zu diesem Thema. Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre hatte die Kritik an der „modernen Geburtshilfe“ und die damit verbundene Forderung nach einer „Re–Humanisierung“ der Geburtshilfe eine weite Verbreitung gefunden und war nicht mehr nur ein Charakteristikum der autonomen Frauen- und Ökologiebewegung. Dies hatte einen nicht geringen Einfluss auf die Reformbewegung in der klinischen Geburtshilfe der folgenden Jahre. Neben radikaler Ablehnung der Hausgeburt seitens der Ärzte rief die Kritik bei einigen Geburtshelfern aber auch Interesse für Veränderungen hervor. „Die immer größer werdenden Diskussionen über die ’technisierte Geburt’ und die ’Hausgeburt’ sollen uns willkommener Anlass für eine kritische Standortbestimmung der stationären Entbindung sein.“ (79)

Die psychosomatischen und sozialen Aspekte der Geburt, vor allem die Bedeutung der frühen sensiblen Phase der Mutter – Kind – Bindung, fanden eine größere Beachtung. Es wurde der Begriff der „familienorientierten Geburtshilfe“ geprägt. Man versteht darunter Folgendes: „In der familienorientierten Geburtshilfe soll unter Beibehaltung aller modernen Überwachungsmethoden eine engere Mutter – Vater – Kind – Beziehung im Zusammenhang mit dem Geburtsgeschehen aufgebaut werden.“ (222) Dazu gehören im Allgemeinen folgende Teilaspekte: vorgeburtliche Elternkurse, die Anwesenheit des Ehemannes bei der Geburt, die Möglichkeit des Sofortkontaktes mit dem Neugeborenen nach der Geburt, das Frühanlegen noch im Kreißsaal, die Unterbringung nach dem Rooming – in – System und die Einbeziehung des Vaters in die Pflege des Neugeborenen. (155, 222) Die „familienorientierte Geburtshilfe“ wurde ins Zentrum vieler Kongresse gestellt (42. und 44. Versammlung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe 1978 und 1982, 2. Freiburger Kolloquium 1981). Man setzte sich mit diesem Thema innerhalb der medizinischen Fachliteratur ab Mitte der 70er Jahre auseinander. (19, 41, 159, 190, 237) Es wurde nach Möglichkeiten gesucht, wie die klinische Geburtshilfe familienfreundlicher gestaltet werden konnte und die Frauen vor einer Hausgeburt „bewahrt“ werden konnten. „Das Bestreben der Geburtshelfer wird dahin führen, die Sicherheit der Klinikgeburt mit der Geborgenheit der Hausgeburt im Kreißsaal zu vereinigen.“ (79) Außerdem war angesichts der immer weiter abnehmenden Geburtenzahlen und dem damit steigenden [Seite 71↓]Konkurrenzkampf der Krankenhäuser untereinander die Auseinandersetzung mit dieser Problematik zwingend notwendig. In den meisten Kliniken wurde das sogenannte „Rooming – in“, die gemeinsame Unterbringung von Mutter und Kind auf der Wochenstation, eingeführt. Eine Begleitperson, meist der Partner der Frau und Vater des Kindes, erhielt Zutritt in den Kreißsaal und konnte der Schwangeren bei der Geburt zur Seite stehen. Zur Förderung der Mutter – Kind – Beziehung wurde der Frau z. B. sofort nach der Entbindung das Kind auf den Bauch gelegt. In diesem Sinne wurde auch das Stillen und besonders das Sofortanlegen des Neugeborenen im Kreißsaal erwünscht und gefördert. Gegen das Prinzip des „self – demand – feeding“ wurden keine Einwände erhoben. (19, 60, 113, 155, 159, 210, 217, 235, 237)

Neben diesen Neuerungen der klinischen Geburtshilfe wurden seitens der Krankenhäuser auch Alternativen zur herkömmlichen Klinikgeburt, die ambulante Klinikgeburt, angeboten. Sie stellt einen Kompromiss dar, der „eine Kombination des niedrigsten organischen Risikos während der Geburt mit der emotionalen Geborgenheit der häuslichen Atmosphäre im frühen Wochenbett zu vereinigen versuchte." (234) Die Geburt fand mit dem technischen Hintergrund des Krankenhauses statt. Wenn peri- und postpartal keine Komplikationen aufgetreten waren, konnte die Mutter mit ihrem Kind nach zwei Stunden das Krankenhaus verlassen und das Wochenbett in ihrer vertrauten Umgebung verbringen. (116, 234)

