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12.  Ellen Key und ihre pädagogischen Vorläufer


Wegen keiner anderen gesellschaftlichen und kulturellen Funktion und Rolle wurde Ellen Key derart bekannt wie wegen derjenigen der Pädagogin. Insbesondere mit ihrem Buch Das Jahrhundert des Kindes (1900) hat sich die schwedische Schriftstellerin als Reformpädagogin nicht nur in Skandinavien, sondern europa- oder sogar weltweit einen Namen gemacht. Zusammen mit ihren konkreten praktischen Versuchen, Kinder oder auch Erwachsene in einer menschengemäßen Art und Weise zu unterrichten, geriet dieses Buch beinahe zur theoretischen Bibel der Pädagogik des 20. Jahrhunderts. Was aber macht die Erziehungslehre von Ellen Key aus?

Um dieser Frage nachzugehen, wird es notwendig sein, sowohl die theoretischen Ausführungen - insbesondere das Buch Das Jahrhundert des Kindes - als auch die von Key praktizierten pädagogischen Versuche genauer darzustellen und zu erörtern. Dabei wird rasch deutlich, dass Ellen Key mit ihren Ansichten und Haltungen zur Erziehung auf eine bis in die Renaissance zurück reichende Tradition aufbauen konnte. Sie war sich dieser historischen Wurzeln sehr wohl bewusst; in ihrem Buch Das Jahrhundert des Kindes hat sie auf ihre Vorläufer beredt hingewiesen und deren Leistungen wie auch Einflüsse auf ihre eigenen pädagogischen Überlegungen detailliert dargelegt.

Michel de Montaigne (1533-1592)


Als wichtigsten „Pädagogen“ der Spätrenaissance nennt Ellen Key den französischen Moralisten Michel de Montaigne (1533-1592). Montaigne hatte eine humanistische Ausbildung genossen und war mit den Autoren der griechischen und römischen Antike gut vertraut. Nach seiner Schulausbildung in Bordeaux und Toulouse studierte er Juristerei und war eine Zeit lang als Richter im Parlament von Bordeaux tätig. Nachdem er außerdem noch das Bürgermeisteramt dieser Stadt für zwei Jahre innegehabt hatte, zog sich Montaigne 1571 von seinen öffentlichen Pflichten zurück und lebte von da an vorrangig in seinem Turm, der eine reichhaltige Bibliothek beherbergte.

Hier schrieb er seine berühmten Essais, die ab 1580 in mehreren Etappen publiziert wurden. Diese meist nur wenige Seiten umfassenden [Seite 239↓]Aufsätze, von denen Montaigne meinte, er selbst sei ihr einziger Inhalt, wurden in der Folge sowohl bezüglich ihrer Form und ihres Stils als auch wegen ihres Inhalts zu einem vorbildlichen Modell der französischen, später auch der deutschsprachigen Moralisten (z.B. La Rochefoucault, Chamfort, Vauvenargues, Lichtenberg oder Jean Paul). Auf einige dieser Moralisten hat sich Ellen Key in ihrem Werk explizit bezogen.

Was aber macht nun den Reiz der montaigneschen Essais aus, und inwiefern werden in ihnen pädagogische Grundsätze und Überlegungen ventiliert, die für Ellen Key Relevanz bekamen? Schon in der Einleitung, überschrieben mit „An den Leser“, hat Montaigne darauf hingewiesen, dass es sein Bestreben war, über sich auf eine gänzlich uneitle und ehrliche Art zu berichten:

Dieses Buch, Leser, gibt redlich Rechenschaft. Sei gleich am Anfang gewarnt, daß ich mir damit kein anderes Ziel als ein rein häusliches und privates gesetzt habe. Auf deinen Nutzen war mein Sinn hierbei ebenso wenig gerichtet wie auf meinen Ruhm - für beides reichen meine Kräfte nicht aus... Ich will, daß man mich hier in meiner einfachen, natürlichen und alltäglichen Daseinsweise sehe, ohne Beschönigung und Künstelei, denn ich stelle mich als den dar, der ich bin. Meine Fehler habe ich frank und frei aufgezeichnet, wie auch meine ungezwungene Lebensführung, soweit die Rücksicht auf die öffentliche Moral mir dies erlaubte.1


Diese unprätentiöse Art der Selbstdarstellung bewirkte, dass sich in den Schilderungen Montaignes außerordentlich viele Leser wiederfanden und sich mit seinen Eigentümlichkeiten, Unebenheiten und Defiziten ebenso wie mit seinen Qualitäten leicht identifizieren konnten. Darüber hinaus gelang dem französischen Moralisten mittels dieser ungewöhnlichen „Selberlebensbeschreibung“ (Jean Paul) eine Art von fundamentaler Anthropologie, welche nicht nur das Individuum Montaigne, sondern - ausgehend von diesem konkreten Einzelnen - die Conditio humana zu ihrem Inhalt hat.

Neben vielen anderen Aspekten zählen auch die Phänomene des Lernens sowie der Lern- und Erziehungsfähigkeit des Menschen zu den [Seite 240↓]essentiellen Bestandteilen der Gattung Homo. Diese Facetten hat Montaigne in seinen Essais ebenfalls beschrieben, und auf diese Passagen nahm Ellen Key Bezug, als sie den französischen Moralisten als einen für sie wichtigen Vorläufer der Pädagogik deklarierte.

Bevor wir auf die inhaltlichen Aspekte der montaigneschen Pädagogik näher eingehen, soll noch darauf hingewiesen werden, dass Ellen Key viele ihrer kürzeren Arbeiten und Aufsätze ebenfalls als „Essays“ bezeichnet und schon allein durch diese Bezeichnung eine formale Parallele zu Montaigne und dessen Werk hergestellt hat. Vor allem aber die inhaltlichen Entsprechungen zwischen den Ausführungen zur Erziehung bei Montaigne und denjenigen Ellen Keys, welche die schwedische Reformpädagogin als „psychologische Pädagogik“ bezeichnet hat, haben dazu beigetragen, dass sie über den französischen Moralisten schrieb:

Die psychologische Pädagogik hat hohe Ahnen... In seinen Essais und seinen Briefen an die Gräfin de Gurson findet man schon alle Grundzüge der Erziehung der Zukunft! Montaigne kennt die Fähigkeit der Gewohnheit, die Natur umzuorganisieren, und schärft darum ein, daß die erste Aufgabe der Erziehung das Beibringen der richtigen Gewohnheiten sei.2


