[Seite 258↓]

13.  Ellen Key und die Pädagogik „vom Kinde her“


Im Dezember des Jahres 1900 erschien in Schweden ein Buch Ellen Keys, das von einigen wenigen Zeitgenossen vernichtend kritisiert wurde und ansonsten vorerst unbeachtet blieb. Derselbe Text wurde zwei Jahre später in Deutschland unter dem Titel Das Jahrhundert des Kindes publiziert und provozierte hier ganz im Gegensatz zu Skandinavien eine überwältigende Resonanz. Manche behaupteten schon damals hellsichtig, dass damit das Kultbuch der deutschen wie auch der europäischen reformpädagogischen Bewegung veröffentlicht worden sei, und verglichen den Text mit Rousseaus Emil oder mit den maßgeblichen Werken von Fröbel, Herbart und Pestalozzi.

Wenn einhundert Jahre später der Name Ellen Key genannt wird, verbindet sich für die meisten mit diesem ihr Buch Das Jahrhundert des Kindes. Verglichen mit ihren sonstigen Publikationen, Essaybänden und vielfältigen Vortragsaktivitäten gebührt diesem reformpädagogischen Text eine eindeutige Vorrangstellung, die sich auch darin widerspiegelt, dass inzwischen - allein im deutschsprachigen Raum - die Auflagenhöhe dieses Buches einige Hunderttausend erreicht hat. Außerdem wird in vielen wissenschaftlichen und populären Abhandlungen zur Pädagogik wie auch zur Kulturanalyse Das Jahrhundert des Kindes als wichtige Referenz- und Bezugsgröße betrachtet, die selbst nach einhundert Jahren Rezeptionsgeschichte nur wenig von ihrer Faszinations- und Provokationskraft eingebüßt hat.

Wenn im folgenden die pädagogischen Ansichten und Überzeugungen Ellen Keys erörtert und diskutiert werden, soll vorrangig ihr Buch Das Jahrhundert des Kindes als Grundlage der Darlegung dienen. Neben einer Wiedergabe der wichtigsten inhaltlichen Aspekte dieses Textes werden aber auch einige Querverweise zu anderen Publikationen Keys, insbesondere zu ihren kulturkritischen Schriften, erfolgen. So sehr Das Jahrhundert des Kindes als ein in sich konsistenter und abgeschlossener pädagogischer Text erscheint, kann man an ihm dennoch nachweisen, dass seine Autorin bei seiner Abfassung immer wieder auf vielfältige andere philosophische, anthropologische, historische, psychologische, biologische und kulturanalytische Quellen und Schriften zurückgegriffen hat.


[Seite 259↓]

Die Entdeckung der Kindheit


Einer der ersten begeisterten Rezensenten von Das Jahrhundert des Kindes in Deutschland war Rainer Maria Rilke. Von ihm stammt das Bonmot, Ellen Key habe eine Pädagogik „vom Kinde her“ formuliert. Für Rilke bedeutete dieses Urteil ein enormes Lob - hatte er selbst doch eine Erziehung über sich ergehen lassen müssen, die seine sehr eigenen kindlichen Bedingungen keineswegs angemessen berücksichtigte. In den Zeilen der Schwedin spürte der Dichter eine für ihn ausnehmend attraktive Atmosphäre der Akzeptanz und regelrechten Hochschätzung des Kindes und der Kindheit in ihren entwicklungsbedingten Eigentümlichkeiten.

Die Wertschätzung, die Key dem Kinde und der Kindheit gegenüber an den Tag legte, wird bereits im Titel ihres Buches evident. Ein ganzes Jahrhundert wollte sie unter das Signum des Kindes gestellt wissen, ein Jahrhundert, von dem sie sich versprach, dass ein enormer kultureller und humanistischer Aufschwung zu verzeichnen sei, wenn die Erziehung im großen Stile das Wesen des Kindes berücksichtigen und fördern würde. Eine derartige Pädagogik, für die Key die Grundlagen zu formulieren gedachte, sollte sich nicht nur im Bereich der Schule oder anderen Bildungsanstalten, sondern bis weit in die Gesellschaft hinein bemerkbar machen und das Verständnis der Kindheit forcieren.

Im 18. und 19. Jahrhundert dominierte hinsichtlich der pädagogischen Modelle und Zielvorgaben eine Erziehungslehre „vom Erwachsenen her“. Dies bedeutete, dass alle Erziehungsmaßnahmen und pädagogischen Inhalte ihre Fundierung und Begründung vom Leben und den Bedürfnissen der Erwachsenen her erhielten. Aus dieser Perspektive betrachtet, erschienen Kinder und Jugendliche vorrangig als Mängelwesen, und das Erziehungsgeschäft war hauptsächlich daran ausgerichtet, diese Defizite auszugleichen und zu kompensieren. Das Maß und Ziel der Pädagogik wurde dabei im „vernünftigen Erwachsenen“ gesucht und gefunden, was zur Folge hatte, dass kindliches Verhalten als unvernünftig oder gar dumm bezeichnet und klassifiziert wurde. Eine Erziehung „vom Kinde her“ komme deshalb - so Andreas Flitner in seinem Buch Reform der Erziehung - Impulse des 20. Jahrhunderts (1992) - einer regelrechten „kopernikanischen Wende“ gleich:


[Seite 260↓]

Wie durch Kopernikus’ Entdeckung der Mensch und seine Erde aus dem Zentrum der Weltvorstellungen herausgefallen seien, so müsse auch im Erziehungsverhältnis der erwachsene Mensch oder die Gesellschaft der Erwachsenen aufhören, sich als den Mittelpunkt des sozialen Geschehens und als Herrscher über die Lebens- und Gesellschaftsformen zu verstehen. Erst damit werde der Weg frei für ein Verständnis des Kindes als Subjekt seiner Erziehung, des Kindes als Mittelpunkt des Nachdenkens darüber, wie es denn leben und lernen soll.1


Eine Pädagogik vom Kinde her bedeutet in der Tat einen Wechsel der Perspektive: Das Kind wird nicht mehr als kleiner Erwachsener oder als eine Defizienzform des vernunftbegabten ausgewachsenen Menschen, sondern als eine Größe per se betrachtet. Eine solche Pädagogik war erst möglich, nachdem im 19. und 20. Jahrhundert eine „Entdeckung der Kindheit“ stattgefunden hatte, welche sich in den psychologischen und anthropologischen Grundsätzen mancher Philosophen, Pädagogen und Schriftsteller niederschlug. Neben Ellen Key konnte im 20. Jahrhundert z.B. auch Maria Montessori von dieser Entdeckung enorm profitieren.

Um ihre Sicht vom Wesen und der Eigenart der Kinder zu unterstreichen, hat Ellen Key in ihrem Buch Das Jahrhundert des Kindes mit zum Teil pathetischen und aufrüttelnden Worten deren Situation und Rolle in bezug auf die Erwachsenen charakterisiert:

Bevor nicht Vater und Mutter ihre Stirne vor der Hoheit des Kindes in den Staub beugen, bevor sie nicht einsehen, daß das Wort Kind nur ein anderer Ausdruck für den Begriff Majestät ist; bevor sie nicht fühlen, daß es die Zukunft ist, die in Gestalt des Kindes in ihren Armen schlummert, die Geschichte, die zu ihren Füßen spielt - werden sie auch nicht begreifen, daß sie ebensowenig die Macht oder das Recht haben, diesem neuen Wesen Gesetze vorzuschreiben, wie sie die Macht oder das Recht besitzen, sie den Bahnen der Sterne aufzuerlegen.2


Aus dieser und ähnlichen Beschreibungen Keys hört man unschwer die [Seite 261↓]nietzschesche Diktion heraus, die er angesichts der Charakterisierung von Kindern als der Zukunft des Menschengeschlechts in vielen seiner Schriften an den Tag gelegt hat. So heißt es etwa in Also sprach Zarathustra, einem Buch und einem Zitat, welches von Key ihrem Jahrhundert des Kindes vorangestellt wurde:

Euer Kinder Land sollt ihr lieben: diese Liebe sei euer neuer Adel, - das unentdeckte, im fernsten Meere! Nach ihm heiße ich eure Segel suchen und suchen! An euren Kindern sollt ihr gut machen, daß ihr eurer Väter Kinder seid: Alles Vergangene sollt ihr so erlösen! Diese neue Tafel stelle ich über euch!3


Wie langwierig und klippenreich die Entdeckung des Kindes respektive der Kindheit im Kulturraum des Abendlandes war, haben eindrücklich z.B. die Historiker Philippe Ariès und Lloyd deMause beschrieben. In seiner Geschichte der Kindheit (1960) hat Ariès minutiös nachgewiesen, dass und inwiefern Begriffe und Bilder von und über Kinder seit dem späten Mittelalter und der Frührenaissance nach und nach und teilweise nur sehr zögerlich Einzug in die öffentlichen Diskurse hielten:

Die mittelalterliche Gesellschaft ... hatte kein Verhältnis zur Kindheit; das bedeutet nicht, daß die Kinder vernachlässigt, verlassen oder verachtet wurden. Das Verständnis für die Kindheit ist nicht zu verwechseln mit der Zuneigung zum Kind; es entspricht vielmehr einer bewußten Wahrnehmung der kindlichen Besonderheit, jener Besonderheit, die das Kind vom Erwachsenen, selbst dem jungen Erwachsenen, kategorial unterscheidet.4


Im Folgenden soll gezeigt werden, dass Ellen Key diese von Ariès vorgenommene Differenzierung zwischen Kindheit und Kindern sowie die kategoriale Unterscheidung zur Erwachsenenwelt hin sehr wohl vorweggenommen hat. Auch Key betont, dass es sich bei Kindern nicht um kleine Erwachsene handelt, denen man pädagogisch ähnlich oder gleich begegnen kann, wie es in der Erwachsenenbildung der Fall zu sein pflegt. Nur [Seite 262↓]wenn Lehrer, Erzieher und Eltern die kategorialen Eigentümlichkeiten und Spezifika von Kindern gebührend erkennen und berücksichtigen, versetzen sie sich in die Lage, ihnen gegenüber eine kindgerechte Erziehung zu realisieren.

Im Zuge der Aufklärung, vor allem im Frankreich und England des 18. Jahrhunderts, sowie im Rahmen ihrer Vorläufer, der französischen Moralisten des 17. Jahrhunderts, kam es laut Ariès zu einer merklichen Aufwertung der Kindheit, die letztlich dazu beigetragen hat, pädagogische Konzepte und Modelle auf breiter Front zu formulieren. Die Schriften eines Rousseau oder Pestalozzi sind dem französischen Historiker zufolge nur möglich gewesen vor dem Hintergrund der Entdeckung der Kindheit in den Jahrzehnten vor dem Siècle de la lumière:

Auf Seiten der Moralisten und Erzieher des 17. Jahrhunderts bildet sich jene andere Einstellung zur Kindheit heraus, die ... in der Stadt ebenso wie auf dem Lande, im Bürgertum ebenso wie im Volk die gesamte Erziehung bis zum 20. Jahrhundert inspiriert hat. Die Aufmerksamkeit, die man der Kindheit und ihrer Besonderheit zuteil werden läßt, drückt sich nicht mehr in der amüsierten Spielerei, der „Tändelei“ aus, sondern im psychologischen Interesse und in moralischen Bestrebungen.5


Exakt diese beiden Intentionen prägten die pädagogischen Bemühungen und Innovationen Ellen Keys in einem erheblichen Ausmaß. Ohne dies immer explizit gemacht zu haben, verwendete sie außerordentlich häufig psychologische Denkfiguren und moralisch-ethische Modellvorstellungen, um ihre erzieherischen Grundsätze zu fundieren und abzusichern. Bezüglich der Psychologie wurde im Kapitel Ellen Key – Anthropologie und Psychologie gezeigt, dass neben akademisch-psychologischen auch tiefenpsychologische Gedanken in ihre Schriften eingeflossen sind. Hinsichtlich der moralisch-ethischen Modellvorstellungen griff Key - wie in den Kapiteln Ellen Key und die Philosophie sowie Ellen Key und ihre pädagogischen Vorläufer ausgeführt - vor allem auf Montaigne, Spinoza, Rousseau, Spencer oder auch Nietzsche zurück.

