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9.  Ellen Key und der Pazifismus


Dass Ellen Key eine weltanschaulich außerordentlich unabhängige und autonom sowie humanistisch und fortschrittlich denkende und urteilende Frau war, wird besonders auch hinsichtlich ihres pazifistischen Engagements deutlich. Diese Haltung ist um so erstaunlicher, als sie von ihr entwickelt und an den Tag gelegt wurde, als europaweit - und selbst unter vielen Intellektuellen - eine antipazifistische oder sogar militaristische Grundeinstellung an der Tagesordnung war.

Nur wenige Künstler, Schriftsteller und Philosophen waren Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Lage, der weitverbreiteten Überzeugung von der Notwendigkeit oder beinahe historischen Gesetzmäßigkeit kriegerischer Auseinandersetzungen eine kritische und pazifistische Idee entgegen zu setzen. Um Ellen Keys genuine Beitragsleistungen hinsichtlich des Pazifismus besser einordnen zu können, sollen an dieser Stelle einige wenige europäische Intellektuelle erwähnt werden, welche sich pazifistischen Konzepten nahe fühlten und sie vertraten, und die als Vorläufer oder Begründer des Pazifismus gelten.

Als pazifistisches Ur- und Erzgestein hat man wiederholt den russischen Aristokraten und Schriftsteller Leo Tolstoi angesehen. Zwar haben z.B. schon Erasmus von Rotterdam zu Beginn des 16.Jahrhunderts oder manche Aufklärer - wie etwa Hume, Voltaire und Kant - Gedanken und Ideen entwickelt, denen ein pazifistischer Gehalt nicht abgesprochen werden kann; man denke nur an des Königsbergers Abhandlung Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf (1795), in welcher schon Modelle eines „Völkerbundes“ dargestellt werden, wie sie über einhundert Jahre später in ähnlicher Form realisiert und auch von Ellen Key kommentiert wurden. Strikt pazifistische Positionen wurden jedoch erst zum Ende des 19. Jahrhunderts hin breiter ausgearbeitet und energisch vertreten.

Tolstoi (1828-1910) entstammte dem russischen Hochadel. Die Kontakte mit den Ideen Rousseaus und die Gespräche mit Proudhon, Herzen oder auch Turgenjew ließen aus dem Offizier des Krimkrieges, der Tolstoi ursprünglich war, nach und nach einen überzeugten Pazifisten werden, der zum unerschrockenen Kämpfer gegen den Feudalismus, gegen Krieg und Militarismus, gegen Herrschaft und Sklaverei sowie gegen Kirche und Staat avancierte. Schon seine drei Kriegsberichte Sewastopol im Dezember, Sewastopol im Mai und Sewastopol im August, die er [Seite 179↓]1855/56 verfasste, schildern den Krieg schlicht und sehr ergreifend in all seiner banalen Grausamkeit und Hässlichkeit. Diese Kriegsberichterstattung soll dazu geführt haben, dass der Zar, der davon Kenntnis bekam, befahl, Tolstoi vom Frontdienst abzuziehen, um ihn zu schützen und zu schonen.

Etwa ein Jahrzehnt später veröffentlichte Tolstoi sein Epos Krieg und Frieden (1864-69), das die historische Epoche Russlands zwischen 1805 und 1820 zu ihrem Inhalt hat. Bekanntlich fallen in diese Zeit die Napoleonischen Kriegszüge quer durch Europa, die auch Russland nicht unberührt ließen und letztlich zum „großen Sieg“ (durch dauernden Rückzug) über den Korsen und seine Truppen führten.

Neben der Darstellung der kriegerischen Auseinandersetzungen geht es Tolstoi in dem Roman auch um die Erörterung einer Geschichts-Philosophie, wobei er sich als ein Vertreter einer anti-individualistischen Position zu erkennen gibt. Nicht einzelne Feldherren, Könige oder Staatsmänner, sondern die anonyme Dynamik der Massen und Völker schreiben Geschichte - weshalb es auch notwendig ist, diese Dynamik zu begreifen, um zu verstehen, warum es immer wieder Kriege gibt. In Krieg und Frieden heißt es dazu:

Doch was ist der Krieg? Was braucht es zum Erfolg bei militärischen Aktionen? Wie sind im Militärstand die Sitten? Das Ziel des Krieges ist der Mord, das Handwerkszeug des Krieges: Spionage, Verrat und Anstiftung dazu, Ruin der Einwohner, ihre Beraubung oder Diebstahl, um die Armee zu versorgen, und Lüge und Betrug, was man Kriegslist nennt. Die Sitten des Militärstandes aber sind: völliger Mangel an Freiheit, was man als Disziplin bezeichnet, Müßiggang, Rohheit, Grausamkeit, Unzucht und Unmäßigkeit. Und trotz alledem ist dies der höchste Stand, der von allen geachtet wird. Alle Kaiser, außer dem von China, tragen Militäruniformen, und dem, der die meisten Menschen totgeschlagen hat, werden die größten Auszeichnungen zuteil.1


Dieser Charakteristik des Krieges, die Tolstoi schon Mitte des 19. Jahrhunderts formulierte, ist aus heutiger Sicht nur wenig hinzuzufügen. Im [Seite 180↓]Gegenteil: Tolstois Gedanken muten modern und zeitgemäß an und bestätigen, dass ihr Autor mit seinen Schriften weit in die Zukunft vorausgegriffen hat. Viele moderne Pazifisten - z.B. Ernst Friedrich, Henri Barbusse, Georg Friedrich Nicolai oder auch Romain Rolland - haben sich daher in ihren eigenen Schriften auf Tolstois Krieg und Frieden bezogen.

