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		<title>
	Pädagogische, psychologische und kulturanalytische Traditionen und Perspektiven im Werk <br/>
			<br/>
			<strong>Ellen Keys</strong>
		</title>
		<submission>Inauguraldissertation</submission>
		<degree>Zur Erlangung des akademischen Grades<br/>Dr. phil.</degree>
		<major>eingereicht im Fach Erziehungswissenschaften<br/>der Philosphischen Fakultät IV<br/>der Humboldt-Universität zu Berlin</major>
		<author>von<br/>
			<given>Katja</given>
			<surname>Mann</surname>
			<suffix>geboren am 25.03.1961 in Berlin</suffix>
		</author>
		<p>Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin<br/>Prof. Dr. Jürgen Mlynek</p>
		<dean>
			<br/>
		Dekan der Philosophischen Fakultät IV<br/>Prof. Dr. Dietrich Benner</dean>
		<approvals>
			<name>Prof. Dr. Renate Valtin</name>
			<name>PD Dr. Dr. Gerhard Danzer</name>
		</approvals>
		<date>Abgabe der Arbeit: 09.10.2002</date>
		<date>Datum der Promotion: 12.02.2003</date>
		<abstract lang="de">
			<head>
				<pagenumber id="N1004E" label="4" numbering="arabic" start="4"/>Zusammenfassung </head>
			<p>
				<br/>Die vorliegende Arbeit stellt eine biographische und werkanalytische Untersuchung über Ellen Key dar. Mittels biographisch-historischer, phänomenologischer und hermeneutischer Methoden wurden mehrere voneinander abgrenzbare Facetten des Lebenslaufes und des Werkes der schwedischen Reformpädagogin in ihren Beziehungen untereinander wie auch zu den epochalen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen herausgearbeitet. Im Sinne des Strukturmodells Wilhelm Diltheys sind alle diese Facetten als Strukturelemente aufzufassen, welche in ihrer Anordnung und gegenseitigen Bedingtheit die Individualität Ellen Keys abbilden. </p>
			<p>Strukturelemente, die im Rahmen dieser Untersuchung detailliert dargelegt wurden, sind: Ellen Keys Verhältnis zur Philosophie, zur Dichtung, zur Frauenfrage, zum libertären Sozialismus, zum Pazifismus, zur Religion, zur Anthropologie und Psychologie sowie zur Pädagogik. Es konnte gezeigt werden, dass Keys Denken weit über pädagogische Einflüsse hinaus sehr stark von europäischen Kulturtraditionen, insbesondere auch von deutschsprachiger Philosophie und Dichtkunst, geprägt war. Ihr pädagogisches Konzept kann daher nur unter Berücksichtigung ihrer kulturanalytischen und kulturkritischen Neigungen und Interessen angemessen verstanden und eingeordnet werden. </p>
			<p>Ellen Key stand im Schnittpunkt bedeutender Kulturtraditionen Europas wie etwa des Darwinismus, der nietzscheschen Philosophie, des libertären Sozialismus eines Oscar Wilde, der Pädagogik Rousseaus und des Menschen- wie auch Weltbildes Goethes. Daneben unterhielt sie intensive persönliche Kontakte zu bedeutenden Künstlern, Wissenschaftlern und Schriftstellern ihrer Zeit, wie etwa Rainer Maria Rilke, Romain Rolland, Georg Brandes, Stefan Zweig, Lou Andreas-Salomé, Poul Bjerre und Bertha von Suttner. </p>
			<p>All diese Einflüsse haben es Ellen Key ermöglicht, ein Werk zu schaffen, welches die Pädagogik in ihren vielschichtigen und komplexen Zusammenhängen mit anderen Kulturbereichen definiert - eine Art von Erziehungslehre, die durch ein hohes Maß von Integration vielfältiger wissenschaftlicher und philosophischer Erkenntnisse und Überlegungen besticht und damit auch zukünftig große Aktualität aufweist.</p>
		</abstract>
		<abstract lang="en">
			<head>
				<pagenumber id="N10067" label="5" numbering="arabic" start="5"/>Abstract</head>
			<p>
				<br/>The following essay is intended as a biographical and analytical examination of Ellen Key and her work. Using biographical/historical, phenomenological and hermeneutical methods several disconnected facets of the life and work of the Swedish reformist educationalist were elaborated in their relationship to each other as well as to their contemporary and social setting. In close adherence to Wilhelm Dithey&#8217;s structural model all of these facets can to perceived as structural elements which in their sequence and mutual conditionality reflect the individuality of Ellen Key. </p>
			<p>Structural elements presented in detail in the course of this examination are: Ellen Key&#8217;s relationship to philosophy, poetry, women&#8217;s rights, libertarian socialism, pacifism, religion, anthropology, psychology and education. It was possible to demonstrate that Key&#8217;s thinking encompassed far more than just pedagogical influences and was very strongly determined by European cultural traditions and especially by German philosophy and poetry. Her pedagogical concept can therefore only be adequately understood and quantified when one considers her inclinations and interests when analysing and criticising contemporary culture. </p>
			<p>Ellen Key found herself at the crossing point of significant European cultural traditions like Darwinism, Nietschean philosophy, libertarian socialism as promulgated by Oscar Wilde, Rousseau&#8217;s theory of education and Goethe&#8217;s views on mankind and the world picture. She also had close personal contacts to eminent artists, scientists and writers of her time like Rainer Maria Rilke, Romain Rolland, Georg Brandes, Stefan Zweig, Lou Andreas-Salomé, Poul Bjerre and Bertha von Suttner. </p>
			<p>All these influences allowed Ellen Key to create a work which defines pedagogy in its multifarious and complex connections with other cultural areas - a sort of educational doctrine, which achieves significance through its high level of integration of diverse scientific and philosophical insights and reflections and in doing so demonstrates its continued relevance for the future.</p>
		</abstract>
	</front>
	<body>
		<chapter id="chapter1" label="1.">
			<head>
				<pagenumber id="N10082" label="6" numbering="arabic" start="6"/>Einleitung und gegenwärtiger Forschungsstand</head>
			<p>
				<strong>Einleitung</strong>
			</p>
			<p>
				<br/>In den letzten Monaten des Jahres 2001 sorgte die sogenannte Pisa-Studie (Programme for International Student Assessment) für Schlagzeilen. Demnach belegen deutsche Schüler hinsichtlich ihrer Leistungen im Vergleich zu ihren europäischen und einigen außereuropäischen Schulkameraden Plätze im letzten Drittel. Das Volk der Dichter und Denker scheint seinen Nachwuchs weder zum Dichten noch zum Denken zu erziehen, und auch in schlichteren intellektuellen Leistungen wie etwa Lesen, Beherrschen der Grundrechenarten und naturwissenschaftlicher Grundbildung wird er allem Anschein nach in den Kindergärten und Schulen der Republik nur defizitär ausgebildet. </p>
			<p>So zeigt die <em>Zusammenfassung zentraler Befunde Pisa 2000</em>
				<footnote start="1">
					<p>Siehe hierzu: Max-Planck-Institut für Bildungsforschung: Pisa 2000 - Zusammenfassung zentraler Befunde, Berlin 2001 (http:// www. mpib-berlin.mpg.de/pisa/pdfs/ergebnisse.pdf)</p>
				</footnote>
				<em/>des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin (2001) teilweise alarmierende Befunde hinsichtlich der intellektuellen Fähigkeiten von 15jährigen Schülern in Deutschland. Bezüglich des Lesens rangieren die bundesrepublikanischen Schüler auf Platz 22 (von insgesamt 32 teilnehmenden Staaten), wobei besonders eklatant ins Auge fällt, dass über 40 % der Schüler <em>nicht </em>zu ihrem Vergnügen lesen; dies bedeutet den höchsten Anteil unter allen Teilnahmestaaten. Analoge Ergebnisse sind auch in mathematischer und naturwissenschaftlicher Grundbildung zu konstatieren: In beiden Bereichen rangieren deutsche Schüler auf hinteren Plätzen, und als besorgniserregend wird beurteilt, dass es in Deutschland beispielsweise bei der naturwissenschaftlichen Grundbildung zwar eine sehr große Gruppe von Schülern mit schlechten und sehr schlechten Leistungen, aber nur eine verschwindend geringe Anzahl mit Spitzenleistungen gibt.</p>
			<p>Im Gefolge dieser Studie kam es einige Monate lang zu heftigen Debatten über die Form und den Inhalt nicht nur der schulischen Ausbildung, sondern der Erziehung schlechthin. Begonnen bei den Familien über die Kindergärten und -horte, Vorschulen, Grund- und Hauptschulen bis hin zu den Gymnasien und Hochschulen wurde die Qualität und das Niveau der dort angebotenen emotionalen, sozialen und intellektuellen Förderung kritisch diskutiert und in Frage gestellt. Zur Zeit geht ein &#8222;pädago<pagenumber id="N100A6" label="7" numbering="arabic" start="7"/>gischer Ruck&#8220; durch Deutschland, von dem allerdings noch nicht abzusehen ist, inwiefern ihn genügend Nachhaltigkeit und Komplexität auszeichnen wird, obschon in den Jahren 2003 bis 2009 weitere Untersuchungen der Art von Pisa (z.B. im Fremdsprachenbereich) geplant sind.</p>
			<p>Doch nicht erst seit den publizierten Ergebnissen der Pisa-Studie ist die Erziehung in die Krise geraten. Schon seit Jahrzehnten kann man wiederkehrende &#8222;Bildungsdebatten&#8220; beobachten, in deren Rahmen immer wieder konstatiert wird, dass die grundlegenden Fragen und Probleme bezüglich der häuslich-familiären Erziehung, der schulischen Pädagogik, der Erwachsenenbildung und vor allem auch der Selbsterziehung weitgehend ungeklärt oder zumindest nicht befriedigend gelöst sind. In Teilbereichen der Pädagogik steht eine imposante Menge theoretischer Überlegungen und Modelle zu Verfügung; die Praxis des Lehrens und Lernens ist demgegenüber jedoch häufig defizitär. </p>
			<p>Die Fragen nach der &#8222;richtigen&#8220; Art und Weise des Erziehens und Lehrens sind also alt, und die bisher darauf formulierten Antworten sind entweder im Hinblick auf die erzielten Resultate unbefriedigend, oder aber sie wurden zu wenig oder gar nicht in konkrete Praxis umgesetzt. Außerdem nehmen pädagogische Bemühungen oftmals zu wenig Bezug auf z.B. psychologische und anthropologische Erkenntnisse.<footnote start="2">
					<p>Siehe hierzu: Valtin, R.: Die Welt mit den Augen der Kinder betrachten - Der Beitrag der Entwicklungstheorie Piagets zur Grundschulpädagogik (1993), Berlin 1996</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>Einen erstaunlich komplexen, wenn auch nicht unumstrittenen Versuch der Beantwortung pädagogischer Fragen unternahm die Schwedin Ellen Key (1849-1926). Sie wurde vor allem mit ihrem Buch <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>(<em>Barnets århundrade</em> 1900, deutsch 1902) europaweit bekannt und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in Kreisen von Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen ausgiebig rezipiert und diskutiert. Das öffentliche Interesse, vornehmlich auch in Deutschland, war zeitweise überwältigend und bezog sich nicht nur auf die pädagogischen Impulse, die von Key ausgingen. Ihrer Person, vor allem aber einigen zentralen Gesichtspunkten ihres Werkes, widmet sich die folgende Untersuchung, wobei vorrangig die Verknüpfungen mit kulturanalytischen Aspekten im Vordergrund stehen.</p>
			<p>
				<pagenumber id="N100C3" label="8" numbering="arabic" start="8"/>
				<strong>Gegenwärtiger Forschungsstand</strong>
			</p>
			<p>
				<br/>Auf den folgenden Seiten werden die wichtigsten Abhandlungen und Publikation zu Ellen Key und ihrem Werk aufgeführt. Anhand dieses Überblicks lässt sich ersehen, dass Key hauptsächlich hinsichtlich ihrer reformpädagogischen Konzepte und Aktivitäten rezipiert und in Ansätzen weiterentwickelt wurde. </p>
			<p>1904 verfasste Louise Nyström-Hamilton einen ersten biographischen Abriss über die zu dem damaligen Zeitpunkt noch lebende Reformpädagogin mit dem Titel <em>Ellen Key - Ein Lebensbild</em>, der bald ins Deutsche übertragen wurde. Im selben Jahr erschien eine Abhandlung über <em>Ellen Key </em>von Elisabeth Nemény, und im Jahre 1912 wurde eine biographische Skizze des Philosophieprofessors John Landquist über <em>Ellen Key </em>in deutscher Sprache publiziert. Eine erste Dissertation über Ellen Key verfasste Erdmann Rudolf Richter unter dem Titel <em>Darstellung und Kritik der pädagogischen Ideen Ellen Keys</em>, mit der er 1922 in Leipzig promoviert wurde.</p>
			<p>Nach dem Tod Ellen Keys wurde ihr Werk beinahe vergessen. Einen gehörigen Anteil daran hatten sicherlich das Aufkommen des Faschismus und der Zweite Weltkrieg. Doch auch nach 1945 wurden die pädagogischen Ideen und Anregungen der Schwedin nur zögerlich zur Kenntnis genommen, und selbst während der in der westlichen Welt einige Jahre lang weitverbreiteten Phase der sogenannten antiautoritären Erziehung war der Name Ellen Key in den Debatten selten zu hören und in den Publikationen kaum zu lesen.</p>
			<p>In den letzten Jahren kam es hinsichtlich der pädagogischen Konzepte Keys zu einer kleinen Renaissance. Zwei Dissertationen - Reinhard Dräbing: <em>Der Traum vom Jahrhundert des Kindes</em> (Aachen 1989), Verena Spillmann: <em>Erziehungskonzeption für Heim und Schule unter besonderer Berücksichtigung der Rolle der Frau als Mutter bei der schwedischen Pädagogin und Schriftstellerin Ellen Key</em> (Zürich 1992) - beschäftigen sich ausführlich mit den Erziehungskonzepten Keys.</p>
			<p>Derselben Intention dienen Publikationen wie etwa von Sabine Andresen und Meike Sophia Baader: <em>Wege aus dem Jahrhundert des Kindes - Tradition und Utopie bei Ellen Key </em>(1998), Reinhard Dräbing: <em>Ellen Key, Eine Wegbereiterin der modernen Erlebnispädagogik? </em>(1992) oder auch Gabriela Häfner: <em>Ellen Key und das Selbstverständnis Schwedens zwischen Tradition und Moderne</em> (1998). </p>
			<p>
				<pagenumber id="N100F9" label="9" numbering="arabic" start="9"/>Im Mai 1999 fand an der Universität Potsdam ein mehrtägiges Colloquium zum Thema <em>Das Jahrhundert des Kindes im Rückblick </em>statt. Das Institut für Pädagogik der Universität Potsdam veranstaltete, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), diese Tagung, welche sich unter anderem Themen wie <em>Zur Entwicklung des Kindschaftsrechts im zwanzigsten Jahrhundert</em> (Maud Zitelmann), <em>Zur Politik der Mütterlichkeit in der deutschen Frauenbewegung 1900-1950 </em>(Irene Stoehr) oder <em>Kind und Kunst: Das schöpferische Kind </em>(Eckart Liebau) widmete. </p>
			<p>Im Nachgang zu dieser Tagung erschien das von Meike Sophia Baader, Juliane Jacobi und Sabine Andresen herausgegebene Buch <em>Ellen Keys reformpädagogische Vision &#8211; &#8222;Das Jahrhundert des Kindes&#8220; und seine Wirkung </em>(Weinheim und Basel 2000). Darin untersuchen z.B. Micha Brumlik die <em>Pädagogik des Perfektionismus: Ellen Key</em>, Tiina Kinnunen <em>Ellen Key und die deutsche Frauenbewegung</em>, Ann Taylor Allen die <em>Eugenik und Frauenbewegung in Deutschland und Großbritannien</em>, Johannes Bilstein <em>Das Jahrhundert des Kindes in Worpswede</em>, Jürgen Helmchen <em>Ellen Key als &#8222;Zeiterscheinung&#8220; &#8211; Zur historischen Platzierung des &#8222;Jahrhundert des Kindes&#8220; </em>oder Heinz-Elmar Tenorth die <em>Natur als Argument in der Pädagogik des zwanzigsten Jahrhunderts.</em> Dieser Sammelband stellt Ellen Key sehr umfassend in ihren Konsequenzen für die Pädagogik des 20. Jahrhunderts dar.</p>
			<p>Im deutschsprachigen Raum haben sich in den letzten Jahren vor allem Sabine Andresen und Meike Sophia Baader in wissenschaftlichen Artikeln zu Fragen der Pädagogik und der Definition des Kindes bei Ellen Key geäußert. Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang die Abhandlungen <em>Ellen Key &#8211; Pädagogin und Frauenrechtlerin zwischen Tradition und Moderne</em>
				<footnote start="3">
					<p>Andresen, S.: Ellen Key &#8211; Pädagogin und Frauenrechtlerin zwischen Tradition und Moderne, in: Neue Praxis. Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialpolitik, 3/1994, S. 249-262</p>
				</footnote>
				<em>, Zur Konstruktion des Kindes in Ellen Keys &#8222;Jahrhundert des Kindes&#8220;</em>
				<footnote start="4">
					<p>Baader, M.S.: Zur Konstruktion des Kindes in Ellen Keys &#8222;Jahrhundert des Kindes&#8220;, in: Engagement. Zeitschrift für Erziehung und Schule, 4/1998, S. 199-204</p>
				</footnote>
				<em>, Rückblick auf eine Vision: Ellen Keys &#8222;Jahrhundert des Kindes&#8220;</em>
				<footnote start="5">
					<p>Baader, M.S.: Rückblick auf eine Vision: Ellen Keys &#8222;Jahrhundert des Kindes&#8220;, in: Pädagogik Unterricht, 4/1999, S. 23-26</p>
				</footnote>
				<em>, Ellen Key: Autorin eines pädagogischen Bestsellers, Stichwortgeberin der Reformpädagogik und eigenwillige Denkerin</em>
				<footnote start="6">
					<p>Baader, M.S.: Ellen Key: Autorin eines pädagogischen Bestsellers, Stichwortgeberin der Reformpädagogik und eigenwillige Denkerin, in: Pädagogik Unterricht, 4/1999, S. 26-36</p>
				</footnote>
				<em>, Feminisierung von Pädagogik und Elternschaft bei Ellen Key. Zu einem Muster pädagogi</em>
				<pagenumber id="N1014F" label="10" numbering="arabic" start="10"/>
				<em>scher Rezeption im &#8222;Jahrhundert des Kindes&#8220;</em>
				<footnote start="7">
					<p>Andresen, S. u. Baader M.S.: Feminisierung von Pädagogik und Elternschaft bei Ellen Key. Zu einem Muster pädagogischer Rezeption im &#8222;Jahrhundert des Kindes&#8220;, in: Neue Praxis. Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialpolitik, 2/1999, S. 112-129</p>
				</footnote>
				<em>, Ellen Keys &#8222;Jahrhundert des Kindes&#8220; als pädagogische Programmschrift des 20. Jahrhunderts</em>
				<footnote start="8">
					<p>Baader, M.S. u. Jacobi, J.: Ellen Keys &#8222;Jahrhundert des Kindes&#8220; als pädagogische Programmschrift des 20. Jahrhunderts, in: Kindsein kein Kinderspiel. Das Jahrhundert des Kindes (1900-1999), hrsg. von Petra Larass, Halle 2000, S. 43-54</p>
				</footnote>
				<em>,</em> sowie<em> Ellen Key: International bekannt Autorin eines pädagogischen Bestsellers</em>
				<footnote start="9">
					<p>Baader, M.S.: Ellen Key: International bekannte Autorin eines pädagogischen Bestsellers, in: Klassiker und Außenseiter der Pädagogik, hrsg. von Klaus-Peter Horn und Christian Ritzi, Hohen Gehren 2001</p>
				</footnote>
				<em>. </em>
			</p>
			<p>Im Dezember 1998 wurde im übrigen an der Universität Potsdam ein <em>Reformpädagogisches Kabinett </em>eröffnet<em>, </em>das z.B. Materialien der Montessori-Pädagogik vorstellt, sich darüber hinaus aber auch auf die Figur Ellen Keys bezieht.</p>
			<p>Ebenfalls für ein gewisses neu erwachtes Interesse an Ellen Key sprechen die Neuherausgaben ihres Hauptwerkes <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>in den Jahren 1992 und 2000 sowie die Publikation des Briefwechsels zwischen Ellen Key und Rainer Maria Rilke, den Theodore Fiedler 1993 herausgegeben hat. </p>
			<p>Auffällig ist allerdings, dass mit Ausnahme von <em>Das Jahrhundert des Kindes</em> keinerlei weitere Schriften Keys eine Neuherausgabe erfahren haben. Weder ihre Essays über diverse Kulturschöpfer (z.B. Vauvenargues, Diderot, Rahel Varnhagen) noch ihre pazifistischen Texte (z.B. über Bertha von Suttner) oder ihre Bücher über die Rolle und Emanzipation der Frauen noch andere kulturanalytische Untersuchungen oder psychologische und anthropologische Abhandlungen von Key sind aktuell im Buchhandel erhältlich. </p>
			<p>Ebenso einseitig und begrenzt wie diese Primärliteratur ist &#8211; wie gezeigt &#8211; die Sekundärliteratur über Ellen Key. In der wissenschaftlichen wie auch populären Diskussion gilt die Schwedin hauptsächlich als Reformpädagogin, und ihre sehr interessanten kulturkritischen Arbeiten wie auch manche ihrer problematischen Ansichten (z.B. zur Eugenik) sind im öffentlichen Bewußtsein ebenso wie in den meisten wissenschaftlichen Abhandlungen über Ellen Key unterrepräsentiert.<footnote start="10">
					<p>Siehe hierzu: Tenorth, H.-E.: &#8222;Reformpädagogik&#8220; - Erneuter Versuch, ein erstaunliches Phänomen zu verstehen (1992), Berlin 1994</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>
				<pagenumber id="N10199" label="11" numbering="arabic" start="11"/>Da die kulturanalytischen und kulturkritischen Facetten im Oeuvre Keys bisher ebenso wenig wie eine umfangreichere biographische Abhandlung, welche auf die Entstehungsbedingungen ihrer einzelnen Veröffentlichungen eingeht, angefertigt wurden, will sich die vorliegende Dissertation diesen Aspekten im Leben und Werk Ellen Keys ausführlich zuwenden. Dabei soll gezeigt werden, dass Key nicht nur Pädagogin, sondern darüber hinaus ebenso universal interessierte Kulturanalytikerin, Kulturkritikerin und Schriftstellerin war, und gleichzeitig soll damit eine Lücke in der wissenschaftlichen Aufarbeitung und Rezeption des keyschen Werkes gefüllt werden.</p>
			<p>Die vorliegende Arbeit über <em>Pädagogische, psychologische und kulturanalytische Traditionen und Perspektiven im Werk Ellen Keys </em>will die Schwedin als interdisziplinär denkende und arbeitende Schriftstellerin vorstellen, die in ihren Abhandlungen vielfältige Einflüsse aus Philosophie, Dichtung, Psychologie, Anthropologie, Pädagogik, Politik und Geschichte integrierte und gelten ließ. Es soll gezeigt werden, dass die Pädagogin Ellen Key nur <em>eine</em> Facette ihrer Persönlichkeit und ihres Werkes bedeutete und dass ihre Leistungen im Bereich der Erziehungslehre stark von den eben skizzierten Einflüssen und Anregungen aus vielen anderen Kulturbereichen abhingen. </p>
			<p>Neben diesen werkkonstituierenden Zugängen und Perspektiven soll im Rahmen dieser Untersuchung auch der Biographie Ellen Keys gebührende Aufmerksamkeit gewidmet werden. Hierbei interessieren vorrangig ihre vielfältigen Kontakte und Beziehungen zu Künstlern, Intellektuellen, Wissenschaftlern und Philosophen in Europa. Der zum Teil intensive Austausch zwischen der Schwedin und ihren kulturell oftmals sehr schöpferischen Freunden und Bekannten hat ganz wesentlich die Inhalte ihres Werkes mitbestimmt, wie auch umgekehrt die Texte Keys in ihrer Wirkung auf manche mit ihr in Kontakt stehenden Kulturschaffenden nachgewiesen werden können.</p>
		</chapter>
		
		<chapter id="chapter2" label="2.">
			<head>
				<pagenumber id="N101AF" label="12" numbering="arabic" start="12"/>Fragestellungen, Hypothesen und Methoden</head>
			<p>
				<strong>Fragestellungen und Hypothesen</strong>
			</p>
			<p>
				<br/>Ausgehend von diesen eben skizzierten Überlegungen zur bisherigen Rezeption und wissenschaftlichen Forschungslage des Werkes von Ellen Key ergibt sich demzufolge eine zentrale Frage, welche in mehrere spezifische Fragestellungen gegliedert wird.</p>
			<p>
				<br/>Welche Bedeutung haben in der Theorie und im Werk Ellen Keys die Kulturanalyse und Kulturkritik, insbesondere bezogen auf ihre pädagogischen und psychologisch-anthropologischen Konzepte?</p>
			<p>(a) Inwiefern rezipierte Key die kulturkritischen und -analytischen Schriften der französischen Aufklärung, Goethes und Nietzsches und machte sie für ihre pädagogischen und psychologisch-anthropologischen Konzepte nutzbar?</p>
			<p>(b) Bestand &#8211; ausgehend von ihren pädagogischen sowie psychologisch-anthropologischen Konzepten &#8211; ein Einfluss Keys auf die feministische Bewegung ihrer Zeit?</p>
			<p>(c) Welche Haltung hatte Key zum Pazifismus?</p>
			<p>(d) Inwiefern setzte sich Key mit den politischen Debatten um den Sozialismus auseinander?</p>
			<p>(e) Welche Positionen vertrat Key hinsichtlich der religiös-atheistischen Debatten ihrer Zeit?</p>
			<p>(f) Welche Beziehungen bestanden zwischen der Psychologie des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts (der akademischen Psychologie, tiefenpsychologischen Psychologie und der Psychoanalyse) und psychologisch-anthropologischen Konzepten Keys?</p>
			<p>(g) Wie gestaltete sich &#8211; ausgehend von der Rezeption der zeitgenössischen Philosophie und Wissenschaft &#8211; die Einstellung Keys zu Rassenhygiene und Eugenik?</p>
			<p>
				<pagenumber id="N101DB" label="13" numbering="arabic" start="13"/>
				<br/>Ausgehend von diesen Fragestellungen und als Ergebnis der Auseinandersetzung lassen sich daraus folgende Arbeitshypothesen formulieren, die im weiteren untersucht werden:</p>
			<p>
				<br/>Ellen Keys pädagogische und psychologisch-anthropologische Konzepte sind als Resultate ihrer Assimilation vielfältiger kulturkritischer und -analytischer Schriften zu verstehen und bildeten gleichzeitig eine Basis für ihre eigene Kulturanalyse und -kritik.</p>
			<p>a) Wichtige kulturkritische und &#8211;analytische Einflüsse auf die pädagogischen und psychologisch-anthropologischen Konzepte gingen für Key von den Schriften der französischen Aufklärung, von Goethe und von Nietzsche aus.</p>
			<p>b) Der nachweisbare Einfluss Keys auf die feministische Bewegung Europas war eher gering.</p>
			<p>c) Key wurde von der pazifistischen Bewegung Europas durch ihre Bekanntschaften mit Schriftstellern wie Romain Rolland und Stephan Zweig beeinflusst und sie unterstützte ihrerseits ideell diese Bewegung.</p>
			<p>d) In den Schriften Keys lassen sich Stellungnahmen hinsichtlich der Auseinandersetzung mit dem Sozialismus, vorrangig dem libertären Sozialismus, nachweisen, mit dem sie sympathisierte.</p>
			<p>e) Keys pädagogische Konzepte und Theorien enthalten Forderungen nach einer Erziehung von Kindern zum Agnostizismus.</p>
			<p>f) Key übernahm für ihre eigenen psychologisch-anthropologischen Konzepte einige Anregungen aus der akademischen Psychologie, jedoch nur wenige (explizite) Anregungen aus der Tiefenpsychologie und der Psychoanalyse.</p>
			<p>g) Key vertrat (teilweise unkritische) rassenhygienische und eugenische Positionen.</p>
			<p>
				<pagenumber id="N101FE" label="14" numbering="arabic" start="14"/>
				<strong>Methoden</strong>
			</p>
			<p>
				<br/>Sowohl der Forschungs-&#8222;Gegenstand&#8220; Ellen Key als auch die eben aufgeführten Fragestellungen und Hypothesen erfordern darauf abgestimmte Methoden des wissenschaftlichen Zugangs und Erkenntnisgewinns, die im Folgenden erörtert werden.</p>
			<p>
				<br/>(1) <em>Historisch-biographische Methode</em>. - Die Sekundärliteratur über Ellen Key und ihr Werk machte es notwendig, eine ausführlichere biographische Darstellung über sie anzufertigen. Wie bereits weiter oben kurz erwähnt, gibt es lediglich drei biographische Skizzen über sie, die allesamt aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts stammen und deshalb weder ihre gesamte Vita noch ihr gesamtes Werk berücksichtigen und schon gar nicht einen Überblick über die diversen Querverbindungen zu anderen Wissenschaftlern, Künstlern oder Philosophen verschaffen. </p>
			<p>Das Quellenmaterial für eine historisch-biographische Aufarbeitung von Leben und Werk Ellen Keys ist zumindest im deutschsprachigen Raum nicht befriedigend. Neben den erwähnten biographischen Skizzen kann man lediglich auf kurze Notizen in etlichen Sammelbänden zurückgreifen, welche biographische Fragen im Zusammenhang mit der schwedischen Reformpädagogin beantworten. </p>
			<p>Im Rahmen dieser Arbeit war es daher nötig, Nachforschungen in diversen Archiven anzustellen, wobei sich vor allem das Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar als besonders ergiebig erwiesen hat. Dort fand sich ein umfangreicher Briefwechsel zwischen Ellen Key und dem Verleger Anton Kippenberg (Anhang 7), welcher wertvolle Aufschlüsse über lebensgeschichtliche Details der Schwedin ermöglichte. Des weiteren konnten in diesem Archiv einige Korrespondenzen zwischen Ellen Key und Elisabeth Förster-Nietzsche (Anhang 1, 2, 3, 5 und 6) eingesehen werden, die im Zusammenhang mit einem Aufenthalt der Schwedin in Weimar anlässlich eines Vortrages über Nietzsche (Anhang 4) geführt worden waren. </p>
			<p>Daneben wurden etliche Zeitungsarchive herangezogen, um den Lebenslauf Ellen Keys zu rekonstruieren. Gesondert erwähnenswert sind das Archiv der <em>Neuen Zürcher Zeitung</em> (Anhang 10), das Zeitungs- und Zeitschriftenarchiv der Staatsbibliothek in Berlin (Anhang 8 und 11) sowie das Zeitungsarchiv der Nationalbibliothek in Wien (Anhang 9 und 12). Auf <pagenumber id="N1021E" label="15" numbering="arabic" start="15"/>eine Literaturrecherche in skandinavischen Bibliotheken musste aufgrund sprachlicher Barrieren allerdings verzichtet werden. </p>
			<p>Neben diesen nicht publizierten oder schwer zugänglichen Quellen konnte jedoch auch auf publizierte Briefwechsel und biographische Erwähnungen zurückgegriffen werden. An erster Stelle ist hierbei der Briefwechsel <em>Rainer Maria Rilke - Briefwechsel mit Ellen Key </em>(1993) zu nennen, der hinsichtlich der Lebensgeschichte Keys sehr aufschlussreich ist. Außerdem taucht Key in Briefen und Tagebuchaufzeichnungen etlicher ihrer Zeitgenossen (z.B. Stefan Zweig, Romain Rolland, Robert Musil, Lou Andreas-Salomé u.a.m.) sowie in Sammelbänden über skandinavische Kultur (z.B. von Georg Brandes) auf; die dabei geschilderten biographischen Ereignisse und charakterlichen Eigenarten Ellen Keys ergänzen das bisherige Wissen über sie. </p>
			<p>Hinsichtlich der Primärliteratur ist erwähnenswert, dass fast alle Texte Keys in deutscher Übersetzung vorliegen und antiquarisch verfügbar sind. Die Schwedin war im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in Deutschland eine viel gelesene Autorin, und dementsprechend hoch waren die Auflagen ihrer Bücher. </p>
			<p>
				<br/>(2) <em>Phänomenologische Methode</em>. - In den Geistes- und zum Teil auch Sozialwissenschaften hat sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts, seit den bahnbrechenden Arbeiten Edmund Husserls (1859-1938) über die Phänomenologie, die sogenannte phänomenologische Methode als fruchtbare wissenschaftliche Vorgehens- und Forschungsweise etabliert. Im Vergleich jedoch zu den Intentionen Husserls, der mittels der Phänomenologie nicht nur eine wissenschaftliche und philosophische Methode, sondern eine regelrechte Lebenshaltung und -einstellung entwickeln und beschreiben wollte, beziehen sich die meisten Forscher, die sich auf die Phänomenologie berufen, nur auf deren methodischen Ansatz. </p>
			<p>Im Folgenden soll Phänomenologie nicht im voll umfänglichen husserlschen Sinne - also im Hinblick auf die von ihm beschriebenen Schritte und Prozesse der &#8222;Reduktion&#8220; und der &#8222;Epoché&#8220; - praktiziert werden; vielmehr geht es in dieser Arbeit methodisch darum, den Untersuchungs-&#8222;Gegenstand&#8220; Ellen Key nicht einer voreiligen Klassifikation und Einordnung zuzuführen. Ähnlich wie Husserl dies für viele philosophische Untersuchungen gefordert hat, wird auch im Rahmen dieser Dissertation ver<pagenumber id="N10236" label="16" numbering="arabic" start="16"/>sucht, das Objekt Ellen Key und die an ihr und ihrem Werk wahrnehmbaren Phänomene möglichst lange &#8222;in der Schwebe zu halten&#8220;. </p>
			<p>Husserl ging unter anderem davon aus, dass man wissenschaftliche Erkenntnisse (im Bereich der Geisteswissenschaften) nur dann erwarten könne, wenn sich der Forscher seine Vorurteile und Vormeinungen über seinen Forschungsgegenstand bewusst mache und in gewisser Weise &#8222;einklammere&#8220;. Wer unter Umgehung dieses Reflexionsprozesses die ihn interessierenden Phänomene untersuche, ernte zuletzt meist nur die Bestätigung seiner ursprünglichen Vor-Einstellungen. Ein &#8222;In-der-Schwebe-Halten&#8220; bedeutete für Husserl vorrangig, den Objekten gegenüber so lange geduldige Zurückhaltung zu üben, bis dem Forscher ein Großteil seiner oftmals nur halb bewussten Vor-Einstellungen bewusst geworden ist.<footnote start="11">
					<p>Siehe hierzu: Danzer, G.: Psychosomatische Medizin - Konzepte und Modelle, Frankfurt am Main 1995</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>Für den konkreten Untersuchungsfall Ellen Key hieß dies, sie und ihr Werk nicht von vornherein als &#8222;typische Reformpädagogik&#8220;, &#8222;Verfechterin der Eugenik&#8220; oder &#8222;bloße Frauenemanzipationsliteratur&#8220; zu klassifizieren, sondern der Einschätzung ihrer Person und ihrer kulturellen Leistung einen möglichst vorurteilsfreien Raum zuzugestehen. Dazu war es notwendig, dem immer wieder hochsteigenden Impuls zu widerstehen, ihre Publikationen lediglich unter pädagogischen Kautelen zu lesen und zu beurteilen. Nur so war es möglich, diverse kulturkritische Gesichtspunkte im Denken Ellen Keys gebührend wahrzunehmen und darzustellen.</p>
			<p>(3) <em>Hermeneutische Methode. </em>- Ebenfalls seit der Jahrhundertwende wurde die Hermeneutik als probate Methode innerhalb der Geistes- und Sozialwissenschaften eingeführt. Ein besonderes Verdienst kommt in diesem Zusammenhang dem Philosophen Wilhelm Dilthey (1833-1911) zu, der z.B. in seiner Abhandlung <em>Die Entstehung der Hermeneutik </em>(1900) auf die Notwendigkeit und die Chancen einer &#8222;Kunst des Auslegens und Verstehens&#8220; hingewiesen hat.<footnote start="12">
					<p>Dilthey, W.: Die Entstehung der Hermeneutik (1900), in: Gesammelte Schriften Band V, Stuttgart 1957, S. 317ff.</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>Bekannt geworden ist in diesem Zusammenhang Diltheys Formel: &#8222;Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir.&#8220;<footnote start="13">
					<p>Dilthey, W.: Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie (1894), in: Gesammelte Schriften Band V, a.a.O., S. 144</p>
				</footnote> Ausgehend davon haben Dilthey und seine der Hermeneutik verpflichteten Nachfolger <pagenumber id="N10261" label="17" numbering="arabic" start="17"/>geschlussfolgert, dass die Methodik der Naturwissenschaften eine erklärende, diejenige der Geisteswissenschaften, welche die menschliche Seele ebenso wie die geistigen Produkte des Menschen erforschen, eine verstehende sein muss. </p>
			<p>In seinen Schriften hat Dilthey mehrfach ausgeführt, dass ein wesentlicher Bestandteil dieser geisteswissenschaftlichen Methode der sogenannte hermeneutische Zirkel sei. Darunter verstand er mehrere Kreisbewegungen: zwischen dem Subjekt des Untersuchers und dem untersuchten Objekt, zwischen einem Teil des Forschungsgegenstandes und seiner Totalität, zwischen dem individuellen Forschungsgegenstand und den ihn umgebenden und prägenden epochalen, lokalen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Dilthey forderte, dass bei geistes- (und sozial-)wissenschaftlichen Untersuchungen diese Kreisbewegungen mehrfach durchlaufen werden sollen. Letztlich handele es sich beim hermeneutischen Zirkel um ein infinites, also &#8222;unendliches&#8220; Unterfangen, dessen Ende eigentlich immer willkürlich sei. </p>
			<p>Zusammen mit der eben vorgestellten phänomenologischen Methode führt der hermeneutische Zirkel dazu, die Untersuchungsobjekte in den Geistes- und Sozialwissenschaften über relativ lange Zeit hinweg zu erforschen. Das bedeutet meist, dass sich im Prozess einer derartigen Forschung nicht nur die vordergründigen Ansichten und Meinungen des Wissenschaftlers über seinen Forschungsgegenstand verändern; darüber hinaus ist häufig auch die gesamte Person des Forschers intensiv in den Zirkel involviert, so dass nicht selten auch eine verändernde Entwicklung der personalen Qualitäten des Wissenschaftlers zu beobachten ist. </p>
			<p>Auf diesen letzten Gesichtspunkt hat vor allem Hans-Georg Gadamer (1900-2002) in seinem Hauptwerk <em>Wahrheit und Methode - Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik </em>(1960) abgehoben. Gadamer betont in diesem Buch, dass die gesamte menschliche Existenz vom Motiv des Verstehens durchzogen sei (Universalhermeneutik) und dass daher die ursprünglich von Dilthey und anderen Denkern als Methode für die Geisteswissenschaften gedachte Kunst des Verstehens letztlich eine &#8222;Kunst des Lebens&#8220; sei.<footnote start="14">
					<p>Siehe hierzu: Gadamer, H.-G.: Wahrheit und Methode - Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik (1960), Tübingen 1986, S. 478ff.</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>Im Rahmen der vorliegenden Untersuchung wird versucht, sowohl der Biographie als auch dem Werk Ellen Keys mit hermeneutischen Me<pagenumber id="N1027B" label="18" numbering="arabic" start="18"/>thoden zu begegnen. Dabei werden die eben beschriebenen Zirkel mehrfach durchlaufen und die generierten Ergebnisse in verschiedenen Kapitelschritten vorgestellt. So befasst sich z.B. das Kapitel <em>Schweden im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts </em>vorrangig mit den epochalen und lokalen Verhältnissen, in welche der Lebenslauf Ellen Keys gestellt war. Im darauffolgenden Kapitel verschiebt sich der Akzent auf die Darstellung der Biographie Keys und die Wechselwirkungen mit den Rahmenbedingungen ihres Lebens. In einem dritten Schritt, der Werkanalyse, werden dann sowohl die Biographie Keys als auch die Zeitgeist bedingten Verhältnisse in einen engen Bezug zu ihren Schriften gesetzt. </p>
			<p>Mittels dieser phänomenologischen und hermeneutischen Vorgehensweisen sollen die Biographie und das Werk Ellen Keys in ihrer individuellen Eigenart dargestellt und in ihrer Wechselwirkung erörtert werden. Damit kann am ehesten den Forderungen entsprochen werden, welche die Philosophen Heinrich Rickert (1863-1936) und Wilhelm Windelband (1848-1915) hinsichtlich der Methodik innerhalb der Geistes- und Naturwissenschaften formuliert haben:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>
						<q type="citation">Im Gegensatz zu den Naturwissenschaften, die nomothetisch (Gesetze setzend) verfahren, kann man das Vorgehen der Geisteswissenschaften als idiographisch (Einzelnes beschreibend) bezeichnen (Windelband...) oder als individualisierend im Gegensatz zu dem generalisierenden Vorgehen der Naturwissenschaften (Rickert...).</q>
						<q type="citation">
							<footnote start="15">
								<p>Zimmerli, W.Ch.: Geisteswissenschaften, in: Handlexikon zur Wissenschaftstheorie (1989), hrsg. v. Helmut Seiffert und Gerard Radnitzky, München 1992, S. 90</p>
							</footnote>
						</q>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Sowohl hinsichtlich der Biographie als auch der Werkanalyse Ellen Keys werden die eben erörterten Methoden ineinander verschränkt angewandt. Als Ergebnis resultieren daraus mehrere voneinander abgrenzbare Facetten bezüglich des Lebenslaufes und des Werkes der Schwedin, die auch als einzelne Strukturelemente aufgefasst werden können. Dazu zählen etwa ihre philosophischen Abhandlungen, ihre Ansichten zur Kunst und Ästhetik, ihre ethischen Überlegungen, ihre politischen und weltanschaulichen Aussagen sowie natürlich ihre pädagogischen und psychologischen Gedanken. </p>
			<p>
				<pagenumber id="N102A5" label="19" numbering="arabic" start="19"/>Alle diese Strukturelemente ergeben zusammengenommen die Struktur &#8222;das Individuum Ellen Key&#8220;. Diese Individualität - so kann gezeigt werden - erstreckt sich weit über eine bloße Pädagogik oder Psychologie hinaus und umfasst kulturanalytische wie auch kulturkritische Aktivitäten und Reflexionen. Ähnlich wie Wilhelm Dilthey von einer &#8222;Struktur des Seelenlebens&#8220;<footnote start="16">
					<p>Dilthey, W.: Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie (1894), in: Gesammelte Schriften Band V, a.a.O., S. 200ff.</p>
				</footnote> und die Gestaltpsychologen von Ganzheit oder Gestalt sprechen, kann auch die Individualität eines Menschen als Struktur oder Gestalt verstanden werden, deren Elemente und Facetten auf eine einzigartige und nicht wiederholbare Weise zueinander angeordnet sind, wobei die Ganzheit dieser Individualität mehr ist als die Summe ihrer Strukturelemente. </p>
			<p>Daher wird sich auch bei der Untersuchung und Darstellung der Biographie und des Oeuvre von Ellen Key die mittelalterliche Formel für den einzelnen Menschen bewahrheiten: <em>Individuum est ineffabile!</em> (Der Einzelne ist unerschöpflich!).</p>
		</chapter>
		<chapter id="chapter3" label="3.">
			<head>
				<pagenumber id="N102BC" label="20" numbering="arabic" start="20"/>Schweden im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts</head>
			<p>
				<br/>Beim Versuch, Leben und Werk eines Individuums angemessen darzustellen und zu erörtern, führt der Gang einer solchen Untersuchung schnell vom jeweiligen Einzelnen weg hin zu den räumlichen, zeitlichen, politischen, gesellschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich die interessierende Biographie ereignet hat. Individuum und Gesellschaft sind dialektisch aufeinander bezogen, und das eine ohne das andere betrachten zu wollen, führt in die Irre.</p>
			<p>Hinsichtlich der Vita und des Lebenswerks von Ellen Key soll daher in einem ersten Schritt das Schweden in der zweiten Hälfte des 19. und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in seinen historischen, kulturellen und gesellschaftlichen Dimensionen kurz skizziert werden. Key lebte von 1849 bis 1926 vorrangig in diesem skandinavischen Land, und ihr Dasein ebenso wie ihre literarischen, pädagogischen, psychologischen und kulturanalytischen Leistungen können nur angemessen gewürdigt werden, wenn sie vor dem Hintergrund der damaligen skandinavischen und vor allem schwedischen Geschichte und Kultur untersucht werden.</p>
			<p>In Keys Leben und Werk nämlich spiegelt sich eine Spannung zwischen Tradition und Progression wider, welche die Kultur Schwedens damals ganz generell ausgezeichnet hat. In vielerlei Hinsicht war Key der Moderne des 20. Jahrhunderts verpflichtet, wurzelte aber gleichzeitig tief in der Geistes- und Kulturgeschichte Europas des 19. Jahrhunderts. Aus dieser persönlichen Spannung, die ihr Pendant in den gesellschaftlichen Entwicklungen Skandinaviens jener Zeit hatte, erwuchsen bei ihr reichhaltige kulturelle Leistungen auf sehr hohem Niveau. </p>
			<p>Die von Key dabei vorgenommene inhaltliche Ausgestaltung und Schwerpunktsetzung wird verständlich, wenn man ihre Schriften wie auch ihr ganz konkretes pädagogisches und psychologisches Engagement als in enger Bezugnahme zu den zeitgeschichtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen Skandinaviens und darüber hinaus ganz Europas betrachtet. Eine solche Perspektive erlaubt es, die Dynamik zwischen dem Einzelnen und der Sozietät besser zu erfassen und damit seine Lebensäußerungen besser einzuordnen.</p>
			<p>Nach den in vielen Ländern Europas enorme Veränderungen provozierenden Ereignissen des Jahres 1848 kam es auch in Schweden zur Einführung liberaler Reformen, insbesondere, nachdem König Oskar I. <pagenumber id="N102D1" label="21" numbering="arabic" start="21"/>den Thron bestiegen hatte. In diesem Zuge war auch eine erste Industrialisierungswelle zu beobachten, die aus dem stark ländlich orientierten Schweden im Laufe von einigen Jahrzehnten eine ernst zu nehmende Industrienation werden ließ. Vor allem der große Nutzholzbedarf in Westeuropa führte in Schweden zur Etablierung einer relativ modernen Holz verarbeitenden Industrie. Daneben wurde auch Eisen gefördert und ausgeführt. Ab 1858 konnte man in Schweden nach dem sogenannten Bessemer-Verfahren (benannt nach dem englischen Stahl-Fachmann Sir Henry Bessemer; ein Verfahren, bei dem komprimierte Luft in das flüssige Roheisen eingeblasen wird) Stahl herstellen, was ab 1860 einen großen Aufschwung bezüglich des Eisenbahnbaus bedeutete. Im Gefolge dieser Industrialisierung war auch die Entwicklung eines leistungsfähigen Bankwesens in Schweden zu beobachten.</p>
			<p>In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts kam es aufgrund der veränderten wirtschaftlichen und ökonomischen Situation zu einer schweren Krise der schwedischen Landwirtschaft, welche vorrangig durch überhöhte und billige Einfuhren hervorgerufen wurde und zu einem Verfall der Getreidepreise führte. In der Folge wurden von Seiten der konservativ-ländlichen Bevölkerung Forderungen nach Schutzzöllen erhoben, so dass Mitte der 80er Jahre die sogenannte &#8222;Zollfrage&#8220; zu einem beherrschenden Problem der schwedischen Politik geriet. 1886 wurde sogar eine Schutzzollpartei gegründet - eine Organisation, die paradigmatisch für die Tendenz vieler Schweden stand, sich und ihr Land gegen ein Übermaß an Einfluss von und Kontakt mit Europa und Amerika abzuschotten.</p>
			<p>Ende der 80er Jahre kam es jedoch trotz aller Isolierungsbemühungen zu einer massiven Steigerung der Erzausfuhr, wobei insbesondere Deutschland ein Hauptabnehmer dieser Rohstoffe war. Schweden war einer der wichtigsten Eisen- und Stahllieferanten für das prosperierende Deutsche Reich, das nach den siegreichen Kriegen gegen Frankreich eine ungehemmte Rüstungspolitik verfolgte; die Waffen, die im Ersten Weltkrieg auf Seiten der Deutschen eingesetzt wurden, waren zu einem großen Teil aus schwedischem Erz geschmiedet.</p>
			<p>In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts entwickelte sich auch in Schweden selbst die Metallindustrie sprunghaft voran. Die Technisierung, Elektrifizierung und Industrialisierung erfasste weite Bereiche des Landes. Eine direkte Konsequenz aus dieser rasanten Dynamik bestand in der <pagenumber id="N102DE" label="22" numbering="arabic" start="22"/>Gründung der Sozialdemokratischen Partei (1889) sowie in der Verabschiedung von Arbeiterschutzgesetzen.<footnote start="17">
					<p>Siehe hierzu: Ploetz, C.: Der große Ploetz &#8211; Die Datenenzyklopädie der Weltgeschichte, Darmstadt 2000, S. 1050f.</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>Um die Jahrhundertwende wurde das Selbstbild Schwedens als einer veralteten, hoffnungslos rückständigen und bäuerlich-konservativen Nation, deren Zukunft ökonomisch wie gesellschaftlich-politisch gehemmt und blockiert schien, merklich erschüttert und revidiert. Das alte politische System war in eine Legitimationskrise geraten, und ein Empfinden von Neuanfang und der Möglichkeit von Innovationen griff zunehmend um sich. Gabriela Häfner beschrieb in ihrer Publikation <em>Ellen Key und das Selbstverständnis Schwedens zwischen Tradition und Moderne </em>(1998) die Rolle Ellen Keys in dieser historischen Situation Schwedens folgendermaßen:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Im Werk der Frauenrechtlerin, Reformpädagogin, Literatur- und Sozialkritikerin Ellen Key schlug sich die Aufbruchsstimmung dieser Zeit in der emphatischen Begrüßung eines Prozesses von kultureller &#8222;Erneuerung&#8220; und &#8222;Verjüngung&#8220; nieder, für den Key Perspektiven aufzuzeigen versuchte.<footnote start="18">
							<p>Häfner, G.: Ellen Key und das Selbstverständnis Schwedens zwischen Tradition und Moderne, Berlin 1998, S. 9</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Dass Ellen Key um die Jahrhundertwende die damalige Umbruchsituation Schwedens richtig gespürt und eingeordnet hat, wird an einem Aufsatz deutlich, den sie 1897 in der Zeitschrift <em>Vintergatan </em>mit dem Titel <em>Über Patriotismus </em>veröffentlicht hat. Diese Arbeit stellt eine Replik auf eine Publikation von Verner von Heidenstam dar, der sich 1896 recht kritisch mit der kulturellen und gesellschaftlichen Situation Schwedens auseinandergesetzt und dabei die Möglichkeiten einer Wiederbelebung des schwedischen Nationalgefühls ventiliert hatte.</p>
			<p>Heidenstam hatte die schwedische Nation mit einem weitgereisten alten Mann von Welt verglichen, der seine Vitalität und Expansivität merklich eingeschränkt und diverse Hemmungen entwickelt habe. Key polemisierte gegen dieses Bild und betonte statt dessen, dass sie ihr Land keineswegs als vergreist und geschwächt erlebe, sondern im Gegenteil Strömungen und Prozesse wahrnehme, die durchaus auf Fortschritt, Innovation und Veränderung hin ausgerichtet seien. Allerdings würden laut Key <pagenumber id="N1030D" label="23" numbering="arabic" start="23"/>beträchtliche Energien des schwedischen Volkes von einem rückwärtsgewandten Patriotismus absorbiert, den es möglichst rasch abzulegen gelte. Nicht ein Mehr an Nationalismus und konservativer Vaterlandsliebe, sondern ein Zuwachs an Demokratisierung sei daher notwendig, um den der schwedischen Nation innewohnenden Impulsen der Erneuerung freien Lauf zu gewähren.</p>
			<p>Keys Forderung nach Demokratisierung umfasste jedoch auch die Idee eines &#8222;aristokratischen Radikalismus&#8220; (ein Begriff, den Georg Brandes für die Philosophie Nietzsches verwendet hat), in den Züge eines elitären Menschenbildes und eines eher libertären Sozialismusbegriffes Eingang gefunden haben.</p>
			<p>Trotz dieser &#8222;intelligenz-aristokratischen&#8220; Orientierung Ellen Keys, die scheinbar ihrem Demokratieverständnis zuwider lief, betonte sie im Gegensatz zu Heidenstam in ihrem 1897 publizierten Artikel, dass die potentielle politische Kraft des Landes bei den unteren Klassen und insbesondere beim Bauernstand als Träger einer schwedischen Identität zu suchen und zu finden sei.</p>
			<p>Die Jahrhundertwende bedeutete für das schwedische Selbstverständnis auch einen Wandel weg von den ehemaligen Großmachts-Phantasien, wie sie zum Beispiel Gustav II. Adolf (1594-1632) im Rahmen des Dreißigjährigen Krieges im 17. Jahrhundert in großem Stile in Realität umgesetzt hatte, hin zu einem ökonomischen Aufschwung, welcher die militärische Größe und Bedeutung ablösen sollte. Der industrielle Aufschwung und die damit verbundene ideologische Ausrichtung sollten den neuen Mythos von Schweden als einem Land des Fortschritts und der Moderne begründen.</p>
			<p>Ein in diesem Zusammenhang besonders bekannt gewordener schwedischer Industrieller jener Zeit war der Chemiker Alfred Nobel (1833-1896), welcher als Erfinder des Dynamit ein Riesenvermögen gemacht hatte und der - mit einem Startkapital von 31 Millionen Kronen - den nach ihm benannten Nobel-Preis (für Physik, Chemie, Medizin sowie als Literatur- und Friedenspreis) gestiftet hat. Es soll an dieser Stelle bereits erwähnt werden, dass Ellen Key sich mit der langjährigen Sekretärin und engen Freundin Alfred Nobels, nämlich mit Bertha von Suttner (1843-1914), bezüglich deren pazifistischer Aktivitäten identifizierte, mit ihr brieflichen Kontakt unterhielt und sogar eine kleine Publikation über sie verfasste (<em>Florence Nightingale und Bertha von Suttner, </em>1919).</p>
			<p>
				<pagenumber id="N10323" label="24" numbering="arabic" start="24"/>Im Jahre 1907 wurde Gustav V. Adolf (1858-1950) König von Schweden. Er war vermählt mit Victoria von Baden, einer Enkelin des deutschen Kaisers Wilhelm I. Diese schwedisch-deutsche Beziehung auf der Ebene der Hocharistokratie verkörperte durchaus die Relationen, die es zwischen dem skandinavischen Staat und dem Deutschen Reich Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab. Auf die intensiven wirtschaftlichen Verflechtungen wurde bereits hingewiesen. Darüber hinaus etablierte sich auch auf kulturellem Gebiet ein lebendiger Austausch; die Werke vieler skandinavischer Dichter und Schriftsteller wie z.B. von August Strindberg, Knut Hamsun, Henrik Ibsen, Georg Brandes und anderer mehr wurden rasch ins Deutsche übertragen oder sogar in deutscher Sprache erstveröffentlicht. Über diese Künstler wurden andererseits auch viele deutschsprachige Kunstwerke in Skandinavien bekannt gemacht. </p>
			<p>In gewisser Weise kann man den deutschen Sprachraum als eine Art Brückenkopf für die skandinavische Literatur bezeichnen, von dem aus diese ihre europäische und schließlich auch weltweite Verbreitung erfuhr. Vorbereitet wurde die enge Kontaktnahme zwischen deutschsprachigen und skandinavischen Künstlern und Intellektuellen durch die &#8222;Entdeckung des Nordischen&#8220; bei Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803) und Johann Gottfried Herder (1744-1803). Eine kontinuierliche und ausführliche Wahrnehmung der skandinavischen Literatur setzte jedoch erst um 1830 respektive 1870 ein; beim letzteren Datum wurde auch die norwegische Literatur mit berücksichtigt.</p>
			<p>Während die Schriften Sören Kierkegaards (1813-1855) und Hans Christian Andersens (1805-1875) bereits Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem in Deutschland rezipiert wurden, kam es um 1870 zur Entdeckung der skandinavischen Dramatiker, insbesondere von Henrik Ibsen und August Strindberg. Zwischen 1880 und 1890 war Ibsen der meist gespielte ausländische Dramatiker in Deutschland, teilweise sogar der meist gespielte Dramatiker dieser Zeit überhaupt. Viele deutschsprachige Bühnendichter haben sich damals auf ihn als Vorbild berufen, so etwa Gerhart Hauptmann (1862-1946) mit seinem Drama <em>Vor Sonnenaufgang </em>(1889). Die Auflagenhöhe der Werke von Ibsen in deutscher Sprache betrug um die Jahrhundertwende einige Hunderttausend, um 1940 bereits ca. sechs Millionen; aber auch Hans Christian Andersen mit seinen Märchen respektive mit seinem <em>Bilderbuch ohne Bilder </em>(1841) oder Jens Peter Jacobsen <pagenumber id="N10333" label="25" numbering="arabic" start="25"/>(1847-1885) mit seinem Roman <em>Niels Lyhne </em>(1880) erreichten bei deutschen Verlagen Auflagen ebenfalls weit über Einhunderttausend.<footnote start="19">
					<p>Siehe hierzu: Paul, F.: Deutschland - Skandinaviens Tor zur Weltliteratur, in: Wahlverwandtschaft - Skandinavien und Deutschland 1800-1914, hrsg. v. B. Hennigsen, J. Klein, H. Müssener u. S. Söderlinde, Berlin 1997, S. 193ff.</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>Für die Moderne in Skandinavien und ihre Tendenz der intensiven Kontaktnahme und des fruchtbaren Austausches mit anderen europäischen Kulturen stand paradigmatisch der Name und die Person August Strindbergs (1849-1912). Mit seinem 1879 publizierten satirischen Gesellschaftsroman <em>Das rote Zimmer </em>(deutsch 1889) leitete er in Schweden den Naturalismus ein. Obschon in den kommenden Jahren heftig umstritten, galt Strindberg mit seinen großen naturalistischen Dramen - z.B. mit <em>Der Vater </em>(1887), <em>Fräulein Julie </em>(1888), <em>Ein Traumspiel </em>(1903) oder <em>Gespenstersonate </em>(1908) - als der entscheidende Neuerer und originellste schwedische Künstler und Schriftsteller um die Jahrhundertwende. Mit seinen Dramen hat Strindberg den Expressionismus und Surrealismus - nicht nur in Schweden - ganz wesentlich vorbereitet. Ellen Key hat unter anderem über August Strindberg Nietzsche und dessen Philosophie kennen gelernt.</p>
			<p>Ebenfalls großes Echo in Deutschland und im übrigen Europa errang der norwegische Schriftsteller Knut Hamsun (1859-1952), der unter anderem mit Edvard Munch und August Strindberg verkehrte. 1920 erhielt er den Nobel-Preis für Literatur für seinen Roman <em>Segen der Erde </em>(1917). Ab 1925 befand sich Hamsun in psychoanalytischer Behandlung in Oslo &#8211; ein Beweis dafür, dass die neue, in Österreich und Deutschland kreierte Seelenheilkunde in den 20er Jahren bereits Eingang in die Medizin und Psychologie Skandinaviens gefunden hatte.</p>
			<p>Die intensiven Beziehungen, die Hamsun nach Deutschland unterhielt, veränderten sich in den 30er Jahren hin zu einer unkritischen und später offen sympathisierenden Haltung den Nationalsozialisten gegenüber. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Schriftsteller deshalb wegen Landesverrats in Norwegen verurteilt und wenige Monate später in eine psychiatrische Klinik eingeliefert.</p>
			<p>Eine bezüglich ihrer Weltanschauung merklich hellere und freundlichere Gestalt war der dänische Literatur- und Kulturhistoriker Georg Brandes (eigentlich Morris Cohen, 1842-1927). Auch Brandes interessierte sich lebhaft für die kulturelle und historische Entwicklung nicht nur Skandinaviens, sondern Gesamteuropas. Viele Jahre lang stand dieser Intellektuel<pagenumber id="N1035F" label="26" numbering="arabic" start="26"/>le im engen Briefkontakt mit Henrik Ibsen, dessen dichterisches Werk er ebenso wie dessen Weltanschauung (libertärer Sozialismus) hochschätzte. Seine Monographien über <em>Shakespeare</em> (1895/96), <em>Goethe</em> (1914/15), <em>Voltaire</em> (1916/17) und <em>Michelangelo </em>(1921) legen ein beredtes Zeugnis von der universellen Bildung und humanistischen Gesinnung von Georg Brandes ab. Die von ihm verfasste Biographie über <em>Ferdinand Lassalle</em> (1881) zeigt den dänischen Kulturkritiker außerdem als einen Freund und Sympathisanten der sozialistischen Bewegung.</p>
			<p>Brandes war darüber hinaus der erste skandinavische Schriftsteller, der in einem umfassenden Sinne auf die Philosophie Friedrich Nietzsches aufmerksam gemacht hat. Er war einer der großen und bedeutenden Kulturvermittler Skandinaviens, der für seine Landsleute ebenso wie für seine deutsche Leserschaft die europäische Literatur und Philosophie in überaus eleganter Form zugänglich gemacht hat.</p>
			<p>Vor allem die Verlage S. Fischer, Insel, Eugen Diederich, Albert Langen sowie Reclam kümmerten sich Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts um die Herausgabe skandinavischer Literatur; der S. Fischer Verlag gründete eine nordische Bibliothek, die von Julius Elias, Paul Schlenther und Otto Brahm gefördert wurde. Diese drei galten als Ibsen-Verehrer und haben in ihrer Rolle als Begründer der Freien Bühne in Berlin dafür gesorgt, dass der norwegische Dichter in Deutschlands Hauptstadt häufig zur Aufführung gelangte. Auch Ellen Key profitierte von der nordischen Bibliothek des S. Fischer Verlages, bei dem viele ihrer Schriften verlegt werden konnten.</p>
			<p>Die Skandinavien-Begeisterung des deutschen Lesepublikums hat auch der in Berlin lebende Schriftsteller Ola Hansson (1860-1925) mit seinem 1891 publizierten Propagandabuch <em>Das junge Skandinavien </em>unterstützt. Außerdem bildete sich 1892 in Berlin eine Freie literarische Gesellschaft, deren wichtigstes Motto lautete: &#8222;Vom Norden her kommt uns das Licht!&#8220; - eine Parole, mit der sich viele deutschsprachige Leser, aber auch Theatermacher und Verlagsleiter identifizierten.</p>
			<p>Zu diesem Licht zählten neben den erwähnten Dichtern auch skandinavische Schriftstellerinnen wie etwa Alfhild Agrell, Victoria Benedictsson, Hulda Garborg, Thit Jensen, Edith Nebelongs, Karin Michaelis, Amalie Skrams und Selma Lagerlöf; die letzteren vier wurden vor allem durch Rezensionen Rainer Maria Rilkes in Deutschland bekannt gemacht. Wie sehr Skandinavische Schriftstellerinnen damals <em>en vogue</em> waren, kann <pagenumber id="N10384" label="27" numbering="arabic" start="27"/>man auch daran ersehen, dass sie über ein Viertel der skandinavischen Publikationen in deutscher Sprache bestritten haben.<footnote start="20">
					<p>Siehe hierzu: Heitmann, A.: Skandinavische Schriftstellerinnen in Deutschland, in: Wahlverwandtschaft - Skandinavien und Deutschland 1800-1914, a.a.O.; S. 206ff.</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>Quasi als Gallionsfigur einer ländlich und provinziell geprägten Kultur kann - in den Jahrzehnten um die Jahrhundertwende literarisch besonders aktiv - Selma Lagerlöf (1858-1940) bezeichnet werden. Lagerlöf war von 1885 bis 1895 wie Ellen Key als Lehrerin tätig und arbeitete nach einigen Auslandsreisen ab 1897 als freie Schriftstellerin. 1909 erhielt diese schwedische Erzählerin als Höhepunkt ihrer literarischen Karriere den Nobelpreis für Literatur zuerkannt. 1914 wurde sie mit der Mitgliedschaft in der schwedischen Akademie geehrt.</p>
			<p>Lagerlöfs Werke sind als Reaktion auf den Naturalismus eines August Strindberg zu interpretieren. National-romantische Themen wie etwa die Schönheiten Värmlands, volkstümliche Erzählungen, historisierende und an glücklicheren, weil vergangenen Zeiten orientierte Geschichten sowie lyrisch-impressionistische Romane machen das Oeuvre dieser Dichterin aus.</p>
			<p>Bei aller Begrenztheit der Themenwahl haben Literaturkritiker Selma Lagerlöf immer wieder psychologischen Feinsinn sowie ein humanitäres Anliegen attestiert, das sich vor allem in ihrem Versuch manifestierte, einen Brückenschlag zwischen sozialistischen und christlichen Weltanschauungsfacetten herzustellen. Aufgrund dieser Urteile sowie der biographischen Nähe - Lagerlöf war, wie oben erwähnt, ebenso wie Ellen Key Lehrerin - nimmt es nicht Wunder, dass Ellen Key (allerdings erst im Alter) eine Publikation über die schwedische Dichterin verfasst hat, die 1911 in den <em>Dresdner Neuesten Nachrichten</em> veröffentlicht wurde.<footnote start="21">
					<p>Key, E.: Selma Lagerlöf, in: Dresdner Neueste Nachrichten vom 04. Juni 1911, nachgedruckt in: Neue Freie Presse, Wien, 20. November 1928</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>Neben den intensiven Wechselwirkungen im Bereich der Schriftstellerei bzw. der Literatur lassen sich ähnliche kulturelle Bezugnahmen zwischen Skandinavien und Deutschland auch auf den Ebenen der Musik und der Malerei konstatieren. So ist etwa bekannt, dass im Zeitraum zwischen 1840 und 1890 am Konservatorium in Leipzig weit über einhundert Studenten aus den nordischen Ländern eingeschrieben waren,<br/>
			</p>
			<p>
				<pagenumber id="N103AA" label="28" numbering="arabic" start="28"/>
				<br/> davon allein achtundsiebzig Frauen.<footnote start="22">
					<p>Siehe hierzu: Herresthal, H.: Die Musikmetropole Leipzig und Edvard Grieg, in: Wahlverwandtschaft - Skandinavien und Deutschland 1800-1914, a.a.O., S. 241ff.</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>Das Musikkonservatorium in Leipzig, gegründet von Felix Mendelssohn-Bartholdy, galt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als führende Adresse im deutschsprachigen, wenn nicht gar europäischen Raum. Weil der Arbeitsmarkt für Komponisten in Skandinavien zu dieser Zeit wenig aussichtsreich war, wird verständlich, warum derart viele Studenten aus den nordischen Ländern außerhalb ihrer Heimat ihr Glück versuchten. Auch Edvard Grieg (1843-1907), der mit seinen Kompositionen zu Ibsens <em>Peer Gynt </em>(1876) das Drama seines Landsmannes besonders bekannt gemacht hat, war aus diesen Erwägungen heraus nach Leipzig an das dortige Konservatorium gegangen.</p>
			<p>Auch bezüglich der bildenden Kunst konnte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein reger Stoffwechsel zwischen Zentraleuropa (Deutschland) und Nordeuropa beobachtet werden. Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts können nordische Einflüsse vorrangig in Dresden nachgewiesen werden, wohin damals Caspar David Friedrich (1774-1840, aus dem damals zu Schweden gehörenden Greifswald stammend) sowie der norwegische Maler Johan Christian Dahl (1788-1857) übergesiedelt waren. Friedrich und Dahl, die miteinander befreundet waren, zogen eine relativ große Schar von skandinavischen Kunststudenten und Malern als Schüler zu sich nach Dresden; manche dieser Schüler wanderten weiter nach München.</p>
			<p>Der Künstlerkreis um Friedrich und Dahl sowie diese beiden Protagonisten selbst haben einen regelrecht nordischen Stil der Landschaftsmalerei in Dresden und Deutschland publik gemacht und etabliert. Sie bereiteten das deutsche Publikum auf die bildenden Künstler Skandinaviens vor, die dann Ende des 19. Jahrhunderts, vorrangig in Berlin, für Furore sorgten.</p>
			<p>Zu diesen Künstlern zählten vor allem Edvard Munch (1863-1944) und Anders Zorn (1860-1920). Beide, sowohl der Norweger Munch als auch der Schwede Zorn, haben über Ausstellungen in Berlin einen entscheidenden Durchbruch ihrer künstlerischen Karriere realisieren können. Das Echo, das beide Künstler in Deutschland provozierten, trug ganz we<pagenumber id="N103C6" label="29" numbering="arabic" start="29"/>sentlich dazu bei, ihnen auch in Skandinavien Anerkennung zukommen zu lassen.</p>
			<p>Darüber hinaus wurde vor allem Edvard Munch zu einem wichtigen Vorbild und Taktgeber für die deutschen Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), Max Pechstein (1881-1955), Erich Heckel (1883-1970) und Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976). Diese Künstler, die sich zeitweise als Gruppe <em>Brücke</em> zusammenfanden, wurden noch von Emil Nolde (eigentlich Hansen, 1867-1956), der ebenfalls als aus Skandinavien stammend betrachtet werden kann (in Nordschleswig geboren), beeinflusst.<footnote start="23">
					<p>Siehe hierzu: Nolde, E.: Mein Leben (1976), Köln 1996, 178ff.</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>Wie intensiv der Austausch zwischen skandinavischer und deutschsprachiger Kultur um die Jahrhundertwende gewesen ist, wird besonders eindrücklich in einem Porträtbild Edvard Munchs demonstriert, das den Titel <em>Friedrich Nietzsche </em>(1906) trägt. Die Idee, von Munch ein posthumes Porträt Nietzsches anfertigen zu lassen, wurde 1905 von Elisabeth Förster-Nietzsche initiiert. Aus demselben Jahr stammt übrigens eine Einladung der Schwester Nietzsches an Ellen Key, über ihren verstorbenen Bruder ein Referat in Weimar zu halten. </p>
			<p>Bedeutend schlechter gelungen als das Nietzsche-Porträt Edvard Munchs ist das etwa zur selben Zeit entstandene Porträt von Ellen Key, das der dänische Maler Ejnar Nielsen (1872-1956) im Jahre 1907 angefertigt hat. Nielsen, der stark von der Theorie des Jugendstils beeinflusst war, derzufolge der Maler die Fläche bewahren und die Illusion räumlicher Tiefe vermeiden sollte, hat Ellen Key in dem erwähnten Porträt tatsächlich &#8222;in die Fläche gepresst&#8220;; damit ist es &#8222;dem Maler Nielsen nicht gelungen, Ellen Key als Mitmensch - der sie für viele Menschen war - überzeugend vor uns hinzustellen.&#8220;<footnote start="24">
					<p>Zeitler, R.: Skandinavische Kunst um 1900, Leipzig 1990, S. 186</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>Ähnlich wie im Bereich der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung Schwedens und des übrigen Skandinaviens, die in den letzten Jahrzehnten des 19. sowie den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts geprägt war von dem Antagonismus zwischen einerseits einer Öffnung Europa gegenüber und andererseits einem Verschließen dem Ausland gegenüber, gab es auch auf politischem Gebiet in Schweden zu jener Zeit eine polare Dynamik zu beobachten. </p>
			<p>
				<pagenumber id="N103ED" label="30" numbering="arabic" start="30"/>In den Jahren von 1871, an den Tagen der Pariser Kommune, wurden nach und nach zuerst in Dänemark und dann in Schweden in Form des Gothaer Programms der Deutschen Sozialdemokraten sozialistisches und marxistisches Gedankengut weitergegeben und verbreitet. 1889 wurde in Schweden eine Sozialdemokratische Partei gegründet, die sich zwei Jahre später ein Programm gab, das demjenigen der deutschen Sozialdemokraten von 1891 (Erfurter Programm) sehr ähnlich war.</p>
			<p>Im Gegensatz zu Deutschland waren es in Skandinavien vorrangig Intellektuelle und Handwerker, nicht aber Arbeiter, die sich für die Formulierung und Weitergabe sozialistischer Ideen und Programme einsetzten. Dies lag vor allem auch an den weniger heftig verlaufenden Industriealisierungsentwicklungen in Skandinavien sowie an der starken Verbundenheit weiter Bevölkerungskreise mit der agrarischen Tradition. Die sozialistische und sozialdemokratische Bewegung in Schweden und darüber hinaus im übrigen Skandinavien wies daher einen pragmatischen und antirevolutionären Charakter auf:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Die sprichwörtliche Solidität von Handwerkern, die Sturheit von Bauern &#8211; beides dominante Züge in der sozialen Typologie der skandinavischen Gesellschaften &#8211; haben ihre Auswirkungen auf Ideologie und Programmatik der Parteien, haben ihre Auswirkungen auf die Politik gehabt. Die Lehrbücher der Sozialdemokraten und Sozialisten waren Sozialenqueten und Statistiken, nicht die Schriften von Marx und Engels.<footnote start="25">
							<p>Henningsen, B.: Die sozialistische Wahlverwandtschaft, in: Wahlverwandtschaft - Skandinavien und Deutschland 1800-1914, a.a.O., S. 380f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Hinzu kam, dass in Skandinavien neben dem idealistischen und deduktiven Denken, das in Deutschland vorherrschend war, eine gewisse Vorliebe für empiristisches und induktives Denken verbreitet war. Eine jede Theorie &#8211; und damit natürlich auch die marxistische respektive sozialistische &#8211; musste sich in der Praxis bewährt haben, um einigermaßen ernsthaft diskutiert und erwogen zu werden.</p>
			<p>Bei Ellen Key &#8211; so werden wir sehen &#8211; verband sich eine libertär-sozialistische Weltanschauung mit ästhetischen und pädagogischen Überlegungen. Wie im Rahmen dieser Arbeit im Kapitel <em>Ellen Key und der</em>
				<em>libertäre Sozialismus </em>gezeigt wird, berief sie sich dabei mehr auf Dichter und <pagenumber id="N10412" label="31" numbering="arabic" start="31"/>Denker denn auf Politiker und Historiker. Sie unterstützte damit den Trend der schwedischen Sozialdemokratie nach pragmatischer Um- und Übersetzung des sozialistischen Gedanken- und Ideengutes.</p>
			<p>Ein weiterer kultureller Einflussfaktor zwischen Skandinavien und Deutschland war die Biologie, speziell auch die Rassenbiologie, zu der sich im Werk Ellen Keys einige nicht immer eindeutige Aussagen und Anmerkungen finden. Schon im 18. Jahrhundert hatte der schwedische Naturforscher Carl von Linné (1707-1778) mit seiner <em>Systema naturae</em> (1735) für Aufsehen gesorgt. Außerdem bemühte sich Linné, ein natürliches System nach der Habitus-Ähnlichkeit aufzustellen; diese Einteilung enthielt erste Zuordnungen zu rassenbiologischen Merkmalen und Charakteristiken. Die Gedanken Linnés wurden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von dem Göttinger Anatomieprofessor Johann Friedrich Blumenbach weiter entwickelt, der &#8211; ähnlich wie der Wiener Arzt Gall &#8211; durch eine imposante Schädelsammlung von sich reden machte. </p>
			<p>Neben Linnés Rasseneinteilung hat die schwedische Biologie noch einen zweiten wichtigen Beitrag zur Lehre von den Rassen geliefert. Der Anatomieprofessor Anders Adolf Retzius vom Karolinska-Institut in Stockholm hat als erster die Kategorisierung der menschlichen Schädel in sogenannte Langschädel und Rundschädel durchgeführt; außerdem untersuchte er die Kieferstellung und teilte die Menschen diesbezüglich in sogenannte Orthognathen (Menschen mit gerader Kieferstellung) und Prognathen (Menschen mit vorgeschobener Kieferstellung) ein. Obschon die Schweden respektive die &#8222;Nordländer&#8220; von vielen als angeblich reinrassiges Volk betrachtet wurden, hatte Retzius herausgefunden, dass bei den Schweden die sogenannten &#8222;Langschädel&#8220; und bei den Finnen die sogenannten &#8222;Rundschädel&#8220; dominieren. Retzius vermutete, dass dies auf verschiedene rassische Ursprünge und möglicherweise auch auf unterschiedliche Volkscharaktere hindeute.</p>
			<p>Im 19. Jahrhundert verbanden sich manche dieser rassenbiologischen Ansichten mit dem in Europa grassierenden Antisemitismus. Ein prominenter schwedischer Künstler, der sich in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts dem Antisemitismus zugewandt hatte, war August Strindberg.</p>
			<p>Obschon Schweden um 1900 als relativ &#8222;reinrassiges&#8220; Volk galt, wurden in den Reihen von Medizinern, Biologen, Anthropologen und anderer Intellektueller die Fragen der Rassenbiologie und zunehmend auch der <pagenumber id="N10425" label="32" numbering="arabic" start="32"/>Rassenhygiene intensiv diskutiert. 1909 wurde die &#8222;Schwedische Gesellschaft für Rassenhygiene&#8220; gegründet. Viele ihrer Mitglieder waren parallel auch in der &#8222;Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene&#8220; integriert, die bereits 1905 ins Leben gerufen worden war. 1921 wurde in Uppsala das staatliche &#8222;Institut für Rassenbiologie&#8220; gegründet, das in mancherlei Hinsicht zum Vorbild für ähnliche Institute in Deutschland wurde. Anthropometrische Untersuchungen der Bevölkerung sowie rassenhygienische Konzepte waren die hauptsächlichen Aktivitäten dieses Instituts.</p>
			<p>Der Musiker und Journalist Heinrich Pudor (Heinrich Scham) bereiste Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts mehrmals die skandinavischen Länder, da er überzeugt war, dort eine gewisse &#8222;germanisch-völkische Reinblütigkeit edelster Sitte und höchster Kunst&#8220;<footnote start="26">
					<p>Zit. n.: Linse, U.: Nordisches in der deutschen Lebensreformbewegung, in: Wahlverwandtschaft - Skandinavien und Deutschland 1800-1914, a.a.O., S. 399</p>
				</footnote> anzutreffen. Pudor war maßgeblich daran beteiligt, den Mythos von den natürlich lebenden Skandinaviern aufzubauen, die seiner Meinung nach ethisch rein und sittlich hochstehend lebten, weil sie ein unverfälschtes Verhältnis zu ihrem Körper aufwiesen. Er ging davon aus, dass die meisten Skandinavier nackt schliefen und badeten, was seinen eigenen nudistischen Idealen sehr entgegen kam. Der norwegische Dichter Björnstjerne Björnson soll allerdings auf eine diesbezügliche Frage hin ganz lapidar geantwortet haben: &#8222;Ich wohne nicht in Arkadien; ich wohne in Norwegen!&#8220;<footnote start="27">
					<p>Zit. n.: Linse, U.: Nordisches in der deutschen Lebensreformbewegung, in: Wahlverwandtschaft - Skandinavien und Deutschland 1800-1914, a.a.O., S. 399</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>Wenn auch das Bild der nudistisch ausgerichteten Skandinavier korrekturbedürftig erscheint, lassen sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts doch einige Hinweise dafür auffinden, dass zumindest in Schweden und Dänemark eine weit verbreitete Ernährungslehre und Naturheilbewegung Fuß fassen konnte, die nach und nach Einfluss auf Deutschland bekam. Besonders erwähnenswert sind die Massage- und Gymnastiksysteme des Dichters Per Henrik Linge sowie die Abstinenzbewegung (Anti-Alkoholismus) des dänischen Ingenieurs Müller, die als sogenanntes &#8222;Müllern&#8220; in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts europaweit praktiziert und bekannt wurde. Zusammen mit einigen anderen Ärzten (z.B. Ragnar Berg oder Mickel Hindhede) und deren Hygienevorstellungen haben diese Naturheilkundler damals den Ruf und das Bild von einem &#8222;gesunden und natürlichen Skandinavien&#8220; begründet bzw. verstärkt.</p>
			<p>
				<pagenumber id="N10440" label="33" numbering="arabic" start="33"/>Einen besonderen Ausdruck dieses Bildes stellten die Olympischen Spiele 1912 in Stockholm dar. In der Geschichte Skandinaviens wie auch in der Historie der Olympischen Spiele bedeutete diese Olympiade einen wichtigen Einschnitt, da in ihrem Rahmen einige Wochen lang die Atmosphäre eines neuen demokratischen Nationalismus und einer breite Bevölkerungsschichten integrierenden Körperkultur realisiert wurde. Damals soll der Körper als Hort der Gesundheit, der Vitalität, des Genusses und der Expansivität gefeiert und von vielen so verstanden worden sein. </p>
			<p>Dieses Körpererleben und die davon ausgehenden Atmosphären und Stimmungen galten vielen Menschen als zukünftiges &#8222;Antidot&#8220; (Gegengift) gegen die kränkelnden und dekadenten Ausführungen eines Oswald Spengler (1880-1936), der mit seinem Buch <em>Der Untergang des Abendlandes </em>(1918 Bd. I und 1922 Bd. II) einige Jahre später einen weithin beachteten Abgesang auf die abendländische Kultur formuliert hat. Kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges gab man sich in Stockholm noch der Illusion eines internationalen, demokratischen, freiluftbegeisterten und zivilisierten Europa hin, die bereits zwei Jahre hernach von einer brutalen und desillusionierenden Wirklichkeit Lügen gestraft wurde.</p>
			<p>Ebenfalls noch vor die Zeit des Ersten Weltkrieges fallen die Anfänge einer skandinavischen respektive schwedischen Spielart der Tiefenpsychologie und Psychoanalyse. Eine wichtige Rolle spielte in diesem Zusammenhang der Nervenarzt Poul Bjerre (1876-1964) aus Stockholm, der über Lou Andreas-Salomé (zu der er eine Weile eine Liebesbeziehung unterhielt) Kontakt mit der psychoanalytischen Vereinigung aufnahm und ebenfalls über sie in geistigen Austausch mit Ellen Key kam. Im Jahre 1911 besuchte Bjerre den Dritten Internationalen Psychoanalytischen Kongress in Weimar, wo er mit Sigmund Freud und vielen Psychoanalytikern der ersten und zweiten Generation zusammentraf. Bis 1917 gehörte Bjerre sogar zum Herausgeberstab der <em>Internationalen Zeitschrift für Ärztliche Psychoanalyse. </em>Bereits 1913 jedoch distanzierte sich Bjerre von einigen psychoanalytischen Theorien und Dogmen und schloss sich hinsichtlich eines desexualisierten Libidokonzeptes der Psychologie C.G. Jungs an. Nach einer beleidigenden Äußerung Freuds Bjerre gegenüber, die der Begründer der Psychoanalyse angeblich bei einem Besuch des<br/>
			</p>
			<p>
				<pagenumber id="N10455" label="34" numbering="arabic" start="34"/>schwedischen Arztes in Wien getätigt haben soll, kam es zum vollständigen Bruch Bjerres mit der Psychoanalyse.<footnote start="28">
					<p>Siehe hierzu: Moore, N.: Psychoanalyse in Skandinavien, in: Kindlers Psychologie des 20. Jahrhunderts, Tiefenpsychologie, Band 2, hrsg. v. Dieter Eicke, Weinheim u. Basel 1982, S. 550ff.</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>Neben Poul Bjerre war es vor allem Alfhild Tamm (1874-1959), die sich in Schweden mit großem Engagement der psychoanalytischen Sache verschrieb. Tamm war die erste Frau in Schweden, die Psychiaterin wurde. Als junge Studentin besuchte sie Berlin, wo sie mit der psychoanalytischen Theorie (wahrscheinlich vermittelt über Karl Abraham) in Berührung kam. 1913 unternahm Tamm eine Reise nach Wien, wo sie neben den Psychoanalytikern Paul Federn, Helene Deutsch und August Aichhorn auch auf den Begründer der Individualpsychologie Alfred Adler traf. </p>
			<p>Bei diesen Kontakten nimmt es daher nicht Wunder, dass sich diese Psychiaterin in der Folge vorrangig den Fragen einer tiefenpsychologisch geprägten Kinderheilkunde widmete. In diesem Zusammenhang wirkte sie an vielen pädagogischen Einrichtungen als ärztlich-psychologische Beraterin mit und hatte darüber hinaus verschiedene Ämter in der öffentlichen Kinderfürsorge inne. Im Rahmen dieser Tätigkeiten steht zu vermuten, dass Ellen Key auf Alfhild Tamm aufmerksam wurde und Möglichkeiten zum Gedankenaustausch suchte.</p>
			<p>Einige Aspekte dieser eben in groben Zügen dargestellten schwedischen Geschichte und Kultur in der zweiten Hälfte des 19. und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts finden sich in ihren Konsequenzen im Werk Ellen Keys wieder. Außerdem führte die enge Verflechtung der schwedischen Wirtschaft wie auch partiell der schwedischen Kultur mit derjenigen Deutschlands um die Jahrhundertwende dazu, dass viele Essays und Bücher Ellen Keys beinahe zeitgleich in schwedischer wie auch in deutscher Sprache erschienen sind. Darüber hinaus hat Ellen Key auch dazu beigetragen, deutschsprachige Literatur (wie z.B. die Dichtung Rainer Maria Rilkes) oder deutschsprachige kulturkritische Schriften (wie z.B. einige Texte von Lou Andreas-Salomé) in Skandinavien bekannt zu machen. Auf diese teilweise intensiven gegenseitigen Bezugnahmen soll im Rahmen der nun folgenden Kapitel detailliert eingegangen werden.</p>
		</chapter>
		<chapter id="chapter4" label="4.">
			<head>
				<pagenumber id="N1046F" label="35" numbering="arabic" start="35"/>Biographisches zu Ellen Key</head>
			<p>
				<br/>Bevor die pädagogischen, psychologischen und kulturanalytischen Leistungen Ellen Keys dargestellt und angemessen gewürdigt werden können, ist es notwendig, eine Skizze ihres Lebenslaufes anzufertigen. Denn auch bei Key kann - ebenso wie bei vielen anderen Kulturschöpfern - eine enge Verflechtung von biographischen Ereignissen und Entwicklungen einerseits und ihren Publikationen sowie ihren pädagogischen Aktivitäten andererseits beobachtet werden. </p>
			<p>Obschon wir über keine sehr ausführlichen oder umfassenden Lebensbeschreibungen der schwedischen Reformpädagogin verfügen, lässt sich anhand der recht persönlich gehaltenen Schilderungen von Nyström-Hamilton - <em>Ellen Key. Ein Lebensbild</em> &#8211; (Leipzig 1904) sowie anhand etlicher erhalten gebliebener Briefe und anderer Dokumente von und an Ellen Key deren Biographie in groben Zügen nachvollziehen.</p>
			<section id="N1047F" label="4.1.">
				<head>Kindheit und Jugend</head>
				<p>
					<br/>&#8222;Geboren bin ich den 11. Dezember 1849 auf Sundsholm als erstes Kind junger und glücklicher Eltern.&#8220;<footnote start="29">
						<p>Key, E. in: Nyström-Hamilton, L.: Ellen Key. Ein Lebensbild, Leipzig 1904., S. 9f.</p>
					</footnote> Als Tochter des Reichstagsabgeordneten und Mitbegründers der Bauernpartei (Lantmannapartiet) Emil Key (1822 - 1892) und dessen Gattin Sophie Ottiliana Posse (1824 - 1884), die aus einem adligen Geschlecht stammte, wuchs Ellen Karolina Sophie Key auf dem Herrengut Sundsholm bei Västervik in Småland als ältestes von insgesamt sechs Geschwistern auf; nach ihr erblickten Ada (1851), Emil (1852), Mac (1853), Carl (1855) und Hedda (1856) das Licht der Welt.</p>
				<p>Die familiäre Atmosphäre soll eine Mischung aus solider Geborgenheit und aufgeklärter Intellektualität gewesen sein. Das Elternhaus war liberal gesinnt; die Keys beschäftigten sich mit den politischen und gesellschaftlichen Zeitläufen ebenso wie mit der damals aktuellen nationalen und internationalen Literatur.</p>
				<p>In der von Louise Nyström-Hamilton besorgten biographischen Skizze werden zwei frühe Kindheitserinnerungen der späteren Pädagogin erwähnt. In der ersten Kindheitserinnerung soll sich die kleine Ellen, die noch nicht ordentlich sprechen konnte, schützend vor ihre kleine Schwes<pagenumber id="N10495" label="36" numbering="arabic" start="36"/>ter gestellt haben, die noch in der Wiege lag und für irgend etwas gescholten wurde. Ellen Key soll damals gesagt haben: &#8222;Sie ist so klein, sie kann es nicht helfen!&#8220; </p>
				<p>Die zweite Kindheitserinnerung bezieht sich ebenfalls auf ihre kleine und hilfsbedürftige Schwester, die ihr anvertraut war und die einen Hügel neben dem Hause nicht hinauf kommen konnte. Ellen Key nahm ihre kleine Schwester bei der Hand, und als sie die Wärme in ihrer eigenen Hand fühlte und die Sonne auf beide schien, soll sie das erste Mal die Empfindung des Glückes zu leben gehabt haben.</p>
				<p>In der Individualpsychologie Alfred Adlers wird der Interpretation von Kindheitserinnerungen großer Wert beigemessen. Adler ging davon aus, dass bei der Fülle von Ereignissen, die wir in unserer Kindheit erleben, die karge Auswahl an Erinnerungen, die wir an diese Kindheit normalerweise haben, in einem merklichen Kontrast zueinander stehen. Ein Individuum - so Adler - erinnert nicht zufällig drei oder vier von Tausenden möglichen Szenen und Atmosphären seiner Kindheit; in dieser Auswahl der Reminiszenz mache sich vielmehr der Lebensstil und der Charakter eines Menschen bemerkbar. </p>
				<p>Der Begründer der Individualpsychologie ging davon aus, dass wir als Erwachsene genau diejenigen Erinnerungen an unsere frühe Kindheit wachrufen, die zu unserem Lebensstil passen und ihn gleichsam Mal für Mal bestätigen. Ängstliche, resignative, hypochondrische, depressive, zwanghafte oder sonstige Charaktere evozieren bei sich entsprechende Szenen oder Ausschnitte ihrer Memoiren, die ihre jeweilige Persönlichkeit bestärken.</p>
				<p>Wenn wir diese adlerschen Gedanken und Theorie über die frühen Kindheitserinnerungen auf Ellen Key anwenden, können wir - bei entsprechend vorsichtiger und behutsamer Interpretation - bereits aus den beiden mitgeteilten Reminiszenzen wichtige Aspekte der späteren Gangart und des Lebensgesetzes dieser Frau herauslesen. In beiden Erinnerungen übernimmt Ellen eine mütterlich-sorgende und verantwortungsvolle Rolle einer hilflosen Person gegenüber. </p>
				<p>Auch machen sich bereits die späteren pädagogisch-förderlichen Züge ihres Wesens darin bemerkbar. Vor allem in der zweiten Szene wird das &#8222;Glück zu leben&#8220; der kleinen Ellen mit der Position der potenten Helferin verknüpft; die Empfindungen von Sicherheit, Macht und Überlegenheit scheinen für sie mit der Rolle der Helferin eng assoziiert.</p>
				<p>
					<pagenumber id="N104AB" label="37" numbering="arabic" start="37"/>Neben diesen charakterlichen Qualitäten soll Ellen Key vor allem auch über ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl verfügt haben. Dies machte sich in der Kindheit immer dann bemerkbar, wenn es unter den Geschwistern Konflikte oder Streit zu schlichten galt. Sobald Kuchen oder andere Süßigkeiten verteilt werden sollten, handelten alle Geschwister nach dem Motto: &#8222;Laß Ellen teilen, dann wird es gerecht!&#8220; Auch dieser Zug in ihrem Wesen wird uns bei der späteren Pädagogin Ellen Key wieder begegnen.</p>
				<p>Die Psychoanalytikerin Karen Horney hat in der von ihr formulierten Psychologie einmal die Meinung vertreten, dass ein jedes Individuum sich mit drei wesentlichen Werten respektive Idealen in seinem Leben auseinandersetzt und sich meist für einen von ihnen besonders entscheidet und engagiert. Diese Werte benannte die Analytikerin mit den Begriffen &#8222;Reiz der Liebe&#8220;, &#8222;Reiz der Meisterschaft&#8220; und &#8222;Reiz der Freiheit&#8220;. Diese Werte und die daraus resultierenden Strebensrichtungen stellen nach Karen Horney Strategien dar, die sogenannte Grundangst eines Individuums zu beschwichtigen, zu kompensieren oder gar zu überwinden.</p>
				<p>Wenn wir uns an dieser Stelle fragen, welche dieser drei Strategien für Ellen Key besondere Wichtigkeit erlangt hat, so können wir sicherlich nach dem bisher Ausgeführten den &#8222;Reiz der Meisterschaft&#8220; als attraktiv für das junge Mädchen bezeichnen. Darüber hinaus dürfen wir jedoch nicht übersehen, dass der &#8222;Reiz der Freiheit&#8220; ebenfalls eine große Rolle im Leben Ellen Keys einnahm. Schon ab ihrem elften Lebensjahr verbrachte Ellen die Sommer immer am Meer, wo sie sich in die Rolle eines freien Seemannes imaginierte. Das Motiv der Freiheit kehrte bei der jungen Frau insbesondere in bezug auf die Themen Partnerschaft und Ehe wieder; wir werden sehen, dass Ellen Key sich später nie gebunden hat und somit diesem Ideal immer treu geblieben ist.</p>
				<p>Ob jedoch die innere Einstellung und Haltung Ellen Keys zum anderen Geschlecht und zu Themen von Liebe, Partnerschaft und Sexualität tatsächlich ganz und gar &#8222;rein&#8220; und asketisch gewesen ist, kann aus den erhaltenen biographischen Schriften nicht mit Sicherheit abgeleitet werden. Der Beschreibung von Ellen Keys diesbezüglicher Charaktereigenschaften durch Luise Nyström-Hamilaton jedenfalls muss wahrscheinlich eine gewisse hagiographische Tendenz attestiert werden, wenn sie über &#8222;ihre Heldin&#8220; ausführt:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>
							<pagenumber id="N104BF" label="38" numbering="arabic" start="38"/>Rein und unverdorben reifte sie zum Weibe, nicht von den Einflüssen beunruhigt, die so manche der Kindheit entwachsende junge Mädchen stören. Dummes Geschwätz, Koketterie und Tand beschäftigten niemals ihre Gedanken. Für dergleichen war kein Raum in ihrer Phantasie. Sie, die schon als Kind an großen menschlichen Fragen teilnahm, konnte ja überdies kein Vergnügen an gewöhnlichen Nichtigkeiten finden.<footnote start="30">
								<p>Nyström-Hamilton, L.: Ellen Key. Ein Lebensbild, a.a.O., S. 21</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Über Ellen Keys frühe Kindheit wird ferner berichtet, dass sie gerne den Erwachsenen zuhörte, wenn diese einander vorlasen. Das Kind kroch dann regelmäßig unter den Tisch und tat so, als ob es spielte, lauschte jedoch aufmerksam den Vorlesungen und Gesprächen ihrer Eltern und Großeltern. Sie soll sich weite Passagen ihrer Kindheit über allein und ohne Ansprache der Erwachsenen gut beschäftigt haben können; vor allem, nachdem sie früh zu lesen begonnen hatte, gehörten die Bücher zu ihren liebsten Freunden.</p>
				<p>Ellen besuchte nie eine Schule, sondern erhielt schon ab ihrem sechsten Lebensjahr neben einer schwedischen auch eine deutsche und mit 14 Jahren außerdem noch eine französische Hauslehrerin. Diese frühe Schulung in verschiedenen Fremdsprachen führte dazu, dass Ellen Key sich später nicht nur in der schwedischen, sondern auch in der übrigen europäischen Literatur und Kultur relativ leicht und rasch zurechtfand. Außerdem mag der Umstand, dass Ellen Key niemals den egalisierenden Schulzwang am eigenen Leib erleben musste, mit dazu beigetragen haben, aus ihr später eine relativ unabhängig und fortschrittlich denkende Frau werden zu lassen. Wir werden sehen, dass Ellen Key in ihren theoretischen Schriften zur Pädagogik dieses Faktum - relative Freiheit von nivellierenden und letztlich das Denken einschränkenden und hemmenden schulischen Rahmensituationen - eingehend reflektiert hat.</p>
				<p>Zu diesem wenig oder gar nicht gehemmten Lern- und Expansionseifer der jungen Ellen Key passte auch ihre schon früh vorhandene Begeisterung für Bücher. In den ersten Jahren ihres Lebens waren es die Geschichten und Erzählungen, welche die Eltern vorlasen und die das kleine Mädchen begierig aufnahm. Später entdeckte Ellen die eigene Lektüre und verschlang gleichsam weite Bereiche der Bibliothek ihres Vaters. Die spätere Bemerkung Ellen Keys, dass &#8222;nichts ein lesesüchtiges Kind so <pagenumber id="N104D7" label="39" numbering="arabic" start="39"/>sehr lockt wie Verbote, die nie existieren sollten&#8220;<footnote start="31">
						<p>Key, E. in: Nyström-Hamilton, L.: Ellen Key. Ein Lebensbild, a.a.O., S. 17</p>
					</footnote>, muss wohl auf diese Bibliothek hin interpretiert werden.</p>
				<p>Eine wichtige Lektüre für die etwa zehnjährige Ellen sollen die Dialoge des Sokrates gewesen sein; dieser Philosoph der Antike war ein frühes Modell für das kleine Mädchen, an dem es sah und lernen konnte, wie eine philosophisch-nagende Reflexion und Fragetechnik beschaffen ist. Das Interesse für eine philosophische Haltung der Welt gegenüber hat Ellen Key während ihres gesamten Lebens beibehalten.</p>
				<p>Die intellektuellen Interessen Ellen Keys führten dazu, dass das Mädchen bezüglich praktischer Tätigkeiten im Haushalt mehr oder minder ungeübt war und blieb. Trotz mancher diesbezüglicher Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter tolerierte man offenbar die Entwicklung der jungen Ellen Key und honorierte schließlich ihr Bedürfnis, still und zurückgezogen lesen zu wollen, mit einem eigenen Zimmer, das dem Mädchen ab dem 12. Lebensjahr zur Verfügung stand. Noch als Erwachsene hat sich Ellen Key immer wieder in dieses Zimmer ihres Elternhauses zurückgezogen und es als ihr Refugium betrachtet.</p>
				<p>Wenn Ellen Key trotz ihrer Widerstände zur Hausarbeit angehalten oder gezwungen wurde, soll sie die anfallenden Tätigkeiten nicht nur gut, sondern perfekt ausgeführt haben. So hörte man etwa in der Familie der Keys manchmal anerkennend den Satz: &#8222;Ellens Nähte gehen niemals auf!&#8220; - ein Satz, der sich auf die Näh- und Flickkünste des jungen Fräuleins bezog.</p>
				<p>Bei einem derart wachen und kritischen Mädchen nimmt es nicht Wunder, dass es schon als Jugendliche an manchen tradierten weltanschaulichen Inhalten zweifelte und Anstoß nahm. Insbesondere der religiöse Glaube im Rahmen des Christentums wurde von Ellen nach und nach skeptisch bis kritisch beäugt. Louise Nyström-Hamilton berichtet in ihrer Biographie über Ellen Key, dass diese zwischen ihrem zwölften und vierzehnten Lebensjahr aufgrund ihres religiösen Zweifels regelrecht an depressiven Verstimmungen gelitten habe. </p>
				<p>Eventuell können diese Verstimmungen jedoch auch Ausdruck einer Pubertätskrise Ellen Keys gewesen sein. Ihre Mutter jedenfalls bemerkte zu jener Zeit, dass ihre Tochter merklich zurückgezogen und in sich gekehrt war - Symptome, die C.G. Jung zur &#8222;Introversions-Neurose&#8220; <pagenumber id="N104F1" label="40" numbering="arabic" start="40"/>gezählt hat. Damals soll auch die Idee bei Ellen erwacht sein, in ihrem späteren Leben Dichterin oder zumindest Schriftstellerin zu werden. Dementsprechend identifiziert sie sich z.B. mit dem norwegischen Schriftsteller Bjørnstjerne Bjørnson (1832-1910), der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch seine realistischen und zugleich nationalromantischen Bauernnovellen in Skandinavien sehr bekannt und beliebt geworden war.</p>
				<p>Eine heftige Erschütterung für Ellen Key bedeutete der Tod zweier Cousinen, mit denen die 17jährige beim Baden verunglückte; sie war die einzige von den dreien, die diesen Badeunfall überlebte. Nach dem Tod ihrer Cousinen war der religiöse Kinderglaube Ellen Keys endgültig abgetan.</p>