Auf einen weiteren Aspekt hinsichtlich der Historie der Entdeckung und Wertschätzung der Kindheit hat Lloyd deMause in seinen Büchern [Seite 263↓] Über die Geschichte der Kindheit (1974) sowie Hört ihr die Kinder weinen (1974) hingewiesen. Für deMause können Eltern, Lehrer, Erzieher und die Erwachsenen schlechthin nur dann eine veränderte Sicht auf Kinder und Kindheit entwickeln, wenn sie fähig und bereit sind, dabei eine Labilisierung ihrer eigenen Rolle und ihres Selbstverständnisses in Kauf zu nehmen. Weil jedoch solche Labilisierungen in der Regel mit Ängsten verbunden sind, werden sie meist gemieden, oder die Betroffenen versuchen, die Veränderungen in einem für sie überschaubaren Rahmen zu halten:

Die Geschichte der Kindheit ist eine Kette von immer engeren Beziehungen zwischen dem Erwachsenen und dem Kind, wobei jede Verringerung der psychischen Distanz neue Angst hervorruft. Die Verminderung dieser Angst der Erwachsenen ist der entscheidende Bereich, der die Praktiken der Kindererziehung eines jeden Zeitalters neu bestimmt.6


Nicht die Ängste der Kinder, sondern diejenigen der Erwachsenen verstellen oftmals den Blick auf die Eigentümlichkeiten wie auch Chancen, welche die Kindheit auszeichnen. Es gehörte zu den großen Leistungen Ellen Keys, diesbezüglich ihre eigenen ängstlichen Bedenken und andere emotionale Begrenzungen weitgehend hintangestellt und damit eine unvoreingenommene und für die Reformpädagogik unabdingbare Perspektive auf Kinder und Kindheit ermöglicht zu haben.

Neben einer emphatischen Betrachtung von Kindern und Zöglingen und ihrer spezifischen Lebenssituation ist es jedoch nach deMause notwendig, dass Erwachsene bei der Beurteilung der Kindheit auch genügend Distanz aufweisen; nur so nämlich sei gewährleistet, dass sie die ihnen anvertrauten Kinder nicht als Projektionsflächen ihrer eigenen Wünsche, Phantasien und Befürchtungen missbrauchen. Nur derjenige, der sich gerade nicht kindlich benimmt oder in seinem Verhalten und Erleben auf infantile Stufen der Entwicklung regrediert, kann mit Aussicht auf Erfolg die Bedürfnisse von Kindern erkennen und einigermaßen adäquat befriedigen.

Insbesondere in dem von Lloyd deMause herausgegebenen Sammelband Hört ihr die Kinder weinen haben die Autoren der einzelnen Beiträge eindrucksvoll nachgewiesen, inwiefern sich auch die epochalen und kulturellen Bedingungen bezüglich der Kindheit und Kindererziehung in[Seite 264↓]nerhalb weniger Jahrzehnte in Form konkreter politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse niederschlagen und widerspiegeln können. Staaten und Gemeinwesen, die sich den Luxus erlauben, ihre Kinder und Zöglinge in großem Stil hinsichtlich Anleitung, Schulung und Einführung in die Kultur zu vernachlässigen oder dabei verwahrlosende, brutalisierende und verdummende Methoden der Pädagogik zu verwenden, brauchen sich nicht darüber zu verwundern, dass sie innert kurzer Zeit einen merklichen Abfall hinsichtlich ihres intellektuellen, emotionalen und sozialen Niveaus zu gewärtigen haben.

So hat etwa Patrick Dunn in seinem Artikel „Der Feind ist das Kind“: Kindheit im zaristischen Rußland den Zusammenhang zwischen der damals allgemein gültigen und weitverbreiteten Geringschätzung von Kindern und Kindheit einerseits und den totalitär-patriarchalischen Herrschafts- und Gesellschaftsformen andererseits beschrieben. Diese Geringschätzung konnte Dunn bereits bei den Gepflogenheiten der Geburt und Säuglingspflege ebenso wie dann bei den familiären und schulischen Erziehungsmethoden nachweisen:

Das ... Merkmal russischer Eltern im 18. und 19. Jahrhundert ist, sich ihren Kindern gegenüber eher feindselig zu verhalten und sie im Bewußtsein ihrer Macht zu bestrafen, anstatt durch Warmherzigkeit, Verständnis und Liebe bestimmte Erziehungstechniken anzuwenden.7


Ellen Key war kulturkritisch genug, um diesen Zusammenhang zwischen Wertschätzung und Erziehung von Kindern sowie den gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnissen deutlich zu sehen. Ganz im Geiste der Aufklärung war sie der Überzeugung, dass nur humanistisch gesinnte Individuen und Gemeinwesen Kinder und Zöglinge in ihren sehr spezifischen Bedürfnissen und Eigenarten richtig erkennen, und dass nur ehemals humanistisch erzogene Menschen als Erwachsene in der Lage sind, sozial und kulturell wertvolle und humane Staaten und Gesellschaften zu bilden. Priscilla Robertson hat in ihrem Beitrag Das Heim als Nest: Mittelschichten-Kindheit in Europa im 19. Jahrhundert unter anderem auf diesen Zirkel [Seite 265↓]abgehoben und dabei auf die positive Rolle, welche Ellen Key als Reformpädagogin gespielt hat, hingewiesen:

Gegen Ende des Jahrhunderts gelangte ... eine neue Bewegung für mehr Freiheit zur Geltung, als Ellen Key prophezeite, das 20. Jahrhundert werde „Das Jahrhundert des Kindes“ sein. In Frankreich wurde Rousseaus Einfluß schwächer, hörte jedoch niemals ganz auf. In Deutschland zeigte sich kaum ein theoretisches Interesse für die Kindheit, bis es in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts mit wissenschaftlicher Gründlichkeit hervortrat und Institute für experimentelle Forschungen auf dem Gebiet der Kinderpsychologie und Zeitschriften zur Verbreitung der Forschungsergebnisse gegründet wurden.8


In Rousseaus Emil ist der erschreckende und nachdenklich machende Satz zu lesen: „Man kennt die Kindheit durchaus nicht.“ Hölderlins Hyperion stößt in dasselbe Horn, wenn es dort heißt: „Von Kindheit ... haben wir keine Begriffe.“9 Man kann Ellen Keys pädagogisches Engagement in der Tat als erfolgreichen Versuch, diesen Mängeln abzuhelfen und als wesentlichen Beitrag zur Entdeckung und Verbreitung von grundlegenden Kenntnissen über die Kindheit bezeichnen.

Die Themen der Kindheit wie auch der Jugend wurden Ende des 19. Jahrhunderts unter anderem auch deshalb hoch gehandelt, weil in ihnen Motive der Zukunft, Hoffnung und Veränderbarkeit transportiert werden. Etwa ab 1850 konnte man in vielen Staaten Europas wie auch der Neuen Welt eine umfassende Stimmung des Aufbruchs zu neuen Ufern beobachten, welche z.B. auf die Erfolge der sich etablierenden Naturwissenschaften und der damit einher gehenden Technik zurückzuführen war. Hinzu kamen die sozialen und politischen Utopien vorrangig des Sozialismus und Kommunismus, von denen ebenfalls ein Versprechen des Neuanfangs und besseren Lebens ausging.

Vor diesem Hintergrund wird die Entdeckung und Hochschätzung von Kindheit (und Jugend) im 19. Jahrhundert und insbesondere während des Fin de siècle nochmals verständlich. Das Kind stand nunmehr nicht mehr nur für die „paradiesischen Verhältnisse“ einer als schön und heil [Seite 266↓]imaginierten Vergangenheit, sondern auch als Metapher für ein als frei und authentisch vorgestelltes Dasein der Zukunft. Die Kindheit erscheint nicht mehr nur als verlorenes Paradies der Vergangenheit, sondern mindestens so sehr als gelobtes Land eines besseren Morgen:

Wie alle Paradiesbilder ist auch das vom Paradies der Kindheit ein politisches Bild. Der Entwurf einer besseren Vergangenheit und Zukunft versammelt die unerfüllten Wünsche an die Gegenwart... Die pädagogische Bewegung hat im Kind den unvollkommenen Menschen gesehen, der romantische Blick nimmt in ihm den besseren, ja den vollkommenen Menschen wahr. Zwar bezeugt das romantische Deutungsmuster mehr Einfühlung in die kindliche Spontaneität und Triebstruktur als das der Aufklärer. Aber auch diese Deutung entwirft sich das Kind nach eigenem Bilde, kommt ohne Vorurteile nicht aus... Nicht zufällig tauchen hier immer wieder Vorstellungen von der reinen und unschuldigen Kindheit auf (eine Tendenz, die sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts hin besonders klar ausprägt).10


Ellen Keys pädagogisches Engagement und ihre Definition des Kindes wie auch der Kindheit trägt - im Hinblick auf dieses eben angegebene Zitat - sowohl aufklärerische wie auch romantische Aspekte. Ihre Überzeugung, dass Kinder in einem ausführlichen und komplexen Sinne erzogen und zur Bildung hin orientiert werden müssen, spiegelt aufklärerisches Gedankengut wider. Ihr von Rousseau übernommener Glaube an das Gute und Edle im Kinde sowie ihre Hoffnung, dass in der Verlängerung einer glücklichen Kindheit die Utopie eines Lebens ohne Selbstentfremdung Wirklichkeit werde, bedeuten im Grunde genommen romantische Vorstellungen, wie sie etwa auch von Hölderlin oder Novalis formuliert worden waren.

Eine Fusion dieser beiden Gesichtspunkte wurde in gewisser Weise in der Philosophie Nietzsches versucht und realisiert. Für den Philosophen bedeutete der Mensch das „nicht festgestellte Tier“, dem aufgrund seiner Instinktarmut ein hohes Maß an Erziehung respektive Selbsterziehung zuteil werden muss, damit aus ihm der „Übermensch“ erwachsen kann. In diesen letzteren Begriff sind Nietzsches utopische Wünsche und Hoffnun[Seite 267↓]gen bezüglich einer möglichen Entwicklung von zumindest einigen Wenigen eingeflossen, wobei Ellen Keys pädagogische Bemühungen - bei aller Liebe für Nietzsches Philosophie - nicht nur dieser Elite, sondern auch den Vielen zugute kommen sollte:

Ellen Keys Metaphorik, ihre Gleichsetzung des Kindes mit Neuanfang, Vitalität, unbekümmertem Lebensrecht und verzücktem Ja-Sagen zur Gesamtnatur des Lebens stammt aus Nietzsches Bilderwelt. Und ihr ganzes Buch (Das Jahrhundert des Kindes, K.M.) ist von Nietzsche- Gedanken und -Zitaten durchzogen.11


Wie oben bereits angedeutet, war die Zeit um 1900 charakterisiert nicht nur durch die hohe Wertschätzung der Kindheit, sondern ebenso durch diejenige der Jugend. Auch darin kam die immense Sehnsucht der Epoche zum Ausdruck, das kommende Jahrhundert möge ein Zeitalter des radikalen Neuanfangs und der fundamentalen Veränderungen werden.

Vor allem im deutschsprachigen Raum, teilweise aber auch in Skandinavien hielt der sogenannte Jugendstil in weiten Bereichen der Literatur, der Malerei sowie des Kunstgewerbes Einzug. Wie der Begriff der Kindheit wurde auch derjenige der Jugend zur Allegorie des Neuen, der Evolution und Reform, des Ausbruchs aus Konventionen und des Aufbruchs zu ungeahnten Gestaden der kulturellen Entwicklung. Die Zeitschriften Pan (1895), Jugend (1896) oder auch Insel (1899) waren Periodika, in denen die evolutionär-reformerischen Träume und Gedanken vieler damaliger Künstler und Intellektueller publiziert wurden, und die pädagogischen Innovationen Ellen Keys entsprangen unter anderem zu einem erklecklichen Teil auch diesem kulturellen und weltanschaulichen Nährboden.


[Seite 268↓]

Keys Begriff der Erziehung


Ein wesentlicher Gedanke Keys bezüglich der Kindheit ist derjenige der Entwicklung bzw. des Wachstums. Wie eben erläutert, war Key zutiefst davon überzeugt, dass Kindern ein großes Maß an Potentialität innewohnt. Förderung und Ermutigung bedeuteten daher für die schwedische Reformpädagogin die Kardinaltugenden aller Lehrer und Erzieher, die sie dieser Potentialität des Kindes gegenüber an den Tag legen sollten, um diesem ein Maximum an Personwerdung zu ermöglichen.