Als weitere Wahlmöglichkeiten boten einige niedergelassene Gynäkologen die Praxisgeburt an. „Sie soll ein medizinisch vertretbares Angebot für eine Minderheit in unserer Gesellschaft sein, die ihre Kinder nicht in der Klinik gebären will.“ (167)

1987 wurde, als weitere Ergänzung, das erste Geburtshaus Europas in Berlin – Charlottenburg gegründet. (132)


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4.4  Die weitere Entwicklung der Geburtsmedizin in der DDR

In der BRD war es die autonome Frauenbewegung, die als erste Kritik an der modernen hochtechnisierten Geburtshilfe übte. Durch sie wurde die Thematik in die Öffentlichkeit gebracht, so dass breite Kreise der Bevölkerung und die Ärzteschaft begannen sich damit auseinander zusetzen. Als alternative Möglichkeiten zur Klinikgeburt wurden die Hausgeburt „neuentdeckt“, die ambulante Klinikgeburt angeboten, aber vor allem die familienorientierte Geburtshilfe entwickelt. Ob es eine ähnliche Entwicklung, vor allem die Bestrebungen „Zurück zur Hausgeburt“, auch in der DDR gab, ist Bestandteil dieses Kapitels.

4.4.1 Die Behandlung der Thematik in den medizinischen Zeitschriften der DDR

Insgesamt lässt sich sagen, dass in den medizinischen Zeitschriften der DDR deutlich weniger Material zu der Problematik zu finden war als in bundesdeutschen Zeitschriften. Artikel, die sich ausschließlich mit der familienorientierten Geburtshilfe oder deren Teilaspekten auseinander setzten, waren sehr selten. (12, 109, 254, 222) Dabei bezogen sich die Arbeiten fast ausschließlich auf westdeutsche und andere westeuropäische Beiträge. Es wurden z. T. auch Arbeiten westeuropäischer Kliniken abgedruckt. (23, 122, 255) Ansonsten ließen sich Hinweise zu der Thematik in schriftlichen Zusammenfassungen von medizinischen Tagungen finden oder indirekt in Artikeln, die sich z. B. mit dem Problem des Stillens oder der kardiotokographischen Telemetrie beschäftigten. (11, 61, 176, 179, 268, 266) Die ambulante Klinikgeburt, als Alternative zur herkömmlichen Klinikgeburt, fand keine Erwähnung in der Literatur der DDR. Ebenso fand die ambulante Praxisgeburt, angesichts der geringen Anzahl staatlicher Praxen, keine Beachtung.

Auch ist eine leichte Zeitverschiebung bezüglich der Thematik zu finden. In der BRD begannen ab Mitte der 70er Jahre die Veröffentlichungen sowohl in der Laienliteratur als auch in der medizinischen Fachpresse. In der Fachliteratur der DDR waren die ersten Hinweise zur familienorientierten Geburtshilfe erst Ende der 70er Jahre zu finden. In einem Bericht über den VII. Kongress der Gesellschaft für Gynäkologie und [Seite 73↓]Geburtshilfe der DDR aus dem Jahre 1978 wurde von Woraschk und Röpke über das „Programm der Familie“ berichtet, das in Halle praktiziert wurde. „Hierbei wird eine Einbeziehung des Ehemannes durch seine Anwesenheit zur Geburt angestrebt. Unterstützt durch das Rooming – in – System wird das Vater – Kind – Mutter – Ver­hältnis vom ersten Tag an günstiger gestaltet als bisher.“ (268) Über das gleiche Thema berichteten Woraschk und Röpke auch auf der 42. Versammlung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in München 1978. (267)

