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6.  Key und die Dichtung


Selbst unter akademischen Psychologen gilt es heute als einigermaßen ausgemachte Sache, dass die älteste Psychologie in der Sprache der Menschen verborgen ist. Von daher ist es nicht verwunderlich, wenn diejenigen, welche die Sprache am vollkommensten beherrschen - nämlich die Dichter -, in ihren Werken ebenfalls schon seit Jahrtausenden eine gewisse Form der Seelenkunde zum Ausdruck bringen. Eindrückliche Beispiele einer derartigen, in der Dichtung enthaltenen Psychologie finden sich etwa in den Dramen Shakespeares und Schillers, in den Romanen Goethes oder Dostojewskis oder auch in den Erzählungen Maupassants oder Tschechows. Unter anderem Sigmund Freud und Alfred Adler haben häufig auf diese und viele weitere Dichter als ungemein hellsichtige und hoch zu schätzende Vorläufer ihrer eigenen Zunft hingewiesen.

Auch Key war als Pädagogin, Psychologin und Kulturanalytikerin immer bereit, in den Bereichen von Kunst, Wissenschaft und Philosophie nach allfälligen Traditionen und Vorläufermodellen zu suchen, die für ihre eigenen Ansichten und Konzepte relevant hätten sein können. In diesem Zusammenhang stieß sie schon früh auf die skandinavische wie auch auf die übrige europäische Literatur, die sie bald außerordentlich schätzen lernte. Hier begegneten ihr Werke, die ihrem Anspruch nach ästhetischer ebenso wie nach authentischer Gestaltung der Wirklichkeit entgegenkamen und sie zu vielfältigen Abhandlungen und essayistischen Studien inspirierten.

Darüber hinaus war Ellen Key meist auf der Suche nach Modellen eines wahrhaft humanistisch und aufgeklärt geführten Daseins. In den ersten Jahrzehnten ihres Lebens bis etwa 1900 beschäftigte sie sich mit einzelnen Schriftstellern, Künstlern oder Intellektuellen nicht nur wegen deren spezifischen Leistungen, sondern vorrangig auch aufgrund ihrer biographischen Eigentümlichkeiten und unterschiedlichen Lebensstile, von denen die schwedische Pädagogin hoffte, Antworten auf die Fragen nach der eigenen Lebensführung zu erhalten. An drei Beispielen soll im folgenden dieses komplexe Interesse Keys an der Literatur exemplifiziert werden: an Goethe, Ibsen und Rilke. Aus chronologischen Erwägungen und ebenso wegen seiner zentralen Bedeutung für Ellen Key beginnen wir mit dem Weimarer Dichterfürsten.


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6.1.  Johann Wolfgang Goethe (1749-1832)


Wer, wie Ellen Key, die Pädagogik und Psychologie in der Tradition der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte verankert, kommt kaum umhin, sich mit einer ausnehmend wichtigen und zentralen Gestalt dieser Geschichte auseinander zusetzen: mit Goethe. Der Weimarer Olympier galt und gilt immer noch als Universalgenie, das für Wissenschaft, Kunst und Philosophie gleichermaßen Zeit überdauernde Akzente zu setzen vermochte.

Es ist interessant, dass Ellen Key über Goethe keinen eigenständigen Essay und keine umfangreichere Abhandlung angefertigt hat. Obschon er als Ideengeber und Modell einer gelungenen Persönlichkeitsentwicklung für sie von immens hohem Wert war, vermied Key es, ihm - anders etwa als Diderot, Verhaeren, Rodin, Nietzsche, Rilke, Barret-Browning usw. - dezidiert ein literarisches Denkmal zu setzen.

Für dieses Faktum kann man wahrscheinlich die tiefe und umfassende Bewunderung, die Key für Goethe die meiste Zeit ihres Lebens über hegte, verantwortlich machen. Ihm und seinem Werk gegenüber muss die schwedische Schriftstellerin beinahe so etwas wie Ehrfurcht und Hochachtung verspürt haben, die es ihr unmöglich erscheinen ließen, ihr hochverehrtes Idol und Vorbild in Worten und Sätzen zu objektivieren und damit in gewisser Weise auch zu reduzieren. Statt dessen erwähnte Key in vielen ihrer Aufsätze Goethe beinahe en passant. Ihre Ansichten und Urteile über Goethe sind deshalb nicht kurz und bündig in Form einer Abhandlung nachzulesen, sondern über ihr gesamtes Oeuvre verstreut.

Wie sehr sich Ellen Key in die goethesche Gedankenwelt eingelebt hatte, brachte einmal der Reformpädagoge Paul Geheeb (1870-1961) zum Ausdruck, der als Zeitgenosse seiner schwedischen Kollegin deren pädagogische Ausführungen ebenso sehr wertschätzte wie ihre psychologischen und kulturanalytischen Studien. In einem öffentlichen Brief aus dem Jahre 1939, der in der Berner Zeitung Die Nation abgedruckt wurde, schrieb Geheeb:

Ellen Key war eine der gelehrigsten Jüngerinnen Goethes; wie nahe Goethes geistige Welt der Pestalozzis steht, bedarf kaum noch eines Hinweises; und Ellen Key gebührt das Verdienst, [Seite 112↓]ungezählten Tausenden Goethe und Pestalozzi erst recht nahe gebracht zu haben.1


Neben seinen literarischen und künstlerischen Leistungen begeisterte sich Key vor allem für Goethes Weltanschauung, für seine Anthropologie und schließlich auch für seine Art und Weise, sein eigenes Leben und seine Person als exquisites Kunstwerk zu begreifen und zu gestalten. In ihrem Buch Der Lebensglaube. Betrachtungen über Gott, Welt und Seele (1906) hebt sie an Goethe besonders dessen permanente Bereitschaft, das Leben in allen seinen Spielarten und Konsequenzen zu bejahen, hervor. Den Sinn des Daseins nicht in transzendenten Mächten oder Sphären, sondern mitten in der menschlichen Existenz zu suchen, überzeugte die schwedische Intellektuelle sehr.

Dass diese menschliche Existenz in vielen Facetten außerordentlich polar und widersprüchlich angelegt ist, wusste Goethe nur zu genau. Die Tektonik seiner eigenen Person wies zu dieser Polarität des menschlichen Daseins viele Analogien auf, so dass für den Weimarer Dichter in vielerlei Hinsicht die Möglichkeit gegeben war, die Problematik der eigenen Biographie in der allgemeinen Menschheitsgeschichte und umgekehrt auch die Themen des Menschlich-Allzumenschlichen in den Umrissen des eigenen Selbst wiederzuerkennen.

Beispiele für eine derartige Polarität bei Goethe waren etwa seine ausgeprägte Neigung zur Individualität wie auch zur Geselligkeit, seine „introvertierte Extraversion“, seine vergeistigte Sinnlichkeit respektive sinnliche Intellektualität, seine Expansivität und Furchtlosigkeit bei gleichzeitiger schüchterner Zurückhaltung und ängstlicher Vorsicht, sein kulturelles Weltbürgertum und seine provinzielle Ausrichtung nach Weimar und vieles andere mehr. Die Kunst seiner Daseinsgestaltung bestand darin, zwischen diesen teilweise extremen Widersprüchlichkeiten für Ausgleich zu sorgen, wobei sich dieser Ausgleich oft genug in Form von Dichtung, bisweilen aber auch als wissenschaftliche und selten als philosophische Bemühung bemerkbar machte. Neben vielen anderen Leistungen hat Ellen Key diese goethesche Balance zwischen den Widersprüchen und Polaritäten als eine seiner größten anerkannt:


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Für ihn war „alle Anschauung Denken, alles Denken Anschauung“; ja, man kann auch sagen, daß er stets bemüht ist, das Denken in Handeln umzusetzen. Seine Allseitigkeit ist nur mit der Leonardos vergleichbar, der jedoch nicht all die extremen Gegensätze barg, die Goethe nach zahllosen Mühen allmählich in Harmonie auflöst und dadurch jene Lebensanpassung in höchstem Sinn erreicht, die sein Ziel war.2


Viele Goethebiographen - z.B. Richard Friedenthal3, Nikolas Boyle4, Georg Brandes5, Karl Otto Conradi6, Emil Staiger7, Kurt Viëtor8 - haben in ihren Schriften betont, dass eine der größten Lebensleistungen Goethes darin bestanden hätte, die teilweise enorme Spannung zwischen den eben angedeuteten Polaritäten ausgehalten und als dynamisches Fundament seiner Persönlichkeitsentwicklung genutzt zu haben. Neben seinen dramatischen, epischen und lyrischen Kunstwerken imponieren seine Biographie sowie das immense Niveau seiner Personalität als die herausragenden und immer wieder staunen machenden Leistungen seiner Existenz. Nicht nur sein Werk, sondern sein Dasein insgesamt als Schöpfungsauftrag zu betrachten - das zeichnete Goethe aus und hob ihn über viele andere Künstler seiner Epoche hinaus. Auf eben diesen Gedanken verwies auch Ellen Key in ihrem Essay Der Lebensglaube, den sie im gleichnamigen Buch (Berlin 1906) publiziert hat.