Vor allem in seinem Essay Über die Knabenerziehung, den Montaigne als Brief an die Gräfin de Gurson konzipiert hatte, lassen sich die wichtigsten pädagogischen Prinzipien und Überlegungen des französischen Moralisten nachlesen. In diesem Rahmen weist er z.B. auf die Rolle des Lehrers und auf dessen charakterliche und intellektuelle Fähigkeiten hin, welche für die Erziehung des Kindes von nicht zu überschätzender Wichtigkeit seien. Nur edle und hoch gesinnte Persönlichkeiten taugen nach Montaigne für das Geschäft der Erziehung; Kleingeister, Philister und Spießbürger bilden die Zöglinge zu Imitaten ihrer eigenen intellektuellen, sozialen und emotionalen Beschränktheit heran. Diese Forderung Montaignes findet die volle Zustimmung Ellen Keys, wobei sie allerdings sehr realistisch feststellt:

Aber unsere Pädagogen sind noch in der Regel keine hohen und großen Geister. Darum führen sie freilich große pädagogi[Seite 241↓]sche Worte auf den Lippen, aber in ihrem Herzen - und in ihren Werken - sind sie weit davon entfernt.3


Auch die Art und Weise, wie Lehrer ihren Schülern diverse Stoffe vermitteln sollen, ist bei Montaigne schon sehr ausführlich beschrieben worden und wurde von Key durchaus anerkannt. Für den französischen Moralisten bedeutete Lernen keineswegs ein bloßes Auswendig-Hersagen von Fakten; vielmehr legte er hohen Wert darauf, dass der Lernende den Stoff vollumfänglich assimilieren und zur Anwendung bringen können sollte. Die selbständige Aneignung von Tatsachen und Zusammenhängen war das erklärte Ziel der montaigneschen Pädagogik, und alle Formen der Unselbständigkeit und Abhängigkeit der Schüler waren ihm ein Gräuel. Eigene Urteile zu fällen und diese mit eigenen Worten auszudrücken - das war es, wozu der französische Moralist Menschen anleiten und wozu er sie fördern wollte. In dem erwähnten Essay lesen wir dazu:

Von klein auf schreit man uns die Ohren voll, als ob man unablässig in einen Trichter nachschütte, und nichts anderes haben wir zu tun, als immer wieder nachzusprechen, was man uns vorgesprochen hat. Ich möchte, daß der Erzieher es besser mache und von Anfang an die seinen Händen anvertraute Seele je nach Leistungskraft ihr Können vorführen und selber die Gegenstände richtig einschätzen, unterscheiden und wählen lasse: manchmal mit und manchmal ohne seine Wegweisung. Ich will nicht, daß er allein sich etwas ausdenke und davon rede, ich will, daß er seinem Zögling zuhöre, wenn der seinerseits redet... Meistens schadet die Autorität der Lehrenden den Lernenden.4


Auch dieses Plädoyer für eine „antiautoritäre Erziehung“ fand die Zustimmung Ellen Keys. Ebenso wie ihr französischer Vorläufer bestand Key darauf, den Unterricht zu einem dialogischen Ereignis werden zu lassen, bei dem zwei oder mehrere Individuen auf möglichst einer Ebene miteinander kommunizieren und sich austauschen. Nicht eine durch Rollenzuschreibung legitimierte Hierarchie zwischen Lehrer und Schüler, sondern [Seite 242↓]das solidarische Lehren und Fördern sollen nach Key im Mittelpunkt des pädagogischen Prozesses stehen. Dazu braucht es vor allem eine tragfähige und emotional zugewandte Beziehung zwischen den Pädagogen und ihren Zöglingen, die das Fundament für jegliches Lernen abgibt.

Das Lernziel eines jeden Unterrichts besteht nach Montaigne - und auch nach Key - in einer Steigerung der Souveränität, Eigenständigkeit und Mündigkeit des Schülers. Ähnlich wie Immanuel Kant in seinem berühmten Aufsatz über die Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784) geschrieben hat, dass Aufklärung „der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ sei und deshalb das Motto der Aufklärung lauten müsse: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“5, hat auch schon Montaigne festgestellt, dass ein hauptsächliches Defizit jeglicher Erziehung in der geistigen und seelischen Abhängigkeit des Zöglings vom Lehrer besteht:

Unsere Seele bewegt sich nur noch nach der Vorgabe dessen, was die Hirne anderer ausgeheckt haben, Gefangene und Sklaven von deren Lehrautorität. Man hat uns so eng ans Gängelband genommen, daß wir keinen Schritt mehr allein tun können. Unsere Kraft und Freiheit sind erloschen. Niemals werden wir mündig sein. 6


Es sind insbesondere diese Aufforderungen Montaignes zum Selber-Denken und zur autonomen Handlung, welche Key bejahte. In Das Jahrhundert des Kindes plädiert sie Mal um Mal für eine derartige Zielsetzung der Pädagogik, die weit entfernt ist von allen Dressurmaßnahmen der herkömmlichen Erziehung. Das Kind als zukünftiges autonomes Subjekt - das war Maß und Münze der keyschen Pädagogik, und an diesem hehren Ziel sollten sich alle anderen curricularen Inhalte wie auch pädagogischen Maßnahmen und Methoden orientieren.

