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7.  Ellen Key und die Frauenfrage


Nicht nur im Bereich der Religionen, sondern auch auf dem Terrain von Wissenschaften und Philosophie wird oftmals die Frage nach der „Ursünde“ bzw. nach den basalen Irrtümern gestellt, welche die Menschheit in ihrer bisherigen Geschichte begangen hat. Eine mögliche und oft zitierte Antwort auf diese Frage lautet: das Patriarchat. Die angebliche Überlegenheit des Mannes über die Frau, die über Jahrtausende hinweg in den Familien und sonstigen Gruppierungen tradiert und in vielen Institutionen bis hin zu gesellschaftlichen Strukturen zementiert wurde, kann tatsächlich als ein grundlegendes Erzübel der Menschen bezeichnet werden.

Beinahe ebenso alt wie das patriarchalische Vorurteil ist der Kampf dagegen. Allerdings wird dieser Kampf - zumindest in der westlichen Zivilisation - offen und direkt erst seit der Neuzeit, genauer gesagt seit der Französischen Revolution 1789 geführt. Neben den bekannten Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit erscholl damals auch der Ruf nach der Emanzipation der Frau. Seither wurde dieser Ruf lauter und mächtiger, und diejenigen, welche sich für seine Realisierung öffentlich einsetzten, nahmen an Zahl und Einfluss enorm zu:

Die Französische Revolution brachte auch für die Geschichte der Frauen entscheidende Veränderungen... Frauen wurden keineswegs nur dadurch von den Ereignissen mit betroffen, daß alles im Wandel begriffen war, weil der revolutionäre Sturm nichts unberührt ließ. Ihre Situation veränderte sich vielmehr auch dadurch tiefgreifend, daß die Revolution die „Frauenfrage“ erstmals überhaupt formulierte und in den Mittelpunkt der politischen Verständigung über Gesellschaft rückte. Das war die große Neuerung.1


Dass die Französische Revolution mit ihren Idealen und Forderungen eine Türe der Frauenemanzipation aufgestoßen hatte, welche seither nie mehr ganz verschlossen werden konnte, bemerkten sensible und hellsichtige Denker relativ bald. So stellte etwa der liberal-konservative englische [Seite 136↓]Staatsmann und Schriftsteller Edmund Burke (1729-1797) in seinen Reflexions on the Revolution in France (1790) fest,dass die Revolution die Grenzen der Zivilisation ausgelöscht habe, indem sie den Frauen gleiche oder ähnliche Rechte eingeräumt habe wie den Männern, die Ehe auf die Stufe eines bürgerlichen Vertrages herabgesetzt und die Scheidung damit erleichtert habe.

Im Gefolge der Französischen Revolution wurden Frauen in der Tat zum ersten Mal im Status einer Rechtsperson anerkannt und mit bürgerlichen und zum Teil auch staatsbürgerlich-politischen Rechten versehen. Im Zuge der Politisierung beinahe aller Lebensbereiche kam es auch beginnend zur Eroberung des öffentlichen Raumes durch Frauen. Insbesondere Olympe de Gouges (Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin, 1791) und Mary Wollstonecraft galten als Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts, welche die Forderung nach vollständiger Anerkennung der Menschenrechte für die Frauen vehement und sprachmächtig artikulierten.

Die politische Historie und Geistesgeschichte im 19. Jahrhundert in Europa brachte es mit sich, dass die während der Französischen Revolution virulent gewordenen Fragen und Themen der weiblichen Emanzipation an Dringlichkeit und Schärfe zunahmen. Mehrere Faktoren waren für diese Entwicklung maßgeblich:

Im Zusammenhang mit der Französischen Revolution wurden in Frankreich und später auch im übrigen Europa erste sozialistische und kommunistische Gesellschaftstheorien und -utopien formuliert, welche zum Teil den Frauen eine exponiertere und emanzipiertere politische und gesellschaftliche Position zugestanden als die tradierten absolutistischen oder feudalistischen Systeme. Ausgehend von diesen frühsozialistischen Ideen etwa der Saint-Simonisten oder von Proudhon formulierten in den kommenden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts z.B. Karl Marx, Friedrich Engels, Michael Bakunin, Peter Kropotkin und viele weitere Kommunisten und Sozialisten diverse Modelle für ein staatliches oder gesellschaftliches Zusammenleben, die beinahe unisono die Frauenfrage zumindest berücksichtigten, wenn nicht gar zu einer exquisiten Thematik der neuen Gesellschaftsform deklarierten.

Ganz aus dieser Tradition heraus haben Karl Marx und Friedrich Engels bereits im Kommunistischen Manifest 1848 die Stellung der Frau in der Familie, der Gesellschaft (besonders bezüglich der ökonomischen Verhältnisse) und der Kultur überhaupt untersucht und beschrieben. Ins[Seite 137↓]besondere die kapitalistischen Wirtschaftsverhältnisse – so die Autoren – seien für die Unterdrückung und maßlose Diskriminierung von Frauen verantwortlich zu machen.

August Bebel hat im Jahre 1879 sein berühmtes Buch Die Frau und der Sozialismus verfasst, in dem er diese Gedanken aus dem Kommunistischen Manifest weiterentwickelt hat. Er betont darin, dass die bloße Aufhebung der Entfremdung von Frauen sowie die Durchsetzung von Frauenrechten alleine deren Los und Schicksal nicht voll umfänglich zum Besseren wende. Hinzu müssten veränderte ökonomische Rahmenverhältnisse kommen, welche den Frauen dauerhaft die Möglichkeit einer autonomen Entwicklung ihrer Persönlichkeit zugestehen. Ähnliche Gedanken vertrat Friedrich Engels in seinem Buch Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats (1884).

Darüber hinaus hat vor allem auch die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts dazu beigetragen, den Frauen neue und lange Zeit ungeahnte Freiräume der Expansion zu ermöglichen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es beinahe undenkbar, dass Frauen in einem größeren Umfange ökonomisch autark waren. Größtenteils war ihre Arbeitskraft in der Familie oder in der Landwirtschaft absorbiert, so dass eine Berufstätigkeit und damit die Möglichkeit eines eigenen Verdienstes außerhalb der eigenen häuslichen Umgebung ausgesprochen selten war.

Im Zuge der industriellen Revolution jedoch wurden zum Teil massenhaft billige Arbeitskräfte benötigt, eine Situation, welche vielen Frauen die Chance eröffnete, etwa in Fabriken als ungelernte Arbeiterinnen eine Beschäftigung anzunehmen. Aus dieser Situation jedoch entwickelten sich neue Diskriminierungen von Frauen, die sich z.B. in einer unterschiedlichen Entlohnung niederschlugen:

Arbeitgeber beschrieben die von ihnen angebotenen Stellen oft so, als hätten diese geschlechtsspezifische Eigenschaften. Tätigkeiten, die feine, geschickte Finger, Geduld und Ausdauer erforderten, wurden als weiblich bezeichnet, während Muskelkraft, Geschwindigkeit und Qualifikation Männlichkeit signalisierten... Das Ergebnis dieser Beschreibungen und Entscheidungen, Frauen nur für bestimmte Tätigkeiten einzustellen und für andere nicht, war die Entstehung der Kategorie „Frauenar[Seite 138↓]beit“. Auch die Löhne wurden mit einer Vorstellung vom Geschlecht der jeweils betroffenen Arbeitskräfte festgelegt.2


Ein dritter Faktor, der dazu beitrug, die Frauenfrage im 19. Jahrhundert in den Vordergrund zu rücken, bestand in diversen Impulsen zur Demokratisierung von Staaten und Gemeinwesen. Im Zuge demokratischer Bemühungen wurde etwa auch die Frage nach den Rechten von Frauen (z.B. das Wahlrecht) gestellt und teilweise im Sinne einer Emanzipation beantwortet.