Hätte Goethe in unserer Zeit gelebt, wie vollständig hätte er nicht mit all jenen übereingestimmt, die jetzt in allen Ländern gegen das Maschinenleben der Gegenwart betonen, daß die Arbeit der Kraftbefreier nicht der Kraftbinder sein soll; daß das Schaffen eines Lebens in Schönheit das Ziel unserer Arbeit sei.9


Dieses „Schaffen eines Lebens in Schönheit“, das gleichbedeutend ist mit [Seite 114↓]einer Stilisierung und Verfeinerung der eigenen Existenz, wurde von Goethe als eine exquisite Aufgabe von Individuen betrachtet, welche Willens und in der Lage sind, der Welt um sie her Wert zu verleihen. Der Weimarer Dichter hatte von Jugend auf verstanden, dass die Wert- und Sinnhaftigkeit eines Daseins demselben nicht per Zufall oder durch äußere Machination zufällt, sondern dass der Betreffende selbst sich und seinem Leben Wert und Sinn verleihen müsse. Nur derjenige, der Werte und Sinnhorizonte erkennt, anerkennt und realisiert, werde letztlich mit einem sinnerfüllten und wertvollen Dasein belohnt. Auch diese Aspekte des Werterkennens und der Realisierung von Sinn wurden von Ellen Key im eben erwähnten Essay ausgeführt:

Schon früh sieht man ihn (Goethe, K.M.) unter widrigen Schicksalen das Leben mit Nachsicht behandeln, so wie man einen Unzurechnungsfähigen behandelt. Und bald begreift er, daß der Wert des Menschen von seiner Macht abhängt, dem Leben Werte zu verleihen. Nicht grübelnd, nur handelnd entdeckt der Mensch, was in ihm liegt. Vor allem im Handeln für große Ziele.10


Für Ellen Key waren Goethes Leben wie auch sein Werk eine unermessliche Fundgrube psychologischer, pädagogischer und anthropologischer Erkenntnisse. Immer wieder zitierte die Schwedin den Weimarer Dichter, um an ihm oder seinen Figuren ihre eigenen Ansichten und Überzeugungen zur Psychologie, Pädagogik und Anthropologie zu eichen oder zu bestätigen. Insbesondere die Figur des Faust wurde von Key öfter herangezogen, um modellhaft zu demonstrieren, welche grundlegenden Sehnsüchte, Konflikte und existentiellen Nöte den Menschen auszeichnen. In ihm erkannte Key den Prototyp eines Individuums, welches ein uneingeschränktes Bekenntnis zum Leben und zur Welt sowie zum eigenen Selbst abgibt und trotz Niederlagen, Schuld und Scheitern nicht in masochistische Selbstvorwürfe oder Selbstaufopferung verfällt. Ähnlich wie Faust - so Key - habe Goethe sein Leben als Möglichkeit der Selbstwertsteigerung und Selbstentfaltung interpretiert:


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Goethe stellt die Selbstentwicklung - die Befreiung des Einzelnen und der Menschheit von innen heraus, durch Erreichung immer höherer Entwicklungsformen - sowohl der Ohnmachtslehre des Christentums wie der Irrlehre der Aufklärungszeit, daß der Mensch vollkommen aus der Hand der Natur hervorgegangen sei, entgegen.11


Dieser letzte Gedanke stellt eine Anspielung auf die Pädagogik und Anthropologie von Jean-Jacques Rousseau dar, dessen diesbezügliche Ansichten im Kapitel über Ellen Key und ihre pädagogischen Vorläufer ausführlich erörtert werden. An dieser Stelle mag es daher genügen, lediglich darauf hinzuweisen, dass Rousseau von der Prämisse der naturgegebenen Güte und Vollkommenheit des Menschen ausgegangen ist, den erzieherische und kulturelle Einflüsse in der Regel angeblich verderben und dessen ursprüngliche Vollkommenheit sie reduzieren.

Ellen Key nahm in ihrer eigenen Pädagogik einen entgegengesetzten Standpunkt ein. Vehement vertrat sie immer wieder die Meinung, dass die Menschen erst durch Erziehung und günstige kulturelle Einflüsse sich zu einem humanistischen Niveau hin entwickeln können und dass der Homo sapiens bei Geburt zwar über eine beachtliche Anzahl von Möglichkeiten und Fähigkeiten des Lernens verfüge, diese aber gefördert und gepflegt werden müssen, um aus ihm ein wahrhaft menschliches Wesen erwachsen zu lassen.

Gleichzeitig mit ihrer Absage an die von Rousseau vertretene Position der naturgegebenen Vollkommenheit des Menschen vertrat Key jedoch ein anderes erzieherisches Ideal der Aufklärungszeit, das da lautete: Der Mensch kann bei intensiver Förderung zu allem erzogen werden. Ein illustres Beispiel für einen derartigen pädagogischen Enthusiasmus stellte in den Augen der schwedischen Reformpädagogin Goethe dar. In ihrem Buch Das Jahrhundert des Kindes nahm Key im Kapitel über Die Schule der Zukunft auf die Art und Weise Bezug, wie der Knabe Johann Wolfgang in Frankfurt derart günstig erzogen wurde, dass aus ihm der spätere Dichter Goethe werden konnte. An ihm – so Key – und seiner Erziehung könne man Maß nehmen, wenn man eine Pädagogik der Zukunft entwerfen wolle:


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Goethes Erziehung ist in diesem Falle ideal, wenn man von einiger Pedanterie auf Seiten des Vaters absieht. Am Arbeitstische seiner Mutter lernt er die Bibel kennen; Französisch lernt er von einer Theatertruppe; Englisch von einem Sprachmeister zusammen mit dem Vater; Italienisch, indem er die Schwester in dem Gegenstande unterrichten wird; Mathematik von einem Freunde des Hauses, und Goethe wendet sie sogleich an: zuerst bei seinen Papparbeiten, später bei seinen architektonischen Zeichnungen... Er wandert mit dem Vater herum, lernt verschiedene Handwerke beobachten, kleine Aufträge ausführen usw. ... Für das Kind wie für den Erwachsenen gilt Goethes Wort, daß Glück die Entwicklung unserer Fähigkeiten ist.12


Noch für eine weitere, für Ellen Key überaus wichtige Thematik war Goethe ein Vorbild und Prototyp: Als Homo religiosus, dessen Religion in nichts anderem denn seinem Lebensglauben bestand. Wie in dem Kapitel über Ellen Key und die Religion näher ausgeführt, kann auch ihre Weltanschauung und Religiosität als ein im weitesten Sinne Lebensglaube bezeichnet werden. Ähnlich wie für Spinoza bedeutete die Natur für Goethe das Göttliche: Deus sive natura - Gott und Natur sind eins. Diese pantheistische Auffassung des einsamen Philosophen aus Amsterdam wurde zur Richtschnur auch für Goethes Welt- und Naturauffassung. Ganz richtig stellte Key dabei fest, dass Goethe jedoch in Ergänzung zu Spinoza den Gedanken einer evolutionären Dynamik in dessen Weltbild integriert habe. Damit habe der Dichter den Wert des Lebendigen nochmals gesteigert und ihm eine quasi göttliche Rolle zuerkannt. Diesem Leben - in Goethes Worten: diesem „Stirb und werde!“ - begegnete Goethe mit einer unbedingten Bejahung und Frömmigkeit, von der Key meinte, sie könne ein Modell abgeben für eine zeitgemäße und diesseits orientierte Religiosität:

Ehe Goethe kam, lag das Weltbild, das Spinoza geschaffen, strahlend, aber erstarrt da... Durch den Entwicklungsgedanken brachte Goethe Bewegung in Spinozas stille Welt. Nicht auf dem Wege der Beweisführung, sondern auf dem der Ahnung vereint Goethe Gegensätze, die noch jetzt als unvereinbar angesehen werden. Er fühlte mit der lebendigsten Gewißheit, daß [Seite 117↓]alle die Begriffe, die der Dialektiker einander „ausschließen“ läßt, sich nicht aus der Wirklichkeit ausschließen lassen... Da ist der Monismus Wahrheit und doch der Dualismus unverkennbar!... Er liebt das Leben in allen seinen Formen, den Weltzusammenhang in allen seinen Gesetzen... Aber Leben, das bedeutete für ihn nicht mit der Seele allein, nicht mit den Sinnen allein zu leben, sondern mit beidem. Es gibt nichts jenseits der Natur.13


Key betont mehrfach in ihrem Werk, dass Goethe mit seinen Ansichten zur Metamorphose (etwa der Pflanzen, aber auch der Tiere und möglicherweise der Menschen) bereits nahe an die evolutionistischen Konzepte von Charles Darwin und Herbert Spencer herandachte. Mit seiner Suche nach der „Urpflanze“, aus der sich die gesamte Flora entwickelt haben sollte, war Goethe tatsächlich zu einem Vorläufer der Deszendenz-Theorie geworden, die er jedoch nicht in einem naturwissenschaftlichen, sondern eher in einem naturphilosophischen Sinne vorausahnte.

Diese Interpretation Goethes als Evolutionist kam Key entgegen, da sie ihre eigene Pädagogik wie auch ihr nicht immer explizit formuliertes Menschenbild vor dem Hintergrund einer umfassenden evolutionären Dynamik konzipierte. Goethe sollte ihr als Gewährsmann dafür dienen, dass die naturwissenschaftlichen bzw. biologischen Modelle Darwins auf die kulturellen - also die historischen, sozialen, politischen und psychologischen - Fragestellungen, welche Ellen Key zu beantworten suchte, anwendbar seien. Freilich geriet sie dabei immer wieder in die Gefahr, die Natur zu anthropomorphisieren und die Kultur zu naturalisieren.

6.2. Henrik Ibsen (1828-1906)


Für Ellen Key war der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen ein außergewöhnlich wichtiger und für ihre Weltanschauung wie auch für ihre persönliche Entwicklung relevanter Künstler und Dichter. Obschon Ibsen und Key Zeitgenossen und beide in Skandinavien geboren waren - Ibsen stammte aus dem kleinen, an der Südküste Norwegens gelegenen Städtchen Skien -, haben sich beide persönlich wahrscheinlich nicht direkt kennen gelernt.


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Zumindest einmal jedoch könnte Ellen Key den Dichter kurz gesehen und wohl auch gehört haben. Es war dies im September 1887, als Ibsen einige Wochen lang in Göteborg und dann in Stockholm weilte und man ihm zu Ehren ein großes Bankett abhielt, auf dem er eine kleine Rede über seine Vorstellungen die Zukunft der Menschheit betreffend hielt.14 Key, die zu jener Zeit in Stockholm arbeitete, zitierte später in einem Essay über Henrik Ibsen einige Passagen aus dieser Rede ziemlich wortgetreu, so dass angenommen werden darf, dass sie bei jener Feier anwesend war (obgleich sie den Zeitpunkt des Stockholmbesuchs Ibsens in ihrer Erinnerung um ein Jahr vorverlegte).

Neben der Tatsache, dass Ibsen in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts ein viel diskutierter Autor und allein schon deshalb für Key kein Unbekannter war, hatte die Schwedin darüber hinaus Gelegenheit, den norwegischen Dramatiker und seine künstlerische Bedeutung auch in einigen Aufsätzen von Georg Brandes kennen zu lernen. Brandes nämlich hatte bereits 1867 und 1882 größere Arbeiten über Ibsen verfasst, die er in seinem Sammelband Moderne Geister - Literarische Bildnisse aus dem 19. Jahrhundert 15 (1882/1897/1901) publizierte - ein Sammelband, den Ellen Key sicherlich kannte und schätzte.

Henrik Ibsen war zwar eine Generation älter als Ellen Key, hat aber dennoch in seinen Schriften derart moderne und progressive Ideen vertreten, dass Key und viele weitere Intellektuelle ihrer Zeit den norwegischen Dichter als ihresgleichen empfanden und akzeptierten. Ibsen begann seine Karriere in Norwegen, indem er kleinere Regiearbeiten an diversen Theatern übernahm und gleichzeitig für etliche Zeitungen als Rezensent für Theateraufführungen tätig war. Parallel dazu versuchte er sich als Lyriker und Dramatiker, was in seinem Vaterland mit nur mäßigem Applaus quittiert wurde.

Ibsen erlebte die kulturelle Situation in Norwegen als ziemlich trist und geistlos.16 Als er deshalb aufgrund eines Stipendiums die Möglichkeit für sich gekommen sah, Skandinavien, das bis anhin seine künstlerischen Bemühungen kaum zur Kenntnis genommen hatte, hinter sich zu lassen, ergriff er diese Chance und ging 1864 zuerst nach Italien und vier Jahre später für ein Jahrzehnt nach Deutschland. Vor allem in Deutschland - in [Seite 119↓]München, Dresden und Berlin - war man auf den jungen Dramatiker aus dem Norden aufmerksam geworden, und Ibsen fühlte sich aufgrund der positiven Reaktionen der deutschen Theaterlandschaft hier ziemlich wohl und teilweise sogar anerkannt.17

Bis 1891 lebte Ibsen abwechselnd in Deutschland und Italien, bis er schließlich - nach insgesamt 27 Jahren in der Fremde - wieder nach Norwegen zurückkehrte und seinen Lebensabend bis zu seinem Tod in Christiania verbrachte. In der Zwischenzeit war er zu einem Künstler europäischen Formats gereift, der eine außerordentliche intellektuelle wie auch persönliche Entwicklung genommen hatte.

So hatte er etwa während seiner ersten Zeit in Italien innerhalb nur weniger Jahre einige seiner bekanntesten Theaterstücke wie etwa Brand (1866) oder Peer Gynt (1867) verfasst. In diesen Dramen fand Ibsen zu seiner eigenen Sprache, Dramaturgie und vor allem Psychologie. Die Thematik eines radikalen Individualismus und des Einzelnen, der einer unverständigen und philiströsen Majorität gegenübersteht und gezwungen ist, seine Sache auf nichts oder besser nur auf sich selbst zu stellen - diese Thematik, die natürlich auch Ibsens ureigenste darstellte, wurde von ihm in diesen beiden frühen Theaterstücken, die in Rom entstanden waren, glanzvoll auf die Bühne gebracht.

Mit dieser Thematik hat Ibsen (in Anlehnung an Sören Kierkegaard) bereits im 19. Jahrhundert ein Problem erkannt und benannt, das in seiner ganzen Schärfe und Dimension erst im 20. Jahrhundert evident wurde: Das Verhältnis des Einzelnen zur Masse bzw. die Relationen von Personen und ihren Handlungen zur Moral und Ethik der Vielen, die als Konventionen und tradierte Werte und Normen imponieren.