Weitere Arbeiten wurden erst Anfang der 80er Jahre veröffentlicht. In den Artikeln steht die Mutter – Kind – Beziehung im Mittelpunkt, die durch sofortigen Kontakt mit dem Neugeborenen und intensiven Kontakt auf der Wochenstation, in Form des Rooming – in, der gemeinsamen Unterbringung von Mutter und Kind auf der Wochenstation, erreicht werden sollte. (254) Da sich vielerorts räumliche Probleme zur Einführung des Rooming – in – Systems stellten, wurde das modifizierte oder partielle Rooming – in – System als Kompromisslösung beschrieben. „Das partielle Rooming – in bietet der Mutter ein intensives Zusammensein mit dem Kind während des Tages, dagegen führt eine isolierte Unterbringung während der Nacht zu einer ausreichenden ungestörten Nachtruhe der Mutter.“ (254) Es konnte auch gezeigt werden, dass in großen Patientenzimmern ebenfalls Rooming – in eingeführt werden konnte, mit gleicher Zufriedenheit der Mütter und ohne erhöhtes Risiko für Mutter und Kind. (91) Gleichzeitig zeigten viele Untersuchungen, dass sich diese Förderung der Mutter – Kind – Beziehung positiv auf die Stillbereitschaft auswirkte. (61, 176) Allgemein wurde aber auch von einer „Renaissance der Stillbereitschaft“ seit Ende der 70er Jahre gesprochen. (176)

1984 wurde eine Arbeit von Schulze und May unter dem Titel „Aufgaben einer familienorientierten Geburtshilfe im Territorium“ veröffentlicht, die auszugsweise auf dem Symposium „Psychologische und psychiatrische Aspekte in der Perinatalmedizin“ 1983 in Halle vorgetragen wurde. (222) Ausgehend von einer Kritik an der verstärkten Hinwendung zu apparativen Leistungen und Vernachlässigung psychologischer und psychoprophylaktischer Aspekte sowie neuer Erkenntnisse zur Psychologie des Neugeborenen, sahen die Autoren in der Realisierung der familienorientierten [Seite 74↓]Geburtshilfe „die geeignetste Verfahrensweise, diesen Erkenntnissen gerecht zu werden“. Die moderne Intensivgeburtshilfe und die damit verbundene hohe Sicherheit wurde als Errungenschaft dargestellt. „Ihre Möglichkeiten und Methoden prinzipiell anzugreifen oder gar abzuschaffen, erscheint deshalb weder sinnvoll noch logisch. Deshalb muss jenen Meinungen und Methoden entgegengetreten werden, die solches Vorgehen zum erklärten Ziel erhoben haben, wie z. B. Leboyer.“ Bestrebungen in diese Richtung würden „einen Rückschritt in das geburtshilfliche Mittelalter bedeuten“. (222)

Ähnlich harte Kritik äußerte Jährig (1984) als Kommentar auf eine im „Zentralblatt für Gynäkologie“ abgedruckte italienische Arbeit. (23, 109) Es wurde deutlich, dass er sich dabei nicht nur auf diese Arbeit bezog, sondern generell auf die von westeuropäischen Ländern ausgehenden modernen Tendenzen in der Geburtshilfe. Er kritisiert die starke „Psychologisierung der nach Meinung einer Reihe von Autoren zu stark technisierten, naturwissenschaftlichen Medizin, der ihres humanen Charakters entkleidet sei.“ „Ganz davon abgesehen, dass unser Gesundheitswesen von anderen Prämissen ausgeht, haben doch wort- und geistesgewandte Gedanken auch bei uns Platz gegriffen. Zugegebenermaßen ist es häufig auch nicht leicht, auf den Wellen modischer Strömungen den rationalen Grund im Auge zu behalten, noch dazu, wenn Profitstreben und Reklame die Wasser trüben.“ (109) Anhand einer Studie versuchte er die immer wieder beschriebenen positiven Auswirkungen des frühen Mutter – Kind – Kontaktes ad absurdum zu führen. „Das Schicksal des Kindes in der Familie, in der Gesellschaft entscheidet sich nicht in den ersten postnatalen Minuten auf dem Mons veneris der Mutter.“ Jährig betont jedoch, „kein Wort gegen die innige Zärtlichkeit, mit der die Mutter ihr Neugeborenes umarmt.“ „Vorbehalte jedoch gegen die Mystifikation dieses Aktes bis zum extremen Prädestinationsdenken mit einem kleinen Hauch von Mittelalter.“ (109)

