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3.  Schweden im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts


Beim Versuch, Leben und Werk eines Individuums angemessen darzustellen und zu erörtern, führt der Gang einer solchen Untersuchung schnell vom jeweiligen Einzelnen weg hin zu den räumlichen, zeitlichen, politischen, gesellschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich die interessierende Biographie ereignet hat. Individuum und Gesellschaft sind dialektisch aufeinander bezogen, und das eine ohne das andere betrachten zu wollen, führt in die Irre.

Hinsichtlich der Vita und des Lebenswerks von Ellen Key soll daher in einem ersten Schritt das Schweden in der zweiten Hälfte des 19. und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in seinen historischen, kulturellen und gesellschaftlichen Dimensionen kurz skizziert werden. Key lebte von 1849 bis 1926 vorrangig in diesem skandinavischen Land, und ihr Dasein ebenso wie ihre literarischen, pädagogischen, psychologischen und kulturanalytischen Leistungen können nur angemessen gewürdigt werden, wenn sie vor dem Hintergrund der damaligen skandinavischen und vor allem schwedischen Geschichte und Kultur untersucht werden.

In Keys Leben und Werk nämlich spiegelt sich eine Spannung zwischen Tradition und Progression wider, welche die Kultur Schwedens damals ganz generell ausgezeichnet hat. In vielerlei Hinsicht war Key der Moderne des 20. Jahrhunderts verpflichtet, wurzelte aber gleichzeitig tief in der Geistes- und Kulturgeschichte Europas des 19. Jahrhunderts. Aus dieser persönlichen Spannung, die ihr Pendant in den gesellschaftlichen Entwicklungen Skandinaviens jener Zeit hatte, erwuchsen bei ihr reichhaltige kulturelle Leistungen auf sehr hohem Niveau.

Die von Key dabei vorgenommene inhaltliche Ausgestaltung und Schwerpunktsetzung wird verständlich, wenn man ihre Schriften wie auch ihr ganz konkretes pädagogisches und psychologisches Engagement als in enger Bezugnahme zu den zeitgeschichtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen Skandinaviens und darüber hinaus ganz Europas betrachtet. Eine solche Perspektive erlaubt es, die Dynamik zwischen dem Einzelnen und der Sozietät besser zu erfassen und damit seine Lebensäußerungen besser einzuordnen.

Nach den in vielen Ländern Europas enorme Veränderungen provozierenden Ereignissen des Jahres 1848 kam es auch in Schweden zur Einführung liberaler Reformen, insbesondere, nachdem König Oskar I. [Seite 21↓]den Thron bestiegen hatte. In diesem Zuge war auch eine erste Industrialisierungswelle zu beobachten, die aus dem stark ländlich orientierten Schweden im Laufe von einigen Jahrzehnten eine ernst zu nehmende Industrienation werden ließ. Vor allem der große Nutzholzbedarf in Westeuropa führte in Schweden zur Etablierung einer relativ modernen Holz verarbeitenden Industrie. Daneben wurde auch Eisen gefördert und ausgeführt. Ab 1858 konnte man in Schweden nach dem sogenannten Bessemer-Verfahren (benannt nach dem englischen Stahl-Fachmann Sir Henry Bessemer; ein Verfahren, bei dem komprimierte Luft in das flüssige Roheisen eingeblasen wird) Stahl herstellen, was ab 1860 einen großen Aufschwung bezüglich des Eisenbahnbaus bedeutete. Im Gefolge dieser Industrialisierung war auch die Entwicklung eines leistungsfähigen Bankwesens in Schweden zu beobachten.

In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts kam es aufgrund der veränderten wirtschaftlichen und ökonomischen Situation zu einer schweren Krise der schwedischen Landwirtschaft, welche vorrangig durch überhöhte und billige Einfuhren hervorgerufen wurde und zu einem Verfall der Getreidepreise führte. In der Folge wurden von Seiten der konservativ-ländlichen Bevölkerung Forderungen nach Schutzzöllen erhoben, so dass Mitte der 80er Jahre die sogenannte „Zollfrage“ zu einem beherrschenden Problem der schwedischen Politik geriet. 1886 wurde sogar eine Schutzzollpartei gegründet - eine Organisation, die paradigmatisch für die Tendenz vieler Schweden stand, sich und ihr Land gegen ein Übermaß an Einfluss von und Kontakt mit Europa und Amerika abzuschotten.

Ende der 80er Jahre kam es jedoch trotz aller Isolierungsbemühungen zu einer massiven Steigerung der Erzausfuhr, wobei insbesondere Deutschland ein Hauptabnehmer dieser Rohstoffe war. Schweden war einer der wichtigsten Eisen- und Stahllieferanten für das prosperierende Deutsche Reich, das nach den siegreichen Kriegen gegen Frankreich eine ungehemmte Rüstungspolitik verfolgte; die Waffen, die im Ersten Weltkrieg auf Seiten der Deutschen eingesetzt wurden, waren zu einem großen Teil aus schwedischem Erz geschmiedet.