Für die Radikalisierung der Frauenfrage ebenfalls von hoher Relevanz war das zunehmende Bildungsniveau, welches Frauen im 19. Jahrhundert für sich eroberten. Um 1800 galt es noch als große Ausnahme, wenn Frauen sich aktiv in kulturellen Bereichen wie Schriftstellerei, Zeitungswesen, wissenschaftliche Literatur, Philosophie u.a.m. engagierten. In den allermeisten Fällen hatten sie keine oder nur unzureichende Strategien und Fertigkeiten der Kulturassimilation erworben, so dass weder die Rezeption noch die aktive Gestaltung von sogenannten Bildungsgütern für die meisten von ihnen möglich war.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts kam es - vorrangig in der bürgerlichen Schicht - zur relativ hochwertigen Idee der „Mädchenbildung“ und damit für eine erkleckliche Anzahl von Frauen zur Möglichkeit, sich Zugänge zu Bildung und Kultur zu erobern. Die Vermittlung von Wissen und Bildung war gleichzeitig ein erstes erstrebenswertes Berufsziel vieler Frauen, die als Lehrerinnen oder Gouvernanten arbeiteten:

Höhere Mädchenschulen ermöglichten den Eintritt der Frauen der Mittelschichten in das Erwerbsleben oder verschafften ihnen einen Wirkungskreis, der über den der Familie hinaus ging. So unterschiedlich sie von ihren Veranstalterinnen und Veranstaltern auch konzipiert sein mögen, gemeinsam war ihnen, daß sie die Verantwortung für eine weiterführende Mädchenbildung trugen, solange sich der Staat und lange Zeit auch die Kommunen zurückhielten, und daß sie zugleich einer großen Zahl von Frauen aus den Mittelschichten selbst zur Existenzsicherung dienten: sei es, daß sie als selbständige Unternehmerinnen ar[Seite 139↓]beiteten oder als Lehrerinnen von privaten Stiftungen oder Vereinen angestellt waren.3


Aufgrund dieser historischen Prozesse - Aufkommen sozialistischer Modelle; industrielle Revolution; Demokratisierung; gesteigertes Bildungsniveau der Frauen - war nach 1830 in Europa eine zunehmende feministische Bewegung zu beobachten, welche die meisten Länder Westeuropas, partiell aber auch in Osteuropa (Polen, Russland) erfasst hatte. Dabei ließen sich zwei Grundströmungen der feministischen Bewegung konstatieren, die man als „egalitär“ sowie als „dualistisch“ bezeichnet.

Die erstere, auf Egalität hin ausgerichtete Bewegung ging und geht davon aus, dass Frauen grundsätzlich als gleichwertige und damit gleichberechtigte Wesen aufgefasst werden. Frauen sollten die gleichen Aufgaben, Möglichkeiten, Chancen, beruflichen, gesellschaftlichen und kulturellen Funktionen erhalten und übernehmen wie Männer. So hat etwa Mary Wollstonecraft entschieden dafür plädiert, dem weiblichen Geschlecht keine spezifischen Eigenschaften oder Tugenden mehr zuzuschreiben - eine Position, die beispielsweise von dem Philosophen John Stuart Mill eine anthropologische Fundierung erhielt:

Mitte des 19. Jahrhunderts forderte John Stuart Mill, auch für Frauen das Versprechen der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung einzulösen. Sein politischer Essay Die Unterdrückung der Frauen wurde umgehend in alle europäischen Sprachen übersetzt und entwickelte sich zur Leittheorie des liberal-egalitären Feminismus.4


Im Gegensatz zur egalitären Strömung vertrat die dualistische Spielart des Feminismus die Meinung, dass sich Frauen bei aller Tendenz zur Emanzipation und gleichwertigen Behandlung in einigen Eigenschaften fundamental von Männern unterscheiden. Besonders deutlich manifestiere sich dieser Unterschied im Hinblick auf eine mögliche Mutterschaft der Frau, welche paradigmatisch für das „Ewig-Weibliche“ stehe. Ausgehend davon [Seite 140↓]könne man den gesellschaftlichen Ort der Frau tendenziell eher innerhalb der Familie lokalisieren, und ihre spezifischen Aufgaben kreisen demnach um die Aufzucht und Erziehung ihrer Kinder.

Die egalitäre Strömung des Feminismus tendierte teilweise zu ausgesprochen kämpferischen bis hin zu militanten Haltungen mancher Frauenrechtlerinnen den Männern und dem Patriarchat gegenüber. Letztere waren mit einer dualistischen Variante der Frauenfrage eher zu versöhnen, da ihnen, den Männern, diese Position die Möglichkeit beließ, patriarchalische Vorurteile weiter zu pflegen.

Ausgehend von den basalen Unterschieden zwischen Mann und Frau wurde z.B. Ende des 19. Jahrhunderts unter deutschsprachigen Anatomen noch ernsthaft die These vertreten, dass Frauen aufgrund des durchschnittlich geringeren Gehirnvolumens eine biologisch bedingte Minderbegabung und reduzierte Intelligenz im Vergleich zum Mann aufweisen müssen. Eine dualistische Interpretation der Frauenfrage wurde deshalb von egalitären Feministinnen zum Teil entschieden abgelehnt oder sogar bekämpft:

Diese unterschiedliche Interpretation der Gleichheit führte zu einer Aufspaltung der Frauen in „Staatsbürgerinnen“ und „Ehefrauen und Mütter“. Das feministische Problem erscheint in dem einen Fall als politisch-legislatives und in dem anderen als ethisch-soziales Problem. Die Verteidigung eines abstrakten Rechts auf Gleichheit entfernte sich weit vom Alltagsleben der Frauen und lief deshalb Gefahr, den Feminismus zu lähmen. Das dualistische Konzept besaß demgegenüber zwar potentiell eine stärkere kulturkritische Sprengkraft, verschleierte jedoch gleichzeitig die Interessengegensätze zwischen Männern und Frauen in einer patriarchalischen Gesellschaft.5


Im folgenden sollen nunmehr die Ansichten Ellen Keys zur Frauenfrage im Hinblick auf die hier dargelegten Positionen untersucht werden.

Die erste Publikation, in der Key zur Frauenfrage bzw. Frauenbewegung ausführlicher Stellung bezogen hat, war ihr Buch Mißbrauchte Frauenkraft (1898). Diese kleine Schrift war aus einem Vortrag entstan[Seite 141↓]den, den sie im September 1895 in Kopenhagen und um Neujahr 1896 in Göteborg und Stockholm gehalten hatte. Die Thesen, welche Key in ihren Vorträgen vertreten hatte, waren teilweise derart provokant, dass sie Missverständnisse beim Publikum und Angriffe auf die Vortragende auslösten. Im Vorwort zu Mißbrauchte Frauenkraft beschrieb Key diese Entstehungsgeschichte und betonte, dass es sie sehr zufrieden stelle, ihre Argumente nun auch schriftlich den Lesern vorlegen zu können.

Bereits in dieser frühen Publikation wird deutlich, dass Key keinen egalitären, sondern einen dualistischen Standpunkt bezüglich der Emanzipation von Frauen vertreten hat und dass sie durchaus gewillt war, den Frauen ihre Rolle als Hausfrau und Mutter weiterhin zuzugestehen. Allerdings sollte die dabei entrichtete Arbeit regulär entlohnt und damit aufgewertet werden - ein Vorschlag, der vorrangig auch von sozialistisch eingestellten Feministinnen favorisiert wurde:

Überlegungen von August Bebel weiterführend, schlug die deutsche Sozialistin Lily Braun 1901 in ihrem Buch Frauenarbeit und Hauswirtschaft vor, die Hausarbeit zu rationalisieren... Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als das Dienstbotenwesen in die Krise geriet, wurde die Hausarbeit generell Teil des feministischen Programms. Die Schwedin Ellen Key brachte die Idee der Entlohnung von Hausarbeit in die Debatte.6


Ausführlich beschreibt Key in Mißbrauchte Frauenkraft diverse Unterschiede zwischen Mann und Frau, welche ihrer Meinung nach in der „Natur“ der Geschlechter und nicht nur in pädagogisch vermittelten Kulturinhalten begründet seien. Außerdem unterscheidet sie spezifisch weibliche von spezifisch männlichen Kulturaufgaben:

Gerade weil die Frauennatur sich modifizieren läßt nach dem, was man von ihr verlangt und wozu man ihr das Recht erteilt, müssen wir eine Entscheidung treffen, ob wir in Zukunft die vorwiegend weiblichen Kulturaufgaben, die Vertiefung und Veredlung des Lebens im Heim als höchstes Ziel für die Frau aufstellen wollen, oder die speziell männlichen Kulturaufgaben: Ar[Seite 142↓]beit und Produktion auf materiellem und geistigem Gebiete. Sollen wir in erster Linie die Forderung der höchstmöglichen Entwicklung des Weibes als Weib oder als Mensch stellen? Sollen wir annehmen, daß ihre Kräfte ihre höchste Verwendung finden auf dem weiblichen oder auf den männlichen Gebieten?7