Es versteht sich von selbst, dass Montaigne (und natürlich auch Ellen Key) bei einem solchen erzieherischen Prozess auf Gewaltanwendung - egal ob seelisch oder körperlich - völlig zu verzichten forderte. Wachstumsprozesse, welche die Eigenständigkeit und Unabhängigkeit des Zöglings intendieren, können dem französischen Moralisten zufolge nie und [Seite 243↓]nimmer mit Prügel oder Strafen induziert werden; vielmehr sind Ermutigung und wohlwollende Atmosphären eine Conditio sine qua non der Erziehungskunst. Nicht die Rute, sondern blühende und grüne Zweige und Blumen sollten die Schulzimmer schmücken, in denen sich Kinder und Jugendliche heimisch fühlen. Dieses Plädoyer Montaignes für eine gewaltfreie Erziehung übernimmt Ellen Key uneingeschränkt:

Wie paßt das nicht noch immer auf unsere eigene Zeit, wo die rohe Grausamkeit allerdings weniger groß ist, aber die pedantische Disziplin die sittlichen Begriffe fälscht, indem sie das Kleine groß und das Große klein macht; wo - in der Knabenschule - Schläge und Anmerkungen die Temperatur der Laune des Lehrer angeben, aber nicht den Gehalt der Anlagen des Schülers; wo der Kleinsinn an jedem zweiten Katheder seinen Altar hat!7


Ein Gedanke Montaignes, der in der Pädagogik Ellen Keys ebenfalls eine gewichtige Rolle spielte, war die Orientierung des Lehrstoffes an der Wirklichkeit. Der französische Moralist wollte sich und andere nicht mit bloßem Bücherwissen schulen, sondern die Welt, das Leben und die Mitmenschen auf eine sehr direkte und unverfälschte Art kennen lernen. Das Leben, und nicht irgendein in verstaubten Beamtenstuben ausgeklügeltes Curriculum, stellt den eigentlichen Lehrstoff für uns Menschen dar. Viele Schulen und die in ihnen unterrichtenden Lehrer bedeuten dabei regelrechte Hindernisse, die überwunden oder abgeschafft werden müssten. So ist es auch zu verstehen, wenn Montaigne ausruft: „Für das Denken kann ein Einfall bei Tische, eine Dummheit eines Bedienten ein ebenso guter Lernstoff sein wie ein Buch.“

Wenn die Welt, das Dasein und die Mitmenschen den eigentlichen Stoff des Lernens abgeben, kann man nach Montaigne als gewichtiges Ziel aller Pädagogik auch die sogenannte Lebenskunst auffassen. Was sollen uns Detailwissen und Faktensammlungen bedeuten, wenn sie nicht letztlich dazu dienen, unsere Existenz lebenswerter und glücklicher zu machen? Was können uns komplexe mathematische oder physikalische Zusammenhänge sagen, wenn wir nicht gleichzeitig im Umgang mit unserem Körper, unserem Lebensvollzug und unseren Mitmenschen klug und geschult werden?


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Ähnlich wie einige Generationen später Friedrich Nietzsche, der in seinen Schriften von Montaigne immer in den höchsten Tönen gesprochen hat, lässt auch der französische Moralist jegliche Pädagogik und alle Philosophie am Leitfaden des Leibes und des konkreten und alltäglichen Lebensvollzuges entspringen. Die Res non naturales (die „nicht-natürlichen Dinge“), die bereits in der Philosophie und Medizin der griechischen und römischen Antike eine gewichtige Rolle gespielt haben, kehren bei Montaigne, Nietzsche und dann auch bei Ellen Key als Hauptinhalte eines Curriculums der Lebenskunst und einer wahrhaft humanistischen Pädagogik wieder.

Jean-Jaques Rousseau (1712-1778)


Einen noch viel größeren Einfluss auf das Denken und die pädagogischen Ansichten Ellen Keys als Montaigne nahm der französisch-schweizerische Kulturkritiker und Philosoph Jean-Jaques Rousseau (1712-1778).Rousseau zählte zu den schillerndsten und meist zitierten Figuren der französischen Aufklärung und des gesamten 18. Jahrhunderts. Dieser Citoyen de Genève hat sowohl mit seinen pädagogischen wie auch staatstheoretischen Schriften seinem Jahrhundert einen Stempel aufgedrückt, dessen Prägekraft bis ins 21. Jahrhundert weiter wirkt.

Jean-Jaques Rousseau, dessen Mutter bei seiner Geburt starb, wurde zuerst von seinem Vater, einem gebildeten Uhrmacher, und vom achten Lebensjahr an von einem Pfarrer erzogen. Er sollte Schreiber und Graveur werden, flüchtete dann aber als 16jähriger und gelangte auf Umwegen zu Madame de Warens, die ihn in die Philosophie, die Literatur, die Wissenschaften und - in die Liebe einführte.

Kurze Zeit versuchte Rousseau sich als Erzieher der beiden Söhne des Herrn von Mably in Lyon, um sich Anfang der 40er Jahre des 18. Jahrhunderts nach Paris hin zu orientieren. Dort lernte er in den Salons Voltaire, Diderot, Holbach, Grimm und andere Repräsentanten der Aufklärung kennen. Eine Weile lang schloss er sich den Enzyklopädisten an, distanzierte sich jedoch bald von deren Gesellschaft und führte zunehmend ein vereinsamtes Dasein.

1749 veranstaltete die Akademie von Dijon ein Preisausschreiben unter dem Titel Ob das Wiedererwachen der Wissenschaften und Künste dazu beigetragen habe, die Sitten zu reinigen? Die Frage wirkte elektrisierend auf Rousseau, und er fertigte innerhalb kurzer Zeit eine Abhandlung [Seite 245↓]an, in der er ungemein elegant und scharfsinnig den Wert der Kultur verneinte. Parallel dazu pries er mit rhetorischem Geschick die Vorteile des Naturzustandes. Mit diesem merkwürdigen Text, genannt der Discours, wurde Rousseau mit einem Schlag berühmt. Obschon Rousseaus Antwort auf die Frage unerwartet ausfiel, wurde seine Arbeit aufgrund der glänzenden Kombinatorik seiner Argumente preisgekrönt.

Auch die 1753 gestellte Preisfrage der Akademie von Dijon - Welches ist der Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen und ist dieselbe durch das Naturgesetz autorisiert? - wurde von Rousseau bearbeitet. Seine Antwortschrift erhielt zwar keinen Preis, wird aber gemeinhin als folgenreicher und bedeutender angesehen als sein Discours, weil darin bereits wichtige Gedanken des zukünftigen Contrat social (1762) vorweggenommen wurden.

Ebenfalls 1762 publizierte Rousseau seinen epochemachenden Emil oder über die Erziehung. Von vielen wurde dieser Text als Grundlage der modernen Pädagogik aufgefasst und bezeichnet, und viele Philosophen und Gelehrte, die sich im Gefolge dem Thema der Erziehung zuwandten, nahmen explizit oder implizit auf den Emil bezug.