In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts entwickelte sich auch in Schweden selbst die Metallindustrie sprunghaft voran. Die Technisierung, Elektrifizierung und Industrialisierung erfasste weite Bereiche des Landes. Eine direkte Konsequenz aus dieser rasanten Dynamik bestand in der [Seite 22↓]Gründung der Sozialdemokratischen Partei (1889) sowie in der Verabschiedung von Arbeiterschutzgesetzen.1

Um die Jahrhundertwende wurde das Selbstbild Schwedens als einer veralteten, hoffnungslos rückständigen und bäuerlich-konservativen Nation, deren Zukunft ökonomisch wie gesellschaftlich-politisch gehemmt und blockiert schien, merklich erschüttert und revidiert. Das alte politische System war in eine Legitimationskrise geraten, und ein Empfinden von Neuanfang und der Möglichkeit von Innovationen griff zunehmend um sich. Gabriela Häfner beschrieb in ihrer Publikation Ellen Key und das Selbstverständnis Schwedens zwischen Tradition und Moderne (1998) die Rolle Ellen Keys in dieser historischen Situation Schwedens folgendermaßen:

Im Werk der Frauenrechtlerin, Reformpädagogin, Literatur- und Sozialkritikerin Ellen Key schlug sich die Aufbruchsstimmung dieser Zeit in der emphatischen Begrüßung eines Prozesses von kultureller „Erneuerung“ und „Verjüngung“ nieder, für den Key Perspektiven aufzuzeigen versuchte.2


Dass Ellen Key um die Jahrhundertwende die damalige Umbruchsituation Schwedens richtig gespürt und eingeordnet hat, wird an einem Aufsatz deutlich, den sie 1897 in der Zeitschrift Vintergatan mit dem Titel Über Patriotismus veröffentlicht hat. Diese Arbeit stellt eine Replik auf eine Publikation von Verner von Heidenstam dar, der sich 1896 recht kritisch mit der kulturellen und gesellschaftlichen Situation Schwedens auseinandergesetzt und dabei die Möglichkeiten einer Wiederbelebung des schwedischen Nationalgefühls ventiliert hatte.

Heidenstam hatte die schwedische Nation mit einem weitgereisten alten Mann von Welt verglichen, der seine Vitalität und Expansivität merklich eingeschränkt und diverse Hemmungen entwickelt habe. Key polemisierte gegen dieses Bild und betonte statt dessen, dass sie ihr Land keineswegs als vergreist und geschwächt erlebe, sondern im Gegenteil Strömungen und Prozesse wahrnehme, die durchaus auf Fortschritt, Innovation und Veränderung hin ausgerichtet seien. Allerdings würden laut Key [Seite 23↓]beträchtliche Energien des schwedischen Volkes von einem rückwärtsgewandten Patriotismus absorbiert, den es möglichst rasch abzulegen gelte. Nicht ein Mehr an Nationalismus und konservativer Vaterlandsliebe, sondern ein Zuwachs an Demokratisierung sei daher notwendig, um den der schwedischen Nation innewohnenden Impulsen der Erneuerung freien Lauf zu gewähren.

Keys Forderung nach Demokratisierung umfasste jedoch auch die Idee eines „aristokratischen Radikalismus“ (ein Begriff, den Georg Brandes für die Philosophie Nietzsches verwendet hat), in den Züge eines elitären Menschenbildes und eines eher libertären Sozialismusbegriffes Eingang gefunden haben.

Trotz dieser „intelligenz-aristokratischen“ Orientierung Ellen Keys, die scheinbar ihrem Demokratieverständnis zuwider lief, betonte sie im Gegensatz zu Heidenstam in ihrem 1897 publizierten Artikel, dass die potentielle politische Kraft des Landes bei den unteren Klassen und insbesondere beim Bauernstand als Träger einer schwedischen Identität zu suchen und zu finden sei.

Die Jahrhundertwende bedeutete für das schwedische Selbstverständnis auch einen Wandel weg von den ehemaligen Großmachts-Phantasien, wie sie zum Beispiel Gustav II. Adolf (1594-1632) im Rahmen des Dreißigjährigen Krieges im 17. Jahrhundert in großem Stile in Realität umgesetzt hatte, hin zu einem ökonomischen Aufschwung, welcher die militärische Größe und Bedeutung ablösen sollte. Der industrielle Aufschwung und die damit verbundene ideologische Ausrichtung sollten den neuen Mythos von Schweden als einem Land des Fortschritts und der Moderne begründen.

Ein in diesem Zusammenhang besonders bekannt gewordener schwedischer Industrieller jener Zeit war der Chemiker Alfred Nobel (1833-1896), welcher als Erfinder des Dynamit ein Riesenvermögen gemacht hatte und der - mit einem Startkapital von 31 Millionen Kronen - den nach ihm benannten Nobel-Preis (für Physik, Chemie, Medizin sowie als Literatur- und Friedenspreis) gestiftet hat. Es soll an dieser Stelle bereits erwähnt werden, dass Ellen Key sich mit der langjährigen Sekretärin und engen Freundin Alfred Nobels, nämlich mit Bertha von Suttner (1843-1914), bezüglich deren pazifistischer Aktivitäten identifizierte, mit ihr brieflichen Kontakt unterhielt und sogar eine kleine Publikation über sie verfasste (Florence Nightingale und Bertha von Suttner, 1919).


