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4.  Biographisches zu Ellen Key


Bevor die pädagogischen, psychologischen und kulturanalytischen Leistungen Ellen Keys dargestellt und angemessen gewürdigt werden können, ist es notwendig, eine Skizze ihres Lebenslaufes anzufertigen. Denn auch bei Key kann - ebenso wie bei vielen anderen Kulturschöpfern - eine enge Verflechtung von biographischen Ereignissen und Entwicklungen einerseits und ihren Publikationen sowie ihren pädagogischen Aktivitäten andererseits beobachtet werden.

Obschon wir über keine sehr ausführlichen oder umfassenden Lebensbeschreibungen der schwedischen Reformpädagogin verfügen, lässt sich anhand der recht persönlich gehaltenen Schilderungen von Nyström-Hamilton - Ellen Key. Ein Lebensbild – (Leipzig 1904) sowie anhand etlicher erhalten gebliebener Briefe und anderer Dokumente von und an Ellen Key deren Biographie in groben Zügen nachvollziehen.

4.1. Kindheit und Jugend


„Geboren bin ich den 11. Dezember 1849 auf Sundsholm als erstes Kind junger und glücklicher Eltern.“1 Als Tochter des Reichstagsabgeordneten und Mitbegründers der Bauernpartei (Lantmannapartiet) Emil Key (1822 - 1892) und dessen Gattin Sophie Ottiliana Posse (1824 - 1884), die aus einem adligen Geschlecht stammte, wuchs Ellen Karolina Sophie Key auf dem Herrengut Sundsholm bei Västervik in Småland als ältestes von insgesamt sechs Geschwistern auf; nach ihr erblickten Ada (1851), Emil (1852), Mac (1853), Carl (1855) und Hedda (1856) das Licht der Welt.

Die familiäre Atmosphäre soll eine Mischung aus solider Geborgenheit und aufgeklärter Intellektualität gewesen sein. Das Elternhaus war liberal gesinnt; die Keys beschäftigten sich mit den politischen und gesellschaftlichen Zeitläufen ebenso wie mit der damals aktuellen nationalen und internationalen Literatur.

In der von Louise Nyström-Hamilton besorgten biographischen Skizze werden zwei frühe Kindheitserinnerungen der späteren Pädagogin erwähnt. In der ersten Kindheitserinnerung soll sich die kleine Ellen, die noch nicht ordentlich sprechen konnte, schützend vor ihre kleine Schwes[Seite 36↓]ter gestellt haben, die noch in der Wiege lag und für irgend etwas gescholten wurde. Ellen Key soll damals gesagt haben: „Sie ist so klein, sie kann es nicht helfen!“

Die zweite Kindheitserinnerung bezieht sich ebenfalls auf ihre kleine und hilfsbedürftige Schwester, die ihr anvertraut war und die einen Hügel neben dem Hause nicht hinauf kommen konnte. Ellen Key nahm ihre kleine Schwester bei der Hand, und als sie die Wärme in ihrer eigenen Hand fühlte und die Sonne auf beide schien, soll sie das erste Mal die Empfindung des Glückes zu leben gehabt haben.

In der Individualpsychologie Alfred Adlers wird der Interpretation von Kindheitserinnerungen großer Wert beigemessen. Adler ging davon aus, dass bei der Fülle von Ereignissen, die wir in unserer Kindheit erleben, die karge Auswahl an Erinnerungen, die wir an diese Kindheit normalerweise haben, in einem merklichen Kontrast zueinander stehen. Ein Individuum - so Adler - erinnert nicht zufällig drei oder vier von Tausenden möglichen Szenen und Atmosphären seiner Kindheit; in dieser Auswahl der Reminiszenz mache sich vielmehr der Lebensstil und der Charakter eines Menschen bemerkbar.

Der Begründer der Individualpsychologie ging davon aus, dass wir als Erwachsene genau diejenigen Erinnerungen an unsere frühe Kindheit wachrufen, die zu unserem Lebensstil passen und ihn gleichsam Mal für Mal bestätigen. Ängstliche, resignative, hypochondrische, depressive, zwanghafte oder sonstige Charaktere evozieren bei sich entsprechende Szenen oder Ausschnitte ihrer Memoiren, die ihre jeweilige Persönlichkeit bestärken.

Wenn wir diese adlerschen Gedanken und Theorie über die frühen Kindheitserinnerungen auf Ellen Key anwenden, können wir - bei entsprechend vorsichtiger und behutsamer Interpretation - bereits aus den beiden mitgeteilten Reminiszenzen wichtige Aspekte der späteren Gangart und des Lebensgesetzes dieser Frau herauslesen. In beiden Erinnerungen übernimmt Ellen eine mütterlich-sorgende und verantwortungsvolle Rolle einer hilflosen Person gegenüber.

Auch machen sich bereits die späteren pädagogisch-förderlichen Züge ihres Wesens darin bemerkbar. Vor allem in der zweiten Szene wird das „Glück zu leben“ der kleinen Ellen mit der Position der potenten Helferin verknüpft; die Empfindungen von Sicherheit, Macht und Überlegenheit scheinen für sie mit der Rolle der Helferin eng assoziiert.


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Neben diesen charakterlichen Qualitäten soll Ellen Key vor allem auch über ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl verfügt haben. Dies machte sich in der Kindheit immer dann bemerkbar, wenn es unter den Geschwistern Konflikte oder Streit zu schlichten galt. Sobald Kuchen oder andere Süßigkeiten verteilt werden sollten, handelten alle Geschwister nach dem Motto: „Laß Ellen teilen, dann wird es gerecht!“ Auch dieser Zug in ihrem Wesen wird uns bei der späteren Pädagogin Ellen Key wieder begegnen.

Die Psychoanalytikerin Karen Horney hat in der von ihr formulierten Psychologie einmal die Meinung vertreten, dass ein jedes Individuum sich mit drei wesentlichen Werten respektive Idealen in seinem Leben auseinandersetzt und sich meist für einen von ihnen besonders entscheidet und engagiert. Diese Werte benannte die Analytikerin mit den Begriffen „Reiz der Liebe“, „Reiz der Meisterschaft“ und „Reiz der Freiheit“. Diese Werte und die daraus resultierenden Strebensrichtungen stellen nach Karen Horney Strategien dar, die sogenannte Grundangst eines Individuums zu beschwichtigen, zu kompensieren oder gar zu überwinden.

Wenn wir uns an dieser Stelle fragen, welche dieser drei Strategien für Ellen Key besondere Wichtigkeit erlangt hat, so können wir sicherlich nach dem bisher Ausgeführten den „Reiz der Meisterschaft“ als attraktiv für das junge Mädchen bezeichnen. Darüber hinaus dürfen wir jedoch nicht übersehen, dass der „Reiz der Freiheit“ ebenfalls eine große Rolle im Leben Ellen Keys einnahm. Schon ab ihrem elften Lebensjahr verbrachte Ellen die Sommer immer am Meer, wo sie sich in die Rolle eines freien Seemannes imaginierte. Das Motiv der Freiheit kehrte bei der jungen Frau insbesondere in bezug auf die Themen Partnerschaft und Ehe wieder; wir werden sehen, dass Ellen Key sich später nie gebunden hat und somit diesem Ideal immer treu geblieben ist.

Ob jedoch die innere Einstellung und Haltung Ellen Keys zum anderen Geschlecht und zu Themen von Liebe, Partnerschaft und Sexualität tatsächlich ganz und gar „rein“ und asketisch gewesen ist, kann aus den erhaltenen biographischen Schriften nicht mit Sicherheit abgeleitet werden. Der Beschreibung von Ellen Keys diesbezüglicher Charaktereigenschaften durch Luise Nyström-Hamilaton jedenfalls muss wahrscheinlich eine gewisse hagiographische Tendenz attestiert werden, wenn sie über „ihre Heldin“ ausführt:


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Rein und unverdorben reifte sie zum Weibe, nicht von den Einflüssen beunruhigt, die so manche der Kindheit entwachsende junge Mädchen stören. Dummes Geschwätz, Koketterie und Tand beschäftigten niemals ihre Gedanken. Für dergleichen war kein Raum in ihrer Phantasie. Sie, die schon als Kind an großen menschlichen Fragen teilnahm, konnte ja überdies kein Vergnügen an gewöhnlichen Nichtigkeiten finden.2


Über Ellen Keys frühe Kindheit wird ferner berichtet, dass sie gerne den Erwachsenen zuhörte, wenn diese einander vorlasen. Das Kind kroch dann regelmäßig unter den Tisch und tat so, als ob es spielte, lauschte jedoch aufmerksam den Vorlesungen und Gesprächen ihrer Eltern und Großeltern. Sie soll sich weite Passagen ihrer Kindheit über allein und ohne Ansprache der Erwachsenen gut beschäftigt haben können; vor allem, nachdem sie früh zu lesen begonnen hatte, gehörten die Bücher zu ihren liebsten Freunden.

Ellen besuchte nie eine Schule, sondern erhielt schon ab ihrem sechsten Lebensjahr neben einer schwedischen auch eine deutsche und mit 14 Jahren außerdem noch eine französische Hauslehrerin. Diese frühe Schulung in verschiedenen Fremdsprachen führte dazu, dass Ellen Key sich später nicht nur in der schwedischen, sondern auch in der übrigen europäischen Literatur und Kultur relativ leicht und rasch zurechtfand. Außerdem mag der Umstand, dass Ellen Key niemals den egalisierenden Schulzwang am eigenen Leib erleben musste, mit dazu beigetragen haben, aus ihr später eine relativ unabhängig und fortschrittlich denkende Frau werden zu lassen. Wir werden sehen, dass Ellen Key in ihren theoretischen Schriften zur Pädagogik dieses Faktum - relative Freiheit von nivellierenden und letztlich das Denken einschränkenden und hemmenden schulischen Rahmensituationen - eingehend reflektiert hat.

Zu diesem wenig oder gar nicht gehemmten Lern- und Expansionseifer der jungen Ellen Key passte auch ihre schon früh vorhandene Begeisterung für Bücher. In den ersten Jahren ihres Lebens waren es die Geschichten und Erzählungen, welche die Eltern vorlasen und die das kleine Mädchen begierig aufnahm. Später entdeckte Ellen die eigene Lektüre und verschlang gleichsam weite Bereiche der Bibliothek ihres Vaters. Die spätere Bemerkung Ellen Keys, dass „nichts ein lesesüchtiges Kind so [Seite 39↓]sehr lockt wie Verbote, die nie existieren sollten“3, muss wohl auf diese Bibliothek hin interpretiert werden.

Eine wichtige Lektüre für die etwa zehnjährige Ellen sollen die Dialoge des Sokrates gewesen sein; dieser Philosoph der Antike war ein frühes Modell für das kleine Mädchen, an dem es sah und lernen konnte, wie eine philosophisch-nagende Reflexion und Fragetechnik beschaffen ist. Das Interesse für eine philosophische Haltung der Welt gegenüber hat Ellen Key während ihres gesamten Lebens beibehalten.

Die intellektuellen Interessen Ellen Keys führten dazu, dass das Mädchen bezüglich praktischer Tätigkeiten im Haushalt mehr oder minder ungeübt war und blieb. Trotz mancher diesbezüglicher Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter tolerierte man offenbar die Entwicklung der jungen Ellen Key und honorierte schließlich ihr Bedürfnis, still und zurückgezogen lesen zu wollen, mit einem eigenen Zimmer, das dem Mädchen ab dem 12. Lebensjahr zur Verfügung stand. Noch als Erwachsene hat sich Ellen Key immer wieder in dieses Zimmer ihres Elternhauses zurückgezogen und es als ihr Refugium betrachtet.

Wenn Ellen Key trotz ihrer Widerstände zur Hausarbeit angehalten oder gezwungen wurde, soll sie die anfallenden Tätigkeiten nicht nur gut, sondern perfekt ausgeführt haben. So hörte man etwa in der Familie der Keys manchmal anerkennend den Satz: „Ellens Nähte gehen niemals auf!“ - ein Satz, der sich auf die Näh- und Flickkünste des jungen Fräuleins bezog.

Bei einem derart wachen und kritischen Mädchen nimmt es nicht Wunder, dass es schon als Jugendliche an manchen tradierten weltanschaulichen Inhalten zweifelte und Anstoß nahm. Insbesondere der religiöse Glaube im Rahmen des Christentums wurde von Ellen nach und nach skeptisch bis kritisch beäugt. Louise Nyström-Hamilton berichtet in ihrer Biographie über Ellen Key, dass diese zwischen ihrem zwölften und vierzehnten Lebensjahr aufgrund ihres religiösen Zweifels regelrecht an depressiven Verstimmungen gelitten habe.

Eventuell können diese Verstimmungen jedoch auch Ausdruck einer Pubertätskrise Ellen Keys gewesen sein. Ihre Mutter jedenfalls bemerkte zu jener Zeit, dass ihre Tochter merklich zurückgezogen und in sich gekehrt war - Symptome, die C.G. Jung zur „Introversions-Neurose“ [Seite 40↓]gezählt hat. Damals soll auch die Idee bei Ellen erwacht sein, in ihrem späteren Leben Dichterin oder zumindest Schriftstellerin zu werden. Dementsprechend identifiziert sie sich z.B. mit dem norwegischen Schriftsteller Bjørnstjerne Bjørnson (1832-1910), der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch seine realistischen und zugleich nationalromantischen Bauernnovellen in Skandinavien sehr bekannt und beliebt geworden war.

Eine heftige Erschütterung für Ellen Key bedeutete der Tod zweier Cousinen, mit denen die 17jährige beim Baden verunglückte; sie war die einzige von den dreien, die diesen Badeunfall überlebte. Nach dem Tod ihrer Cousinen war der religiöse Kinderglaube Ellen Keys endgültig abgetan.

Schon einige Jahre vor diesem Ereignis hatte Ellen Key begonnen, an den religiösen Dogmen erste Zweifel zu entwickeln. Auch dafür gab es einen äußeren Anlass: Ein junger Mann war überraschend gestorben und ließ seine mittellose Frau und mehrere Kinder zurück. Ellen erwartete nun vom Christen-Gott eine Intervention oder zumindest ein Zeichen, welche jedoch beide ausblieben. Daraufhin schrieb sie in den Sand: „Gott ist tot!“ Für sich selber hatte sie die Überlegung angestellt, dass Gott sicherlich nicht existiere, wenn diese Worte am nächsten Tag noch unverändert zu lesen seien. Am nächsten Tag suchte Ellen die besagte Stelle auf und sah, dass ihr Satz vom Vortag nicht mehr zu lesen war. Das junge Mädchen war aber bereits von einem derart tiefen Zweifel am Gottesglauben geprägt, dass sie nach Spuren von Menschen suchte und prompt entdeckte, dass wohl der Gärtner mit seiner Schaufel die gotteslästerlichen Worte entfernt hatte. Diese skeptisch-zweiflerische Haltung hat Ellen Key zeitlebens beibehalten.

Wasser auf die antireligiösen Mühlen bedeuteten die Ideen und Gedanken des norwegischen Dichters Henrik Ibsen, den Ellen Key als Jugendliche literarisch kennen lernte. Mit kaum achtzehn Jahren erhielt sie von ihrer Mutter drei Bücher Ibsens als Geschenk: Die Komödie der Liebe, Brand und Peer Gynt. Insbesondere in den beiden letzteren Dramen brachte Ibsen seine eigenen skeptischen und agnostischen Impulse beredt zum Ausdruck.

Der norwegische Dichter wurde zu einem der wichtigsten Vorbilder und geistigen Mentoren der Schwedin. Wie weiter unten detailliert erläutert, hat Ellen Key zentrale weltanschauliche Ansichten - den Agnostizismus respektive Atheismus sowie einen libertären Sozialismus - von Henrik [Seite 41↓]Ibsen übernommen und modifiziert. Nyström-Hamilton berichtet, dass Ellen Key über den norwegischen Dichter gesagt haben soll:

Mit gewaltigerer Größe war mir Ibsens eigenstes Pathos in Brand und Peer Gynt begegnet, aber ... meine innersten Instinkte hatten die Übereinstimmung mit seinem hochgestimmten Idealismus in der Komödie der Liebe vorbereitet.4

4.2. Pädagogische Lehrjahre


Neben der Mutter, die bisweilen für passende Lektüre sorgte, war für Ellen Key vor allem ihr Vater von großer Relevanz. Emil Key galt als ein bekannter Politiker, der sich auch als Schriftsteller betätigte; durch ihn wurde Ellen Key auf ihre spätere öffentliche Rolle und Wirksamkeit vorbereitet. Um 1870 wurde er in den Reichstag gewählt. Dadurch kam es zur Übersiedlung eines Teils der Familie nach Stockholm; gleichzeitig jedoch diente das Haus in Sundsholm als Refugium, in das sich sowohl der Vater Emil Key als auch seine Tochter Ellen gerne zurückzogen.