Der Emil ist eine Mischung aus Traumbuch, pädagogischem Traktat, erzieherischen Maximen und romanhaften Passagen. Allein der Stil dieses Buches ist derart gelungen und wirkt so betörend, dass Immanuel Kant, der normalerweise penibel auf die Einhaltung seines Tagesablaufs höchsten Wert legte, seinen gewohnten Spaziergang nachmittags versäumte, weil er sich im Emil festgelesen hatte. Die Seiten dieser pädagogischen Bibel durchziehen ein unbedingter Glaube an die Erziehbarkeit des Menschen sowie eine tiefgründige Skepsis bezüglich der etablierten pädagogischen Institutionen (Staat, Kirche, Schule, Familie) und den individuellen Pädagogen.

Ausgehend von seinen Beobachtungen, dass die tradierte Erziehung den Menschen eher verdorben und dekadent werden ließ, plädierte Rousseau mit Vehemenz für eine naturgemäße und damit menschenwürdige Pädagogik. Bisweilen resultierte aus dieser Haltung sogar die paradoxe Forderung, das Erziehungsgeschäft derart zu modifizieren, dass letztlich überhaupt nicht mehr (im landläufigen Sinne) erzogen wird. Diesen Gedanken Rousseaus hat Ellen Key mit Begeisterung und großer Zustimmung aufgenommen und weiter ausgebaut. In Das Jahrhundert des Kindes lesen wird dazu:


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Rousseau sagt irgendwo: „Alle Erziehung scheitert daran, daß die Natur weder Eltern zu Erziehern erschafft, noch Kinder, um erzogen zu werden....“ Wie wäre es, wenn man endlich anfinge, dieser Anweisung der Natur zu folgen und einzusehen, daß das größte Geheimnis der Erziehung gerade darin verborgen liegt - nicht zu erziehen?! Das Kind nicht in Frieden zu lassen, das ist das größte Verbrechen der gegenwärtigen Erziehung gegen das Kind.8


Dem Gang der Natur zu folgen muss die erste und wichtigste Sorge eines ernsthaften Erziehers sein. Wer die Natur des Kindes nicht kennt, wird dieses unvermeidlich auf Irrwege führen. Für Rousseau sind Mütter oder mütterliche Erziehungspersonen prädestiniert, sich intuitiv in die kindliche Entwicklung einzufühlen, und damit am ehesten geeignet, pädagogisch fruchtbar auf sie einzuwirken. Im Emil lesen wir dazu:

Ich wende mich an dich, liebe und weise Mutter.... pflege und gieße die Pflanze, ehe sie verdorrt; eines Tages wirst du dich an ihren Früchten laben. Umwall beizeiten die Seele deines Kindes; ein anderer mag den Umfang abstecken, du aber mußt die Schranken setzen. Pflanzen werden gezogen: Menschen werden erzogen.9


Eine naturgemäße oder natürliche Entwicklung des Kindes ist nur gewährleistet, wenn auf jeglichen Zwang, auf Dressurmaßnahmen und abhängigmachende Beeinflussung des Kindes verzichtet wird. Rousseau war überzeugt, dass in jedem Menschen eine Individualität heranreifen kann und darf, die jedoch nur dann zur vollen Blüte kommt, wenn egalisierende und normierende Einflüsse möglichst unterbleiben. Aus diesen Erwägungen heraus leitete er sein Postulat der „negativen Erziehung“ ab, das man im folgenden Zitat auf den Punkt gebracht lesen kann:

Was muß man tun, um diesen seltenen Menschen heranzubilden? Zweifellos viel: nämlich verhindern, daß etwas getan wird.10


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Auf eben jene Individualpädagogik hat sich auch Ellen Key in ihren Schriften häufig berufen, worauf unter anderen ausführlich Reinhard Dräbing in seiner Abhandlung Der Traum vom „Jahrhundert des Kindes“ (1990) hingewiesen hat.11 Auch Otto Hansmann betont in seiner Abhandlung Aspekte der Rousseau-Rezeption in der deutschen Reformpädagogik des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts, dass Ellen Key sowohl den Gedanken der „natürlichen Erziehung“ (oder auch „negativen Erziehung“) als auch die Idee der Sozialisation von Individuen aus Rousseaus Emil übernommen hat. Zu Recht moniert Hansmann die etwas großzügige und laxe Zitierweise der schwedischen Reformpädagogin, die es ihm (und allen anderen Lesern) schwer macht zu unterscheiden, wo Rousseau endet und ihre, Keys, eigene Position beginnt:

Bei Ellen Key ... finden sich zahlreiche indirekte Spuren einer Rousseau-Rezeption, aber auch einige Zitate aus dem Émile, die ohne Angabe der genauen Fundorte und der von Key verwendeten Émile-Ausgabe herangezogen werden. Keys Beschränkung auf die Lektüre des Émile, den sie an einer Stelle ausdrücklich erwähnt, kann als paradigmatisch gelten für die Rousseau-Rezeption der Vertreter der schulreformerischen Strömung innerhalb der reformpädagogischen Bewegung.12


Neben diesen kritischen Auslassungen betont Hansmann aber auch die erstaunliche Modernität Ellen Keys, welche die pädagogischen Ideen Rousseaus auf ihre wesentlichen und für das 20. Jahrhundert relevanten Forderungen und Aspekte hin untersucht und diese in ihr eigenes pädagogisches System übernommen hat. Insbesondere die ständige Rekonstruktion individueller Bildung auf dem formalen Grundprinzip der Selbsttätigkeit des Schülers wird von Hansmann als zukunftsweisende pädagogische Idee Ellen Keys (bzw. Rousseaus) angesehen.

