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11.  Ellen Key - Anthropologie und Psychologie


Obschon Ellen Key sich einen Namen als Reformpädagogin, Pazifistin und Sozialistin und nicht so sehr als Psychologin oder anthropologisch orientierte Philosophin gemacht hat, lohnt es, in ihrem Oeuvre die psychologischen und anthropologischen Voraussetzungen und Implikationen aufzuspüren und in einen Zusammenhang mit den zu ihren Lebzeiten aktuellen Strömungen - vorrangig innerhalb der Tiefenpsychologie und philosophischen Anthropologie - zu stellen.

Dabei wird evident, dass sie eine ganze Fülle von tiefenpsychologischen und anthropologischen Konstrukten und Theorieaspekten, die im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden, in ihre Schriften integriert hat, ohne dabei dies immer als Zitat und Quelle kenntlich zu machen. Dass sich Key allerdings auf z.B. psychoanalytische Lehrmeinungen stützen konnte, ist ziemlich wahrscheinlich. Wie schon im Kapitel über Biographisches zu Ellen Key ausgeführt, hat die Schwedin engen Kontakt zu dem dänischen Literaturhistoriker Georg Brandes unterhalten, der seinerseits einiges psychoanalytische Gedankengut kannte und sich darüber wohl auch mit Key ausgetauscht haben wird:

Georg Brandes, der bekannte und einflußreiche dänische Literaturkritiker, hatte Freud zu Beginn des Jahrhunderts kennengelernt und von ihm eine signierte Ausgabe der Traumdeutung (1900) erhalten, nachdem Freud einen seiner Vorträge besucht hatte und davon gebührend beeindruckt worden war.1


Außer zu Georg Brandes hatte Key auch intensivere Beziehungen zu Lou Andreas-Salomé sowie Poul Bjerre geknüpft, die beide der Psychoanalyse nahe standen. Es ist anzunehmen, dass bei ihren Treffen - zu diesem Zeitpunkt vor allem von Bjerre initiiert, da Salomé erst im Anschluss an ihre Bekanntschaft mit ihm sich der Psychoanalyse intensiv zuwandte und kurze Zeit später mit Bjerre den 3. Psychoanalytischen Kongress in Weimar besuchte - so manche tiefenpsychologischen Ideen und Konstrukte ausgetauscht und diskutiert wurden:


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Im Sommer 1911 besuchte Lou ihre Freundin, die Reformpädagogin und frauenbewegte Schriftstellerin Ellen Key, in Alvastra (Schweden). Dort lernte sie deren Verwandten, den jungen schwedischen Neurologen Dr. Poul Bjerre (1876-1964) kennen. Die rasch angebahnte, freilich kurzlebige Liebesbeziehung bewirkte eine erste Einführung in die Psychoanalyse. Der schwedische Arzt hatte sich Sigmund Freud angeschlossen, ohne ihm freilich in allen Punkten zu folgen.2


Wie eng Anfang des 20. Jahrhunderts die Beziehungen der wenigen psychoanalytisch orientierten Psychologen und Ärzte Schwedens untereinander wie auch zu den deutschsprachigen Analytikern waren, wird an der Person Alfhild Tamm (1874-1959) sichtbar, von der aufgrund ihrer pädagogischen Interessen zu vermuten steht, dass sie das Werk und wahrscheinlich auch die Autorin Ellen Key gekannt haben muss. Tamm setzte sich literarisch sehr intensiv mit den psychoanalytischen Konzepten auseinander, wobei deutlich wurde, dass ihr natürlich Poul Bjerre und seine Vorbehalte gegen Freud ebenso bekannt waren wie die meisten Philosophen, auf die Ellen Key sich häufig berief:

In fast vollständiger Übereinstimmung mit den Argumenten Freuds in seiner Abhandlung Die Widerstände gegen die Psychoanalyse, unter Bezugnahme auf jene Philosophen (Leibniz, von Hartmann, Nietzsche, Schopenhauer, Höffding und andere), welche Freuds Position stützten und in ihren philosophischen Systemen das Unbewußte schon ins Auge faßten, und unter Einbeziehung von Aussagen zeitgenössischer Psychoanalytiker der führenden Kulturnationen tritt die Autorin (Alfhild Tamm, K.M.) dafür ein, sowohl unter Medizinern als auch Philosophen des Nordens die Psychoanalyse gründlicher zu studieren und höher zu schätzen. Dabei nahm sie den Angriff Bumkes in seinem Buch Das Unterbewußtsein auf die Psychoanalyse kritisch zur Kenntnis, und ebenso verfuhr sie mit der Schrift von Poul Bjerre The way to and from Freud... 3


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Auch über Alfhild Tamm und ihre Kontakte zur deutschsprachigen psychoanalytischen Bewegung hätten also die Gedanken der schwedischen Reformpädagogin Einzug in die Tiefenpsychologie halten, und umgekehrt hätte Tamm aber auch Key über psychoanalytische Lehrmeinungen informieren können:

Sie (Alfhild Tamm, K.M.) war die erste Frau in Schweden, die Psychiaterin wurde; 1904 erhielt sie ihre erste Anstellung... Ihre Studien führten sie nach Berlin, wo sie zweifellos mit der psychoanalytischen Theorie in Berührung kam. 1913 hatte sie bereits die erste von zahlreichen Reisen nach Wien unternommen, und in den folgenden Jahren absolvierte sie eine Reihe von Kurzanalysen bei Analytikern wie Paul Federn, Helene Deutsch und August Aichhorn. In dieser Zeit lernte sie auch Alfred Adlers Vorstellungen kennen. Ihre bedeutendsten Beiträge leistete sie auf dem Gebiet der Kinderheilkunde, da sie an vielen pädagogischen Einrichtungen als ärztliche Beraterin wirkte, eine Sprechtherapieklinik leitete und verschiedene Ämter in der öffentlichen Kinderfürsorge innehatte.4


Doch trotz dieser vielfältigen Möglichkeiten der gegenseitigen Vermittlung haben weder Ellen Key die Psychoanalyse noch die Tiefenpsychologen Ellen Key und ihre Schriften expressis verbis zitiert. Auch die meisten Vertreter der akademischen Psychologie, die damals zwar weitläufige Untersuchungen über die Psychologie und Anthropologie von Kindern und Jugendlichen angestellt haben, ignorierten Ellen Key und ihr Werk beinahe vollständig.

So fehlt der Name Key in den Namensregistern der gesammelten Werke etwa von Sigmund Freud, Carl Gustav Jung und Alfred Adler; ebenso wenig taucht er in den Büchern von z.B. Erik H. Erikson oder Margaret S. Mahler auf. Aber auch die Kinderpsychologen William Stern, Anna Freud und Jean Piaget kannten - glaubt man den entsprechenden Registerabschnitten ihrer Werke - den Namen Ellen Key nicht. Umgekehrt trifft man aber selbst in denjenigen Schriften der Pädagogin, welche psycholo[Seite 215↓]gischen Themen gewidmet sind, auf keine namentlichen Angaben von Tiefenpsychologen.