Erziehung zielt nach Key auf die je eigene individuelle Natur des Kindes ab und darf sich nicht an allgemeinen oder kollektiven Maßstäben orientieren. In gewisser Hinsicht übernahm sie die Grundthese Rousseaus, dass der Mensch von Natur aus ein produktives, neugieriges, expansives und in seinem Kern gutartiges Wesen sei und dass eine jegliche Pädagogik der Achtung und Wertschätzung dieses Nucleus’ Priorität einräumen sollte:

Ruhig und langsam, die Natur sich selbst helfen lassen und nur sehen, daß die umgebenden Verhältnisse die Arbeit der Natur unterstützen, das ist Erziehung ... Das eigene Wesen des Kindes zu unterdrücken und es mit dem anderer zu überfüllen, ist noch immer das pädagogische Verbrechen, das auch die auszeichnet, die laut verkünden: daß die Erziehung nur die eigene individuelle Natur des Kindes ausbilden solle!12


Es entsprach den biologistischen und organismischen Vorstellungen Keys, die sie aus der Evolutions- und Deszendenztheorie von Charles Darwin übernommen hatte, dass das Kind einem naturgegebenen Wachstumsprozess anheim gestellt sei, welcher von der Kultur in seinen grundlegenden Dynamismen respektiert werden müsse, wenn letztlich als Resultat jeglicher Pädagogik somatisch und psychisch gesunde Individuen und nicht uniformierte und deformierte Kollektivwesen stehen sollten. In diesem Zusammenhang zitiert Key z.B. Goethe, Madame de Staël und natürlich Rousseau, die alle auf ihre Weise einer prozesshaften Erziehungsleh[Seite 269↓]re das Wort redeten, welche die Geburt von Individuen ermögliche, selbst wenn dies ein jahre- oder jahrzehntelanges geduldiges Warten erfordert.

Eine derartige Pädagogik gesteht dem Zögling ein großes Maß an Irrtums- und Fehlermöglichkeit zu. Schon Nietzsche hat einmal mit Verve den Standpunkt vertreten, dass die Hauptschwäche der herkömmlichen Erziehung darin bestanden hätte, immer zwischen richtig und falsch zu unterscheiden; günstiger wäre es jedoch, zwischen lebendig und unlebendig zu unterscheiden und die Kinder auf den Pol der Lebendigkeit hin zu erziehen. Auch diesen Gedanken scheint Key von ihrem philosophischen Mentor übernommen zu haben, wenn sie in Das Jahrhundert des Kindes schreibt:

Der Erzieher will das Kind mit einem Schlage fertig und vollkommen haben; er zwingt ihm eine Ordnung, eine Selbstbeherrschung, eine Pflichttreue, eine Ehrlichkeit auf, die die Erwachsenen selbst sich dann mit staunenswerter Geschwindigkeit abgewöhnen! Wenn es sich um die Fehler der Kinder handelt, siebt man im Hause wie in der Schule Mücken, während man täglich die Kinder die Kamele der Erwachsenen schlucken läßt.13


Neben der Betonung des Rechtes der Kinder, Fehler machen und Irrtümer begehen zu dürfen, zielt Key mit diesem Passus auch auf die ungeheure Verlogenheit und Doppelzüngigkeit der tradierten Erziehung ab, die in beinahe allen Familien und Schulen zu beobachten steht. Nur ein authentischer Pädagoge sei ein effektiver Erzieher, und in den Augen Keys ist es bedeutend günstiger, wenn sich Eltern und Lehrer zu ihren eigenen Schwächen und Defiziten bekennen, statt sie vor Kindern kompensatorisch in angebliche Größe und Stärke wandeln zu wollen.

Das Zentrum des Erziehungsgeschehens verlagert Key auf die Ebene der zwischenmenschlichen Beziehung respektive der Emotionalität von Zögling und Erzieher. Ihr ist wohl bewusst, dass jeglicher Lernprozess vom Lernenden nur dann erfolgreich absolviert wird, wenn er in einer Atmosphäre des Wohlwollens, der Geduld, der Achtung und der Wertschätzung stattfindet. Alle Spielarten distanzierender Affekte oder entwertender Einstellungen sabotieren das pädagogische Geschehen oder verunmögli[Seite 270↓]chen es sogar. Neben den inhaltlichen Aspekten hat der Pädagoge also vorrangig Verantwortung für die emotionalen und sozialen Qualitäten des Erziehungsgeschäfts zu übernehmen:

Ein Kind erziehen - das bedeutet seine Seele in seinen Händen tragen, seinen Fuß auf einen schmalen Pfad setzen. Das bedeutet, sich niemals der Gefahr aussetzen, im Blick des Kindes der Kälte zu begegnen, die uns ohne Worte sagt, daß das Kind uns unzureichend und unberechenbar findet... Wie selten erinnert sich der Erzieher, daß das Kind schon im Alter von vier, fünf Jahren die Erwachsenen erforscht und durchschaut, mit einem wunderbaren Scharfsinn seine bewußten Wertungen anstellt, mit bebender Sensitivität auf jeden Eindruck reagiert! Das leiseste Mißtrauen, die geringste Unzartheit, die kleinste Ungerechtigkeit, der flüchtigste Spott können lebenslängliche Brandwunden in der fein besaiteten Seele zurücklassen, während andererseits die unerwartete Freundlichkeit, das edle Entgegenkommen, der gerechte Zorn sich ebenso tief in diese Sinne einprägen.14


Eine besondere Form der Unaufrichtigkeit gegenüber Kindern und damit deren emotionalen Missbrauchs bedeutete für Ellen Key das sogenannte „Pygmalion-Syndrom“. Darunter versteht man das Modellieren eines abhängigen Menschen nach den Bedürfnissen und dem Gutdünken eines dominierenden Menschen. Wie ein Künstler sein Material solange formt und bearbeitet, bis es seinen Ansprüchen nach Schönheit und Vollkommenheit entspricht und damit seine eigenen, eventuell vorhandenen Mängel und Schwächen kompensieren hilft, versuchen manche Eltern oder Lehrer, die von ihnen abhängigen Kinder im Sinne einer Stabilisierung ihres narzisstisch labilen Selbstwerterlebens missbräuchlich zu erziehen. In Das Jahrhundert des Kindes heißt es dazu:

Während man schöne Worte von der individuellen Entwicklung spricht, geht man gegen die Kinder vor, als wären diese gar kein Selbstzweck, sondern einzig allein zur Freude, zum Stolz und zur Behaglichkeit der Eltern erschaffen. Und da all dies am [Seite 271↓]besten gefördert wird, wenn die Kinder wie alle anderen werden, strebt man früh danach, sie zu ehrsamen und tauglichen Mitgliedern der Gesellschaft zu machen.15


Auch einhundert Jahre nach der Schilderung dieser Strategie, ein narzisstisch prekäres Gleichgewicht der Eltern oder Erzieher über ihre Kinder bzw. bestimmte Erziehungs- und Dressurmaßnahmen zu stabilisieren und damit der Nivellierung und Kollektivierung der nachwachsenden Generation Vorschub zu leisten, ist diese Art von „Pädagogik“ noch weit verbreitet. In gewisser Weise hat Ellen Key mit ihrer Beschreibung bereits um 1900 einen Gedanken vorweggenommen, den Martin Heidegger in seinem bekannten Buch Sein und Zeit (1927) formuliert hat. Heidegger hat in diesem Text das sogenannte „Man-selbst-Sein“ als einen Modus der Existenz geschildert, den die allermeisten Menschen wählen, um zur Majorität der Vielen zu gehören und damit deren Anerkennung und Schutz zu genießen. Den Modus des „Ich-selbst-Seins“ erreichen nur wenige für kurze Zeit, da diese Art des Daseins ein hohes Maß an Selbstwertgefühl, Authentizität und Autonomie des Individuums bedarf.

Dass es sich bei diesem Ich-selbst-Sein nicht um bloßen Trotz, billigen Narzissmus oder gar rücksichtslosen Egoismus handelt, hat Ellen Key in Das Jahrhundert des Kindes mehrfach betont. Ihr war bewusst, dass die Geburt des Selbst (Margret S. Mahler) respektive das Wachstum der Person nicht erfolgen kann, indem man einem Erziehungsstil des Laissez faire (Geschehenlassens) huldigt und dabei den Kindern und Zöglingen zu wenig oder keine Grenzen setzt und Orientierung bietet. Ein Ich wird erzogen, wenn es die Gelegenheit erhält, sich an anderen Ichen und Personen zu messen, zu reiben und sich mit ihnen zumindest passager zu identifizieren.

So sehr Ellen Key als eine der wichtigsten Vertreterinnen der Reformpädagogik gilt, so sehr muss sie als eine entschiedene Gegnerin bzw. Skeptikerin einer sogenannten Laisez faire-Erziehung angesehen werden. Ihre vielfältigen Hinweise auf die Notwendigkeit, dass Lehrer und Erzieher die Funktion von Orientierung und damit Halt bietenden Autoritäten übernehmen, hat mit dazu beigetragen, dass sie im Rahmen der europäischen Bewegung der antiautoritären Pädagogik (in den 60er und 70er Jahren [Seite 272↓]des 20. Jahrhunderts) nur hinsichtlich einiger weniger Aspekte rezipiert wurde.

Die Grenzziehungen, welche Ellen Key im Hinblick auf die Erziehung von Kindern und Jugendlichen für angebracht hält, beziehen sich z.B. auf deren alltägliches Verhalten ebenso wie auf die Inhalte des Lehr- und Bildungsangebotes, das man den Schülern nahe bringen sollte. In Das Jahrhundert des Kindes liest man bezüglich des ersten Punktes etwa folgende Passage:

Kleine Kinder müssen sich z.B. bei Tische und im übrigen an gutes Benehmen gewöhnen. Wenn jedesmal, daß eine Unart sich wiederholt, das Kind sogleich hinausgeführt wird - denn der, welcher anderen unangenehm wird, muß allein bleiben -, wird die richtige Aufführung auf der richtigen Grundlage gelehrt. Kleine Kinder müssen es z.B. lernen, anderer Leute Sachen in Ruhe zu lassen. Wenn sie jedesmal, wenn eine Sache unerlaubterweise angerührt wird, in der einen oder anderen Weise ihre Bewegungsfreiheit verlieren, lernen sie bald, daß die Bedingung die ist, anderen nicht zu schaden.16


Die Basis der späteren Individualität und Originalität eines Menschen besteht in dessen primärer Einfügung in die ihn umgebende Kultur und Gesellschaft. Wenn die Erziehung diesen ersten und grundlegenden Schritt überspringt und nicht leistet, entstehen entweder verwahrloste und dissoziale oder aber eitel-narzisstische Erwachsene, die so oder so für die Kulturassimilation und Kulturtradition nicht taugen. Ellen Key scheint sich auch diesbezüglich an Nietzsche angelehnt zu haben, der einmal hinsichtlich der gelungenen Entwicklung von autonomen und kreativen Individuen meinte, sie müssten sich zu allererst und lange Zeit die kulturelle Tradition aufladen lassen wie die Kamele; erst wenn dies Jahrzehnte lang erfolgte, könne der Betreffende in einem zweiten Schritt die überlieferte Kultur zerreißen wie ein Löwe, um dann - dies stellt für Nietzsche den höchsten Grad der Entwicklung dar - wie ein Kind mit der Kultur zu spielen und sie neu zu schaffen.