Dass Ellen Key jedoch keine unkritische und die Ideen Rousseaus lediglich wiederholende Rezipientin des französischen Schriftstellers und [Seite 248↓]Philosophen gewesen ist, beweisen manche Passagen in ihrem Werk, in denen sie sich von den weltanschaulichen und charakterlichen Positionen und Eigentümlichkeiten Rousseaus durchaus zu distanzieren wusste. So liest man etwa in ihrem Essay Die Evolution der Seele durch Lebenskunst die folgenden kritischen Auslassungen:

Wie Nietzsches Gedanken werden auch die Rousseaus aus der Hingerissenheit oder dem Groll geboren; wie für die Sturm- und Drangzeit ist für Rousseau die Ursprungstiefe aller Kräfte Quell... Aber während Rousseau in seinem eigenen Leben stets der Romantiker verblieb, der Abenteuersuchende und zu Fuß wandernde Naturanbeter, der Unberechenbare, von plötzlichen Eingebungen geleitete Allesversucher, der leidenschaftliche Liebhaber der Freiheit, einer Freiheit aber, die nur Ungebundenheit, nicht Selbstbefreiung bedeutete, wurde sein größter Schüler das große Vorbild in der Kunst der Selbstbefreiung, mit anderen Worten, des Lebens.13


Wenn auch an dieser Stelle nicht vollständig deutlich wird, wen Ellen Key mit dem größten Schüler Rousseaus meint – wahrscheinlich spielte sie hier auf Friedrich Nietzsche an –, wird aus dem Zitat doch ersichtlich, inwiefern die schwedische Reformpädagogin manche Begrenzungen im Werk und Charakter Rousseaus wahrgenommen und ausgedrückt hat. Insbesondere sein Romantizismus, der teilweise im merklichen Gegensatz zu den Zielsetzungen und Impulsen nicht nur der französischsprachigen Aufklärungsliteratur zu sehen ist, bedeutete auch für die pädagogischen Ansichten des Bürgers von Genf eine nicht übersehbare Einschränkung.

Ein pädagogisch-psychologischer sowie anthropologischer Grundgedanke Rousseaus, der seinem romantisierenden Menschen- und Weltbild entsprang, besteht in seinem Credo, dass der Mensch von Natur gut sei und die Aufgabe der Erziehung darin bestehe, diese seine Güte auf negativ-indirekte Art zu erhalten. Kulturelle und (traditionell-konventionelle) pädagogische Einflüsse verderben den Menschen und lassen ihn am Ende böse, korrupt und dekadent werden.14


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Wenn man auch den Gedanken der prinzipiellen und naturgegebenen Gutartigkeit des Menschen, der eine wichtige emanzipatorische Funktion gegenüber der tradierten christlichen Anthropologie darstellte, unterstreichen kann, muss man doch den umfassenden und prinzipiellen Kulturpessimismus Rousseaus und seine daraus abgeleitete Verherrlichung des natürlichen Urzustandes als kritikwürdigen Romantizismus bezeichnen.

Auf diese und einige weitere Kritikpunkte geht Ellen Key in Das Jahrhundert des Kindes durchaus ein. Neben seiner Tendenz, einen naturgegebenen Urzustand des Menschen zu postulieren und zu idealisieren, bemängelt Key auch die patriarchalisch anmutende Unterscheidung einer weiblichen und männlichen Pädagogik bei Rousseau sowie die von ihm vorgeschlagene Trennung praktischer Exerzitien von intellektuellem und emotionalem Training des Zöglings:

Denn er (Rousseau, K.M.) wollte das verwirklichte Ideal eines Erziehers darstellen, und zu diesem Zwecke hat er auch die Verhältnisse idealisiert. Diese allzu absichtlich anzuordnen und zu sehr durch die Außenwelt erziehen zu wollen, aber zu wenig durch Phantasie und Gefühl, das ist Rousseaus ... wesentlicher Fehler. Zuerst die realistisch praktischen Fähigkeiten ausbilden zu wollen, dann erst Gefühl und Phantasie, zeigt, daß er nicht tief genug in das Seelenleben des Kindes geblickt hat.15


Bei aller Kritik, welche sich in den Schriften Ellen Keys Rousseau gegenüber findet, überwiegt jedoch eindeutig die Wertschätzung und Hochachtung der schwedischen Reformpädagogin ihrem französischen Vorläufer gegenüber. Nicht nur einmal zitiert Key zustimmend die Goethesche Bezeichnung des „Naturevangeliums der Erziehung“, welche der Weimarer Dichter für den Emil verwendet hat. Die Autorinnen Sabine Andresen und Meike Sophia Baader heben in ihrem Text Wege aus dem Jahrhundert des Kindes - Tradition und Utopie bei Ellen Key außerdem hervor, dass es vor allem die Emanzipation vom christlich inspirierten Menschenbild der herkömmlichen Pädagogik war, was einen der Hauptaspekte dieses „Naturevangeliums der Erziehung“ für die Pädagogik Ellen Keys bedeutete:


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Mit der Negation der Erbsünde befindet Key sich in einer Tradition, für die im pädagogischen Diskurs seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert vor allem Rousseau und Fröbel stehen. Durch das Infragestellen der Erbsünde wird die Dimension Zukunft als offen und als vom Menschen selbst zu gestaltende konzipiert.16


Ellen Key hat in ihren Schriften vorrangig den Emil als wichtigste Quelle der rousseauschen Pädagogik verwendet. Die darüber hinaus gehenden Texte des französisch-schweizerischen Philosophen, insbesondere seine staatsphilosophischen Ansichten, wurden von der schwedischen Reformpädagogin nicht oder nur sehr marginal rezipiert. Auch die autobiographisch gehaltene Schrift Bekenntnisse (1781-1788) von Rousseau ist von Key nicht berücksichtigt worden.

Herbert Spencer (1820-1903)


Als dritter Philosoph, den Ellen Key für ihre pädagogischen Gedanken und Konstrukte ausgiebig zitiert, ist der englische Denker Herbert Spencer (1820-1903)zu erwähnen. Spencer, der anfänglich als Ingenieur im Bereich des Eisenbahnwesens aktiv war, gelangte über Kontakte mit Thomas Carlyle, George Eliot sowie Thomas Henry Huxley zu politischen und entwicklungstheoretischen Themen, die er etwa von Mitte der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts an intensiv bearbeitete. Dabei vertrat der Schriftsteller einen dezidiert individualistischen Standpunkt; durch freiwillige Übernahme von Verantwortung und sozialen Pflichten soll der Einzelne laut Spencer in einen sittlich-moralischen Zustand der Vervollkommnung gelangen.

Dieser Prozess weist dem englischen Philosophen zufolge eine Dynamik auf, welche an diejenige der Entwicklungstheorie von Charles Darwin erinnert. Spencer gilt als einer der ersten Autoren, der die Deszendenztheorie fruchtbringend auf psychologische, soziologische und politische Themenbereiche übertragen hat.