				<p>Schon einige Jahre vor diesem Ereignis hatte Ellen Key begonnen, an den religiösen Dogmen erste Zweifel zu entwickeln. Auch dafür gab es einen äußeren Anlass: Ein junger Mann war überraschend gestorben und ließ seine mittellose Frau und mehrere Kinder zurück. Ellen erwartete nun vom Christen-Gott eine Intervention oder zumindest ein Zeichen, welche jedoch beide ausblieben. Daraufhin schrieb sie in den Sand: &#8222;Gott ist tot!&#8220; Für sich selber hatte sie die Überlegung angestellt, dass Gott sicherlich nicht existiere, wenn diese Worte am nächsten Tag noch unverändert zu lesen seien. Am nächsten Tag suchte Ellen die besagte Stelle auf und sah, dass ihr Satz vom Vortag nicht mehr zu lesen war. Das junge Mädchen war aber bereits von einem derart tiefen Zweifel am Gottesglauben geprägt, dass sie nach Spuren von Menschen suchte und prompt entdeckte, dass wohl der Gärtner mit seiner Schaufel die gotteslästerlichen Worte entfernt hatte. Diese skeptisch-zweiflerische Haltung hat Ellen Key zeitlebens beibehalten.</p>
				<p>Wasser auf die antireligiösen Mühlen bedeuteten die Ideen und Gedanken des norwegischen Dichters Henrik Ibsen, den Ellen Key als Jugendliche literarisch kennen lernte. Mit kaum achtzehn Jahren erhielt sie von ihrer Mutter drei Bücher Ibsens als Geschenk: <em>Die Komödie der Liebe, Brand </em>und<em> Peer Gynt. </em>Insbesondere in den beiden letzteren Dramen brachte Ibsen seine eigenen skeptischen und agnostischen Impulse beredt zum Ausdruck. </p>
				<p>Der norwegische Dichter wurde zu einem der wichtigsten Vorbilder und geistigen Mentoren der Schwedin. Wie weiter unten detailliert erläutert, hat Ellen Key zentrale weltanschauliche Ansichten - den Agnostizismus respektive Atheismus sowie einen libertären Sozialismus - von Henrik <pagenumber id="N10507" label="41" numbering="arabic" start="41"/>Ibsen übernommen und modifiziert. Nyström-Hamilton berichtet, dass Ellen Key über den norwegischen Dichter gesagt haben soll: </p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Mit gewaltigerer Größe war mir Ibsens eigenstes Pathos in <em>Brand</em> und <em>Peer Gynt</em> begegnet, aber ... meine innersten Instinkte hatten die Übereinstimmung mit seinem hochgestimmten Idealismus in der <em>Komödie der Liebe</em> vorbereitet.<footnote start="32">
								<p>Zit. n.: Nyström-Hamilton, L.: Ellen Key. Ein Lebensbild, a.a.O., S. 30</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
			</section>
			<section id="N10526" label="4.2.">
				<head>Pädagogische Lehrjahre</head>
				<p>
					<br/>Neben der Mutter, die bisweilen für passende Lektüre sorgte, war für Ellen Key vor allem ihr Vater von großer Relevanz. Emil Key galt als ein bekannter Politiker, der sich auch als Schriftsteller betätigte; durch ihn wurde Ellen Key auf ihre spätere öffentliche Rolle und Wirksamkeit vorbereitet. Um 1870 wurde er in den Reichstag gewählt. Dadurch kam es zur Übersiedlung eines Teils der Familie nach Stockholm; gleichzeitig jedoch diente das Haus in Sundsholm als Refugium, in das sich sowohl der Vater Emil Key als auch seine Tochter Ellen gerne zurückzogen. </p>
				<p>Für Ellen Key erschlossen sich nach dem Umzug in die schwedische Hauptstadt neue und interessante Lebensbereiche. Zuerst arbeitete die kaum zwanzigjährige junge Frau als Sekretärin ihres Vaters, der seiner Tochter diverse Reden, Artikel und Aufsätze diktierte. Dabei erlernte Ellen Key nicht nur das Handwerk der Schriftstellerin, sondern wurde gleichzeitig in die politischen und gesellschaftlichen Fragestellungen ihrer Zeit eingeführt. Die politisch und kulturell kritische Schriftstellerin Ellen Key, die uns in den kommenden Jahrzehnten begegnen sollte, bezog keinen geringen Anteil ihrer späteren Fähigkeiten aus dieser Lehrzeit bei ihrem Vater, den sie lange Zeit sehr bewunderte.</p>
				<p>Man darf mutmaßen, dass die psychische Entwicklung Ellen Keys als Kind und Jugendliche ihr ein Plus an Identifikation mit dem Vater und der Vaterwelt bei gleichzeitig etwas reduzierter Identifikation mit der Mutter und deren Lebensgestaltung bereit gehalten hat. In Ellen Key begegnet uns eine Frau, die den von Alfred Adler, dem Begründer der Individualpsychologie formulierten &#8222;männlichen Protest&#8220; auf recht gelungene und wertvolle Art sublimiert hat. Unter &#8222;männlichem Protest&#8220; verstand Adler den Wunsch und die Haltung von Mann <em>und</em> Frau, die Attribute der Männlich<pagenumber id="N10538" label="42" numbering="arabic" start="42"/>keit (im Patriarchat) wie Stärke, Überlegenheit, Expansivität, Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung, Durchsetzungsfähigkeit und anderes mehr für sich zu erobern und zu sichern. Ellen Key gab ein Modell für eine Frau ab, die diese Eigenschaften auf sozial und kulturell verträgliche und sinnvolle Weise erwarb und lebte und deshalb auf eine kämpferisch und destruktive Variante des &#8222;männlichen Protests&#8220; mehr oder minder verzichten konnte.</p>
				<p>Noch während der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts unternahm Ellen Key mehrere ausgedehnte Reisen quer durch Europa. Die junge Frau lernte unter anderem Berlin, Dresden, Kassel, Wien, Venedig Florenz, Paris und London kennen, wobei ihr bei diesen Reisen ihre Sprachkenntnisse außerordentlich zugute kamen. Sie hatte wenig Mühe, die kulturellen Gegebenheiten der jeweiligen Länder rasch zu assimilieren; insbesondere für die Stätten der Kunst interessierte sie sich ausführlich.</p>
				<p>Ellen Key muss ein visueller Typ gewesen sein. Später hat sie rückblickend auf diese Reisen vor allem verschiedene Gemälde als für sie imposant und prägend beschrieben. So erwähnt sie z.B. aus der Dresdener Galerie die Madonnendarstellungen Raffaels, und die Kasseler Gemäldesammlung blieb ihr insbesondere wegen der dort ausgestellten Rembrandt-Kunstwerke in Erinnerung. Die Schilderung dieser Gemälde gelang ihr derart exakt, dass man bei Ellen Key beinahe von einem photographischen Gedächtnis sprechen konnte. </p>
				<p>Eine solche Art der Erinnerung findet man häufig bei Menschen mit einem betont rationalen Zugang zur Welt; der intuitive oder empfindsame Zugang tritt dabei meist in den Hintergrund. Eine solche Unterscheidung hat zumindest C.G. Jung in seiner Typenlehre (1920) formuliert, worin er die rationalen Seelenfunktionen des Denkens und Fühlens den sogenannten irrationalen Funktionen des Intuierens und Empfindens entgegensetzt. Die Sinnesqualtitäten des Riechens und Schmeckens werden dabei den irrationalen Funktionen zugeordnet, wohingegen das Sehen nach C.G. Jung einer rationalen Funktion entspricht. Zu diesem eher rational betonten Lebensvollzug passt übrigens auch, dass Ellen Key ausgesprochen selten lyrisch-poetische Versuche unternahm und sich, bei aller Schriftstellerei, nie als Dichterin verstand.</p>
				<p>1874 verbrachte Ellen Key einen Sommer in Dänemark, wo sie das Volkshochschulwesen intensiv kennen lernen konnte. Angeregt durch diese Impressionen hat die Pädagogin später selbst diverse Schulmodelle <pagenumber id="N10548" label="43" numbering="arabic" start="43"/>entworfen und realisiert, wobei sie sich 1874 - Ellen Key war damals 25 Jahre alt - als noch zu jung und unerfahren erlebte, um einen derart verantwortungsvollen Beruf wie den einer Volkshochschullehrerin auszufüllen.</p>
				<p>1880 erlebte die Familie Key heftige finanzielle Turbulenzen, die letztlich zum Beinahe-Bankrott führten. Für Ellen bedeuteten die wirtschaftlichen Kalamitäten ihrer Eltern, dass sie sich eine eigene bezahlte Tätigkeit suchen musste. Ab 1880 war die junge Frau gezwungen und fühlte sich - anders noch als sechs Jahre zuvor - gleichzeitig auch in der Lage, als Lehrerin an verschiedenen Sonntags- und Mädchenschulen zu arbeiten. Außerdem hielt sie Vorlesungen über kulturgeschichtliche Themen am Stockholmer Arbeiterinstitut (eine Art Volkshochschule). </p>
				<p>Als Lehrerin soll Ellen Key auf ihre Schülerinnen einen sehr idealistischen und an hohen Werten ausgerichteten Eindruck gemacht haben. Schon als junge Frau muss Ellen Key von der Idee beseelt gewesen sein, allen Menschen, auf die sie pädagogischen Einfluss nehmen konnte und durfte, zu einem Höchstmaß von Konzentration, Lernen und Entwicklung zu verhelfen. Eine ihrer ehemaligen Schülerinnen schrieb über Ellen Key:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Es lag ihr so am Herzen, unsere Gemüter zu vertiefen, daß sie ganz außer sich geriet, als wir einmal, da sie uns etwas aus Geijers Prosaschriften vorlas, nicht aufmerksam waren. Sie wollte uns sinnig und verständig haben, wollte, daß wir unsere Oberflächlichkeit ablegen sollten, wollte uns lehren, unsere Gedanken auf einen Gegenstand zur Zeit zu konzentrieren.<footnote start="33">
								<p>Nyström-Hamilton, L.: Ellen Key. Ein Lebensbild, a.a.O., S. 42f.</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Daneben machte Ellen Key sich mit Vorträgen in diversen Studenten- und Frauenvereinigungen einen Namen. Eines ihrer Lieblingsthemen war dabei die schwedische Kulturgeschichte in ihren Beziehungen zur europäischen Geistesgeschichte; auf diese Thematik kam die Referentin immer wieder zurück, wobei ihr von manchen Zuhörern eine regelrecht hinreißende Darstellungsweise attestiert wurde. Darüber hinaus befasste sich Ellen Key mit den französischen Moralisten, mit der russischen Literaturgeschichte und auch mit der Renaissance in Italien. </p>
				<p>So nimmt es nicht Wunder, dass im Laufe der Jahrzehnte umfassenden Vortragstätigkeit von Ellen Key der Zuhörerkreis von ursprünglich <pagenumber id="N1056A" label="44" numbering="arabic" start="44"/>fünfzehn auf zuletzt ca. fünfhundert Personen anwuchs. Viele im Auditorium sollen vor allem von der sehr persönlich gehaltenen und engagierten Vortragsweise begeistert gewesen sein. Bei den meisten Vorträgen muss man gespürt haben, dass die Referentin existentiell an ihrer Thematik ungemein interessiert und beteiligt gewesen war und dementsprechend mit Verve und Enthusiasmus ihre Sichtweisen und Erkenntnisse ausbreitete. So urteilte zumindest eine Zuhörerin über Ellen Key:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Es gibt eine Subjektivität, die den Gedanken bindet und den Blick beschränkt; das ist die Unfähigkeit der kleinen Subjekte, über sich selbst hinaus zu blicken. Es gibt eine andere Subjektivität, die den Blick befreit und dem Blick Sehergabe verleiht; das ist die Eigenschaft einiger großer Persönlichkeiten. Diese Art Subjektivität ist den Rednern und Schriftstellern eigen, welche die größte Macht über die Menschen besitzen, eine Macht, die nicht ausschließlich auf der Vollkommenheit der Sprache, der vollen Freiheit des Gedankens noch auf der lyrischen Gefühlsstimmung beruht, wenn dies auch, wie bei Ellen Key, harmonisch vereint ist.<footnote start="34">
								<p>Zit. n.: Nyström-Hamilton, L.: Ellen Key. Ein Lebensbild, a.a.O., S. 44</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Seit dem Herbst 1883 war Ellen Key am Arbeiterinstitut in Stockholm angestellt. Dieses Institut war 1880 von Dr. Anton Nyström, dem Gatten von Louise Nyström-Hamilton, gegründet worden. Es verfolgte das Ziel, einer breiten Schicht von Arbeitern und Angestellten auf verständliche Art wissenschaftliche, philosophische und allgemein kulturgeschichtliche Probleme nahe zu bringen. Im Rahmen dieses Arbeiterinstitutes konnte sich Ellen Key vor allem mit Vorträgen über die schwedische Kulturgeschichte einen Namen machen. </p>
				<p>Dabei soll sie nicht nur großen Wert auf die Vermittlung von Wissen und Fakten, sondern mindestens ebenso von emotionaler Zuwendung und allgemeiner Lebenskunst gelegt haben. Im Laufe ihrer letzten Vorlesung am Arbeiterinstitut hat sie sich jedenfalls mit folgenden Worten von ihren Zuhörern verabschiedet:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Nicht Gelehrsamkeit und vielseitige Kenntnisse zu geben ist mein Bestreben gewesen; mein Ziel war ein anderes: Ich un<pagenumber id="N1058D" label="45" numbering="arabic" start="45"/>terwies euch für das Leben, lehrte euch durch die Literatur reicher leben und die Stimmen des Lebens in der Dichtung verstehen.<footnote start="35">
								<p>Zit. n.: Nyström-Hamilton, L.: Ellen Key. Ein Lebensbild, a.a.O., S. 47</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>1884 starb - erst 60jährig - die Mutter von Ellen Key. Nun hat Sigmund Freud einmal angesichts des Todes seines eigenen Vaters angemerkt, dass das wichtigste Ereignis im Leben eines Mannes der Tod des Vaters sei. Übertragen auf das Leben einer Frau kann man diskutieren, ob für sie der Tod der Mutter das wichtigste Ereignis in ihrem Dasein bedeutet. Bei Ellen Key war dies wohl nicht der Fall, da sie sich in vielen Aspekten ihrer Persönlichkeit viel stärker mit ihrem Vater denn mit ihrer Mutter identifiziert hatte. Gleichwohl reagierte die sie auf diesen Tod u.a. mit gesteigerter literarischer Tätigkeit, die für sie unter anderem die Funktion der seelischen Stabilisierung innehatte. Außerdem soll sie anlässlich dieses Todes gesagt haben:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Ich fühlte da, daß es nicht schwer sein müßte, ohne Hoffnung auf Unsterblichkeit zu <em>sterben; </em>zu <em>leben</em> ohne sie ist schwieriger.<footnote start="36">
								<p>Zit. n.: Nyström-Hamilton, L.: Ellen Key. Ein Lebensbild, a.a.O., S. 57</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Obschon für Ellen Key die Person des Vaters die wichtigere Identifikationsfigur darstellte, durchlebte sie nach dem Tod der Mutter eine persönliche Krise, von der ihre Biographin Nyström-Hamilton andeutet, dass sie sogar bis hin zu suizidalen Impulsen gereicht habe. Möglicherweise wurde Ellen Key damals auch von anderen Fragen und Problemen bedrängt; vor allem das Thema von Partnerschaft und Liebe war für die Pädagogin noch immer nicht gelöst.</p>
				<p>Wir wissen nicht genau, wie und ob Ellen Key in den nachfolgenden Jahren diese Frage für sich beantwortet hat. Gemeinhin nimmt man an, dass sie keine länger andauernden und intensiven Liebesbeziehungen zu Männern aufgebaut hat. Manche Autoren vertreten jedoch die Meinung, die Schwedin habe zumindest zeitweise ein Verhältnis zu dem dänischen Kulturkritiker Georg Brandes (1842-1927) unterhalten: </p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Es wird vermutet, daß Key später eine Liebesbeziehung zu dem dänischen Literaturwissenschaftler Georg Brandes hatte, der <pagenumber id="N105C4" label="46" numbering="arabic" start="46"/>unter anderem dazu beitrug, Nietzsches Philosophie in Skandinavien zu verbreiten. Key fühlte sich mit Brandes innig verbunden. Beide vertraten die Idee einer &#8222;Liebe ohne Trauschein&#8220;. Die Gelegenheiten, sich zu sehen, waren jedoch selten, denn Brandes lebte und arbeitete in Kopenhagen.<footnote start="37">
								<p>Friebus, D.: Ellen Key und das Motiv der Selbsterziehung, in: Kaminski, K. (Hrsg.): Die Frau als Kulturschöpferin - Zehn biographische Essays, Würzburg 2000, S. 91</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Viel wahrscheinlicher jedoch als eine Liebesbeziehung zu Brandes war ein Verhältnis Keys zu dem Armeeoffizier und Grundbesitzer Urban von Feilitzen. Ob es sich dabei lediglich um eine platonische Beziehung gehandelt hat, ist nicht sicher geklärt. Fest steht allerdings, dass Key zwischen 1876 und 1888 ein überaus inniges Verhältnis zu dem autodidaktischen Literaten Feilitzen unterhalten hat, der mit einer berühmten Pianistin Schwedens, Lotten Lindblad, verheiratet war.</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Ellen Key und Feilitzen gründeten und entwickelten ihre enge und geheimgehaltene vielschichtige Beziehung für den Zeitraum der kommenden 10 bis 12 Jahre. In Briefen diskutierten sie die abstrakte Art und Weise, wie in der Literatur auf das Verhältnis von Mann und Frau eingegangen wurde... In der Zeit, als ihre Freundschaft am intensivsten war, schrieben sie sich jährlich gut und gerne hundert lange Briefe, also alle drei bis vier Tage einen Brief...<footnote start="38">
								<p>Stafseng, O.: Ellen Key und ihr &#8222;Jahrhundert des Kindes&#8220; &#8211; Autobiographie oder Ethnographie? Ein Beitrag aus skandinavischer Sicht, in: Baader, M.S., Jacobi, J. u. Andresen, S. (Hrsg.): Ellen Keys reformpädagogische Vision &#8211; &#8222;Das Jahrhundert des Kindes&#8220; und seine Wirkung, Weinheim und Basel 2000, S. 24f.</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Zur selben Zeit, als Key mit Feilitzen enge Kontakte unterhielt, war eine ihrer engsten Freundinnen, Victoria Benedictsson (1850-1888), mit Georg Brandes liiert, dessen Ehe in eine Krise geraten war. Benedictsson, über die Key später einen eigenen Essay verfasste<footnote start="39">
						<p>Key, E.: Victoria Benedictsson, in: Drei Frauenschicksale, Berlin 1908</p>
					</footnote>, war Schriftstellerin und hatte versucht, mit einem großen Roman den Literaturkritiker Brandes zu beeindrucken. Der Letztere verfasste über den Text Benedictssons jedoch eine sehr reservierte Kritik, woraufhin sich die Autorin suizidierte. </p>
				<p>Man nimmt an, dass Key ihre enge Freundschaft zu Feilitzen vor allem auch vor dem Hintergrund dieser tragischen Ereignisse beendete und <pagenumber id="N105F5" label="47" numbering="arabic" start="47"/>zukünftig sogar platonische Liebesbeziehungen zu Männern mied. Sie war und blieb das &#8222;Fräulein Key&#8220; &#8211; eine Bezeichnung, welche z.B. Georg Brandes in zwei kleineren Aufsätzen aus den Jahren 1893 und 1899 für sie verwendete.<footnote start="40">
						<p>In: Brandes, G.: J.P. Jacobsen und andere skandinavische Persönlichkeiten, Dresden 1924, S. 337-345</p>
					</footnote> Brandes erweckt dabei im übrigen nicht den Eindruck, mit diesem Fräulein in einem intimen persönlichen Kontakt zu stehen.</p>
				<p>Allerdings fällt bei diesen Abhandlungen auf, dass Brandes seiner schwedischen Kollegin gegenüber einen außerordentlich anerkennenden und rühmenden Ton an den Tag legt. So beschreibt er ihre (wörtlich) ungewöhnliche Intelligenz, kühne Wahrheitsliebe, weitschauende Humanität und den für eine Frau überraschend groß ausgebildeten Enthusiasmus. Dass Brandes Ellen Key nicht nur aus der Literatur her kannte, sondern auch ihre persönliche Bekanntschaft gemacht haben musste, wird in einer Passage seiner zweiten Abhandlung (1899) deutlich, wo er über die rhetorischen Qualitäten der Pädagogin schreibt:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Wer Ellen Key öffentlich sprechen gehört, wird den besten und richtigsten Eindruck von ihrer Person haben. Man kann nicht besser, einfacher, fester, wärmer, gedämpfter und sicherer sprechen. So ist sie, seelenvoll, mutig, ein Stück Kultur, die einzig übriggebliebene von den Frauen, die sich vor zehn Jahren in der schwedischen Literatur bemerkbar machten.<footnote start="41">
								<p>Brandes, G.: J.P. Jacobsen und andere skandinavische Persönlichkeiten, a.a.O., S. 342</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Auch einige Jahre nach den erwähnten Aufsätzen von Georg Brandes scheint aus dem &#8222;Fräulein Key&#8220; noch keine &#8222;Frau Key&#8220; geworden zu sein. Zumindest bestätigt sie in einem Brief an Rilke aus dem Jahre 1903 selbst diesen Eindruck:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>&#8222;Frau&#8220; bin ich leider nicht. Nur eine Junge-Alte - ich meine: meine Haaren sind grau und das Herz grün!&#8220;<footnote start="42">
								<p>Key, E.: Brief an Rilke vom 05.02.1903, in: Rainer Maria Rilke - Briefwechsel mit Ellen Key, mit Briefen von und an Clara Rilke-Westhoff, hrsg. v. Theodore Fiedler, Frankfurt am Main 1993, S. 8</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Was Ellen Key mit ihrem grünen Herz genauer gemeint hat, wird an dieser wie auch an vielen anderen Stellen des Briefwechsels nicht explizit ge<pagenumber id="N1062D" label="48" numbering="arabic" start="48"/>macht. Aber immerhin sprach auch Rilke in Briefen an seine Frau Clara Westhoff von Ellen Key als einem &#8222;alten Mädchen&#8220;: </p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Nun verstand ich, wie dieses alte Mädchen nur eines von den vielen alten Mädchen war, die in einem Zimmer Erinnerungen zusammenlegen, Erinnerungen und Erinnerungen von Erinnerungen und alles nur Erinnerungen an eines: an jene Liebe, deren einstige, vage, aufsteigende Möglichkeit von ihrem Herzen schon so überschwenglich aufgenommen war, daß das Erlebnis gar nicht mehr zu kommen brauchte.<footnote start="43">
								<p>Rilke, R.M.: Brief an Clara Westhoff vom 21.06.1906, in: Rainer Maria Rilke - Briefwechsel mit Ellen Key, a.a.O., S. 280</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Ob überhaupt einmal jene Liebe als aufsteigende Möglichkeit von Ellen Key erlebt respektive sehnsuchtsvoll imaginiert wurde, ist den diesbezüglich spärlichen biographischen Angaben also nicht sicher zu entnehmen. Bedeutend mehr Informationen als über das Liebesleben Keys besitzen wir allerdings in bezug auf ihre berufliche Entwicklung.</p>
				<p>Schon als knapp 20jährige hatte Key - wie weiter oben erwähnt - unter der Patronage ihres Vaters ihre ersten schriftstellerischen Gehversuche unternommen und kleinere Artikel für Zeitschriften wie etwa <em>Tidskrift för hemet</em> - ein Journal der frühen bürgerlichen Frauenbewegung - sowie <em>Revy i litterära och sociala frågor </em>und <em>Verdandis småskrifter </em>- zwei Journale, die einen kulturanalytischen und einen kulturkritischen Anspruch verfolgten - verfasst. Diesen frühen journalistischen Tätigkeiten war es zuzuschreiben, dass Key einige Jahre lang in Schweden als radikale Kulturkritikerin galt.</p>
				<p>Insbesondere bezüglich der Religion und der diversen Kirchen hat Ellen Key Mitte bis Ende der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts ihre kulturkritischen Ansichten eindeutig unter Beweis gestellt. Eine solche religions- und kirchenkritische Haltung war zu jener Zeit in Schweden nicht sonderlich weit verbreitet und galt durchaus als gefährlich. So wurde etwa August Strindberg (1849-1912) noch 1884 wegen Gotteslästerung angeklagt, wobei eine relativ tolerante Jury ihn letztlich freisprach.</p>
				<p>Zusammen mit dem Literaturprofessor und Kritiker Karl Johan Warburg sowie dem Schriftsteller und Verleger Gustaf af Geijerstam (1858-1909) zählte Ellen Key in den 80er Jahren zur kulturkritisch eingestellten <pagenumber id="N10658" label="49" numbering="arabic" start="49"/>Literaturgesellschaft &#8222;Junges Schweden&#8220;, die allerdings Strindberg als einen Abtrünnigen ausgestoßen hatte.<footnote start="44">
						<p>Siehe hierzu: Schütze, P.: August Strindberg (1990), Reinbek bei Hamburg 1990, S. 122f.</p>
					</footnote> Das &#8222;Junge Schweden&#8220; gehörte geistes- und kulturgeschichtlich betrachtet zur literarischen Moderne in Schweden, die man gemeinhin mit Strindbergs Gesellschaftsroman <em>Das rote Zimmer </em>(1879) beginnen lässt.<footnote start="45">
						<p>Siehe hierzu: Artikel &#8222;Schwedische Literatur&#8220;, in: Harenberg Lexikon der Weltliteratur, Band 5 (1989), Dortmund 1995, S. 2616</p>
					</footnote> Diese Bewegung war charakterisiert durch eine oppositionelle Haltung gegen idealistische und romantische Positionen sowie durch eine energische Auseinandersetzung mit sozialen Problemen und Ideologiekritik.</p>
				<p>Ende der 80er Jahre hielt Ellen Key einige Vorträge <em>Über Rede- und Pressefreiheit, </em>die wenig später als Broschüren erschienen. Sie nahm dabei Bezug auf die Ereignisse im Schweden der vergangenen Jahre und qualifizierte sich als eine ungemein couragierte und kritische Frau, die auch angesichts der juristischen Kalamitäten, die z.B. eine atheistische Position in Schweden damals nach sich ziehen konnte, keine Hemmungen kannte, frei und offen ihre ideologiekritischen Positionen zu vertreten.</p>
				<p>Nyström-Hamilton berichtet in ihrer Biographie über Ellen Key, dass diese prononcierte Haltung in Schweden auf Ablehnung und Distanz stieß. Zum ersten Mal machte Key nun die Erfahrung, ganz offensichtlich nicht immer zur Majorität zu gehören und eine dezidiert andere Meinung als die Vielen zu vertreten - eine Erfahrung, die nur von relativ ichstarken und autonomen Individuen einigermaßen unbeschadet überstanden werden kann. Nyström-Hamilton bemerkt dazu:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Scharfe Angriffe wurden in der Presse gegen Ellen Key gemacht, und sie verlor nun einen Teil der Popularität, der sie sich bisher erfreute. Mancher, der ihr früher zur Seite stand, wandte sich von ihr ab. Nun erst machte man die Bekanntschaft ihrer starken Persönlichkeit, ihrer &#8222;Gerechtigkeitspassion&#8220;, die von Kindheit an in ihr den unbezwinglichen Mut erweckt hatte, zu verteidigen... Ihr mutiges Auftreten für die Sache der Gerechtigkeit verschaffte ihr einen hervorragenden Platz unter den Gesinnungsgenossen, die zwar ihre Meinungen teilten, nicht aber ihren Mut, vielleicht auch nicht ihre Kenntnisse und ihr Talent besaßen.<footnote start="46">
								<p>Nyström-Hamilton, L.: Ellen Key. Ein Lebensbild, a.a.O., S. 62</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<pagenumber id="N10689" label="50" numbering="arabic" start="50"/>
					<br/>Im Sommer 1890 unternahm Ellen Key eine neuerliche Europareise, die sie nach Frankreich (Paris und Rouen) sowie nach Oberbayern führte. Insbesondere die bayerischen Alpen scheinen die Pädagogin sehr beeindruckt zu haben; jedenfalls sind die Schilderungen, die Ellen Key über ihre bayerischen Impressionen in einer Zeitschrift abdrucken ließ, in einem sehr begeisterten und begeisternden Stil verfasst. So verwundert es nicht, dass Ellen Key vier Jahre später wiederum eine Reise nach Bayern unternahm, wobei sie auf der Rückfahrt neben Dresden auch in Weimar Station machte, um Goethes ehemaligen Lebensmittelpunkt kennen zu lernen. Ihre diesbezüglichen Erinnerungen und Überlegungen hat sie in einem Essay mit dem Titel <em>Aus Goethes Welt</em> niedergelegt. </p>
				<p>Gemeinsam mit der Schriftstellerin Amalia Fahlstedt veranstaltete Ellen Key ab etwa 1892 Gesellschaftsabende in Stockholm, an denen junge Arbeiterinnen zu Damen der höheren Gesellschaft eingeladen wurden, um mit ihnen über Gott und die Welt zu debattieren. Diese Einladungen wurden im Rahmen der Tolfterna-Gesellschaften durchgeführt. Der Name Tolfterna leitet sich ab von der Zahl zwölf; jeweils zwölf Damen der Gesellschaft bildeten eine Gruppe, welche die Arbeiterinnen bewirtete. Diese Gruppierung soll sich vor allem durch ihren unprätentiösen Ton ausgezeichnet haben, der zwischen den so genannt höheren Kreisen und den einfachen Arbeiterinnen herrschte.</p>
				<p>Für alle diese Aktivitäten war es notwendig, dass Ellen Key ihr Sundsholmer Elternhaus mehr oder minder hinter sich ließ - ein Verzicht, der ihr sichtlich Mühe machte: &#8222;Sundsholms Natur, meine Bücher, mein kleines Zimmer, meine Gedanken und Träume wollte ich niemals aufgeben.&#8220;<footnote start="47">
						<p>Key, E. in: Nyström-Hamilton, L.: Ellen Key. Ein Lebensbild, a.a.O., S.38</p>
					</footnote> In gewisser Weise blieb Ellen Key auch während der kommenden Jahre emotional stark mit ihrer Sundsholmer Heimat verbunden, auch wenn sie sich zunehmend als Frau von Welt oder zumindest als Europäerin erweisen sollte.</p>
			</section>
			<section id="N106A1" label="4.3.">
				<head>Schriftstellerei und beginnender Ruhm</head>
				<p>
					<br/>In den folgenden Jahren bemühte sich Ellen Key verstärkt, diverse Aufsätze, Artikel und Essays zu sammeln und als Buchpublikationen zu veröffentlichen. In deutscher Sprache erschien erstmals 1898 ein Buch von ihr, <pagenumber id="N106AA" label="51" numbering="arabic" start="51"/>das den Titel <em>Mißbrauchte Frauenkraft. Ein Essay </em>trug. Bereits ein Jahr später folgte ein weiterer Band <em>Essays, </em>in dem sich Key mit Themen der Weiblichkeit, der Individualität und Persönlichkeit sowie der Entwicklungsfähigkeit des Menschen auseinander setzte; außerdem bearbeitete die Autorin darin die Biographien etwa des französischen Moralisten Vauvenargues sowie von Maeterlinck. </p>
				<p>Das Buch <em>Die Wenigen und die Vielen,</em> das 1901 in deutscher Sprache vorlag, stellt ebenfalls eine Essaysammlung Keys dar, in der sie Fragen der weiblichen Emanzipation, der Persönlichkeitsbildung sowie der Ethik und Ästhetik abhandelte. Des weiteren beschäftigte sich die Autorin darin mit dem norwegischen Dichter Henrik Ibsen und dessen Idee des Individualismus.</p>
				<p>Um die Jahrhundertwende widmete sich Ellen Key in zwei Essays den Biographien und Charakteren von zwei Frauen, die im 18. respektive 19. Jahrhundert als Inbegriff der Modernität, Emanzipation und Expansion galten: Madame de Staël und Malwida von Meysenbug. Die Abhandlung über die Erstere - betitelt mit <em>Madame de Staël</em>
					<em>und Napoleon I.</em>
					<footnote start="48">
						<p>Key, E.: Madame de Staël und Napoleon I., in: Die Wage, Wiener Wochenschrift, Wien 1900, Nr. 29, S. 40-42, Nr. 30, S. 57-60</p>
					</footnote> - konzentriert sich auf die Auseinandersetzungen dieser französischen Intellektuellen mit dem Kaiser Napoleon, den sie heftig attackierte und bekämpfte. Madame de Staël (1766-1817) galt als eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts (z.B. <em>Über Deutschland,</em> 1810 sowie <em>Corinna oder Italien, </em>1807/1808), als eine ungemein emanzipierte und selbstbestimmte Frau sowie als ungewöhnliches Beispiel eines weiblichen und gleichzeitig politisch wachen Lebens. Insbesondere der letztere Aspekt wurde von Key in ihrem Essay besonders hervorgehoben. </p>
				<p>Ebenfalls als Modell für die gelungene Entwicklung von Weiblichkeit wurde von Ellen Key Malwida von Meysenbug (1816-1903) angesehen. Diese Schriftstellerin, die besonders mit ihren autobiographischen Lebenserinnerungen europaweit bekannt wurde, unterhielt in den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts in Rom und Florenz eine Art Salon, in dem sich unter anderen Friedrich Nietzsche, Rainer Maria Rilke, Romain Rolland, Henrik Ibsen und einige weitere Schriftsteller und Intellektuelle der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihr Stelldichein gaben. Malwida von Meysenbug galt als eine Frau, die Personen mit sehr unterschiedli<pagenumber id="N106D3" label="52" numbering="arabic" start="52"/>chen Weltanschauungen und künstlerisch-literarischen Leistungen zusammen zu bringen vermochte, ohne dabei ihre eigene pazifistisch-sozialistische und freiheitlich-aufgeklärte Weltanschauung zu verraten. </p>
				<p>Diesbezüglich stellte diese alte Dame aus Rom ein Modell für Ellen Key dar, das sie in gewisser Weise im Norden Europas zu kopieren unternahm, wobei die schwedische Autorin zwar vielfältige Beziehungen zu Künstlern und Intellektuellen aus Europa knüpfen konnte, es ihr jedoch nicht gelang, einen ähnlich hoch frequentierten Treffpunkt, wie Malwida von Meysenbug ihn in Italien etabliert hatte, in Schweden aufzubauen. Insbesondere diese Aspekte werden in dem Zeitungsartikel <em>Malwida von Meysenbug</em>
					<footnote start="49">
						<p>Key, E.: Malwida von Meysenbug, in: Die Zeit, Wien 1902, Nr. 388, S. 151-153</p>
					</footnote>
					<em/>deutlich, den Key 1902 in der Wiener Zeitschrift <em>Die Zeit </em>publiziert hat.</p>
				<p>Weit über die Grenzen Schwedens hinaus bekannt wurde Ellen Key allerdings erst mit einem Buch, das 1900 in schwedischer und 1902 in deutscher Sprache erschienen ist und das seither als ihre gewichtigste und folgenreichste Schrift gilt: <em>Das Jahrhundert des Kindes. </em>Spätestens mit dieser Veröffentlichung hatte die Autorin Anschluss an die pädagogisch-psychologische wie auch kulturkritische Debatte in Europa gefunden und begonnen, dieselbe maßgeblich zu beeinflussen.</p>
				<p>Das Echo auf diese Publikation war außerordentlich vielfältig und reichte von begeisterter Zustimmung bis hin zu polemischer Ablehnung. Friedrich Paulsen (1846-1908) etwa, ein um die Jahrhundertwende überaus renommierter Professor für Philosophie und Pädagogik an der Berliner Universität, urteilte in seinem damals viel gelesenen Buch <em>Väter und Söhne </em>(1907) über Ellen Keys Bestseller:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Wer liest das Buch vom <em>Jahrhundert des Kindes, </em>das in ein paar Jahren in 22.000 Exemplaren ... in der deutschen Ausgabe verkauft worden ist? Ich weiß es nicht; daß Männer es lesen, glaube ich nicht; bleiben die höheren Töchter. In der Tat, ich denke mir, daß es so ziemlich durch die Hände aller Backfische Berlins gegangen sein wird. Wer sollte auch sonst imstande sein, dieses Gemisch von wohlmeinender Trivialität, schwungvoller Beredsamkeit, maßlosen Anklagen, kritikloser Kritik, unverdauten Lesefrüchten aus allen Modernen, dissoluter Dünke<pagenumber id="N106FF" label="53" numbering="arabic" start="53"/>lei und Meinerei, mit Zwischenreden des gesunden Menschenverstandes zu lesen, in dem jeder Satz wider den anderen ist, die Forderungen des extremsten Individualismus friedlich neben sozialistischen Ideen stehen; denn Nietzsche ist modern, August Bebel ist aber auch modern: Die Schulen und Kindergärten sind der Fluch der Menschheit, denn sie vernichten die individuelle Erziehung durch die Mutter; aber die jungen Mädchen müssen alle eine von der Gesellschaft organisierte Dienstzeit der Kinderpflege und &#8211;erziehung durchmachen, um mit pädagogischer Normalweisheit getränkt zu werden. Wer in der Welt, frage ich, sollte ein solches Buch zu lesen aushalten, ausgenommen die vereinigten Backfische von Berlin?<footnote start="50">
								<p>Paulsen, F.: Väter und Söhne (1907), zit. n.: Herrmann, U.: Die &#8222;Majestät des Kindes&#8220; &#8211; Ellen Keys polemische Provokationen, Nachwort in: Ellen Key: Das Jahrhundert des Kindes, Weinheim und Basel 2000, S. 255</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Diese rhetorisch gemeinte Frage des wackeren Pädagogen Paulsen kann mit einem recht prominenten Namen beantwortet werden, der durchaus nicht zum illustren Kreis der vereinigten Backfische von Berlin gehörte: Rainer Maria Rilke. Schon 1902, also gleich nach dem Erscheinen der deutschsprachigen Ausgabe von <em>Das Jahrhundert des Kindes, </em>rezensierte der damals beginnend berühmt werdende Lyriker das pädagogische Hauptwerk Ellen Keys, wobei das Urteil Rilkes sich merklich von demjenigen Paulsens unterschied:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Ellen Key hat mit bewunderungswürdiger Ruhe, zornlos und sachlich, gezeigt, wie unrecht die Schule hat, welche die Entwicklung der jungen Menschen stört, ihre Wege verwirrt, ihren zuerst so persönlichen Willen abstumpft und es zustande bringt, aus hundert verschiedenen ungeduldigen Kräften eine einzige gleichgültige Trägheit zu machen, von der nichts Neues zu erwarten ist... In der Tat: Dieses Jahrhundert wird zu den größten gehören, wenn der Traum, den diese seltsam reife und gerechte Frau in seinen ersten Tagen geträumt hat, in seinen letzten einmal in Erfüllung geht. Vielleicht wird man einmal die Menschen dieses Jahrhunderts danach abschätzen, wie sehr sie an der Verwirklichung dieses Traumes gearbeitet haben. Das Buch Ellen Keys ist die erste Station auf dem neuen Wege. Es wird <pagenumber id="N1071B" label="54" numbering="arabic" start="54"/>den Kindern noch nicht helfen können; aber es wird dazu beitragen, unter denen, die jetzt heranwachsen, neue Erzieher und neue Eltern zu bilden. Und das tut vor allem not.<footnote start="51">
								<p>Rilke, R.M.: Rezension von <em>Das Jahrhundert des Kindes</em> (1902), in: Rainer Maria Rilke - Briefwechsel mit Ellen Key, Frankfurt am Main 1993, S. 253ff.</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Diese beiden Urteile sollen exemplarisch für die zum Teil äußerst divergierenden Reaktionen europäischer Pädagogen, Intellektueller oder auch interessierter Laien auf <em>Das Jahrhundert des Kindes</em> stehen. So oder so waren die Reaktionen auf Ellen Keys <em>Jahrhundert des Kindes </em>enorm, und man war sich bereits in den ersten Jahren nach dem Erscheinen dieses Buches einig, dass mit dem Titel und dem reformpädagogischen Inhalt dieser Schrift ein ganz zentrales Motto und Motiv des 20. Jahrhunderts angeschlagen worden war. </p>
				<p>So schreibt etwa Lloyd de Mause in seinem Klassiker zur Geschichte der Kindheit <em>Hört ihr die Kinder weinen </em>(1974), dass sich Ellen Keys Hoffnung und Prophezeiung, das 20. Jahrhundert werde <em>Das Jahrhundert des Kindes</em> sein, bereits wenige Jahre nach der Veröffentlichung des Buches in konkrete und vielfältige reformpädagogische Bemühungen umgesetzt habe.<footnote start="52">
						<p>de Mause, L.: Hört ihr die Kinder weinen &#8211; Eine psychogenetische Geschichte der Kindheit (1974), Frankfurt am Main 1977, S. 587 </p>
					</footnote>
				</p>
				<p>Dass Ellen Key mit ihrem <em>Jahrhundert des Kindes </em>tatsächlich europaweit für Furore sorgte und von vielen Intellektuellen, Schriftstellern und Pädagogen Anerkennung oder zumindest Echo erhielt, wird auch an den Reaktionen deutlich, die z.B. Stefan Zweig (1881-1942) auf die Publikationen der schwedischen Reformpädagogin hin an den Tag legte. </p>
				<p>Von Rainer Maria Rilke ist bekannt, dass er <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>als ein für sich und seine junge Familie ausnehmend wichtiges Buch erlebte und daraufhin mit Ellen Key in eine intensive Korrespondenz eingetreten war, die zeitweise in eine enge Freundschaft einmündete. Von Stefan Zweig kann Ähnliches berichtet werden, der ebenfalls über <em>Das Jahrhundert des Kindes</em> auf Key aufmerksam geworden war und daraufhin den Kontakt zu ihr brieflich und schließlich auch persönlich suchte und fand. In seinem Erinnerungsbuch <em>Die Welt von gestern - Erinnerungen eines Europäers </em>(1942) schrieb Zweig über die schwedische Pädagogin:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>
							<pagenumber id="N1075F" label="55" numbering="arabic" start="55"/>So kam eines Tages Ellen Key zu mir, diese wundervolle schwedische Frau, die mit einer Kühnheit ohnegleichen in jenen noch borniert widerstrebenden Zeiten für die Emanzipation der Frauen gekämpft und in ihrem Buch &#8222;Das Jahrhundert des Kindes&#8220; lange vor Freud die seelische Verwundbarkeit der Jugend warnend gezeigt...<footnote start="53">
								<p>Zweig, St.: Die Welt von gestern - Erinnerungen eines Europäers (1942), Frankfurt am Main o.J., S. 153</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Wie sehr der österreichische Dichter von der schwedischen Schriftstellerin und Pädagogin beeindruckt war und ihr Urteil als überaus relevant für den eigenen künstlerischen Prozess erlebte, wird auch daran ersichtlich, dass Zweig ein Exemplar seines 1904 publizierten Novellenbandes <em>Die Liebe der Erika Ewald </em>an Key sandte und folgende Widmung anbei legte:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Als bescheidene Nachricht von der großen Verehrung, die stumm in mir die Gelegenheit erwartete, zu Ihnen zu gelangen. Sie machen mich stolz, wenn Sie es lesen; und Sie beglücken mich, wenn Sie diese Stunde dann nicht zu den verlorenen zählen.<footnote start="54">
								<p>Zweig, St.: Widmung an Ellen Key (1904), zit. n.: Prater, D.A.: Stefan Zweig - eine Biographie (1972), Reinbek bei Hamburg 1991, S. 39</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Donald Prater hat in seiner Biographie über Stefan Zweig mehrfach darauf hingewiesen, dass dieser mit Ellen Key in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts in einem sehr intensiven und fruchtbaren brieflichen Gedankenaustausch stand. Viele seiner Projekte stellte der Dichter während ihrer Entstehung seiner schwedischen Briefpartnerin vor, wobei er - ganz ähnlich wie Rilke - auf kritische Urteile Keys großen Wert legte. Zweig und Key sollen sich übrigens erst 1907 in Bagni di Lucca persönlich kennen gelernt haben; Zweig widmete daraufhin zum &#8222;Gedenken der hellen Herbsttage von Bagni di Lucca&#8220; seinen zweiten Novellenband <em>Erstes Erlebnis </em>(1907) Ellen Key.</p>
				<p>Ellen Key taucht auch in den Tagebüchern Stefan Zweigs an einigen Stellen auf, wobei Zweig sie dabei als Pazifistin und engagierte Schriftstellerin gegen den Krieg wertschätzt. So heißt es etwa in einem Tagebucheintrag vom 7. Februar 1915 (also während der ersten Monate des Ersten Weltkrieges):</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>
							<pagenumber id="N10796" label="56" numbering="arabic" start="56"/>Ein schöner Essay Ellen Keys für den Frieden. Aber noch zu leise, zu zögernd. Wie könnten diese Menschen sprechen! Wahrhaftig, man sehnt sich Tolstoi herbei!<footnote start="55">
								<p>Zweig, St.: Tagebuchnotiz vom 7. Februar 1915, in: Tagebücher, Frankfurt am Main 1984, S. 138</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Ebenfalls die hohe Wertschätzung Ellen Keys als Pazifistin bringt eine Briefstelle zum Ausdruck, die sich in einer Epistel Stefan Zweigs an Romain Rolland findet. In diesem Brief, datiert auf den 19. Oktober 1914, unterbreitet Zweig seinem französischen Freund den Vorschlag, die besten oder edelsten Individuen der Nationen zu einer Art moralischem Parlament zu versammeln, um effiziente Maßnahmen gegen den Ersten Weltkrieg zu ergreifen:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Gerhart Hauptmann für Deutschland, Bahr für uns, Eeden für Holland, Ellen Key für Schweden, Gorki für Rußland, Benedetto Croce für Italien, Verhaeren für Belgien, Carl Spitteler für die Schweiz, Sienkiewicz für Polen, Shaw oder Wells für England - es sind dies ja nur Vorschläge, aber ich glaube, es wäre zu erreichen.<footnote start="56">
								<p>Zweig, St.: Brief an Romain Rolland vom 19. Oktober 1914, in: Briefe an Freunde, hrsg. von Richard Friedenthal, Frankfurt am Main 1978, S. 31f.</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>Zur selben Zeit, als Zweig diesen Brief an Romain Rolland schrieb, publizierte Ellen Key einen Zeitungsartikel<footnote start="57">
						<p>Key, E.: Romain Rolland, in: Die Tat, Sozial-religiöse Monatsschrift für deutsche Kultur, 5. Jahrgang 1913/14, Heft 7, S. 697-719</p>
					</footnote> über jenen bedeutenden französischen Schriftsteller und Pazifisten. Rolland (1866-1944) hatte sich um 1890 eine Weile in Rom aufgehalten und dort Malwida von Meysenbug kennen gelernt, die eine große Wirkung auf ihn ausübte und den damals 23jährigen jungen Mann enorm förderte. </p>
				<p>In ihrem Essay berichtet Ellen Key, dass sie auf den französischen Schriftsteller seit 1909 aufmerksam geworden war; damals habe sie ihn in der Schweiz gelesen, wobei sie betont, dass Rolland zu jener Zeit sowohl in Deutschland als auch in Schweden beinahe unbekannt war. In den Jahren bis zur Publikation des Essays über <em>Romain Rolland </em>habe sich der Bekanntheitsgrad des Franzosen allerdings enorm gesteigert, so dass in den Jahren 1913/14 sein Name neben dem von Verlaine und Verhaeren mit hoher Anerkennung genannt wurde.</p>
				<p>
					<pagenumber id="N107CB" label="57" numbering="arabic" start="57"/>Key, die Rolland nur durch Briefe und nicht persönlich kennen lernte, hat in ihrer Abhandlung über den französischen Dichter vorrangig dessen biographische Daten sowie seine künstlerischen Leistungen gewürdigt. Unter den letzteren erwähnte sie die drei großen Biographien Rollands über <em>Das Leben Beethovens, Das Leben Michelangelos</em> und <em>Das Leben Tolstois</em>:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Die drei Biographien, die Rolland bisher herausgegeben hat, sind &#8222;Beethoven&#8220;, &#8222;Michelangelo&#8220; und &#8222;Tolstoi&#8220;. Bei dem ersteren betont Rolland die Lebensliebe und den Lebensmut, bei dem zweiten die Schaffenskraft und den Glaubenswillen, bei dem dritten die Lebensberauschung und die Menschenliebe. Solche Geister, sagt er, geben uns den Glauben an das Leben und den Menschen wieder, denn von ihnen &#8222;emaniert ein Strom sozialer Kraft und mächtiger Güte&#8220;.<footnote start="58">
								<p>Key, E.: Romain Rolland, in: Die Tat, a.a.O., S. 703</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>In den Mittelpunkt ihrer Untersuchungen rückte Key allerdings den <em>Johann Christof, </em>einen zehnbändigen Roman über einen genialen Musiker, den Romain Rolland zwischen 1904 und 1912 angefertigt hatte. Über dieses epische Werk äußerte sich Key enthusiastisch:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>In diesem Buch hat Rolland seine tiefe Intuition vom innersten Wesen des musikalischen Genies niedergelegt, und zwar so, daß man felsenfest von der Wirklichkeit der Offenbarungen überzeugt ist ... In anderen Romanen über Genies beteuern die Verfasser unablässig, daß es Genies sind, hier überzeugt das Genie selbst durch sein Wesen. Man liest nicht ein Buch, man erlebt ein Leben. Und ein Leben von dem höchsten Wert, den das Dasein überhaupt hervorbringt: das Leben des Genies, das aus dem flammenden Chaos seiner Natur einen Kosmos schafft.<footnote start="59">
								<p>Key, E.: Romain Rolland, in: Die Tat, a.a.O., S. 704</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Im Essay Ellen Keys fehlen die pazifistischen Aktivitäten Rollands, welche der französische Schriftsteller und Intellektuelle allerdings erst kurz vor dem und verstärkt während des Ersten Weltkrieges an den Tag gelegt hat. <pagenumber id="N10802" label="58" numbering="arabic" start="58"/>Rolland erhielt 1915 den Nobelpreis für Literatur und stellte die Preissumme dem Roten Kreuz zur Verfügung. Als entschiedener Pazifist und Wortführer der Sache des Friedens vertrat Romain Rolland eine weltanschauliche Position, die Ellen Key teilte und zu der sie sich in den nachfolgenden Jahren in diversen Zeitungsartikeln zustimmend äußerte. </p>
				<p>Neben Stefan Zweig erkannte noch ein weiterer österreichischer Dichter von Rang bereits Anfang des 19. Jahrhunderts die Bedeutung von Ellen Key und hat dies in seinen Tagebüchern zum Ausdruck gebracht: Es war dies Robert Musil (1880-1942). Der Autor von <em>Die Verwirrungen des Zöglings Törleß </em>(1906) und <em>Der Mann ohne Eigenschaften </em>(1933ff.) hat umfangreiche Tagebücher hinterlassen, die zusammen mit seinem Nachlass herausgegeben wurden und die ein imposantes Zeugnis der geistigen Interessen von Robert Musil darstellen.</p>
				<p>Musil, der ursprünglich Physik studierte und sich später in Psychologie beinahe habilitiert hätte, war ein sogenannter <em>Poeta doctus, </em>also ein gelehrter Dichter, der sich weit über die künstlerischen Bereiche hinaus für Fragen der Philosophie, Pädagogik, Psychologie, Soziologie, Politik und Geschichte sowie Anthropologie lebhaft interessierte. In diesem Rahmen stieß Robert Musil auf die Schriften Ellen Keys, von denen er in seinen Tagebüchern mehrmals Bericht erstattet. So lesen wir etwa im Heft 11 der Tagebücher, welches den Zeitraum von April 1905 bis zum Jahr 1908 umfasst: </p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Ich las in der Nacht im Kaffeehaus einen Essay von E. Key, der mich mächtig ergriff - mit der Stimme meiner eigenen Vergangenheit. Hier findet sich die Art, wie ich einst dachte, die Valéry-Tradition! Ich habe mir das Heft gekauft; es liegt nun schon so lange auf meinem Tische, ohne daß ich Kraft habe, darin wieder zu lesen.<footnote start="60">
								<p>Musil, R.: Tagebücher Heft 11 (1905-1908), hrsg. von Adolf Frisé, Reinbek bei Hamburg 1976, S. 151</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Aus dem Zusammenhang der Tagebucheintragung wird ersichtlich, dass es sich bei diesem Essay um <em>Die Evolution der Seele durch Lebenskunst </em>gehandelt haben muss, den Ellen Key in ihrem Essayband <em>Der Lebensglaube - Betrachtungen über Gott, Welt und Seele </em>(1906) publiziert hat. Mit großer Zustimmung notierte Musil in seinem Diarium einige inhaltliche <pagenumber id="N10830" label="59" numbering="arabic" start="59"/>Aspekte dieses Essays, wobei ihm vor allem der Begriff der Lebenskunst als zentraler Terminus wichtig und bedenkenswert war. In Fortführung und Ergänzung der Gedanken Ellen Keys zum Begriff der Lebenskunst schrieb Musil: </p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Lebenskunst ist, die Feuer, die der Mensch auf ... verschiedenen Seiten unterhält, zu einem einzigen zu vereinen. Diese Kraftsammlung war der große Gedanke der Romantik. Einheit zwischen Gott und Natur, zwischen Leben und Kunst, endlich Einheit der Seelen.<footnote start="61">
								<p>Musil, R.: Tagebücher Heft 11, a.a.O., S. 153</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Im weiteren Verlauf der Tagebucheintragungen merkt man, wie sehr sich Musil inhaltlich mit den Überlegungen Ellen Keys zur Lebenskunst sowie zu der durch sie provozierten Entwicklung seelischer Qualitäten auseinandergesetzt hat. Musil, der zum Zeitpunkt seiner Reflexionen über den erwähnten Essay Ellen Keys etwa 26 Jahre alt war, kämpfte bei sich selbst um eine Form des Daseins, die zu einer Verfeinerung und Höherentwicklung seiner psychischen und geistigen Fähigkeiten beitragen sollte. Damals beschäftigte er sich auch mit dem Problem einer Art psychosomatischer Gesundheitslehre, zu deren Ausgestaltung er sich Anregungen und Hinweise von Seiten Ellen Keys respektive ihrer Schriften erhoffte. So zitiert er einmal wörtlich einen Passus aus dem erwähnten Essay, in dem es um die Beeinflussung der somatischen Schicht durch die Seele und den Geist geht:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Die Vernunft hat keine unmittelbare ... Wirkung auf den Lebensverlauf des Körpers. Sie kann nur dahin wirken, Hindernisse der Bewegung zu beheben und Nahrung zuzuführen. Ebenso hat sie auch im Leben der Seele nur eine ordnende Aufgabe, während dieses Leben selbst in und mit der ursprünglichen, instinktiven, vegetativen Seelenarbeit vor sich geht. (Doch schon im folgenden Satz widerspricht sich Ellen Key): Die Seele lebt und wächst nur dann, wenn sie die Energie, die sie hervorbringt, in klare Gedanken und volle Gefühle umsetzt. Also nicht bloß vegetativ, sondern vernünftig.<footnote start="62">
								<p>Musil, R.: Tagebücher Heft 11, a.a.O., S. 157</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<pagenumber id="N1085C" label="60" numbering="arabic" start="60"/>
					<br/>An dieser und etlichen weiteren Stellen seiner Tagebuchaufzeichnungen erkennt man die fruchtbare Auseinandersetzung, die Musil mit dem Essay Keys zu initiieren imstande war. Insbesondere Keys energisches Plädoyer für Lebensfülle, Lebensandacht und Lebensglaube, welches in der erwähnten Schrift zum Ausdruck kommt, bot dem österreichischen Dichter die Möglichkeit, seinen eigenen, von kühler Emotionalität und Sachlichkeit geprägten Vernunftbegriff dagegen auszuspielen und in diesem Zusammenhang Key nachzuweisen, dass sie und inwiefern sie mit ihrem Plädoyer einen romantisierenden Mythos von einer nur halb bewussten und beinahe vernunftlosen menschlichen Seele in die Welt gesetzt bzw. perpetuiert hat. Abschließend urteilt Musil über die Schwedin:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Trotzdem ihr Aufsatz mich auf das Tiefste beeinflußte, kommt jetzt eine gewisse Ernüchterung. Ihre Grundidee - mehr Seele oder überhaupt Seele - ist ausgezeichnet. Ihre Idee, die Seele zum Gegenstand des Studiums zu machen, war für mich erlösend. Was sie über Schule und schädliche Art zu leben sagt, ist durchaus richtig. Darüber hinaus versagt sie jedoch. Was Seele ist, und wie Seele zu pflegen ist, steckt voller Widersprüche ... Bedenklicher wird sie aber da, wo sie versucht, die Vorzüge des Kindes auf den Erwachsenen zu übertragen. Da ist nicht mehr von Lebensandacht im Sinne eines Goethe die Rede, sondern von dem Pantheismus jener einfachen Menschen, denen das Herz schwerer ist als der Kopf. Key polemisiert gegen die Vernunft.<footnote start="63">
								<p>Musil, R.: Tagebücher Heft 11, a.a.O., S. 168f.</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Anders als für Rainer Maria Rilke oder auch Stefan Zweig bedeutete Ellen Key für Robert Musil aufgrund ihrer Schriften jedenfalls keine Möglichkeit der jahrelangen identifikatorischen Zusammenarbeit und Auseinandersetzung; vielmehr kam der österreichische Dichter in seinen späteren Ausführungen und Dichtungen auf sie und ihre Gedankenwelt nicht mehr explizit zu sprechen.</p>
				<p>Mit ihrem <em>Jahrhundert des Kindes </em>war Ellen Key zu einer kulturellen Größe geworden, die weit über Schweden hinaus Anerkennung oder zumindest Echo provozierte. Ihr Name wurde von da an mit dem Begriff der <pagenumber id="N1087D" label="61" numbering="arabic" start="61"/>Reformpädagogik gleichgesetzt, obschon sie in den kommenden Jahren noch ganz andere Publikationen zu Themen der Frauenfrage, der Literaturwissenschaften oder auch des Pazifismus anfertigen und veröffentlichen sollte. Aufgrund dieser internationalen Bekanntheit und <em>Publicity</em> wurde Ellen Key von manchen despektierlich als Großtante Europas tituliert, als eine ältere Dame, welcher junge Künstler (wie etwa Rilke oder Zweig) ebenso wie Hilfe suchende Pädagogen und Eltern ihr Herz ausschütten und von ihr Rat und Unterstützung erbitten konnten.</p>
				<p>Ebenfalls nach der Publikation von <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>konnte man beobachten, dass Ellen Key europaweit zu Vorträgen und Lesungen eingeladen wurde; größtenteils nahm die Schwedin diese Einladungen an und reiste in den folgenden Jahren häufig nach Deutschland, aber auch nach Frankreich und Italien, wo sie auf Gleichgesinnte, Pädagogen, Briefpartner, Verleger und Freunde traf, um sich mit ihnen auszutauschen.</p>
				<p>Nach ihrem Welterfolg von <em>Das Jahrhundert des Kindes</em> - in den wenigen Jahren nach dem Erscheinen mussten über zwanzig Auflagen neu nachgedruckt werden - blieb Key schriftstellerisch außerordentlich aktiv; dabei bearbeitete sie in den folgenden Jahren vorrangig Themen der Frauenfrage und der Frauenemanzipation, der weiblichen Identität, der Beziehungsgestaltung innerhalb der Ehe sowie - als Möglichkeit der Selbstvergewisserung und Selbsterkenntnis - Abhandlungen über bedeutende Künstler, Wissenschaftler und Philosophen der Neuzeit.</p>
				<p>In dieser Absicht verfasste Ellen Key auch ein Buch mit dem Titel <em>Menschen. Zwei Charakterstudien, </em>das Arbeiten über den schwedischen Schriftsteller Carl Jonas Love Almqvist und Elisabeth Barrett-Browning enthält und 1903 publiziert wurde. Almqvist (1793-1866), der 1829 in Stockholm Schuldirektor geworden war und ab 1846 Redakteur des liberalen <em>Aftonbladet </em>war, hatte zwischen 1832 und 1851 sein Hauptwerk <em>Buch der Heckenrose </em>verfasst und publiziert. Die darin enthaltenen über einhundert verschiedenen Novellen, Dramen, Romane und Gedichte werden durch eine Rahmenerzählung zusammengehalten. Einer dieser Romane mit dem Titel <em>Es geht an </em>(1838) sorgte für Aufsehen, weil darin gegen die Institution der Ehe und für die freie Liebe Partei ergriffen wird.</p>
				<p>Außerhalb Schwedens gelangte Almqvist kaum zu größerer Bekanntheit; in seiner Heimat jedoch galt er im 19. und auch noch im 20. Jahrhundert als einer der bedeutendsten Autoren der Moderne, und als <pagenumber id="N108A2" label="62" numbering="arabic" start="62"/>solchen hat ihn Ellen Key bewundert und in ihrem Buch <em>Menschen. Zwei Charakterstudien </em>auch dem deutschsprachigen Publikum vorgestellt:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Wenn ein Fremder wissen will, ... ob Schweden keinen Dichter besessen hat, der mit beflügelten Schritten seiner Zeit voraus eilte, der sie mit tiefen Fragen aufwühlte, der mit grenzenloser Hoffnung die Zukunft prophezeite - da stünden wir stumm da, könnten wir nicht antworten: Almqvist... Eine solche Behauptung fordert Beweise, und diese möchte ich hier in gewissem Umfange liefern.<footnote start="64">
								<p>Key, E.: Carl Jonas Ludwig Almqvist - Schwedens modernster Dichter, in: Menschen. Zwei Charakterstudien (1903), Berlin 1905, S. 3f.</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Key bewundert an Almqvist vor allem seine psychologische Tiefe, seinen prononcierten Individualismus sowie seine pantheistische Weltanschauung, die eine Fortsetzung der spinozistischen Philosophie in die Literatur der Romantik bedeutete. In ihrem Essay über diesen schwedischen Literaten vergleicht sie ihn mit den tragischen Figuren der europäischen Kulturgeschichte wie etwa Tolstoi und meint, dass Almqvist aus einer ähnlichen inneren Zerrissenheit wie der große russische Schriftsteller sein dichterisches Werk geschaffen hat. Des weiteren sieht Key Parallelen zwischen Nietzsche und Almqvist, insbesondere bezüglich der Aufforderung, das eigene, meist nur diffus empfundene Wesen und den inneren Personkern zur Entfaltung und zum Austrag zu bringen.</p>
				<p>Noch bedeutend größere Anerkennung und Bewunderung als Almqvist erfährt in dem Buch <em>Menschen. Zwei Charakterstudien </em>die englische Dichterin Elisabeth Barrett-Browning (1806-1861). Elisabeth Barrett (so der Mädchenname) war aufgrund einer chronischen Erkrankung (Tuberkulose) schon als junge Frau bettlägerig geworden und wurde von ihrer Familie beinahe völlig von jeglichen Kontakten zur Außenwelt ferngehalten. Der gesundheitliche Zustand der jungen Frau verschlechterte sich so sehr, dass sie nach einigen Jahren als Todgeweihte galt. Trotz dieser tristen Lebensumstände verfasste und publizierte Elisabeth Barrett Gedichte, die in englischen Zeitungen veröffentlicht wurden.</p>
				<p>Auf eines dieser Poeme reagierte Robert Browning (1812-1889), der ebenfalls als Dichter erste Versuche unternommen und den die Lyrik Elisabeth Barretts angerührt hatte. Er besuchte die Todkranke und verlieb<pagenumber id="N108C7" label="63" numbering="arabic" start="63"/>te sich in sie, obgleich sie ihm immer wieder versicherte, dass sie dem Tode näher als dem Leben sei. In einem ihrer Sonette, die übrigens Rainer Maria Rilke kongenial ins Deutsche übersetzt hat, heißt es dazu:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Ach, ich bin schwer zu lieben: denn ich litt.<br/>Willst du es trotzdem? So tu auf und leid es,<br/>daß deine Taube flüchtet in dein Herz.<footnote start="65">
								<p>Barrett-Browning, E.: Sonette aus dem Portugiesischen (1847), übertragen von R.M. Rilke, in: Rainer Maria Rilke Werke in drei Bänden, Frankfurt am Main 1991, Bd. 2, S. 351</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Browning ließ sich von solchen und ähnlichen Argumenten nicht anfechten und überzeugte schließlich die Kranke, ihn zu heiraten und mit ihm zu leben. Die Brownings verließen England und lebten beinahe fünfzehn Jahre lang unbeschwert und glücklich in Oberitalien, wo Elisabeth Barrett-Browning trotz ihrer Tuberkulose relative körperliche Stabilität errang, mit 43 Jahren einen Knaben gebar, außerordentlich kunstvolle Gedichte verfasste und damit alle jene Lügen strafte, die ihr den baldigen Tod prognostiziert hatten.</p>
				<p>An Elisabeth Browning und ihrem Schicksal bewunderte Ellen Key vor allem ihren und den Mut ihres Mannes, unter ungünstigsten Umständen eine Liebe zu wagen, die letztlich sowohl mit privatem Glück und relativer Gesundheit als auch einem bedeutenden künstlerischem Ertrag belohnt wurde. Die Schwedin hat in ihrem Buch die gesundheits- und kulturförderlichen Kräfte einer gelingenden Liebesbeziehung hervorgehoben. Das Schicksal dieser Dichterin kann als Beispiel für die &#8222;Heilkraft des Eros&#8220; interpretiert werden - eine Kraft, die Key in ihrem eigenen Dasein wahrscheinlich oft genug ersehnt und selten genug erlebt hat.</p>
				<p>Bereits ein Jahr später hat Ellen Key die Thematik, welche sie in ihrem Aufsatz über Elisabeth Barrett-Browning angeschnitten hat, in einem Buch mit dem Titel <em>Über Liebe und Ehe </em>(1904) breit ausgeführt. Dieses Buch erfuhr ähnlich viele Auflagen wie <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>und gilt als zweites Hauptwerk der Schwedin. Eine analoge Stoßrichtung bezüglich Thematik und Argumentation verfolgte das ein Jahr später erschienene Buch <em>Liebe und Ethik </em>(1905), in dem Ellen Key moralische und ethische Implikationen einer Liebesbeziehung aufzeigt und problematisiert. Darüber hinaus hat Key das oftmals spannungsgeladene Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft in diesem Buch näher untersucht. Die Liebe bedeutet für die Schwedin ein exquisites Anrecht des In<pagenumber id="N108F3" label="64" numbering="arabic" start="64"/>dividuums auf Selbstverwirklichung und autonome Gestaltung des eigenen Lebens wie auch der Beziehung zum Liebespartner. Gesellschaftliche oder institutionelle Vorschriften seien diesbezüglich völlig fehl am Platze. Key schwebt dabei ein liebender Mensch vor, der weder &#8222;ein Sklave der Begierde&#8220; noch &#8222;ein Sklave der Pflicht&#8220;<footnote start="66">
						<p>Key, E.: Liebe und Ethik (1905), Berlin o.J., S. 17</p>
					</footnote> ist und seinen Liebesgefühlen auf eine lyrisch anmutende Art und Weise Ausdruck verleiht. Selbst in den Passagen jedoch, in denen Key von Sexualität und Leiblichkeit spricht, bleiben ihre Ausdrucksweise wie auch die dabei geäußerten Gedanken über die &#8222;geschlechtliche Sittlichkeit&#8220; merklich ätherisch und vergeistigt.</p>
				<p>Wie außerordentlich produktiv und schriftstellerisch originell Key in den Jahren nach der Veröffentlichung von <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>gewesen war, wird auch an ihrer nächsten Publikation deutlich, die den Titel <em>Der Lebensglaube - Betrachtungen über Gott, Welt und Seele </em>trägt und die 1906 in Berlin erschienen ist. In diesem Buch widmet sich Ellen Key den Fragen der religiösen Weltanschauung und den damit verbundenen Themen des Gottesbegriffes, des Christentums, des Lebenssinns sowie der Sterblichkeit respektive der Unsterblichkeit.</p>
				<p>Wiederum ein Jahr später erschien der Band <em>Persönlichkeit und Schönheit in ihren gesellschaftlichen und geselligen Wirkungen </em>(1907), in dem sich Ellen Key den Fragen des Humanismus, des Sozialismus, des Patriotismus und ganz allgemein der Politik und Weltanschauung zuwandte.</p>
			</section>
			<section id="N1090F" label="4.4.">
				<head>Wanderjahre einer Kulturanalytikerin</head>
				<p>
					<br/>Weiter oben wurde bereits erwähnt, dass Ellen Key intensive Kontakte mit Georg Brandes und Lou Andreas-Salomé unterhielt und im Rahmen dieser Beziehungen sich ausführlich mit Friedrich Nietzsche beschäftigte. Aufgrund ihrer Beschäftigung mit dem Philosophen des <em>Willens zur Macht </em>wie auch aufgrund ihrer europaweiten Bekanntheit nach der Veröffentlichung von <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>erhielt die schwedische Autorin eine Einladung zu einem Vortrag über Nietzsche, ausgesprochen von Elisabeth Förster-Nietzsche, der Schwester des Philosophen, der Key im Jahre 1905 Folge leisten wollte.</p>
				<p>Der Vortrag sollte im Nietzsche-Archiv in Weimar stattfinden, das nach dem Tod des Philosophen (im Jahre 1900) eine Art Zentrum der <pagenumber id="N10921" label="65" numbering="arabic" start="65"/>Nietzsche-Forschung und -Verehrung geworden war. Neben Elisabeth Förster-Nietzsche, die auf recht eigenwillige und zum Teil destruktive Art Eingriffe in das Schrifttum ihres Bruders unternommen hatte, gehörten Anfang des 20. Jahrhunderts auch Harry Graf Kessler und Henry van de Velde dem Nietzsche-Archiv an.</p>
				<p>Die Einladung von Elisabeth Förster-Nietzsche an Ellen Key, datiert auf den 3. April 1905, hatte folgenden Wortlaut (der hier nur zum Teil wiedergegeben wird): </p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Zu meiner großen Freude höre ich, daß Sie nach Weimar kommen wollen, und möchte Ihnen nur heute sagen, wie außerordentlich glücklich ich sein würde, wenn ich Sie hier im Nietzsche Archiv begrüßen und feiern dürfte. Wäre es wohl möglich, daß ich Sie am Dienstag, dem 11. April nachmittags 16.30 Uhr zum Tee einladen dürfte, um Sie mit einem größeren Kreis hiesiger vortrefflicher Damen und Herren bekannt zu machen?<footnote start="67">
								<p>Förster-Nietzsche, E.: Einladung an Ellen Key vom 3. April 1905, zit. n.: Anhang 1</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Bereits einen Tag später erfolgte die dankbare Annahme der Einladung durch Key:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>...mit Freuden komme ich 11. April - und mit noch größeren und andächtigen Gefühlen werde ich etwas über Ihren Bruder sagen! Ihr dankbare Ellen Key<footnote start="68">
								<p>Key, E.: Antwortschreiben an Elisabeth Förster-Nietzsche vom 4. April 1905, zit. n.: Anhang 2</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Wiederum zwei Tage später wurden von Elisabeth Förster-Nietzsche die ersten Einladungen für den 11. April verschickt, in denen sie ankündigte, dass Ellen Key &#8222;einige Worte über Friedrich Nietzsche sprechen&#8220;<footnote start="69">
						<p>Förster-Nietzsche, E.: Einladung zum Nachmittagstee für den 11. April 1905, zit. n.: Anhang 3</p>
					</footnote> werde. Über den Vortrag Ellen Keys am Nietzsche-Archiv existiert die Mitschrift einer Zuhörerin (Elsa Krüger), welche ihre Eindrücke und die wichtigsten Aussagen Keys über Nietzsche (und Goethe) aus dem Gedächtnis niedergeschrieben und Elisabeth Förster-Nietzsche übergeben hat.<footnote start="70">
						<p>Krüger, E.: Mitschrift der Ansprache von Ellen Key im Nietzsche-Archiv Weimar vom 11. April 1905, Anhang 4</p>
					</footnote>
				</p>
				<p>In ihrer Ansprache setzte Ellen Key die Person des Philosophen in einen engen Bezug zu Goethe und dessen intellektueller und emotionaler <pagenumber id="N10963" label="66" numbering="arabic" start="66"/>Welt. In einer Passage nennt sie Nietzsche sogar den &#8222;Vollender von Goethes größten Gedanken&#8220;<footnote start="71">
						<p>Key, E.: Ansprache im Nietzsche-Archiv Weimar vom 11. April 1905, zit. n.: Anhang 4, S. 8</p>
					</footnote>. Dies versucht sie zu belegen, indem sie sowohl Goethe wie auch Nietzsche eine umfassende Lebensfrömmigkeit sowie den Wunsch nach Steigerung der eigenen Existenz - bei Nietzsche als &#8222;Übermensch&#8220; bezeichnet - attestiert:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Goethe und Nietzsche - beide waren tief religiöse, fromme Naturen ... Beide empfanden tief, daß das Leben dazu da sei, um gelebt zu werden, daß es seinen Wert in sich schließt, daß eine Bejahung des Lebens not sei.<footnote start="72">
								<p>Key, E.: Ansprache im Nietzsche-Archiv Weimar vom 11. April 1905, zit. n:. Anhang 4., S. 9</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Die Veranstaltung im Nietzsche-Archiv muss sowohl für Ellen Key wie auch für die Zuhörer zufriedenstellend verlaufen sein; jedenfalls erweckt das Dankschreiben<footnote start="73">
						<p>Key, E.: Dankschreiben an Elisabeth Förster-Nietzsche vom 14. April 1905, Anhang 5</p>
					</footnote> Ellen Keys vom 14. April 1905 an Elisabeth Förster-Nietzsche einen solchen Eindruck. Die schwedische Schriftstellerin war von Weimar und dem Nietzsche-Archiv derart beeindruckt, dass sie kurze Zeit später weiter nach Sils Maria<footnote start="74">
						<p>Siehe hierzu: Postkarten an Elisabeth Förster-Nietzsche vom 15. &amp; 23. September 1905, Anhang 6</p>
					</footnote> reiste, um den Ort genauer kennen zu lernen, an dem Friedrich Nietzsche über ein Jahrzehnt lang beinahe jeden Sommer verlebte und der für ihn zu einem Ort größter philosophischer Inspiration und Erkenntnis geworden ist.</p>
				<p>Dass Ellen Key nach der Publikation von <em>Das</em>
					<em>Jahrhundert des Kindes </em>als eine Schriftstellerin von europäischem Rang gehandelt wurde, wird auch daran ersichtlich, dass sie zu einer Autorin des S. Fischer Verlages wurde, eines Verlages, der sich damals besonders für skandinavische Literatur (Ibsen und Jacobsen), darüber hinaus jedoch für die gesamte europäische Moderne enorm einsetzte. Der Verlag war 1886 von Samuel Fischer (1859-1934) gegründet worden und betreute Anfang des 20. Jahrhunderts so prominente Schriftsteller wie etwa Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Thomas Mann oder Hermann Hesse. </p>
				<p>Im S. Fischer Verlag erschienen von Ellen Key neben <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>zum Beispiel auch die Bücher <em>Mißbrauchte Frauenkraft </em>(in der zweiten Auflage 1904), <em>Essays </em>(1899), <em>Die Wenigen und die Vielen </em>(1901), <em>Menschen. Zwei Charakterstudien </em>(1903), <em>Über Liebe und </em>
					<pagenumber id="N109AF" label="67" numbering="arabic" start="67"/>
					<em>Ehe. Essays </em>(1904), <em>Der Lebensglaube </em>(1906) sowie <em>Drei Frauenschicksale </em>(1908).</p>
				<p>Neben Samuel Fischer, dem Leiter des Fischer Verlages, unterhielt Ellen Key auch intensive und beinahe freundschaftliche Beziehungen zu Anton Kippenberg (1874-1950), der zusammen mit seiner Frau Katharina (1876-1947) von 1905 bis zu seinem Tod den Insel Verlag in Leipzig leitete. Charakteristisch für den Insel Verlag war von seinen Anfängen an die Bemühung um das schön ausgestattete, künstlerisch wertvolle Buch. Im geistigen Zentrum Kippenbergs und seines Verlages befand sich das Werk Goethes; daneben bildete aber auch Rainer Maria Rilke und seine Lyrik einen wichtigen Bestandteil der Publikationen.</p>
				<p>Im Goethe- und Schiller-Archiv Weimar befindet sich ein Teil des Briefwechsels zwischen Ellen Key und Anton Kippenberg, der von Mitte des Jahres 1904 an bis ins Jahr 1908 reicht und der ersichtlich werden lässt, wie intensiv und auch private Ereignisse und Lebensfacetten mit einbeziehend diese Korrespondenz zwischen der schwedischen Schriftstellerin und dem deutschen Verlagsleiter gewesen ist.<footnote start="75">
						<p>Siehe hierzu: Anhang 7 </p>
					</footnote>
				</p>
				<p>Aus diesen Briefen geht hervor, dass Kippenberg das Urteil Ellen Keys die skandinavische wie auch die europäische Literatur betreffend außerordentlich hoch wertete; immer wieder hat der Verlagsleiter bei ihr um eine Einschätzung von Autoren und Manuskripten nachgesucht und ihr dafür häufig Neuerscheinungen des eigenen Verlags zugesandt. </p>
				<p>Die verschiedenen Adressen, an welche die Briefe Kippenbergs an Key gesandt wurden (Amsterdam, Berlin, München, Thun in der Schweiz, Triest), verdeutlichen, dass Key in diesen Jahren quer durch Europa reiste, um ihre Ansichten zu Fragen der Erziehung, der Psychologie und der Kulturanalyse in Vorträgen und Lesungen einem breiten Publikum darzulegen. Dabei sorgte die Schwedin zum Teil für enormes öffentliches Echo, das man auch in der Presse verfolgen konnte. Im <em>Berliner Lokal-Anzeiger </em>vom 23. Februar 1905 etwa lesen wir anlässlich eines Vortrages von Ellen Key:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Die gefeierte nordische Denkerin hielt gestern ihren ersten Vortrag in Berlin... Ellen Key spricht über die Entwicklung des Seelenlebens; aber was sie sagt, geht weit über den Rahmen einer psychologischen Betrachtung hinaus, es ist Weltanschauung. <pagenumber id="N109D9" label="68" numbering="arabic" start="68"/>Für sie beruht die gesamte Entwicklung der Menschheit nur in einer Steigerung der Seelentätigkeit. Staat, Religion, Kultur, Kunst, soziales Leben - alles ist nur Unterlage und Mittel für immer intensiveres Denken und Empfinden des Menschen... Die geistvolle Skandinavierin ist sich wohl bewußt, daß sie mit dieser Anschauung in Gegensatz tritt zu der Majorität der führenden Schichten der zivilisierten Menschheit. Diese will vor allem Kulturwerte schaffen, das Kulturniveau heben. Kultur ist für sie Selbstzweck. Aber was haben wir von der Kultur - fragt Ellen Key - wenn unsere Seele dabei tot ist!?... Auch ohne diesen Schluß hätte der Vortrag der nordischen Geisteskämpferin, deren Gedankenreichtum hier kaum angedeutet werden konnte, jene Beifallsstürme erweckt, die sie immer und immer wieder auf dem Podium erscheinen ließen. Die silberhaarige Philosophin wurde fast so bejubelt wie ein Bühnenstar.<footnote start="76">
								<p>Berliner Lokalanzeiger: Ellen Key vor dem Berliner Publikum, 23. Februar 1905, Anhang 8</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Dass Ellen Key jedoch in den Jahren nach der Veröffentlichung von <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>keine unbestrittene Größe in Europa geworden war, machen diverse Rezensionen und Zeitungsartikel jener Jahre deutlich, die sich zum Teil kritisch und ablehnend mit der schwedischen Pädagogin und ihren Ansichten zur Erziehung wie auch zunehmend zur Frauenfrage auseinander setzten. Ein Beispiel dafür gibt ein ausführlicher Artikel in der Wiener Zeitung <em>Die Zeit </em>vom 14. März 1905, überschrieben mit <em>Ellen Key die Reaktionärin:</em>
				</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Ja, ja - Ellen Key ist über Nietzsche zu sich selbst gelangt... Sie hat ihn erlebt, wie er erlebt sein wollte... Sie steht in ihrer gelegentlichen Abwendung von dem, was sie im <em>Jahrhundert des Kindes </em>als &#8222;kleine egoistische Frauensache&#8220; verurteilt hat, dem Gegenwartsstadium der Frauenbewegung gewissermaßen so gegenüber, wie Nietzsche dem &#8222;nivellierenden Sozialismus&#8220;... Ellen Key schaut das Ganze und die Ferne; so mußte sie sich die Gegnerschaft all jener zuziehen, die es für ihre Gegenwartsaufgabe halten, jeder Romantik ... die vorbereitende Realpolitik von Fall zu Fall entgegenzusetzen. Wir brauchen aber beides: die nächsten Mittel und das ferne Ziel; die experimentie<pagenumber id="N109FE" label="69" numbering="arabic" start="69"/>rende Realpolitik und die große Sehnsucht; die stürmischen Revolutionärinnen und ganz besonders aber und vor allen Dingen Ellen Key, die &#8222;Reaktionärin&#8220;.<footnote start="77">
								<p>Schulhof, H.: Ellen Key die Reaktionärin, in: Die Zeit vom 14. März 1905, Wien, Anhang 9</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Spätestens ab dem Jahre 1906 hatte Ellen Key auch Kontakt zu Martin Buber aufgenommen. Buber, der 1878 in Wien geboren und seit 1938 in Jerusalem als Professor tätig war, wo er 1965 verstorben ist, hatte sich vor allem als dem Chassidismus (antirationale Glaubensbewegung mit dem Ziel einer Verinnerlichung der jüdischen Religion) nahestehender Philosoph einen Namen gemacht, der sich besonders um eine anthropologische Klärung der dialogischen Situation des Menschen bemühte. </p>
				<p>Anfang des 20. Jahrhunderts war Buber als Lektor des renommierten Verlagshauses Rütten &amp; Loening tätig gewesen, wo er als Herausgeber einer Sammlung sozialpsychologischer Monographien fungierte; unter anderem Werner Sombart, Georg Simmel, Fritz Mauthner und Gustav Landauer publizierten Essays oder Abhandlungen in dieser von Buber betreuten Reihe. In dieser Rolle erhielt Buber auch ein Manuskript von Ellen Key zugesandt, das schließlich 1909 unter dem Titel <em>Die Frauenbewegung</em> erschien.<footnote start="78">
						<p>Siehe hierzu: Wehr, G.: Martin Buber - Leben, Werk, Wirkung (1977), Zürich 1991, S. 85</p>
					</footnote>
				</p>
				<p>Schon 1905 hatte Key das Manuskript bei der Literarischen Anstalt Rütten &amp; Loening in Frankfurt am Main veröffentlicht und damit energisch in die damals virulente europäische Frauenfrage, Frauenbewegung und Frauenemanzipation eingegriffen. Diese Thematik war für die schwedische Autorin durchaus nicht neu; bereits 1898 hatte sie ihren Text <em>Mißbrauchte Frauenkraft </em>herausgegeben, in dem sie auf viele Ungerechtigkeiten und Missstände bezüglich der Frauen des zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts hingewiesen hat, freilich ohne dabei konkrete oder weiterreichende Vorschläge für die Überwindung dieser Unzulänglichkeiten zu leisten.</p>
				<p>In ihrem Buch <em>Die Frauenbewegung </em>rekonstruierte Ellen Key die Geschichte der Frauen und ihre Rollen- und Bedeutungszuschreibungen, die sie im Rahmen der europäischen Neuzeit etwa seit der Renaissance erfahren haben. Sie stellte die damals aktuellen Fragen nach der Physiologie und Psychologie der Frau sowie ihrer gesellschaftlichen Position in einen historischen Zusammenhang und relativierte damit einige der zum Teil aggressiv gegen das Patriarchat vorgetragenen Forderungen und <pagenumber id="N10A29" label="70" numbering="arabic" start="70"/>Vorwürfe. Mit dieser in <em>Die Frauenbewegung </em>eingenommenen Position schuf sich Ellen Key Feinde sowohl im Lager der radikalen Frauenbewegung als auch in der Gruppierung derjenigen, welche gegen die Frauenemanzipation zu Felde zogen. </p>
				<p>Wie sehr sich Ellen Key einen eigenen Standpunkt bezüglich der zu Beginn des 20. Jahrhunderts heftig diskutierten Frauenfrage erarbeitet hat, wird auch an einer kleinen Publikation deutlich, die den Titel <em>Rahel - Eine biographische Skizze </em>(1907) trägt und welche die schwedische Autorin ihrem verehrten Georg Brandes, dem &#8222;Kämpfer und Künstler&#8220; gewidmet hat. An der Darstellung der jüdischen Intellektuellen Rahel Varnhagen kann man am ehesten ermessen, welche Rolle Ellen Key für sich wie auch für intellektuell und emotional emanzipierte Frauen imaginierte, ohne dabei in einen unproduktiven und sterilen Kampf gegen die Männer respektive das Patriarchat zu verfallen.</p>
				<p>Rahel Varnhagen, geborene Levin (1771-1833), war die Tochte eines jüdischen Bankiers, die sich trotz vielfältiger Benachteiligungen, die sie aufgrund ihrer Abstammung sowie ihres Geschlechts zu gewärtigen hatte, eine immense kulturelle Bildung aneignete. Später eröffnete sie einen sehr bekannten Salon in Berlin, den zum Beispiel die Gebrüder Humboldt, die Philosophen Fichte und Hegel, der Dichter Heinrich Heine und viele weitere Intellektuelle, Künstler wie auch Politiker gerne frequentierten. </p>
				<p>Rahel Varnhagen galt als Kommunikationsgenie (Heinrich Heine), der es außerordentlich leicht fiel, die unterschiedlichsten Charaktere um sich zu versammeln und miteinander ins Gespräch zu bringen. Sie selbst wirkte dabei wie ein Katalysator, der allerdings - anders als in der Chemie - nicht unbeteiligt und unverändert aus den kommunikativen Prozessen, die in ihrem Salon stattfanden, hervorging. Im Gegenteil: Rahel Varnhagen profitierte enorm von den geist- und niveauvollen Unterhaltungen, die allwöchentlich in ihrer &#8222;Dachstube&#8220; (so wurde der Salon genannt) abgehalten wurden und für welche die Gastgeberin immer wieder neue Horizonte der Bildung und des Lernens eröffneten.</p>
				<p>Ein besonders hoch geschätzter Fixstern am Firmament ihrer Bildung bedeutete der jüdischen Salonière der geheime Rat Goethe, dessen Literatur sie geradezu verschlang und mit dem sie die Ehre hatte, einmal auch in persönlichen Kontakt treten zu können. Vor allem Rahel Varnhagen ist es zu verdanken, dass Goethe und seine Kunst in der Hauptstadt <pagenumber id="N10A3F" label="71" numbering="arabic" start="71"/>Preußens bekannt gemacht und hochgeschätzt wurde. Der &#8222;Olympier aus Weimar&#8220; stellte für Varnhagen den beinahe nie hinterfragten Maßstab ihres emotionalen und intellektuellen Wachstumsprozesses dar.</p>
				<p>Ellen Key bewunderte an Rahel Varnhagen insbesondere deren Energie, sich aus einer beengten und unfreien Situation hin zu den Idealen der Schönheit, der Gerechtigkeit, der Freiheit und der Bildung bewegt und die dabei zutage tretenden Widerstände produktiv überwunden zu haben. Über die jüdische Schriftstellerin und ihre Werke &#8211; Rahel Varnhagen hat ein großes Oeuvre von literarisch wertvollen und anregenden Briefen hinterlassen &#8211; schreibt Ellen Key in begeisterten Worten:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Rahel besaß die Grundzüge, die die großen Geister ihres Volks auszeichnen: eine tiefe Sehnsucht nach unmittelbarem Leben in Sonne und Glanz, in Glut und Leidenschaft und eine ebenso tiefe Sehnsucht nach Wüstenstille, um über das Leben, seine Wege und Ziele nachzugrübeln... Rahel war durch ihr Selbstdenken und ihre Freiheitsleidenschaft den Frauen ihrer Zeit weit voraus, den jüdischen wie den europäischen. Aber im Zusammenhang mit der Entwicklung des Ganzen gesehen, ist Rahel typisch für die große Freiheitsbewegung, die noch heute vor sich geht, die Bewegung, die aus dem weiblichen Geschlechtswesen die voll menschliche Persönlichkeit entwickeln will. Welche Summen von Kraft dieser Freiheitskraft jede einzelne gekostet hat, das zeigt uns Rahel.<footnote start="79">
								<p>Key, E.: Rahel Varnhagen - Eine biographische Skizze (1907), Halle 1920, S. 15</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Etwa zur Zeit der Ausarbeitung und Publikation der Schrift über Rahel Varnhagen schloss Ellen Key nähere Bekanntschaft mit der Schriftstellerin, Psychoanalytikerin und &#8222;Muse&#8220; Lou Andreas-Salomé (1861-1937), die sich in ihren Schriften teilweise ebenfalls mit der Frauenfrage beschäftigte. Lou Andreas-Salomé war für kurze Zeit eine enge Freundin Friedrich Nietzsches, für längere Zeit die Geliebte Rainer Maria Rilkes und für viele Jahre eine Schülerin Sigmund Freuds gewesen. </p>
				<p>Etwa seit der Jahrhundertwende kannte Lou Salomé die Schriften Ellen Keys. So hatte Salomé 1898 das Buch <em>Mißbrauchte Frauenkraft </em>von Key besprochen, woraufhin diese sie prompt in Berlin besuchte.<footnote start="80">
						<p>Siehe Erläuterungen zu: Andreas-Salomé, L.: Lebensrückblick (1951), Frankfurt am Main 1968, S. 285</p>
					</footnote> Im Mai <pagenumber id="N10A68" label="72" numbering="arabic" start="72"/>1899 soll Salomé - so die Biographin von Lou Andreas-Salomé Cordula Koepcke - eine kurze Übersicht über die bis dahin erschienenen Arbeiten von Ellen Key angefertigt haben, wobei ihr die Analysen der Schwedin zusagten, die volkspädagogischen Appelle sie jedoch eher abschreckten.<footnote start="81">
						<p>Siehe hierzu: Koepcke, C.: Lou Andreas-Salomé - Leben, Persönlichkeit, Werk (1986), Frankfurt am Main 1986, S. 203</p>
					</footnote> In ihrem <em>Lebensrückblick </em>schreibt Lou Andreas-Salomé:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Ellen Key war mir menschlich so gut, daß sie sogar meine Abneigung wider ihre Bücher humoristisch ertrug, auch wenn sie mir drohte: &#8222;Du Ochs, dann komme ich nächstes Mal nicht zu Dich nach Göttingen, sondern gehe gleich weiter per Fuß zu Italien.&#8220; Sie war so gern bei uns, wie auch ich bei ihr in Schweden in ihrer Behausung am Wettersee, einmal einen Spätsommer lang.<footnote start="82">
								<p>Andreas-Salomé, L.: Lebensrückblick (1951), Frankfurt am Main 1968, S. 175</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Im Mai 1909 unternahmen Ellen Key und Lou Andreas-Salomé eine gemeinsame Reise nach Paris, um dort auf Rainer Maria Rilke zu treffen. Rilke soll damals gesundheitlich relativ angeschlagen gewesen sein und dennoch über einen &#8222;Rausch der Gestaltung&#8220; geschwärmt haben, der bei ihm bis zur Identifikation mit seinem Malte (der Hauptfigur in Rilkes Roman <em>Die Aufzeichnungen Malte Laurids Brigge</em>) ging.<footnote start="83">
						<p>Siehe hierzu: Prater, D.A.: Ein klingendes Glas - Das Leben Rainer Maria Rilkes (1986), Reinbek bei Hamburg 1989, S. 285</p>
					</footnote> Im Frühsommer dieses Jahres nämlich war der Dichter gerade mit der Ausarbeitung dieses Romans beschäftigt, der 1910 als Buch erschienen ist.</p>
				<p>Zwei Jahre später besuchte Lou Andreas-Salomé Ellen Key in Alvastra in ihrem Heimatland. Dort lernte sie auch den Neurologen Poul Bjerre (1876-1964) kennen, mit dem Lou eine Weile eine Liebesbeziehung unterhielt. Bjerre war Spezialist für Nervenkrankheiten und als solcher in Stockholm tätig; als einer der ersten schwedischen Ärzte interessierte sich Bjerre für die Psychoanalyse.</p>
				<p>Trotz aller Begeisterung für die psychoanalytische Theorie war Bjerre ein relativ kritischer Anhänger Freuds, der etwa dem Begriff der &#8222;Psychoanalyse&#8220; den Terminus &#8222;Psychosynthese&#8220; entgegensetzte. Er wollte damit zum Ausdruck bringen, dass es in der Seelenheilkunde nicht so sehr um eine analytische Zersetzung, sondern vielmehr um eine synthetische <pagenumber id="N10A9B" label="73" numbering="arabic" start="73"/>Zusammenschau und Rekonstruktion der Persönlichkeit des Patienten gehen sollte. Von 1913 an fühlte sich Bjerre zunehmend zur komplexen Psychoanalyse C.G. Jungs hingezogen, was schließlich zum Bruch mit Freud und der Psychoanalyse beitrug.</p>
				<p>Es steht zu vermuten, dass nicht nur Lou Salomé, sondern auch Ellen Key über Poul Bjerre mit der neuartigen Seelenkunde der Psychoanalyse in groben Umrissen vertraut gemacht worden ist. Bjerre nämlich war in seiner Art ein begnadeter Vermittler von relativ komplexen wissenschaftlichen oder philosophischen Theorien, was er unter anderem auch im Kontakt mit Lou Andreas-Salomé unter Beweis stellte. Letztere kam über den schwedischen Neurologen schließlich in Kontakt zur Psychoanalyse und zu Sigmund Freud und wurde zuletzt eine überzeugte Psychoanalytikerin.</p>
				<p>Bei Ellen Key war der Einfluss Poul Bjerres anders geartet. Zwar lassen sich in ihren Schriften genügend Anhaltspunkte finden, die es wahrscheinlich machen, dass sie einige psychoanalytische Konstrukte und Theoreme in Ansätzen kannte. Sie hat aber - im Gegensatz zu Lou Andreas-Salomé - den persönlichen Kontakt zu Sigmund Freud nie gesucht und sich in ihrem beruflichen Profil zwar als Reformpädagogin, Psychologin und Kulturkritikerin, nicht aber als Psychoanalytikerin verstanden. </p>
			</section>
			<section id="N10AA7" label="4.5.">
				<head>Rückzug und Einsamkeit</head>
				<p>
					<br/>Das Buch <em>Die junge Generation, </em>das 1913 erschienen war und im selben Jahr insgesamt fünf Auflagen erlebte, war die letzte größere literarische Arbeit, die Ellen Key vor dem Ersten Weltkrieg abschließen und veröffentlichen konnte. Zwar unterhielt sie noch regen Briefkontakt mit Rilke, Zweig, Rolland, Andreas-Salomé und einigen weiteren Brieffreunden in Europa; der intensive intellektuelle und emotionale Austausch jedoch, der in den Jahren seit 1900 enorm zur Produktivität und Originalität Ellen Keys beigetragen hatte, dieser Austausch mit vielen Künstlern und Intellektuellen Europas geriet im Jahre 1914 merklich ins Stocken. Schuld daran war die sich anbahnende kriegerische Katastrophe, die für sensible und politisch wache Naturen bereits in den ersten Monaten des Jahres 1914 spürbar war und bei ihnen je nach Charakter zu Unruhe, gesteigerter politischer Aktivität, aber auch zu resignativen Stimmungen, Rückzug oder Apathie führte.</p>
				<p>
					<pagenumber id="N10AB6" label="74" numbering="arabic" start="74"/>Schon 1912 hatte Ellen Key, angesichts der sich in Europa anbahnenden zwischenstaatlichen Konflikte, erste kleinere Aufsätze über das Problem des Pazifismus respektive des Krieges verfasst; erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die Abhandlung <em>Einige Vorläufer des wissenschaftlichen Pazifismus (Gustav Björklund), </em>die in der Wiener Zeitschrift <em>Die Friedenswarte </em>erschienen ist. 1913 folgte ein Aufsatz mit dem Titel <em>Das Friedensproblem, </em>der in der Beilage der <em>Deutschen Zeitung Bohemia</em> in Prag publiziert wurde. </p>
				<p>In diesen Abhandlungen vertrat Key pazifistische Positionen, die sie bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in Kontakt mit Bertha von Suttner (1843-1914) entwickelt hatte. Aus dieser Zeit ist ein damals unveröffentlichter Brief von Bertha von Suttner an Ellen Key erhalten, in dem die österreichische Pazifistin auf eine sehr zugewandte und anerkennende Art und Weise schrieb:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Der tiefen Denkerin und glänzenden Stilistin, der Zierde der Weltliteratur Ellen Key, sende ich aus Anlaß ihres Besuchs in Wien einen huldigenden Gruß. Dieser Gruß ist um so inniger, als ich weiß, daß unsere große nordische Kollegin eine überzeugte Anhängerin und tapfere Verfasserin der Friedensidee - wie überhaupt aller jener Ideen ist, welche die Menschheit zur höheren und glücklicheren Entfaltung führen soll.<footnote start="84">
								<p>Suttner, B. v.: unveröffentlichter Brief vom 18. Juni 1901, Staatsbibliothek Stockholm, zit. n.: Sabine Andresen u. Meike Sophia Baader: Wege aus dem Jahrhundert des Kindes - Tradition und Utopie bei Ellen Key, Neuwied 1998, S. 5</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Als nun im August 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach (Bertha von Suttner hat den Beginn des Ersten Weltkrieges nicht mehr erleben müssen, da sie wenige Wochen zuvor am 21. Juni 1914 verstorben ist), reagierte Ellen Key vorerst mit Rückzug, reduzierter Produktivität und einem deutlichen Anflug von Depression. Die Korrespondenz mit ihren Briefpartnern wurde karger, und in den seltenen Briefen jener Zeit vernimmt man eine recht einsam gewordene Ellen Key. In einem Brief an Rilke und Andreas-Salomé aus dem Frühjahr 1915 lesen wir:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Es ist wahr: mit Deutschen und Franzosen und Engländern ist nicht mehr zu reden; sie sind nur <em>Hassende, </em>nicht mehr denkende Wesen. Romain Rolland und Stefan Zweig sind <em>schöne</em>
							<pagenumber id="N10AEB" label="75" numbering="arabic" start="75"/>Ausnahmen... Nun, hoffe ich, wird wohl die Entscheidung im Kriege nicht allzu lange zögern. Und doch ... Ja, Schweigen ist das Einzige ... Eure traurige und treue Ellen Key.<footnote start="85">
								<p>Key, E.: Brief an Rilke und Andreas-Salomé vom 5. April 1915, in: Rilke, R.M.: Briefwechsel mit Ellen Key, hrsg. von Theodore Fiedler, Frankfurt am Main 1993, S. 236f.</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Immerhin raffte sich die &#8222;traurige Ellen Key&#8220; in den nächsten Jahren zu einige weiteren Aufsätzen, Abhandlungen und Aufrufen gegen den Krieg und für die Völkerverständigung auf. 1919 veröffentlichte Key einen schmalen Band über <em>Florence Nightingale und Bertha von Suttner - Zwei Frauen im Kriege wider den Krieg</em>, in dem sie ihrer pazifistischen Überzeugung ebenso wie der Lebensleistung von Bertha von Suttner engagiert Ausdruck verliehen hat. </p>
				<p>Ebenfalls 1919 publizierte sie einen Aufsatz in der <em>Neuen Zürcher Zeitung </em>mit dem Titel <em>Wie kann der Völkerbund kommen?</em>
					<footnote start="86">
						<p>Key, E.: Wie kann der Völkerbund kommen?, in: Neue Zürcher Zeitung vom 27. April 1919, Anhang 10</p>
					</footnote>
					<em>, </em>der sich vorrangig dem Problem der Kriegsprävention mittels Völkerverständigung und Völkerbund (einem Vorläufer der heutigen Vereinten Nationen) widmete. Der schwedischen Autorin wurde dabei die Ehre zuteil, auf Seite eins der renommierten Zeitung ihren Standpunkt darlegen zu können.</p>
				<p>Das pazifistische und völkerverbindende Engagement Keys wurde zum Beispiel in Deutschland durchaus nicht nur mit Anerkennung und Wohlwollen goutiert. Im <em>Monatsblatt des Deutschen Bundes gegen die Frauenemanzipation </em>war unter dem Datum des 15. Mai 1915 eine regelrechte Hetzschrift einer gewissen Marie Wolterstorff zu lesen, die eine einzige Ansammlung nationalistischer, chauvinistischer, patriarchalischer und militaristischer Vorurteile darstellt. Key wird als Nestbeschmutzerin beschimpft, welche die &#8222;Bedeutung der großen Zeit&#8220; nicht wahrnehmen und angemessen beurteilen könne.</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Es ist der in besonderem Maße feministisch gestimmten Seele Ellen Keys unerträglich zu hören, wie Deutschland seine Schlachten schlägt! Darum haßt sie den preußischen, schmäht sie Bismarcks Geist! Weil unser Volk sich so männlich erhob und alles Unmännliche in einem Handumdrehen von sich warf, darum geht die schwedische Frauenrechtlerin mit ihm ins Ge<pagenumber id="N10B20" label="76" numbering="arabic" start="76"/>richt! Sie ahnt wohl schon, daß sie nie mehr Triumphtage in Berlin erleben wird.<footnote start="87">
								<p>Wolterstorff, M.: Ellen Key, in: Monatsblatt des Deutschen Bundes gegen die Frauenemanzipation, Jahrgang 1915, Nr. 5, 15. Mai 1915, Anhang 11</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Wenn man auch diese Sätze inzwischen als schimpfliches und bösartiges Elaborat einer zu recht in Vergessenheit geratenen Journalistin einordnen kann, so bewahrheitete sich deren düstere Prognose bezüglich der nicht mehr wiederkehrenden &#8222;Triumphtage&#8220; für Ellen Key in den folgenden Jahren durchaus. Denn nach allen uns im Rahmen dieser Arbeit zur Einsicht gelangten Unterlagen waren die oben aufgeführten Publikationen und Vorträge die letzten, die Ellen Key ins Werk setzte. </p>