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Im Jahre 1907 wurde Gustav V. Adolf (1858-1950) König von Schweden. Er war vermählt mit Victoria von Baden, einer Enkelin des deutschen Kaisers Wilhelm I. Diese schwedisch-deutsche Beziehung auf der Ebene der Hocharistokratie verkörperte durchaus die Relationen, die es zwischen dem skandinavischen Staat und dem Deutschen Reich Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab. Auf die intensiven wirtschaftlichen Verflechtungen wurde bereits hingewiesen. Darüber hinaus etablierte sich auch auf kulturellem Gebiet ein lebendiger Austausch; die Werke vieler skandinavischer Dichter und Schriftsteller wie z.B. von August Strindberg, Knut Hamsun, Henrik Ibsen, Georg Brandes und anderer mehr wurden rasch ins Deutsche übertragen oder sogar in deutscher Sprache erstveröffentlicht. Über diese Künstler wurden andererseits auch viele deutschsprachige Kunstwerke in Skandinavien bekannt gemacht.

In gewisser Weise kann man den deutschen Sprachraum als eine Art Brückenkopf für die skandinavische Literatur bezeichnen, von dem aus diese ihre europäische und schließlich auch weltweite Verbreitung erfuhr. Vorbereitet wurde die enge Kontaktnahme zwischen deutschsprachigen und skandinavischen Künstlern und Intellektuellen durch die „Entdeckung des Nordischen“ bei Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803) und Johann Gottfried Herder (1744-1803). Eine kontinuierliche und ausführliche Wahrnehmung der skandinavischen Literatur setzte jedoch erst um 1830 respektive 1870 ein; beim letzteren Datum wurde auch die norwegische Literatur mit berücksichtigt.

Während die Schriften Sören Kierkegaards (1813-1855) und Hans Christian Andersens (1805-1875) bereits Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem in Deutschland rezipiert wurden, kam es um 1870 zur Entdeckung der skandinavischen Dramatiker, insbesondere von Henrik Ibsen und August Strindberg. Zwischen 1880 und 1890 war Ibsen der meist gespielte ausländische Dramatiker in Deutschland, teilweise sogar der meist gespielte Dramatiker dieser Zeit überhaupt. Viele deutschsprachige Bühnendichter haben sich damals auf ihn als Vorbild berufen, so etwa Gerhart Hauptmann (1862-1946) mit seinem Drama Vor Sonnenaufgang (1889). Die Auflagenhöhe der Werke von Ibsen in deutscher Sprache betrug um die Jahrhundertwende einige Hunderttausend, um 1940 bereits ca. sechs Millionen; aber auch Hans Christian Andersen mit seinen Märchen respektive mit seinem Bilderbuch ohne Bilder (1841) oder Jens Peter Jacobsen [Seite 25↓](1847-1885) mit seinem Roman Niels Lyhne (1880) erreichten bei deutschen Verlagen Auflagen ebenfalls weit über Einhunderttausend.3

Für die Moderne in Skandinavien und ihre Tendenz der intensiven Kontaktnahme und des fruchtbaren Austausches mit anderen europäischen Kulturen stand paradigmatisch der Name und die Person August Strindbergs (1849-1912). Mit seinem 1879 publizierten satirischen Gesellschaftsroman Das rote Zimmer (deutsch 1889) leitete er in Schweden den Naturalismus ein. Obschon in den kommenden Jahren heftig umstritten, galt Strindberg mit seinen großen naturalistischen Dramen - z.B. mit Der Vater (1887), Fräulein Julie (1888), Ein Traumspiel (1903) oder Gespenstersonate (1908) - als der entscheidende Neuerer und originellste schwedische Künstler und Schriftsteller um die Jahrhundertwende. Mit seinen Dramen hat Strindberg den Expressionismus und Surrealismus - nicht nur in Schweden - ganz wesentlich vorbereitet. Ellen Key hat unter anderem über August Strindberg Nietzsche und dessen Philosophie kennen gelernt.

Ebenfalls großes Echo in Deutschland und im übrigen Europa errang der norwegische Schriftsteller Knut Hamsun (1859-1952), der unter anderem mit Edvard Munch und August Strindberg verkehrte. 1920 erhielt er den Nobel-Preis für Literatur für seinen Roman Segen der Erde (1917). Ab 1925 befand sich Hamsun in psychoanalytischer Behandlung in Oslo – ein Beweis dafür, dass die neue, in Österreich und Deutschland kreierte Seelenheilkunde in den 20er Jahren bereits Eingang in die Medizin und Psychologie Skandinaviens gefunden hatte.

Die intensiven Beziehungen, die Hamsun nach Deutschland unterhielt, veränderten sich in den 30er Jahren hin zu einer unkritischen und später offen sympathisierenden Haltung den Nationalsozialisten gegenüber. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Schriftsteller deshalb wegen Landesverrats in Norwegen verurteilt und wenige Monate später in eine psychiatrische Klinik eingeliefert.