Viel wichtiger als die Ausführungen Tolstois zum Pazifismus waren für Ellen Key jedoch diejenigen Bertha von Suttners (1843-1914). Die „Friedens-Bertha“, die 1843 in Prag geboren wurde und aristokratisch aufwuchs, hat sich in ihren erwachsenen Jahren beinahe uneingeschränkt der Sache des Pazifismus verschrieben. Zusammen mit ihrem Mann, dem Baron von Suttner, lebte sie einige Jahre im Kaukasus, wo beide Eheleute begannen, sich literarisch zu betätigen; über die dabei entstandenen Novellen gerieten sie in Kontakt mit den literarischen Eliten Europas sowie mit deren zum Teil fortschrittlichen Ideen.

Als die Suttners aus Südrussland zurückgekehrt waren, verbrachten sie 1886/87 einige Zeit in Paris. Dort kam ihnen zu Ohren, dass eine internationale Friedensbewegung mit Sitz in London gegründet worden war, was mit begeisterter Zustimmung der beiden beantwortet wurde. Bei Bertha von Suttner führte dies sogar dazu, dass sie ein Buch mit dem Titel Die Waffen nieder! verfasste und 1888 veröffentlichte. Leo Tolstoi, der dieses Buch mit großer Begeisterung gelesen hatte, schrieb daraufhin an die Autorin:

Ich schätze Ihr Werk sehr und halte die Veröffentlichung Ihres Romanes für ein glückliches Vorzeichen. Der Abschaffung der Sklaverei ging das berühmte Buch einer Frau voraus, der Mrs. Beecher-Stowe; Gott gebe, daß die Abschaffung des Krieges durch das Ihre geschehe.2


Auch Alfred Nobel war vom Text Bertha von Suttners tief beeindruckt. Nobel kannte die Baronin bereits aus der Zeit, als sie - noch vor ihrer Heirat mit Suttner - als Sekretärin bei ihm gearbeitet hatte. Er selbst war aber merklich weniger optimistisch und hatte die Idee, eher durch Abschreckung neuerliche und verheerende Kriege verhindern zu können. In dieser Linie lag auch seine Erfindung des Dynamits, von dem sich Nobel eine [Seite 181↓]radikale Verkürzung aller Kampfhandlungen versprach, da alle Beteiligten eigentlich wissen müssten, dass die Destruktivität dieses Kampfstoffes zum eigenen Schaden sei.

Immerhin hat Alfred Nobel, der mit seiner Erfindung ein Vermögen gemacht hatte, kurz vor seinem Tode eine Stiftung ins Leben gerufen, die jährlich den „Nobel-Preis“ nicht nur für hervorragende wissenschaftliche Leistungen, sondern auch für pazifistisches Engagement vergeben sollte. Bertha von Suttner war 1905 die erste Frau, die den Friedens-Nobelpreis verliehen bekommen hat.

In seinem Buch Die Welt von gestern hat Stefan Zweig eine Situation beschrieben, die er mit Bertha von Suttner kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs erlebt hat. Ihre Worte, die sich auf die in Österreich damals viel diskutierte Affäre des Oberst Redl bezogen, würde so ähnlich wohl auch Ellen Key gesprochen haben:

Das war schon der Krieg, und sie haben wieder einmal alles vor uns versteckt und geheimgehalten. Warum tut ihr nichts, ihr jungen Leute? Euch geht es vor allem an! Wehrt euch doch, schließt euch zusammen! Laßt nicht immer alles uns paar alte Frauen tun, auf die niemand hört... Es steht schlimmer als je, die Maschine ist doch schon in Gang.3


Den richtigen Gang der Maschine musste Bertha Suttner nicht mehr erleben. Sie starb am 21. Juni 1914, wenige Wochen vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Ellen Key, die Bertha von Suttner Anfang des 20. Jahrhunderts besucht hatte, schrieb in ihrer Broschüre Florence Nightingale und Bertha von Suttner - Zwei Frauen im Kriege wider den Krieg (1919) über diese Begegnung, mehr jedoch noch über die pazifistischen Grundgedanken und Aktivitäten der „Friedens-Bertha“:

Als ich Bertha von Suttner zum ersten Male sah, war sie schon Witwe (ihr Gatte Artur von Suttner starb am 10. Dezember 1902, K.M.). Sie führte mich in das Heiligtum des Hauses, in das Zimmer, wo das große Bild Baron von Suttners auf einer von Blumen umgebenen Staffelei stand. Beim Anblick seines [Seite 182↓]schönen, von Gedankenkraft und Güte zeugenden Antlitzes verstand man die Worte seiner Witwe, daß sie in ihm nicht nur den Gatten ihrer Jugend, sondern auch ihren besten Freund betrauere.4


Dass Key nicht nur das Hauptwerk Bertha von Suttners Die Waffen nieder! kannte, sondern ebenso mit ihrem Erinnerungsbuch Memoiren (1909) vertraut war, wird auch daran ersichtlich, dass sie in ihrem Text auf den eben zitierten Brief Leo Tolstois an Bertha von Suttner Bezug nahm, den diese in ihren Memoiren ausführlich erwähnt hat.