				<p>Aus den Jahren 1920 bis 1926 sind weder Veröffentlichungen noch Lesungen der schwedischen Pädagogin erhalten bzw. bekannt geworden. Ellen Key scheint in diesen Jahren sehr zurückgezogen in Strand Alvastra, ihrem Landsitz in Schweden, gelebt zu haben, wobei auch die brieflichen Kontakte mit ihren ehemaligen Gesinnungsgenossen und Freunden aus Europa nur noch spärlich waren. Erhalten geblieben ist ein Brief Keys an Rilke aus dem Winter 1921, in dem sie sich nach seinen literarischen Produktionen ebenso wie nach seinen persönlichen Verhältnissen sowie nach seiner Tochter Ruth erkundigt. Diesen Brief durchzieht ein merklicher Ton der Melancholie:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Dann und wann sah ich neue Gedichte von deine Hand. Aber leider ist die Dichtkunst seit 1914 so trübe, so dunkel geworden, daß ich auch in deine nicht ganz mein lieber Rainer Maria wiederfindet. Hast du Neues herausgegeben? In Bücherform habe ich ... die schöne Übersetzung von 1) die Browning Sonetten, 2) Die Liebe der Magdalena, 3) Requiem und - von eine deutsche Freundin 4) deine Übertragung von Louize Labé Sonetten... Mit Worten will ich nicht sagen, was ich in Bezug auf den Antisemitismus fühle ... Auch über Deutschland will ich schweigen.<footnote start="88">
								<p>Key, E.: Brief an Rilke vom 16. November 1921, in: Rilke, R.M.: Briefwechsel mit Ellen Key, a.a.O., S. 241</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Rilke, der zu jener Zeit schon seine letzte Wohnstatt im Chateau de Muzot im schweizerischen Wallis gefunden und bezogen hatte und dort auf die Vollendung der <em>Duineser Elegien </em>wartete, brachte in seinem Antwort<pagenumber id="N10B4D" label="77" numbering="arabic" start="77"/>schreiben an Key zum Ausdruck, was wohl viele Künstler, Intellektuelle und Philosophen und ebenso Ellen Key in den Jahren zwischen 1914 und 1918 erlebt haben:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Die Jahre, kannst Du Dir vorstellen, Krieg und Nachkrieg, waren eine einzige tiefe und schmerzhafte <em>Unterbrechung </em>für mein inneres sowohl als auch für mein äußeres Leben. Diese beginnt erst langsam zu heilen, diese Unterbrechung ... Das war oft verwirrend bis zur inneren Vernichtung, und das ganze Leben ... schien annulliert und wie durchgestrichen: mein ganzes eigentliches Leben.<footnote start="89">
								<p>Rilke, R.M.: Brief an Ellen Key vom 30. November 1921, in: Rilke, R.M.: Briefwechsel mit Ellen Key, a.a.O., S. 242f.</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Dieser &#8222;Unterbrechung des eigentlichen Lebens&#8220; fiel nicht nur Rainer Maria Rilke zum Opfer. In gewisser Weise kann man das Verstummen Ellen Keys wie auch die Tatsache, dass die Schwedin nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland und Europa beinahe gänzlich vergessen wurde, als eine Folge dieses Krieges und der damit einhergehenden, beinahe vollständigen Zerstörung der Kultur Alteuropas interpretieren.</p>
				<p>Am 25. April 1926 starb Ellen Key in Strand am Vättersee in Schweden. Zu ihrem Tod erschienen etliche Nachrufe auch in Deutschland, so zum Beispiel in der <em>Kölnischen Zeitung </em>vom 29. April 1926, in dem Periodikum <em>Universum </em>1926 sowie im <em>Berliner Tageblatt </em>vom 26. April 1926. Ausführlichere Darstellungen ihres Lebens und ihres Werkes fehlten nach ihrem Tode jedoch beinahe gänzlich und wurden im deutschsprachigen Raum recht zögerlich erst in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts erarbeitet.</p>
			</section>
			<section id="N10B77" label="4.6.">
				<head>Zusammenfassende Betrachtung </head>
				<p>
					<br/>Betrachtet man den Lebenslauf Ellen Keys im Zusammenhang, fallen einige Wesensmerkmale dieser Frau ins Auge, die im folgenden nochmals gesondert hervorgehoben werden. Nur vor dem Hintergrund dieser Eigenschaften und Charakterzüge nämlich wird verständlich, dass und wie Ellen Key ein Lebenswerk schaffen konnte, das sowohl konkrete pädagogische und psychologische Neuerungen und Experimente als auch ein weit ver<pagenumber id="N10B80" label="78" numbering="arabic" start="78"/>zweigtes literarisches Oeuvre umfasst und größtenteils den Geist der Humanität und Aufklärung ausstrahlt.</p>
				<p>
					<em>
						<br/>Die Idealistin.- </em>Schon die eingangs erwähnten Kindheitserinnerungen Ellen Keys zeigen, dass sie als ein Mensch mit außerordentlich hohen Idealen und Wertvorstellungen aufgewachsen ist und in eine Welt von Sinn und Wert hinein sozialisiert wurde. Beide Elternteile verkörperten glaubhaft einen hoch stehenden Werthorizont, den Ellen Key ohne erkennbar Widerstände assimiliert und in ihrem späteren Leben auf hohem Niveau modifiziert hat. Nur so ist auch die Auswahl ihrer späteren (direkten und indirekten) Lehrer und Mentoren - z.B. Georg Brandes, Friedrich Nietzsche, Baruch de Spinoza, Johann Wolfgang Goethe, Henrik Ibsen und andere mehr - verständlich, die in gewisser Weise eine Fortsetzung der elterlichen Wertvorstellungen darstellten.</p>
				<p>Dieser an hohen und höchsten Werten orientierte Lebensstil der schwedischen Autorin war für viele ihrer pädagogischen Aktivitäten wie auch für den Inhalt ihrer Publikationen verantwortlich. Im Umgang mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen war Ellen Key mit nie versiegender Geduld immer eine Lehrerin, die über das bloße Wissen hinaus auch die Kunst des Lebens lehren wollte. Dabei verkörperte sie den Glauben an eine bessere Welt und an die grundsätzliche Möglichkeit der Veränderung von Menschen und ihren Lebensverhältnissen hin zu einem Plus an Humanität, Gerechtigkeit, Freiheit und einem würdevollen Dasein. </p>
				<p>Insbesondere die pädagogischen Veranstaltungen Keys haben immer sehr von ihren Idealen und Wertvorstellungen profitiert. Denn eine jede Pädagogik steht und fällt mit der Person des Pädagogen und ist ganz wesentlich von dessen charakterlichen und weltanschaulichen Qualitäten abhängig. Nicht Worte und wohlfeiles Gerede, sondern das personale Format des Lehrers entscheiden über Erfolg oder Misserfolg einer pädagogischen Bemühung. Diesbezüglich hatte Ellen Key hervorragende persönliche Bedingungen aufzuweisen.</p>
				<p>Ihre idealistischen Überzeugungen haben auch die Publikationen Ellen Keys maßgeblich geprägt. Man wundert sich, mit welcher Intensität und Nachhaltigkeit diese Frau andere Menschen und deren Leistungen bewundern und in umfangreichen Essays anerkennen konnte, ohne dabei in die Rolle bloßer Hagiographie zu verfallen. Und man ist beeindruckt von dem unerschütterlichen Credo Keys, das bei ihr in Anlehnung an Rous<pagenumber id="N10B95" label="79" numbering="arabic" start="79"/>seau lautet, dass der Mensch von Natur gut ist und nur durch ungute Erziehung und desolate Rahmenverhältnisse zur Dissozialität, Dummheit oder Verwahrlosung gelangen könne &#8211; ein Credo, das ihre Schriften über Dichter und Künstler ebenso durchzieht wie diejenigen über Pädagogik oder Politik.</p>
				<p>Idealisten gegenüber wird häufig der Vorwurf erhoben, sie seien weltfremd oder naiv-gutgläubig und würden die Realitäten des Lebens nicht adäquat zur Kenntnis nehmen. Ein solches Urteil trifft auf Ellen Key nur zum Teil zu; aufgrund ihrer vielfältigen Lehrerfahrungen wie auch ihrer weiten Reisen durch halb Europa war die schwedische Autorin oft genug Situationen ausgesetzt, die ihr mit Macht und ungeschminkt die Wirklichkeit vor Augen führte.</p>
				<p>Um allerdings angesichts einer ungerechten, verwahrlosten und schließlich zum Krieg bereiten Welt den idealistischen Glauben und den daraus abgeleiteten Handlungsspielraum nicht vollends zu verlieren, griff Key - wie viele andere Idealisten ebenso - zum Trick der partiellen Verdrängung von Realitäten. In vielen ihrer Texte entsteht daher der Eindruck, hier schreibe ein Mensch über eine Welt, wie es sie nicht mehr oder noch nicht gibt. Man mag dieses partielle Ausblenden der Wirklichkeit den Idealisten zum Vorwurf machen - es ist aber deren <em>Conditio sine qua non</em> für eine zukunftsträchtige Produktivität und Originalität trotz bisweilen äußerst bedrückender Verhältnisse und Rahmenbedingungen.</p>
				<p>Wer seine Lebensvorstellungen oft und überwiegend in der Sphäre des Idealen ansiedelt, tut gut daran, den Kontakt mit der Realität - also auch mit Materie und Biologie - zumindest über seinen eigenen Leib aufrechtzuerhalten; schließlich verankert dieser uns - einem Diktum des französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty zufolge - in der Welt und verhindert ein Wegdiffundieren unserer Person ins Esoterische.</p>
				<p>Diesbezüglich muss bei Ellen Key ein Defizit konstatiert werden. Wie bereits ausgeführt, war sie in Bezug auf Liebe und Partnerschaft merklich gehemmt und zurückhaltend, und es ist nicht sicher, ob sie je umfassende und erfüllende leibhaftige Begegnungen erlebt hat. </p>
				<p>Dieses Manko macht sich in ihren Schriften über Liebe und Ehe, weibliche Rolle und Sexualität naturgemäß am deutlichsten bemerkbar. Darüber hinaus ist es jedoch wohl auch für manche etwas schwülstig oder übertrieben klingende Formulierungen in ihren Schriften verantwortlich zu machen. Denn wer &#8222;im Leibe wohnt&#8220; - eine Metapher von Friedrich Nietz<pagenumber id="N10BAB" label="80" numbering="arabic" start="80"/>sche, der sich nach solchen Momenten mehr sehnte, als dass er sie realiter erlebt hätte -, trägt mit ihm eine Art Maßstab bei sich, der unsere Urteile in einem mittleren Niveau hält und größere Abweichungen (ins Himmelhohe oder Bodenlose) verhindert. </p>
				<p>Vielleicht weil Liebe und Sexualität fehlten oder überwiegend in sublimierter Form als pädagogischer Eros gelebt wurden, schlugen sie sich auch kaum in der Physiognomie Ellen Keys nieder; zeitlebens behielt sie mädchenhafte Gesichtszüge, die wie ein Versprechen immerwährender idealistischer Ausrichtung, aber auch immerwährender Jungfräulichkeit wirkten.</p>
				<p>
					<em>
						<br/>Ein Zoon politikon.- </em>Doch trotz dieser Einschränkungen entwickelte Key in ihrem Leben ein erstaunliches Ausmaß an politischer, kultureller und gesellschaftlicher Wachheit und Lebendigkeit. Hierfür förderlich war sicher ihre enge Beziehung zu ihrem Vater, der sie früh in Fragen der Politik und der sozialen und gesellschaftlichen Problemfelder Schwedens einführte und sie mit einem an der Kultur orientierten Lebensstil vertraut machte.</p>
				<p>Für eine Frau Ende des 19. Jahrhunderts durchaus nicht selbstverständlich, gelang Key eine enorme Entwicklung bis hin zu den weltanschaulichen Gebieten des Sozialismus und des Pazifismus - eine Entwicklung, die nur möglich war, weil sie - vermittelt durch das Modell ihrer Vaterbeziehung - keine unfruchtbaren und sterilen Kämpfe gegen die damals von Männern dominierte Kultur führen musste und statt dessen deren Gedanken und kulturelle Leistungen ohne großes Ressentiment assimilieren konnte.</p>
				<p>Dementsprechend friedlich und ohne übermäßige Aggressivität formulierte Key auch ihre emanzipatorischen Forderungen für die Frauen ihrer Epoche. Sie war sehr wohl sensibilisiert für die ungeheuren Probleme, die mit der patriarchalischen Kulturtradition verknüpft waren (und es immer noch sind). Doch sie erkannte bald, dass sowohl Frauen als auch Männer Opfer (und oft genug auch Täter) des Patriarchats waren, und dass daher eine einseitige Zuweisung von Schuld und Verantwortung fehl am Platze war.</p>
				<p>Diese relative Aggressionsfreiheit Ellen Keys ging jedoch keineswegs mit Passivität oder unkritischer Einstellung einher; besonders deutlich kann man dies an ihren Stellungnahmen zu Themen des Glaubens und der Religiosität ablesen. Hierbei erwies sich Key als konsequente und <pagenumber id="N10BC3" label="81" numbering="arabic" start="81"/>mutige Agnostikerin, die sich allenfalls noch auf einen an Spinoza orientierten Pantheismus festlegen ließ - ein Pantheismus, von dem viele Experten behaupten, dass er eigentlich nichts weiter als ein verkappter Atheismus des niederländischen Philosophen war.</p>
				<p>In der Individualpsychologie Alfred Adlers hätte man die Haltungen und Einstellungen Keys zu politischen, gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Fragen und Problemen als Ausdruck von Gemeinschaftsgefühl oder <em>Common sense</em> bei gleichzeitiger relativer Abwesenheit von &#8222;männlichem Protest&#8220; oder übermäßigem Machtstreben interpretiert. Eine derartige Daseinsgestaltung trifft man vorrangig bei Menschen mit hohem Selbstwertgefühl und großer Ichstärke an, die auf eine sozial und kulturell unproduktive Kompensation ihrer realen oder vermeintlichen Inferiorität kaum angewiesen sind und deshalb einen Großteil ihrer Lebensenergie den Fragen der Entwicklung von Kultur, Mitmenschen und der eigenen Person widmen können. Aufgrund der uns zur Verfügung stehenden biographischen Unterlagen steht zu vermuten, dass Ellen Key mit den meisten dieser Qualitäten ausgezeichnet war.</p>
				<p>
					<em>
						<br/>Die gute Europäerin.-</em> Anfang des 21. Jahrhunderts spricht man in Europa viel über die gemeinsame Wirtschafts- und Währungsunion; verbunden damit sind mannigfache Fragen und Detailprobleme aus den Bereichen der Finanzen, des Steuer- und des Rechnungswesens. Es ist hier nicht der Ort, über die Vor- und Nachteile eines derartigen europäischen Verbundes zu urteilen. Was jedoch bei dieser zeitgenössischen Debatte beinahe immer fehlt oder zu kurz kommt, ist der Gedanke an eine &#8222;europäische Kulturunion&#8220;, von der manche Politiker meinen, sie könne eventuell erst in einigen Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten Wirklichkeit werden.</p>
				<p>Eine solche europäische Kulturunion auf einem außerordentlich hohen Niveau hat es jedoch vor etwa einhundert Jahren zumindest in Ansätzen bereits einmal gegeben. Gemeint ist das Europa der Künstler, Schriftsteller und Intellektuellen, das sich Ende des 19. Jahrhunderts in vielfältigen Bezügen zu etablieren begann und bis zum Ersten Weltkrieg ein gewisses Blütestadium erreicht hatte. Rudimente davon wurden über diesen Ersten Weltkrieg hinaus bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein gerettet und fielen dann aber endgültig dem Faschismus und Totalitarismus zum Opfer.</p>
				<p>
					<pagenumber id="N10BDB" label="82" numbering="arabic" start="82"/>Als &#8222;Europäer von Rang&#8220;, welche ihre jeweiligen nationalen Engen und Einseitigkeiten weit hinter sich gelassen und statt dessen die Idee des kulturellen Weltbürgertums (Goethe) zumindest in Europa realisiert hatten, galten um die Jahrhundertwende 1900 oder danach z.B. Schriftsteller wie Robert Musil, Stefan Zweig, Franz Kafka, Ödön von Horváth, Thomas und Heinrich Mann, Rainer Maria Rilke, Romain Rolland, Marcel Proust, James Joyce, George Bernhard Shaw, Oscar Wilde, Leo Tolstoi, Maxim Gorki, Henrik Ibsen, Georg Brandes und viele andere. </p>
				<p>Auf dem Gebiet der Philosophie lassen sich ebenfalls etliche Namen benennen, die für ein europäisches Kulturprogramm standen: Friedrich Nietzsche, Henry Bergson, Paul Valéry, Edmund Husserl, Wilhelm Dilthey, Peter Kropotin und Bertrand Russel. Und auch auf dem Gebiet der Wissenschaften konnte man um 1900 eine Tendenz zur Internationalisierung und Europäisierung beobachten; nicht zuletzt Sigmund Freud und Alfred Adler verkörperten eine derartige Entwicklung.</p>
				<p>Betrachtet man vor diesem Hintergrund die Vita Ellen Keys, kann man feststellen, dass die Schwedin mit vielen dieser eben Genannten entweder direkten Kontakt unterhielt oder sich in ihrem Denken und in ihren Publikationen ausführlich auf sie bezogen hat. In der Person Ellen Keys kam der unbedingte Wille zum europaweiten Dialog zum Ausdruck, zu einem Gespräch, das die nationalen, religiösen und ethnischen Grenzen weit hinter sich ließ und eine europäische Kultur ins Auge fasste, wie sie heute größtenteils lediglich als ein Desiderat der Zukunft formuliert werden kann.</p>
				<p>Für Ellen Key war aufgrund ihrer engen Verflechtung mit den kulturellen Traditionen und vielen konkreten Intellektuellen und Künstlern Alteuropas das barbarische Gemetzel des Ersten Weltkrieges ein besonders schmerzhafter Einschnitt, der ihren intellektuellen, emotionalen und sozialen Stoffwechsel ganz entscheidend gestört und unterbunden hat. Wie bei vielen anderen Dichtern, Wissenschaftlern und Philosophen, war auch bei Key daher während und nach dem Ersten Weltkrieg ein merklicher Rückgang ihrer schriftstellerischen Produktivität zu konstatieren. Dies war bei ihr nicht zuletzt auch Ausdruck einer tiefen Enttäuschung und Resignation bezüglich der Ohnmacht und des fehlenden Einflusses von Intellektuellen auf den heillosen Lauf der Weltgeschichte.</p>
				<p>
					<pagenumber id="N10BEB" label="83" numbering="arabic" start="83"/>
					<em>
						<br/>Die Humanistin und Aufklärerin.- </em>Bei allen Einschränkungen und Grenzen, die auch die Biographie Ellen Keys kennzeichnen, kann man dieser klugen, tapferen und außerordentlich expansiven Frau den unbedingten Willen nicht absprechen, sich und ihren Zeitgenossen das Leben durchschaubar zu machen und damit eine Grundlage zu schaffen, von der aus das menschliche Dasein human und würdevoll geführt werden kann.</p>
				<p>Mit diesen Intentionen stand Ellen Key in der Tradition der europäischen Humanisten und Aufklärer, die im Rahmen der Renaissance und dann ein zweites Mal während des 18. Jahrhunderts versuchten, die <em>Conditio humana</em> vorurteilsfrei zu erkunden und ohne Hemmungen und falsche Scham zu beschreiben. Sie haben damit große Schritte auf dem Weg zur Emanzipation und Autonomie des Menschen unternommen, von denen wir Heutigen noch immer profitieren.</p>
				<p>Insbesondere die englischen, französischen und deutschen Aufklärer des 18. Jahrhunderts sind in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Ellen Key hat in ihren Schriften vielen Vertretern dieser Epoche ihre Referenz erwiesen und gleichzeitig deren Sinn- und Werthorizont für sich assimiliert. Es ist daher nicht erstaunlich, in ihren Texten immer wieder auf Argumente, Bilder und Metaphern zu stoßen, welche an Voltaire, Diderot, Rousseau, Goethe, Lessing oder Kant erinnern. Key brachte Gedanken zum Ausdruck, deren Wurzeln teilweise bis an den Anfang des 18. Jahrhunderts zurückreichen.</p>
				<p>Wenn Ellen Key in einem Zug mit den Humanisten und Aufklärern Europas genannt wird, so sollen damit vor allem ihr Menschenbild und ihre davon ausgehenden pädagogischen Bemühungen gewürdigt werden. Damit nämlich hat sie einen zentralen Gedanken der Renaissance und der Epoche der Aufklärung wieder aufgegriffen: Dass der Mensch ein Wesen sei, dessen Konturen gar nicht genau bestimmt werden können, weil er sich zu beinahe allen Zielen hin entwickeln und erziehen kann und muss. Die Idee und Überzeugung von der grundsätzlichen Erziehbarkeit des Menschen war für viele Humanisten und Aufklärer der Schlüssel für die Veränderung der Welt und ihrer Kultur und Geschichte. Und exakt diesen Schlüssel gebrauchte und favorisierte auch Ellen Key.</p>
			</section>
		</chapter>
		<chapter id="chapter5" label="5.">
			<head>
				<pagenumber id="N10C07" label="84" numbering="arabic" start="84"/>Key und die Philosophie</head>
			<p>
				<br/>In der Philosophiegeschichte ist schon seit Jahrzehnten die Position vertreten worden, dass die moderne, neuzeitliche Philosophie mit der Renaissance und hier mit Personen wie etwa Montaigne begonnen hat. Die darauf folgenden Philosophen &#8211; etwa Descartes, Leibniz, Spinoza und andere mehr &#8211; haben sich in ihren philosophischen Systemen und Gedankengebäuden auf die Renaissance bezogen und die dort aufgeworfenen Fragen ansatzweise beantwortet.<footnote start="90">
					<p>Siehe hierzu: Descombes, V.: Dasselbe und das Andere (1979), Frankfurt am Main 1981</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>Ziel dieses Buches ist es nicht, diese These der Philosophiegeschichte zu untersuchen. Vielmehr soll gezeigt werden, inwiefern auch Ellen Key ihre philosophischen Interessen und Forschungsansätze zur Zeit der Renaissance oder zumindest bei Montaigne und den französischen Moralisten beginnen ließ. Montaigne selbst werden wir jedoch nicht in diesem, sondern im Kapitel über die pädagogischen Vorläufer Ellen Keys abhandeln. Ebenso soll aufgrund seiner pädagogischen Relevanz mit Rousseau verfahren werden.</p>
			<p>Ein zentraler Grundgedanke der schwedischen Pädagogin lautete, dass die zu ihrer Zeit aktuelle Philosophie (vor allem diejenige des von ihr hoch geschätzten Friedrich Nietzsche) in direkter Auseinandersetzung mit den philosophischen Fragestellungen der Renaissance, des Humanismus sowie der französischen Moralistik und Aufklärung entstanden ist. Diese These wurde von Key anhand der Person und des Werks von Spinoza, Vauvenargues und Diderot auf ihre Richtigkeit hin untersucht.</p>
			<section id="N10C1E" label="5.1.">
				<head>Baruch de Spinoza (1632-1677)</head>
				<p>
					<br/>Benedictus de Spinoza wurde am 24. November 1632 in Vloonburg, dem Judenviertel Amsterdams geboren. Der Vater Michael Spinoza betrieb einen regen Handel mit Südfrüchten und galt als angesehener Kaufmann, der darüber hinaus als Angehöriger der jüdischen Oberschicht mehrmals das Amt des Vorstehers der jüdischen Gemeinde innehatte.</p>
				<p>Als 17jähriger trat Spinoza in das Geschäft seines Vaters ein und übernahm dort recht widerwillig und ohne große innere Beteiligung dessen Stellung und Aufgabenbereich. Nach dem Tod des Vaters gründete der <pagenumber id="N10C2A" label="85" numbering="arabic" start="85"/>22jährige Baruch zusammen mit seinem Bruder Gabriel eine Handelsgesellschaft, die jedoch bald mehr Verluste als Gewinne abwarf.</p>
				<p>Damals soll Spinoza sich als Autodidakt mit verschiedenen Themen befasst haben: Sprachen, Naturphilosophie und Mathematik. Außerdem wurde Jan Rieuwertsz, der eine Verlagsbuchhandlung unterhielt, zu einem der intimsten Freunde Spinozas. Für Spinoza tat sich durch seine neuen Bekanntschaften und deren Empfehlungen eine ganze Welt neuer Namen und Anschauungen &#8211; von Galilei, Kopernikus und Kepler über Leonardo da Vinci und Descartes bis hin zu Campanella und Cardano &#8211; auf. Parallel zu dieser Entwicklung war bei Spinoza eine zunehmende Distanzierung von der Religion und der jüdischen Gemeinde zu konstatieren, welche zu Auseinandersetzungen Anlass gab, die in der Verbannung und Ausstoßung des Abtrünnigen aus der Gemeinde im Jahre 1656 gipfelten.</p>
				<p>Ab etwa Mitte der 1650er Jahre nahm Spinoza Unterricht bei van den Enden, einem ehemaligen Jesuiten, der einer Lateinschule als Leiter vorstand. Bei ihm lernte er Montaigne und Rabelais, Giordano Bruno, Thomas Hobbes, Descartes und Niccolò Machiavelli, Epikur, Lukrez und die Philosophen der Stoa kennen. Er las die Schrift <em>Dioptrica</em> (1637) von Descartes, die sich mit der Lehre von der Brechung der Lichtstrahlen beschäftigt. Diese Lektüre war für ihn wichtig, weil Spinoza begann, optische Gläser zu schleifen, was später sein Broterwerb werden sollte.</p>
				<p>1660 kam es auf Initiative der jüdischen Gemeinde zu einer Vertreibung Spinozas aus Amsterdam. Daraufhin zog er in das kleine Dünendorf Rijnsburg, dicht an der Nordsee gelegen. Hier bewohnte er ein kleines Studier- und Schlafzimmer sowie eine Art Werkstatt, die er nutzte, um seine Linsen zu schleifen. Kontakte zur nahegelegenen Universität Leiden unterhielt er wenige.</p>
				<p>In Rijnsburg begann Spinoza, an seinem Hauptwerk <em>Die Ethik nach geometrischer Methode dargestellt</em> zu arbeiten, das posthum 1677 veröffentlicht wurde. Dieses Buch sollte nach dem Wunsch des Philosophen ohne seinen Namen erscheinen, da die Wahrheit un- oder besser überpersönlich sei und sie ihm mehr bedeutete als sein eigener Ruhm oder Ehrgeiz. Außerdem verfasste Spinoza damals seine <em>Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes</em> (1661) sowie <em>Die Prinzipien der Philosophie des Descartes</em> (1663).</p>
				<p>Schon kurze Zeit später, 1663, kam es zu einem neuerlichen Umzug Spinozas, dieses Mal nach Voorburg beim Haag. In dieser Zeit mach<pagenumber id="N10C49" label="86" numbering="arabic" start="86"/>te sich die wahrscheinlich schon einige Jahre vorhandene Tuberkulose bei Spinoza auch klinisch bemerkbar. Damals begann der Philosoph, seinen <em>Theologisch-politischen Traktat</em> zu verfassen, der 1670 anonym erschienen ist. Berühmt geworden ist diese Schrift wegen ihrer atheistischen oder besser pantheistischen Vorstellungen und Modelle.</p>
				<p>Besonders die darin erörterte Grundüberzeugung Spinozas, die auch unter dem Schlagwort <em>deus sive natura</em> (Gott und Natur sind eins) bekannt geworden ist, schlug in den 70er Jahren des 17. Jahrhunderts wie eine Bombe ein. Allen denkenden und einigermaßen wachen Menschen war klar, dass der Verfasser dieser Zeilen eine ungeheuerliche Idee in die Welt gesetzt hatte, wenn er die Wundermacht Gottes in Zweifel zog und denselben als mit der Natur identisch deklarierte.</p>
				<p>Für Spinoza war Ende der 60er Jahre eine nochmalige Übersiedlung &#8211; dieses Mal nach Den Haag &#8211; aktuell geworden; in dieser Stadt sollte er bis zu seinem Tod im Jahre 1677 wohnen bleiben. 1674 wurden der <em>Theologisch-politische Traktat</em> verboten und sein Verfasser bespitzelt und beobachtet; der Druck auf den Philosophen nahm zeitweise außerordentlich zu.</p>
				<p>Nach dem Abschluss der <em>Ethik</em> im Jahre 1675 sollten dem Denker nur noch wenige Jahre Lebensspanne vergönnt sein; in dieser Zeit entstanden zum einen die <em>Abhandlung über den Regenbogen</em> &#8211; eine mathematisch-naturwissenschaftliche Arbeit über Fragen und Probleme der Optik und des Lichts &#8211; und zum anderen der unvollendet gebliebene <em>Politische Traktat</em>, der schon Ansätze zu einer grundlegenden Kritik diverser Staatsformen (Monarchie, Aristokratie), aber auch des Volkes als ungebildete und unerzogene Masse beinhaltet. Spinoza starb am 21. Februar 1677.</p>
				<p>Im 18. und 19. Jahrhundert bildete sich in Europa und vor allem in Deutschland eine Tradition des Spinozismus heraus, an der wichtige Repräsentanten des Geisteslebens partizipierten. Bekannt geworden sind etwa die Debatten zwischen Friedrich Heinrich Jacobi und Moses Mendelssohn um die richtige Interpretation des Philosophen &#8211; eine Debatte, über die auch Goethe in <em>Dichtung und Wahrheit</em> berichtet hat. Der Weimarer selbst zählte ebenso wie Herder zu den überzeugten Spinozisten, wobei insbesondere der Gedanke des <em>Deus sive natura</em> eine große Faszination auf ihn ausgeübt hat, da diese Formel seiner eigenen Naturauffassung und seiner pantheistischen Religiosität entgegen kam. Man kann vermu<pagenumber id="N10C71" label="87" numbering="arabic" start="87"/>ten, dass auch Ellen Key über ihre Beschäftigung mit Goethe sowie aufgrund ihrer am Pantheismus angelehnten Weltanschauung auf die Philosophie Spinozas aufmerksam wurde und sie zunehmend in ihre Überlegungen und Schriften integrierte.</p>
				<p>Wir haben schon darauf hingewiesen, dass Spinoza Gott und die Natur gleichgesetzt hat; in den ersten Jahren nach der Publikation der <em>Ethik</em> hieß es sogar, der Philosoph hätte den Begriff Gott überhaupt nicht und statt dessen jeweils den Begriff Natur verwendet. Mit dieser Denkfigur hat sich Ellen Key intensiv und im Großen und Ganzen zustimmend auseinandergesetzt; in ihrem Buch <em>Der Lebensglaube </em>(1906) heißt es:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Spinozas Selbst begnügt sich mit der Gewißheit, daß die Einheit, die alles umfaßt, auch alles nach einer gesetzmäßigen Ordnung, einer ewigen Notwendigkeit wirkt, die alle Wunder ausschließt und eine wissenschaftliche Erklärung der Erscheinungen ermöglicht. Die diesen innewohnenden Ursachen, die Einheit, das All-Sein, die Natur - nennt Spinoza Gott. Er nennt ihn eine einzige, unendliche, ewige Substanz, durch und durch denkend und durch und durch Ausdehnung, eine Substanz, deren Daseinsformen sich ebenfalls als denkend und als räumlich ausgedehnt, als Geist und als Materie darstellen... Der Geist ist nicht Materie; die Materie nicht Geist; beide sind in demselben Sein vereint, das wir bald von der einen, bald von der anderen Seite sehen, während es an sich eins ist.<footnote start="91">
								<p>Key, E.: Die Umwandlung des Gottesbegriffs, in: Der Lebensglaube, Berlin 1906, S. 156</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Spinoza ließ das Universum mit allen seinen Manifestationen inklusive des Menschen mit seiner Seele und seinem Geist aus der schaffenden Natur entspringen. Diese nannte er <em>natura naturans</em> im Gegensatz zur <em>natura naturata</em>, zur geschaffenen Natur; unter <em>natura naturans</em> wollte Spinoza die Substanz und Ursache, unter <em>natura naturata</em> die Modi (der Substanz) und die Wirkungen (der Ursache) verstanden wissen. Einen wichtigen und zentralen Modus stellt nach Spinoza die menschliche Existenz dar, die sich durch die Wesenheit des Selbsterhaltungstriebes oder durch den <em>conatus</em> (Tendenz, Streben, Trieb überhaupt) auszeichnet. </p>
				<p>Dieses Triebkonzept Spinozas erinnert in einigen Facetten an das spätere Modell Sigmund Freuds. Der spinozistische Selbsterhaltungstrieb <pagenumber id="N10CA5" label="88" numbering="arabic" start="88"/>will die Kraft und Vitalität des Daseins verstärken oder zumindest sichern; außerdem muss er als Grundlage aller menschlichen Verhaltensweisen und aller emotionalen Zustände aufgefasst werden. Es erinnert aber auch an die Auffassung Ellen Keys, die sie bezüglich des Menschen und seiner Antriebe, aber auch bezüglich der Natur und des ganzen Kosmos entwickelt hat. In <em>Die Wenigen und die Vielen </em>(1901) schreibt sie dazu:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Trotz der unzähligen Inkonsequenzen der Theologen, der Scheinchristen, der Kompromisse hat jedoch das Persönlichkeitsprinzip des Protestantismus, das souveräne Prüfungsrecht des eigenen Gewissens auf dem Gebiet des Glaubens und der Sittlichkeit nicht aufgehört zu wirken... Seine innerste Tendenz hat ein Denker treffend als pantheistisch bezeichnet, als das Streben, zuerst die Grenzen zwischen den Menschen niederzureißen, dann die Grenzen zwischen der Natur und dem Menschen, endlich die Grenzen zwischen dem Menschen und Gott. Und dieser Glaube an die Einheit des Menschen und der Natur, an die Gesetzmäßigkeit in allem, was geschieht - dieser Glaube ist der Monismus.<footnote start="92">
								<p>Key, E.: Selbstbehauptung und Selbstaufopferung (1893/94), in: Die Wenigen und die Vielen, Berlin 1901, S. 115</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Wenngleich diese Textstelle vermuten lässt, dass Keys Konzept des Monismus eher auf eine idealistische Lösung hin tendiert (Gewissen, Glaube, Einheit), kann an anderen Passagen ihrer Schriften nachgewiesen werden, dass die Autorin durchaus materialistische und biologistische Modelle vorschweben hatte, wenn sie von Monismus sprach. In dieses Konzept wollte sie auch evolutionistische Gedanken integrieren, und ein derartiges Konzept entspricht tatsächlich in weiten Bereichen dem Grundgedanken Spinozas bezüglich des <em>conatus:</em>
				</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Vom Unorganischen bis zum Organischen, vom Wesen des Menschen bis zu dem des außerirdischen Seins ist alles Seele und alles Materie; das Seelische wie das Körperliche entwickelt sich schrittweise von niedrigeren zu höheren Formen. In beiden Entwicklungsprozessen herrscht ein ausnahmsloser Kausalzusammenhang, und zwischen beiden eine ebenso ausnahmslose Wechselwirkung. Materie und Energie sind dasselbe Ganze <pagenumber id="N10CCB" label="89" numbering="arabic" start="89"/>aus zwei Gesichtspunkten gesehen. Ihre Wechselwirkung in einem Organismus nennt man <em>Leben... </em>Der Entwicklungstrieb ist ... selbst eine Schöpfung der Entwicklung und wie alles andere an diese gebunden.<footnote start="93">
								<p>Key, E.: Der Lebensglaube, in: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 216ff.</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>In seiner <em>Ethik</em> hat Spinoza neben vielen anderen philosophischen Themen auch eine Erkenntnistheorie formuliert, die insgesamt drei Stufen oder Niveaus des menschlichen Erkenntnisvermögens unterscheidet. Der Philosoph vertritt die Meinung, der Mensch solle sich, will er sich zur Vollkommenheit hin entwickeln, von der niedrigsten Stufe der Erkenntnis, dem empirischen Sammeln von Fakten, über die zweite Stufe, dem vernunftmäßigen Schließen, zur höchsten Stufe der Erkenntnis, der Intuition und Reflexion, hin entwickeln; erst dieses letztgenannte Niveau des Erkennens biete die Voraussetzung für wahre Selbst- und umfassende Weltkenntnis.</p>
				<p>Die letzte Stufe der Erkenntnis sieht den Menschen nicht nur als unbeteiligten Beobachter, wie er in weiten Wissenschaftsbereichen eine dominierende Rolle spielt; der einzelne muss Stellung beziehen und sich intellektuell, emotional und sozial engagieren, wenn er auf der intuitiven Ebene etwas erkennen will. Spinoza spricht sogar von einer <em>scientia intuitiva</em> (einer intuitiven Wissenschaft), die als intuitives Erkennen vor allem auf Ganzheit und Wesensschau ausgerichtet ist.</p>
				<p>Ellen Key nimmt in <em>Der Lebensglaube </em>auf den Erkenntnismodus der Intuition bezug, bringt ihn aber mit mystischen Formen der Weltanschauung und des Weltbegreifens in Kontakt - eine Interpretation, der sich die meisten Spinoza-Spezialisten<footnote start="94">
						<p>Siehe hierzu: Bartuschat, W.: Baruch de Spinoza, München 1996;</p>
						<p>Deleuze, G.: Spinoza &#8211; Praktische Philosophie, Berlin 1988;</p>
						<p>Moreau, P.-F.: Spinoza &#8211; Versuch über die Anstößigkeit seines Denkens (1975), Frankfurt am Main 1994;</p>
						<p>Yovel, Y.: Spinoza &#8211; Das Abenteuer der Immanenz (1989), Göttingen 1994</p>
					</footnote> einhundert Jahre nach Ellen Keys Ausführungen nicht anschließen. Bei Key lesen wir diesbezüglich:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Diese unmittelbare innere Anschauung war für ihn (Spinoza, K.M.) der höchste Zustand der Seele, und in diesem waren die Widersprüche aufgehoben, die die Vernunft beunruhigen. Hier berührte sich Spinoza mit der Mystik.<footnote start="95">
								<p>Key, E.: Die Umwandlung des Gottesbegriffs, in: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 158</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<pagenumber id="N10D12" label="90" numbering="arabic" start="90"/>
					<br/>In manchen Passagen der <em>Ethik</em> und ihrer Affektenlehre meint man schon Nietzsche und dessen Psychologie des Ressentiments zu vernehmen; so vor allem, wenn Spinoza die Affekte des Mitleids, der Demut oder der Reue als schwach und passiv demaskiert. Ein weiser Mann &#8211; so der Philosoph &#8211; wird sich niemals mit derlei Affekten zufrieden geben; er strebt vielmehr danach, von ihnen nicht behelligt zu werden, da sie sein Denken beeinträchtigen und das Niveau seiner Erkenntnis drücken. </p>
				<p>Neben allen diesen philosophischen Gedanken und Modellen war es aber die vielleicht größte Leistung Spinozas, uns gezeigt zu haben, wie man trotz unguter und zum Teil unerträglicher äußerer Bedingungen eine vornehme, würdevolle und dem Primat des redlichen und unabhängigen Denkens verpflichtete Existenz führen kann und in Zeiten der kollektiven Angst und Verdummung für sich die furchtlose Freiheit erobert, sich selbst, die anderen und die Welt realistisch erkennen zu wollen - eine Leistung, die auch von Ellen Key als großartig bezeichnet wurde:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Seine gleich einem Edelstein klare und feste Wesensart bewahrte ihn vor jeder Abweichung von seinen eigenen Ideen und Idealen. Nicht nur der gröberen Versuchung, der der Vorurteile, widerstand er, nein, auch der feineren, von der rücksichtsvolle Naturen so leicht verleitet werden, und zu der ihm sein eigenes tiefstes Gefühl, das der Einheit, eine Art Berechtigung geben konnte: der Versuchung, die Grenzen zu verwischen... Dieses Wesen von weißester Reinheit, von mildestem Stolz, von stillster Größe wurde ein lächelnder Überwinder aller Vorurteile, auch dessen, das er aller anderen Vorurteile Urquelle nannte: daß der Mensch ... sich für den Mittelpunkt des Daseins hält und verlangt, der Lauf des Weltalls solle seine Bedürfnisse berücksichtigen oder befriedigen.<footnote start="96">
								<p>Key, E.: Die Umwandlung des Gottesbegriffs, in: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 160f.</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>In diese Schilderung Spinozas, seines Wesens und seiner Philosophie ist sicherlich auch ein Teil des Ich-Ideals von Ellen Key mit eingeflossen. Ähnlich wie Spinoza, der wahrscheinlich nur als junger Mann kurzzeitig Kontakt zum anderen Geschlecht unterhalten hat und ansonsten ein sehr zurückgezogenes und einsames Leben führte, kannte auch die schwedi<pagenumber id="N10D33" label="91" numbering="arabic" start="91"/>sche Pädagogin den Lebensstil des einsamen Menschen, der sich einer kulturellen Lebensaufgabe verschrieben und gleichzeitig die Thematik von Liebe und Partnerschaft aus seinem Dasein beinahe vollständig eliminiert oder zumindest an den Rand geschoben hat.</p>
				<p>Außerdem fühlte sich Ellen Key bezüglich mancher Charaktereigenschaften wie etwa Milde, Nachgiebigkeit, Gewähren-Lassen und Güte mit dem niederländischen Philosophen wesensverwandt. Wenngleich ihre beiden Charaktere bei genauerer Untersuchung einige Abweichungen und Divergenzen aufweisen, bedeutete die Figur Spinozas für Key eine Freundschaft und Seelenverwandtschaft über die Jahrhunderte hinweg, welche ihr die eigene existentielle Situation zumindest imaginär zu erleichterten und ihr Alleinsein zu reduzieren vermochte.</p>
			</section>
			<section id="N10D3C" label="5.2.">
				<head>Luc de Clapiers, Marquis de Vauvenargues (1715-1747)</head>
				<p>
					<br/>Als einen wesentlichen Vertreter der französischen Philosophie wählte Ellen Key den Grafen von Vauvenargues (1715-1747). Er gehörte neben Montaigne, Chamfort, La Rochefoucauld, Pascal, La Bruyère und anderen zu den sogenannten französischen Moralisten, welche vorrangig Reflexionen über das Menschenleben angestellt und dabei stilistisch außerordentlich elegant und vollkommen ihre Einsichten und Maximen zu Papier gebracht haben. Insbesondere die aphoristische Darstellungsweise wurde von den Moralisten bis zur Perfektion betrieben &#8211; eine Form des Ausdrucks, wie sie später bei Nietzsche ebenfalls dominierend wurde. </p>
				<p>Vauvenargues, der sich anfänglich als Soldat an französischen Feldzügen beteiligte, litt an Tuberkulose und musste daher bald seinen Dienst quittieren. Außerdem ahnte er früh, dass ihm wohl nur ein kurzes Leben beschieden sein würde. Er siedelte nach Paris über und lebte dort unter enorm kargen Verhältnissen als Schriftsteller. 1746 erschien anonym ein Buch von Vauvenargues, das den Titel <em>Reflexionen und Maximen &#8211; Einführung in die Kenntnis des menschlichen Geistes </em>trägt. Der Autor hatte lediglich mit wenigen Personen aus seinem näheren Umkreis über diese Publikation gesprochen; unter anderem Voltaire wusste um die wahre Urheberschaft dieses Textes. Er war außerordentlich angetan von den inhaltlichen Aspekten und unterstützte seit diesem Zeitpunkt Vauvenargues, obschon ihn gewisse weltanschauliche Differenzen von dem französischen Moralisten trennten. </p>
				<p>
					<pagenumber id="N10D4E" label="92" numbering="arabic" start="92"/>Vauvenargues nämlich zählt nur teilweise zur französischen Aufklärung. Aber immerhin billigte er dem Menschenleben einen autonomen Wert zu, verteidigte die Affekte und Leidenschaften und propagierte eine heroische Lebensanschauung, so dass Nietzsche einige Generationen später den französischen Denker als seinen Vorläufer deklarieren konnte. </p>
				<p>Auf diese Vorläuferschaft für Nietzsche ist auch Ellen Key in ihrem Essay über Vauvenargues eingegangen. Diese Abhandlung findet sich in dem Sammelband <em>Essays, </em>der 1903 in deutscher Sprache im S. Fischer Verlag Berlin ediert wurde. Bezüglich der geistigen Verwandtschaft zwischen Nietzsche und Vauvenargues schreibt Key: </p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Die Natur versucht sich in vielen Entwürfen, bevor sie einen gewaltigen Typus hervortreten läßt... So machte die Natur mehrere Skizzen, bevor sie den Typus Nietzsche vollendete, der nach der größten Seite seines Wesens hin vortrefflich charakterisiert wurde, wenn man ihn den himmelstürmenden Idealisten der Weltfreudigkeit nannte. Und zu diesem Grundwesen Nietzsches scheint mir die Natur nie eine genialere Skizze gemacht zu haben als die Vauvenargues&#8216;.<footnote start="97">
								<p>Key, E.: Vauvenargues, in: Essays, Berlin 1903, S. 135f.</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Schon im 19. Jahrhundert hat der französische Literaturpapst Charles-Augustin de Sainte-Beuve (1804-1869) in seinen <em>Literarischen Portraits &#8211; Aus dem Frankreich des XVII. bis XIX. Jahrhunderts </em>eine sehr anerkennende Kritik über Vauvenargues und dessen <em>Reflexionen und Maximen </em>verfasst. Ellen Key kannte allem Anschein nach die <em>Literarischen Portraits </em>Sainte-Beuves, den sie in ihrem Essay über Vauvenargues zitiert. Key betont dabei einige Charakterzüge und Eigentümlichkeiten des französischen Moralisten, wie sie auch schon von Sainte-Beuve hervorgehoben wurden. So heißt es etwa in den <em>Literarischen Portraits </em>über Vauvenargues: </p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Es gab um die Mitte des 18. Jahrhunderts einen jungen, aber schon gereiften Mann mit einem großen Herzen und einem Geist, geschaffen, alles zu erfassen, der sich selbst gebildet hatte, ohne darauf stolz zu sein; hochgemut und zugleich bescheiden, unerschütterlich und zart redete er die Sprache der <pagenumber id="N10D80" label="93" numbering="arabic" start="93"/>großen Männer des vergangenen Jahrhunderts, diese Sprache, die bei ihm selbstverständlicher, notwendiger Ausdruck seiner eigensten Gedanken schien, aufrichtig und frei, mutig; mit einem Wort eine Persönlichkeit, die viele Gegensätze in sich vereinigte und doch voller Harmonie war.<footnote start="98">
								<p>Sainte-Beuve, Ch.-A.: Literarische Portraits - Aus dem Frankreich des XVII. - XIX. Jahrhunderts, hrsg. v. Stefan Zweig, St. Gallen 1949, S. 248</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Auch Ellen Key hebt in ihrem Essay die hohen personalen Qualitäten von Vauvenargues hervor und meint, dass dieser eine ähnlich ausgeprägte Persönlichkeit wie Nietzsche gewesen sei. Einfache Herzlichkeit, liebenswürdige Natürlichkeit, maßvolle Würde und absolute Selbstbeherrschung hätten ihn ausgezeichnet. Auch hinsichtlich seiner geistigen Vornehmheit sei er durchaus mit Nietzsche zu vergleichen. Ein Zeitgenosse des französischen Moralisten hätte über ihn berichtet, dass der Gedankenaustausch mit Voltaire das &#8222;reichste geistige Fest, das man genießen konnte&#8220;, gewesen sei. Nicht umsonst hätte Voltaire bezüglich des um zwanzig Jahre jüngeren Vauvenargues die Frage gestellt: &#8222;Durch welches Wunder besaßest du schon mit fünfundzwanzig Jahren und ohne andere Studienmittel als ein paar Bücher die echte Philosophie und Beredsamkeit?&#8220;</p>
				<p>An einer anderen Stelle ihres Essays vergleicht Key den französischen Moralisten mit Bernard de Fontenelle (1657-1757). Dieser Wegbereiter der französischen Aufklärung, von dem eine geistreiche Marquise einmal meinte, er habe kein Herz gehabt, sondern anstelle des Herzens ein zweites Gehirn, fand wegen seiner kühlen Skepsis, seinem eleganten Esprit und seiner überragenden Menschenkenntnis die unumschränkte Anerkennung Ellen Keys. Was sie an ihm allerdings bemängelte, war eine gewisse Oberflächlichkeit seiner Lebensführung und Galanterie bezüglich seiner Leidenschaften &#8211; beides Eigenschaften, die Vauvenargues nicht aufgewiesen hat, und für deren Abwesenheit Ellen Key dem französischen Moralisten den Vorzug vor Fontenelle gab.</p>
				<p>Was Ellen Key an Vauvenargues besonders bewunderte, waren seine Authentizität sowie seine intellektuelle und emotionale Redlichkeit. Sein Mut, zu schreiben, was er fühlte und dachte, und damit sich und sein Wesen zu offenbaren, war für die schwedische Pädagogin vorbildlich. Bei ihren Ausführungen über Vauvenargues hat man oftmals den Eindruck, als ob sie, Ellen Key, an der schlichten und direkten Ausdrucksweise des <pagenumber id="N10D98" label="94" numbering="arabic" start="94"/>französischen Moralisten Maß nehmen und ihm diesbezüglich nacheifern wollte.</p>
				<p>Vorbildlich für Key waren auch Vauvenargues&#8216; unbedingter Wille und seine Bereitschaft, das Leben als Wagnis und Abenteuer auf sich nehmen und bestehen zu wollen. Dabei zeichneten den französischen Denker &#8211; trotz seiner Tuberkuloseerkrankung &#8211; ein nie nachlassender Optimismus und eine bis zum Ende seines Daseins dominierende Lebensfreude aus:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>An Stelle der leidenschaftslosen Leichtfertigkeit, der skeptischen Kühle verkündet er die Souveränität der Leidenschaft, der Begeisterung, des Lebensmutes. Der düsteren Lebensanschauung des 17. Jahrhunderts, in welchem die Probleme des Sündenbewußtseins, der Erlösung und der Heiligung tiefe Seelen ausfüllten, setzt er seinen schönen, heidnischen Glauben an die Menschennatur und ihre unendlichen Quellen entgegen.<footnote start="99">
								<p>Key, E.: Vauvenargues, in: Essays, a.a.O., S. 143</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Man sieht: Ellen Key hat die Philosophie eines Vauvenargues dazu benutzt, ihre eigenen anthropologischen Grundsätze zu untermauern. Sie ging von der grundsätzlichen Überzeugung aus, dass der Mensch in seinem Wesen und in seiner Natur gut und potentiell zu unendlich vielen Entwicklungen fähig sei. Vauvenargues wurde zu einem Gewährsmann für Key, die mit seiner Hilfe dieser Facette ihres eigenen Menschenbildes wertvolle Argumentationshilfe zukommen ließ.</p>
				<p>Auch noch bezüglich einer weiteren Grundüberzeugung Ellen Keys wurde Vauvenargues von ihr zitiert und verwendet: Es ist dies die agnostische Weltanschauung der Schwedin. Auf Spinoza Bezug nehmend, den Vauvenargues wahrscheinlich nicht gekannt hat, konstatiert Ellen Key beim niederländischen wie beim französischen Denker die für die damalige Zeit überraschende Kühnheit eines Pan- bzw. Atheismus. Auch bezüglich der Unfreiheit des Willens erkennt Key hohe Verwandtschaftsgrade zwischen Spinoza und Vauvenargues; diesbezüglich zitiert sie einen Aphorismus des französischen Moralisten:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Wir wähnen uns frei, weil wir die Motive nicht kennen, die uns zum Handeln treiben. Unser Wille ist nur der Zeiger auf dem Zif<pagenumber id="N10DBE" label="95" numbering="arabic" start="95"/>ferblatt, der die Stunden angibt und das Schlagwerk in Bewegung setzt... Über unsere Handlungen können wir nicht Herr sein, weil wir nicht Herr über unser Wesen sind.<footnote start="100">
								<p>Vauvenargues, zit. n.: Key, E.: Vauvenargues, in: Essays, a.a.O., S. 144</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>An dieser Stelle verweist Key auch auf Friedrich Nietzsche, welcher den Determinismus Vauvenargues&#8217; modifiziert und als &#8222;Willen zur Macht&#8220; in die Menschenseele eingepflanzt habe. Unsere Handlungen und Entscheidungen hängen nach Vauvenargues und Nietzsche von den unbewussten Impulsen und Strebungen unseres Wesens ab und können von unserem angeblich freien Willen nur sehr rudimentär beeinflusst werden. </p>
				<p>Mit eingeschränkter Zustimmung zitiert Key in diesem Zusammenhang die Behauptung La Rochefoucaulds, dass die Triebfeder aller Handlungen die Selbstsucht sei. Mit voller Zustimmung allerdings erinnert Key an einen Aphorismus von Vauvenargues, der sich auf die Maxime La Rochefoucaulds bezieht und lautet: &#8222;Hat man denn nicht das Recht, sich selbst zu lieben? Wird die Handlung weniger gut, weil wir sie mit Freude ausführen?&#8220;</p>
				<p>Ellen Key hat den Charakter und die Lebensgestaltung von Vauvenargues nicht nur mit Nietzsche, sondern auch mit Goethe verglichen. Den Weimarer Dichterfürsten hat die schwedische Reformpädagogin als einen Menschen empfunden, der &#8222;sich des Halben entwöhnt und im Ganzen, Großen und Schönen resolut gelebt&#8220; hat. Eine solche existentielle Formel sieht Ellen Key sowohl bei Goethe als auch bei Vauvenargues verwirklicht. Bei beiden, so Key, könne man die Beschreibung eines Charakters gelten lassen, wie sie von Vauvenargues einmal als für ihn selbst relevant erachtet wurde:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Leidenschaftlich, heftig und rasch, ein Gefühl in seinen Gegensatz zu verkehren; übertrieben, unersättlich; kann nicht in der Indifferenz leben; maßlos in Zielen wie in Empfindungen; achtet die Dinge gering, die er nicht anstrebt oder bewundert; ohne Interesse für alles, das ihn nicht leidenschaftlich ergreift; in einem Augenblick sein ganzes Gefühl erschöpfend.<footnote start="101">
								<p>Vauvenargues, zit. n.: Key, E.: Vauvenargues, in: Essays, a.a.O., S. 150</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Es ist nicht entscheidend, ob Ellen Key mit ihrer Interpretation des Charak<pagenumber id="N10DEB" label="96" numbering="arabic" start="96"/>ters und Wesens von Vauvenargues, Goethe und Nietzsche tatsächlich den wahren Gegebenheiten nachgekommen ist. Viel wichtiger erscheint in diesem Zusammenhang, dass Key den französischen Moralisten &#8211; in Maßen auch Goethe und in stärkerem Maße Nietzsche &#8211; dazu benutzt hat, und somit auf Modelle und Gewährsleute für ihre eigenen anthropologischen Ideen und Konzepte zurückgreifen konnte. </p>
				<p>Keys Auseinandersetzung mit dem französischen Moralisten ebenso wie mit der Philosophie ganz allgemein kann als ein Versuch interpretiert werden, gute Argumente und überzeugende Biographien für die eigene Lebensgestaltung wie auch für die von ihr entworfene Pädagogik zu gewinnen. Keys Leistung liegt dabei nicht so sehr in einer originellen Neuschöpfung anthropologischer Grundsätze als vielmehr in der Zusammenschau diverser bereits elaborierter philosophisch-anthropologischer Konzepte. Die Art und Weise freilich, wie die Schwedin verschiedene Philosophen und ihre Gedanken zitiert und miteinander in Beziehung gesetzt hat, ist durchaus produktiv gewesen.</p>
			</section>
			<section id="N10DF4" label="5.3.">
				<head>Denis Diderot (1713-1784)</head>
				<p>
					<br/>Neben den französischen Moralisten und Spinoza waren es vor allem die Philosophen der französischen Aufklärung, welche die hohe Wertschätzung Ellen Keys erfahren haben. In ihrem Essay <em>Der Diderot Goethes </em>(1911), der in Auszügen bereits 1902 in dem Wiener Journal <em>Die Zeit </em>publiziert worden war, verweist die schwedische Autorin auf die &#8222;vier Gigantendenkmäler&#8220;, welche ihrer Meinung nach das 18. Jahrhundert in Frankreich zum <em>siècle de la lumière</em> (Jahrhundert des Lichts) haben werden lassen: Montesquieu, Voltaire, Rousseau und - Diderot. Den letzteren bezeichnete Key vor allem im Hinblick auf dessen Persönlichkeit als den &#8222;schlechtweg Unvergleichlichen&#8220;.<footnote start="102">
						<p>Key, E.: Der Diderot Goethes (1902), in: Seelen und Werke, Berlin 1911, S. 11</p>
					</footnote>
				</p>
				<p>In ihrem Essay stellte Key vor allem den universal gebildeten und in den Künsten ebenso wie in den Wissenschaften und der Philosophie beschlagenen Diderot heraus. Um verständlich werden zu lassen, wie ein derart intellektuell und emotional gebildeter Mensch heranwachsen konnte, verweist Key auf die Biographie Diderots wie auf die epochalen und regionalen Rahmenbedingungen im Frankreich des 18. Jahrhunderts.</p>
				<p>
					<pagenumber id="N10E13" label="97" numbering="arabic" start="97"/>Denis Diderot wurde 1713 in Langres geboren und starb 1784 in Paris. Er entstammte einer bekannten Handwerker-Familie aus dieser Provinzstadt an der Marne in der Champagne. Sein Vater war ein hoch angesehener Messerschmied, an dem Diderot zeitlebens mit Achtung und Liebe hing. Da der Knabe sich sehr bald durch seine hohe Intelligenz bemerkbar machte, dachte man daran, ihn Priester werden zu lassen. Von 1723 an war er Schüler am Jesuiten-Gymnasium in Langres, das er jedoch bald verließ, um sich nach Paris zu begeben.</p>
				<p>Nach etlichen Jahren einer Gymnasialausbildung in der französischen Hauptstadt wurde Diderot 1732 der Titel eines Magisters der Künste an der Universität Paris zuerkannt, woraufhin er beschloss, eine Bohème-Existenz zu führen, was für ihn relativ große materielle Not bedeutete.</p>
				<p>1741 lernte Diderot seine spätere Gattin Anne-Toinette Champion (geboren 1710) kennen. Gegen den Widerstand der eigenen Familie und auch der Schwiegermutter setzte Diderot 1743 seine Heirat durch. Es wurde keine glückliche Ehe. Frau Diderot musste viele Jahre lang einem sehr ärmlichen Haushalt vorstehen und gebar einige Kinder, von denen nur eine einzige überaus geliebte Tochter am Leben blieb.</p>
				<p>1742 fand Diderots erste Begegnung mit Rousseau statt. Jean-Jacques, ungefähr gleich alt wie Denis, war aus Südfrankreich nach Paris gekommen, um in der Hauptstadt sein Glück zu machen. Diderot übersetzte damals mehrere Texte aus dem Englischen und hielt sich damit leidlich über Wasser. Als er eine mehrbändige Enzyklopädie aus dem Englischen übersetzen sollte, entstand in ihm der Plan, selbst ein derartiges Kompendium des gesamten, zu seiner Zeit verfügbaren Wissens anzufertigen. Das war die Geburtsstunde der <em>Enzyklopädie</em>, an der Diderot einige Jahrzehnte lang zusammen mit anderen Wissenschaftlern und Philosophen intensiv arbeitete.</p>
				<p>Ab 1746 gab Diderot erste selbständige Texte heraus (<em>Philosophische Gedanken, Spaziergang des Skeptikers</em>), die ihn wegen der darin geäußerten atheistischen und freigeistigen Ansichten in die Schusslinie der kirchlichen und staatlichen Zensur verbrachten - eine Situation, die für ihn beinahe lebenslänglich relevant blieb. Vor allem John Locke und David Hume hatten diesbezüglich maßgeblichen Einfluss auf die weltanschauliche Entwicklung Diderots.<footnote start="103">
						<p>Siehe hierzu: Minder, R.: Diderot, ein stürmischer Freund des Menschen, in: Dichter in der Gesellschaft &#8211; Erfahrungen mit deutscher und französischer Literatur, Frankfurt am Main 1966</p>
					</footnote>
				</p>
				<p>
					<pagenumber id="N10E33" label="98" numbering="arabic" start="98"/>Ab 1751 begann die <em>Enzyklopädie</em> zu erscheinen. Was Diderot und seine Mitarbeiter mit der <em>Enzyklopädie</em> wollten, sagt er selbst in einem Artikel unter diesem Stichwort im Text, nachdem er darauf hingewiesen hat, dass eine Verknüpfung aller Wissenschaften geplant ist: </p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Tatsächlich zielt eine Enzyklopädie darauf ab, die auf der Erdoberfläche verstreuten Kenntnisse zu sammeln, das allgemeine System dieser Kenntnisse den Menschen darzulegen, mit denen wir zusammen leben, und es den nach uns kommenden Menschen zu überliefern, damit die Arbeit der vergangenen Jahrhunderte nicht nutzlos für die kommenden Jahrhunderte gewesen sei; damit unsere Enkel nicht nur gebildeter, sondern gleichzeitig auch tugendhafter und glücklicher werden, und damit wir nicht sterben, ohne uns um die Menschheit verdient gemacht zu haben.</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Diderot hatte, wie bereits erwähnt, kein häusliches Glück. Auch so ist es zu verstehen, dass er über Jahrzehnte hinweg eine Geliebte hatte, die für ihn zur lebenslänglichen Freundin wurde. Das war Sophie Volland (1716-1784), deren Tod er nur um wenige Monate überlebte. Sophie war sowohl seine intellektuelle Gesprächspartnerin als auch seine erotische Lebensgefährtin; die Liebe zwischen den beiden kann als Muster einer echten und tiefgehenden Beziehung bezeichnet werden.<footnote start="104">
						<p>Siehe hierzu: Lepape, P.: Denis Diderot &#8211; eine Biographie, Frankfurt am Main 1994</p>
					</footnote>
				</p>
				<p>Außerdem war Diderot eng befreundet mit Melchior Grimm (1723-1807), der sich als Herausgeber einer <em>Correspondance littéraire</em>, die er in handschriftlicher Vervielfältigung alle zwei Wochen erscheinen ließ, einen Namen in Europa gemacht hatte. Leser seiner Hefte waren unter anderem Katharina II. von Russland, Friedrich II. von Preußen, Karl August von Weimar sowie Goethe.</p>
				<p>Auf alle diese biographischen Details ging Ellen Key in ihrem Essay ausführlich ein. Insbesondere die enge Zusammenarbeit zwischen Diderot und Grimm fand die Anerkennung der schwedischen Autorin, die in dieser Beziehung zwischen dem französischen Aufklärer und dem deutschsprachigen Journalisten einen Prototyp für produktive Freundschaft erkannte:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>
							<pagenumber id="N10E62" label="99" numbering="arabic" start="99"/>Grimm ... hatte 1759 den glücklichen Gedanken, Diderot zu bitten, den Pariser Salon für die <em>Correspondance littéraire </em>zu schildern, die Grimm alle 14 Tage an die Höfe Europas sandte. Grimms sicherer Instinkt lenkte so Diderot auf ein Gebiet, das dieser wahrscheinlich von selbst nicht gefunden hätte und auf dem er eine ganz neue Seite seiner Genialität entwickelte.<footnote start="105">
								<p>Key, E.: Der Diderot Goethes, in: Seelen und Werke, a.a.O., S. 39f.</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Aufgrund dieser Initiative Grimms wurde Diderot zum Ahnherrn der französischen Kunstkritik. Er begnügte sich dabei nicht mit der Beschreibung der Kunstgegenstände, sondern erörterte auch Fragen der Ästhetik und der Kunsttheorie. Insbesondere diese Aspekte im Oeuvre Diderots wurden von Ellen Key gewürdigt und bezüglich ihrer Einflüsse und Konsequenzen auf zeitgenössische Künstler und Literaten hin - z.B. auf Goethe - untersucht. Von daher wird auch der Titel des Essays <em>Der Diderot Goethes </em>verständlich.</p>
				<p>Etwa um 1757 kam die <em>Enzyklopädie</em> in arge Bedrängnis, weil ein wichtiger Mitarbeiter - d&#8217;Alembert - seine Zusammenarbeit mit Diderot einstellte. Auf Rousseau konnte der Herausgeber der <em>Enzyklopädie</em> ebenfalls nicht mehr bauen, da dieser aufgrund seiner paranoiden Ängste die Beziehungen zu den Aufklärern beinahe vollständig unterbrochen hatte. Dennoch konnte um 1761 Diderot die Textbände der <em>Enzyklopädie</em> im Großen und Ganzen beenden. Es sollten allerdings noch die zehn Bildbände samt einigen Ergänzungen folgen.</p>
				<p>1764 erlitt Diderot eine furchtbare Enttäuschung, die ihn fast aus der Bahn warf. Er hatte die Manuskripte von zehn Bänden der <em>Enzyklopädie</em> dem Verleger anvertraut, damit diese schon gedruckt werden konnten, in Erwartung des Zeitpunkts, an dem das bestehende Verbot wieder einmal aufgehoben wurde. Der vorsichtige Verleger korrigierte nun eigenmächtig die diderotschen Vorlagen, die er daraufhin vernichtete. Diderot selbst erkannte überall die Veränderungen, konnte aber nichts nachweisen. Jedenfalls sah er, dass vor allem der aufklärerische und freigeistige Anteil seines grandiosen Wörterbuchs sehr gelitten hatte. In seiner Sicht war damit die Arbeit von mehr als 15 Jahren in gewisser Weise vergeblich gewesen.<footnote start="106">
						<p>Siehe hierzu: Wuthenow, R. R.: Diderot zur Einführung, Hamburg 1994</p>
					</footnote>
				</p>
				<p>
					<pagenumber id="N10E96" label="100" numbering="arabic" start="100"/>Dieser enttäuschende Verlauf seines großartigen Lebensprojektes wurde von Ellen Key in allen Details geschildert. Was ihr an Diderot diesbezüglich besonders imponierte, war dessen unerschütterlicher Mut, trotz dieses Rückschlags an seiner <em>Enzyklopädie </em>festzuhalten und zumindest die entstellendsten Korrekturen des Verlegers rückgängig zu machen. Auch erwähnt sie die recht gelassene Art Diderots, mit der er solche &#8222;Schicksalsschläge&#8220; ertragen konnte:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Diderot hat selbst die Enzyklopädie humoristisch kritisiert, wenn er sagt, daß die Artikel darin bald saftig, bald trocken sind, bald skelettartig, bald wassersüchtig; einige Riesen, andere Zwerge, einige wohlgestaltet, andere Krüppel. Aber ebensowohl wie die Fehler sieht er auch den Wert seines Lebenswerkes und schreibt an Sophie Volland: &#8222;Diese Arbeit, die mich nicht reich gemacht, durch ich in der Gefahr gelebt, ins Gefängnis geworfen oder Landes verwiesen zu werden, die das Leben genommen, das ich nützlicher und ehrenvoller hätte gestalten können - diese Arbeit wird mit der Zeit eine Revolution in den Köpfen herbeiführen.&#8220;<footnote start="107">
								<p>Key, E.: Der Diderot Goethes, in: Seelen und Werke, a.a.O., S. 21</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>In den späten 60er Jahren, nachdem die meisten Bände der <em>Enzyklopädie </em>publiziert waren, konnte man Diderot - unter anderem auch wegen der finanziellen Unterstützung, die ihm von Katharina II. von Russland gewährt wurde - als einen wohlhabenden Mann bezeichnen. Er bezog eine halbwegs angemessene Wohnung, die auch standesgemäß eingerichtet werden konnte.</p>
				<p>Da die Last der <em>Enzyklopädie</em> von Diderots breiten Schultern genommen worden war, konnte er sein erzählerisches Talent wieder frei strömen lassen. Besonders interessant sind die beiden Erzählungen <em>Die beiden Freunde von Bourbonne</em> und <em>Gespräch eines Vaters mit seinen Kindern</em> (beide 1773). Der erste Text ist ein Hymnus auf die Freundschaft, die in Diderots eigenem Leben eine so grandiose Rolle spielte. </p>
				<p>1778 erschien der Roman <em>Jacques der Fatalist und sein Herr</em> in Grimms <em>Correspondance littéraire</em>. So wurde der Roman wohl in Europa, weniger aber in Frankreich bekannt. Hegel empfand die Erzählung als anthropologisch relevant, so dass er den <em>Jacques der Fatalist</em> als wesent<pagenumber id="N10ECD" label="101" numbering="arabic" start="101"/>liches Denkelement in seine <em>Phänomenologie des Geistes</em> (1807) einbezog. Dort gibt es bekanntlich das berühmte Kapitel &#8222;Herr und Knecht&#8220;, das in dem Roman Diderots einen Vorläufer gefunden hat.<footnote start="108">
						<p>Siehe hierzu: Schlobach, J. (Hrsg.): Denis Diderot, Darmstadt 1992</p>
					</footnote>
				</p>
				<p>Anfang 1784 erlitt Diderot einen Blutsturz, erholte sich aber davon. Unmittelbar darauf starb seine Geliebte Sophie Volland, was für Diderot einen furchtbaren Schlag darstellte. Sodann erlag auch seine Enkeltochter mit elf Jahren einem Fieber. Das gab seinem Lebensmut den Rest. Diderot starb am 31. Juli 1784. Seine Gattin bemühte sich kurz vor seinem Tod, den Philosophen in den Schoß der katholischen Kirche zurückzuführen. Das war aber bei diesem eingefleischten Ungläubigen nicht möglich. Man erzählt, dass der Sterbende noch vor seinem Tod immer wieder betont habe, dass &#8222;der erste Schritt zur Wahrheit immer der Zweifel sei&#8220;.</p>
				<p>Die abschließenden Urteile, die Ellen Key in ihrem Essay über Diderot abgibt, beziehen sich hauptsächlich auf den Autor der <em>Enzyklopädie</em> sowie auf den Kunstkritiker; den Romancier und Erzähler Diderot erwähnt sie zwar, enthält sich aber einer ausführlicheren Darstellung seiner diesbezüglichen Leistungen. Darüber hinaus bewundert Key an Diderot seinen unerschütterlichen Optimismus und seine nie erlahmende Aktivität.</p>
				<p>Key spürte, dass die Leistungen Diderots ganz maßgeblich von der Tatsache abhingen, dass er tragfähige Freundschaften und einen Kreis anregender Gesinnungsgenossen - die französischen Aufklärer - um sich zu scharen wusste, die ganz wesentlich am psychosozialen und geistigen &#8222;Stoffwechsel&#8220; des Philosophen Anteil hatten. In gewisser Weise hat Key für sich selbst versucht, über ihren ausgedehnten Briefwechsel sowie ihre häufigen Reisen quer durch Europa eine ähnliche Situation zu konstellieren, welche auch ihr intellektuelle Anregung und emotionalen Halt verschaffen sollten.</p>
				<p>Hatte Key in Spinoza ein Modell vorschweben, welches ihr zeigte, inwiefern man als einzelner ein philosophisch redliches und humanistisch ausgerichtetes Leben führen kann, war es ihr an Diderots Existenz und Lebensstil möglich, den stabilisierenden Einfluss einer solidarischen und zugewandten Gruppe von Gleichgesinnten auf das betreffende Individuum zu studieren. Wie sehr Key den französischen Aufklärer vor allem auch in seinen menschlich-allzumenschlichen Charaktereigenschaften erkannt und geschätzt hat, wird an einer Textpassage ihres Essays über Diderot deutlich, mit der sie ihre Abhandlung beschließt:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>
							<pagenumber id="N10EF1" label="102" numbering="arabic" start="102"/>Da die Schwäche der Schatten der Stärke ist, hatte der Mensch Diderot ebenso wie seine Werke seine Schwächen. Und wie immer verteilen sich ja Licht und Schatten in den Werken ebenso wie bei den Menschen. Aber ich habe nicht den Ehrgeiz, mich anspruchsvoller zu zeigen als Goethe, sondern bin im Gegenteil froh, voll in seine Worte einstimmen zu können: &#8222;Wer an ihm oder seinen Sachen mäkelt, ist ein Philister.&#8220;<footnote start="109">
								<p>Key, E.: Der Diderot Goethes, in: Seelen und Werke, a.a.O., S. 60</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
			</section>
			<section id="N10F00" label="5.4.">
				<head>Friedrich Nietzsche (1844-1900)</head>
				<p>
					<br/>Montaigne, Spinoza, Vauvenargues, Diderot, Rousseau und etliche weitere Philosophen hat Ellen Key in ihren Schriften unter anderem auch deshalb erörtert, um an ihnen ihre Vorläuferschaft für Friedrich Nietzsche zu demonstrieren. Wohl bei keinem zweiten Denker der Neuzeit hat die Autorin derart nachdrücklich die Einflüsse auf sein und von seinem Werk dargelegt wie beim Philosophen des &#8222;Willens zur Macht&#8220;.</p>
				<p>Am 11. April 1905 hat Ellen Key &#8211; wie weiter oben erwähnt &#8211; in Weimar einen Vortrag über <em>Nietzsche und Goethe</em> gehalten. Sie kam damit einer Einladung der Nietzsche-Gemeinde bzw. des Nietzsche-Freundeskreises nach, die unter der energischen Leitung von Elisabeth Förster-Nietzsche standen. Diese war die Schwester des Philosophen, die bereits während der Krankheitszeit ihres Bruders und erst recht nach seinem Tode die Schriften und den Nachlass Nietzsches verwaltete, herausgab und &#8211; leider auch verfälschte.</p>
				<p>1897 war Frau Förster-Nietzsche zusammen mit ihrem kranken, sich im Wahn befindenden Bruder von Naumburg nach Weimar übergesiedelt, wo sie die &#8222;Villa Silberblick&#8220; bewohnten. Dieses geräumige Haus, nahe dem Zentrum Weimars gelegen, war von der Nietzsche-Verehrerin Meta von Salis käuflich erworben und den Nietzsches zur Verfügung gestellt worden. Im ersten Stock der Villa lebten der kranke Nietzsche und seine Schwester. Nach dem Tod des Philosophen im Jahre 1900 ließ Elisabeth Förster-Nietzsche das Erdgeschoss des Gebäudes aufwendig von dem damals bekannten Architekten Henry van de Velde umgestalten. Dabei entstand ein großzügiger Vortragsraum, in dem sich der Nietzsche-Freundeskreis häufig traf und in dem auch regelmäßig Vorträge und Lesungen stattfanden. </p>
				<p>
					<pagenumber id="N10F15" label="103" numbering="arabic" start="103"/>Neben Elisabeth Förster-Nietzsche war vorrangig Harry Graf Kessler eine treibende Kraft im Nietzsche-Kreis. Kessler bemühte sich Anfang des 20. Jahrhunderts, aus Weimar wieder eine Art Musenhof werden zu lassen, wie es zu den besten Zeiten der Herzoginmutter Anna Amalias der Fall gewesen war. Kessler gedachte, ähnlich wohlklingende Namen wie ehemals Wieland, Herder, Schiller und Goethe in die kleine Stadt an der Ilm locken zu können, um der als kränkelnd erlebten Kultur einen neuen Aufschwung zu bescheren. Der Name und die Philosophie Friedrich Nietzsches waren für dieses Vorhaben als eine Art Nukleus gedacht, um den sich Wissenschaft, Kunst und philosophische Reflexion mit neuem Glanz kristallisieren sollten.</p>
				<p>Elisabeth Förster-Nietzsche ebenso wie Harry Graf Kessler luden in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts viele damals bekannte Schriftsteller, bildende Künstler und philosophisch angehauchte Gelehrte nach Weimar ein, wo sie &#8211; meist in der &#8222;Villa Silberblick&#8220; &#8211; ihre jeweiligen Ansichten oder Ausschnitte aus ihren Werken vorstellten. Unter anderen Gerhart Hauptmann, Stefan George, Hugo von Hofmannsthal, André Gide, Thomas Mann, Hermann Graf Keyserling und eben auch Ellen Key gehörten zur erlauchten Gästeliste des Nietzsche-Archivs (wie die &#8222;Villa Silberblick&#8220; respektive der darin residierende Nietzsche-Freundeskreis bald genannt wurden). </p>
				<p>Ellen Key ist vermutlich schon Ende des 19. Jahrhunderts über den dänischen Literaturhistoriker Georg Brandes auf Nietzsche aufmerksam gemacht worden. In seinem, Brandes&#8217; Aufsatz über Ellen Key aus dem Jahre 1899<footnote start="110">
						<p>In: Brandes, G.: J.P. Jacobsen und andere skandinavische Persönlichkeiten (1924), Dresden 1924, S. 337-345</p>
					</footnote> finden sich jedenfalls Passagen, die in ihrem Duktus darauf schließen lassen, dass Brandes und Key sich schon mehrmals über den deutschen Philosophen unterhalten und dabei partiell unterschiedliche Standpunkte entwickelt hatten. </p>
				<p>In dieser Abhandlung macht Brandes den Eindruck, als ob er der versiertere und kenntnisreichere Nietzsche-Experte sei, welcher der schwedischen Schriftstellerin durchaus korrigierende Hinweise auf ihre - in seinen Augen - Fehlinterpretationen der nietzscheschen Philosophie geben durfte. Über einen Nietzsche-Essay Ellen Keys, der aus ihrem Vortrag in Weimar hervorgegangen ist und wie dieser den Titel <em>Nietzsche und Goethe</em> trägt, schreibt Brandes kritisch: </p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>
							<pagenumber id="N10F33" label="104" numbering="arabic" start="104"/>Wie die jungen Verehrer Gerhart Hauptmanns in Deutschland ohne weiteres sagen: Goethe und Hauptmann, so sagt Fräulein Key, ohne mit der Wimper zu zucken, Goethe und Nietzsche. Und der <em>Übermensch, </em>ein Kunstausdruck, bezüglich dessen Fräulein Key Nietzsche ein bißchen mißverstanden haben dürfte, kommt in ihren Büchern etwas häufig vor. Sogar bei Vauvenargues findet sie dem Übermenschen vorgegriffen, obwohl er hundert Jahre vor Nietzsches Geburt stirbt und verteufelt wenig Ähnlichkeit mit ihm hat...<footnote start="111">
								<p>Brandes, G.: J.P. Jacobsen und andere skandinavische Persönlichkeiten , a.a.O., S. 343</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Brandes war schon in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts auf den deutschen Philosophen aufmerksam geworden und mit ihm in brieflichen Kontakt getreten. Dabei hat der dänische Literaturhistoriker Nietzsche auf die Schriften von Sören Kierkegaard hingewiesen. Brandes war es auch, der in einem Essay über Friedrich Nietzsche dessen Philosophie als &#8222;aristokratischen Radikalismus&#8220; bezeichnet hatte &#8211; eine Formel, welche die uneingeschränkte Zustimmung des Philosophen gefunden hat: </p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Der Ausdruck &#8222;aristokratischer Radikalismus&#8220;, dessen Sie sich bedienen, ist sehr gut. Das ist, mit Verlaub gesagt, das gescheiteste Wort, das ich bisher über mich gelesen habe. Wie weit mich diese Denkweise schon in Gedanken geführt hat, wie weit sich mich noch führen wird - ich fürchte mich beinahe, mir dies vorzustellen.<footnote start="112">
								<p>Nietzsche, F.: Brief an Georg Brandes vom 2. Dezember 1887, in: Sämtliche Briefe, Kritische Studienausgabe Band 8, hrsg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, München-Berlin 1986, S. 206</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Den Bemühungen von Georg Brandes (und in Maßen auch von Ellen Key) war es zu verdanken, dass die Philosophie Friedrich Nietzsches Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem in Skandinavien und darüber hinaus auch im übrigen Europa bekannt gemacht wurde. Die diversen Essays und Abhandlungen über Nietzsche und dessen Denken sind geprägt von einer tiefen Verehrung und einem umfassenden Verständnis des Philosophen; insbesondere die problematischen Begriffe aus Nietzsches Philosophie (&#8222;Wille zur Macht&#8220;, &#8222;Blonde Bestie&#8220;, &#8222;Übermensch&#8220; <pagenumber id="N10F5D" label="105" numbering="arabic" start="105"/>usw.) wurden von Brandes in einen relativierenden Zusammenhang gestellt oder aber auf ihre humanistischen Kerne hin untersucht. </p>
				<p>Neben Georg Brandes waren es August Strindberg und Knut Hamsun, die zur Verbreitung nietzschescher Lehren und Schriften in Skandinavien beigetragen haben. Ellen Key kannte die Werke sowohl von Strindberg als auch von Hamsun relativ gut; mit beiden stand sie in brieflichem Kontakt. Der Sohn Knut Hamsuns, Tore Hamsun, hat in seinen Erinnerungen an den Vater erwähnt, dass Ellen Key z.B. im Jahre 1917, als Hamsuns Roman <em>Markens Grøde</em> (<em>Segen der Erde</em>) erschienen war, für den der Schriftsteller 1920 den Nobelpreis erhalten hat, diesem ganz begeistert für sein neues Buch gratuliert hat: </p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Am meisten freute er sich über einen Gruß von Ellen Key, die nicht nur das Schlagwort vom &#8222;Jahrhundert des Kindes&#8220; lancierte, sondern ihr ganzes Leben, solange sie geistig klar war, für diesen schönen Gedanken lebte und arbeitete.<footnote start="113">
								<p>Hamsun, T.: Mein Vater Knut Hamsun (1952), München 1993, S. 287</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Wie bereits erwähnt, war auch August Strindberg ein wichtiger Vermittler Nietzsches in Skandinavien. Der Dichter stand ab dem Winter 1888 in Korrespondenz mit Nietzsche und war seit dieser Zeit derart begeistert von ihm, dass er alle seine Briefe (auch an ganz andere Adressaten) mit der Aufforderung unterschrieb: <em>Lisez Nietzsche!</em>
					<footnote start="114">
						<p>Zit. n.: Müller-Buck, R.: Friedrich Nietzsche als Briefschreiber, in: Das Nietzsche-Archiv in Weimar, hrsg. v. A. Emmrich et al, München 2000, S. 139</p>
					</footnote> Außerdem hatte Strindberg in seiner Publikation <em>Tschandala</em> (Stockholm 1897) auf die Philosophie des ehemaligen Basler Professors aufmerksam gemacht.</p>
				<p>Die Nietzsche-Rezeption Ellen Keys darf aufgrund ihrer engen Bekanntschaft mit Georg Brandes, ihrer Kontakte mit Knut Hamsun sowie ihrer guten Kenntnis der strindbergschen Schriften als maßgeblich von diesen beeinflusst betrachtet werden. Sowohl deren Abhandlungen über den Philosophen als auch die wesentlichen Schriften Nietzsches selbst (allerdings nur im deutschen Original und nicht in schwedischer Übersetzung) standen ihr zur Verfügung, als sie daran ging, ihren eigenen Vortrag und späteren Essay über <em>Nietzsche und Goethe </em>anzufertigen.</p>
				<p>Diesen Essay hat Ellen Key in <em>Die Neue Rundschau </em>(1907)<footnote start="115">
						<p>Key, E.: Nietzsche und Goethe, in: Die Neue Rundschau, Berlin 1907, S. 385-404</p>
					</footnote>
					<em/>veröffentlicht. Darin vergleicht die schwedische Autorin den Charakter, die Le<pagenumber id="N10FA1" label="106" numbering="arabic" start="106"/>bensgestaltung und das Werk des Philosophen mit dem von Goethe &#8211; ein Vergleich, den sie bereits einige Jahre früher gezogen haben muss, da Georg Brandes schon in einem Brief an Key aus dem Jahre 1899 über eine derartige vergleichende Zusammensetzung spöttische Bemerkungen gemacht hat:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Herrliche weibliche Liebe zu einander scharf ausschließenden Personen und Ideen, welche Sie in einem großen warmen Herz vereinen.<footnote start="116">
								<p>Brandes, G.: Brief an Ellen Key (1899), zit. n.: Schimanski, F.: Nietzsche im Norden, in: Widersprüche - Zur frühen Nietzsche-Rezeption, hrsg. v. Andreas Schirmer u. Rüdiger Schmidt, Weimar 2000, S. 45</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Ellen Key, die verständlicherweise über diesen Brief ziemlich pikiert war, antwortete nach wenigen Monaten, wobei sie einen Teil ihrer Ansichten über Friedrich Nietzsche und seine Philosophie ebenso wie ihren Ärger über Georg Brandes in ihre Replik einfließen ließ:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Wertester Herr Georg Brandes - zu <em>Ihren </em>Tugenden gehört nicht die Unterscheidung <em>meiner </em>Gefühle!!! Denn: ich liebe N. (Nietzsche, K.M.), aber nicht seine Kriegsgedanken, deshalb kann ich auch den Friedensgedanken lieben; und ich liebe <em>gewisse Seiten </em>der christlichen Moral und meine deswegen, daß Nietzsche diese <em>unendlich oberflächlich</em> betrachtet hat - </p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>vor allem das Mitleid (welches er in blinder Wut gegen seine eigene Schwäche, tief mitleidsam zu sein, bekämpft).<footnote start="117">
								<p>Key, E.: Brief an Georg Brandes (1899), zit. n.: Schimanski, F.: Nietzsche im Norden, in: Widersprüche - Zur frühen Nietzsche-Rezeption, hrsg. v. Andreas Schirmer u. Rüdiger Schmidt, a.a.O., S. S. 45f.</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Insbesondere der nicht leicht zu überbrückenden Spannung zwischen dem von Georg Brandes als &#8222;aristokratischer Radikalismus&#8220; bezeichneten elitären Denken Nietzsches und ihrem eigenen demokratisch-sozialistischen Anspruch hat Key in ihren Ausführungen über den Philosophen einigen Tribut zollen müssen: </p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Aber als Nietzsche dann einen Ausweg aus dem Unglück suchte, daß die Großen und Seltenen den Kleinen und Gewöhnli<pagenumber id="N10FEB" label="107" numbering="arabic" start="107"/>chen geopfert werden, da beging er den verhängnisvollen Irrtum, diesen Ausweg in der Vervollkommnung der Minderzahl, nicht in der aufsteigenden Bewegung der ganzen Menschheit zu sehen... Denn daß er &#8222;mit dem Hammer philosophiert&#8220;, hindert nicht, daß er in diesem Falle nicht den Nagel auf den Kopf trifft. Der monistische Radikalismus ist viel aristokratischer als der Nietzsches. Er wollte nur den Übermenschen: Wir wollen die Übermenschheit.<footnote start="118">
								<p>Key, E.: Nietzsche und Goethe, a.a.O., S. 391f.</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Einerseits mochte Key am nietzscheschen Konzept des Übermenschen keine kritischen Abstriche vornehmen, und andererseits verspürte sie sehr wohl die Vorbehalte, welche der Philosoph in seinen Schriften den zu seiner Zeit favorisierten demokratischen und sozialistischen Gedankenexperimenten gegenüber an den Tag legte. Key behalf sich damit, eine utopische Gesellschaft der Zukunft zu imaginieren, welche auf demokratischen Fundamenten errichtet ist und sich von &#8222;Eliten und Übermenschen&#8220; unterrichten und leiten lässt:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Er (Nietzsche, K.M.) sah - wie alle Kulturidealisten - die möglichen Gefahren, die der Sozialismus für die Kultur der Zukunft mit sich bringen kann. Er sah aber nicht, daß der Sozialismus jetzt der Weg ist, der aus den Gefahren, die die höchsten Möglichkeiten der gegenwärtigen Kultur vernichten, hinaus führt. Er sah nicht, daß alles, was er an seiner eigenen Zeit am bittersten verabscheute - der von seiner sogenannten &#8222;Bildung&#8220; und seinem Reichtum aufgeblasene Pöbel, der durch Rohheit und Armut niedrig gesinnte und neidische Pöbel -, gerade zufolge der jetzigen Gesellschaftsordnung mächtiger geworden war denn je!<footnote start="119">
								<p>Key, E.: Nietzsche und Goethe, a.a.O., S. 397</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>In ihrem Essay <em>Nietzsche und Goethe </em>hat Key sich auch ausführlich mit dem Konzept des &#8222;Willens zur Macht&#8220; auseinandergesetzt. Ganz richtig interpretierte sie dieses für Nietzsche wichtige Grundprinzip alles Lebendigen beim Menschen als eine Tendenz, die Konturen und Inhalte der eigenen Person zu steigern und zu übergipfeln. Nicht Macht über andere, son<pagenumber id="N11015" label="108" numbering="arabic" start="108"/>dern Beherrschung der eigenen Antriebe, Impulse und Affekte mache den &#8222;Willen zur Macht&#8220; letztlich aus:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Irrig hat man Nietzsches &#8222;Willen zur Macht&#8220; als Machtbegierde im gewöhnlichen Sinne des Wortes gedeutet. Die beiden Worte, die er so oft durch Gleichheitszeichen vereint - Selbst=Sucht und Selbst=Zucht - wie auch das Wort, womit er den Willen zur Macht umschrieben hat - Selbstzuwachs -, zeigen klar, was er gemeint hat.<footnote start="120">
								<p>Key, E.: Nietzsche und Goethe, a.a.O., S. 392</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Viele Widersprüche, die in der Philosophie und Biographie Nietzsches selbst begründet lagen, versuchte Key elegant aufzulösen. Nietzsche, dem bedeutend weniger Lebenszeit zur Verfügung gestanden hat als Goethe, habe deshalb die Disparatheiten seines Wesens nicht beseitigen können und sie ungeklärt den Interpreten seiner Biographie als Aufgabe hinterlassen müssen.</p>
				<p>Für Ellen Key war Nietzsche ein Philosoph, bei dem das wissenschaftliche Denken dem Primat einer künstlerischen Intuition und Darstellungskraft immer wieder unterlag. Wenn Nietzsche über das Leben, die Menschen, die Moral oder die Religion nachdachte, tat er dies auf eine außerordentlich poetische und künstlerische Art und Weise. Oft war er mehr Musiker als trockener Denker, mehr Dichter als Logiker:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Seine Methode war nicht die Logik, sondern das Spiel. Seine Lust war es, Fragen zu stellen und andere zu Fragenden zu machen, nicht zu antworten. Und man hat sehr wahr gesagt: Wenn er antwortet, dann will er nicht beweisen, sondern überreden.<footnote start="121">
								<p>Key, E.: Nietzsche und Goethe, a.a.O., S. 385</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Ellen Keys Lektüre und Interpretation der nietzscheschen Philosophie war vorrangig auch daraufhin ausgerichtet, in dem Philosophen einen wichtigen Vorläufer und Ideengeber für ihre eigene Reformpädagogik zu sehen. In diesem Sinne kann auch das Nietzsche-Zitat aus dem <em>Zarathustra </em>verstanden werden, welches Key als Motto an den Anfang von <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>gestellt hat:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>
							<pagenumber id="N11053" label="109" numbering="arabic" start="109"/>Eurer<em> Kinder Land </em>sollt ihr lieben: diese Liebe sei euer neuer Adel, - das unentdeckte, im fernsten Meere! Nach ihm heiße ich euer Segel suchen und suchen!</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>An euren Kindern sollt ihr <em>gut machen</em>, daß ihr eurer Väter Kinder seid: alles Vergangene sollt ihr so erlösen! Diese neue Tafel stelle ich über Euch! <em>Also sprach Zarathustra</em>.<footnote start="122">
								<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 10</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Wo Key hier nun meint, Nietzsche habe offenbar ein Plädoyer für eine Pädagogik &#8222;vom Kinde her&#8220; abgegeben, hat der Nietzsche Kenner Christian Niemeyer dazu jedoch angemerkt:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Keys Absicht ging dahin, Nietzsche als Hauptanreger der Reformpädagogik und Kinderforschung zur Geltung zu bringen. Dabei war sie offenkundig recht unbekümmert darum, daß Zarathustra diese seine Forderung mit dem von ihr nicht zitierten Wort eingeleitet hatte: &#8222;Vertriebene sollt ihr sein aus allen Vater- und Urväterländern!&#8220; Dieses Wort ist aber durchaus nicht nebensächlich. Denn ein in diesem Sinn &#8222;Vertriebener&#8220; war auch Nietzsche... Ausgehend von dieser deutlich autobiographischen Notiz stünde das von Key zitierte Zarathustra-Wort erst in zweiter Linie für eine kühne Vorwegnahme der reformpädagogischen Programmatik.<footnote start="123">
								<p>Niemeyer, Ch.: Nietzsches andere Vernunft - Psychologische Aspekte in Biographie und Werk, Darmstadt 1998, S. 90f.</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Obgleich Key in der Stockholmer Zeitung <em>Aftonbladed </em>als &#8222;schwedische Prophetin des Nietzscheanismus&#8220; bezeichnet wurde, hat sie dessen Philosophie zumindest teilweise im Sinne ihrer eigenen pädagogischen Bemühungen und dem ihrer Reformpädagogik zugrunde liegenden Menschenbild ausgewählt und ausgelegt. Sie war mehr eine &#8222;Prophetin ihrer eigenen Pädagogik&#8220; denn der nietzscheschen Philosophie.</p>
			</section>
		</chapter>
		<chapter id="chapter6" label="6.">
			<head>
				<pagenumber id="N11096" label="110" numbering="arabic" start="110"/>Key und die Dichtung </head>
			<p>
				<br/>Selbst unter akademischen Psychologen gilt es heute als einigermaßen ausgemachte Sache, dass die älteste Psychologie in der Sprache der Menschen verborgen ist. Von daher ist es nicht verwunderlich, wenn diejenigen, welche die Sprache am vollkommensten beherrschen - nämlich die Dichter -, in ihren Werken ebenfalls schon seit Jahrtausenden eine gewisse Form der Seelenkunde zum Ausdruck bringen. Eindrückliche Beispiele einer derartigen, in der Dichtung enthaltenen Psychologie finden sich etwa in den Dramen Shakespeares und Schillers, in den Romanen Goethes oder Dostojewskis oder auch in den Erzählungen Maupassants oder Tschechows. Unter anderem Sigmund Freud und Alfred Adler haben häufig auf diese und viele weitere Dichter als ungemein hellsichtige und hoch zu schätzende Vorläufer ihrer eigenen Zunft hingewiesen.</p>
			<p>Auch Key war als Pädagogin, Psychologin und Kulturanalytikerin immer bereit, in den Bereichen von Kunst, Wissenschaft und Philosophie nach allfälligen Traditionen und Vorläufermodellen zu suchen, die für ihre eigenen Ansichten und Konzepte relevant hätten sein können. In diesem Zusammenhang stieß sie schon früh auf die skandinavische wie auch auf die übrige europäische Literatur, die sie bald außerordentlich schätzen lernte. Hier begegneten ihr Werke, die ihrem Anspruch nach ästhetischer ebenso wie nach authentischer Gestaltung der Wirklichkeit entgegenkamen und sie zu vielfältigen Abhandlungen und essayistischen Studien inspirierten.</p>
			<p>Darüber hinaus war Ellen Key meist auf der Suche nach Modellen eines wahrhaft humanistisch und aufgeklärt geführten Daseins. In den ersten Jahrzehnten ihres Lebens bis etwa 1900 beschäftigte sie sich mit einzelnen Schriftstellern, Künstlern oder Intellektuellen nicht nur wegen deren spezifischen Leistungen, sondern vorrangig auch aufgrund ihrer biographischen Eigentümlichkeiten und unterschiedlichen Lebensstile, von denen die schwedische Pädagogin hoffte, Antworten auf die Fragen nach der eigenen Lebensführung zu erhalten. An drei Beispielen soll im folgenden dieses komplexe Interesse Keys an der Literatur exemplifiziert werden: an Goethe, Ibsen und Rilke. Aus chronologischen Erwägungen und ebenso wegen seiner zentralen Bedeutung für Ellen Key beginnen wir mit dem Weimarer Dichterfürsten.</p>
			<section id="N110A6" label="6.1.">
				<head>
					<pagenumber id="N110AA" label="111" numbering="arabic" start="111"/>Johann Wolfgang Goethe (1749-1832)</head>
				<p>
					<br/>Wer, wie Ellen Key, die Pädagogik und Psychologie in der Tradition der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte verankert, kommt kaum umhin, sich mit einer ausnehmend wichtigen und zentralen Gestalt dieser Geschichte auseinander zusetzen: mit Goethe. Der Weimarer Olympier galt und gilt immer noch als Universalgenie, das für Wissenschaft, Kunst und Philosophie gleichermaßen Zeit überdauernde Akzente zu setzen vermochte.</p>
				<p>Es ist interessant, dass Ellen Key über Goethe keinen eigenständigen Essay und keine umfangreichere Abhandlung angefertigt hat. Obschon er als Ideengeber und Modell einer gelungenen Persönlichkeitsentwicklung für sie von immens hohem Wert war, vermied Key es, ihm - anders etwa als Diderot, Verhaeren, Rodin, Nietzsche, Rilke, Barret-Browning usw. - dezidiert ein literarisches Denkmal zu setzen. </p>
				<p>Für dieses Faktum kann man wahrscheinlich die tiefe und umfassende Bewunderung, die Key für Goethe die meiste Zeit ihres Lebens über hegte, verantwortlich machen. Ihm und seinem Werk gegenüber muss die schwedische Schriftstellerin beinahe so etwas wie Ehrfurcht und Hochachtung verspürt haben, die es ihr unmöglich erscheinen ließen, ihr hochverehrtes Idol und Vorbild in Worten und Sätzen zu objektivieren und damit in gewisser Weise auch zu reduzieren. Statt dessen erwähnte Key in vielen ihrer Aufsätze Goethe beinahe <em>en passant. </em>Ihre Ansichten und Urteile über Goethe sind deshalb nicht kurz und bündig in Form einer Abhandlung nachzulesen, sondern über ihr gesamtes Oeuvre verstreut.</p>
				<p>Wie sehr sich Ellen Key in die goethesche Gedankenwelt eingelebt hatte, brachte einmal der Reformpädagoge Paul Geheeb (1870-1961) zum Ausdruck, der als Zeitgenosse seiner schwedischen Kollegin deren pädagogische Ausführungen ebenso sehr wertschätzte wie ihre psychologischen und kulturanalytischen Studien. In einem öffentlichen Brief aus dem Jahre 1939, der in der Berner Zeitung <em>Die Nation </em>abgedruckt wurde, schrieb Geheeb:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Ellen Key war eine der gelehrigsten Jüngerinnen Goethes; wie nahe Goethes geistige Welt der Pestalozzis steht, bedarf kaum noch eines Hinweises; und Ellen Key gebührt das Verdienst, <pagenumber id="N110C9" label="112" numbering="arabic" start="112"/>ungezählten Tausenden Goethe und Pestalozzi erst recht nahe gebracht zu haben.<footnote start="124">
								<p>Geheeb, P.: Brief an die Redaktion der Zeitung <em>Die Nation</em> (1939), zit. n.: Dräbing, R.: Der Traum vom Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 379f.</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Neben seinen literarischen und künstlerischen Leistungen begeisterte sich Key vor allem für Goethes Weltanschauung, für seine Anthropologie und schließlich auch für seine Art und Weise, sein eigenes Leben und seine Person als exquisites Kunstwerk zu begreifen und zu gestalten. In ihrem Buch <em>Der Lebensglaube. Betrachtungen über Gott, Welt und Seele </em>(1906) hebt sie an Goethe besonders dessen permanente Bereitschaft, das Leben in allen seinen Spielarten und Konsequenzen zu bejahen, hervor. Den Sinn des Daseins nicht in transzendenten Mächten oder Sphären, sondern mitten in der menschlichen Existenz zu suchen, überzeugte die schwedische Intellektuelle sehr.</p>
				<p>Dass diese menschliche Existenz in vielen Facetten außerordentlich polar und widersprüchlich angelegt ist, wusste Goethe nur zu genau. Die Tektonik seiner eigenen Person wies zu dieser Polarität des menschlichen Daseins viele Analogien auf, so dass für den Weimarer Dichter in vielerlei Hinsicht die Möglichkeit gegeben war, die Problematik der eigenen Biographie in der allgemeinen Menschheitsgeschichte und umgekehrt auch die Themen des Menschlich-Allzumenschlichen in den Umrissen des eigenen Selbst wiederzuerkennen. </p>
				<p>Beispiele für eine derartige Polarität bei Goethe waren etwa seine ausgeprägte Neigung zur Individualität wie auch zur Geselligkeit, seine &#8222;introvertierte Extraversion&#8220;, seine vergeistigte Sinnlichkeit respektive sinnliche Intellektualität, seine Expansivität und Furchtlosigkeit bei gleichzeitiger schüchterner Zurückhaltung und ängstlicher Vorsicht, sein kulturelles Weltbürgertum und seine provinzielle Ausrichtung nach Weimar und vieles andere mehr. Die Kunst seiner Daseinsgestaltung bestand darin, zwischen diesen teilweise extremen Widersprüchlichkeiten für Ausgleich zu sorgen, wobei sich dieser Ausgleich oft genug in Form von Dichtung, bisweilen aber auch als wissenschaftliche und selten als philosophische Bemühung bemerkbar machte. Neben vielen anderen Leistungen hat Ellen Key diese goethesche Balance zwischen den Widersprüchen und Polaritäten als eine seiner größten anerkannt:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>
