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1.  Einleitung und gegenwärtiger Forschungsstand

Einleitung


In den letzten Monaten des Jahres 2001 sorgte die sogenannte Pisa-Studie (Programme for International Student Assessment) für Schlagzeilen. Demnach belegen deutsche Schüler hinsichtlich ihrer Leistungen im Vergleich zu ihren europäischen und einigen außereuropäischen Schulkameraden Plätze im letzten Drittel. Das Volk der Dichter und Denker scheint seinen Nachwuchs weder zum Dichten noch zum Denken zu erziehen, und auch in schlichteren intellektuellen Leistungen wie etwa Lesen, Beherrschen der Grundrechenarten und naturwissenschaftlicher Grundbildung wird er allem Anschein nach in den Kindergärten und Schulen der Republik nur defizitär ausgebildet.

So zeigt die Zusammenfassung zentraler Befunde Pisa 2000 1 des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin (2001) teilweise alarmierende Befunde hinsichtlich der intellektuellen Fähigkeiten von 15jährigen Schülern in Deutschland. Bezüglich des Lesens rangieren die bundesrepublikanischen Schüler auf Platz 22 (von insgesamt 32 teilnehmenden Staaten), wobei besonders eklatant ins Auge fällt, dass über 40 % der Schüler nicht zu ihrem Vergnügen lesen; dies bedeutet den höchsten Anteil unter allen Teilnahmestaaten. Analoge Ergebnisse sind auch in mathematischer und naturwissenschaftlicher Grundbildung zu konstatieren: In beiden Bereichen rangieren deutsche Schüler auf hinteren Plätzen, und als besorgniserregend wird beurteilt, dass es in Deutschland beispielsweise bei der naturwissenschaftlichen Grundbildung zwar eine sehr große Gruppe von Schülern mit schlechten und sehr schlechten Leistungen, aber nur eine verschwindend geringe Anzahl mit Spitzenleistungen gibt.

Im Gefolge dieser Studie kam es einige Monate lang zu heftigen Debatten über die Form und den Inhalt nicht nur der schulischen Ausbildung, sondern der Erziehung schlechthin. Begonnen bei den Familien über die Kindergärten und -horte, Vorschulen, Grund- und Hauptschulen bis hin zu den Gymnasien und Hochschulen wurde die Qualität und das Niveau der dort angebotenen emotionalen, sozialen und intellektuellen Förderung kritisch diskutiert und in Frage gestellt. Zur Zeit geht ein „pädago[Seite 7↓]gischer Ruck“ durch Deutschland, von dem allerdings noch nicht abzusehen ist, inwiefern ihn genügend Nachhaltigkeit und Komplexität auszeichnen wird, obschon in den Jahren 2003 bis 2009 weitere Untersuchungen der Art von Pisa (z.B. im Fremdsprachenbereich) geplant sind.

Doch nicht erst seit den publizierten Ergebnissen der Pisa-Studie ist die Erziehung in die Krise geraten. Schon seit Jahrzehnten kann man wiederkehrende „Bildungsdebatten“ beobachten, in deren Rahmen immer wieder konstatiert wird, dass die grundlegenden Fragen und Probleme bezüglich der häuslich-familiären Erziehung, der schulischen Pädagogik, der Erwachsenenbildung und vor allem auch der Selbsterziehung weitgehend ungeklärt oder zumindest nicht befriedigend gelöst sind. In Teilbereichen der Pädagogik steht eine imposante Menge theoretischer Überlegungen und Modelle zu Verfügung; die Praxis des Lehrens und Lernens ist demgegenüber jedoch häufig defizitär.

Die Fragen nach der „richtigen“ Art und Weise des Erziehens und Lehrens sind also alt, und die bisher darauf formulierten Antworten sind entweder im Hinblick auf die erzielten Resultate unbefriedigend, oder aber sie wurden zu wenig oder gar nicht in konkrete Praxis umgesetzt. Außerdem nehmen pädagogische Bemühungen oftmals zu wenig Bezug auf z.B. psychologische und anthropologische Erkenntnisse.2

