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2.  Fragestellungen, Hypothesen und Methoden

Fragestellungen und Hypothesen


Ausgehend von diesen eben skizzierten Überlegungen zur bisherigen Rezeption und wissenschaftlichen Forschungslage des Werkes von Ellen Key ergibt sich demzufolge eine zentrale Frage, welche in mehrere spezifische Fragestellungen gegliedert wird.


Welche Bedeutung haben in der Theorie und im Werk Ellen Keys die Kulturanalyse und Kulturkritik, insbesondere bezogen auf ihre pädagogischen und psychologisch-anthropologischen Konzepte?

(a) Inwiefern rezipierte Key die kulturkritischen und -analytischen Schriften der französischen Aufklärung, Goethes und Nietzsches und machte sie für ihre pädagogischen und psychologisch-anthropologischen Konzepte nutzbar?

(b) Bestand – ausgehend von ihren pädagogischen sowie psychologisch-anthropologischen Konzepten – ein Einfluss Keys auf die feministische Bewegung ihrer Zeit?

(c) Welche Haltung hatte Key zum Pazifismus?

(d) Inwiefern setzte sich Key mit den politischen Debatten um den Sozialismus auseinander?

(e) Welche Positionen vertrat Key hinsichtlich der religiös-atheistischen Debatten ihrer Zeit?

(f) Welche Beziehungen bestanden zwischen der Psychologie des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts (der akademischen Psychologie, tiefenpsychologischen Psychologie und der Psychoanalyse) und psychologisch-anthropologischen Konzepten Keys?

(g) Wie gestaltete sich – ausgehend von der Rezeption der zeitgenössischen Philosophie und Wissenschaft – die Einstellung Keys zu Rassenhygiene und Eugenik?


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Ausgehend von diesen Fragestellungen und als Ergebnis der Auseinandersetzung lassen sich daraus folgende Arbeitshypothesen formulieren, die im weiteren untersucht werden:


Ellen Keys pädagogische und psychologisch-anthropologische Konzepte sind als Resultate ihrer Assimilation vielfältiger kulturkritischer und -analytischer Schriften zu verstehen und bildeten gleichzeitig eine Basis für ihre eigene Kulturanalyse und -kritik.

a) Wichtige kulturkritische und –analytische Einflüsse auf die pädagogischen und psychologisch-anthropologischen Konzepte gingen für Key von den Schriften der französischen Aufklärung, von Goethe und von Nietzsche aus.

b) Der nachweisbare Einfluss Keys auf die feministische Bewegung Europas war eher gering.

c) Key wurde von der pazifistischen Bewegung Europas durch ihre Bekanntschaften mit Schriftstellern wie Romain Rolland und Stephan Zweig beeinflusst und sie unterstützte ihrerseits ideell diese Bewegung.

d) In den Schriften Keys lassen sich Stellungnahmen hinsichtlich der Auseinandersetzung mit dem Sozialismus, vorrangig dem libertären Sozialismus, nachweisen, mit dem sie sympathisierte.

e) Keys pädagogische Konzepte und Theorien enthalten Forderungen nach einer Erziehung von Kindern zum Agnostizismus.

f) Key übernahm für ihre eigenen psychologisch-anthropologischen Konzepte einige Anregungen aus der akademischen Psychologie, jedoch nur wenige (explizite) Anregungen aus der Tiefenpsychologie und der Psychoanalyse.

g) Key vertrat (teilweise unkritische) rassenhygienische und eugenische Positionen.


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Methoden


Sowohl der Forschungs-„Gegenstand“ Ellen Key als auch die eben aufgeführten Fragestellungen und Hypothesen erfordern darauf abgestimmte Methoden des wissenschaftlichen Zugangs und Erkenntnisgewinns, die im Folgenden erörtert werden.


(1) Historisch-biographische Methode. - Die Sekundärliteratur über Ellen Key und ihr Werk machte es notwendig, eine ausführlichere biographische Darstellung über sie anzufertigen. Wie bereits weiter oben kurz erwähnt, gibt es lediglich drei biographische Skizzen über sie, die allesamt aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts stammen und deshalb weder ihre gesamte Vita noch ihr gesamtes Werk berücksichtigen und schon gar nicht einen Überblick über die diversen Querverbindungen zu anderen Wissenschaftlern, Künstlern oder Philosophen verschaffen.