Bei aller Notwendigkeit der Einordnung in die und der Übernahme von tradierten Sitten, Regeln und Gebräuchen einer Kultur vertrat Ellen [Seite 273↓]Key jedoch vehement eine Position der Gewaltfreiheit und des Antiautoritarismus (im Sinne einer Vermeidung von bloßer „Gesetzgebung“ und Bestrafung). Selbstverständlich empfahl sie, Kinder niemals zu schlagen oder auf andere Art körperlich zu züchtigen. Auch alle Formen der Entwertung, Beschämung oder des würdelosen Behandelns wurden von ihr als untaugliche und obsolete Mittel der Pädagogik bezeichnet. Ebenso wandte sie sich gegen die Mechanismen von z.B. unehrlicher Lobhudelei oder unangebrachter Verzärtelung von Kindern und Zöglingen. Das Ziel ihrer Pädagogik bestand in der Authentizität von Lehrern und Schülern, von Eltern und Kindern, und dieser Authentizität war sie gewillt, viele andere Erziehungsziele unterzuordnen:

Ein Kind soll nicht kommandiert werden, sondern ebenso höflich angeredet werden wie ein Erwachsener, um selbst Höflichkeit zu lernen. Ein Kind soll nie vorgezeigt werden, nie zu Liebkosungen gezwungen, nie mit Küssen überschüttet, die das Kind gewöhnlich quälen und oft den Grund zu sexueller Hyperästhesie legen. Die Zärtlichkeitsbezeugungen des Kindes erwidern, wenn sie ehrlich sind, aber seine eigenen auf große Augenblicke aufsparen - das ist eines der vielen feinen, außer Acht gelassenen Erziehungsmittel! Und ebensowenig soll das Kind gezwungen werden, Reue auszudrücken, um Verzeihung zu bitten und dergleichen, was alles die sicherste Erziehung zur Heuchelei ist.17


Diese Dialektik zwischen Ein- und Unterordnung in und unter die bestehenden Verhältnisse einerseits sowie die Auflehnung gegen sie und deren Überwindung andererseits sah Ellen Key nicht nur im Bereich der Pädagogik als ein grundlegendes und immer wiederkehrendes Motiv gegeben; mindestens ebenso sehr prägen diese Themen das Leben der Erwachsenen und sind in jedem Geschichtsverlauf und jeder Kulturentwicklung nachweisbar. Die Art und Weise, wie Eltern und Erzieher diese Problematik für sich lösen, wirkt schul- und modellbildend für Kinder und Zöglinge, und man kann von letzteren keine produktiven Lösungen dieses dialektischen Dilemmas erwarten, wenn die ersteren dies nicht überzeugend vorleben:


[Seite 274↓]

Ein guter Erzieher gibt niemals einen Befehl, für den kein triftiger Grund vorhanden ist. Aber überzeugt dieser das Kind nicht, muß es auf jeden Fall gehorchen, und wenn es warum fragt, ist die Antwort sehr einfach: Weil alle, auch wir Erwachsenen, dem Rechten gehorchen und uns dem Unausweichlichen beugen müssen. Die große Notwendigkeit des Lebens muß in der Kindheit eingeprägt werden, und man kann sie ohne harte Mittel einprägen, wenn man beginnt, das Kind schon vor seiner Geburt durch seine eigene Selbstbeherrschung zu erziehen, und von seiner Geburt an dadurch, daß man niemals seinen Launen nachgibt.18


In Das Jahrhundert des Kindes betont Key immer wieder die enge Wechselwirkung zwischen der Erziehung des Zöglings und der Erziehung des Erziehers. Ähnlich eindringlich und überzeugend, wie es z.B. in den pädagogisch-psychologischen Schriften Alfred Adlers, August Aichhorns, Anna Freuds, Hans Zulligers und anderer tiefenpsychologisch orientierter Pädagogen nachzulesen ist, hat auch Ellen Key das „Synzytium“ (enger Zellverband) bzw. die symbiotischen Verhältnisse zwischen Eltern und Kindern, Lehrern und Schülern beschrieben, welche die Erziehung nicht zu einer unidirektionalen Veranstaltung, sondern zu einem Prozess werden lassen, an dem alle Beteiligten engagiert und sich selbst erziehend partizipieren müssen, wenn er zum Erfolg führen soll.

Neben der Dialektik von Einordnung und Auflehnung erwähnte Key noch eine weitere Polarität, welche in der Pädagogik eine gewichtige Rolle spielt und wesentlich zum Gelingen oder Misslingen aller erzieherischen Bemühungen beiträgt: den Wechsel von Aktivität und Passivität, von Handeln und Geschehenlassen.

Eltern und Lehrer würden häufig dem Vorurteil anhängen, dass eine engagierte Pädagogik sich vorrangig in Aktivitäten wie Reden, Strafen, Ermahnen, Schimpfen, Loben, Lehren, Dozieren und anderen Interaktionen auszeichne. Demgegenüber vertrat Key den Standpunkt, dass gelungene Erziehung mindestens so sehr mit passiven Haltungen des Erziehers wie etwa Zuhören, Zusehen, in Ruhe lassen, Abwarten und anderen mehr verknüpft sei. In Das Jahrhundert des Kindes fasste sie diese Gedanken als ihr „Alpha und Omega der Erziehungskunst“ zusammen:


[Seite 275↓]

Sei bemüht, das Kind in Frieden zu lassen, so selten wie möglich unmittelbar einzugreifen, nur rohe und unreine Eindrücke zu entfernen, aber verwende all deine Wachsamkeit, all deine Energie darauf, daß deine eigene Persönlichkeit und das Leben selbst, die Wirklichkeit in ihrer Einfachheit und Nacktheit der Erzieher des Kindes werde... Dadurch, daß man zu jeder Stunde das Kind so behandelt und betrachtet, wie man den erwachsenen Menschen behandelt und betrachtet, wird man die Erziehung sowohl von den brutalen Willkürlichkeiten wie von den verhätschelnden Schutzmaßregeln befreien, die sie jetzt verunstalten.19


Neben vielen Maßregeln, Vorschlägen und Anleitungen, die man auch als eine Technik der Erziehung bezeichnen könnte, hob Key in Das Jahrhundert des Kindes jedoch immer wieder auf die ganz individuelle und unvergleichliche pädagogische Situation ab, die mit einem jeden Kind gegeben ist und die man als Erzieher nur dann adäquat löst und beantwortet, wenn man auch zu einer Kunst der Erziehung fähig ist.

Die Kunst der Erziehung entspringt nach Key vielfältigen Quellen. Vorrangig glückt sie nur dem Erzieher, welcher selbst auf dem Weg zur Individualität und Personhaftigkeit ist und deshalb in seinem Zögling die Einzigartigkeit seiner Lebensmelodie erkennt und zum Klingen bringen will. Eine so definierte Erziehungskunst kann nur auf dem Boden umfassender Achtung und tiefgreifenden Verstehens des Zöglings erwachsen und weist enge Verwandtschaftsgrade mit der Methode der Hermeneutik auf, welche in den Geisteswissenschaften (unter anderem seit Wilhelm Dilthey) als die bevorzugte Strategie gilt, Fremdseelisches zu erkennen und damit auch zu fördern.

Eine künstlerische und verstehende Pädagogik im Sinne Ellen Keys bringt es mit sich, dass Schüler und Lehrer, Zögling und Erzieher den Lern- und Erziehungsprozess als mehr oder minder großes Abenteuer begreifen, für das es keine fixen Regeln, ausgetretenen Pfade und wohl definierte Ziele gibt. Erziehen heißt Reisen ohne Rückfahrtbillet und mit bisweilen überraschenden Ankunftsorten, die weder vom erzogenen Kind noch vom erziehenden Erwachsenen voraus benannt und erkannt werden. Nur eine solche künstlerisch-freie Erziehung jedoch ermöglicht es nach [Seite 276↓]Key, dass im Zögling dessen Talente und Eigenarten zum Blühen gebracht werden und seine Personwerdung angestoßen wird:

Die meisten modern Denkenden sprechen ... gar viel von Persönlichkeit, verzweifeln aber, wenn ihre Kinder nicht eben so sind wie alle anderen, wenn sie nicht fix und fertig bei ihrer Nachkommenschaft alle von der Gesellschaft verlangte Tugend vorweisen können! Und darum dressieren sie die Kinder, ihre Natur zurückzuhalten - um sie dann als Erwachsene wieder loszulassen! Noch ahnt man kaum, wie neue Menschen gebildet werden. Darum kommen noch immer im selben Kreislauf die alten Typen wieder; die tüchtigen Kerle, die süßen Mädchen, die ehrsamen Beamten usw. Aber neue Typen mit höheren Idealen, Wanderer auf unbekannten Wegen, Denker ungedachter Gedanken, fähig zu den „Verbrechen“, die neue Bahnen brechen - die erstehen selten unter diesen Wohlerzogenen!20


In diesen Gedanken Keys sind wiederum einige Ideen und Ideale Nietzsches nachweisbar, dem es bei der Erziehung von Menschen immer auch darum ging, deren Impulse, Antriebe und Affekte nicht zu unterdrücken, sondern deren Vitalität zu nutzen und allenfalls wie „Wildwasser“ behutsam zu kanalisieren. Nur eine dergestalte Pädagogik bildet dem Philosophen zufolge die Voraussetzung für die Heraufkunft des „Übermenschen“, der die Kraft und Fähigkeit besitzen soll, die Werte einer Kultur sowohl zu assimilieren als auch zu überwinden. Wie sehr Ellen Key bezüglich ihrer pädagogischen Vorgehensweisen und Zielsetzungen am „Philosophen der Macht“ orientiert war, wird auch an folgender Textstelle deutlich, in welcher sie ganz direkt auf den Begriff des „Übermenschen“ abhebt:

Weit davon entfernt, daß der Erzieher dem Kinde raten soll, das nachzumachen, was alle anderen tun, müßte er sich im Gegenteil freuen, wenn er die abweichenden Tendenzen des Kindes sieht. Anderer Meinungen zur Richtschnur zu nehmen, hat zur Folge, daß man sich auch ihrem Willen unterordnet und so da[Seite 277↓]zu gelangt, ein Teil der großen Herde zu werden, die der „Übermensch“ kraft seines Willens leitet ...21


Keys Erziehungsideal kann auch mit dem soziologischen Begriff des „innengeleiteten Menschen“ (David Riesman)22 umschrieben werden. Im Unterschied zum sogenannten „außengeleiteten Menschen“ verfügt der erstere über ein stabiles und autonomes Urteilsvermögen, welches an selbst gewählten Werten und Idealen ausgerichtet ist. Ihn zeichnet die geistig-soziale und emotionale Kraft und Souveränität aus, auch angesichts von Autoritäten und Hierarchien selbstbestimmt und autark zu entscheiden und nicht ins Verhaltensrepertoire des „autoritären Charakters“ (Theodor W. Adorno und Max Horkheimer) zu verfallen. Key hat dieses Erziehungsziel der autonomen Urteilskraft und autarken Personalität an einem alten „Lehrsatz der Pädagogik“ deutlich gemacht:

Was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten. Krümmt - das ist gerade das bezeichnende Wort. Gekrümmt nach dem alten Ideal der Selbstauslöschung, der Demut und des Gehorsams! Aber das neue Ideal ist, daß der Mensch gerade und aufrecht dastehe, folglich gar nicht gebogen, nur gestützt werde, damit er nicht aus Schwäche verkrümme.23


Key wurde aufgrund solcher Passagen einige Jahrzehnte später zumindest partiell für die Freiheitspädagogik der antiautoritären Erziehung als Gewährsfrau herangezogen. Der Pädagoge Otto Engelmayer etwa zählte sie zu den „antiautoritären Neorousseauisten“,24 und Walter Eisermann sah in Key eine Vorläuferin des Antiautoritarismus in der Pädagogik.25


[Seite 278↓]

Keys Begriff der Bildung


Der Begriff der Bildung wird gemeinhin in einem doppelten Sinne gebraucht. Einerseits bezeichnet man damit den Prozess der Erziehung, Selbsterziehung, Prägung und Beeinflussung, welcher Kindern, Zöglingen und auch Erwachsenen zuteil wird, sobald sie sich freiwillig oder erzwungener Maßen über einen längeren Zeitraum in eine Situation des Lernens und Erkennens begeben. In ihren Schriften - wir beziehen uns im folgenden vorrangig auf einen Essay Ellen Keys mit dem Titel Bildung, der in ihrer Aufsatzsammlung Die Wenigen und die Vielen (1905) als leicht veränderte Fassung eines Beitrags abgedruckt wurde, den die schwedische Reformpädagogin 1898 für die Neue Deutsche Rundschau verfasst hatte - gebraucht Key den Terminus „Bildung“ zum Teil (und dann unterschiedslos) im Sinne von „Erziehung“.

Andererseits meint man mit Bildung auch die geistige Gestalt eines Individuums, welche dieses im Laufe seines Bildungsprozesses im Rahmen einer bestimmten Kultur und eines ihn umgebenden Zeitgeistes erworben hat. Die Bildung bezeichnet dabei nicht lediglich das Wissen und die Erkenntnisse, über die ein Mensch verfügt, sondern bezieht sich vorrangig auch auf die Einflussnahme, welche die Wissens- und Lerninhalte auf die Entwicklung der Persönlichkeit und die Gestaltung der Biographie des Betreffenden genommen hat. Auch diesen eben erörterten Gesichtspunkt des Begriffes Bildung findet man in den Texten Ellen Keys, wobei sie an diversen Stellen die Persönlichkeitsbildung mit dem Terminus der „allgemeinen Bildung“ umschreibt und diese aber von der landläufigen „Allgemeinbildung“ abgrenzt:

Bei den Meinungsverschiedenheiten, welche über den Begriff Bildung zu entstehen pflegen, vermischt man oft Fachbildung mit allgemeiner Bildung. Um allen hierdurch möglichen Mißdeutungen auszuweichen, will ich sogleich und ausdrücklich betonen, daß ich das Wort hier ausschließlich im Sinne von allgemeiner Bildung gebrauchen will.26


Dass Ellen Key jedoch eine Pädagogin war, die sich entschieden gegen [Seite 279↓]einen fixierten und für alle verbindlichen Bildungskanon gewandt hat, wie er vor allem im deutschsprachigen Raum über lange Jahre tradiert wurde und wo er vorrangig an den Werten und Idealen der Klassik orientiert war, wird an mehreren Passagen ihrer pädagogischen Texte ersichtlich. So liest man etwa in Das Jahrhundert des Kindes die recht eindeutige Warnung vor derartigen, in sich mehr oder minder hermetisch abgeschlossenen Bildungsinhalten:

Bevor nicht das Phantom der „allgemeinen Bildung“ aus den Schulplänen und den Elternköpfen vertrieben ist und die Bildung des Individuums die Wirklichkeit wird, die an ihre Stelle tritt, wird man vergebens Reformpläne entwerfen.27


Der scheinbare Widerspruch zwischen diesen beiden Zitaten löst sich auf, wenn man die weiter oben angegebene Differenzierung des Bildungsbegriffes in denjenigen der Erziehung einerseits und denjenigen der Persönlichkeitsentwicklung andererseits berücksichtigt. Im ersten Zitat geht es Key um die Chancen der Personwerdung, im zweiten Zitat jedoch um das „Geschäft der Erziehung“, das ihrer Meinung nach immer am Individuum und dessen Eigentümlichkeiten, Talenten, Fähigkeiten und Chancen orientiert sein sollte.