Exakt an dieser Fragestellung war auch Ellen Key interessiert, und so nimmt es nicht Wunder, dass sie die Texte Henrik Ibsens vorrangig unter dem Aspekt des Individualismus und der Persönlichkeitsentwicklung las und interpretierte:

Es gibt glücklicherweise keine Sache, keine Partei, für die Ibsen gekämpft hat. Glücklicherweise, denn da wäre er nicht Ibsen, der Fanatiker der Persönlichkeit, der ... in seinen Zeitgenossen die Gewißheit wecken konnte: Daß die Befreiung der Persönlichkeit das einzige Glück ist, und der Mut, in allen großen und [Seite 120↓]kleinen Augenblicken des Lebens ganz sein Ich zu sein, der einzige Weg zu diesem Glück. Das ist der Königsgedanke, durch den Ibsen das Herrscherrecht über sein Reich bewiesen hat!18


Ibsen (wie auch Key) betonte in vielen seiner Schriften, dass die Entwicklung einer individuellen Persönlichkeit als große Ausnahme und als rechter Glücksfall zu betrachten sei. Normalerweise treffe man auf Menschen, die sich an die Moden, Meinungen und Machenschaften der Majorität anlehnen und es tunlichst vermeiden, zu ihr Distanz aufkommen zu lassen. Dies liege gewissermaßen in der Natur des Homo sapiens, der entwicklungsgeschichtlich betrachtet ein Herdentier war, und bei dem sich große Angst und Unsicherheit eingestellt haben muss, sobald er sich vereinzelt oder ausgestoßen gefühlt hat. Wenn Individuen der Moderne Abstand zum Kollektiv oder zur Sozietät nehmen sollen, werden sie oft automatisch an diese archaischen Ängste erinnert und verhalten sich daraufhin entsprechend konform.

Doch nicht nur die Befürchtungen des Einzelnen, ohne die Vielen oder zumindest ohne ihre Anerkennung nicht leben zu können, verhindert in den meisten Fällen die Ausbildung einer profilierten Persönlichkeit. Auch die Majorität hat wenig Interesse daran, dass einige wenige ihrer Mitglieder zu Individuen und Personen heranreifen und sich damit im Erleben der Masse über sie erheben. Normalerweise reagiert eine Sozietät mit ungeheurem Nivellierungsdruck, sobald manche Menschen es wagen, eigene Entwürfe ihres Daseins zu machen oder gar zu realisieren. Das Wachstum von Individualität und Persönlichkeit muss der Majorität regelrecht abgetrotzt werden und bedeutet beinahe immer ein konflikthaftes und bisweilen sogar gefährliches Unterfangen.

Key bewunderte und erkannte nun an manchen Bühnenfiguren Ibsens deren Kraft und Willen, sich gegen die Überzeugungen und Vorstellungen der sie umgebenden Gruppierung oder Masse zu stellen:

Durch die Schilderung von Menschen, welche die kleinen Gesetze ihrer Natur den großen den Weg versperren lassen, hat Ibsen das Persönlichkeitsprinzip vertieft. Welches sind die großen Gesetze? Wie kann das Individuum seiner Eigenart frei fol[Seite 121↓]gen und zugleich eine reiche Harmonie erreichen? Wie kann es die Energie der Impulse bewahren und dennoch maßvoll schön werden? Wie soll es den Egoismus beherrschen und doch die Stärke bewahren können? Wie soll das Gewissen sich verfeinern und trotzdem frisch bleiben?19


Ibsen hat in seinen Dramen Figuren geschaffen, die jeweils verschiedene Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung bzw. Individuation verkörpern. Außerordentlich bekannt geworden ist etwa Nora, die Hauptperson aus Nora oder ein Puppenheim (1879). Diese Frau, der ganz unzweifelhaft die Sympathien Ibsens gegolten haben, erobert sich in einem mühsamen und schmerzvollen Erkenntnisprozess letztlich die innere Freiheit und Souveränität, ihren Gatten, der sie wie eine Puppe behandelt und dementsprechend nicht verstanden hat, zu verlassen. Sie tut dies, obschon sie dabei ihre Kinder bei ihm zurücklassen muss - eine Handlung, deretwegen Ibsen von vielen Zeitgenossen überaus heftige Kritik und großes Unverständnis einstecken musste.20

Im Gegensatz zu Nora hat Ibsen in der Figur der Hedda Gabler im gleichnamigen Stück (1890) eine Frauengestalt auf die Bühne gebracht, welcher der Emanzipationsprozess und damit auch das Wachstum ihrer Individualität und Persönlichkeit nicht gelingt. Hedda Gabler ist verheiratet mit dem erfolgreichen, aber ungemein langweiligen Jungprofessor Jörgen Tesman. Mit ihm zusammen bezieht sie eine kleine Villa auf dem Lande, die sie hübsch einrichtet und von der sie jedoch bald schon bemerkt, dass sie eine Art goldener Käfig bedeutet, in dem sie keinerlei Impulse zur Entwicklung ihrer Persönlichkeit zu erwarten hat.

Glücklicherweise erhält das junge Paar bald Besuch von dem genialen Schriftsteller Ejlert Lövborg und dessen Muse Thea Elvsted. Hedda Gabler, die früher in Lövborg verliebt gewesen war, verspricht sich von dem Besuch Belebung und Abenteuer ihres trist-schönen Daseins. Weil jedoch weder der Schriftsteller noch Tesman den hochgesteckten Idealen dieser Frau nach immerwährender Spannung und permanentem Wechsel der Verhältnisse Genüge leisten können, jagt sich Hedda Gabler zum Ende des Stückes mit der Pistole ihres Vaters eine Kugel in den Leib, um endlich den angeblich so passiv-langweiligen Männern ihres Lebens zu [Seite 122↓]demonstrieren, was denn „eine Tat“ sei. Hedda Gabler scheitert in ihrem Prozess der Individuation, weil sie ihn lediglich gegen die bestehenden Verhältnisse und Rahmenbedingungen ihrer Existenz und nicht für lebenswerte Ziele und Ideale ausgerichtet hat.

Eine dritte Frauenfigur, an der Ibsen die Thematik der Individuation meisterlich abhandelte, ist Frau Alving in dem Stück Gespenster (1881).Diese etwa 60jährige Dame, die bereits Witwe ist, muss sich im Drama mit ihrer Vergangenheit und dabei vorrangig mit den vertanen Chancen und Gelegenheiten zur Personwerdung auseinandersetzen. Jahrelang lebte Frau Alving mit ihrem nicht geliebten Gatten zusammen, der sie und ihre Familie drangsalierte und tyrannisierte. Nach außen hin hielt die Hausherrin die Fassade eines glanzvollen Familienlebens aufrecht, so dass in dem kleinen Städtchen nach dem Tode des Hausherren sogar eine „Alving-Stiftung“ zum ruhmreichen Gedenken an den Verstorbenen eingerichtet wird.

Nun erhält Frau Alving Besuch von ihrem seit Jahrzehnten befreundeten Pastor Manders. Nach und nach stellt sich heraus, dass die Witwe eigentlich diesen Mann geliebt und ihre Liebe aber aufgrund der Ehe mit Alving nicht realisiert hat. Um den Schein des heilen Familienlebens hochzuhalten, verzichtete Frau Alving auf die Möglichkeit einer wahrhaftigen Liebesbeziehung, welche wahrscheinlich für ihr Persönlichkeitswachstum bedeutend günstigere Voraussetzungen geschaffen hätte als die Mesalliance mit Alving.

In diesem Drama thematisierte Ibsen das Problem der sogenannten „Lebenslüge“ - ein Thema, das psychologisch ungemein relevant ist. Der Autor postulierte, dass nur derjenige einigermaßen sein Wesen zum Austrag und seine Individualität zum Erblühen bringen kann, der auf größere und umfassende Lebenslügen verzichtet.

Wer sich wider besseres Wissen oder gegen alle Vernunft und Erfahrung jahre- und jahrzehntelang mit den für ihn falschen Mitmenschen einlässt oder über die Gegebenheiten seiner Herkunft und Biographie missachtend hinweggeht, läuft nach Ibsen Gefahr, sich in Lebenslügen zu verheddern und weder sich noch anderen Klarheit über das eigene Wesen und seine mögliche Entwicklung zu verschaffen.