Im weiteren Verlauf ihrer Schrift kommentiert Key detailliert den Inhalt und die Zielrichtung von Die Waffen nieder!. Dieses Hauptwerk Suttners sei zwar kein Kunstwerk, habe aber bahnbrechende Wirkungen weit über den deutschsprachigen Raum hinaus erzielt. Imposant sei etwa die enorme Hellsichtigkeit der Autorin, mit der sie den kommenden Weltkrieg prognostizierte. Auch habe sie sehr klar die verschiedenen Ursachen und Bedingungen analysiert und benannt, welche den Krieg als Mittel der zwischenstaatlichen „Konfliktlösung“ erst ermöglichen und perpetuieren:

Sie zeigt, wie der Krieg immer durch den Entschluß eines oder mehrerer Menschen zustande kommt, wie die Presse die Volksmeinung bearbeitet, ob es sich nun um Haß oder Liebe für ein anderes Volk handle... Von Monat zu Monat zeigt sie anhand der Tagespolitik, wie die Interessen der Waffenfabriken und anderer Industrien, wie der Nationalismus, Militarismus, Klerikalismus, Antisemitismus, Protektionismus in allen Ländern die Fackeln der Kriegsgefahr im Brande halten, während die Friedensfreunde wie Toren behandelt werden, die in der öffentlichen Meinung mit den Anarchisten auf die gleiche Stufe gestellt werden... Eine Gefahr, die die Völker einem Bombenregen aussetzt, wäre wohl mehr zu beachten, als einige Dutzend Anarchisten, gegen die man eine internationale Abwehr verlangt. Niemand aber fordert einen internationalen Zusammenschluß, um die tausend Mal gefährlichere zwischenstaatliche Anarchie aufzuheben.5


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Neben Leo Tolstoi und Bertha von Suttner gehörten um 1900 und während der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts noch einige weitere Schriftsteller und Intellektuelle zum erlauchten Kreis der Pazifisten, von deren Schriften und Ansichten teilweise auch Ellen Key Kenntnis hatte und beeinflusst wurde. Besonders erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang Malwida von Meysenbug, Henri Barbusse, Ernst Friedrich, Alfred Fried, Georg Friedrich Nicolai, Leonhard Frank, Erich Maria Remarque, Romain Rolland, Anatole France, Fridtjof Nansen, Karl Kraus und Gustav Björklund. Die meisten dieser Pazifisten kannten sich gegenseitig persönlich oder zumindest bezüglich ihrer Publikationen, so dass es nicht überraschend ist, dass einige pazifistische Grundgedanken bei den verschiedenen Vertretern dieser Gesinnung in Abständen wiederkehren.

Mit den pazifistischen Überlegungen etwa von Anatole France war Key gut vertraut. In ihrem Buch Der Lebensglaube (1906) führt sie den französischen Schriftsteller mit einem seiner aufrüttelnden Sätze an, die er den Militaristen Europas und der gesamten Welt ins Stammbuch geschrieben hat: „Menschen zum Morden zu zwingen, ist das Verbrechen aller Verbrechen.“6

Ein in Europa von vielen fortschrittlichen Menschen ebenfalls oft zitierter Pazifist war der Schriftsteller Henri Barbusse (1873-1935). Besonders hervorzuheben ist sein Buch Le Feu (1916), zu deutsch: Das Feuer - Tagebuch einer Korporalschaft, das die Erlebnisse und Schicksale einer 15-Mann-Gruppe (Korporalschaft) während des Ersten Weltkrieges ungeschönt und bisweilen in brutaler Offenheit und Direktheit schildert. Romain Rolland, selbst ein entschiedener Pazifist, war von diesem Buch tief beeindruckt und nannte es einen „unerbittlichen Spiegel des Krieges“, Maxim Gorki verfasste eine Rezension über diesen Text, der man seine Erschütterung über die Lektüre deutlich anmerkt, und Ernst Toller beschrieb später, wie er das erste Mal mit Le Feu in Kontakt kam, wie dieser schonungslose Text sein Herz ergriff und wie teuer ihm seit jener Zeit der Name Barbusse geworden ist.

Henri Barbusse hatte sich im August 1914 als Freiwilliger an die Front gemeldet, wo er innerhalb kurzer Zeit den Krieg als schändlichen Betrug, der mit dem Tod fürs Vaterland bezahlt wird, demaskierte. Mit [Seite 184↓]schlichten, aber ungemein eindrücklichen Worten beschrieb der Autor seine Erlebnisse im Schützengraben und angesichts von Trommelfeuern, welche die Sinnlosigkeit eines gigantischen Gemetzels widerspiegelten. Über einen gefallenen Kameraden berichtet Barbusse etwa:

Barque erscheint in seiner Starre riesig. Die Arme sind am Körper ausgestreckt, die Brust ist eingedrückt, der Bauch zu einem Trichter eingefallen. Mit dem Kopf auf einem Dreckhaufen liegend, schaut er über die Füße hinweg auf die, die von links kommen. Die Haare hängen ihm in das verdüsterte Antlitz, dicke schwarze Krusten von geronnenem Blut kleben darin, die blutigen Augen sehen aus wie gekocht.7


Wie bereits erwähnt, haben etliche Schriftsteller auf Henri Barbusses Buch mit großer Anerkennung reagiert. Unter ihnen war auch Romain Rolland, der im Journal de Genève am 19. März 1917 eine umfangreiche und zustimmende Rezension dieses Textes publiziert hat. Da Ellen Key seit 1909 auf Romain Rolland und dessen Veröffentlichungen aufmerksam geworden war und mit ihm in brieflichem Kontakt stand, ist es durchaus wahrscheinlich, dass die schwedische Reformpädagogin auch über ihren französischen Korrespondenzpartner auf Henri Barbusse und Le Feu hingewiesen worden war.

Ein weiterer „Bannerträger des Pazifismus“ war Leonhard Frank (1882-1961), der während des Ersten Weltkriegs in Zürich als Exilant lebte. Dort veröffentlichte er seine Sammlung pazifistischer Geschichten, die unter dem Titel Der Mensch ist gut 1917 erschienen und für Furore sorgten.