Für Ellen Key erschlossen sich nach dem Umzug in die schwedische Hauptstadt neue und interessante Lebensbereiche. Zuerst arbeitete die kaum zwanzigjährige junge Frau als Sekretärin ihres Vaters, der seiner Tochter diverse Reden, Artikel und Aufsätze diktierte. Dabei erlernte Ellen Key nicht nur das Handwerk der Schriftstellerin, sondern wurde gleichzeitig in die politischen und gesellschaftlichen Fragestellungen ihrer Zeit eingeführt. Die politisch und kulturell kritische Schriftstellerin Ellen Key, die uns in den kommenden Jahrzehnten begegnen sollte, bezog keinen geringen Anteil ihrer späteren Fähigkeiten aus dieser Lehrzeit bei ihrem Vater, den sie lange Zeit sehr bewunderte.

Man darf mutmaßen, dass die psychische Entwicklung Ellen Keys als Kind und Jugendliche ihr ein Plus an Identifikation mit dem Vater und der Vaterwelt bei gleichzeitig etwas reduzierter Identifikation mit der Mutter und deren Lebensgestaltung bereit gehalten hat. In Ellen Key begegnet uns eine Frau, die den von Alfred Adler, dem Begründer der Individualpsychologie formulierten „männlichen Protest“ auf recht gelungene und wertvolle Art sublimiert hat. Unter „männlichem Protest“ verstand Adler den Wunsch und die Haltung von Mann und Frau, die Attribute der Männlich[Seite 42↓]keit (im Patriarchat) wie Stärke, Überlegenheit, Expansivität, Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung, Durchsetzungsfähigkeit und anderes mehr für sich zu erobern und zu sichern. Ellen Key gab ein Modell für eine Frau ab, die diese Eigenschaften auf sozial und kulturell verträgliche und sinnvolle Weise erwarb und lebte und deshalb auf eine kämpferisch und destruktive Variante des „männlichen Protests“ mehr oder minder verzichten konnte.

Noch während der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts unternahm Ellen Key mehrere ausgedehnte Reisen quer durch Europa. Die junge Frau lernte unter anderem Berlin, Dresden, Kassel, Wien, Venedig Florenz, Paris und London kennen, wobei ihr bei diesen Reisen ihre Sprachkenntnisse außerordentlich zugute kamen. Sie hatte wenig Mühe, die kulturellen Gegebenheiten der jeweiligen Länder rasch zu assimilieren; insbesondere für die Stätten der Kunst interessierte sie sich ausführlich.

Ellen Key muss ein visueller Typ gewesen sein. Später hat sie rückblickend auf diese Reisen vor allem verschiedene Gemälde als für sie imposant und prägend beschrieben. So erwähnt sie z.B. aus der Dresdener Galerie die Madonnendarstellungen Raffaels, und die Kasseler Gemäldesammlung blieb ihr insbesondere wegen der dort ausgestellten Rembrandt-Kunstwerke in Erinnerung. Die Schilderung dieser Gemälde gelang ihr derart exakt, dass man bei Ellen Key beinahe von einem photographischen Gedächtnis sprechen konnte.

Eine solche Art der Erinnerung findet man häufig bei Menschen mit einem betont rationalen Zugang zur Welt; der intuitive oder empfindsame Zugang tritt dabei meist in den Hintergrund. Eine solche Unterscheidung hat zumindest C.G. Jung in seiner Typenlehre (1920) formuliert, worin er die rationalen Seelenfunktionen des Denkens und Fühlens den sogenannten irrationalen Funktionen des Intuierens und Empfindens entgegensetzt. Die Sinnesqualtitäten des Riechens und Schmeckens werden dabei den irrationalen Funktionen zugeordnet, wohingegen das Sehen nach C.G. Jung einer rationalen Funktion entspricht. Zu diesem eher rational betonten Lebensvollzug passt übrigens auch, dass Ellen Key ausgesprochen selten lyrisch-poetische Versuche unternahm und sich, bei aller Schriftstellerei, nie als Dichterin verstand.

1874 verbrachte Ellen Key einen Sommer in Dänemark, wo sie das Volkshochschulwesen intensiv kennen lernen konnte. Angeregt durch diese Impressionen hat die Pädagogin später selbst diverse Schulmodelle [Seite 43↓]entworfen und realisiert, wobei sie sich 1874 - Ellen Key war damals 25 Jahre alt - als noch zu jung und unerfahren erlebte, um einen derart verantwortungsvollen Beruf wie den einer Volkshochschullehrerin auszufüllen.

1880 erlebte die Familie Key heftige finanzielle Turbulenzen, die letztlich zum Beinahe-Bankrott führten. Für Ellen bedeuteten die wirtschaftlichen Kalamitäten ihrer Eltern, dass sie sich eine eigene bezahlte Tätigkeit suchen musste. Ab 1880 war die junge Frau gezwungen und fühlte sich - anders noch als sechs Jahre zuvor - gleichzeitig auch in der Lage, als Lehrerin an verschiedenen Sonntags- und Mädchenschulen zu arbeiten. Außerdem hielt sie Vorlesungen über kulturgeschichtliche Themen am Stockholmer Arbeiterinstitut (eine Art Volkshochschule).

Als Lehrerin soll Ellen Key auf ihre Schülerinnen einen sehr idealistischen und an hohen Werten ausgerichteten Eindruck gemacht haben. Schon als junge Frau muss Ellen Key von der Idee beseelt gewesen sein, allen Menschen, auf die sie pädagogischen Einfluss nehmen konnte und durfte, zu einem Höchstmaß von Konzentration, Lernen und Entwicklung zu verhelfen. Eine ihrer ehemaligen Schülerinnen schrieb über Ellen Key:

Es lag ihr so am Herzen, unsere Gemüter zu vertiefen, daß sie ganz außer sich geriet, als wir einmal, da sie uns etwas aus Geijers Prosaschriften vorlas, nicht aufmerksam waren. Sie wollte uns sinnig und verständig haben, wollte, daß wir unsere Oberflächlichkeit ablegen sollten, wollte uns lehren, unsere Gedanken auf einen Gegenstand zur Zeit zu konzentrieren.5


Daneben machte Ellen Key sich mit Vorträgen in diversen Studenten- und Frauenvereinigungen einen Namen. Eines ihrer Lieblingsthemen war dabei die schwedische Kulturgeschichte in ihren Beziehungen zur europäischen Geistesgeschichte; auf diese Thematik kam die Referentin immer wieder zurück, wobei ihr von manchen Zuhörern eine regelrecht hinreißende Darstellungsweise attestiert wurde. Darüber hinaus befasste sich Ellen Key mit den französischen Moralisten, mit der russischen Literaturgeschichte und auch mit der Renaissance in Italien.

So nimmt es nicht Wunder, dass im Laufe der Jahrzehnte umfassenden Vortragstätigkeit von Ellen Key der Zuhörerkreis von ursprünglich [Seite 44↓]fünfzehn auf zuletzt ca. fünfhundert Personen anwuchs. Viele im Auditorium sollen vor allem von der sehr persönlich gehaltenen und engagierten Vortragsweise begeistert gewesen sein. Bei den meisten Vorträgen muss man gespürt haben, dass die Referentin existentiell an ihrer Thematik ungemein interessiert und beteiligt gewesen war und dementsprechend mit Verve und Enthusiasmus ihre Sichtweisen und Erkenntnisse ausbreitete. So urteilte zumindest eine Zuhörerin über Ellen Key:

Es gibt eine Subjektivität, die den Gedanken bindet und den Blick beschränkt; das ist die Unfähigkeit der kleinen Subjekte, über sich selbst hinaus zu blicken. Es gibt eine andere Subjektivität, die den Blick befreit und dem Blick Sehergabe verleiht; das ist die Eigenschaft einiger großer Persönlichkeiten. Diese Art Subjektivität ist den Rednern und Schriftstellern eigen, welche die größte Macht über die Menschen besitzen, eine Macht, die nicht ausschließlich auf der Vollkommenheit der Sprache, der vollen Freiheit des Gedankens noch auf der lyrischen Gefühlsstimmung beruht, wenn dies auch, wie bei Ellen Key, harmonisch vereint ist.6


Seit dem Herbst 1883 war Ellen Key am Arbeiterinstitut in Stockholm angestellt. Dieses Institut war 1880 von Dr. Anton Nyström, dem Gatten von Louise Nyström-Hamilton, gegründet worden. Es verfolgte das Ziel, einer breiten Schicht von Arbeitern und Angestellten auf verständliche Art wissenschaftliche, philosophische und allgemein kulturgeschichtliche Probleme nahe zu bringen. Im Rahmen dieses Arbeiterinstitutes konnte sich Ellen Key vor allem mit Vorträgen über die schwedische Kulturgeschichte einen Namen machen.

Dabei soll sie nicht nur großen Wert auf die Vermittlung von Wissen und Fakten, sondern mindestens ebenso von emotionaler Zuwendung und allgemeiner Lebenskunst gelegt haben. Im Laufe ihrer letzten Vorlesung am Arbeiterinstitut hat sie sich jedenfalls mit folgenden Worten von ihren Zuhörern verabschiedet:

Nicht Gelehrsamkeit und vielseitige Kenntnisse zu geben ist mein Bestreben gewesen; mein Ziel war ein anderes: Ich un[Seite 45↓]terwies euch für das Leben, lehrte euch durch die Literatur reicher leben und die Stimmen des Lebens in der Dichtung verstehen.7


1884 starb - erst 60jährig - die Mutter von Ellen Key. Nun hat Sigmund Freud einmal angesichts des Todes seines eigenen Vaters angemerkt, dass das wichtigste Ereignis im Leben eines Mannes der Tod des Vaters sei. Übertragen auf das Leben einer Frau kann man diskutieren, ob für sie der Tod der Mutter das wichtigste Ereignis in ihrem Dasein bedeutet. Bei Ellen Key war dies wohl nicht der Fall, da sie sich in vielen Aspekten ihrer Persönlichkeit viel stärker mit ihrem Vater denn mit ihrer Mutter identifiziert hatte. Gleichwohl reagierte die sie auf diesen Tod u.a. mit gesteigerter literarischer Tätigkeit, die für sie unter anderem die Funktion der seelischen Stabilisierung innehatte. Außerdem soll sie anlässlich dieses Todes gesagt haben:

Ich fühlte da, daß es nicht schwer sein müßte, ohne Hoffnung auf Unsterblichkeit zu sterben; zu leben ohne sie ist schwieriger.8


Obschon für Ellen Key die Person des Vaters die wichtigere Identifikationsfigur darstellte, durchlebte sie nach dem Tod der Mutter eine persönliche Krise, von der ihre Biographin Nyström-Hamilton andeutet, dass sie sogar bis hin zu suizidalen Impulsen gereicht habe. Möglicherweise wurde Ellen Key damals auch von anderen Fragen und Problemen bedrängt; vor allem das Thema von Partnerschaft und Liebe war für die Pädagogin noch immer nicht gelöst.

Wir wissen nicht genau, wie und ob Ellen Key in den nachfolgenden Jahren diese Frage für sich beantwortet hat. Gemeinhin nimmt man an, dass sie keine länger andauernden und intensiven Liebesbeziehungen zu Männern aufgebaut hat. Manche Autoren vertreten jedoch die Meinung, die Schwedin habe zumindest zeitweise ein Verhältnis zu dem dänischen Kulturkritiker Georg Brandes (1842-1927) unterhalten:

Es wird vermutet, daß Key später eine Liebesbeziehung zu dem dänischen Literaturwissenschaftler Georg Brandes hatte, der [Seite 46↓]unter anderem dazu beitrug, Nietzsches Philosophie in Skandinavien zu verbreiten. Key fühlte sich mit Brandes innig verbunden. Beide vertraten die Idee einer „Liebe ohne Trauschein“. Die Gelegenheiten, sich zu sehen, waren jedoch selten, denn Brandes lebte und arbeitete in Kopenhagen.9


Viel wahrscheinlicher jedoch als eine Liebesbeziehung zu Brandes war ein Verhältnis Keys zu dem Armeeoffizier und Grundbesitzer Urban von Feilitzen. Ob es sich dabei lediglich um eine platonische Beziehung gehandelt hat, ist nicht sicher geklärt. Fest steht allerdings, dass Key zwischen 1876 und 1888 ein überaus inniges Verhältnis zu dem autodidaktischen Literaten Feilitzen unterhalten hat, der mit einer berühmten Pianistin Schwedens, Lotten Lindblad, verheiratet war.

Ellen Key und Feilitzen gründeten und entwickelten ihre enge und geheimgehaltene vielschichtige Beziehung für den Zeitraum der kommenden 10 bis 12 Jahre. In Briefen diskutierten sie die abstrakte Art und Weise, wie in der Literatur auf das Verhältnis von Mann und Frau eingegangen wurde... In der Zeit, als ihre Freundschaft am intensivsten war, schrieben sie sich jährlich gut und gerne hundert lange Briefe, also alle drei bis vier Tage einen Brief...10


Zur selben Zeit, als Key mit Feilitzen enge Kontakte unterhielt, war eine ihrer engsten Freundinnen, Victoria Benedictsson (1850-1888), mit Georg Brandes liiert, dessen Ehe in eine Krise geraten war. Benedictsson, über die Key später einen eigenen Essay verfasste11, war Schriftstellerin und hatte versucht, mit einem großen Roman den Literaturkritiker Brandes zu beeindrucken. Der Letztere verfasste über den Text Benedictssons jedoch eine sehr reservierte Kritik, woraufhin sich die Autorin suizidierte.

Man nimmt an, dass Key ihre enge Freundschaft zu Feilitzen vor allem auch vor dem Hintergrund dieser tragischen Ereignisse beendete und [Seite 47↓]zukünftig sogar platonische Liebesbeziehungen zu Männern mied. Sie war und blieb das „Fräulein Key“ – eine Bezeichnung, welche z.B. Georg Brandes in zwei kleineren Aufsätzen aus den Jahren 1893 und 1899 für sie verwendete.12 Brandes erweckt dabei im übrigen nicht den Eindruck, mit diesem Fräulein in einem intimen persönlichen Kontakt zu stehen.

Allerdings fällt bei diesen Abhandlungen auf, dass Brandes seiner schwedischen Kollegin gegenüber einen außerordentlich anerkennenden und rühmenden Ton an den Tag legt. So beschreibt er ihre (wörtlich) ungewöhnliche Intelligenz, kühne Wahrheitsliebe, weitschauende Humanität und den für eine Frau überraschend groß ausgebildeten Enthusiasmus. Dass Brandes Ellen Key nicht nur aus der Literatur her kannte, sondern auch ihre persönliche Bekanntschaft gemacht haben musste, wird in einer Passage seiner zweiten Abhandlung (1899) deutlich, wo er über die rhetorischen Qualitäten der Pädagogin schreibt:

Wer Ellen Key öffentlich sprechen gehört, wird den besten und richtigsten Eindruck von ihrer Person haben. Man kann nicht besser, einfacher, fester, wärmer, gedämpfter und sicherer sprechen. So ist sie, seelenvoll, mutig, ein Stück Kultur, die einzig übriggebliebene von den Frauen, die sich vor zehn Jahren in der schwedischen Literatur bemerkbar machten.13


Auch einige Jahre nach den erwähnten Aufsätzen von Georg Brandes scheint aus dem „Fräulein Key“ noch keine „Frau Key“ geworden zu sein. Zumindest bestätigt sie in einem Brief an Rilke aus dem Jahre 1903 selbst diesen Eindruck:

„Frau“ bin ich leider nicht. Nur eine Junge-Alte - ich meine: meine Haaren sind grau und das Herz grün!“14


Was Ellen Key mit ihrem grünen Herz genauer gemeint hat, wird an dieser wie auch an vielen anderen Stellen des Briefwechsels nicht explizit ge[Seite 48↓]macht. Aber immerhin sprach auch Rilke in Briefen an seine Frau Clara Westhoff von Ellen Key als einem „alten Mädchen“:

Nun verstand ich, wie dieses alte Mädchen nur eines von den vielen alten Mädchen war, die in einem Zimmer Erinnerungen zusammenlegen, Erinnerungen und Erinnerungen von Erinnerungen und alles nur Erinnerungen an eines: an jene Liebe, deren einstige, vage, aufsteigende Möglichkeit von ihrem Herzen schon so überschwenglich aufgenommen war, daß das Erlebnis gar nicht mehr zu kommen brauchte.15


Ob überhaupt einmal jene Liebe als aufsteigende Möglichkeit von Ellen Key erlebt respektive sehnsuchtsvoll imaginiert wurde, ist den diesbezüglich spärlichen biographischen Angaben also nicht sicher zu entnehmen. Bedeutend mehr Informationen als über das Liebesleben Keys besitzen wir allerdings in bezug auf ihre berufliche Entwicklung.