Die Thematik der Lebenslüge respektive ihrer Aufhebung erfuhr übrigens eine gewichtige Neuauflage im Rahmen der Psychoanalyse Sigmund Freuds. Der Begründer der Psychoanalyse hatte erkannt, dass die [Seite 123↓]aufrichtige und bekennende Erinnerung an die eigene Werdensgeschichte die beste oder sogar einzige Grundlage für seelische und manchmal auch körperliche Gesundheit bietet. Daher entwickelte Freud die psychoanalytische talking cure, die eigentlich nichts anderes als eine Revision kleinerer oder größerer Lebenslügen beinhaltet. Aufgrund dieser und einiger weiterer Parallelen zwischen dem Dramatiker und dem Begründer der Psychoanalyse, die vor allem den entlarvenden Charakter ihrer Psychologie betreffen, hat man Ibsen übrigens zur Recht den „Freud des Nordens“21 genannt.

Auch diese entlarvenden und demaskierenden Qualitäten der ibsenschen Literatur und Psychologie fanden Ellen Keys ungeteilte Zustimmung. Insbesondere die philiströse moralische Doppelzüngigkeit, die man als weit verbreitetes Phänomen allenthalben antreffen kann, und die der Dichter in vielen seiner Dramen zum Thema gemacht hat, wird von Key als relevanter Befund gewürdigt, den Ibsen Mal um Mal mit großer künstlerischer und psychologischer Raffinesse auf die Bühne zu bringen wusste:

Diesen letzteren, den Halbmenschen, begegnet man in Ibsens Dramen am häufigsten: Menschen, die sich bis in die Unendlichkeit zersplittert haben, durch eine doppelte Moral, durch zweierlei Ideale, eines, dem sie nicht den Mut haben, ganz nachzuleben, und eines, dem sie nicht länger den Willen haben, ganz nachzustreben.22


Eine wesentliche Voraussetzung der Individuation und Entfaltung des eigenen Selbst bei Ibsen ist die Erinnerung an Vergangenes. Wer wissen will, wohin er gehen und wer er werden kann, muss rekonstruieren, woher er kommt und wer er gewesen ist. Ohne erinnertes Vergangenes gibt es für den norwegischen Dramatiker keine tragfähige und authentische Zukunft, sondern allenfalls ein punktuelles Dasein im jeweiligen Augenblick, wobei diese einzelnen Momente kaum je auf die verbindende Schnur einer Identität gezogen werden können.

Erinnerung aber kann schmerzhaft und unangenehm sein, da sie uns oft genug mit den weniger attraktiven Seiten unseres Wesens - dem [Seite 124↓]Schatten (C.G. Jung) - konfrontiert. Bei Ibsen weigern sich viele seiner Figuren bis weit in den dritten Akt hinein, ihrer persönlichen Vergangenheit ins Auge zu sehen, wohl ahnend, dass sie dann auf ihre neurotischen Arrangements und Lebenslügen stoßen könnten, die ihnen bisher dienlich waren, um ihre Existenz nicht fundamental in Frage zu stellen oder gar zu verändern.

Besonders eindrücklich gelang Ibsen die Darstellung von Verdrängung und Verleugnung sowie des Versuchs, sich nicht zu erinnern, in seinem Drama Gespenster. Die weiter oben bereits erwähnte Frau Alving wird schließlich - bei aller Tendenz zur Vertuschung und zum Vergessen - zu einer Person, welche zumindest den Mut findet, ihre immense Angst vor der Erinnerung zu erkennen und zu benennen. Die hierfür von Ibsen gewählte Metapher ist derart plastisch, dass sie von vielen seiner Biographen und auch von Ellen Key in ihrem Essay über ihn erwähnt wird:

Frau Alving: Nur an einem einzigen Knoten wollte ich zupfen; als ich den aber auf hatte, da gab die ganze Geschichte nach. Und da merkte ich, daß es nur Maschinennaht war.23


Meist wird der Mut zur individuellen Wahrhaftigkeit auch mit der Einsicht in die kollektiven Mogeleien, Unwahrheiten und Lügen belohnt. Wer an sich selbst die Mechanismen der mauvaise foi (Jean-Paul Sartre), also der Unaufrichtigkeit durchschaut hat, kann dies auch im größeren Maßstab leisten. Auf diesen Zusammenhang ist Ellen Key in Ibsens Individualismus ebenfalls eingegangen, wobei sie besonderen Wert darauf legte, dieses Wechselspiel von erkannter persönlicher und gesellschaftlicher Realität als Ziel einer das Individuum förderlichen Pädagogik zu deklarieren. In Anspielung auf das von Ibsen seiner Frau Alving in den Mund gelegte Bild schrieb Key:

Aber hat man angefangen, den unhaltbaren Maschinensaum des Alltags- und des Festgewandes zu prüfen, mit welchem die bestehende Gesellschaftsmoral die Persönlichkeit verhüllt, da macht man nicht früher Halt, ehe man entdeckt hat: daß die Befreiung der Persönlichkeit das Recht in sich schließt, sich sei[Seite 125↓]nen eigenen Weg zu suchen, und den Mut einzusehen, daß ein eigener Weg stets ein einsamer Weg bleiben muß.24


Diesen letzteren Aspekt hat Ibsen zum Beispiel in seinem Drama Ein Volksfeind (1882) überzeugend auf die Bühne gebracht. In diesem Stück kämpft die Hauptperson, Doktor Thomas Stockmann, gegen die breite Majorität seiner Mitbürger, die er davon überzeugen will, dass sie aufgrund hygienischer Erwägungen den Badebetrieb ihrer Stadt schließen sollten, selbst wenn dies für sie erhebliche finanzielle Einbußen bedeuten würde.

Je mehr sich Stockmann jedoch um Aufklärung seiner Mitbürger bemüht, um so mehr schlägt ihm eine breite Front der Ablehnung und der Entwertung entgegen. Seine Zeitgenossen wollen in Ruhe gelassen und in ihren Ansichten nicht gestört werden, und als sich der agile Doktor schließlich in einer großen Volksversammlung für die ungeschminkte Wahrheit entschieden engagiert, schlagen ihm zuletzt offener Hass und regelrechte Verachtung entgegen.

Stockmann, der nicht nur einen Revolutionär, sondern in gewisser Weise auch die Karikatur desselben darstellt, erklärt zum Schluss des Stückes, als ihn alle ehemaligen Mitbürger (bis auf seine engsten Familienangehörigen) verlassen haben, dass nur derjenige ein wirklich eigenständiger Mensch sei, der alleine zu stehen vermag. Und genau diese Qualität erwähnt Ellen Key in ihrem Ibsen-Essay - neben etlichen weiteren Facetten - als wesentlich für den Aufbau einer individuellen Persönlichkeit.

Die Abhandlung über Ibsens Individualismus hat Ellen Key zu einer Zeit verfasst, als sie selbst bereits die ersten schmerzhaften Erfahrungen mit der dominierenden Majorität, mit Presse, Öffentlichkeit und den lieben Zeitgenossen gemacht hatte; Anfang der 90er Jahre war sie nämlich, wie im Kapitel über ihre Biographie ausgeführt, wegen ihrer freimütigen Ansichten zum Teil heftig attackiert worden.

Ibsen - so kann man aufgrund dieses Essays mutmaßen - galt der Pädagogin als ein gelungenes Modell, wie sie selbst mit der Rolle einer (zeitweiligen) Außenseiterin umgehen konnte. Und des weiteren wirkten die Biographie wie auch einige Bühnenfiguren des norwegischen Dichters wie eine große Ermutigung für sie, den einmal eingeschlagenen Weg der Eigenständigkeit und der Selbstrealisierung weiter zu verfolgen.


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Key war Ende des 19. Jahrhunderts bereits mit einigen Gedanken aus Nietzsches Philosophie sowie mit den Schriften von Georg Brandes über den Philosophen vertraut, in denen ganz dezidiert das hohe Lied auf einen ausgeprägten Individualismus angestimmt wird. Ihre eigene Wertschätzung Ibsens als Vertreter einer individualistischen Lebensart wies durchaus Parallelen auf zur Beurteilung von Brandes bezüglich der nietzscheschen Philosophie, die bis in manche Formulierungen hinein nachweisbar sind.