Aufgrund seiner Schriften gilt Spencer als „Entwicklungsphilosoph“, der das Gesetz der Evolution in Biologie, Psychologie, Soziologie, Pädagogik und Ethik als prinzipiell gleich wirksam ansah. Spencer postulierte einen Begriff der „Kraft“ respektive „Energie“, welche er als letztgültiges [Seite 251↓]Prinzip des Kosmos begriff. Ausgehend von dieser Energie lassen sich für den englischen Philosophen alle Phänomene der Natur, des Lebens und der menschlichen Existenz bis hin zu den geistig-kulturellen Phänomenen von ihr deduzieren.

Bezüglich seiner pädagogischen Ansichten ging Spencer - im Gegensatz zu Rousseau - von einem Menschenbild aus, das den Naturzustand des Homo sapiens keineswegs als unumschränkt gut bezeichnet. Spencer, der angeblich keine Zeile des Emil oder des Contrat social gelesen haben will, beschrieb den ursprünglichen Status des Menschen - ganz im Sinne der Deszendenztheorie Darwins - als unkultiviert und dringend sozialisationsbedürftig.

Man hat Spencer nicht ganz zu unrecht attestiert, dass er viele seiner pädagogischen Ansichten und Überzeugungen aus der Philosophie der Aufklärung und der Romantik bezogen habe; sein genuiner Anteil sei lediglich darin zu sehen, verschiedene Autoren und deren Schriften miteinander in Beziehung gesetzt und zu kombiniert zu haben:

Man hat darauf hingewiesen, daß Spencer als Pädagoge in der Schuld Rousseaus steht, und daß er außerdem in vielen Fällen nur das gesagt hat, was die großen deutschen Pädagogen - die er allerdings nicht kannte - schon vor ihm gesagt haben. Aber das verringert Spencers Verdienst nicht im mindesten. Absolut neue Gedanken gibt es äußerst wenige, und die Wahrheiten, die einmal neu waren, müssen stets dadurch erneuert werden, daß sie wieder aus der Tiefe der flammenden persönlichen Überzeugung eines neuen Menschen ausgesprochen werden.17


Man darf annehmen, dass Ellen Key mit diesen letzten Sätzen nicht nur die Leistung Spencers einordnen und würdigen wollte; darüber hinaus hat sie damit auch eine Charakteristik ihrer eigenen Beiträge zur Pädagogik geleistet, die zumindest partiell ebenfalls darin bestehen, dass sie viele Gedanken zur Erziehung, die in den Jahrhunderten vor ihr bereits gedacht und umgesetzt worden waren, auf zum Teil originelle und überraschende Weise fusionierte und sie damit revitalisierte.

Neben darwinistischen Positionen vertrat Spencer in seinen Schriften auch lamarckistische Ansichten. Für ihn stellt der Mensch - wie alle [Seite 252↓]anderen Lebewesen ebenso - einen Teil des universellen Evolutionsprozesses dar. Sein grundlegendes Verhaltens- und Leistungsrepertoire, seine biologische, physiologische und psychische Ausstattung, seine Triebe und Emotionen bis hin zu seiner Ratio sind zunächst das Ergebnis eines langwierigen Entwicklungsprozesses aus früheren Zustandsformen. Dieser Prozess setzt sich Spencer zufolge aus vielfältigen Erfahrungen zusammen, die über lange Zeit hinweg gesammelt und von Generation zu Generation - im Sinne Lamarcks - weiter vererbt worden sind.

Jegliche Erziehungsbemühung muss dem englischen Philosophen zufolge besondere Aufmerksamkeit diesen ererbten Erfahrungen widmen, damit das einmal erreichte Niveau gehalten und eine vorteilhafte Weiterentwicklung der Menschheit gewährleistet werden kann. Eine besondere Rolle bei dieser Erziehung kommt dabei der Familie zu, welche nach Spencer am ehesten geeignet scheint, dem kleinen und heranwachsenden Kind grundlegende Fähigkeiten zu vermitteln und ihm die Entfaltung seiner elementaren Bedürfnisse vor allem auch im Bereich seiner emotionalen und sozialen Aspekte zu garantieren:

Obwohl die späteren Stufen der intellektuellen Erziehung mit Vorzug den Lehrern anvertraut werden können, obliegen die früheren Phasen der Erziehung wie auch die Erziehung der Emotionen während der gesamten Erziehungszeit den Eltern.18


Ellen Key, die Spencers Buch über Erziehung in intellektueller, moralischer und physischer Beziehung einmal als das „hervorragendste Erziehungsbuch des Jahrhunderts“19bezeichnet hat, stimmte bezüglich der pädagogischen Aufgabenverteilung zwischen Elternhaus und Schule mit ihrem englischen Vorläufer voll umfänglich überein.

In seinen Schriften zur Erziehung warnte Spencer vor einer übertriebenen Professionalisierung des Erziehungsgeschäftes, welche eine Ausgliederung wesentlicher erzieherischer Prozesse und Funktionen aus dem Bereich der Familie hin zu staatlichen Institutionen (Schule und andere Ausbildungseinrichtungen) zur Folge habe. Der Philosoph verwies mehrfach auf die Jahrtausende umfassende Tradition der elterlichen Er[Seite 253↓]ziehung, die er quasi in der biologischen Matrix verankert sah. Insbesondere die Werte der gegenseitigen Hilfsbereitschaft und des Altruismus würden innerhalb des familiären Systems besser und nachhaltiger weitergegeben werden können als in staatlichen oder halbstaatlichen Institutionen.

Bezüglich der intellektuellen Schulung von Kindern und Jugendlichen favorisierte Spencer vorrangig ein an den Naturwissenschaften orientiertes Curriculum; gleichzeitig kritisierte er das noch auf die Gebrüder Humboldt zurückgehende klassisch-humanistische Bildungsideal mit seiner Bevorzugung der alten Sprachen sowie des ästhetisch-musischen Bereichs. An diesem Punkt erwies sich Spencer als Biologe, dem die Wissenschaft im Sinne von science im Zweifelsfall immer Naturwissenschaft bedeutete.