Einen erstaunlich komplexen, wenn auch nicht unumstrittenen Versuch der Beantwortung pädagogischer Fragen unternahm die Schwedin Ellen Key (1849-1926). Sie wurde vor allem mit ihrem Buch Das Jahrhundert des Kindes (Barnets århundrade 1900, deutsch 1902) europaweit bekannt und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in Kreisen von Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen ausgiebig rezipiert und diskutiert. Das öffentliche Interesse, vornehmlich auch in Deutschland, war zeitweise überwältigend und bezog sich nicht nur auf die pädagogischen Impulse, die von Key ausgingen. Ihrer Person, vor allem aber einigen zentralen Gesichtspunkten ihres Werkes, widmet sich die folgende Untersuchung, wobei vorrangig die Verknüpfungen mit kulturanalytischen Aspekten im Vordergrund stehen.


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Gegenwärtiger Forschungsstand


Auf den folgenden Seiten werden die wichtigsten Abhandlungen und Publikation zu Ellen Key und ihrem Werk aufgeführt. Anhand dieses Überblicks lässt sich ersehen, dass Key hauptsächlich hinsichtlich ihrer reformpädagogischen Konzepte und Aktivitäten rezipiert und in Ansätzen weiterentwickelt wurde.

1904 verfasste Louise Nyström-Hamilton einen ersten biographischen Abriss über die zu dem damaligen Zeitpunkt noch lebende Reformpädagogin mit dem Titel Ellen Key - Ein Lebensbild, der bald ins Deutsche übertragen wurde. Im selben Jahr erschien eine Abhandlung über Ellen Key von Elisabeth Nemény, und im Jahre 1912 wurde eine biographische Skizze des Philosophieprofessors John Landquist über Ellen Key in deutscher Sprache publiziert. Eine erste Dissertation über Ellen Key verfasste Erdmann Rudolf Richter unter dem Titel Darstellung und Kritik der pädagogischen Ideen Ellen Keys, mit der er 1922 in Leipzig promoviert wurde.

Nach dem Tod Ellen Keys wurde ihr Werk beinahe vergessen. Einen gehörigen Anteil daran hatten sicherlich das Aufkommen des Faschismus und der Zweite Weltkrieg. Doch auch nach 1945 wurden die pädagogischen Ideen und Anregungen der Schwedin nur zögerlich zur Kenntnis genommen, und selbst während der in der westlichen Welt einige Jahre lang weitverbreiteten Phase der sogenannten antiautoritären Erziehung war der Name Ellen Key in den Debatten selten zu hören und in den Publikationen kaum zu lesen.

In den letzten Jahren kam es hinsichtlich der pädagogischen Konzepte Keys zu einer kleinen Renaissance. Zwei Dissertationen - Reinhard Dräbing: Der Traum vom Jahrhundert des Kindes (Aachen 1989), Verena Spillmann: Erziehungskonzeption für Heim und Schule unter besonderer Berücksichtigung der Rolle der Frau als Mutter bei der schwedischen Pädagogin und Schriftstellerin Ellen Key (Zürich 1992) - beschäftigen sich ausführlich mit den Erziehungskonzepten Keys.

Derselben Intention dienen Publikationen wie etwa von Sabine Andresen und Meike Sophia Baader: Wege aus dem Jahrhundert des Kindes - Tradition und Utopie bei Ellen Key (1998), Reinhard Dräbing: Ellen Key, Eine Wegbereiterin der modernen Erlebnispädagogik? (1992) oder auch Gabriela Häfner: Ellen Key und das Selbstverständnis Schwedens zwischen Tradition und Moderne (1998).


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Im Mai 1999 fand an der Universität Potsdam ein mehrtägiges Colloquium zum Thema Das Jahrhundert des Kindes im Rückblick statt. Das Institut für Pädagogik der Universität Potsdam veranstaltete, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), diese Tagung, welche sich unter anderem Themen wie Zur Entwicklung des Kindschaftsrechts im zwanzigsten Jahrhundert (Maud Zitelmann), Zur Politik der Mütterlichkeit in der deutschen Frauenbewegung 1900-1950 (Irene Stoehr) oder Kind und Kunst: Das schöpferische Kind (Eckart Liebau) widmete.