So sprach Brandes von Nietzsche und dessen Denken als von einem „aristokratischen Radikalismus“ - eine Bezeichnung, welche, wie erwähnt, die uneingeschränkte Zustimmung Nietzsches fand. Key nun urteilte über Ibsen mit einer ähnlichen begrifflichen Zusammenstellung, indem sie ihm zwar nicht „aristokratischen Radikalismus“ attestierte, ihn aber immerhin als „anarchistischen Aristokraten“ bezeichnete:

Ibsen ... ist ein anarchistischer Aristokrat, ein idealistischer Naturalist, ein immoralistischer Moralist. Er ist der Skeptiker, der Ahnungen, der Träumer, der Zweifel hat. Die seltene Vereinigung dieser Widersprüche macht das Seltsame in Ibsens Genie aus... Er ist, mit einem Worte, gegenüber seiner Zeit der große Unversöhnliche, der nicht bestochen und nicht übersehen werden kann.25

6.3. Rainer Maria Rilke (1875-1926)


Ihr Sterbedatum unterschied sich nur um wenige Monate: Am 25. April 1926 starb Ellen Key, und am 29. Dezember desselben Jahres Rainer Maria Rilke. Key war damals siebenundsiebzig Jahre alt, wohingegen Rilke lediglich einundfünfzig Jahre alt wurde. Der Altersunterschied eines Vierteljahrhunderts bedeutete für Rilke und Key zuerst eine gewisse Festlegung von Rollen: Ellen Key übernahm zumindest anfänglich in der Beziehung zu Rilke die Rolle einer mütterlichen, beschützenden und Heimat gewährenden Frau, wohingegen Rilke ihr gegenüber die Rolle eines Rat- und Hilfesuchenden „Sohnes“ einnahm, der dankbar auf die oftmals sehr konkreten Hilfsangebote seiner schwedischen Freundin einging.


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Die Beziehung zwischen Rilke und Key begann im Jahr 1902. Am 6. September dieses Jahres schrieb Rilke seinen ersten Brief an die schwedische Frauenrechtlerin, Pädagogin, Literatur- und Kulturkritikerin. Den Namen Ellen Key hatte Rilke über deren Publikationen kennen gelernt; insbesondere die emanzipatorische Streitschrift Mißbrauchte Frauenkraft (1898), die Essaysammlung Die Wenigen und die Vielen (1901) sowie Das Jahrhundert des Kindes (deutsch 1902) waren dem Dichter wahrscheinlich gut bekannt. Die meisten der darin geäußerten Gedanken waren außerdem bereits in der Neuen Deutschen Rundschau und in anderen deutschsprachigen Zeitschriften schon ab 1898 vorab gedruckt worden und dürften Rilke auch in dieser Form zugänglich gewesen sein.

Der Impuls, sich schriftlich an Ellen Key zu wenden, ist bei Rilke sicherlich einer sehr privaten Not entsprungen. Im April des Jahres 1901 hatte Rilke die Worpsweder Künstlerin Clara Westhoff geheiratet, und im Dezember desselben Jahres wurde dem jungen Paar die gemeinsame Tochter Ruth geboren. Für den fragilen und keineswegs lebenstüchtigen Rilke, der bei der Geburt der Tochter erst sechsundzwanzig Jahre alt war und sich sowohl wegen seiner Eheschließung wie auch der Familiengründung ziemlich überfordert und in seinem Lebensvollzug als Künstler begrenzt und eingeschränkt fühlte, muss die schwedische Literatin und Pädagogin als eine Instanz erschienen sein, die ihm in der damaligen existentiellen Bedrängnis mit Rat und Tat zur Seite stehen konnte.

Im September 1902 war Rilke bereits nach Paris zu Auguste Rodin „geflüchtet“, bei dem er als eine Art Sekretär arbeitete und von dem er sich erhoffte, neben einer Unterstützung für seine finanziell prekäre Lebenssituation Antworten auf seine Fragen nach dem Wesen der Kunst und des künstlerischen Schaffens zu finden. Clara und die Tochter Ruth hatte Rilke in Deutschland zurückgelassen; man darf mutmaßen, dass dem Dichter das Familienleben zu dieser Zeit bereits einige Überforderungsempfindungen bereitet hat. Aus Paris schrieb Rilke an Ellen Key:

Verehrte Frau Ellen Key, Sie werden in diesen Tagen einen Brief bekommen von meiner jungen Frau. Einen Brief, der Sie um Rat fragen kommt. Und ich will Ihnen gleichzeitig ein Wort schreiben. Ein Wort des Dankes zunächst für das Jahrhundert des Kindes, dieses liebe, schöne, menschlich-weite Buch... Wie haben wir, meine liebe Frau und ich, dieses Buch genossen und wie nahe haben wir uns Ihnen, verehrte Frau, gefühlt...Wir [Seite 128↓]wohnen (d.h. wohnten, - ich bin um einer Arbeit willen in Paris) im Moor in der Nähe von Bremen in einem Bauernhause, in das wir uns bei unserer Verheiratung zu stiller Arbeit zurückgezogen hatten. Anfangs Dezember 1901 wurde uns eine liebe, liebe kleine Tochter geboren, und seither hat sich meine Frau ganz dem Kinde (das sie selbst nährt) gewidmet.26


In den weiteren Passagen des Briefes beschreibt Rilke die inneren und äußeren Nöte seiner Frau, von der er berichtet, dass sie gerne wieder als Künstlerin tätig werden würde und ebenfalls nach Paris überzusiedeln wünsche. Gleichzeitig aber bestünde die Aufgabe, die Tochter Ruth zu versorgen und angemessen zu erziehen. In dieser Situation - die nicht nur von Claras, sondern auch von der Bedrängnis des Briefeschreibers selbst geprägt war - erhoffte sich Rilke einen konkreten Rat von Ellen Key. Er schloss seinen Brief mit einigen Fragen an die Pädagogin:

Sollte man nicht jemanden finden können, der auf eigene Kosten oder für ein Geringes mit nach Paris geht? Irgendeinen hilfreichen Menschen, der sich des Kindes (in Ihrem Sinne) liebevoll annehmen würde? Ich selbst werde vielleicht gar nicht in Paris bleiben können, so daß meine Frau ganz, ganz allein bleiben müßte, ohne ihr Kind, ohne mich...

Muss das so sein? Können Sie sich einen Ausweg denken? Wissen Sie, der Sie so viele Menschen kennen, einen, der meiner lieben Frau irgendwie nützen könnte? Bitte, raten Sie ihr! Und verzeihen Sie unser unbescheidenes, tiefes Vertrauen, verehrte Frau Ellen Key! – In Verehrung Ihr Rainer Maria Rilke.27


Man sieht: Rilke war ein geübter und keineswegs verschämter Bittsteller, der es zeitlebens gut verstanden hat, andere Menschen sehr direkt und konkret um Hilfe anzugehen und ihnen seine eigene, mehr oder minder große Notlage (die meistens pekuniärer Natur war) zu demonstrieren. Ellen Key gegenüber hat der Dichter in den ersten ein bis zwei Jahren ihrer [Seite 129↓]brieflichen Kontaktaufnahme vorrangig um Hilfe und Rat bezüglich der Versorgung seiner Tochter sowie der künstlerischen Entwicklung von Clara und ihm selbst nachgesucht. Daneben hat er aber auch mehrfach Andeutungen und Fragen formuliert, ob er denn nicht als „Heimatloser“ in Schweden zu Ellen Key „um eine kleine Heimat kommen“ könne.

Ellen Key hat auf alle diese Ansinnen Rilkes anfänglich sehr gutmütig und entgegenkommend reagiert. Offenbar muss sie die Anlehnungsbedürftigkeit des Dichters richtig eingeschätzt haben, als sie ihm anbot, sich bei ihr in Schweden aufhalten zu können. Vom 26. August bis zum 8. September 1904 hat Rilke von diesem Angebot das erste Mal dankend Gebrauch gemacht. Im Anschluss an dieses erste persönliche Kennenlernen unterschrieb Rilke seine Briefe an Ellen Key mit „Sohn“ oder „Kind“.