1984 wurde eine „Interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaft für Psychotherapie und medizinische Psychologie der Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe der DDR und der Gesellschaft für ärztliche Psychotherapie der DDR“ gegründet. Auf der ersten Arbeitstagung wurden auch psychologische Aspekte der Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett behandelt. Ludwig sieht es als Verdienst der alternativen Geburtshilfe an, [Seite 75↓]dass dem emotionalen und natürlichen Geschehen sowie dem Beziehungsaspekt unter der Geburt mehr Beachtung geschenkt wurde. Auch für ihn stellt die familienorientierte Geburtshilfe eine logische Konsequenz der Rückbesinnung auf individuelle Belange der Gebärenden und der Bedeutung einer frühen Mutter – Kind – Vater – Beziehung dar. „Auf diese Weise lässt sich eine vernünftige Integration zwischen der zwangsläufig für die Sicherheit von Mutter und Kind notwendigen und nur in Kliniken verfügbaren Technik und einem Teil der häuslich gewohnten und schutzgebenden Atmosphäre erreicht.“ (140) Hofmann und Härtig stellten ihr praktiziertes Programm zur psychischen Betreuung in der Schwangerschaft vor. Dieses umfasst alle Bereiche der familien­orientierten Geburtshilfe. (98)

Maspfuhl und Rauchfuß schreiben 1986 über „Programm und Effizienz psychologisch orientierter Geburtsvorbereitung“. (145) Die Klinikentbindung und notwendige Technik wurden von ihnen nicht in Frage gestellt. Sie sahen in Geburtsvorbereitungs­programmen eine geeignete Methode, um der „Entpersonalisierung“ der Geburtsleitung entgegenzuwirken und den Schmerz – Angst – Spannung – Schmerz – Kreislauf zu durchbrechen. „Psychologische Geburtsvorbereitung und –leitung, verknüpft mit moderner Medizintechnik, schafft optimale Geburtsbedingungen sowohl hinsichtlich der Überwachung als auch hinsichtlich des angepaßteren Gebärverhaltens der Frau, was unmittelbare Beziehung gewinnt zur perinatalen Mortalität und Morbidität. Hinzu kommt auf seiten der Entbindenden das risikofreiere, bewußtere und harmonischere Erleben der Geburt infolge Senkung des Geburtsschmerzes, aktiverer Teilnahme und Mitarbeit bei der Geburt, Einbeziehung des Partners u. v. a. m.“ (145)

Über die Bedeutung der psychoprophylaktischen Geburtsvorbereitung und der familien­orientierten Geburtshilfe berichteten auch Barnert und Döhler auf der Gemeinschafts­tagung der Karl – Marx – Universität Leipzig und der Regionalgesellschaft für Gynäko­logie und Geburtshilfe der Bezirke Leipzig und Karl – Marx – Stadt 1985. (11)

Bayer (1987) gibt zwei Beispiele für offene Fragen und Probleme an, die es gilt in den 90er Jahren zu lösen, „1. die Wiederbelebung der Hausgeburt und 2. die sog. Natür­[Seite 76↓]liche Geburt.“ (12) Auch er stellt fest, dass die Klinikgeburt eine große Errungenschaft ist, die es gilt zu erhalten. Die Forderungen nach mehr Anteilnahme der Familie an der Geburt sieht er als berechtigt an, aber: „Es geht nicht darum, die Geburt in die Familie zu verlagern, sondern der Familie den Zugang zum Kreißsaal und zu den Wochen­stationen zu ermöglichen.“ Zur natürlichen Geburt sagte er: „Nun, es ist von Historikern nachgewiesen, dass es die natürliche Geburt nicht gibt, dass die Form des Gebärens stets vom Kulturkreis, von religiösen und anderen Faktoren abhängig war und ist. Wir können diese Erkenntnisse sinnvoll mit der bei uns üblichen Form des Gebärens verbinden.“(12)