Schon als knapp 20jährige hatte Key - wie weiter oben erwähnt - unter der Patronage ihres Vaters ihre ersten schriftstellerischen Gehversuche unternommen und kleinere Artikel für Zeitschriften wie etwa Tidskrift för hemet - ein Journal der frühen bürgerlichen Frauenbewegung - sowie Revy i litterära och sociala frågor und Verdandis småskrifter - zwei Journale, die einen kulturanalytischen und einen kulturkritischen Anspruch verfolgten - verfasst. Diesen frühen journalistischen Tätigkeiten war es zuzuschreiben, dass Key einige Jahre lang in Schweden als radikale Kulturkritikerin galt.

Insbesondere bezüglich der Religion und der diversen Kirchen hat Ellen Key Mitte bis Ende der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts ihre kulturkritischen Ansichten eindeutig unter Beweis gestellt. Eine solche religions- und kirchenkritische Haltung war zu jener Zeit in Schweden nicht sonderlich weit verbreitet und galt durchaus als gefährlich. So wurde etwa August Strindberg (1849-1912) noch 1884 wegen Gotteslästerung angeklagt, wobei eine relativ tolerante Jury ihn letztlich freisprach.

Zusammen mit dem Literaturprofessor und Kritiker Karl Johan Warburg sowie dem Schriftsteller und Verleger Gustaf af Geijerstam (1858-1909) zählte Ellen Key in den 80er Jahren zur kulturkritisch eingestellten [Seite 49↓]Literaturgesellschaft „Junges Schweden“, die allerdings Strindberg als einen Abtrünnigen ausgestoßen hatte.16 Das „Junge Schweden“ gehörte geistes- und kulturgeschichtlich betrachtet zur literarischen Moderne in Schweden, die man gemeinhin mit Strindbergs Gesellschaftsroman Das rote Zimmer (1879) beginnen lässt.17 Diese Bewegung war charakterisiert durch eine oppositionelle Haltung gegen idealistische und romantische Positionen sowie durch eine energische Auseinandersetzung mit sozialen Problemen und Ideologiekritik.

Ende der 80er Jahre hielt Ellen Key einige Vorträge Über Rede- und Pressefreiheit, die wenig später als Broschüren erschienen. Sie nahm dabei Bezug auf die Ereignisse im Schweden der vergangenen Jahre und qualifizierte sich als eine ungemein couragierte und kritische Frau, die auch angesichts der juristischen Kalamitäten, die z.B. eine atheistische Position in Schweden damals nach sich ziehen konnte, keine Hemmungen kannte, frei und offen ihre ideologiekritischen Positionen zu vertreten.

Nyström-Hamilton berichtet in ihrer Biographie über Ellen Key, dass diese prononcierte Haltung in Schweden auf Ablehnung und Distanz stieß. Zum ersten Mal machte Key nun die Erfahrung, ganz offensichtlich nicht immer zur Majorität zu gehören und eine dezidiert andere Meinung als die Vielen zu vertreten - eine Erfahrung, die nur von relativ ichstarken und autonomen Individuen einigermaßen unbeschadet überstanden werden kann. Nyström-Hamilton bemerkt dazu:

Scharfe Angriffe wurden in der Presse gegen Ellen Key gemacht, und sie verlor nun einen Teil der Popularität, der sie sich bisher erfreute. Mancher, der ihr früher zur Seite stand, wandte sich von ihr ab. Nun erst machte man die Bekanntschaft ihrer starken Persönlichkeit, ihrer „Gerechtigkeitspassion“, die von Kindheit an in ihr den unbezwinglichen Mut erweckt hatte, zu verteidigen... Ihr mutiges Auftreten für die Sache der Gerechtigkeit verschaffte ihr einen hervorragenden Platz unter den Gesinnungsgenossen, die zwar ihre Meinungen teilten, nicht aber ihren Mut, vielleicht auch nicht ihre Kenntnisse und ihr Talent besaßen.18


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Im Sommer 1890 unternahm Ellen Key eine neuerliche Europareise, die sie nach Frankreich (Paris und Rouen) sowie nach Oberbayern führte. Insbesondere die bayerischen Alpen scheinen die Pädagogin sehr beeindruckt zu haben; jedenfalls sind die Schilderungen, die Ellen Key über ihre bayerischen Impressionen in einer Zeitschrift abdrucken ließ, in einem sehr begeisterten und begeisternden Stil verfasst. So verwundert es nicht, dass Ellen Key vier Jahre später wiederum eine Reise nach Bayern unternahm, wobei sie auf der Rückfahrt neben Dresden auch in Weimar Station machte, um Goethes ehemaligen Lebensmittelpunkt kennen zu lernen. Ihre diesbezüglichen Erinnerungen und Überlegungen hat sie in einem Essay mit dem Titel Aus Goethes Welt niedergelegt.

Gemeinsam mit der Schriftstellerin Amalia Fahlstedt veranstaltete Ellen Key ab etwa 1892 Gesellschaftsabende in Stockholm, an denen junge Arbeiterinnen zu Damen der höheren Gesellschaft eingeladen wurden, um mit ihnen über Gott und die Welt zu debattieren. Diese Einladungen wurden im Rahmen der Tolfterna-Gesellschaften durchgeführt. Der Name Tolfterna leitet sich ab von der Zahl zwölf; jeweils zwölf Damen der Gesellschaft bildeten eine Gruppe, welche die Arbeiterinnen bewirtete. Diese Gruppierung soll sich vor allem durch ihren unprätentiösen Ton ausgezeichnet haben, der zwischen den so genannt höheren Kreisen und den einfachen Arbeiterinnen herrschte.

Für alle diese Aktivitäten war es notwendig, dass Ellen Key ihr Sundsholmer Elternhaus mehr oder minder hinter sich ließ - ein Verzicht, der ihr sichtlich Mühe machte: „Sundsholms Natur, meine Bücher, mein kleines Zimmer, meine Gedanken und Träume wollte ich niemals aufgeben.“19 In gewisser Weise blieb Ellen Key auch während der kommenden Jahre emotional stark mit ihrer Sundsholmer Heimat verbunden, auch wenn sie sich zunehmend als Frau von Welt oder zumindest als Europäerin erweisen sollte.

4.3. Schriftstellerei und beginnender Ruhm


In den folgenden Jahren bemühte sich Ellen Key verstärkt, diverse Aufsätze, Artikel und Essays zu sammeln und als Buchpublikationen zu veröffentlichen. In deutscher Sprache erschien erstmals 1898 ein Buch von ihr, [Seite 51↓]das den Titel Mißbrauchte Frauenkraft. Ein Essay trug. Bereits ein Jahr später folgte ein weiterer Band Essays, in dem sich Key mit Themen der Weiblichkeit, der Individualität und Persönlichkeit sowie der Entwicklungsfähigkeit des Menschen auseinander setzte; außerdem bearbeitete die Autorin darin die Biographien etwa des französischen Moralisten Vauvenargues sowie von Maeterlinck.

Das Buch Die Wenigen und die Vielen, das 1901 in deutscher Sprache vorlag, stellt ebenfalls eine Essaysammlung Keys dar, in der sie Fragen der weiblichen Emanzipation, der Persönlichkeitsbildung sowie der Ethik und Ästhetik abhandelte. Des weiteren beschäftigte sich die Autorin darin mit dem norwegischen Dichter Henrik Ibsen und dessen Idee des Individualismus.

Um die Jahrhundertwende widmete sich Ellen Key in zwei Essays den Biographien und Charakteren von zwei Frauen, die im 18. respektive 19. Jahrhundert als Inbegriff der Modernität, Emanzipation und Expansion galten: Madame de Staël und Malwida von Meysenbug. Die Abhandlung über die Erstere - betitelt mit Madame de Staël und Napoleon I. 20 - konzentriert sich auf die Auseinandersetzungen dieser französischen Intellektuellen mit dem Kaiser Napoleon, den sie heftig attackierte und bekämpfte. Madame de Staël (1766-1817) galt als eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts (z.B. Über Deutschland, 1810 sowie Corinna oder Italien, 1807/1808), als eine ungemein emanzipierte und selbstbestimmte Frau sowie als ungewöhnliches Beispiel eines weiblichen und gleichzeitig politisch wachen Lebens. Insbesondere der letztere Aspekt wurde von Key in ihrem Essay besonders hervorgehoben.

Ebenfalls als Modell für die gelungene Entwicklung von Weiblichkeit wurde von Ellen Key Malwida von Meysenbug (1816-1903) angesehen. Diese Schriftstellerin, die besonders mit ihren autobiographischen Lebenserinnerungen europaweit bekannt wurde, unterhielt in den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts in Rom und Florenz eine Art Salon, in dem sich unter anderen Friedrich Nietzsche, Rainer Maria Rilke, Romain Rolland, Henrik Ibsen und einige weitere Schriftsteller und Intellektuelle der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihr Stelldichein gaben. Malwida von Meysenbug galt als eine Frau, die Personen mit sehr unterschiedli[Seite 52↓]chen Weltanschauungen und künstlerisch-literarischen Leistungen zusammen zu bringen vermochte, ohne dabei ihre eigene pazifistisch-sozialistische und freiheitlich-aufgeklärte Weltanschauung zu verraten.

Diesbezüglich stellte diese alte Dame aus Rom ein Modell für Ellen Key dar, das sie in gewisser Weise im Norden Europas zu kopieren unternahm, wobei die schwedische Autorin zwar vielfältige Beziehungen zu Künstlern und Intellektuellen aus Europa knüpfen konnte, es ihr jedoch nicht gelang, einen ähnlich hoch frequentierten Treffpunkt, wie Malwida von Meysenbug ihn in Italien etabliert hatte, in Schweden aufzubauen. Insbesondere diese Aspekte werden in dem Zeitungsartikel Malwida von Meysenbug 21 deutlich, den Key 1902 in der Wiener Zeitschrift Die Zeit publiziert hat.

Weit über die Grenzen Schwedens hinaus bekannt wurde Ellen Key allerdings erst mit einem Buch, das 1900 in schwedischer und 1902 in deutscher Sprache erschienen ist und das seither als ihre gewichtigste und folgenreichste Schrift gilt: Das Jahrhundert des Kindes. Spätestens mit dieser Veröffentlichung hatte die Autorin Anschluss an die pädagogisch-psychologische wie auch kulturkritische Debatte in Europa gefunden und begonnen, dieselbe maßgeblich zu beeinflussen.

Das Echo auf diese Publikation war außerordentlich vielfältig und reichte von begeisterter Zustimmung bis hin zu polemischer Ablehnung. Friedrich Paulsen (1846-1908) etwa, ein um die Jahrhundertwende überaus renommierter Professor für Philosophie und Pädagogik an der Berliner Universität, urteilte in seinem damals viel gelesenen Buch Väter und Söhne (1907) über Ellen Keys Bestseller:

Wer liest das Buch vom Jahrhundert des Kindes, das in ein paar Jahren in 22.000 Exemplaren ... in der deutschen Ausgabe verkauft worden ist? Ich weiß es nicht; daß Männer es lesen, glaube ich nicht; bleiben die höheren Töchter. In der Tat, ich denke mir, daß es so ziemlich durch die Hände aller Backfische Berlins gegangen sein wird. Wer sollte auch sonst imstande sein, dieses Gemisch von wohlmeinender Trivialität, schwungvoller Beredsamkeit, maßlosen Anklagen, kritikloser Kritik, unverdauten Lesefrüchten aus allen Modernen, dissoluter Dünke[Seite 53↓]lei und Meinerei, mit Zwischenreden des gesunden Menschenverstandes zu lesen, in dem jeder Satz wider den anderen ist, die Forderungen des extremsten Individualismus friedlich neben sozialistischen Ideen stehen; denn Nietzsche ist modern, August Bebel ist aber auch modern: Die Schulen und Kindergärten sind der Fluch der Menschheit, denn sie vernichten die individuelle Erziehung durch die Mutter; aber die jungen Mädchen müssen alle eine von der Gesellschaft organisierte Dienstzeit der Kinderpflege und –erziehung durchmachen, um mit pädagogischer Normalweisheit getränkt zu werden. Wer in der Welt, frage ich, sollte ein solches Buch zu lesen aushalten, ausgenommen die vereinigten Backfische von Berlin?22


Diese rhetorisch gemeinte Frage des wackeren Pädagogen Paulsen kann mit einem recht prominenten Namen beantwortet werden, der durchaus nicht zum illustren Kreis der vereinigten Backfische von Berlin gehörte: Rainer Maria Rilke. Schon 1902, also gleich nach dem Erscheinen der deutschsprachigen Ausgabe von Das Jahrhundert des Kindes, rezensierte der damals beginnend berühmt werdende Lyriker das pädagogische Hauptwerk Ellen Keys, wobei das Urteil Rilkes sich merklich von demjenigen Paulsens unterschied:

Ellen Key hat mit bewunderungswürdiger Ruhe, zornlos und sachlich, gezeigt, wie unrecht die Schule hat, welche die Entwicklung der jungen Menschen stört, ihre Wege verwirrt, ihren zuerst so persönlichen Willen abstumpft und es zustande bringt, aus hundert verschiedenen ungeduldigen Kräften eine einzige gleichgültige Trägheit zu machen, von der nichts Neues zu erwarten ist... In der Tat: Dieses Jahrhundert wird zu den größten gehören, wenn der Traum, den diese seltsam reife und gerechte Frau in seinen ersten Tagen geträumt hat, in seinen letzten einmal in Erfüllung geht. Vielleicht wird man einmal die Menschen dieses Jahrhunderts danach abschätzen, wie sehr sie an der Verwirklichung dieses Traumes gearbeitet haben. Das Buch Ellen Keys ist die erste Station auf dem neuen Wege. Es wird [Seite 54↓]den Kindern noch nicht helfen können; aber es wird dazu beitragen, unter denen, die jetzt heranwachsen, neue Erzieher und neue Eltern zu bilden. Und das tut vor allem not.23


Diese beiden Urteile sollen exemplarisch für die zum Teil äußerst divergierenden Reaktionen europäischer Pädagogen, Intellektueller oder auch interessierter Laien auf Das Jahrhundert des Kindes stehen. So oder so waren die Reaktionen auf Ellen Keys Jahrhundert des Kindes enorm, und man war sich bereits in den ersten Jahren nach dem Erscheinen dieses Buches einig, dass mit dem Titel und dem reformpädagogischen Inhalt dieser Schrift ein ganz zentrales Motto und Motiv des 20. Jahrhunderts angeschlagen worden war.

So schreibt etwa Lloyd de Mause in seinem Klassiker zur Geschichte der Kindheit Hört ihr die Kinder weinen (1974), dass sich Ellen Keys Hoffnung und Prophezeiung, das 20. Jahrhundert werde Das Jahrhundert des Kindes sein, bereits wenige Jahre nach der Veröffentlichung des Buches in konkrete und vielfältige reformpädagogische Bemühungen umgesetzt habe.24

Dass Ellen Key mit ihrem Jahrhundert des Kindes tatsächlich europaweit für Furore sorgte und von vielen Intellektuellen, Schriftstellern und Pädagogen Anerkennung oder zumindest Echo erhielt, wird auch an den Reaktionen deutlich, die z.B. Stefan Zweig (1881-1942) auf die Publikationen der schwedischen Reformpädagogin hin an den Tag legte.