Neben einer solchen Unterscheidung kann man am Terminus der Bildung noch eine weitere Differenzierung vornehmen. So spricht man einerseits in einem formalen Sinne von Bildung und meint damit eine Geistestätigkeit oder -fähigkeit, die mehr oder minder unabhängig vom jeweiligen Stoff gedacht wird. Entgegengesetzt bezeichnet man Bildung als material (im Gegensatz zu formal), wenn die jeweiligen Inhalte ins Visier genommen werden. Insbesondere Goethe, aber auch Pestalozzi oder die Neuhumanisten (z.B. die Gebrüder Humboldt) legten großen Wert auf die Vermittlung einer material gedachten Bildung, welche meist im Kontrast zur methodengläubigen Erziehungstechnik formuliert und vertreten wurde. Ellen Keys Vorstellungen von Bildung kam diesen Ideen und Modellen einer material und gleichzeitig individuell ausgerichteten Bildung der Neuhumanisten ziemlich nahe. Immer wieder plädierte sie dafür, jegliche Form der Erziehung, vom Elternhaus begonnen bis hin zu den Hochschulen, von formalen und regelhaften Elementen möglichst frei zu halten:


[Seite 280↓]

Fast alle großen Männer und Frauen, die selbstdenkend und selbstschaffend waren, haben ihre Bildung teils gar nicht in der Schule, teils mehr oder weniger spät, teils mit längeren oder kürzeren Unterbrechungen, teils in verschiedenen Schulen erhalten. Meistens war es der Zufall, die lebendige Anschauung, das im geheimen gelesene Buch, die eigene Wahl des Stoffes, die dem Ausnahmemenschen seine Bildung gegeben haben. Goethes Erziehung ist in diesem Falle ideal, wenn man von einiger Pedanterie auf Seiten des Vaters absieht.28


Personwerdung, Induktion von Individualität und Selbst sowie Persönlichkeitsbildung sind Ellen Key zufolge beinahe ausschließlich Resultate eines auf den ersten Blick misslungenen „Bildungsprozesses“. Wem nämlich als Kind oder Zögling das zufällige Glück zuteil wird, dem allgemeinen und nivellierenden „Bildungs“-Anspruch des staatlichen Schulsystems zu entkommen, hat - bei anderweitiger Förderung - gute Chancen, sein Denken, Fühlen und Handeln originell und phantasievoll zu entwickeln. Mit dieser Ansicht kam Key nochmals der – weiter oben schon erwähnten – Position Sigmund Freuds nahe, der von der „strahlenden Intelligenz kleiner Kinder“ gesprochen hat, die jedoch ziemlich regelmäßig zum Erliegen komme, sobald die Betreffenden in etwas engeren Kontakt mit den öffentlichen Schulen gekommen seien.

Auch hinsichtlich des Bildungsbegriffes war Ellen Key eine gelehrige Schülerin Friedrich Nietzsches. In seiner ersten Unzeitgemäßen Betrachtung mit dem Titel David Strauß der Bekenner und der Schriftsteller (1873) verwendet Nietzsche den Begriff des Bildungsphilisters. Einerseits charakterisiert er damit (zu Unrecht) den Linkshegelianer Strauß; andererseits gebraucht er diesen Begriff für die große Masse der angeblich Gebildeten, welche zwar ihren Goethe auf dem Nachttisch liegen haben, aber über keinerlei kritische und autonome Urteilskraft verfügen und deshalb als „Musensöhne“ oder Kulturmenschen im Sinne Nietzsches nicht in Betracht kommen.

Schon 1870 war Nietzsche in Basel mit einem Vorlesungszyklus hervorgetreten, dem er die Überschrift Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten zugedacht hatte. In den insgesamt sechs öffentlichen Vorträgen vertrat der Philosoph hinsichtlich des Begriffes Bildung Positionen, wie sie [Seite 281↓]einige Jahrzehnte später von Ellen Key aufgegriffen und modifiziert wurden. So erkannte schon Nietzsche den Konflikt zwischen „allgemeiner Bildung“ für die breiten Massen und „Persönlichkeitsbildung“ für die Wenigen, welche die Kraft und Initiativfreudigkeit besitzen, hohe und höchste Kulturgüter zu assimilieren und auf individuelle Art und Weise weiter zu entwickeln:

Zwei scheinbar entgegengesetzte, in ihrem Wirken gleich verderbliche ... Strömungen beherrschen in der Gegenwart unsere ursprünglich auf ganz anderen Fundamenten gegründeten Bildungsanstalten: einmal der Trieb nach möglichster Erweiterung der Bildung, andererseits der Trieb nach Verminderung und Abschwächung derselben. Dem ersten Triebe gemäß soll die Bildung in immer weitere Kreise getragen werden, im Sinne der anderen Tendenz wird der Bildung zugemuthet, ihre höchsten selbstherrlichen Ansprüche aufzugeben und sich dienend einer anderen Lebensform, nämlich der des Staates, unterzuordnen.29


Sowohl die Erweiterung als auch die Verminderung der Bildung bedeuten für Nietzsche einen Niedergang des Kulturniveaus, dem er sich mit seinem gesamten philosophischen und kulturkritischen Schaffen entgegen stemmte. Seinem „aristokratischen Radikalismus“ (Georg Brandes) gemäß plädierte Nietzsche für eine „Verengerung und Koncentration der Bildung“30, welche dem Ziele dienen sollte, zumindest einige Wenige zu Trägern der Hochkultur werden zu lassen.

Wenn Ellen Key auch - wie im Kapitel über die Philosophie gezeigt - die aristokratischen Tendenzen im Denken Nietzsches und damit sein Plädoyer für eine „Verengerung der Bildung“ nicht befürwortete und statt dessen einem demokratischen Sozialismus das Wort redete, vertrat sie wie ihr philosophisches Vorbild energisch die Ansicht, dass eine „Konzentration der Bildung“ bitter Not täte. In ihrem Essay Bildung meint sie bezüglich der Höhe und Ausrichtung ihres Bildungsideals:


[Seite 282↓]

Und als Folge der Entwicklung von Phantasie und Gefühl müßte das Temperament vertieft sein, der Charakter veredelt, das Empfinden verfeinert, der Geschmack gebildet, die Genußfähigkeit geübt. Die Seele müßte von Bildern, Ideenverbindungen, persönlichen Erlebnissen aus den verschiedenen Gebieten des Wissens erfüllt sein. Die Gegenstände der Natur müßten wirkliche Lebenswerte darstellen, die sowohl Gefühl wie Tatkraft in Bewegung setzen, Werte, von denen und für die man in tieferem Sinne lebte, als vom täglichen Brot und für dasselbe.31


Elitär sind diese Vorstellungen Keys im Anschluss an Nietzsche zu nennen, nicht, weil sie den eben beschriebenen Bildungs- und Erziehungsprozess nur einigen wenigen angedeihen lassen möchte, sondern eher, weil sich nur wenige bereit finden und in der Lage sehen werden, den von Key als umfassend und anspruchsvoll konzipierten Prozess der Persönlichkeitsbildung über sich ergehen zu lassen. So betont sie etwa in ihrem Aufsatz Bildung, dass sie das von ihr bevorzugte Erziehungs- und Bildungsideal einer durchgestalteten und an humanistischen Werten orientierten Person nicht unbedingt bei den sogenannten Gebildeten (die „Bildungsphilister“ im Sinne Nietzsches), sondern manchmal unerwartet in der Arbeiterschaft oder unter der ländlichen Bevölkerung gefunden habe:

Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, daß die natürlichen Bildungsanlagen bei Männern und Frauen der Arbeitsklasse zuweilen so stark sind, daß sie - ungeachtet großer Lücken in ihrem Wissen - sich eine viel echtere Kultur erkämpft haben, als viele sogenannte Gebildete, die blind vor den größten Fragen der Zeit stehen und verständnislos vor ihren Meisterwerken in Literatur und Kunst... Auch unter der ländlichen Bevölkerung habe ich selbst Bildung gefunden, obgleich die Bildungsmöglichkeiten noch so geringe sind...32


Neben Nietzsche erwähnt Ellen Key auch Goethe hinsichtlich seiner Konzeption von Bildung, wobei sie den Weimarer Dichter als regelrechten „Stifter der Religion der Bildung“ bezeichnet.33 In Anlehnung an ihn plä[Seite 283↓]diert Key für eine Form der Selbstbildung, die unabhängig von schulischen oder elterlichen Einflüssen die Entwicklung der Persönlichkeit des Erwachsenen zum Ziel hat und selbst unter ungünstigen äußeren Verhältnissen von dem betroffenen Individuum initiiert und vorangetrieben werden kann. In diesem Zusammenhang zitiert sie einen Satz aus Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795/96), wo die Figur des Serlo der Hauptfigur Wilhelm den Ratschlag erteilt, er solle doch hinsichtlich seiner Selbstbildung jeden Tag in einem guten Buch lesen, ein schönes Bild ansehen, eine schöne Melodie hören und eine gute Handlung tun.

Obschon Key in ihrer Abhandlung über die Bildung keine weiteren Zitate aus Wilhelm Meisters Lehrjahre anführt, kann man ihre hauptsächlichen Gedanken dazu durchaus als Modifikationen dieses Goetheschen Bildungsromans begreifen. Zwar konstruiert Key keine wie von Goethe vorgesehene „Turmgesellschaft“, welche sich der Erziehung und Persönlichkeitsbildung von Wilhelm anzunehmen weiß. Aber die Ideale und Ziele, die Key beim Bildungsprozess in den Kindern und Jugendlichen anstoßen und erreichen wollte, kann man durchaus unter ein Motto subsumieren, welches Goethe seiner Hauptperson Wilhelm Meister in den Mund gelegt hat:

Mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine Absicht... Ich habe nun einmal zu jener harmonischen Ausbildung meiner Natur, die mir meine Geburt versagt, eine unwiderstehliche Neigung.34


Und mit sichtlicher Zustimmung erwähnt Key abschließend den Gedanken Goethes, dass ein roher Mensch zufrieden sei, wenn er nur etwas vorgehen sehe, der Gebildete jedoch wolle fühlen und der Durchgebildete auch denken. Dabei beziehen sich Fühlen und Denken bei Key wie bei Goethe auf einen Horizont humanistischer Werte, welche sich durch bloße Wissensinhalte nie und nimmer abbilden und begreifen lassen. Mehrfach benutzt die Schwedin den Terminus der „Herzensbildung“, der bei aller Unschärfe seiner Definition die Vorstellung von emotionaler und intellektueller Bildung zugleich aufkommen lässt - eine Form der Bildung, die auch z.B. [Seite 284↓]Theodor Fontane favorisierte, von dem das Bonmot stammt: „Lerne denken mit dem Herzen, und lerne fühlen mit dem Geist“.

In ihrem Essay Bildung streift Ellen Key auch die Thematik der Zivilisation bzw. Kultur, welche in einem zirkulären Verhältnis zur Bildung des Individuums wie auch eines Kollektivs stehen. Diese Zusammenhänge wurden im 20. Jahrhundert besonders eindrücklich und ausführlich von dem Soziologen Norbert Elias in seiner inzwischen klassisch gewordenen Untersuchung Über den Prozeß der Zivilisation (1939) erörtert.