Diese Fragen, die zugegebener Maßen zumindest teilweise rhetorischen Charakter aufweisen, versucht Key im weiteren Gang ihrer Untersuchung zu beantworten. So postuliert sie etwa, dass Frauen bei geeigneter Schulung und ausreichender Förderung durchaus dasselbe Intelligenz- und Bildungsniveau erreichen können wie Männer. Vor dem Hintergrund einer derartigen Entwicklung sei es denkbar, dass ähnlich viele und ähnlich produktiv-schöpferische weibliche Genies in der Geistesgeschichte hervortreten, wie dies in den vergangenen Jahrtausenden für die männlichen Ausnahmeerscheinungen der Kultur zu beobachten war. Für Key besteht dabei jedoch die Gefahr, dass Frauen ihre bis anhin dominierenden Fähigkeiten und Qualitäten, wie etwa ein differenziertes emotionales Dasein zu führen, aufgrund einer Verschiebung ihrer Interessen hin zur intellektuellen Geistigkeit verlieren könnten:

Stellt man aber bewußt die Erreichung der höchsten geistigen Höhe des Mannes als das schließliche Ziel für die Entwicklung der Frau auf, ist man der Meinung, daß sie dann erst vom „Muttertier“ zum Vollmenschen geworden, wird es sich auch ohne Zweifel zeigen, daß im selben Maße wie die Intelligenz der Frauen geschwächt wurde, dadurch, daß sie unverbraucht blieb, jetzt ihre rein weiblichen Gefühle verkümmern werden... Hat sich einmal das ganze Frauengeschlecht die Erreichung der höchsten geistigen Höhe der Mannes für ihre Entwicklungsarbeit als Ziel gesetzt, dann werden auch die Gefühle, nach einigen Jahrhunderten, in Übereinstimmung damit umgebildet sein... Die Frauen werden immer weniger Zeit und Neigung haben zur Entwicklung der erotischen und sympathischen Gefühle, und der Geschlechtserhaltungstrieb wird - da die Liebe ihn [Seite 143↓]nicht veredelt - ihnen mit vollem Recht als Brutalität erscheinen.8


An diesen Ausführungen werden bereits mehrere Problembereiche evident, welche Key bezüglich der Frauenfrage auch in den kommenden Jahren nur bedingt zu lösen imstande war. Zum einen oszillierte die schwedische Pädagogin immer wieder zwischen den Positionen einer biologisch präformierten und damit deterministischen „Natur“ von Mann und Frau und einem von der Kultur und der Erziehung gestalteten weiblichen oder männlichen „Wesen“. Die evolutionistischen und biologistischen Konzepte eines Charles Darwin oder Herbert Spencer machten sich dabei ebenso bemerkbar wie die pädagogischen Konzepte mancher Aufklärungsphilosophen.

Deutlich tritt diese Ambivalenz z.B. bei den Themen der Intelligenz bzw. der emotionalen Differenziertheit von Mann und Frau zutage. Beide Begriffe versucht Key im Sinne der kulturellen Vermittlung anzuwenden, und bei beiden Begriffen verfällt sie doch immer wieder auf biologistisch eingefärbte Denkfiguren, welche eine grundsätzliche Differenzierung in männlich und weiblich nahe legen.

Ähnlich ergeht es ihr bezüglich ihrer Idee, Frauen könnten gleich hohe Intelligenz- und Bildungsniveaus erreichen wie Männer. Einerseits vertritt sie dabei die Überzeugung, dass diese Phänomene kulturell vermittelt und via Erziehung modelliert werden können. Andererseits vertritt sie die „energetische“ Auffassung, dass die Steigerung der Intelligenz quasi gesetzmäßig mit einer Reduktion der Emotionalität bei Frauen verbunden sei - eine Theorie, welche an die kommunizierenden Röhren der Physik erinnert, wobei man in der Kulturgeschichte Beispiele sowohl für als auch gegen diese Theorie namhaft machen kann.

Sehr feinsinnig gelingt es Key in ihrem Buch, die Konflikte von Frauen zu beschreiben, welche neben ihrer herkömmlichen und tradierten Rolle als Hausfrau und Mutter die „männlichen“ Terrains der kulturellen Expansion für sich zu erobern suchen. Neben den von außen und der Umwelt generierten Widerständen begegnen solchen Frauen auch ihren inneren, zum Teil widersprüchlichen Imperativen, zwischen denen ein Ausgleich bisweilen nur schwer zu erzielen ist.


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Eine Frau, die zwei oft scharf getrennte Wirksamkeitskreise hat, wird erst zwischen ihnen hin und her gerissen unter einem Gefühl von unaufhörlicher Disharmonie. Aber eine solche Disharmonie läßt sich auf die Dauer nicht ertragen. Schließlich muß man einmal seine Wahl treffen und sich entscheiden, ob man die äußere Aufgabe oder die Pflichten des Familienleben für das wichtigste hält.9


In Mißbrauchte Frauenkraft schildert Key etliche Frauenschicksale, bei denen diese eben erwähnte Entscheidung in Richtung „äußerer Aufgaben“ getroffen wurde. Die Autorin erwähnt z.B. Madame de Staël, George Sand, Elisabeth Browning, George Elliot oder Sonja Kovalewsky. Allein an diesen wenigen Beispielen wird allerdings schon deutlich, dass die weiter oben erwähnte Theorie Ellen Keys von der Steigerung der Intelligenz auf Kosten der emotionalen Differenziertheit oder auch die Theorie von der „männlichen“ Expansivität auf Kosten familiärer Verpflichtungen nur zum Teil stimmig ist. So kann etwa die englische Lyrikerin Elisabeth Browning durchaus als eine Frau gelten, welche ein hohes Maß an analytischer Intelligenz mit einem vergleichbar hohen Niveau an emotionaler Differenziertheit und sprachlicher Ausdruckskraft verband und ihr Leben als Dichterin, Ehefrau und Mutter in gelungenen Einklang zu bringen wusste.

Ebenfalls sympathisch wirken die Passagen, in denen Ellen Key ein flammendes Plädoyer für das Recht einer jeden Frau hält, ihre einzigartige Individualität und Personalität zum Austrag bringen zu dürfen. Nicht mehr das Weibliche oder Männliche, sondern das Individuelle eines Menschen wird von ihr als höchster Wert betrachtet, den es zu schützen und zu entwickeln gilt. Dabei greift Key auf Argumente von Goethe und Nietzsche zurück, denen ebenfalls die „Persönlichkeit“ (Goethe) oder das Individuum in Form des „Übermenschen“ (Nietzsche) beinahe heilige Ziele waren. Key schreibt hierzu:

Diese nivellierenden, verdummenden Rücksichten müssen fort, fort bis zur letzten Fiber aus jedem weiblichen Gehirn; denn nicht eher wird die weibliche Persönlichkeit von dem Zwange befreit, der jetzt vor allem dazu beiträgt, die Frauen zu hindern, das Einzige zu geben, was sie zu geben haben: ihr innerstes, [Seite 145↓]weibliches Ich. Nur durch die absoluteste Freiheit ... können die Frauen wirklich zeigen, wie hoch und weit ihr Genius sie tragen wird. Vielleicht wird es von einer Billion Frauen nur eine sein, die einen neuen Gedanken findet - aber dazu muß die ganze übrige Billion in der vollen Bedeutung des Wortes frei sein.10


Ihre Untersuchung beschließt Ellen Key mit einem Gedanken, der analog zu demjenigen von der Aufgabe, die eigene Individualität zu entwickeln, ebenfalls die Gemeinsamkeiten zwischen Mann und Frau herausstellt. Frauen haben der schwedischen Pädagogin zufolge in den Jahrtausenden der Geistes- und Kulturgeschichte ähnlich wichtige und entscheidende Beiträge zum Fortbestand und zur Entwicklung der Menschheit geliefert wie die Männer. Mit Stolz und Würde könne man daher als Frau auf die vielfältigen Einflussnahmen zurückblicken, welche eine „weibliche Handschrift“ tragen:

An Stelle der demütigen Erkenntnis, daß die Frau seit Jahrtausenden in ihrer geistigen Entwicklung gehemmt ist, nicht etwa durch Verhältnisse, die für ihr innerstes Wesen entscheidend gewesen, sondern von mehr oder weniger starken und zufälligen äußeren Dingen, gewinnen wir die für unser Selbstgefühl erlösende Gewißheit: daß wir in der Tat ganz ebenso große Werte in die Kultur eingesetzt haben wie der Mann, wenn auch von anderer Art... Unser Einsatz in die Kulturarbeit ist die Humanisierung des Gefühls gewesen. Dieser Einsatz ist ebenso unentbehrlich gewesen für die Kultur, wie der männliche Einsatz. Um diese Aufgabe immer würdiger zu erfüllen, brauchen wir Bildung und Arbeitswahl wie der Mann, und wir verlangen deshalb das Recht zu denselben Möglichkeiten für eine individuelle Entwicklung, ganz das nämliche Recht, mündig zu sein...11


Auch in ihrer bekanntesten Publikation Das Jahrhundert des Kindes (1900) widmete sich Key in einem Kapitel - Das ungeborene Geschlecht und die Frauenarbeit - dem Problem der weiblichen Emanzipation bzw. [Seite 146↓]der Frauenfrage. In diesen Ausführungen unternimmt sie zuerst eine terminologische Abklärung, indem sie den Begriff der „Frauensache“, zu dem für viele das Thema der weiblichen Emanzipation geworden war, kritisch untersucht:

Die große, tief ernste Frauenemanzipation hat im Laufe der Zeiten einen neuen Namen bekommen, die Frauensache... Von einer wirklichen Emanzipationsbewegung - d.h. einer Befreiung der gebundenen Kräfte der Frau, ihrer gehemmten Persönlichkeit - ist die Bewegung eine „Sache“ geworden, d.h. eine Gesellschaftseinrichtung mit ihren Beamtinnen, eine Kirchenlehre mit ihren Dogmen!12


Es überrascht nicht zu lesen, dass Ellen Key die Entwicklung der Frauenfrage zur Frauensache mit Distanz und Kritik beobachtete und kommentierte. Sie pochte viel zu sehr auf ihren Individualismus sowie auf ihre sehr persönliche Vorgehensweise bezüglich aller möglichen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Fragestellungen, als dass sie sich den – wie sie es nannte – „Dogmen“ vieler zeitgenössischer Frauenrechtlerinnen hätte anschließen können. Fixe Regeln und unantastbare Rituale des Denkens, Urteilens und Handelns waren ihr zutiefst fremd; eine Frauenbewegung, welche sich vorrangig auf angeblich unhinterfragbare Lehrsätze und nicht mehr auf die Lebendigkeit und den individuellen Idealismus ihrer Vertreterinnen stützte, war nicht mehr Keys Sache:

Daß die Frauenemanzipation tatsächlich aufgehört hat, eine Seele und Herz erweiternde Befreiung zu sein, und nun ganz amtlich, geschäftsmäßig, dogmatisch betrieben wird, ohne Empfindung für die pulsierende Mannigfaltigkeit des Lebens; daß sie ein egoistischer Selbstzweck geworden ist - das hat es bewirkt, daß ich so wie andere meiner Generation und noch mehrere der jetzt jungen Generation bald von der Frauensache Abstand nahmen, obgleich wir alle die Befreiung der Frau lebhaft wünschten und noch wünschen.13


Im weiteren Verlauf ihrer Ausführungen setzt sich Key mit etlichen Frauen[Seite 147↓]rechtlerinnen ihrer Generation auseinander. Um die Jahrhundertwende hatte sich die Frauenbewegung in Europa bereits ziemlich differenziert und in zum Teil stark divergierende Richtungen entwickelt. Damals konnte man eine proletarische Frauenbewegung mit stark sozialdemokratischen bis sozialistischen Zielsetzungen von den konfessionellen Frauenbünden mit religiöser Orientierung sowie die sogenannte bürgerliche Frauenbewegung unterscheiden.

Zur ersteren Gruppierung zählten etwa August Bebel, Clara Zetkin; Lily Braun sowie in England Alys Russell und Beatrice Webb. Die konfessionellen Frauenbünde waren z.B. katholisch oder jüdisch ausgerichtet; Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung waren etwa Alice Salomon, Gertrud Bäumer und Helene Lange. Insbesondere die letztere war bei der Gründung des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins sowie des Bundes Deutscher Frauenvereine aktiv hervorgetreten. In eine ähnliche Richtung wie die bürgerliche Frauenbewegung engagierte sich auch der Deutsche Bund für Mutterschutz, dessen Gründungsvorsitzende Helene Stöcker war.

Alys Russell und Beatrice Webb gehörten zur sogenannten Fabian-Society, einem Kreis libertär-sozialistischer Intellektueller und Künstler, mit dem unter anderen auch Bertrand Russell sowie Sidney Webb, der Gatte von Beatrice Webb, verbunden waren. Aufgrund ihrer eigenen sozialistischen Weltanschauung sowie der Positionen, welche von Russell oder Webb bezüglich der Frauenfrage vertreten wurden, stand Ellen Key der Fabian-Society und ihren Ansichten relativ nahe.

Im Gegensatz zu den bürgerlichen Frauenrechtlerinnen vertrat auch Key - ähnlich wie Beatrice Webb - die Ansicht, dass Frauen für ihre Mutterschaft ebenso bezahlt werden müssten wie für andere Berufstätigkeiten. Bezug nehmend auf einen Kongress der Frauenrechtlerinnen in London im Jahre 1899, auf dem heftig über die finanzielle Absicherung von Frauen gestritten wurde, schrieb Key in Das Jahrhundert des Kindes anerkennend über Beatrice Webb:

Bei dem Frauenkongreß in London war Mrs. Webb eine warme Verfechterin der Schutzgesetzgebung, einer Ansicht, die ihre Stütze in persönlicher Erfahrung und gründlichen Studien hatte, die sie hundert Mal maßgebender in der Frage machten als irgendeine der gegen den Schutz Auftretenden! Schon unter ihrem Mädchennamen Beatrice Potter machte sich nämlich Mrs. [Seite 148↓]Webb durch Aufsätze über soziale Fragen bemerkbar und arbeitete über sechs Wochen in einer Fabrik, um die Verhältnisse der Arbeiterinnen persönlich kennenzulernen.14


Key plädiert dafür, Frauen bezüglich ihrer Berufstätigkeit nicht egalitär mit Männern gleichzusetzen, da sie normalerweise neben ihrer beruflichen Arbeit noch mit Kindererziehung, Haushaltsführung und dem emotionalen und sozialen Zusammenhalt der Familie beschäftigt sind. Gewisse Schutzgesetze für weibliche Arbeitnehmerinnen seien deshalb durchaus sinnvoll, um deren Arbeitszeit zu begrenzen und ihnen gleichzeitig eine ausreichende Entlohnung zu gewähren.

Denjenigen Frauen, die aufgrund von Kindererziehung und Haushaltsführung auf weitere Berufstätigkeit verzichten, will Key eine staatlich und gesellschaftlich garantierte Mindestzahlung zukommen lassen, um deren Engagement gebührend zu honorieren und sie gleichzeitig ökonomisch etwas autonomer werden zu lassen.

Wer Frauen zumute, Heim, Herd und aushäusige Arbeit bei gleichzeitig geringem Lohn unter einen Hut bringen zu müssen, mache sie zu Sklavinnen und müsse sich nicht wundern, wenn sie seelisch oder körperlich erkranken. Es sei nachgerade eine zynische Forderung von falschen Aposteln der Frauenemanzipation, den bereits wegen ihrer Hausarbeit und Kindererziehung völlig überforderten Frauen auch noch die Möglichkeit beruflicher Tätigkeit bei geringen Verdienstaussichten „zuzubilligen“:

Gegen alle diese Mißverhältnisse sind die Frauenrechtlerinnen nicht blind. Sie fordern ja gleiche Löhne für Frauen und Männer und legen ... dar, daß die Arbeit der Frau zu niedrig bezahlt wird. Aber sie sehen nicht ein, daß sie selbst zu dem Übel beigetragen haben, indem sie die Frauen beständig auf alle erdenklichen Gebiete hetzen, wodurch diese überfüllt werden, was wiederum die niedrige Entlohnung veranlaßt. Es ist eben mehr vonnöten, als den Frauen Arbeitsgebiete zu eröffnen, wenn ihnen nicht die Lebenskraft ausgesaugt werden soll, wenn sie nicht vorzeitig ihre Jugendfrische und Reize, ihre Ent[Seite 149↓]wicklungs- und Glücksmöglichkeiten als Menschen, als Frauen und Mütter verlieren sollen.15


Abschließend betont Key in Das Jahrhundert des Kindes, dass die Frauenfrage nur vor dem Hintergrund individueller Freiheiten sowie kollektiver sozialer und ökonomischer Veränderungen geklärt werden kann. Den Frauen müsse das Recht zugestanden werden, Mutterschaft ebenso wie geistige Entwicklung oder berufliche Tätigkeit für sich ins Auge fassen zu dürfen, wobei der Staat respektive die Gesellschaft geeignete Rahmenbedingungen für derartige Entscheidungen und Entwicklungen bereitstellen müssten. Dabei sei es gleichgültig, ob einzelne Frauen kulturelle Expansionen oder pädagogische Meisterleistungen im Kontakt mit ihren Kindern vollbringen - diese und noch viele andere Entwürfe von Frauen für die Gestaltung ihres Daseins seien gleichermaßen achtenswert und müssten daher dementsprechend geschützt werden.