Von Rainer Maria Rilke ist bekannt, dass er Das Jahrhundert des Kindes als ein für sich und seine junge Familie ausnehmend wichtiges Buch erlebte und daraufhin mit Ellen Key in eine intensive Korrespondenz eingetreten war, die zeitweise in eine enge Freundschaft einmündete. Von Stefan Zweig kann Ähnliches berichtet werden, der ebenfalls über Das Jahrhundert des Kindes auf Key aufmerksam geworden war und daraufhin den Kontakt zu ihr brieflich und schließlich auch persönlich suchte und fand. In seinem Erinnerungsbuch Die Welt von gestern - Erinnerungen eines Europäers (1942) schrieb Zweig über die schwedische Pädagogin:


[Seite 55↓]

So kam eines Tages Ellen Key zu mir, diese wundervolle schwedische Frau, die mit einer Kühnheit ohnegleichen in jenen noch borniert widerstrebenden Zeiten für die Emanzipation der Frauen gekämpft und in ihrem Buch „Das Jahrhundert des Kindes“ lange vor Freud die seelische Verwundbarkeit der Jugend warnend gezeigt...25


Wie sehr der österreichische Dichter von der schwedischen Schriftstellerin und Pädagogin beeindruckt war und ihr Urteil als überaus relevant für den eigenen künstlerischen Prozess erlebte, wird auch daran ersichtlich, dass Zweig ein Exemplar seines 1904 publizierten Novellenbandes Die Liebe der Erika Ewald an Key sandte und folgende Widmung anbei legte:

Als bescheidene Nachricht von der großen Verehrung, die stumm in mir die Gelegenheit erwartete, zu Ihnen zu gelangen. Sie machen mich stolz, wenn Sie es lesen; und Sie beglücken mich, wenn Sie diese Stunde dann nicht zu den verlorenen zählen.26


Donald Prater hat in seiner Biographie über Stefan Zweig mehrfach darauf hingewiesen, dass dieser mit Ellen Key in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts in einem sehr intensiven und fruchtbaren brieflichen Gedankenaustausch stand. Viele seiner Projekte stellte der Dichter während ihrer Entstehung seiner schwedischen Briefpartnerin vor, wobei er - ganz ähnlich wie Rilke - auf kritische Urteile Keys großen Wert legte. Zweig und Key sollen sich übrigens erst 1907 in Bagni di Lucca persönlich kennen gelernt haben; Zweig widmete daraufhin zum „Gedenken der hellen Herbsttage von Bagni di Lucca“ seinen zweiten Novellenband Erstes Erlebnis (1907) Ellen Key.

Ellen Key taucht auch in den Tagebüchern Stefan Zweigs an einigen Stellen auf, wobei Zweig sie dabei als Pazifistin und engagierte Schriftstellerin gegen den Krieg wertschätzt. So heißt es etwa in einem Tagebucheintrag vom 7. Februar 1915 (also während der ersten Monate des Ersten Weltkrieges):


[Seite 56↓]

Ein schöner Essay Ellen Keys für den Frieden. Aber noch zu leise, zu zögernd. Wie könnten diese Menschen sprechen! Wahrhaftig, man sehnt sich Tolstoi herbei!27


Ebenfalls die hohe Wertschätzung Ellen Keys als Pazifistin bringt eine Briefstelle zum Ausdruck, die sich in einer Epistel Stefan Zweigs an Romain Rolland findet. In diesem Brief, datiert auf den 19. Oktober 1914, unterbreitet Zweig seinem französischen Freund den Vorschlag, die besten oder edelsten Individuen der Nationen zu einer Art moralischem Parlament zu versammeln, um effiziente Maßnahmen gegen den Ersten Weltkrieg zu ergreifen:

Gerhart Hauptmann für Deutschland, Bahr für uns, Eeden für Holland, Ellen Key für Schweden, Gorki für Rußland, Benedetto Croce für Italien, Verhaeren für Belgien, Carl Spitteler für die Schweiz, Sienkiewicz für Polen, Shaw oder Wells für England - es sind dies ja nur Vorschläge, aber ich glaube, es wäre zu erreichen.28

Zur selben Zeit, als Zweig diesen Brief an Romain Rolland schrieb, publizierte Ellen Key einen Zeitungsartikel29 über jenen bedeutenden französischen Schriftsteller und Pazifisten. Rolland (1866-1944) hatte sich um 1890 eine Weile in Rom aufgehalten und dort Malwida von Meysenbug kennen gelernt, die eine große Wirkung auf ihn ausübte und den damals 23jährigen jungen Mann enorm förderte.

In ihrem Essay berichtet Ellen Key, dass sie auf den französischen Schriftsteller seit 1909 aufmerksam geworden war; damals habe sie ihn in der Schweiz gelesen, wobei sie betont, dass Rolland zu jener Zeit sowohl in Deutschland als auch in Schweden beinahe unbekannt war. In den Jahren bis zur Publikation des Essays über Romain Rolland habe sich der Bekanntheitsgrad des Franzosen allerdings enorm gesteigert, so dass in den Jahren 1913/14 sein Name neben dem von Verlaine und Verhaeren mit hoher Anerkennung genannt wurde.


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Key, die Rolland nur durch Briefe und nicht persönlich kennen lernte, hat in ihrer Abhandlung über den französischen Dichter vorrangig dessen biographische Daten sowie seine künstlerischen Leistungen gewürdigt. Unter den letzteren erwähnte sie die drei großen Biographien Rollands über Das Leben Beethovens, Das Leben Michelangelos und Das Leben Tolstois:

Die drei Biographien, die Rolland bisher herausgegeben hat, sind „Beethoven“, „Michelangelo“ und „Tolstoi“. Bei dem ersteren betont Rolland die Lebensliebe und den Lebensmut, bei dem zweiten die Schaffenskraft und den Glaubenswillen, bei dem dritten die Lebensberauschung und die Menschenliebe. Solche Geister, sagt er, geben uns den Glauben an das Leben und den Menschen wieder, denn von ihnen „emaniert ein Strom sozialer Kraft und mächtiger Güte“.30


In den Mittelpunkt ihrer Untersuchungen rückte Key allerdings den Johann Christof, einen zehnbändigen Roman über einen genialen Musiker, den Romain Rolland zwischen 1904 und 1912 angefertigt hatte. Über dieses epische Werk äußerte sich Key enthusiastisch:

In diesem Buch hat Rolland seine tiefe Intuition vom innersten Wesen des musikalischen Genies niedergelegt, und zwar so, daß man felsenfest von der Wirklichkeit der Offenbarungen überzeugt ist ... In anderen Romanen über Genies beteuern die Verfasser unablässig, daß es Genies sind, hier überzeugt das Genie selbst durch sein Wesen. Man liest nicht ein Buch, man erlebt ein Leben. Und ein Leben von dem höchsten Wert, den das Dasein überhaupt hervorbringt: das Leben des Genies, das aus dem flammenden Chaos seiner Natur einen Kosmos schafft.31


Im Essay Ellen Keys fehlen die pazifistischen Aktivitäten Rollands, welche der französische Schriftsteller und Intellektuelle allerdings erst kurz vor dem und verstärkt während des Ersten Weltkrieges an den Tag gelegt hat. [Seite 58↓]Rolland erhielt 1915 den Nobelpreis für Literatur und stellte die Preissumme dem Roten Kreuz zur Verfügung. Als entschiedener Pazifist und Wortführer der Sache des Friedens vertrat Romain Rolland eine weltanschauliche Position, die Ellen Key teilte und zu der sie sich in den nachfolgenden Jahren in diversen Zeitungsartikeln zustimmend äußerte.

Neben Stefan Zweig erkannte noch ein weiterer österreichischer Dichter von Rang bereits Anfang des 19. Jahrhunderts die Bedeutung von Ellen Key und hat dies in seinen Tagebüchern zum Ausdruck gebracht: Es war dies Robert Musil (1880-1942). Der Autor von Die Verwirrungen des Zöglings Törleß (1906) und Der Mann ohne Eigenschaften (1933ff.) hat umfangreiche Tagebücher hinterlassen, die zusammen mit seinem Nachlass herausgegeben wurden und die ein imposantes Zeugnis der geistigen Interessen von Robert Musil darstellen.

Musil, der ursprünglich Physik studierte und sich später in Psychologie beinahe habilitiert hätte, war ein sogenannter Poeta doctus, also ein gelehrter Dichter, der sich weit über die künstlerischen Bereiche hinaus für Fragen der Philosophie, Pädagogik, Psychologie, Soziologie, Politik und Geschichte sowie Anthropologie lebhaft interessierte. In diesem Rahmen stieß Robert Musil auf die Schriften Ellen Keys, von denen er in seinen Tagebüchern mehrmals Bericht erstattet. So lesen wir etwa im Heft 11 der Tagebücher, welches den Zeitraum von April 1905 bis zum Jahr 1908 umfasst:

Ich las in der Nacht im Kaffeehaus einen Essay von E. Key, der mich mächtig ergriff - mit der Stimme meiner eigenen Vergangenheit. Hier findet sich die Art, wie ich einst dachte, die Valéry-Tradition! Ich habe mir das Heft gekauft; es liegt nun schon so lange auf meinem Tische, ohne daß ich Kraft habe, darin wieder zu lesen.32


Aus dem Zusammenhang der Tagebucheintragung wird ersichtlich, dass es sich bei diesem Essay um Die Evolution der Seele durch Lebenskunst gehandelt haben muss, den Ellen Key in ihrem Essayband Der Lebensglaube - Betrachtungen über Gott, Welt und Seele (1906) publiziert hat. Mit großer Zustimmung notierte Musil in seinem Diarium einige inhaltliche [Seite 59↓]Aspekte dieses Essays, wobei ihm vor allem der Begriff der Lebenskunst als zentraler Terminus wichtig und bedenkenswert war. In Fortführung und Ergänzung der Gedanken Ellen Keys zum Begriff der Lebenskunst schrieb Musil:

Lebenskunst ist, die Feuer, die der Mensch auf ... verschiedenen Seiten unterhält, zu einem einzigen zu vereinen. Diese Kraftsammlung war der große Gedanke der Romantik. Einheit zwischen Gott und Natur, zwischen Leben und Kunst, endlich Einheit der Seelen.33


Im weiteren Verlauf der Tagebucheintragungen merkt man, wie sehr sich Musil inhaltlich mit den Überlegungen Ellen Keys zur Lebenskunst sowie zu der durch sie provozierten Entwicklung seelischer Qualitäten auseinandergesetzt hat. Musil, der zum Zeitpunkt seiner Reflexionen über den erwähnten Essay Ellen Keys etwa 26 Jahre alt war, kämpfte bei sich selbst um eine Form des Daseins, die zu einer Verfeinerung und Höherentwicklung seiner psychischen und geistigen Fähigkeiten beitragen sollte. Damals beschäftigte er sich auch mit dem Problem einer Art psychosomatischer Gesundheitslehre, zu deren Ausgestaltung er sich Anregungen und Hinweise von Seiten Ellen Keys respektive ihrer Schriften erhoffte. So zitiert er einmal wörtlich einen Passus aus dem erwähnten Essay, in dem es um die Beeinflussung der somatischen Schicht durch die Seele und den Geist geht:

Die Vernunft hat keine unmittelbare ... Wirkung auf den Lebensverlauf des Körpers. Sie kann nur dahin wirken, Hindernisse der Bewegung zu beheben und Nahrung zuzuführen. Ebenso hat sie auch im Leben der Seele nur eine ordnende Aufgabe, während dieses Leben selbst in und mit der ursprünglichen, instinktiven, vegetativen Seelenarbeit vor sich geht. (Doch schon im folgenden Satz widerspricht sich Ellen Key): Die Seele lebt und wächst nur dann, wenn sie die Energie, die sie hervorbringt, in klare Gedanken und volle Gefühle umsetzt. Also nicht bloß vegetativ, sondern vernünftig.34


[Seite 60↓]


An dieser und etlichen weiteren Stellen seiner Tagebuchaufzeichnungen erkennt man die fruchtbare Auseinandersetzung, die Musil mit dem Essay Keys zu initiieren imstande war. Insbesondere Keys energisches Plädoyer für Lebensfülle, Lebensandacht und Lebensglaube, welches in der erwähnten Schrift zum Ausdruck kommt, bot dem österreichischen Dichter die Möglichkeit, seinen eigenen, von kühler Emotionalität und Sachlichkeit geprägten Vernunftbegriff dagegen auszuspielen und in diesem Zusammenhang Key nachzuweisen, dass sie und inwiefern sie mit ihrem Plädoyer einen romantisierenden Mythos von einer nur halb bewussten und beinahe vernunftlosen menschlichen Seele in die Welt gesetzt bzw. perpetuiert hat. Abschließend urteilt Musil über die Schwedin:

Trotzdem ihr Aufsatz mich auf das Tiefste beeinflußte, kommt jetzt eine gewisse Ernüchterung. Ihre Grundidee - mehr Seele oder überhaupt Seele - ist ausgezeichnet. Ihre Idee, die Seele zum Gegenstand des Studiums zu machen, war für mich erlösend. Was sie über Schule und schädliche Art zu leben sagt, ist durchaus richtig. Darüber hinaus versagt sie jedoch. Was Seele ist, und wie Seele zu pflegen ist, steckt voller Widersprüche ... Bedenklicher wird sie aber da, wo sie versucht, die Vorzüge des Kindes auf den Erwachsenen zu übertragen. Da ist nicht mehr von Lebensandacht im Sinne eines Goethe die Rede, sondern von dem Pantheismus jener einfachen Menschen, denen das Herz schwerer ist als der Kopf. Key polemisiert gegen die Vernunft.35


Anders als für Rainer Maria Rilke oder auch Stefan Zweig bedeutete Ellen Key für Robert Musil aufgrund ihrer Schriften jedenfalls keine Möglichkeit der jahrelangen identifikatorischen Zusammenarbeit und Auseinandersetzung; vielmehr kam der österreichische Dichter in seinen späteren Ausführungen und Dichtungen auf sie und ihre Gedankenwelt nicht mehr explizit zu sprechen.

Mit ihrem Jahrhundert des Kindes war Ellen Key zu einer kulturellen Größe geworden, die weit über Schweden hinaus Anerkennung oder zumindest Echo provozierte. Ihr Name wurde von da an mit dem Begriff der [Seite 61↓]Reformpädagogik gleichgesetzt, obschon sie in den kommenden Jahren noch ganz andere Publikationen zu Themen der Frauenfrage, der Literaturwissenschaften oder auch des Pazifismus anfertigen und veröffentlichen sollte. Aufgrund dieser internationalen Bekanntheit und Publicity wurde Ellen Key von manchen despektierlich als Großtante Europas tituliert, als eine ältere Dame, welcher junge Künstler (wie etwa Rilke oder Zweig) ebenso wie Hilfe suchende Pädagogen und Eltern ihr Herz ausschütten und von ihr Rat und Unterstützung erbitten konnten.

Ebenfalls nach der Publikation von Das Jahrhundert des Kindes konnte man beobachten, dass Ellen Key europaweit zu Vorträgen und Lesungen eingeladen wurde; größtenteils nahm die Schwedin diese Einladungen an und reiste in den folgenden Jahren häufig nach Deutschland, aber auch nach Frankreich und Italien, wo sie auf Gleichgesinnte, Pädagogen, Briefpartner, Verleger und Freunde traf, um sich mit ihnen auszutauschen.

Nach ihrem Welterfolg von Das Jahrhundert des Kindes - in den wenigen Jahren nach dem Erscheinen mussten über zwanzig Auflagen neu nachgedruckt werden - blieb Key schriftstellerisch außerordentlich aktiv; dabei bearbeitete sie in den folgenden Jahren vorrangig Themen der Frauenfrage und der Frauenemanzipation, der weiblichen Identität, der Beziehungsgestaltung innerhalb der Ehe sowie - als Möglichkeit der Selbstvergewisserung und Selbsterkenntnis - Abhandlungen über bedeutende Künstler, Wissenschaftler und Philosophen der Neuzeit.