Ähnlich wie später Elias hat Key bereits in ihrer 1897 konzipierten Abhandlung darauf hingewiesen, dass die Assimilation von angeblich guten Sitten und Gebräuchen mit dem von ihr gemeinten Bildungsprozess durchaus nicht Hand in Hand gehen, sondern sich im Gegenteil einander oftmals sogar ausschließen:

Wie oft wechseln die Tischgewohnheiten, die als die entscheidendsten Beweise der Bildung betrachtet zu werden pflegen. Mit den Fingern zu essen oder das Messer in den Mund zu stecken, nennt man jetzt ungebildet - aber so aßen doch alle bis zum Ende des 16. Jahrhunderts, einer der Zeitepochen, in denen die Kultur besonders hoch stand.35


Diese Sätze könnten in der Tat von Norbert Elias stammen, der in seiner Arbeit über den Zivilisationsprozess mehrfach darauf hingewiesen hat, dass z.B. Tischsitten zwar den Grad der Zivilisation (im Sinne von im Inneren mehr oder weniger befriedeten, nach außen gerüsteten Gesellschaft), in keiner Weise jedoch das Niveau der Persönlichkeitsbildung widerspiegeln. Und schon gar nicht komme in ihnen eine wie auch immer geartete „Natur des Menschen“ zum Ausdruck.36


[Seite 285↓]

Der Erzieher der Zukunft


Von dem polnischen Arzt und Erzieher Janusz Korczak (1878-1942) stammt eine nachdenkliche und überraschende Antwort auf die Frage: Wer kann Erzieher werden? In einer kleinen Erzählung mit diesem Titel beantwortete Korczak diese Frage mit folgendem Gedanken:

Alle Tränen sind salzig; wer das begreift, kann Kinder erziehen, wer das nicht begreift, kann sie nicht erziehen.37


Obschon dieser Gedanke des polnischen Pädagogen etliche Jahrzehnte nach Das Jahrhundert des Kindes verfasst wurde, kann man in Ellen Keys Hauptwerk nachweisen, dass die schwedische Reformpädagogin von ähnlichen Intentionen und Überzeugungen geprägt war. Auch sie deklarierte, dass die Empathie und Intuition Tugenden und Fähigkeiten eines jeden Erziehers sein müssen und dass nur auf dieser Grundlage pädagogische Methoden und Strategien sinnvoll erwachsen können.

Ellen Keys Beschreibung des „idealen“ Lehrers und Erziehers ist von der Überzeugung durchdrungen, dass die Essenz jeglichen Erziehens über die Person und das personale Format des Erziehers, nicht jedoch über dessen methodisches know how vermittelt wird. Daher überrascht es nicht, wenn wir in Das Jahrhundert des Kindes immer wieder auf Passagen stoßen, in denen Key die Persönlichkeitsentwicklung des Pädagogen einklagt und als conditio sine qua non seiner beruflichen Ausrichtung und Entwicklung definiert:

Sieht das Kind den Erzieher rasch eine unangenehme Pflicht erfüllen, die er ehrlich als unangenehm anerkennt, sieht es ihn leicht eine Widerwärtigkeit oder Mühe ertragen, so wird das Kind seine Ehre darein setzen, ein Gleiches zu tun, so wie Kinder ohne viele Worte lernen, Güte zu üben, wenn sie sie um sich üben sehen, daß die Erwachsenen ihre Freude daran haben. Dadurch, daß man selbst in schöner, hochsinniger und maßvoller Art lebt, spricht man am besten zu den Kindern...38


[Seite 286↓]


Key fordert vom Erzieher der Zukunft nicht nur Echtheit und Authentizität bezüglich seiner emotionalen und intellektuellen Verfassung, sondern auch eine von großem Wohlwollen geprägte Einstellung gegenüber dem Zögling, welche an völliger Gewalt- und Furchtlosigkeit orientiert ist. Der Pädagoge soll und kann am ehesten Einfluss auf Kinder und Schüler nehmen, wenn er Angst machenden Druck und Gehorsam provozierende Unterwerfung möglichst meidet und statt dessen dem Zögling eine Atmosphäre der Sicherheit, Geborgenheit und Akzeptanz vermittelt:

Die Furcht ist das Unglück der Kindheit, und die Leiden des Kindes werden durch den halbbewußten Gegensatz zwischen seinen grenzenlosen Glücksmöglichkeiten und der tatsächlichen Behandlung dieser Möglichkeiten noch verschärft... Das Kind will sich nicht resigniert den Leiden unterwerfen, die ihm, wie es fühlt, der Erwachsene zufügt.39


Voraussetzung für eine derartige emotional adäquate Behandlung von Kindern und Zöglingen ist die basale Identifikation mit ihnen. Key fordert von Lehrern und Erziehern der Zukunft, dass sie sich in das Wesen ihrer Schützlinge umfassend und effektiv einfühlen können müssen, bevor sie darangehen, ihnen wie auch immer geartete Wissensinhalte, Fertigkeiten und Fähigkeiten vermitteln zu wollen. Eine tiefe Solidarität mit Kindern, Jugendlichen und Zöglingen bedeutete für sie eine Grundvoraussetzung des Erziehungsgeschäfts:

Selbst wie das Kind zu werden, ist die erste Voraussetzung, um Kinder zu erziehen. Aber das schließt keine gespielte Kindlichkeit, kein herablassendes Plappern in sich, das das Kind sogleich durchschaut und tief verabscheut. Das bedeutet, sich von dem Kinde ebenso ganz und einfältig ergreifen zu lassen, wie dieses selbst vom Dasein ergriffen wird; das Kind wirklich wie Seinesgleichen zu behandeln, d.h. dieselbe Zurückhaltung, dasselbe Feingefühl und Vertrauen zu zeigen, das man einem Erwachsenen zeigt.40


[Seite 287↓]

Eltern wie Lehrer sollen nach Key dem Kind oder Schüler gegenüber die Rolle von Freunden und Kameraden einnehmen, welche über einen Vorsprung an Wissen und Können verfügen, den sie jedoch nicht dazu missbrauchen, Überlegenheit oder autoritäre Arroganz aus ihm abzuleiten. Ähnlich wie es einige Jahre später der psychoanalytisch inspirierte Heilpädagoge August Aichhorn (1878-1949) in Oberhollabrunn bei Wien in seinem weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt gewordenen Erziehungsheim für verwahrloste Jugendliche praktiziert hat, plädierte auch Ellen Key im Umgang mit Zöglingen für ihre unumschränkte emotionale Bejahung.

Studiert man das von Aichhorn publizierte Buch über Verwahrloste Jugend. Die Psychoanalyse in der Fürsorgeerziehung, zehn Vorträge zur ersten Einführung (1925), begegnen dem Leser jedenfalls nicht nur psychoanalytische Konstrukte und Theoreme, sondern auch Ideen und Formulierungen, wie sie Ellen Key in ihrem Das Jahrhundert des Kindes zuhauf gebraucht hat.41

Noch ein weiterer tiefenpsychologisch orientierter Pädagoge scheint vom Geist und den konkreten Vorschlägen Keys hinsichtlich der Persönlichkeit des Erziehers beeinflusst worden zu sein. In den Schriften Alfred Adlers (1870-1937) wird jedenfalls mehrfach darauf verwiesen, dass Eltern, Lehrer und Erzieher mit ihren Zöglingen leben, lernen und sich entwickeln sollen; dies sei der Hauptinhalt einer jeden Pädagogik. Quasi als Vorlage für diese adlerschen Auslassungen können wir eine Passage aus Das Jahrhundert des Kindes zitieren, in der es in diesem Zusammenhang heißt:

Für die Schule der Zukunft müssen ganz neue Seminarien die Lehrer vorbereiten. Die patentierte Pädagogik wird der individuellen weichen, und nur der, welcher durch Natur und Selbstkultur mit Kindern spielen, mit Kindern leben, von Kindern lernen, sich nach Kindern sehnen kann, wird in einer Schule angestellt werden, um sich dort selbst seine persönliche „Methode“ zu bilden.42

Im Vorwort zu dem eben erwähnten Buch August Aichhorns, welches von Sigmund Freud verfasst wurde, steht die Empfehlung, dass jeder Lehrer [Seite 288↓]respektive Erzieher eine tiefenpsychologische Schulung und Ausbildung, wenn nicht gar eine eigene Lehr- und Charakteranalyse absolviert haben sollte, bevor er sich pädagogischen Aufgaben zuwendet:

Zwei Mahnungen scheinen mir aus den Erfahrungen des Vorstandes Aichhorn zu resultieren. Die eine, daß der Erzieher psychoanalytisch geschult sein soll, weil ihm sonst das Objekt seiner Bemühung, das Kind, ein unzugängliches Rätsel bleibt. Eine solche Schulung wird am besten erreicht, wenn sich der Erzieher selbst einer Analyse unterzieht, sie am eigenen Leib erlebt.43


Obschon Ellen Key in ihren Schriften keine derartige Empfehlung für eine psychoanalytische Ausbildung von Lehrern und Erziehen abgegeben hat, zielte sie mit ihren Forderungen nach der sogenannten „Erzieher-Persönlichkeit“ auf ähnliche emotionale, soziale und charakterliche Qualitäten, wie sie Sigmund Freud in seinem Vorwort andeutete. Erzieher sein oder werden zu wollen war für Key gleichbedeutend mit der Entwicklung der eigenen Person und damit mit der Betonung von Subjektivität und Individualität des Pädagogen. Nicht die Normierung an einem wie auch immer gearteten Bild des Erziehers, sondern die radikale Ausprägung seines je eigenen Charakterkerns machen der Schwedin zufolge das Zentrum der Ausbildung zum Pädagogen aus:

Während man jetzt die Objektivität im Unterricht preist, hat im Gegenteil jeder große Erzieher dadurch gewirkt, daß er im höchsten Grade subjektiv war! Der Lehrer soll wahrheitsliebend sein, so daß er ein widerstreitendes Faktum nie dazu preßt, seinen Ansichten zu dienen. Aber darüber hinaus, je subjektiver er ist, desto besser; desto voller und reicher teilt er den Kindern Saft und Kraft seiner Erfahrungen, seiner Lebensanschauung, seiner Eigenart mit, desto mehr wird er ihre wirkliche Entwicklung fördern...44


[Seite 289↓]

Die Schule der Zukunft


Ausgehend von ihren Überlegungen zur Erziehung und zum Erzieher hat Ellen Key in Das Jahrhundert des Kindes auch ein großes Kapitel über die Schule der Zukunft verfasst. In diesem Abschnitt begegnen uns einige ungewöhnliche, originelle und progressive Gedanken, welche Key zu recht als eine Reformpädagogin ersten Ranges erscheinen lassen.

Ein wesentlicher Aspekt bezüglich einer Schule der Zukunft betrifft das Alter, in dem Kinder eingeschult werden. Im Gegensatz zu anderen reformpädagogischen Ansätzen plädiert Key dafür, den Kindern relativ lange Phasen einer häuslichen und familiären Erziehung und Schulung zukommen zu lassen. Sie begründet dies zum einen mit der damit gegebenen Chance, dass Kinder zu Hause einen individuelleren „Lehrplan“ als in der Krippe, im Kindergarten oder in der Vorschule geboten bekommen - vorausgesetzt, dass in der Familie eine oder mehrere Personen sich der Aufzucht und pädagogischen Unterweisung der Kinder auf einem hohen intellektuellen und emotionalen Niveau annehmen. Vor allem den Müttern gesteht Key die Aufgabe und die Möglichkeit zu, eine erste und prägende „pädagogische Institution“ zu sein, wobei sie nicht verkennt, dass eine derartige Aufgabe sich nur schwer mit einer sonstigen Berufstätigkeit von Frauen und Müttern in Einklang bringen lässt:

Es ist vollkommen wahr, daß unter den jetzigen Verhältnissen, mit unzähligen außer Hause arbeitenden, für ihre Pflichten schlecht vorbereiteten Müttern die Krippe und der Kindergarten für viele Kinder ein Segen war und es noch immer ist.45


Aus ihren diesbezüglichen Ausführungen lässt sich unschwer ein merklicher Affekt Keys herauslesen, den sie den damals etablierten Kindergärten und Vorschulen gegenüber entwickelt haben muss, weil sie diese als egalisierende und normierende Institutionen erlebte und definierte. Eine die individuellen Gegebenheiten der Kinder respektierende Erziehung und Förderung sei in ihnen meist nicht zu erwarten, und sie würden im Gegenteil dazu beitragen, die Menschen von früh an ans „Herdendasein“ zu gewöhnen – eine Form der Existenz, die Ellen Key aufgrund ihrer Nietzsche-[Seite 290↓]Studien zutiefst suspekt gewesen sein muss. In teilweiser Verkennung der Schwierigkeiten, die eine suffiziente und an der Persönlichkeitsentwicklung orientierte „Erziehung der Erzieher“ mit sich bringt, sah Key in der pädagogischen Schulung der Mütter daher eine Möglichkeit, die von ihr als Massenpädagogik bezeichnete Erziehung in Krippen, Kindergärten und Vorschulen zu vermeiden:

Eine neue Generation erzogener Mütter zu bilden, die unter anderem die Kinder vom Kindergartensystem befreien sollen, das ist eine der Aufgaben der Zukunft. Dadurch, daß man die Kinder schon im Alter von zwei und drei Jahren in Herden behandelt, sie in Herden auftreten, nach einem Plan arbeiten, dieselben kleinen, dummen, und unnützen Arbeiten machen läßt - dadurch glaubt man jetzt Menschen zu bilden, während man tatsächlich Nummern exerziert.46


Diese Vorschläge Keys wurden in der Vergangenheit partiell kritisch kommentiert. In ihnen enthalten ist beispielsweise eine Definition der Frauen- bzw. Mutterrolle, welche nur ausnahmsweise die Berufstätigkeit von Frauen außer Haus vorsieht und damit deren Emanzipationssprozess zumindest teilweise konterkariert. Des weiteren bedeutet eine Erziehung im häuslichen Milieu selten wirklich ein Plus an Förderung und Entwicklung von Individualität und Personalität. Da die Eltern ebenso wie Lehrer und andere Erzieher in die Rahmenbedingungen einer egalisierenden Kultur und normierender Gesellschaftsverhältnisse eingebettet sind, geben sie normalerweise die ihnen gebotenen kulturellen Inhalte mehr oder minder ungefiltert an ihre Zöglinge weiter, ohne dass dabei ein sonderlicher Individuationsprozess angestoßen würde. Allzu selten trifft man jedenfalls auf einen „Vater Goethe“, den Key immer wieder als Gewährsmann dafür zitiert, wie außerordentlich anregend und förderlich häusliche Erziehung im günstigen Falle verlaufen kann. Und außerdem muss man - nimmt man die Skepsis Keys bezüglich Kindergärten und Vorschulen ernst - ihre Kritik auf Schulen, Hochschulen und weitere staatliche Institutionen ausweiten und ihnen allen attestieren, dass sie im großen Stile „Massenware“ erziehen und ausbilden und das Individuum sträflich vernachlässigen.


[Seite 291↓]

Noch ein weiterer Gesichtspunkt Keys hinsichtlich der Schule der Zukunft darf kritisch beleuchtet werden. Die schwedische Reformpädagogin war überzeugt davon, dass man die intellektuelle Bildung und Förderung von Kindern verglichen mit der emotionalen, sozialen und charakterlichen an zweiter oder zumindest verzögerter Stelle rangieren lassen sollte. Sie plädierte dafür, viele Lern- und Wissensinhalte Kindern und Schülern eher zu einem späteren Zeitpunkt ihres Lebens anzubieten, da sie dann über ein verändertes und verbessertes Aufnahmevermögen verfügen. Unschwer sind diesbezüglich die Einflüsse Rousseaus nachweisbar, der in seinem Emil ein ähnliches Vorgehen propagierte.

Man kann Key zugute halten, dass sie in Das Jahrhundert des Kindes das Problem einer kindgerechten Wissensvermittlung hellsichtig und energisch erkannt und beschrieben hat. Aus heutiger Sicht jedoch muss man ergänzend zu ihren Überlegungen die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie beispielsweise von Jean Piaget (1896-1980) hinzufügen, der aufgrund seiner Forschungen zur geistigen Entwicklung recht detailliert nachweisen konnte, inwiefern Kinder früh genug mit intellektuellen Herausforderungen – in dosierter Diskrepanz zu den bereits vorhandenen geistigen Strukturen – konfrontiert werden sollten. Dementsprechend kann man sich den Ausführungen von Andreas Flitner anschließen, der eine Fusion von kindgerechter Pädagogik und leistungsorientierter Wissensvermittlung anzustreben scheint:

Kann man dem Kind das spontane, ungeordnete, vielseitige und wirkungsvolle Lernen, das von der Neugier und vom Großseinwollen gesteuert ist, erhalten? Wie kommt es, daß aus den hochaktiven Selbstlernern nur allzu oft schlechte und mißmutige Schullerner werden? Das war die Grundfrage der „Reformpädagogik“ der Jahrhundertwende, und es ist die Grundfrage aller Schulerziehung geblieben: ob sich die Schule nicht, statt als ein Leistungsforderungssystem, auch als eine freie Gemeinschaft zur vielfältigen Unterstützung spontanen kindlichen Lernens anlegen läßt.47


Vor allem bei ihren Ausführungen über die Schule der Zukunft wird deut[Seite 292↓]lich, dass Ellen Key eine Pädagogin war, welche ausnehmend viele kulturkritische und gesellschaftsanalytische Gesichtspunkte bei der Beurteilung der Institution Schule wie auch der Erziehung ganz allgemein gelten ließ. Weiter oben haben wir bereits erwähnt, dass es ein hohes Erziehungsideal Keys bedeutete, aus Kindern und Schülern Personen und Persönlichkeiten werden zu lassen. Eine gelungene Pädagogik zeichne sich - so die schwedische Reformpädagogin - immer durch eine Förderung der Individualität und Subjektivität der Zöglinge aus.

Eine Schule der Zukunft muss nun von ihren Strukturen, personellen Besetzungen und inhaltlichen Curricula her derart konstelliert sein, dass dieser Prozess der Personwerdung ermöglicht wird. Dazu gehört, dass Schulen sich nicht als Dressuranstalten und verlängerter Arm eines auf Gehorsam und Unterwerfung pochenden Staates verstehen. Anders als Kasernen oder Klöster kommen Schulen ihren ureigensten Aufgaben nur dann nach, wenn sie keine „absoluten“ und „totalen Institutionen“ (Goffman) darstellen. So manche Internatsschule der Vergangenheit kam jedoch den Merkmalen totaler Institutionen relativ nahe und hatte dementsprechend Zielvorstellungen von gehorsamen und „braven“ Schülern vorschweben, welche mit denjenigen von gut funktionierenden Häftlingen oder Patres vergleichbar waren. Key beschreibt die Zielsetzungen derartiger Schulen ironisierend folgendermaßen:

Das stillste, gehorsamste Kind ist das beste Schulkind. Das heißt, die unpersönlichsten und farblosesten werden immer „Muster“ - und so werden schon in der Schule die Wertbegriffe verzerrt. Je mehr Körper und Seele sich passiv, leicht dressierbar und rezeptiv zeigen, desto bessere Resultate vom Gesichtspunkt der Schule aus... Unter diesen Sturzwällen werden die Hirne betäubt, die Seelen verdummen und verstummen, die der Lehrer wie der Schüler. Auch die lebensvollsten Lehrer bewegen sich in einem Käfig von Forderungen und Vorurteilen, von unbedingten „Notwendigkeiten“ und methodischen „Prinzipien“. Nur hie und da rettet einer seine Seele durch totale Skepsis.48


Schulen als Agenturen von Staat, Kirche und anderen übergreifenden In[Seite 293↓]stitutionen bergen immer die Gefahr, die ihnen anvertrauten Zöglinge gemäß der Wert- und Normvorgaben der jeweiligen Einrichtungen einem umfassenden Adaptations- und Assimilationsprozess anheim zu stellen, welcher letztlich die staats- oder kirchentaugliche Massenware, den braven Bürger, die gehorsamen Soldaten, das treue Parteimitglied oder aber - Anfang des 21. Jahrhunderts - den nimmersatten Homo consumens oder den weltlosen Narziss produziert.

Ellen Key zufolge kann man bereits an der Sprache und Terminologie, welche in Schulen gepflegt und entwickelt wird, erkennen, ob sie an der Erziehung tatsächlicher Individualitäten oder viel mehr an der nivellierenden Dressur der Vielen Interesse zeigt. So könne man etwa Skepsis entwickeln, wenn in offiziösen Schriften oder Vorträgen einer Schule von „dem Kinde“ in einem allgemeinen und nicht individuellen Sinne die Rede sei. Ebenso müssen nach Key viele wohlfeile Begriffe der Pädagogik auf den Prüfstand der Kritik verbracht werden, weil in ihnen egalisierendes Gedankengut transportiert werde:

Alles Reden von der „harmonischen Ausbildung“ muß dorthin verwiesen werden, wo es hingehört, in die pädagogische Küchenwissenschaft! Harmonische Entwicklung ist gewiß das herrlichste Resultat der Bildung eines Menschen. Aber sie wird nur durch seine eigene Auswahl errungen! Denn sie bedingt Harmonie zwischen den eigenen Fähigkeiten des Individuums, und nicht Harmonie nach dem Rezept der Pädagogik für eine solche. Was auf dem Teigbrett der Schule, in ihrem Hacktrog erzielt wird, das ist - etwas ganz anderes.49


In Das Jahrhundert des Kindes nimmt Ellen Key kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, die Defizite und Entartungen der traditionellen Schulformen zu geißeln. Gewalt, Entwertungen aller Art, Entmutigungen, Erziehung zur Langeweile, Verdummungsmechanismen, kulturelles Mittelmaß, anankastische Tendenzen sowie hierarchisches und autoritäres Gehabe charakterisieren die „Bildungsanstalten der Nationen“, wobei man sich über die Resultate ihrer Pädagogik nicht zu wundern brauche.

Im Gegensatz dazu entwirft Key eine Schule der Zukunft, die sich als höchstes Ziel gesetzt hat, selbst entbehrlich zu werden, weil und so[Seite 294↓]bald ihre Schüler selbständig und autonom geworden sind. Ein derartiges pädagogisches Ideal erinnert an den erzieherischen Leitsatz des Philosophen Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), der einmal formulierte, dass ein Lehrer nur dann zufrieden sein könne, wenn alle (!) seine Schüler „größer als er selbst“ geworden sind.

Natürlich wusste Ellen Key, dass auch die Schulen der Zukunft niemals wirklich überflüssig sein werden. Allerdings imaginierte sie Bildungsanstalten, welche ein hohes Maß an Freiwilligkeit und Freiheit zu ihren basalen Qualitäten rechnen und welche beispielsweise die diversen Unterrichtseinheiten, Schulfächer oder Disziplinen immer fakultativ und niemals normativ anbieten. Ähnlich wie dies ein halbes Jahrhundert nach ihr der tiefenpsychologisch inspirierte „Antipädagoge“ Alexander S. Neill in seiner Summerhill-School 50 praktiziert hat, wollte Key eine Schulorganisation realisieren, welche ungehinderten Zugang zu weiten Bereichen der Kultur ermöglicht, ohne dass der einzelne Schüler nolens volens einem vorgefertigten Curriculum ausgesetzt würde.

Im Gegensatz zu Neill jedoch, der eine antriebsfreundliche, religions- und moralinfreie Atmosphäre in seiner Schule zu etablieren versuchte und dabei aber die Vermittlung von Wissensinhalten und kulturellen Traditionen vernachlässigte, war Key davon überzeugt, dass die Schule der Zukunft bei aller Freiwilligkeit des Angebots inhaltlich entschieden an einem intellektuell und kulturell hohen Niveau festhalten müsse, wenngleich ein derartiges Angebot erst bei älteren Kindern und Schülern angebracht sei:

In meiner geträumten Schule herrscht ... Wahlfreiheit in allen Gegenständen. Die Schule bietet dieselben, aber sie zwingt sie niemandem auf. Nebst dem Englischen lehrt die Schule Deutsch und Französisch, Naturwissenschaft und Mathematik, Geschichte und Geographie. Die Muttersprache wird fleißig durch Sprechen, Lesen und Schreiben geübt... Für die fremden Sprachen kommt nur soviel Grammatik in Anwendung, wie unumgänglich notwendig ist, ... während die, welche lernen wollen, die Sprachen fließend zu sprechen und fehlerlos zu schrei[Seite 295↓]ben, die Fertigkeiten bei einem fortgesetzten Studium erwerben müssen.51


Die Curricula einer Schule der Zukunft sollten Ellen Key zufolge an Fragen und übergreifenden Problemstellungen, nicht jedoch an einzelnen Fachdisziplinen orientiert sein. Ganz im Sinne des sogenannten „problemorientierten Lernens“ (POL), das sich als moderne pädagogische Methode an einigen universitären Einrichtungen Europas seit dem Ende des 20. Jahrhunderts zu etablieren beginnt, plädierte Key bereits vor einhundert Jahren für ein interdisziplinäres Lernen. Auch die Art und Weise, wie Schüler die jeweiligen Aufgaben zu lösen versuchen, ist der schwedischen Reformpädagogin zufolge freigestellt; die Schule habe lediglich dafür zu sorgen, dass ein jeder Zugang zu gut bestückten Bibliotheken und anderen Lehrmittelarchiven habe,

Alle Formen der Repression inklusive erzwungener Prüfungen sollen aus der Schule der Zukunft verschwunden sein. Angst, Schuldgefühle, Aggressionen und andere negative Affekte können - so Key - damit weitgehend eliminiert werden; statt dessen solle die Schule der Zukunft einen Ort darstellen, welcher durch eine heitere, fröhliche, hoffnungsvolle, optimistische und humorvolle Atmosphäre charakterisiert ist:52

In der Schule wird die ängstliche Unruhe der Jetztzeit, „es zu etwas zu bringen“, ganz verschwunden sein. Die stille, große Stimmung der Schule wird in der Jugend den Grund zu der Gewißheit legen, daß das Hervorragendste eines Menschen nicht die Wirkungen, sondern das Wesen ist.53


Gut einhundert Jahre sind seit den aufrüttelnden Gedanken, die Ellen Key in Das Jahrhundert des Kindes hinsichtlich einer Schule der Zukunft formulierte, vergangen, in denen es viel zu wenige Versuche gab, die Visionen der schwedischen Reformpädagogin Realität werden zu lassen. Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang sicherlich Paul Geheeb mit [Seite 296↓]seiner „Odenwald-Schule“, Bertrand Russell mit seiner Privatschule oder auch der weiter oben zitierte Alexander S. Neill mit seinem Experiment von Summerhill. Obschon diese Schulgründer einige Grundsätze der keyschen Pädagogik implizit realisiert haben, waren sie explizit keineswegs als überzeugte „Key-Pädagogen“ anzusehen.