Diese Erzählungen variieren den üblichen Satz, mit dem seit langem umschrieben wird, dass jemand im Krieg den Tod gefunden hat: „Er ist auf dem Felde der Ehre gefallen.“ Frank hat ergreifend gezeigt, dass das Feld der Ehre eine ekelhafte Schlachtbank ist, zu der die Soldaten geführt werden und auf der sie verrecken wie das Vieh. Und weiter beschreibt Frank die Identitäten der Schlächter und Massenmörder, die in ihren bürgerlichen Berufen als Großindustrielle, Rüstungsmanager, Bankiers und Politiker brillieren, um sich in Krisenzeiten flugs mit dem Gewand [Seite 185↓]von Generälen und Militärs zu kleiden und damit ihre ureigensten Interessen des Machterhalts und der Großmannssucht zu verfolgen.

In seiner Autobiographie Links wo das Herz ist (1952) hat Leonhard Frank erläutert, wie er zum Pazifisten und libertären Sozialisten wurde. Sein Engagement speiste sich aus der Erkenntnis, dass durch Krieg, Armut, Bildungsnotstand und Unterdrückung jeglicher Art Tausende von kulturellen Talenten verkümmern und ihre Fähigkeiten entweder gar nicht entwickelt oder früh zunichte gemacht werden - von der Tatsache, dass oftmals auch ihr Leben verkürzt oder verkrüppelt wird, ganz zu schweigen.

Der Text Der Mensch ist gut sollte Leonhard Frank zufolge nicht als Kunstwerk, sondern als „aufwühlendes, direkt wirkendes Manifest gegen den Kriegsgeist“ gelesen werden. In einer expressionistischen und Affekte evozierenden Sprache hat Frank in seinen fünf Novellen, aus denen das Buch Der Mensch ist gut besteht, die grauenhaften Seiten des Kriegsgeschehens als Anklage und gleichzeitig als Aufruf zu Veränderung bzw. Abschaffung des Krieges verstanden wissen wollen. In der zweiten Novelle z.B., überschrieben mit Die Kriegswitwe, schildert er minutiös die Reaktion einer Frau, die soeben erfahren hat, dass ihr Mann im Krieg gefallen ist:

Der Schmerz um den toten Mann war, in den Zeitraum weniger Sekunden zusammengepreßt, ganz plötzlich so unmenschlich furchtbar, daß die Witwe, wollte sie nicht im Augenblick Besinnung und Verstand einbüßen, mit einem gewaltigen innerlichen Sprung von ihrem Leben der Lüge, Gedankenlosigkeit und Selbstsucht heraus - ins höhere Menschentum hineinspringen mußte... Sekündlich und mit der ganzen Kraft ihres Wesens versuchte sie, die Begriffe „Heilige Sache“, „Altar“, „Feld der Ehre“, „Heldentod“ als Betäubungsmittel dem Schmerz wieder entgegenzustemmen.8


Berücksichtigt man den Inhalt dieser Novellen, so überrascht es nicht, dass am Ende dieses Zyklus der Name von Karl Liebknecht auftaucht, dem Leonhard Frank die Führung eines revolutionären Umsturzes und einer pazifistischen Revolte zugetraut hat. Leonhard Frank nämlich hat als [Seite 186↓]eine wesentliche Ursache von kriegerischen Auseinandersetzungen die massiven sozialen und gesellschaftlichen Verwerfungen und Ungerechtigkeiten erkannt und benannt, die seiner Meinung nach den Umbau der Gesellschaft hin zu einer sozialistischen Form dringend notwendig erscheinen ließen.

Diese Verknüpfung von Pazifismus und Sozialismus, die in der Person wie auch in den Schriften Leonhard Franks offensichtlich wurde, taucht auch in den pazifistischen Texten Ellen Keys auf. In ihrem aufschlussreichen Aufsatz über Gustav Björklund, den schwedischen Pazifisten, betitelt mit Ein Vorläufer des wissenschaftlichen Pazifismus (1912), schreibt Key diesbezüglich:

Hätte er (Gustav Björklund, K.M.) das Vorrücken des Sozialismus miterlebt, er würde sich mit uns allen gefreut haben, die wir überzeugt sind, daß der Sozialismus und die Friedenssache nicht zu trennen sind, wenigstens nicht für das Auge, das weit zu sehen vermag.9


Dass Ellen Key das Buch Leonhard Franks Der Mensch ist gut ebenso wie dasjenige Henri Barbusses Das Feuer gekannt haben wird, kann man auch deshalb vermuten, weil diese beiden Publikationen zwei bzw. drei Jahre vor Ellen Keys Florence Nightingale und Bertha von Suttner - Zwei Frauen im Kriege wider den Krieg ebenfalls im Max Rascher Verlag in Zürich erschienen sind und weil für sie sogar im Anhang der Broschüre Keys vom Verlag als empfehlenswerte Literatur geworben wurde.

Ein Zeitgenosse Leonhard Franks, der sich ebenfalls als Pazifist einen Namen zu machen wusste, war Georg Friedrich Nicolai (1874-1964). Er wurde in eine recht rebellische Familie hinein geboren, die das Opponieren dem kleinen Georg Friedrich in die Wiege, wenn nicht gar in „die Gene“ gelegt hatte. Der Vater, ein Dozent für Chemie, stichelte als Journalist oft genug gegen den eisernen Kanzler Bismarck, und die Mutter galt als Sozialistin, die enge Kontakte zu Gustav Landauer und August Bebel unterhielt.