Diese Unterschriften des damals 29jährigen Rilke sind vor allem vor dem Hintergrund seiner eigenen Mutterbeziehung bemerkenswert. So schrieb der Dichter in einem Brief an Lou Andreas-Salomé vom 15. April 1904 über seine Mutter:

Wenn ich diese verlorene, unwirkliche, mit nichts zusammenhängende Frau, die nicht alt werden kann, sehen muß, dann fühle ich, wie ich schon als Kind von ihr fortgestrebt habe und fürchte tief in mir, daß ich, nach Jahren und Jahren Laufens und Gehens, immer noch nicht fern genug von ihr bin.28


Rilke hat seine Mutter respektive sein Mutterbild über Jahrzehnte hinweg in Gedichten, in seiner Prosa und in seinen Briefen zu erfassen, zu verstehen und zu überwinden gesucht. „Seine Kindheit nochmals zu leisten“ - so nannte Rilke dieses Programm, das in manchen Aspekten an tiefenpsychologische Therapiemethoden erinnert. In diesem Zusammenhang bedeutete Ellen Key für Rilke sowohl eine Möglichkeit, über seine Kindheit und Jugend schriftlich nachzudenken und sie der Pädagogin/Therapeutin mitzuteilen, als auch an ihr eine emotionale Korrektur seines Mutterbildes und seiner Mutterbeziehung vorzunehmen.

Ellen Key bot sich für diese Rolle aus mehreren Gründen an. Auf den Altersunterschied haben wir bereits weiter oben hingewiesen; Key war damit beinahe ebenso alt wie Phia Rilke, die Mutter des Dichters. Darüber [Seite 130↓]hinaus kam es Rilke entgegen, dass Ellen Key räumlich weit entfernt lebte und deshalb seine Urangst, von einer mütterlichen Frau in seiner Individualität zu wenig geachtet und möglicherweise „ausgelöscht“ zu werden, von ihr nicht mobilisiert wurde. Dieser übergroßen Sorge hat Rilke einmal in einem Gedicht beredt Ausdruck verliehen:

Ach wehe, meine Mutter reißt mich ein.
Da hab ich Stein auf Stein zu mir gelegt,
und stand schon wie ein kleines Haus, um das sich groß der Tag bewegt,
sogar allein.
Nun kommt die Mutter, kommt und reißt mich ein.
Sie reißt mich ein, indem sie kommt und schaut.
Sie sieht es nicht, daß einer baut.
Sie geht mir mitten durch die Wand von Stein.
Ach wehe, meine Mutter reißt mich ein ...29


Bei aller Attraktion, die Frauen und mütterliche Protektorinnen im späteren Leben Rainer Maria Rilkes eingenommen haben, kann man in seiner Biographie zeitlebens eine nie versiegende Vorsicht dem weiblichen Geschlecht gegenüber konstatieren. Frauen waren in Rilkes Erleben schillernd, vielschichtig, impulsiv und vital, aber auch sprunghaft, grenzüberschreitend und unberechenbar; wegen ihrer sinnlichen Leidenschaftlichkeit, ihrer sprudelnden Lebendigkeit und ihrer mütterlichen Fürsorglichkeit fand er sie begehrenswert, wegen ihrer befürchteten Ansprüche und ihrer unzuverlässigen Anwesenheit jedoch hielt er immer eine gewisse Distanz zu ihnen aufrecht. Die Nähe zu einer Frau barg für den Dichter stets die Gefahr, das eigene Werk und das eigene Ich nicht mehr bauen oder entwickeln zu können.

An Ellen Key nun versuchte Rilke (wahrscheinlich oftmals unbewusst), an diesen seinen Charakterzügen und Lebensmaximen Korrekturen anbringen zu lassen. In ihrer vitalen, expansiven und recht direkten Art muss Key bei Rilke positiv getönte Erinnerungen an seine eigene Mutter ausgelöst haben, ohne ihn gleichzeitig mit allzu großer Nähe und Intimität zu verschrecken. Während der ersten Jahre des Briefwechsels zwischen Rilke und Key kann daher ein großes Maß an Offenheit und emotionaler [Seite 131↓]Anlehnung des Dichters an seine schwedische „Mutter“ beobachtet werden. Wie einer Therapeutin erzählte der Dichter in seinen Briefen weite Bereiche seiner Kindheit und seiner Werdensgeschichte, wobei man als Leser des Briefwechsels den Eindruck gewinnt, dass das Erinnern und Aussprechen respektive Beschreiben dieser Kindheit - und nicht die entsprechenden Erwiderungen Ellen Keys - den eigentlich therapeutischen Effekt ausgemacht haben.

Neben diesen therapeutischen Motiven verfolgte Rilke mit der engen Beziehung zu Ellen Key noch weitere Zielsetzungen. Eine davon war sein pädagogisches Interesse, das sich als Resultat seiner eigenen tristen Schulerfahrungen ableitete. Als er in der zweiten Jahreshälfte 1904 seine schwedische Freundin besuchte, lernte er auch das pädagogische Experiment der Högre Samskola in der Nähe von Göteborg kennen. Diese Schule war 1901 von Lizzie und James Gibson aus Furuborg gegründet worden und verfolgte einen dezidiert antiautoritären Anspruch - eine Idee, der Rilke in Keys Das Jahrhundert des Kindes wenige Jahre zuvor als theoretische Forderung begegnet war. Von der Högre Samskola war der Dichter jedenfalls außerordentlich begeistert und schrieb in einem Aufsatz, der wenig später in Maximilian Hardens Zukunft publiziert wurde:

Es ist eine ungewöhnliche, eine völlig unimperativische Schule, eine Schule, die nachgibt, eine Schule, die sich nicht für fertig hält, sondern für etwas Werdendes, daran die Kinder selbst, umformend und bestimmend, arbeiten sollen... Die Kinder sind in dieser Schule die Hauptsache. Man begreift, daß damit verschiedene Einrichtungen fortfallen, die an anderen Schulen üblich sind. z.B.: jene hochnotpeinlichen Untersuchungen und Verhöre, die man Prüfungen genannt hat, und die damit zusammenhängenden Zeugnisse... Man ist in einer Schule, in der es nicht nach Staub, Tinte und Angst riecht, sondern nach Sonne, blondem Holz und Kindheit.30


Lizzie und James Gibson waren enge Freunde von Ellen Key. James Gibson war als Schiffsjunge von Schottland nach Göteborg gekommen und hatte dort als Fabrikant von Schiffszubehör derart viel Geld gemacht, dass [Seite 132↓]er sich und seiner Frau eine imposante Villa bauen und gleichzeitig das finanzielle Wagnis der Högre Samskola eingehen konnte:

Göteborgs Högre Samskola - das ist das erste schwedische Reformpädagogik-Projekt, und es war gewiß kein Zufall, daß Gibson und andere Göteborger Honoratioren im Februar 1901, nur wenige Wochen nach der Veröffentlichung von Ellen Keys Jahrhundertbuch, einen Aufruf zur Gründung einer völlig neuartigen Schule starteten und sie wenig später bereits eröffneten.31


Rilke war von der Högre Samskola derart beeindruckt, dass er zusammen mit seiner Frau Clara im Bremer Raum ebenfalls einen solchen Schulversuch wagen wollte - ein Plan, der allerdings nie zur Ausführung gelangte. Es blieb ihm aber die Erinnerung an eine Schule, die den Kindern das Schwere des Lebens nicht ersparen, ihnen aber beibringen wollte, wie sie auf eine menschliche Art damit umgehen könnten.

Ellen Key hat an Rainer Maria Rilke nicht nur dessen Bedürftigkeit oder seine pädagogischen Interessen wahrgenommen und geschätzt. In ihrem großen Essay Ein Gottsucher (Rainer Maria Rilke), den sie in Teilen zuerst 1906 in der Prager Zeitschrift Deutsche Arbeit und später komplett in ihrem Essayband Seelen und Werke (1911) publiziert hat, stellt sie die künstlerische Entwicklung Rilkes zum hochsensiblen und ausdrucksstarken Dichter in den Mittelpunkt ihrer Untersuchung.