Eine bezüglich ihrer Weltanschauung merklich hellere und freundlichere Gestalt war der dänische Literatur- und Kulturhistoriker Georg Brandes (eigentlich Morris Cohen, 1842-1927). Auch Brandes interessierte sich lebhaft für die kulturelle und historische Entwicklung nicht nur Skandinaviens, sondern Gesamteuropas. Viele Jahre lang stand dieser Intellektuel[Seite 26↓]le im engen Briefkontakt mit Henrik Ibsen, dessen dichterisches Werk er ebenso wie dessen Weltanschauung (libertärer Sozialismus) hochschätzte. Seine Monographien über Shakespeare (1895/96), Goethe (1914/15), Voltaire (1916/17) und Michelangelo (1921) legen ein beredtes Zeugnis von der universellen Bildung und humanistischen Gesinnung von Georg Brandes ab. Die von ihm verfasste Biographie über Ferdinand Lassalle (1881) zeigt den dänischen Kulturkritiker außerdem als einen Freund und Sympathisanten der sozialistischen Bewegung.

Brandes war darüber hinaus der erste skandinavische Schriftsteller, der in einem umfassenden Sinne auf die Philosophie Friedrich Nietzsches aufmerksam gemacht hat. Er war einer der großen und bedeutenden Kulturvermittler Skandinaviens, der für seine Landsleute ebenso wie für seine deutsche Leserschaft die europäische Literatur und Philosophie in überaus eleganter Form zugänglich gemacht hat.

Vor allem die Verlage S. Fischer, Insel, Eugen Diederich, Albert Langen sowie Reclam kümmerten sich Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts um die Herausgabe skandinavischer Literatur; der S. Fischer Verlag gründete eine nordische Bibliothek, die von Julius Elias, Paul Schlenther und Otto Brahm gefördert wurde. Diese drei galten als Ibsen-Verehrer und haben in ihrer Rolle als Begründer der Freien Bühne in Berlin dafür gesorgt, dass der norwegische Dichter in Deutschlands Hauptstadt häufig zur Aufführung gelangte. Auch Ellen Key profitierte von der nordischen Bibliothek des S. Fischer Verlages, bei dem viele ihrer Schriften verlegt werden konnten.

Die Skandinavien-Begeisterung des deutschen Lesepublikums hat auch der in Berlin lebende Schriftsteller Ola Hansson (1860-1925) mit seinem 1891 publizierten Propagandabuch Das junge Skandinavien unterstützt. Außerdem bildete sich 1892 in Berlin eine Freie literarische Gesellschaft, deren wichtigstes Motto lautete: „Vom Norden her kommt uns das Licht!“ - eine Parole, mit der sich viele deutschsprachige Leser, aber auch Theatermacher und Verlagsleiter identifizierten.

Zu diesem Licht zählten neben den erwähnten Dichtern auch skandinavische Schriftstellerinnen wie etwa Alfhild Agrell, Victoria Benedictsson, Hulda Garborg, Thit Jensen, Edith Nebelongs, Karin Michaelis, Amalie Skrams und Selma Lagerlöf; die letzteren vier wurden vor allem durch Rezensionen Rainer Maria Rilkes in Deutschland bekannt gemacht. Wie sehr Skandinavische Schriftstellerinnen damals en vogue waren, kann [Seite 27↓]man auch daran ersehen, dass sie über ein Viertel der skandinavischen Publikationen in deutscher Sprache bestritten haben.4

Quasi als Gallionsfigur einer ländlich und provinziell geprägten Kultur kann - in den Jahrzehnten um die Jahrhundertwende literarisch besonders aktiv - Selma Lagerlöf (1858-1940) bezeichnet werden. Lagerlöf war von 1885 bis 1895 wie Ellen Key als Lehrerin tätig und arbeitete nach einigen Auslandsreisen ab 1897 als freie Schriftstellerin. 1909 erhielt diese schwedische Erzählerin als Höhepunkt ihrer literarischen Karriere den Nobelpreis für Literatur zuerkannt. 1914 wurde sie mit der Mitgliedschaft in der schwedischen Akademie geehrt.

Lagerlöfs Werke sind als Reaktion auf den Naturalismus eines August Strindberg zu interpretieren. National-romantische Themen wie etwa die Schönheiten Värmlands, volkstümliche Erzählungen, historisierende und an glücklicheren, weil vergangenen Zeiten orientierte Geschichten sowie lyrisch-impressionistische Romane machen das Oeuvre dieser Dichterin aus.