Dabei hat Ellen Key schon in Das Jahrhundert des Kindes sehr hellsichtig erkannt, dass das 20. Jahrhundert nicht nur eines der Pädagogik, sondern auch der Psychologie des Kindes (wie auch der Erwachsenen) sein werde. In mehreren Passagen verweist sie auf die engen Zusammenhänge zwischen ihrer eigenen Reformpädagogik und der sich anbahnenden experimentellen ebenso wie der philosophisch-geisteswissenschaftlich orientierten Psychologie:

Das Gebiet, auf dem unsere Zeit die größten Errungenschaften für das Jahrhundert erzielt hat, das das des Kindes sein wird, ist die psychologische Forschung. In der großen Publikation Zeitschrift für Psychologie der Sinnesorgane bestand noch im Jahre 1893 keine besondere Rubrik für Kinderpsychologie, aber unter individueller Psychologie wurden schon 18 Arbeiten über Kinderpsychologie erwähnt. 1894 beginnt eine besondere Rubrik für Kinderpsychologie und Erziehungspsychologie, die - von 29 Arbeiten in dem erwähnten Jahr - 1897 auf 78, 1898 auf 106 angestiegen ist und noch immer progressiv zunimmt.5


Im weiteren zitiert Key etliche psychologische Periodika, die Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland, Frankreich und England neu herausgegeben wurden und die bereits in ihrem Titel deutlich machten, dass sie sich mit Fragen der pädagogischen Psychologie (z.B. die französische Zeitschrift Bibliothèque de Pédagogie et de Psychologie) oder auch mit Problemen der Psychophysiologie (z.B. die Zeitschriften Mind oder Brain) wissenschaftlich beschäftigen wollten. Des weiteren zitiert sie etliche damals bekannte Psychologen wie etwa Wilhelm Wundt (1832-1920), Alfred Binet (1857-1911) und Paul Flechsig ((1847-1929) sowie den Heidelberger Psychiater Emil Kraepelin (1855-1926). Die Auswahl dieser Namen lässt bereits erkennen, dass Ellen Key um 1900 in ihren psychologischen Ansichten und Vorstellungen stark von der Experimentalpsychologie sowie den naturwissenschaftlich dominierten Seelenmodellen der Neurologen und Psychiater beeinflusst war.


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Eine derartige Ausrichtung verwundert nicht. In den Jahren vor der Abfassung von Das Jahrhundert des Kindes hatte sich Key intensiv mit den Schriften von Charles Darwin (1809-1882) auseinandergesetzt. Darwins Schriften hatten in Europa von den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts an nicht nur im Bereich der Biologie für Aufsehen und große Veränderungen hinsichtlich der wissenschaftlichen Paradigmen gesorgt. Vor allem seine erste Publikation Über die Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzenreich durch natürliche Züchtung (1859) hatte den Gedanken der Entwicklung auf überzeugende Art dargelegt. In seinem Buch Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl (1871) übertrug Darwin seinen Entwicklungsgedanken auch auf den Homo sapiens und begründete damit die Deszendenztheorie. Beide Gedanken - sowohl derjenige der Entwicklung wie auch derjenige der Deszendenz - fanden Eingang in viele wissenschaftliche Publikationen und Forschungsaktivitäten und somit auch in die sich damals neu etablierenden psychologischen Institute.

Diese Tendenz wurde bestärkt durch eine weitere Veröffentlichung Darwins mit dem Titel Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei den Menschen und den Thieren (1872). Darin äußerte der englische Entwicklungsbiologe die Überzeugung, dass es im Tier- und Menschenreich universale emotionale Ausdrucksformen gäbe, die auf eine biologisch vermittelte Grundlage verweisen. Darwin leitet die Ausdrucksbewegungen aus drei Facetten ab: aus dem Bau des Körpers und der nervalen Innervation, aus Assoziationen und aus dem Prinzip der sogenannten Antithese. Weil der Aufbau des Körpers und seiner Organe wie auch die vegetativen Reaktionen vererbt seien, würden auch die meisten Ausdrucksbewegungen als hereditär zu verstehen sein. Man könne daher den Ausdruck wie auch die Emotionen selbst sowohl bei Tieren als auch bei Menschen wissenschaftlich mit ähnlichen oder gar identischen Methoden untersuchen:

Darwins Hauptwerke ... vertraten und unterstützten die grundlegende psychologische Sichtweise, derzufolge der Mensch auf einem Kontinuum mit anderen Organismen existiert und Mensch und Tier wissenschaftlich untersucht werden können.6


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Ebenfalls Einfluss auf die inhaltliche und methodische Ausrichtung der Psychologie nahm Darwins Kindertagebuch, das er über die Entwicklung seines Sohnes William Erasmus führte. Dieses Tagebuch wurde in Teilen in der britischen Zeitschrift Mind im Jahre 1877 publiziert. Der Physiologe und Psychologe Wilhelm Preyer übernahm in seinem Buch Die Seele des Kindes (1882) einige Beschreibungen und Reflexionen Darwins und nutzte sie für eigene entwicklungspsychologische Überlegungen. Sowohl die darwinschen Publikationen als auch dieses Buch Preyers waren Ellen Key bekannt:

In England und durch Darwin wurde das neue Studium der Kinderpsychologie begründet, in Deutschland erhielt es durch Preyer seine Ausbildung. Es hat teils das Studium der Aussprüche des Kindes selbst umfaßt, teils das der Kindheitserinnerungen der Erwachsenen, und schließlich unmittelbare Experimente zur Ergründung der physischen und psychischen Ermüdung und Ausdauer, der Schärfe der Sinne, der Stärke, Geschwindigkeit und Genauigkeit bei der Ausführung körperlicher und geistiger Arbeiten; des Beobachtungsvermögens der Gefühle und Begriffe in verschiedenen Lebensaltern, der Kindersprache, der kindlichen Ideenassoziationen und dergleichen.7


Vor allem das Buch von Wilhelm Preyer wurde als Grundbuch oder auch als Eröffnungswerk der Kinderpsychologie in Europa gefeiert. Seine Beobachtungen konnte man mit den damals gerade neu formulierten Erkenntnissen aus den psychologischen Laboratorien etwa eines Wilhelm Wundt gut in Bezug setzen. Der von ihm favorisierte Gedanke der regelhaften und phasengerechten Entwicklung des Kindes fand viele Anhänger, unter anderen auch Ellen Key:

Ihren Höhepunkt erreichte die „Kinderforschungs“-Bewegung etwa um die Jahrhundertwende, als die von Entwicklungsgedanken durchdrungene und von der Kinderpsychologie begeisterte schwedische Schriftstellerin Ellen Key (1900) „das Jahrhundert des Kindes“ ausrief und G. Stanley Hall (1900) in be[Seite 218↓]redten Worten die Kinderforschung als „Teil einer großen Kulturbewegung“ kennzeichnete.8


Auch der Entwicklungsgedanke Darwins bildete eine tragende Säule der keyschen Psychologie. Verstärkt durch die preyerschen Schriften entwarf die schwedische Reformpädagogin ein Menschenbild und ein Modell der Seele, welche stark von biologistischen Konstrukten geprägt waren. Dies lag insofern auch nahe, als der Gedanke der Evolution im Bereich der Natur gewisse Parallelen zu demjenigen der Entwicklung des Individuums, genauer noch zur Entwicklungspsychologie des Kindes aufweist. Wie Reinhard Dräbing in seinem Buch Der Traum vom „Jahrhundert des Kindes“ (1990) ganz richtig bemerkt hat, legen es diese eben dargelegten Verwandtschaftsgrade nahe, „über den Evolutionismus das verknüpfende Band von Charles Darwin zu Ellen Key zu ziehen“.9

Der Evolutionismus allerdings ließ Ellen Key nicht nur den Gedanken der Entwicklung im Bereich des psychischen und sozialen Lebens eines Individuums ins Auge fassen; ebenso war er dafür verantwortlich, dass die Konstrukte der Heridität bestimmter Charakterzüge und psychosozialer Fertigkeiten wie auch die Idee der sogenannten „Rassenhygiene“ in ihren Schriften eine gewisse, vom heutigen Standpunkt aus viel zu unkritische Rolle gespielt haben. Neben Darwin zitiert Key diesbezüglich auch noch den britischen Forscher Francis Galton (1822-1911), der unter Zuhilfenahme der Deszendenztheorie eine Charakterologie formuliert hatte, die ein vorwiegend biologistisches Gepräge aufwies:

Galton, der aus einem griechischen Wort einen Namen für die Wissenschaft von der Veredelung der Rasse geschaffen hat, „eugenics“, beweist, daß der zivilisierte Mensch, was die Fürsorge für die Veredelung der Rasse betrifft, jetzt viel tiefer steht als die Wilden, um nicht von Sparta zu sprechen, wo es den Schwachen, den zu Jungen, den zu Alten nicht gestattet war, zu heiraten, und wo der nationale Stolz auf eine reine Rasse, [Seite 219↓]eine kräftige Blüte so groß war, daß die Einzelnen sich in die Opfer fanden, die dieses Ziel erheischte.10


Für Key schienen die Ausführungen Darwins oder Galtons hinsichtlich einer „Veredelung“ der Rasse wie auch des Einzelnen durchaus vereinbar mit den nietzscheschen Überlegungen zum „Übermenschen“, wobei Nietzsche damit vorrangig eine kulturelle und nicht eine biologische Höherentwicklung einzelner Menschen gemeint hatte. Diese scheinbare Übereinstimmung war ebenso wie der damals vorherrschende Zeitgeist, der dafür sorgte, dass in vielen Ländern rassenhygienische Grundsätze diskutiert wurden, für die diesbezüglich unkritische Haltung Keys mit verantwortlich:

Key versucht eine ausschließlich positive Rezeption der Rassenhygiene und vermittelt diesen Eindruck durch ihre Umschreibungen der populären Wortführer wie Galton oder Wallace und deren Absichten mit Begriffen wie Zivilisierung oder Veredelung. Ohnedies geht es ihr um den Nachweis, daß die Eugeniker über die Elternschaft eine „tiefe Wahrheit“ gesprochen haben. Die einzige Einschränkung, die sie macht, ist das Ausblenden der Liebe, deren Fehlen ebenso sehr schlechten Nachwuchs hervorrufen würde wie Erbkrankheiten.11


Diese Verbindung von Rassenhygiene, Eugenik, Darwinismus, nietzschescher Philosophie und romantischer Liebe hat bei der schwedischen Reformpädagogin tatsächlich dazu geführt, die außerordentlich problematischen Seiten einer darauf fußenden Politik, Ethik und Gesellschaftslehre gering zu achten oder völlig auszublenden. Und des weiteren hatte diese eigentümliche Mischung aus wissenschaftlichen, philosophischen und weltanschaulichen Facetten bei Key zur Folge, dass sie bezüglich ihrer Konzeption der menschlichen Seele stark biologistisch orientierte psychologische und anthropologische Positionen vertrat und formulierte:

Was ... in erster Linie in Betracht kommen muß, ist der Gedanke, den darwinistische Schriftsteller immer mehr hervorheben: [Seite 220↓]daß die Naturwissenschaften - zu denen man ja nunmehr auch die Psychologie rechnet - die Grundlagen der Rechtswissenschaft sowie der Pädagogik werden sollen. Der Mensch muß die Gesetze der natürlichen Auslese kennenlernen und in dem Geiste dieser Gesetze handeln. Man muß die Gesellschaftsstrafen in den Dienst der Entwicklung stellen, sie müssen eine Schutzmaßregel der natürlichen Auslese werden.12


Zu einer von den Naturwissenschaften her begründeten Psychologie und Anthropologie fügten sich nahtlos die experimentalpsychologischen Unternehmungen eines Wilhelm Wundt oder auch die biologisch-psychiatrischen Konstrukte eines Emil Kraepelin an, die beide von Key in Das Jahrhundert des Kindes zustimmende Erwähnung finden. Außerdem führt sie darin den schwedischen Naturwissenschaftler Hjalmar Oehrwall (1851-1929) an, der - als Professor für Physiologie in Uppsala - in Anlehnung an die Untersuchungen von Binet ebenfalls psycho-physiologische Modelle entwarf und damit das Zusammenspiel von Nervensystem und Charakter durchschaubar machen wollte. Ähnliche Positionen vertraten um 1900 die dänischen Wissenschaftler Fejlberg und Lambek, die beide von Key in ihrem Buch Der Lebensglaube (1906) hinsichtlich ihrer psychologischen Vorstellungen ebenfalls ausführlich zitiert werden:

Indem sie die Grundgesetze des physischen Lebens auf das Seelenleben anwenden, stellen sie fest, daß freie oder gehemmte Bewegung, reiche oder dürftige Nahrung dieselbe Wirkung auf das Wachstum und die Gesundheit der Seele habe, wie auf die des Körpers; daß es folglich ebenso möglich wie notwendig sei, daß auch die Seele ihre Prophylaxe und Hygiene erhalte. Ebenso wie die Lebensfülle des Körpers von seiner eigenen organischen Energieproduktion und seinem Verbrauch abhängt, so auch die der Seele; für beide ist die Selbstproduktion die Bedingung des Lebens...13


Dass Ellen Key jedoch keine Psychologie entwarf oder vertrat, welche lediglich auf Biologie und Psychophysik im damals anerkannten akademi[Seite 221↓]schen Rahmen rekurrierte, wird im eben erwähnten Buch Der Lebensglaube ebenfalls evident. Wenige Zeilen, nachdem sie die Psychophysik Fejlbergs und Lambeks vorgestellt hat, beschreibt die Autorin nunmehr psychische Phänomene, die in ihrer Dynamik stark an das Seelen- bzw. Lebenskonzept Friedrich Nietzsches erinnern. Aus dem folgenden Zitat jedenfalls meint man eine Anspielung auf den „Willen zur Macht“ herauslesen zu können, der für Nietzsche angeblich in der Natur ebenso wie in der Kultur, im einzelnen Individuum ebenso wie in der Masse und im körperlichen ebenso wie im seelischen Dasein als bestimmende, das Leben unterhaltende und steigernde Kraft nachweisbar war. Eine entsprechende Energie postulierte auch Key:

Das menschliche Seelenleben wird von dem Trieb zu einer immer größeren Energieentwicklung, oder besser ausgedrückt, zu einer immer größeren seelischen Fülle beherrscht und geformt. Die Menschen bei ihrem geistigen Energieverbrauch zu leiten, ist die einzige wirkliche Aufgabe der Seelenkultur.14


Bekanntlich hat Nietzsche sein Konzept vom „Willen zur Macht“ in Anlehnung an den und Auseinandersetzung mit dem schopenhauerschen „Willen“ formuliert. Schopenhauer ging davon aus, dass sowohl die Menschen als auch die gesamte belebte Natur von einem unbewussten Drang und Trieb, denen er den Namen „Wille“ gab, beherrscht und gelebt wird. In seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung (1818) unterschied der Philosoph das menschliche Bewusstsein (die sogenannte Vorstellung) vom Unbewussten (dem sogenannten Willen). Der letztere gebärde sich wie ein Riese, welcher den „Zwerg des Bewusstseins“ auf seinen Schultern trage. Das Bewusstsein meine, diesem Riesen die Richtung seiner Bewegungen vorgeben zu können, wobei jedoch der unbewusste Wille schon längst „entschieden“ habe, wann und wohin er sich bewegen wolle. Jede angeblich bewusst herbeigeführte Entscheidung eines Individuums und alle seine übrigen Lebensäußerungen sind letztlich Resultate des unbewussten Willens:

Alles Streben, Wünschen, Fliehen, Hoffen, Fürchten, Lieben, Hassen, kurz: Alles, was das eigene Wohl und Wehe, Lust und [Seite 222↓]Unlust unmittelbar ausmacht, ist offenbar nur Affektion des Willens, ist Regung, Modifikation des Wollens und Nichtwollens, ist eben das, was, wenn es nach außen wirkt, sich als eigentlicher Willensakt darstellt.15


Der schopenhauersche „Wille“ entspricht demnach nicht dem umgangssprachlichen Begriff des Willens, dem wir gemeinhin einen hohen Grad an Bewusstsein zusprechen. Vielmehr wurde er zu einem frühen Vorläufermodell des Unbewussten bzw. der unbewussten Triebe, die Sigmund Freud wenige Jahrzehnte später in seiner Psychoanalyse (z.B. in seinem topischen Seelenmodell) postuliert und beschrieben hat. In ihrem Buch Der Lebensglaube entwickelt Ellen Key Gedanken hinsichtlich einer Psychologie, die - ohne dass sie dies namentlich kenntlich macht - starke Anleihen bei Schopenhauer respektive Freud aufweisen. Den Begriff des Willens verwendet sie dabei umgangssprachlich und nicht im Sinne des Philosophen, d.h. der „Wille“ bei Ellen Key entspricht der „Vorstellung“ bei Arthur Schopenhauer:

Bis zu einem gewissen Grade können wir unsere Gedanken, unsere Gefühle, unsere Phantasie bereichern, vertiefen und vergrößern. Und dies nicht, weil der Wille frei ist, sondern weil er es nicht ist, weil er, wie das gesamte Seelenleben, Gesetzen gehorcht...16


Diese Gesetze freilich, von denen Key hier spricht, entsprechen in einem erstaunlichen Ausmaß dem schopenhauerschen Willen bzw. dem Freudschen Unbewussten, das vom Begründer der Psychoanalyse als Sitz der Triebe des Menschen beschrieben wurde. Es klingt schon wie eine Vorwegnahme des erst 1923 von Freud ausformulierten Instanzenmodells (in: Das Ich und das Es), wenn Key über das Verhältnis von Bewusstsein zum Unbewussten sehr im Duktus der Psychoanalyse schreibt:

Über unserem - durch die Grundbedingungen des Daseins bestimmten und vom Willen unbeeinflußbaren - unbewußten Sein liegt unser Bewußtes. Dieses verhält sich zu unserem unbe[Seite 223↓]wußten Ich so wie die bebaubare Erdoberfläche sich zum Erdinnern verhält.17


Noch ein weiteres Zitat macht wahrscheinlich, dass Ellen Key bereits 1906 - also fünf Jahre, bevor sie die Bekanntschaft zwischen Lou Andreas-Salomé und Poul Bjerre gestiftet hatte - mit den Schriften oder zumindest mit maßgeblichen Gedanken Sigmund Freuds in Kontakt gekommen sein musste. Ähnlich wie die Schwedin schon einiges von der Dynamik zwischen bewusst und unbewusst (Ich und Es) erkannt hatte, beschrieb sie in Der Lebensglaube in Ansätzen auch die Wirkung unbewusster Leidenschaften und Antriebe sehr im Sinne der Tiefenpsychologie:

Der Einblick in das ganze unterbewußte Seelenleben, in die Abgründe unseres Wesens, aus denen Eingebungen, Leidenschaften und Willensäußerungen plötzlich auftauchen, von deren Dasein wir bisher ebensowenig eine Ahnung hatten wie von den verborgenen körperlichen Krankheitsanlagen oder Kraftmöglichkeiten, die wir in uns tragen, all dies verneint anscheinend die Möglichkeit, auch nur unsere eigene Persönlichkeit und unseren eigenen Lebensplan zielbewußt zu formen, geschweige denn die Möglichkeit der Bildbarkeit eines ganzen Geschlechtes.18


Keys Menschenbild und Seelenmodell geht - so kann man diese Zitate interpretieren - von einer biologisch fundierten Triebhaftigkeit des Homo sapiens aus. Anders aber als die dualistisch angelegte Triebtheorie Sigmund Freuds bevorzugte Key ein monistisches Triebmodell, das - wie eben gezeigt - an die Konzepte des „Willen“ (Schopenhauer) und des „Willens zur Macht“ (Nietzsche) erinnert. Außerdem sind in dieses Triebkonzept Ellen Keys auch manche Vorstellungen der Romantiker von einer Vis vitalis, einer Lebensschwungkraft, wie sie z.B. von dem französischen Philosophen Henri Bergson mit seinem Konzept des élan vital weiterentwickelt wurde, eingeflossen:

Das menschliche Seelenleben wird von dem Trieb zu einer immer größeren Energieentwicklung, oder besser ausgedrückt, zu [Seite 224↓]einer immer größeren seelischen Fülle beherrscht und geformt.19


Dieses Triebleben nun stellt sich Key als unbewussten und weitgehend biologisch präformierten Vorgang vor. Zu dieser Grundannahme trugen die von Key rezipierten Schriften Darwins sicherlich ebenso bei wie die monistischen Überlegungen Ernst Haeckels, der – wie schon erwähnt – vor allem mit seinem Buch Die Welträtsel. Gemeinverständliche Studien über biologische Philsophie (1899) um die Jahrhundertwende europaweit bekannt geworden war. Überdies spiegeln sich in den Beschreibungen Keys bezüglich des von ihr angenommenen Trieblebens immer wieder und vorrangig schopenhauersche und nietzschesche Theoreme wider:

So wie unsere Vernunft keine unmittelbare Wirkung auf die Lebensprozesse des Körpers hat, sondern nur dahin wirken kann, Hindernisse der Bewegung aufzuheben und Nahrung zuzuführen, so hat die Vernunft auch für das Leben der Seele nur eine ordnende Aufgabe, während dieses Leben selbst in und mit der ursprünglichen instinktiven, vegetativen Seelenarbeit vor sich geht.20


Der Lebenstrieb bei Ellen Key entspringt einem bio-psychologischen Kern des Menschen, der ihrer Meinung nach auch das Zentrum einer Person oder eines Individuums darstellt. Seelische Gesundheit und Authentizität entstehen beim Erwachsenen nur dann, wenn seine Lebensäußerungen und seine Lebensgestaltung von diesem Zentrum her einigermaßen ungehindert ihre Energie und Richtung erhalten. Ellen Keys diesbezügliche Überlegungen nehmen Beschreibungen etwa Sigmund Freuds oder auch Georg Groddecks (1870-1937) vorweg, die das Ich oder die bewussten Anteile des Menschen ebenfalls als Abkömmlinge des unbewussten und triebhaften Person-Kerns aufgefasst haben, den sie das Es nannten. Bei Key, die den triebhaften Kern eines Individuums auch als sein „Inneres Ich“ bezeichnet hat, heißt es dazu:

So setzt das innere Ich immer mehr Kern an, so wird das äußere Ich eine immer dünnere Schale um diesen Kern. Die Seele [Seite 225↓]bewahrt sich lebend, d.h. wachsend durch ihre Regungen... nicht aber die bewußten, absichtlichen Bewegungen: alles, dessen man sich befleißigt - die Gedanken, Gefühle, Stimmungen, Schönheitseindrücke, die man absichtlich hervorbringen will - wird mager... Schon der Gedanke „ich denke“ lähmt das Denken; nur der unabsichtlich entstandene Gedanke hat ein Erdreich für seine Wurzeln.21


Mit diesen eben zitierten Überlegungen stellte sich Ellen Key in die damals bereits über einhundert Jahre alte sogenannte „Es-denkt-Tradition“. Diese Tradition wurde von Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) begründet, der in seinen Sudelbüchern immer wieder darauf hingewiesen hat, dass der von René Descartes geäußerte Satz „Ich denke, also bin ich“ (cogito, ergo sum) nicht den Realitäten entspricht. Vielmehr müsse es heißen: „Es denkt, sollte man sagen, so wie man sagt: es blitzt.“22 Und an einer anderen Stelle beschreibt der Göttinger Physiker und Philosoph schon im 18. Jahrhundert das Denkens exakt so, wie Ellen Key es zu Beginn des 20. Jahrhunderts charakterisiert hat:

Ich sehe tief in meine Seele hinein und ich erkenne, der Gedanke ist ein Produkt meines Systems, nicht eingeführt, ohnerachtet ich nicht zweifele, daß er häufig auf anderm Boden wächst.23


Ganz ähnlich argumentierte wenige Jahre nach Lichtenberg der Dichter und Schriftsteller Karl Philipp Moritz (1756-1793), der sich in seinem Magazin zur Erfahrungsseelenkunde (1783-93) unter anderem Gedanken zur Verwendung des Begriffes „Es“ gemacht und dazu ganz im Sinne der „Es-denkt-Tradition“ ausgeführt hat:

Nur im höchsten Notfalle bedient sich die Sprache der unpersönlichen Zeitwörter, wenn uns nämlich z.B. selbst die nächste Ursache einer Veränderung oder Erscheinung in der Natur nicht einmal bekannt ist, wie bei den Erscheinungen, die man Geis[Seite 226↓]tern zuschreibt, wo man z.B. sagt: es wandelt, es geht um, usw. und auf diese Weise durch das unpersönliche es das unbekannte etwas bezeichnet, welches vor uns in Dunkelheit gehüllt ist... Was nun von den unpersönlichen Zeitwörtern gilt, welche eine Veränderung oder Erscheinung außer uns in der Natur anzeigen, das gilt zum Teil auch von denen, welche Veränderungen und Erscheinungen in uns selber, entweder im Körper oder in der Seele, die nicht von unserem Willen abhängig sind, bezeichnen, und diese verdienen freilich in psychologischer Rücksicht die meiste Aufmerksamkeit.24


Diese „Es-denkt-Tradition“ hat sich, ausgehend von der deutschen Aufklärung über die Romantik bis hin zu Schopenhauer und Nietzsche fortgesetzt, um dann - vermittelt über Eduard von Hartmann (1842-1906) und dessen Hauptwerk Philosophie des Unbewußten (1869) - Einzug in die tiefenpsychologischen Schulrichtungen der Psychoanalyse (Sigmund Freud), der Individualpsychologie (Alfred Adler) und der Komplexen oder Analytischen Psychologie (Carl Gustav Jung) zu halten.

Als Stichwortgeber für den Begriff des Es im Rahmen der Tiefenpsychologie gilt der weiter oben bereits erwähnte Georg Groddeck, welcher mit seinem Buch vom Es (1923), dessen Manuskript Freud in den Jahren vor seinem Das Ich und das Es (ebenfalls 1923) bereits kannte, den Terminus des Es in das psychoanalytische Vokabular eingeführt hat. Das Es Groddecks weist im Vergleich zu demjenigen Freuds jedoch einen omnipotenten und monistischen Charakter auf. Georg Groddeck war übrigens mit einer Schwedin, Emmy von Voigt, verheiratet, welche als erste einige Schriften von Freud ins Schwedische übersetzt hat. Eine Kontaktaufnahme zwischen Key und von Voigt konnte in der gesichteten Literatur allerdings nicht nachgewiesen werden. Es ist daher nicht zu klären, ob Key Schriften von Groddeck kannte; ihre monistischen Seelenkonzepte hat sie jedenfalls schon etliche Jahre vor den maßgeblichen Publikationen Groddecks formuliert.

Neben dem Gedanken einer unbewussten und monistisch konzipierten Seelenenergie weist Key in ihren psychologischen Texten noch weitere Parallelen zum psychoanalytischen Konzept der Psyche auf. [Seite 227↓]Freud war von Libidoquanten ausgegangen, welche letztlich die biopsychologische Kraft- und Energieform im Menschenleben bedeuten sollen und deren Schicksal für Gesundheit und Krankheit, für Triebbefriedigung und Sublimierung verantwortlich zeichnet. Dem Begründer der Psychoanalyse zufolge unterliegen diese Trieb- und Energiequanten verschiedenen Organisationsprinzipien, die er als Phasen der psychosexuellen Entwicklung - polymorph-pervers, oral, anal, phallisch und genital - beschrieben hat.25

Ellen Key kennt in ihren Schriften zwar keine Libidoquanten und auch keine psychosexuellen Entwicklungsstufen, beschreibt jedoch z.B. in Der Lebensglaube recht ausführlich, wie die seelische Energie, die sie als eine psychophysische konzipiert, als Quantität gedacht letztlich die Qualitäten des individuellen Lebens determiniert:

Man ahnt noch nicht einmal das Grundgesetz des Lebens der Seele, das Gesetz, das man doch auf dem Gebiet des Physischen einsieht: daß ohne Ausgaben an Seele keine Einkünfte an Seele gewonnen werden können; daß, je kräftiger der Verbrauch ist, desto mehr Energie geschaffen wird.26


Key hoffte, aus ihrer „seelischen Energie- und Bewegungslehre“ auch eine „Bau- und Wachstumslehre“ der Seele wie auch der Persönlichkeit entwickeln zu können. Ein derartiges Konzept, das man in psychologischer Terminologie auch als „Charakterpsychologie“ oder als „Persönlichkeitspsychologie“ bezeichnen könnte, hat die schwedische Reformpädagogin jedoch nicht systematisch ausgearbeitet. In ihrem Buch Der Lebensglaube sammelte sie lediglich „ohne alles System mitgeteilte Gedanken“27 zu dieser Thematik, die eher an psychologisch inspirierte Aphorismen Nietzsches denn an geordnete und elaborierte Texte zur Psychologie und Anthropologie erinnern.

So reflektiert sie etwa das Verhältnis von Biologie und Biographie und ihre Auswirkungen auf das seelisch-geistige Niveau des Individuums. Hinsichtlich der Entwicklung eines Menschen und seines Charakters müsse man sowohl seine angeborenen und biologisch determinierten Ausprä[Seite 228↓]gungen an Vitalität, Zugewandtheit zur Welt und Wachheit als auch seine Erziehung und Formung bezüglich psychischer, sozialer und geistiger Fähigkeiten berücksichtigen. Nur das Zusammenspiel dieser verschiedenen Ebenen mache verständlich, mit welchen charakterlichen und persönlichkeitsbedingten Eigenarten der Einzelne sein Leben gestaltet:

Abgesehen von Zeitgeist und Erziehung werden die Menschen mit verschiedener Möglichkeit der Seelensteigerung geboren. Der Erfolg der Kultur der Seele hängt ebenso wie der der Erde von dem ursprünglichen Erdreich und dem umgebenden Luftstrich ab. Man findet oft bei den „Konservativen“ ein reiches seelisches Erdreich, ein Resultat edler Geschlechtssitte oder christlicher Lebensgestaltung. Doch diese verstehen wiederum den Begriff der Lebenskunst nicht... Sie meinen ihre Seele zu veredeln, wenn sie sie nach den Kulturplänen der guten Gesellschaftssitte und der religiösen Frömmigkeit gebrauchen. Denen hinwiederum, die den Begriff verstehen, fehlt oft ein wertvoller Stoff, aus dem sie schaffen könnten.28


Weite Passagen in Der Lebensglaube sind der Frage gewidmet, wie Individuen ihr seelisch-geistiges Niveau steigern und für sich Lebenskunst erobern können. Allein die Fragestellung, mehr aber noch die diversen Antworten darauf erinnern immer wieder an die nietzschesche Philosophie des „Übermenschen“, der für Key zu einer Metapher geworden ist, mit der sie das Ziel aller Selbstwertsteigerung und Entwicklung von psychischen, sozialen und intellektuellen Fertigkeiten bezeichnet. Da sie mehrfach schildert, wie ihrer Meinung nach eine derartige Evolution lediglich einzelnen Menschen zugute kommt und die Majorität der Vielen wahrscheinlich von einem derartigen Prozess kaum tangiert werden wird, erörtert die Autorin immer wieder auch ihre eigenen Zweifel und Konflikte, die mit einer derartigen „monumentalischen Psychologie“ eng verbunden sind.

Dieser Begriff kann als eine Anlehnung an den Terminus der „monumentalischen Geschichtsschreibung“ aufgefasst werden, den Nietzsche in seiner zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das menschliche Leben (1874)29 gebraucht hat. Der Philo[Seite 229↓]soph bezeichnet damit eine Form der Historiographie, welche an bedeutenden Vorbildern aus der Geschichte „Maß nimmt“, um an ihnen das Format und Niveau eigener historischer Aktivitäten und individueller Lebensgestaltung zu bestimmen.