In dieser Absicht verfasste Ellen Key auch ein Buch mit dem Titel Menschen. Zwei Charakterstudien, das Arbeiten über den schwedischen Schriftsteller Carl Jonas Love Almqvist und Elisabeth Barrett-Browning enthält und 1903 publiziert wurde. Almqvist (1793-1866), der 1829 in Stockholm Schuldirektor geworden war und ab 1846 Redakteur des liberalen Aftonbladet war, hatte zwischen 1832 und 1851 sein Hauptwerk Buch der Heckenrose verfasst und publiziert. Die darin enthaltenen über einhundert verschiedenen Novellen, Dramen, Romane und Gedichte werden durch eine Rahmenerzählung zusammengehalten. Einer dieser Romane mit dem Titel Es geht an (1838) sorgte für Aufsehen, weil darin gegen die Institution der Ehe und für die freie Liebe Partei ergriffen wird.

Außerhalb Schwedens gelangte Almqvist kaum zu größerer Bekanntheit; in seiner Heimat jedoch galt er im 19. und auch noch im 20. Jahrhundert als einer der bedeutendsten Autoren der Moderne, und als [Seite 62↓]solchen hat ihn Ellen Key bewundert und in ihrem Buch Menschen. Zwei Charakterstudien auch dem deutschsprachigen Publikum vorgestellt:

Wenn ein Fremder wissen will, ... ob Schweden keinen Dichter besessen hat, der mit beflügelten Schritten seiner Zeit voraus eilte, der sie mit tiefen Fragen aufwühlte, der mit grenzenloser Hoffnung die Zukunft prophezeite - da stünden wir stumm da, könnten wir nicht antworten: Almqvist... Eine solche Behauptung fordert Beweise, und diese möchte ich hier in gewissem Umfange liefern.36


Key bewundert an Almqvist vor allem seine psychologische Tiefe, seinen prononcierten Individualismus sowie seine pantheistische Weltanschauung, die eine Fortsetzung der spinozistischen Philosophie in die Literatur der Romantik bedeutete. In ihrem Essay über diesen schwedischen Literaten vergleicht sie ihn mit den tragischen Figuren der europäischen Kulturgeschichte wie etwa Tolstoi und meint, dass Almqvist aus einer ähnlichen inneren Zerrissenheit wie der große russische Schriftsteller sein dichterisches Werk geschaffen hat. Des weiteren sieht Key Parallelen zwischen Nietzsche und Almqvist, insbesondere bezüglich der Aufforderung, das eigene, meist nur diffus empfundene Wesen und den inneren Personkern zur Entfaltung und zum Austrag zu bringen.

Noch bedeutend größere Anerkennung und Bewunderung als Almqvist erfährt in dem Buch Menschen. Zwei Charakterstudien die englische Dichterin Elisabeth Barrett-Browning (1806-1861). Elisabeth Barrett (so der Mädchenname) war aufgrund einer chronischen Erkrankung (Tuberkulose) schon als junge Frau bettlägerig geworden und wurde von ihrer Familie beinahe völlig von jeglichen Kontakten zur Außenwelt ferngehalten. Der gesundheitliche Zustand der jungen Frau verschlechterte sich so sehr, dass sie nach einigen Jahren als Todgeweihte galt. Trotz dieser tristen Lebensumstände verfasste und publizierte Elisabeth Barrett Gedichte, die in englischen Zeitungen veröffentlicht wurden.

Auf eines dieser Poeme reagierte Robert Browning (1812-1889), der ebenfalls als Dichter erste Versuche unternommen und den die Lyrik Elisabeth Barretts angerührt hatte. Er besuchte die Todkranke und verlieb[Seite 63↓]te sich in sie, obgleich sie ihm immer wieder versicherte, dass sie dem Tode näher als dem Leben sei. In einem ihrer Sonette, die übrigens Rainer Maria Rilke kongenial ins Deutsche übersetzt hat, heißt es dazu:

Ach, ich bin schwer zu lieben: denn ich litt.
Willst du es trotzdem? So tu auf und leid es,
daß deine Taube flüchtet in dein Herz.37


Browning ließ sich von solchen und ähnlichen Argumenten nicht anfechten und überzeugte schließlich die Kranke, ihn zu heiraten und mit ihm zu leben. Die Brownings verließen England und lebten beinahe fünfzehn Jahre lang unbeschwert und glücklich in Oberitalien, wo Elisabeth Barrett-Browning trotz ihrer Tuberkulose relative körperliche Stabilität errang, mit 43 Jahren einen Knaben gebar, außerordentlich kunstvolle Gedichte verfasste und damit alle jene Lügen strafte, die ihr den baldigen Tod prognostiziert hatten.

An Elisabeth Browning und ihrem Schicksal bewunderte Ellen Key vor allem ihren und den Mut ihres Mannes, unter ungünstigsten Umständen eine Liebe zu wagen, die letztlich sowohl mit privatem Glück und relativer Gesundheit als auch einem bedeutenden künstlerischem Ertrag belohnt wurde. Die Schwedin hat in ihrem Buch die gesundheits- und kulturförderlichen Kräfte einer gelingenden Liebesbeziehung hervorgehoben. Das Schicksal dieser Dichterin kann als Beispiel für die „Heilkraft des Eros“ interpretiert werden - eine Kraft, die Key in ihrem eigenen Dasein wahrscheinlich oft genug ersehnt und selten genug erlebt hat.

Bereits ein Jahr später hat Ellen Key die Thematik, welche sie in ihrem Aufsatz über Elisabeth Barrett-Browning angeschnitten hat, in einem Buch mit dem Titel Über Liebe und Ehe (1904) breit ausgeführt. Dieses Buch erfuhr ähnlich viele Auflagen wie Das Jahrhundert des Kindes und gilt als zweites Hauptwerk der Schwedin. Eine analoge Stoßrichtung bezüglich Thematik und Argumentation verfolgte das ein Jahr später erschienene Buch Liebe und Ethik (1905), in dem Ellen Key moralische und ethische Implikationen einer Liebesbeziehung aufzeigt und problematisiert. Darüber hinaus hat Key das oftmals spannungsgeladene Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft in diesem Buch näher untersucht. Die Liebe bedeutet für die Schwedin ein exquisites Anrecht des In[Seite 64↓]dividuums auf Selbstverwirklichung und autonome Gestaltung des eigenen Lebens wie auch der Beziehung zum Liebespartner. Gesellschaftliche oder institutionelle Vorschriften seien diesbezüglich völlig fehl am Platze. Key schwebt dabei ein liebender Mensch vor, der weder „ein Sklave der Begierde“ noch „ein Sklave der Pflicht“38 ist und seinen Liebesgefühlen auf eine lyrisch anmutende Art und Weise Ausdruck verleiht. Selbst in den Passagen jedoch, in denen Key von Sexualität und Leiblichkeit spricht, bleiben ihre Ausdrucksweise wie auch die dabei geäußerten Gedanken über die „geschlechtliche Sittlichkeit“ merklich ätherisch und vergeistigt.

Wie außerordentlich produktiv und schriftstellerisch originell Key in den Jahren nach der Veröffentlichung von Das Jahrhundert des Kindes gewesen war, wird auch an ihrer nächsten Publikation deutlich, die den Titel Der Lebensglaube - Betrachtungen über Gott, Welt und Seele trägt und die 1906 in Berlin erschienen ist. In diesem Buch widmet sich Ellen Key den Fragen der religiösen Weltanschauung und den damit verbundenen Themen des Gottesbegriffes, des Christentums, des Lebenssinns sowie der Sterblichkeit respektive der Unsterblichkeit.

Wiederum ein Jahr später erschien der Band Persönlichkeit und Schönheit in ihren gesellschaftlichen und geselligen Wirkungen (1907), in dem sich Ellen Key den Fragen des Humanismus, des Sozialismus, des Patriotismus und ganz allgemein der Politik und Weltanschauung zuwandte.

4.4. Wanderjahre einer Kulturanalytikerin


Weiter oben wurde bereits erwähnt, dass Ellen Key intensive Kontakte mit Georg Brandes und Lou Andreas-Salomé unterhielt und im Rahmen dieser Beziehungen sich ausführlich mit Friedrich Nietzsche beschäftigte. Aufgrund ihrer Beschäftigung mit dem Philosophen des Willens zur Macht wie auch aufgrund ihrer europaweiten Bekanntheit nach der Veröffentlichung von Das Jahrhundert des Kindes erhielt die schwedische Autorin eine Einladung zu einem Vortrag über Nietzsche, ausgesprochen von Elisabeth Förster-Nietzsche, der Schwester des Philosophen, der Key im Jahre 1905 Folge leisten wollte.

Der Vortrag sollte im Nietzsche-Archiv in Weimar stattfinden, das nach dem Tod des Philosophen (im Jahre 1900) eine Art Zentrum der [Seite 65↓]Nietzsche-Forschung und -Verehrung geworden war. Neben Elisabeth Förster-Nietzsche, die auf recht eigenwillige und zum Teil destruktive Art Eingriffe in das Schrifttum ihres Bruders unternommen hatte, gehörten Anfang des 20. Jahrhunderts auch Harry Graf Kessler und Henry van de Velde dem Nietzsche-Archiv an.

Die Einladung von Elisabeth Förster-Nietzsche an Ellen Key, datiert auf den 3. April 1905, hatte folgenden Wortlaut (der hier nur zum Teil wiedergegeben wird):

Zu meiner großen Freude höre ich, daß Sie nach Weimar kommen wollen, und möchte Ihnen nur heute sagen, wie außerordentlich glücklich ich sein würde, wenn ich Sie hier im Nietzsche Archiv begrüßen und feiern dürfte. Wäre es wohl möglich, daß ich Sie am Dienstag, dem 11. April nachmittags 16.30 Uhr zum Tee einladen dürfte, um Sie mit einem größeren Kreis hiesiger vortrefflicher Damen und Herren bekannt zu machen?39


Bereits einen Tag später erfolgte die dankbare Annahme der Einladung durch Key:

...mit Freuden komme ich 11. April - und mit noch größeren und andächtigen Gefühlen werde ich etwas über Ihren Bruder sagen! Ihr dankbare Ellen Key40


Wiederum zwei Tage später wurden von Elisabeth Förster-Nietzsche die ersten Einladungen für den 11. April verschickt, in denen sie ankündigte, dass Ellen Key „einige Worte über Friedrich Nietzsche sprechen“41 werde. Über den Vortrag Ellen Keys am Nietzsche-Archiv existiert die Mitschrift einer Zuhörerin (Elsa Krüger), welche ihre Eindrücke und die wichtigsten Aussagen Keys über Nietzsche (und Goethe) aus dem Gedächtnis niedergeschrieben und Elisabeth Förster-Nietzsche übergeben hat.42

In ihrer Ansprache setzte Ellen Key die Person des Philosophen in einen engen Bezug zu Goethe und dessen intellektueller und emotionaler [Seite 66↓]Welt. In einer Passage nennt sie Nietzsche sogar den „Vollender von Goethes größten Gedanken“43. Dies versucht sie zu belegen, indem sie sowohl Goethe wie auch Nietzsche eine umfassende Lebensfrömmigkeit sowie den Wunsch nach Steigerung der eigenen Existenz - bei Nietzsche als „Übermensch“ bezeichnet - attestiert:

Goethe und Nietzsche - beide waren tief religiöse, fromme Naturen ... Beide empfanden tief, daß das Leben dazu da sei, um gelebt zu werden, daß es seinen Wert in sich schließt, daß eine Bejahung des Lebens not sei.44


Die Veranstaltung im Nietzsche-Archiv muss sowohl für Ellen Key wie auch für die Zuhörer zufriedenstellend verlaufen sein; jedenfalls erweckt das Dankschreiben45 Ellen Keys vom 14. April 1905 an Elisabeth Förster-Nietzsche einen solchen Eindruck. Die schwedische Schriftstellerin war von Weimar und dem Nietzsche-Archiv derart beeindruckt, dass sie kurze Zeit später weiter nach Sils Maria46 reiste, um den Ort genauer kennen zu lernen, an dem Friedrich Nietzsche über ein Jahrzehnt lang beinahe jeden Sommer verlebte und der für ihn zu einem Ort größter philosophischer Inspiration und Erkenntnis geworden ist.

Dass Ellen Key nach der Publikation von Das Jahrhundert des Kindes als eine Schriftstellerin von europäischem Rang gehandelt wurde, wird auch daran ersichtlich, dass sie zu einer Autorin des S. Fischer Verlages wurde, eines Verlages, der sich damals besonders für skandinavische Literatur (Ibsen und Jacobsen), darüber hinaus jedoch für die gesamte europäische Moderne enorm einsetzte. Der Verlag war 1886 von Samuel Fischer (1859-1934) gegründet worden und betreute Anfang des 20. Jahrhunderts so prominente Schriftsteller wie etwa Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Thomas Mann oder Hermann Hesse.

Im S. Fischer Verlag erschienen von Ellen Key neben Das Jahrhundert des Kindes zum Beispiel auch die Bücher Mißbrauchte Frauenkraft (in der zweiten Auflage 1904), Essays (1899), Die Wenigen und die Vielen (1901), Menschen. Zwei Charakterstudien (1903), Über Liebe und [Seite 67↓] Ehe. Essays (1904), Der Lebensglaube (1906) sowie Drei Frauenschicksale (1908).

Neben Samuel Fischer, dem Leiter des Fischer Verlages, unterhielt Ellen Key auch intensive und beinahe freundschaftliche Beziehungen zu Anton Kippenberg (1874-1950), der zusammen mit seiner Frau Katharina (1876-1947) von 1905 bis zu seinem Tod den Insel Verlag in Leipzig leitete. Charakteristisch für den Insel Verlag war von seinen Anfängen an die Bemühung um das schön ausgestattete, künstlerisch wertvolle Buch. Im geistigen Zentrum Kippenbergs und seines Verlages befand sich das Werk Goethes; daneben bildete aber auch Rainer Maria Rilke und seine Lyrik einen wichtigen Bestandteil der Publikationen.

Im Goethe- und Schiller-Archiv Weimar befindet sich ein Teil des Briefwechsels zwischen Ellen Key und Anton Kippenberg, der von Mitte des Jahres 1904 an bis ins Jahr 1908 reicht und der ersichtlich werden lässt, wie intensiv und auch private Ereignisse und Lebensfacetten mit einbeziehend diese Korrespondenz zwischen der schwedischen Schriftstellerin und dem deutschen Verlagsleiter gewesen ist.47

Aus diesen Briefen geht hervor, dass Kippenberg das Urteil Ellen Keys die skandinavische wie auch die europäische Literatur betreffend außerordentlich hoch wertete; immer wieder hat der Verlagsleiter bei ihr um eine Einschätzung von Autoren und Manuskripten nachgesucht und ihr dafür häufig Neuerscheinungen des eigenen Verlags zugesandt.