Im Nachgang zu dieser Tagung erschien das von Meike Sophia Baader, Juliane Jacobi und Sabine Andresen herausgegebene Buch Ellen Keys reformpädagogische Vision – „Das Jahrhundert des Kindes“ und seine Wirkung (Weinheim und Basel 2000). Darin untersuchen z.B. Micha Brumlik die Pädagogik des Perfektionismus: Ellen Key, Tiina Kinnunen Ellen Key und die deutsche Frauenbewegung, Ann Taylor Allen die Eugenik und Frauenbewegung in Deutschland und Großbritannien, Johannes Bilstein Das Jahrhundert des Kindes in Worpswede, Jürgen Helmchen Ellen Key als „Zeiterscheinung“ – Zur historischen Platzierung des „Jahrhundert des Kindes“ oder Heinz-Elmar Tenorth die Natur als Argument in der Pädagogik des zwanzigsten Jahrhunderts. Dieser Sammelband stellt Ellen Key sehr umfassend in ihren Konsequenzen für die Pädagogik des 20. Jahrhunderts dar.

Im deutschsprachigen Raum haben sich in den letzten Jahren vor allem Sabine Andresen und Meike Sophia Baader in wissenschaftlichen Artikeln zu Fragen der Pädagogik und der Definition des Kindes bei Ellen Key geäußert. Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang die Abhandlungen Ellen Key – Pädagogin und Frauenrechtlerin zwischen Tradition und Moderne 3 , Zur Konstruktion des Kindes in Ellen Keys „Jahrhundert des Kindes“ 4 , Rückblick auf eine Vision: Ellen Keys „Jahrhundert des Kindes“ 5 , Ellen Key: Autorin eines pädagogischen Bestsellers, Stichwortgeberin der Reformpädagogik und eigenwillige Denkerin 6 , Feminisierung von Pädagogik und Elternschaft bei Ellen Key. Zu einem Muster pädagogi [Seite 10↓] scher Rezeption im „Jahrhundert des Kindes“ 7 , Ellen Keys „Jahrhundert des Kindes“ als pädagogische Programmschrift des 20. Jahrhunderts 8 , sowie Ellen Key: International bekannt Autorin eines pädagogischen Bestsellers 9 .

Im Dezember 1998 wurde im übrigen an der Universität Potsdam ein Reformpädagogisches Kabinett eröffnet, das z.B. Materialien der Montessori-Pädagogik vorstellt, sich darüber hinaus aber auch auf die Figur Ellen Keys bezieht.

Ebenfalls für ein gewisses neu erwachtes Interesse an Ellen Key sprechen die Neuherausgaben ihres Hauptwerkes Das Jahrhundert des Kindes in den Jahren 1992 und 2000 sowie die Publikation des Briefwechsels zwischen Ellen Key und Rainer Maria Rilke, den Theodore Fiedler 1993 herausgegeben hat.

Auffällig ist allerdings, dass mit Ausnahme von Das Jahrhundert des Kindes keinerlei weitere Schriften Keys eine Neuherausgabe erfahren haben. Weder ihre Essays über diverse Kulturschöpfer (z.B. Vauvenargues, Diderot, Rahel Varnhagen) noch ihre pazifistischen Texte (z.B. über Bertha von Suttner) oder ihre Bücher über die Rolle und Emanzipation der Frauen noch andere kulturanalytische Untersuchungen oder psychologische und anthropologische Abhandlungen von Key sind aktuell im Buchhandel erhältlich.

Ebenso einseitig und begrenzt wie diese Primärliteratur ist – wie gezeigt – die Sekundärliteratur über Ellen Key. In der wissenschaftlichen wie auch populären Diskussion gilt die Schwedin hauptsächlich als Reformpädagogin, und ihre sehr interessanten kulturkritischen Arbeiten wie auch manche ihrer problematischen Ansichten (z.B. zur Eugenik) sind im öffentlichen Bewußtsein ebenso wie in den meisten wissenschaftlichen Abhandlungen über Ellen Key unterrepräsentiert.10


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Da die kulturanalytischen und kulturkritischen Facetten im Oeuvre Keys bisher ebenso wenig wie eine umfangreichere biographische Abhandlung, welche auf die Entstehungsbedingungen ihrer einzelnen Veröffentlichungen eingeht, angefertigt wurden, will sich die vorliegende Dissertation diesen Aspekten im Leben und Werk Ellen Keys ausführlich zuwenden. Dabei soll gezeigt werden, dass Key nicht nur Pädagogin, sondern darüber hinaus ebenso universal interessierte Kulturanalytikerin, Kulturkritikerin und Schriftstellerin war, und gleichzeitig soll damit eine Lücke in der wissenschaftlichen Aufarbeitung und Rezeption des keyschen Werkes gefüllt werden.