Auch in Das Jahrhundert des Kindes wendet sich Key bezüglich der Frauenfrage energisch gegen jeglichen Egalitarismus. Dieser nivelliere das Individuum und produziere letztlich mediokre Verhältnisse. Mit Zustimmung zitiert die sie den linkshegelianischen Ludwig Feuerbach, der diesbezüglich einmal gesagt hat: „Die Mittelmäßigkeit wägt immer richtig, nur ihre Waage ist falsch!“.16

Wie sehr Ellen Key eine Denkerin war, die sich in wenige oder keine Schemata der Majorität einpassen lassen wollte, wird an zwei Büchern deutlich, die sie in den Jahren 1904 und 1905 publizierte. Bei dem ersteren handelt es sich um die Schrift Über Liebe und Ehe; die letztere trägt den Titel Liebe und Ethik. In beiden Büchern konkretisierte Key ihre Vorstellungen bezüglich der Frauenrolle in Liebe, Ehe und Mutterschaft.

Der Inhalt von Über Liebe und Ehe wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von den meisten Zeitgenossen Keys als derart skandalös und anrüchig aufgenommen, dass sie im Gefolge als „Verführerin der Jugend“ gehandelt wurde. In einem Vorwort zu einer späteren Auflage dieses Buches nahm die Verfasserin zu diesen Vorwürfen Stellung und meinte:

Wozu ich die Jugend zu verführen suchte, das war, ihre Seele zu vergrößern und ihr Leben zu verschönern durch das Wagnis, [Seite 150↓]an die Seele und an den Traum in einer Welt zu glauben, in der alles darauf abzielt, die Seelen zu fesseln, und alle den Träumer belächeln.17


Was aber war an diesem Buch Keys so Anstoß erregend, dass es ihr beinahe unisono die Kritik oder Ablehnung der sie umgebenden Majorität einbrachte? Man kann vermuten, dass es vor allem der Gedanke der absoluten Freiwilligkeit war (und ist), den Ellen Key im Bereich von Liebe, Erotik, Sexualität, Ehe und Mutterschaft verwirklicht sehen wollte. So plädiert die Autorin beispielsweise für die sogenannte „freie Liebe“ und die Akzeptanz derjenigen, die sie praktizieren; über sie schreibt Key:

Die freie Liebe bringt ihnen eine Lebenssteigerung, die sie ihrer Meinung nach gewinnen können, ohne jemandem zu schaden. Sie entspricht ihren Begriffen von der Keuschheit der Liebe, Begriffen, die mit Recht von der Halbheit der Verlobungszeit verletzt werden, mit all dem Abbruch, den sie der Frische und Freimütigkeit des Gefühls zufügt. Wenn ihre Seele eine andere Seele gefunden hat, wenn beider Sinne sich in der derselben Sehnsucht begegnen, dann glauben sie das Recht auf die volle Einheit der Liebe zu haben...18


Mit Zustimmung kommentiert Key die Anfang des Jahrhunderts zu beobachtende Tendenz vieler junger Menschen, insbesondere auch Frauen, sich ihren Liebespartner selbst zu wählen und ihre Empfindungen der Zuneigung und Zärtlichkeit bis hin zur Sexualität zu leben, ohne dass dies eine vorherige Eheschließung oder zumindest Verlobung als Voraussetzung nötig gehabt hätte. Auf die Argumente der Philister und Spießbürger, dies führe zu einer Verrohung der Sitten und einem Niedergang des ethischen Niveaus, antwortet Key mit der Beobachtung, dass die freie Liebe zu einer Reduktion der Doppelzüngigkeit und Doppelmoral beitrage. Wer sich seinen Liebespartner ohne äußeren Zwang wählen könne, komme viel seltener in die Situation, diverse Aspekte seines Liebeslebens „auszulagern“ und außerhalb von Ehe und Familie - z.B. im Rahmen der Prostitution - auszuleben.


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Völlige Freiwilligkeit bei der Auswahl wie auch der Gestaltung der Liebesbeziehung bietet nach Key am ehesten die Gewähr, dass die Basis einer solchen Partnerschaft von einem tragfähigen emotionalen Fundament gebildet wird. Die Autorin geht davon aus, dass dabei junge Liebende nicht immer und sofort ihrer Zuneigung in Form gelebter Sexualität Ausdruck geben werden; vielmehr ist sie überzeugt davon, dass bei gewährter Freiwilligkeit sich die Formen der körperlichen Zuneigung denjenigen der seelisch-geistigen anschließen und adäquat entwickeln. Mit Zustimmung zitiert sie einen Aphorismus von Friedrich Nietzsche, der diesbezüglich einmal ausführte:

Die Sinnlichkeit übereilt oft das Wachstum der Liebe, so daß die Wurzeln schwach bleiben und leicht auszureißen sind.19


Bei geeigneter Reife und gegenseitiger emotionaler Verbundenheit sei es jedoch nach Key eine regelrechte „Sünde gegen sich selbst und die Menschheit“20, wenn zwei Liebende ihre körperliche Vereinigung Mal um Mal hinauszögern. Jenseits aller christlich-religiöser Askesevorstellungen vertritt sie die für ihre Zeit ziemlich moderne Ansicht, dass gelebte Sinnlichkeit zu einer Steigerung von Lebensglück und gleichzeitig des ethischen Niveaus beitrage. Nicht die Unterdrückung oder schamhafte Verleugnung von Triebanteilen, sondern im Gegenteil eine antriebsfreundliche Atmosphäre trage zur psychosozialen und möglicherweise auch zur körperlichen Gesundheit bei.

Freie Liebe führt nach Key zu einer Entängstigung, vorrangig bei jungen Menschen. Wenn diese nicht mehr gezwungen sind, ihre Zuneigung geheim halten und verdecken zu müssen, bedeutet dies für die Liebenden und ihre Umgebung immense Vorteile: Man könne beispielsweise offen über Fragen der Empfängnisverhütung sprechen und müsse diese Thematik nicht hinter vorgehaltener Hand erörtern.

Die Freiheit der Wahl eines Liebespartners sollte nach Key jedoch nicht unbedingt mit der Freiheit, sich mit jedem beliebigen Partner fortzupflanzen, korrelieren. Die schwedische Reformpädagogin war bezüglich dieses Themas ein Kind ihrer Zeit und vertrat neben darwinistischen auch eugenische Positionen. Anfang des 20. Jahrhunderts war die Ansicht weit [Seite 152↓]verbreitet, dass bei geeigneter Beratung und Untersuchung zukünftiger Eltern das Risiko von Erbkrankheiten merklich gesenkt werden könne. Außerdem wurden damals unter Medizinern und anderen Wissenschaftlern Theorien der „Zuchtwahl“ sowie der „Rassenhygiene“ hoch gehandelt - Theorien, die auch in Ellen Keys Buch Über Liebe und Ehe zitiert und als Argumente für eine Einschränkung der „freien Fortpflanzung“ gebraucht werden:

Schon jetzt ist es ganz ausgemacht, daß die Sitten und Denkweisen, die Kunst- und Gefühlsrichtungen, die das Milieu der Liebe bilden, unbewußt auf ihre der Rasse nützliche Auswahl einwirken. Dies läßt es auch möglich erscheinen, daß eine solche Einwirkung bewußt werden kann, wenn man einmal Klarheit erlangt hat, in welcher Richtung sie sich bewegen soll; welches die geistigen und körperlichen Eigenschaften sind, die man auszurotten oder zu steigern wünscht; und durch welche Mittel die Eigenschaften der neuen Generation in der Wahl der Eltern liegen... Freiheit für die Auswahl der Liebe unter Bedingungen, die der Gattung günstig sind; Begrenzung, nicht der Freiheit der Liebe, wohl aber der Freiheit des Kinderzeugens unter Bedingungen, die der Gattung ungünstig sind - dies ist die Lebenslinie.21


Bei der Beurteilung dieser problematischen Ausführungen Ellen Keys darf darauf hingewiesen werden, dass sie mit diesen Vorstellungen zur Eugenik einen Anfang des 20. Jahrhunderts unter vielen Naturwissenschaftlern als modern und fortschrittlich angesehenen Standpunkt vertreten hat, für den sie noch dazu Gedanken aus der Philosophie Friedrich Nietzsches zitieren konnte, um ihn zu untermauern. Außerdem kannte Key natürlich noch nicht die katastrophalen Konsequenzen, die diese Theorien zur Rassenhygiene und eugenischen Zuchtwahl wenige Jahrzehnte später in einem verheerenden Umfang nach sich zogen.

Analog zur Freiheit von Liebe und Sexualität postuliert Key in ihrem Buch auch ein freies Recht auf Mutterschaft (und damit auch die Freiheit einer jeden Frau, Mutterschaft abzulehnen) sowie das Recht auf freie Trennung und Scheidung von Partnerschaften und Ehen, die sich als nicht [Seite 153↓]mehr tragfähig erweisen. In einem ausführlichen Passus untersucht sie das Ehe- und Scheidungsrecht und stellt fest, dass es sich dabei um „geologische Formation mit Ablagerungen aus verschiedenen, jetzt abgeschlossenen Kulturstadien“ handele; nur die „eigene Epoche hat wenige und bedeutungslose Spuren darin hinterlassen“22.

Key konstatiert, dass ausnehmend viele zerrüttete oder schlecht gehende Ehen lediglich aufgrund ökonomischer Zwänge beibehalten und nicht geschieden werden. Insbesondere die Frauen (zu Beginn des 20. Jahrhunderts) befänden sich in einer immensen finanziellen Abhängigkeit, welche es ihnen nicht erlaube, sich ohne massives Risiko bezüglich ihrer materiellen Basis scheiden zu lassen. Die ökonomischen Kalamitäten spitzten sich nochmals zu, wenn von einer Scheidung auch gemeinsame Kinder betroffen seien.

Aufgrund dieser Verhältnisse plädiert Key für eine entscheidende finanzielle Besserstellung von verheirateten Frauen bzw. für eine Änderung der diesbezüglichen Rechtsvorschriften. Vor allem die Entlohnung von Hausarbeit und Kindererziehung, welche der Staat bzw. der Mann den Ehefrauen und Müttern gegenüber zu leisten habe, würde viele Scheidungen von zerrütteten Ehen ermöglichen, ohne dass dies zu einem entscheidenden materiellen Risiko für die Frau führe:

Die jetzige unentlohnte Stellung der Frau zur häuslichen Arbeit ist ein veraltetes Überbleibsel aus früheren Haushaltungs- und Produktionsbedingungen sowie aus der kirchlichen Lehre, daß die Frau zur Gehilfin des Mannes und er zu ihrem Oberhaupte geschaffen sei! Die Frauen haben auf diese Weise oft schlechtere Köpfe erhalten, als die Natur ihnen gegeben, und der Mann eine wertlosere Hilfe, als das Leben ihm zugedacht hat.23


Erwähnenswert ist der Stil, den Ellen Key bei ihren Ausführungen Über Liebe und Ehe teilweise an den Tag legt. An etlichen Passagen merkt man, dass die Autorin über Themen geschrieben hat, die sie durchaus nicht immer selbst und in vollem Umfang erlebte. Wie im biographischen Teil erwähnt, hat Key wahrscheinlich kaum intime Kontakte zu Männern und niemals längere partnerschaftliche Beziehungen unterhalten.


[Seite 154↓]

So weisen manche Abschnitte in ihrem Buch, die sich z.B. der Thematik von Zärtlichkeit und Sexualität widmen, umständliche Formulierungen auf, denen man eine gewisse Ferne ihrer Autorin zum behandelten Stoff nicht absprechen mag. Als illustres Beispiel hierfür soll eine Textstelle dienen, an der Ellen Key versuchte, die unterschiedlichen sexuellen Erlebensweisen von Mann und Frau zu beschreiben:

Und besonders ist es die Frau, die jetzt ihre eigene erotische Natur - mit ihrer warmen Durchdrungenheit und versuchungsfreien Einheitlichkeit - zum ethischen und erotischen Maßstab für die des Mannes - mit ihrer heißen Plötzlichkeit und gefahrvollen Halbheit - machen will.24


Doch trotz dieser Einschränkungen, die noch um die weiter oben schon erwähnten Vorbehalte bezüglich der eugenischen und rassenhygienischen Vorstellungen Keys erweitert werden können, formulierte die schwedische Autorin in Über Liebe und Ehe Gedanken bezüglich der Frauenfrage und hinsichtlich der Themen Liebe und Ehe, die für ihre Zeit progressiv und modern anmuten.

Diesen Eindruck vermittelt auch ihre kleine Schrift Liebe und Ethik (1905), die in gewisser Weise eine Fortsetzung und Ergänzung ihres Buches Über Liebe und Ehe darstellt. Insbesondere die Themen einer „androgynen Liebesbeziehung“ sowie der Verknüpfung emotionaler und biologischer Faktoren bei gelingender Sexualität werden von Key darin erörtert. So imaginiert die Verfasserin eine Zeit, in der Männer und Frauen sich bezüglich ihrer „geschlechtsspezifischen Eigenschaften“ soweit einander angenähert haben, dass damit die Basis einer „androgynen Partnerschaft“ jenseits der patriarchalischen Strukturen und Verhaltensanomalien etabliert werden kann:

Darum ist es die größte Glücksverheißung der Zeit, daß die intellektuelle Entwicklung der modernen Frau und die erotische Entwicklung des modernen Mannes anfängt, ihrer nach Innengekehrtheit wie seiner nach Außengekehrtheit einen neuen Inhalt zu geben. Und man sieht die Möglichkeit einer Liebe, die eine Synthese von beider Eigenart sein wird, wenn sie von ihm [Seite 155↓]gelernt hat, die Schönheit in der Form der Bewegtheit, er von ihr, die Schönheit in der Form des Gleichgewichts zu schätzen.25


Durchaus modern mutet der Grundtenor dieses schmalen Buches an, der da lautet: Liebe, Eros, Sexualität und Partnerschaft sind Aufgaben, für deren Bewältigung die Beteiligten ein gerüttelt Maß an persönlicher Entwicklung und Lernbereitschaft aufbringen müssen. Nur wer diese Bereiche als exquisites Terrain des Übens und Lernens begreift, kann laut Key mit einigermaßen Glück und Zufriedenheit in eroticis rechnen.

Eng damit verknüpft ist auch ein weiterer zentraler Gedanke Ellen Keys: Liebesbeziehungen werfen ethische Fragestellungen auf und können nur vor dem Hintergrund einer an Humanität, Gleichwertigkeit der Geschlechter, Freiheitlichkeit und Solidarität orientierten Ethik gelöst werden. Auch diese Verknüpfung emotionaler Fragestellungen mit Problembereichen der Ethik und damit der Wertewelt erscheint als überaus zeitgemäß und zukunftsweisend. Im Kapitel über Ellen Key und die Psychologie werden diese Zusammenhänge noch detaillierter erörtert.

Einen Überblick sowohl über ihre eigenen Schriften zur Problematik der Frauenfrage als auch über die Emanzipationsbewegung in Europa und den Vereinigten Staaten ganz allgemein hat Ellen Key in ihrem Buch Die Frauenbewegung gegeben. Dieses Buch, das zuerst 1905 von Martin Buber in der Literarischen Anstalt Rütten & Loening in Frankfurt am Main herausgegeben wurde, erlebte eine zweite und etwas erweiterte Auflage 1909. Wie bereits im biographischen Teil erwähnt, hatte Martin Buber Anfang des 20. Jahrhunderts im Verlag Rütten & Loening eine ganze Reihe sozialpsychologischer Monographien herausgegeben, worunter z.B. auch Schriften von Georg Simmel, Fritz Mauthner, Gustav Landauer und Lou Andreas-Salomé zu finden waren. Man sieht: Ellen Key war diesbezüglich in bester Gesellschaft.