Als sogenannte Laienliteratur in der DDR kann die Zeitschrift „Deine Gesundheit“ aufgefasst werden. Diese Zeitschrift beschäftigte sich 1976 und 1984 mit dem Thema Geburt. Im Jahre 1976 steht der Artikel unter dem Titel: „Die Geburt“. (215) Es wurde auf neue sozialpolitische Maßnahmen eingegangen und auf bestimmte Aspekte von Schwangerschaft und Geburt. Äußerungen hinsichtlich einer familienorientierten Geburtshilfe oder Kritik an der stark technisierten, entpersonalisierten Geburtshilfe waren nicht zu finden. Der Artikel von 1984 steht dagegen unter dem Titel: „Die ‘sanfte’ Geburt in der Klinik“. (21) Hauptaspekte der familienorientierten Geburtshilfe wurden am Beispiel eines Berliner Krankenhauses beschrieben und erklärt und einige Begriffsdefinitionen vorgenommen. Die „sanfte“ Geburt wurde demnach schon in diesem Krankenhaus praktiziert. Die „natürliche“ Geburt, ein „Synonym für eine Geburt ohne Anwendung von Medikamenten, eine Geburt, die alle neueren Erkenntnisse der Geburtsmedizin bewusst ignoriert“, wurde entschieden abgelehnt. (21) Ebenso vehement wurden die ambulante Praxisentbindung und die Hausgeburt abgelehnt. Erwähnung fand auch die Anzahl der klinischen Entbindungen in der DDR, die mit 99 auf 100 Kinder angegeben wurde. „Daß es nicht 100 Prozent sind, liegt daran, daß es auch vorkommt, daß ein Kind auf dem Wege zur Klinik oder auch schon einmal unerwartet zu Hause geboren wird.“ (21) Die bewusste Hausgeburt wurde vollständig ausgeschlossen, als nicht existent betrachtet.

Arbeiten, die sich überhaupt mit dem Thema der Hausgeburt beschäftigen, waren ebenfalls in sehr bescheidener Anzahl zu finden. (9, 115, 246, 251) In all diesen [Seite 77↓]Analysen kam zum Ausdruck, dass es sich bei den noch stattfindenden Hausgeburten nicht um geplante Ereignisse handelte. Diese Geburten wurden fast ausschließlich mit sogenannten Sturzgeburten gleichgesetzt. (9, 115, 246, 251) Die klassische Definition wurde also mit anderem Inhalt versehen. Unter Sturzgeburt wurde eine sehr schnelle Geburt verstanden: Die Schwangere wurde von spürbar einsetzenden Wehen überrascht und gebar ihr Kind nach einigen Wehen. Eine bewusst geplante Geburt in der häuslichen Umgebung, im Sinne einer „traditionellen“ oder einer „modernen“ Hausgeburt fand keine Erwähnung. Diese Möglichkeit besaß angesichts der zuvor beschriebenen gesundheitspolitischen Zielstellungen zur Geburtshilfe keine Aktualität.

Zum Thema der Hausgeburt schreibt Nieder aus persönlicher Erfahrung im Bezirk Magdeburg, dass es etwa ab Mitte der 80er Jahre auch in der DDR vereinzelt Forderungen nach natürlicher Geburt zu Hause laut wurden. Diese Forderungen waren objektiv nicht umzusetzen. Niedergelassene Gynäkologen gab es so gut wie nicht. Außerdem besaßen die wenigen Gynäkologen in eigener Praxis oder die ambulant tätigen Gynäkologen keine ausreichenden geburtshilflichen Erfahrungen mehr, da ja seit Anfang der 70er Jahre nahezu alle Geburten in der Klinik stattfanden. Darüber hinaus gab es in der DDR keine niedergelassenen Hebammen mehr, die die Frauen zu Hause hätten entbinden können. Um den Forderungen aber trotzdem Rechnung zu tragen, so Nieder, wurde Mitte der 80er Jahre vom Bezirksarzt angeordnet, dass „ein geburtshilfliches Team mit der entsprechenden Ausrüstung bereitstehen müsste, das bei einer geplanten Hausgeburt dann zum Einsatzort, d.h. in die Wohnung der Schwangeren fahren sollte.“ „Nach meinem Wissen ist dieses Team aber niemals wirksam geworden.“ „Wir alle haben versucht (weniger auf Anweisung als mehr aus innerer Überzeugung), die wenigen Frauen, die eine Hausgeburt ins Gespräch gebracht haben, umzustimmen.“ (171) Eine offizielle Anordnung dazu in Gesetzen oder Verfügungen und Mitteilungen des Gesundheitswesens ließ sich weder für den Bezirk Magdeburg noch für die anderen Bezirke der DDR finden.