Bei aller Begrenztheit der Themenwahl haben Literaturkritiker Selma Lagerlöf immer wieder psychologischen Feinsinn sowie ein humanitäres Anliegen attestiert, das sich vor allem in ihrem Versuch manifestierte, einen Brückenschlag zwischen sozialistischen und christlichen Weltanschauungsfacetten herzustellen. Aufgrund dieser Urteile sowie der biographischen Nähe - Lagerlöf war, wie oben erwähnt, ebenso wie Ellen Key Lehrerin - nimmt es nicht Wunder, dass Ellen Key (allerdings erst im Alter) eine Publikation über die schwedische Dichterin verfasst hat, die 1911 in den Dresdner Neuesten Nachrichten veröffentlicht wurde.5

Neben den intensiven Wechselwirkungen im Bereich der Schriftstellerei bzw. der Literatur lassen sich ähnliche kulturelle Bezugnahmen zwischen Skandinavien und Deutschland auch auf den Ebenen der Musik und der Malerei konstatieren. So ist etwa bekannt, dass im Zeitraum zwischen 1840 und 1890 am Konservatorium in Leipzig weit über einhundert Studenten aus den nordischen Ländern eingeschrieben waren,


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davon allein achtundsiebzig Frauen.6

Das Musikkonservatorium in Leipzig, gegründet von Felix Mendelssohn-Bartholdy, galt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als führende Adresse im deutschsprachigen, wenn nicht gar europäischen Raum. Weil der Arbeitsmarkt für Komponisten in Skandinavien zu dieser Zeit wenig aussichtsreich war, wird verständlich, warum derart viele Studenten aus den nordischen Ländern außerhalb ihrer Heimat ihr Glück versuchten. Auch Edvard Grieg (1843-1907), der mit seinen Kompositionen zu Ibsens Peer Gynt (1876) das Drama seines Landsmannes besonders bekannt gemacht hat, war aus diesen Erwägungen heraus nach Leipzig an das dortige Konservatorium gegangen.

Auch bezüglich der bildenden Kunst konnte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein reger Stoffwechsel zwischen Zentraleuropa (Deutschland) und Nordeuropa beobachtet werden. Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts können nordische Einflüsse vorrangig in Dresden nachgewiesen werden, wohin damals Caspar David Friedrich (1774-1840, aus dem damals zu Schweden gehörenden Greifswald stammend) sowie der norwegische Maler Johan Christian Dahl (1788-1857) übergesiedelt waren. Friedrich und Dahl, die miteinander befreundet waren, zogen eine relativ große Schar von skandinavischen Kunststudenten und Malern als Schüler zu sich nach Dresden; manche dieser Schüler wanderten weiter nach München.

Der Künstlerkreis um Friedrich und Dahl sowie diese beiden Protagonisten selbst haben einen regelrecht nordischen Stil der Landschaftsmalerei in Dresden und Deutschland publik gemacht und etabliert. Sie bereiteten das deutsche Publikum auf die bildenden Künstler Skandinaviens vor, die dann Ende des 19. Jahrhunderts, vorrangig in Berlin, für Furore sorgten.

Zu diesen Künstlern zählten vor allem Edvard Munch (1863-1944) und Anders Zorn (1860-1920). Beide, sowohl der Norweger Munch als auch der Schwede Zorn, haben über Ausstellungen in Berlin einen entscheidenden Durchbruch ihrer künstlerischen Karriere realisieren können. Das Echo, das beide Künstler in Deutschland provozierten, trug ganz we[Seite 29↓]sentlich dazu bei, ihnen auch in Skandinavien Anerkennung zukommen zu lassen.

Darüber hinaus wurde vor allem Edvard Munch zu einem wichtigen Vorbild und Taktgeber für die deutschen Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), Max Pechstein (1881-1955), Erich Heckel (1883-1970) und Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976). Diese Künstler, die sich zeitweise als Gruppe Brücke zusammenfanden, wurden noch von Emil Nolde (eigentlich Hansen, 1867-1956), der ebenfalls als aus Skandinavien stammend betrachtet werden kann (in Nordschleswig geboren), beeinflusst.7

Wie intensiv der Austausch zwischen skandinavischer und deutschsprachiger Kultur um die Jahrhundertwende gewesen ist, wird besonders eindrücklich in einem Porträtbild Edvard Munchs demonstriert, das den Titel Friedrich Nietzsche (1906) trägt. Die Idee, von Munch ein posthumes Porträt Nietzsches anfertigen zu lassen, wurde 1905 von Elisabeth Förster-Nietzsche initiiert. Aus demselben Jahr stammt übrigens eine Einladung der Schwester Nietzsches an Ellen Key, über ihren verstorbenen Bruder ein Referat in Weimar zu halten.

Bedeutend schlechter gelungen als das Nietzsche-Porträt Edvard Munchs ist das etwa zur selben Zeit entstandene Porträt von Ellen Key, das der dänische Maler Ejnar Nielsen (1872-1956) im Jahre 1907 angefertigt hat. Nielsen, der stark von der Theorie des Jugendstils beeinflusst war, derzufolge der Maler die Fläche bewahren und die Illusion räumlicher Tiefe vermeiden sollte, hat Ellen Key in dem erwähnten Porträt tatsächlich „in die Fläche gepresst“; damit ist es „dem Maler Nielsen nicht gelungen, Ellen Key als Mitmensch - der sie für viele Menschen war - überzeugend vor uns hinzustellen.“8

Ähnlich wie im Bereich der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung Schwedens und des übrigen Skandinaviens, die in den letzten Jahrzehnten des 19. sowie den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts geprägt war von dem Antagonismus zwischen einerseits einer Öffnung Europa gegenüber und andererseits einem Verschließen dem Ausland gegenüber, gab es auch auf politischem Gebiet in Schweden zu jener Zeit eine polare Dynamik zu beobachten.