Der Sohn absolvierte eine Ausbildung als Physiologe und Mediziner und wurde für diese Fächer sogar habilitiert. Darüber hinaus legte er sich [Seite 187↓]jedoch auch eine profunde philosophische, geisteswissenschaftliche und literarische Bildung zu, die ihn in die Lage versetzte, als Reaktion auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs sein Buch Die Biologie des Krieges (1917) zu verfassen, das immer noch als eine der solidesten Publikationen zum Thema Pazifismus gilt.

Außerdem las Nicolai an der Universität Berlin, wo er als Professor der Physiologie tätig war, im November 1914 ein kriegsfeindliches Kolleg, was dazu beitrug, dass der unbequeme Kritiker aus der Alma mater der Metropole entfernt wurde. Obwohl im Rahmen dieser Maßnahmen gegen Nicolai auch das Manuskript zu Die Biologie des Krieges beschlagnahmt wurde, gelang es über einen Kontakt zu Leonhard Frank, eine Abschrift an den renommierten Zürcher Verlag Orell Füssli zu lancieren, der das Buch 1917 erscheinen ließ.

Die Biologie des Krieges provozierte unter den humanistisch und progressiv orientierten Intellektuellen Europas helle Begeisterung. Romain Rolland, Georg Brandes, Ellen Key, Fridtjof Nansen und andere bekannten sich öffentlich zu den Thesen und Argumenten Nicolais. Sein Buch war aber auch derart umfassend und enzyklopädisch konzipiert, dass diese positiven Reaktionen nur zu verständlich erschienen. Soziologie, Politik, Biologie, Geschichte, Philosophie, Literatur, Medizin, Psychologie, Mythologie und einige weitere Kulturbereiche werden von Nicolai bemüht und zitiert, um den Irrsinn des Krieges und seine vielgestaltigen Voraussetzungen zu beschreiben und zu kritisieren.

Sein Text stellt einen der vollständigsten Versuche dar, die vielen Köpfe der Hydra Krieg detailliert zu erfassen und - wenn möglich - auch abzuschlagen. In fünfzehn Kapiteln bearbeitete Nicolai so basale Themen wie z.B. „Kampf ums Dasein und Krieg“, „Die Wurzeln des Patriotismus“, „Der unberechtigte Chauvinismus“, „Der Altruismus“ oder auch „Krieg und Religion“. Im letzteren Kapitel schrieb der Autor über die angebliche Friedfertigkeit des Christentums:

Praktisch ging man schon bald ins Lager der Militaristen über, und nicht einmal zu seinen Lebzeiten konnte Jesus das Schwert ganz aus der Welt schaffen... Es ist bekannt und braucht keines Beweises, daß ... niemals in der Welt soviel mit Gift und Feuer und Schwert gewütet worden ist, als in der christlichen Ära; teilweise von der christlichen Kirche selbst (Inquisition und Ketzergerichte), und teilweise in ihrem Namen: die [Seite 188↓]Kreuzzüge gegen Türken, Albigenser, Hussiten usw. und die zwischenstaatlichen Glaubenskriege im 16. und 17. Jahrhundert.10


Nicolai geriet - bei derartigen Ausführungen kein Wunder - aufgrund seines Buches in Deutschland so sehr unter Druck, dass er sich für eine Flucht nach Skandinavien entschied, wo er eine Zusammenarbeit mit Ellen Key konstellierte. Seine erste Station war die dänische Hauptstadt Kopenhagen:

Unmittelbar nach seiner Ankunft in Kopenhagen nahm er Fühlung mit Romain Rolland, Nippold und Alfred Fried in der Schweiz, mit dem Schriftsteller Georg Brandes in Dänemark, dem Polarforscher Fridtjof Nansen in Norwegen, der bedeutenden Erzieherin Ellen Key in Schweden und Shaw Desmond, einem anglo-irischen Pazifisten, um eine internationale Zeitschrift für Frieden und Wiederaufbau ins Leben zu rufen.11


Die Kontakte zwischen Nicolai und Key gestalteten sich fruchtbar und intensiv. Insbesondere an dem Projekt einer Zeitschrift für Frieden und Wiederaufbau wollte sich die Pädagogin aktiv beteiligen. Von ihr stammte auch der Wahlspruch dieses Periodikums, der da lautete: „Neutral gegenüber den kriegführenden Ländern, leidenschaftlich Partei ergreifend für das Recht gegen die Macht.“12 Nur nebenbei sei erwähnt, dass diese Zeitschrift, die den Namen Das werdende Europa - Blätter für zukunftsfrohe Menschen trug,über die erste Nummer nicht hinaus gekommen ist.

Neben ihrer Broschüre Florence Nightingale und Bertha von Suttner - Zwei Frauen im Kriege wider den Krieg hat Ellen Key vorrangig in Zeitungen und Zeitschriften Aufsätze zum Thema des Pazifismus bzw. des Krieges publiziert. Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang etwa die kleineren Essays über Die Vaterlandsliebe (in: Die Zeit, Wien 1901), Patriotismus (in: Die Zeit, Wien 1901) oder auch Das Friedensproblem (in: Dokumente des Fortschritts, Berlin 1911). Außerdem publizierte sie in den Basler Nachrichten vom 2. August 1916 und im Vorwärts vom 7. August 1916 einen Aufsatz mit dem Titel Krieg.


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In diesen Arbeiten vertrat Key einen für die damalige Zeit modernen, die Begriffe der Struktur und der Strukturelemente berücksichtigenden Standpunkt zum Thema Krieg und Pazifismus. Sie ging davon aus, dass ein Phänomen wie Krieg bzw. Militarismus als Struktur aufgefasst werden müsse, welche sich aus mehreren Strukturelementen zusammensetzt, wobei diese Elemente sich gegenseitig bedingen und verstärken.