							<pagenumber id="N110EE" label="113" numbering="arabic" start="113"/>Für ihn war &#8222;alle Anschauung Denken, alles Denken Anschauung&#8220;; ja, man kann auch sagen, daß er stets bemüht ist, das Denken in Handeln umzusetzen. Seine Allseitigkeit ist nur mit der Leonardos vergleichbar, der jedoch nicht all die extremen Gegensätze barg, die Goethe nach zahllosen Mühen allmählich in Harmonie auflöst und dadurch jene Lebensanpassung in höchstem Sinn erreicht, die sein Ziel war.<footnote start="125">
								<p>Key, E.: Der Lebensglaube - Betrachtungen über Gott, Welt und Seele, Berlin 1906, S. 277</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Viele Goethebiographen - z.B. Richard Friedenthal<footnote start="126">
						<p>Friedenthal, R.: Goethe - sein Leben und seine Zeit, München 1963</p>
					</footnote>, Nikolas Boyle<footnote start="127">
						<p>Boyle, N.: Goethe I/II, München 1995/99</p>
					</footnote>, Georg Brandes<footnote start="128">
						<p>Brandes, G.: Goethe, Berlin 1922</p>
					</footnote>, Karl Otto Conradi<footnote start="129">
						<p>Conradi, K.O.: Goethe - Leben und Werk, Königsstein/Taunus 1982</p>
					</footnote>, Emil Staiger<footnote start="130">
						<p>Staiger, E.: Goethe, Band 1-3 (1952f.), Zürich 1981</p>
					</footnote>, Kurt Viëtor<footnote start="131">
						<p>Viëtor, K.: Goethe. Dichtung - Wissenschaft - Weltbild, Bern 1949</p>
					</footnote> - haben in ihren Schriften betont, dass eine der größten Lebensleistungen Goethes darin bestanden hätte, die teilweise enorme Spannung zwischen den eben angedeuteten Polaritäten ausgehalten und als dynamisches Fundament seiner Persönlichkeitsentwicklung genutzt zu haben. Neben seinen dramatischen, epischen und lyrischen Kunstwerken imponieren seine Biographie sowie das immense Niveau seiner Personalität als die herausragenden und immer wieder staunen machenden Leistungen seiner Existenz. Nicht nur sein Werk, sondern sein Dasein insgesamt als Schöpfungsauftrag zu betrachten - das zeichnete Goethe aus und hob ihn über viele andere Künstler seiner Epoche hinaus. Auf eben diesen Gedanken verwies auch Ellen Key in ihrem Essay <em>Der Lebensglaube, </em>den sie im gleichnamigen Buch (Berlin 1906) publiziert hat.</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Hätte Goethe in unserer Zeit gelebt, wie vollständig hätte er nicht mit all jenen übereingestimmt, die jetzt in allen Ländern gegen das Maschinenleben der Gegenwart betonen, daß die Arbeit der Kraftbefreier nicht der Kraftbinder sein soll; daß das Schaffen eines Lebens in Schönheit das Ziel unserer Arbeit sei.<footnote start="132">
								<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 284</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Dieses &#8222;Schaffen eines Lebens in Schönheit&#8220;, das gleichbedeutend ist mit <pagenumber id="N11142" label="114" numbering="arabic" start="114"/>einer Stilisierung und Verfeinerung der eigenen Existenz, wurde von Goethe als eine exquisite Aufgabe von Individuen betrachtet, welche Willens und in der Lage sind, der Welt um sie her Wert zu verleihen. Der Weimarer Dichter hatte von Jugend auf verstanden, dass die Wert- und Sinnhaftigkeit eines Daseins demselben nicht per Zufall oder durch äußere Machination zufällt, sondern dass der Betreffende selbst sich und seinem Leben Wert und Sinn verleihen müsse. Nur derjenige, der Werte und Sinnhorizonte erkennt, anerkennt und realisiert, werde letztlich mit einem sinnerfüllten und wertvollen Dasein belohnt. Auch diese Aspekte des Werterkennens und der Realisierung von Sinn wurden von Ellen Key im eben erwähnten Essay ausgeführt:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Schon früh sieht man ihn (Goethe, K.M.) unter widrigen Schicksalen das Leben mit Nachsicht behandeln, so wie man einen Unzurechnungsfähigen behandelt. Und bald begreift er, daß der Wert des Menschen von seiner Macht abhängt, dem Leben Werte zu verleihen. Nicht grübelnd, nur handelnd entdeckt der Mensch, was in ihm liegt. Vor allem im Handeln für große Ziele.<footnote start="133">
								<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 285</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Für Ellen Key waren Goethes Leben wie auch sein Werk eine unermessliche Fundgrube psychologischer, pädagogischer und anthropologischer Erkenntnisse. Immer wieder zitierte die Schwedin den Weimarer Dichter, um an ihm oder seinen Figuren ihre eigenen Ansichten und Überzeugungen zur Psychologie, Pädagogik und Anthropologie zu eichen oder zu bestätigen. Insbesondere die Figur des Faust wurde von Key öfter herangezogen, um modellhaft zu demonstrieren, welche grundlegenden Sehnsüchte, Konflikte und existentiellen Nöte den Menschen auszeichnen. In ihm erkannte Key den Prototyp eines Individuums, welches ein uneingeschränktes Bekenntnis zum Leben und zur Welt sowie zum eigenen Selbst abgibt und trotz Niederlagen, Schuld und Scheitern nicht in masochistische Selbstvorwürfe oder Selbstaufopferung verfällt. Ähnlich wie Faust - so Key - habe Goethe sein Leben als Möglichkeit der Selbstwertsteigerung und Selbstentfaltung interpretiert:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>
							<pagenumber id="N11162" label="115" numbering="arabic" start="115"/>Goethe stellt die Selbstentwicklung - die Befreiung des Einzelnen und der Menschheit von innen heraus, durch Erreichung immer höherer Entwicklungsformen - sowohl der Ohnmachtslehre des Christentums wie der Irrlehre der Aufklärungszeit, daß der Mensch vollkommen aus der Hand der Natur hervorgegangen sei, entgegen.<footnote start="134">
								<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 288</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Dieser letzte Gedanke stellt eine Anspielung auf die Pädagogik und Anthropologie von Jean-Jacques Rousseau dar, dessen diesbezügliche Ansichten im Kapitel über <em>Ellen Key und ihre pädagogischen Vorläufer</em> ausführlich erörtert werden. An dieser Stelle mag es daher genügen, lediglich darauf hinzuweisen, dass Rousseau von der Prämisse der naturgegebenen Güte und Vollkommenheit des Menschen ausgegangen ist, den erzieherische und kulturelle Einflüsse in der Regel angeblich verderben und dessen ursprüngliche Vollkommenheit sie reduzieren. </p>
				<p>Ellen Key nahm in ihrer eigenen Pädagogik einen entgegengesetzten Standpunkt ein. Vehement vertrat sie immer wieder die Meinung, dass die Menschen erst durch Erziehung und günstige kulturelle Einflüsse sich zu einem humanistischen Niveau hin entwickeln können und dass der <em>Homo sapiens</em> bei Geburt zwar über eine beachtliche Anzahl von Möglichkeiten und Fähigkeiten des Lernens verfüge, diese aber gefördert und gepflegt werden müssen, um aus ihm ein wahrhaft menschliches Wesen erwachsen zu lassen.</p>
				<p>Gleichzeitig mit ihrer Absage an die von Rousseau vertretene Position der naturgegebenen Vollkommenheit des Menschen vertrat Key jedoch ein anderes erzieherisches Ideal der Aufklärungszeit, das da lautete: Der Mensch kann bei intensiver Förderung zu allem erzogen werden. Ein illustres Beispiel für einen derartigen pädagogischen Enthusiasmus stellte in den Augen der schwedischen Reformpädagogin Goethe dar. In ihrem Buch <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>nahm Key im Kapitel über <em>Die Schule der Zukunft </em>auf die Art und Weise Bezug, wie der Knabe Johann Wolfgang in Frankfurt derart günstig erzogen wurde, dass aus ihm der spätere Dichter Goethe werden konnte. An ihm &#8211; so Key &#8211; und seiner Erziehung könne man Maß nehmen, wenn man eine Pädagogik der Zukunft entwerfen wolle:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>
							<pagenumber id="N1118D" label="116" numbering="arabic" start="116"/>Goethes Erziehung ist in diesem Falle ideal, wenn man von einiger Pedanterie auf Seiten des Vaters absieht. Am Arbeitstische seiner Mutter lernt er die Bibel kennen; Französisch lernt er von einer Theatertruppe; Englisch von einem Sprachmeister zusammen mit dem Vater; Italienisch, indem er die Schwester in dem Gegenstande unterrichten wird; Mathematik von einem Freunde des Hauses, und Goethe wendet sie sogleich an: zuerst bei seinen Papparbeiten, später bei seinen architektonischen Zeichnungen... Er wandert mit dem Vater herum, lernt verschiedene Handwerke beobachten, kleine Aufträge ausführen usw. ... Für das Kind wie für den Erwachsenen gilt Goethes Wort, daß Glück die Entwicklung unserer Fähigkeiten ist.<footnote start="135">
								<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 173ff.</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Noch für eine weitere, für Ellen Key überaus wichtige Thematik war Goethe ein Vorbild und Prototyp: Als <em>Homo religiosus</em>, dessen Religion in nichts anderem denn seinem Lebensglauben bestand. Wie in dem Kapitel über <em>Ellen Key und die Religion </em>näher ausgeführt, kann auch ihre Weltanschauung und Religiosität als ein im weitesten Sinne Lebensglaube bezeichnet werden. Ähnlich wie für Spinoza bedeutete die Natur für Goethe das Göttliche: <em>Deus sive natura</em> - Gott und Natur sind eins. Diese pantheistische Auffassung des einsamen Philosophen aus Amsterdam wurde zur Richtschnur auch für Goethes Welt- und Naturauffassung. Ganz richtig stellte Key dabei fest, dass Goethe jedoch in Ergänzung zu Spinoza den Gedanken einer evolutionären Dynamik in dessen Weltbild integriert habe. Damit habe der Dichter den Wert des Lebendigen nochmals gesteigert und ihm eine quasi göttliche Rolle zuerkannt. Diesem Leben - in Goethes Worten: diesem &#8222;Stirb und werde!&#8220; - begegnete Goethe mit einer unbedingten Bejahung und Frömmigkeit, von der Key meinte, sie könne ein Modell abgeben für eine zeitgemäße und diesseits orientierte Religiosität:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Ehe Goethe kam, lag das Weltbild, das Spinoza geschaffen, strahlend, aber erstarrt da... Durch den Entwicklungsgedanken brachte Goethe Bewegung in Spinozas stille Welt. Nicht auf dem Wege der Beweisführung, sondern auf dem der Ahnung vereint Goethe Gegensätze, die noch jetzt als unvereinbar angesehen werden. Er fühlte mit der lebendigsten Gewißheit, daß <pagenumber id="N111AF" label="117" numbering="arabic" start="117"/>alle die Begriffe, die der Dialektiker einander &#8222;ausschließen&#8220; läßt, sich nicht aus der Wirklichkeit ausschließen lassen... Da ist der Monismus Wahrheit und doch der Dualismus unverkennbar!... Er liebt das Leben in allen seinen Formen, den Weltzusammenhang in allen seinen Gesetzen... Aber Leben, das bedeutete für ihn nicht mit der Seele allein, nicht mit den Sinnen allein zu leben, sondern mit beidem. Es gibt nichts jenseits der Natur.<footnote start="136">
								<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 273</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Key betont mehrfach in ihrem Werk, dass Goethe mit seinen Ansichten zur Metamorphose (etwa der Pflanzen, aber auch der Tiere und möglicherweise der Menschen) bereits nahe an die evolutionistischen Konzepte von Charles Darwin und Herbert Spencer herandachte. Mit seiner Suche nach der &#8222;Urpflanze&#8220;, aus der sich die gesamte Flora entwickelt haben sollte, war Goethe tatsächlich zu einem Vorläufer der Deszendenz-Theorie geworden, die er jedoch nicht in einem naturwissenschaftlichen, sondern eher in einem naturphilosophischen Sinne vorausahnte. </p>
				<p>Diese Interpretation Goethes als Evolutionist kam Key entgegen, da sie ihre eigene Pädagogik wie auch ihr nicht immer explizit formuliertes Menschenbild vor dem Hintergrund einer umfassenden evolutionären Dynamik konzipierte. Goethe sollte ihr als Gewährsmann dafür dienen, dass die naturwissenschaftlichen bzw. biologischen Modelle Darwins auf die kulturellen - also die historischen, sozialen, politischen und psychologischen - Fragestellungen, welche Ellen Key zu beantworten suchte, anwendbar seien. Freilich geriet sie dabei immer wieder in die Gefahr, die Natur zu anthropomorphisieren und die Kultur zu naturalisieren.</p>
			</section>
			<section id="N111C6" label="6.2.">
				<head>Henrik Ibsen (1828-1906)</head>
				<p>
					<br/>Für Ellen Key war der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen ein außergewöhnlich wichtiger und für ihre Weltanschauung wie auch für ihre persönliche Entwicklung relevanter Künstler und Dichter. Obschon Ibsen und Key Zeitgenossen und beide in Skandinavien geboren waren - Ibsen stammte aus dem kleinen, an der Südküste Norwegens gelegenen Städtchen Skien -, haben sich beide persönlich wahrscheinlich nicht direkt kennen gelernt. </p>
				<p>
					<pagenumber id="N111D2" label="118" numbering="arabic" start="118"/>Zumindest einmal jedoch könnte Ellen Key den Dichter kurz gesehen und wohl auch gehört haben. Es war dies im September 1887, als Ibsen einige Wochen lang in Göteborg und dann in Stockholm weilte und man ihm zu Ehren ein großes Bankett abhielt, auf dem er eine kleine Rede über seine Vorstellungen die Zukunft der Menschheit betreffend hielt.<footnote start="137">
						<p>Siehe hierzu: Ferguson, R.: Henrik Ibsen - eine Biographie (1996), Darmstadt 1998, S. 413</p>
					</footnote> Key, die zu jener Zeit in Stockholm arbeitete, zitierte später in einem Essay über Henrik Ibsen einige Passagen aus dieser Rede ziemlich wortgetreu, so dass angenommen werden darf, dass sie bei jener Feier anwesend war (obgleich sie den Zeitpunkt des Stockholmbesuchs Ibsens in ihrer Erinnerung um ein Jahr vorverlegte).</p>
				<p>Neben der Tatsache, dass Ibsen in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts ein viel diskutierter Autor und allein schon deshalb für Key kein Unbekannter war, hatte die Schwedin darüber hinaus Gelegenheit, den norwegischen Dramatiker und seine künstlerische Bedeutung auch in einigen Aufsätzen von Georg Brandes kennen zu lernen. Brandes nämlich hatte bereits 1867 und 1882 größere Arbeiten über Ibsen verfasst, die er in seinem Sammelband <em>Moderne Geister - Literarische Bildnisse aus dem 19. Jahrhundert</em>
					<footnote start="138">
						<p>Brandes, G.: Moderne Geister - Literarische Bildnisse aus dem 19. Jahrhundert, vierte Auflage, Frankfurt am Main 1901</p>
					</footnote> (1882/1897/1901) publizierte - ein Sammelband, den Ellen Key sicherlich kannte und schätzte.</p>
				<p>Henrik Ibsen war zwar eine Generation älter als Ellen Key, hat aber dennoch in seinen Schriften derart moderne und progressive Ideen vertreten, dass Key und viele weitere Intellektuelle ihrer Zeit den norwegischen Dichter als ihresgleichen empfanden und akzeptierten. Ibsen begann seine Karriere in Norwegen, indem er kleinere Regiearbeiten an diversen Theatern übernahm und gleichzeitig für etliche Zeitungen als Rezensent für Theateraufführungen tätig war. Parallel dazu versuchte er sich als Lyriker und Dramatiker, was in seinem Vaterland mit nur mäßigem Applaus quittiert wurde.</p>
				<p>Ibsen erlebte die kulturelle Situation in Norwegen als ziemlich trist und geistlos.<footnote start="139">
						<p>Siehe hierzu: Ferguson, R.: Henrik Ibsen - Eine Biographie, a.a.O.</p>
					</footnote> Als er deshalb aufgrund eines Stipendiums die Möglichkeit für sich gekommen sah, Skandinavien, das bis anhin seine künstlerischen Bemühungen kaum zur Kenntnis genommen hatte, hinter sich zu lassen, ergriff er diese Chance und ging 1864 zuerst nach Italien und vier Jahre später für ein Jahrzehnt nach Deutschland. Vor allem in Deutschland - in <pagenumber id="N111F7" label="119" numbering="arabic" start="119"/>München, Dresden und Berlin - war man auf den jungen Dramatiker aus dem Norden aufmerksam geworden, und Ibsen fühlte sich aufgrund der positiven Reaktionen der deutschen Theaterlandschaft hier ziemlich wohl und teilweise sogar anerkannt.<footnote start="140">
						<p>Siehe hierzu: Hamburger, K.: Ibsens Drama in seiner Zeit, Stuttgart 1989</p>
					</footnote>
				</p>
				<p>Bis 1891 lebte Ibsen abwechselnd in Deutschland und Italien, bis er schließlich - nach insgesamt 27 Jahren in der Fremde - wieder nach Norwegen zurückkehrte und seinen Lebensabend bis zu seinem Tod in Christiania verbrachte. In der Zwischenzeit war er zu einem Künstler europäischen Formats gereift, der eine außerordentliche intellektuelle wie auch persönliche Entwicklung genommen hatte. </p>
				<p>So hatte er etwa während seiner ersten Zeit in Italien innerhalb nur weniger Jahre einige seiner bekanntesten Theaterstücke wie etwa <em>Brand </em>(1866) oder <em>Peer Gynt</em> (1867) verfasst. In diesen Dramen fand Ibsen zu seiner eigenen Sprache, Dramaturgie und vor allem Psychologie. Die Thematik eines radikalen Individualismus und des Einzelnen, der einer unverständigen und philiströsen Majorität gegenübersteht und gezwungen ist, seine Sache auf nichts oder besser nur auf sich selbst zu stellen - diese Thematik, die natürlich auch Ibsens ureigenste darstellte, wurde von ihm in diesen beiden frühen Theaterstücken, die in Rom entstanden waren, glanzvoll auf die Bühne gebracht.</p>
				<p>Mit dieser Thematik hat Ibsen (in Anlehnung an Sören Kierkegaard) bereits im 19. Jahrhundert ein Problem erkannt und benannt, das in seiner ganzen Schärfe und Dimension erst im 20. Jahrhundert evident wurde: Das Verhältnis des Einzelnen zur Masse bzw. die Relationen von Personen und ihren Handlungen zur Moral und Ethik der Vielen, die als Konventionen und tradierte Werte und Normen imponieren. </p>
				<p>Exakt an dieser Fragestellung war auch Ellen Key interessiert, und so nimmt es nicht Wunder, dass sie die Texte Henrik Ibsens vorrangig unter dem Aspekt des Individualismus und der Persönlichkeitsentwicklung las und interpretierte: </p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Es gibt glücklicherweise keine Sache, keine Partei, für die Ibsen gekämpft hat. Glücklicherweise, denn da wäre er nicht Ibsen, der Fanatiker der Persönlichkeit, der ... in seinen Zeitgenossen die Gewißheit wecken konnte: Daß die Befreiung der Persönlichkeit das einzige Glück ist, und der Mut, in allen großen und <pagenumber id="N1121B" label="120" numbering="arabic" start="120"/>kleinen Augenblicken des Lebens ganz sein Ich zu sein, der einzige Weg zu diesem Glück. Das ist der Königsgedanke, durch den Ibsen das Herrscherrecht über sein Reich bewiesen hat!<footnote start="141">
								<p>Key, E.: Ibsens Individualismus (1898), in: Die Wenigen und die Vielen, Berlin 1901, S. 128f.</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Ibsen (wie auch Key) betonte in vielen seiner Schriften, dass die Entwicklung einer individuellen Persönlichkeit als große Ausnahme und als rechter Glücksfall zu betrachten sei. Normalerweise treffe man auf Menschen, die sich an die Moden, Meinungen und Machenschaften der Majorität anlehnen und es tunlichst vermeiden, zu ihr Distanz aufkommen zu lassen. Dies liege gewissermaßen in der Natur des <em>Homo sapiens</em>, der entwicklungsgeschichtlich betrachtet ein Herdentier war, und bei dem sich große Angst und Unsicherheit eingestellt haben muss, sobald er sich vereinzelt oder ausgestoßen gefühlt hat. Wenn Individuen der Moderne Abstand zum Kollektiv oder zur Sozietät nehmen sollen, werden sie oft automatisch an diese archaischen Ängste erinnert und verhalten sich daraufhin entsprechend konform.</p>
				<p>Doch nicht nur die Befürchtungen des Einzelnen, ohne die Vielen oder zumindest ohne ihre Anerkennung nicht leben zu können, verhindert in den meisten Fällen die Ausbildung einer profilierten Persönlichkeit. Auch die Majorität hat wenig Interesse daran, dass einige wenige ihrer Mitglieder zu Individuen und Personen heranreifen und sich damit im Erleben der Masse über sie erheben. Normalerweise reagiert eine Sozietät mit ungeheurem Nivellierungsdruck, sobald manche Menschen es wagen, eigene Entwürfe ihres Daseins zu machen oder gar zu realisieren. Das Wachstum von Individualität und Persönlichkeit muss der Majorität regelrecht abgetrotzt werden und bedeutet beinahe immer ein konflikthaftes und bisweilen sogar gefährliches Unterfangen.</p>
				<p>Key bewunderte und erkannte nun an manchen Bühnenfiguren Ibsens deren Kraft und Willen, sich gegen die Überzeugungen und Vorstellungen der sie umgebenden Gruppierung oder Masse zu stellen: </p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Durch die Schilderung von Menschen, welche die kleinen Gesetze ihrer Natur den großen den Weg versperren lassen, hat Ibsen das Persönlichkeitsprinzip vertieft. Welches sind die großen Gesetze? Wie kann das Individuum seiner Eigenart frei fol<pagenumber id="N1123D" label="121" numbering="arabic" start="121"/>gen und zugleich eine reiche Harmonie erreichen? Wie kann es die Energie der Impulse bewahren und dennoch maßvoll schön werden? Wie soll es den Egoismus beherrschen und doch die Stärke bewahren können? Wie soll das Gewissen sich verfeinern und trotzdem frisch bleiben?<footnote start="142">
								<p>Key, E.: Ibsens Individualismus, a.a.O., S. 130</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Ibsen hat in seinen Dramen Figuren geschaffen, die jeweils verschiedene Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung bzw. Individuation verkörpern. Außerordentlich bekannt geworden ist etwa Nora, die Hauptperson aus <em>Nora oder ein Puppenheim </em>(1879). Diese Frau, der ganz unzweifelhaft die Sympathien Ibsens gegolten haben, erobert sich in einem mühsamen und schmerzvollen Erkenntnisprozess letztlich die innere Freiheit und Souveränität, ihren Gatten, der sie wie eine Puppe behandelt und dementsprechend nicht verstanden hat, zu verlassen. Sie tut dies, obschon sie dabei ihre Kinder bei ihm zurücklassen muss - eine Handlung, deretwegen Ibsen von vielen Zeitgenossen überaus heftige Kritik und großes Unverständnis einstecken musste.<footnote start="143">
						<p>Siehe hierzu: Admoni, W.: Henrik Ibsen, München 1991</p>
					</footnote>
				</p>
				<p>Im Gegensatz zu Nora hat Ibsen in der Figur der <em>Hedda Gabler</em> im gleichnamigen Stück (1890) eine Frauengestalt auf die Bühne gebracht, welcher der Emanzipationsprozess und damit auch das Wachstum ihrer Individualität und Persönlichkeit nicht gelingt. Hedda Gabler ist verheiratet mit dem erfolgreichen, aber ungemein langweiligen Jungprofessor Jörgen Tesman. Mit ihm zusammen bezieht sie eine kleine Villa auf dem Lande, die sie hübsch einrichtet und von der sie jedoch bald schon bemerkt, dass sie eine Art goldener Käfig bedeutet, in dem sie keinerlei Impulse zur Entwicklung ihrer Persönlichkeit zu erwarten hat.</p>
				<p>Glücklicherweise erhält das junge Paar bald Besuch von dem genialen Schriftsteller Ejlert Lövborg und dessen Muse Thea Elvsted. Hedda Gabler, die früher in Lövborg verliebt gewesen war, verspricht sich von dem Besuch Belebung und Abenteuer ihres trist-schönen Daseins. Weil jedoch weder der Schriftsteller noch Tesman den hochgesteckten Idealen dieser Frau nach immerwährender Spannung und permanentem Wechsel der Verhältnisse Genüge leisten können, jagt sich Hedda Gabler zum Ende des Stückes mit der Pistole ihres Vaters eine Kugel in den Leib, um endlich den angeblich so passiv-langweiligen Männern ihres Lebens zu <pagenumber id="N11262" label="122" numbering="arabic" start="122"/>demonstrieren, was denn &#8222;eine Tat&#8220; sei. Hedda Gabler scheitert in ihrem Prozess der Individuation, weil sie ihn lediglich <em>gegen </em>die bestehenden Verhältnisse und Rahmenbedingungen ihrer Existenz und nicht <em>für </em>lebenswerte Ziele und Ideale ausgerichtet hat.</p>
				<p>Eine dritte Frauenfigur, an der Ibsen die Thematik der Individuation meisterlich abhandelte, ist Frau Alving in dem Stück <em>Gespenster </em>(1881).<em/>Diese etwa 60jährige Dame, die bereits Witwe ist, muss sich im Drama mit ihrer Vergangenheit und dabei vorrangig mit den vertanen Chancen und Gelegenheiten zur Personwerdung auseinandersetzen. Jahrelang lebte Frau Alving mit ihrem nicht geliebten Gatten zusammen, der sie und ihre Familie drangsalierte und tyrannisierte. Nach außen hin hielt die Hausherrin die Fassade eines glanzvollen Familienlebens aufrecht, so dass in dem kleinen Städtchen nach dem Tode des Hausherren sogar eine &#8222;Alving-Stiftung&#8220; zum ruhmreichen Gedenken an den Verstorbenen eingerichtet wird.</p>
				<p>Nun erhält Frau Alving Besuch von ihrem seit Jahrzehnten befreundeten Pastor Manders. Nach und nach stellt sich heraus, dass die Witwe eigentlich diesen Mann geliebt und ihre Liebe aber aufgrund der Ehe mit Alving nicht realisiert hat. Um den Schein des heilen Familienlebens hochzuhalten, verzichtete Frau Alving auf die Möglichkeit einer wahrhaftigen Liebesbeziehung, welche wahrscheinlich für ihr Persönlichkeitswachstum bedeutend günstigere Voraussetzungen geschaffen hätte als die Mesalliance mit Alving.</p>
				<p>In diesem Drama thematisierte Ibsen das Problem der sogenannten &#8222;Lebenslüge&#8220; - ein Thema, das psychologisch ungemein relevant ist. Der Autor postulierte, dass nur derjenige einigermaßen sein Wesen zum Austrag und seine Individualität zum Erblühen bringen kann, der auf größere und umfassende Lebenslügen verzichtet. </p>
				<p>Wer sich wider besseres Wissen oder gegen alle Vernunft und Erfahrung jahre- und jahrzehntelang mit den für ihn falschen Mitmenschen einlässt oder über die Gegebenheiten seiner Herkunft und Biographie missachtend hinweggeht, läuft nach Ibsen Gefahr, sich in Lebenslügen zu verheddern und weder sich noch anderen Klarheit über das eigene Wesen und seine mögliche Entwicklung zu verschaffen.</p>
				<p>Die Thematik der Lebenslüge respektive ihrer Aufhebung erfuhr übrigens eine gewichtige Neuauflage im Rahmen der Psychoanalyse Sigmund Freuds. Der Begründer der Psychoanalyse hatte erkannt, dass die <pagenumber id="N11280" label="123" numbering="arabic" start="123"/>aufrichtige und bekennende Erinnerung an die eigene Werdensgeschichte die beste oder sogar einzige Grundlage für seelische und manchmal auch körperliche Gesundheit bietet. Daher entwickelte Freud die psychoanalytische <em>talking cure, </em>die eigentlich nichts anderes als eine Revision kleinerer oder größerer Lebenslügen beinhaltet. Aufgrund dieser und einiger weiterer Parallelen zwischen dem Dramatiker und dem Begründer der Psychoanalyse, die vor allem den entlarvenden Charakter ihrer Psychologie betreffen, hat man Ibsen übrigens zur Recht den &#8222;Freud des Nordens&#8220;<footnote start="144">
						<p>Kott, J.: Der Freud des Nordens - Ibsen neu gelesen, in: Das Gedächtnis des Körpers - Essays zu Theater &amp; Literatur, Berlin 1990, S. 94ff.</p>
					</footnote> genannt.</p>
				<p>Auch diese entlarvenden und demaskierenden Qualitäten der ibsenschen Literatur und Psychologie fanden Ellen Keys ungeteilte Zustimmung. Insbesondere die philiströse moralische Doppelzüngigkeit, die man als weit verbreitetes Phänomen allenthalben antreffen kann, und die der Dichter in vielen seiner Dramen zum Thema gemacht hat, wird von Key als relevanter Befund gewürdigt, den Ibsen Mal um Mal mit großer künstlerischer und psychologischer Raffinesse auf die Bühne zu bringen wusste:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Diesen letzteren, den Halbmenschen, begegnet man in Ibsens Dramen am häufigsten: Menschen, die sich bis in die Unendlichkeit zersplittert haben, durch eine doppelte Moral, durch zweierlei Ideale, eines, dem sie nicht den Mut haben, ganz nachzuleben, und eines, dem sie nicht länger den Willen haben, ganz nachzustreben.<footnote start="145">
								<p>Key, E.: Ibsens Individualismus, a.a.O., S. 130</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Eine wesentliche Voraussetzung der Individuation und Entfaltung des eigenen Selbst bei Ibsen ist die Erinnerung an Vergangenes. Wer wissen will, wohin er gehen und wer er werden kann, muss rekonstruieren, woher er kommt und wer er gewesen ist. Ohne erinnertes Vergangenes gibt es für den norwegischen Dramatiker keine tragfähige und authentische Zukunft, sondern allenfalls ein punktuelles Dasein im jeweiligen Augenblick, wobei diese einzelnen Momente kaum je auf die verbindende Schnur einer Identität gezogen werden können.</p>
				<p>Erinnerung aber kann schmerzhaft und unangenehm sein, da sie uns oft genug mit den weniger attraktiven Seiten unseres Wesens - dem <pagenumber id="N112A9" label="124" numbering="arabic" start="124"/>Schatten (C.G. Jung) - konfrontiert. Bei Ibsen weigern sich viele seiner Figuren bis weit in den dritten Akt hinein, ihrer persönlichen Vergangenheit ins Auge zu sehen, wohl ahnend, dass sie dann auf ihre neurotischen Arrangements und Lebenslügen stoßen könnten, die ihnen bisher dienlich waren, um ihre Existenz nicht fundamental in Frage zu stellen oder gar zu verändern.</p>
				<p>Besonders eindrücklich gelang Ibsen die Darstellung von Verdrängung und Verleugnung sowie des Versuchs, sich nicht zu erinnern, in seinem Drama <em>Gespenster</em>. Die weiter oben bereits erwähnte Frau Alving wird schließlich - bei aller Tendenz zur Vertuschung und zum Vergessen - zu einer Person, welche zumindest den Mut findet, ihre immense Angst vor der Erinnerung zu erkennen und zu benennen. Die hierfür von Ibsen gewählte Metapher ist derart plastisch, dass sie von vielen seiner Biographen und auch von Ellen Key in ihrem Essay über ihn erwähnt wird:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>
							<em>Frau Alving:</em> Nur an einem einzigen Knoten wollte ich zupfen; als ich den aber auf hatte, da gab die ganze Geschichte nach. Und da merkte ich, daß es nur Maschinennaht war.<footnote start="146">
								<p>Ibsen, H.: Gespenster (1881), in: Sämtliche Werke Band IV, hrsg. v. Julius Elias und Paul Schlenther, Berlin 1907, S. 139</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Meist wird der Mut zur individuellen Wahrhaftigkeit auch mit der Einsicht in die kollektiven Mogeleien, Unwahrheiten und Lügen belohnt. Wer an sich selbst die Mechanismen der <em>mauvaise foi</em> (Jean-Paul Sartre), also der Unaufrichtigkeit durchschaut hat, kann dies auch im größeren Maßstab leisten. Auf diesen Zusammenhang ist Ellen Key in <em>Ibsens Individualismus</em> ebenfalls eingegangen, wobei sie besonderen Wert darauf legte, dieses Wechselspiel von erkannter persönlicher und gesellschaftlicher Realität als Ziel einer das Individuum förderlichen Pädagogik zu deklarieren. In Anspielung auf das von Ibsen seiner Frau Alving in den Mund gelegte Bild schrieb Key:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Aber hat man angefangen, den unhaltbaren Maschinensaum des Alltags- und des Festgewandes zu prüfen, mit welchem die bestehende Gesellschaftsmoral die Persönlichkeit verhüllt, da macht man nicht früher Halt, ehe man entdeckt hat: daß die Befreiung der Persönlichkeit das Recht in sich schließt, sich sei<pagenumber id="N112D8" label="125" numbering="arabic" start="125"/>nen eigenen Weg zu suchen, und den Mut einzusehen, daß ein eigener Weg stets ein einsamer Weg bleiben muß.<footnote start="147">
								<p>Key, E.: Ibsens Individualismus, a.a.O., S. 136</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Diesen letzteren Aspekt hat Ibsen zum Beispiel in seinem Drama <em>Ein Volksfeind</em> (1882) überzeugend auf die Bühne gebracht. In diesem Stück kämpft die Hauptperson, Doktor Thomas Stockmann, gegen die breite Majorität seiner Mitbürger, die er davon überzeugen will, dass sie aufgrund hygienischer Erwägungen den Badebetrieb ihrer Stadt schließen sollten, selbst wenn dies für sie erhebliche finanzielle Einbußen bedeuten würde. </p>
				<p>Je mehr sich Stockmann jedoch um Aufklärung seiner Mitbürger bemüht, um so mehr schlägt ihm eine breite Front der Ablehnung und der Entwertung entgegen. Seine Zeitgenossen wollen in Ruhe gelassen und in ihren Ansichten nicht gestört werden, und als sich der agile Doktor schließlich in einer großen Volksversammlung für die ungeschminkte Wahrheit entschieden engagiert, schlagen ihm zuletzt offener Hass und regelrechte Verachtung entgegen. </p>
				<p>Stockmann, der nicht nur einen Revolutionär, sondern in gewisser Weise auch die Karikatur desselben darstellt, erklärt zum Schluss des Stückes, als ihn alle ehemaligen Mitbürger (bis auf seine engsten Familienangehörigen) verlassen haben, dass nur derjenige ein wirklich eigenständiger Mensch sei, der alleine zu stehen vermag. Und genau diese Qualität erwähnt Ellen Key in ihrem Ibsen-Essay - neben etlichen weiteren Facetten - als wesentlich für den Aufbau einer individuellen Persönlichkeit.</p>
				<p>Die Abhandlung über <em>Ibsens Individualismus</em> hat Ellen Key zu einer Zeit verfasst, als sie selbst bereits die ersten schmerzhaften Erfahrungen mit der dominierenden Majorität, mit Presse, Öffentlichkeit und den lieben Zeitgenossen gemacht hatte; Anfang der 90er Jahre war sie nämlich, wie im Kapitel über ihre Biographie ausgeführt, wegen ihrer freimütigen Ansichten zum Teil heftig attackiert worden. </p>
				<p>Ibsen - so kann man aufgrund dieses Essays mutmaßen - galt der Pädagogin als ein gelungenes Modell, wie sie selbst mit der Rolle einer (zeitweiligen) Außenseiterin umgehen konnte. Und des weiteren wirkten die Biographie wie auch einige Bühnenfiguren des norwegischen Dichters wie eine große Ermutigung für sie, den einmal eingeschlagenen Weg der Eigenständigkeit und der Selbstrealisierung weiter zu verfolgen.</p>
				<p>
					<pagenumber id="N112FF" label="126" numbering="arabic" start="126"/>Key war Ende des 19. Jahrhunderts bereits mit einigen Gedanken aus Nietzsches Philosophie sowie mit den Schriften von Georg Brandes über den Philosophen vertraut, in denen ganz dezidiert das hohe Lied auf einen ausgeprägten Individualismus angestimmt wird. Ihre eigene Wertschätzung Ibsens als Vertreter einer individualistischen Lebensart wies durchaus Parallelen auf zur Beurteilung von Brandes bezüglich der nietzscheschen Philosophie, die bis in manche Formulierungen hinein nachweisbar sind. </p>
				<p>So sprach Brandes von Nietzsche und dessen Denken als von einem &#8222;aristokratischen Radikalismus&#8220; - eine Bezeichnung, welche, wie erwähnt, die uneingeschränkte Zustimmung Nietzsches fand. Key nun urteilte über Ibsen mit einer ähnlichen begrifflichen Zusammenstellung, indem sie ihm zwar nicht &#8222;aristokratischen Radikalismus&#8220; attestierte, ihn aber immerhin als &#8222;anarchistischen Aristokraten&#8220; bezeichnete: </p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Ibsen ... ist ein anarchistischer Aristokrat, ein idealistischer Naturalist, ein immoralistischer Moralist. Er ist der Skeptiker, der Ahnungen, der Träumer, der Zweifel hat. Die seltene Vereinigung dieser Widersprüche macht das Seltsame in Ibsens Genie aus... Er ist, mit einem Worte, gegenüber seiner Zeit der große Unversöhnliche, der nicht bestochen und nicht übersehen werden kann.<footnote start="148">
								<p>Key, E.: Ibsens Individualismus, a.a.O., S. 138f.</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
			</section>
			<section id="N11318" label="6.3.">
				<head>Rainer Maria Rilke (1875-1926)</head>
				<p>
					<br/>Ihr Sterbedatum unterschied sich nur um wenige Monate: Am 25. April 1926 starb Ellen Key, und am 29. Dezember desselben Jahres Rainer Maria Rilke. Key war damals siebenundsiebzig Jahre alt, wohingegen Rilke lediglich einundfünfzig Jahre alt wurde. Der Altersunterschied eines Vierteljahrhunderts bedeutete für Rilke und Key zuerst eine gewisse Festlegung von Rollen: Ellen Key übernahm zumindest anfänglich in der Beziehung zu Rilke die Rolle einer mütterlichen, beschützenden und Heimat gewährenden Frau, wohingegen Rilke ihr gegenüber die Rolle eines Rat- und Hilfesuchenden &#8222;Sohnes&#8220; einnahm, der dankbar auf die oftmals sehr konkreten Hilfsangebote seiner schwedischen Freundin einging.</p>
				<p>
					<pagenumber id="N11324" label="127" numbering="arabic" start="127"/>Die Beziehung zwischen Rilke und Key begann im Jahr 1902. Am 6. September dieses Jahres schrieb Rilke seinen ersten Brief an die schwedische Frauenrechtlerin, Pädagogin, Literatur- und Kulturkritikerin. Den Namen Ellen Key hatte Rilke über deren Publikationen kennen gelernt; insbesondere die emanzipatorische Streitschrift <em>Mißbrauchte Frauenkraft </em>(1898), die Essaysammlung <em>Die Wenigen und die Vielen </em>(1901) sowie <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>(deutsch 1902) waren dem Dichter wahrscheinlich gut bekannt. Die meisten der darin geäußerten Gedanken waren außerdem bereits in der <em>Neuen Deutschen Rundschau </em>und in anderen deutschsprachigen Zeitschriften schon ab 1898 vorab gedruckt worden und dürften Rilke auch in dieser Form zugänglich gewesen sein.</p>
				<p>Der Impuls, sich schriftlich an Ellen Key zu wenden, ist bei Rilke sicherlich einer sehr privaten Not entsprungen. Im April des Jahres 1901 hatte Rilke die Worpsweder Künstlerin Clara Westhoff geheiratet, und im Dezember desselben Jahres wurde dem jungen Paar die gemeinsame Tochter Ruth geboren. Für den fragilen und keineswegs lebenstüchtigen Rilke, der bei der Geburt der Tochter erst sechsundzwanzig Jahre alt war und sich sowohl wegen seiner Eheschließung wie auch der Familiengründung ziemlich überfordert und in seinem Lebensvollzug als Künstler begrenzt und eingeschränkt fühlte, muss die schwedische Literatin und Pädagogin als eine Instanz erschienen sein, die ihm in der damaligen existentiellen Bedrängnis mit Rat und Tat zur Seite stehen konnte.</p>
				<p>Im September 1902 war Rilke bereits nach Paris zu Auguste Rodin &#8222;geflüchtet&#8220;, bei dem er als eine Art Sekretär arbeitete und von dem er sich erhoffte, neben einer Unterstützung für seine finanziell prekäre Lebenssituation Antworten auf seine Fragen nach dem Wesen der Kunst und des künstlerischen Schaffens zu finden. Clara und die Tochter Ruth hatte Rilke in Deutschland zurückgelassen; man darf mutmaßen, dass dem Dichter das Familienleben zu dieser Zeit bereits einige Überforderungsempfindungen bereitet hat. Aus Paris schrieb Rilke an Ellen Key:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Verehrte Frau Ellen Key, Sie werden in diesen Tagen einen Brief bekommen von meiner jungen Frau. Einen Brief, der Sie um Rat fragen kommt. Und ich will Ihnen gleichzeitig ein Wort schreiben. Ein Wort des Dankes zunächst für das <em>Jahrhundert des Kindes, </em>dieses liebe, schöne, menschlich-weite Buch... Wie haben wir, meine liebe Frau und ich, dieses Buch genossen und wie nahe haben wir uns Ihnen, verehrte Frau, gefühlt...Wir <pagenumber id="N11344" label="128" numbering="arabic" start="128"/>wohnen (d.h. wohnten, - ich bin um einer Arbeit willen in Paris) im Moor in der Nähe von Bremen in einem Bauernhause, in das wir uns bei unserer Verheiratung zu stiller Arbeit zurückgezogen hatten. Anfangs Dezember 1901 wurde uns eine liebe, liebe kleine Tochter geboren, und seither hat sich meine Frau ganz dem Kinde (das sie selbst nährt) gewidmet.<footnote start="149">
								<p>Rilke, R.M.: Brief an Ellen Key vom 6. September 1902, in: Briefwechsel mit Ellen Key, Frankfurt am Main. 1993, S. 3</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>In den weiteren Passagen des Briefes beschreibt Rilke die inneren und äußeren Nöte seiner Frau, von der er berichtet, dass sie gerne wieder als Künstlerin tätig werden würde und ebenfalls nach Paris überzusiedeln wünsche. Gleichzeitig aber bestünde die Aufgabe, die Tochter Ruth zu versorgen und angemessen zu erziehen. In dieser Situation - die nicht nur von Claras, sondern auch von der Bedrängnis des Briefeschreibers selbst geprägt war - erhoffte sich Rilke einen konkreten Rat von Ellen Key. Er schloss seinen Brief mit einigen Fragen an die Pädagogin:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Sollte man nicht jemanden finden können, der auf eigene Kosten oder für ein Geringes mit nach Paris geht? Irgendeinen hilfreichen Menschen, der sich des Kindes (in <em>Ihrem </em>Sinne) liebevoll annehmen würde? Ich selbst werde vielleicht gar nicht in Paris bleiben können, so daß meine Frau ganz, ganz allein bleiben müßte, ohne ihr Kind, ohne mich...</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>
							<em>Muss </em>das so sein? Können Sie sich einen Ausweg denken? Wissen Sie, der Sie so viele Menschen kennen, einen, der meiner lieben Frau irgendwie nützen könnte? Bitte, raten Sie ihr! Und verzeihen Sie unser unbescheidenes, tiefes Vertrauen, verehrte Frau Ellen Key! &#8211; In Verehrung Ihr Rainer Maria Rilke.<footnote start="150">
								<p>Rilke, R.M.: a.a.O., S. 5</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Man sieht: Rilke war ein geübter und keineswegs verschämter Bittsteller, der es zeitlebens gut verstanden hat, andere Menschen sehr direkt und konkret um Hilfe anzugehen und ihnen seine eigene, mehr oder minder große Notlage (die meistens pekuniärer Natur war) zu demonstrieren. Ellen Key gegenüber hat der Dichter in den ersten ein bis zwei Jahren ihrer <pagenumber id="N1137A" label="129" numbering="arabic" start="129"/>brieflichen Kontaktaufnahme vorrangig um Hilfe und Rat bezüglich der Versorgung seiner Tochter sowie der künstlerischen Entwicklung von Clara und ihm selbst nachgesucht. Daneben hat er aber auch mehrfach Andeutungen und Fragen formuliert, ob er denn nicht als &#8222;Heimatloser&#8220; in Schweden zu Ellen Key &#8222;um eine kleine Heimat kommen&#8220; könne.</p>
				<p>Ellen Key hat auf alle diese Ansinnen Rilkes anfänglich sehr gutmütig und entgegenkommend reagiert. Offenbar muss sie die Anlehnungsbedürftigkeit des Dichters richtig eingeschätzt haben, als sie ihm anbot, sich bei ihr in Schweden aufhalten zu können. Vom 26. August bis zum 8. September 1904 hat Rilke von diesem Angebot das erste Mal dankend Gebrauch gemacht. Im Anschluss an dieses erste persönliche Kennenlernen unterschrieb Rilke seine Briefe an Ellen Key mit &#8222;Sohn&#8220; oder &#8222;Kind&#8220;.</p>
				<p>Diese Unterschriften des damals 29jährigen Rilke sind vor allem vor dem Hintergrund seiner eigenen Mutterbeziehung bemerkenswert. So schrieb der Dichter in einem Brief an Lou Andreas-Salomé vom 15. April 1904 über seine Mutter:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Wenn ich diese verlorene, unwirkliche, mit nichts zusammenhängende Frau, die nicht alt werden kann, sehen muß, dann fühle ich, wie ich schon als Kind von ihr fortgestrebt habe und fürchte tief in mir, daß ich, nach Jahren und Jahren Laufens und Gehens, immer noch nicht fern genug von ihr bin.<footnote start="151">
								<p>Rilke, R.M.: Brief an Lou Andreas-Salomé vom 15. April 1904, in: Rainer Maria Rilke - Lou Andreas-Salomé (1952), hrsg. v. Ernst Pfeiffer, Frankfurt am Main 1979, S. 145f.</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Rilke hat seine Mutter respektive sein Mutterbild über Jahrzehnte hinweg in Gedichten, in seiner Prosa und in seinen Briefen zu erfassen, zu verstehen und zu überwinden gesucht. &#8222;Seine Kindheit nochmals zu leisten&#8220; - so nannte Rilke dieses Programm, das in manchen Aspekten an tiefenpsychologische Therapiemethoden erinnert. In diesem Zusammenhang bedeutete Ellen Key für Rilke sowohl eine Möglichkeit, über seine Kindheit und Jugend schriftlich nachzudenken und sie der Pädagogin/Therapeutin mitzuteilen, als auch an ihr eine emotionale Korrektur seines Mutterbildes und seiner Mutterbeziehung vorzunehmen.</p>
				<p>Ellen Key bot sich für diese Rolle aus mehreren Gründen an. Auf den Altersunterschied haben wir bereits weiter oben hingewiesen; Key war damit beinahe ebenso alt wie Phia Rilke, die Mutter des Dichters. Darüber <pagenumber id="N1139C" label="130" numbering="arabic" start="130"/>hinaus kam es Rilke entgegen, dass Ellen Key räumlich weit entfernt lebte und deshalb seine Urangst, von einer mütterlichen Frau in seiner Individualität zu wenig geachtet und möglicherweise &#8222;ausgelöscht&#8220; zu werden, von ihr nicht mobilisiert wurde. Dieser übergroßen Sorge hat Rilke einmal in einem Gedicht beredt Ausdruck verliehen:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Ach wehe, meine Mutter reißt mich ein.<br/>Da hab ich Stein auf Stein zu mir gelegt,<br/>und stand schon wie ein kleines Haus, um das sich groß der Tag bewegt,<br/>sogar allein.<br/>Nun kommt die Mutter, kommt und reißt mich ein.<br/>Sie reißt mich ein, indem sie kommt und schaut.<br/>Sie sieht es nicht, daß einer baut.<br/>Sie geht mir mitten durch die Wand von Stein.<br/>Ach wehe, meine Mutter reißt mich ein ...<footnote start="152">
								<p>Rilke, R.M.: Verstreute und nachgelassene Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926, in: Werke Band. II, 1, Frankfurt am Main 1986, S. 101f.</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Bei aller Attraktion, die Frauen und mütterliche Protektorinnen im späteren Leben Rainer Maria Rilkes eingenommen haben, kann man in seiner Biographie zeitlebens eine nie versiegende Vorsicht dem weiblichen Geschlecht gegenüber konstatieren. Frauen waren in Rilkes Erleben schillernd, vielschichtig, impulsiv und vital, aber auch sprunghaft, grenzüberschreitend und unberechenbar; wegen ihrer sinnlichen Leidenschaftlichkeit, ihrer sprudelnden Lebendigkeit und ihrer mütterlichen Fürsorglichkeit fand er sie begehrenswert, wegen ihrer befürchteten Ansprüche und ihrer unzuverlässigen Anwesenheit jedoch hielt er immer eine gewisse Distanz zu ihnen aufrecht. Die Nähe zu einer Frau barg für den Dichter stets die Gefahr, das eigene Werk und das eigene Ich nicht mehr bauen oder entwickeln zu können.</p>
				<p>An Ellen Key nun versuchte Rilke (wahrscheinlich oftmals unbewusst), an diesen seinen Charakterzügen und Lebensmaximen Korrekturen anbringen zu lassen. In ihrer vitalen, expansiven und recht direkten Art muss Key bei Rilke positiv getönte Erinnerungen an seine eigene Mutter ausgelöst haben, ohne ihn gleichzeitig mit allzu großer Nähe und Intimität zu verschrecken. Während der ersten Jahre des Briefwechsels zwischen Rilke und Key kann daher ein großes Maß an Offenheit und emotionaler <pagenumber id="N113C8" label="131" numbering="arabic" start="131"/>Anlehnung des Dichters an seine schwedische &#8222;Mutter&#8220; beobachtet werden. Wie einer Therapeutin erzählte der Dichter in seinen Briefen weite Bereiche seiner Kindheit und seiner Werdensgeschichte, wobei man als Leser des Briefwechsels den Eindruck gewinnt, dass das Erinnern und Aussprechen respektive Beschreiben dieser Kindheit - und nicht die entsprechenden Erwiderungen Ellen Keys - den eigentlich therapeutischen Effekt ausgemacht haben.</p>
				<p>Neben diesen therapeutischen Motiven verfolgte Rilke mit der engen Beziehung zu Ellen Key noch weitere Zielsetzungen. Eine davon war sein pädagogisches Interesse, das sich als Resultat seiner eigenen tristen Schulerfahrungen ableitete. Als er in der zweiten Jahreshälfte 1904 seine schwedische Freundin besuchte, lernte er auch das pädagogische Experiment der <em>Högre Samskola </em>in der Nähe von Göteborg kennen. Diese Schule war 1901 von Lizzie und James Gibson aus Furuborg gegründet worden und verfolgte einen dezidiert antiautoritären Anspruch - eine Idee, der Rilke in Keys <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>wenige Jahre zuvor als theoretische Forderung begegnet war. Von der <em>Högre Samskola </em>war der Dichter jedenfalls außerordentlich begeistert und schrieb in einem Aufsatz, der wenig später in Maximilian Hardens <em>Zukunft </em>publiziert wurde:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Es ist eine ungewöhnliche, eine völlig unimperativische Schule, eine Schule, die nachgibt, eine Schule, die sich nicht für fertig hält, sondern für etwas Werdendes, daran die Kinder selbst, umformend und bestimmend, arbeiten sollen... Die Kinder sind in dieser Schule die Hauptsache. Man begreift, daß damit verschiedene Einrichtungen fortfallen, die an anderen Schulen üblich sind. z.B.: jene hochnotpeinlichen Untersuchungen und Verhöre, die man Prüfungen genannt hat, und die damit zusammenhängenden Zeugnisse... Man ist in einer Schule, in der es nicht nach Staub, Tinte und Angst riecht, sondern nach Sonne, blondem Holz und Kindheit.<footnote start="153">
								<p>Rilke, R.M.: Samskola (1904), in: Rainer Maria Rilke - Briefwechsel mit Ellen Key, a.a.O., S 265f.</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Lizzie und James Gibson waren enge Freunde von Ellen Key. James Gibson war als Schiffsjunge von Schottland nach Göteborg gekommen und hatte dort als Fabrikant von Schiffszubehör derart viel Geld gemacht, dass <pagenumber id="N113F0" label="132" numbering="arabic" start="132"/>er sich und seiner Frau eine imposante Villa bauen und gleichzeitig das finanzielle Wagnis der <em>Högre Samskola </em>eingehen konnte:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Göteborgs <em>Högre Samskola </em>- das ist das erste schwedische Reformpädagogik-Projekt, und es war gewiß kein Zufall, daß Gibson und andere Göteborger Honoratioren im Februar 1901, nur wenige Wochen nach der Veröffentlichung von Ellen Keys Jahrhundertbuch, einen Aufruf zur Gründung einer völlig neuartigen Schule starteten und sie wenig später bereits eröffneten.<footnote start="154">
								<p>Reinert, J.: Auf den Spuren von Rainer Maria Rilke in Schweden &#8222;Und plötzlich, da: ein Tor in solche Fernen&#8220;, in: Neues Deutschland vom 02./03. Dezember 2000, S. 22</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Rilke war von der <em>Högre Samskola </em>derart beeindruckt, dass er zusammen mit seiner Frau Clara im Bremer Raum ebenfalls einen solchen Schulversuch wagen wollte - ein Plan, der allerdings nie zur Ausführung gelangte. Es blieb ihm aber die Erinnerung an eine Schule, die den Kindern das Schwere des Lebens nicht ersparen, ihnen aber beibringen wollte, wie sie auf eine menschliche Art damit umgehen könnten.</p>
				<p>Ellen Key hat an Rainer Maria Rilke nicht nur dessen Bedürftigkeit oder seine pädagogischen Interessen wahrgenommen und geschätzt. In ihrem großen Essay <em>Ein Gottsucher (Rainer Maria Rilke), </em>den sie in Teilen zuerst 1906 in der Prager Zeitschrift <em>Deutsche Arbeit</em> und später komplett in ihrem Essayband <em>Seelen und Werke </em>(1911) publiziert hat, stellt sie die künstlerische Entwicklung Rilkes zum hochsensiblen und ausdrucksstarken Dichter in den Mittelpunkt ihrer Untersuchung.</p>
				<p>Ausgehend von seiner Biographie und den allerersten dichterischen Gehversuchen, schildert Key die Annäherung Rilkes an eine poetische Form der Existenz, welche zuletzt alle seine Daseinsbekundungen geprägt und durchzogen hat. Insbesondere in seinen Dichtungen um die Jahrhundertwende sah Key den Lyriker auf der Höhe seiner Kunst. Im dritten Kapitel ihres Essays, das sich der rilkeschen Poesie der Jahre 1906 bis 1910 widmet, schlug die Autorin jedoch deutlich kritischere und distanziertere Töne an.</p>
				<p>In diesen Jahren hatte Rilke <em>Das Stundenbuch </em>(1906), die <em>Neuen Gedichte </em>(1907) sowie <em>Der neuen Gedichte anderer Teil </em>(1908) publiziert. Außerdem war 1910 sein <em>Malte Laurids Brigge </em>erschienen, ein Roman, <pagenumber id="N11430" label="133" numbering="arabic" start="133"/>der sich durch eine melancholische und teilweise nihilistische Grundstimmung auszeichnet. Vor allem dieser letzten Schrift des Dichters stand Key kritisch gegenüber:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Viele werden wohl dieses wunderliche Buch wunderbar nennen. Und sicherlich sind wunderbare Stellen darin. Aber wie schwach ist nicht der Duft, wie bleich die Farben, wie herbstlich die Stille! Eine Novemberlandschaft... In diesem letzten Buch ist das Wasser dunkel und still wie der Weiher eines alten Schloßparks, und der Herbst hat schon eine dünne Eisdecke darüber gebreitet... Nur die Zukunft kann zeigen, ob Rilkes letztes Buch ein Wendepunkt oder ein Endziel ist.<footnote start="155">
								<p>Key, E.: Ein Gottsucher (Rainer Maria Rilke), in: Seelen und Werke, Berlin 1911, S. 231f.</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Rilke hat in einem langen Brief vom 17. Dezember 1911, als er sich gerade auf Schloss Duino aufhielt - jener Ort, nach dem die <em>Duineser Elegien </em>benannt sind, die der Dichter damals begonnen, aber erst Jahre später in Muzot beendet hat -, auf die Veröffentlichung des Essays in einem Brief an Ellen Key reagiert:</p>
				<p>
					<blockquote>
						<p>Ich war gegen die Publikation Deines Aufsatzes, weil ich ihn nie richtig fand... Deinen Essay habe ich gelesen, er ist der einzige, den ich selbst mit Material versehen hatte, und so fühlte ich mich eine Spur mitverantwortlich und nicht einverstanden, als ich wahrnahm, daß Du aus meinen persönlichen Daten, aus meinen Briefstellen, aus meinen Büchern, ganz kurz und rasch, <em>Das </em>herausgeschlagen hattest, was Dir sympathisch war, um es schnell handgreiflich und sozusagen im seelischen Sinne praktisch zu machen. Ich liebe es nicht, wenn mir aus der Hand gelesen wird, dies war eine Art Handleserei...<footnote start="156">
								<p>Rilke, R.M.: Brief an Ellen Key vom 17. Dezember 1911, in: Rainer Maria Rilke - Briefwechsel mit Ellen Key, a.a.O., S. 223</p>
							</footnote>
						</p>
					</blockquote>
				</p>
				<p>
					<br/>Kein Wunder, dass es zirka zwei Jahre dauerte, bis neue Briefe zwischen Key und Rilke ausgetauscht wurden, die in keiner Weise mehr die alte Intensität an Zuneigung und gegenseitiger Wertschätzung erreichten und die sich bis zum Jahre 1921 in ihrer Frequenz sehr verminderten. Neben der persönlichen Distanzierung ist als Grund dafür auch der Erste Weltkrieg zu <pagenumber id="N11464" label="134" numbering="arabic" start="134"/>benennen, in dessen Gefolge die Kontakte Keys zu ihren Freunden seltener und emotional weniger tragfähig geworden waren.</p>
				<p>An der Beziehung Keys zu Rilke und dessen Lyrik kann recht eindrücklich demonstriert werden, wie die Schwedin mit Literatur (wie übrigens auch mit Philosophie und zum Teil auch mit wissenschaftlichen Erkenntnissen) bzw. mit Literaten, Künstlern, Wissenschaftlern und Philosophen umzugehen pflegte: Sie bewunderte ausführlich jene Anteile einer Person oder ihres Werks, von denen sie annahm, dass sie in eigene pädagogische, psychologische oder kulturanalytische Konzepte zu integrieren seien. Bezüglich dieser Aspekte gelang es Key rasch und umfassend, Vieles am Gegenüber zu assimilieren. </p>
				<p>Stieß sie jedoch auf Facetten, die sie mit kritischen Augen musterte, konnte es geschehen, dass sie zu der betreffenden Person oder ihren Leistungen insgesamt auf Distanz ging - nicht, weil ihr Sensorium für Positives nicht mehr vorhanden gewesen wäre, sondern eher aus einem Erleben mangelnder Harmonie und Übereinstimmung heraus.</p>
			</section>
		</chapter>
		<chapter id="chapter7" label="7.">
			<head>
				<pagenumber id="N11475" label="135" numbering="arabic" start="135"/>Ellen Key und die Frauenfrage </head>
			<p>
				<br/>Nicht nur im Bereich der Religionen, sondern auch auf dem Terrain von Wissenschaften und Philosophie wird oftmals die Frage nach der &#8222;Ursünde&#8220; bzw. nach den basalen Irrtümern gestellt, welche die Menschheit in ihrer bisherigen Geschichte begangen hat. Eine mögliche und oft zitierte Antwort auf diese Frage lautet: das Patriarchat. Die angebliche Überlegenheit des Mannes über die Frau, die über Jahrtausende hinweg in den Familien und sonstigen Gruppierungen tradiert und in vielen Institutionen bis hin zu gesellschaftlichen Strukturen zementiert wurde, kann tatsächlich als ein grundlegendes Erzübel der Menschen bezeichnet werden.</p>
			<p>Beinahe ebenso alt wie das patriarchalische Vorurteil ist der Kampf dagegen. Allerdings wird dieser Kampf - zumindest in der westlichen Zivilisation - offen und direkt erst seit der Neuzeit, genauer gesagt seit der Französischen Revolution 1789 geführt. Neben den bekannten Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit erscholl damals auch der Ruf nach der Emanzipation der Frau. Seither wurde dieser Ruf lauter und mächtiger, und diejenigen, welche sich für seine Realisierung öffentlich einsetzten, nahmen an Zahl und Einfluss enorm zu:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Die Französische Revolution brachte auch für die Geschichte der Frauen entscheidende Veränderungen... Frauen wurden keineswegs nur dadurch von den Ereignissen mit betroffen, daß alles im Wandel begriffen war, weil der revolutionäre Sturm nichts unberührt ließ. Ihre Situation veränderte sich vielmehr auch dadurch tiefgreifend, daß die Revolution die &#8222;Frauenfrage&#8220; erstmals überhaupt formulierte und in den Mittelpunkt der <em>politischen</em> Verständigung über Gesellschaft rückte. Das war die große Neuerung.<footnote start="157">
							<p>Sledziewski, E.G.: Die Französische Revolution als Wendepunkt, in: Georges Duby und Michelle Perrot: Geschichte der Frauen, Band 4, 19. Jahrhundert, Hrsg. v. Geneviéve Fraisse und Michelle Perrot, (1991), Frankfurt am Main 1997, S. 45</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Dass die Französische Revolution mit ihren Idealen und Forderungen eine Türe der Frauenemanzipation aufgestoßen hatte, welche seither nie mehr ganz verschlossen werden konnte, bemerkten sensible und hellsichtige Denker relativ bald. So stellte etwa der liberal-konservative englische <pagenumber id="N11499" label="136" numbering="arabic" start="136"/>Staatsmann und Schriftsteller Edmund Burke (1729-1797) in seinen <em>Reflexions on the Revolution in France </em>(1790) fest,<em/>dass die Revolution die Grenzen der Zivilisation ausgelöscht habe, indem sie den Frauen gleiche oder ähnliche Rechte eingeräumt habe wie den Männern, die Ehe auf die Stufe eines bürgerlichen Vertrages herabgesetzt und die Scheidung damit erleichtert habe.</p>
			<p>Im Gefolge der Französischen Revolution wurden Frauen in der Tat zum ersten Mal im Status einer Rechtsperson anerkannt und mit bürgerlichen und zum Teil auch staatsbürgerlich-politischen Rechten versehen. Im Zuge der Politisierung beinahe aller Lebensbereiche kam es auch beginnend zur Eroberung des öffentlichen Raumes durch Frauen. Insbesondere Olympe de Gouges (<em>Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin, </em>1791) und Mary Wollstonecraft galten als Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts, welche die Forderung nach vollständiger Anerkennung der Menschenrechte für die Frauen vehement und sprachmächtig artikulierten. </p>
			<p>Die politische Historie und Geistesgeschichte im 19. Jahrhundert in Europa brachte es mit sich, dass die während der Französischen Revolution virulent gewordenen Fragen und Themen der weiblichen Emanzipation an Dringlichkeit und Schärfe zunahmen. Mehrere Faktoren waren für diese Entwicklung maßgeblich:</p>
			<p>Im Zusammenhang mit der Französischen Revolution wurden in Frankreich und später auch im übrigen Europa erste sozialistische und kommunistische Gesellschaftstheorien und -utopien formuliert, welche zum Teil den Frauen eine exponiertere und emanzipiertere politische und gesellschaftliche Position zugestanden als die tradierten absolutistischen oder feudalistischen Systeme. Ausgehend von diesen frühsozialistischen Ideen etwa der Saint-Simonisten oder von Proudhon formulierten in den kommenden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts z.B. Karl Marx, Friedrich Engels, Michael Bakunin, Peter Kropotkin und viele weitere Kommunisten und Sozialisten diverse Modelle für ein staatliches oder gesellschaftliches Zusammenleben, die beinahe unisono die Frauenfrage zumindest berücksichtigten, wenn nicht gar zu einer exquisiten Thematik der neuen Gesellschaftsform deklarierten. </p>
			<p>Ganz aus dieser Tradition heraus haben Karl Marx und Friedrich Engels bereits im <em>Kommunistischen Manifest</em> 1848 die Stellung der Frau in der Familie, der Gesellschaft (besonders bezüglich der ökonomischen Verhältnisse) und der Kultur überhaupt untersucht und beschrieben. Ins<pagenumber id="N114B4" label="137" numbering="arabic" start="137"/>besondere die kapitalistischen Wirtschaftsverhältnisse &#8211; so die Autoren &#8211; seien für die Unterdrückung und maßlose Diskriminierung von Frauen verantwortlich zu machen.</p>
			<p>August Bebel hat im Jahre 1879 sein berühmtes Buch <em>Die Frau und der Sozialismus </em>verfasst, in dem er diese Gedanken aus dem <em>Kommunistischen Manifest </em>weiterentwickelt hat. Er betont darin, dass die bloße Aufhebung der Entfremdung von Frauen sowie die Durchsetzung von Frauenrechten alleine deren Los und Schicksal nicht voll umfänglich zum Besseren wende. Hinzu müssten veränderte ökonomische Rahmenverhältnisse kommen, welche den Frauen dauerhaft die Möglichkeit einer autonomen Entwicklung ihrer Persönlichkeit zugestehen. Ähnliche Gedanken vertrat Friedrich Engels in seinem Buch <em>Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats </em>(1884).</p>
			<p>Darüber hinaus hat vor allem auch die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts dazu beigetragen, den Frauen neue und lange Zeit ungeahnte Freiräume der Expansion zu ermöglichen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es beinahe undenkbar, dass Frauen in einem größeren Umfange ökonomisch autark waren. Größtenteils war ihre Arbeitskraft in der Familie oder in der Landwirtschaft absorbiert, so dass eine Berufstätigkeit und damit die Möglichkeit eines eigenen Verdienstes außerhalb der eigenen häuslichen Umgebung ausgesprochen selten war.</p>
			<p>Im Zuge der industriellen Revolution jedoch wurden zum Teil massenhaft billige Arbeitskräfte benötigt, eine Situation, welche vielen Frauen die Chance eröffnete, etwa in Fabriken als ungelernte Arbeiterinnen eine Beschäftigung anzunehmen. Aus dieser Situation jedoch entwickelten sich neue Diskriminierungen von Frauen, die sich z.B. in einer unterschiedlichen Entlohnung niederschlugen:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Arbeitgeber beschrieben die von ihnen angebotenen Stellen oft so, als hätten diese geschlechtsspezifische Eigenschaften. Tätigkeiten, die feine, geschickte Finger, Geduld und Ausdauer erforderten, wurden als weiblich bezeichnet, während Muskelkraft, Geschwindigkeit und Qualifikation Männlichkeit signalisierten... Das Ergebnis dieser Beschreibungen und Entscheidungen, Frauen nur für bestimmte Tätigkeiten einzustellen und für andere nicht, war die Entstehung der Kategorie &#8222;Frauenar<pagenumber id="N114D1" label="138" numbering="arabic" start="138"/>beit&#8220;. Auch die Löhne wurden mit einer Vorstellung vom Geschlecht der jeweils betroffenen Arbeitskräfte festgelegt.<footnote start="158">
							<p>Scott, J.W.: Die Arbeiterin, in: Georges Duby und Michelle Perrot: Geschichte der Frauen, Band 4, 19. Jahrhundert, a.a.O., S. 465f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Ein dritter Faktor, der dazu beitrug, die Frauenfrage im 19. Jahrhundert in den Vordergrund zu rücken, bestand in diversen Impulsen zur Demokratisierung von Staaten und Gemeinwesen. Im Zuge demokratischer Bemühungen wurde etwa auch die Frage nach den Rechten von Frauen (z.B. das Wahlrecht) gestellt und teilweise im Sinne einer Emanzipation beantwortet.</p>
			<p>Für die Radikalisierung der Frauenfrage ebenfalls von hoher Relevanz war das zunehmende Bildungsniveau, welches Frauen im 19. Jahrhundert für sich eroberten. Um 1800 galt es noch als große Ausnahme, wenn Frauen sich aktiv in kulturellen Bereichen wie Schriftstellerei, Zeitungswesen, wissenschaftliche Literatur, Philosophie u.a.m. engagierten. In den allermeisten Fällen hatten sie keine oder nur unzureichende Strategien und Fertigkeiten der Kulturassimilation erworben, so dass weder die Rezeption noch die aktive Gestaltung von sogenannten Bildungsgütern für die meisten von ihnen möglich war.</p>
			<p>Im Verlauf des 19. Jahrhunderts kam es - vorrangig in der bürgerlichen Schicht - zur relativ hochwertigen Idee der &#8222;Mädchenbildung&#8220; und damit für eine erkleckliche Anzahl von Frauen zur Möglichkeit, sich Zugänge zu Bildung und Kultur zu erobern. Die Vermittlung von Wissen und Bildung war gleichzeitig ein erstes erstrebenswertes Berufsziel vieler Frauen, die als Lehrerinnen oder Gouvernanten arbeiteten:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Höhere Mädchenschulen ermöglichten den Eintritt der Frauen der Mittelschichten in das Erwerbsleben oder verschafften ihnen einen Wirkungskreis, der über den der Familie hinaus ging. So unterschiedlich sie von ihren Veranstalterinnen und Veranstaltern auch konzipiert sein mögen, gemeinsam war ihnen, daß sie die Verantwortung für eine weiterführende Mädchenbildung trugen, solange sich der Staat und lange Zeit auch die Kommunen zurückhielten, und daß sie zugleich einer großen Zahl von Frauen aus den Mittelschichten selbst zur Existenzsicherung dienten: sei es, daß sie als selbständige Unternehmerinnen ar<pagenumber id="N114F0" label="139" numbering="arabic" start="139"/>beiteten oder als Lehrerinnen von privaten Stiftungen oder Vereinen angestellt waren.<footnote start="159">
							<p>Jacobi, J.: Zwischen Erwerbsfleiß und Bildungsreligion - Mädchenbildung in Deutschland, in: Georges Duby und Michelle Perrot: Geschichte der Frauen, Band 4, 19. Jahrhundert, a.a.O., S. 268</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Aufgrund dieser historischen Prozesse - Aufkommen sozialistischer Modelle; industrielle Revolution; Demokratisierung; gesteigertes Bildungsniveau der Frauen - war nach 1830 in Europa eine zunehmende feministische Bewegung zu beobachten, welche die meisten Länder Westeuropas, partiell aber auch in Osteuropa (Polen, Russland) erfasst hatte. Dabei ließen sich zwei Grundströmungen der feministischen Bewegung konstatieren, die man als &#8222;egalitär&#8220; sowie als &#8222;dualistisch&#8220; bezeichnet.</p>
			<p>Die erstere, auf Egalität hin ausgerichtete Bewegung ging und geht davon aus, dass Frauen grundsätzlich als gleichwertige und damit gleichberechtigte Wesen aufgefasst werden. Frauen sollten die gleichen Aufgaben, Möglichkeiten, Chancen, beruflichen, gesellschaftlichen und kulturellen Funktionen erhalten und übernehmen wie Männer. So hat etwa Mary Wollstonecraft entschieden dafür plädiert, dem weiblichen Geschlecht keine spezifischen Eigenschaften oder Tugenden mehr zuzuschreiben - eine Position, die beispielsweise von dem Philosophen John Stuart Mill eine anthropologische Fundierung erhielt:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Mitte des 19. Jahrhunderts forderte John Stuart Mill, auch für Frauen das Versprechen der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung einzulösen. Sein politischer Essay <em>Die Unterdrückung der Frauen </em>wurde umgehend in alle europäischen Sprachen übersetzt und entwickelte sich zur Leittheorie des liberal-egalitären Feminismus.<footnote start="160">
							<p>Käppeli, A.M.: Die feministische Szene, in: Georges Duby und Michelle Perrot: Geschichte der Frauen, Band 4, 19. Jahrhundert, a.a.O., S. 541</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Im Gegensatz zur egalitären Strömung vertrat die dualistische Spielart des Feminismus die Meinung, dass sich Frauen bei aller Tendenz zur Emanzipation und gleichwertigen Behandlung in einigen Eigenschaften fundamental von Männern unterscheiden. Besonders deutlich manifestiere sich dieser Unterschied im Hinblick auf eine mögliche Mutterschaft der Frau, welche paradigmatisch für das &#8222;Ewig-Weibliche&#8220; stehe. Ausgehend davon <pagenumber id="N1151D" label="140" numbering="arabic" start="140"/>könne man den gesellschaftlichen Ort der Frau tendenziell eher innerhalb der Familie lokalisieren, und ihre spezifischen Aufgaben kreisen demnach um die Aufzucht und Erziehung ihrer Kinder.</p>
			<p>Die egalitäre Strömung des Feminismus tendierte teilweise zu ausgesprochen kämpferischen bis hin zu militanten Haltungen mancher Frauenrechtlerinnen den Männern und dem Patriarchat gegenüber. Letztere waren mit einer dualistischen Variante der Frauenfrage eher zu versöhnen, da ihnen, den Männern, diese Position die Möglichkeit beließ, patriarchalische Vorurteile weiter zu pflegen. </p>
			<p>Ausgehend von den basalen Unterschieden zwischen Mann und Frau wurde z.B. Ende des 19. Jahrhunderts unter deutschsprachigen Anatomen noch ernsthaft die These vertreten, dass Frauen aufgrund des durchschnittlich geringeren Gehirnvolumens eine biologisch bedingte Minderbegabung und reduzierte Intelligenz im Vergleich zum Mann aufweisen müssen. Eine dualistische Interpretation der Frauenfrage wurde deshalb von egalitären Feministinnen zum Teil entschieden abgelehnt oder sogar bekämpft:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Diese unterschiedliche Interpretation der Gleichheit führte zu einer Aufspaltung der Frauen in &#8222;Staatsbürgerinnen&#8220; und &#8222;Ehefrauen und Mütter&#8220;. Das feministische Problem erscheint in dem einen Fall als politisch-legislatives und in dem anderen als ethisch-soziales Problem. Die Verteidigung eines abstrakten Rechts auf Gleichheit entfernte sich weit vom Alltagsleben der Frauen und lief deshalb Gefahr, den Feminismus zu lähmen. Das dualistische Konzept besaß demgegenüber zwar potentiell eine stärkere kulturkritische Sprengkraft, verschleierte jedoch gleichzeitig die Interessengegensätze zwischen Männern und Frauen in einer patriarchalischen Gesellschaft.<footnote start="161">
							<p>Käppeli, A.M.: Die feministische Szene, in: Georges Duby und Michelle Perrot: Geschichte der Frauen, Band 4, 19. Jahrhundert, a.a.O., S. 541f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Im folgenden sollen nunmehr die Ansichten Ellen Keys zur Frauenfrage im Hinblick auf die hier dargelegten Positionen untersucht werden.</p>
			<p>Die erste Publikation, in der Key zur Frauenfrage bzw. Frauenbewegung ausführlicher Stellung bezogen hat, war ihr Buch <em>Mißbrauchte Frauenkraft </em>(1898). Diese kleine Schrift war aus einem Vortrag entstan<pagenumber id="N11542" label="141" numbering="arabic" start="141"/>den, den sie im September 1895 in Kopenhagen und um Neujahr 1896 in Göteborg und Stockholm gehalten hatte. Die Thesen, welche Key in ihren Vorträgen vertreten hatte, waren teilweise derart provokant, dass sie Missverständnisse beim Publikum und Angriffe auf die Vortragende auslösten. Im Vorwort zu <em>Mißbrauchte Frauenkraft </em>beschrieb Key diese Entstehungsgeschichte und betonte, dass es sie sehr zufrieden stelle, ihre Argumente nun auch schriftlich den Lesern vorlegen zu können. </p>
			<p>Bereits in dieser frühen Publikation wird deutlich, dass Key keinen egalitären, sondern einen dualistischen Standpunkt bezüglich der Emanzipation von Frauen vertreten hat und dass sie durchaus gewillt war, den Frauen ihre Rolle als Hausfrau und Mutter weiterhin zuzugestehen. Allerdings sollte die dabei entrichtete Arbeit regulär entlohnt und damit aufgewertet werden - ein Vorschlag, der vorrangig auch von sozialistisch eingestellten Feministinnen favorisiert wurde:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Überlegungen von August Bebel weiterführend, schlug die deutsche Sozialistin Lily Braun 1901 in ihrem Buch <em>Frauenarbeit und Hauswirtschaft </em>vor, die Hausarbeit zu rationalisieren... Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als das Dienstbotenwesen in die Krise geriet, wurde die Hausarbeit generell Teil des feministischen Programms. Die Schwedin Ellen Key brachte die Idee der Entlohnung von Hausarbeit in die Debatte.<footnote start="162">
							<p>Käppeli, A.M.: Die feministische Szene, in: Georges Duby und Michelle Perrot: Geschichte der Frauen, Band 4, 19. Jahrhundert, a.a.O., S. 561</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Ausführlich beschreibt Key in <em>Mißbrauchte Frauenkraft </em>diverse Unterschiede zwischen Mann und Frau, welche ihrer Meinung nach in der &#8222;Natur&#8220; der Geschlechter und nicht nur in pädagogisch vermittelten Kulturinhalten begründet seien. Außerdem unterscheidet sie spezifisch weibliche von spezifisch männlichen Kulturaufgaben:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Gerade weil die Frauennatur sich modifizieren läßt nach dem, was man von ihr verlangt und wozu man ihr das Recht erteilt, müssen wir eine Entscheidung treffen, ob wir in Zukunft die vorwiegend weiblichen Kulturaufgaben, die Vertiefung und Veredlung des Lebens im Heim als höchstes Ziel für die Frau aufstellen wollen, oder die speziell männlichen Kulturaufgaben: Ar<pagenumber id="N1156E" label="142" numbering="arabic" start="142"/>beit und Produktion auf materiellem und geistigem Gebiete. Sollen wir in erster Linie die Forderung der höchstmöglichen Entwicklung des Weibes als Weib oder als Mensch stellen? Sollen wir annehmen, daß ihre Kräfte ihre höchste Verwendung finden auf dem weiblichen oder auf den männlichen Gebieten?<footnote start="163">
							<p>Key, Ellen: Mißbrauchte Frauenkraft (1898), Berlin 1904, S. 47f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Diese Fragen, die zugegebener Maßen zumindest teilweise rhetorischen Charakter aufweisen, versucht Key im weiteren Gang ihrer Untersuchung zu beantworten. So postuliert sie etwa, dass Frauen bei geeigneter Schulung und ausreichender Förderung durchaus dasselbe Intelligenz- und Bildungsniveau erreichen können wie Männer. Vor dem Hintergrund einer derartigen Entwicklung sei es denkbar, dass ähnlich viele und ähnlich produktiv-schöpferische weibliche Genies in der Geistesgeschichte hervortreten, wie dies in den vergangenen Jahrtausenden für die männlichen Ausnahmeerscheinungen der Kultur zu beobachten war. Für Key besteht dabei jedoch die Gefahr, dass Frauen ihre bis anhin dominierenden Fähigkeiten und Qualitäten, wie etwa ein differenziertes emotionales Dasein zu führen, aufgrund einer Verschiebung ihrer Interessen hin zur intellektuellen Geistigkeit verlieren könnten:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Stellt man aber bewußt die Erreichung der höchsten geistigen Höhe des Mannes als das schließliche Ziel für die Entwicklung der Frau auf, ist man der Meinung, daß sie dann erst vom &#8222;Muttertier&#8220; zum Vollmenschen geworden, wird es sich auch ohne Zweifel zeigen, daß im selben Maße wie die Intelligenz der Frauen geschwächt wurde, dadurch, daß sie unverbraucht blieb, jetzt ihre rein weiblichen Gefühle verkümmern werden... Hat sich einmal das ganze Frauengeschlecht die Erreichung der höchsten geistigen Höhe der Mannes für ihre Entwicklungsarbeit als Ziel gesetzt, dann werden auch die Gefühle, nach einigen Jahrhunderten, in Übereinstimmung damit umgebildet sein... Die Frauen werden immer weniger Zeit und Neigung haben zur Entwicklung der erotischen und sympathischen Gefühle, und der Geschlechtserhaltungstrieb wird - da die Liebe ihn <pagenumber id="N11587" label="143" numbering="arabic" start="143"/>nicht veredelt - ihnen mit vollem Recht als Brutalität erscheinen.<footnote start="164">
							<p>Key, E.: Mißbrauchte Frauenkraft, a.a.O., S. 52f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>An diesen Ausführungen werden bereits mehrere Problembereiche evident, welche Key bezüglich der Frauenfrage auch in den kommenden Jahren nur bedingt zu lösen imstande war. Zum einen oszillierte die schwedische Pädagogin immer wieder zwischen den Positionen einer biologisch präformierten und damit deterministischen &#8222;Natur&#8220; von Mann und Frau und einem von der Kultur und der Erziehung gestalteten weiblichen oder männlichen &#8222;Wesen&#8220;. Die evolutionistischen und biologistischen Konzepte eines Charles Darwin oder Herbert Spencer machten sich dabei ebenso bemerkbar wie die pädagogischen Konzepte mancher Aufklärungsphilosophen.</p>
			<p>Deutlich tritt diese Ambivalenz z.B. bei den Themen der Intelligenz bzw. der emotionalen Differenziertheit von Mann und Frau zutage. Beide Begriffe versucht Key im Sinne der kulturellen Vermittlung anzuwenden, und bei beiden Begriffen verfällt sie doch immer wieder auf biologistisch eingefärbte Denkfiguren, welche eine grundsätzliche Differenzierung in männlich und weiblich nahe legen.</p>
			<p>Ähnlich ergeht es ihr bezüglich ihrer Idee, Frauen könnten gleich hohe Intelligenz- und Bildungsniveaus erreichen wie Männer. Einerseits vertritt sie dabei die Überzeugung, dass diese Phänomene kulturell vermittelt und via Erziehung modelliert werden können. Andererseits vertritt sie die &#8222;energetische&#8220; Auffassung, dass die Steigerung der Intelligenz quasi gesetzmäßig mit einer Reduktion der Emotionalität bei Frauen verbunden sei - eine Theorie, welche an die kommunizierenden Röhren der Physik erinnert, wobei man in der Kulturgeschichte Beispiele sowohl für als auch gegen diese Theorie namhaft machen kann.</p>
			<p>Sehr feinsinnig gelingt es Key in ihrem Buch, die Konflikte von Frauen zu beschreiben, welche neben ihrer herkömmlichen und tradierten Rolle als Hausfrau und Mutter die &#8222;männlichen&#8220; Terrains der kulturellen Expansion für sich zu erobern suchen. Neben den von außen und der Umwelt generierten Widerständen begegnen solchen Frauen auch ihren inneren, zum Teil widersprüchlichen Imperativen, zwischen denen ein Ausgleich bisweilen nur schwer zu erzielen ist.</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>
						<pagenumber id="N115A9" label="144" numbering="arabic" start="144"/>Eine Frau, die zwei oft scharf getrennte Wirksamkeitskreise hat, wird erst zwischen ihnen hin und her gerissen unter einem Gefühl von unaufhörlicher Disharmonie. Aber eine solche Disharmonie läßt sich auf die Dauer nicht ertragen. Schließlich muß man einmal seine Wahl treffen und sich entscheiden, ob man die äußere Aufgabe oder die Pflichten des Familienleben für das wichtigste hält.<footnote start="165">
							<p>Key, E.: Mißbrauchte Frauenkraft, a.a.O., S. 58f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>In <em>Mißbrauchte Frauenkraft </em>schildert Key etliche Frauenschicksale, bei denen diese eben erwähnte Entscheidung in Richtung &#8222;äußerer Aufgaben&#8220; getroffen wurde. Die Autorin erwähnt z.B. Madame de Staël, George Sand, Elisabeth Browning, George Elliot oder Sonja Kovalewsky. Allein an diesen wenigen Beispielen wird allerdings schon deutlich, dass die weiter oben erwähnte Theorie Ellen Keys von der Steigerung der Intelligenz auf Kosten der emotionalen Differenziertheit oder auch die Theorie von der &#8222;männlichen&#8220; Expansivität auf Kosten familiärer Verpflichtungen nur zum Teil stimmig ist. So kann etwa die englische Lyrikerin Elisabeth Browning durchaus als eine Frau gelten, welche ein hohes Maß an analytischer Intelligenz mit einem vergleichbar hohen Niveau an emotionaler Differenziertheit und sprachlicher Ausdruckskraft verband und ihr Leben als Dichterin, Ehefrau und Mutter in gelungenen Einklang zu bringen wusste. </p>
			<p>Ebenfalls sympathisch wirken die Passagen, in denen Ellen Key ein flammendes Plädoyer für das Recht einer jeden Frau hält, ihre einzigartige Individualität und Personalität zum Austrag bringen zu dürfen. Nicht mehr das Weibliche oder Männliche, sondern das Individuelle eines Menschen wird von ihr als höchster Wert betrachtet, den es zu schützen und zu entwickeln gilt. Dabei greift Key auf Argumente von Goethe und Nietzsche zurück, denen ebenfalls die &#8222;Persönlichkeit&#8220; (Goethe) oder das Individuum in Form des &#8222;Übermenschen&#8220; (Nietzsche) beinahe heilige Ziele waren. Key schreibt hierzu:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Diese nivellierenden, verdummenden Rücksichten müssen fort, fort bis zur letzten Fiber aus jedem weiblichen Gehirn; denn nicht eher wird die weibliche Persönlichkeit von dem Zwange befreit, der jetzt vor allem dazu beiträgt, die Frauen zu hindern, das Einzige zu geben, was sie zu geben haben: ihr innerstes, <pagenumber id="N115C8" label="145" numbering="arabic" start="145"/>weibliches Ich. Nur durch die absoluteste Freiheit ... können die Frauen wirklich zeigen, wie hoch und weit ihr Genius sie tragen wird. Vielleicht wird es von einer Billion Frauen nur eine sein, die einen neuen Gedanken findet - aber dazu muß die ganze übrige Billion in der vollen Bedeutung des Wortes frei sein.<footnote start="166">
							<p>Key, E.: Mißbrauchte Frauenkraft, a.a.O., S. 64</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Ihre Untersuchung beschließt Ellen Key mit einem Gedanken, der analog zu demjenigen von der Aufgabe, die eigene Individualität zu entwickeln, ebenfalls die Gemeinsamkeiten zwischen Mann und Frau herausstellt. Frauen haben der schwedischen Pädagogin zufolge in den Jahrtausenden der Geistes- und Kulturgeschichte ähnlich wichtige und entscheidende Beiträge zum Fortbestand und zur Entwicklung der Menschheit geliefert wie die Männer. Mit Stolz und Würde könne man daher als Frau auf die vielfältigen Einflussnahmen zurückblicken, welche eine &#8222;weibliche Handschrift&#8220; tragen:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>An Stelle der demütigen Erkenntnis, daß die Frau seit Jahrtausenden in ihrer geistigen Entwicklung gehemmt ist, nicht etwa durch Verhältnisse, die für ihr innerstes Wesen entscheidend gewesen, sondern von mehr oder weniger starken und zufälligen äußeren Dingen, gewinnen wir die für unser Selbstgefühl erlösende Gewißheit: daß wir in der Tat ganz ebenso große Werte in die Kultur eingesetzt haben wie der Mann, wenn auch von anderer Art... Unser Einsatz in die Kulturarbeit ist die Humanisierung des Gefühls gewesen. Dieser Einsatz ist ebenso unentbehrlich gewesen für die Kultur, wie der männliche Einsatz. Um diese Aufgabe immer würdiger zu erfüllen, brauchen wir Bildung und Arbeitswahl wie der Mann, und wir verlangen deshalb das Recht zu denselben Möglichkeiten für eine individuelle Entwicklung, ganz das nämliche Recht, mündig zu sein...<footnote start="167">
							<p>Key, E.: Mißbrauchte Frauenkraft, a.a.O., S. 70</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Auch in ihrer bekanntesten Publikation <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>(1900) widmete sich Key in einem Kapitel - <em>Das ungeborene Geschlecht und die Frauenarbeit - </em>dem Problem der weiblichen Emanzipation bzw. <pagenumber id="N115F5" label="146" numbering="arabic" start="146"/>der Frauenfrage. In diesen Ausführungen unternimmt sie zuerst eine terminologische Abklärung, indem sie den Begriff der &#8222;Frauensache&#8220;, zu dem für viele das Thema der weiblichen Emanzipation geworden war, kritisch untersucht:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Die große, tief ernste Frauenemanzipation hat im Laufe der Zeiten einen neuen Namen bekommen, die Frauensache... Von einer wirklichen Emanzipationsbewegung - d.h. einer Befreiung der gebundenen Kräfte der Frau, ihrer gehemmten Persönlichkeit - ist die Bewegung eine &#8222;Sache&#8220; geworden, d.h. eine Gesellschaftseinrichtung mit ihren Beamtinnen, eine Kirchenlehre mit ihren Dogmen!<footnote start="168">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes (1900), Weinheim und Basel 2000, S. 48</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Es überrascht nicht zu lesen, dass Ellen Key die Entwicklung der Frauenfrage zur Frauensache mit Distanz und Kritik beobachtete und kommentierte. Sie pochte viel zu sehr auf ihren Individualismus sowie auf ihre sehr persönliche Vorgehensweise bezüglich aller möglichen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Fragestellungen, als dass sie sich den &#8211; wie sie es nannte &#8211; &#8222;Dogmen&#8220; vieler zeitgenössischer Frauenrechtlerinnen hätte anschließen können. Fixe Regeln und unantastbare Rituale des Denkens, Urteilens und Handelns waren ihr zutiefst fremd; eine Frauenbewegung, welche sich vorrangig auf angeblich unhinterfragbare Lehrsätze und nicht mehr auf die Lebendigkeit und den individuellen Idealismus ihrer Vertreterinnen stützte, war nicht mehr Keys Sache:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Daß die Frauenemanzipation tatsächlich aufgehört hat, eine Seele und Herz erweiternde Befreiung zu sein, und nun ganz amtlich, geschäftsmäßig, dogmatisch betrieben wird, ohne Empfindung für die pulsierende Mannigfaltigkeit des Lebens; daß sie ein egoistischer Selbstzweck geworden ist - das hat es bewirkt, daß ich so wie andere meiner Generation und noch mehrere der jetzt jungen Generation bald von der Frauensache Abstand nahmen, obgleich wir alle die <em>Befreiung </em>der Frau lebhaft wünschten und noch wünschen.<footnote start="169">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 49f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Im weiteren Verlauf ihrer Ausführungen setzt sich Key mit etlichen Frauen<pagenumber id="N11626" label="147" numbering="arabic" start="147"/>rechtlerinnen ihrer Generation auseinander. Um die Jahrhundertwende hatte sich die Frauenbewegung in Europa bereits ziemlich differenziert und in zum Teil stark divergierende Richtungen entwickelt. Damals konnte man eine proletarische Frauenbewegung mit stark sozialdemokratischen bis sozialistischen Zielsetzungen von den konfessionellen Frauenbünden mit religiöser Orientierung sowie die sogenannte bürgerliche Frauenbewegung unterscheiden. </p>
			<p>Zur ersteren Gruppierung zählten etwa August Bebel, Clara Zetkin; Lily Braun sowie in England Alys Russell und Beatrice Webb. Die konfessionellen Frauenbünde waren z.B. katholisch oder jüdisch ausgerichtet; Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung waren etwa Alice Salomon, Gertrud Bäumer und Helene Lange. Insbesondere die letztere war bei der Gründung des <em>Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins </em>sowie des <em>Bundes Deutscher Frauenvereine </em>aktiv hervorgetreten. In eine ähnliche Richtung wie die bürgerliche Frauenbewegung engagierte sich auch der <em>Deutsche Bund für Mutterschutz, </em>dessen Gründungsvorsitzende Helene Stöcker war. </p>
			<p>Alys Russell und Beatrice Webb gehörten zur sogenannten <em>Fabian-Society, </em>einem Kreis libertär-sozialistischer Intellektueller und Künstler, mit dem unter anderen auch Bertrand Russell sowie Sidney Webb, der Gatte von Beatrice Webb, verbunden waren. Aufgrund ihrer eigenen sozialistischen Weltanschauung sowie der Positionen, welche von Russell oder Webb bezüglich der Frauenfrage vertreten wurden, stand Ellen Key der <em>Fabian-Society </em>und ihren Ansichten relativ nahe. </p>
			<p>Im Gegensatz zu den bürgerlichen Frauenrechtlerinnen vertrat auch Key - ähnlich wie Beatrice Webb - die Ansicht, dass Frauen für ihre Mutterschaft ebenso bezahlt werden müssten wie für andere Berufstätigkeiten. Bezug nehmend auf einen Kongress der Frauenrechtlerinnen in London im Jahre 1899, auf dem heftig über die finanzielle Absicherung von Frauen gestritten wurde, schrieb Key in <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>anerkennend über Beatrice Webb:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Bei dem Frauenkongreß in London war Mrs. Webb eine warme Verfechterin der Schutzgesetzgebung, einer Ansicht, die ihre Stütze in persönlicher Erfahrung und gründlichen Studien hatte, die sie hundert Mal maßgebender in der Frage machten als irgendeine der gegen den Schutz Auftretenden! Schon unter ihrem Mädchennamen Beatrice Potter machte sich nämlich Mrs. <pagenumber id="N1164C" label="148" numbering="arabic" start="148"/>Webb durch Aufsätze über soziale Fragen bemerkbar und arbeitete über sechs Wochen in einer Fabrik, um die Verhältnisse der Arbeiterinnen persönlich kennenzulernen.<footnote start="170">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 56</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Key plädiert dafür, Frauen bezüglich ihrer Berufstätigkeit nicht egalitär mit Männern gleichzusetzen, da sie normalerweise neben ihrer beruflichen Arbeit noch mit Kindererziehung, Haushaltsführung und dem emotionalen und sozialen Zusammenhalt der Familie beschäftigt sind. Gewisse Schutzgesetze für weibliche Arbeitnehmerinnen seien deshalb durchaus sinnvoll, um deren Arbeitszeit zu begrenzen und ihnen gleichzeitig eine ausreichende Entlohnung zu gewähren.</p>
			<p>Denjenigen Frauen, die aufgrund von Kindererziehung und Haushaltsführung auf weitere Berufstätigkeit verzichten, will Key eine staatlich und gesellschaftlich garantierte Mindestzahlung zukommen lassen, um deren Engagement gebührend zu honorieren und sie gleichzeitig ökonomisch etwas autonomer werden zu lassen. </p>
			<p>Wer Frauen zumute, Heim, Herd und aushäusige Arbeit bei gleichzeitig geringem Lohn unter einen Hut bringen zu müssen, mache sie zu Sklavinnen und müsse sich nicht wundern, wenn sie seelisch oder körperlich erkranken. Es sei nachgerade eine zynische Forderung von falschen Aposteln der Frauenemanzipation, den bereits wegen ihrer Hausarbeit und Kindererziehung völlig überforderten Frauen auch noch die Möglichkeit beruflicher Tätigkeit bei geringen Verdienstaussichten &#8222;zuzubilligen&#8220;:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Gegen alle diese Mißverhältnisse sind die Frauenrechtlerinnen nicht blind. Sie fordern ja gleiche Löhne für Frauen und Männer und legen ... dar, daß die Arbeit der Frau zu niedrig bezahlt wird. Aber sie sehen nicht ein, daß sie selbst zu dem Übel beigetragen haben, indem sie die Frauen beständig auf alle erdenklichen Gebiete hetzen, wodurch diese überfüllt werden, was wiederum die niedrige Entlohnung veranlaßt. Es ist eben mehr vonnöten, als den Frauen Arbeitsgebiete zu <em>eröffnen, </em>wenn ihnen nicht die Lebenskraft ausgesaugt werden soll, wenn sie nicht vorzeitig ihre Jugendfrische und Reize, ihre Ent<pagenumber id="N1166E" label="149" numbering="arabic" start="149"/>wicklungs- und Glücksmöglichkeiten als Menschen, als Frauen und Mütter verlieren sollen.<footnote start="171">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 67</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Abschließend betont Key in <em>Das Jahrhundert des Kindes, </em>dass die Frauenfrage nur vor dem Hintergrund individueller Freiheiten sowie kollektiver sozialer und ökonomischer Veränderungen geklärt werden kann. Den Frauen müsse das Recht zugestanden werden, Mutterschaft ebenso wie geistige Entwicklung oder berufliche Tätigkeit für sich ins Auge fassen zu dürfen, wobei der Staat respektive die Gesellschaft geeignete Rahmenbedingungen für derartige Entscheidungen und Entwicklungen bereitstellen müssten. Dabei sei es gleichgültig, ob einzelne Frauen kulturelle Expansionen oder pädagogische Meisterleistungen im Kontakt mit ihren Kindern vollbringen - diese und noch viele andere Entwürfe von Frauen für die Gestaltung ihres Daseins seien gleichermaßen achtenswert und müssten daher dementsprechend geschützt werden. </p>
			<p>Auch in <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>wendet sich Key bezüglich der Frauenfrage energisch gegen jeglichen Egalitarismus. Dieser nivelliere das Individuum und produziere letztlich mediokre Verhältnisse. Mit Zustimmung zitiert die sie den linkshegelianischen Ludwig Feuerbach, der diesbezüglich einmal gesagt hat: &#8222;Die Mittelmäßigkeit wägt immer richtig, nur ihre Waage ist falsch!&#8220;.<footnote start="172">
					<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 67</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>Wie sehr Ellen Key eine Denkerin war, die sich in wenige oder keine Schemata der Majorität einpassen lassen wollte, wird an zwei Büchern deutlich, die sie in den Jahren 1904 und 1905 publizierte. Bei dem ersteren handelt es sich um die Schrift <em>Über Liebe und Ehe; </em>die letztere trägt den Titel <em>Liebe und Ethik. </em>In beiden Büchern konkretisierte Key ihre Vorstellungen bezüglich der Frauenrolle in Liebe, Ehe und Mutterschaft.</p>
			<p>Der Inhalt von <em>Über Liebe und Ehe </em>wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von den meisten Zeitgenossen Keys als derart skandalös und anrüchig aufgenommen, dass sie im Gefolge als &#8222;Verführerin der Jugend&#8220; gehandelt wurde. In einem Vorwort zu einer späteren Auflage dieses Buches nahm die Verfasserin zu diesen Vorwürfen Stellung und meinte:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Wozu ich die Jugend zu verführen suchte, das war, ihre Seele zu vergrößern und ihr Leben zu verschönern durch das Wagnis, <pagenumber id="N116A6" label="150" numbering="arabic" start="150"/>an die Seele und an den Traum in einer Welt zu glauben, in der alles darauf abzielt, die Seelen zu fesseln, und alle den Träumer belächeln.<footnote start="173">