Die vorliegende Arbeit über Pädagogische, psychologische und kulturanalytische Traditionen und Perspektiven im Werk Ellen Keys will die Schwedin als interdisziplinär denkende und arbeitende Schriftstellerin vorstellen, die in ihren Abhandlungen vielfältige Einflüsse aus Philosophie, Dichtung, Psychologie, Anthropologie, Pädagogik, Politik und Geschichte integrierte und gelten ließ. Es soll gezeigt werden, dass die Pädagogin Ellen Key nur eine Facette ihrer Persönlichkeit und ihres Werkes bedeutete und dass ihre Leistungen im Bereich der Erziehungslehre stark von den eben skizzierten Einflüssen und Anregungen aus vielen anderen Kulturbereichen abhingen.

Neben diesen werkkonstituierenden Zugängen und Perspektiven soll im Rahmen dieser Untersuchung auch der Biographie Ellen Keys gebührende Aufmerksamkeit gewidmet werden. Hierbei interessieren vorrangig ihre vielfältigen Kontakte und Beziehungen zu Künstlern, Intellektuellen, Wissenschaftlern und Philosophen in Europa. Der zum Teil intensive Austausch zwischen der Schwedin und ihren kulturell oftmals sehr schöpferischen Freunden und Bekannten hat ganz wesentlich die Inhalte ihres Werkes mitbestimmt, wie auch umgekehrt die Texte Keys in ihrer Wirkung auf manche mit ihr in Kontakt stehenden Kulturschaffenden nachgewiesen werden können.


Fußnoten und Endnoten

1 Siehe hierzu: Max-Planck-Institut für Bildungsforschung: Pisa 2000 - Zusammenfassung zentraler Befunde, Berlin 2001 (http:// www. mpib-berlin.mpg.de/pisa/pdfs/ergebnisse.pdf)

2 Siehe hierzu: Valtin, R.: Die Welt mit den Augen der Kinder betrachten - Der Beitrag der Entwicklungstheorie Piagets zur Grundschulpädagogik (1993), Berlin 1996

3 Andresen, S.: Ellen Key – Pädagogin und Frauenrechtlerin zwischen Tradition und Moderne, in: Neue Praxis. Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialpolitik, 3/1994, S. 249-262

4 Baader, M.S.: Zur Konstruktion des Kindes in Ellen Keys „Jahrhundert des Kindes“, in: Engagement. Zeitschrift für Erziehung und Schule, 4/1998, S. 199-204

5 Baader, M.S.: Rückblick auf eine Vision: Ellen Keys „Jahrhundert des Kindes“, in: Pädagogik Unterricht, 4/1999, S. 23-26

6 Baader, M.S.: Ellen Key: Autorin eines pädagogischen Bestsellers, Stichwortgeberin der Reformpädagogik und eigenwillige Denkerin, in: Pädagogik Unterricht, 4/1999, S. 26-36

7 Andresen, S. u. Baader M.S.: Feminisierung von Pädagogik und Elternschaft bei Ellen Key. Zu einem Muster pädagogischer Rezeption im „Jahrhundert des Kindes“, in: Neue Praxis. Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialpolitik, 2/1999, S. 112-129

8 Baader, M.S. u. Jacobi, J.: Ellen Keys „Jahrhundert des Kindes“ als pädagogische Programmschrift des 20. Jahrhunderts, in: Kindsein kein Kinderspiel. Das Jahrhundert des Kindes (1900-1999), hrsg. von Petra Larass, Halle 2000, S. 43-54

9 Baader, M.S.: Ellen Key: International bekannte Autorin eines pädagogischen Bestsellers, in: Klassiker und Außenseiter der Pädagogik, hrsg. von Klaus-Peter Horn und Christian Ritzi, Hohen Gehren 2001

10 Siehe hierzu: Tenorth, H.-E.: „Reformpädagogik“ - Erneuter Versuch, ein erstaunliches Phänomen zu verstehen (1992), Berlin 1994



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11.08.2004