Die verschiedenen Adressen, an welche die Briefe Kippenbergs an Key gesandt wurden (Amsterdam, Berlin, München, Thun in der Schweiz, Triest), verdeutlichen, dass Key in diesen Jahren quer durch Europa reiste, um ihre Ansichten zu Fragen der Erziehung, der Psychologie und der Kulturanalyse in Vorträgen und Lesungen einem breiten Publikum darzulegen. Dabei sorgte die Schwedin zum Teil für enormes öffentliches Echo, das man auch in der Presse verfolgen konnte. Im Berliner Lokal-Anzeiger vom 23. Februar 1905 etwa lesen wir anlässlich eines Vortrages von Ellen Key:

Die gefeierte nordische Denkerin hielt gestern ihren ersten Vortrag in Berlin... Ellen Key spricht über die Entwicklung des Seelenlebens; aber was sie sagt, geht weit über den Rahmen einer psychologischen Betrachtung hinaus, es ist Weltanschauung. [Seite 68↓]Für sie beruht die gesamte Entwicklung der Menschheit nur in einer Steigerung der Seelentätigkeit. Staat, Religion, Kultur, Kunst, soziales Leben - alles ist nur Unterlage und Mittel für immer intensiveres Denken und Empfinden des Menschen... Die geistvolle Skandinavierin ist sich wohl bewußt, daß sie mit dieser Anschauung in Gegensatz tritt zu der Majorität der führenden Schichten der zivilisierten Menschheit. Diese will vor allem Kulturwerte schaffen, das Kulturniveau heben. Kultur ist für sie Selbstzweck. Aber was haben wir von der Kultur - fragt Ellen Key - wenn unsere Seele dabei tot ist!?... Auch ohne diesen Schluß hätte der Vortrag der nordischen Geisteskämpferin, deren Gedankenreichtum hier kaum angedeutet werden konnte, jene Beifallsstürme erweckt, die sie immer und immer wieder auf dem Podium erscheinen ließen. Die silberhaarige Philosophin wurde fast so bejubelt wie ein Bühnenstar.48


Dass Ellen Key jedoch in den Jahren nach der Veröffentlichung von Das Jahrhundert des Kindes keine unbestrittene Größe in Europa geworden war, machen diverse Rezensionen und Zeitungsartikel jener Jahre deutlich, die sich zum Teil kritisch und ablehnend mit der schwedischen Pädagogin und ihren Ansichten zur Erziehung wie auch zunehmend zur Frauenfrage auseinander setzten. Ein Beispiel dafür gibt ein ausführlicher Artikel in der Wiener Zeitung Die Zeit vom 14. März 1905, überschrieben mit Ellen Key die Reaktionärin:

Ja, ja - Ellen Key ist über Nietzsche zu sich selbst gelangt... Sie hat ihn erlebt, wie er erlebt sein wollte... Sie steht in ihrer gelegentlichen Abwendung von dem, was sie im Jahrhundert des Kindes als „kleine egoistische Frauensache“ verurteilt hat, dem Gegenwartsstadium der Frauenbewegung gewissermaßen so gegenüber, wie Nietzsche dem „nivellierenden Sozialismus“... Ellen Key schaut das Ganze und die Ferne; so mußte sie sich die Gegnerschaft all jener zuziehen, die es für ihre Gegenwartsaufgabe halten, jeder Romantik ... die vorbereitende Realpolitik von Fall zu Fall entgegenzusetzen. Wir brauchen aber beides: die nächsten Mittel und das ferne Ziel; die experimentie[Seite 69↓]rende Realpolitik und die große Sehnsucht; die stürmischen Revolutionärinnen und ganz besonders aber und vor allen Dingen Ellen Key, die „Reaktionärin“.49


Spätestens ab dem Jahre 1906 hatte Ellen Key auch Kontakt zu Martin Buber aufgenommen. Buber, der 1878 in Wien geboren und seit 1938 in Jerusalem als Professor tätig war, wo er 1965 verstorben ist, hatte sich vor allem als dem Chassidismus (antirationale Glaubensbewegung mit dem Ziel einer Verinnerlichung der jüdischen Religion) nahestehender Philosoph einen Namen gemacht, der sich besonders um eine anthropologische Klärung der dialogischen Situation des Menschen bemühte.

Anfang des 20. Jahrhunderts war Buber als Lektor des renommierten Verlagshauses Rütten & Loening tätig gewesen, wo er als Herausgeber einer Sammlung sozialpsychologischer Monographien fungierte; unter anderem Werner Sombart, Georg Simmel, Fritz Mauthner und Gustav Landauer publizierten Essays oder Abhandlungen in dieser von Buber betreuten Reihe. In dieser Rolle erhielt Buber auch ein Manuskript von Ellen Key zugesandt, das schließlich 1909 unter dem Titel Die Frauenbewegung erschien.50

Schon 1905 hatte Key das Manuskript bei der Literarischen Anstalt Rütten & Loening in Frankfurt am Main veröffentlicht und damit energisch in die damals virulente europäische Frauenfrage, Frauenbewegung und Frauenemanzipation eingegriffen. Diese Thematik war für die schwedische Autorin durchaus nicht neu; bereits 1898 hatte sie ihren Text Mißbrauchte Frauenkraft herausgegeben, in dem sie auf viele Ungerechtigkeiten und Missstände bezüglich der Frauen des zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts hingewiesen hat, freilich ohne dabei konkrete oder weiterreichende Vorschläge für die Überwindung dieser Unzulänglichkeiten zu leisten.

In ihrem Buch Die Frauenbewegung rekonstruierte Ellen Key die Geschichte der Frauen und ihre Rollen- und Bedeutungszuschreibungen, die sie im Rahmen der europäischen Neuzeit etwa seit der Renaissance erfahren haben. Sie stellte die damals aktuellen Fragen nach der Physiologie und Psychologie der Frau sowie ihrer gesellschaftlichen Position in einen historischen Zusammenhang und relativierte damit einige der zum Teil aggressiv gegen das Patriarchat vorgetragenen Forderungen und [Seite 70↓]Vorwürfe. Mit dieser in Die Frauenbewegung eingenommenen Position schuf sich Ellen Key Feinde sowohl im Lager der radikalen Frauenbewegung als auch in der Gruppierung derjenigen, welche gegen die Frauenemanzipation zu Felde zogen.

Wie sehr sich Ellen Key einen eigenen Standpunkt bezüglich der zu Beginn des 20. Jahrhunderts heftig diskutierten Frauenfrage erarbeitet hat, wird auch an einer kleinen Publikation deutlich, die den Titel Rahel - Eine biographische Skizze (1907) trägt und welche die schwedische Autorin ihrem verehrten Georg Brandes, dem „Kämpfer und Künstler“ gewidmet hat. An der Darstellung der jüdischen Intellektuellen Rahel Varnhagen kann man am ehesten ermessen, welche Rolle Ellen Key für sich wie auch für intellektuell und emotional emanzipierte Frauen imaginierte, ohne dabei in einen unproduktiven und sterilen Kampf gegen die Männer respektive das Patriarchat zu verfallen.

Rahel Varnhagen, geborene Levin (1771-1833), war die Tochte eines jüdischen Bankiers, die sich trotz vielfältiger Benachteiligungen, die sie aufgrund ihrer Abstammung sowie ihres Geschlechts zu gewärtigen hatte, eine immense kulturelle Bildung aneignete. Später eröffnete sie einen sehr bekannten Salon in Berlin, den zum Beispiel die Gebrüder Humboldt, die Philosophen Fichte und Hegel, der Dichter Heinrich Heine und viele weitere Intellektuelle, Künstler wie auch Politiker gerne frequentierten.

Rahel Varnhagen galt als Kommunikationsgenie (Heinrich Heine), der es außerordentlich leicht fiel, die unterschiedlichsten Charaktere um sich zu versammeln und miteinander ins Gespräch zu bringen. Sie selbst wirkte dabei wie ein Katalysator, der allerdings - anders als in der Chemie - nicht unbeteiligt und unverändert aus den kommunikativen Prozessen, die in ihrem Salon stattfanden, hervorging. Im Gegenteil: Rahel Varnhagen profitierte enorm von den geist- und niveauvollen Unterhaltungen, die allwöchentlich in ihrer „Dachstube“ (so wurde der Salon genannt) abgehalten wurden und für welche die Gastgeberin immer wieder neue Horizonte der Bildung und des Lernens eröffneten.

Ein besonders hoch geschätzter Fixstern am Firmament ihrer Bildung bedeutete der jüdischen Salonière der geheime Rat Goethe, dessen Literatur sie geradezu verschlang und mit dem sie die Ehre hatte, einmal auch in persönlichen Kontakt treten zu können. Vor allem Rahel Varnhagen ist es zu verdanken, dass Goethe und seine Kunst in der Hauptstadt [Seite 71↓]Preußens bekannt gemacht und hochgeschätzt wurde. Der „Olympier aus Weimar“ stellte für Varnhagen den beinahe nie hinterfragten Maßstab ihres emotionalen und intellektuellen Wachstumsprozesses dar.

Ellen Key bewunderte an Rahel Varnhagen insbesondere deren Energie, sich aus einer beengten und unfreien Situation hin zu den Idealen der Schönheit, der Gerechtigkeit, der Freiheit und der Bildung bewegt und die dabei zutage tretenden Widerstände produktiv überwunden zu haben. Über die jüdische Schriftstellerin und ihre Werke – Rahel Varnhagen hat ein großes Oeuvre von literarisch wertvollen und anregenden Briefen hinterlassen – schreibt Ellen Key in begeisterten Worten:

Rahel besaß die Grundzüge, die die großen Geister ihres Volks auszeichnen: eine tiefe Sehnsucht nach unmittelbarem Leben in Sonne und Glanz, in Glut und Leidenschaft und eine ebenso tiefe Sehnsucht nach Wüstenstille, um über das Leben, seine Wege und Ziele nachzugrübeln... Rahel war durch ihr Selbstdenken und ihre Freiheitsleidenschaft den Frauen ihrer Zeit weit voraus, den jüdischen wie den europäischen. Aber im Zusammenhang mit der Entwicklung des Ganzen gesehen, ist Rahel typisch für die große Freiheitsbewegung, die noch heute vor sich geht, die Bewegung, die aus dem weiblichen Geschlechtswesen die voll menschliche Persönlichkeit entwickeln will. Welche Summen von Kraft dieser Freiheitskraft jede einzelne gekostet hat, das zeigt uns Rahel.51


Etwa zur Zeit der Ausarbeitung und Publikation der Schrift über Rahel Varnhagen schloss Ellen Key nähere Bekanntschaft mit der Schriftstellerin, Psychoanalytikerin und „Muse“ Lou Andreas-Salomé (1861-1937), die sich in ihren Schriften teilweise ebenfalls mit der Frauenfrage beschäftigte. Lou Andreas-Salomé war für kurze Zeit eine enge Freundin Friedrich Nietzsches, für längere Zeit die Geliebte Rainer Maria Rilkes und für viele Jahre eine Schülerin Sigmund Freuds gewesen.

Etwa seit der Jahrhundertwende kannte Lou Salomé die Schriften Ellen Keys. So hatte Salomé 1898 das Buch Mißbrauchte Frauenkraft von Key besprochen, woraufhin diese sie prompt in Berlin besuchte.52 Im Mai [Seite 72↓]1899 soll Salomé - so die Biographin von Lou Andreas-Salomé Cordula Koepcke - eine kurze Übersicht über die bis dahin erschienenen Arbeiten von Ellen Key angefertigt haben, wobei ihr die Analysen der Schwedin zusagten, die volkspädagogischen Appelle sie jedoch eher abschreckten.53 In ihrem Lebensrückblick schreibt Lou Andreas-Salomé:

Ellen Key war mir menschlich so gut, daß sie sogar meine Abneigung wider ihre Bücher humoristisch ertrug, auch wenn sie mir drohte: „Du Ochs, dann komme ich nächstes Mal nicht zu Dich nach Göttingen, sondern gehe gleich weiter per Fuß zu Italien.“ Sie war so gern bei uns, wie auch ich bei ihr in Schweden in ihrer Behausung am Wettersee, einmal einen Spätsommer lang.54


Im Mai 1909 unternahmen Ellen Key und Lou Andreas-Salomé eine gemeinsame Reise nach Paris, um dort auf Rainer Maria Rilke zu treffen. Rilke soll damals gesundheitlich relativ angeschlagen gewesen sein und dennoch über einen „Rausch der Gestaltung“ geschwärmt haben, der bei ihm bis zur Identifikation mit seinem Malte (der Hauptfigur in Rilkes Roman Die Aufzeichnungen Malte Laurids Brigge) ging.55 Im Frühsommer dieses Jahres nämlich war der Dichter gerade mit der Ausarbeitung dieses Romans beschäftigt, der 1910 als Buch erschienen ist.

Zwei Jahre später besuchte Lou Andreas-Salomé Ellen Key in Alvastra in ihrem Heimatland. Dort lernte sie auch den Neurologen Poul Bjerre (1876-1964) kennen, mit dem Lou eine Weile eine Liebesbeziehung unterhielt. Bjerre war Spezialist für Nervenkrankheiten und als solcher in Stockholm tätig; als einer der ersten schwedischen Ärzte interessierte sich Bjerre für die Psychoanalyse.

Trotz aller Begeisterung für die psychoanalytische Theorie war Bjerre ein relativ kritischer Anhänger Freuds, der etwa dem Begriff der „Psychoanalyse“ den Terminus „Psychosynthese“ entgegensetzte. Er wollte damit zum Ausdruck bringen, dass es in der Seelenheilkunde nicht so sehr um eine analytische Zersetzung, sondern vielmehr um eine synthetische [Seite 73↓]Zusammenschau und Rekonstruktion der Persönlichkeit des Patienten gehen sollte. Von 1913 an fühlte sich Bjerre zunehmend zur komplexen Psychoanalyse C.G. Jungs hingezogen, was schließlich zum Bruch mit Freud und der Psychoanalyse beitrug.

Es steht zu vermuten, dass nicht nur Lou Salomé, sondern auch Ellen Key über Poul Bjerre mit der neuartigen Seelenkunde der Psychoanalyse in groben Umrissen vertraut gemacht worden ist. Bjerre nämlich war in seiner Art ein begnadeter Vermittler von relativ komplexen wissenschaftlichen oder philosophischen Theorien, was er unter anderem auch im Kontakt mit Lou Andreas-Salomé unter Beweis stellte. Letztere kam über den schwedischen Neurologen schließlich in Kontakt zur Psychoanalyse und zu Sigmund Freud und wurde zuletzt eine überzeugte Psychoanalytikerin.

Bei Ellen Key war der Einfluss Poul Bjerres anders geartet. Zwar lassen sich in ihren Schriften genügend Anhaltspunkte finden, die es wahrscheinlich machen, dass sie einige psychoanalytische Konstrukte und Theoreme in Ansätzen kannte. Sie hat aber - im Gegensatz zu Lou Andreas-Salomé - den persönlichen Kontakt zu Sigmund Freud nie gesucht und sich in ihrem beruflichen Profil zwar als Reformpädagogin, Psychologin und Kulturkritikerin, nicht aber als Psychoanalytikerin verstanden.

4.5. Rückzug und Einsamkeit


Das Buch Die junge Generation, das 1913 erschienen war und im selben Jahr insgesamt fünf Auflagen erlebte, war die letzte größere literarische Arbeit, die Ellen Key vor dem Ersten Weltkrieg abschließen und veröffentlichen konnte. Zwar unterhielt sie noch regen Briefkontakt mit Rilke, Zweig, Rolland, Andreas-Salomé und einigen weiteren Brieffreunden in Europa; der intensive intellektuelle und emotionale Austausch jedoch, der in den Jahren seit 1900 enorm zur Produktivität und Originalität Ellen Keys beigetragen hatte, dieser Austausch mit vielen Künstlern und Intellektuellen Europas geriet im Jahre 1914 merklich ins Stocken. Schuld daran war die sich anbahnende kriegerische Katastrophe, die für sensible und politisch wache Naturen bereits in den ersten Monaten des Jahres 1914 spürbar war und bei ihnen je nach Charakter zu Unruhe, gesteigerter politischer Aktivität, aber auch zu resignativen Stimmungen, Rückzug oder Apathie führte.


[Seite 74↓]

Schon 1912 hatte Ellen Key, angesichts der sich in Europa anbahnenden zwischenstaatlichen Konflikte, erste kleinere Aufsätze über das Problem des Pazifismus respektive des Krieges verfasst; erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die Abhandlung Einige Vorläufer des wissenschaftlichen Pazifismus (Gustav Björklund), die in der Wiener Zeitschrift Die Friedenswarte erschienen ist. 1913 folgte ein Aufsatz mit dem Titel Das Friedensproblem, der in der Beilage der Deutschen Zeitung Bohemia in Prag publiziert wurde.