							<p>Key, E.: Über Liebe und Ehe (1904), Berlin 1905, S. XI</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Was aber war an diesem Buch Keys so Anstoß erregend, dass es ihr beinahe unisono die Kritik oder Ablehnung der sie umgebenden Majorität einbrachte? Man kann vermuten, dass es vor allem der Gedanke der absoluten Freiwilligkeit war (und ist), den Ellen Key im Bereich von Liebe, Erotik, Sexualität, Ehe und Mutterschaft verwirklicht sehen wollte. So plädiert die Autorin beispielsweise für die sogenannte &#8222;freie Liebe&#8220; und die Akzeptanz derjenigen, die sie praktizieren; über sie schreibt Key:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Die freie Liebe bringt ihnen eine Lebenssteigerung, die sie ihrer Meinung nach gewinnen können, ohne jemandem zu schaden. Sie entspricht ihren Begriffen von der Keuschheit der Liebe, Begriffen, die mit Recht von der Halbheit der Verlobungszeit verletzt werden, mit all dem Abbruch, den sie der Frische und Freimütigkeit des Gefühls zufügt. Wenn ihre Seele eine andere Seele gefunden hat, wenn beider Sinne sich in der derselben Sehnsucht begegnen, dann glauben sie das Recht auf die volle Einheit der Liebe zu haben...<footnote start="174">
							<p>Key, E.: Über Liebe und Ehe, a.a.O., S. 120</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Mit Zustimmung kommentiert Key die Anfang des Jahrhunderts zu beobachtende Tendenz vieler junger Menschen, insbesondere auch Frauen, sich ihren Liebespartner selbst zu wählen und ihre Empfindungen der Zuneigung und Zärtlichkeit bis hin zur Sexualität zu leben, ohne dass dies eine vorherige Eheschließung oder zumindest Verlobung als Voraussetzung nötig gehabt hätte. Auf die Argumente der Philister und Spießbürger, dies führe zu einer Verrohung der Sitten und einem Niedergang des ethischen Niveaus, antwortet Key mit der Beobachtung, dass die freie Liebe zu einer Reduktion der Doppelzüngigkeit und Doppelmoral beitrage. Wer sich seinen Liebespartner ohne äußeren Zwang wählen könne, komme viel seltener in die Situation, diverse Aspekte seines Liebeslebens &#8222;auszulagern&#8220; und außerhalb von Ehe und Familie - z.B. im Rahmen der Prostitution - auszuleben. </p>
			<p>
				<pagenumber id="N116D0" label="151" numbering="arabic" start="151"/>Völlige Freiwilligkeit bei der Auswahl wie auch der Gestaltung der Liebesbeziehung bietet nach Key am ehesten die Gewähr, dass die Basis einer solchen Partnerschaft von einem tragfähigen emotionalen Fundament gebildet wird. Die Autorin geht davon aus, dass dabei junge Liebende nicht immer und sofort ihrer Zuneigung in Form gelebter Sexualität Ausdruck geben werden; vielmehr ist sie überzeugt davon, dass bei gewährter Freiwilligkeit sich die Formen der körperlichen Zuneigung denjenigen der seelisch-geistigen anschließen und adäquat entwickeln. Mit Zustimmung zitiert sie einen Aphorismus von Friedrich Nietzsche, der diesbezüglich einmal ausführte:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Die Sinnlichkeit übereilt oft das Wachstum der Liebe, so daß die Wurzeln schwach bleiben und leicht auszureißen sind.<footnote start="175">
							<p>Nietzsche, F.: zit. n.: Key, E.: Über Liebe und Ehe, a.a.O., S. 133</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Bei geeigneter Reife und gegenseitiger emotionaler Verbundenheit sei es jedoch nach Key eine regelrechte &#8222;Sünde gegen sich selbst und die Menschheit&#8220;<footnote start="176">
					<p>Key, E.: Über Liebe und Ehe, a.a.O., S. 136</p>
				</footnote>, wenn zwei Liebende ihre körperliche Vereinigung Mal um Mal hinauszögern. Jenseits aller christlich-religiöser Askesevorstellungen vertritt sie die für ihre Zeit ziemlich moderne Ansicht, dass gelebte Sinnlichkeit zu einer Steigerung von Lebensglück und gleichzeitig des ethischen Niveaus beitrage. Nicht die Unterdrückung oder schamhafte Verleugnung von Triebanteilen, sondern im Gegenteil eine antriebsfreundliche Atmosphäre trage zur psychosozialen und möglicherweise auch zur körperlichen Gesundheit bei.</p>
			<p>Freie Liebe führt nach Key zu einer Entängstigung, vorrangig bei jungen Menschen. Wenn diese nicht mehr gezwungen sind, ihre Zuneigung geheim halten und verdecken zu müssen, bedeutet dies für die Liebenden und ihre Umgebung immense Vorteile: Man könne beispielsweise offen über Fragen der Empfängnisverhütung sprechen und müsse diese Thematik nicht hinter vorgehaltener Hand erörtern. </p>
			<p>Die Freiheit der Wahl eines Liebespartners sollte nach Key jedoch nicht unbedingt mit der Freiheit, sich mit jedem beliebigen Partner fortzupflanzen, korrelieren. Die schwedische Reformpädagogin war bezüglich dieses Themas ein Kind ihrer Zeit und vertrat neben darwinistischen auch eugenische Positionen. Anfang des 20. Jahrhunderts war die Ansicht weit <pagenumber id="N116F6" label="152" numbering="arabic" start="152"/>verbreitet, dass bei geeigneter Beratung und Untersuchung zukünftiger Eltern das Risiko von Erbkrankheiten merklich gesenkt werden könne. Außerdem wurden damals unter Medizinern und anderen Wissenschaftlern Theorien der &#8222;Zuchtwahl&#8220; sowie der &#8222;Rassenhygiene&#8220; hoch gehandelt - Theorien, die auch in Ellen Keys Buch <em>Über Liebe und Ehe </em>zitiert und als Argumente für eine Einschränkung der &#8222;freien Fortpflanzung&#8220; gebraucht werden:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Schon jetzt ist es ganz ausgemacht, daß die Sitten und Denkweisen, die Kunst- und Gefühlsrichtungen, die das Milieu der Liebe bilden, unbewußt auf ihre der Rasse nützliche Auswahl einwirken. Dies läßt es auch möglich erscheinen, daß eine solche Einwirkung bewußt werden kann, wenn man einmal Klarheit erlangt hat, in welcher Richtung sie sich bewegen soll; welches die geistigen und körperlichen Eigenschaften sind, die man auszurotten oder zu steigern wünscht; und durch welche Mittel die Eigenschaften der neuen Generation in der Wahl der Eltern liegen... Freiheit für die Auswahl der Liebe unter Bedingungen, die der Gattung günstig sind; Begrenzung, nicht der Freiheit der Liebe, wohl aber der Freiheit des Kinderzeugens unter Bedingungen, die der Gattung ungünstig sind - dies ist die Lebenslinie.<footnote start="177">
							<p>Key, E.: Über Liebe und Ehe, a.a.O., S. 160ff.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Bei der Beurteilung dieser problematischen Ausführungen Ellen Keys darf darauf hingewiesen werden, dass sie mit diesen Vorstellungen zur Eugenik einen Anfang des 20. Jahrhunderts unter vielen Naturwissenschaftlern als modern und fortschrittlich angesehenen Standpunkt vertreten hat, für den sie noch dazu Gedanken aus der Philosophie Friedrich Nietzsches zitieren konnte, um ihn zu untermauern. Außerdem kannte Key natürlich noch nicht die katastrophalen Konsequenzen, die diese Theorien zur Rassenhygiene und eugenischen Zuchtwahl wenige Jahrzehnte später in einem verheerenden Umfang nach sich zogen. </p>
			<p>Analog zur Freiheit von Liebe und Sexualität postuliert Key in ihrem Buch auch ein freies Recht auf Mutterschaft (und damit auch die Freiheit einer jeden Frau, Mutterschaft abzulehnen) sowie das Recht auf freie Trennung und Scheidung von Partnerschaften und Ehen, die sich als nicht <pagenumber id="N11715" label="153" numbering="arabic" start="153"/>mehr tragfähig erweisen. In einem ausführlichen Passus untersucht sie das Ehe- und Scheidungsrecht und stellt fest, dass es sich dabei um &#8222;geologische Formation mit Ablagerungen aus verschiedenen, jetzt abgeschlossenen Kulturstadien&#8220; handele; nur die &#8222;eigene Epoche hat wenige und bedeutungslose Spuren darin hinterlassen&#8220;<footnote start="178">
					<p>Key, E.: Über Liebe und Ehe, a.a.O., S. 402</p>
				</footnote>. </p>
			<p>Key konstatiert, dass ausnehmend viele zerrüttete oder schlecht gehende Ehen lediglich aufgrund ökonomischer Zwänge beibehalten und nicht geschieden werden. Insbesondere die Frauen (zu Beginn des 20. Jahrhunderts) befänden sich in einer immensen finanziellen Abhängigkeit, welche es ihnen nicht erlaube, sich ohne massives Risiko bezüglich ihrer materiellen Basis scheiden zu lassen. Die ökonomischen Kalamitäten spitzten sich nochmals zu, wenn von einer Scheidung auch gemeinsame Kinder betroffen seien. </p>
			<p>Aufgrund dieser Verhältnisse plädiert Key für eine entscheidende finanzielle Besserstellung von verheirateten Frauen bzw. für eine Änderung der diesbezüglichen Rechtsvorschriften. Vor allem die Entlohnung von Hausarbeit und Kindererziehung, welche der Staat bzw. der Mann den Ehefrauen und Müttern gegenüber zu leisten habe, würde viele Scheidungen von zerrütteten Ehen ermöglichen, ohne dass dies zu einem entscheidenden materiellen Risiko für die Frau führe:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Die jetzige unentlohnte Stellung der Frau zur häuslichen Arbeit ist ein veraltetes Überbleibsel aus früheren Haushaltungs- und Produktionsbedingungen sowie aus der kirchlichen Lehre, daß die Frau zur Gehilfin des Mannes und er zu ihrem Oberhaupte geschaffen sei! Die Frauen haben auf diese Weise oft schlechtere Köpfe erhalten, als die Natur ihnen gegeben, und der Mann eine wertlosere Hilfe, als das Leben ihm zugedacht hat.<footnote start="179">
							<p>Key, E.: Über Liebe und Ehe, a.a.O., S. 424f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Erwähnenswert ist der Stil, den Ellen Key bei ihren Ausführungen <em>Über Liebe und Ehe </em>teilweise an den Tag legt. An etlichen Passagen merkt man, dass die Autorin über Themen geschrieben hat, die sie durchaus nicht immer selbst und in vollem Umfang erlebte. Wie im biographischen Teil erwähnt, hat Key wahrscheinlich kaum intime Kontakte zu Männern und niemals längere partnerschaftliche Beziehungen unterhalten. </p>
			<p>
				<pagenumber id="N11741" label="154" numbering="arabic" start="154"/>So weisen manche Abschnitte in ihrem Buch, die sich z.B. der Thematik von Zärtlichkeit und Sexualität widmen, umständliche Formulierungen auf, denen man eine gewisse Ferne ihrer Autorin zum behandelten Stoff nicht absprechen mag. Als illustres Beispiel hierfür soll eine Textstelle dienen, an der Ellen Key versuchte, die unterschiedlichen sexuellen Erlebensweisen von Mann und Frau zu beschreiben:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Und besonders ist es die Frau, die jetzt ihre eigene erotische Natur - mit ihrer warmen Durchdrungenheit und versuchungsfreien Einheitlichkeit - zum ethischen und erotischen Maßstab für die des Mannes - mit ihrer heißen Plötzlichkeit und gefahrvollen Halbheit - machen will.<footnote start="180">
							<p>Key, E.: Über Liebe und Ehe, a.a.O., S. 110f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Doch trotz dieser Einschränkungen, die noch um die weiter oben schon erwähnten Vorbehalte bezüglich der eugenischen und rassenhygienischen Vorstellungen Keys erweitert werden können, formulierte die schwedische Autorin in <em>Über Liebe und Ehe </em>Gedanken bezüglich der Frauenfrage und hinsichtlich der Themen Liebe und Ehe, die für ihre Zeit progressiv und modern anmuten.</p>
			<p>Diesen Eindruck vermittelt auch ihre kleine Schrift <em>Liebe und Ethik </em>(1905), die in gewisser Weise eine Fortsetzung und Ergänzung ihres Buches <em>Über Liebe und Ehe</em> darstellt. Insbesondere die Themen einer &#8222;androgynen Liebesbeziehung&#8220; sowie der Verknüpfung emotionaler und biologischer Faktoren bei gelingender Sexualität werden von Key darin erörtert. So imaginiert die Verfasserin eine Zeit, in der Männer und Frauen sich bezüglich ihrer &#8222;geschlechtsspezifischen Eigenschaften&#8220; soweit einander angenähert haben, dass damit die Basis einer &#8222;androgynen Partnerschaft&#8220; jenseits der patriarchalischen Strukturen und Verhaltensanomalien etabliert werden kann:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Darum ist es die größte Glücksverheißung der Zeit, daß die intellektuelle Entwicklung der modernen Frau und die erotische Entwicklung des modernen Mannes anfängt, ihrer nach Innengekehrtheit wie seiner nach Außengekehrtheit einen neuen Inhalt zu geben. Und man sieht die Möglichkeit einer Liebe, die eine Synthese von beider Eigenart sein wird, wenn sie von ihm <pagenumber id="N1176D" label="155" numbering="arabic" start="155"/>gelernt hat, die Schönheit in der Form der Bewegtheit, er von ihr, die Schönheit in der Form des Gleichgewichts zu schätzen.<footnote start="181">
							<p>Key, E.: Liebe und Ethik (1905), Berlin o.J., S. 72</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Durchaus modern mutet der Grundtenor dieses schmalen Buches an, der da lautet: Liebe, Eros, Sexualität und Partnerschaft sind Aufgaben, für deren Bewältigung die Beteiligten ein gerüttelt Maß an persönlicher Entwicklung und Lernbereitschaft aufbringen müssen. Nur wer diese Bereiche als exquisites Terrain des Übens und Lernens begreift, kann laut Key mit einigermaßen Glück und Zufriedenheit <em>in eroticis </em>rechnen. </p>
			<p>Eng damit verknüpft ist auch ein weiterer zentraler Gedanke Ellen Keys: Liebesbeziehungen werfen ethische Fragestellungen auf und können nur vor dem Hintergrund einer an Humanität, Gleichwertigkeit der Geschlechter, Freiheitlichkeit und Solidarität orientierten Ethik gelöst werden. Auch diese Verknüpfung emotionaler Fragestellungen mit Problembereichen der Ethik und damit der Wertewelt erscheint als überaus zeitgemäß und zukunftsweisend. Im Kapitel über <em>Ellen Key und die Psychologie </em>werden diese Zusammenhänge noch detaillierter erörtert. </p>
			<p>Einen Überblick sowohl über ihre eigenen Schriften zur Problematik der Frauenfrage als auch über die Emanzipationsbewegung in Europa und den Vereinigten Staaten ganz allgemein hat Ellen Key in ihrem Buch <em>Die Frauenbewegung </em>gegeben. Dieses Buch, das zuerst 1905 von Martin Buber in der Literarischen Anstalt Rütten &amp; Loening in Frankfurt am Main herausgegeben wurde, erlebte eine zweite und etwas erweiterte Auflage 1909. Wie bereits im biographischen Teil erwähnt, hatte Martin Buber Anfang des 20. Jahrhunderts im Verlag Rütten &amp; Loening eine ganze Reihe sozialpsychologischer Monographien herausgegeben, worunter z.B. auch Schriften von Georg Simmel, Fritz Mauthner, Gustav Landauer und Lou Andreas-Salomé zu finden waren. Man sieht: Ellen Key war diesbezüglich in bester Gesellschaft. </p>
			<p>In ihrem Buch unterscheidet Key die &#8222;äußeren Ergebnisse der Frauenbewegung&#8220; von den &#8222;inneren Wirkungen der Frauenbewegung&#8220;. Zur ersten Gruppe rechnet sie z.B. die Anfang des 20. Jahrhunderts merklich erweiterten Möglichkeiten für Frauen, außerhalb des eigenen Haushalts Arbeit und einigermaßen adäquate Entlohnung für sich zu finden. Des weiteren seien in vielen Ländern die Rechte der Frauen - z.B. das <pagenumber id="N11791" label="156" numbering="arabic" start="156"/>Wahlrecht, das Scheidungsrecht, das Recht auf Ausbildung und Studium - voll umfänglich oder zumindest teilweise verwirklicht worden. So könne man in etlichen Ländern Europas neben den Lehrerinnen (die es auch im 19. Jahrhundert schon gab) auch Ärztinnen, Juristinnen, Seelsorgerinnen, Bibliothekarinnen, Beamtinnen und sogar Politikerinnen beobachten. </p>
			<p>Außerdem erwähnt Key einige Frauen, die sich als Schriftstellerinnen und Intellektuelle einen Namen gemacht haben, so etwa Harriet Beecher-Stowe, die sich gegen die Sklaverei der schwarzen Bevölkerung engagierte, Josefine Butler, die gegen die Prostitution kämpfte, sowie Bertha von Suttner, die bekannteste Pazifistin Anfang des 20. Jahrhunderts. Keine namentliche Erwähnung findet in diesem Zusammenhang Helga Frideborg Steenhoff (1865-1945; Pseudonym: Harold Gote), die sich 1903 mit ihrem Buch <em>Feminismens moral </em>aktiv in die Debatte über die Frauenfrage eingeschaltet hatte, und mit der Ellen Key bekannt war und zusammenarbeitete. Daneben registriert die Autorin eine große Zahl unbekannt gebliebener Frauen, deren Bildungsniveau und politische Wachheit im Zuge der Frauenbewegung enorm zugenommen hätten.</p>
			<p>Eine besondere Berücksichtigung bei der Darstellung der Geschichte der Frauenbewegung erfährt in Keys Buch die sozialistische Emanzipationsbestrebung. Die Autorin hält dabei mit ihrer Sympathie für diese Verbindung von sozialistischen und emanzipatorischen Bestrebungen nicht hinter dem Berg:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Durch den Sozialismus ist der Feminismus in die breiteren Schichten gedrungen. Wozu die bürgerliche Frauenbewegung vielleicht noch ein Jahrhundert gebraucht hätte, das hat der Sozialismus in einigen Jahrzehnten fertig gebracht. Nichts zeigt besser, wie vorurteilsvoll blind die Rechte des bürgerlichen Feminismus war, als ihre Sozialistenfurcht. Und nichts beleuchtet so klar, in welchem Grade der Feminismus eine Oberklassenbewegung war, als sein hartnäckiges Festhalten am &#8222;persönlichen Freiheitsprinzip&#8220; angesichts der himmelschreienden tatsächlichen Verhältnisse, die durch die &#8222;Arbeitsfreiheit&#8220; der Fabrikarbeiterin entstanden sind.<footnote start="182">
							<p>Key, E.: Die Frauenbewegung (1905), Berlin 1909, S. 39</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Ebenfalls ein großer Gewinn der Frauenbewegung ist nach Key der weib<pagenumber id="N117B3" label="157" numbering="arabic" start="157"/>liche Einfluss auf Wissenschaft, Philosophie und Kunst. Diese Bereiche der Kultur, in denen Frauen über Jahrhunderte hinweg zuwenig oder gar nicht repräsentiert waren, bedeuten für das weibliche Geschlecht eine Herausforderung und Chance zugleich. Nach Key nämlich können die Frauen dabei beweisen, dass ihre diesbezügliche Inferiorität keine Naturbestimmung war oder ist; wobei die Autorin betont, dass es aufgrund der kulturellen Tradition, der Erziehung wie auch der biologischen Voraussetzungen unterschiedliche Arten der &#8222;Genialität&#8220; von Mann und Frau gibt. </p>
			<p>Obschon die äußerlich sichtbaren Wirkungen und Erfolge des Feminismus im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts als imposant erscheinen, stellt sich Ellen Key in <em>Die Frauenbewegung </em>die Frage, inwiefern diese tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung letztlich zu kulturellen wie auch individuellen und Zeit überdauernden Verbesserungen beigetragen hat oder beiträgt:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Die Frauenbewegung ist die bedeutungsvollste aller welthistorischen Freiheitsbewegungen. Die Frage, ob diese Bewegung die Menschheit in auf- oder niedersteigender Richtung beeinflußt, ist die ernsteste der Zeit. Diejenigen, welche unbedingt das erstere oder letztere behaupten, haben ein übereiltes Urteil ausgesprochen.<footnote start="183">
							<p>Key, E.: Die Frauenbewegung, a.a.O., S. 61</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Key behauptet, dass die eben aufgeworfene Frage mit ja <em>und</em> mit nein beantwortet werden müsse. Dies versucht sie an einigen Kriterien nachzuweisen, die sie im Kapitel <em>Innere Wirkungen der Frauenbewegung </em>aufgelistet hat. Zu diesen Kriterien rechnet sie etwa die Effekte und Konsequenzen des Feminismus für die Lebenskraft, Selbsterhaltung und Organisation von Staaten, Gesellschaft und der Menschheit überhaupt. </p>
			<p>Des weiteren fragt sie sich, inwiefern die moderne, von Emanzipationsideen beeinflusste Frau &#8222;seelenvoller als die Frau irgendeiner anderen Zeit&#8220; geworden sei. Außerdem interessiert sich die Autorin für das Problem, inwiefern mit Hilfe der Frauenbewegung die moderne Frau &#8222;stärker, gesünder und schöner&#8220; geworden und inwiefern sie &#8222;die physischen und psychischen Funktionen der Mutterschaft&#8220;<footnote start="184">
					<p>Key, E.: Die Frauenbewegung, a.a.O., S. 62</p>
				</footnote> besser zu erfüllen imstande sei. </p>
			<p>
				<pagenumber id="N117E5" label="158" numbering="arabic" start="158"/>Im weiteren Verlauf ihrer Ausführungen beschreibt Key diverse Frauentypen, um an ihnen zu demonstrieren, dass die Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts &#8222;Fluch und Segen&#8220; zugleich bedeutete. So schildert sie etwa den Typus der alleinstehenden älteren Frau, die aufgrund der Emanzipationsbewegung durchaus ökonomische und psychosoziale Nachteile zu tragen gezwungen sein kann. Auch der Frauentypus der &#8222;Undine&#8220;, die seelenlos und kühl den Emanzipationsprozess als sterilen Kampf gegen die Männerwelt interpretiert, wird von Key keineswegs als Gewinn der Frauenbewegung gewertet. </p>
			<p>Außerdem schildert sie den Typus der &#8222;Sappho&#8220; und spielt damit auf die angeblich höhere Anzahl homoerotischer Frauen an, die im Zuge der Frauenbewegung ihrer sexuellen Neigung ungehemmten Ausdruck verleihen. Bei dieser Beschreibung bezieht sich Ellen Key im verneinenden Sinne selbst mit ein:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Heutzutage ist soviel von &#8222;sapphischen&#8220; Frauen die Rede. Und es ist ja möglich, daß sie in jener unreinen Gestalt, die die Männer meinen, existieren. Ich bin ihnen nie begegnet, vermutlich weil man im Leben selten dem begegnet, womit auch keine Fiber unseres eigenen Wesens irgendeine Affinität hat.<footnote start="185">
							<p>Key, E.: Die Frauenbewegung, a.a.O., S. 78</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Doch auch jenseits dieser Typologie haben viele Frauen Ellen Key zufolge im Zuge des Feminismus nicht nur Vorteile zu gewärtigen. So komme es relativ häufig zu Überforderungsempfindungen bis hin zu regelrechten seelischen oder körperlichen Erkrankungen, weil die Betreffenden ihrer Doppel- und Dreifachbelastung durch Familie, Kindererziehung und - neu hinzugekommen - Berufstätigkeit nicht gewachsen sind:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Ihre Nervosität kommt bald in harter, bald in hysterischer Weise zum Ausdruck, und das über ihre Verdrießlichkeit geärgerte Publikum ahnt wenig von den Tragödien, die sich in Büros, Geschäften, Kaffees oder ähnlichen Lokalen abspielen... Daneben hat man die Neurose und Lebensmüdigkeit der Überarbeiteten, der beständig um ihre materielle Sicherheit Zitternden, derjenigen, welche durch die edlen und einfachen Freuden des Lebens ... neu belebt werden könnten, sie aber nicht erreichen.<footnote start="186">
							<p>Key, E.: Die Frauenbewegung, a.a.O., S. 81</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<pagenumber id="N11814" label="159" numbering="arabic" start="159"/>Key beschließt ihre Ausführungen in <em>Die Frauenbewegung </em>mit einer utopischen Hoffnung für die Zukunft. Sie stellt sich eine Menschheit vor, in welcher die Verschiedenartigkeit von Mann und Frau nicht aufgehoben, sondern geachtet und als gleichwertig beurteilt wird. Weder männliche noch weibliche Überlegenheit, weder Kampf noch Unterwerfung sollen aus dieser Verschiedenartigkeit der Geschlechter resultieren. Nochmals wendet sie sich vehement gegen jede Form von Egalitarismus, der ihrer Meinung nach den Frauen wie den Männern Gewalt antun würde. Ebenso lehnt sie die Reduktion individueller Freiheitsgrade ab, welche den einzelnen Frauen z.B. die Möglichkeit raube, sich zwischen Mutterschaft und Berufstätigkeit entscheiden zu können. Der Individualismus sei allemal höher zu werten als jeglicher Kollektivismus:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Ich hoffe infolgedessen, daß die Zukunft eine neue Gesellschaft sehen wird, die einen sichereren Schutz für den Mutterberuf schaffen wird, als ihn die jetzige Familien- und Gesellschaftsordnung bietet. Ich glaube an eine neue Ethik, die eine Synthese aus dem Wesen des Mannes und des Weibes sein wird, aus den Forderungen des Individuums und der Gesellschaft ..., aus dem Zukunftswillen und der Pietät gegen die Vergangenheit. Ehe diese schöne und starke Sittlichkeit erhellt, gibt es längst keine &#8222;Frauenbewegung&#8220; mehr. Aber es gibt noch immer eine &#8222;Frauenfrage&#8220;.<footnote start="187">
							<p>Key, E.: Die Frauenbewegung, a.a.O., S. 203</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Es verwundert sicherlich nicht, dass die Ausführungen Ellen Keys zum Feminismus und zur Frauenfrage nicht auf einhellige Zustimmung gestoßen sind. Den egalitär eingestellten Feministinnen war sie zu dualistisch, den bürgerlichen Kämpferinnen für die Frauenrechte war sie zu sozialistisch, den idealistisch gesinnten Verfechterinnen für die Sache der Frauen war sie zu biologistisch, und den kämpferisch sich gegen die Männerwelt und das Patriarchat verschließenden Frauen war sie zu harmoniesüchtig. Außerdem konnten viele Feministinnen die keyschen Plädoyers für Mutterschaft und Individualismus nur schwer einordnen und ertragen. </p>
			<p>Als eine Schriftstellerin, welche die eben aufgeführten Kritikpunkte an Ellen Key beredt zusammengefasst und zum Ausdruck gebracht hat, kann Nike Wagner gelten, die in ihrem Buch <em>Geist und Geschlecht - Karl </em>
				<pagenumber id="N11836" label="160" numbering="arabic" start="160"/>
				<em>Kraus und die Erotik der Wiener Moderne </em>(1981) über die feministischen Ansichten der schwedischen Reformpädagogin recht hart urteilt:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Ellen Key, die sich mit einem verwaschenen &#8222;sozialen Individualismus&#8220; der Erotik nähert, sprach sicherlich einem großen Teil des männlichen Publikums aus dem Herzen. Sie galt als Frauenrechtlerin, vertrat jedoch ausgesprochen antiemanzipatorische Gedanken. Das moderne &#8222;Hirnweib&#8220; scheint ihr ein Schreckgespenst, eine Gefahr für die Kultur; die Autorin stellt sich gegen das Recht auf Arbeit der Sozialistinnen und preist statt dessen die Mutterschaft als Erlösung des Weibes und der Menschheit. Wie viele Nachbeter der Wissenschaft huldigt sie der darwinistischen Theorie von der natürlichen Auslese... Völlig integriert hat Ellen Key die Ideologie, daß die Frauen ihre eigene Identität bezögen aus der Aufopferung für andere.<footnote start="188">
							<p>Wagner, N: Geist und Geschlecht - Karl Kraus und die Erotik der Wiener Moderne (1981), Frankfurt am Main 1987, S. 90</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Man mag Nike Wagner zugute halten, dass sie eigentlich ein Buch über Karl Kraus und nicht über Ellen Key verfasst hat und deshalb das Denken der schwedischen Frauenrechtlerin nur peripher zur Kenntnis genommen hat. Dennoch zeugt es nicht unbedingt von intellektueller Redlichkeit, lediglich auf einige, noch dazu aus dem Zusammenhang gerissene kritikwürdige Argumente Keys einzugehen und ihre durchaus humanistische und fortschrittliche Gesamtintention bezüglich der Frauenfrage vollständig außer Acht zu lassen. Eine diesbezüglich viel adäquatere Beurteilung der Leistungen Keys hat die bereits weiter oben zitierte Anne-Marie Käppeli in ihrem Aufsatz <em>Die feministische Szene </em>geliefert, in dem sie schreibt:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Ebenso wie Strindberg fand auch die innovative Pädagogin Ellen Key die von den Feministinnen ... propagierte sexuelle Enthaltsamkeit inakzeptabel. Doch vor allem kritisierte sie den Egalitarismus der Mittelschichtfrauen, da er dieselben Ambitionen wie die Männer verfolge. In <em>Mißbrauchte Frauenkraft </em>... </p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>
						<pagenumber id="N11868" label="161" numbering="arabic" start="161"/>versuchte sie, die spezifischen Eigenschaften der Frau herauszuarbeiten. Ihre Verteidigung der Mutterschaft ging Hand in Hand mit der Verteidigung von Individualismus und Freiheit.<footnote start="189">
							<p>Käppeli, A.M.: Die feministische Szene, in: Georges Duby und Michelle Perrot: Geschichte der Frauen, Band 4, 19. Jahrhundert, a.a.O., S. 569</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
		</chapter>
		<chapter id="chapter8" label="8.">
			<head>
				<pagenumber id="N1187B" label="162" numbering="arabic" start="162"/>Ellen Key und der libertäre Sozialismus</head>
			<p>
				<br/>Ellen Key war eine Schriftstellerin und Pädagogin, die ihre Interessen weit über den genuin pädagogischen und psychologischen Bereich hinaus entwickelt hat. Eine wesentliche Thematik, die ihr einige Jahrzehnte lang immer wieder Stellungnahmen in Form von Vorträgen oder Essays entlockt hat, war die Politik respektive Kultur- und Ideologiekritik.</p>
			<p>Der Begriff &#8222;Politik&#8220; stammt vom griechischen Wort <em>politis,</em> welches soviel wie &#8222;Öffentlichkeit&#8220; oder &#8222;die Öffentlichen&#8220; bedeutet. Ein <em>Zoon politikon </em>wurde im Griechenland der Antike den sogenannten <em>idiotes </em>gegenüber gestellt, d.h. Menschen, die nur ihre privaten Probleme und Fragestellungen als relevant erachten. Beurteilt man das Leben Ellen Keys zusammenfassend, kann mal feststellen, dass sie durch und durch ein <em>Zoon politikon </em>und keineswegs zur Gruppe der &#8222;Idioten&#8220; zu zählen war.</p>
			<p>Eine Abhandlung, die dieses Urteil vollumfänglich bestätigt, ist der Aufsatz <em>Die Wenigen und die Vielen </em>(1895), der in deutscher Übersetzung 1901 im gleichnamigen Sammelband &#8211; <em>Die Wenigen und die Vielen. Neue Essays </em>&#8211; im S. Fischer Verlag Berlin erschienen ist. In diesem Text geht Key von der menschlichen Urerfahrung aus, einerseits Mitglied einer größeren Gruppierung, einer Sozietät, eines Volkes oder einer Nation und andererseits ein Individuum zu sein. Diese Erfahrung ist den Ausführungen der Autorin gemäß immer mit Dissonanzen und Konflikten verknüpft, da fast immer einige, meist unüberbrückbare Antagonismen zwischen der Masse und dem jeweiligen Einzelnen bestehen.</p>
			<p>Key verweist in diesem Zusammenhang auf die historischen Epochen der griechischen Antike und der Renaissance, die beide charakterisiert waren von einer Hochschätzung des Individuums: </p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Sowie wir nur die Worte &#8222;Hellas&#8220; oder &#8222;Renaissance&#8220; aussprechen, so ist es, als wallte ein Festzug göttlich-herrlicher Gestalten vorbei, die Luft mit Klang und Farbe erfüllend. Das Leben ist für immer reicher geworden durch das tiefe selbstische Lebensgefühl und die überströmende Schaffensfreude dieser Zeiten. In anderen Epochen wieder trat das Mitgefühl in den Vor<pagenumber id="N118A6" label="163" numbering="arabic" start="163"/>dergrund. Da beschäftigte die Denkenden nicht das Glück des Einzelnen, sondern die Leiden der Vielen.<footnote start="190">
							<p>Key, E.: Die Wenigen und die Vielen (1895), in: Die Wenigen und die Vielen. Neue Essays, Berlin 1901, S. 9</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Die Dynamik zwischen dem Individuum und der Gesellschaft kann auch als Polarität zwischen Selbstgefühl und Mitgefühl interpretiert werden. Unter Selbstgefühl versteht Key einen - aus kultureller Sicht - gesunden und schöpferischen Egozentrismus, der es dem Einzelnen erlaubt, die eigenen Anschauungen, Empfindungen, Stimmungen und Gedanken derart wichtig und ernst zu nehmen, dass er mit ihrer Hilfe seinem Leben und damit allen seinen Lebensäußerungen einen unverwechselbaren Stempel aufdrücken kann. Große und bedeutende künstlerische, wissenschaftliche und philosophische Errungenschaften werden normalerweise immer oder zumindest vorrangig von derartigen Individuen initiiert und ins Werk gesetzt.</p>
			<p>Das Mitgefühl bedeutet der schwedischen Pädagogin zufolge soviel wie Solidarität, Kooperation und Kommunikation. Insbesondere auf diese Qualitäten musste die Menschheit in ihrer Geschichte zurückgreifen, um ihr Überleben und ihre Weiterentwicklung zu sichern. Ohne die &#8222;Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt&#8220; - so der Titel des bekanntesten Buches von Peter Kropotkin, eines libertären Sozialisten und Anarchisten, das dieser 1902 publiziert hat -, wäre die Menschheit sicherlich den Unbilden der Natur gesamthaft zum Opfer gefallen.</p>
			<p>Ellen Key vertritt die Meinung, dass es in der Menschheitsgeschichte Epochen gab, in denen entweder das Selbstgefühl oder das Mitgefühl dominierend waren. Ein wesentlicher Untersuchungsansatz ihrer Abhandlung besteht darin herauszufinden, ob und unter welchen Bedingungen ein produktiver Ausgleich zwischen diesen beiden Lebensstilen hergestellt werden könne. Ihr schwebt dabei das Ideal einer Gemeinschaft vor, die sowohl Solidarität und Mitgefühl als auch die Achtung vor der Individualität und Einzigartigkeit des Menschen gleichermaßen berücksichtigt.</p>
			<p>Eine jede politische Ideologie oder gesellschaftliche Struktur darf und soll der schwedischen Pädagogin zufolge daraufhin beurteilt werden, inwiefern in ihnen sowohl das Mitgefühl als auch das Selbstgefühl zum Tragen kommen. In <em>Die Wenigen und die Vielen </em>untersucht Key zuerst den Liberalismus und Sozialismus als wichtige gesellschaftliche Formen des Zusammenlebens auf ihre Möglichkeiten hin, diesen beiden Lebens<pagenumber id="N118C4" label="164" numbering="arabic" start="164"/>formen einen entsprechenden Platz einzuräumen. Den Liberalismus wie auch den Sozialismus wählt die Autorin, weil beide - wie sie meint - &#8222;Kinder der Französischen Revolution&#8220; seien und weil sie, Ellen Key, für diese historische Epoche besondere Sympathie aufbringe.</p>
			<p>Der Liberalismus - der schon in seinem Namen das Programm der Freiheit (lat. <em>libertas</em>) vorgibt - gilt seit je als weltanschaulich-politische Richtung, die dem Individuum den Vorrang vor der Gemeinschaft oder der Gesellschaft einräumt. Zum Hauptanliegen des Liberalismus gehören die Förderung und Wahrung von Freiheit und Selbstbestimmung des Individuums, die Bändigung und Regulierung politischer Herrschaft durch institutionelle Strukturen und Arrangements (z.B. Gewaltenteilung), die Abwehr von Bevormundung durch das Kollektiv einschließlich aller staatlicher und kirchlicher Institutionen sowie das Eintreten für eine sich selbst regulierende Marktwirtschaft und ein dementsprechendes Wirtschaftsleben.</p>
			<p>Einige wesentliche Grundgedanken des Liberalismus gehen unter anderem auf Adam Smith (1723-1790), John Bentham (1784-1832), John Stuart Mill (1806-1873) sowie Alexis de Tocqueville (1805-1859) zurück; darüber hinaus findet sich aber bereits in den 1689 formulierten <em>Bill of Rights </em>sowie in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1787 und der französischen <em>Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte </em>(1789) liberalistisches Gedankengut. Im 19. Jahrhundert wurde etwa im Rahmen der Revolution von 1848/49 versucht, den Liberalismus auf breiterer Front durchzusetzen, was jedoch nur punktuell gelang. Allmählich kristallisierten sich (z.B. in Deutschland) mehrere Parteien heraus, die entweder nationalliberale oder aber linksliberale Positionen vertraten und in der Regel im bürgerlichen Lager ihre Heimat fanden. Zu jener Zeit, als Ellen Key ihre Abhandlung <em>Die Wenigen und die Vielen </em>verfertigte, war der Liberalismus zwar als Idee und politisches Programm durchaus bekannt, jedoch nicht <em>in praxi</em> erprobt.</p>
			<p>Ähnlich stand es Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Sozialismus, dessen Name ebenfalls programmatisch zu verstehen ist (lat. <em>sozialis </em>= gesellig, kameradschaftlich). Auch der Sozialismus war damals theoretisch einigermaßen elaboriert; ihm fehlte jedoch die konkrete gesellschaftliche und politische Praxis.</p>
			<p>Auch der Sozialismus kann - wie der Liberalismus - auf eine weltanschauliche und philosophische Tradition und Quellenlage zurückblicken, die bis in das 17. und 18. Jahrhundert zurückreichen. Wer irgendeine Ge<pagenumber id="N118E6" label="165" numbering="arabic" start="165"/>schichte des Sozialismus aufschlägt, um die Grundzüge dieser Weltanschauung etwas genauer zu studieren, wird rasch bemerken, dass es nicht den, sondern viele &#8222;Sozialismen&#8220; gibt. Die verschiedenen Richtungen weisen dabei auch jeweils eigene Namen und Bezeichnungen sowie Gründerväter und Adepten auf. </p>
			<p>So unterscheidet man beispielsweise die französischen, englischen und deutschen Utopisten, die Anarchisten, Revisionisten, Syndikalisten, Marxisten, Leninisten, Trotzkisten, Spartakisten, Kommunisten, Neomarxisten, Stalinisten, Sozialdemokraten, die I. und die II. Internationale usw. Anhand dieser kurzen Aufzählung ahnt man bereits, dass sich hinter den diversen Namen und Titeln zum Teil recht heterogene Modelle und Konzepte des einzelnen Menschen und seines kollektiven Zusammenlebens mit anderen verbergen, die jedoch an dieser Stelle nicht näher abgehandelt werden können.</p>
			<p>Ellen Key hat in <em>Die Wenigen und die Vielen </em>vorrangig auf den damals nur von der Theorie her zu beurteilenden Staatssozialismus Bezug genommen und diesen hinsichtlich seiner Werte und Ideale untersucht. Unter Staatssozialismus, den die Autorin in ihrem Text schlicht &#8222;Sozialismus&#8220; nennt, verstand sie vor allem diejenigen Staats-, Wirtschafts- und Gesellschaftsformen, die von Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895) ausgearbeitet oder in Umrissen entworfen worden waren.</p>
			<p>Marx hat zusammen mit Engels im Marxismus eine politisch-ökonomische Theorie und Ideologie geschaffen, die sich auf bestimmte historische Modelle (vor allem auf den sogenannten historischen Materialismus), auf Religionskritik und aufklärerische Philosophie sowie auf nationalökonomische Ideen stützten und letztlich zu revolutionären Umwälzungen Anlass gaben. Vernunft- und Fortschrittsglaube ebenso wie radikal-demokratische und atheistische Vorstellungen wurden dabei vom Ideengut der europäischen Aufklärung entlehnt und in ein Modell einer mehr oder minder utopisch anmutenden Gesellschaftsform gegossen.</p>
			<p>Schon in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts hatte Marx in seinen Frühschriften, in denen er sich merklich von seinem philosophischen Lehrer Hegel und dessen konservativen Ansichten absetzte, der Philosophie eine den Menschen emanzipierende Aufgabe zugeschrieben: Durch die Kritik an Religionen, entfremdender Herrschaft, Ungerechtigkeiten und Verdummungsmechanismen der Staaten, materieller Verelendung usw. soll nach Marx die Philosophie den Menschen die Augen für ihre Situation <pagenumber id="N118F9" label="166" numbering="arabic" start="166"/>öffnen und sie darüber zu aktiv Handelnden ihres Lebens werden lassen. Der Mensch müsse enttäuscht und desillusioniert werden, damit er schließlich als Nüchterner und Wachgewordener sein Schicksal selbst in die Hand nimmt und sich um sich selbst und damit um seine &#8222;wirkliche Sonne&#8220; dreht:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewußtsein, weil sie eine verkehrte Welt sind... Es ist also Aufgabe der Geschichte, nachdem das Jenseits der Wahrheit verschwunden ist, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren. Es ist zunächst die Aufgabe der Philosophie, die im Dienste der Geschichte steht, nachdem die Heiligengestalt der menschlichen Selbstentfremdung entlarvt ist, die Selbstentfremdung in ihren unheiligen Gestalten zu entlarven. Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik.<footnote start="191">
							<p>Marx, K.: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie (1843/44), in: Die Frühschriften, Stuttgart 1971, S. 208f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Der frühe Marx kannte also durchaus die Verbindung von Ideologie-, Religions- und Staatskritik und spürte deutlich, dass diese Formen sich gegenseitig stützen und eine einheitliche Struktur bilden. </p>
			<p>Ein Jahrhundert später hat Sigmund Freud auf einen analogen Sachverhalt abgehoben, als er davon sprach, dass die sexuelle, religiöse und autoritäre Denkhemmung eine Trias bilden, bei der die einzelnen Denkhemmungen sich ebenfalls gegenseitig bedingen; eine Überwindung von Denkhemmungen setze deshalb immer die kritische Emanzipation auf den Gebieten der Religion, des Staates (bzw. der Autoritäten) und der Moral (der Sexualität) voraus.<footnote start="192">
					<p>Siehe hierzu: Freud, S.: Die Zukunft einer Illusion (1927), in: Gesammelte Werke Band XIV, Imago-Ausgabe 1948, Frankfurt am Main 1999</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>Das hehre Ziel einer emanzipierten und von Selbstentfremdung befreiten Menschheit besteht nach Marx im Kommunismus, in einer Staatsform also, die sich durch eine auf Gemeineigentum basierende Wirtschaftsordnung auszeichnet und in der dadurch alle wesentlichen sozialen <pagenumber id="N1191F" label="167" numbering="arabic" start="167"/>Gegensätze und Benachteiligungen aufgehoben sind. Als eine wichtige Etappe auf dem Weg dorthin durchlaufe eine Gesellschaft notwendigerweise die Phase des Sozialismus, der in Ansätzen schon auf wirtschaftliche und soziale Gleichheit und Gerechtigkeit ausgerichtet ist.</p>
			<p>Marx und Engels sahen im Europa des 19. Jahrhunderts vorrangig Staaten am Werk, deren Rechts- und Wirtschaftssysteme von diesen eben skizzierten Zielen nicht nur weit entfernt waren, sondern ihnen diametral entgegenstanden. Die industrielle Revolution und der damit einher gehende Frühkapitalismus hatten in vielen europäischen Gesellschaften zu Massenelend und zu schreienden Ungerechtigkeiten geführt, die das sogenannte Proletariat<footnote start="193">
					<p>Der Begriff des Proletariats leitet sich ab vom lateinischen Wort <em>proles</em>, das soviel wie Nachkommen bedeutet. In der römischen Gesellschaft wurde die Klasse der Nicht-Steuerfähigen als &#8222;Proleten&#8220; bezeichnet - besitz- und rechtlose Menschen, die dem Staat lediglich ihre (große Zahl an) Nachkommen zur Verfügung stellen und sich selbst damit über Wasser halten konnten.</p>
				</footnote> am härtesten trafen. </p>
			<p>Der marxschen Theorie zufolge stellt das Proletariat einerseits die Klasse der ausgebeuteten, erniedrigten und entfremdeten Menschen dar, andererseits zugleich aber auch diejenige Gruppierung in der kapitalistischen Gesellschaft, die über ihre Arbeitskraft der eigentliche Schöpfer des Mehrwerts und des wirtschaftlichen Reichtums ist. Dem Proletariat kommt nun aufgrund dieser massiven Benachteiligungen nach Marx die gesellschaftliche Rolle einer umwälzenden und revoltierenden Macht zu. Im Rahmen eines Klassenkampfes werde sich das Proletariat gegen die Besitzenden von Produktionsmittel und gegen die herrschende Bourgeoisie erheben und mit den althergebrachten kapitalistischen Wirtschaftssystemen auch die dazu gehörenden Staats-, Regierungs- und Gesellschaftssysteme hinweg fegen.</p>
			<p>Den konzentriertesten schriftlichen Niederschlag dieser Überlegungen und Theorien schufen Karl Marx und Friedrich Engels in ihrem <em>Manifest der Kommunistischen Partei</em>, das 1848 in London erschien. Darin wird die bisherige Geschichte der Klassenkämpfe im Zusammenhang mit den Produktivkräften und -verhältnissen dargelegt, im Abschnitt über &#8222;Proletarier und Kommunisten&#8220; jedoch auch ausgeführt, dass die proletarische Bewegung auf die Kommunisten als treibender Teil der Arbeiterparteien aller Länder angewiesen sei. Sie, die Kommunisten, zeichneten sich durch &#8222;Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung&#8220; aus und wiesen somit eine Art Exklusiv-Wissen auf, das sie in die Lage versetze, den historischen Ablauf und Prozess von <pagenumber id="N11939" label="168" numbering="arabic" start="168"/>Krisen und Klassenkämpfen, von ökonomischen und politischen Entwicklungen zu prognostizieren.</p>
			<p>Spätestens mit diesem Konzept einer kommunistischen Partei, welche die Kräfte und Bewegungsimpulse des Proletariats bündelt, ordnet, in revolutionäre Bahnen lenkt und so letztlich die Herrschaft des Proletariats und damit die Überwindung aller Klassen und ihrer Gegensätze initiiert, haben Marx und Engels die theoretische Basis für jene gesellschaftlichen Entwicklungen gelegt, die einige Jahrzehnte später zwar nicht zur Diktatur des Proletariats, wohl aber zur Diktatur von Kommunistischen Parteien und einer Nomenklatura geführt haben. Damit war die alte hegelsche Auffassung vom Staat durch die Hintertüre wieder in den &#8222;Ballsaal der Historie&#8220; eingedrungen, die Auffassung nämlich, dass es einigen wenigen vorbehalten sei, die Rolle von Subjekten der Geschichte einzunehmen, während die Masse der Menschen als bloße Objekte des Geschichtsverlaufs ihr Dasein fristen und als Individuen (in einem weiteren und politischen Sinne) nicht in Betracht kommen.</p>
			<p>An dieser zumindest partiellen Entwertung oder Geringschätzung von Individuen, die eine kommunistische Weltanschauung und Gesellschaftsordnung à la Marx und Engels mit bedingen können, übte Ellen Key heftige Kritik:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Die Möglichkeit der Unterdrückung der Individualität durch den Sozialismus ist für mich wie so viele andere der große gültige Einwand gegen den Sozialismus gewesen. Kann dieser nicht ebenso sehr, nein, <em>viel mehr </em>als die gegenwärtige Gesellschaft die Individualität berücksichtigen, dann bleibt die sozialistische Gesellschaft nicht bestehen.<footnote start="194">
							<p>Key, E.: Die Wenigen und die Vielen. Neue Essays, a.a.O., S. 23f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Abgesehen davon, dass die Geschichte des Staatssozialismus und des Kommunismus im 20. Jahrhundert die Prognose Ellen Keys (bezüglich seines Nichtbestehens angesichts einer Entwertung des Individuellen) bestätigt hat, wird in diesem kurzen Passus eine Position vertreten, die am Ende des 19. Jahrhunderts von einigen sozialistisch eingestellten Intellektuellen und Politikern als &#8222;libertärer Sozialismus&#8220; oder als &#8222;Anarchismus&#8220; tituliert wurde. Im Folgenden soll gezeigt werden, dass die politischen Ansichten Ellen Keys am ehesten als libertärer Sozialismus bezeichnet wer<pagenumber id="N1195B" label="169" numbering="arabic" start="169"/>den können und dass sie sich damit durchaus in der Gesellschaft anderer &#8222;Anarchisten&#8220; befand. Dies verdeutlicht auch ein Passus in ihrem Buch <em>Der Lebensglaube</em> (1906), worin sie die Bedingungen für günstige seelische Entwicklungen der Menschen bedenkt. Key meint, </p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>... daß der Traum des Sozialismus wie des Anarchismus ... im Innersten mit dem Gedanken einer verwirklichten Lebenskunst eins ist, wo Seelenfreiheit und Selbsterziehung die &#8222;schöne Güte&#8220; erzielt haben, die es dem Ich ermöglichen wird, sich selbst aufrecht zu erhalten, ohne die Stütze jener Gesellschaftsmacht und Gesellschaftsmeinung, die jetzt an sich nicht böse Menschen zwingt, als Gesellschaftsmitglieder und Staatsdiener einander zu unterdrücken und zu vernichten.<footnote start="195">
							<p>Key, E.: Der Lebensglaube, Berlin 1906, S. 461</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Im Gegensatz zu den staatsgläubigen Sozialisten und Kommunisten gab es schon im 19. Jahrhundert Intellektuelle, Künstler, Politiker und Philosophen, die zwar ähnliche Ziele der Emanzipation der Menschen, des weltweiten Friedens, der gerechteren Verteilung des Besitzes und der Aufhebung autoritärer Bildungs- oder Geschlechtsunterschiede verfolgten wie die Marxisten und Kommunisten, die jedoch weder auf einen Staat noch auf eine Partei bauen wollten, um diese Ziele zu realisieren, und die dem Individuum einen sehr hohen Stellenwert im gesellschaftlichen Leben zukommen lassen. </p>
			<p>Weil der Staat und seine Institutionen und damit auch alle Parteien immer schon die Tendenz zeigten, sich als <em>Leviathan</em> anbeten und vergotten zu lassen und die ihnen übertragene Macht und Herrschaft zu missbrauchen, galt (und gilt) es unter den Vertretern dieser Gruppierung als ausgemachte Sache, dass der Staat und sein Einfluss möglichst weit zurückgedrängt und an seine Stelle die Rechte und die Freiräume von Individuen treten müssen, wenn wirklich humane gesellschaftliche Verhältnisse geschaffen werden sollen.</p>
			<p>Aufgrund dieser Einstellung nennt man die Anhänger einer derartigen politischen Richtung libertäre Sozialisten oder Anarchisten. Neben England waren es vor allem Frankreich, Spanien, Russland und Deutschland, die in den letzten Jahrhunderten solche sozialistische Denker mit offensichtlich großen Sehnsüchten nach einer besseren Welt hervorge<pagenumber id="N11980" label="170" numbering="arabic" start="170"/>bracht haben. Zu ihnen zählen etwa Saint-Simon (1760-1825) und seine Anhänger, die &#8222;Saint-Simonisten&#8220;, Charles Fourier (1772-1837) oder auch Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865).</p>
			<p>Ähnlich wie Proudhon &#8211; und im Gegensatz zu Marx, Engels und anderen staatsgläubigen Kommunisten &#8211; fühlten sich die russischen Anarchisten Michael Bakunin (1814-1876), Peter Kropotkin (1842-1921) und Leo Tolstoi (1828-1910) oder die deutschen Anarchisten Max Stirner (1806-1856), Gustav Landauer (1870-1919) und Rudolf Rocker (1873-1958) einem libertären Sozialismus verpflichtet. Stirner, den Ellen Key in ihrem Text <em>Die Wenigen und die Vielen </em>rühmend hervorhebt und von dem sie ein Zitat ihrem Essay über <em>Die Freiheit der Persönlichkeit</em>
				<footnote start="196">
					<p>Key, E.: Die Freiheit der Persönlichkeit, in: Essays, Berlin 1903, S. 95ff.</p>
				</footnote>
				<em/>voranstellte, räumt dem &#8222;Einzigen&#8220; - der Titel seines bekannten Buches lautet <em>Der Einzige und sein Eigentum</em> (1845) - oder dem Individuum den Vorrang vor den Interessen des Staates und der Gesellschaft ein.</p>
			<p>Auch viele Schriftsteller oder Künstler haben sich zu einem libertären Sozialismus bekannt und stellten ihr Tun in den Dienst einer staatsfernen und das Individuum fördernden Politik; Oscar Wilde, George Bernard Shaw, Leo Tolstoi, in gewisser Weise auch Henrik Ibsen und manche andere verdienen hier, erwähnt zu werden. Es steht zu vermuten, dass Ellen Key vor allem die libertären Ansichten Ibsens kannte, da dieser mit Georg Brandes einen intensiven Briefwechsel geführt hat, bei dem auch Fragen der Politik und dabei ganz dezidiert des Anarchismus eine Rolle spielten.</p>
			<p>Inwiefern dabei die ibsenschen Ansichten zur Politik direkt von Ellen Key rezipiert wurden oder ob es sich eher um die von Georg Brandes mitgeteilten und modifizierten Gedanken des Dichters gehandelt hat, ist schwer zu entscheiden. Dies liegt vor allem daran, dass Brandes selbst in den Jahren vor und um die Jahrhundertwende einen Schwenk weg vom Liberalismus hin zum libertären Sozialismus vorgenommen hat.</p>
			<p>Brandes war in den 1860er Jahren mit einer Übersetzung einiger Texte von John Stuart Mill hervorgetreten, einem - wie oben erwähnt - Vertreter einer liberalen Ideologie. Kaum fünfzehn Jahre später, 1881, erschien aus der Feder von Brandes eine Biographie über Ferndinand Lassalle (1825-1864), der in seinem Denken manche sozialistischen Elemente vorweggenommen oder mit formuliert hatte. Anfang des 20. Jahrhunderts schließlich lässt sich die weltanschauliche Entwicklung des dänischen Literatur- und Kulturkritikers hin zum libertären Sozialismus eines <pagenumber id="N119A2" label="171" numbering="arabic" start="171"/>Peter Kropotkin nachweisen, weil Brandes ein recht einfühlsames und von großer Sympathie für den russischen Edel-Anarchisten geprägtes Vorwort zu dessen Lebenserinnerungen verfasst hat.</p>
			<p>Im Briefwechsel zwischen Ibsen und Brandes kommen jedenfalls die libertären Ansichten der beiden Protagonisten (zumindest diejenigen von Ibsen) recht deutlich zum Ausdruck. So heißt es beispielsweise in einer Briefstelle aus der Korrespondenz des norwegischen Dichters an den dänischen Kulturkritiker:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Der Staat ist der Fluch des Individuums. Womit ist Preußens Stärke als Staat erkauft? Mit dem Aufgehen der Individuen in dem politischen und geographischen Begriff... Der Staat muß weg! Bei der Revolution tue ich auch mit! Untergrabt den Staatsbegriff, stellt die Freiwilligkeit und das geistig Verwandte als das für ein Bündnis Entscheidende auf,- das ist der Anfang einer Freiheit, die etwas wert ist.<footnote start="197">
							<p>Ibsen, H.: Brief an Georg Brandes vom 17.02.1871, zit. n.: Nadolny, H.: Henrik Ibsen - Peer Gynt, Berlin 1990, S. 38</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Diese Zeilen hätten in ihrer entschiedenen und eindeutigen Stellungnahme für das Individuum und gegen den Staat so oder so ähnlich auch von Proudhon, Bakunin oder Kropotkin stammen können. Und der Geist dieser Zeilen kehrt im Essay Ellen Keys <em>Die Wenigen und die Vielen </em>ziemlich unverändert wieder, wenn sie schreibt:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Es ist darum ein Glück für den Sozialismus, daß der Anarchismus ihn zwingt, seine Theorien zu anarchisieren, so wie der Sozialismus den Liberalismus gezwungen hat, die seinen zu sozialisieren. Der Anarchismus hat gewisse wichtige Warnungen zu geben. Er führt die Sache des Individualismus gegenüber der Staatsgewalt; der Selbstverwaltung gegenüber der Zentralisation; der Initiative gegenüber der Kontrolle.<footnote start="198">
							<p>Key, E.: Die Wenigen und die Vielen. Neue Essays, a.a.O., S. 43f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Mit ihren libertär-sozialistischen Ansichten vertrat Ellen Key Positionen, wie sie etwa zeitgleich auch von dem weiter oben schon erwähnten russischen Edel-Anarchisten Peter Kropotkin (1842-1921) formuliert worden waren. Dieser ehemalige Aristokrat, der als Anhänger Bakunins seine poli<pagenumber id="N119D6" label="172" numbering="arabic" start="172"/>tische Laufbahn begann, sich aber bald einer wissenschaftlichen Erforschung und philosophischen Durchdringung gesellschaftlicher und anthropologischer Fragestellungen widmete, hat mit seinem Buch über <em>Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt</em> eine überzeugende Polemik gegen Darwins <em>survival of the fittest</em> formuliert.</p>
			<p>Kropotkin bekämpfte in seinen Schriften den von ihm sogenannten &#8222;autoritären Sozialismus&#8220; (Sozialdemokratie und bolschewistischer Kommunismus) aufs Entschiedenste. Er war stark von der Lektüre der proudhonschen Schriften inspiriert und sah deshalb im Staat ein Instrument der herrschenden Klasse, welches dem Volk eine nicht wirklich vorhandene Einheit und Zusammengehörigkeit vorgaukelt, um es besser ausbeuten und knechten zu können.</p>
			<p>Dementsprechend beurteilte er auch eine mögliche zukünftige Herrschaft des Proletariats als &#8222;Diktatur&#8220; und ähnlich autoritär wie andere staatliche Gewalt. Der russische Anarchist war fest davon überzeugt, dass die Menschen ohne staatliche Autorität erfolgreich, friedlich und kooperativ ihr Dasein gestalten können. Allen denjenigen, die von der Schlechtigkeit des Menschengeschlechts überzeugt waren und deshalb nach einem starken Staat - dem hobbesschen <em>Leviathan</em> - riefen, schrieb Kropotkin ins Stammbuch:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Eben weil wir die Menschen kennen, sagen wir denen, welche glauben, daß die Menschen sich ohne jene Obrigkeiten gegenseitig auffressen würden: &#8222;Ihr sprecht wie der König, der bei seiner Verbannung ausrief: Was wird aus meinen armen Untertanen ohne mich werden!?&#8220;<footnote start="199">
							<p>Kropotkin, P.: Der Anarchismus. Seine Philosophie - sein Ideal (1896), in: Anarchismus - Grundtexte, hrsg. v. O. Rammstedt, Köln 1969, S. 64f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>In diesen und vielen anderen Textpassagen Kropotkins wird sein tiefer Glaube an die potentielle Solidarität und Kooperation der Menschen untereinander evident. Insbesondere in dem weiter oben schon erwähnten Buch über <em>Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt </em>hat er die diesbezüglichen anthropologischen Grundlagen ausführlich erörtert. Dabei ist vor allem sein gegen Darwin gerichtetes Diktum erwähnenswert, dass nicht der stärkere, sondern der kooperativere Mensch die besseren Vor<pagenumber id="N11A01" label="173" numbering="arabic" start="173"/>aussetzungen zur Bewältigung des Existenzkampfes und zur Durchsetzung im Entwicklungsgang aufweise.</p>
			<p>Es lässt sich nicht im Detail abschätzen, ob und wie sehr Ellen Key die zur Jahrhundertwende relativ verbreiteten Schriften Kropotkins im Original gekannt und gelesen hat. Wahrscheinlich wurden ihr jedoch über Georg Brandes und dessen Beschäftigung mit dem russischen Denker einige seiner wesentlichen Gedanken vorgestellt. In den Texten Keys kann man jedenfalls - besonders was die libertär-sozialistischen Formen des menschlichen Zusammenlebens anbelangt - Spuren des kropotkinschen Denkens nachweisen. Allerdings vertrat Key im Gegensatz zu Kropotkin einen eher darwinistischen Ansatz bezüglich ihres Menschenbildes.</p>
			<p>Noch ein weiterer Schriftsteller soll in diesem Rahmen Erwähnung finden, der in seinen Texten einen libertären Sozialismus vertrat, wie er in ähnlicher Form und Ausgestaltung auch von Ellen Key propagiert wurde. Gemeint ist Oscar Wilde, der seine diesbezüglichen Positionen besonders eindrücklich in seinem Essay <em>Die Seele des Menschen unter dem Sozialismus</em> (1895) zum Ausdruck gebracht hat. Angeregt wurde Wilde zu diesem Aufsatz unter anderem durch George Bernard Shaw und die <em>Fabian Society</em>. Diese Gesellschaft, die aus Wissenschaftlern, Künstlern und Intellektuellen bestand, war 1884 von Sidney und Beatrice Webb gegründet worden und hatte ihren Namen nach dem römischen Feldherrn Quintus Fabius Maximus erhalten, der durch seine zögernde Taktik letztlich Hannibal besiegen konnte. Auch die Fabian Society liebäugelte mit einer &#8222;zögernden Taktik&#8220;, baute auf die langsame Umgestaltung der Gesellschaft hin zu den Idealen des Sozialismus und lehnte dementsprechend revolutionäre Umstürze ab. Neben den Webbs war G.B. Shaw einer der führenden Köpfe der Society; bis zu seinem Tod lautete daher auch seine Telegrammadresse: &#8222;Sozialist, London&#8220;.</p>
			<p>Auch Oscar Wilde fühlte sich dem Tempo und der evolutionären Entwicklungsidee der Fabian Society nahe verwandt; und so wie sie betonte auch der Dichter den Vorrang des Individuums vor jeglichem Staats-Sozialismus. Bei Wilde allerdings speist sich ein großer Teil seiner sozialistischen Gedanken auch aus seinem Ästhetizismus: Er fand Armut, Arbeits- und Obdachlosigkeit sowie fehlende Bildungsmöglichkeiten schlicht &#8222;hässlich&#8220;. Aber trotz dieser ästhetisierenden Zusätze zum libertären Sozialismus bleibt Wildes Engagement für die Zukurzgekommenen außeror<pagenumber id="N11A14" label="174" numbering="arabic" start="174"/>dentlich lobenswert und seine Warnungen vor einem Staats-Sozialismus enorm hellsichtig:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Wenn der Sozialismus autoritär ist, wenn es Regierungen gibt, die sich mit der wirtschaftlichen Macht bewaffnen, wie heute mit der politischen Macht, wenn wir mit einem Wort Industrietyrannen bekommen sollen, dann wird der letzte Staat des Menschen schlechter als der erste sein.<footnote start="200">
							<p>Wilde, O.: Die Seele des Menschen unter dem Sozialismus, in: Oscar Wilde - Sämtliche Werke Band 7, Frankfurt am Main 2000, S. 216</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Für Wilde gibt es ein hartes Kriterium, an dem man erkennen kann, ob und wie ein Staat - und sei es auch ein sogenannt sozialistischer - es tatsächlich mit der Humanität hält: das Individuum! Nur diejenige Gesellschaft, die ihren Mitgliedern wirkliche Freiräume der Entfaltung und des Wachstums zugesteht und das Wohl des Einzelnen über das Wohlergehen von Institutionen stellt, verdient den Namen &#8222;sozialistisch&#8220;. Bei Wilde heißt es dazu lapidar:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Andrerseits ist der Sozialismus lediglich darum von Wert, weil er zum Individualismus führt.<footnote start="201">
							<p>Wilde, O.: Die Seele des Menschen unter dem Sozialismus, a.a.O., S. 224</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Key kannte diese Ausführungen Oscar Wildes und hat sich inhaltlich mit ihnen größtenteils identifiziert. In Ihrem Essay über <em>Nietzsche und Goethe </em>ging sie auf den Gedanken Wildes ein, dass der Sozialismus seinem Wesen nach ein realisierter Individualismus zu sein habe:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Viele andere der leidenschaftlichen Kulturträumer der Gegenwart haben in dieser Richtung klar gesehen. Man kann wohl einen Wilde ... nicht der &#8222;Herdenmenschen&#8220;-Gesichtspunkte bezichtigen. Dennoch hat er den Weg zum verwirklichten Individualismus und zur Gesellschafts-Schönheit im Sozialismus gesehen.<footnote start="202">
							<p>Key, E.: Nietzsche und Goethe, a.a.O., S. 396</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>In ihrem Essay <em>Die Freiheit der Persönlichkeit </em>(1903) hat die schwedische Reformpädagogin ein entschiedenes Plädoyer für einen Individualismus gehalten, der an den Belangen und Interessen der Allgemeinheit und <pagenumber id="N11A5D" label="175" numbering="arabic" start="175"/>Menschheit orientiert ist und gleichzeitig den Auf- und Ausbau der eigenen Person als höchsten Wert deklariert. </p>
			<p>In dieser Abhandlung versucht Key erfolgreich einen Brückenschlag zwischen Individuum und Kollektiv. Der Einzelne, den sich Key durchaus im Sinne Max Stirners imaginiert, zeichnet sich durch sehr individuelle Interessen, Neigungen, Antriebe, weltanschauliche Facetten, Entwürfe und Werthorizonte aus. Bei ihr heißt es dazu:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Der geborene Individualist hat schon von der Kinderstube und der Schulbank an instinktiv seine Spiele, seine Bücher, seine Arbeitsweise, seine Freunde gewählt. Er hat früh den Mut gehabt, seinen eigenen Schmerz und seine eigene Freude zu zeigen, seinen eigenen Geschmack und seine eigenen Fehler. Er hat sich nicht abplatten, bleichen oder abrunden lassen.<footnote start="203">
							<p>Key, E.: Die Freiheit der Persönlichkeit, a.a.O., S. 96</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Eine Generation später hat Martin Heidegger ähnliche Gedanken in seinem bekannten Buch <em>Sein und Zeit </em>(1927) geäußert. Bei ihm gibt es den Antagonismus von Ich-selbst-Sein und Man-selbst-Sein, also den Gegensatz von individueller und Massenexistenz. Normalerweise leben die Menschen beinahe vollständig egalisiert im Modus des Man-selbst-Seins. Nur in Ausnahmesituationen und nur bei Einzelnen kommt es zu Momenten des Ich-selbst-Seins, die das Individuum jedoch ängstigen und vereinsamen. Die Tendenz der meisten Menschen geht daher in die Richtung der Angleichung an die Meinungen, Vorurteile und Werthierarchien der Majorität.</p>
			<p>Was bei Heidegger jedoch &#8211; im Gegensatz zu Ellen Key &#8211; völlig fehlt, ist eine positive Bezugnahme zum Sozialismus. Der Schwarzwälder Philosoph war ein ausgesprochen konservativer Denker, dem die aufklärerische, emanzipatorische und progressive Potenz eines (libertären) Sozialismus völlig fremd und unzugänglich geblieben ist und der einige Jahre später nicht zufällig eine merkliche Nähe zum Faschismus entwickelt hat.</p>
			<p>Der Individualismus keyscher Couleur weist eine ganz und gar andere Zielsetzung auf. Die schwedische Reformpädagogin wusste sehr wohl um die Brüchigkeit und Doppelbödigkeit des z.B. im Christentum propagierten Altruismus, dem sie entschieden die Selbstliebe und den Egoismus entgegenstellte. Sie war Nietzscheanerin genug, um in den Be<pagenumber id="N11A82" label="176" numbering="arabic" start="176"/>teuerungen der Nächstenliebe die Melodie der Macht und der Egozentrizität zu erkennen und zu detektieren.</p>
			<p>Den christlichen Altruismus wollte Key mit einem heidnischen Individualismus überwunden sehen &#8211; ein Individualismus, der auf dem Boden eines libertären Sozialismus erwachsen und gleichzeitig denselben ermöglichen sollte. Die Entwicklung der eigenen Person und das Werden und Wachsen als &#8222;Einziger&#8220; (Max Stirner) sowie die Förderung anderer Menschen, des Kollektivs und des Allgemeinwohls stellten für Ellen Key keine Polaritäten oder Dualismen dar, sondern bedingten sich gegenseitig:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Kein Individualist spiegelt sich vor, daß er um irgendeines anderen Willen lebe, als um seiner selbst willen, oder mit irgend einem anderen Ziel, als alle Mittel seiner Natur herauszuarbeiten und zu veredeln. Aber je weiter er es in seiner eigenen Aktualisierung gebracht hat, desto stärker fühlt er in sich die Mannigfaltigkeit: Anderer Wohl und Weh ist für ihn gegenwärtig und fühlbar wie sein Eigenes. Er braucht nicht länger mit anderen um Freiheit für sein eigenes Wachstum zu kämpfen, und er begünstigt das Wachstum anderer, weil alle Bäume ein Teil seines eigenes Waldes sind. Er macht dabei mit strahlendem Glücksgefühl die Erfahrung: Daß das Größte, wofür wir leben können, unserer eigenen und anderer Persönlichkeiten Entwicklung ist.<footnote start="204">
							<p>Key, E.: Die Freiheit der Persönlichkeit, a.a.O., S. 122</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>In dieser Abhandlung vertritt Key also die Meinung, dass das politische Problem des libertären Sozialismus auch und vor allem ein kulturelles und geistiges Problem darstelle. Deshalb gehören Künstler, Wissenschaftler und Philosophen mindestens ebenso wie genuine Politiker zu denjenigen, die eine Umsetzung der libertär-sozialistischen Ideale in eine humane Wirklichkeit möglich machen können. Manche Künstler unter den libertären Sozialisten &#8211; wie etwa George Bernard Shaw oder Oscar Wilde &#8211; haben dies teilweise schon im letzten Jahrhundert verstanden und zu leben versucht.</p>
			<p>Für Key ebenso wie für andere libertäre Sozialisten bedeutete die sozialistische Weltanschauung neben der Entwicklung der eigenen Individualität vor allem: Abschaffung der Herrschaft des Menschen über den <pagenumber id="N11AA1" label="177" numbering="arabic" start="177"/>Menschen; Eliminierung jeglicher Form ökonomischer Ausbeutung; absolute Gleichberechtigung der Geschlechter; Überwindung von Nationalismus und Rassismus; Abschaffung von Verarmung und Verelendung; Ersetzung der Religion durch ein wissenschaftlich-philosophisches Weltbild; Erziehung und Bildung im Geiste der Humanität; Verminderung der Arbeitszeit und statt dessen Vermehrung der Zeit für Persönlichkeitsbildung; Kampf gegen Vorurteile in allen Kulturbereichen; Abrüstung und Abschaffung der Rüstungsindustrie und des Militärs sowie genossenschaftliche Produktionsweisen.</p>
		</chapter>
		<chapter id="chapter9" label="9.">
			<head>
				<pagenumber id="N11AAB" label="178" numbering="arabic" start="178"/>Ellen Key und der Pazifismus</head>
			<p>
				<br/>Dass Ellen Key eine weltanschaulich außerordentlich unabhängige und autonom sowie humanistisch und fortschrittlich denkende und urteilende Frau war, wird besonders auch hinsichtlich ihres pazifistischen Engagements deutlich. Diese Haltung ist um so erstaunlicher, als sie von ihr entwickelt und an den Tag gelegt wurde, als europaweit - und selbst unter vielen Intellektuellen - eine antipazifistische oder sogar militaristische Grundeinstellung an der Tagesordnung war. </p>
			<p>Nur wenige Künstler, Schriftsteller und Philosophen waren Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Lage, der weitverbreiteten Überzeugung von der Notwendigkeit oder beinahe historischen Gesetzmäßigkeit kriegerischer Auseinandersetzungen eine kritische und pazifistische Idee entgegen zu setzen. Um Ellen Keys genuine Beitragsleistungen hinsichtlich des Pazifismus besser einordnen zu können, sollen an dieser Stelle einige wenige europäische Intellektuelle erwähnt werden, welche sich pazifistischen Konzepten nahe fühlten und sie vertraten, und die als Vorläufer oder Begründer des Pazifismus gelten.</p>
			<p>Als pazifistisches Ur- und Erzgestein hat man wiederholt den russischen Aristokraten und Schriftsteller Leo Tolstoi angesehen. Zwar haben z.B. schon Erasmus von Rotterdam zu Beginn des 16.Jahrhunderts oder manche Aufklärer - wie etwa Hume, Voltaire und Kant - Gedanken und Ideen entwickelt, denen ein pazifistischer Gehalt nicht abgesprochen werden kann; man denke nur an des Königsbergers Abhandlung <em>Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf</em> (1795), in welcher schon Modelle eines &#8222;Völkerbundes&#8220; dargestellt werden, wie sie über einhundert Jahre später in ähnlicher Form realisiert und auch von Ellen Key kommentiert wurden. Strikt pazifistische Positionen wurden jedoch erst zum Ende des 19. Jahrhunderts hin breiter ausgearbeitet und energisch vertreten. </p>
			<p>Tolstoi (1828-1910) entstammte dem russischen Hochadel. Die Kontakte mit den Ideen Rousseaus und die Gespräche mit Proudhon, Herzen oder auch Turgenjew ließen aus dem Offizier des Krimkrieges, der Tolstoi ursprünglich war, nach und nach einen überzeugten Pazifisten werden, der zum unerschrockenen Kämpfer gegen den Feudalismus, gegen Krieg und Militarismus, gegen Herrschaft und Sklaverei sowie gegen Kirche und Staat avancierte. Schon seine drei Kriegsberichte <em>Sewastopol im Dezember</em>, <em>Sewastopol im Mai</em> und <em>Sewastopol im August</em>, die er <pagenumber id="N11AC9" label="179" numbering="arabic" start="179"/>1855/56 verfasste, schildern den Krieg schlicht und sehr ergreifend in all seiner banalen Grausamkeit und Hässlichkeit. Diese Kriegsberichterstattung soll dazu geführt haben, dass der Zar, der davon Kenntnis bekam, befahl, Tolstoi vom Frontdienst abzuziehen, um ihn zu schützen und zu schonen.</p>
			<p>Etwa ein Jahrzehnt später veröffentlichte Tolstoi sein Epos <em>Krieg und Frieden</em> (1864-69), das die historische Epoche Russlands zwischen 1805 und 1820 zu ihrem Inhalt hat. Bekanntlich fallen in diese Zeit die Napoleonischen Kriegszüge quer durch Europa, die auch Russland nicht unberührt ließen und letztlich zum &#8222;großen Sieg&#8220; (durch dauernden Rückzug) über den Korsen und seine Truppen führten. </p>
			<p>Neben der Darstellung der kriegerischen Auseinandersetzungen geht es Tolstoi in dem Roman auch um die Erörterung einer Geschichts-Philosophie, wobei er sich als ein Vertreter einer anti-individualistischen Position zu erkennen gibt. Nicht einzelne Feldherren, Könige oder Staatsmänner, sondern die anonyme Dynamik der Massen und Völker schreiben Geschichte - weshalb es auch notwendig ist, diese Dynamik zu begreifen, um zu verstehen, warum es immer wieder Kriege gibt. In <em>Krieg und Frieden </em>heißt es dazu:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Doch was ist der Krieg? Was braucht es zum Erfolg bei militärischen Aktionen? Wie sind im Militärstand die Sitten? Das Ziel des Krieges ist der Mord, das Handwerkszeug des Krieges: Spionage, Verrat und Anstiftung dazu, Ruin der Einwohner, ihre Beraubung oder Diebstahl, um die Armee zu versorgen, und Lüge und Betrug, was man Kriegslist nennt. Die Sitten des Militärstandes aber sind: völliger Mangel an Freiheit, was man als Disziplin bezeichnet, Müßiggang, Rohheit, Grausamkeit, Unzucht und Unmäßigkeit. Und trotz alledem ist dies der höchste Stand, der von allen geachtet wird. Alle Kaiser, außer dem von China, tragen Militäruniformen, und dem, der die meisten Menschen totgeschlagen hat, werden die größten Auszeichnungen zuteil.<footnote start="205">
							<p>Tolstoi, L.: Krieg und Frieden (1864-1869), Frankfurt am Main 1982, S. 282</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Dieser Charakteristik des Krieges, die Tolstoi schon Mitte des 19. Jahrhunderts formulierte, ist aus heutiger Sicht nur wenig hinzuzufügen. Im <pagenumber id="N11AEE" label="180" numbering="arabic" start="180"/>Gegenteil: Tolstois Gedanken muten modern und zeitgemäß an und bestätigen, dass ihr Autor mit seinen Schriften weit in die Zukunft vorausgegriffen hat. Viele moderne Pazifisten - z.B. Ernst Friedrich, Henri Barbusse, Georg Friedrich Nicolai oder auch Romain Rolland - haben sich daher in ihren eigenen Schriften auf Tolstois <em>Krieg und Frieden</em> bezogen.</p>
			<p>Viel wichtiger als die Ausführungen Tolstois zum Pazifismus waren für Ellen Key jedoch diejenigen Bertha von Suttners (1843-1914). Die &#8222;Friedens-Bertha&#8220;, die 1843 in Prag geboren wurde und aristokratisch aufwuchs, hat sich in ihren erwachsenen Jahren beinahe uneingeschränkt der Sache des Pazifismus verschrieben. Zusammen mit ihrem Mann, dem Baron von Suttner, lebte sie einige Jahre im Kaukasus, wo beide Eheleute begannen, sich literarisch zu betätigen; über die dabei entstandenen Novellen gerieten sie in Kontakt mit den literarischen Eliten Europas sowie mit deren zum Teil fortschrittlichen Ideen.</p>
			<p>Als die Suttners aus Südrussland zurückgekehrt waren, verbrachten sie 1886/87 einige Zeit in Paris. Dort kam ihnen zu Ohren, dass eine internationale Friedensbewegung mit Sitz in London gegründet worden war, was mit begeisterter Zustimmung der beiden beantwortet wurde. Bei Bertha von Suttner führte dies sogar dazu, dass sie ein Buch mit dem Titel <em>Die Waffen nieder!</em> verfasste und 1888 veröffentlichte. Leo Tolstoi, der dieses Buch mit großer Begeisterung gelesen hatte, schrieb daraufhin an die Autorin:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Ich schätze Ihr Werk sehr und halte die Veröffentlichung Ihres Romanes für ein glückliches Vorzeichen. Der Abschaffung der Sklaverei ging das berühmte Buch einer Frau voraus, der Mrs. Beecher-Stowe; Gott gebe, daß die Abschaffung des Krieges durch das Ihre geschehe.<footnote start="206">
							<p>Tolstoi, L.: Brief an Bertha von Suttner, zit. n.: Kleberger, I.: Bertha von Suttner - Die Vision vom Frieden (1985), München 1988, S. 62</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Auch Alfred Nobel war vom Text Bertha von Suttners tief beeindruckt. Nobel kannte die Baronin bereits aus der Zeit, als sie - noch vor ihrer Heirat mit Suttner - als Sekretärin bei ihm gearbeitet hatte. Er selbst war aber merklich weniger optimistisch und hatte die Idee, eher durch Abschreckung neuerliche und verheerende Kriege verhindern zu können. In dieser Linie lag auch seine Erfindung des Dynamits, von dem sich Nobel eine <pagenumber id="N11B13" label="181" numbering="arabic" start="181"/>radikale Verkürzung aller Kampfhandlungen versprach, da alle Beteiligten eigentlich wissen müssten, dass die Destruktivität dieses Kampfstoffes zum eigenen Schaden sei. </p>
			<p>Immerhin hat Alfred Nobel, der mit seiner Erfindung ein Vermögen gemacht hatte, kurz vor seinem Tode eine Stiftung ins Leben gerufen, die jährlich den &#8222;Nobel-Preis&#8220; nicht nur für hervorragende wissenschaftliche Leistungen, sondern auch für pazifistisches Engagement vergeben sollte. Bertha von Suttner war 1905 die erste Frau, die den Friedens-Nobelpreis verliehen bekommen hat.</p>
			<p>In seinem Buch <em>Die Welt von gestern</em> hat Stefan Zweig eine Situation beschrieben, die er mit Bertha von Suttner kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs erlebt hat. Ihre Worte, die sich auf die in Österreich damals viel diskutierte Affäre des Oberst Redl bezogen, würde so ähnlich wohl auch Ellen Key gesprochen haben: </p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Das war schon der Krieg, und sie haben wieder einmal alles vor uns versteckt und geheimgehalten. Warum tut ihr nichts, ihr jungen Leute? Euch geht es vor allem an! Wehrt euch doch, schließt euch zusammen! Laßt nicht immer alles uns paar alte Frauen tun, auf die niemand hört... Es steht schlimmer als je, die Maschine ist doch schon in Gang.<footnote start="207">
							<p>Zweig, St.: Die Welt von gestern (1942), Frankfurt am Main o.J., S. 245f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Den richtigen Gang der Maschine musste Bertha Suttner nicht mehr erleben. Sie starb am 21. Juni 1914, wenige Wochen vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs.</p>
			<p>Ellen Key, die Bertha von Suttner Anfang des 20. Jahrhunderts besucht hatte, schrieb in ihrer Broschüre <em>Florence Nightingale und Bertha von Suttner - Zwei Frauen im Kriege wider den Krieg </em>(1919) über diese Begegnung, mehr jedoch noch über die pazifistischen Grundgedanken und Aktivitäten der &#8222;Friedens-Bertha&#8220;:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Als ich Bertha von Suttner zum ersten Male sah, war sie schon Witwe (ihr Gatte Artur von Suttner starb am 10. Dezember 1902, K.M.). Sie führte mich in das Heiligtum des Hauses, in das Zimmer, wo das große Bild Baron von Suttners auf einer von Blumen umgebenen Staffelei stand. Beim Anblick seines <pagenumber id="N11B42" label="182" numbering="arabic" start="182"/>schönen, von Gedankenkraft und Güte zeugenden Antlitzes verstand man die Worte seiner Witwe, daß sie in ihm nicht nur den Gatten ihrer Jugend, sondern auch ihren besten Freund betrauere.<footnote start="208">
							<p>Key, E.: Florence Nightingale und Bertha von Suttner - Zwei Frauen im Kriege wider den Krieg, Zürich 1919, S. 15</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Dass Key nicht nur das Hauptwerk Bertha von Suttners <em>Die Waffen nieder! </em>kannte, sondern ebenso mit ihrem Erinnerungsbuch <em>Memoiren </em>(1909) vertraut war, wird auch daran ersichtlich, dass sie in ihrem Text auf den eben zitierten Brief Leo Tolstois an Bertha von Suttner Bezug nahm, den diese in ihren <em>Memoiren </em>ausführlich erwähnt hat.</p>
			<p>Im weiteren Verlauf ihrer Schrift kommentiert Key detailliert den Inhalt und die Zielrichtung von <em>Die Waffen nieder!.</em> Dieses Hauptwerk Suttners sei zwar kein Kunstwerk, habe aber bahnbrechende Wirkungen weit über den deutschsprachigen Raum hinaus erzielt. Imposant sei etwa die enorme Hellsichtigkeit der Autorin, mit der sie den kommenden Weltkrieg prognostizierte. Auch habe sie sehr klar die verschiedenen Ursachen und Bedingungen analysiert und benannt, welche den Krieg als Mittel der zwischenstaatlichen &#8222;Konfliktlösung&#8220; erst ermöglichen und perpetuieren:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Sie zeigt, wie der Krieg immer durch den Entschluß eines oder mehrerer Menschen zustande kommt, wie die Presse die Volksmeinung bearbeitet, ob es sich nun um Haß oder Liebe für ein anderes Volk handle... Von Monat zu Monat zeigt sie anhand der Tagespolitik, wie die Interessen der Waffenfabriken und anderer Industrien, wie der Nationalismus, Militarismus, Klerikalismus, Antisemitismus, Protektionismus in allen Ländern die Fackeln der Kriegsgefahr im Brande halten, während die Friedensfreunde wie Toren behandelt werden, die in der öffentlichen Meinung mit den Anarchisten auf die gleiche Stufe gestellt werden... Eine Gefahr, die die Völker einem Bombenregen aussetzt, wäre wohl mehr zu beachten, als einige Dutzend Anarchisten, gegen die man eine <em>internationale Abwehr </em>verlangt. Niemand aber fordert einen internationalen Zusammenschluß, um die tausend Mal gefährlichere <em>zwischenstaatliche Anarchie </em>aufzuheben.<footnote start="209">
							<p>Key, E.: Florence Nightingale und Bertha von Suttner - Zwei Frauen im Kriege wider den Krieg, a.a.O., S. 18</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<pagenumber id="N11B7C" label="183" numbering="arabic" start="183"/>
				<br/>Neben Leo Tolstoi und Bertha von Suttner gehörten um 1900 und während der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts noch einige weitere Schriftsteller und Intellektuelle zum erlauchten Kreis der Pazifisten, von deren Schriften und Ansichten teilweise auch Ellen Key Kenntnis hatte und beeinflusst wurde. Besonders erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang Malwida von Meysenbug, Henri Barbusse, Ernst Friedrich, Alfred Fried, Georg Friedrich Nicolai, Leonhard Frank, Erich Maria Remarque, Romain Rolland, Anatole France, Fridtjof Nansen, Karl Kraus und Gustav Björklund. Die meisten dieser Pazifisten kannten sich gegenseitig persönlich oder zumindest bezüglich ihrer Publikationen, so dass es nicht überraschend ist, dass einige pazifistische Grundgedanken bei den verschiedenen Vertretern dieser Gesinnung in Abständen wiederkehren. </p>
			<p>Mit den pazifistischen Überlegungen etwa von Anatole France war Key gut vertraut. In ihrem Buch <em>Der Lebensglaube </em>(1906) führt sie den französischen Schriftsteller mit einem seiner aufrüttelnden Sätze an, die er den Militaristen Europas und der gesamten Welt ins Stammbuch geschrieben hat: &#8222;Menschen zum Morden zu zwingen, ist das Verbrechen aller Verbrechen.&#8220;<footnote start="210">
					<p>France, A., zit. n: Key, E.: Der Lebensglaube, Berlin 1906, S. 330</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>Ein in Europa von vielen fortschrittlichen Menschen ebenfalls oft zitierter Pazifist war der Schriftsteller Henri Barbusse (1873-1935). Besonders hervorzuheben ist sein Buch <em>Le Feu </em>(1916), zu deutsch: <em>Das Feuer - Tagebuch einer Korporalschaft</em>, das die Erlebnisse und Schicksale einer 15-Mann-Gruppe (Korporalschaft) während des Ersten Weltkrieges ungeschönt und bisweilen in brutaler Offenheit und Direktheit schildert. Romain Rolland, selbst ein entschiedener Pazifist, war von diesem Buch tief beeindruckt und nannte es einen &#8222;unerbittlichen Spiegel des Krieges&#8220;, Maxim Gorki verfasste eine Rezension über diesen Text, der man seine Erschütterung über die Lektüre deutlich anmerkt, und Ernst Toller beschrieb später, wie er das erste Mal mit <em>Le Feu </em>in Kontakt kam, wie dieser schonungslose Text sein Herz ergriff und wie teuer ihm seit jener Zeit der Name Barbusse geworden ist.</p>
			<p>Henri Barbusse hatte sich im August 1914 als Freiwilliger an die Front gemeldet, wo er innerhalb kurzer Zeit den Krieg als schändlichen Betrug, der mit dem Tod fürs Vaterland bezahlt wird, demaskierte. Mit <pagenumber id="N11B9E" label="184" numbering="arabic" start="184"/>schlichten, aber ungemein eindrücklichen Worten beschrieb der Autor seine Erlebnisse im Schützengraben und angesichts von Trommelfeuern, welche die Sinnlosigkeit eines gigantischen Gemetzels widerspiegelten. Über einen gefallenen Kameraden berichtet Barbusse etwa:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Barque erscheint in seiner Starre riesig. Die Arme sind am Körper ausgestreckt, die Brust ist eingedrückt, der Bauch zu einem Trichter eingefallen. Mit dem Kopf auf einem Dreckhaufen liegend, schaut er über die Füße hinweg auf die, die von links kommen. Die Haare hängen ihm in das verdüsterte Antlitz, dicke schwarze Krusten von geronnenem Blut kleben darin, die blutigen Augen sehen aus wie gekocht.<footnote start="211">
							<p>Barbusse, H.: Das Feuer - Tagebuch einer Korporalschaft (1916), Berlin 1986, S. 284</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Wie bereits erwähnt, haben etliche Schriftsteller auf Henri Barbusses Buch mit großer Anerkennung reagiert. Unter ihnen war auch Romain Rolland, der im <em>Journal de Genève </em>am 19. März 1917 eine umfangreiche und zustimmende Rezension dieses Textes publiziert hat. Da Ellen Key seit 1909 auf Romain Rolland und dessen Veröffentlichungen aufmerksam geworden war und mit ihm in brieflichem Kontakt stand, ist es durchaus wahrscheinlich, dass die schwedische Reformpädagogin auch über ihren französischen Korrespondenzpartner auf Henri Barbusse und <em>Le Feu </em>hingewiesen worden war.</p>
			<p>Ein weiterer &#8222;Bannerträger des Pazifismus&#8220; war Leonhard Frank (1882-1961), der während des Ersten Weltkriegs in Zürich als Exilant lebte. Dort veröffentlichte er seine Sammlung pazifistischer Geschichten, die unter dem Titel<em> Der Mensch ist gut </em>1917 erschienen und für Furore sorgten. </p>
			<p>Diese Erzählungen variieren den üblichen Satz, mit dem seit langem umschrieben wird, dass jemand im Krieg den Tod gefunden hat: &#8222;Er ist auf dem Felde der Ehre gefallen.&#8220; Frank hat ergreifend gezeigt, dass das Feld der Ehre eine ekelhafte Schlachtbank ist, zu der die Soldaten geführt werden und auf der sie verrecken wie das Vieh. Und weiter beschreibt Frank die Identitäten der Schlächter und Massenmörder, die in ihren bürgerlichen Berufen als Großindustrielle, Rüstungsmanager, Bankiers und Politiker brillieren, um sich in Krisenzeiten flugs mit dem Gewand <pagenumber id="N11BC6" label="185" numbering="arabic" start="185"/>von Generälen und Militärs zu kleiden und damit ihre ureigensten Interessen des Machterhalts und der Großmannssucht zu verfolgen.</p>
			<p>In seiner Autobiographie <em>Links wo das Herz ist</em> (1952) hat Leonhard Frank erläutert, wie er zum Pazifisten und libertären Sozialisten wurde. Sein Engagement speiste sich aus der Erkenntnis, dass durch Krieg, Armut, Bildungsnotstand und Unterdrückung jeglicher Art Tausende von kulturellen Talenten verkümmern und ihre Fähigkeiten entweder gar nicht entwickelt oder früh zunichte gemacht werden - von der Tatsache, dass oftmals auch ihr Leben verkürzt oder verkrüppelt wird, ganz zu schweigen.</p>
			<p>Der Text <em>Der Mensch ist gut </em>sollte Leonhard Frank zufolge nicht als Kunstwerk, sondern als &#8222;aufwühlendes, direkt wirkendes Manifest gegen den Kriegsgeist&#8220; gelesen werden. In einer expressionistischen und Affekte evozierenden Sprache hat Frank in seinen fünf Novellen, aus denen das Buch <em>Der Mensch ist gut </em>besteht, die grauenhaften Seiten des Kriegsgeschehens als Anklage und gleichzeitig als Aufruf zu Veränderung bzw. Abschaffung des Krieges verstanden wissen wollen. In der zweiten Novelle z.B., überschrieben mit <em>Die Kriegswitwe</em>, schildert er minutiös die Reaktion einer Frau, die soeben erfahren hat, dass ihr Mann im Krieg gefallen ist:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Der Schmerz um den toten Mann war, in den Zeitraum weniger Sekunden zusammengepreßt, ganz plötzlich so unmenschlich furchtbar, daß die Witwe, wollte sie nicht im Augenblick Besinnung und Verstand einbüßen, mit einem gewaltigen innerlichen Sprung von ihrem Leben der Lüge, Gedankenlosigkeit und Selbstsucht heraus - ins höhere Menschentum hineinspringen mußte... Sekündlich und mit der ganzen Kraft ihres Wesens versuchte sie, die Begriffe &#8222;Heilige Sache&#8220;, &#8222;Altar&#8220;, &#8222;Feld der Ehre&#8220;, &#8222;Heldentod&#8220; als Betäubungsmittel dem Schmerz wieder entgegenzustemmen.<footnote start="212">
							<p>Frank, L.: Der Mensch ist gut (1917), in: Ausgewählte Werke in vier Bänden, Band 4, Berlin 1991, S. 33ff.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Berücksichtigt man den Inhalt dieser Novellen, so überrascht es nicht, dass am Ende dieses Zyklus der Name von Karl Liebknecht auftaucht, dem Leonhard Frank die Führung eines revolutionären Umsturzes und einer pazifistischen Revolte zugetraut hat. Leonhard Frank nämlich hat als <pagenumber id="N11BF1" label="186" numbering="arabic" start="186"/>eine wesentliche Ursache von kriegerischen Auseinandersetzungen die massiven sozialen und gesellschaftlichen Verwerfungen und Ungerechtigkeiten erkannt und benannt, die seiner Meinung nach den Umbau der Gesellschaft hin zu einer sozialistischen Form dringend notwendig erscheinen ließen.</p>
			<p>Diese Verknüpfung von Pazifismus und Sozialismus, die in der Person wie auch in den Schriften Leonhard Franks offensichtlich wurde, taucht auch in den pazifistischen Texten Ellen Keys auf. In ihrem aufschlussreichen Aufsatz über Gustav Björklund, den schwedischen Pazifisten, betitelt mit <em>Ein Vorläufer des wissenschaftlichen Pazifismus </em>(1912), schreibt Key diesbezüglich:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Hätte er (Gustav Björklund, K.M.) das Vorrücken des Sozialismus miterlebt, er würde sich mit uns allen gefreut haben, die wir überzeugt sind, daß der Sozialismus und die Friedenssache nicht zu trennen sind, wenigstens nicht für das Auge, das weit zu sehen vermag.<footnote start="213">
							<p>Key, E.: Ein Vorläufer des wissenschaftlichen Pazifismus, in: Die Friedenswarte, Wien 1912, S. 54, Anhang 12</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Dass Ellen Key das Buch Leonhard Franks <em>Der Mensch ist gut </em>ebenso wie dasjenige Henri Barbusses <em>Das Feuer </em>gekannt haben wird, kann man auch deshalb vermuten, weil diese beiden Publikationen zwei bzw. drei Jahre vor Ellen Keys <em>Florence Nightingale und Bertha von Suttner - Zwei Frauen im Kriege wider den Krieg</em> ebenfalls im Max Rascher Verlag in Zürich erschienen sind und weil für sie sogar im Anhang der Broschüre Keys vom Verlag als empfehlenswerte Literatur geworben wurde.</p>
			<p>Ein Zeitgenosse Leonhard Franks, der sich ebenfalls als Pazifist einen Namen zu machen wusste, war Georg Friedrich Nicolai (1874-1964). Er wurde in eine recht rebellische Familie hinein geboren, die das Opponieren dem kleinen Georg Friedrich in die Wiege, wenn nicht gar in &#8222;die Gene&#8220; gelegt hatte. Der Vater, ein Dozent für Chemie, stichelte als Journalist oft genug gegen den eisernen Kanzler Bismarck, und die Mutter galt als Sozialistin, die enge Kontakte zu Gustav Landauer und August Bebel unterhielt.</p>
			<p>Der Sohn absolvierte eine Ausbildung als Physiologe und Mediziner und wurde für diese Fächer sogar habilitiert. Darüber hinaus legte er sich <pagenumber id="N11C1F" label="187" numbering="arabic" start="187"/>jedoch auch eine profunde philosophische, geisteswissenschaftliche und literarische Bildung zu, die ihn in die Lage versetzte, als Reaktion auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs sein Buch <em>Die Biologie des Krieges</em> (1917) zu verfassen, das immer noch als eine der solidesten Publikationen zum Thema Pazifismus gilt. </p>
			<p>Außerdem las Nicolai an der Universität Berlin, wo er als Professor der Physiologie tätig war, im November 1914 ein kriegsfeindliches Kolleg, was dazu beitrug, dass der unbequeme Kritiker aus der Alma mater der Metropole entfernt wurde. Obwohl im Rahmen dieser Maßnahmen gegen Nicolai auch das Manuskript zu <em>Die Biologie des Krieges</em> beschlagnahmt wurde, gelang es über einen Kontakt zu Leonhard Frank, eine Abschrift an den renommierten Zürcher Verlag Orell Füssli zu lancieren, der das Buch 1917 erscheinen ließ.</p>
			<p>
				<em>Die Biologie des Krieges</em> provozierte unter den humanistisch und progressiv orientierten Intellektuellen Europas helle Begeisterung. Romain Rolland, Georg Brandes, Ellen Key, Fridtjof Nansen und andere bekannten sich öffentlich zu den Thesen und Argumenten Nicolais. Sein Buch war aber auch derart umfassend und enzyklopädisch konzipiert, dass diese positiven Reaktionen nur zu verständlich erschienen. Soziologie, Politik, Biologie, Geschichte, Philosophie, Literatur, Medizin, Psychologie, Mythologie und einige weitere Kulturbereiche werden von Nicolai bemüht und zitiert, um den Irrsinn des Krieges und seine vielgestaltigen Voraussetzungen zu beschreiben und zu kritisieren. </p>
			<p>Sein Text stellt einen der vollständigsten Versuche dar, die vielen Köpfe der Hydra Krieg detailliert zu erfassen und - wenn möglich - auch abzuschlagen. In fünfzehn Kapiteln bearbeitete Nicolai so basale Themen wie z.B. &#8222;Kampf ums Dasein und Krieg&#8220;, &#8222;Die Wurzeln des Patriotismus&#8220;, &#8222;Der unberechtigte Chauvinismus&#8220;, &#8222;Der Altruismus&#8220; oder auch &#8222;Krieg und Religion&#8220;. Im letzteren Kapitel schrieb der Autor über die angebliche Friedfertigkeit des Christentums:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Praktisch ging man schon bald ins Lager der Militaristen über, und nicht einmal zu seinen Lebzeiten konnte Jesus das Schwert ganz aus der Welt schaffen... Es ist bekannt und braucht keines Beweises, daß ... niemals in der Welt soviel mit Gift und Feuer und Schwert gewütet worden ist, als in der christlichen Ära; teilweise von der christlichen Kirche selbst (Inquisition und Ketzergerichte), und teilweise in ihrem Namen: die <pagenumber id="N11C3C" label="188" numbering="arabic" start="188"/>Kreuzzüge gegen Türken, Albigenser, Hussiten usw. und die zwischenstaatlichen Glaubenskriege im 16. und 17. Jahrhundert.<footnote start="214">
							<p>Nicolai, G.F.: Die Biologie des Krieges, Zürich 1917, S. 434</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Nicolai geriet - bei derartigen Ausführungen kein Wunder - aufgrund seines Buches in Deutschland so sehr unter Druck, dass er sich für eine Flucht nach Skandinavien entschied, wo er eine Zusammenarbeit mit Ellen Key konstellierte. Seine erste Station war die dänische Hauptstadt Kopenhagen:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Unmittelbar nach seiner Ankunft in Kopenhagen nahm er Fühlung mit Romain Rolland, Nippold und Alfred Fried in der Schweiz, mit dem Schriftsteller Georg Brandes in Dänemark, dem Polarforscher Fridtjof Nansen in Norwegen, der bedeutenden Erzieherin Ellen Key in Schweden und Shaw Desmond, einem anglo-irischen Pazifisten, um eine internationale Zeitschrift für Frieden und Wiederaufbau ins Leben zu rufen.<footnote start="215">