An den Artikeln in den medizinischen Zeitschriften erkennt man, dass weder die Hausgeburtshilfe noch die familienorientierte klinische Geburtshilfe eine große Bedeutung innerhalb der Diskussionen der medizinischen Fachwelt einnahmen. Auch [Seite 78↓]die Laienliteratur äußerte sich zu diesen Themen nur sehr spärlich. Kritik von Frauen an der technisierten Geburtshilfe oder Forderungen von schwangeren oder nicht schwangeren Frauen nach einer „humaneren“ Geburtshilfe ließen sich in der Laienliteratur nicht finden. Die wenigen Beiträge, die dieses Thema betrafen, sowohl in der medizinischen, als auch in der Laienliteratur, stammten von medizinischer Seite. Aus diesen Tatsachen könnte vermutet werden, dass diese Themen in der breiten Öffentlichkeit nicht zur Diskussion standen. Man sollte bei den Publikationen allerdings beachten, dass auch wissenschaftlicher Meinungsstreit parteikonform sein sollte, sonst wären die Artikel wahrscheinlich nicht veröffentlicht worden. Staatlicherseits gab es demnach kein Interesse an Hausgeburten. Ob der fehlende kommerzielle Konkurrenz­kampf zwischen den geburtshilflichen Kliniken eine hemmende Rolle hinsichtlich der Entwicklung und der Verbreitung einer familienorientierten Geburtshilfe spielte, könnte weiterhin vermutet werden. Ebenso steht die Vermutung im Raum, dass durch die zeitlich später einsetzende starke Technisierung des Geburtsvorganges sich auch die Kritik daran in der DDR später entwickelt hat, dass die erwähnten Artikel als Beginn zu werten sind und sich die Kritik Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre weiter entwickelt hätte, wenn die DDR weiter bestanden hätte.

4.4.2 Die Sozial- und Frauenpolitik in den 70er und 80er Jahren in der DDR

Betrachtet man die politischen und sozialpolitischen Gegebenheiten in beiden deutschen Ländern, so lassen sich deutliche Unterschiede feststellen. Schon 1949 wurde in der Verfassung der DDR das Prinzip der Gleichberechtigung von Mann und Frau aufgenommen. Diese Gleichberechtigung bezog sich nicht nur auf das alltägliche Leben, sondern auch auf den Arbeitsprozess. Nach der marxistischen Anschauung wurde die Nichterwerbstätigkeit als der verursachende Faktor für die „Unterdrückung der Frau“ angesehen und in diesem Sinne die Berufstätigkeit der Frauen gefördert. Die Frauenpolitik der 50er und 60er Jahre war geprägt von der Integration der Frau in den Arbeitsprozess, dann von der Konzentration auf Weiterbildung und Qualifizierung sowie Öffnung aller Berufsfelder für Frauen. In den 70er und 80er Jahren waren rund 49% der Berufstätigen Frauen. (233)


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Für die Betreuung der Kinder wurden Einrichtungen geschaffen, Kinderkrippen, -gärten, Schulhorte. Dadurch war es gesellschaftlich möglich, Familie und Beruf zu vereinbaren. In der Gesellschaft wurde diese Doppelfunktion der Frau propagiert und gefördert. In den 70er Jahren wurden eine Reihe von sozialpolitischen Maßnahmen erlassen, die „die Vereinbarkeit der beiden sozialen Hauptfunktionen der Frau – ihrer Funktion als Produzentin im gesellschaftlichen Arbeitsprozess und als Reproduzentin des unmittelbaren Lebens“ – besser ermöglichen sollten. (247)

Die Frauenpolitik wandelte sich zunehmend zu einer Familienpolitik. So wurde 1972 die „Verordnung über die Erhöhung der staatlichen Geburtenbeihilfe und die Verlängerung des Wochenurlaubs“ erlassen. Danach wurde bei der Geburt jedes Kindes eine Beihilfe von 1000 Mark gezahlt, der Wochenurlaub betrug nun insgesamt 18 Wochen. Weiterhin wurde 1972 eine Verordnung beschlossen, die die 40 – Stunden – Woche ohne Lohnminderung und eine Erhöhung des Mindesturlaubs für vollbeschäftigte Mütter mit mindestens drei Kindern einführte. Junge Ehen wurden mit zinsgünstigen Ehekrediten gefördert, die auch „Abgekindert“ werden konnten. Weitere Ver­günstigungen gab es für kinderreiche Familien und besonders für alleinerziehende Mütter mit Kindern.