Eine derartige Betrachtungsweise historischer, gesellschaftlicher, kultureller und individueller Phänomene war um die Jahrhundertwende in Berlin unter anderem von Wilhelm Dilthey (1833-1911) propagiert worden. Dieser Philosoph hat z.B. in seiner Abhandlung Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften (1910) gezeigt, inwiefern die Methode einer strukturellen Zusammenhangsbetrachtung im Bereich der Geschichtswissenschaften, darüber hinaus aber auch im Bereich der Psychologie und der Wissenschaften vom Menschen allgemein außerordentlich fruchtbare Ergebnisse zeitigt.

Zwischen den einzelnen Strukturelementen etablieren sich sogenannte „Wirkungszusammenhänge“, welche z.B. historische Ereignisse und Prozesse als dynamische Strukturen verstehbar werden lassen. Erst diese Wirkungszusammenhänge - und nicht einzelne Elemente - eröffnen die Möglichkeit, komplexe Phänomene und Strukturen (wie z.B. den Krieg) aus der Sicht des Historikers angemessen zu beschreiben. Über einen derartigen Wirkungszusammenhang führt Dilthey, Bezug nehmend etwa auf das Phänomen des Krieges in der altgermanischen Gesellschaft, aus:

Zwischen den Beschaffenheiten der einzelnen Lebensgebiete besteht eine Wechselwirkung, die durch das Ganze zu einer gegebenen Zeit hindurchgeht. So entwickelte sich in der Taciteischen Germanenzeit aus dem kriegerischen Geist die Heldendichtung ..., und diese Dichtung wirkte dann wieder zurück auf die Verstärkung des kriegerischen Geistes. Ebenso entstand aus diesem kriegerischen Geiste die Unmenschlichkeit in der religiösen Sphäre... Eben dieser Geist wirkte dann auf die Stellung des Kriegsgottes in der Götterwelt, und von da fand dann wieder eine Rückwirkung auf den kriegerischen Sinn statt. So entsteht eine Übereinstimmung in den verschiedenen Le[Seite 190↓]bensgebieten, die so stark ist, daß wir von dem Zustand eines derselben auf den in einem anderen schließen können.13


Ähnlich wie Dilthey hier einen Zusammenhang und eine gegenseitige Beeinflussung zwischen Krieg und Wirtschaft, Verfassung, Recht, Sprache, Mythos, Religiosität und Dichtung hergestellt hat, beschrieb auch Ellen Key in ihren diversen Artikeln zum damals aktuellen Kriegsgeschehen verschiedene kulturelle und historische Phänomene, welche die kriegerischen Auseinandersetzungen ermöglichten und unterhielten und sich selbst in ihren Meinungen und Haltungen durch das Kriegsgeschehen scheinbar bestätigt sahen: Klerikalismus, übertriebener Patriotismus, imperialistischer Nationalismus, Militarismus, Patriarchat sowie Kapitalismus. Über die Schimäre des Nationalismus etwa und dessen Beziehung zum Krieg schrieb Key in ihrem Artikel über Gustav Björklund:

Das Nationalgefühl, das auf der Anerkennung der einem Volk gemeinsamen geistigen und materiellen Werte und Interessen beruht, muß in dem Maße abnehmen, in dem das internationale Gefühl durch die Erfahrung erwacht, daß jedes Volk immer mehr geistige und materielle Werte, Gedanken und Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche mit anderen Völkern gemein hat.14


Ausgehend von ihrer strukturellen Betrachtungsweise des Krieges (und anderen historischer und gesellschaftlicher Phänomene) postulierte Key bei ihren Überlegungen, wie denn Kriege verhindert und Frieden gesichert werden könne, dass betreffende Kulturen und Sozietäten sich in vielen ihrer Bereiche verändern müssen, wenn sie sich denn von einer militaristischen zu einer pazifistischen Einstellung und Haltung hin entwickeln wollen. Insbesondere die Ausrichtung eines Volkes, einer Nation oder einer Gesellschaft an bestimmten Werten bzw. Unwerten müsse genau untersucht und eventuell verändert werden, wenn man ganze Sozietäten und nicht nur Individuen zur Friedfertigkeit hin erziehen wolle:

Nur dadurch, daß man unablässig das Glück des Friedens gegen die Pflicht des Krieges verkündigt hat, hat die Menschheit [Seite 191↓]jetzt begonnen, die Pflicht des Friedens dem Recht des Krieges gegenüberzustellen: Hat zu ahnen begonnen, daß der Kampf um die Bewahrung des Lebens in ebenso hohem Grade die Kraft steigern kann wie die Vergeudung von Leben; daß die Tugenden, die der Krieg entwickelt, an Kultur aufbauendem Wert nicht mit der Kraftanspannung zu vergleichen sind, die eintreten wird, wenn Wille und Wirken, Interesse und Ideen auf ... Zwistigkeiten gerichtet werden.15


Besonders plastisch und ausführlich hat Key ihre pazifistischen Gedanken in ihrem bereits oben zitierten Aufsatz über den schwedischen Philosophen Gustav Björklund (1846-1903) zu Papier gebracht. Björklund verstand sich als Schüler des schwedischen Philosophen Christoffer Jakob Boström (1787-1866), der einen von Hegel mit beeinflussten Pantheismus vertrat. Der junge Björklund kam nach Upsala, wo Boström bis 1866 an der Universität lehrte, und übernahm begeistert dessen idealistische Philosophie. Key selbst lernte Björklund in Stockholm im Rahmen eines Vorlesungszyklus kennen, in welchem er die Philosophie Boströms rezipierte.