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In den Jahren von 1871, an den Tagen der Pariser Kommune, wurden nach und nach zuerst in Dänemark und dann in Schweden in Form des Gothaer Programms der Deutschen Sozialdemokraten sozialistisches und marxistisches Gedankengut weitergegeben und verbreitet. 1889 wurde in Schweden eine Sozialdemokratische Partei gegründet, die sich zwei Jahre später ein Programm gab, das demjenigen der deutschen Sozialdemokraten von 1891 (Erfurter Programm) sehr ähnlich war.

Im Gegensatz zu Deutschland waren es in Skandinavien vorrangig Intellektuelle und Handwerker, nicht aber Arbeiter, die sich für die Formulierung und Weitergabe sozialistischer Ideen und Programme einsetzten. Dies lag vor allem auch an den weniger heftig verlaufenden Industriealisierungsentwicklungen in Skandinavien sowie an der starken Verbundenheit weiter Bevölkerungskreise mit der agrarischen Tradition. Die sozialistische und sozialdemokratische Bewegung in Schweden und darüber hinaus im übrigen Skandinavien wies daher einen pragmatischen und antirevolutionären Charakter auf:

Die sprichwörtliche Solidität von Handwerkern, die Sturheit von Bauern – beides dominante Züge in der sozialen Typologie der skandinavischen Gesellschaften – haben ihre Auswirkungen auf Ideologie und Programmatik der Parteien, haben ihre Auswirkungen auf die Politik gehabt. Die Lehrbücher der Sozialdemokraten und Sozialisten waren Sozialenqueten und Statistiken, nicht die Schriften von Marx und Engels.9


Hinzu kam, dass in Skandinavien neben dem idealistischen und deduktiven Denken, das in Deutschland vorherrschend war, eine gewisse Vorliebe für empiristisches und induktives Denken verbreitet war. Eine jede Theorie – und damit natürlich auch die marxistische respektive sozialistische – musste sich in der Praxis bewährt haben, um einigermaßen ernsthaft diskutiert und erwogen zu werden.

Bei Ellen Key – so werden wir sehen – verband sich eine libertär-sozialistische Weltanschauung mit ästhetischen und pädagogischen Überlegungen. Wie im Rahmen dieser Arbeit im Kapitel Ellen Key und der libertäre Sozialismus gezeigt wird, berief sie sich dabei mehr auf Dichter und [Seite 31↓]Denker denn auf Politiker und Historiker. Sie unterstützte damit den Trend der schwedischen Sozialdemokratie nach pragmatischer Um- und Übersetzung des sozialistischen Gedanken- und Ideengutes.

Ein weiterer kultureller Einflussfaktor zwischen Skandinavien und Deutschland war die Biologie, speziell auch die Rassenbiologie, zu der sich im Werk Ellen Keys einige nicht immer eindeutige Aussagen und Anmerkungen finden. Schon im 18. Jahrhundert hatte der schwedische Naturforscher Carl von Linné (1707-1778) mit seiner Systema naturae (1735) für Aufsehen gesorgt. Außerdem bemühte sich Linné, ein natürliches System nach der Habitus-Ähnlichkeit aufzustellen; diese Einteilung enthielt erste Zuordnungen zu rassenbiologischen Merkmalen und Charakteristiken. Die Gedanken Linnés wurden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von dem Göttinger Anatomieprofessor Johann Friedrich Blumenbach weiter entwickelt, der – ähnlich wie der Wiener Arzt Gall – durch eine imposante Schädelsammlung von sich reden machte.

Neben Linnés Rasseneinteilung hat die schwedische Biologie noch einen zweiten wichtigen Beitrag zur Lehre von den Rassen geliefert. Der Anatomieprofessor Anders Adolf Retzius vom Karolinska-Institut in Stockholm hat als erster die Kategorisierung der menschlichen Schädel in sogenannte Langschädel und Rundschädel durchgeführt; außerdem untersuchte er die Kieferstellung und teilte die Menschen diesbezüglich in sogenannte Orthognathen (Menschen mit gerader Kieferstellung) und Prognathen (Menschen mit vorgeschobener Kieferstellung) ein. Obschon die Schweden respektive die „Nordländer“ von vielen als angeblich reinrassiges Volk betrachtet wurden, hatte Retzius herausgefunden, dass bei den Schweden die sogenannten „Langschädel“ und bei den Finnen die sogenannten „Rundschädel“ dominieren. Retzius vermutete, dass dies auf verschiedene rassische Ursprünge und möglicherweise auch auf unterschiedliche Volkscharaktere hindeute.

Im 19. Jahrhundert verbanden sich manche dieser rassenbiologischen Ansichten mit dem in Europa grassierenden Antisemitismus. Ein prominenter schwedischer Künstler, der sich in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts dem Antisemitismus zugewandt hatte, war August Strindberg.