Ausgehend von dieser letztlich biologistischen Perspektive, die Spencer auf das menschliche Leben warf, ist auch seine Definition des Lebens als Anpassungsprozess an die bestehenden Verhältnisse verständlich. Das Modell der ökologischen Nischen sowie der Antwortmuster aller Lebewesen auf derartige Nischen galt für den englischen Philosophen als paradigmatisch und damit übertragbar auch auf die humanen Lebensbedingungen. Diese Perspektive wurde von Ellen Key allerdings relativiert, da sie - in der Person und in der Lehre Friedrich Nietzsches - ein anders lautendes Credo die Existenz des Homo sapiens betreffend kennen gelernt hatte:

Man wird das richtige Gleichgewicht zwischen der Spencerschen Definition des Lebens als der Anpassung an die umgebenden Verhältnisse und Nietzsches Definition des Lebens als des Willens zur Macht herzustellen suchen. In der Anpassung spielt gewiß die Nachahmung eine große Rolle, aber die individuelle Machtausübung ist ebenso bedeutungsvoll, denn durch die Anpassung erhält das Leben nur eine feste Form, durch die Machtausübung aber auch einen neuen Inhalt.20


Überträgt man die spencersche Definition auf den Erziehungsprozess, so genügt es, Kinder und Jugendliche in der Kunst der Nachahmung und Anpassung zu erziehen. Nimmt man jedoch die nietzschesche Perspektive [Seite 254↓]hinzu, so gesellt sich zur Fähigkeit der Imitation und der Adaptation auch diejenige der Kreativität, der Originalität und des unbedingten Gestaltungswillens.

John Locke (1632-1704) und andere pädagogische Vorläufer


Als Vorläufer und Ideengeber für Herbert Spencer verweist Key - neben Rousseau - auch auf John Locke (1632-1704) und dessen Buch Einige Gedanken über die Erziehung (1693), das Spencer gekannt haben dürfte. Während des gesamten 18. Jahrhunderts wurde diese pädagogische Hauptschrift Lockes durchschnittlich alle fünf Jahre neu aufgelegt und erfuhr in gesamt Europa ein fulminantes Echo; schon 1695 wurde der Text ins Französische, 1698 ins Niederländische, 1708 ins Deutsche und 1735 ins Italienische übersetzt.

Locke gestand in Einige Gedanken über die Erziehung den Kindern und Zöglingen einen hohen Grad an intellektueller und emotionaler Einsicht zu, so dass er bereits im 17. Jahrhundert dafür plädierte, mit Kindern vernünftig zu sprechen und Argumente pro und contra auszutauschen, anstatt sie wie kleine Tiere zu dressieren. Seine Sozialisationsziele waren der Gentleman bzw. die Lady, und diese Ziele versuchte er durch Bildung von Gewohnheiten bei seinen Zöglingen zu erreichen. Die Stimmung des Lernens bedeutete für Locke einen zentralen Aspekt seiner Pädagogik: Entspannte Heiterkeit und Kooperationswille waren dem englischen Philosophen zufolge unabdingbare Voraussetzungen dafür, dass Kinder und Schüler sich überhaupt auf einen Prozess der Adaptation und Assimilation kultureller Inhalte einzulassen vermögen.

Obschon Ellen Key insbesondere hinsichtlich dieses letzten Aspektes - nämlich der pädagogischen Atmosphäre - mit Locke durchaus übereinstimmte, finden sich in ihrem eigenen Schrifttum keine ausführlicheren Hinweise auf den englischen Philosophen. In Das Jahrhundert des Kindes wird John Locke lediglich als Vorläufer Herbert Spencers und der deutschen Pädagogen zitiert.21

Ähnlich wie mit Locke verfuhr die schwedische Reformpädagogin auch mit den deutschen und schweizerischen Pädagogen wie etwa Johann Bernhard Basedow (1724-1790), Christian Gotthilf Salzmann (1744-1811), Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827), Johann Friedrich Herbart [Seite 255↓](1776-1841) und Friedrich Fröbel (1782-1852). Basedow und Salzmann zählen zur Pädagogik der Philanthropen, einer Gruppe von „Menschenfreunden“, welche von der umfassenden Erziehbarkeit des Homo sapiens zutiefst überzeugt waren. Zusammen mit Joachim Heinrich Campe (1746-1818) und Ernst Christian Trapp (1745-1818) bildeten Basedow und Salzmann eine Gruppe von Pädagogen, die in Deutschland im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Epoche der Erziehung, basierend auf den Idealen der Aufklärung und des Humanismus, auszurufen gedachten.

Der schweizerische Pädagoge Pestalozzi bezog sich bei seinen erzieherischen Experimenten hingegen vorrangig auf Rousseau als seinen wichtigsten Vorläufer und Gewährsmann. Der Schweizer widmete sich vor allem der Armenerziehung, wobei ihm die Förderung der Autonomie seiner aus verwahrlosten und dissozialen Verhältnissen stammenden Zöglingen ein besonderes Anliegen war. Durch ein umfassendes Erziehungsprogramm wollte er die ungünstige Situation von Bauern, Tagelöhnern und Arbeitern des aufkommenden industriellen Proletariats verbessern und dadurch die Gesamtverfassung der Gesellschaft anheben. Obschon ihm trotz immenser Bemühungen nur ein Bruchteil seiner Modellvorhaben in Realität gelang, konnte Pestalozzi mit Hilfe seiner theoretischen Schriften Einfluss auf die pädagogische Entwicklung auch außerhalb der Schweiz gewinnen.

Ein Pädagoge, auf den Pestalozzi großen Eindruck machte, war Johann Friedrich Herbart, der den Schweizer Lehrer im Jahre 1799 aufgesucht hat und von ihm und seinen erzieherischen Grundgedanken enorm stimuliert wurde. Nach einer Dozentur in Göttingen erhielt Herbart, der eine Weile als Hauslehrer und Erzieher tätig gewesen war, den Ruf auf den Lehrstuhl Kants in Königsberg. Herbart, der als der beste Pädagoge unter den Philosophen und der beste Philosoph unter den Pädagogen galt, blieb bis 1833 in Königsberg und übernahm anschließend eine Philosophieprofessur in Göttingen, wo er bis zu seinem Tode 1841 lehrte.