Es gab allerdings zu Lebzeiten Ellen Keys in der Nähe Göteborgs eine Schule, deren Gründer und Lehrer sehr bewusst die keyschen Vorstellungen einer Schule und Pädagogik der Zukunft in gelebte Wirklichkeit umsetzen wollten. Diese Schule namens Högre Samskola, auf die wir bereits im Kapitel Ellen Key und die Dichtung kurz eingegangen sind, wurde von einigen Göteborger Honoratioren im Jahre 1901 gegründet und von dem Fabrikanten James Gibson geleitet. Wie sehr diese Schule den Idealen und Träumen Ellen Keys nahegekommen sein muss, wird aus den Schilderungen ersichtlich, die Rainer Maria Rilke verfasst hat, als er im Sommer 1904 sowohl Ellen Key als auch die Högre Samskola besuchte:

Ich weiß, daß es in Deutschland und in Österreich keine solche Schule gibt und vielleicht noch lange keine geben wird; ich weiß, daß dort viele tausend Kinder leiden, wie ich gelitten habe, und noch mehr, und ich weiß auch, daß das nicht nötig ist; denn ich habe eine Schule gesehen, die groß und weit und menschlich ist und dennoch besteht.54

Rilke war tief beeindruckt von den menschlichen und pädagogischen Qualitäten, die ihm in der Högre Samskola begegnet waren. Für ihn stand fest, dass er damit die Schule der Zukunft realiter gesehen hatte, wie er sie zuvor in Das Jahrhundert des Kindes als Vision kennen gelernt hatte:

Denn diese Bedeutung scheint mir leise in dem Namen Samskola mitzuklingen: Gemeinschule, Schule für Knaben und Mädchen, aber auch: Schule für Kinder und Eltern und Lehrer. Da ist keiner über dem anderen; alle sind gleich und alle Anfänger. Und was gemeinsam gelernt werden soll, ist: die Zukunft.55


[Seite 297↓]


Das 20. Jahrhundert, von dem Ellen Key annahm und hoffte, es möge ein Jahrhundert des Kindes werden, hat sich in der Retrospektive als ein „Zeitalter der Extreme“ (Eric Hobsbawn)56 erwiesen. Weit davon entfernt, die Hoffnungen, Ideale und Visionen zu realisieren, welche Key in ihr Buch bezüglich der Erziehung nicht nur von Kindern, sondern letztlich des gesamten Menschengeschlechts (Lessing) hat einfließen lassen, wurde dieses Säkulum zu einer Epoche, welche durch die Extreme zweier Weltkriege, von Faschismus und Totalitarismus, von Holocaust und Hiroshima geprägt war.

Obschon also 1900 kein Jahrhundert des Kindes angebrochen ist, hat Ellen Key mit ihrem Buch dennoch wertvolle und in die Zukunft weisende Spuren hinterlassen. Auf ihren Beitrag zur Entdeckung des Kindes und der Kindheit haben wir ebenso wie auf die von ihr ausgehende Beeinflussung der reform- und antipädagogischen Bewegung des 20. Jahrhunderts bereits hingewiesen.

Über alle pädagogischen Effekte hinaus kann man die Autorin von Das Jahrhundert des Kindes jedoch auch als eine Schriftstellerin würdigen, der man ein hohes Maß an Humanität und eine bewundernswerte Kraft der Visionen und Utopien bescheinigen darf. In gewisser Weise sind es diese Qualitäten, warum man Ellen Key und ihr Hauptwerk als gelungenes „Dennoch“ vor dem Hintergrund des humanitären und kulturellen Desasters des 20. Jahrhunderts lesen kann. Etwas von diesen Qualitäten muss auch Rainer Maria Rilke bei der Lektüre von Das Jahrhundert des Kindes empfunden haben, über das er einmal schrieb:

... dieses Buch, in seiner stillen, eindringlichen Art, ist ein Ereignis, ein Dokument, über das man nicht wird hinweggehen können. Man wird im Verlaufe dieses begonnenen Jahrhunderts immer wieder auf dieses Buch zurückkommen, man wird es zitieren und widerlegen, sich darauf stützen und sich dagegen wehren, aber man wird auf alle Fälle damit rechnen müssen.57


[Seite 298↓]

Conclusio zur Pädagogik Ellen Keys


Im folgenden sollen zentrale Gedanken und Forderungen Keys hinsichtlich einer Pädagogik der Zukunft in kurzen und schlagwortartigen Sätzen zusammengefasst werden. Anhand dieser Auflistung wird deutlich, wie sehr die schwedische Reformpädagogin von der Hoffnung und Utopie beseelt war, es werde eine Menschheit kommen, welche – einem Aphorismus Nietzsches folgend – tatsächlich die Erziehung als ihre größte und vornehmste Aufgabe begreift.


Key wusste durchaus um die utopischen Qualitäten ihrer pädagogischen Vorstellungen für das von ihr ausgerufene Jahrhundert des Kindes. Und gleichzeitig wusste sie um die Notwendigkeit von Utopien, mit deren Hilfe wir einen Teil der Ideale in die spröde Welt der Wirklichkeit einarbeiten:

Es ist ... kein Reformplan für die Gegenwart, den ich hier mitgeteilt habe, sondern nur ein Zukunftstraum. Aber Träume sind nun einmal die eigentlichen Wirklichkeiten in unserem wunderbaren Dasein.58


Fußnoten und Endnoten

1 Flitner, A.: Reform der Erziehung - Impulse des 20. Jahrhunderts, München 1992, S. 30

2 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes (1900), Weinheim und Basel 2000, S. 120

3 Nietzsche, F.: Also sprach Zarathustra (1883), zit. n.: Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 10

4 Ariès, Ph.: Geschichte der Kindheit (1960), München 1978, S. 209

5 Ariès, Ph.: Geschichte der Kindheit, a.a.O., S. 215f.

6 deMause, L.: Über die Geschichte der Kindheit (1974), Frankfurt am Main 1979, S. 11

7 Dunn, P.: „Der Feind ist das Kind“: Kindheit im zaristischen Rußland, in: deMause, L.: Hört ihr die Kinder weinen, a.a.O., S. 547

8 Robertson, P.: Das Heim als Nest: Mittelschichten-Kindheit in Europa im 19. Jahrhundert, in: deMause, L.: Hört ihr die Kinder weinen, a.a.O., S. 587

9 Hölderlin, F.: Hyperion (1797-1799), Frankfurt am Main 1962, S. 10

10 Richter, D.: Das fremde Kind - Zur Entstehung der Kindheitsbilder des bürgerlichen Zeitalters, Frankfurt am Main 1987, S. 256ff.

11 Flitner, A.: Reform der Erziehung - Impulse des 20. Jahrhunderts, a.a.O., S. 19

12 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 77

13 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 80

14 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 80f.

15 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 83

16 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 88

17 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 90

18 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 107f.

19 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 114f.

20 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 84

21 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 84f.

22 Siehe hierzu: Riesman, D.: Die einsame Masse (1950), Darmstadt 1956

23 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 86

24 Engelmayer, O. (Hrsg.): Die Antiautoritätsdiskussion in der Pädagogik, Neuburgweier 1973, S. 8

25 Siehe hierzu: Eisermann, W.: Genese und Dialektik der antiautoritären Schulerziehung, in: Classen, J. (Hrsg.): Antiautoritäre Erziehung in der wissenschaftlichen Diskussion, Heidelberg 1973

26 Key, E.: Bildung, in: Key, E.: Die Wenigen und die Vielen, Berlin 1905, S. 311

27 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 146

28 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 173

29 Nietzsche, F.: Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten. Sechs öffentliche Vorträge (1870), in: KSA I, hrsg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, München 1999, S. 647

30 Nietzsche, F.: Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten, a.a.O., S. 647

31 Key, E.: Bildung, in: Die Wenigen und die Vielen, a.a.O., S. 326f.

32 Key, E.: Bildung, in: Key, E.: Die Wenigen und die Vielen, a.a.O., S. 329f.

33 Key, E.: Bildung, in: Key, E.: Die Wenigen und die Vielen, a.a.O., S. 333

34 Goethe, J.W.: Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795/96), in: Hamburger Ausgabe, Band 7, hrsg. v. Erich Trunz, München 1998, S. 290f.

35 Key, E.: Bildung, in: Key, E.: Die Wenigen und die Vielen, a.a.O., S. 342

36 Siehe hierzu: Elias, N.: Der Prozeß der Zivilisation (1939), Frankfurt am Main 1976

37 Korczak, J.: Wer kann Erzieher werden? In: Einführung in pädagogisches Sehen und Denken (1967), hrsg. v. Andreas Flitner und Hans Scheuerl., München 1993, S. 20

38 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 114

39 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 119

40 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 77f.

41 Siehe hierzu: Aichhorn, A.: Verwahrloste Jugend. Die Psychoanalyse in der Fürsorgeerziehung, zehn Vorträge zur ersten Einführung (1925), Bern 1957

42 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 191

43 Freud, S.: Vorwort zu: Aichhorn, A.: Verwahrloste Jugend. Die Psychoanalyse in der Fürsorgeerziehung, zehn Vorträge zur ersten Einführung (1925), a.a.O., S. 8

44 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 192

45 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 164f.

46 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 165

47 Flitner, A.: Unterstützung der Leistungsfähigkeit, in: Flitner, A. und Scheuerl, H. (Hrsg.): Einführung in pädagogisches Sehen und Denken, a.a.O., S. 155

48 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 174f.

49 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 177

50 Siehe hierzu: Neill, A.S.: Selbstverwaltung in der Schule (1938), Zürich 1950 sowie: Neill, A.S.: Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung. Das Beispiel Summerhill (1956), Reinbek bei Hamburg 1969

51 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 184f.

52 

Gegenwärtig wird in Schweden zum Teil das Modell der „Futurum-Schule“ realisiert, das deutlich die Handschrift Ellen Keys trägt.

Siehe hierzu: Kahl, R.: Lustvolles Lernen im Futurum, in: Die Zeit vom 15. Februar 2002,

Schubert, B.: Schwedens Schüler haben es besser, in: Tagesspiegel vom 18. Februar 2002,

Füller, Chr.: Das verschwundene Klassenzimmer, in: taz vom 18. Februar 2002

53 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 190

54 Rilke, R.M.: Rilke und die Samskola - Aus den einleitenden Worten, die vor der Verlesung des Aufsatzes „Samskola“ zu Furuborg gesprochen wurden (1904), in: Rilke, R.M.: Rainer Maria Rilke - Briefwechsel mit Ellen Key, hrsg. v. Theodore Fiedler, Frankfurt am Main 1993, S. 261

55 Rilke, R.M.: Rilke und die Samskola - Samskola (1904), in: Rilke, R.M.: Rainer Maria Rilke - Briefwechsel mit Ellen Key, hrsg. v. Theodore Fiedler, a.a.O., S. 272

56 Hobsbawn, E.: Das Zeitalter der Extreme (1994), München Wien 1995

57 Rilke, R.M.: Zwei Rezensionen aus dem Jahre 1902 - Das Jahrhundert des Kindes (1902), in: Rilke, R.M.: Rainer Maria Rilke - Briefwechsel mit Ellen Key, hrsg. v. Theodore Fiedler, a.a.O., S. 249

58 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 193



© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 3.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
11.08.2004