Das Quellenmaterial für eine historisch-biographische Aufarbeitung von Leben und Werk Ellen Keys ist zumindest im deutschsprachigen Raum nicht befriedigend. Neben den erwähnten biographischen Skizzen kann man lediglich auf kurze Notizen in etlichen Sammelbänden zurückgreifen, welche biographische Fragen im Zusammenhang mit der schwedischen Reformpädagogin beantworten.

Im Rahmen dieser Arbeit war es daher nötig, Nachforschungen in diversen Archiven anzustellen, wobei sich vor allem das Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar als besonders ergiebig erwiesen hat. Dort fand sich ein umfangreicher Briefwechsel zwischen Ellen Key und dem Verleger Anton Kippenberg (Anhang 7), welcher wertvolle Aufschlüsse über lebensgeschichtliche Details der Schwedin ermöglichte. Des weiteren konnten in diesem Archiv einige Korrespondenzen zwischen Ellen Key und Elisabeth Förster-Nietzsche (Anhang 1, 2, 3, 5 und 6) eingesehen werden, die im Zusammenhang mit einem Aufenthalt der Schwedin in Weimar anlässlich eines Vortrages über Nietzsche (Anhang 4) geführt worden waren.

Daneben wurden etliche Zeitungsarchive herangezogen, um den Lebenslauf Ellen Keys zu rekonstruieren. Gesondert erwähnenswert sind das Archiv der Neuen Zürcher Zeitung (Anhang 10), das Zeitungs- und Zeitschriftenarchiv der Staatsbibliothek in Berlin (Anhang 8 und 11) sowie das Zeitungsarchiv der Nationalbibliothek in Wien (Anhang 9 und 12). Auf [Seite 15↓]eine Literaturrecherche in skandinavischen Bibliotheken musste aufgrund sprachlicher Barrieren allerdings verzichtet werden.

Neben diesen nicht publizierten oder schwer zugänglichen Quellen konnte jedoch auch auf publizierte Briefwechsel und biographische Erwähnungen zurückgegriffen werden. An erster Stelle ist hierbei der Briefwechsel Rainer Maria Rilke - Briefwechsel mit Ellen Key (1993) zu nennen, der hinsichtlich der Lebensgeschichte Keys sehr aufschlussreich ist. Außerdem taucht Key in Briefen und Tagebuchaufzeichnungen etlicher ihrer Zeitgenossen (z.B. Stefan Zweig, Romain Rolland, Robert Musil, Lou Andreas-Salomé u.a.m.) sowie in Sammelbänden über skandinavische Kultur (z.B. von Georg Brandes) auf; die dabei geschilderten biographischen Ereignisse und charakterlichen Eigenarten Ellen Keys ergänzen das bisherige Wissen über sie.

Hinsichtlich der Primärliteratur ist erwähnenswert, dass fast alle Texte Keys in deutscher Übersetzung vorliegen und antiquarisch verfügbar sind. Die Schwedin war im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in Deutschland eine viel gelesene Autorin, und dementsprechend hoch waren die Auflagen ihrer Bücher.


(2) Phänomenologische Methode. - In den Geistes- und zum Teil auch Sozialwissenschaften hat sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts, seit den bahnbrechenden Arbeiten Edmund Husserls (1859-1938) über die Phänomenologie, die sogenannte phänomenologische Methode als fruchtbare wissenschaftliche Vorgehens- und Forschungsweise etabliert. Im Vergleich jedoch zu den Intentionen Husserls, der mittels der Phänomenologie nicht nur eine wissenschaftliche und philosophische Methode, sondern eine regelrechte Lebenshaltung und -einstellung entwickeln und beschreiben wollte, beziehen sich die meisten Forscher, die sich auf die Phänomenologie berufen, nur auf deren methodischen Ansatz.

Im Folgenden soll Phänomenologie nicht im voll umfänglichen husserlschen Sinne - also im Hinblick auf die von ihm beschriebenen Schritte und Prozesse der „Reduktion“ und der „Epoché“ - praktiziert werden; vielmehr geht es in dieser Arbeit methodisch darum, den Untersuchungs-„Gegenstand“ Ellen Key nicht einer voreiligen Klassifikation und Einordnung zuzuführen. Ähnlich wie Husserl dies für viele philosophische Untersuchungen gefordert hat, wird auch im Rahmen dieser Dissertation ver[Seite 16↓]sucht, das Objekt Ellen Key und die an ihr und ihrem Werk wahrnehmbaren Phänomene möglichst lange „in der Schwebe zu halten“.