Obschon Schweden um 1900 als relativ „reinrassiges“ Volk galt, wurden in den Reihen von Medizinern, Biologen, Anthropologen und anderer Intellektueller die Fragen der Rassenbiologie und zunehmend auch der [Seite 32↓]Rassenhygiene intensiv diskutiert. 1909 wurde die „Schwedische Gesellschaft für Rassenhygiene“ gegründet. Viele ihrer Mitglieder waren parallel auch in der „Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene“ integriert, die bereits 1905 ins Leben gerufen worden war. 1921 wurde in Uppsala das staatliche „Institut für Rassenbiologie“ gegründet, das in mancherlei Hinsicht zum Vorbild für ähnliche Institute in Deutschland wurde. Anthropometrische Untersuchungen der Bevölkerung sowie rassenhygienische Konzepte waren die hauptsächlichen Aktivitäten dieses Instituts.

Der Musiker und Journalist Heinrich Pudor (Heinrich Scham) bereiste Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts mehrmals die skandinavischen Länder, da er überzeugt war, dort eine gewisse „germanisch-völkische Reinblütigkeit edelster Sitte und höchster Kunst“10 anzutreffen. Pudor war maßgeblich daran beteiligt, den Mythos von den natürlich lebenden Skandinaviern aufzubauen, die seiner Meinung nach ethisch rein und sittlich hochstehend lebten, weil sie ein unverfälschtes Verhältnis zu ihrem Körper aufwiesen. Er ging davon aus, dass die meisten Skandinavier nackt schliefen und badeten, was seinen eigenen nudistischen Idealen sehr entgegen kam. Der norwegische Dichter Björnstjerne Björnson soll allerdings auf eine diesbezügliche Frage hin ganz lapidar geantwortet haben: „Ich wohne nicht in Arkadien; ich wohne in Norwegen!“11

Wenn auch das Bild der nudistisch ausgerichteten Skandinavier korrekturbedürftig erscheint, lassen sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts doch einige Hinweise dafür auffinden, dass zumindest in Schweden und Dänemark eine weit verbreitete Ernährungslehre und Naturheilbewegung Fuß fassen konnte, die nach und nach Einfluss auf Deutschland bekam. Besonders erwähnenswert sind die Massage- und Gymnastiksysteme des Dichters Per Henrik Linge sowie die Abstinenzbewegung (Anti-Alkoholismus) des dänischen Ingenieurs Müller, die als sogenanntes „Müllern“ in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts europaweit praktiziert und bekannt wurde. Zusammen mit einigen anderen Ärzten (z.B. Ragnar Berg oder Mickel Hindhede) und deren Hygienevorstellungen haben diese Naturheilkundler damals den Ruf und das Bild von einem „gesunden und natürlichen Skandinavien“ begründet bzw. verstärkt.


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Einen besonderen Ausdruck dieses Bildes stellten die Olympischen Spiele 1912 in Stockholm dar. In der Geschichte Skandinaviens wie auch in der Historie der Olympischen Spiele bedeutete diese Olympiade einen wichtigen Einschnitt, da in ihrem Rahmen einige Wochen lang die Atmosphäre eines neuen demokratischen Nationalismus und einer breite Bevölkerungsschichten integrierenden Körperkultur realisiert wurde. Damals soll der Körper als Hort der Gesundheit, der Vitalität, des Genusses und der Expansivität gefeiert und von vielen so verstanden worden sein.

Dieses Körpererleben und die davon ausgehenden Atmosphären und Stimmungen galten vielen Menschen als zukünftiges „Antidot“ (Gegengift) gegen die kränkelnden und dekadenten Ausführungen eines Oswald Spengler (1880-1936), der mit seinem Buch Der Untergang des Abendlandes (1918 Bd. I und 1922 Bd. II) einige Jahre später einen weithin beachteten Abgesang auf die abendländische Kultur formuliert hat. Kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges gab man sich in Stockholm noch der Illusion eines internationalen, demokratischen, freiluftbegeisterten und zivilisierten Europa hin, die bereits zwei Jahre hernach von einer brutalen und desillusionierenden Wirklichkeit Lügen gestraft wurde.

Ebenfalls noch vor die Zeit des Ersten Weltkrieges fallen die Anfänge einer skandinavischen respektive schwedischen Spielart der Tiefenpsychologie und Psychoanalyse. Eine wichtige Rolle spielte in diesem Zusammenhang der Nervenarzt Poul Bjerre (1876-1964) aus Stockholm, der über Lou Andreas-Salomé (zu der er eine Weile eine Liebesbeziehung unterhielt) Kontakt mit der psychoanalytischen Vereinigung aufnahm und ebenfalls über sie in geistigen Austausch mit Ellen Key kam. Im Jahre 1911 besuchte Bjerre den Dritten Internationalen Psychoanalytischen Kongress in Weimar, wo er mit Sigmund Freud und vielen Psychoanalytikern der ersten und zweiten Generation zusammentraf. Bis 1917 gehörte Bjerre sogar zum Herausgeberstab der Internationalen Zeitschrift für Ärztliche Psychoanalyse. Bereits 1913 jedoch distanzierte sich Bjerre von einigen psychoanalytischen Theorien und Dogmen und schloss sich hinsichtlich eines desexualisierten Libidokonzeptes der Psychologie C.G. Jungs an. Nach einer beleidigenden Äußerung Freuds Bjerre gegenüber, die der Begründer der Psychoanalyse angeblich bei einem Besuch des