Im März 1972 wurde das „Gesetz über die Unterbrechung der Schwangerschaft“ erlassen. Mit diesem Gesetz wurde der Abbruch der Schwangerschaft legalisiert und die kostenlose Abgabe von Verhütungsmitteln geregelt. Das Gesetz kam insofern überraschend, als im Vorfeld der Beschlussfassung keine Forderungen seitens der Frauen in dieser Richtung bekannt waren. Überraschenderweise fanden auch keine öffentlichen Diskussionen zu diesem Thema statt. (173, 247) Von den meisten Frauen und Medizinern wurde dieses Gesetz wohlwollend aufgenommen. Im medizinischen Bereich bedeutete es vor allem ein Ende der kriminellen Aborte. (85, 86, 87, 88, 89, 173, 181, 247) Kritik wurde vor allem seitens der katholischen Kirche artikuliert, die aber keinen Einfluss auf das Inkrafttreten des Gesetztes hatte. (173) Gerhard (1994) meint, dass durch dieses Gesetz, die neue Führungsspitze (1971 Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker) ihre Haltung zur Selbstbestimmung der Frau nach außen demonstrieren wollte. Zugleich konnte dieses Gesetz als Reaktion auf die Forderungen der westlichen neuen Frauenbewegung interpretiert werden. (70)

1976 wurden weitere Verordnungen erlassen, die die Mütter in ihrer Doppelrolle noch mehr unterstützen, den „Willen zum Kind“ fördern und somit den weiter anhaltenden [Seite 80↓]Geburtenrückgang aufhalten sollten, der seit Mitte der 60er Jahre stetig zunahm und durch die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruches zusätzlich negativ beeinflusst worden war. Die 40 – Stunden – Woche galt nun schon für vollbeschäftigte Mütter mit zwei Kindern, der Schwangerschafts- und Wochenurlaub wurde auf 26 Wochen erhöht. Weiterhin wurde die bezahlte einjährige Freistellung ab der Geburt des zweiten Kindes, das sogenannte „Babyjahr“, eingeführt. 1984 wurde das „Babyjahr“ bei der Geburt des dritten Kindes auf 18 Monate verlängert, ab 1986 hatten die Mütter bei der Geburt des ersten Kindes Anspruch auf eine einjährige Freistellung. „In begründeten Fällen“ konnten auch die Väter diese Freistellung in Anspruch nehmen. „Wie Umfrage­ergebnisse zeigen, hat allerdings höchstens ein Prozent der Väter von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht.“ (70)

Diese Sozialpolitik hatte das Ziel, die „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ zu verbessern, die Regelungen galten aber fast ausschließlich für Frauen, trotz der gesetzlich festgeschriebenen Verantwortung für die Familie von Mutter und Vater. Ältere Frauen fühlten sich dadurch benachteiligt, mussten sie doch für die ausfallenden Mütter mitarbeiten. Die frauen- und mütterzentrierte Politik trug außerdem dazu bei, dass die traditionelle geschlechterspezifische Arbeitsteilung konserviert wurde. (70, 93, 247) Die Geschlechterrolle und mögliche Veränderungen waren kein Thema in der Öffentlichkeit. (93, 169) Die „Reduktion der Frauenpolitik auf eine ‛Muttipolitik’“ führte allerdings „zur Vernachlässigung vielfältiger Themen, die mit einem Frauenleben verbunden sind.“ (Nave – Herz 1997) Die Mehrzahl der Frauen zeigte, angesichts der vielfältigen Vergünstigungen, allerdings keine Unzufriedenheit mit dieser Politik. Die meisten Frauen sahen die Gleichberechtigung in der DDR als verwirklicht an. Eine eigenständige politische Frauenbewegung hielten sie für überflüssig. (70, 169, 181) Bei Gerhard (1994) heißt es: „So haben die familien- und insbesondere die sozial­politischen ‘Errungenschaften’ „ihre innenpolitischen Effekte nicht verfehlt“ und möglichen Protest stillgelegt, denn sie haben wesentlich zur „Identifikation der DDR – Bürgerin (besonders der jungen Frauen) mit ihrem Staat“ beigetragen.“ (70)

