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5  ZUSAMMENFASSUNG

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fanden noch nahezu alle Geburten im privaten Hause statt. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts vollzog sich der Übergang von der traditionellen Hausgeburtshilfe zur klinischen Geburtshilfe. Diese Entwicklung hat sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg fortgesetzt. Der Anteil der Hausgeburten betrug in der Sowjetischen Besatzungszone 1946 73%. Im Jahre 1970 wurde dieser Anteil in der DDR nur noch mit 0,9% angegeben. In den folgenden Jahren bis zur politischen Wende 1989 wurde in der Statistik keine Unterteilung mehr nach dem Ort der Entbindung gemacht.

In den 50er und 60er Jahren wurde von Seiten des DDR – Staates eindeutig die klinische Entbindung gefördert. Im „Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau“ aus dem Jahre 1950 wurde die Schaffung von Entbindungsbetten und der Ausbau der Schwangerenberatung gesetzlich festgelegt. Alle schwangeren Frauen sollten in den Beratungstsellen erfasst werden. Dazu wurden umfangreiche Aufklärungen durchgeführt und ein materieller Anreiz geschaffen. (erst zusätzliche Lebensmittelrationen, dann Geldzuwendungen). Im Jahre 1958 war dieses Ziel erreicht worden. Richtlinien des Ministeriums für Gesundheitswesen der DDR bezüglich der Schwangerenberatungsstellen heben die Bedeutung der Klinikentbindung und dessen Ausweitung hervor. Von den meisten Mediziner dieser Zeit wurde diese Entwicklungs­tendenz unterstützt, sie bezeichneten die Schwangerenvor- und –fürsorge und die primäre Klinikentbindung als geeignete Maßnahmen zur weiteren Senkung der perinatalen und peripartalen Mortalität. Ein bedeutender Schritt in Richtung Klinikentbindung war die Anordnung über die Niederlassung von Hebammen. Danach konnte einer Hebamme die Niederlassung versagt werden, wenn es sich um die erste Niederlassung handelte oder ihr eine Arbeitsstelle im öffentlichen Gesundheitssystem nachgewiesen werden konnte. Angesichts des Ausbaus der klinischen Entbindungs­einrichtungen und der Schwangerenberatungsstellen bestand ein großer Bedarf an Hebammen im öffentlichen Gesundheitswesen. Ein direktes Verbot der Hausgeburts­hilfe in der DDR ist nicht nachzuweisen.

In den 70er und 80er Jahren konzentrierte sich die Geburtshilfe zunehmend auf die physiologische Seite der Schwangerschaft und des Geburtsgeschehens. Neue [Seite 84↓]Methoden („programmierte Geburt“) und neue Technik (Kardiotokographie und Ultraschall) hielten Einzug in die geburtshilflichen Abteilungen. In westeuropäischen Ländern, vor allem in der Bundesrepublik, wurde Kritik an der zunehmend somatisch orientierten Geburtshilfe geübt. In der Öffentlichkeit und unter Medizinern begannen ab Mitte der 70er Jahre Diskussionen um eine sogenannte „familienfreundliche Geburts­hilfe“. Von einigen autonomen Frauengruppen wurde die Hausgeburt propagiert. Anfang der 80er Jahre begann auch in der DDR Kritik an der bestehenden Form der Geburtshilfe laut zu werden. Diese Kritik ging nicht primär von den Frauen aus, sondern vom medizinischen Personal. Diskussionen zu Themen der „familienfreundlichen Geburtshilfe“ wurden nicht in der breiten Öffentlichkeit geführt. Ein Wiederaufleben der Hausgeburt war bis zum Ende der DDR 1989 nicht zu beobachten. Die vereinzelten Hausgeburten, die es gab, wurden mit sogenannten Sturzgeburten erklärt, d. h. nicht gewollte bzw. nicht geplante Hausgeburten. Inwieweit andere soziale, gesellschaftliche und politische Gegebenheiten in der DDR als in der BRD, wie die formelle Gleichberechtigung, die ökonomische Selbständigkeit der Frauen, die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruches, die zahlreichen sogenannten sozialpolitischen Maßnahmen und das Fehlen einer Frauenbewegung „von unten“, ausschlaggebend für das Ausbleiben massiver Forderungen nach „familienorientierter Geburtshilfe“ sind, kann vermutet werden.


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23.04.2004