Der philosophisch und psychologisch orientierte Pädagoge Herbart legte großen Wert auf eine gediegene intellektuelle Bildung von Kindern, Schülern und Studenten, die es den Heranwachsenden ermöglichen sollte, im Rahmen eines „Gedankenkreises“ sich und die Welt angemessen zu beurteilen und - ausgehend von diesen Urteilen - adäquat zu behandeln. Dazu aber ist es erforderlich, den Zöglingen Techniken zu vermitteln, die sie befähigen, lebenslänglich Wissen zu akkumulieren und damit im[Seite 256↓]mer wieder neue Sachzusammenhänge zu begreifen, Begriffe zu bilden und Urteile zu fällen. Voraussetzung für eine derartige intellektuelle Durchdringung der Welt ist eine fundamentale Psychohygiene, welche dafür Sorge trägt, dass Kinder, Schüler und Jugendliche ihre Emotionen, Gefühle und Affekte sowie ihre Neigung zu Vorurteilen und verkrusteten Meinungen erkennen und gegebenenfalls auch überwinden.

Herbarts theoretische Grundlegung der Pädagogik gipfelt in den Begriffen der Sittlichkeit und der Individualität. Beide Begriffe haben in der Philosophie des deutschen Idealismus (Kant, Fichte, Hegel) eine wichtige Rolle gespielt; an ihnen wird deutlich, dass Herbart mit seiner Pädagogik ebenso wie mit seiner Philosophie im deutschen Idealismus wurzelt.

Die Individualität des Kindes oder Zöglings zu induzieren, stellt für den Philosophen ein hohes Ziel der Pädagogik dar: „Alle müssen Liebhaber für Alles, jeder muß Virtuose in einem Fache sein.“ - so lautete ein Credo Herbarts, welches den individualistischen Zielsetzungen im Bereich der Pädagogik dienen sollte.

Die meisten seiner pädagogischen Grundideen und Modellvorstellungen hat Herbart in seinem Buch Allgemeine Pädagogik aus dem Zwecke der Erziehung abgeleitet (1806) zusammengefasst. Aufgrund dieser Publikation erhielt der Philosoph den weiter oben schon erwähnten Ruf nach Königsberg. Nachdem er im Jahre 1833 nach Göttingen gewechselt war, publizierte er 1835 seinen Umriß pädagogischer Vorlesungen, welcher seine Allgemeine Pädagogik in vielerlei Hinsicht präzisiert und ausweitet.

In den pädagogischen Schriften Ellen Keys taucht Herbart explizit nur am Rande auf; in Das Jahrhundert des Kindes etwa erwähnt Key den Philosophen lediglich innerhalb einer Aufzählung diverser Pädagogen, von denen sie meint, dass sie dem Lesepublikum wohl bekannt sein dürften. Eine eingehende Bezugnahme auf Herbarts pädagogische Ideen findet sich bei ihr jedoch nicht. Die relative Missachtung, die Ellen Key Herbart und seinen Theorien gegenüber an den Tag legte, lässt sich inhaltlich sicherlich nicht gut begründen. Seine beiden zentralen philosophisch-anthropologischen Begriffe der Sittlichkeit und des Individuums tauchen nämlich in der Pädagogik Ellen Keys ebenfalls auf und stellen wichtige Ideale ihrer eigenen pädagogischen Bemühungen dar.

Die schwedische Reformpädagogin hat sich also in ihren theoretisch-pädagogischen Schriften lediglich mit Montaigne, Rousseau und [Seite 257↓]Spencer intensiv auseinandergesetzt. Wie soeben gezeigt, waren ihr die Namen und teilweise auch Theorien einiger weiterer Vorläufer der Pädagogik bekannt, ohne dass sie deren genuine Leistungen in ihren Texten gebührend gewürdigt hätte. Insbesondere eine Aufarbeitung z.B. der Schriften von Locke, Pestalozzi, Basedow, Salzmann, Fröbel oder Herbart fehlt bei Ellen Key fast vollständig.

Diese Mängel schmälern jedoch nicht den Gesamteindruck, den man gewinnt, wenn man Keys Schriften hinsichtlich ihrer pädagogischen Vorläufer studiert. Es macht unter anderem die bedeutende Leistung der schwedischen Reformpädagogin aus, dass sie sich und den Lesern Rechenschaft über – zumindest einige – Wurzeln ihres eigenen Tuns und ihrer pädagogischen Theorie gegeben hat.


Fußnoten und Endnoten

1 Montaigne, M. de: Essais (1580ff.), Erste moderne Gesamtübersetzung von Hans Stilett, Frankfurt am Main 1998, S. 5

2 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes (1900), Weinheim und Basel 2000, S. 122

3 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 122f.

4 Montaigne, M. de: Essais, a.a.O., S. 83

5 Kant, I.: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784), in: Werke in sechs Bänden, hrsg. v. Wilhelm Weischedel, Band VI, Darmstadt 1998, S. 53

6 Montaigne, M. de: Essais, a.a.O., S. 83

7 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 126

8 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 78

9 Rousseau, J.-J.: Emil oder über die Erziehung (1762), Paderborn 1995, S. 9f.

10 Rousseau J.-J.: Emil oder über die Erziehung, a.a.O., S. 14

11 Dräbing, R.: Der Traum vom „Jahrhundert des Kindes“ (1990), Frankfurt am Main 1990, S. 147ff.

12 Hansmann, O.: Aspekte der Rousseau-Rezeption in der deutschen Reformpädagogik des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts, in: Seminar: Der pädagogische Rousseau, Band II: Kommentare, Interpretationen, Wirkungsgeschichte, hrsg. v. Otto Hansmann, Weinheim 1996, S. 265f.

13 Key, E.: Die Evolution der Seele durch Lebenskunst, in: Der Lebensglaube - Betrachtungen über Gott, Welt und Seele (1906), 2. Auflage, Berlin 1906, S. 383f.

14 Siehe hierzu: Ruhloff, J.: Jean-Jaques Rousseau, in : Philosophen als Pädagogen - wichtige Entwürfe klassischer Denker, hrsg. v. Wolfgang Fischer u. Dieter-Jürgen Löwisch, Darmstadt 1998, S. 93ff.

15 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 128f.

16 Andresen, S. u. Baader, M.S.: Wege aus dem Jahrhundert des Kindes - Tradition und Utopie bei Ellen Key, Neuwied 1998, S. 26

17 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 129

18 Spencer, H.: Erziehung in intellektueller, moralischer und physischer Beziehung (1861), zit. n.: Muhri, J.G.: Herbert Spencer (1820-1903), in: Klassiker der Pädagogik I, hrsg. v. Hans Scheuerl, München 1991, S. 307

19 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 129

20 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 83f.

21 Siehe hierzu: Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 129f.



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11.08.2004