In diesen Abhandlungen vertrat Key pazifistische Positionen, die sie bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in Kontakt mit Bertha von Suttner (1843-1914) entwickelt hatte. Aus dieser Zeit ist ein damals unveröffentlichter Brief von Bertha von Suttner an Ellen Key erhalten, in dem die österreichische Pazifistin auf eine sehr zugewandte und anerkennende Art und Weise schrieb:

Der tiefen Denkerin und glänzenden Stilistin, der Zierde der Weltliteratur Ellen Key, sende ich aus Anlaß ihres Besuchs in Wien einen huldigenden Gruß. Dieser Gruß ist um so inniger, als ich weiß, daß unsere große nordische Kollegin eine überzeugte Anhängerin und tapfere Verfasserin der Friedensidee - wie überhaupt aller jener Ideen ist, welche die Menschheit zur höheren und glücklicheren Entfaltung führen soll.56


Als nun im August 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach (Bertha von Suttner hat den Beginn des Ersten Weltkrieges nicht mehr erleben müssen, da sie wenige Wochen zuvor am 21. Juni 1914 verstorben ist), reagierte Ellen Key vorerst mit Rückzug, reduzierter Produktivität und einem deutlichen Anflug von Depression. Die Korrespondenz mit ihren Briefpartnern wurde karger, und in den seltenen Briefen jener Zeit vernimmt man eine recht einsam gewordene Ellen Key. In einem Brief an Rilke und Andreas-Salomé aus dem Frühjahr 1915 lesen wir:

Es ist wahr: mit Deutschen und Franzosen und Engländern ist nicht mehr zu reden; sie sind nur Hassende, nicht mehr denkende Wesen. Romain Rolland und Stefan Zweig sind schöne [Seite 75↓]Ausnahmen... Nun, hoffe ich, wird wohl die Entscheidung im Kriege nicht allzu lange zögern. Und doch ... Ja, Schweigen ist das Einzige ... Eure traurige und treue Ellen Key.57


Immerhin raffte sich die „traurige Ellen Key“ in den nächsten Jahren zu einige weiteren Aufsätzen, Abhandlungen und Aufrufen gegen den Krieg und für die Völkerverständigung auf. 1919 veröffentlichte Key einen schmalen Band über Florence Nightingale und Bertha von Suttner - Zwei Frauen im Kriege wider den Krieg, in dem sie ihrer pazifistischen Überzeugung ebenso wie der Lebensleistung von Bertha von Suttner engagiert Ausdruck verliehen hat.

Ebenfalls 1919 publizierte sie einen Aufsatz in der Neuen Zürcher Zeitung mit dem Titel Wie kann der Völkerbund kommen? 58 , der sich vorrangig dem Problem der Kriegsprävention mittels Völkerverständigung und Völkerbund (einem Vorläufer der heutigen Vereinten Nationen) widmete. Der schwedischen Autorin wurde dabei die Ehre zuteil, auf Seite eins der renommierten Zeitung ihren Standpunkt darlegen zu können.

Das pazifistische und völkerverbindende Engagement Keys wurde zum Beispiel in Deutschland durchaus nicht nur mit Anerkennung und Wohlwollen goutiert. Im Monatsblatt des Deutschen Bundes gegen die Frauenemanzipation war unter dem Datum des 15. Mai 1915 eine regelrechte Hetzschrift einer gewissen Marie Wolterstorff zu lesen, die eine einzige Ansammlung nationalistischer, chauvinistischer, patriarchalischer und militaristischer Vorurteile darstellt. Key wird als Nestbeschmutzerin beschimpft, welche die „Bedeutung der großen Zeit“ nicht wahrnehmen und angemessen beurteilen könne.

Es ist der in besonderem Maße feministisch gestimmten Seele Ellen Keys unerträglich zu hören, wie Deutschland seine Schlachten schlägt! Darum haßt sie den preußischen, schmäht sie Bismarcks Geist! Weil unser Volk sich so männlich erhob und alles Unmännliche in einem Handumdrehen von sich warf, darum geht die schwedische Frauenrechtlerin mit ihm ins Ge[Seite 76↓]richt! Sie ahnt wohl schon, daß sie nie mehr Triumphtage in Berlin erleben wird.59


Wenn man auch diese Sätze inzwischen als schimpfliches und bösartiges Elaborat einer zu recht in Vergessenheit geratenen Journalistin einordnen kann, so bewahrheitete sich deren düstere Prognose bezüglich der nicht mehr wiederkehrenden „Triumphtage“ für Ellen Key in den folgenden Jahren durchaus. Denn nach allen uns im Rahmen dieser Arbeit zur Einsicht gelangten Unterlagen waren die oben aufgeführten Publikationen und Vorträge die letzten, die Ellen Key ins Werk setzte.

Aus den Jahren 1920 bis 1926 sind weder Veröffentlichungen noch Lesungen der schwedischen Pädagogin erhalten bzw. bekannt geworden. Ellen Key scheint in diesen Jahren sehr zurückgezogen in Strand Alvastra, ihrem Landsitz in Schweden, gelebt zu haben, wobei auch die brieflichen Kontakte mit ihren ehemaligen Gesinnungsgenossen und Freunden aus Europa nur noch spärlich waren. Erhalten geblieben ist ein Brief Keys an Rilke aus dem Winter 1921, in dem sie sich nach seinen literarischen Produktionen ebenso wie nach seinen persönlichen Verhältnissen sowie nach seiner Tochter Ruth erkundigt. Diesen Brief durchzieht ein merklicher Ton der Melancholie:

Dann und wann sah ich neue Gedichte von deine Hand. Aber leider ist die Dichtkunst seit 1914 so trübe, so dunkel geworden, daß ich auch in deine nicht ganz mein lieber Rainer Maria wiederfindet. Hast du Neues herausgegeben? In Bücherform habe ich ... die schöne Übersetzung von 1) die Browning Sonetten, 2) Die Liebe der Magdalena, 3) Requiem und - von eine deutsche Freundin 4) deine Übertragung von Louize Labé Sonetten... Mit Worten will ich nicht sagen, was ich in Bezug auf den Antisemitismus fühle ... Auch über Deutschland will ich schweigen.60


Rilke, der zu jener Zeit schon seine letzte Wohnstatt im Chateau de Muzot im schweizerischen Wallis gefunden und bezogen hatte und dort auf die Vollendung der Duineser Elegien wartete, brachte in seinem Antwort[Seite 77↓]schreiben an Key zum Ausdruck, was wohl viele Künstler, Intellektuelle und Philosophen und ebenso Ellen Key in den Jahren zwischen 1914 und 1918 erlebt haben:

Die Jahre, kannst Du Dir vorstellen, Krieg und Nachkrieg, waren eine einzige tiefe und schmerzhafte Unterbrechung für mein inneres sowohl als auch für mein äußeres Leben. Diese beginnt erst langsam zu heilen, diese Unterbrechung ... Das war oft verwirrend bis zur inneren Vernichtung, und das ganze Leben ... schien annulliert und wie durchgestrichen: mein ganzes eigentliches Leben.61


Dieser „Unterbrechung des eigentlichen Lebens“ fiel nicht nur Rainer Maria Rilke zum Opfer. In gewisser Weise kann man das Verstummen Ellen Keys wie auch die Tatsache, dass die Schwedin nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland und Europa beinahe gänzlich vergessen wurde, als eine Folge dieses Krieges und der damit einhergehenden, beinahe vollständigen Zerstörung der Kultur Alteuropas interpretieren.

Am 25. April 1926 starb Ellen Key in Strand am Vättersee in Schweden. Zu ihrem Tod erschienen etliche Nachrufe auch in Deutschland, so zum Beispiel in der Kölnischen Zeitung vom 29. April 1926, in dem Periodikum Universum 1926 sowie im Berliner Tageblatt vom 26. April 1926. Ausführlichere Darstellungen ihres Lebens und ihres Werkes fehlten nach ihrem Tode jedoch beinahe gänzlich und wurden im deutschsprachigen Raum recht zögerlich erst in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts erarbeitet.

4.6. Zusammenfassende Betrachtung


Betrachtet man den Lebenslauf Ellen Keys im Zusammenhang, fallen einige Wesensmerkmale dieser Frau ins Auge, die im folgenden nochmals gesondert hervorgehoben werden. Nur vor dem Hintergrund dieser Eigenschaften und Charakterzüge nämlich wird verständlich, dass und wie Ellen Key ein Lebenswerk schaffen konnte, das sowohl konkrete pädagogische und psychologische Neuerungen und Experimente als auch ein weit ver[Seite 78↓]zweigtes literarisches Oeuvre umfasst und größtenteils den Geist der Humanität und Aufklärung ausstrahlt.


Die Idealistin.-
Schon die eingangs erwähnten Kindheitserinnerungen Ellen Keys zeigen, dass sie als ein Mensch mit außerordentlich hohen Idealen und Wertvorstellungen aufgewachsen ist und in eine Welt von Sinn und Wert hinein sozialisiert wurde. Beide Elternteile verkörperten glaubhaft einen hoch stehenden Werthorizont, den Ellen Key ohne erkennbar Widerstände assimiliert und in ihrem späteren Leben auf hohem Niveau modifiziert hat. Nur so ist auch die Auswahl ihrer späteren (direkten und indirekten) Lehrer und Mentoren - z.B. Georg Brandes, Friedrich Nietzsche, Baruch de Spinoza, Johann Wolfgang Goethe, Henrik Ibsen und andere mehr - verständlich, die in gewisser Weise eine Fortsetzung der elterlichen Wertvorstellungen darstellten.

Dieser an hohen und höchsten Werten orientierte Lebensstil der schwedischen Autorin war für viele ihrer pädagogischen Aktivitäten wie auch für den Inhalt ihrer Publikationen verantwortlich. Im Umgang mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen war Ellen Key mit nie versiegender Geduld immer eine Lehrerin, die über das bloße Wissen hinaus auch die Kunst des Lebens lehren wollte. Dabei verkörperte sie den Glauben an eine bessere Welt und an die grundsätzliche Möglichkeit der Veränderung von Menschen und ihren Lebensverhältnissen hin zu einem Plus an Humanität, Gerechtigkeit, Freiheit und einem würdevollen Dasein.

Insbesondere die pädagogischen Veranstaltungen Keys haben immer sehr von ihren Idealen und Wertvorstellungen profitiert. Denn eine jede Pädagogik steht und fällt mit der Person des Pädagogen und ist ganz wesentlich von dessen charakterlichen und weltanschaulichen Qualitäten abhängig. Nicht Worte und wohlfeiles Gerede, sondern das personale Format des Lehrers entscheiden über Erfolg oder Misserfolg einer pädagogischen Bemühung. Diesbezüglich hatte Ellen Key hervorragende persönliche Bedingungen aufzuweisen.

Ihre idealistischen Überzeugungen haben auch die Publikationen Ellen Keys maßgeblich geprägt. Man wundert sich, mit welcher Intensität und Nachhaltigkeit diese Frau andere Menschen und deren Leistungen bewundern und in umfangreichen Essays anerkennen konnte, ohne dabei in die Rolle bloßer Hagiographie zu verfallen. Und man ist beeindruckt von dem unerschütterlichen Credo Keys, das bei ihr in Anlehnung an Rous[Seite 79↓]seau lautet, dass der Mensch von Natur gut ist und nur durch ungute Erziehung und desolate Rahmenverhältnisse zur Dissozialität, Dummheit oder Verwahrlosung gelangen könne – ein Credo, das ihre Schriften über Dichter und Künstler ebenso durchzieht wie diejenigen über Pädagogik oder Politik.

Idealisten gegenüber wird häufig der Vorwurf erhoben, sie seien weltfremd oder naiv-gutgläubig und würden die Realitäten des Lebens nicht adäquat zur Kenntnis nehmen. Ein solches Urteil trifft auf Ellen Key nur zum Teil zu; aufgrund ihrer vielfältigen Lehrerfahrungen wie auch ihrer weiten Reisen durch halb Europa war die schwedische Autorin oft genug Situationen ausgesetzt, die ihr mit Macht und ungeschminkt die Wirklichkeit vor Augen führte.

Um allerdings angesichts einer ungerechten, verwahrlosten und schließlich zum Krieg bereiten Welt den idealistischen Glauben und den daraus abgeleiteten Handlungsspielraum nicht vollends zu verlieren, griff Key - wie viele andere Idealisten ebenso - zum Trick der partiellen Verdrängung von Realitäten. In vielen ihrer Texte entsteht daher der Eindruck, hier schreibe ein Mensch über eine Welt, wie es sie nicht mehr oder noch nicht gibt. Man mag dieses partielle Ausblenden der Wirklichkeit den Idealisten zum Vorwurf machen - es ist aber deren Conditio sine qua non für eine zukunftsträchtige Produktivität und Originalität trotz bisweilen äußerst bedrückender Verhältnisse und Rahmenbedingungen.

Wer seine Lebensvorstellungen oft und überwiegend in der Sphäre des Idealen ansiedelt, tut gut daran, den Kontakt mit der Realität - also auch mit Materie und Biologie - zumindest über seinen eigenen Leib aufrechtzuerhalten; schließlich verankert dieser uns - einem Diktum des französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty zufolge - in der Welt und verhindert ein Wegdiffundieren unserer Person ins Esoterische.

Diesbezüglich muss bei Ellen Key ein Defizit konstatiert werden. Wie bereits ausgeführt, war sie in Bezug auf Liebe und Partnerschaft merklich gehemmt und zurückhaltend, und es ist nicht sicher, ob sie je umfassende und erfüllende leibhaftige Begegnungen erlebt hat.

Dieses Manko macht sich in ihren Schriften über Liebe und Ehe, weibliche Rolle und Sexualität naturgemäß am deutlichsten bemerkbar. Darüber hinaus ist es jedoch wohl auch für manche etwas schwülstig oder übertrieben klingende Formulierungen in ihren Schriften verantwortlich zu machen. Denn wer „im Leibe wohnt“ - eine Metapher von Friedrich Nietz[Seite 80↓]sche, der sich nach solchen Momenten mehr sehnte, als dass er sie realiter erlebt hätte -, trägt mit ihm eine Art Maßstab bei sich, der unsere Urteile in einem mittleren Niveau hält und größere Abweichungen (ins Himmelhohe oder Bodenlose) verhindert.

Vielleicht weil Liebe und Sexualität fehlten oder überwiegend in sublimierter Form als pädagogischer Eros gelebt wurden, schlugen sie sich auch kaum in der Physiognomie Ellen Keys nieder; zeitlebens behielt sie mädchenhafte Gesichtszüge, die wie ein Versprechen immerwährender idealistischer Ausrichtung, aber auch immerwährender Jungfräulichkeit wirkten.


Ein Zoon politikon.-
Doch trotz dieser Einschränkungen entwickelte Key in ihrem Leben ein erstaunliches Ausmaß an politischer, kultureller und gesellschaftlicher Wachheit und Lebendigkeit. Hierfür förderlich war sicher ihre enge Beziehung zu ihrem Vater, der sie früh in Fragen der Politik und der sozialen und gesellschaftlichen Problemfelder Schwedens einführte und sie mit einem an der Kultur orientierten Lebensstil vertraut machte.

Für eine Frau Ende des 19. Jahrhunderts durchaus nicht selbstverständlich, gelang Key eine enorme Entwicklung bis hin zu den weltanschaulichen Gebieten des Sozialismus und des Pazifismus - eine Entwicklung, die nur möglich war, weil sie - vermittelt durch das Modell ihrer Vaterbeziehung - keine unfruchtbaren und sterilen Kämpfe gegen die damals von Männern dominierte Kultur führen musste und statt dessen deren Gedanken und kulturelle Leistungen ohne großes Ressentiment assimilieren konnte.

Dementsprechend friedlich und ohne übermäßige Aggressivität formulierte Key auch ihre emanzipatorischen Forderungen für die Frauen ihrer Epoche. Sie war sehr wohl sensibilisiert für die ungeheuren Probleme, die mit der patriarchalischen Kulturtradition verknüpft waren (und es immer noch sind). Doch sie erkannte bald, dass sowohl Frauen als auch Männer Opfer (und oft genug auch Täter) des Patriarchats waren, und dass daher eine einseitige Zuweisung von Schuld und Verantwortung fehl am Platze war.

Diese relative Aggressionsfreiheit Ellen Keys ging jedoch keineswegs mit Passivität oder unkritischer Einstellung einher; besonders deutlich kann man dies an ihren Stellungnahmen zu Themen des Glaubens und der Religiosität ablesen. Hierbei erwies sich Key als konsequente und [Seite 81↓]mutige Agnostikerin, die sich allenfalls noch auf einen an Spinoza orientierten Pantheismus festlegen ließ - ein Pantheismus, von dem viele Experten behaupten, dass er eigentlich nichts weiter als ein verkappter Atheismus des niederländischen Philosophen war.

In der Individualpsychologie Alfred Adlers hätte man die Haltungen und Einstellungen Keys zu politischen, gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Fragen und Problemen als Ausdruck von Gemeinschaftsgefühl oder Common sense bei gleichzeitiger relativer Abwesenheit von „männlichem Protest“ oder übermäßigem Machtstreben interpretiert. Eine derartige Daseinsgestaltung trifft man vorrangig bei Menschen mit hohem Selbstwertgefühl und großer Ichstärke an, die auf eine sozial und kulturell unproduktive Kompensation ihrer realen oder vermeintlichen Inferiorität kaum angewiesen sind und deshalb einen Großteil ihrer Lebensenergie den Fragen der Entwicklung von Kultur, Mitmenschen und der eigenen Person widmen können. Aufgrund der uns zur Verfügung stehenden biographischen Unterlagen steht zu vermuten, dass Ellen Key mit den meisten dieser Qualitäten ausgezeichnet war.