							<p>Zuelzer, W.: Der Fall Nicolai, Frankfurt am Main 1981, S. 235</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Die Kontakte zwischen Nicolai und Key gestalteten sich fruchtbar und intensiv. Insbesondere an dem Projekt einer Zeitschrift für Frieden und Wiederaufbau wollte sich die Pädagogin aktiv beteiligen. Von ihr stammte auch der Wahlspruch dieses Periodikums, der da lautete: &#8222;Neutral gegenüber den kriegführenden Ländern, leidenschaftlich Partei ergreifend für das Recht gegen die Macht.&#8220;<footnote start="216">
					<p>Key, E.: zit. n.: Zuelzer, W.: Der Fall Nicolai, a.a.O., S. 235</p>
				</footnote> Nur nebenbei sei erwähnt, dass diese Zeitschrift, die den Namen <em>Das werdende Europa - Blätter für zukunftsfrohe Menschen</em> trug,<em/>über die erste Nummer nicht hinaus gekommen ist. </p>
			<p>Neben ihrer Broschüre <em>Florence Nightingale und Bertha von Suttner - Zwei Frauen im Kriege wider den Krieg </em>hat Ellen Key vorrangig in Zeitungen und Zeitschriften Aufsätze zum Thema des Pazifismus bzw. des Krieges publiziert. Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang etwa die kleineren Essays über <em>Die Vaterlandsliebe</em> (in: <em>Die Zeit</em>, Wien 1901), <em>Patriotismus </em>(in: <em>Die Zeit</em>, Wien 1901) oder auch <em>Das Friedensproblem </em>(in: <em>Dokumente des Fortschritts</em>, Berlin 1911). Außerdem publizierte sie in den <em>Basler Nachrichten </em>vom 2. August 1916 und im <em>Vorwärts </em>vom 7. August 1916 einen Aufsatz mit dem Titel <em>Krieg</em>. </p>
			<p>
				<pagenumber id="N11C93" label="189" numbering="arabic" start="189"/>In diesen Arbeiten vertrat Key einen für die damalige Zeit modernen, die Begriffe der Struktur und der Strukturelemente berücksichtigenden Standpunkt zum Thema Krieg und Pazifismus. Sie ging davon aus, dass ein Phänomen wie Krieg bzw. Militarismus als Struktur aufgefasst werden müsse, welche sich aus mehreren Strukturelementen zusammensetzt, wobei diese Elemente sich gegenseitig bedingen und verstärken. </p>
			<p>Eine derartige Betrachtungsweise historischer, gesellschaftlicher, kultureller und individueller Phänomene war um die Jahrhundertwende in Berlin unter anderem von Wilhelm Dilthey (1833-1911) propagiert worden. Dieser Philosoph hat z.B. in seiner Abhandlung <em>Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften </em>(1910) gezeigt, inwiefern die Methode einer strukturellen Zusammenhangsbetrachtung im Bereich der Geschichtswissenschaften, darüber hinaus aber auch im Bereich der Psychologie und der Wissenschaften vom Menschen allgemein außerordentlich fruchtbare Ergebnisse zeitigt. </p>
			<p>Zwischen den einzelnen Strukturelementen etablieren sich sogenannte &#8222;Wirkungszusammenhänge&#8220;, welche z.B. historische Ereignisse und Prozesse als dynamische Strukturen verstehbar werden lassen. Erst diese Wirkungszusammenhänge - und nicht einzelne Elemente - eröffnen die Möglichkeit, komplexe Phänomene und Strukturen (wie z.B. den Krieg) aus der Sicht des Historikers angemessen zu beschreiben. Über einen derartigen Wirkungszusammenhang führt Dilthey, Bezug nehmend etwa auf das Phänomen des Krieges in der altgermanischen Gesellschaft, aus: </p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Zwischen den Beschaffenheiten der einzelnen Lebensgebiete besteht eine Wechselwirkung, die durch das Ganze zu einer gegebenen Zeit hindurchgeht. So entwickelte sich in der Taciteischen Germanenzeit aus dem kriegerischen Geist die Heldendichtung ..., und diese Dichtung wirkte dann wieder zurück auf die Verstärkung des kriegerischen Geistes. Ebenso entstand aus diesem kriegerischen Geiste die Unmenschlichkeit in der religiösen Sphäre... Eben dieser Geist wirkte dann auf die Stellung des Kriegsgottes in der Götterwelt, und von da fand dann wieder eine Rückwirkung auf den kriegerischen Sinn statt. So entsteht eine Übereinstimmung in den verschiedenen Le<pagenumber id="N11CA7" label="190" numbering="arabic" start="190"/>bensgebieten, die so stark ist, daß wir von dem Zustand eines derselben auf den in einem anderen schließen können.<footnote start="217">
							<p>Dilthey, W.: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften (1910), Frankfurt am Main 1981, S. 209</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Ähnlich wie Dilthey hier einen Zusammenhang und eine gegenseitige Beeinflussung zwischen Krieg und Wirtschaft, Verfassung, Recht, Sprache, Mythos, Religiosität und Dichtung hergestellt hat, beschrieb auch Ellen Key in ihren diversen Artikeln zum damals aktuellen Kriegsgeschehen verschiedene kulturelle und historische Phänomene, welche die kriegerischen Auseinandersetzungen ermöglichten und unterhielten und sich selbst in ihren Meinungen und Haltungen durch das Kriegsgeschehen scheinbar bestätigt sahen: Klerikalismus, übertriebener Patriotismus, imperialistischer Nationalismus, Militarismus, Patriarchat sowie Kapitalismus. Über die Schimäre des Nationalismus etwa und dessen Beziehung zum Krieg schrieb Key in ihrem Artikel über Gustav Björklund:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Das Nationalgefühl, das auf der Anerkennung der einem Volk gemeinsamen geistigen und materiellen Werte und Interessen beruht, muß in dem Maße abnehmen, in dem das internationale Gefühl durch die Erfahrung erwacht, daß jedes Volk immer mehr geistige und materielle Werte, Gedanken und Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche mit anderen Völkern gemein hat.<footnote start="218">
							<p>Key, E.: Ein Vorläufer des wissenschaftlichen Pazifismus, a.a.O., S. 53f., Anhang 12</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Ausgehend von ihrer strukturellen Betrachtungsweise des Krieges (und anderen historischer und gesellschaftlicher Phänomene) postulierte Key bei ihren Überlegungen, wie denn Kriege verhindert und Frieden gesichert werden könne, dass betreffende Kulturen und Sozietäten sich in vielen ihrer Bereiche verändern müssen, wenn sie sich denn von einer militaristischen zu einer pazifistischen Einstellung und Haltung hin entwickeln wollen. Insbesondere die Ausrichtung eines Volkes, einer Nation oder einer Gesellschaft an bestimmten Werten bzw. Unwerten müsse genau untersucht und eventuell verändert werden, wenn man ganze Sozietäten und nicht nur Individuen zur Friedfertigkeit hin erziehen wolle:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Nur dadurch, daß man unablässig das Glück des Friedens gegen die Pflicht des Krieges verkündigt hat, hat die Menschheit <pagenumber id="N11CD5" label="191" numbering="arabic" start="191"/>jetzt begonnen, die Pflicht des Friedens dem Recht des Krieges gegenüberzustellen: Hat zu ahnen begonnen, daß der Kampf um die Bewahrung des Lebens in ebenso hohem Grade die Kraft steigern kann wie die Vergeudung von Leben; daß die Tugenden, die der Krieg entwickelt, an Kultur aufbauendem Wert nicht mit der Kraftanspannung zu vergleichen sind, die eintreten wird, wenn Wille und Wirken, Interesse und Ideen auf ... Zwistigkeiten gerichtet werden.<footnote start="219">
							<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 330</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Besonders plastisch und ausführlich hat Key ihre pazifistischen Gedanken in ihrem bereits oben zitierten Aufsatz über den schwedischen Philosophen Gustav Björklund (1846-1903) zu Papier gebracht. Björklund verstand sich als Schüler des schwedischen Philosophen Christoffer Jakob Boström (1787-1866), der einen von Hegel mit beeinflussten Pantheismus vertrat. Der junge Björklund kam nach Upsala, wo Boström bis 1866 an der Universität lehrte, und übernahm begeistert dessen idealistische Philosophie. Key selbst lernte Björklund in Stockholm im Rahmen eines Vorlesungszyklus kennen, in welchem er die Philosophie Boströms rezipierte. </p>
			<p>In den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts trat Björklund mit einigen grundlegenden Arbeiten zum Pazifismus hervor. Diese Publikationen zeichneten sich durch eine ausnehmend komplexe Betrachtungsweise des Phänomens Krieg aus, wie sie einige Jahrzehnte später von dem eben erwähnten Wilhelm Dilthey und dann auch von Ellen Key selbst praktiziert wurde. Björklund war ein energischer Vertreter eines Internationalismus, was z.B. in seinem Buch <em>Über das Verwachsen der Nationen </em>(1887) zum Ausdruck kam. Analoge Positionen vertrat er auch in den Texten <em>Über die Bedeutung der Segmentierung </em>(1890) sowie <em>Über Entwicklungsanarchie </em>(1892). </p>
			<p>Die Überwindung von Nationalismus und religiösem Fanatismus erhoffte sich Björklund durch eine &#8222;Globalisierung&#8220; der Industrie- und Wirtschaftsverhältnisse. Wie im Kapitel über <em>Schweden im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts </em>ausgeführt, erlebte Skandinavien in den Jahren zwischen 1880 und 1900 einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung, der insbesondere auf eine Intensivierung des Außenhandels und damit auf eine Internationalisierung und politische Ausrichtung auf Gesamteuropa <pagenumber id="N11CF9" label="192" numbering="arabic" start="192"/>zurückzuführen war. Diese Entwicklung, verbunden mit dem Aufkommen der sozialistischen Bewegung, wurde von Björklund willkommen geheißen und von ihm als Zeichen eines gesellschaftlichen und historischen Prozesses gewertet, welcher die Grundlagen des Pazifismus festigen helfen sollte:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Es ist kein Zufall, daß die sozialistische Arbeiterbewegung der Gegenwart international ist. Denn die Großindustrie muß nach und nach nicht nur eine geänderte Gesellschaftsordnung in jedem Lande, sondern auch neue Verhältnisse zwischen den verschiedenen Ländern hervorrufen... Die Friedensfrage hängt aufs engste mit der Frage einer sozialen Neugestaltung zusammen, denn heute sind es vor allem die ökonomischen Interessen, die die Kriegsanlässe bilden...<footnote start="220">
							<p>Björklund, G.: zit. n.: Key, E.: Ein Vorläufer des wissenschaftlichen Pazifismus, a.a.O., S. 54, Anhang 12</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Den Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatten die Staatsführer und Monarchen der drei nordischen Staaten Schweden, Norwegen und Dänemark mit einer Erklärung zur Neutralitätspolitik beantwortet. Tatsächlich konnten sie sich außerhalb der imperialistischen Bestrebungen der europäischen und außereuropäischen Großmächte in den Jahren während des Ersten Weltkriegs halten. Ellen Key war daher in den Jahren 1914 bis 1918 in der Lage, vor dem gesellschaftlichen Hintergrund der Neutralität und der Nicht-Einmischung ihre kritischen Erwägungen zum Krieg sowie ihre konstruktiven Vorschläge für einen Frieden danach zu formulieren. </p>
			<p>Die letzteren Gedanken fasste sie in einem Zeitungsartikel für die <em>Neue Zürcher Zeitung </em>vom 27. April 1919 zusammen, den sie unter der Überschrift <em>Wie kann der Völkerbund kommen? </em>publizierte. In diesem Beitrag nahm sie Stellung zur Idee des Völkerbundes, die damals von vielen Intellektuellen und Politikern bezüglich ihrer Inhalte und ihrer möglichen Realisierung diskutiert wurde. </p>
			<p>Am 18. Januar 1919 war es zur Eröffnung der Friedenskonferenz in Versailles gekommen, an der zirka 70 Delegierte aus den 27 Siegerstaaten des Ersten Weltkriegs teilnahmen. Auf dieser Konferenz wurde schließlich am 29. April des Jahres 1919 die Verfassung des Völkerbundes angenommen. Seine Hauptintention war es, eine Organisation des <pagenumber id="N11D1E" label="193" numbering="arabic" start="193"/>Friedens und der Sicherheit für die neuen, in den Friedensverträgen festgelegten politischen Systeme Europas zu werden. Die Mitglieder dieses Bundes verpflichteten sich, bei Friedensverletzungen gegenseitige Hilfe zu leisten und bei allfälligen Streitigkeiten den Schiedsspruch des Ständigen Internationalen Gerichtshofes in Den Haag anzuerkennen. </p>
			<p>Aus verschiedenen Erwägungen heraus - man vermutet, dass auch eine Erkrankung des US-Präsidenten Wilson dazu beigetragen hat - traten die Vereinigten Staaten von Amerika dem Völkerbund nicht bei. Trotz dieses Handicaps und trotz des letztendlichen Scheiterns des Völkerbundes bedeutete seine Gründung einen wesentlichen Markstein in der Geschichte des Völkerrechts sowie für die später erfolgte Gründung der Vereinten Nationen:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Die Schaffung des Völkerbunds - eines institutionalisierten Forums, wo Vertreter verschiedener Nationen sich ständig treffen konnten - schuf neue Möglichkeiten für die friedliche Lösung internationaler Konflikte. Heutzutage sind hinter den Aufregungen, dem Feuerwerk und den Stockungen der Generalversammlungen und des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen neue Kräfte am Werk, welche sich schon als nützlich erwiesen haben...<footnote start="221">
							<p>Frank, J.D.: Muss Krieg sein? Psychologische Aspekte von Krieg und Frieden (1968), Darmstadt o.J., S. 301</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Ohne die kommende Entwicklung genauer voraussehen zu können, äußerte sich Key in ihrem oben erwähnten Artikel über den Völkerbund bezüglich seiner potentiellen Qualitäten außerordentlich zuversichtlich. Sie gestand dieser Idee einer Vereinigung der Nationen und Staaten, die sich einem übergeordneten und umfassenden Völkerrecht beugen, durchaus die Chance zu, einen zukünftigen Frieden zu gewährleisten. </p>
			<p>Allerdings war Key skeptisch bezüglich der Möglichkeit einer allzu einfachen Konkretisierung dieser Idee. Aufgrund ihrer fundierten pädagogischen und psychologischen Erfahrungen und Kenntnisse wusste sie um die Schwierigkeiten der einzelnen Individuen ebenso wie ganzer Sozietäten, hochrangige Ideale und Werte in der spröden und trägen politischen, gesellschaftlichen und familiären Wirklichkeit der Menschen umzusetzen. Die Frage, wie denn der Völkerbund realisiert und diese Idee Wirklichkeit <pagenumber id="N11D3D" label="194" numbering="arabic" start="194"/>werden könne, beantwortete die Pädagogin daher mit ihrem eindringlichen Hinweis auf die Notwendigkeit, Menschen dazu erst erziehen zu müssen:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Der Kult der<em> Friedensreligion</em> - des wirklichen Friedens, den Romain Rolland besungen hat - kann nach dieser tragischen Zeit nur eine einzige absolute Form haben: <em>Erziehung</em>. Aber eine Erziehung, die selbst allen brutalen Mitteln entsagt... Erst müssen die Mütter erzogen werden, nicht mehr Egoisten für ihre eigenen Personen oder Familien oder Länder zu sein!... Zu dieser Erziehung gehört ein freiwilliges Gehorchen gegenüber dem Gesetz der <em>gegenseitigen Hilfe </em>und Haß gegen einen solchen Kampf ums Dasein, der jetzt mit Gewaltmitteln geführt wird und seinen Höhepunkt in der wirtschaftlichen Konkurrenz und im Waffenkrieg erreicht... Nur durch Menschen, die so erzogen worden sind, kann der Völkerbund eine Wirklichkeit statt nur &#8222;ein Papierfetzen&#8220; werden.<footnote start="222">
							<p>Key, E.: Wie kann der Völkerbund kommen?, in: Neue Zürcher Zeitung, 27. April 1919, Anhang 10</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Diese Stellungnahme erscheint aus mehreren Gründen &#8222;typisch&#8220; für Ellen Key. Zum einen verknüpfte sie darin die politische und gesellschaftliche Idee des Völkerbundes mit der individuellen und kulturellen Aufgabe der Erziehung von Erziehern und Zöglingen zugleich. So attraktiv der Gedanke einer Vereinigung der Nationen und einer internationalen Rechtsprechung auch war (und noch immer ist), so notwendig ist gleichzeitig die Schulung von denjenigen und pädagogische Einwirkung auf diejenigen, welche eine derartige Idee konkret umsetzen sollen. Key wusste, dass Utopien im Gemüt des einzelnen verankert und dieses Gemüt dementsprechend entwickelt werden müsse, wenn sie denn in Maßen Wirklichkeit werden sollen. </p>
			<p>Zum anderen spielte Key im eben zitierten Beitrag auf zwei Quellen ihrer eigenen Pädagogik an, die sie - wie auch in ihren pädagogischen Schriften - nicht namentlich, wohl aber inhaltlich kenntlich gemacht hat. In der Formel vom &#8222;Gesetz der gegenseitigen Hilfe&#8220; klingt nämlich sowohl die Hauptschrift Peter Kropotkins (<em>Gegenseitige Hilfe im Tier- und Menschenreich</em>, 1904) als auch das individualpsychologische Konzept Alfred Adlers an, der sich auf Peter Kropotkin bezogen und vom &#8222;Gemeinschaftsgefühl&#8220; </p>
			<p>
				<pagenumber id="N11D68" label="195" numbering="arabic" start="195"/>oder <em>Common sense </em>gesprochen hat. Diese beiden Autoren und ihre Beziehungen zur Pädagogik und Psychologie Ellen Keys werden allerdings erst in den Kapiteln<em> Ellen Key und die Psychologie</em> sowie<em> Ellen Key und &#8222;die Pädagogik vom Kinde her&#8220;</em> detaillierter untersucht und dargestellt. </p>
		</chapter>
		<chapter id="chapter10" label="10.">
			<head>
				<pagenumber id="N11D7B" label="196" numbering="arabic" start="196"/>Ellen Key und die Religion</head>
			<p>
				<br/>Bei der Reihe von Philosophen, die für Ellen Key relevant waren - Montaigne, Spinoza, Vauvernargues, Rousseau, Diderot, Nietzsche - überrascht es nicht, dass sie ein gebrochenes, in weiten Passagen völlig ablehnendes Verhältnis zur christlichen Religion und zu vielen religiösen Inhalten und Regungen überhaupt entwickelt hat. Viele ihrer Äußerungen vermitteln den Eindruck, als ob Key einer atheistischen Weltanschauung anhing, die allerdings von etlichen pantheistischen, vorrangig von Spinoza her inspirierten Gedanken durchsetzt und von einer tief empfundenen Begeisterung für die Natur und das Leben geprägt war, für welche sie den Begriff &#8222;Lebensglaube&#8220; verwendete. Im Folgenden sollen die wesentlichen Gesichtspunkte dieser Weltanschauung erörtert und mit den pädagogischen, psychologischen und kulturanalytischen Tendenzen und Ansprüchen Keys in Bezug gesetzt werden. </p>
			<p>In <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>sprach sich Key ganz unverblümt und direkt gegen jegliche Erziehung zu einer etablierten Religiosität sowie gegen jede Form des Religionsunterrichts und der damit verknüpften ethischen Unterweisung aus:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Das im jetzigen Augenblick demoralisierendste Moment der Erziehung ist der christliche Religionsunterricht. Mit diesem meine ich in erster Linie Katechismus und biblische Geschichte, Theologie und Kirchengeschichte... Aber ich meine außerdem, daß selbst ein lebendiger &#8222;Unterricht&#8220; im Christentum den Kindern zum Schaden gereicht... Der für die Menschheit gefährlichste aller Mißgriffe der Erziehung ist der, daß man jetzt die Kinder als absolute Wahrheit die alttestamentarische Welterklärung lehrt, der der naturhistorische und der historische Unterricht widerspricht; daß man die Kinder lehrt, die Moral des neuen Testamentes als absolut bindend zu betrachten, deren Gebote das Kind bei seinen ersten Schritten ins Leben verletzen sieht.<footnote start="223">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes (1900), Weinheim und Basel 2000, S. 202f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Key verweist im Zusammenhang mit religiöser Erziehung respektive mit dem Unterricht, welcher auf religiöse Dogmen und Lehrsätze zurückgreift, <pagenumber id="N11D9F" label="197" numbering="arabic" start="197"/>auf die verdummenden und die Intelligenz der Kinder und Zöglinge einschränkenden Effekte, die von einer derartigen Pädagogik induziert werden. An einer Stelle beschreibt sie z.B. die religiösen Sophismen, welche &#8222;die unbestechliche Logik des Kindes abstumpfen&#8220;<footnote start="224">
					<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S 203</p>
				</footnote>, und hat damit Gedanken von Sigmund Freud vorweggenommen. Dieser hat ein Vierteljahrhundert später analog von der &#8222;glänzenden Intelligenz der Kleinkinder&#8220; gesprochen, die sich jedoch rasch vermindere, sobald die Kinder in öffentlichen Schulen und Kirchen unterrichtet werden: </p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Wer sich einmal dazu gebracht hat, alle die Absurditäten, die die religiösen Lehren ihm zutragen, ohne Kritik hinzunehmen, und selbst die Widersprüche zwischen ihnen zu übersehen, dessen Denkschwäche braucht uns nicht arg zu verwundern... Wie kann man von Personen, die unter der Herrschaft von Denkverboten stehen, erwarten, daß sie das psychologische Ideal, den Primat der Intelligenz erreichen werden?... Solange außer der sexuellen Denkhemmung die religiöse und die von ihr abgeleitete loyale auf die frühen Jahre des Menschen einwirken, können wir wirklich nicht sagen, wie er eigentlich ist.<footnote start="225">
							<p>Freud, S.: Die Zukunft einer Illusion (1927), in: Gesammelte Werke Band XIV, Imago-Ausgabe 1948, Frankfurt am Main 1999, S. 371</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Dass Ellen Key in der religionskritischen Literatur und Tradition einigermaßen bewandert war, beweisen manche Passagen aus <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>ebenso wie diverse Textstellen in ihrem übrigen Oeuvre. So zitiert sie etwa den kritischen Geist Rousseaus wie auch Kierkegaards, wenn es darum geht, die basale Anthropologie, welche z.B. in der christlichen Religion enthalten ist, zu demaskieren und zu attackieren. Insbesondere die Definition des Menschen im Christentum als eines von vornherein (Erbsünde) und permanent ethisch defizitären Wesens erfährt die nachhaltige Ablehnung der Schwedin:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Das Demoralisierende im Christentum als Ideal besteht darin, daß es als absolut hingestellt wird, während der Gesellschaftsmensch es jeden Tag verletzen <em>muß, </em>und während er außerdem durch den Religionsunterricht erfährt, daß er als gefallenes Wesen das Ideal überhaupt gar nicht erreichen kann - obgleich <pagenumber id="N11DCC" label="198" numbering="arabic" start="198"/>seine ganze Möglichkeit, recht in der Zeitlichkeit und selig in der Ewigkeit zu leben, darauf beruht, es zu verwirklichen!<footnote start="226">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 204</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Ausgehend von dieser christlich-religiösen Definition des Menschen zeigt Key, wie sehr davon die angeblich unumstößlichen Charakter- und Wesenszüge des <em>Homo sapiens </em>ins Masochistische, Unterwürfige und Würdelose hinein verzerrt und pervertiert werden. Als ob der Mensch angesichts seiner von ihm imaginierten Gottheit ein Wurm oder ein Nichts wäre, werden sowohl im Protestantismus als auch im Katholizismus ganze Litaneien von Sühne- und Bußritualen angeboten, die den Einzelnen jedoch in seiner Überzeugung der eigenen Inferiorität nur noch bestärken. Wie sollen - so fragt Ellen Key - bei solchen religiös-pädagogischen Einflüssen aufrechte und selbstbewusste Individuen erzogen werden?! </p>
			<p>Eindeutig plädiert sie für eine wissenschaftliche anstelle einer religiösen Weltanschauung - ein Plädoyer, das einige Jahrzehnte später übrigens inhaltlich ebenfalls identisch von Sigmund Freud in seinen religionskritischen Schriften wiederholt wurde. Key beschreibt sehr klar die Alternative, vor welche Eltern, Lehrer und Erzieher gestellt sind, wenn sie etwa ihren Zöglingen einen Zugang zu den ungemein komplexen Phänomenen des Kosmos und des Lebens ermöglichen wollen:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>In den Religionsstunden Moses und Christus zu den absoluten Wahrheitsverkündern zu machen und in den Naturgeschichtsstunden Darwin auszulegen, das verursacht mehr als irgend etwas anderes die Zusammenhanglosigkeit, die moralische Schlappheit und Charakterlosigkeit, die nicht kann, nicht will.<footnote start="227">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 208</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie der Geschichte, dass gut einhundert Jahre nach der Publikation dieser Zeilen die Regierungen einiger US-amerikanischer Bundesstaaten sich dafür entschieden haben, in ihren Schulen vorrangig Moses und Christus, nicht aber primär Darwin als Lehrstoff hinsichtlich der Schöpfungsgeschichte bzw. Entstehung des Lebens und der Arten gelten zu lassen. Die sogenannten &#8222;Kreationisten&#8220; bilden in den letzten Jahren in den USA eine starke Fraktion, die den Biologieunterricht im Sinne der biblischen Schöpfungsmythen korrigiert sehen wollen. <pagenumber id="N11DF9" label="199" numbering="arabic" start="199"/>Als Ronald Reagen noch Gouverneur von Kalifornien war, setzte er sich z.B. für die Formel ein, die Bibel enthalte bezüglich der Entstehung des Kosmos und des Lebens mindestens soviel Wahrheit wie die Naturwissenschaft.<footnote start="228">
					<p>Siehe hierzu: Zeitschrift für Tiefenpsychologie, Persönlichkeitsbildung und Kulturforschung, Heft 3, 25. Jahrgang (2000), Berlin, S. 28-30</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>Sehr hellsichtig und kulturkritisch hat Ellen Key in <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>angemerkt, dass Curricula, welche von religiösen Dogmen infiziert sind, nicht nur die fragwürdigen Meinungen einiger weniger Lehrer widerspiegeln, sondern durchaus im Sinne der jeweiligen Staaten etabliert werden, die sich davon eine Stabilisierung ihrer meist hierarchisch und autoritär angeordneten Herrschaftsstrukturen versprechen. Die Idee eines Schöpfergottes, der eventuell sogar aktiv in den Kosmos und die individuelle Existenz des Einzelnen einzugreifen vermag, stellt den Prototyp einer &#8222;autoritären Denkhemmung&#8220; dar und produziert <em>en masse </em>&#8222;autoritäre Charaktere&#8220; (Theodor W. Adorno und Max Horkheimer). Solche Erziehungsprozesse seien weit verbreitet, obschon die Inhalte dieser christlich-religiös geprägten Lehrpläne einer kritischen Betrachtung nie und nimmer standhalten:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Wir meinen, daß all dies keine ernsthafte Sache ist, und dennoch ist die Einpflanzung dieser Lehren - die wir Religionsunterricht nennen - das größte Verbrechen gegen das Kind, das man sich überhaupt denken kann! Die Regierungen und die führenden Klassen brauchen diese Lüge; sie stützt ihre Macht, und darum werden die herrschenden Klassen immer fordern, daß sie den Kindern eingepflanzt werde und so ihren hypnotisierenden Einfluß auch auf die Erwachsenen ausübe.<footnote start="229">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 211f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>In ihrem Buch <em>Der Lebensglaube </em>(1906) geht Ellen Key der Frage nach, aufgrund welcher äußeren und/oder inneren Entwicklungen und Einflüsse Menschen zunehmend in die Lage versetzt werden, sich mit religiösen Inhalten kritisch auseinander zusetzen. Neben den diesbezüglichen Überlegungen Nietzsches, der zu den vehementesten Religionskritikern unter den Philosophen zählt, verwendet Key auch Gedanken von Ludwig Feuerbach (1804-1872). Dieser hatte seine Religionskritik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter das Schlagwort der &#8222;anthropologischen Reduk<pagenumber id="N11E25" label="200" numbering="arabic" start="200"/>tion&#8220; gestellt. Feuerbach ging davon aus, dass es sich bei den Begriffen wie Himmel, Hölle, Gott, Ewigkeit usw. um Projektionen der Menschen handele, welche eigentlich die Wünsche und Phantasien nach Größe, Allmacht, Unsterblichkeit und Allwissenheit der Betreffenden widerspiegeln. Sobald man diese Projektionen aufheben würde, was einer Kritik und Destruktion der religiösen Inhalte und Begriffe gleichkomme, würde deutlich werden, dass die Menschen selbst sich seit Jahrtausenden nach exakt denjenigen Qualitäten und Eigenschaften sehnen, welche sie den Göttern zugeschrieben haben. Key nimmt in <em>Der Lebensglaube </em>(1906) auf Feuerbach Bezug und stimmt dem Religionskritiker bei:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Wie Feuerbach gezeigt hat: die menschlichen Bedürfnisse gestalten die menschlichen Vorstellungen; die Ohnmacht der Vernunft und die Übermacht der Natur treiben den Menschen zum Glauben, solange dieser unsere Sehnsucht nach der Steigerung unseres Wesens über uns selbst hinaus stillt, obgleich der Mensch auch im Glauben nicht über die Grenzen seines eigenen Wesens hinaus kommen kann, sondern seine Götter nach seinem eigenen Bilde schafft.<footnote start="230">
							<p>Key, E.: Der Lebensglaube, Berlin 1906, S. 23f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Die Menschen projizieren also ihre eigenen Wünsche und Phantasien nach Allmacht, Allwissenheit und ewiger Dauer auf ihre Gottheiten. Die Rücknahme dieser Projektionen bezeichnete Feuerbach demgemäß als &#8222;anthropologische Reduktion&#8220;, und er war überzeugt, dass dieser Prozess das Zentrum aller Religionskritik ausmache. Ohne Feuerbach in diesem speziellen Zusammenhang zu erwähnen, entwickelt Key in <em>Der Lebensglaube </em>einen analogen Gedanken, wobei sie davon ausgeht, dass vor allem die zunehmende Überzeugungskraft einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung dazu beitragen wird, vielen Menschen den Mut und die intellektuelle Klarsicht zu vermitteln, bei sich und anderen eine anthropologische Reduktion zu initiieren. Dies gelinge beispielsweise den Anhängern der Deszendenz- und Evolutionstheorie von Charles Darwin besonders gut, da in den theoretischen Ausführungen dieses Biologen die Entstehung des Kosmos wie auch des Lebens ohne einen Schöpfergott gedacht wird:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>
						<pagenumber id="N11E4B" label="201" numbering="arabic" start="201"/>Der Evolutionist ... richtet sich gegen die biblischen Begriffe von der Entstehung und dem Dasein des Menschen selbst, seiner Sünde und Schuld, seines Bedürfnisses nach Sühne und Vorsehung. Er zeigt, daß diese Bedürfnisse nicht mehr in der Seele vorhanden sind, für die <em>das neue Weltbild eine lebendige Wahrheit geworden ist.</em> Daß z.B. die Gebildeten aufgehört haben, im alten Sinn des Wortes an Hölle und Himmel zu glauben, kommt nicht allein daher, daß die Religionsforschung gezeigt hat, daß diese Lehrsätze auf falsch gedeuteten Natureindrücken oder falsch verstandenen Bibeltexten beruhen; es kommt im tiefsten Grunde von dem <em>geänderten </em>Seelenzustand des Gebildeten her.<footnote start="231">
							<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 33f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Dieser veränderte Seelenzustand jedoch kann am besten beschrieben werden als eine Welt- und Lebensanschauung, welche die anthropologische Reduktion hinter sich gebracht und statt dessen eine wissenschaftliche und philosophische Ideologie etabliert hat. Beinahe im Duktus von Feuerbach - dessen Erwähnung sie allerdings auch hier unterlässt - charakterisiert Key den Prozess der Kritik und Überwindung von Religion letztlich als anthropologische Reduktion:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Wenn die Menschheit sich einmal bewußt geworden ist, selbst Gott und Luzifer, Christus und Prometheus zu sein, dann werden sich die Geister gegen jede geistige Macht auflehnen, die sie gefangenhalten will, um nur den inneren Stimmen zu lauschen und jenen Stimmen von außen, die mit diesen zusammenklingen.<footnote start="232">
							<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 37f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Um die Nähe der keyschen Beschreibung zu den diesbezüglichen Gedanken Feuerbachs noch besser zu verdeutlichen, soll in unserem Zusammenhang lediglich auf seine Schrift <em>Über Philosophie und Christentum </em>(1839) Bezug genommen werden, wo er hinsichtlich der anthropologischen Reduktion ausführt:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Der schlagendste, bezeichnendste, die Behauptung des Verfassers aufs bestimmteste bestätigende Ausdruck von dem <pagenumber id="N11E82" label="202" numbering="arabic" start="202"/>Wesen der Religion und Theologie ist eben der Theanthropos, welcher nichts anderes ist als Gott, lediglich <em>in Beziehung auf den Menschen </em>vorgestellt, Gott, <em>wie er nur ist</em> für das menschliche Selbst, für seine Gemütsbedürfnisse, so daß sein (Gottes) Wesen hier nichts anderes ausdrückt <em>als das Wesen des menschlichen Gemüts.</em>
						<footnote start="233">
							<p>Feuerbach, L.: Über Philosophie und Christentum in Beziehung auf den der Hegelschen Philosophie gemachten Vorwurf der Unchristlichkeit (1839), in: Werke in sechs Bänden, Band 2, Kritiken und Abhandlungen I (1832-1839), hrsg. v. Erich Thies, Frankfurt am Main 1975, S. 264</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Ein weiterer Religionskritiker, der zumindest indirekt Einfluss auf Ellen Keys Weltanschauung genommen und von ihr aber - ähnlich wie Feuerbach - nicht direkt zitiert wurde, war David Friedrich Strauß (1808-1874). Es steht zu vermuten, dass die schwedische Reformpädagogin einige Grundgedanken dieses Philosophen über ihre Nietzsche-Studien aufgenommen hat; Nietzsche nämlich hat sich in seiner ersten <em>Unzeitgemäßen Betrachtung: David Strauß - Der Bekenner und der Schriftsteller </em>(1873)<footnote start="234">
					<p>Siehe hierzu: Nietzsche, F.: Unzeitgemäße Betrachtungen: Erstes Stück: David Strauß - Der Bekenner und der Schriftsteller (1873), in: Kritische Studienausgabe (KSA), Band 1, hrsg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, München 1999</p>
				</footnote> ausführlich und kritisch mit ihm beschäftigt. </p>
			<p>Dieser Linkshegelianer war mit seinem Buch <em>Das Leben Jesu </em>(1835/36) mit einem Schlag im deutschen Sprachraum bekannt geworden. In dieser Schrift vertrat Strauß die Ansicht, dass die im Alten und Neuen Testament überlieferten Geschichten und Erzählungen nichts weiter als Mythen und Sagen darstellen; eine göttliche Offenbarung und damit eine ewige Wahrheit enthalten sie jedoch nicht. </p>
			<p>In einigen weiteren Büchern hat Strauß seine Religionskritik ausgebaut und den Gedanken, dass es sich bei den Religionen inhaltlich um mehr oder minder gut erzählte oder komponierte Geschichten handelt, modifiziert. Ausgehend von seiner Lehre hat sich innerhalb wie auch außerhalb der europäischen christlichen Theologie eine regelrechte Tradition der &#8222;Entmythologisierung&#8220; (Rudolf Bultmann, 1884-1976) etabliert. </p>
			<p>Ohne dass dies Ellen Key bewusst gewesen sein dürfte, bewegte sie sich mit ihrer Religionskritik unter anderem auch auf den Pfaden von David Friedrich Strauß. So plädiert sie etwa in <em>Der Lebensglaube </em>für einen bestimmten &#8222;Religions-Geschichts-Unterricht&#8220; welcher den Kindern und Zöglingen den mythologischen Charakter des Alten und Neuen Testamen<pagenumber id="N11EB6" label="203" numbering="arabic" start="203"/>tes nahe bringt und gleichzeitig die Figur Jesu Christi als eine lediglich historische, keineswegs aber göttliche definiert:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Was die Schule geben kann und soll, ist Unterricht in der <em>Religionsgeschichte</em> als Teil der übrigen Kulturgeschichte. Auf der ersten Stufe sind dies Mythen: biblische, nordische, griechische, indische, japanische &#8222;Sagen&#8220;. Aber schon da kann man das Kind lehren, zu vergleichen, in wie verschiedener Weise die verschiedenen Völker <em>dieselbe </em>menschliche Erfahrung und <em>dieselben </em>sittlichen Fragen ansehen, ja man kann das Kind schon ahnen lassen, daß Furcht, Staunen und Sehnsucht die Quellen der Religion sind.<footnote start="235">
							<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 84</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Die beiden Quellen der Furcht und des Staunens wurden so ähnlich auch von Strauß als relevant für die Entstehung religiöser Vorstellungen benannt. Dem Philosophen zufolge müssen wir uns die Menschen der Vorgeschichte wie auch noch der Antike größtenteils als hilflos, ohnmächtig und ahnungslos gegenüber der Natur und ihren als unberechenbar erlebten Kräften vorstellen. Es lag nahe, diesen Naturkräften göttliche Eigenschaften zuzuerkennen und sie <em>via</em> Gebet, Unterwerfung und Opfergaben gnädig stimmen zu wollen. Die Interaktionen der dabei imaginierten und erdichteten verschiedenen Gottheiten wurden in mythologische Erzählform gegossen und bildeten den Kern späterer religiöser Welt- und Lebensanschauungen. </p>
			<p>Den Aspekt der Sehnsucht, die ebenfalls als Quelle der Genese von Religionen durch Ellen Key hervorgehoben wird, findet man in den religionskritischen Schriften von David Friedrich Strauß unterrepräsentiert. Großen Wert auf diesen Gesichtspunkt legte allerdings Sigmund Freud, der in seinen Abhandlungen <em>Die Zukunft einer Illusion</em> (1927) und <em>Das Unbehagen in der Kultur </em>(1930) diverse Sehnsüchte namhaft macht, welche dazu beitragen, dass Menschen religiös werden oder bleiben bzw. in der Frühzeit der Menschheitsgeschichte Religionen entwickelt haben. </p>
			<p>In <em>Die Zukunft einer Illusion </em>hebt Freud vorrangig auf die Vatersehnsucht ab, welche sich letztlich in religiösen Gefühlen wie auch in den hierarchischen und autoritären Strukturen und Vorstellungen der Religionen Ausdruck verschafft. In der Regel werden Götter als väterliche Instan<pagenumber id="N11EEA" label="204" numbering="arabic" start="204"/>zen vorgestellt, denen Stärke, Macht und Potenz, Allwissenheit und ewige Grenzenlosigkeit zugeschrieben und von denen Schutz und Geborgenheit, aber auch Strenge, Strafe, Lohn und Gerechtigkeit erwartet werden:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>So ist das Motiv der Vatersehnsucht identisch mit dem Bedürfnis nach Schutz gegen die Folgen der menschlichen Ohnmacht; die Abwehr der kindlichen Hilflosigkeit verleiht der Reaktion auf die Hilflosigkeit, die der Erwachsene anerkennen muß, eben der Religionsbildung, ihre charakteristischen Züge.<footnote start="236">
							<p>Freud, S.: Die Zukunft einer Illusion, a.a.O., S. 346</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>In <em>Das Unbehagen in der Kultur </em>nimmt Freud auf eine andere Sehnsucht Bezug, die von seinem Freund und Briefpartner Romain Rolland als &#8222;ozeanisches Gefühl&#8220; bezeichnet wurde. Rolland hatte auf die religionskritische Schrift Freuds <em>Die Zukunft einer Illusion </em>mit einem ausführlichen Brief geantwortet, in dem er betonte, dass die eigentliche Quelle der Religiosität in einem Gefühl des Unbegrenzten und Schrankenlosen zu suchen sei, welches der französische Denker eben als &#8222;ozeanisches Gefühl&#8220; benannte. Weiter unten soll dargelegt werden, dass Ellen Key mit ihrem Konzept des &#8222;Lebensglaubens&#8220; einige Parallelen zu diesen Ausführungen Romain Rollands aufweist.</p>
			<p>Freud hingegen distanzierte sich von derartigen Empfindungen und interpretierte sie als Wünsche nach Verschmelzung und Symbiose, wie sie seiner Meinung nach bei Säuglingen im Zustand des sogenannten primären Narzissmus noch gegeben sind. Das ozeanische Gefühl erkläre sich ebenso wie die darauf angeblich basierende Religiosität als Sehnsucht nach diesem narzisstischen Urzustand, die viele Menschen z.B. auch durch Süchte aller Art, aber eben auch durch (religiöse) Trance- und Massenerlebnisse zu befriedigen suchen. Von einer derartigen Befriedigung versprechen sie sich - dem Begründer der Psychoanalyse zufolge - anhaltende Emotionen des Glücks und der Zufriedenheit sowie ein Dasein im Zustand des permanenten Lustprinzips, welches das Realitätsprinzip nicht mehr kennt: </p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Durch gewaltsame Fixierung eines psychischen Infantilismus und Einbeziehung in einen Massenwahn gelingt es der Religion, vielen Menschen die individuelle Neurose zu ersparen. Aber <pagenumber id="N11F13" label="205" numbering="arabic" start="205"/>kaum mehr; es gibt, wie wir gesagt haben, viele Wege, die zu dem Glück führen können, wie es dem Menschen erreichbar ist, keinen, der sicher dahin leitet. Auch die Religion kann ihr Versprechen nicht halten.<footnote start="237">
							<p>Freud, S.: Das Unbehagen in der Kultur (1930), in: Gesammelte Werke Band XIV, Imago-Ausgabe 1948, Frankfurt am Main 1999, S.443f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>So sehr Ellen Key einerseits die kirchlich-religiösen Vorstellungen und Dogmen mitsamt dem damit verbundenen Aberglauben attackierte und ablehnte, so sehr war sie andererseits überzeugt davon, dass es unter den Menschen durchaus &#8222;religiöse Gefühle&#8220; gäbe, die wenig oder nichts mit einem Glauben an Götter oder transzendente Wesen, sehr wohl aber mit dem Glauben an das Leben und dessen Prinzipien zu tun haben. Eine derartige Haltung und Einstellung nannte sie &#8222;Lebensglaube&#8220;, und für ihn machte sie eine ganze Reihe von prominenten Philosophen, Künstlern und Denkern namhaft, die eine regelrechte Tradition des Lebensglaubens begründet und ausgebaut haben:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Ein einziges weiß ich: Wenn ich auch nur ein Minimum von Leben in der Hülle der irdischen Zeit und des irdischen Raumes habe, hier bin ich doch ein Lebender: Ich vernehme mich als Ziel von Wirkungen, als Ursache von Wirkungen, bereit zum Widerstande gegen das, was mein Sein stört. Das Leben vereint mich auch mit dem geringsten Wesen, das meine streifende Hand vernichten kann... Das Leben ist und bleibt das Rätsel, vor dem der Gedanke halt macht und von dem er ausgeht, das größte, ja das einzige Rätsel.<footnote start="238">
							<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 201f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>In <em>Der Lebensglaube </em>geht Key bis auf den chinesischen Philosophen Lao-tse (604-520 v.Chr.) zurück, der in seinem <em>Tao-te-king </em>eine Weltsicht entworfen hat, die in gewisser Weise den &#8222;Lebensglauben&#8220; vorwegnimmt. Dieser Denker versuchte, die Erscheinungen des Kosmos, des Lebens und der menschlichen Existenz aus einem Urgrund des Seins abzuleiten, in den alle diese Phänomene schließlich wieder zurückkehren werden. Die adäquate Haltung, die ein Individuum diesem gigantischen ontologischen Prozess gegenüber an den Tag legen sollte, nannte Lao-tse &#8222;Wu-wei&#8220;, d.h. soviel wie Zustimmung oder nicht aufbegehrender Einklang mit dem Sein. <pagenumber id="N11F40" label="206" numbering="arabic" start="206"/>In Ansätzen erinnert diese Haltung des Wu-wei an die nietzschesche Formel vom <em>Amor fati, </em>also an die zustimmende und bejahende Liebe zum Schicksal. </p>
			<p>Ein zweiter von Key erwähnter Gewährsmann des &#8222;Lebensglaubens&#8220; ist Lukrez (96-55 v.Chr.). Dieser römische Philosoph und Dichter hat in seinem meisterhaften Lehrgedicht <em>Über die Natur </em>die Entstehung und die Geschichte der Welt nach epikureischen Grundsätzen geschildert. Dabei betonte er, dass der Weltenlauf streng kausalen Gesetzmäßigkeiten folge, welche gegenüber den Menschen völlig gleichgültig seien, und die deshalb von ihnen in ihren schicksalhaften Qualitäten anerkannt werden müssten. </p>
			<p>Als Vorläufer einer &#8222;lebensgläubigen&#8220; Weltanschauung während der Renaissance und als &#8222;ersten Märtyrer des Lebensglaubens&#8220; zitiert Key des weiteren den italienischen Naturphilosophen Giordano Bruno (1548-1600), der aufgrund seiner Lehren von der Inquisition verfolgt und schließlich auf dem Scheiterhaufen hingerichtet wurde. Bruno nahm zum Teil Überlegungen Spinozas vorweg, wenn er behauptete, dass das All göttlich und unendlich sei, und dass dieses unendliche Universum das einzig Seiende und Lebendige darstelle, das wir uns vorstellen können. Über einige seiner Ideen schreibt Key anerkennend:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Er nannte die Gottheit die Seele unserer Seele, die Kraft in der Natur, in der Geist und Materie nirgends getrennt sind. Die Urkraft erfüllt das Weltall mit einer Unendlichkeit von Wesen und Welten. Die Gegensätze sind nur scheinbar. Denn der Urgrund umfaßt alles, ist in allem gegenwärtig, läßt Formen entstehen und untergehen...<footnote start="239">
							<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 207f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Wie groß die Wertschätzung war, die Ellen Key einem anderen Hauptvertreter des Lebensglaubens, nämlich Baruch de Spinoza, entgegenbrachte, wurde im Kapitel <em>Ellen Key und die Philosophie </em>bereits ausgeführt. Ergänzend kann darauf hingewiesen werden, dass die pantheistische Philosophie des Weisen aus Amsterdam, die er besonders eindrücklich in seiner <em>Ethik </em>(1677) entwickelt hat, für Key ein ganz zentrales Element ihrer &#8222;lebensgläubigen&#8220; Weltsicht war. <em>Deus sive natura </em>- Gott und die Natur sind eins: Das war die basale Formel Spinozas, mit der er eine Philosophie der <pagenumber id="N11F6E" label="207" numbering="arabic" start="207"/>Immanenz verfochten und jegliche göttliche Transzendenz überflüssig gemacht hat. Gleichzeitig wertete er damit die Materie, den Kosmos, die Natur und das Leben enorm auf - eine Haltung, welche die uneingeschränkte Zustimmung Ellen Keys gefunden hat. </p>
			<p>Beinahe noch wichtiger als Spinoza und dessen Denken wurde für Ellen Keys Konzept vom Lebensglauben die Gedankenwelt Goethes. Auch über ihn und die Beziehung Keys zu seiner Dichtung und Weltanschauung haben wir bereits im Kapitel <em>Ellen Key und die Dichtung </em>Untersuchungen angestellt. Goethe - so haben wir dort angedeutet - hat sich in einigen Briefen als überzeugter Spinoza-Anhänger zu erkennen gegeben und hervorgehoben, dass es vor allem dessen pantheistisch gefärbte Lebenssicht war, die für ihn große Attraktivität besessen habe. </p>
			<p>Goethes eigene Weltanschauung kann man in vielerlei Hinsicht als pantheistisch bzw. &#8222;lebensgläubig&#8220; bezeichnen. Er war ein Heide, der gleichzeitig von einer tiefen &#8222;Religiosität&#8220; und Gläubigkeit hinsichtlich des Lebens, der Natur und des gesamten Universums durchdrungen war. Es überrascht daher nicht, wenn Key in ihrem Buch <em>Der Lebensglaube </em>einen Satz Goethes als Motto und Zwischenüberschrift zitiert, der da lautet: &#8222;Der Zweck des Lebens ist das Leben selbst.&#8220;<footnote start="240">
					<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 198</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>Für Ellen Key erfuhr der Gedanke des Lebensglaubens darüber hinaus vor allem durch die Arbeiten einiger Wissenschaftler und Philosophen im 19. Jahrhundert enormen Aufschwung. So erwähnt sie etwa die Entwicklungsbiologie von Charles Darwin ebenso wie die vom Entwicklungsgedanken geprägte Philosophie von Herbert Spencer und natürlich weite Teile des nietzscheschen Denkens, um nachzuweisen, dass bei ihnen allen eine verherrlichende Idee des Lebens, welche die Steigerung von Natur und Kultur umfasst, im Zentrum ihres wissenschaftlichen und philosophischen Bemühens stand:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Während Lebenssteigerung für den Tiefstehenden nur die Befriedigung sinnlicher Bedürfnisse bedeutet, verbindet sich der Begriff, je höher der Mensch sich entwickelt, immer mehr mit seinem Bedürfnis nach den größtmöglichen Gefühlen, mit dem Willen, sein Lebensschicksal nicht unvollendet zu lassen, mit der Forderung, seines Lebensglücks oder seines Lebensschmerzes nicht verlustig zu werden... Der Begriff der Lebens<pagenumber id="N11F8F" label="208" numbering="arabic" start="208"/>steigerung fällt mehr oder weniger mit dem zusammen, was Lessing den höchsten Grad des Bewußtseins, seiner eigenen Realität oder Nietzsche den Willen zur Macht nannte.<footnote start="241">
							<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 213</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Neben der schon mehrfach erwähnten Hochachtung vor den Leistungen und Anschauungen des sogenannten Evolutionismus eines Charles Darwin oder Herbert Spencer vertritt Key in <em>Der Lebensglaube </em>auch einen dezidierten Monismus. Diesen Begriff verwendete zuerst Christian Wolff (1679-1754), der damit jene Denker charakterisieren wollte, welche nur <em>eine</em> Grundsubstanz als real und existent annehmen. Dieser Terminus wurde in der Folge den Begriffen des Dualismus oder Pluralismus entgegengesetzt. </p>
			<p>Key verwendet den Begriff des Monismus vorrangig im Sinne von Ernst Haeckel (1834-1919), der mit seinem Hauptwerk <em>Die Welträtsel. Gemeinverständliche Studien über biologische Philosophie </em>(1899) für eine europaweite Verbreitung des Monismus-Gedankens sorgte. In seiner Schrift <em>Der Monismus als Band zwischen Religion und Wissenschaft </em>(1892) hatte Haeckel noch einen Brückenschlag zwischen den Naturwissenschaften und manchen Aspekten einer religiösen Weltanschauung versucht, den er dann jedoch in seinem Buch <em>Die Welträtsel </em>von 1899 nicht mehr intendierte. Die Materie respektive die Biologie tragen - so der Verfasser - die Prinzipien der Entwicklung des Lebens bis hinauf in die Sphäre des geistigen Daseins in sich, ohne dass ein &#8222;erster Anfang&#8220; oder ein &#8222;schließliches Ende&#8220; denkbar seien. Die Annahme eines Schöpfergottes lehnte Haeckel daher ebenso ab wie die Idee einer lenkenden oder helfenden transzendenten Instanz. </p>
			<p>Der von Haeckel vertretende Naturalismus wurde einerseits von Key übernommen und andererseits aber auch mit ihrem Begriff des &#8222;Glauben&#8220; legiert, so dass sie schließlich neben einer empirisch-naturwissenschaftlichen Zugangsweise zu den Phänomenen des Lebens auch einer intuitiven Empfindung als Methode der Erkenntnis das Wort redete:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Der Lebensglaube braucht nicht abzuwarten, daß das Weltbild des Evolutionismus bewiesen wird. Denn auch von diesem Glauben gilt das Kantsche Wort, daß er tiefere Gründe habe als <pagenumber id="N11FBD" label="209" numbering="arabic" start="209"/>der Verstand, daß die Intuition dorthin dringe, wohin das Denken nicht zu dringen vermöge. Auch der Lebensglaube hat die Eigenart des echten Glaubens, eine gewisse Zuversicht auf das zu sein, was man hofft und kein Zweifel an dem, was man nicht sieht - solange dies nicht dem widerstreitet, was man sieht!<footnote start="242">
							<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 240</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Dass sich Key mit derartigen Argumenten in eine gewisse Situation der Widersprüchlichkeit manövrierte und für manche Kritik und Attacke von puristisch gesinnten Naturwissenschaftlern anfällig wurde, ahnte und wusste sie selbst sehr wohl. An einer Stelle ihres Buches <em>Der Lebensglaube </em>benutzt sie deshalb für ihren Terminus des Glaubens auch den Begriff der &#8222;Mystik&#8220;<footnote start="243">
					<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 264</p>
				</footnote> und konzediert damit ihren Kritikern, dass ihre Weltanschauung von irrationalen und geheimnisvollen Momenten nicht ganz frei war. </p>
			<p>Noch ein weiterer Gesichtspunkt lässt vermuten, dass Ellen Keys Konzept vom Lebensglauben auch religiöse Elemente (im Sinne eines tatsächlichen &#8222;Glaubens&#8220;) enthielt. Viele Religionen weisen einen eschatologischen Charakter auf, d.h. sie sind zielgerichtet und versprechen den Gläubigen für die Zukunft den Status eines wie auch immer gearteten paradiesischen Heils. Dementsprechend interpretieren Religionen die manifeste Weltgeschichte oft als eine &#8222;Heilsgeschichte&#8220;, welche in der Erlösung von Individuen oder aber der gesamten Menschheit gipfeln soll. Solche eschatologische Gedankenfiguren finden sich andeutungsweise nun auch in <em>Der Lebensglaube, </em>wo es z.B. bezüglich des Begriffes Leben und seiner Zielsetzung heißt:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Der Zweck des Lebens ist ein durch immer reichere Bewegung steigendes Glück. Der Zweck des Glücks ein durch immer reichere Bewegung steigendes Leben. Mittel und Zweck sind eins. Die Bewegung zielt immer auf die Befriedigung von Bedürfnissen ab, und in dem Maße, in dem diese unseren wirklichen Lebensbedingungen entsprungen sind, ruft die Befriedigung Glück hervor. Mit allen Bedingungen der Lebenssteigerung Lustgefühle, mit allen Lebenshemmungen Unlustgefühle zu verbinden, <pagenumber id="N11FE6" label="210" numbering="arabic" start="210"/>das ist das Ziel der Glücksmoral, die der organischen Sittlichkeit zustrebt.<footnote start="244">
							<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 306f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Diese eudämonistischen Vorstellungen einer gegenseitigen Steigerung von Glück und Leben, für deren Begründung Key unter anderen Epikur ebenso wie Nietzsche heranzieht, bilden auch einen wichtigen Baustein ihrer Psychologie, Ethik und Pädagogik.</p>
			<p>Ein wesentliches Attribut jedoch, welches den Gläubigen von vielen Religionen zuerkannt und versprochen wird, dasjenige der Unsterblichkeit ihrer Seele nämlich, wurde von Ellen Key in aller Nüchternheit und sehr im Stile eines skeptischen Atheismus als illusorisches Wunschdenken demaskiert. Ganz im Sinne einer biologistischen Überzeugung, welche davon ausgeht, dass die Seele - wie Nietzsche dies einmal ausgedrückt hat - &#8222;nur ein etwas am Leibe sei&#8220;, ging Key davon aus, dass mit dem Tod eines Menschen zwangsläufig auch das Ende seiner individuellen Seele verknüpft sei. Allerdings bestehe die Hoffnung, dass die seelisch-geistigen Aktivitäten des Einzelnen im günstigen Falle durch die Kultur- und Geistesgeschichte aufgenommen und tradiert werden, so dass daraus eine &#8222;kulturelle Unsterblichkeit&#8220; resultiere:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Der Evolutionist weiß, daß, so wie sich aus dem einfachsten kleinen Teilchen eine immer zusammengesetztere Körperlichkeit aufgebaut hat, gleichzeitig auf den einfachsten Seelenelementen eine immer zusammengesetztere Seelischkeit entstanden ist. Und wir können uns dem analogen Schluß nicht entziehen, daß ebenso, wie die Körperatome nicht verloren gehen, auch die Seelenregungen nicht verloren gehen können. Wir hoffen, daß Gedanken und Gefühle, Taten und Werke fortfahren werden, neue Verbindungen zu schließen, auch nachdem jene kurze Verbindung, die wir jetzt Leben nennen, durch jene Bewegung aufgelöst ist, die wir jetzt Tod nennen.<footnote start="245">
							<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 474f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<pagenumber id="N1200E" label="211" numbering="arabic" start="211"/>
				<br/>Zumindest bezüglich der Gedanken und Gefühle, Taten und Werke von Ellen Key kann man feststellen, dass sie seit ihrem Ableben fortfahren, neue Verbindungen zu schließen - ein Faktum, das auch durch den vorliegenden Text durchaus seine Bestätigung erfährt.</p>
		</chapter>
		<chapter id="chapter11" label="11.">
			<head>
				<pagenumber id="N1201A" label="212" numbering="arabic" start="212"/>Ellen Key - Anthropologie und Psychologie</head>
			<p>
				<br/>Obschon Ellen Key sich einen Namen als Reformpädagogin, Pazifistin und Sozialistin und nicht so sehr als Psychologin oder anthropologisch orientierte Philosophin gemacht hat, lohnt es, in ihrem Oeuvre die psychologischen und anthropologischen Voraussetzungen und Implikationen aufzuspüren und in einen Zusammenhang mit den zu ihren Lebzeiten aktuellen Strömungen - vorrangig innerhalb der Tiefenpsychologie und philosophischen Anthropologie - zu stellen. </p>
			<p>Dabei wird evident, dass sie eine ganze Fülle von tiefenpsychologischen und anthropologischen Konstrukten und Theorieaspekten, die im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden, in ihre Schriften integriert hat, ohne dabei dies immer als Zitat und Quelle kenntlich zu machen. Dass sich Key allerdings auf z.B. psychoanalytische Lehrmeinungen stützen konnte, ist ziemlich wahrscheinlich. Wie schon im Kapitel über <em>Biographisches zu Ellen Key </em>ausgeführt, hat die Schwedin engen Kontakt zu dem dänischen Literaturhistoriker Georg Brandes unterhalten, der seinerseits einiges psychoanalytische Gedankengut kannte und sich darüber wohl auch mit Key ausgetauscht haben wird:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Georg Brandes, der bekannte und einflußreiche dänische Literaturkritiker, hatte Freud zu Beginn des Jahrhunderts kennengelernt und von ihm eine signierte Ausgabe der <em>Traumdeutung </em>(1900) erhalten, nachdem Freud einen seiner Vorträge besucht hatte und davon gebührend beeindruckt worden war.<footnote start="246">
							<p>Moore, N.: Psychoanalyse in Skandinavien, in: Kindlers Psychologie des 20. Jahrhunderts, Tiefenpsychologie, Band 2: Neue Wege der Psychoanalyse - Psychoanalyse der Gesellschaft - Die psychoanalytische Bewegung, hrsg. v. Dieter Eicke, Weinheim und Basel 1982, S. 552</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Außer zu Georg Brandes hatte Key auch intensivere Beziehungen zu Lou Andreas-Salomé sowie Poul Bjerre geknüpft, die beide der Psychoanalyse nahe standen. Es ist anzunehmen, dass bei ihren Treffen - zu diesem Zeitpunkt vor allem von Bjerre initiiert, da Salomé erst im Anschluss an ihre Bekanntschaft mit ihm sich der Psychoanalyse intensiv zuwandte und kurze Zeit später mit Bjerre den 3. Psychoanalytischen Kongress in Weimar besuchte - so manche tiefenpsychologischen Ideen und Konstrukte ausgetauscht und diskutiert wurden:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>
						<pagenumber id="N12048" label="213" numbering="arabic" start="213"/>Im Sommer 1911 besuchte Lou ihre Freundin, die Reformpädagogin und frauenbewegte Schriftstellerin Ellen Key, in Alvastra (Schweden). Dort lernte sie deren Verwandten, den jungen schwedischen Neurologen Dr. Poul Bjerre (1876-1964) kennen. Die rasch angebahnte, freilich kurzlebige Liebesbeziehung bewirkte eine erste Einführung in die Psychoanalyse. Der schwedische Arzt hatte sich Sigmund Freud angeschlossen, ohne ihm freilich in allen Punkten zu folgen.<footnote start="247">
							<p>Wehr, G.: Gründergestalten der Psychoanalyse. Profile - Ideen - Schicksale, Zürich und Düsseldorf 1996, S. 143</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Wie eng Anfang des 20. Jahrhunderts die Beziehungen der wenigen psychoanalytisch orientierten Psychologen und Ärzte Schwedens untereinander wie auch zu den deutschsprachigen Analytikern waren, wird an der Person Alfhild Tamm (1874-1959) sichtbar, von der aufgrund ihrer pädagogischen Interessen zu vermuten steht, dass sie das Werk und wahrscheinlich auch die Autorin Ellen Key gekannt haben muss. Tamm setzte sich literarisch sehr intensiv mit den psychoanalytischen Konzepten auseinander, wobei deutlich wurde, dass ihr natürlich Poul Bjerre und seine Vorbehalte gegen Freud ebenso bekannt waren wie die meisten Philosophen, auf die Ellen Key sich häufig berief:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>In fast vollständiger Übereinstimmung mit den Argumenten Freuds in seiner Abhandlung <em>Die Widerstände gegen die Psychoanalyse</em>, unter Bezugnahme auf jene Philosophen (Leibniz, von Hartmann, Nietzsche, Schopenhauer, Höffding und andere), welche Freuds Position stützten und in ihren philosophischen Systemen das Unbewußte schon ins Auge faßten, und unter Einbeziehung von Aussagen zeitgenössischer Psychoanalytiker der führenden Kulturnationen tritt die Autorin (Alfhild Tamm, K.M.) dafür ein, sowohl unter Medizinern als auch Philosophen des Nordens die Psychoanalyse gründlicher zu studieren und höher zu schätzen. Dabei nahm sie den Angriff Bumkes in seinem Buch <em>Das Unterbewußtsein</em> auf die Psychoanalyse kritisch zur Kenntnis, und ebenso verfuhr sie mit der Schrift von Poul Bjerre <em>The way to and from Freud...</em>
						<footnote start="248">
							<p>Tamm, A.: Abstract (hier übersetzt) ihres Artikel: The oposition to psychoanalysis, in: Arkiv foer Psykologi och Pedagogik, 7 (1928), S. 80-90</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<pagenumber id="N12076" label="214" numbering="arabic" start="214"/>
				<br/>Auch über Alfhild Tamm und ihre Kontakte zur deutschsprachigen psychoanalytischen Bewegung hätten also die Gedanken der schwedischen Reformpädagogin Einzug in die Tiefenpsychologie halten, und umgekehrt hätte Tamm aber auch Key über psychoanalytische Lehrmeinungen informieren können:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Sie (Alfhild Tamm, K.M.) war die erste Frau in Schweden, die Psychiaterin wurde; 1904 erhielt sie ihre erste Anstellung... Ihre Studien führten sie nach Berlin, wo sie zweifellos mit der psychoanalytischen Theorie in Berührung kam. 1913 hatte sie bereits die erste von zahlreichen Reisen nach Wien unternommen, und in den folgenden Jahren absolvierte sie eine Reihe von Kurzanalysen bei Analytikern wie Paul Federn, Helene Deutsch und August Aichhorn. In dieser Zeit lernte sie auch Alfred Adlers Vorstellungen kennen. Ihre bedeutendsten Beiträge leistete sie auf dem Gebiet der Kinderheilkunde, da sie an vielen pädagogischen Einrichtungen als ärztliche Beraterin wirkte, eine Sprechtherapieklinik leitete und verschiedene Ämter in der öffentlichen Kinderfürsorge innehatte.<footnote start="249">
							<p>Moore, N.: Psychoanalyse in Skandinavien, in: Kindlers Psychologie des 20. Jahrhunderts, Tiefenpsychologie, Band 2: Neue Wege der Psychoanalyse - Psychoanalyse der Gesellschaft - Die psychoanalytische Bewegung (1976), hrsg. v. Dieter Eicke, a.a.O., S. 551</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Doch trotz dieser vielfältigen Möglichkeiten der gegenseitigen Vermittlung haben weder Ellen Key die Psychoanalyse noch die Tiefenpsychologen Ellen Key und ihre Schriften <em>expressis verbis</em> zitiert. Auch die meisten Vertreter der akademischen Psychologie, die damals zwar weitläufige Untersuchungen über die Psychologie und Anthropologie von Kindern und Jugendlichen angestellt haben, ignorierten Ellen Key und ihr Werk beinahe vollständig. </p>
			<p>So fehlt der Name Key in den Namensregistern der gesammelten Werke etwa von Sigmund Freud, Carl Gustav Jung und Alfred Adler; ebenso wenig taucht er in den Büchern von z.B. Erik H. Erikson oder Margaret S. Mahler auf. Aber auch die Kinderpsychologen William Stern, Anna Freud und Jean Piaget kannten - glaubt man den entsprechenden Registerabschnitten ihrer Werke - den Namen Ellen Key nicht. Umgekehrt trifft man aber selbst in denjenigen Schriften der Pädagogin, welche psycholo<pagenumber id="N12097" label="215" numbering="arabic" start="215"/>gischen Themen gewidmet sind, auf keine namentlichen Angaben von Tiefenpsychologen.</p>
			<p>Dabei hat Ellen Key schon in <em>Das Jahrhundert des Kindes</em> sehr hellsichtig erkannt, dass das 20. Jahrhundert nicht nur eines der Pädagogik, sondern auch der Psychologie des Kindes (wie auch der Erwachsenen) sein werde. In mehreren Passagen verweist sie auf die engen Zusammenhänge zwischen ihrer eigenen Reformpädagogik und der sich anbahnenden experimentellen ebenso wie der philosophisch-geisteswissenschaftlich orientierten Psychologie:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Das Gebiet, auf dem unsere Zeit die größten Errungenschaften für das Jahrhundert erzielt hat, das das des Kindes sein wird, ist die psychologische Forschung. In der großen Publikation <em>Zeitschrift für Psychologie der Sinnesorgane </em>bestand noch im Jahre 1893 keine besondere Rubrik für Kinderpsychologie, aber unter individueller Psychologie wurden schon 18 Arbeiten über Kinderpsychologie erwähnt. 1894 beginnt eine besondere Rubrik für Kinderpsychologie und Erziehungspsychologie, die - von 29 Arbeiten in dem erwähnten Jahr - 1897 auf 78, 1898 auf 106 angestiegen ist und noch immer progressiv zunimmt.<footnote start="250">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes (1900), Weinheim und Basel 2000, S. 130f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Im weiteren zitiert Key etliche psychologische Periodika, die Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland, Frankreich und England neu herausgegeben wurden und die bereits in ihrem Titel deutlich machten, dass sie sich mit Fragen der pädagogischen Psychologie (z.B. die französische Zeitschrift <em>Bibliothèque de Pédagogie et de Psychologie) </em>oder auch mit Problemen der Psychophysiologie (z.B. die Zeitschriften <em>Mind </em>oder <em>Brain</em>) wissenschaftlich beschäftigen wollten. Des weiteren zitiert sie etliche damals bekannte Psychologen wie etwa Wilhelm Wundt (1832-1920), Alfred Binet (1857-1911) und Paul Flechsig ((1847-1929) sowie den Heidelberger Psychiater Emil Kraepelin (1855-1926). Die Auswahl dieser Namen lässt bereits erkennen, dass Ellen Key um 1900 in ihren psychologischen Ansichten und Vorstellungen stark von der Experimentalpsychologie sowie den naturwissenschaftlich dominierten Seelenmodellen der Neurologen und Psychiater beeinflusst war. </p>
			<p>
				<pagenumber id="N120C5" label="216" numbering="arabic" start="216"/>Eine derartige Ausrichtung verwundert nicht. In den Jahren vor der Abfassung von <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>hatte sich Key intensiv mit den Schriften von Charles Darwin (1809-1882) auseinandergesetzt. Darwins Schriften hatten in Europa von den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts an nicht nur im Bereich der Biologie für Aufsehen und große Veränderungen hinsichtlich der wissenschaftlichen Paradigmen gesorgt. Vor allem seine erste Publikation <em>Über die Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzenreich durch natürliche Züchtung </em>(1859) hatte den Gedanken der Entwicklung auf überzeugende Art dargelegt. In seinem Buch <em>Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl </em>(1871) übertrug Darwin seinen Entwicklungsgedanken auch auf den <em>Homo sapiens </em>und begründete damit die Deszendenztheorie. Beide Gedanken - sowohl derjenige der Entwicklung wie auch derjenige der Deszendenz - fanden Eingang in viele wissenschaftliche Publikationen und Forschungsaktivitäten und somit auch in die sich damals neu etablierenden psychologischen Institute. </p>
			<p>Diese Tendenz wurde bestärkt durch eine weitere Veröffentlichung Darwins mit dem Titel <em>Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei den Menschen und den Thieren </em>(1872). Darin äußerte der englische Entwicklungsbiologe die Überzeugung, dass es im Tier- und Menschenreich universale emotionale Ausdrucksformen gäbe, die auf eine biologisch vermittelte Grundlage verweisen. Darwin leitet die Ausdrucksbewegungen aus drei Facetten ab: aus dem Bau des Körpers und der nervalen Innervation, aus Assoziationen und aus dem Prinzip der sogenannten Antithese. Weil der Aufbau des Körpers und seiner Organe wie auch die vegetativen Reaktionen vererbt seien, würden auch die meisten Ausdrucksbewegungen als hereditär zu verstehen sein. Man könne daher den Ausdruck wie auch die Emotionen selbst sowohl bei Tieren als auch bei Menschen wissenschaftlich mit ähnlichen oder gar identischen Methoden untersuchen:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Darwins Hauptwerke ... vertraten und unterstützten die grundlegende psychologische Sichtweise, derzufolge der Mensch auf einem Kontinuum mit anderen Organismen existiert und Mensch und Tier wissenschaftlich untersucht werden können.<footnote start="251">
							<p>Fitzpatrick, J.F. u. Bringmann, W.G.: Charles Darwin und die Psychologie, in: Illustrierte Geschichte der Psychologie, hrsg. v. Helmut Lück u. Rudolf Miller, Weinheim 1999, S. 17</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<pagenumber id="N120EE" label="217" numbering="arabic" start="217"/>
				<br/>Ebenfalls Einfluss auf die inhaltliche und methodische Ausrichtung der Psychologie nahm Darwins Kindertagebuch, das er über die Entwicklung seines Sohnes William Erasmus führte. Dieses Tagebuch wurde in Teilen in der britischen Zeitschrift <em>Mind </em>im Jahre 1877 publiziert. Der Physiologe und Psychologe Wilhelm Preyer übernahm in seinem Buch <em>Die Seele des Kindes </em>(1882) einige Beschreibungen und Reflexionen Darwins und nutzte sie für eigene entwicklungspsychologische Überlegungen. Sowohl die darwinschen Publikationen als auch dieses Buch Preyers waren Ellen Key bekannt:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>In England und durch Darwin wurde das neue Studium der Kinderpsychologie begründet, in Deutschland erhielt es durch Preyer seine Ausbildung. Es hat teils das Studium der Aussprüche des Kindes selbst umfaßt, teils das der Kindheitserinnerungen der Erwachsenen, und schließlich unmittelbare Experimente zur Ergründung der physischen und psychischen Ermüdung und Ausdauer, der Schärfe der Sinne, der Stärke, Geschwindigkeit und Genauigkeit bei der Ausführung körperlicher und geistiger Arbeiten; des Beobachtungsvermögens der Gefühle und Begriffe in verschiedenen Lebensaltern, der Kindersprache, der kindlichen Ideenassoziationen und dergleichen.<footnote start="252">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 130</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Vor allem das Buch von Wilhelm Preyer wurde als Grundbuch oder auch als Eröffnungswerk der Kinderpsychologie in Europa gefeiert. Seine Beobachtungen konnte man mit den damals gerade neu formulierten Erkenntnissen aus den psychologischen Laboratorien etwa eines Wilhelm Wundt gut in Bezug setzen. Der von ihm favorisierte Gedanke der regelhaften und phasengerechten Entwicklung des Kindes fand viele Anhänger, unter anderen auch Ellen Key:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Ihren Höhepunkt erreichte die &#8222;Kinderforschungs&#8220;-Bewegung etwa um die Jahrhundertwende, als die von Entwicklungsgedanken durchdrungene und von der Kinderpsychologie begeisterte schwedische Schriftstellerin Ellen Key (1900) &#8222;das Jahrhundert des Kindes&#8220; ausrief und G. Stanley Hall (1900) in be<pagenumber id="N12116" label="218" numbering="arabic" start="218"/>redten Worten die Kinderforschung als &#8222;Teil einer großen Kulturbewegung&#8220; kennzeichnete.<footnote start="253">
							<p>Reinert, G.: Grundzüge einer Geschichte der Human-Entwicklungspsychologie, in: Kindlers Psychologie des 20. Jahrhunderts, Geschichte der Psychologie Band 2: Entwicklungslinien zur wissenschaftlichen Psychologie (1976), hrsg. v. Heinrich Balmer, Weinheim und Basel 1982, S. 196</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Auch der Entwicklungsgedanke Darwins bildete eine tragende Säule der keyschen Psychologie. Verstärkt durch die preyerschen Schriften entwarf die schwedische Reformpädagogin ein Menschenbild und ein Modell der Seele, welche stark von biologistischen Konstrukten geprägt waren. Dies lag insofern auch nahe, als der Gedanke der Evolution im Bereich der Natur gewisse Parallelen zu demjenigen der Entwicklung des Individuums, genauer noch zur Entwicklungspsychologie des Kindes aufweist. Wie Reinhard Dräbing in seinem Buch <em>Der Traum vom &#8222;Jahrhundert des Kindes&#8220; </em>(1990) ganz richtig bemerkt hat, legen es diese eben dargelegten Verwandtschaftsgrade nahe, &#8222;über den Evolutionismus das verknüpfende Band von Charles Darwin zu Ellen Key zu ziehen&#8220;.<footnote start="254">
					<p>Dräbing, R.: Der Traum vom &#8222;Jahrhundert des Kindes&#8220;, Frankfurt am Main 1990, S. 320</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>Der Evolutionismus allerdings ließ Ellen Key nicht nur den Gedanken der Entwicklung im Bereich des psychischen und sozialen Lebens eines Individuums ins Auge fassen; ebenso war er dafür verantwortlich, dass die Konstrukte der Heridität bestimmter Charakterzüge und psychosozialer Fertigkeiten wie auch die Idee der sogenannten &#8222;Rassenhygiene&#8220; in ihren Schriften eine gewisse, vom heutigen Standpunkt aus viel zu unkritische Rolle gespielt haben. Neben Darwin zitiert Key diesbezüglich auch noch den britischen Forscher Francis Galton (1822-1911), der unter Zuhilfenahme der Deszendenztheorie eine Charakterologie formuliert hatte, die ein vorwiegend biologistisches Gepräge aufwies:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Galton, der aus einem griechischen Wort einen Namen für die Wissenschaft von der Veredelung der Rasse geschaffen hat, &#8222;eugenics&#8220;, beweist, daß der zivilisierte Mensch, was die Fürsorge für die Veredelung der Rasse betrifft, jetzt viel tiefer steht als die Wilden, um nicht von Sparta zu sprechen, wo es den Schwachen, den zu Jungen, den zu Alten nicht gestattet war, zu heiraten, und wo der nationale Stolz auf eine reine Rasse, <pagenumber id="N1213C" label="219" numbering="arabic" start="219"/>eine kräftige Blüte so groß war, daß die Einzelnen sich in die Opfer fanden, die dieses Ziel erheischte.<footnote start="255">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 22</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Für Key schienen die Ausführungen Darwins oder Galtons hinsichtlich einer &#8222;Veredelung&#8220; der Rasse wie auch des Einzelnen durchaus vereinbar mit den nietzscheschen Überlegungen zum &#8222;Übermenschen&#8220;, wobei Nietzsche damit vorrangig eine kulturelle und nicht eine biologische Höherentwicklung einzelner Menschen gemeint hatte. Diese scheinbare Übereinstimmung war ebenso wie der damals vorherrschende Zeitgeist, der dafür sorgte, dass in vielen Ländern rassenhygienische Grundsätze diskutiert wurden, für die diesbezüglich unkritische Haltung Keys mit verantwortlich:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Key versucht eine ausschließlich positive Rezeption der Rassenhygiene und vermittelt diesen Eindruck durch ihre Umschreibungen der populären Wortführer wie Galton oder Wallace und deren Absichten mit Begriffen wie Zivilisierung oder Veredelung. Ohnedies geht es ihr um den Nachweis, daß die Eugeniker über die Elternschaft eine &#8222;tiefe Wahrheit&#8220; gesprochen haben. Die einzige Einschränkung, die sie macht, ist das Ausblenden der Liebe, deren Fehlen ebenso sehr schlechten Nachwuchs hervorrufen würde wie Erbkrankheiten.<footnote start="256">
							<p>Andresen, S. u. Baader, M.S.: Wege aus dem Jahrhundert des Kindes - Tradition und Utopie bei Ellen Key, Neuwied 1998, S. 69</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Diese Verbindung von Rassenhygiene, Eugenik, Darwinismus, nietzschescher Philosophie und romantischer Liebe hat bei der schwedischen Reformpädagogin tatsächlich dazu geführt, die außerordentlich problematischen Seiten einer darauf fußenden Politik, Ethik und Gesellschaftslehre gering zu achten oder völlig auszublenden. Und des weiteren hatte diese eigentümliche Mischung aus wissenschaftlichen, philosophischen und weltanschaulichen Facetten bei Key zur Folge, dass sie bezüglich ihrer Konzeption der menschlichen Seele stark biologistisch orientierte psychologische und anthropologische Positionen vertrat und formulierte:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Was ... in erster Linie in Betracht kommen muß, ist der Gedanke, den darwinistische Schriftsteller immer mehr hervorheben: <pagenumber id="N1216A" label="220" numbering="arabic" start="220"/>daß die Naturwissenschaften - zu denen man ja nunmehr auch die Psychologie rechnet - die Grundlagen der Rechtswissenschaft sowie der Pädagogik werden sollen. Der Mensch muß die Gesetze der natürlichen Auslese kennenlernen und in dem Geiste dieser Gesetze handeln. Man muß die Gesellschaftsstrafen in den Dienst der Entwicklung stellen, sie müssen eine Schutzmaßregel der natürlichen Auslese werden.<footnote start="257">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 37</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Zu einer von den Naturwissenschaften her begründeten Psychologie und Anthropologie fügten sich nahtlos die experimentalpsychologischen Unternehmungen eines Wilhelm Wundt oder auch die biologisch-psychiatrischen Konstrukte eines Emil Kraepelin an, die beide von Key in <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>zustimmende Erwähnung finden. Außerdem führt sie darin den schwedischen Naturwissenschaftler Hjalmar Oehrwall (1851-1929) an, der - als Professor für Physiologie in Uppsala - in Anlehnung an die Untersuchungen von Binet ebenfalls psycho-physiologische Modelle entwarf und damit das Zusammenspiel von Nervensystem und Charakter durchschaubar machen wollte. Ähnliche Positionen vertraten um 1900 die dänischen Wissenschaftler Fejlberg und Lambek, die beide von Key in ihrem Buch <em>Der Lebensglaube </em>(1906) hinsichtlich ihrer psychologischen Vorstellungen ebenfalls ausführlich zitiert werden:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Indem sie die Grundgesetze des physischen Lebens auf das Seelenleben anwenden, stellen sie fest, daß freie oder gehemmte Bewegung, reiche oder dürftige Nahrung dieselbe Wirkung auf das Wachstum und die Gesundheit der Seele habe, wie auf die des Körpers; daß es folglich ebenso möglich wie notwendig sei, daß auch die Seele ihre Prophylaxe und Hygiene erhalte. Ebenso wie die Lebensfülle des Körpers von seiner eigenen organischen Energieproduktion und seinem Verbrauch abhängt, so auch die der Seele; für beide ist die Selbstproduktion die Bedingung des Lebens...<footnote start="258">
							<p>Key, E.: Der Lebensglaube, Berlin 1906, S. 389</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Dass Ellen Key jedoch keine Psychologie entwarf oder vertrat, welche lediglich auf Biologie und Psychophysik im damals anerkannten akademi<pagenumber id="N12197" label="221" numbering="arabic" start="221"/>schen Rahmen rekurrierte, wird im eben erwähnten Buch <em>Der Lebensglaube </em>ebenfalls evident. Wenige Zeilen, nachdem sie die Psychophysik Fejlbergs und Lambeks vorgestellt hat, beschreibt die Autorin nunmehr psychische Phänomene, die in ihrer Dynamik stark an das Seelen- bzw. Lebenskonzept Friedrich Nietzsches erinnern. Aus dem folgenden Zitat jedenfalls meint man eine Anspielung auf den &#8222;Willen zur Macht&#8220; herauslesen zu können, der für Nietzsche angeblich in der Natur ebenso wie in der Kultur, im einzelnen Individuum ebenso wie in der Masse und im körperlichen ebenso wie im seelischen Dasein als bestimmende, das Leben unterhaltende und steigernde Kraft nachweisbar war. Eine entsprechende Energie postulierte auch Key:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Das menschliche Seelenleben wird von dem Trieb zu einer immer größeren Energieentwicklung, oder besser ausgedrückt, zu einer immer größeren seelischen Fülle beherrscht und geformt. Die Menschen bei ihrem geistigen Energieverbrauch zu leiten, ist die einzige wirkliche Aufgabe der Seelenkultur.<footnote start="259">
							<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 389f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Bekanntlich hat Nietzsche sein Konzept vom &#8222;Willen zur Macht&#8220; in Anlehnung an den und Auseinandersetzung mit dem schopenhauerschen &#8222;Willen&#8220; formuliert. Schopenhauer ging davon aus, dass sowohl die Menschen als auch die gesamte belebte Natur von einem unbewussten Drang und Trieb, denen er den Namen &#8222;Wille&#8220; gab, beherrscht und gelebt wird. In seinem Hauptwerk <em>Die Welt als Wille und Vorstellung </em>(1818) unterschied der Philosoph das menschliche Bewusstsein (die sogenannte Vorstellung) vom Unbewussten (dem sogenannten Willen). Der letztere gebärde sich wie ein Riese, welcher den &#8222;Zwerg des Bewusstseins&#8220; auf seinen Schultern trage. Das Bewusstsein meine, diesem Riesen die Richtung seiner Bewegungen vorgeben zu können, wobei jedoch der unbewusste Wille schon längst &#8222;entschieden&#8220; habe, wann und wohin er sich bewegen wolle. Jede angeblich bewusst herbeigeführte Entscheidung eines Individuums und alle seine übrigen Lebensäußerungen sind letztlich Resultate des unbewussten Willens:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Alles Streben, Wünschen, Fliehen, Hoffen, Fürchten, Lieben, Hassen, kurz: Alles, was das eigene Wohl und Wehe, Lust und <pagenumber id="N121BD" label="222" numbering="arabic" start="222"/>Unlust unmittelbar ausmacht, ist offenbar nur Affektion des Willens, ist Regung, Modifikation des Wollens und Nichtwollens, ist eben das, was, wenn es nach außen wirkt, sich als eigentlicher Willensakt darstellt.<footnote start="260">
							<p>Schopenhauer, A.: Die Welt als Wille und Vorstellung, Band II (1818), Zürich 1988, S. 233f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Der schopenhauersche &#8222;Wille&#8220; entspricht demnach nicht dem umgangssprachlichen Begriff des Willens, dem wir gemeinhin einen hohen Grad an Bewusstsein zusprechen. Vielmehr wurde er zu einem frühen Vorläufermodell des Unbewussten bzw. der unbewussten Triebe, die Sigmund Freud wenige Jahrzehnte später in seiner Psychoanalyse (z.B. in seinem topischen Seelenmodell) postuliert und beschrieben hat. In ihrem Buch <em>Der Lebensglaube</em> entwickelt Ellen Key Gedanken hinsichtlich einer Psychologie, die - ohne dass sie dies namentlich kenntlich macht - starke Anleihen bei Schopenhauer respektive Freud aufweisen. Den Begriff des Willens verwendet sie dabei umgangssprachlich und nicht im Sinne des Philosophen, d.h. der &#8222;Wille&#8220; bei Ellen Key entspricht der &#8222;Vorstellung&#8220; bei Arthur Schopenhauer:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Bis zu einem gewissen Grade können wir unsere Gedanken, unsere Gefühle, unsere Phantasie bereichern, vertiefen und vergrößern. Und dies nicht, weil der Wille <em>frei</em> ist, sondern weil er es <em>nicht </em>ist, weil er, wie das gesamte Seelenleben, Gesetzen gehorcht...<footnote start="261">
							<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 415</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Diese Gesetze freilich, von denen Key hier spricht, entsprechen in einem erstaunlichen Ausmaß dem schopenhauerschen Willen bzw. dem Freudschen Unbewussten, das vom Begründer der Psychoanalyse als Sitz der Triebe des Menschen beschrieben wurde. Es klingt schon wie eine Vorwegnahme des erst 1923 von Freud ausformulierten Instanzenmodells (in: <em>Das Ich und das Es</em>), wenn Key über das Verhältnis von Bewusstsein zum Unbewussten sehr im Duktus der Psychoanalyse schreibt:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Über unserem - durch die Grundbedingungen des Daseins bestimmten und vom Willen unbeeinflußbaren - unbewußten Sein liegt unser Bewußtes. Dieses verhält sich zu unserem unbe<pagenumber id="N121F7" label="223" numbering="arabic" start="223"/>wußten Ich so wie die bebaubare Erdoberfläche sich zum Erdinnern verhält.<footnote start="262">
							<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 415</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Noch ein weiteres Zitat macht wahrscheinlich, dass Ellen Key bereits 1906 - also fünf Jahre, bevor sie die Bekanntschaft zwischen Lou Andreas-Salomé und Poul Bjerre gestiftet hatte - mit den Schriften oder zumindest mit maßgeblichen Gedanken Sigmund Freuds in Kontakt gekommen sein musste. Ähnlich wie die Schwedin schon einiges von der Dynamik zwischen bewusst und unbewusst (Ich und Es) erkannt hatte, beschrieb sie in <em>Der Lebensglaube </em>in Ansätzen auch die Wirkung unbewusster Leidenschaften und Antriebe sehr im Sinne der Tiefenpsychologie: </p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Der Einblick in das ganze unterbewußte Seelenleben, in die Abgründe unseres Wesens, aus denen Eingebungen, Leidenschaften und Willensäußerungen plötzlich auftauchen, von deren Dasein wir bisher ebensowenig eine Ahnung hatten wie von den verborgenen körperlichen Krankheitsanlagen oder Kraftmöglichkeiten, die wir in uns tragen, all dies verneint anscheinend die Möglichkeit, auch nur unsere eigene Persönlichkeit und unseren eigenen Lebensplan zielbewußt zu formen, geschweige denn die Möglichkeit der Bildbarkeit eines ganzen Geschlechtes.<footnote start="263">
							<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 412</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Keys Menschenbild und Seelenmodell geht - so kann man diese Zitate interpretieren - von einer biologisch fundierten Triebhaftigkeit des <em>Homo sapiens</em> aus. Anders aber als die dualistisch angelegte Triebtheorie Sigmund Freuds bevorzugte Key ein monistisches Triebmodell, das - wie eben gezeigt - an die Konzepte des &#8222;Willen&#8220; (Schopenhauer) und des &#8222;Willens zur Macht&#8220; (Nietzsche) erinnert. Außerdem sind in dieses Triebkonzept Ellen Keys auch manche Vorstellungen der Romantiker von einer <em>Vis vitalis, </em>einer Lebensschwungkraft, wie sie z.B. von dem französischen Philosophen Henri Bergson mit seinem Konzept des <em>élan vital </em>weiterentwickelt wurde, eingeflossen:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Das menschliche Seelenleben wird von dem Trieb zu einer immer größeren Energieentwicklung, oder besser ausgedrückt, zu <pagenumber id="N12231" label="224" numbering="arabic" start="224"/>einer immer größeren seelischen Fülle beherrscht und geformt.<footnote start="264">
							<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 389f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Dieses Triebleben nun stellt sich Key als unbewussten und weitgehend biologisch präformierten Vorgang vor. Zu dieser Grundannahme trugen die von Key rezipierten Schriften Darwins sicherlich ebenso bei wie die monistischen Überlegungen Ernst Haeckels, der &#8211; wie schon erwähnt &#8211; vor allem mit seinem Buch <em>Die Welträtsel. Gemeinverständliche Studien über biologische Philsophie </em>(1899) um die Jahrhundertwende europaweit bekannt geworden war. Überdies spiegeln sich in den Beschreibungen Keys bezüglich des von ihr angenommenen Trieblebens immer wieder und vorrangig schopenhauersche und nietzschesche Theoreme wider:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>So wie unsere Vernunft keine unmittelbare Wirkung auf die Lebensprozesse des Körpers hat, sondern nur dahin wirken kann, Hindernisse der Bewegung aufzuheben und Nahrung zuzuführen, so hat die Vernunft auch für das Leben der Seele nur eine ordnende Aufgabe, während dieses Leben selbst in und mit der ursprünglichen instinktiven, vegetativen Seelenarbeit vor sich geht.<footnote start="265">
							<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 389</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Der Lebenstrieb bei Ellen Key entspringt einem bio-psychologischen Kern des Menschen, der ihrer Meinung nach auch das Zentrum einer Person oder eines Individuums darstellt. Seelische Gesundheit und Authentizität entstehen beim Erwachsenen nur dann, wenn seine Lebensäußerungen und seine Lebensgestaltung von diesem Zentrum her einigermaßen ungehindert ihre Energie und Richtung erhalten. Ellen Keys diesbezügliche Überlegungen nehmen Beschreibungen etwa Sigmund Freuds oder auch Georg Groddecks (1870-1937) vorweg, die das Ich oder die bewussten Anteile des Menschen ebenfalls als Abkömmlinge des unbewussten und triebhaften Person-Kerns aufgefasst haben, den sie das Es nannten. Bei Key, die den triebhaften Kern eines Individuums auch als sein &#8222;Inneres Ich&#8220; bezeichnet hat, heißt es dazu:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>So setzt das innere Ich immer mehr Kern an, so wird das äußere Ich eine immer dünnere Schale um diesen Kern. Die Seele <pagenumber id="N12262" label="225" numbering="arabic" start="225"/>bewahrt sich lebend, d.h. wachsend durch ihre Regungen... nicht aber die bewußten, absichtlichen Bewegungen: alles, dessen man sich befleißigt - die Gedanken, Gefühle, Stimmungen, Schönheitseindrücke, die man absichtlich hervorbringen will - wird mager... Schon der Gedanke &#8222;ich denke&#8220; lähmt das Denken; nur der unabsichtlich entstandene Gedanke hat ein Erdreich für seine Wurzeln.<footnote start="266">
							<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 391</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Mit diesen eben zitierten Überlegungen stellte sich Ellen Key in die damals bereits über einhundert Jahre alte sogenannte &#8222;Es-denkt-Tradition&#8220;. Diese Tradition wurde von Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) begründet, der in seinen <em>Sudelbüchern </em>immer wieder darauf hingewiesen hat, dass der von René Descartes geäußerte Satz &#8222;Ich denke, also bin ich&#8220; (<em>cogito, ergo sum</em>) nicht den Realitäten entspricht. Vielmehr müsse es heißen: &#8222;<em>Es denkt</em>, sollte man sagen, so wie man sagt: <em>es blitzt</em>.&#8220;<footnote start="267">
					<p>Lichtenberg, G.Ch.: Sudelbücher II, Heft K (76) (1793-96), in: Schriften und Briefe II, hrsg. v. Wolfgang Promies, Frankfurt am Main 1998, S. 412</p>
				</footnote> Und an einer anderen Stelle beschreibt der Göttinger Physiker und Philosoph schon im 18. Jahrhundert das Denkens exakt so, wie Ellen Key es zu Beginn des 20. Jahrhunderts charakterisiert hat:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Ich sehe tief in meine Seele hinein und ich erkenne, der Gedanke ist ein Produkt meines Systems, nicht eingeführt, ohnerachtet ich nicht zweifele, daß er häufig auf anderm Boden wächst.<footnote start="268">
							<p>Lichtenberg, G.Ch.: Sudelbücher I, Heft B (321) (1768), in: Schriften und Briefe I, hrsg. v. Wolfgang Promies, a.a.O., S. 130</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Ganz ähnlich argumentierte wenige Jahre nach Lichtenberg der Dichter und Schriftsteller Karl Philipp Moritz (1756-1793), der sich in seinem <em>Magazin zur Erfahrungsseelenkunde </em>(1783-93) unter anderem Gedanken zur Verwendung des Begriffes &#8222;Es&#8220; gemacht und dazu ganz im Sinne der &#8222;Es-denkt-Tradition&#8220; ausgeführt hat:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Nur im höchsten Notfalle bedient sich die Sprache der unpersönlichen Zeitwörter, wenn uns nämlich z.B. selbst die nächste Ursache einer Veränderung oder Erscheinung in der Natur nicht einmal bekannt ist, wie bei den Erscheinungen, die man Geis<pagenumber id="N122A6" label="226" numbering="arabic" start="226"/>tern zuschreibt, wo man z.B. sagt: <em>es wandelt, es geht um, </em>usw. und auf diese Weise durch das unpersönliche <em>es </em>das <em>unbekannte etwas</em> bezeichnet, welches vor uns in Dunkelheit gehüllt ist... Was nun von den unpersönlichen Zeitwörtern gilt, welche eine Veränderung oder Erscheinung <em>außer uns</em> in der Natur anzeigen, das gilt zum Teil auch von denen, welche Veränderungen und Erscheinungen <em>in uns </em>selber, entweder im Körper oder in der Seele, die nicht von unserem Willen abhängig sind, bezeichnen, und diese verdienen freilich in psychologischer Rücksicht die meiste Aufmerksamkeit.<footnote start="269">
							<p>Moritz, K.Ph.: Magazin zur Erfahrungsseelenkunde, 1.Band 1783, hrsg. v. Petra und Uwe Nettelbeck, Nördlingen 1986, S. 71f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Diese &#8222;Es-denkt-Tradition&#8220; hat sich, ausgehend von der deutschen Aufklärung über die Romantik bis hin zu Schopenhauer und Nietzsche fortgesetzt, um dann - vermittelt über Eduard von Hartmann (1842-1906) und dessen Hauptwerk <em>Philosophie des Unbewußten </em>(1869) - Einzug in die tiefenpsychologischen Schulrichtungen der Psychoanalyse (Sigmund Freud), der Individualpsychologie (Alfred Adler) und der Komplexen oder Analytischen Psychologie (Carl Gustav Jung) zu halten. </p>
			<p>Als Stichwortgeber für den Begriff des Es im Rahmen der Tiefenpsychologie gilt der weiter oben bereits erwähnte Georg Groddeck, welcher mit seinem <em>Buch vom Es </em>(1923), dessen Manuskript Freud in den Jahren vor seinem <em>Das Ich und das Es </em>(ebenfalls 1923) bereits kannte, den Terminus des Es in das psychoanalytische Vokabular eingeführt hat. Das Es Groddecks weist im Vergleich zu demjenigen Freuds jedoch einen omnipotenten und monistischen Charakter auf. Georg Groddeck war übrigens mit einer Schwedin, Emmy von Voigt, verheiratet, welche als erste einige Schriften von Freud ins Schwedische übersetzt hat. Eine Kontaktaufnahme zwischen Key und von Voigt konnte in der gesichteten Literatur allerdings nicht nachgewiesen werden. Es ist daher nicht zu klären, ob Key Schriften von Groddeck kannte; ihre monistischen Seelenkonzepte hat sie jedenfalls schon etliche Jahre vor den maßgeblichen Publikationen Groddecks formuliert.</p>