Zur Interessenvertretung der Frauen in der DDR war bereits im Jahre 1947 in der SBZ der „Demokratische Frauenbund Deutschlands“ (DFD) gegründet worden. Er war bis [Seite 81↓]1989 die einzige offizielle Frauenorganisation in der DDR. Daneben gab es Frauen­kommissionen innerhalb des „Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes“ (FDGB) in den Betrieben. Der DFD war sehr stark politisiert. (181) Nave – Herz schreibt zur Funktion des DFD folgendes: “... so war er weder eine reine Interessenvertretung der Frauen, noch etwa als eine Organisation „von unten“ beschreibbar, wie es für die Entstehung der traditionellen Frauenverbände und für die neue Frauenbewegung charakteristisch war. Er hatte eine Zwitterstellung zwischen der Funktion, Mitgliederinteressen zu artikulieren, und der Funktion, Parteibeschlüsse und die marxistisch – leninistische Weltansicht bei den Mitgliedern zu propagieren, inne, die zum größten Teil keine SED – Mitglieder waren.“ (169)

Gerade für jüngere Frauen in den 70er Jahren hatte der DFD jede Anziehungskraft verloren. Dies führte allerdings nicht zur Suche nach neuen Organisationsformen. Die Frauen hielten sich für gleichberechtigt neben ihren Männern. Sie arbeiteten und waren auf diese Weise finanziell unabhängig. Wofür oder wogegen sollten sie sein? (181) Die Bewegung gegen den Paragraphen 218, aus der die Frauenbewegung in der Bundesrepublik zum Teil entstanden war, hatte in der DDR, angesichts der Legalisierung des Schwangerschaftsabbruches seit 1972, keine Bedeutung mehr. Während die Frauen in Westdeutschland noch um die ökonomische Selbständigkeit kämpften, „fehlte den Frauen in der DDR trotz ökonomischer Selbständigkeit und sozialer Absicherung auf einem niedrigen Niveau die Freiheit zur Selbstbehauptung, zur Subjektivität, Kritik und Thematisierung eigener, autonomer Interessen.“, so Gerhard. (70) Öffentliche Diskussionen über die Lebensinteressen von Frauen wurden verhindert, um das politische System und die Staatsführung nicht zu gefährden. Die westliche neue Frauenbewegung wurde als feministische „Spinnerei“ lächerlich gemacht. (70, 169)

Erst in den 80er Jahren organisierten sich Frauen, die meist in kirchengebundenen Kreisen, Kritik an der bestehenden Reduktion der Frauen- zur „Muttipolitik“ übten. Diese Bestrebungen entstanden wahrscheinlich nicht unbeeinflusst von der immer mehr an Bedeutung gewinnenden westlichen Frauenbewegung. Aus den kleineren Kreisen entstand die Gruppe „Frauen für den Frieden“, die ab Mitte der 80er Jahre in den meisten großen Städten vertreten war. Allerdings erlangte diese Gruppierung nie die Bedeutung wie die neue Frauenbewegung in der Bundesrepublik. (169)


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Durch das Zusammentreffen dieser vielen Teilaspekte, der formellen Gleichberechti­gung, der ökonomischen Unabhängigkeit der DDR – Frauen, der Legalisierung des Schwangerschaftsabbruches, der vielen sozialpolitischen Maßnahmen, der Nicht­existenz einer Frauenbewegung „von unten“, bzw. der erst Mitte der 80er Jahre einsetzenden Bestrebungen in diese Richtung, könnten für das Ausbleiben der massiven Forderungen nach familienorientierter Geburtshilfe und Hausgeburt in der DDR verstanden werden. Es bedarf in dieser Frage sicherlich noch weiterer intensiver – auch medizinhistorisch orientierter – Untersuchungen.


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