In den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts trat Björklund mit einigen grundlegenden Arbeiten zum Pazifismus hervor. Diese Publikationen zeichneten sich durch eine ausnehmend komplexe Betrachtungsweise des Phänomens Krieg aus, wie sie einige Jahrzehnte später von dem eben erwähnten Wilhelm Dilthey und dann auch von Ellen Key selbst praktiziert wurde. Björklund war ein energischer Vertreter eines Internationalismus, was z.B. in seinem Buch Über das Verwachsen der Nationen (1887) zum Ausdruck kam. Analoge Positionen vertrat er auch in den Texten Über die Bedeutung der Segmentierung (1890) sowie Über Entwicklungsanarchie (1892).

Die Überwindung von Nationalismus und religiösem Fanatismus erhoffte sich Björklund durch eine „Globalisierung“ der Industrie- und Wirtschaftsverhältnisse. Wie im Kapitel über Schweden im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgeführt, erlebte Skandinavien in den Jahren zwischen 1880 und 1900 einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung, der insbesondere auf eine Intensivierung des Außenhandels und damit auf eine Internationalisierung und politische Ausrichtung auf Gesamteuropa [Seite 192↓]zurückzuführen war. Diese Entwicklung, verbunden mit dem Aufkommen der sozialistischen Bewegung, wurde von Björklund willkommen geheißen und von ihm als Zeichen eines gesellschaftlichen und historischen Prozesses gewertet, welcher die Grundlagen des Pazifismus festigen helfen sollte:

Es ist kein Zufall, daß die sozialistische Arbeiterbewegung der Gegenwart international ist. Denn die Großindustrie muß nach und nach nicht nur eine geänderte Gesellschaftsordnung in jedem Lande, sondern auch neue Verhältnisse zwischen den verschiedenen Ländern hervorrufen... Die Friedensfrage hängt aufs engste mit der Frage einer sozialen Neugestaltung zusammen, denn heute sind es vor allem die ökonomischen Interessen, die die Kriegsanlässe bilden...16


Den Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatten die Staatsführer und Monarchen der drei nordischen Staaten Schweden, Norwegen und Dänemark mit einer Erklärung zur Neutralitätspolitik beantwortet. Tatsächlich konnten sie sich außerhalb der imperialistischen Bestrebungen der europäischen und außereuropäischen Großmächte in den Jahren während des Ersten Weltkriegs halten. Ellen Key war daher in den Jahren 1914 bis 1918 in der Lage, vor dem gesellschaftlichen Hintergrund der Neutralität und der Nicht-Einmischung ihre kritischen Erwägungen zum Krieg sowie ihre konstruktiven Vorschläge für einen Frieden danach zu formulieren.

Die letzteren Gedanken fasste sie in einem Zeitungsartikel für die Neue Zürcher Zeitung vom 27. April 1919 zusammen, den sie unter der Überschrift Wie kann der Völkerbund kommen? publizierte. In diesem Beitrag nahm sie Stellung zur Idee des Völkerbundes, die damals von vielen Intellektuellen und Politikern bezüglich ihrer Inhalte und ihrer möglichen Realisierung diskutiert wurde.

Am 18. Januar 1919 war es zur Eröffnung der Friedenskonferenz in Versailles gekommen, an der zirka 70 Delegierte aus den 27 Siegerstaaten des Ersten Weltkriegs teilnahmen. Auf dieser Konferenz wurde schließlich am 29. April des Jahres 1919 die Verfassung des Völkerbundes angenommen. Seine Hauptintention war es, eine Organisation des [Seite 193↓]Friedens und der Sicherheit für die neuen, in den Friedensverträgen festgelegten politischen Systeme Europas zu werden. Die Mitglieder dieses Bundes verpflichteten sich, bei Friedensverletzungen gegenseitige Hilfe zu leisten und bei allfälligen Streitigkeiten den Schiedsspruch des Ständigen Internationalen Gerichtshofes in Den Haag anzuerkennen.

Aus verschiedenen Erwägungen heraus - man vermutet, dass auch eine Erkrankung des US-Präsidenten Wilson dazu beigetragen hat - traten die Vereinigten Staaten von Amerika dem Völkerbund nicht bei. Trotz dieses Handicaps und trotz des letztendlichen Scheiterns des Völkerbundes bedeutete seine Gründung einen wesentlichen Markstein in der Geschichte des Völkerrechts sowie für die später erfolgte Gründung der Vereinten Nationen:

Die Schaffung des Völkerbunds - eines institutionalisierten Forums, wo Vertreter verschiedener Nationen sich ständig treffen konnten - schuf neue Möglichkeiten für die friedliche Lösung internationaler Konflikte. Heutzutage sind hinter den Aufregungen, dem Feuerwerk und den Stockungen der Generalversammlungen und des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen neue Kräfte am Werk, welche sich schon als nützlich erwiesen haben...17


Ohne die kommende Entwicklung genauer voraussehen zu können, äußerte sich Key in ihrem oben erwähnten Artikel über den Völkerbund bezüglich seiner potentiellen Qualitäten außerordentlich zuversichtlich. Sie gestand dieser Idee einer Vereinigung der Nationen und Staaten, die sich einem übergeordneten und umfassenden Völkerrecht beugen, durchaus die Chance zu, einen zukünftigen Frieden zu gewährleisten.