			<p>Neben dem Gedanken einer unbewussten und monistisch konzipierten Seelenenergie weist Key in ihren psychologischen Texten noch weitere Parallelen zum psychoanalytischen Konzept der Psyche auf. <pagenumber id="N122D6" label="227" numbering="arabic" start="227"/>Freud war von Libidoquanten ausgegangen, welche letztlich die biopsychologische Kraft- und Energieform im Menschenleben bedeuten sollen und deren Schicksal für Gesundheit und Krankheit, für Triebbefriedigung und Sublimierung verantwortlich zeichnet. Dem Begründer der Psychoanalyse zufolge unterliegen diese Trieb- und Energiequanten verschiedenen Organisationsprinzipien, die er als Phasen der psychosexuellen Entwicklung - polymorph-pervers, oral, anal, phallisch und genital - beschrieben hat.<footnote start="270">
					<p>Siehe hierzu: Freud, S.: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905), in: Gesammelte Werke Bd. V, Imago-Ausgabe 1948, Frankfurt am Main 1999</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>Ellen Key kennt in ihren Schriften zwar keine Libidoquanten und auch keine psychosexuellen Entwicklungsstufen, beschreibt jedoch z.B. in <em>Der Lebensglaube </em>recht ausführlich, wie die seelische Energie, die sie als eine psychophysische konzipiert, als Quantität gedacht letztlich die Qualitäten des individuellen Lebens determiniert:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Man ahnt noch nicht einmal das Grundgesetz des Lebens der Seele, das Gesetz, das man doch auf dem Gebiet des Physischen einsieht: daß ohne Ausgaben an Seele keine Einkünfte an Seele gewonnen werden können; daß, je kräftiger der Verbrauch ist, desto mehr Energie geschaffen wird.<footnote start="271">
							<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 397</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Key hoffte, aus ihrer &#8222;seelischen Energie- und Bewegungslehre&#8220; auch eine &#8222;Bau- und Wachstumslehre&#8220; der Seele wie auch der Persönlichkeit entwickeln zu können. Ein derartiges Konzept, das man in psychologischer Terminologie auch als &#8222;Charakterpsychologie&#8220; oder als &#8222;Persönlichkeitspsychologie&#8220; bezeichnen könnte, hat die schwedische Reformpädagogin jedoch nicht systematisch ausgearbeitet. In ihrem Buch <em>Der Lebensglaube </em>sammelte sie lediglich &#8222;ohne alles System mitgeteilte Gedanken&#8220;<footnote start="272">
					<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 399</p>
				</footnote> zu dieser Thematik, die eher an psychologisch inspirierte Aphorismen Nietzsches denn an geordnete und elaborierte Texte zur Psychologie und Anthropologie erinnern. </p>
			<p>So reflektiert sie etwa das Verhältnis von Biologie und Biographie und ihre Auswirkungen auf das seelisch-geistige Niveau des Individuums. Hinsichtlich der Entwicklung eines Menschen und seines Charakters müsse man sowohl seine angeborenen und biologisch determinierten Ausprä<pagenumber id="N12309" label="228" numbering="arabic" start="228"/>gungen an Vitalität, Zugewandtheit zur Welt und Wachheit als auch seine Erziehung und Formung bezüglich psychischer, sozialer und geistiger Fähigkeiten berücksichtigen. Nur das Zusammenspiel dieser verschiedenen Ebenen mache verständlich, mit welchen charakterlichen und persönlichkeitsbedingten Eigenarten der Einzelne sein Leben gestaltet:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Abgesehen von Zeitgeist und Erziehung werden die Menschen mit verschiedener Möglichkeit der Seelensteigerung geboren. Der Erfolg der Kultur der Seele hängt ebenso wie der der Erde von dem ursprünglichen Erdreich und dem umgebenden Luftstrich ab. Man findet oft bei den &#8222;Konservativen&#8220; ein reiches seelisches Erdreich, ein Resultat edler Geschlechtssitte oder christlicher Lebensgestaltung. Doch diese verstehen wiederum den Begriff der Lebenskunst nicht... Sie meinen ihre Seele zu veredeln, wenn sie sie nach den Kulturplänen der guten Gesellschaftssitte und der religiösen Frömmigkeit gebrauchen. Denen hinwiederum, die den Begriff verstehen, fehlt oft ein wertvoller Stoff, aus dem sie schaffen könnten.<footnote start="273">
							<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 406</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Weite Passagen in <em>Der Lebensglaube </em>sind der Frage gewidmet, wie Individuen ihr seelisch-geistiges Niveau steigern und für sich Lebenskunst erobern können. Allein die Fragestellung, mehr aber noch die diversen Antworten darauf erinnern immer wieder an die nietzschesche Philosophie des &#8222;Übermenschen&#8220;, der für Key zu einer Metapher geworden ist, mit der sie das Ziel aller Selbstwertsteigerung und Entwicklung von psychischen, sozialen und intellektuellen Fertigkeiten bezeichnet. Da sie mehrfach schildert, wie ihrer Meinung nach eine derartige Evolution lediglich einzelnen Menschen zugute kommt und die Majorität der Vielen wahrscheinlich von einem derartigen Prozess kaum tangiert werden wird, erörtert die Autorin immer wieder auch ihre eigenen Zweifel und Konflikte, die mit einer derartigen &#8222;monumentalischen Psychologie&#8220; eng verbunden sind. </p>
			<p>Dieser Begriff kann als eine Anlehnung an den Terminus der &#8222;monumentalischen Geschichtsschreibung&#8220; aufgefasst werden, den Nietzsche in seiner zweiten<em> Unzeitgemäßen Betrachtung: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das menschliche Leben </em>(1874)<footnote start="274">
					<p>Siehe hierzu: Nietzsche, F.: Zweite Unzeitgemäße Betrachtung: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das menschliche Leben (1874), in: Kritische Studienausgabe (KSA), Band 1, hrsg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, München 1999 </p>
				</footnote> gebraucht hat. Der Philo<pagenumber id="N12332" label="229" numbering="arabic" start="229"/>soph bezeichnet damit eine Form der Historiographie, welche an bedeutenden Vorbildern aus der Geschichte &#8222;Maß nimmt&#8220;, um an ihnen das Format und Niveau eigener historischer Aktivitäten und individueller Lebensgestaltung zu bestimmen. </p>
			<p>In diesem Sinne kann man Ellen Keys Überlegungen und Konzepte zum menschlichen Seelenleben nun in der Tat ebenfalls als &#8222;monumentalisch&#8220; titulieren. Denn auch sie zitiert immer wieder bedeutende Gestalten der Vergangenheit (Montaigne, Goethe, Nietzsche u.a.m.), an denen sie ihre Ideen und ihren Maßstab von den Möglichkeiten seelischen Wachstums und geistiger Steigerung der Persönlichkeit demonstrieren will:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Das Leben so groß und stark zu leben, daß man es stets wieder zu erleben wünscht, so wie man stets ein großes Kunstwerk wieder erleben will, von dem man jeden Teil als notwendig und ewig empfindet, weil er <em>ist</em>; durch Geschlechtsveredlung ein immer feineres und reicheres Menschenmaterial für die zielbewußte, künstlerische Selbstgestaltung herzustellen - dies ist der zukunftswichtige Teil von Nietzsches Verkündung vom Übermenschen. Seine &#8222;Offenbarung&#8220; von der ewigen Wiederkunft hat ihr nächstes Gegenstück in Goethes Gewißheit, daß ...</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Keine Welt und keine Zeit zerstückelt<br/>Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>
						<br/>Wer seinem eigenen Wesen die ewige Notwendigkeit des großen Kunstwerks gegeben hat, wird selbst eine ewige Notwendigkeit, wird ein in irgendeiner Form ewig Seiender.<footnote start="275">
							<p>Key, E.: Der Lebensglaube, a.a.O., S. 463f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Wenngleich Ellen Key an dieser Stelle den Vers aus Goethes Gedicht <em>Urworte. Orphisch </em>(1820) auch nicht ganz korrekt zitiert - dort heißt es: &#8222;Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt/Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.&#8220;<footnote start="276">
					<p>Goethe, J.W.: Urworte. Orphisch (1820), in: Goethes Werke, Hamburger Ausgabe in 14 Bänden, Band 1, hrsg. v. Erich Trunz, München 1999, S. 359</p>
				</footnote> -, verdeutlicht dieser Passus doch eindrücklich, inwiefern die schwedische Reformpädagogin ihre Psychologie und vor allem das Ziel <pagenumber id="N12371" label="230" numbering="arabic" start="230"/>der von ihr propagierten Lebenskunst und Selbsterziehung an den Biographien &#8222;großer Menschen&#8220; orientiert hat. </p>
			<p>Diese Orientierung an Goethe, Nietzsche und anderen bedeutenden Vertretern der europäischen Kulturgeschichte ermöglichte es Ellen Key, für die zentralen Begriffe ihrer Psychologie - z.B. Wachstum, organismische und ganzheitliche Entwicklung, Gefühl, Person und Selbsterziehung - überzeugende Beispiele sowohl hinsichtlich der Biographie als auch des Werkes dieser Gestalten zu zitieren. An ihnen und ihren Texten hat sie mindestens ebensoviel an psychologischen und letztlich auch anthropologischen Erkenntnissen gewonnen wie etwa im direkten Kontakt mit Kindern und Jugendlichen. </p>
			<p>Die daraus entspringende Psychologie Keys war allerdings intuitiver und spekulativer Natur. Sie stand damit im Widerspruch zu den eher experimentalpsychologisch geprägten Ansichten und Überzeugungen (z.B. von Binet, Kraepelin oder Wundt), die von der Schwedin jedoch ebenfalls favorisiert wurden. Diese Widersprüchlichkeit zwischen einer geisteswissenschaftlich-philosophisch geprägten und einer naturwissenschaftlich-biologistisch konzipierten Psychologie verspürte Key durchaus, ohne aber in ihren Schriften immer einen gelungenen Ausgleich der dabei zutage tretenden Polaritäten realisieren zu können. Hinzu kamen die von ihr wahrscheinlich partiell rezipierten neuartigen Erkenntnisse und Vorstellungen der Tiefenpsychologie, welche zum Teil die eben dargelegten Gegensätze noch verschärften. </p>
			<p>Darüber hinaus war auch die Methode, welche Key anwandte, um Erkenntnisse über die Seele und ihre Entwicklungen beim Kind, Jugendlichen und Erwachsenen zu generieren, eine Mischung aus &#8222;ganzheitlicher&#8220; und Intuitionen förderlicher Beobachtungen einerseits und quasi experimentalpsychologischer &#8222;Laborbedingungen&#8220; andererseits. Im <em>Jahrhundert des Kindes </em>skizzierte sie ihre Methodologie folgendermaßen:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Das Studium der Psychologie eines Kindes, begonnen bei seiner Geburt, fortgesetzt bei seinen Spielen, seiner Arbeit, seiner Ruhe, ein tägliches, vergleichendes Studium, verlangt einen ganzen Menschen. Es ist nur für eine Person möglich, die einige wenige Kinder unter ihrer Obhut hat; in Herden ist es unmöglich, um so unmöglicher, als das Kind in der Herde dieser <pagenumber id="N12388" label="231" numbering="arabic" start="231"/>mehr oder weniger gleicht, was die Beobachtung noch erschwert.<footnote start="277">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 168</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>In moderner Terminologie ausgedrückt könnte man sagen, dass Key eine psychologische Methode und Vorgehensweise der Erkenntnisgewinnung favorisierte, die man als &#8222;Einzelfallanalyse&#8220; oder auch als &#8222;teilnehmende Beobachtung&#8220; titulieren könnte. Auch hierin scheint sie sich - ohne dass ihr dies wahrscheinlich ganz bewusst gewesen sein dürfte - einer wissenschaftlichen Haltung und Einstellung Sigmund Freuds angenähert zu haben, die dieser einmal in einem Brief an Lou Andreas-Salomé folgendermaßen auf den Punkt gebracht hat:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Sie wissen, ich bemühe mich ums Einzelne und warte ab, bis das Allgemeine daraus entsteht.<footnote start="278">
							<p>Freud, S.: Brief an Lou Andreas-Salomé vom 1. April 1915, in: Sigmund Freud - Lou Andreas-Salomé Briefwechsel (1966), hrsg. v. Ernst Pfeiffer, Frankfurt am Main 1980, S. 31</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Zusammenfassend kann man feststellen, dass Ellen Key aufgrund ihrer pädagogischen wie auch ihrer kulturanalytischen Neigungen und Interessen die Notwendigkeit erkannt hatte, eine tragfähige und - die um die Jahrhundertwende sich zum Teil überschlagenden neuen Erkenntnisse vom Menschen und seiner Welt - integrierende Psychologie und Anthropologie formulieren zu müssen. Die damals gehandelten Konzepte des 19. Jahrhunderts (Biologismus, Naturalismus, Materialismus, Positivismus) hinsichtlich eines Modells vom Menschen und seiner Seele erwiesen sich nur noch als bedingt tauglich, und die Konzepte des 20. Jahrhunderts waren eben erst im Entstehen begriffen. Dass Ellen Key deshalb zu diesem Zeitpunkt keine konzise und in sich geschlossene Psychologie und Anthropologie entwerfen konnte, ist also verständlich. </p>
			<p>Diese Defizite im Hinblick auf eine systematisierte Psychologie mögen auch dazu beigetragen haben, dass Key bezüglich ihrer psychologischen Erwägungen unter den meisten akademischen Psychologen wie auch Tiefenpsychologen kaum rezipiert wurde. So wertvoll, überzeugend und wegweisend einzelne ihrer Gedanken zur Psychologie und Anthropologie auch gewesen sein mögen, so sehr vermisste man bei ihr eine explizite Bezugnahme beispielsweise auf die Tiefenpsychologie und ebenso <pagenumber id="N123B2" label="232" numbering="arabic" start="232"/>den Entwurf eines ihre diversen Ideen zusammenfassenden Gesamtkonzeptes der menschlichen Seele. </p>
			<p>Es steht also zu vermuten, dass diese eben erwähnten Mängel und nicht so sehr die Tatsache, dass der Name und das Werk Ellen Keys unbekannt gewesen wären, zu der weiter oben schon angedeuteten kargen Rezeptionsgeschichte der Schwedin im Kreise der meisten Psychologen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts beigetragen hat. So fehlen die psychologischen, aber auch pädagogischen und kulturanalytischen Ansätze Keys zumindest als explizite Zitate vollständig in den Schriften der Gründerväter der Tiefenpsychologie. </p>
			<p>Bei Sigmund Freud überrascht dies insofern, als er von 1912 an intensive und langjährige Kontakte mit Lou Andreas-Salomé unterhielt, von der man mutmaßen kann, dass sie dem Begründer der Psychoanalyse gegenüber den Namen und die Leistungen Ellen Keys durchaus erwähnt haben wird. Ebenso ungewöhnlich erscheint es, dass auch im Rahmen der Mittwoch-Gesellschaft bzw. der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung die Rede auf Key nicht gekommen sein soll; ihr Name fehlt jedenfalls im Register der vierbändigen <em>Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, </em>die in den Jahren 1975 ff. von Herman Nunberg und Ernst Federn herausgegeben wurden. Gleichzeitig wurden aber im Rahmen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung an etlichen Abenden die Themen der Erziehung, der Pädagogik und der Organisation von Schulen ausführlich erörtert. Ebenso bemerkenswert erscheint es, dass auch im publizierten Briefwechsel zwischen Sigmund Freud und Lou Andreas-Salomé der Name von Ellen Key nicht erwähnt wird.</p>
			<p>Auch diejenigen Psychoanalytiker, die sich ganz dezidiert mit pädagogischen und erzieherischen Fragen auseinander setzten (z.B. Anna Freud, Melanie Klein, August Aichhorn, Siegfried Bernfeld und Hans Zulliger), erwähnen Keys Schriften nicht. Insbesondere bei Anna Freud kann - ähnlich wie bei ihrem Vater - darauf verwiesen werden, dass sie enge persönliche Kontakte zu Lou Andreas-Salomé unterhielt und darüber die schwedische Reformpädagogin ihrem Namen nach gekannt haben dürfte. </p>
			<p>Noch unverständlicher wirkt die fehlende Zitierung Keys und ihrer Schriften bei Alfred Adler und den individualpsychologisch orientierten Tiefenpsychologen. Die von Adler inaugurierte Individualpsychologie hatte einen dezidiert pädagogischen Impetus und setzte sich mit vielen Fragen der Erziehung in Familie und Schule intensiv auseinander. Sehr bekannt <pagenumber id="N123C5" label="233" numbering="arabic" start="233"/>geworden sind die Schulreformen in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts im &#8222;roten Wien&#8220;, die vorrangig auf Adler und andere Individualpsychologen wie etwa Carl Furtmüller und Otto Glöckel zurückzuführen waren. Auch in den Schriften der letzteren werden die reformpädagogischen Ansätze Keys nicht gewürdigt, und im Register des sehr fundierten und umfassenden Buches <em>Gestalten um Alfred Adler - Pioniere der Individualpsychologie </em>(2002)<footnote start="279">
					<p>Lévy, A., Mackenthun, G. (Hrsg.): Gestalten um Alfred Adler &#8211; Pioniere der Individualpsychologie, Würzburg 2002</p>
				</footnote> fehlt dementsprechend der Name Ellen Keys ebenfalls. </p>
			<p>Wie sehr eine Rezeption der keyschen Gedanken innerhalb der Tiefenpsychologie fruchtbare Resultate hätte zeitigen können, wird an etlichen kleineren Publikationen deutlich. So hat sich etwa in den 40er Jahren der Schweizer Nervenarzt Hans Christoffel in einem Beitrag für die <em>Zeitschrift für Kinderpsychiatrie</em> mit der Thematik der Überich-Bildung auseinandergesetzt und dabei Überlegungen von Sigmund Freud und Ellen Key zueinander in Beziehung gebracht:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Bedenken wir Zeit und Land, aus welchem <em>S. Freud </em>1938 entfliehen mußte, so bemerken wir, daß er Tatsächliches beschrieben hat: eine Verkümmerung der Selbständigkeit, einen Schwund der Selbstverantwortlichkeit unter dem Druck einer gräßlichen Tradition und eines scheusäligen Despoten. <em>Ellen Key</em>, die Zeitgenossin <em>Freuds, </em>hat schärfer als andere solche Vermassung mit katastrophalen Auswirkungen schon 1900 vorausgesehen.<footnote start="280">
							<p>Christoffel, H.: Zur Kritik des sogenannten Überichs, in: Zeitschrift für Kinderpsychiatrie, hrsg. v. M. Tramer, XIV. Jahrgang 1947-1948, Basel, S. 36</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Auch für die Individualpsychologie wäre eine explizite Kenntnisnahme der Gedankenwelt Keys überaus sinnvoll gewesen. Dass dabei viele Parallelen hinsichtlich anthropologischer und psychologischer Grundsätze evident geworden wären, wird z.B. von dem Schweizer Pädagogen Jürg Rüedi in seinem Buch <em>Die Bedeutung Alfred Adlers für die Pädagogik - Eine historische Aufarbeitung der Individualpsychologie aus pädagogischer Perspektive </em>(1988) nahegelegt. Im Kapitel über <em>Das Kind in der Schule </em>heißt es etwa:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>
						<pagenumber id="N12404" label="234" numbering="arabic" start="234"/>Adler läßt nicht zu, daß der &#8222;mächtige&#8220; Pädagoge dem &#8222;machtlosen&#8220; Kinde voreilig die Schuld zuschiebt und sich so aus der Affäre zieht. Bei jedem Mangel, bei jeder Konzentrationsstörung des Schülers richtet er vielmehr zuerst die Frage an den Pädagogen, wie besser zu helfen ist. In diesem vornehmen Sinne spricht er im folgenden verschiedene konkrete Schulprobleme an, wobei er sich im <em>Jahrhundert des Kindes </em>(Ellen Key) als wirklicher Anwalt des Kindes erweist.<footnote start="281">
							<p>Rüedi, J.: Die Bedeutung Alfred Adlers für die Pädagogik - Eine historische Aufarbeitung der Individualpsychologie aus pädagogischer Perspektive, Bern 1988, S. 183</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>In den weiteren Ausführungen Rüedis, die z.B. Fragen der Benotung, der didaktischen Methodik, der Organisation der Schule oder auch der Bedeutung des schulischen Lernens tangieren, werden viele Analogien zu den entsprechenden Passagen aus dem Werk Keys sichtbar. Insbesondere die Perspektive einer Pädagogik und Psychologie &#8222;vom Kinde her&#8220; ist charakteristisch für Adlers Erziehungsmaximen und gleichzeitig ein Markenzeichen der keyschen Pädagogik. </p>
			<p>Ellen Key und ihr Werk wurden jedoch in Wien, dem Mekka der Tiefenpsychologie wie auch akademischen Psychologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, von den Vertretern dieser Disziplinen hinsichtlich einer Erwähnung ihrer Ansichten nicht vollständig übergangen. So verweist etwa Charlotte Bühler (1893-1974) in mehreren ihrer Bücher <em>expressis verbis </em>auf die schwedische Reformpädagogin. </p>
			<p>Bühler hatte seit 1929 eine Professur an der Universität Wien inne. Ihre Forschungsinteressen konzentrierten sich auf psychologische Fragen des menschlichen Lebenslaufes sowie der Entwicklung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Wertvolle Anregungen für ihre Arbeiten erhielt sie zum einen von den Gestaltpsychologen (Wolfgang Köhler, Karl Koffka und Max Wertheimer), zum anderen von ihrem Gatten Karl Bühler, der als Philosoph ebenfalls an der Universität Wien tätig war und partiell Fragestellungen wie etwa entwicklungspsychologische Probleme oder die Entstehung und das Wesen der menschlichen Sprache bearbeitete, die für Charlotte Bühler von großem Interesse waren. </p>
			<p>In ihrem 1921 publizierten Buch <em>Das Seelenleben des Jugendlichen </em>gelang es Bühler, wichtige Strukturelemente des Jugendalters (z.B. sexuelle Differenzierung, Entwicklung von Gefühlsleben und Willensäußerun<pagenumber id="N12428" label="235" numbering="arabic" start="235"/>gen, soziale und kulturelle Einfügung in die Umwelt) anschaulich und einfühlsam zu erörtern. In einer etliche Jahre später hinzugefügten Einführung, die den Worten der Verfasserin gemäß &#8222;gelesen werden muß&#8220;, verweist sie auf die Novitäten ihrer Publikation sowie auf die Quellen und Traditionen, auf welche sie bei der Abfassung ihrer Veröffentlichung zurückgegriffen hat:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Im Jahre 1921, als dieses Buch zum ersten Mal erschien, gab es noch keine <em>Entwicklungspsychologie </em>im heutigen Sinn. Seit dem Beginn dieses &#8222;Jahrhunderts des Kindes&#8220;, wie Ellen Key es nannte, waren die ersten umfassenden Kinderpsychologien von William Stern, David Katz, Karl Bühler herausgekommen. Ihre wissenschaftlichen Grundlagen und Ausweise waren Beobachtungen, Experimente, biologische und theoretische Betrachtungen. Die über das Kindesalter hinaus liegenden Jugendjahre wurden für wissenschaftlich unzugänglich gehalten, und sie waren in der Tat der Tummelplatz laienhafter Betrachtungen.<footnote start="282">
							<p>Bühler, Ch.: Das Seelenleben des Jugendlichen (1921), Stuttgart 1991, S. 13</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Die Wertschätzung Ellen Keys durch Charlotte Bühler hielt bis ins hohe Alter an. In dem von ihr 1962 publizierten Überblickswerk <em>Psychologie im Leben unserer Zeit,</em> das einen imposanten Querschnitt durch die verschiedenen psychologischen Schulrichtungen des 20. Jahrhunderts - von der Psychoanalyse bis zum Existentialismus, von der Humanistischen Psychologie bis zu den anthropologisch relevanten Arbeiten Kurt Goldsteins oder Erwin Straus&#8217; - bietet, erwähnt Bühler die schwedische Reformpädagogin ebenso wie die von Key rezipierten Wissenschaftler Wilhelm Preyer und Alfred Binet anerkennend im Kapitel über <em>Die Entwicklung</em>:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Seit um die Wende des Jahrhunderts (1882) Wilhelm Preyer sein berühmtes Tagebuch über die frühkindliche Entwicklung verfaßte, Stanley Hall (1883) mit Fragebogen-Methoden Jugendliche studierte und ... Alfred Binet (von 1890 an) die Stadien der Intelligenzentwicklung im Test zu erfassen trachtete..., seit in denselben Jahren Bühler, Katz und Peters die Methoden der experimentellen Wahrnehmungsforschung in die Kinder<pagenumber id="N12451" label="236" numbering="arabic" start="236"/>psychologie hineintrugen ..., seit diese und viele andere das Fundament der neuen Wissenschaft legten, hat sich die kinder- und jugendpsychologische Forschung auf der ganzen Welt in geradezu gigantischem Maße ausgeweitet. Der Reichtum an Methoden und Problemstellungen vergrößerte sich dauernd. In diesem <em>Jahrhundert des Kindes, </em>wie Ellen Key es genannt hat, übertraf und übertrifft noch immer das Interesse an der kindlichen Entwicklung das für alle anderen Zweige der Psychologie.<footnote start="283">
							<p>Bühler, Ch.: Psychologie im Leben unserer Zeit, München 1962, S. 152f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Doch solche Hinweise auf Ellen Key in Publikationen von bedeutenden Psychologen des 20. Jahrhunderts waren und sind eher selten. Die Geschichte der gegenseitigen Rezeption - hier Ellen Key mit ihren psychologischen und anthropologischen Gedanken und dort die Tiefenpsychologie und akademische Psychologie Europas und Nordamerikas im 20. Jahrhunderts - war denkbar dürftig und nur von wenigen wechselseitigen Zitaten und direkten Erwähnungen geprägt. </p>
			<p>Eine die Ansätze und Intentionen Keys honorierende Assimilation durch die Psychologie und Anthropologie steht noch aus, wobei man erwarten kann, dass ein derartiger Prozess um so eher und fruchtbarer angestoßen wird, um so mehr die Psychologie ihre geisteswissenschaftlichen und philosophisch-anthropologischen Wurzeln und Facetten reintegriert. </p>
			<p>Dabei könnten sowohl die Verdienste und progressiven Tendenzen als auch die Zeitgeist bedingten Mängel und Vorurteile, welche die psychologischen und anthropologischen Gedanken Keys kennzeichnen, gebührend berücksichtigt werden. An der schwedischen Reformpädagogin nämlich lässt sich trefflich zeigen, dass philosophischer und wissenschaftlicher Fortschritt immer aus einer Mischung althergebrachter Überzeugungen und zukunftsweisender Impulse und Ideen besteht. </p>
			<p>Im Falle der psychologischen und anthropologischen Ausführungen Ellen Keys kam hinzu, dass die Psychologie um die Jahrhundertwende hinsichtlich ihrer wissenschaftstheoretischen und methodologischen Ausrichtung heftige Kontroversen führte, die teilweise auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch unentschieden sind; in gewisser Weise ist Key mit ihren psychologischen und anthropologischen Darlegungen zwischen die <pagenumber id="N1246F" label="237" numbering="arabic" start="237"/>Fronten der damaligen Konfliktparteien (Tiefenpsychologen, akademische Psychologen, experimentell vorgehende Psychologen, philosophisch orientierte Psychologen) geraten und konnte wohl auch deshalb nicht angemessen rezipiert werden.</p>
		</chapter>
		<chapter id="chapter12" label="12.">
			<head>
				<pagenumber id="N12479" label="238" numbering="arabic" start="238"/>Ellen Key und ihre pädagogischen Vorläufer</head>
			<p>
				<br/>Wegen keiner anderen gesellschaftlichen und kulturellen Funktion und Rolle wurde Ellen Key derart bekannt wie wegen derjenigen der Pädagogin. Insbesondere mit ihrem Buch <em>Das Jahrhundert des Kindes</em> (1900) hat sich die schwedische Schriftstellerin als Reformpädagogin nicht nur in Skandinavien, sondern europa- oder sogar weltweit einen Namen gemacht. Zusammen mit ihren konkreten praktischen Versuchen, Kinder oder auch Erwachsene in einer menschengemäßen Art und Weise zu unterrichten, geriet dieses Buch beinahe zur theoretischen Bibel der Pädagogik des 20. Jahrhunderts. Was aber macht die Erziehungslehre von Ellen Key aus?</p>
			<p>Um dieser Frage nachzugehen, wird es notwendig sein, sowohl die theoretischen Ausführungen - insbesondere das Buch <em>Das Jahrhundert des Kindes - </em>als auch die von Key praktizierten pädagogischen Versuche genauer darzustellen und zu erörtern. Dabei wird rasch deutlich, dass Ellen Key mit ihren Ansichten und Haltungen zur Erziehung auf eine bis in die Renaissance zurück reichende Tradition aufbauen konnte. Sie war sich dieser historischen Wurzeln sehr wohl bewusst; in ihrem Buch <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>hat sie auf ihre Vorläufer beredt hingewiesen und deren Leistungen wie auch Einflüsse auf ihre eigenen pädagogischen Überlegungen detailliert dargelegt.</p>
			<p>
				<strong>Michel de Montaigne (1533-1592)</strong>
			</p>
			<p>
				<br/>Als wichtigsten &#8222;Pädagogen&#8220; der Spätrenaissance nennt Ellen Key den französischen Moralisten Michel de Montaigne (1533-1592). Montaigne hatte eine humanistische Ausbildung genossen und war mit den Autoren der griechischen und römischen Antike gut vertraut. Nach seiner Schulausbildung in Bordeaux und Toulouse studierte er Juristerei und war eine Zeit lang als Richter im Parlament von Bordeaux tätig. Nachdem er außerdem noch das Bürgermeisteramt dieser Stadt für zwei Jahre innegehabt hatte, zog sich Montaigne 1571 von seinen öffentlichen Pflichten zurück und lebte von da an vorrangig in seinem Turm, der eine reichhaltige Bibliothek beherbergte. </p>
			<p>Hier schrieb er seine berühmten <em>Essais, </em>die ab 1580 in mehreren Etappen publiziert wurden. Diese meist nur wenige Seiten umfassenden <pagenumber id="N1249F" label="239" numbering="arabic" start="239"/>Aufsätze, von denen Montaigne meinte, er selbst sei ihr einziger Inhalt, wurden in der Folge sowohl bezüglich ihrer Form und ihres Stils als auch wegen ihres Inhalts zu einem vorbildlichen Modell der französischen, später auch der deutschsprachigen Moralisten (z.B. La Rochefoucault, Chamfort, Vauvenargues, Lichtenberg oder Jean Paul). Auf einige dieser Moralisten hat sich Ellen Key in ihrem Werk explizit bezogen.</p>
			<p>Was aber macht nun den Reiz der montaigneschen <em>Essais </em>aus, und inwiefern werden in ihnen pädagogische Grundsätze und Überlegungen ventiliert, die für Ellen Key Relevanz bekamen? Schon in der Einleitung, überschrieben mit &#8222;An den Leser&#8220;, hat Montaigne darauf hingewiesen, dass es sein Bestreben war, über sich auf eine gänzlich uneitle und ehrliche Art zu berichten: </p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Dieses Buch, Leser, gibt redlich Rechenschaft. Sei gleich am Anfang gewarnt, daß ich mir damit kein anderes Ziel als ein rein häusliches und privates gesetzt habe. Auf deinen Nutzen war mein Sinn hierbei ebenso wenig gerichtet wie auf meinen Ruhm - für beides reichen meine Kräfte nicht aus... Ich will, daß man mich hier in meiner einfachen, natürlichen und alltäglichen Daseinsweise sehe, ohne Beschönigung und Künstelei, denn ich stelle mich als den dar, der ich bin. Meine Fehler habe ich frank und frei aufgezeichnet, wie auch meine ungezwungene Lebensführung, soweit die Rücksicht auf die öffentliche Moral mir dies erlaubte.<footnote start="284">
							<p>Montaigne, M. de: Essais (1580ff.), Erste moderne Gesamtübersetzung von Hans Stilett, Frankfurt am Main 1998, S. 5</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Diese unprätentiöse Art der Selbstdarstellung bewirkte, dass sich in den Schilderungen Montaignes außerordentlich viele Leser wiederfanden und sich mit seinen Eigentümlichkeiten, Unebenheiten und Defiziten ebenso wie mit seinen Qualitäten leicht identifizieren konnten. Darüber hinaus gelang dem französischen Moralisten mittels dieser ungewöhnlichen &#8222;Selberlebensbeschreibung&#8220; (Jean Paul) eine Art von fundamentaler Anthropologie, welche nicht nur das Individuum Montaigne, sondern - ausgehend von diesem konkreten Einzelnen - die <em>Conditio humana </em>zu ihrem Inhalt hat. </p>
			<p>Neben vielen anderen Aspekten zählen auch die Phänomene des Lernens sowie der Lern- und Erziehungsfähigkeit des Menschen zu den <pagenumber id="N124C4" label="240" numbering="arabic" start="240"/>essentiellen Bestandteilen der Gattung <em>Homo.</em> Diese Facetten hat Montaigne in seinen <em>Essais </em>ebenfalls beschrieben, und auf diese Passagen nahm Ellen Key Bezug, als sie den französischen Moralisten als einen für sie wichtigen Vorläufer der Pädagogik deklarierte.</p>
			<p>Bevor wir auf die inhaltlichen Aspekte der montaigneschen Pädagogik näher eingehen, soll noch darauf hingewiesen werden, dass Ellen Key viele ihrer kürzeren Arbeiten und Aufsätze ebenfalls als &#8222;Essays&#8220; bezeichnet und schon allein durch diese Bezeichnung eine formale Parallele zu Montaigne und dessen Werk hergestellt hat. Vor allem aber die inhaltlichen Entsprechungen zwischen den Ausführungen zur Erziehung bei Montaigne und denjenigen Ellen Keys, welche die schwedische Reformpädagogin als &#8222;psychologische Pädagogik&#8220; bezeichnet hat, haben dazu beigetragen, dass sie über den französischen Moralisten schrieb:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Die psychologische Pädagogik hat hohe Ahnen... In seinen <em>Essais</em> und seinen <em>Briefen an die Gräfin de Gurson </em>findet man schon alle Grundzüge der Erziehung der Zukunft! Montaigne kennt die Fähigkeit der Gewohnheit, die Natur umzuorganisieren, und schärft darum ein, daß die erste Aufgabe der Erziehung das Beibringen der richtigen Gewohnheiten sei.<footnote start="285">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes (1900), Weinheim und Basel 2000, S. 122</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Vor allem in seinem Essay <em>Über die Knabenerziehung, </em>den Montaigne als Brief an die Gräfin de Gurson konzipiert hatte, lassen sich die wichtigsten pädagogischen Prinzipien und Überlegungen des französischen Moralisten nachlesen. In diesem Rahmen weist er z.B. auf die Rolle des Lehrers und auf dessen charakterliche und intellektuelle Fähigkeiten hin, welche für die Erziehung des Kindes von nicht zu überschätzender Wichtigkeit seien. Nur edle und hoch gesinnte Persönlichkeiten taugen nach Montaigne für das Geschäft der Erziehung; Kleingeister, Philister und Spießbürger bilden die Zöglinge zu Imitaten ihrer eigenen intellektuellen, sozialen und emotionalen Beschränktheit heran. Diese Forderung Montaignes findet die volle Zustimmung Ellen Keys, wobei sie allerdings sehr realistisch feststellt:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Aber unsere Pädagogen sind noch in der Regel keine hohen und großen Geister. Darum führen sie freilich große pädagogi<pagenumber id="N124F6" label="241" numbering="arabic" start="241"/>sche Worte auf den Lippen, aber in ihrem Herzen - und in ihren Werken - sind sie weit davon entfernt.<footnote start="286">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 122f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Auch die Art und Weise, wie Lehrer ihren Schülern diverse Stoffe vermitteln sollen, ist bei Montaigne schon sehr ausführlich beschrieben worden und wurde von Key durchaus anerkannt. Für den französischen Moralisten bedeutete Lernen keineswegs ein bloßes Auswendig-Hersagen von Fakten; vielmehr legte er hohen Wert darauf, dass der Lernende den Stoff vollumfänglich assimilieren und zur Anwendung bringen können sollte. Die selbständige Aneignung von Tatsachen und Zusammenhängen war das erklärte Ziel der montaigneschen Pädagogik, und alle Formen der Unselbständigkeit und Abhängigkeit der Schüler waren ihm ein Gräuel. Eigene Urteile zu fällen und diese mit eigenen Worten auszudrücken - das war es, wozu der französische Moralist Menschen anleiten und wozu er sie fördern wollte. In dem erwähnten Essay lesen wir dazu:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Von klein auf schreit man uns die Ohren voll, als ob man unablässig in einen Trichter nachschütte, und nichts anderes haben wir zu tun, als immer wieder nachzusprechen, was man uns vorgesprochen hat. Ich möchte, daß der Erzieher es besser mache und von Anfang an die seinen Händen anvertraute Seele je nach Leistungskraft ihr Können vorführen und selber die Gegenstände richtig einschätzen, unterscheiden und wählen lasse: manchmal mit und manchmal ohne seine Wegweisung. Ich will nicht, daß er allein sich etwas ausdenke und davon rede, ich will, daß er seinem Zögling zuhöre, wenn der seinerseits redet... Meistens schadet die Autorität der Lehrenden den Lernenden.<footnote start="287">
							<p>Montaigne, M. de: Essais, a.a.O., S. 83</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Auch dieses Plädoyer für eine &#8222;antiautoritäre Erziehung&#8220; fand die Zustimmung Ellen Keys. Ebenso wie ihr französischer Vorläufer bestand Key darauf, den Unterricht zu einem dialogischen Ereignis werden zu lassen, bei dem zwei oder mehrere Individuen auf möglichst einer Ebene miteinander kommunizieren und sich austauschen. Nicht eine durch Rollenzuschreibung legitimierte Hierarchie zwischen Lehrer und Schüler, sondern <pagenumber id="N1251D" label="242" numbering="arabic" start="242"/>das solidarische Lehren und Fördern sollen nach Key im Mittelpunkt des pädagogischen Prozesses stehen. Dazu braucht es vor allem eine tragfähige und emotional zugewandte Beziehung zwischen den Pädagogen und ihren Zöglingen, die das Fundament für jegliches Lernen abgibt.</p>
			<p>Das Lernziel eines jeden Unterrichts besteht nach Montaigne - und auch nach Key - in einer Steigerung der Souveränität, Eigenständigkeit und Mündigkeit des Schülers. Ähnlich wie Immanuel Kant in seinem berühmten Aufsatz über die <em>Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? </em>(1784) geschrieben hat, dass Aufklärung &#8222;der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit&#8220; sei und deshalb das Motto der Aufklärung lauten müsse: &#8222;Habe Mut, dich deines <em>eigenen </em>Verstandes zu bedienen!&#8220;<footnote start="288">
					<p>Kant, I.: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784), in: Werke in sechs Bänden, hrsg. v. Wilhelm Weischedel, Band VI, Darmstadt 1998, S. 53</p>
				</footnote>, hat auch schon Montaigne festgestellt, dass ein hauptsächliches Defizit jeglicher Erziehung in der geistigen und seelischen Abhängigkeit des Zöglings vom Lehrer besteht:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Unsere Seele bewegt sich nur noch nach der Vorgabe dessen, was die Hirne anderer ausgeheckt haben, Gefangene und Sklaven von deren Lehrautorität. Man hat uns so eng ans Gängelband genommen, daß wir keinen Schritt mehr allein tun können. Unsere Kraft und Freiheit sind erloschen. <em>Niemals werden wir mündig sein.</em>
						<footnote start="289">
							<p>Montaigne, M. de: Essais, a.a.O., S. 83</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Es sind insbesondere diese Aufforderungen Montaignes zum Selber-Denken und zur autonomen Handlung, welche Key bejahte. In <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>plädiert sie Mal um Mal für eine derartige Zielsetzung der Pädagogik, die weit entfernt ist von allen Dressurmaßnahmen der herkömmlichen Erziehung. Das Kind als zukünftiges autonomes Subjekt - das war Maß und Münze der keyschen Pädagogik, und an diesem hehren Ziel sollten sich alle anderen curricularen Inhalte wie auch pädagogischen Maßnahmen und Methoden orientieren.</p>
			<p>Es versteht sich von selbst, dass Montaigne (und natürlich auch Ellen Key) bei einem solchen erzieherischen Prozess auf Gewaltanwendung - egal ob seelisch oder körperlich - völlig zu verzichten forderte. Wachstumsprozesse, welche die Eigenständigkeit und Unabhängigkeit des Zöglings intendieren, können dem französischen Moralisten zufolge nie und <pagenumber id="N1254F" label="243" numbering="arabic" start="243"/>nimmer mit Prügel oder Strafen induziert werden; vielmehr sind Ermutigung und wohlwollende Atmosphären eine <em>Conditio sine qua non </em>der Erziehungskunst. Nicht die Rute, sondern blühende und grüne Zweige und Blumen sollten die Schulzimmer schmücken, in denen sich Kinder und Jugendliche heimisch fühlen. Dieses Plädoyer Montaignes für eine gewaltfreie Erziehung übernimmt Ellen Key uneingeschränkt:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Wie paßt das nicht noch immer auf unsere eigene Zeit, wo die rohe Grausamkeit allerdings weniger groß ist, aber die pedantische Disziplin die sittlichen Begriffe fälscht, indem sie das Kleine groß und das Große klein macht; wo - in der Knabenschule - Schläge und Anmerkungen die Temperatur der Laune des Lehrer angeben, aber nicht den Gehalt der Anlagen des Schülers; wo der Kleinsinn an jedem zweiten Katheder seinen Altar hat!<footnote start="290">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 126</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Ein Gedanke Montaignes, der in der Pädagogik Ellen Keys ebenfalls eine gewichtige Rolle spielte, war die Orientierung des Lehrstoffes an der Wirklichkeit. Der französische Moralist wollte sich und andere nicht mit bloßem Bücherwissen schulen, sondern die Welt, das Leben und die Mitmenschen auf eine sehr direkte und unverfälschte Art kennen lernen. Das Leben, und nicht irgendein in verstaubten Beamtenstuben ausgeklügeltes Curriculum, stellt den eigentlichen Lehrstoff für uns Menschen dar. Viele Schulen und die in ihnen unterrichtenden Lehrer bedeuten dabei regelrechte Hindernisse, die überwunden oder abgeschafft werden müssten. So ist es auch zu verstehen, wenn Montaigne ausruft: &#8222;Für das Denken kann ein Einfall bei Tische, eine Dummheit eines Bedienten ein ebenso guter Lernstoff sein wie ein Buch.&#8220;</p>
			<p>Wenn die Welt, das Dasein und die Mitmenschen den eigentlichen Stoff des Lernens abgeben, kann man nach Montaigne als gewichtiges Ziel aller Pädagogik auch die sogenannte Lebenskunst auffassen. Was sollen uns Detailwissen und Faktensammlungen bedeuten, wenn sie nicht letztlich dazu dienen, unsere Existenz lebenswerter und glücklicher zu machen? Was können uns komplexe mathematische oder physikalische Zusammenhänge sagen, wenn wir nicht gleichzeitig im Umgang mit unserem Körper, unserem Lebensvollzug und unseren Mitmenschen klug und geschult werden? </p>
			<p>
				<pagenumber id="N12571" label="244" numbering="arabic" start="244"/>Ähnlich wie einige Generationen später Friedrich Nietzsche, der in seinen Schriften von Montaigne immer in den höchsten Tönen gesprochen hat, lässt auch der französische Moralist jegliche Pädagogik und alle Philosophie am Leitfaden des Leibes und des konkreten und alltäglichen Lebensvollzuges entspringen. Die <em>Res non naturales </em>(die &#8222;nicht-natürlichen Dinge&#8220;), die bereits in der Philosophie und Medizin der griechischen und römischen Antike eine gewichtige Rolle gespielt haben, kehren bei Montaigne, Nietzsche und dann auch bei Ellen Key als Hauptinhalte eines Curriculums der Lebenskunst und einer wahrhaft humanistischen Pädagogik wieder.</p>
			<p>
				<strong>Jean-Jaques Rousseau (1712-1778)</strong>
			</p>
			<p>
				<br/>Einen noch viel größeren Einfluss auf das Denken und die pädagogischen Ansichten Ellen Keys als Montaigne nahm der französisch-schweizerische Kulturkritiker und Philosoph Jean-Jaques Rousseau (1712-1778).<strong/>Rousseau zählte zu den schillerndsten und meist zitierten Figuren der französischen Aufklärung und des gesamten 18. Jahrhunderts. Dieser <em>Citoyen de Genève </em>hat sowohl mit seinen pädagogischen wie auch staatstheoretischen Schriften seinem Jahrhundert einen Stempel aufgedrückt, dessen Prägekraft bis ins 21. Jahrhundert weiter wirkt.</p>
			<p>Jean-Jaques Rousseau, dessen Mutter bei seiner Geburt starb, wurde zuerst von seinem Vater, einem gebildeten Uhrmacher, und vom achten Lebensjahr an von einem Pfarrer erzogen. Er sollte Schreiber und Graveur werden, flüchtete dann aber als 16jähriger und gelangte auf Umwegen zu Madame de Warens, die ihn in die Philosophie, die Literatur, die Wissenschaften und - in die Liebe einführte. </p>
			<p>Kurze Zeit versuchte Rousseau sich als Erzieher der beiden Söhne des Herrn von Mably in Lyon, um sich Anfang der 40er Jahre des 18. Jahrhunderts nach Paris hin zu orientieren. Dort lernte er in den Salons Voltaire, Diderot, Holbach, Grimm und andere Repräsentanten der Aufklärung kennen. Eine Weile lang schloss er sich den Enzyklopädisten an, distanzierte sich jedoch bald von deren Gesellschaft und führte zunehmend ein vereinsamtes Dasein.</p>
			<p>1749 veranstaltete die Akademie von Dijon ein Preisausschreiben unter dem Titel <em>Ob das Wiedererwachen der Wissenschaften und Künste dazu beigetragen habe, die Sitten zu reinigen? </em>Die Frage wirkte elektrisierend auf Rousseau, und er fertigte innerhalb kurzer Zeit eine Abhandlung <pagenumber id="N12594" label="245" numbering="arabic" start="245"/>an, in der er ungemein elegant und scharfsinnig den Wert der Kultur verneinte. Parallel dazu pries er mit rhetorischem Geschick die Vorteile des Naturzustandes. Mit diesem merkwürdigen Text, genannt der <em>Discours, </em>wurde Rousseau mit einem Schlag berühmt. Obschon Rousseaus Antwort auf die Frage unerwartet ausfiel, wurde seine Arbeit aufgrund der glänzenden Kombinatorik seiner Argumente preisgekrönt.</p>
			<p>Auch die 1753 gestellte Preisfrage der Akademie von Dijon - <em>Welches ist der Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen und ist dieselbe durch das Naturgesetz autorisiert? </em>- wurde von Rousseau bearbeitet. Seine Antwortschrift erhielt zwar keinen Preis, wird aber gemeinhin als folgenreicher und bedeutender angesehen als sein <em>Discours, </em>weil darin bereits wichtige Gedanken des zukünftigen <em>Contrat social </em>(1762) vorweggenommen wurden.</p>
			<p>Ebenfalls 1762 publizierte Rousseau seinen epochemachenden <em>Emil oder über die Erziehung. </em>Von vielen wurde dieser Text als Grundlage der modernen Pädagogik aufgefasst und bezeichnet, und viele Philosophen und Gelehrte, die sich im Gefolge dem Thema der Erziehung zuwandten, nahmen explizit oder implizit auf den <em>Emil </em>bezug.</p>
			<p>Der <em>Emil </em>ist eine Mischung aus Traumbuch, pädagogischem Traktat, erzieherischen Maximen und romanhaften Passagen. Allein der Stil dieses Buches ist derart gelungen und wirkt so betörend, dass Immanuel Kant, der normalerweise penibel auf die Einhaltung seines Tagesablaufs höchsten Wert legte, seinen gewohnten Spaziergang nachmittags versäumte, weil er sich im <em>Emil </em>festgelesen hatte. Die Seiten dieser pädagogischen Bibel durchziehen ein unbedingter Glaube an die Erziehbarkeit des Menschen sowie eine tiefgründige Skepsis bezüglich der etablierten pädagogischen Institutionen (Staat, Kirche, Schule, Familie) und den individuellen Pädagogen. </p>
			<p>Ausgehend von seinen Beobachtungen, dass die tradierte Erziehung den Menschen eher verdorben und dekadent werden ließ, plädierte Rousseau mit Vehemenz für eine naturgemäße und damit menschenwürdige Pädagogik. Bisweilen resultierte aus dieser Haltung sogar die paradoxe Forderung, das Erziehungsgeschäft derart zu modifizieren, dass letztlich überhaupt nicht mehr (im landläufigen Sinne) erzogen wird. Diesen Gedanken Rousseaus hat Ellen Key mit Begeisterung und großer Zustimmung aufgenommen und weiter ausgebaut. In <em>Das</em>
				<em>Jahrhundert des Kindes </em>lesen wird dazu:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>
						<pagenumber id="N125C9" label="246" numbering="arabic" start="246"/>Rousseau sagt irgendwo: &#8222;Alle Erziehung scheitert daran, daß die Natur weder Eltern zu Erziehern erschafft, noch Kinder, um erzogen zu werden....&#8220; Wie wäre es, wenn man endlich anfinge, dieser Anweisung der Natur zu folgen und einzusehen, daß das größte Geheimnis der Erziehung gerade darin verborgen liegt - nicht zu erziehen?! Das Kind nicht in Frieden zu lassen, das ist das größte Verbrechen der gegenwärtigen Erziehung gegen das Kind.<footnote start="291">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 78</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Dem Gang der Natur zu folgen muss die erste und wichtigste Sorge eines ernsthaften Erziehers sein. Wer die Natur des Kindes nicht kennt, wird dieses unvermeidlich auf Irrwege führen. Für Rousseau sind Mütter oder mütterliche Erziehungspersonen prädestiniert, sich intuitiv in die kindliche Entwicklung einzufühlen, und damit am ehesten geeignet, pädagogisch fruchtbar auf sie einzuwirken. Im <em>Emil </em>lesen wir dazu:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Ich wende mich an dich, liebe und weise Mutter.... pflege und gieße die Pflanze, ehe sie verdorrt; eines Tages wirst du dich an ihren Früchten laben. Umwall beizeiten die Seele deines Kindes; ein anderer mag den Umfang abstecken, du aber mußt die Schranken setzen. Pflanzen werden gezogen: Menschen werden erzogen.<footnote start="292">
							<p>Rousseau, J.-J.: Emil oder über die Erziehung (1762), Paderborn 1995, S. 9f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Eine naturgemäße oder natürliche Entwicklung des Kindes ist nur gewährleistet, wenn auf jeglichen Zwang, auf Dressurmaßnahmen und abhängigmachende Beeinflussung des Kindes verzichtet wird. Rousseau war überzeugt, dass in jedem Menschen eine Individualität heranreifen kann und darf, die jedoch nur dann zur vollen Blüte kommt, wenn egalisierende und normierende Einflüsse möglichst unterbleiben. Aus diesen Erwägungen heraus leitete er sein Postulat der &#8222;negativen Erziehung&#8220; ab, das man im folgenden Zitat auf den Punkt gebracht lesen kann: </p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Was muß man tun, um diesen seltenen Menschen heranzubilden? Zweifellos viel: nämlich verhindern, daß etwas getan wird.<footnote start="293">
							<p>Rousseau J.-J.: Emil oder über die Erziehung, a.a.O., S. 14</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<pagenumber id="N12606" label="247" numbering="arabic" start="247"/>
				<br/>Auf eben jene Individualpädagogik hat sich auch Ellen Key in ihren Schriften häufig berufen, worauf unter anderen ausführlich Reinhard Dräbing in seiner Abhandlung <em>Der Traum vom &#8222;Jahrhundert des Kindes&#8220; </em>(1990) hingewiesen hat.<footnote start="294">
					<p>Dräbing, R.: Der Traum vom &#8222;Jahrhundert des Kindes&#8220; (1990), Frankfurt am Main 1990, S. 147ff.</p>
				</footnote> Auch Otto Hansmann betont in seiner Abhandlung <em>Aspekte der Rousseau-Rezeption in der deutschen Reformpädagogik des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts</em>, dass Ellen Key sowohl den Gedanken der &#8222;natürlichen Erziehung&#8220; (oder auch &#8222;negativen Erziehung&#8220;) als auch die Idee der Sozialisation von Individuen aus Rousseaus <em>Emil </em>übernommen hat. Zu Recht moniert Hansmann die etwas großzügige und laxe Zitierweise der schwedischen Reformpädagogin, die es ihm (und allen anderen Lesern) schwer macht zu unterscheiden, wo Rousseau endet und ihre, Keys, eigene Position beginnt:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Bei Ellen Key ... finden sich zahlreiche indirekte Spuren einer Rousseau-Rezeption, aber auch einige Zitate aus dem Émile, die ohne Angabe der genauen Fundorte und der von Key verwendeten Émile-Ausgabe herangezogen werden. Keys Beschränkung auf die Lektüre des Émile, den sie an einer Stelle ausdrücklich erwähnt, kann als paradigmatisch gelten für die Rousseau-Rezeption der Vertreter der schulreformerischen Strömung innerhalb der reformpädagogischen Bewegung.<footnote start="295">
							<p>Hansmann, O.: Aspekte der Rousseau-Rezeption in der deutschen Reformpädagogik des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts, in: Seminar: Der pädagogische Rousseau, Band II: Kommentare, Interpretationen, Wirkungsgeschichte, hrsg. v. Otto Hansmann, Weinheim 1996, S. 265f. </p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Neben diesen kritischen Auslassungen betont Hansmann aber auch die erstaunliche Modernität Ellen Keys, welche die pädagogischen Ideen Rousseaus auf ihre wesentlichen und für das 20. Jahrhundert relevanten Forderungen und Aspekte hin untersucht und diese in ihr eigenes pädagogisches System übernommen hat. Insbesondere die ständige Rekonstruktion individueller Bildung auf dem formalen Grundprinzip der Selbsttätigkeit des Schülers wird von Hansmann als zukunftsweisende pädagogische Idee Ellen Keys (bzw. Rousseaus) angesehen. </p>
			<p>Dass Ellen Key jedoch keine unkritische und die Ideen Rousseaus lediglich wiederholende Rezipientin des französischen Schriftstellers und <pagenumber id="N12634" label="248" numbering="arabic" start="248"/>Philosophen gewesen ist, beweisen manche Passagen in ihrem Werk, in denen sie sich von den weltanschaulichen und charakterlichen Positionen und Eigentümlichkeiten Rousseaus durchaus zu distanzieren wusste. So liest man etwa in ihrem Essay <em>Die Evolution der Seele durch Lebenskunst </em>die folgenden kritischen Auslassungen:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Wie Nietzsches Gedanken werden auch die Rousseaus aus der Hingerissenheit oder dem Groll geboren; wie für die Sturm- und Drangzeit ist für Rousseau die Ursprungstiefe aller Kräfte Quell... Aber während Rousseau in seinem eigenen Leben stets der Romantiker verblieb, der Abenteuersuchende und zu Fuß wandernde Naturanbeter, der Unberechenbare, von plötzlichen Eingebungen geleitete Allesversucher, der leidenschaftliche Liebhaber der Freiheit, einer Freiheit aber, die nur Ungebundenheit, nicht Selbstbefreiung bedeutete, wurde sein größter Schüler das große Vorbild in der Kunst der Selbstbefreiung, mit anderen Worten, des Lebens.<footnote start="296">
							<p>Key, E.: Die Evolution der Seele durch Lebenskunst, in: Der Lebensglaube - Betrachtungen über Gott, Welt und Seele (1906), 2. Auflage, Berlin 1906, S. 383f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Wenn auch an dieser Stelle nicht vollständig deutlich wird, wen Ellen Key mit dem größten Schüler Rousseaus meint &#8211; wahrscheinlich spielte sie hier auf Friedrich Nietzsche an &#8211;, wird aus dem Zitat doch ersichtlich, inwiefern die schwedische Reformpädagogin manche Begrenzungen im Werk und Charakter Rousseaus wahrgenommen und ausgedrückt hat. Insbesondere sein Romantizismus, der teilweise im merklichen Gegensatz zu den Zielsetzungen und Impulsen nicht nur der französischsprachigen Aufklärungsliteratur zu sehen ist, bedeutete auch für die pädagogischen Ansichten des Bürgers von Genf eine nicht übersehbare Einschränkung.</p>
			<p>Ein pädagogisch-psychologischer sowie anthropologischer Grundgedanke Rousseaus, der seinem romantisierenden Menschen- und Weltbild entsprang, besteht in seinem Credo, dass der Mensch von Natur gut sei und die Aufgabe der Erziehung darin bestehe, diese seine Güte auf negativ-indirekte Art zu erhalten. Kulturelle und (traditionell-konventionelle) pädagogische Einflüsse verderben den Menschen und lassen ihn am Ende böse, korrupt und dekadent werden.<footnote start="297">
					<p>Siehe hierzu: Ruhloff, J.: Jean-Jaques Rousseau, in : Philosophen als Pädagogen - wichtige Entwürfe klassischer Denker, hrsg. v. Wolfgang Fischer u. Dieter-Jürgen Löwisch, Darmstadt 1998, S. 93ff.</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>
				<pagenumber id="N1265D" label="249" numbering="arabic" start="249"/>Wenn man auch den Gedanken der prinzipiellen und naturgegebenen Gutartigkeit des Menschen, der eine wichtige emanzipatorische Funktion gegenüber der tradierten christlichen Anthropologie darstellte, unterstreichen kann, muss man doch den umfassenden und prinzipiellen Kulturpessimismus Rousseaus und seine daraus abgeleitete Verherrlichung des natürlichen Urzustandes als kritikwürdigen Romantizismus bezeichnen.</p>
			<p>Auf diese und einige weitere Kritikpunkte geht Ellen Key in <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>durchaus ein. Neben seiner Tendenz, einen naturgegebenen Urzustand des Menschen zu postulieren und zu idealisieren, bemängelt Key auch die patriarchalisch anmutende Unterscheidung einer weiblichen und männlichen Pädagogik bei Rousseau sowie die von ihm vorgeschlagene Trennung praktischer Exerzitien von intellektuellem und emotionalem Training des Zöglings: </p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Denn er (Rousseau, K.M.) wollte das <em>verwirklichte Ideal </em>eines Erziehers darstellen, und zu diesem Zwecke hat er auch die Verhältnisse idealisiert. Diese allzu absichtlich anzuordnen und zu sehr durch die Außenwelt erziehen zu wollen, aber zu wenig durch Phantasie und Gefühl, das ist Rousseaus ... wesentlicher Fehler. Zuerst die realistisch praktischen Fähigkeiten ausbilden zu wollen, dann erst Gefühl und Phantasie, zeigt, daß er nicht tief genug in das Seelenleben des Kindes geblickt hat.<footnote start="298">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 128f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Bei aller Kritik, welche sich in den Schriften Ellen Keys Rousseau gegenüber findet, überwiegt jedoch eindeutig die Wertschätzung und Hochachtung der schwedischen Reformpädagogin ihrem französischen Vorläufer gegenüber. Nicht nur einmal zitiert Key zustimmend die Goethesche Bezeichnung des &#8222;Naturevangeliums der Erziehung&#8220;, welche der Weimarer Dichter für den <em>Emil </em>verwendet hat. Die Autorinnen Sabine Andresen und Meike Sophia Baader heben in ihrem Text <em>Wege aus dem Jahrhundert des Kindes - Tradition und Utopie bei Ellen Key </em>außerdem hervor, dass es vor allem die Emanzipation vom christlich inspirierten Menschenbild der herkömmlichen Pädagogik war, was einen der Hauptaspekte dieses &#8222;Naturevangeliums der Erziehung&#8220; für die Pädagogik Ellen Keys bedeutete:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>
						<pagenumber id="N1268C" label="250" numbering="arabic" start="250"/>Mit der Negation der Erbsünde befindet Key sich in einer Tradition, für die im pädagogischen Diskurs seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert vor allem Rousseau und Fröbel stehen. Durch das Infragestellen der Erbsünde wird die Dimension Zukunft als offen und als vom Menschen selbst zu gestaltende konzipiert.<footnote start="299">
							<p>Andresen, S. u. Baader, M.S.: Wege aus dem Jahrhundert des Kindes - Tradition und Utopie bei Ellen Key, Neuwied 1998, S. 26</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Ellen Key hat in ihren Schriften vorrangig den <em>Emil</em> als wichtigste Quelle der rousseauschen Pädagogik verwendet. Die darüber hinaus gehenden Texte des französisch-schweizerischen Philosophen, insbesondere seine staatsphilosophischen Ansichten, wurden von der schwedischen Reformpädagogin nicht oder nur sehr marginal rezipiert. Auch die autobiographisch gehaltene Schrift <em>Bekenntnisse </em>(1781-1788) von Rousseau ist von Key nicht berücksichtigt worden.</p>
			<p>
				<strong>Herbert Spencer (1820-1903)</strong>
			</p>
			<p>
				<br/>Als dritter Philosoph, den Ellen Key für ihre pädagogischen Gedanken und Konstrukte ausgiebig zitiert, ist der englische Denker Herbert Spencer (1820-1903)<strong/>zu erwähnen. Spencer, der anfänglich als Ingenieur im Bereich des Eisenbahnwesens aktiv war, gelangte über Kontakte mit Thomas Carlyle, George Eliot sowie Thomas Henry Huxley zu politischen und entwicklungstheoretischen Themen, die er etwa von Mitte der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts an intensiv bearbeitete. Dabei vertrat der Schriftsteller einen dezidiert individualistischen Standpunkt; durch freiwillige Übernahme von Verantwortung und sozialen Pflichten soll der Einzelne laut Spencer in einen sittlich-moralischen Zustand der Vervollkommnung gelangen.</p>
			<p>Dieser Prozess weist dem englischen Philosophen zufolge eine Dynamik auf, welche an diejenige der Entwicklungstheorie von Charles Darwin erinnert. Spencer gilt als einer der ersten Autoren, der die Deszendenztheorie fruchtbringend auf psychologische, soziologische und politische Themenbereiche übertragen hat.</p>
			<p>Aufgrund seiner Schriften gilt Spencer als &#8222;Entwicklungsphilosoph&#8220;, der das Gesetz der Evolution in Biologie, Psychologie, Soziologie, Pädagogik und Ethik als prinzipiell gleich wirksam ansah. Spencer postulierte einen Begriff der &#8222;Kraft&#8220; respektive &#8222;Energie&#8220;, welche er als letztgültiges <pagenumber id="N126B7" label="251" numbering="arabic" start="251"/>Prinzip des Kosmos begriff. Ausgehend von dieser Energie lassen sich für den englischen Philosophen alle Phänomene der Natur, des Lebens und der menschlichen Existenz bis hin zu den geistig-kulturellen Phänomenen von ihr deduzieren.</p>
			<p>Bezüglich seiner pädagogischen Ansichten ging Spencer - im Gegensatz zu Rousseau - von einem Menschenbild aus, das den Naturzustand des <em>Homo sapiens </em>keineswegs als unumschränkt gut bezeichnet. Spencer, der angeblich keine Zeile des <em>Emil </em>oder des <em>Contrat social </em>gelesen haben will, beschrieb den ursprünglichen Status des Menschen - ganz im Sinne der Deszendenztheorie Darwins - als unkultiviert und dringend sozialisationsbedürftig.</p>
			<p>Man hat Spencer nicht ganz zu unrecht attestiert, dass er viele seiner pädagogischen Ansichten und Überzeugungen aus der Philosophie der Aufklärung und der Romantik bezogen habe; sein genuiner Anteil sei lediglich darin zu sehen, verschiedene Autoren und deren Schriften miteinander in Beziehung gesetzt und zu kombiniert zu haben:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Man hat darauf hingewiesen, daß Spencer als Pädagoge in der Schuld Rousseaus steht, und daß er außerdem in vielen Fällen nur das gesagt hat, was die großen deutschen Pädagogen - die er allerdings nicht kannte - schon vor ihm gesagt haben. Aber das verringert Spencers Verdienst nicht im mindesten. Absolut neue Gedanken gibt es äußerst wenige, und die Wahrheiten, die einmal neu waren, müssen stets dadurch erneuert werden, daß sie wieder aus der Tiefe der flammenden persönlichen Überzeugung eines neuen Menschen ausgesprochen werden.<footnote start="300">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 129</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Man darf annehmen, dass Ellen Key mit diesen letzten Sätzen nicht nur die Leistung Spencers einordnen und würdigen wollte; darüber hinaus hat sie damit auch eine Charakteristik ihrer eigenen Beiträge zur Pädagogik geleistet, die zumindest partiell ebenfalls darin bestehen, dass sie viele Gedanken zur Erziehung, die in den Jahrhunderten vor ihr bereits gedacht und umgesetzt worden waren, auf zum Teil originelle und überraschende Weise fusionierte und sie damit revitalisierte.</p>
			<p>Neben darwinistischen Positionen vertrat Spencer in seinen Schriften auch lamarckistische Ansichten. Für ihn stellt der Mensch - wie alle <pagenumber id="N126E2" label="252" numbering="arabic" start="252"/>anderen Lebewesen ebenso - einen Teil des universellen Evolutionsprozesses dar. Sein grundlegendes Verhaltens- und Leistungsrepertoire, seine biologische, physiologische und psychische Ausstattung, seine Triebe und Emotionen bis hin zu seiner Ratio sind zunächst das Ergebnis eines langwierigen Entwicklungsprozesses aus früheren Zustandsformen. Dieser Prozess setzt sich Spencer zufolge aus vielfältigen Erfahrungen zusammen, die über lange Zeit hinweg gesammelt und von Generation zu Generation - im Sinne Lamarcks - weiter vererbt worden sind.</p>
			<p>Jegliche Erziehungsbemühung muss dem englischen Philosophen zufolge besondere Aufmerksamkeit diesen ererbten Erfahrungen widmen, damit das einmal erreichte Niveau gehalten und eine vorteilhafte Weiterentwicklung der Menschheit gewährleistet werden kann. Eine besondere Rolle bei dieser Erziehung kommt dabei der Familie zu, welche nach Spencer am ehesten geeignet scheint, dem kleinen und heranwachsenden Kind grundlegende Fähigkeiten zu vermitteln und ihm die Entfaltung seiner elementaren Bedürfnisse vor allem auch im Bereich seiner emotionalen und sozialen Aspekte zu garantieren:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Obwohl die späteren Stufen der intellektuellen Erziehung mit Vorzug den Lehrern anvertraut werden können, obliegen die früheren Phasen der Erziehung wie auch die Erziehung der Emotionen während der gesamten Erziehungszeit den Eltern.<footnote start="301">
							<p>Spencer, H.: Erziehung in intellektueller, moralischer und physischer Beziehung (1861), zit. n.: Muhri, J.G.: Herbert Spencer (1820-1903), in: Klassiker der Pädagogik I, hrsg. v. Hans Scheuerl, München 1991, S. 307</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Ellen Key, die Spencers Buch über <em>Erziehung in intellektueller, moralischer und physischer Beziehung </em>einmal als das &#8222;hervorragendste Erziehungsbuch des Jahrhunderts&#8220;<footnote start="302">
					<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 129</p>
				</footnote>bezeichnet hat, stimmte bezüglich der pädagogischen Aufgabenverteilung zwischen Elternhaus und Schule mit ihrem englischen Vorläufer voll umfänglich überein.</p>
			<p>In seinen Schriften zur Erziehung warnte Spencer vor einer übertriebenen Professionalisierung des Erziehungsgeschäftes, welche eine Ausgliederung wesentlicher erzieherischer Prozesse und Funktionen aus dem Bereich der Familie hin zu staatlichen Institutionen (Schule und andere Ausbildungseinrichtungen) zur Folge habe. Der Philosoph verwies mehrfach auf die Jahrtausende umfassende Tradition der elterlichen Er<pagenumber id="N1270B" label="253" numbering="arabic" start="253"/>ziehung, die er quasi in der biologischen Matrix verankert sah. Insbesondere die Werte der gegenseitigen Hilfsbereitschaft und des Altruismus würden innerhalb des familiären Systems besser und nachhaltiger weitergegeben werden können als in staatlichen oder halbstaatlichen Institutionen. </p>
			<p>Bezüglich der intellektuellen Schulung von Kindern und Jugendlichen favorisierte Spencer vorrangig ein an den Naturwissenschaften orientiertes Curriculum; gleichzeitig kritisierte er das noch auf die Gebrüder Humboldt zurückgehende klassisch-humanistische Bildungsideal mit seiner Bevorzugung der alten Sprachen sowie des ästhetisch-musischen Bereichs. An diesem Punkt erwies sich Spencer als Biologe, dem die Wissenschaft im Sinne von <em>science </em>im Zweifelsfall immer Naturwissenschaft bedeutete.</p>
			<p>Ausgehend von dieser letztlich biologistischen Perspektive, die Spencer auf das menschliche Leben warf, ist auch seine Definition des Lebens als Anpassungsprozess an die bestehenden Verhältnisse verständlich. Das Modell der ökologischen Nischen sowie der Antwortmuster aller Lebewesen auf derartige Nischen galt für den englischen Philosophen als paradigmatisch und damit übertragbar auch auf die humanen Lebensbedingungen. Diese Perspektive wurde von Ellen Key allerdings relativiert, da sie - in der Person und in der Lehre Friedrich Nietzsches - ein anders lautendes Credo die Existenz des <em>Homo sapiens</em> betreffend kennen gelernt hatte:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Man wird das richtige Gleichgewicht zwischen der Spencerschen Definition des Lebens als der Anpassung an die umgebenden Verhältnisse und Nietzsches Definition des Lebens als des Willens zur Macht herzustellen suchen. In der Anpassung spielt gewiß die Nachahmung eine große Rolle, aber die individuelle Machtausübung ist ebenso bedeutungsvoll, denn durch die Anpassung erhält das Leben nur eine feste Form, durch die Machtausübung aber auch einen neuen Inhalt.<footnote start="303">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 83f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Überträgt man die spencersche Definition auf den Erziehungsprozess, so genügt es, Kinder und Jugendliche in der Kunst der Nachahmung und Anpassung zu erziehen. Nimmt man jedoch die nietzschesche Perspektive <pagenumber id="N12730" label="254" numbering="arabic" start="254"/>hinzu, so gesellt sich zur Fähigkeit der Imitation und der Adaptation auch diejenige der Kreativität, der Originalität und des unbedingten Gestaltungswillens. </p>
			<p>
				<strong>John Locke (1632-1704) und andere pädagogische Vorläufer</strong>
			</p>
			<p>
				<br/>Als Vorläufer und Ideengeber für Herbert Spencer verweist Key - neben Rousseau - auch auf John Locke (1632-1704) und dessen Buch <em>Einige Gedanken über die Erziehung </em>(1693), das Spencer gekannt haben dürfte. Während des gesamten 18. Jahrhunderts wurde diese pädagogische Hauptschrift Lockes durchschnittlich alle fünf Jahre neu aufgelegt und erfuhr in gesamt Europa ein fulminantes Echo; schon 1695 wurde der Text ins Französische, 1698 ins Niederländische, 1708 ins Deutsche und 1735 ins Italienische übersetzt.</p>
			<p>Locke gestand in <em>Einige Gedanken über die Erziehung </em>den Kindern und Zöglingen einen hohen Grad an intellektueller und emotionaler Einsicht zu, so dass er bereits im 17. Jahrhundert dafür plädierte, mit Kindern vernünftig zu sprechen und Argumente pro und contra auszutauschen, anstatt sie wie kleine Tiere zu dressieren. Seine Sozialisationsziele waren der<em> Gentleman</em> bzw. die<em> Lady, </em>und diese Ziele versuchte er durch Bildung von Gewohnheiten bei seinen Zöglingen zu erreichen. Die Stimmung des Lernens bedeutete für Locke einen zentralen Aspekt seiner Pädagogik: Entspannte Heiterkeit und Kooperationswille waren dem englischen Philosophen zufolge unabdingbare Voraussetzungen dafür, dass Kinder und Schüler sich überhaupt auf einen Prozess der Adaptation und Assimilation kultureller Inhalte einzulassen vermögen.</p>
			<p>Obschon Ellen Key insbesondere hinsichtlich dieses letzten Aspektes - nämlich der pädagogischen Atmosphäre - mit Locke durchaus übereinstimmte, finden sich in ihrem eigenen Schrifttum keine ausführlicheren Hinweise auf den englischen Philosophen. In <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>wird John Locke lediglich als Vorläufer Herbert Spencers und der deutschen Pädagogen zitiert.<footnote start="304">
					<p>Siehe hierzu: Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 129f.</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>Ähnlich wie mit Locke verfuhr die schwedische Reformpädagogin auch mit den deutschen und schweizerischen Pädagogen wie etwa Johann Bernhard Basedow (1724-1790), Christian Gotthilf Salzmann (1744-1811), Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827), Johann Friedrich Herbart <pagenumber id="N1275E" label="255" numbering="arabic" start="255"/>(1776-1841) und Friedrich Fröbel (1782-1852). Basedow und Salzmann zählen zur Pädagogik der Philanthropen, einer Gruppe von &#8222;Menschenfreunden&#8220;, welche von der umfassenden Erziehbarkeit des <em>Homo sapiens </em>zutiefst überzeugt waren. Zusammen mit Joachim Heinrich Campe (1746-1818) und Ernst Christian Trapp (1745-1818) bildeten Basedow und Salzmann eine Gruppe von Pädagogen, die in Deutschland im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Epoche der Erziehung, basierend auf den Idealen der Aufklärung und des Humanismus, auszurufen gedachten.</p>
			<p>Der schweizerische Pädagoge Pestalozzi bezog sich bei seinen erzieherischen Experimenten hingegen vorrangig auf Rousseau als seinen wichtigsten Vorläufer und Gewährsmann. Der Schweizer widmete sich vor allem der Armenerziehung, wobei ihm die Förderung der Autonomie seiner aus verwahrlosten und dissozialen Verhältnissen stammenden Zöglingen ein besonderes Anliegen war. Durch ein umfassendes Erziehungsprogramm wollte er die ungünstige Situation von Bauern, Tagelöhnern und Arbeitern des aufkommenden industriellen Proletariats verbessern und dadurch die Gesamtverfassung der Gesellschaft anheben. Obschon ihm trotz immenser Bemühungen nur ein Bruchteil seiner Modellvorhaben in Realität gelang, konnte Pestalozzi mit Hilfe seiner theoretischen Schriften Einfluss auf die pädagogische Entwicklung auch außerhalb der Schweiz gewinnen.</p>
			<p>Ein Pädagoge, auf den Pestalozzi großen Eindruck machte, war Johann Friedrich Herbart, der den Schweizer Lehrer im Jahre 1799 aufgesucht hat und von ihm und seinen erzieherischen Grundgedanken enorm stimuliert wurde. Nach einer Dozentur in Göttingen erhielt Herbart, der eine Weile als Hauslehrer und Erzieher tätig gewesen war, den Ruf auf den Lehrstuhl Kants in Königsberg. Herbart, der als der beste Pädagoge unter den Philosophen und der beste Philosoph unter den Pädagogen galt, blieb bis 1833 in Königsberg und übernahm anschließend eine Philosophieprofessur in Göttingen, wo er bis zu seinem Tode 1841 lehrte.</p>
			<p>Der philosophisch und psychologisch orientierte Pädagoge Herbart legte großen Wert auf eine gediegene intellektuelle Bildung von Kindern, Schülern und Studenten, die es den Heranwachsenden ermöglichen sollte, im Rahmen eines &#8222;Gedankenkreises&#8220; sich und die Welt angemessen zu beurteilen und - ausgehend von diesen Urteilen - adäquat zu behandeln. Dazu aber ist es erforderlich, den Zöglingen Techniken zu vermitteln, die sie befähigen, lebenslänglich Wissen zu akkumulieren und damit im<pagenumber id="N1276E" label="256" numbering="arabic" start="256"/>mer wieder neue Sachzusammenhänge zu begreifen, Begriffe zu bilden und Urteile zu fällen. Voraussetzung für eine derartige intellektuelle Durchdringung der Welt ist eine fundamentale Psychohygiene, welche dafür Sorge trägt, dass Kinder, Schüler und Jugendliche ihre Emotionen, Gefühle und Affekte sowie ihre Neigung zu Vorurteilen und verkrusteten Meinungen erkennen und gegebenenfalls auch überwinden. </p>
			<p>Herbarts theoretische Grundlegung der Pädagogik gipfelt in den Begriffen der Sittlichkeit und der Individualität. Beide Begriffe haben in der Philosophie des deutschen Idealismus (Kant, Fichte, Hegel) eine wichtige Rolle gespielt; an ihnen wird deutlich, dass Herbart mit seiner Pädagogik ebenso wie mit seiner Philosophie im deutschen Idealismus wurzelt.</p>
			<p>Die Individualität des Kindes oder Zöglings zu induzieren, stellt für den Philosophen ein hohes Ziel der Pädagogik dar: &#8222;Alle müssen Liebhaber für Alles, jeder muß Virtuose in einem Fache sein.&#8220; - so lautete ein Credo Herbarts, welches den individualistischen Zielsetzungen im Bereich der Pädagogik dienen sollte.</p>
			<p>Die meisten seiner pädagogischen Grundideen und Modellvorstellungen hat Herbart in seinem Buch <em>Allgemeine Pädagogik aus dem Zwecke der Erziehung abgeleitet </em>(1806) zusammengefasst. Aufgrund dieser Publikation erhielt der Philosoph den weiter oben schon erwähnten Ruf nach Königsberg. Nachdem er im Jahre 1833 nach Göttingen gewechselt war, publizierte er 1835 seinen <em>Umriß pädagogischer Vorlesungen, </em>welcher seine <em>Allgemeine Pädagogik </em>in vielerlei Hinsicht präzisiert und ausweitet.</p>
			<p>In den pädagogischen Schriften Ellen Keys taucht Herbart explizit nur am Rande auf; in <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>etwa erwähnt Key den Philosophen lediglich innerhalb einer Aufzählung diverser Pädagogen, von denen sie meint, dass sie dem Lesepublikum wohl bekannt sein dürften. Eine eingehende Bezugnahme auf Herbarts pädagogische Ideen findet sich bei ihr jedoch nicht. Die relative Missachtung, die Ellen Key Herbart und seinen Theorien gegenüber an den Tag legte, lässt sich inhaltlich sicherlich nicht gut begründen. Seine beiden zentralen philosophisch-anthropologischen Begriffe der Sittlichkeit und des Individuums tauchen nämlich in der Pädagogik Ellen Keys ebenfalls auf und stellen wichtige Ideale ihrer eigenen pädagogischen Bemühungen dar. </p>
			<p>Die schwedische Reformpädagogin hat sich also in ihren theoretisch-pädagogischen Schriften lediglich mit Montaigne, Rousseau und <pagenumber id="N1278D" label="257" numbering="arabic" start="257"/>Spencer intensiv auseinandergesetzt. Wie soeben gezeigt, waren ihr die Namen und teilweise auch Theorien einiger weiterer Vorläufer der Pädagogik bekannt, ohne dass sie deren genuine Leistungen in ihren Texten gebührend gewürdigt hätte. Insbesondere eine Aufarbeitung z.B. der Schriften von Locke, Pestalozzi, Basedow, Salzmann, Fröbel oder Herbart fehlt bei Ellen Key fast vollständig. </p>
			<p>Diese Mängel schmälern jedoch nicht den Gesamteindruck, den man gewinnt, wenn man Keys Schriften hinsichtlich ihrer pädagogischen Vorläufer studiert. Es macht unter anderem die bedeutende Leistung der schwedischen Reformpädagogin aus, dass sie sich und den Lesern Rechenschaft über &#8211; zumindest einige &#8211; Wurzeln ihres eigenen Tuns und ihrer pädagogischen Theorie gegeben hat. </p>
		</chapter>
		<chapter id="chapter13" label="13.">
			<head>
				<pagenumber id="N1279A" label="258" numbering="arabic" start="258"/>Ellen Key und die Pädagogik &#8222;vom Kinde her&#8220;</head>
			<p>
				<br/>Im Dezember des Jahres 1900 erschien in Schweden ein Buch Ellen Keys, das von einigen wenigen Zeitgenossen vernichtend kritisiert wurde und ansonsten vorerst unbeachtet blieb. Derselbe Text wurde zwei Jahre später in Deutschland unter dem Titel <em>Das Jahrhundert des Kindes</em> publiziert und provozierte hier ganz im Gegensatz zu Skandinavien eine überwältigende Resonanz. Manche behaupteten schon damals hellsichtig, dass damit das Kultbuch der deutschen wie auch der europäischen reformpädagogischen Bewegung veröffentlicht worden sei, und verglichen den Text mit Rousseaus <em>Emil </em>oder mit den maßgeblichen Werken von Fröbel, Herbart und Pestalozzi. </p>
			<p>Wenn einhundert Jahre später der Name Ellen Key genannt wird, verbindet sich für die meisten mit diesem ihr Buch <em>Das Jahrhundert des Kindes</em>. Verglichen mit ihren sonstigen Publikationen, Essaybänden und vielfältigen Vortragsaktivitäten gebührt diesem reformpädagogischen Text eine eindeutige Vorrangstellung, die sich auch darin widerspiegelt, dass inzwischen - allein im deutschsprachigen Raum - die Auflagenhöhe dieses Buches einige Hunderttausend erreicht hat. Außerdem wird in vielen wissenschaftlichen und populären Abhandlungen zur Pädagogik wie auch zur Kulturanalyse <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>als wichtige Referenz- und Bezugsgröße betrachtet, die selbst nach einhundert Jahren Rezeptionsgeschichte nur wenig von ihrer Faszinations- und Provokationskraft eingebüßt hat. </p>
			<p>Wenn im folgenden die pädagogischen Ansichten und Überzeugungen Ellen Keys erörtert und diskutiert werden, soll vorrangig ihr Buch <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>als Grundlage der Darlegung dienen. Neben einer Wiedergabe der wichtigsten inhaltlichen Aspekte dieses Textes werden aber auch einige Querverweise zu anderen Publikationen Keys, insbesondere zu ihren kulturkritischen Schriften, erfolgen. So sehr<em> Das</em>
				<em>Jahrhundert des Kindes </em>als ein in sich konsistenter und abgeschlossener pädagogischer Text erscheint, kann man an ihm dennoch nachweisen, dass seine Autorin bei seiner Abfassung immer wieder auf vielfältige andere philosophische, anthropologische, historische, psychologische, biologische und kulturanalytische Quellen und Schriften zurückgegriffen hat. </p>
			<p>
				<pagenumber id="N127C1" label="259" numbering="arabic" start="259"/>
				<strong>Die Entdeckung der Kindheit </strong>
			</p>
			<p>
				<br/>Einer der ersten begeisterten Rezensenten von <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>in Deutschland war Rainer Maria Rilke. Von ihm stammt das Bonmot, Ellen Key habe eine Pädagogik &#8222;vom Kinde her&#8220; formuliert. Für Rilke bedeutete dieses Urteil ein enormes Lob - hatte er selbst doch eine Erziehung über sich ergehen lassen müssen, die seine sehr eigenen kindlichen Bedingungen keineswegs angemessen berücksichtigte. In den Zeilen der Schwedin spürte der Dichter eine für ihn ausnehmend attraktive Atmosphäre der Akzeptanz und regelrechten Hochschätzung des Kindes und der Kindheit in ihren entwicklungsbedingten Eigentümlichkeiten. </p>
			<p>Die Wertschätzung, die Key dem Kinde und der Kindheit gegenüber an den Tag legte, wird bereits im Titel ihres Buches evident. Ein ganzes Jahrhundert wollte sie unter das Signum des Kindes gestellt wissen, ein Jahrhundert, von dem sie sich versprach, dass ein enormer kultureller und humanistischer Aufschwung zu verzeichnen sei, wenn die Erziehung im großen Stile das Wesen des Kindes berücksichtigen und fördern würde. Eine derartige Pädagogik, für die Key die Grundlagen zu formulieren gedachte, sollte sich nicht nur im Bereich der Schule oder anderen Bildungsanstalten, sondern bis weit in die Gesellschaft hinein bemerkbar machen und das Verständnis der Kindheit forcieren. </p>
			<p>Im 18. und 19. Jahrhundert dominierte hinsichtlich der pädagogischen Modelle und Zielvorgaben eine Erziehungslehre &#8222;vom Erwachsenen her&#8220;. Dies bedeutete, dass alle Erziehungsmaßnahmen und pädagogischen Inhalte ihre Fundierung und Begründung vom Leben und den Bedürfnissen der Erwachsenen her erhielten. Aus dieser Perspektive betrachtet, erschienen Kinder und Jugendliche vorrangig als Mängelwesen, und das Erziehungsgeschäft war hauptsächlich daran ausgerichtet, diese Defizite auszugleichen und zu kompensieren. Das Maß und Ziel der Pädagogik wurde dabei im &#8222;vernünftigen Erwachsenen&#8220; gesucht und gefunden, was zur Folge hatte, dass kindliches Verhalten als unvernünftig oder gar dumm bezeichnet und klassifiziert wurde. Eine Erziehung &#8222;vom Kinde her&#8220; komme deshalb - so Andreas Flitner in seinem Buch <em>Reform der Erziehung </em>- <em>Impulse des 20. Jahrhunderts </em>(1992) - einer regelrechten &#8222;kopernikanischen Wende&#8220; gleich:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>
						<pagenumber id="N127E3" label="260" numbering="arabic" start="260"/>Wie durch Kopernikus&#8217; Entdeckung der Mensch und seine Erde aus dem Zentrum der Weltvorstellungen herausgefallen seien, so müsse auch im Erziehungsverhältnis der erwachsene Mensch oder die Gesellschaft der Erwachsenen aufhören, sich als den Mittelpunkt des sozialen Geschehens und als Herrscher über die Lebens- und Gesellschaftsformen zu verstehen. Erst damit werde der Weg frei für ein Verständnis des Kindes als Subjekt seiner Erziehung, des Kindes als Mittelpunkt des Nachdenkens darüber, wie es denn leben und lernen soll.<footnote start="305">
							<p>Flitner, A.: Reform der Erziehung - Impulse des 20. Jahrhunderts, München 1992, S. 30</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Eine Pädagogik vom Kinde her bedeutet in der Tat einen Wechsel der Perspektive: Das Kind wird nicht mehr als kleiner Erwachsener oder als eine Defizienzform des vernunftbegabten ausgewachsenen Menschen, sondern als eine Größe <em>per se</em> betrachtet. Eine solche Pädagogik war erst möglich, nachdem im 19. und 20. Jahrhundert eine &#8222;Entdeckung der Kindheit&#8220; stattgefunden hatte, welche sich in den psychologischen und anthropologischen Grundsätzen mancher Philosophen, Pädagogen und Schriftsteller niederschlug. Neben Ellen Key konnte im 20. Jahrhundert z.B. auch Maria Montessori von dieser Entdeckung enorm profitieren. </p>
			<p>Um ihre Sicht vom Wesen und der Eigenart der Kinder zu unterstreichen, hat Ellen Key in ihrem Buch <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>mit zum Teil pathetischen und aufrüttelnden Worten deren Situation und Rolle in bezug auf die Erwachsenen charakterisiert:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Bevor nicht Vater und Mutter ihre Stirne vor der Hoheit des Kindes in den Staub beugen, bevor sie nicht einsehen, daß das Wort Kind nur ein anderer Ausdruck für den Begriff Majestät ist; bevor sie nicht fühlen, daß es die Zukunft ist, die in Gestalt des Kindes in ihren Armen schlummert, die Geschichte, die zu ihren Füßen spielt - werden sie auch nicht begreifen, daß sie ebensowenig die Macht oder das Recht haben, diesem neuen Wesen Gesetze vorzuschreiben, wie sie die Macht oder das Recht besitzen, sie den Bahnen der Sterne aufzuerlegen.<footnote start="306">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes (1900), Weinheim und Basel 2000, S. 120</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Aus dieser und ähnlichen Beschreibungen Keys hört man unschwer die <pagenumber id="N12813" label="261" numbering="arabic" start="261"/>nietzschesche Diktion heraus, die er angesichts der Charakterisierung von Kindern als der Zukunft des Menschengeschlechts in vielen seiner Schriften an den Tag gelegt hat. So heißt es etwa in <em>Also sprach</em>
				<em>Zarathustra, </em>einem Buch und einem Zitat, welches von Key ihrem <em>Jahrhundert des Kindes </em>vorangestellt wurde:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Euer <em>Kinder Land </em>sollt ihr lieben: diese Liebe sei euer neuer Adel, - das unentdeckte, im fernsten Meere! Nach ihm heiße ich eure Segel suchen und suchen! An euren Kindern sollt ihr <em>gut machen, </em>daß ihr eurer Väter Kinder seid: Alles Vergangene sollt ihr so erlösen! Diese neue Tafel stelle ich über euch!<footnote start="307">
							<p>Nietzsche, F.: Also sprach Zarathustra (1883), zit. n.: Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 10</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Wie langwierig und klippenreich die Entdeckung des Kindes respektive der Kindheit im Kulturraum des Abendlandes war, haben eindrücklich z.B. die Historiker Philippe Ariès und Lloyd deMause beschrieben. In seiner <em>Geschichte der Kindheit </em>(1960) hat Ariès minutiös nachgewiesen, dass und inwiefern Begriffe und Bilder von und über Kinder seit dem späten Mittelalter und der Frührenaissance nach und nach und teilweise nur sehr zögerlich Einzug in die öffentlichen Diskurse hielten:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Die mittelalterliche Gesellschaft ... hatte kein Verhältnis zur Kindheit; das bedeutet nicht, daß die Kinder vernachlässigt, verlassen oder verachtet wurden. Das Verständnis für die Kindheit ist nicht zu verwechseln mit der Zuneigung zum Kind; es entspricht vielmehr einer bewußten Wahrnehmung der kindlichen Besonderheit, jener Besonderheit, die das Kind vom Erwachsenen, selbst dem jungen Erwachsenen, kategorial unterscheidet.<footnote start="308">
							<p>Ariès, Ph.: Geschichte der Kindheit (1960), München 1978, S. 209</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Im Folgenden soll gezeigt werden, dass Ellen Key diese von Ariès vorgenommene Differenzierung zwischen Kindheit und Kindern sowie die kategoriale Unterscheidung zur Erwachsenenwelt hin sehr wohl vorweggenommen hat. Auch Key betont, dass es sich bei Kindern nicht um kleine Erwachsene handelt, denen man pädagogisch ähnlich oder gleich begegnen kann, wie es in der Erwachsenenbildung der Fall zu sein pflegt. Nur <pagenumber id="N12853" label="262" numbering="arabic" start="262"/>wenn Lehrer, Erzieher und Eltern die kategorialen Eigentümlichkeiten und Spezifika von Kindern gebührend erkennen und berücksichtigen, versetzen sie sich in die Lage, ihnen gegenüber eine kindgerechte Erziehung zu realisieren. </p>
			<p>Im Zuge der Aufklärung, vor allem im Frankreich und England des 18. Jahrhunderts, sowie im Rahmen ihrer Vorläufer, der französischen Moralisten des 17. Jahrhunderts, kam es laut Ariès zu einer merklichen Aufwertung der Kindheit, die letztlich dazu beigetragen hat, pädagogische Konzepte und Modelle auf breiter Front zu formulieren. Die Schriften eines Rousseau oder Pestalozzi sind dem französischen Historiker zufolge nur möglich gewesen vor dem Hintergrund der Entdeckung der Kindheit in den Jahrzehnten vor dem <em>Siècle de la lumière</em>:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Auf Seiten der Moralisten und Erzieher des 17. Jahrhunderts bildet sich jene andere Einstellung zur Kindheit heraus, die ... in der Stadt ebenso wie auf dem Lande, im Bürgertum ebenso wie im Volk die gesamte Erziehung bis zum 20. Jahrhundert inspiriert hat. Die Aufmerksamkeit, die man der Kindheit und ihrer Besonderheit zuteil werden läßt, drückt sich nicht mehr in der amüsierten Spielerei, der &#8222;Tändelei&#8220; aus, sondern im psychologischen Interesse und in moralischen Bestrebungen.<footnote start="309">
							<p>Ariès, Ph.: Geschichte der Kindheit, a.a.O., S. 215f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Exakt diese beiden Intentionen prägten die pädagogischen Bemühungen und Innovationen Ellen Keys in einem erheblichen Ausmaß. Ohne dies immer explizit gemacht zu haben, verwendete sie außerordentlich häufig psychologische Denkfiguren und moralisch-ethische Modellvorstellungen, um ihre erzieherischen Grundsätze zu fundieren und abzusichern. Bezüglich der Psychologie wurde im Kapitel <em>Ellen Key &#8211; Anthropologie und Psychologie </em>gezeigt, dass neben akademisch-psychologischen auch tiefenpsychologische Gedanken in ihre Schriften eingeflossen sind. Hinsichtlich der moralisch-ethischen Modellvorstellungen griff Key - wie in den Kapiteln <em>Ellen Key und die Philosophie</em> sowie <em>Ellen Key und ihre pädagogischen Vorläufer</em> ausgeführt - vor allem auf Montaigne, Spinoza, Rousseau, Spencer oder auch Nietzsche zurück. </p>
			<p>Auf einen weiteren Aspekt hinsichtlich der Historie der Entdeckung und Wertschätzung der Kindheit hat Lloyd deMause in seinen Büchern <pagenumber id="N1287E" label="263" numbering="arabic" start="263"/>
				<em>Über die Geschichte der Kindheit </em>(1974) sowie <em>Hört ihr die Kinder weinen </em>(1974) hingewiesen. Für deMause können Eltern, Lehrer, Erzieher und die Erwachsenen schlechthin nur dann eine veränderte Sicht auf Kinder und Kindheit entwickeln, wenn sie fähig und bereit sind, dabei eine Labilisierung ihrer eigenen Rolle und ihres Selbstverständnisses in Kauf zu nehmen. Weil jedoch solche Labilisierungen in der Regel mit Ängsten verbunden sind, werden sie meist gemieden, oder die Betroffenen versuchen, die Veränderungen in einem für sie überschaubaren Rahmen zu halten:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Die Geschichte der Kindheit ist eine Kette von immer engeren Beziehungen zwischen dem Erwachsenen und dem Kind, wobei jede Verringerung der psychischen Distanz neue Angst hervorruft. Die Verminderung dieser Angst der Erwachsenen ist der entscheidende Bereich, der die Praktiken der Kindererziehung eines jeden Zeitalters neu bestimmt.<footnote start="310">
							<p>deMause, L.: Über die Geschichte der Kindheit (1974), Frankfurt am Main 1979, S. 11</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Nicht die Ängste der Kinder, sondern diejenigen der Erwachsenen verstellen oftmals den Blick auf die Eigentümlichkeiten wie auch Chancen, welche die Kindheit auszeichnen. Es gehörte zu den großen Leistungen Ellen Keys, diesbezüglich ihre eigenen ängstlichen Bedenken und andere emotionale Begrenzungen weitgehend hintangestellt und damit eine unvoreingenommene und für die Reformpädagogik unabdingbare Perspektive auf Kinder und Kindheit ermöglicht zu haben. </p>
			<p>Neben einer emphatischen Betrachtung von Kindern und Zöglingen und ihrer spezifischen Lebenssituation ist es jedoch nach deMause notwendig, dass Erwachsene bei der Beurteilung der Kindheit auch genügend Distanz aufweisen; nur so nämlich sei gewährleistet, dass sie die ihnen anvertrauten Kinder nicht als Projektionsflächen ihrer eigenen Wünsche, Phantasien und Befürchtungen missbrauchen. Nur derjenige, der sich gerade nicht kindlich benimmt oder in seinem Verhalten und Erleben auf infantile Stufen der Entwicklung regrediert, kann mit Aussicht auf Erfolg die Bedürfnisse von Kindern erkennen und einigermaßen adäquat befriedigen. </p>
			<p>Insbesondere in dem von Lloyd deMause herausgegebenen Sammelband <em>Hört ihr die Kinder weinen </em>haben die Autoren der einzelnen Beiträge eindrucksvoll nachgewiesen, inwiefern sich auch die epochalen und kulturellen Bedingungen bezüglich der Kindheit und Kindererziehung in<pagenumber id="N128A6" label="264" numbering="arabic" start="264"/>nerhalb weniger Jahrzehnte in Form konkreter politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse niederschlagen und widerspiegeln können. Staaten und Gemeinwesen, die sich den Luxus erlauben, ihre Kinder und Zöglinge in großem Stil hinsichtlich Anleitung, Schulung und Einführung in die Kultur zu vernachlässigen oder dabei verwahrlosende, brutalisierende und verdummende Methoden der Pädagogik zu verwenden, brauchen sich nicht darüber zu verwundern, dass sie innert kurzer Zeit einen merklichen Abfall hinsichtlich ihres intellektuellen, emotionalen und sozialen Niveaus zu gewärtigen haben. </p>
			<p>So hat etwa Patrick Dunn in seinem Artikel <em>&#8222;Der Feind ist das Kind&#8220;: Kindheit im zaristischen Rußland </em>den Zusammenhang zwischen der damals allgemein gültigen und weitverbreiteten Geringschätzung von Kindern und Kindheit einerseits und den totalitär-patriarchalischen Herrschafts- und Gesellschaftsformen andererseits beschrieben. Diese Geringschätzung konnte Dunn bereits bei den Gepflogenheiten der Geburt und Säuglingspflege ebenso wie dann bei den familiären und schulischen Erziehungsmethoden nachweisen:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Das ... Merkmal russischer Eltern im 18. und 19. Jahrhundert ist, sich ihren Kindern gegenüber eher feindselig zu verhalten und sie im Bewußtsein ihrer Macht zu bestrafen, anstatt durch Warmherzigkeit, Verständnis und Liebe bestimmte Erziehungstechniken anzuwenden.<footnote start="311">