Die gute Europäerin.-
Anfang des 21. Jahrhunderts spricht man in Europa viel über die gemeinsame Wirtschafts- und Währungsunion; verbunden damit sind mannigfache Fragen und Detailprobleme aus den Bereichen der Finanzen, des Steuer- und des Rechnungswesens. Es ist hier nicht der Ort, über die Vor- und Nachteile eines derartigen europäischen Verbundes zu urteilen. Was jedoch bei dieser zeitgenössischen Debatte beinahe immer fehlt oder zu kurz kommt, ist der Gedanke an eine „europäische Kulturunion“, von der manche Politiker meinen, sie könne eventuell erst in einigen Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten Wirklichkeit werden.

Eine solche europäische Kulturunion auf einem außerordentlich hohen Niveau hat es jedoch vor etwa einhundert Jahren zumindest in Ansätzen bereits einmal gegeben. Gemeint ist das Europa der Künstler, Schriftsteller und Intellektuellen, das sich Ende des 19. Jahrhunderts in vielfältigen Bezügen zu etablieren begann und bis zum Ersten Weltkrieg ein gewisses Blütestadium erreicht hatte. Rudimente davon wurden über diesen Ersten Weltkrieg hinaus bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein gerettet und fielen dann aber endgültig dem Faschismus und Totalitarismus zum Opfer.


[Seite 82↓]

Als „Europäer von Rang“, welche ihre jeweiligen nationalen Engen und Einseitigkeiten weit hinter sich gelassen und statt dessen die Idee des kulturellen Weltbürgertums (Goethe) zumindest in Europa realisiert hatten, galten um die Jahrhundertwende 1900 oder danach z.B. Schriftsteller wie Robert Musil, Stefan Zweig, Franz Kafka, Ödön von Horváth, Thomas und Heinrich Mann, Rainer Maria Rilke, Romain Rolland, Marcel Proust, James Joyce, George Bernhard Shaw, Oscar Wilde, Leo Tolstoi, Maxim Gorki, Henrik Ibsen, Georg Brandes und viele andere.

Auf dem Gebiet der Philosophie lassen sich ebenfalls etliche Namen benennen, die für ein europäisches Kulturprogramm standen: Friedrich Nietzsche, Henry Bergson, Paul Valéry, Edmund Husserl, Wilhelm Dilthey, Peter Kropotin und Bertrand Russel. Und auch auf dem Gebiet der Wissenschaften konnte man um 1900 eine Tendenz zur Internationalisierung und Europäisierung beobachten; nicht zuletzt Sigmund Freud und Alfred Adler verkörperten eine derartige Entwicklung.

Betrachtet man vor diesem Hintergrund die Vita Ellen Keys, kann man feststellen, dass die Schwedin mit vielen dieser eben Genannten entweder direkten Kontakt unterhielt oder sich in ihrem Denken und in ihren Publikationen ausführlich auf sie bezogen hat. In der Person Ellen Keys kam der unbedingte Wille zum europaweiten Dialog zum Ausdruck, zu einem Gespräch, das die nationalen, religiösen und ethnischen Grenzen weit hinter sich ließ und eine europäische Kultur ins Auge fasste, wie sie heute größtenteils lediglich als ein Desiderat der Zukunft formuliert werden kann.

Für Ellen Key war aufgrund ihrer engen Verflechtung mit den kulturellen Traditionen und vielen konkreten Intellektuellen und Künstlern Alteuropas das barbarische Gemetzel des Ersten Weltkrieges ein besonders schmerzhafter Einschnitt, der ihren intellektuellen, emotionalen und sozialen Stoffwechsel ganz entscheidend gestört und unterbunden hat. Wie bei vielen anderen Dichtern, Wissenschaftlern und Philosophen, war auch bei Key daher während und nach dem Ersten Weltkrieg ein merklicher Rückgang ihrer schriftstellerischen Produktivität zu konstatieren. Dies war bei ihr nicht zuletzt auch Ausdruck einer tiefen Enttäuschung und Resignation bezüglich der Ohnmacht und des fehlenden Einflusses von Intellektuellen auf den heillosen Lauf der Weltgeschichte.


[Seite 83↓]


Die Humanistin und Aufklärerin.-
Bei allen Einschränkungen und Grenzen, die auch die Biographie Ellen Keys kennzeichnen, kann man dieser klugen, tapferen und außerordentlich expansiven Frau den unbedingten Willen nicht absprechen, sich und ihren Zeitgenossen das Leben durchschaubar zu machen und damit eine Grundlage zu schaffen, von der aus das menschliche Dasein human und würdevoll geführt werden kann.

Mit diesen Intentionen stand Ellen Key in der Tradition der europäischen Humanisten und Aufklärer, die im Rahmen der Renaissance und dann ein zweites Mal während des 18. Jahrhunderts versuchten, die Conditio humana vorurteilsfrei zu erkunden und ohne Hemmungen und falsche Scham zu beschreiben. Sie haben damit große Schritte auf dem Weg zur Emanzipation und Autonomie des Menschen unternommen, von denen wir Heutigen noch immer profitieren.

Insbesondere die englischen, französischen und deutschen Aufklärer des 18. Jahrhunderts sind in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Ellen Key hat in ihren Schriften vielen Vertretern dieser Epoche ihre Referenz erwiesen und gleichzeitig deren Sinn- und Werthorizont für sich assimiliert. Es ist daher nicht erstaunlich, in ihren Texten immer wieder auf Argumente, Bilder und Metaphern zu stoßen, welche an Voltaire, Diderot, Rousseau, Goethe, Lessing oder Kant erinnern. Key brachte Gedanken zum Ausdruck, deren Wurzeln teilweise bis an den Anfang des 18. Jahrhunderts zurückreichen.

Wenn Ellen Key in einem Zug mit den Humanisten und Aufklärern Europas genannt wird, so sollen damit vor allem ihr Menschenbild und ihre davon ausgehenden pädagogischen Bemühungen gewürdigt werden. Damit nämlich hat sie einen zentralen Gedanken der Renaissance und der Epoche der Aufklärung wieder aufgegriffen: Dass der Mensch ein Wesen sei, dessen Konturen gar nicht genau bestimmt werden können, weil er sich zu beinahe allen Zielen hin entwickeln und erziehen kann und muss. Die Idee und Überzeugung von der grundsätzlichen Erziehbarkeit des Menschen war für viele Humanisten und Aufklärer der Schlüssel für die Veränderung der Welt und ihrer Kultur und Geschichte. Und exakt diesen Schlüssel gebrauchte und favorisierte auch Ellen Key.


Fußnoten und Endnoten

1 Key, E. in: Nyström-Hamilton, L.: Ellen Key. Ein Lebensbild, Leipzig 1904., S. 9f.

2 Nyström-Hamilton, L.: Ellen Key. Ein Lebensbild, a.a.O., S. 21

3 Key, E. in: Nyström-Hamilton, L.: Ellen Key. Ein Lebensbild, a.a.O., S. 17

4 Zit. n.: Nyström-Hamilton, L.: Ellen Key. Ein Lebensbild, a.a.O., S. 30

5 Nyström-Hamilton, L.: Ellen Key. Ein Lebensbild, a.a.O., S. 42f.

6 Zit. n.: Nyström-Hamilton, L.: Ellen Key. Ein Lebensbild, a.a.O., S. 44

7 Zit. n.: Nyström-Hamilton, L.: Ellen Key. Ein Lebensbild, a.a.O., S. 47

8 Zit. n.: Nyström-Hamilton, L.: Ellen Key. Ein Lebensbild, a.a.O., S. 57

9 Friebus, D.: Ellen Key und das Motiv der Selbsterziehung, in: Kaminski, K. (Hrsg.): Die Frau als Kulturschöpferin - Zehn biographische Essays, Würzburg 2000, S. 91

10 Stafseng, O.: Ellen Key und ihr „Jahrhundert des Kindes“ – Autobiographie oder Ethnographie? Ein Beitrag aus skandinavischer Sicht, in: Baader, M.S., Jacobi, J. u. Andresen, S. (Hrsg.): Ellen Keys reformpädagogische Vision – „Das Jahrhundert des Kindes“ und seine Wirkung, Weinheim und Basel 2000, S. 24f.

11 Key, E.: Victoria Benedictsson, in: Drei Frauenschicksale, Berlin 1908

12 In: Brandes, G.: J.P. Jacobsen und andere skandinavische Persönlichkeiten, Dresden 1924, S. 337-345

13 Brandes, G.: J.P. Jacobsen und andere skandinavische Persönlichkeiten, a.a.O., S. 342

14 Key, E.: Brief an Rilke vom 05.02.1903, in: Rainer Maria Rilke - Briefwechsel mit Ellen Key, mit Briefen von und an Clara Rilke-Westhoff, hrsg. v. Theodore Fiedler, Frankfurt am Main 1993, S. 8

15 Rilke, R.M.: Brief an Clara Westhoff vom 21.06.1906, in: Rainer Maria Rilke - Briefwechsel mit Ellen Key, a.a.O., S. 280

16 Siehe hierzu: Schütze, P.: August Strindberg (1990), Reinbek bei Hamburg 1990, S. 122f.

17 Siehe hierzu: Artikel „Schwedische Literatur“, in: Harenberg Lexikon der Weltliteratur, Band 5 (1989), Dortmund 1995, S. 2616

18 Nyström-Hamilton, L.: Ellen Key. Ein Lebensbild, a.a.O., S. 62

19 Key, E. in: Nyström-Hamilton, L.: Ellen Key. Ein Lebensbild, a.a.O., S.38

20 Key, E.: Madame de Staël und Napoleon I., in: Die Wage, Wiener Wochenschrift, Wien 1900, Nr. 29, S. 40-42, Nr. 30, S. 57-60

21 Key, E.: Malwida von Meysenbug, in: Die Zeit, Wien 1902, Nr. 388, S. 151-153

22 Paulsen, F.: Väter und Söhne (1907), zit. n.: Herrmann, U.: Die „Majestät des Kindes“ – Ellen Keys polemische Provokationen, Nachwort in: Ellen Key: Das Jahrhundert des Kindes, Weinheim und Basel 2000, S. 255

23 Rilke, R.M.: Rezension von Das Jahrhundert des Kindes (1902), in: Rainer Maria Rilke - Briefwechsel mit Ellen Key, Frankfurt am Main 1993, S. 253ff.

24 de Mause, L.: Hört ihr die Kinder weinen – Eine psychogenetische Geschichte der Kindheit (1974), Frankfurt am Main 1977, S. 587

25 Zweig, St.: Die Welt von gestern - Erinnerungen eines Europäers (1942), Frankfurt am Main o.J., S. 153

26 Zweig, St.: Widmung an Ellen Key (1904), zit. n.: Prater, D.A.: Stefan Zweig - eine Biographie (1972), Reinbek bei Hamburg 1991, S. 39

27 Zweig, St.: Tagebuchnotiz vom 7. Februar 1915, in: Tagebücher, Frankfurt am Main 1984, S. 138

28 Zweig, St.: Brief an Romain Rolland vom 19. Oktober 1914, in: Briefe an Freunde, hrsg. von Richard Friedenthal, Frankfurt am Main 1978, S. 31f.

29 Key, E.: Romain Rolland, in: Die Tat, Sozial-religiöse Monatsschrift für deutsche Kultur, 5. Jahrgang 1913/14, Heft 7, S. 697-719

30 Key, E.: Romain Rolland, in: Die Tat, a.a.O., S. 703

31 Key, E.: Romain Rolland, in: Die Tat, a.a.O., S. 704

32 Musil, R.: Tagebücher Heft 11 (1905-1908), hrsg. von Adolf Frisé, Reinbek bei Hamburg 1976, S. 151

33 Musil, R.: Tagebücher Heft 11, a.a.O., S. 153

34 Musil, R.: Tagebücher Heft 11, a.a.O., S. 157

35 Musil, R.: Tagebücher Heft 11, a.a.O., S. 168f.

36 Key, E.: Carl Jonas Ludwig Almqvist - Schwedens modernster Dichter, in: Menschen. Zwei Charakterstudien (1903), Berlin 1905, S. 3f.

37 Barrett-Browning, E.: Sonette aus dem Portugiesischen (1847), übertragen von R.M. Rilke, in: Rainer Maria Rilke Werke in drei Bänden, Frankfurt am Main 1991, Bd. 2, S. 351

38 Key, E.: Liebe und Ethik (1905), Berlin o.J., S. 17

39 Förster-Nietzsche, E.: Einladung an Ellen Key vom 3. April 1905, zit. n.: Anhang 1

40 Key, E.: Antwortschreiben an Elisabeth Förster-Nietzsche vom 4. April 1905, zit. n.: Anhang 2

41 Förster-Nietzsche, E.: Einladung zum Nachmittagstee für den 11. April 1905, zit. n.: Anhang 3

42 Krüger, E.: Mitschrift der Ansprache von Ellen Key im Nietzsche-Archiv Weimar vom 11. April 1905, Anhang 4

43 Key, E.: Ansprache im Nietzsche-Archiv Weimar vom 11. April 1905, zit. n.: Anhang 4, S. 8

44 Key, E.: Ansprache im Nietzsche-Archiv Weimar vom 11. April 1905, zit. n:. Anhang 4., S. 9

45 Key, E.: Dankschreiben an Elisabeth Förster-Nietzsche vom 14. April 1905, Anhang 5

46 Siehe hierzu: Postkarten an Elisabeth Förster-Nietzsche vom 15. & 23. September 1905, Anhang 6

47 Siehe hierzu: Anhang 7

48 Berliner Lokalanzeiger: Ellen Key vor dem Berliner Publikum, 23. Februar 1905, Anhang 8

49 Schulhof, H.: Ellen Key die Reaktionärin, in: Die Zeit vom 14. März 1905, Wien, Anhang 9

50 Siehe hierzu: Wehr, G.: Martin Buber - Leben, Werk, Wirkung (1977), Zürich 1991, S. 85

51 Key, E.: Rahel Varnhagen - Eine biographische Skizze (1907), Halle 1920, S. 15

52 Siehe Erläuterungen zu: Andreas-Salomé, L.: Lebensrückblick (1951), Frankfurt am Main 1968, S. 285

53 Siehe hierzu: Koepcke, C.: Lou Andreas-Salomé - Leben, Persönlichkeit, Werk (1986), Frankfurt am Main 1986, S. 203

54 Andreas-Salomé, L.: Lebensrückblick (1951), Frankfurt am Main 1968, S. 175

55 Siehe hierzu: Prater, D.A.: Ein klingendes Glas - Das Leben Rainer Maria Rilkes (1986), Reinbek bei Hamburg 1989, S. 285

56 Suttner, B. v.: unveröffentlichter Brief vom 18. Juni 1901, Staatsbibliothek Stockholm, zit. n.: Sabine Andresen u. Meike Sophia Baader: Wege aus dem Jahrhundert des Kindes - Tradition und Utopie bei Ellen Key, Neuwied 1998, S. 5

57 Key, E.: Brief an Rilke und Andreas-Salomé vom 5. April 1915, in: Rilke, R.M.: Briefwechsel mit Ellen Key, hrsg. von Theodore Fiedler, Frankfurt am Main 1993, S. 236f.

58 Key, E.: Wie kann der Völkerbund kommen?, in: Neue Zürcher Zeitung vom 27. April 1919, Anhang 10

59 Wolterstorff, M.: Ellen Key, in: Monatsblatt des Deutschen Bundes gegen die Frauenemanzipation, Jahrgang 1915, Nr. 5, 15. Mai 1915, Anhang 11

60 Key, E.: Brief an Rilke vom 16. November 1921, in: Rilke, R.M.: Briefwechsel mit Ellen Key, a.a.O., S. 241

61 Rilke, R.M.: Brief an Ellen Key vom 30. November 1921, in: Rilke, R.M.: Briefwechsel mit Ellen Key, a.a.O., S. 242f.



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11.08.2004