Allerdings war Key skeptisch bezüglich der Möglichkeit einer allzu einfachen Konkretisierung dieser Idee. Aufgrund ihrer fundierten pädagogischen und psychologischen Erfahrungen und Kenntnisse wusste sie um die Schwierigkeiten der einzelnen Individuen ebenso wie ganzer Sozietäten, hochrangige Ideale und Werte in der spröden und trägen politischen, gesellschaftlichen und familiären Wirklichkeit der Menschen umzusetzen. Die Frage, wie denn der Völkerbund realisiert und diese Idee Wirklichkeit [Seite 194↓]werden könne, beantwortete die Pädagogin daher mit ihrem eindringlichen Hinweis auf die Notwendigkeit, Menschen dazu erst erziehen zu müssen:

Der Kult der Friedensreligion - des wirklichen Friedens, den Romain Rolland besungen hat - kann nach dieser tragischen Zeit nur eine einzige absolute Form haben: Erziehung. Aber eine Erziehung, die selbst allen brutalen Mitteln entsagt... Erst müssen die Mütter erzogen werden, nicht mehr Egoisten für ihre eigenen Personen oder Familien oder Länder zu sein!... Zu dieser Erziehung gehört ein freiwilliges Gehorchen gegenüber dem Gesetz der gegenseitigen Hilfe und Haß gegen einen solchen Kampf ums Dasein, der jetzt mit Gewaltmitteln geführt wird und seinen Höhepunkt in der wirtschaftlichen Konkurrenz und im Waffenkrieg erreicht... Nur durch Menschen, die so erzogen worden sind, kann der Völkerbund eine Wirklichkeit statt nur „ein Papierfetzen“ werden.18


Diese Stellungnahme erscheint aus mehreren Gründen „typisch“ für Ellen Key. Zum einen verknüpfte sie darin die politische und gesellschaftliche Idee des Völkerbundes mit der individuellen und kulturellen Aufgabe der Erziehung von Erziehern und Zöglingen zugleich. So attraktiv der Gedanke einer Vereinigung der Nationen und einer internationalen Rechtsprechung auch war (und noch immer ist), so notwendig ist gleichzeitig die Schulung von denjenigen und pädagogische Einwirkung auf diejenigen, welche eine derartige Idee konkret umsetzen sollen. Key wusste, dass Utopien im Gemüt des einzelnen verankert und dieses Gemüt dementsprechend entwickelt werden müsse, wenn sie denn in Maßen Wirklichkeit werden sollen.

Zum anderen spielte Key im eben zitierten Beitrag auf zwei Quellen ihrer eigenen Pädagogik an, die sie - wie auch in ihren pädagogischen Schriften - nicht namentlich, wohl aber inhaltlich kenntlich gemacht hat. In der Formel vom „Gesetz der gegenseitigen Hilfe“ klingt nämlich sowohl die Hauptschrift Peter Kropotkins (Gegenseitige Hilfe im Tier- und Menschenreich, 1904) als auch das individualpsychologische Konzept Alfred Adlers an, der sich auf Peter Kropotkin bezogen und vom „Gemeinschaftsgefühl“


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oder Common sense gesprochen hat. Diese beiden Autoren und ihre Beziehungen zur Pädagogik und Psychologie Ellen Keys werden allerdings erst in den Kapiteln Ellen Key und die Psychologie sowie Ellen Key und „die Pädagogik vom Kinde her“ detaillierter untersucht und dargestellt.


Fußnoten und Endnoten

1 Tolstoi, L.: Krieg und Frieden (1864-1869), Frankfurt am Main 1982, S. 282

2 Tolstoi, L.: Brief an Bertha von Suttner, zit. n.: Kleberger, I.: Bertha von Suttner - Die Vision vom Frieden (1985), München 1988, S. 62

3 Zweig, St.: Die Welt von gestern (1942), Frankfurt am Main o.J., S. 245f.

4 Key, E.: Florence Nightingale und Bertha von Suttner - Zwei Frauen im Kriege wider den Krieg, Zürich 1919, S. 15

5 Key, E.: Florence Nightingale und Bertha von Suttner - Zwei Frauen im Kriege wider den Krieg, a.a.O., S. 18

6 France, A., zit. n: Key, E.: Der Lebensglaube, Berlin 1906, S. 330

7 Barbusse, H.: Das Feuer - Tagebuch einer Korporalschaft (1916), Berlin 1986, S. 284

8 Frank, L.: Der Mensch ist gut (1917), in: Ausgewählte Werke in vier Bänden, Band 4, Berlin 1991, S. 33ff.

9 Key, E.: Ein Vorläufer des wissenschaftlichen Pazifismus, in: Die Friedenswarte, Wien 1912, S. 54, Anhang 12

10 Nicolai, G.F.: Die Biologie des Krieges, Zürich 1917, S. 434

11 Zuelzer, W.: Der Fall Nicolai, Frankfurt am Main 1981, S. 235

12 Key, E.: zit. n.: Zuelzer, W.: Der Fall Nicolai, a.a.O., S. 235

13 Dilthey, W.: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften (1910), Frankfurt am Main 1981, S. 209

14 Key, E.: Ein Vorläufer des wissenschaftlichen Pazifismus, a.a.O., S. 53f., Anhang 12

15 Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 330

16 Björklund, G.: zit. n.: Key, E.: Ein Vorläufer des wissenschaftlichen Pazifismus, a.a.O., S. 54, Anhang 12

17 Frank, J.D.: Muss Krieg sein? Psychologische Aspekte von Krieg und Frieden (1968), Darmstadt o.J., S. 301

18 Key, E.: Wie kann der Völkerbund kommen?, in: Neue Zürcher Zeitung, 27. April 1919, Anhang 10



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11.08.2004