In diesem Sinne kann man Ellen Keys Überlegungen und Konzepte zum menschlichen Seelenleben nun in der Tat ebenfalls als „monumentalisch“ titulieren. Denn auch sie zitiert immer wieder bedeutende Gestalten der Vergangenheit (Montaigne, Goethe, Nietzsche u.a.m.), an denen sie ihre Ideen und ihren Maßstab von den Möglichkeiten seelischen Wachstums und geistiger Steigerung der Persönlichkeit demonstrieren will:

Das Leben so groß und stark zu leben, daß man es stets wieder zu erleben wünscht, so wie man stets ein großes Kunstwerk wieder erleben will, von dem man jeden Teil als notwendig und ewig empfindet, weil er ist; durch Geschlechtsveredlung ein immer feineres und reicheres Menschenmaterial für die zielbewußte, künstlerische Selbstgestaltung herzustellen - dies ist der zukunftswichtige Teil von Nietzsches Verkündung vom Übermenschen. Seine „Offenbarung“ von der ewigen Wiederkunft hat ihr nächstes Gegenstück in Goethes Gewißheit, daß ...

Keine Welt und keine Zeit zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.


Wer seinem eigenen Wesen die ewige Notwendigkeit des großen Kunstwerks gegeben hat, wird selbst eine ewige Notwendigkeit, wird ein in irgendeiner Form ewig Seiender.30


Wenngleich Ellen Key an dieser Stelle den Vers aus Goethes Gedicht Urworte. Orphisch (1820) auch nicht ganz korrekt zitiert - dort heißt es: „Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt/Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.“31 -, verdeutlicht dieser Passus doch eindrücklich, inwiefern die schwedische Reformpädagogin ihre Psychologie und vor allem das Ziel [Seite 230↓]der von ihr propagierten Lebenskunst und Selbsterziehung an den Biographien „großer Menschen“ orientiert hat.

Diese Orientierung an Goethe, Nietzsche und anderen bedeutenden Vertretern der europäischen Kulturgeschichte ermöglichte es Ellen Key, für die zentralen Begriffe ihrer Psychologie - z.B. Wachstum, organismische und ganzheitliche Entwicklung, Gefühl, Person und Selbsterziehung - überzeugende Beispiele sowohl hinsichtlich der Biographie als auch des Werkes dieser Gestalten zu zitieren. An ihnen und ihren Texten hat sie mindestens ebensoviel an psychologischen und letztlich auch anthropologischen Erkenntnissen gewonnen wie etwa im direkten Kontakt mit Kindern und Jugendlichen.

Die daraus entspringende Psychologie Keys war allerdings intuitiver und spekulativer Natur. Sie stand damit im Widerspruch zu den eher experimentalpsychologisch geprägten Ansichten und Überzeugungen (z.B. von Binet, Kraepelin oder Wundt), die von der Schwedin jedoch ebenfalls favorisiert wurden. Diese Widersprüchlichkeit zwischen einer geisteswissenschaftlich-philosophisch geprägten und einer naturwissenschaftlich-biologistisch konzipierten Psychologie verspürte Key durchaus, ohne aber in ihren Schriften immer einen gelungenen Ausgleich der dabei zutage tretenden Polaritäten realisieren zu können. Hinzu kamen die von ihr wahrscheinlich partiell rezipierten neuartigen Erkenntnisse und Vorstellungen der Tiefenpsychologie, welche zum Teil die eben dargelegten Gegensätze noch verschärften.

Darüber hinaus war auch die Methode, welche Key anwandte, um Erkenntnisse über die Seele und ihre Entwicklungen beim Kind, Jugendlichen und Erwachsenen zu generieren, eine Mischung aus „ganzheitlicher“ und Intuitionen förderlicher Beobachtungen einerseits und quasi experimentalpsychologischer „Laborbedingungen“ andererseits. Im Jahrhundert des Kindes skizzierte sie ihre Methodologie folgendermaßen:

Das Studium der Psychologie eines Kindes, begonnen bei seiner Geburt, fortgesetzt bei seinen Spielen, seiner Arbeit, seiner Ruhe, ein tägliches, vergleichendes Studium, verlangt einen ganzen Menschen. Es ist nur für eine Person möglich, die einige wenige Kinder unter ihrer Obhut hat; in Herden ist es unmöglich, um so unmöglicher, als das Kind in der Herde dieser [Seite 231↓]mehr oder weniger gleicht, was die Beobachtung noch erschwert.32


In moderner Terminologie ausgedrückt könnte man sagen, dass Key eine psychologische Methode und Vorgehensweise der Erkenntnisgewinnung favorisierte, die man als „Einzelfallanalyse“ oder auch als „teilnehmende Beobachtung“ titulieren könnte. Auch hierin scheint sie sich - ohne dass ihr dies wahrscheinlich ganz bewusst gewesen sein dürfte - einer wissenschaftlichen Haltung und Einstellung Sigmund Freuds angenähert zu haben, die dieser einmal in einem Brief an Lou Andreas-Salomé folgendermaßen auf den Punkt gebracht hat:

Sie wissen, ich bemühe mich ums Einzelne und warte ab, bis das Allgemeine daraus entsteht.33


Zusammenfassend kann man feststellen, dass Ellen Key aufgrund ihrer pädagogischen wie auch ihrer kulturanalytischen Neigungen und Interessen die Notwendigkeit erkannt hatte, eine tragfähige und - die um die Jahrhundertwende sich zum Teil überschlagenden neuen Erkenntnisse vom Menschen und seiner Welt - integrierende Psychologie und Anthropologie formulieren zu müssen. Die damals gehandelten Konzepte des 19. Jahrhunderts (Biologismus, Naturalismus, Materialismus, Positivismus) hinsichtlich eines Modells vom Menschen und seiner Seele erwiesen sich nur noch als bedingt tauglich, und die Konzepte des 20. Jahrhunderts waren eben erst im Entstehen begriffen. Dass Ellen Key deshalb zu diesem Zeitpunkt keine konzise und in sich geschlossene Psychologie und Anthropologie entwerfen konnte, ist also verständlich.

Diese Defizite im Hinblick auf eine systematisierte Psychologie mögen auch dazu beigetragen haben, dass Key bezüglich ihrer psychologischen Erwägungen unter den meisten akademischen Psychologen wie auch Tiefenpsychologen kaum rezipiert wurde. So wertvoll, überzeugend und wegweisend einzelne ihrer Gedanken zur Psychologie und Anthropologie auch gewesen sein mögen, so sehr vermisste man bei ihr eine explizite Bezugnahme beispielsweise auf die Tiefenpsychologie und ebenso [Seite 232↓]den Entwurf eines ihre diversen Ideen zusammenfassenden Gesamtkonzeptes der menschlichen Seele.

Es steht also zu vermuten, dass diese eben erwähnten Mängel und nicht so sehr die Tatsache, dass der Name und das Werk Ellen Keys unbekannt gewesen wären, zu der weiter oben schon angedeuteten kargen Rezeptionsgeschichte der Schwedin im Kreise der meisten Psychologen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts beigetragen hat. So fehlen die psychologischen, aber auch pädagogischen und kulturanalytischen Ansätze Keys zumindest als explizite Zitate vollständig in den Schriften der Gründerväter der Tiefenpsychologie.

Bei Sigmund Freud überrascht dies insofern, als er von 1912 an intensive und langjährige Kontakte mit Lou Andreas-Salomé unterhielt, von der man mutmaßen kann, dass sie dem Begründer der Psychoanalyse gegenüber den Namen und die Leistungen Ellen Keys durchaus erwähnt haben wird. Ebenso ungewöhnlich erscheint es, dass auch im Rahmen der Mittwoch-Gesellschaft bzw. der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung die Rede auf Key nicht gekommen sein soll; ihr Name fehlt jedenfalls im Register der vierbändigen Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, die in den Jahren 1975 ff. von Herman Nunberg und Ernst Federn herausgegeben wurden. Gleichzeitig wurden aber im Rahmen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung an etlichen Abenden die Themen der Erziehung, der Pädagogik und der Organisation von Schulen ausführlich erörtert. Ebenso bemerkenswert erscheint es, dass auch im publizierten Briefwechsel zwischen Sigmund Freud und Lou Andreas-Salomé der Name von Ellen Key nicht erwähnt wird.