Ausgehend von seiner Biographie und den allerersten dichterischen Gehversuchen, schildert Key die Annäherung Rilkes an eine poetische Form der Existenz, welche zuletzt alle seine Daseinsbekundungen geprägt und durchzogen hat. Insbesondere in seinen Dichtungen um die Jahrhundertwende sah Key den Lyriker auf der Höhe seiner Kunst. Im dritten Kapitel ihres Essays, das sich der rilkeschen Poesie der Jahre 1906 bis 1910 widmet, schlug die Autorin jedoch deutlich kritischere und distanziertere Töne an.

In diesen Jahren hatte Rilke Das Stundenbuch (1906), die Neuen Gedichte (1907) sowie Der neuen Gedichte anderer Teil (1908) publiziert. Außerdem war 1910 sein Malte Laurids Brigge erschienen, ein Roman, [Seite 133↓]der sich durch eine melancholische und teilweise nihilistische Grundstimmung auszeichnet. Vor allem dieser letzten Schrift des Dichters stand Key kritisch gegenüber:

Viele werden wohl dieses wunderliche Buch wunderbar nennen. Und sicherlich sind wunderbare Stellen darin. Aber wie schwach ist nicht der Duft, wie bleich die Farben, wie herbstlich die Stille! Eine Novemberlandschaft... In diesem letzten Buch ist das Wasser dunkel und still wie der Weiher eines alten Schloßparks, und der Herbst hat schon eine dünne Eisdecke darüber gebreitet... Nur die Zukunft kann zeigen, ob Rilkes letztes Buch ein Wendepunkt oder ein Endziel ist.32


Rilke hat in einem langen Brief vom 17. Dezember 1911, als er sich gerade auf Schloss Duino aufhielt - jener Ort, nach dem die Duineser Elegien benannt sind, die der Dichter damals begonnen, aber erst Jahre später in Muzot beendet hat -, auf die Veröffentlichung des Essays in einem Brief an Ellen Key reagiert:

Ich war gegen die Publikation Deines Aufsatzes, weil ich ihn nie richtig fand... Deinen Essay habe ich gelesen, er ist der einzige, den ich selbst mit Material versehen hatte, und so fühlte ich mich eine Spur mitverantwortlich und nicht einverstanden, als ich wahrnahm, daß Du aus meinen persönlichen Daten, aus meinen Briefstellen, aus meinen Büchern, ganz kurz und rasch, Das herausgeschlagen hattest, was Dir sympathisch war, um es schnell handgreiflich und sozusagen im seelischen Sinne praktisch zu machen. Ich liebe es nicht, wenn mir aus der Hand gelesen wird, dies war eine Art Handleserei...33


Kein Wunder, dass es zirka zwei Jahre dauerte, bis neue Briefe zwischen Key und Rilke ausgetauscht wurden, die in keiner Weise mehr die alte Intensität an Zuneigung und gegenseitiger Wertschätzung erreichten und die sich bis zum Jahre 1921 in ihrer Frequenz sehr verminderten. Neben der persönlichen Distanzierung ist als Grund dafür auch der Erste Weltkrieg zu [Seite 134↓]benennen, in dessen Gefolge die Kontakte Keys zu ihren Freunden seltener und emotional weniger tragfähig geworden waren.

An der Beziehung Keys zu Rilke und dessen Lyrik kann recht eindrücklich demonstriert werden, wie die Schwedin mit Literatur (wie übrigens auch mit Philosophie und zum Teil auch mit wissenschaftlichen Erkenntnissen) bzw. mit Literaten, Künstlern, Wissenschaftlern und Philosophen umzugehen pflegte: Sie bewunderte ausführlich jene Anteile einer Person oder ihres Werks, von denen sie annahm, dass sie in eigene pädagogische, psychologische oder kulturanalytische Konzepte zu integrieren seien. Bezüglich dieser Aspekte gelang es Key rasch und umfassend, Vieles am Gegenüber zu assimilieren.

Stieß sie jedoch auf Facetten, die sie mit kritischen Augen musterte, konnte es geschehen, dass sie zu der betreffenden Person oder ihren Leistungen insgesamt auf Distanz ging - nicht, weil ihr Sensorium für Positives nicht mehr vorhanden gewesen wäre, sondern eher aus einem Erleben mangelnder Harmonie und Übereinstimmung heraus.


Fußnoten und Endnoten

1 Geheeb, P.: Brief an die Redaktion der Zeitung Die Nation (1939), zit. n.: Dräbing, R.: Der Traum vom Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 379f.

2 Key, E.: Der Lebensglaube - Betrachtungen über Gott, Welt und Seele, Berlin 1906, S. 277

3 Friedenthal, R.: Goethe - sein Leben und seine Zeit, München 1963

4 Boyle, N.: Goethe I/II, München 1995/99

5 Brandes, G.: Goethe, Berlin 1922

6 Conradi, K.O.: Goethe - Leben und Werk, Königsstein/Taunus 1982

7 Staiger, E.: Goethe, Band 1-3 (1952f.), Zürich 1981

8 Viëtor, K.: Goethe. Dichtung - Wissenschaft - Weltbild, Bern 1949

9 Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 284

10 Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 285

11 Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 288

12 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 173ff.

13 Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 273

14 Siehe hierzu: Ferguson, R.: Henrik Ibsen - eine Biographie (1996), Darmstadt 1998, S. 413

15 Brandes, G.: Moderne Geister - Literarische Bildnisse aus dem 19. Jahrhundert, vierte Auflage, Frankfurt am Main 1901

16 Siehe hierzu: Ferguson, R.: Henrik Ibsen - Eine Biographie, a.a.O.

17 Siehe hierzu: Hamburger, K.: Ibsens Drama in seiner Zeit, Stuttgart 1989

18 Key, E.: Ibsens Individualismus (1898), in: Die Wenigen und die Vielen, Berlin 1901, S. 128f.

19 Key, E.: Ibsens Individualismus, a.a.O., S. 130

20 Siehe hierzu: Admoni, W.: Henrik Ibsen, München 1991

21 Kott, J.: Der Freud des Nordens - Ibsen neu gelesen, in: Das Gedächtnis des Körpers - Essays zu Theater & Literatur, Berlin 1990, S. 94ff.

22 Key, E.: Ibsens Individualismus, a.a.O., S. 130

23 Ibsen, H.: Gespenster (1881), in: Sämtliche Werke Band IV, hrsg. v. Julius Elias und Paul Schlenther, Berlin 1907, S. 139

24 Key, E.: Ibsens Individualismus, a.a.O., S. 136

25 Key, E.: Ibsens Individualismus, a.a.O., S. 138f.

26 Rilke, R.M.: Brief an Ellen Key vom 6. September 1902, in: Briefwechsel mit Ellen Key, Frankfurt am Main. 1993, S. 3

27 Rilke, R.M.: a.a.O., S. 5

28 Rilke, R.M.: Brief an Lou Andreas-Salomé vom 15. April 1904, in: Rainer Maria Rilke - Lou Andreas-Salomé (1952), hrsg. v. Ernst Pfeiffer, Frankfurt am Main 1979, S. 145f.

29 Rilke, R.M.: Verstreute und nachgelassene Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926, in: Werke Band. II, 1, Frankfurt am Main 1986, S. 101f.

30 Rilke, R.M.: Samskola (1904), in: Rainer Maria Rilke - Briefwechsel mit Ellen Key, a.a.O., S 265f.

31 Reinert, J.: Auf den Spuren von Rainer Maria Rilke in Schweden „Und plötzlich, da: ein Tor in solche Fernen“, in: Neues Deutschland vom 02./03. Dezember 2000, S. 22

32 Key, E.: Ein Gottsucher (Rainer Maria Rilke), in: Seelen und Werke, Berlin 1911, S. 231f.

33 Rilke, R.M.: Brief an Ellen Key vom 17. Dezember 1911, in: Rainer Maria Rilke - Briefwechsel mit Ellen Key, a.a.O., S. 223



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11.08.2004