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schwedischen Arztes in Wien getätigt haben soll, kam es zum vollständigen Bruch Bjerres mit der Psychoanalyse.12

Neben Poul Bjerre war es vor allem Alfhild Tamm (1874-1959), die sich in Schweden mit großem Engagement der psychoanalytischen Sache verschrieb. Tamm war die erste Frau in Schweden, die Psychiaterin wurde. Als junge Studentin besuchte sie Berlin, wo sie mit der psychoanalytischen Theorie (wahrscheinlich vermittelt über Karl Abraham) in Berührung kam. 1913 unternahm Tamm eine Reise nach Wien, wo sie neben den Psychoanalytikern Paul Federn, Helene Deutsch und August Aichhorn auch auf den Begründer der Individualpsychologie Alfred Adler traf.

Bei diesen Kontakten nimmt es daher nicht Wunder, dass sich diese Psychiaterin in der Folge vorrangig den Fragen einer tiefenpsychologisch geprägten Kinderheilkunde widmete. In diesem Zusammenhang wirkte sie an vielen pädagogischen Einrichtungen als ärztlich-psychologische Beraterin mit und hatte darüber hinaus verschiedene Ämter in der öffentlichen Kinderfürsorge inne. Im Rahmen dieser Tätigkeiten steht zu vermuten, dass Ellen Key auf Alfhild Tamm aufmerksam wurde und Möglichkeiten zum Gedankenaustausch suchte.

Einige Aspekte dieser eben in groben Zügen dargestellten schwedischen Geschichte und Kultur in der zweiten Hälfte des 19. und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts finden sich in ihren Konsequenzen im Werk Ellen Keys wieder. Außerdem führte die enge Verflechtung der schwedischen Wirtschaft wie auch partiell der schwedischen Kultur mit derjenigen Deutschlands um die Jahrhundertwende dazu, dass viele Essays und Bücher Ellen Keys beinahe zeitgleich in schwedischer wie auch in deutscher Sprache erschienen sind. Darüber hinaus hat Ellen Key auch dazu beigetragen, deutschsprachige Literatur (wie z.B. die Dichtung Rainer Maria Rilkes) oder deutschsprachige kulturkritische Schriften (wie z.B. einige Texte von Lou Andreas-Salomé) in Skandinavien bekannt zu machen. Auf diese teilweise intensiven gegenseitigen Bezugnahmen soll im Rahmen der nun folgenden Kapitel detailliert eingegangen werden.


Fußnoten und Endnoten

1 Siehe hierzu: Ploetz, C.: Der große Ploetz – Die Datenenzyklopädie der Weltgeschichte, Darmstadt 2000, S. 1050f.

2 Häfner, G.: Ellen Key und das Selbstverständnis Schwedens zwischen Tradition und Moderne, Berlin 1998, S. 9

3 Siehe hierzu: Paul, F.: Deutschland - Skandinaviens Tor zur Weltliteratur, in: Wahlverwandtschaft - Skandinavien und Deutschland 1800-1914, hrsg. v. B. Hennigsen, J. Klein, H. Müssener u. S. Söderlinde, Berlin 1997, S. 193ff.

4 Siehe hierzu: Heitmann, A.: Skandinavische Schriftstellerinnen in Deutschland, in: Wahlverwandtschaft - Skandinavien und Deutschland 1800-1914, a.a.O.; S. 206ff.

5 Key, E.: Selma Lagerlöf, in: Dresdner Neueste Nachrichten vom 04. Juni 1911, nachgedruckt in: Neue Freie Presse, Wien, 20. November 1928

6 Siehe hierzu: Herresthal, H.: Die Musikmetropole Leipzig und Edvard Grieg, in: Wahlverwandtschaft - Skandinavien und Deutschland 1800-1914, a.a.O., S. 241ff.

7 Siehe hierzu: Nolde, E.: Mein Leben (1976), Köln 1996, 178ff.

8 Zeitler, R.: Skandinavische Kunst um 1900, Leipzig 1990, S. 186

9 Henningsen, B.: Die sozialistische Wahlverwandtschaft, in: Wahlverwandtschaft - Skandinavien und Deutschland 1800-1914, a.a.O., S. 380f.

10 Zit. n.: Linse, U.: Nordisches in der deutschen Lebensreformbewegung, in: Wahlverwandtschaft - Skandinavien und Deutschland 1800-1914, a.a.O., S. 399

11 Zit. n.: Linse, U.: Nordisches in der deutschen Lebensreformbewegung, in: Wahlverwandtschaft - Skandinavien und Deutschland 1800-1914, a.a.O., S. 399

12 Siehe hierzu: Moore, N.: Psychoanalyse in Skandinavien, in: Kindlers Psychologie des 20. Jahrhunderts, Tiefenpsychologie, Band 2, hrsg. v. Dieter Eicke, Weinheim u. Basel 1982, S. 550ff.



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11.08.2004