Husserl ging unter anderem davon aus, dass man wissenschaftliche Erkenntnisse (im Bereich der Geisteswissenschaften) nur dann erwarten könne, wenn sich der Forscher seine Vorurteile und Vormeinungen über seinen Forschungsgegenstand bewusst mache und in gewisser Weise „einklammere“. Wer unter Umgehung dieses Reflexionsprozesses die ihn interessierenden Phänomene untersuche, ernte zuletzt meist nur die Bestätigung seiner ursprünglichen Vor-Einstellungen. Ein „In-der-Schwebe-Halten“ bedeutete für Husserl vorrangig, den Objekten gegenüber so lange geduldige Zurückhaltung zu üben, bis dem Forscher ein Großteil seiner oftmals nur halb bewussten Vor-Einstellungen bewusst geworden ist.1

Für den konkreten Untersuchungsfall Ellen Key hieß dies, sie und ihr Werk nicht von vornherein als „typische Reformpädagogik“, „Verfechterin der Eugenik“ oder „bloße Frauenemanzipationsliteratur“ zu klassifizieren, sondern der Einschätzung ihrer Person und ihrer kulturellen Leistung einen möglichst vorurteilsfreien Raum zuzugestehen. Dazu war es notwendig, dem immer wieder hochsteigenden Impuls zu widerstehen, ihre Publikationen lediglich unter pädagogischen Kautelen zu lesen und zu beurteilen. Nur so war es möglich, diverse kulturkritische Gesichtspunkte im Denken Ellen Keys gebührend wahrzunehmen und darzustellen.

(3) Hermeneutische Methode. - Ebenfalls seit der Jahrhundertwende wurde die Hermeneutik als probate Methode innerhalb der Geistes- und Sozialwissenschaften eingeführt. Ein besonderes Verdienst kommt in diesem Zusammenhang dem Philosophen Wilhelm Dilthey (1833-1911) zu, der z.B. in seiner Abhandlung Die Entstehung der Hermeneutik (1900) auf die Notwendigkeit und die Chancen einer „Kunst des Auslegens und Verstehens“ hingewiesen hat.2

Bekannt geworden ist in diesem Zusammenhang Diltheys Formel: „Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir.“3 Ausgehend davon haben Dilthey und seine der Hermeneutik verpflichteten Nachfolger [Seite 17↓]geschlussfolgert, dass die Methodik der Naturwissenschaften eine erklärende, diejenige der Geisteswissenschaften, welche die menschliche Seele ebenso wie die geistigen Produkte des Menschen erforschen, eine verstehende sein muss.

In seinen Schriften hat Dilthey mehrfach ausgeführt, dass ein wesentlicher Bestandteil dieser geisteswissenschaftlichen Methode der sogenannte hermeneutische Zirkel sei. Darunter verstand er mehrere Kreisbewegungen: zwischen dem Subjekt des Untersuchers und dem untersuchten Objekt, zwischen einem Teil des Forschungsgegenstandes und seiner Totalität, zwischen dem individuellen Forschungsgegenstand und den ihn umgebenden und prägenden epochalen, lokalen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Dilthey forderte, dass bei geistes- (und sozial-)wissenschaftlichen Untersuchungen diese Kreisbewegungen mehrfach durchlaufen werden sollen. Letztlich handele es sich beim hermeneutischen Zirkel um ein infinites, also „unendliches“ Unterfangen, dessen Ende eigentlich immer willkürlich sei.

Zusammen mit der eben vorgestellten phänomenologischen Methode führt der hermeneutische Zirkel dazu, die Untersuchungsobjekte in den Geistes- und Sozialwissenschaften über relativ lange Zeit hinweg zu erforschen. Das bedeutet meist, dass sich im Prozess einer derartigen Forschung nicht nur die vordergründigen Ansichten und Meinungen des Wissenschaftlers über seinen Forschungsgegenstand verändern; darüber hinaus ist häufig auch die gesamte Person des Forschers intensiv in den Zirkel involviert, so dass nicht selten auch eine verändernde Entwicklung der personalen Qualitäten des Wissenschaftlers zu beobachten ist.