Auch diejenigen Psychoanalytiker, die sich ganz dezidiert mit pädagogischen und erzieherischen Fragen auseinander setzten (z.B. Anna Freud, Melanie Klein, August Aichhorn, Siegfried Bernfeld und Hans Zulliger), erwähnen Keys Schriften nicht. Insbesondere bei Anna Freud kann - ähnlich wie bei ihrem Vater - darauf verwiesen werden, dass sie enge persönliche Kontakte zu Lou Andreas-Salomé unterhielt und darüber die schwedische Reformpädagogin ihrem Namen nach gekannt haben dürfte.

Noch unverständlicher wirkt die fehlende Zitierung Keys und ihrer Schriften bei Alfred Adler und den individualpsychologisch orientierten Tiefenpsychologen. Die von Adler inaugurierte Individualpsychologie hatte einen dezidiert pädagogischen Impetus und setzte sich mit vielen Fragen der Erziehung in Familie und Schule intensiv auseinander. Sehr bekannt [Seite 233↓]geworden sind die Schulreformen in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts im „roten Wien“, die vorrangig auf Adler und andere Individualpsychologen wie etwa Carl Furtmüller und Otto Glöckel zurückzuführen waren. Auch in den Schriften der letzteren werden die reformpädagogischen Ansätze Keys nicht gewürdigt, und im Register des sehr fundierten und umfassenden Buches Gestalten um Alfred Adler - Pioniere der Individualpsychologie (2002)34 fehlt dementsprechend der Name Ellen Keys ebenfalls.

Wie sehr eine Rezeption der keyschen Gedanken innerhalb der Tiefenpsychologie fruchtbare Resultate hätte zeitigen können, wird an etlichen kleineren Publikationen deutlich. So hat sich etwa in den 40er Jahren der Schweizer Nervenarzt Hans Christoffel in einem Beitrag für die Zeitschrift für Kinderpsychiatrie mit der Thematik der Überich-Bildung auseinandergesetzt und dabei Überlegungen von Sigmund Freud und Ellen Key zueinander in Beziehung gebracht:

Bedenken wir Zeit und Land, aus welchem S. Freud 1938 entfliehen mußte, so bemerken wir, daß er Tatsächliches beschrieben hat: eine Verkümmerung der Selbständigkeit, einen Schwund der Selbstverantwortlichkeit unter dem Druck einer gräßlichen Tradition und eines scheusäligen Despoten. Ellen Key, die Zeitgenossin Freuds, hat schärfer als andere solche Vermassung mit katastrophalen Auswirkungen schon 1900 vorausgesehen.35


Auch für die Individualpsychologie wäre eine explizite Kenntnisnahme der Gedankenwelt Keys überaus sinnvoll gewesen. Dass dabei viele Parallelen hinsichtlich anthropologischer und psychologischer Grundsätze evident geworden wären, wird z.B. von dem Schweizer Pädagogen Jürg Rüedi in seinem Buch Die Bedeutung Alfred Adlers für die Pädagogik - Eine historische Aufarbeitung der Individualpsychologie aus pädagogischer Perspektive (1988) nahegelegt. Im Kapitel über Das Kind in der Schule heißt es etwa:


[Seite 234↓]

Adler läßt nicht zu, daß der „mächtige“ Pädagoge dem „machtlosen“ Kinde voreilig die Schuld zuschiebt und sich so aus der Affäre zieht. Bei jedem Mangel, bei jeder Konzentrationsstörung des Schülers richtet er vielmehr zuerst die Frage an den Pädagogen, wie besser zu helfen ist. In diesem vornehmen Sinne spricht er im folgenden verschiedene konkrete Schulprobleme an, wobei er sich im Jahrhundert des Kindes (Ellen Key) als wirklicher Anwalt des Kindes erweist.36


In den weiteren Ausführungen Rüedis, die z.B. Fragen der Benotung, der didaktischen Methodik, der Organisation der Schule oder auch der Bedeutung des schulischen Lernens tangieren, werden viele Analogien zu den entsprechenden Passagen aus dem Werk Keys sichtbar. Insbesondere die Perspektive einer Pädagogik und Psychologie „vom Kinde her“ ist charakteristisch für Adlers Erziehungsmaximen und gleichzeitig ein Markenzeichen der keyschen Pädagogik.

Ellen Key und ihr Werk wurden jedoch in Wien, dem Mekka der Tiefenpsychologie wie auch akademischen Psychologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, von den Vertretern dieser Disziplinen hinsichtlich einer Erwähnung ihrer Ansichten nicht vollständig übergangen. So verweist etwa Charlotte Bühler (1893-1974) in mehreren ihrer Bücher expressis verbis auf die schwedische Reformpädagogin.

Bühler hatte seit 1929 eine Professur an der Universität Wien inne. Ihre Forschungsinteressen konzentrierten sich auf psychologische Fragen des menschlichen Lebenslaufes sowie der Entwicklung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Wertvolle Anregungen für ihre Arbeiten erhielt sie zum einen von den Gestaltpsychologen (Wolfgang Köhler, Karl Koffka und Max Wertheimer), zum anderen von ihrem Gatten Karl Bühler, der als Philosoph ebenfalls an der Universität Wien tätig war und partiell Fragestellungen wie etwa entwicklungspsychologische Probleme oder die Entstehung und das Wesen der menschlichen Sprache bearbeitete, die für Charlotte Bühler von großem Interesse waren.

In ihrem 1921 publizierten Buch Das Seelenleben des Jugendlichen gelang es Bühler, wichtige Strukturelemente des Jugendalters (z.B. sexuelle Differenzierung, Entwicklung von Gefühlsleben und Willensäußerun[Seite 235↓]gen, soziale und kulturelle Einfügung in die Umwelt) anschaulich und einfühlsam zu erörtern. In einer etliche Jahre später hinzugefügten Einführung, die den Worten der Verfasserin gemäß „gelesen werden muß“, verweist sie auf die Novitäten ihrer Publikation sowie auf die Quellen und Traditionen, auf welche sie bei der Abfassung ihrer Veröffentlichung zurückgegriffen hat:

Im Jahre 1921, als dieses Buch zum ersten Mal erschien, gab es noch keine Entwicklungspsychologie im heutigen Sinn. Seit dem Beginn dieses „Jahrhunderts des Kindes“, wie Ellen Key es nannte, waren die ersten umfassenden Kinderpsychologien von William Stern, David Katz, Karl Bühler herausgekommen. Ihre wissenschaftlichen Grundlagen und Ausweise waren Beobachtungen, Experimente, biologische und theoretische Betrachtungen. Die über das Kindesalter hinaus liegenden Jugendjahre wurden für wissenschaftlich unzugänglich gehalten, und sie waren in der Tat der Tummelplatz laienhafter Betrachtungen.37


Die Wertschätzung Ellen Keys durch Charlotte Bühler hielt bis ins hohe Alter an. In dem von ihr 1962 publizierten Überblickswerk Psychologie im Leben unserer Zeit, das einen imposanten Querschnitt durch die verschiedenen psychologischen Schulrichtungen des 20. Jahrhunderts - von der Psychoanalyse bis zum Existentialismus, von der Humanistischen Psychologie bis zu den anthropologisch relevanten Arbeiten Kurt Goldsteins oder Erwin Straus’ - bietet, erwähnt Bühler die schwedische Reformpädagogin ebenso wie die von Key rezipierten Wissenschaftler Wilhelm Preyer und Alfred Binet anerkennend im Kapitel über Die Entwicklung:

Seit um die Wende des Jahrhunderts (1882) Wilhelm Preyer sein berühmtes Tagebuch über die frühkindliche Entwicklung verfaßte, Stanley Hall (1883) mit Fragebogen-Methoden Jugendliche studierte und ... Alfred Binet (von 1890 an) die Stadien der Intelligenzentwicklung im Test zu erfassen trachtete..., seit in denselben Jahren Bühler, Katz und Peters die Methoden der experimentellen Wahrnehmungsforschung in die Kinder[Seite 236↓]psychologie hineintrugen ..., seit diese und viele andere das Fundament der neuen Wissenschaft legten, hat sich die kinder- und jugendpsychologische Forschung auf der ganzen Welt in geradezu gigantischem Maße ausgeweitet. Der Reichtum an Methoden und Problemstellungen vergrößerte sich dauernd. In diesem Jahrhundert des Kindes, wie Ellen Key es genannt hat, übertraf und übertrifft noch immer das Interesse an der kindlichen Entwicklung das für alle anderen Zweige der Psychologie.38


Doch solche Hinweise auf Ellen Key in Publikationen von bedeutenden Psychologen des 20. Jahrhunderts waren und sind eher selten. Die Geschichte der gegenseitigen Rezeption - hier Ellen Key mit ihren psychologischen und anthropologischen Gedanken und dort die Tiefenpsychologie und akademische Psychologie Europas und Nordamerikas im 20. Jahrhunderts - war denkbar dürftig und nur von wenigen wechselseitigen Zitaten und direkten Erwähnungen geprägt.

Eine die Ansätze und Intentionen Keys honorierende Assimilation durch die Psychologie und Anthropologie steht noch aus, wobei man erwarten kann, dass ein derartiger Prozess um so eher und fruchtbarer angestoßen wird, um so mehr die Psychologie ihre geisteswissenschaftlichen und philosophisch-anthropologischen Wurzeln und Facetten reintegriert.

Dabei könnten sowohl die Verdienste und progressiven Tendenzen als auch die Zeitgeist bedingten Mängel und Vorurteile, welche die psychologischen und anthropologischen Gedanken Keys kennzeichnen, gebührend berücksichtigt werden. An der schwedischen Reformpädagogin nämlich lässt sich trefflich zeigen, dass philosophischer und wissenschaftlicher Fortschritt immer aus einer Mischung althergebrachter Überzeugungen und zukunftsweisender Impulse und Ideen besteht.

Im Falle der psychologischen und anthropologischen Ausführungen Ellen Keys kam hinzu, dass die Psychologie um die Jahrhundertwende hinsichtlich ihrer wissenschaftstheoretischen und methodologischen Ausrichtung heftige Kontroversen führte, die teilweise auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch unentschieden sind; in gewisser Weise ist Key mit ihren psychologischen und anthropologischen Darlegungen zwischen die [Seite 237↓]Fronten der damaligen Konfliktparteien (Tiefenpsychologen, akademische Psychologen, experimentell vorgehende Psychologen, philosophisch orientierte Psychologen) geraten und konnte wohl auch deshalb nicht angemessen rezipiert werden.


Fußnoten und Endnoten

1 Moore, N.: Psychoanalyse in Skandinavien, in: Kindlers Psychologie des 20. Jahrhunderts, Tiefenpsychologie, Band 2: Neue Wege der Psychoanalyse - Psychoanalyse der Gesellschaft - Die psychoanalytische Bewegung, hrsg. v. Dieter Eicke, Weinheim und Basel 1982, S. 552

2 Wehr, G.: Gründergestalten der Psychoanalyse. Profile - Ideen - Schicksale, Zürich und Düsseldorf 1996, S. 143

3 Tamm, A.: Abstract (hier übersetzt) ihres Artikel: The oposition to psychoanalysis, in: Arkiv foer Psykologi och Pedagogik, 7 (1928), S. 80-90

4 Moore, N.: Psychoanalyse in Skandinavien, in: Kindlers Psychologie des 20. Jahrhunderts, Tiefenpsychologie, Band 2: Neue Wege der Psychoanalyse - Psychoanalyse der Gesellschaft - Die psychoanalytische Bewegung (1976), hrsg. v. Dieter Eicke, a.a.O., S. 551

5 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes (1900), Weinheim und Basel 2000, S. 130f.

6 Fitzpatrick, J.F. u. Bringmann, W.G.: Charles Darwin und die Psychologie, in: Illustrierte Geschichte der Psychologie, hrsg. v. Helmut Lück u. Rudolf Miller, Weinheim 1999, S. 17

7 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 130

8 Reinert, G.: Grundzüge einer Geschichte der Human-Entwicklungspsychologie, in: Kindlers Psychologie des 20. Jahrhunderts, Geschichte der Psychologie Band 2: Entwicklungslinien zur wissenschaftlichen Psychologie (1976), hrsg. v. Heinrich Balmer, Weinheim und Basel 1982, S. 196

9 Dräbing, R.: Der Traum vom „Jahrhundert des Kindes“, Frankfurt am Main 1990, S. 320

10 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 22

11 Andresen, S. u. Baader, M.S.: Wege aus dem Jahrhundert des Kindes - Tradition und Utopie bei Ellen Key, Neuwied 1998, S. 69

12 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 37

13 Key, E.: Der Lebensglaube, Berlin 1906, S. 389

14 Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 389f.

15 Schopenhauer, A.: Die Welt als Wille und Vorstellung, Band II (1818), Zürich 1988, S. 233f.

16 Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 415

17 Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 415

18 Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 412

19 Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 389f.

20 Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 389

21 Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 391

22 Lichtenberg, G.Ch.: Sudelbücher II, Heft K (76) (1793-96), in: Schriften und Briefe II, hrsg. v. Wolfgang Promies, Frankfurt am Main 1998, S. 412

23 Lichtenberg, G.Ch.: Sudelbücher I, Heft B (321) (1768), in: Schriften und Briefe I, hrsg. v. Wolfgang Promies, a.a.O., S. 130

24 Moritz, K.Ph.: Magazin zur Erfahrungsseelenkunde, 1.Band 1783, hrsg. v. Petra und Uwe Nettelbeck, Nördlingen 1986, S. 71f.

25 Siehe hierzu: Freud, S.: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905), in: Gesammelte Werke Bd. V, Imago-Ausgabe 1948, Frankfurt am Main 1999

26 Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 397

27 Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 399

28 Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 406

29 Siehe hierzu: Nietzsche, F.: Zweite Unzeitgemäße Betrachtung: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das menschliche Leben (1874), in: Kritische Studienausgabe (KSA), Band 1, hrsg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, München 1999

30 Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 463f.

31 Goethe, J.W.: Urworte. Orphisch (1820), in: Goethes Werke, Hamburger Ausgabe in 14 Bänden, Band 1, hrsg. v. Erich Trunz, München 1999, S. 359

32 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 168

33 Freud, S.: Brief an Lou Andreas-Salomé vom 1. April 1915, in: Sigmund Freud - Lou Andreas-Salomé Briefwechsel (1966), hrsg. v. Ernst Pfeiffer, Frankfurt am Main 1980, S. 31

34 Lévy, A., Mackenthun, G. (Hrsg.): Gestalten um Alfred Adler – Pioniere der Individualpsychologie, Würzburg 2002

35 Christoffel, H.: Zur Kritik des sogenannten Überichs, in: Zeitschrift für Kinderpsychiatrie, hrsg. v. M. Tramer, XIV. Jahrgang 1947-1948, Basel, S. 36

36 Rüedi, J.: Die Bedeutung Alfred Adlers für die Pädagogik - Eine historische Aufarbeitung der Individualpsychologie aus pädagogischer Perspektive, Bern 1988, S. 183

37 Bühler, Ch.: Das Seelenleben des Jugendlichen (1921), Stuttgart 1991, S. 13

38 Bühler, Ch.: Psychologie im Leben unserer Zeit, München 1962, S. 152f.



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11.08.2004