In ihrem Buch unterscheidet Key die „äußeren Ergebnisse der Frauenbewegung“ von den „inneren Wirkungen der Frauenbewegung“. Zur ersten Gruppe rechnet sie z.B. die Anfang des 20. Jahrhunderts merklich erweiterten Möglichkeiten für Frauen, außerhalb des eigenen Haushalts Arbeit und einigermaßen adäquate Entlohnung für sich zu finden. Des weiteren seien in vielen Ländern die Rechte der Frauen - z.B. das [Seite 156↓]Wahlrecht, das Scheidungsrecht, das Recht auf Ausbildung und Studium - voll umfänglich oder zumindest teilweise verwirklicht worden. So könne man in etlichen Ländern Europas neben den Lehrerinnen (die es auch im 19. Jahrhundert schon gab) auch Ärztinnen, Juristinnen, Seelsorgerinnen, Bibliothekarinnen, Beamtinnen und sogar Politikerinnen beobachten.

Außerdem erwähnt Key einige Frauen, die sich als Schriftstellerinnen und Intellektuelle einen Namen gemacht haben, so etwa Harriet Beecher-Stowe, die sich gegen die Sklaverei der schwarzen Bevölkerung engagierte, Josefine Butler, die gegen die Prostitution kämpfte, sowie Bertha von Suttner, die bekannteste Pazifistin Anfang des 20. Jahrhunderts. Keine namentliche Erwähnung findet in diesem Zusammenhang Helga Frideborg Steenhoff (1865-1945; Pseudonym: Harold Gote), die sich 1903 mit ihrem Buch Feminismens moral aktiv in die Debatte über die Frauenfrage eingeschaltet hatte, und mit der Ellen Key bekannt war und zusammenarbeitete. Daneben registriert die Autorin eine große Zahl unbekannt gebliebener Frauen, deren Bildungsniveau und politische Wachheit im Zuge der Frauenbewegung enorm zugenommen hätten.

Eine besondere Berücksichtigung bei der Darstellung der Geschichte der Frauenbewegung erfährt in Keys Buch die sozialistische Emanzipationsbestrebung. Die Autorin hält dabei mit ihrer Sympathie für diese Verbindung von sozialistischen und emanzipatorischen Bestrebungen nicht hinter dem Berg:

Durch den Sozialismus ist der Feminismus in die breiteren Schichten gedrungen. Wozu die bürgerliche Frauenbewegung vielleicht noch ein Jahrhundert gebraucht hätte, das hat der Sozialismus in einigen Jahrzehnten fertig gebracht. Nichts zeigt besser, wie vorurteilsvoll blind die Rechte des bürgerlichen Feminismus war, als ihre Sozialistenfurcht. Und nichts beleuchtet so klar, in welchem Grade der Feminismus eine Oberklassenbewegung war, als sein hartnäckiges Festhalten am „persönlichen Freiheitsprinzip“ angesichts der himmelschreienden tatsächlichen Verhältnisse, die durch die „Arbeitsfreiheit“ der Fabrikarbeiterin entstanden sind.26


Ebenfalls ein großer Gewinn der Frauenbewegung ist nach Key der weib[Seite 157↓]liche Einfluss auf Wissenschaft, Philosophie und Kunst. Diese Bereiche der Kultur, in denen Frauen über Jahrhunderte hinweg zuwenig oder gar nicht repräsentiert waren, bedeuten für das weibliche Geschlecht eine Herausforderung und Chance zugleich. Nach Key nämlich können die Frauen dabei beweisen, dass ihre diesbezügliche Inferiorität keine Naturbestimmung war oder ist; wobei die Autorin betont, dass es aufgrund der kulturellen Tradition, der Erziehung wie auch der biologischen Voraussetzungen unterschiedliche Arten der „Genialität“ von Mann und Frau gibt.

Obschon die äußerlich sichtbaren Wirkungen und Erfolge des Feminismus im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts als imposant erscheinen, stellt sich Ellen Key in Die Frauenbewegung die Frage, inwiefern diese tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung letztlich zu kulturellen wie auch individuellen und Zeit überdauernden Verbesserungen beigetragen hat oder beiträgt:

Die Frauenbewegung ist die bedeutungsvollste aller welthistorischen Freiheitsbewegungen. Die Frage, ob diese Bewegung die Menschheit in auf- oder niedersteigender Richtung beeinflußt, ist die ernsteste der Zeit. Diejenigen, welche unbedingt das erstere oder letztere behaupten, haben ein übereiltes Urteil ausgesprochen.27


Key behauptet, dass die eben aufgeworfene Frage mit ja und mit nein beantwortet werden müsse. Dies versucht sie an einigen Kriterien nachzuweisen, die sie im Kapitel Innere Wirkungen der Frauenbewegung aufgelistet hat. Zu diesen Kriterien rechnet sie etwa die Effekte und Konsequenzen des Feminismus für die Lebenskraft, Selbsterhaltung und Organisation von Staaten, Gesellschaft und der Menschheit überhaupt.

Des weiteren fragt sie sich, inwiefern die moderne, von Emanzipationsideen beeinflusste Frau „seelenvoller als die Frau irgendeiner anderen Zeit“ geworden sei. Außerdem interessiert sich die Autorin für das Problem, inwiefern mit Hilfe der Frauenbewegung die moderne Frau „stärker, gesünder und schöner“ geworden und inwiefern sie „die physischen und psychischen Funktionen der Mutterschaft“28 besser zu erfüllen imstande sei.


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Im weiteren Verlauf ihrer Ausführungen beschreibt Key diverse Frauentypen, um an ihnen zu demonstrieren, dass die Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts „Fluch und Segen“ zugleich bedeutete. So schildert sie etwa den Typus der alleinstehenden älteren Frau, die aufgrund der Emanzipationsbewegung durchaus ökonomische und psychosoziale Nachteile zu tragen gezwungen sein kann. Auch der Frauentypus der „Undine“, die seelenlos und kühl den Emanzipationsprozess als sterilen Kampf gegen die Männerwelt interpretiert, wird von Key keineswegs als Gewinn der Frauenbewegung gewertet.

Außerdem schildert sie den Typus der „Sappho“ und spielt damit auf die angeblich höhere Anzahl homoerotischer Frauen an, die im Zuge der Frauenbewegung ihrer sexuellen Neigung ungehemmten Ausdruck verleihen. Bei dieser Beschreibung bezieht sich Ellen Key im verneinenden Sinne selbst mit ein:

Heutzutage ist soviel von „sapphischen“ Frauen die Rede. Und es ist ja möglich, daß sie in jener unreinen Gestalt, die die Männer meinen, existieren. Ich bin ihnen nie begegnet, vermutlich weil man im Leben selten dem begegnet, womit auch keine Fiber unseres eigenen Wesens irgendeine Affinität hat.29


Doch auch jenseits dieser Typologie haben viele Frauen Ellen Key zufolge im Zuge des Feminismus nicht nur Vorteile zu gewärtigen. So komme es relativ häufig zu Überforderungsempfindungen bis hin zu regelrechten seelischen oder körperlichen Erkrankungen, weil die Betreffenden ihrer Doppel- und Dreifachbelastung durch Familie, Kindererziehung und - neu hinzugekommen - Berufstätigkeit nicht gewachsen sind:

Ihre Nervosität kommt bald in harter, bald in hysterischer Weise zum Ausdruck, und das über ihre Verdrießlichkeit geärgerte Publikum ahnt wenig von den Tragödien, die sich in Büros, Geschäften, Kaffees oder ähnlichen Lokalen abspielen... Daneben hat man die Neurose und Lebensmüdigkeit der Überarbeiteten, der beständig um ihre materielle Sicherheit Zitternden, derjenigen, welche durch die edlen und einfachen Freuden des Lebens ... neu belebt werden könnten, sie aber nicht erreichen.30