Auf diesen letzten Gesichtspunkt hat vor allem Hans-Georg Gadamer (1900-2002) in seinem Hauptwerk Wahrheit und Methode - Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik (1960) abgehoben. Gadamer betont in diesem Buch, dass die gesamte menschliche Existenz vom Motiv des Verstehens durchzogen sei (Universalhermeneutik) und dass daher die ursprünglich von Dilthey und anderen Denkern als Methode für die Geisteswissenschaften gedachte Kunst des Verstehens letztlich eine „Kunst des Lebens“ sei.4

Im Rahmen der vorliegenden Untersuchung wird versucht, sowohl der Biographie als auch dem Werk Ellen Keys mit hermeneutischen Me[Seite 18↓]thoden zu begegnen. Dabei werden die eben beschriebenen Zirkel mehrfach durchlaufen und die generierten Ergebnisse in verschiedenen Kapitelschritten vorgestellt. So befasst sich z.B. das Kapitel Schweden im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorrangig mit den epochalen und lokalen Verhältnissen, in welche der Lebenslauf Ellen Keys gestellt war. Im darauffolgenden Kapitel verschiebt sich der Akzent auf die Darstellung der Biographie Keys und die Wechselwirkungen mit den Rahmenbedingungen ihres Lebens. In einem dritten Schritt, der Werkanalyse, werden dann sowohl die Biographie Keys als auch die Zeitgeist bedingten Verhältnisse in einen engen Bezug zu ihren Schriften gesetzt.

Mittels dieser phänomenologischen und hermeneutischen Vorgehensweisen sollen die Biographie und das Werk Ellen Keys in ihrer individuellen Eigenart dargestellt und in ihrer Wechselwirkung erörtert werden. Damit kann am ehesten den Forderungen entsprochen werden, welche die Philosophen Heinrich Rickert (1863-1936) und Wilhelm Windelband (1848-1915) hinsichtlich der Methodik innerhalb der Geistes- und Naturwissenschaften formuliert haben:

“Im Gegensatz zu den Naturwissenschaften, die nomothetisch (Gesetze setzend) verfahren, kann man das Vorgehen der Geisteswissenschaften als idiographisch (Einzelnes beschreibend) bezeichnen (Windelband...) oder als individualisierend im Gegensatz zu dem generalisierenden Vorgehen der Naturwissenschaften (Rickert...).” “ 5


Sowohl hinsichtlich der Biographie als auch der Werkanalyse Ellen Keys werden die eben erörterten Methoden ineinander verschränkt angewandt. Als Ergebnis resultieren daraus mehrere voneinander abgrenzbare Facetten bezüglich des Lebenslaufes und des Werkes der Schwedin, die auch als einzelne Strukturelemente aufgefasst werden können. Dazu zählen etwa ihre philosophischen Abhandlungen, ihre Ansichten zur Kunst und Ästhetik, ihre ethischen Überlegungen, ihre politischen und weltanschaulichen Aussagen sowie natürlich ihre pädagogischen und psychologischen Gedanken.


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Alle diese Strukturelemente ergeben zusammengenommen die Struktur „das Individuum Ellen Key“. Diese Individualität - so kann gezeigt werden - erstreckt sich weit über eine bloße Pädagogik oder Psychologie hinaus und umfasst kulturanalytische wie auch kulturkritische Aktivitäten und Reflexionen. Ähnlich wie Wilhelm Dilthey von einer „Struktur des Seelenlebens“6 und die Gestaltpsychologen von Ganzheit oder Gestalt sprechen, kann auch die Individualität eines Menschen als Struktur oder Gestalt verstanden werden, deren Elemente und Facetten auf eine einzigartige und nicht wiederholbare Weise zueinander angeordnet sind, wobei die Ganzheit dieser Individualität mehr ist als die Summe ihrer Strukturelemente.

Daher wird sich auch bei der Untersuchung und Darstellung der Biographie und des Oeuvre von Ellen Key die mittelalterliche Formel für den einzelnen Menschen bewahrheiten: Individuum est ineffabile! (Der Einzelne ist unerschöpflich!).


Fußnoten und Endnoten

1 Siehe hierzu: Danzer, G.: Psychosomatische Medizin - Konzepte und Modelle, Frankfurt am Main 1995

2 Dilthey, W.: Die Entstehung der Hermeneutik (1900), in: Gesammelte Schriften Band V, Stuttgart 1957, S. 317ff.

3 Dilthey, W.: Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie (1894), in: Gesammelte Schriften Band V, a.a.O., S. 144

4 Siehe hierzu: Gadamer, H.-G.: Wahrheit und Methode - Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik (1960), Tübingen 1986, S. 478ff.

5 Zimmerli, W.Ch.: Geisteswissenschaften, in: Handlexikon zur Wissenschaftstheorie (1989), hrsg. v. Helmut Seiffert und Gerard Radnitzky, München 1992, S. 90

6 Dilthey, W.: Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie (1894), in: Gesammelte Schriften Band V, a.a.O., S. 200ff.



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