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Key beschließt ihre Ausführungen in Die Frauenbewegung mit einer utopischen Hoffnung für die Zukunft. Sie stellt sich eine Menschheit vor, in welcher die Verschiedenartigkeit von Mann und Frau nicht aufgehoben, sondern geachtet und als gleichwertig beurteilt wird. Weder männliche noch weibliche Überlegenheit, weder Kampf noch Unterwerfung sollen aus dieser Verschiedenartigkeit der Geschlechter resultieren. Nochmals wendet sie sich vehement gegen jede Form von Egalitarismus, der ihrer Meinung nach den Frauen wie den Männern Gewalt antun würde. Ebenso lehnt sie die Reduktion individueller Freiheitsgrade ab, welche den einzelnen Frauen z.B. die Möglichkeit raube, sich zwischen Mutterschaft und Berufstätigkeit entscheiden zu können. Der Individualismus sei allemal höher zu werten als jeglicher Kollektivismus:

Ich hoffe infolgedessen, daß die Zukunft eine neue Gesellschaft sehen wird, die einen sichereren Schutz für den Mutterberuf schaffen wird, als ihn die jetzige Familien- und Gesellschaftsordnung bietet. Ich glaube an eine neue Ethik, die eine Synthese aus dem Wesen des Mannes und des Weibes sein wird, aus den Forderungen des Individuums und der Gesellschaft ..., aus dem Zukunftswillen und der Pietät gegen die Vergangenheit. Ehe diese schöne und starke Sittlichkeit erhellt, gibt es längst keine „Frauenbewegung“ mehr. Aber es gibt noch immer eine „Frauenfrage“.31


Es verwundert sicherlich nicht, dass die Ausführungen Ellen Keys zum Feminismus und zur Frauenfrage nicht auf einhellige Zustimmung gestoßen sind. Den egalitär eingestellten Feministinnen war sie zu dualistisch, den bürgerlichen Kämpferinnen für die Frauenrechte war sie zu sozialistisch, den idealistisch gesinnten Verfechterinnen für die Sache der Frauen war sie zu biologistisch, und den kämpferisch sich gegen die Männerwelt und das Patriarchat verschließenden Frauen war sie zu harmoniesüchtig. Außerdem konnten viele Feministinnen die keyschen Plädoyers für Mutterschaft und Individualismus nur schwer einordnen und ertragen.

Als eine Schriftstellerin, welche die eben aufgeführten Kritikpunkte an Ellen Key beredt zusammengefasst und zum Ausdruck gebracht hat, kann Nike Wagner gelten, die in ihrem Buch Geist und Geschlecht - Karl [Seite 160↓] Kraus und die Erotik der Wiener Moderne (1981) über die feministischen Ansichten der schwedischen Reformpädagogin recht hart urteilt:

Ellen Key, die sich mit einem verwaschenen „sozialen Individualismus“ der Erotik nähert, sprach sicherlich einem großen Teil des männlichen Publikums aus dem Herzen. Sie galt als Frauenrechtlerin, vertrat jedoch ausgesprochen antiemanzipatorische Gedanken. Das moderne „Hirnweib“ scheint ihr ein Schreckgespenst, eine Gefahr für die Kultur; die Autorin stellt sich gegen das Recht auf Arbeit der Sozialistinnen und preist statt dessen die Mutterschaft als Erlösung des Weibes und der Menschheit. Wie viele Nachbeter der Wissenschaft huldigt sie der darwinistischen Theorie von der natürlichen Auslese... Völlig integriert hat Ellen Key die Ideologie, daß die Frauen ihre eigene Identität bezögen aus der Aufopferung für andere.32


Man mag Nike Wagner zugute halten, dass sie eigentlich ein Buch über Karl Kraus und nicht über Ellen Key verfasst hat und deshalb das Denken der schwedischen Frauenrechtlerin nur peripher zur Kenntnis genommen hat. Dennoch zeugt es nicht unbedingt von intellektueller Redlichkeit, lediglich auf einige, noch dazu aus dem Zusammenhang gerissene kritikwürdige Argumente Keys einzugehen und ihre durchaus humanistische und fortschrittliche Gesamtintention bezüglich der Frauenfrage vollständig außer Acht zu lassen. Eine diesbezüglich viel adäquatere Beurteilung der Leistungen Keys hat die bereits weiter oben zitierte Anne-Marie Käppeli in ihrem Aufsatz Die feministische Szene geliefert, in dem sie schreibt:

Ebenso wie Strindberg fand auch die innovative Pädagogin Ellen Key die von den Feministinnen ... propagierte sexuelle Enthaltsamkeit inakzeptabel. Doch vor allem kritisierte sie den Egalitarismus der Mittelschichtfrauen, da er dieselben Ambitionen wie die Männer verfolge. In Mißbrauchte Frauenkraft ...


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versuchte sie, die spezifischen Eigenschaften der Frau herauszuarbeiten. Ihre Verteidigung der Mutterschaft ging Hand in Hand mit der Verteidigung von Individualismus und Freiheit.33


Fußnoten und Endnoten

1 Sledziewski, E.G.: Die Französische Revolution als Wendepunkt, in: Georges Duby und Michelle Perrot: Geschichte der Frauen, Band 4, 19. Jahrhundert, Hrsg. v. Geneviéve Fraisse und Michelle Perrot, (1991), Frankfurt am Main 1997, S. 45

2 Scott, J.W.: Die Arbeiterin, in: Georges Duby und Michelle Perrot: Geschichte der Frauen, Band 4, 19. Jahrhundert, a.a.O., S. 465f.

3 Jacobi, J.: Zwischen Erwerbsfleiß und Bildungsreligion - Mädchenbildung in Deutschland, in: Georges Duby und Michelle Perrot: Geschichte der Frauen, Band 4, 19. Jahrhundert, a.a.O., S. 268

4 Käppeli, A.M.: Die feministische Szene, in: Georges Duby und Michelle Perrot: Geschichte der Frauen, Band 4, 19. Jahrhundert, a.a.O., S. 541

5 Käppeli, A.M.: Die feministische Szene, in: Georges Duby und Michelle Perrot: Geschichte der Frauen, Band 4, 19. Jahrhundert, a.a.O., S. 541f.

6 Käppeli, A.M.: Die feministische Szene, in: Georges Duby und Michelle Perrot: Geschichte der Frauen, Band 4, 19. Jahrhundert, a.a.O., S. 561

7 Key, Ellen: Mißbrauchte Frauenkraft (1898), Berlin 1904, S. 47f.

8 Key, E.: Mißbrauchte Frauenkraft, a.a.O., S. 52f.

9 Key, E.: Mißbrauchte Frauenkraft, a.a.O., S. 58f.

10 Key, E.: Mißbrauchte Frauenkraft, a.a.O., S. 64

11 Key, E.: Mißbrauchte Frauenkraft, a.a.O., S. 70

12 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes (1900), Weinheim und Basel 2000, S. 48

13 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 49f.

14 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 56

15 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 67

16 Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 67

17 Key, E.: Über Liebe und Ehe (1904), Berlin 1905, S. XI

18 Key, E.: Über Liebe und Ehe, a.a.O., S. 120

19 Nietzsche, F.: zit. n.: Key, E.: Über Liebe und Ehe, a.a.O., S. 133

20 Key, E.: Über Liebe und Ehe, a.a.O., S. 136

21 Key, E.: Über Liebe und Ehe, a.a.O., S. 160ff.

22 Key, E.: Über Liebe und Ehe, a.a.O., S. 402

23 Key, E.: Über Liebe und Ehe, a.a.O., S. 424f.

24 Key, E.: Über Liebe und Ehe, a.a.O., S. 110f.

25 Key, E.: Liebe und Ethik (1905), Berlin o.J., S. 72

26 Key, E.: Die Frauenbewegung (1905), Berlin 1909, S. 39

27 Key, E.: Die Frauenbewegung, a.a.O., S. 61

28 Key, E.: Die Frauenbewegung, a.a.O., S. 62

29 Key, E.: Die Frauenbewegung, a.a.O., S. 78

30 Key, E.: Die Frauenbewegung, a.a.O., S. 81

31 Key, E.: Die Frauenbewegung, a.a.O., S. 203

32 Wagner, N: Geist und Geschlecht - Karl Kraus und die Erotik der Wiener Moderne (1981), Frankfurt am Main 1987, S. 90

33 Käppeli, A.M.: Die feministische Szene, in: Georges Duby und Michelle Perrot: Geschichte der Frauen, Band 4, 19. Jahrhundert, a.a.O., S. 569



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11.08.2004