							<p>Dunn, P.: &#8222;Der Feind ist das Kind&#8220;: Kindheit im zaristischen Rußland, in: deMause, L.: Hört ihr die Kinder weinen, a.a.O., S. 547</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Ellen Key war kulturkritisch genug, um diesen Zusammenhang zwischen Wertschätzung und Erziehung von Kindern sowie den gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnissen deutlich zu sehen. Ganz im Geiste der Aufklärung war sie der Überzeugung, dass nur humanistisch gesinnte Individuen und Gemeinwesen Kinder und Zöglinge in ihren sehr spezifischen Bedürfnissen und Eigenarten richtig erkennen, und dass nur ehemals humanistisch erzogene Menschen als Erwachsene in der Lage sind, sozial und kulturell wertvolle und humane Staaten und Gesellschaften zu bilden. Priscilla Robertson hat in ihrem Beitrag <em>Das Heim als Nest: Mittelschichten-Kindheit in Europa im 19. Jahrhundert </em>unter anderem auf diesen Zirkel <pagenumber id="N128C8" label="265" numbering="arabic" start="265"/>abgehoben und dabei auf die positive Rolle, welche Ellen Key als Reformpädagogin gespielt hat, hingewiesen:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Gegen Ende des Jahrhunderts gelangte ... eine neue Bewegung für mehr Freiheit zur Geltung, als Ellen Key prophezeite, das 20. Jahrhundert werde &#8222;Das Jahrhundert des Kindes&#8220; sein. In Frankreich wurde Rousseaus Einfluß schwächer, hörte jedoch niemals ganz auf. In Deutschland zeigte sich kaum ein theoretisches Interesse für die Kindheit, bis es in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts mit wissenschaftlicher Gründlichkeit hervortrat und Institute für experimentelle Forschungen auf dem Gebiet der Kinderpsychologie und Zeitschriften zur Verbreitung der Forschungsergebnisse gegründet wurden.<footnote start="312">
							<p>Robertson, P.: Das Heim als Nest: Mittelschichten-Kindheit in Europa im 19. Jahrhundert, in: deMause, L.: Hört ihr die Kinder weinen, a.a.O., S. 587</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>In Rousseaus <em>Emil</em> ist der erschreckende und nachdenklich machende Satz zu lesen: &#8222;Man kennt die Kindheit durchaus nicht.&#8220; Hölderlins <em>Hyperion </em>stößt in dasselbe Horn, wenn es dort heißt: &#8222;Von Kindheit ... haben wir keine Begriffe.&#8220;<footnote start="313">
					<p>Hölderlin, F.: Hyperion (1797-1799), Frankfurt am Main 1962, S. 10</p>
				</footnote> Man kann Ellen Keys pädagogisches Engagement in der Tat als erfolgreichen Versuch, diesen Mängeln abzuhelfen und als wesentlichen Beitrag zur Entdeckung und Verbreitung von grundlegenden Kenntnissen über die Kindheit bezeichnen. </p>
			<p>Die Themen der Kindheit wie auch der Jugend wurden Ende des 19. Jahrhunderts unter anderem auch deshalb hoch gehandelt, weil in ihnen Motive der Zukunft, Hoffnung und Veränderbarkeit transportiert werden. Etwa ab 1850 konnte man in vielen Staaten Europas wie auch der Neuen Welt eine umfassende Stimmung des Aufbruchs zu neuen Ufern beobachten, welche z.B. auf die Erfolge der sich etablierenden Naturwissenschaften und der damit einher gehenden Technik zurückzuführen war. Hinzu kamen die sozialen und politischen Utopien vorrangig des Sozialismus und Kommunismus, von denen ebenfalls ein Versprechen des Neuanfangs und besseren Lebens ausging. </p>
			<p>Vor diesem Hintergrund wird die Entdeckung und Hochschätzung von Kindheit (und Jugend) im 19. Jahrhundert und insbesondere während des <em>Fin de siècle </em>nochmals verständlich. Das Kind stand nunmehr nicht mehr nur für die &#8222;paradiesischen Verhältnisse&#8220; einer als schön und heil <pagenumber id="N128F7" label="266" numbering="arabic" start="266"/>imaginierten Vergangenheit, sondern auch als Metapher für ein als frei und authentisch vorgestelltes Dasein der Zukunft. Die Kindheit erscheint nicht mehr nur als verlorenes Paradies der Vergangenheit, sondern mindestens so sehr als gelobtes Land eines besseren Morgen:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Wie alle Paradiesbilder ist auch das vom Paradies der Kindheit ein politisches Bild. Der Entwurf einer besseren Vergangenheit und Zukunft versammelt die unerfüllten Wünsche an die Gegenwart... Die pädagogische Bewegung hat im Kind den unvollkommenen Menschen gesehen, der romantische Blick nimmt in ihm den besseren, ja den vollkommenen Menschen wahr. Zwar bezeugt das romantische Deutungsmuster mehr Einfühlung in die kindliche Spontaneität und Triebstruktur als das der Aufklärer. Aber auch diese Deutung entwirft sich das Kind nach eigenem Bilde, kommt ohne Vorurteile nicht aus... Nicht zufällig tauchen hier immer wieder Vorstellungen von der reinen und unschuldigen Kindheit auf (eine Tendenz, die sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts hin besonders klar ausprägt).<footnote start="314">
							<p>Richter, D.: Das fremde Kind - Zur Entstehung der Kindheitsbilder des bürgerlichen Zeitalters, Frankfurt am Main 1987, S. 256ff.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Ellen Keys pädagogisches Engagement und ihre Definition des Kindes wie auch der Kindheit trägt - im Hinblick auf dieses eben angegebene Zitat - sowohl aufklärerische wie auch romantische Aspekte. Ihre Überzeugung, dass Kinder in einem ausführlichen und komplexen Sinne erzogen und zur Bildung hin orientiert werden müssen, spiegelt aufklärerisches Gedankengut wider. Ihr von Rousseau übernommener Glaube an das Gute und Edle im Kinde sowie ihre Hoffnung, dass in der Verlängerung einer glücklichen Kindheit die Utopie eines Lebens ohne Selbstentfremdung Wirklichkeit werde, bedeuten im Grunde genommen romantische Vorstellungen, wie sie etwa auch von Hölderlin oder Novalis formuliert worden waren. </p>
			<p>Eine Fusion dieser beiden Gesichtspunkte wurde in gewisser Weise in der Philosophie Nietzsches versucht und realisiert. Für den Philosophen bedeutete der Mensch das &#8222;nicht festgestellte Tier&#8220;, dem aufgrund seiner Instinktarmut ein hohes Maß an Erziehung respektive Selbsterziehung zuteil werden muss, damit aus ihm der &#8222;Übermensch&#8220; erwachsen kann. In diesen letzteren Begriff sind Nietzsches utopische Wünsche und Hoffnun<pagenumber id="N12913" label="267" numbering="arabic" start="267"/>gen bezüglich einer möglichen Entwicklung von zumindest einigen Wenigen eingeflossen, wobei Ellen Keys pädagogische Bemühungen - bei aller Liebe für Nietzsches Philosophie - nicht nur dieser Elite, sondern auch den Vielen zugute kommen sollte:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Ellen Keys Metaphorik, ihre Gleichsetzung des Kindes mit Neuanfang, Vitalität, unbekümmertem Lebensrecht und verzücktem Ja-Sagen zur Gesamtnatur des Lebens stammt aus Nietzsches Bilderwelt. Und ihr ganzes Buch (<em>Das Jahrhundert des Kindes, </em>K.M.) ist von Nietzsche- Gedanken und -Zitaten durchzogen.<footnote start="315">
							<p>Flitner, A.: Reform der Erziehung - Impulse des 20. Jahrhunderts, a.a.O., S. 19</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Wie oben bereits angedeutet, war die Zeit um 1900 charakterisiert nicht nur durch die hohe Wertschätzung der Kindheit, sondern ebenso durch diejenige der Jugend. Auch darin kam die immense Sehnsucht der Epoche zum Ausdruck, das kommende Jahrhundert möge ein Zeitalter des radikalen Neuanfangs und der fundamentalen Veränderungen werden. </p>
			<p>Vor allem im deutschsprachigen Raum, teilweise aber auch in Skandinavien hielt der sogenannte Jugendstil in weiten Bereichen der Literatur, der Malerei sowie des Kunstgewerbes Einzug. Wie der Begriff der Kindheit wurde auch derjenige der Jugend zur Allegorie des Neuen, der Evolution und Reform, des Ausbruchs aus Konventionen und des Aufbruchs zu ungeahnten Gestaden der kulturellen Entwicklung. Die Zeitschriften <em>Pan </em>(1895), <em>Jugend </em>(1896) oder auch <em>Insel </em>(1899) waren Periodika, in denen die evolutionär-reformerischen Träume und Gedanken vieler damaliger Künstler und Intellektueller publiziert wurden, und die pädagogischen Innovationen Ellen Keys entsprangen unter anderem zu einem erklecklichen Teil auch diesem kulturellen und weltanschaulichen Nährboden.</p>
			<p>
				<pagenumber id="N1293E" label="268" numbering="arabic" start="268"/>
				<strong>Keys Begriff der Erziehung </strong>
			</p>
			<p>
				<br/>Ein wesentlicher Gedanke Keys bezüglich der Kindheit ist derjenige der Entwicklung bzw. des Wachstums. Wie eben erläutert, war Key zutiefst davon überzeugt, dass Kindern ein großes Maß an Potentialität innewohnt. Förderung und Ermutigung bedeuteten daher für die schwedische Reformpädagogin die Kardinaltugenden aller Lehrer und Erzieher, die sie dieser Potentialität des Kindes gegenüber an den Tag legen sollten, um diesem ein Maximum an Personwerdung zu ermöglichen. </p>
			<p>Erziehung zielt nach Key auf die je eigene individuelle Natur des Kindes ab und darf sich nicht an allgemeinen oder kollektiven Maßstäben orientieren. In gewisser Hinsicht übernahm sie die Grundthese Rousseaus, dass der Mensch von Natur aus ein produktives, neugieriges, expansives und in seinem Kern gutartiges Wesen sei und dass eine jegliche Pädagogik der Achtung und Wertschätzung dieses Nucleus&#8217; Priorität einräumen sollte:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Ruhig und langsam, die Natur sich selbst helfen lassen und nur sehen, daß die umgebenden Verhältnisse die Arbeit der Natur unterstützen, das ist Erziehung ... Das eigene Wesen des Kindes zu unterdrücken und es mit dem anderer zu überfüllen, ist noch immer das pädagogische Verbrechen, das auch die auszeichnet, die laut verkünden: daß die Erziehung nur die eigene individuelle Natur des Kindes ausbilden solle!<footnote start="316">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 77</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Es entsprach den biologistischen und organismischen Vorstellungen Keys, die sie aus der Evolutions- und Deszendenztheorie von Charles Darwin übernommen hatte, dass das Kind einem naturgegebenen Wachstumsprozess anheim gestellt sei, welcher von der Kultur in seinen grundlegenden Dynamismen respektiert werden müsse, wenn letztlich als Resultat jeglicher Pädagogik somatisch und psychisch gesunde Individuen und nicht uniformierte und deformierte Kollektivwesen stehen sollten. In diesem Zusammenhang zitiert Key z.B. Goethe, Madame de Staël und natürlich Rousseau, die alle auf ihre Weise einer prozesshaften Erziehungsleh<pagenumber id="N12962" label="269" numbering="arabic" start="269"/>re das Wort redeten, welche die Geburt von Individuen ermögliche, selbst wenn dies ein jahre- oder jahrzehntelanges geduldiges Warten erfordert. </p>
			<p>Eine derartige Pädagogik gesteht dem Zögling ein großes Maß an Irrtums- und Fehlermöglichkeit zu. Schon Nietzsche hat einmal mit Verve den Standpunkt vertreten, dass die Hauptschwäche der herkömmlichen Erziehung darin bestanden hätte, immer zwischen richtig und falsch zu unterscheiden; günstiger wäre es jedoch, zwischen lebendig und unlebendig zu unterscheiden und die Kinder auf den Pol der Lebendigkeit hin zu erziehen. Auch diesen Gedanken scheint Key von ihrem philosophischen Mentor übernommen zu haben, wenn sie in <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>schreibt:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Der Erzieher will das Kind mit einem Schlage fertig und vollkommen haben; er zwingt ihm eine Ordnung, eine Selbstbeherrschung, eine Pflichttreue, eine Ehrlichkeit auf, die die Erwachsenen selbst sich dann mit staunenswerter Geschwindigkeit abgewöhnen! Wenn es sich um die Fehler der Kinder handelt, siebt man im Hause wie in der Schule Mücken, während man täglich die Kinder die Kamele der Erwachsenen schlucken läßt.<footnote start="317">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 80</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Neben der Betonung des Rechtes der Kinder, Fehler machen und Irrtümer begehen zu dürfen, zielt Key mit diesem Passus auch auf die ungeheure Verlogenheit und Doppelzüngigkeit der tradierten Erziehung ab, die in beinahe allen Familien und Schulen zu beobachten steht. Nur ein authentischer Pädagoge sei ein effektiver Erzieher, und in den Augen Keys ist es bedeutend günstiger, wenn sich Eltern und Lehrer zu ihren eigenen Schwächen und Defiziten bekennen, statt sie vor Kindern kompensatorisch in angebliche Größe und Stärke wandeln zu wollen. </p>
			<p>Das Zentrum des Erziehungsgeschehens verlagert Key auf die Ebene der zwischenmenschlichen Beziehung respektive der Emotionalität von Zögling und Erzieher. Ihr ist wohl bewusst, dass jeglicher Lernprozess vom Lernenden nur dann erfolgreich absolviert wird, wenn er in einer Atmosphäre des Wohlwollens, der Geduld, der Achtung und der Wertschätzung stattfindet. Alle Spielarten distanzierender Affekte oder entwertender Einstellungen sabotieren das pädagogische Geschehen oder verunmögli<pagenumber id="N12984" label="270" numbering="arabic" start="270"/>chen es sogar. Neben den inhaltlichen Aspekten hat der Pädagoge also vorrangig Verantwortung für die emotionalen und sozialen Qualitäten des Erziehungsgeschäfts zu übernehmen:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Ein Kind erziehen - das bedeutet seine Seele in seinen Händen tragen, seinen Fuß auf einen schmalen Pfad setzen. Das bedeutet, sich niemals der Gefahr aussetzen, im Blick des Kindes der Kälte zu begegnen, die uns ohne Worte sagt, daß das Kind uns unzureichend und unberechenbar findet... Wie selten erinnert sich der Erzieher, daß das Kind schon im Alter von vier, fünf Jahren die Erwachsenen erforscht und durchschaut, mit einem wunderbaren Scharfsinn seine bewußten Wertungen anstellt, mit bebender Sensitivität auf jeden Eindruck reagiert! Das leiseste Mißtrauen, die geringste Unzartheit, die kleinste Ungerechtigkeit, der flüchtigste Spott können lebenslängliche Brandwunden in der fein besaiteten Seele zurücklassen, während andererseits die unerwartete Freundlichkeit, das edle Entgegenkommen, der gerechte Zorn sich ebenso tief in diese Sinne einprägen.<footnote start="318">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 80f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Eine besondere Form der Unaufrichtigkeit gegenüber Kindern und damit deren emotionalen Missbrauchs bedeutete für Ellen Key das sogenannte &#8222;Pygmalion-Syndrom&#8220;. Darunter versteht man das Modellieren eines abhängigen Menschen nach den Bedürfnissen und dem Gutdünken eines dominierenden Menschen. Wie ein Künstler sein Material solange formt und bearbeitet, bis es seinen Ansprüchen nach Schönheit und Vollkommenheit entspricht und damit seine eigenen, eventuell vorhandenen Mängel und Schwächen kompensieren hilft, versuchen manche Eltern oder Lehrer, die von ihnen abhängigen Kinder im Sinne einer Stabilisierung ihres narzisstisch labilen Selbstwerterlebens missbräuchlich zu erziehen. In <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>heißt es dazu:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Während man schöne Worte von der individuellen Entwicklung spricht, geht man gegen die Kinder vor, als wären diese gar kein Selbstzweck, sondern einzig allein zur Freude, zum Stolz und zur Behaglichkeit der Eltern erschaffen. Und da all dies am <pagenumber id="N129A7" label="271" numbering="arabic" start="271"/>besten gefördert wird, wenn die Kinder wie alle anderen werden, strebt man früh danach, sie zu ehrsamen und tauglichen Mitgliedern der Gesellschaft zu machen.<footnote start="319">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 83</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Auch einhundert Jahre nach der Schilderung dieser Strategie, ein narzisstisch prekäres Gleichgewicht der Eltern oder Erzieher über ihre Kinder bzw. bestimmte Erziehungs- und Dressurmaßnahmen zu stabilisieren und damit der Nivellierung und Kollektivierung der nachwachsenden Generation Vorschub zu leisten, ist diese Art von &#8222;Pädagogik&#8220; noch weit verbreitet. In gewisser Weise hat Ellen Key mit ihrer Beschreibung bereits um 1900 einen Gedanken vorweggenommen, den Martin Heidegger in seinem bekannten Buch <em>Sein und Zeit </em>(1927) formuliert hat. Heidegger hat in diesem Text das sogenannte &#8222;Man-selbst-Sein&#8220; als einen Modus der Existenz geschildert, den die allermeisten Menschen wählen, um zur Majorität der Vielen zu gehören und damit deren Anerkennung und Schutz zu genießen. Den Modus des &#8222;Ich-selbst-Seins&#8220; erreichen nur wenige für kurze Zeit, da diese Art des Daseins ein hohes Maß an Selbstwertgefühl, Authentizität und Autonomie des Individuums bedarf.</p>
			<p>Dass es sich bei diesem Ich-selbst-Sein nicht um bloßen Trotz, billigen Narzissmus oder gar rücksichtslosen Egoismus handelt, hat Ellen Key in <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>mehrfach betont. Ihr war bewusst, dass die <em>Geburt des Selbst</em> (Margret S. Mahler) respektive das Wachstum der Person nicht erfolgen kann, indem man einem Erziehungsstil des <em>Laissez faire </em>(Geschehenlassens) huldigt und dabei den Kindern und Zöglingen zu wenig oder keine Grenzen setzt und Orientierung bietet. Ein Ich wird erzogen, wenn es die Gelegenheit erhält, sich an anderen Ichen und Personen zu messen, zu reiben und sich mit ihnen zumindest passager zu identifizieren. </p>
			<p>So sehr Ellen Key als eine der wichtigsten Vertreterinnen der Reformpädagogik gilt, so sehr muss sie als eine entschiedene Gegnerin bzw. Skeptikerin einer sogenannten <em>Laisez faire-</em>Erziehung angesehen werden. Ihre vielfältigen Hinweise auf die Notwendigkeit, dass Lehrer und Erzieher die Funktion von Orientierung und damit Halt bietenden Autoritäten übernehmen, hat mit dazu beigetragen, dass sie im Rahmen der europäischen Bewegung der antiautoritären Pädagogik (in den 60er und 70er Jahren <pagenumber id="N129CE" label="272" numbering="arabic" start="272"/>des 20. Jahrhunderts) nur hinsichtlich einiger weniger Aspekte rezipiert wurde.</p>
			<p>Die Grenzziehungen, welche Ellen Key im Hinblick auf die Erziehung von Kindern und Jugendlichen für angebracht hält, beziehen sich z.B. auf deren alltägliches Verhalten ebenso wie auf die Inhalte des Lehr- und Bildungsangebotes, das man den Schülern nahe bringen sollte. In <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>liest man bezüglich des ersten Punktes etwa folgende Passage:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Kleine Kinder müssen sich z.B. bei Tische und im übrigen an gutes Benehmen gewöhnen. Wenn jedesmal, daß eine Unart sich wiederholt, das Kind sogleich hinausgeführt wird - denn der, welcher anderen unangenehm wird, muß allein bleiben -, wird die richtige Aufführung auf der richtigen Grundlage gelehrt. Kleine Kinder müssen es z.B. lernen, anderer Leute Sachen in Ruhe zu lassen. Wenn sie jedesmal, wenn eine Sache unerlaubterweise angerührt wird, in der einen oder anderen Weise ihre Bewegungsfreiheit verlieren, lernen sie bald, daß die Bedingung die ist, anderen nicht zu schaden.<footnote start="320">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 88</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Die Basis der späteren Individualität und Originalität eines Menschen besteht in dessen primärer Einfügung in die ihn umgebende Kultur und Gesellschaft. Wenn die Erziehung diesen ersten und grundlegenden Schritt überspringt und nicht leistet, entstehen entweder verwahrloste und dissoziale oder aber eitel-narzisstische Erwachsene, die so oder so für die Kulturassimilation und Kulturtradition nicht taugen. Ellen Key scheint sich auch diesbezüglich an Nietzsche angelehnt zu haben, der einmal hinsichtlich der gelungenen Entwicklung von autonomen und kreativen Individuen meinte, sie müssten sich zu allererst und lange Zeit die kulturelle Tradition aufladen lassen wie die Kamele; erst wenn dies Jahrzehnte lang erfolgte, könne der Betreffende in einem zweiten Schritt die überlieferte Kultur zerreißen wie ein Löwe, um dann - dies stellt für Nietzsche den höchsten Grad der Entwicklung dar - wie ein Kind mit der Kultur zu spielen und sie neu zu schaffen. </p>
			<p>Bei aller Notwendigkeit der Einordnung in die und der Übernahme von tradierten Sitten, Regeln und Gebräuchen einer Kultur vertrat Ellen <pagenumber id="N129F0" label="273" numbering="arabic" start="273"/>Key jedoch vehement eine Position der Gewaltfreiheit und des Antiautoritarismus (im Sinne einer Vermeidung von bloßer &#8222;Gesetzgebung&#8220; und Bestrafung). Selbstverständlich empfahl sie, Kinder niemals zu schlagen oder auf andere Art körperlich zu züchtigen. Auch alle Formen der Entwertung, Beschämung oder des würdelosen Behandelns wurden von ihr als untaugliche und obsolete Mittel der Pädagogik bezeichnet. Ebenso wandte sie sich gegen die Mechanismen von z.B. unehrlicher Lobhudelei oder unangebrachter Verzärtelung von Kindern und Zöglingen. Das Ziel ihrer Pädagogik bestand in der Authentizität von Lehrern und Schülern, von Eltern und Kindern, und dieser Authentizität war sie gewillt, viele andere Erziehungsziele unterzuordnen:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Ein Kind soll nicht kommandiert werden, sondern ebenso höflich angeredet werden wie ein Erwachsener, um selbst Höflichkeit zu lernen. Ein Kind soll nie vorgezeigt werden, nie zu Liebkosungen gezwungen, nie mit Küssen überschüttet, die das Kind gewöhnlich quälen und oft den Grund zu sexueller Hyperästhesie legen. Die Zärtlichkeitsbezeugungen des Kindes erwidern, wenn sie ehrlich sind, aber seine eigenen auf große Augenblicke aufsparen - das ist eines der vielen feinen, außer Acht gelassenen Erziehungsmittel! Und ebensowenig soll das Kind gezwungen werden, Reue auszudrücken, um Verzeihung zu bitten und dergleichen, was alles die sicherste Erziehung zur Heuchelei ist.<footnote start="321">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 90</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Diese Dialektik zwischen Ein- und Unterordnung in und unter die bestehenden Verhältnisse einerseits sowie die Auflehnung gegen sie und deren Überwindung andererseits sah Ellen Key nicht nur im Bereich der Pädagogik als ein grundlegendes und immer wiederkehrendes Motiv gegeben; mindestens ebenso sehr prägen diese Themen das Leben der Erwachsenen und sind in jedem Geschichtsverlauf und jeder Kulturentwicklung nachweisbar. Die Art und Weise, wie Eltern und Erzieher diese Problematik für sich lösen, wirkt schul- und modellbildend für Kinder und Zöglinge, und man kann von letzteren keine produktiven Lösungen dieses dialektischen Dilemmas erwarten, wenn die ersteren dies nicht überzeugend vorleben:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>
						<pagenumber id="N12A10" label="274" numbering="arabic" start="274"/>Ein guter Erzieher gibt niemals einen Befehl, für den kein triftiger Grund vorhanden ist. Aber überzeugt dieser das Kind nicht, muß es auf jeden Fall gehorchen, und wenn es warum fragt, ist die Antwort sehr einfach: Weil alle, auch wir Erwachsenen, dem Rechten gehorchen und uns dem Unausweichlichen beugen müssen. Die große Notwendigkeit des Lebens muß in der Kindheit eingeprägt werden, und man kann sie ohne harte Mittel einprägen, wenn man beginnt, das Kind schon vor seiner Geburt durch seine eigene Selbstbeherrschung zu erziehen, und von seiner Geburt an dadurch, daß man niemals seinen Launen nachgibt.<footnote start="322">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 107f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>In <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>betont Key immer wieder die enge Wechselwirkung zwischen der Erziehung des Zöglings und der Erziehung des Erziehers. Ähnlich eindringlich und überzeugend, wie es z.B. in den pädagogisch-psychologischen Schriften Alfred Adlers, August Aichhorns, Anna Freuds, Hans Zulligers und anderer tiefenpsychologisch orientierter Pädagogen nachzulesen ist, hat auch Ellen Key das &#8222;Synzytium&#8220; (enger Zellverband) bzw. die symbiotischen Verhältnisse zwischen Eltern und Kindern, Lehrern und Schülern beschrieben, welche die Erziehung nicht zu einer unidirektionalen Veranstaltung, sondern zu einem Prozess werden lassen, an dem alle Beteiligten engagiert und sich selbst erziehend partizipieren müssen, wenn er zum Erfolg führen soll. </p>
			<p>Neben der Dialektik von Einordnung und Auflehnung erwähnte Key noch eine weitere Polarität, welche in der Pädagogik eine gewichtige Rolle spielt und wesentlich zum Gelingen oder Misslingen aller erzieherischen Bemühungen beiträgt: den Wechsel von Aktivität und Passivität, von Handeln und Geschehenlassen. </p>
			<p>Eltern und Lehrer würden häufig dem Vorurteil anhängen, dass eine engagierte Pädagogik sich vorrangig in Aktivitäten wie Reden, Strafen, Ermahnen, Schimpfen, Loben, Lehren, Dozieren und anderen Interaktionen auszeichne. Demgegenüber vertrat Key den Standpunkt, dass gelungene Erziehung mindestens so sehr mit passiven Haltungen des Erziehers wie etwa Zuhören, Zusehen, in Ruhe lassen, Abwarten und anderen mehr verknüpft sei. In <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>fasste sie diese Gedanken als ihr &#8222;Alpha und Omega der Erziehungskunst&#8220; zusammen:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>
						<pagenumber id="N12A35" label="275" numbering="arabic" start="275"/>Sei bemüht, das Kind in Frieden zu lassen, so selten wie möglich unmittelbar einzugreifen, nur rohe und unreine Eindrücke zu entfernen, aber verwende all deine Wachsamkeit, all deine Energie darauf, daß deine eigene Persönlichkeit und das Leben selbst, die Wirklichkeit in ihrer Einfachheit und Nacktheit der Erzieher des Kindes werde... Dadurch, daß man zu jeder Stunde das Kind so behandelt und betrachtet, wie man den erwachsenen Menschen behandelt und betrachtet, wird man die Erziehung sowohl von den brutalen Willkürlichkeiten wie von den verhätschelnden Schutzmaßregeln befreien, die sie jetzt verunstalten.<footnote start="323">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 114f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Neben vielen Maßregeln, Vorschlägen und Anleitungen, die man auch als eine Technik der Erziehung bezeichnen könnte, hob Key in <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>jedoch immer wieder auf die ganz individuelle und unvergleichliche pädagogische Situation ab, die mit einem jeden Kind gegeben ist und die man als Erzieher nur dann adäquat löst und beantwortet, wenn man auch zu einer Kunst der Erziehung fähig ist. </p>
			<p>Die Kunst der Erziehung entspringt nach Key vielfältigen Quellen. Vorrangig glückt sie nur dem Erzieher, welcher selbst auf dem Weg zur Individualität und Personhaftigkeit ist und deshalb in seinem Zögling die Einzigartigkeit seiner Lebensmelodie erkennt und zum Klingen bringen will. Eine so definierte Erziehungskunst kann nur auf dem Boden umfassender Achtung und tiefgreifenden Verstehens des Zöglings erwachsen und weist enge Verwandtschaftsgrade mit der Methode der Hermeneutik auf, welche in den Geisteswissenschaften (unter anderem seit Wilhelm Dilthey) als die bevorzugte Strategie gilt, Fremdseelisches zu erkennen und damit auch zu fördern. </p>
			<p>Eine künstlerische und verstehende Pädagogik im Sinne Ellen Keys bringt es mit sich, dass Schüler und Lehrer, Zögling und Erzieher den Lern- und Erziehungsprozess als mehr oder minder großes Abenteuer begreifen, für das es keine fixen Regeln, ausgetretenen Pfade und wohl definierte Ziele gibt. Erziehen heißt Reisen ohne Rückfahrtbillet und mit bisweilen überraschenden Ankunftsorten, die weder vom erzogenen Kind noch vom erziehenden Erwachsenen voraus benannt und erkannt werden. Nur eine solche künstlerisch-freie Erziehung jedoch ermöglicht es nach <pagenumber id="N12A50" label="276" numbering="arabic" start="276"/>Key, dass im Zögling dessen Talente und Eigenarten zum Blühen gebracht werden und seine Personwerdung angestoßen wird:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Die meisten modern Denkenden sprechen ... gar viel von Persönlichkeit, verzweifeln aber, wenn ihre Kinder nicht eben so sind wie alle anderen, wenn sie nicht fix und fertig bei ihrer Nachkommenschaft alle von der Gesellschaft verlangte Tugend vorweisen können! Und darum dressieren sie die Kinder, ihre Natur zurückzuhalten - um sie dann als Erwachsene wieder loszulassen! Noch ahnt man kaum, wie neue Menschen gebildet werden. Darum kommen noch immer im selben Kreislauf die alten Typen wieder; die tüchtigen Kerle, die süßen Mädchen, die ehrsamen Beamten usw. Aber neue Typen mit höheren Idealen, Wanderer auf unbekannten Wegen, Denker ungedachter Gedanken, fähig zu den &#8222;Verbrechen&#8220;, die neue Bahnen brechen - die erstehen selten unter diesen Wohlerzogenen!<footnote start="324">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 84</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>In diesen Gedanken Keys sind wiederum einige Ideen und Ideale Nietzsches nachweisbar, dem es bei der Erziehung von Menschen immer auch darum ging, deren Impulse, Antriebe und Affekte nicht zu unterdrücken, sondern deren Vitalität zu nutzen und allenfalls wie &#8222;Wildwasser&#8220; behutsam zu kanalisieren. Nur eine dergestalte Pädagogik bildet dem Philosophen zufolge die Voraussetzung für die Heraufkunft des &#8222;Übermenschen&#8220;, der die Kraft und Fähigkeit besitzen soll, die Werte einer Kultur sowohl zu assimilieren als auch zu überwinden. Wie sehr Ellen Key bezüglich ihrer pädagogischen Vorgehensweisen und Zielsetzungen am &#8222;Philosophen der Macht&#8220; orientiert war, wird auch an folgender Textstelle deutlich, in welcher sie ganz direkt auf den Begriff des &#8222;Übermenschen&#8220; abhebt:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Weit davon entfernt, daß der Erzieher dem Kinde raten soll, das nachzumachen, was alle anderen tun, müßte er sich im Gegenteil freuen, wenn er die abweichenden Tendenzen des Kindes sieht. Anderer Meinungen zur Richtschnur zu nehmen, hat zur Folge, daß man sich auch ihrem Willen unterordnet und so da<pagenumber id="N12A70" label="277" numbering="arabic" start="277"/>zu gelangt, ein Teil der großen Herde zu werden, die der &#8222;Übermensch&#8220; kraft seines Willens leitet ...<footnote start="325">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 84f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Keys Erziehungsideal kann auch mit dem soziologischen Begriff des &#8222;innengeleiteten Menschen&#8220; (David Riesman)<footnote start="326">
					<p>Siehe hierzu: Riesman, D.: Die einsame Masse (1950), Darmstadt 1956</p>
				</footnote> umschrieben werden. Im Unterschied zum sogenannten &#8222;außengeleiteten Menschen&#8220; verfügt der erstere über ein stabiles und autonomes Urteilsvermögen, welches an selbst gewählten Werten und Idealen ausgerichtet ist. Ihn zeichnet die geistig-soziale und emotionale Kraft und Souveränität aus, auch angesichts von Autoritäten und Hierarchien selbstbestimmt und autark zu entscheiden und nicht ins Verhaltensrepertoire des &#8222;autoritären Charakters&#8220; (Theodor W. Adorno und Max Horkheimer) zu verfallen. Key hat dieses Erziehungsziel der autonomen Urteilskraft und autarken Personalität an einem alten &#8222;Lehrsatz der Pädagogik&#8220; deutlich gemacht:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten. Krümmt - das ist gerade das bezeichnende Wort. Gekrümmt nach dem alten Ideal der Selbstauslöschung, der Demut und des Gehorsams! Aber das neue Ideal ist, daß der Mensch gerade und aufrecht dastehe, folglich gar nicht gebogen, nur gestützt werde, damit er nicht aus Schwäche verkrümme.<footnote start="327">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 86</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Key wurde aufgrund solcher Passagen einige Jahrzehnte später zumindest partiell für die Freiheitspädagogik der antiautoritären Erziehung als Gewährsfrau herangezogen. Der Pädagoge Otto Engelmayer etwa zählte sie zu den &#8222;antiautoritären Neorousseauisten&#8220;,<footnote start="328">
					<p>Engelmayer, O. (Hrsg.): Die Antiautoritätsdiskussion in der Pädagogik, Neuburgweier 1973, S. 8</p>
				</footnote> und Walter Eisermann sah in Key eine Vorläuferin des Antiautoritarismus in der Pädagogik.<footnote start="329">
					<p>Siehe hierzu: Eisermann, W.: Genese und Dialektik der antiautoritären Schulerziehung, in: Classen, J. (Hrsg.): Antiautoritäre Erziehung in der wissenschaftlichen Diskussion, Heidelberg 1973</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>
				<pagenumber id="N12AAF" label="278" numbering="arabic" start="278"/>
				<strong>Keys Begriff der Bildung </strong>
			</p>
			<p>
				<br/>Der Begriff der Bildung wird gemeinhin in einem doppelten Sinne gebraucht. Einerseits bezeichnet man damit den Prozess der Erziehung, Selbsterziehung, Prägung und Beeinflussung, welcher Kindern, Zöglingen und auch Erwachsenen zuteil wird, sobald sie sich freiwillig oder erzwungener Maßen über einen längeren Zeitraum in eine Situation des Lernens und Erkennens begeben. In ihren Schriften - wir beziehen uns im folgenden vorrangig auf einen Essay Ellen Keys mit dem Titel <em>Bildung, </em>der in ihrer Aufsatzsammlung <em>Die Wenigen und die Vielen </em>(1905) als leicht veränderte Fassung eines Beitrags abgedruckt wurde, den die schwedische Reformpädagogin 1898 für die <em>Neue Deutsche Rundschau </em>verfasst hatte - gebraucht Key den Terminus &#8222;Bildung&#8220; zum Teil (und dann unterschiedslos) im Sinne von &#8222;Erziehung&#8220;. </p>
			<p>Andererseits meint man mit Bildung auch die geistige Gestalt eines Individuums, welche dieses im Laufe seines Bildungsprozesses im Rahmen einer bestimmten Kultur und eines ihn umgebenden Zeitgeistes erworben hat. Die Bildung bezeichnet dabei nicht lediglich das Wissen und die Erkenntnisse, über die ein Mensch verfügt, sondern bezieht sich vorrangig auch auf die Einflussnahme, welche die Wissens- und Lerninhalte auf die Entwicklung der Persönlichkeit und die Gestaltung der Biographie des Betreffenden genommen hat. Auch diesen eben erörterten Gesichtspunkt des Begriffes Bildung findet man in den Texten Ellen Keys, wobei sie an diversen Stellen die Persönlichkeitsbildung mit dem Terminus der &#8222;allgemeinen Bildung&#8220; umschreibt und diese aber von der landläufigen &#8222;Allgemeinbildung&#8220; abgrenzt:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Bei den Meinungsverschiedenheiten, welche über den Begriff Bildung zu entstehen pflegen, vermischt man oft Fachbildung mit allgemeiner Bildung. Um allen hierdurch möglichen Mißdeutungen auszuweichen, will ich sogleich und ausdrücklich betonen, daß ich das Wort hier ausschließlich im Sinne von <em>allgemeiner Bildung </em>gebrauchen will.<footnote start="330">
							<p>Key, E.: Bildung, in: Key, E.: Die Wenigen und die Vielen, Berlin 1905, S. 311</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Dass Ellen Key jedoch eine Pädagogin war, die sich entschieden gegen <pagenumber id="N12ADF" label="279" numbering="arabic" start="279"/>einen fixierten und für alle verbindlichen Bildungskanon gewandt hat, wie er vor allem im deutschsprachigen Raum über lange Jahre tradiert wurde und wo er vorrangig an den Werten und Idealen der Klassik orientiert war, wird an mehreren Passagen ihrer pädagogischen Texte ersichtlich. So liest man etwa in <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>die recht eindeutige Warnung vor derartigen, in sich mehr oder minder hermetisch abgeschlossenen Bildungsinhalten:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Bevor nicht das Phantom der &#8222;allgemeinen Bildung&#8220; aus den Schulplänen und den Elternköpfen vertrieben ist und die Bildung des Individuums die Wirklichkeit wird, die an ihre Stelle tritt, wird man vergebens Reformpläne entwerfen.<footnote start="331">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 146</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Der scheinbare Widerspruch zwischen diesen beiden Zitaten löst sich auf, wenn man die weiter oben angegebene Differenzierung des Bildungsbegriffes in denjenigen der Erziehung einerseits und denjenigen der Persönlichkeitsentwicklung andererseits berücksichtigt. Im ersten Zitat geht es Key um die Chancen der Personwerdung, im zweiten Zitat jedoch um das &#8222;Geschäft der Erziehung&#8220;, das ihrer Meinung nach immer am Individuum und dessen Eigentümlichkeiten, Talenten, Fähigkeiten und Chancen orientiert sein sollte. </p>
			<p>Neben einer solchen Unterscheidung kann man am Terminus der Bildung noch eine weitere Differenzierung vornehmen. So spricht man einerseits in einem formalen Sinne von Bildung und meint damit eine Geistestätigkeit oder -fähigkeit, die mehr oder minder unabhängig vom jeweiligen Stoff gedacht wird. Entgegengesetzt bezeichnet man Bildung als material (im Gegensatz zu formal), wenn die jeweiligen Inhalte ins Visier genommen werden. Insbesondere Goethe, aber auch Pestalozzi oder die Neuhumanisten (z.B. die Gebrüder Humboldt) legten großen Wert auf die Vermittlung einer material gedachten Bildung, welche meist im Kontrast zur methodengläubigen Erziehungstechnik formuliert und vertreten wurde. Ellen Keys Vorstellungen von Bildung kam diesen Ideen und Modellen einer material und gleichzeitig individuell ausgerichteten Bildung der Neuhumanisten ziemlich nahe. Immer wieder plädierte sie dafür, jegliche Form der Erziehung, vom Elternhaus begonnen bis hin zu den Hochschulen, von formalen und regelhaften Elementen möglichst frei zu halten:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>
						<pagenumber id="N12B05" label="280" numbering="arabic" start="280"/>Fast alle großen Männer und Frauen, die selbstdenkend und selbstschaffend waren, haben ihre Bildung teils gar nicht in der Schule, teils mehr oder weniger spät, teils mit längeren oder kürzeren Unterbrechungen, teils in <em>verschiedenen</em> Schulen erhalten. Meistens war es der Zufall, die lebendige Anschauung, das im geheimen gelesene Buch, die eigene Wahl des Stoffes, die dem Ausnahmemenschen seine Bildung gegeben haben. Goethes Erziehung ist in diesem Falle ideal, wenn man von einiger Pedanterie auf Seiten des Vaters absieht.<footnote start="332">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 173</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Personwerdung, Induktion von Individualität und Selbst sowie Persönlichkeitsbildung sind Ellen Key zufolge beinahe ausschließlich Resultate eines auf den ersten Blick misslungenen &#8222;Bildungsprozesses&#8220;. Wem nämlich als Kind oder Zögling das zufällige Glück zuteil wird, dem allgemeinen und nivellierenden &#8222;Bildungs&#8220;-Anspruch des staatlichen Schulsystems zu entkommen, hat - bei anderweitiger Förderung - gute Chancen, sein Denken, Fühlen und Handeln originell und phantasievoll zu entwickeln. Mit dieser Ansicht kam Key nochmals der &#8211; weiter oben schon erwähnten &#8211; Position Sigmund Freuds nahe, der von der &#8222;strahlenden Intelligenz kleiner Kinder&#8220; gesprochen hat, die jedoch ziemlich regelmäßig zum Erliegen komme, sobald die Betreffenden in etwas engeren Kontakt mit den öffentlichen Schulen gekommen seien. </p>
			<p>Auch hinsichtlich des Bildungsbegriffes war Ellen Key eine gelehrige Schülerin Friedrich Nietzsches. In seiner ersten <em>Unzeitgemäßen Betrachtung </em>mit dem Titel <em>David Strauß der Bekenner und der Schriftsteller </em>(1873) verwendet Nietzsche den Begriff des Bildungsphilisters. Einerseits charakterisiert er damit (zu Unrecht) den Linkshegelianer Strauß; andererseits gebraucht er diesen Begriff für die große Masse der angeblich Gebildeten, welche zwar ihren Goethe auf dem Nachttisch liegen haben, aber über keinerlei kritische und autonome Urteilskraft verfügen und deshalb als &#8222;Musensöhne&#8220; oder Kulturmenschen im Sinne Nietzsches nicht in Betracht kommen. </p>
			<p>Schon 1870 war Nietzsche in Basel mit einem Vorlesungszyklus hervorgetreten, dem er die Überschrift <em>Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten </em>zugedacht hatte. In den insgesamt sechs öffentlichen Vorträgen vertrat der Philosoph hinsichtlich des Begriffes Bildung Positionen, wie sie <pagenumber id="N12B29" label="281" numbering="arabic" start="281"/>einige Jahrzehnte später von Ellen Key aufgegriffen und modifiziert wurden. So erkannte schon Nietzsche den Konflikt zwischen &#8222;allgemeiner Bildung&#8220; für die breiten Massen und &#8222;Persönlichkeitsbildung&#8220; für die Wenigen, welche die Kraft und Initiativfreudigkeit besitzen, hohe und höchste Kulturgüter zu assimilieren und auf individuelle Art und Weise weiter zu entwickeln:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Zwei scheinbar entgegengesetzte, in ihrem Wirken gleich verderbliche ... Strömungen beherrschen in der Gegenwart unsere ursprünglich auf ganz anderen Fundamenten gegründeten Bildungsanstalten: einmal der Trieb nach möglichster <em>Erweiterung der Bildung, </em>andererseits der Trieb nach <em>Verminderung und Abschwächung derselben.</em> Dem ersten Triebe gemäß soll die Bildung in immer weitere Kreise getragen werden, im Sinne der anderen Tendenz wird der Bildung zugemuthet, ihre höchsten selbstherrlichen Ansprüche aufzugeben und sich dienend einer anderen Lebensform, nämlich der des Staates, unterzuordnen.<footnote start="333">
							<p>Nietzsche, F.: Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten. Sechs öffentliche Vorträge (1870), in: KSA I, hrsg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, München 1999, S. 647</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Sowohl die Erweiterung als auch die Verminderung der Bildung bedeuten für Nietzsche einen Niedergang des Kulturniveaus, dem er sich mit seinem gesamten philosophischen und kulturkritischen Schaffen entgegen stemmte. Seinem &#8222;aristokratischen Radikalismus&#8220; (Georg Brandes) gemäß plädierte Nietzsche für eine &#8222;Verengerung und Koncentration der Bildung&#8220;<footnote start="334">
					<p>Nietzsche, F.: Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten, a.a.O., S. 647</p>
				</footnote>, welche dem Ziele dienen sollte, zumindest einige Wenige zu Trägern der Hochkultur werden zu lassen. </p>
			<p>Wenn Ellen Key auch - wie im Kapitel über die Philosophie gezeigt - die aristokratischen Tendenzen im Denken Nietzsches und damit sein Plädoyer für eine &#8222;Verengerung der Bildung&#8220; nicht befürwortete und statt dessen einem demokratischen Sozialismus das Wort redete, vertrat sie wie ihr philosophisches Vorbild energisch die Ansicht, dass eine &#8222;Konzentration der Bildung&#8220; bitter Not täte. In ihrem Essay <em>Bildung </em>meint sie bezüglich der Höhe und Ausrichtung ihres Bildungsideals:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>
						<pagenumber id="N12B5C" label="282" numbering="arabic" start="282"/>Und als Folge der <em>Entwicklung von Phantasie und Gefühl </em>müßte das Temperament vertieft sein, der Charakter veredelt, das Empfinden verfeinert, der Geschmack gebildet, die Genußfähigkeit geübt. Die Seele müßte von Bildern, Ideenverbindungen, persönlichen Erlebnissen aus den verschiedenen Gebieten des Wissens erfüllt sein. Die Gegenstände der Natur müßten wirkliche Lebenswerte darstellen, die sowohl Gefühl wie Tatkraft in Bewegung setzen, Werte, von denen und für die man in tieferem Sinne lebte, als vom täglichen Brot und für dasselbe.<footnote start="335">
							<p>Key, E.: Bildung, in: Die Wenigen und die Vielen, a.a.O., S. 326f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Elitär sind diese Vorstellungen Keys im Anschluss an Nietzsche zu nennen, nicht, weil sie den eben beschriebenen Bildungs- und Erziehungsprozess nur einigen wenigen angedeihen lassen möchte, sondern eher, weil sich nur wenige bereit finden und in der Lage sehen werden, den von Key als umfassend und anspruchsvoll konzipierten Prozess der Persönlichkeitsbildung über sich ergehen zu lassen. So betont sie etwa in ihrem Aufsatz <em>Bildung, </em>dass sie das von ihr bevorzugte Erziehungs- und Bildungsideal einer durchgestalteten und an humanistischen Werten orientierten Person nicht unbedingt bei den sogenannten Gebildeten (die &#8222;Bildungsphilister&#8220; im Sinne Nietzsches), sondern manchmal unerwartet in der Arbeiterschaft oder unter der ländlichen Bevölkerung gefunden habe:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, daß die natürlichen Bildungsanlagen bei Männern und Frauen der Arbeitsklasse zuweilen so stark sind, daß sie - ungeachtet großer Lücken in ihrem Wissen - sich eine viel echtere Kultur erkämpft haben, als viele sogenannte Gebildete, die blind vor den größten Fragen der Zeit stehen und verständnislos vor ihren Meisterwerken in Literatur und Kunst... Auch unter der ländlichen Bevölkerung habe ich selbst Bildung gefunden, obgleich die Bildungsmöglichkeiten noch so geringe sind...<footnote start="336">
							<p>Key, E.: Bildung, in: Key, E.: Die Wenigen und die Vielen, a.a.O., S. 329f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Neben Nietzsche erwähnt Ellen Key auch Goethe hinsichtlich seiner Konzeption von Bildung, wobei sie den Weimarer Dichter als regelrechten &#8222;Stifter der Religion der Bildung&#8220; bezeichnet.<footnote start="337">
					<p>Key, E.: Bildung, in: Key, E.: Die Wenigen und die Vielen, a.a.O., S. 333</p>
				</footnote> In Anlehnung an ihn plä<pagenumber id="N12B90" label="283" numbering="arabic" start="283"/>diert Key für eine Form der Selbstbildung, die unabhängig von schulischen oder elterlichen Einflüssen die Entwicklung der Persönlichkeit des Erwachsenen zum Ziel hat und selbst unter ungünstigen äußeren Verhältnissen von dem betroffenen Individuum initiiert und vorangetrieben werden kann. In diesem Zusammenhang zitiert sie einen Satz aus Goethes <em>Wilhelm Meisters Lehrjahre </em>(1795/96), wo die Figur des Serlo der Hauptfigur Wilhelm den Ratschlag erteilt, er solle doch hinsichtlich seiner Selbstbildung jeden Tag in einem guten Buch lesen, ein schönes Bild ansehen, eine schöne Melodie hören und eine gute Handlung tun. </p>
			<p>Obschon Key in ihrer Abhandlung über die <em>Bildung </em>keine weiteren Zitate aus <em>Wilhelm Meisters Lehrjahre </em>anführt, kann man ihre hauptsächlichen Gedanken dazu durchaus als Modifikationen dieses Goetheschen Bildungsromans begreifen. Zwar konstruiert Key keine wie von Goethe vorgesehene &#8222;Turmgesellschaft&#8220;, welche sich der Erziehung und Persönlichkeitsbildung von Wilhelm anzunehmen weiß. Aber die Ideale und Ziele, die Key beim Bildungsprozess in den Kindern und Jugendlichen anstoßen und erreichen wollte, kann man durchaus unter ein Motto subsumieren, welches Goethe seiner Hauptperson Wilhelm Meister in den Mund gelegt hat:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine Absicht... Ich habe nun einmal zu jener harmonischen Ausbildung meiner Natur, die mir meine Geburt versagt, eine unwiderstehliche Neigung.<footnote start="338">
							<p>Goethe, J.W.: Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795/96), in: Hamburger Ausgabe, Band 7, hrsg. v. Erich Trunz, München 1998, S. 290f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Und mit sichtlicher Zustimmung erwähnt Key abschließend den Gedanken Goethes, dass ein roher Mensch zufrieden sei, wenn er nur etwas vorgehen sehe, der Gebildete jedoch wolle fühlen und der Durchgebildete auch denken. Dabei beziehen sich Fühlen und Denken bei Key wie bei Goethe auf einen Horizont humanistischer Werte, welche sich durch bloße Wissensinhalte nie und nimmer abbilden und begreifen lassen. Mehrfach benutzt die Schwedin den Terminus der &#8222;Herzensbildung&#8220;, der bei aller Unschärfe seiner Definition die Vorstellung von emotionaler und intellektueller Bildung zugleich aufkommen lässt - eine Form der Bildung, die auch z.B. <pagenumber id="N12BB5" label="284" numbering="arabic" start="284"/>Theodor Fontane favorisierte, von dem das Bonmot stammt: &#8222;Lerne denken mit dem Herzen, und lerne fühlen mit dem Geist&#8220;. </p>
			<p>In ihrem Essay <em>Bildung </em>streift Ellen Key auch die Thematik der Zivilisation bzw. Kultur, welche in einem zirkulären Verhältnis zur Bildung des Individuums wie auch eines Kollektivs stehen. Diese Zusammenhänge wurden im 20. Jahrhundert besonders eindrücklich und ausführlich von dem Soziologen Norbert Elias in seiner inzwischen klassisch gewordenen Untersuchung <em>Über den Prozeß der Zivilisation </em>(1939) erörtert. </p>
			<p>Ähnlich wie später Elias hat Key bereits in ihrer 1897 konzipierten Abhandlung darauf hingewiesen, dass die Assimilation von angeblich guten Sitten und Gebräuchen mit dem von ihr gemeinten Bildungsprozess durchaus nicht Hand in Hand gehen, sondern sich im Gegenteil einander oftmals sogar ausschließen:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Wie oft wechseln die Tischgewohnheiten, die als die entscheidendsten Beweise der Bildung betrachtet zu werden pflegen. Mit den Fingern zu essen oder das Messer in den Mund zu stecken, nennt man jetzt ungebildet - aber so aßen doch alle bis zum Ende des 16. Jahrhunderts, einer der Zeitepochen, in denen die Kultur besonders hoch stand.<footnote start="339">
							<p>Key, E.: Bildung, in: Key, E.: Die Wenigen und die Vielen, a.a.O., S. 342</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Diese Sätze könnten in der Tat von Norbert Elias stammen, der in seiner Arbeit über den Zivilisationsprozess mehrfach darauf hingewiesen hat, dass z.B. Tischsitten zwar den Grad der Zivilisation (im Sinne von im Inneren mehr oder weniger befriedeten, nach außen gerüsteten Gesellschaft), in keiner Weise jedoch das Niveau der Persönlichkeitsbildung widerspiegeln. Und schon gar nicht komme in ihnen eine wie auch immer geartete &#8222;Natur des Menschen&#8220; zum Ausdruck.<footnote start="340">
					<p>Siehe hierzu: Elias, N.: Der Prozeß der Zivilisation (1939), Frankfurt am Main 1976</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>
				<pagenumber id="N12BE4" label="285" numbering="arabic" start="285"/>
				<strong>Der Erzieher der Zukunft</strong>
			</p>
			<p>
				<br/>Von dem polnischen Arzt und Erzieher Janusz Korczak (1878-1942) stammt eine nachdenkliche und überraschende Antwort auf die Frage: Wer kann Erzieher werden? In einer kleinen Erzählung mit diesem Titel beantwortete Korczak diese Frage mit folgendem Gedanken:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Alle Tränen sind salzig; wer das begreift, kann Kinder erziehen, wer das nicht begreift, kann sie nicht erziehen.<footnote start="341">
							<p>Korczak, J.: Wer kann Erzieher werden? In: Einführung in pädagogisches Sehen und Denken (1967), hrsg. v. Andreas Flitner und Hans Scheuerl., München 1993, S. 20</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Obschon dieser Gedanke des polnischen Pädagogen etliche Jahrzehnte nach <em>Das</em>
				<em>Jahrhundert des Kindes </em>verfasst wurde, kann man in Ellen Keys Hauptwerk nachweisen, dass die schwedische Reformpädagogin von ähnlichen Intentionen und Überzeugungen geprägt war. Auch sie deklarierte, dass die Empathie und Intuition Tugenden und Fähigkeiten eines jeden Erziehers sein müssen und dass nur auf dieser Grundlage pädagogische Methoden und Strategien sinnvoll erwachsen können. </p>
			<p>Ellen Keys Beschreibung des &#8222;idealen&#8220; Lehrers und Erziehers ist von der Überzeugung durchdrungen, dass die Essenz jeglichen Erziehens über die Person und das personale Format des Erziehers, nicht jedoch über dessen methodisches <em>know how </em>vermittelt wird. Daher überrascht es nicht, wenn wir in <em>Das</em>
				<em>Jahrhundert des Kindes </em>immer wieder auf Passagen stoßen, in denen Key die Persönlichkeitsentwicklung des Pädagogen einklagt und als <em>conditio sine qua non </em>seiner beruflichen Ausrichtung und Entwicklung definiert:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Sieht das Kind den Erzieher rasch eine unangenehme Pflicht erfüllen, die er ehrlich als unangenehm anerkennt, sieht es ihn leicht eine Widerwärtigkeit oder Mühe ertragen, so wird das Kind seine Ehre darein setzen, ein Gleiches zu tun, so wie Kinder ohne viele Worte lernen, Güte zu üben, wenn sie sie um sich üben sehen, daß die Erwachsenen ihre Freude daran haben. Dadurch, daß man selbst in schöner, hochsinniger und maßvoller Art lebt, spricht man am besten zu den Kindern...<footnote start="342">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 114</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<pagenumber id="N12C2D" label="286" numbering="arabic" start="286"/>
				<br/>Key fordert vom Erzieher der Zukunft nicht nur Echtheit und Authentizität bezüglich seiner emotionalen und intellektuellen Verfassung, sondern auch eine von großem Wohlwollen geprägte Einstellung gegenüber dem Zögling, welche an völliger Gewalt- und Furchtlosigkeit orientiert ist. Der Pädagoge soll und kann am ehesten Einfluss auf Kinder und Schüler nehmen, wenn er Angst machenden Druck und Gehorsam provozierende Unterwerfung möglichst meidet und statt dessen dem Zögling eine Atmosphäre der Sicherheit, Geborgenheit und Akzeptanz vermittelt:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Die Furcht ist das Unglück der Kindheit, und die Leiden des Kindes werden durch den halbbewußten Gegensatz zwischen seinen grenzenlosen Glücksmöglichkeiten und der tatsächlichen Behandlung dieser Möglichkeiten noch verschärft... Das Kind will sich nicht resigniert den Leiden unterwerfen, die ihm, wie es fühlt, der Erwachsene zufügt.<footnote start="343">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 119</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Voraussetzung für eine derartige emotional adäquate Behandlung von Kindern und Zöglingen ist die basale Identifikation mit ihnen. Key fordert von Lehrern und Erziehern der Zukunft, dass sie sich in das Wesen ihrer Schützlinge umfassend und effektiv einfühlen können müssen, bevor sie darangehen, ihnen wie auch immer geartete Wissensinhalte, Fertigkeiten und Fähigkeiten vermitteln zu wollen. Eine tiefe Solidarität mit Kindern, Jugendlichen und Zöglingen bedeutete für sie eine Grundvoraussetzung des Erziehungsgeschäfts:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Selbst wie das Kind zu werden, ist die erste Voraussetzung, um Kinder zu erziehen. Aber das schließt keine gespielte Kindlichkeit, kein herablassendes Plappern in sich, das das Kind sogleich durchschaut und tief verabscheut. Das bedeutet, sich von dem Kinde ebenso ganz und einfältig ergreifen zu lassen, wie dieses selbst vom Dasein ergriffen wird; das Kind wirklich wie Seinesgleichen zu behandeln, d.h. dieselbe Zurückhaltung, dasselbe Feingefühl und Vertrauen zu zeigen, das man einem Erwachsenen zeigt.<footnote start="344">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 77f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<pagenumber id="N12C5B" label="287" numbering="arabic" start="287"/>Eltern wie Lehrer sollen nach Key dem Kind oder Schüler gegenüber die Rolle von Freunden und Kameraden einnehmen, welche über einen Vorsprung an Wissen und Können verfügen, den sie jedoch nicht dazu missbrauchen, Überlegenheit oder autoritäre Arroganz aus ihm abzuleiten. Ähnlich wie es einige Jahre später der psychoanalytisch inspirierte Heilpädagoge August Aichhorn (1878-1949) in Oberhollabrunn bei Wien in seinem weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt gewordenen Erziehungsheim für verwahrloste Jugendliche praktiziert hat, plädierte auch Ellen Key im Umgang mit Zöglingen für ihre unumschränkte emotionale Bejahung. </p>
			<p>Studiert man das von Aichhorn publizierte Buch über <em>Verwahrloste Jugend. Die Psychoanalyse in der Fürsorgeerziehung, zehn Vorträge zur ersten Einführung </em>(1925), begegnen dem Leser jedenfalls nicht nur psychoanalytische Konstrukte und Theoreme, sondern auch Ideen und Formulierungen, wie sie Ellen Key in ihrem <em>Das Jahrhundert des Kindes</em> zuhauf gebraucht hat.<footnote start="345">
					<p>Siehe hierzu: Aichhorn, A.: Verwahrloste Jugend. Die Psychoanalyse in der Fürsorgeerziehung, zehn Vorträge zur ersten Einführung (1925), Bern 1957</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>Noch ein weiterer tiefenpsychologisch orientierter Pädagoge scheint vom Geist und den konkreten Vorschlägen Keys hinsichtlich der Persönlichkeit des Erziehers beeinflusst worden zu sein. In den Schriften Alfred Adlers (1870-1937) wird jedenfalls mehrfach darauf verwiesen, dass Eltern, Lehrer und Erzieher mit ihren Zöglingen leben, lernen und sich entwickeln sollen; dies sei der Hauptinhalt einer jeden Pädagogik. Quasi als Vorlage für diese adlerschen Auslassungen können wir eine Passage aus <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>zitieren, in der es in diesem Zusammenhang heißt:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Für die Schule der Zukunft müssen ganz neue Seminarien die Lehrer vorbereiten. Die patentierte Pädagogik wird der individuellen weichen, und nur der, welcher durch Natur und Selbstkultur mit Kindern spielen, mit Kindern leben, von Kindern lernen, sich nach Kindern sehnen kann, wird in einer Schule angestellt werden, um sich dort selbst seine persönliche &#8222;Methode&#8220; zu bilden.<footnote start="346">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 191</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>Im Vorwort zu dem eben erwähnten Buch August Aichhorns, welches von Sigmund Freud verfasst wurde, steht die Empfehlung, dass jeder Lehrer <pagenumber id="N12C88" label="288" numbering="arabic" start="288"/>respektive Erzieher eine tiefenpsychologische Schulung und Ausbildung, wenn nicht gar eine eigene Lehr- und Charakteranalyse absolviert haben sollte, bevor er sich pädagogischen Aufgaben zuwendet: </p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Zwei Mahnungen scheinen mir aus den Erfahrungen des Vorstandes Aichhorn zu resultieren. Die eine, daß der Erzieher psychoanalytisch geschult sein soll, weil ihm sonst das Objekt seiner Bemühung, das Kind, ein unzugängliches Rätsel bleibt. Eine solche Schulung wird am besten erreicht, wenn sich der Erzieher selbst einer Analyse unterzieht, sie am eigenen Leib erlebt.<footnote start="347">
							<p>Freud, S.: Vorwort zu: Aichhorn, A.: Verwahrloste Jugend. Die Psychoanalyse in der Fürsorgeerziehung, zehn Vorträge zur ersten Einführung (1925), a.a.O., S. 8</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Obschon Ellen Key in ihren Schriften keine derartige Empfehlung für eine psychoanalytische Ausbildung von Lehrern und Erziehen abgegeben hat, zielte sie mit ihren Forderungen nach der sogenannten &#8222;Erzieher-Persönlichkeit&#8220; auf ähnliche emotionale, soziale und charakterliche Qualitäten, wie sie Sigmund Freud in seinem Vorwort andeutete. Erzieher sein oder werden zu wollen war für Key gleichbedeutend mit der Entwicklung der eigenen Person und damit mit der Betonung von Subjektivität und Individualität des Pädagogen. Nicht die Normierung an einem wie auch immer gearteten Bild des Erziehers, sondern die radikale Ausprägung seines je eigenen Charakterkerns machen der Schwedin zufolge das Zentrum der Ausbildung zum Pädagogen aus:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Während man jetzt die Objektivität im Unterricht preist, hat im Gegenteil jeder große Erzieher dadurch gewirkt, daß er im höchsten Grade subjektiv war! Der Lehrer soll wahrheitsliebend sein, so daß er ein widerstreitendes Faktum nie dazu preßt, seinen Ansichten zu dienen. Aber darüber hinaus, je subjektiver er ist, desto besser; desto voller und reicher teilt er den Kindern Saft und Kraft seiner Erfahrungen, seiner Lebensanschauung, seiner Eigenart mit, desto mehr wird er ihre wirkliche Entwicklung fördern...<footnote start="348">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 192</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<pagenumber id="N12CB4" label="289" numbering="arabic" start="289"/>
				<strong>Die Schule der Zukunft</strong>
			</p>
			<p>
				<br/>Ausgehend von ihren Überlegungen zur Erziehung und zum Erzieher hat Ellen Key in <em>Das</em>
				<em>Jahrhundert des Kindes</em> auch ein großes Kapitel über die Schule der Zukunft verfasst. In diesem Abschnitt begegnen uns einige ungewöhnliche, originelle und progressive Gedanken, welche Key zu recht als eine Reformpädagogin ersten Ranges erscheinen lassen. </p>
			<p>Ein wesentlicher Aspekt bezüglich einer Schule der Zukunft betrifft das Alter, in dem Kinder eingeschult werden. Im Gegensatz zu anderen reformpädagogischen Ansätzen plädiert Key dafür, den Kindern relativ lange Phasen einer häuslichen und familiären Erziehung und Schulung zukommen zu lassen. Sie begründet dies zum einen mit der damit gegebenen Chance, dass Kinder zu Hause einen individuelleren &#8222;Lehrplan&#8220; als in der Krippe, im Kindergarten oder in der Vorschule geboten bekommen - vorausgesetzt, dass in der Familie eine oder mehrere Personen sich der Aufzucht und pädagogischen Unterweisung der Kinder auf einem hohen intellektuellen und emotionalen Niveau annehmen. Vor allem den Müttern gesteht Key die Aufgabe und die Möglichkeit zu, eine erste und prägende &#8222;pädagogische Institution&#8220; zu sein, wobei sie nicht verkennt, dass eine derartige Aufgabe sich nur schwer mit einer sonstigen Berufstätigkeit von Frauen und Müttern in Einklang bringen lässt:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Es ist vollkommen wahr, daß unter den <em>jetzigen</em> Verhältnissen, mit unzähligen außer Hause arbeitenden, für ihre Pflichten schlecht vorbereiteten Müttern die Krippe und der Kindergarten für viele Kinder ein Segen war und es noch immer ist.<footnote start="349">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 164f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Aus ihren diesbezüglichen Ausführungen lässt sich unschwer ein merklicher Affekt Keys herauslesen, den sie den damals etablierten Kindergärten und Vorschulen gegenüber entwickelt haben muss, weil sie diese als egalisierende und normierende Institutionen erlebte und definierte. Eine die individuellen Gegebenheiten der Kinder respektierende Erziehung und Förderung sei in ihnen meist nicht zu erwarten, und sie würden im Gegenteil dazu beitragen, die Menschen von früh an ans &#8222;Herdendasein&#8220; zu gewöhnen &#8211; eine Form der Existenz, die Ellen Key aufgrund ihrer Nietzsche-<pagenumber id="N12CE1" label="290" numbering="arabic" start="290"/>Studien zutiefst suspekt gewesen sein muss. In teilweiser Verkennung der Schwierigkeiten, die eine suffiziente und an der Persönlichkeitsentwicklung orientierte &#8222;Erziehung der Erzieher&#8220; mit sich bringt, sah Key in der pädagogischen Schulung der Mütter daher eine Möglichkeit, die von ihr als Massenpädagogik bezeichnete Erziehung in Krippen, Kindergärten und Vorschulen zu vermeiden:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Eine neue Generation erzogener Mütter zu bilden, die unter anderem die Kinder vom Kindergartensystem befreien sollen, das ist eine der Aufgaben der Zukunft. Dadurch, daß man die Kinder schon im Alter von zwei und drei Jahren in Herden behandelt, sie in Herden auftreten, nach einem Plan arbeiten, dieselben kleinen, dummen, und unnützen Arbeiten machen läßt - dadurch glaubt man jetzt Menschen zu bilden, während man tatsächlich Nummern exerziert.<footnote start="350">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 165</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Diese Vorschläge Keys wurden in der Vergangenheit partiell kritisch kommentiert. In ihnen enthalten ist beispielsweise eine Definition der Frauen- bzw. Mutterrolle, welche nur ausnahmsweise die Berufstätigkeit von Frauen außer Haus vorsieht und damit deren Emanzipationssprozess zumindest teilweise konterkariert. Des weiteren bedeutet eine Erziehung im häuslichen Milieu selten wirklich ein Plus an Förderung und Entwicklung von Individualität und Personalität. Da die Eltern ebenso wie Lehrer und andere Erzieher in die Rahmenbedingungen einer egalisierenden Kultur und normierender Gesellschaftsverhältnisse eingebettet sind, geben sie normalerweise die ihnen gebotenen kulturellen Inhalte mehr oder minder ungefiltert an ihre Zöglinge weiter, ohne dass dabei ein sonderlicher Individuationsprozess angestoßen würde. Allzu selten trifft man jedenfalls auf einen &#8222;Vater Goethe&#8220;, den Key immer wieder als Gewährsmann dafür zitiert, wie außerordentlich anregend und förderlich häusliche Erziehung im günstigen Falle verlaufen kann. Und außerdem muss man - nimmt man die Skepsis Keys bezüglich Kindergärten und Vorschulen ernst - ihre Kritik auf Schulen, Hochschulen und weitere staatliche Institutionen ausweiten und ihnen allen attestieren, dass sie im großen Stile &#8222;Massenware&#8220; erziehen und ausbilden und das Individuum sträflich vernachlässigen. </p>
			<p>
				<pagenumber id="N12CFD" label="291" numbering="arabic" start="291"/>Noch ein weiterer Gesichtspunkt Keys hinsichtlich der Schule der Zukunft darf kritisch beleuchtet werden. Die schwedische Reformpädagogin war überzeugt davon, dass man die intellektuelle Bildung und Förderung von Kindern verglichen mit der emotionalen, sozialen und charakterlichen an zweiter oder zumindest verzögerter Stelle rangieren lassen sollte. Sie plädierte dafür, viele Lern- und Wissensinhalte Kindern und Schülern eher zu einem späteren Zeitpunkt ihres Lebens anzubieten, da sie dann über ein verändertes und verbessertes Aufnahmevermögen verfügen. Unschwer sind diesbezüglich die Einflüsse Rousseaus nachweisbar, der in seinem <em>Emil </em>ein ähnliches Vorgehen propagierte. </p>
			<p>Man kann Key zugute halten, dass sie in <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>das Problem einer kindgerechten Wissensvermittlung hellsichtig und energisch erkannt und beschrieben hat. Aus heutiger Sicht jedoch muss man ergänzend zu ihren Überlegungen die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie beispielsweise von Jean Piaget (1896-1980) hinzufügen, der aufgrund seiner Forschungen zur geistigen Entwicklung recht detailliert nachweisen konnte, inwiefern Kinder früh genug mit intellektuellen Herausforderungen &#8211; in dosierter Diskrepanz zu den bereits vorhandenen geistigen Strukturen &#8211; konfrontiert werden sollten. Dementsprechend kann man sich den Ausführungen von Andreas Flitner anschließen, der eine Fusion von kindgerechter Pädagogik und leistungsorientierter Wissensvermittlung anzustreben scheint:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Kann man dem Kind das spontane, ungeordnete, vielseitige und wirkungsvolle Lernen, das von der Neugier und vom Großseinwollen gesteuert ist, erhalten? Wie kommt es, daß aus den hochaktiven Selbstlernern nur allzu oft schlechte und mißmutige Schullerner werden? Das war die Grundfrage der &#8222;Reformpädagogik&#8220; der Jahrhundertwende, und es ist die Grundfrage aller Schulerziehung geblieben: ob sich die Schule nicht, statt als ein Leistungsforderungssystem, auch als eine freie Gemeinschaft zur vielfältigen Unterstützung spontanen kindlichen Lernens anlegen läßt.<footnote start="351">
							<p>Flitner, A.: Unterstützung der Leistungsfähigkeit, in: Flitner, A. und Scheuerl, H. (Hrsg.): Einführung in pädagogisches Sehen und Denken, a.a.O., S. 155</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Vor allem bei ihren Ausführungen über die Schule der Zukunft wird deut<pagenumber id="N12D1F" label="292" numbering="arabic" start="292"/>lich, dass Ellen Key eine Pädagogin war, welche ausnehmend viele kulturkritische und gesellschaftsanalytische Gesichtspunkte bei der Beurteilung der Institution Schule wie auch der Erziehung ganz allgemein gelten ließ. Weiter oben haben wir bereits erwähnt, dass es ein hohes Erziehungsideal Keys bedeutete, aus Kindern und Schülern Personen und Persönlichkeiten werden zu lassen. Eine gelungene Pädagogik zeichne sich - so die schwedische Reformpädagogin - immer durch eine Förderung der Individualität und Subjektivität der Zöglinge aus. </p>
			<p>Eine Schule der Zukunft muss nun von ihren Strukturen, personellen Besetzungen und inhaltlichen Curricula her derart konstelliert sein, dass dieser Prozess der Personwerdung ermöglicht wird. Dazu gehört, dass Schulen sich nicht als Dressuranstalten und verlängerter Arm eines auf Gehorsam und Unterwerfung pochenden Staates verstehen. Anders als Kasernen oder Klöster kommen Schulen ihren ureigensten Aufgaben nur dann nach, wenn sie keine &#8222;absoluten&#8220; und &#8222;totalen Institutionen&#8220; (Goffman) darstellen. So manche Internatsschule der Vergangenheit kam jedoch den Merkmalen totaler Institutionen relativ nahe und hatte dementsprechend Zielvorstellungen von gehorsamen und &#8222;braven&#8220; Schülern vorschweben, welche mit denjenigen von gut funktionierenden Häftlingen oder Patres vergleichbar waren. Key beschreibt die Zielsetzungen derartiger Schulen ironisierend folgendermaßen:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Das stillste, gehorsamste Kind ist das beste Schulkind. Das heißt, die unpersönlichsten und farblosesten werden immer &#8222;Muster&#8220; - und so werden schon in der Schule die Wertbegriffe verzerrt. Je mehr Körper und Seele sich passiv, leicht dressierbar und rezeptiv zeigen, desto bessere Resultate vom Gesichtspunkt der Schule aus... Unter diesen Sturzwällen werden die Hirne betäubt, die Seelen verdummen und verstummen, die der Lehrer wie der Schüler. Auch die lebensvollsten Lehrer bewegen sich in einem Käfig von Forderungen und Vorurteilen, von unbedingten &#8222;Notwendigkeiten&#8220; und methodischen &#8222;Prinzipien&#8220;. Nur hie und da rettet einer seine Seele durch totale Skepsis.<footnote start="352">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 174f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Schulen als Agenturen von Staat, Kirche und anderen übergreifenden In<pagenumber id="N12D3B" label="293" numbering="arabic" start="293"/>stitutionen bergen immer die Gefahr, die ihnen anvertrauten Zöglinge gemäß der Wert- und Normvorgaben der jeweiligen Einrichtungen einem umfassenden Adaptations- und Assimilationsprozess anheim zu stellen, welcher letztlich die staats- oder kirchentaugliche Massenware, den braven Bürger, die gehorsamen Soldaten, das treue Parteimitglied oder aber - Anfang des 21. Jahrhunderts - den nimmersatten<em> Homo consumens</em> oder den weltlosen Narziss produziert. </p>
			<p>Ellen Key zufolge kann man bereits an der Sprache und Terminologie, welche in Schulen gepflegt und entwickelt wird, erkennen, ob sie an der Erziehung tatsächlicher Individualitäten oder viel mehr an der nivellierenden Dressur der Vielen Interesse zeigt. So könne man etwa Skepsis entwickeln, wenn in offiziösen Schriften oder Vorträgen einer Schule von &#8222;dem Kinde&#8220; in einem allgemeinen und nicht individuellen Sinne die Rede sei. Ebenso müssen nach Key viele wohlfeile Begriffe der Pädagogik auf den Prüfstand der Kritik verbracht werden, weil in ihnen egalisierendes Gedankengut transportiert werde:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Alles Reden von der &#8222;harmonischen Ausbildung&#8220; muß dorthin verwiesen werden, wo es hingehört, in die pädagogische Küchenwissenschaft! Harmonische Entwicklung ist gewiß das herrlichste Resultat der Bildung <em>eines </em>Menschen. Aber sie wird nur durch seine <em>eigene </em>Auswahl errungen! Denn sie bedingt Harmonie zwischen den eigenen Fähigkeiten des Individuums, und nicht Harmonie nach dem Rezept der Pädagogik für eine solche. Was auf dem Teigbrett der Schule, in ihrem Hacktrog erzielt wird, das ist - etwas ganz anderes.<footnote start="353">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 177</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>In <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>nimmt Ellen Key kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, die Defizite und Entartungen der traditionellen Schulformen zu geißeln. Gewalt, Entwertungen aller Art, Entmutigungen, Erziehung zur Langeweile, Verdummungsmechanismen, kulturelles Mittelmaß, anankastische Tendenzen sowie hierarchisches und autoritäres Gehabe charakterisieren die &#8222;Bildungsanstalten der Nationen&#8220;, wobei man sich über die Resultate ihrer Pädagogik nicht zu wundern brauche. </p>
			<p>Im Gegensatz dazu entwirft Key eine Schule der Zukunft, die sich als höchstes Ziel gesetzt hat, selbst entbehrlich zu werden, weil und so<pagenumber id="N12D66" label="294" numbering="arabic" start="294"/>bald ihre Schüler selbständig und autonom geworden sind. Ein derartiges pädagogisches Ideal erinnert an den erzieherischen Leitsatz des Philosophen Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), der einmal formulierte, dass ein Lehrer nur dann zufrieden sein könne, wenn alle (!) seine Schüler &#8222;größer als er selbst&#8220; geworden sind. </p>
			<p>Natürlich wusste Ellen Key, dass auch die Schulen der Zukunft niemals wirklich überflüssig sein werden. Allerdings imaginierte sie Bildungsanstalten, welche ein hohes Maß an Freiwilligkeit und Freiheit zu ihren basalen Qualitäten rechnen und welche beispielsweise die diversen Unterrichtseinheiten, Schulfächer oder Disziplinen immer fakultativ und niemals normativ anbieten. Ähnlich wie dies ein halbes Jahrhundert nach ihr der tiefenpsychologisch inspirierte &#8222;Antipädagoge&#8220; Alexander S. Neill in seiner <em>Summerhill-School</em>
				<footnote start="354">
					<p>Siehe hierzu: Neill, A.S.: Selbstverwaltung in der Schule (1938), Zürich 1950 sowie: Neill, A.S.: Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung. Das Beispiel Summerhill (1956), Reinbek bei Hamburg 1969</p>
				</footnote>
				<em/>praktiziert hat, wollte Key eine Schulorganisation realisieren, welche ungehinderten Zugang zu weiten Bereichen der Kultur ermöglicht, ohne dass der einzelne Schüler <em>nolens volens</em> einem vorgefertigten Curriculum ausgesetzt würde. </p>
			<p>Im Gegensatz zu Neill jedoch, der eine antriebsfreundliche, religions- und moralinfreie Atmosphäre in seiner Schule zu etablieren versuchte und dabei aber die Vermittlung von Wissensinhalten und kulturellen Traditionen vernachlässigte, war Key davon überzeugt, dass die Schule der Zukunft bei aller Freiwilligkeit des Angebots inhaltlich entschieden an einem intellektuell und kulturell hohen Niveau festhalten müsse, wenngleich ein derartiges Angebot erst bei älteren Kindern und Schülern angebracht sei:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>In meiner geträumten Schule herrscht ... Wahlfreiheit in allen Gegenständen. Die Schule bietet dieselben, aber sie zwingt sie niemandem auf. Nebst dem Englischen lehrt die Schule Deutsch und Französisch, Naturwissenschaft und Mathematik, Geschichte und Geographie. Die Muttersprache wird fleißig durch Sprechen, Lesen und Schreiben geübt... Für die fremden Sprachen kommt nur soviel Grammatik in Anwendung, wie unumgänglich notwendig ist, ... während die, welche lernen wollen, die Sprachen fließend zu sprechen und fehlerlos zu schrei<pagenumber id="N12D86" label="295" numbering="arabic" start="295"/>ben, die Fertigkeiten bei einem fortgesetzten Studium erwerben müssen.<footnote start="355">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 184f.</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Die Curricula einer Schule der Zukunft sollten Ellen Key zufolge an Fragen und übergreifenden Problemstellungen, nicht jedoch an einzelnen Fachdisziplinen orientiert sein. Ganz im Sinne des sogenannten &#8222;problemorientierten Lernens&#8220; (POL), das sich als moderne pädagogische Methode an einigen universitären Einrichtungen Europas seit dem Ende des 20. Jahrhunderts zu etablieren beginnt, plädierte Key bereits vor einhundert Jahren für ein interdisziplinäres Lernen. Auch die Art und Weise, wie Schüler die jeweiligen Aufgaben zu lösen versuchen, ist der schwedischen Reformpädagogin zufolge freigestellt; die Schule habe lediglich dafür zu sorgen, dass ein jeder Zugang zu gut bestückten Bibliotheken und anderen Lehrmittelarchiven habe,</p>
			<p>Alle Formen der Repression inklusive erzwungener Prüfungen sollen aus der Schule der Zukunft verschwunden sein. Angst, Schuldgefühle, Aggressionen und andere negative Affekte können - so Key - damit weitgehend eliminiert werden; statt dessen solle die Schule der Zukunft einen Ort darstellen, welcher durch eine heitere, fröhliche, hoffnungsvolle, optimistische und humorvolle Atmosphäre charakterisiert ist:<footnote start="356">
					<p>Gegenwärtig wird in Schweden zum Teil das Modell der &#8222;Futurum-Schule&#8220; realisiert, das deutlich die Handschrift Ellen Keys trägt. </p>
					<p>Siehe hierzu: Kahl, R.: Lustvolles Lernen im Futurum, in: Die Zeit vom 15. Februar 2002,</p>
					<p>Schubert, B.: Schwedens Schüler haben es besser, in: Tagesspiegel vom 18. Februar 2002,</p>
					<p>Füller, Chr.: Das verschwundene Klassenzimmer, in: taz vom 18. Februar 2002</p>
				</footnote>
			</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>In der Schule wird die ängstliche Unruhe der Jetztzeit, &#8222;es zu etwas zu bringen&#8220;, ganz verschwunden sein. Die stille, große Stimmung der Schule wird in der Jugend den Grund zu der Gewißheit legen, daß das Hervorragendste eines Menschen nicht die Wirkungen, sondern das Wesen ist.<footnote start="357">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 190</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<br/>Gut einhundert Jahre sind seit den aufrüttelnden Gedanken, die Ellen Key in <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>hinsichtlich einer Schule der Zukunft formulierte, vergangen, in denen es viel zu wenige Versuche gab, die Visionen der schwedischen Reformpädagogin Realität werden zu lassen. Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang sicherlich Paul Geheeb mit <pagenumber id="N12DC3" label="296" numbering="arabic" start="296"/>seiner &#8222;Odenwald-Schule&#8220;, Bertrand Russell mit seiner Privatschule oder auch der weiter oben zitierte Alexander S. Neill mit seinem Experiment von Summerhill. Obschon diese Schulgründer einige Grundsätze der keyschen Pädagogik implizit realisiert haben, waren sie explizit keineswegs als überzeugte &#8222;Key-Pädagogen&#8220; anzusehen. </p>
			<p>Es gab allerdings zu Lebzeiten Ellen Keys in der Nähe Göteborgs eine Schule, deren Gründer und Lehrer sehr bewusst die keyschen Vorstellungen einer Schule und Pädagogik der Zukunft in gelebte Wirklichkeit umsetzen wollten. Diese Schule namens <em>Högre Samskola, </em>auf die wir bereits im Kapitel <em>Ellen Key und die Dichtung</em> kurz eingegangen sind, wurde von einigen Göteborger Honoratioren im Jahre 1901 gegründet und von dem Fabrikanten James Gibson geleitet. Wie sehr diese Schule den Idealen und Träumen Ellen Keys nahegekommen sein muss, wird aus den Schilderungen ersichtlich, die Rainer Maria Rilke verfasst hat, als er im Sommer 1904 sowohl Ellen Key als auch die <em>Högre Samskola</em> besuchte:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Ich weiß, daß es in Deutschland und in Österreich keine solche Schule gibt und vielleicht noch lange keine geben wird; ich weiß, daß dort viele tausend Kinder leiden, wie ich gelitten habe, und noch mehr, und ich weiß auch, daß das nicht nötig ist; denn ich habe eine Schule gesehen, die groß und weit und menschlich ist und dennoch besteht.<footnote start="358">
							<p>Rilke, R.M.: Rilke und die Samskola - Aus den einleitenden Worten, die vor der Verlesung des Aufsatzes &#8222;Samskola&#8220; zu Furuborg gesprochen wurden (1904), in: Rilke, R.M.: Rainer Maria Rilke - Briefwechsel mit Ellen Key, hrsg. v. Theodore Fiedler, Frankfurt am Main 1993, S. 261</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>Rilke war tief beeindruckt von den menschlichen und pädagogischen Qualitäten, die ihm in der <em>Högre Samskola</em> begegnet waren. Für ihn stand fest, dass er damit die Schule der Zukunft realiter gesehen hatte, wie er sie zuvor in <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>als Vision kennen gelernt hatte:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Denn diese Bedeutung scheint mir leise in dem Namen Samskola mitzuklingen: Gemeinschule, Schule für Knaben und Mädchen, aber auch: Schule für Kinder und Eltern und Lehrer. Da ist keiner über dem anderen; alle sind gleich und alle Anfänger. Und was gemeinsam gelernt werden soll, ist: die Zukunft.<footnote start="359">
							<p>Rilke, R.M.: Rilke und die Samskola - Samskola (1904), in: Rilke, R.M.: Rainer Maria Rilke - Briefwechsel mit Ellen Key, hrsg. v. Theodore Fiedler, a.a.O., S. 272</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<pagenumber id="N12DFF" label="297" numbering="arabic" start="297"/>
				<br/>Das 20. Jahrhundert, von dem Ellen Key annahm und hoffte, es möge ein Jahrhundert des Kindes werden, hat sich in der Retrospektive als ein &#8222;Zeitalter der Extreme&#8220; (Eric Hobsbawn)<footnote start="360">
					<p>Hobsbawn, E.: Das Zeitalter der Extreme (1994), München Wien 1995</p>
				</footnote> erwiesen. Weit davon entfernt, die Hoffnungen, Ideale und Visionen zu realisieren, welche Key in ihr Buch bezüglich der Erziehung nicht nur von Kindern, sondern letztlich des gesamten Menschengeschlechts (Lessing) hat einfließen lassen, wurde dieses Säkulum zu einer Epoche, welche durch die Extreme zweier Weltkriege, von Faschismus und Totalitarismus, von Holocaust und Hiroshima geprägt war. </p>
			<p>Obschon also 1900 kein Jahrhundert des Kindes angebrochen ist, hat Ellen Key mit ihrem Buch dennoch wertvolle und in die Zukunft weisende Spuren hinterlassen. Auf ihren Beitrag zur Entdeckung des Kindes und der Kindheit haben wir ebenso wie auf die von ihr ausgehende Beeinflussung der reform- und antipädagogischen Bewegung des 20. Jahrhunderts bereits hingewiesen. </p>
			<p>Über alle pädagogischen Effekte hinaus kann man die Autorin von <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>jedoch auch als eine Schriftstellerin würdigen, der man ein hohes Maß an Humanität und eine bewundernswerte Kraft der Visionen und Utopien bescheinigen darf. In gewisser Weise sind es diese Qualitäten, warum man Ellen Key und ihr Hauptwerk als gelungenes &#8222;Dennoch&#8220; vor dem Hintergrund des humanitären und kulturellen Desasters des 20. Jahrhunderts lesen kann. Etwas von diesen Qualitäten muss auch Rainer Maria Rilke bei der Lektüre von <em>Das Jahrhundert des Kindes</em> empfunden haben, über das er einmal schrieb:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>... dieses Buch, in seiner stillen, eindringlichen Art, ist ein Ereignis, ein Dokument, über das man nicht wird hinweggehen können. Man wird im Verlaufe dieses begonnenen Jahrhunderts immer wieder auf dieses Buch zurückkommen, man wird es zitieren und widerlegen, sich darauf stützen und sich dagegen wehren, aber man wird auf alle Fälle damit rechnen müssen.<footnote start="361">
							<p>Rilke, R.M.: Zwei Rezensionen aus dem Jahre 1902 - Das Jahrhundert des Kindes (1902), in: Rilke, R.M.: Rainer Maria Rilke - Briefwechsel mit Ellen Key, hrsg. v. Theodore Fiedler, a.a.O., S. 249</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
			<p>
				<pagenumber id="N12E2B" label="298" numbering="arabic" start="298"/>
				<strong>Conclusio zur Pädagogik Ellen Keys</strong>
			</p>
			<p>
				<br/>Im folgenden sollen zentrale Gedanken und Forderungen Keys hinsichtlich einer Pädagogik der Zukunft in kurzen und schlagwortartigen Sätzen zusammengefasst werden. Anhand dieser Auflistung wird deutlich, wie sehr die schwedische Reformpädagogin von der Hoffnung und Utopie beseelt war, es werde eine Menschheit kommen, welche &#8211; einem Aphorismus Nietzsches folgend &#8211; tatsächlich die Erziehung als ihre größte und vornehmste Aufgabe begreift.</p>
			<p>
				<ul>
					<li>
						<p>Erziehen heißt, der wirklichen Natur des Menschen Raum geben;</p>
					</li>
					<li>
						<p>die Kunst der Erziehung bedeutet, das Kind mit Baumaterial für seine spätere Persönlichkeit zu versehen, es aber selber bauen zu lassen;</p>
					</li>
					<li>
						<p>ruhig und langsam die Natur sich selbst helfen lassen und dafür Sorge tragen, dass die häuslichen und schulischen Verhältnisse die Arbeit der Natur nicht stören;</p>
					</li>
					<li>
						<p>Erziehen heißt immer: Individualisieren;</p>
					</li>
					<li>
						<p>selbst wie ein Kind zu werden ist die erste Voraussetzung, um Kinder erziehen zu können;</p>
					</li>
					<li>
						<p>Beobachtungsgrabe, Erkenntnisdrang und Selbständigkeit von Kindern zu steigern und nicht zu eliminieren, ist das Ziel jeder Erziehung in Familie und Schule;</p>
					</li>
					<li>
						<p>das große Ziel der Schule lautet: sich selbst entbehrlich zu machen;</p>
					</li>
					<li>
						<p>die familiäre Erziehung und der häusliche Unterricht haben Vorrang vor Kindergarten und Kleinkinderschule;</p>
					</li>
					<li>
						<p>Schulen erziehen dann die Schüler zur höchstmöglichen emotionalen, sozialen und intellektuellen Bildung, wenn sie als Gesamtschule für alle Gesellschaftsklassen konzipiert sind;</p>
					</li>
					<li>
						<p>die Erziehung der Schule soll im neunten oder zehnten Lebensjahr beginnen. Das bedeutet: bis dahin sollen Kinder in Familien nachhaltig und gewissenhaft erzogen und gebildet werden;</p>
					</li>
					<li>
						<p>Erziehen heißt: Verzicht auf Prügel und Strafen aller Art;</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<pagenumber id="N12E82" label="299" numbering="arabic" start="299"/>Erziehung in der Schule: Methodenpluralismus statt Abfragetechnik, freies Literaturstudium, Konzentration auf wenige Unterrichtsfächer, Senkung der Klassenstärke auf zwölf Schüler;</p>
					</li>
					<li>
						<p>Verbannung des Religionsunterrichtes aus der Schule, weil damit der Aufbau einer natürlichen Weltanschauung statt der christlichen Weltdeutung ermöglicht wird;</p>
					</li>
					<li>
						<p>viel Beschäftigung in der freien Natur;</p>
					</li>
					<li>
						<p>Ausgleich zwischen theoretischem Unterricht in der Schule und praktischer Berührung mit der Wirklichkeit des Lebens;</p>
					</li>
					<li>
						<p>der Antiautoritarismus der Erzieher kann erreicht werden, wenn die Erziehung der Erzieher vorangetrieben wird;</p>
					</li>
					<li>
						<p>Ziel der Erziehung I: Autonomie, Authentizität, Kritikfähigkeit, soziales und politisches Engagement sowie emotionale und intellektuelle Bildung des Einzelnen;</p>
					</li>
					<li>
						<p>Ziel der Erziehung II: Überwindung von Patriarchat, Militarismus sowie sozialer und gesellschaftlicher Ungerechtigkeit aller Art.</p>
					</li>
				</ul>
			</p>
			<p>
				<br/>Key wusste durchaus um die utopischen Qualitäten ihrer pädagogischen Vorstellungen für das von ihr ausgerufene Jahrhundert des Kindes. Und gleichzeitig wusste sie um die Notwendigkeit von Utopien, mit deren Hilfe wir einen Teil der Ideale in die spröde Welt der Wirklichkeit einarbeiten:</p>
			<p>
				<blockquote>
					<p>Es ist ... kein Reformplan für die Gegenwart, den ich hier mitgeteilt habe, sondern nur ein Zukunftstraum. Aber Träume sind nun einmal die eigentlichen Wirklichkeiten in unserem wunderbaren Dasein.<footnote start="362">
							<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S. 193</p>
						</footnote>
					</p>
				</blockquote>
			</p>
		</chapter>
	<chapter id="chapter14" label="14.">
			<head>
				<pagenumber id="N12EC8" label="300" numbering="arabic" start="300"/>Zusammenfassende Diskussion</head>
			<p>
				<br/>Wie in der Einleitung ausgeführt, wurde Ellen Key bisher überwiegend in ihrer Rolle als Reformpädagogin sowie als Autorin von <em>Das Jahrhundert des Kindes</em> gesehen und gewürdigt. Diese Wahrnehmung und Einordnung lässt sich schon an der ersten Dissertation über Key nachweisen, die von Erdmann Rudolf Richter unter dem Titel <em>Darstellung und Kritik der pädagogischen Ideen Ellen Keys</em> verfasst und mit der er 1922 in Leipzig promoviert wurde. Auch zwei in den letzten Jahren angefertigte Dissertationen - Reinhard Dräbing: <em>Der Traum vom Jahrhundert des Kindes</em> (Aachen 1989), Verena Spillmann: <em>Erziehungskonzeption für Heim und Schule unter besonderer Berücksichtigung der Rolle der Frau als Mutter bei der schwedischen Pädagogin und Schriftstellerin Ellen Key</em> (Zürich 1992) - beschäftigen sich ausführlich mit den Erziehungskonzepten Keys.</p>
			<p>Derselben Intention dienen Publikationen wie etwa von Sabine Andresen und Meike Sophia Baader: <em>Wege aus dem Jahrhundert des Kindes - Tradition und Utopie bei Ellen Key</em>, Reinhard Dräbing: <em>Ellen Key, Eine Wegbereiterin der modernen Erlebnispädagogik? </em>(1992) oder auch Gabriela Häfner: <em>Ellen Key und das Selbstverständnis Schwedens zwischen Tradition und Moderne</em> (1998). </p>
			<p>Ebenso weist das von Meike Sophia Baader, Juliane Jacobi und Sabine Andresen herausgegebene Buch <em>Ellen Keys reformpädagogische Vision &#8211; &#8222;Das Jahrhundert des Kindes&#8220; und seine Wirkung </em>(Weinheim und Basel 2000) die keysche Reformpädagogik sowie <em>Das Jahrhundert des Kindes</em> als thematische Schwerpunkte auf. Darin untersuchen z.B. Micha Brumlik die <em>Pädagogik des Perfektionismus: Ellen Key</em>, Johannes Bilstein <em>Das Jahrhundert des Kindes in Worpswede</em>, Jürgen Helmchen <em>Ellen Key als &#8222;Zeiterscheinung&#8220; &#8211; Zur historischen Platzierung des &#8222;Jahrhundert des Kindes&#8220; </em>oder Heinz-Elmar Tenorth die <em>Natur als Argument in der Pädagogik des zwanzigsten Jahrhunderts.</em> Diese Publikation stellt Ellen Key sehr umfassend in ihren Konsequenzen für die Pädagogik des 20. Jahrhunderts dar. </p>
			<p>Im deutschsprachigen Raum haben sich in den letzten Jahren vor allem Sabine Andresen und Meike Sophia Baader in wissenschaftlichen Artikeln zu Fragen der Pädagogik und der Definition des Kindes bei Ellen Key geäußert. </p>
			<p>
				<pagenumber id="N12F04" label="301" numbering="arabic" start="301"/>In der wissenschaftlichen wie auch populären Diskussion gilt Key also vorrangig als Reformpädagogin. Die vorliegende Arbeit hat sich in Ergänzung dazu einer Untersuchung der umfangreichen kulturanalytischen und kulturkritischen Facetten im Oeuvre Keys wie auch einer ausführlicheren biographischen Abhandlung, welche auf die Entstehungsbedingungen ihrer einzelnen Veröffentlichungen eingeht, zugewandt. Sie stellt eine biographische und werkanalytische Untersuchung über Ellen Key dar. Mittels biographisch-historischer, phänomenologischer und hermeneutischer Methoden wurden mehrere voneinander abgrenzbare Facetten des Lebenslaufes und des Werkes der schwedischen Reformpädagogin in ihren Beziehungen untereinander wie auch zu den epochalen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen herausgearbeitet.</p>
			<p>Ausgehend von den eingangs formulierten Fragestellungen sollen an dieser Stelle einige der wesentlichen Ergebnisse dieser Arbeit zusammengefasst werden. Die dabei verwendete Gliederung bezieht sich auf diejenige im Kapitel <em>Fragestellungen, Hypothesen und Methoden</em>.</p>
			<p>(a) Inwiefern rezipierte Key die kulturkritischen und -analytischen Schriften der französischen Aufklärung, Goethes und Nietzsches und machte sie für ihre pädagogischen und psychologisch-anthropologischen Konzepte nutzbar?</p>
			<p>
				<br/>Die französische Aufklärung wurde von Key vorrangig hinsichtlich der Schriften von Vauvenargues, Diderot und Rousseau rezipiert und nutzbar gemacht. An Vauvenargues, einem wichtigen Vertreter der Moralistik, schätzte sie dessen charakterliche Eigenschaften der Authentizität, Schlichtheit, Leidenschaftlichkeit und des Lebensmutes. Von ihm übernahm sie dessen anthropologische Grundüberzeugung von der friedfertigen und entwicklungsfreudigen Natur des Menschen.</p>
			<p>Dieser Gedanke wurde auch von Rousseau hochgehalten, von dem die Denkfigur stammt, dass der Mensch aufgrund ungünstiger Kultureinflüsse in problematische und pathologische Richtungen erzogen und beeinflusst werde. Sein Kulturpessimismus ebenso wie sein Ruf &#8222;zurück zur Natur&#8220; und seine &#8222;negative Pädagogik&#8220; leiten sich von seiner Anthropologie her. Bei Key wandelten sich diese rousseauschen Ideen zu einer &#8222;Pädagogik vom Kinde her&#8220;. Den Kulturpessimismus Rousseaus allerdings teilte Key nicht; vielmehr war sie davon überzeugt, dass die Kultur den &#8222;Hebelarm der Erziehung&#8220; (Jean Paul) darstellt.</p>
			<p>
				<pagenumber id="N12F1C" label="302" numbering="arabic" start="302"/>Denis Diderot bewunderte Key vor allem wegen seines Projektes der <em>Enzyklopädie</em>, für dessen Realisierung er universale Bildung ebenso wie Ausdauer und Optimismus benötigte. Insbesondere bezüglich seiner vielfältigen Interessen und &#8222;interdisziplinären&#8220; Vorgehensweisen wurde Diderot zu einem Vorbild für Key, die an ihm ein Modell für ihre eigenen schriftstellerischen Aktivitäten fand.</p>
			<p>An Goethe hat Key besonders dessen Hauptkunstwerk, sein Leben und sein von ihm gestaltetes Dasein, zu schätzen gewusst. Zwar verweist Key mehrfach auf die engen Verwandtschaftsgrade zwischen dem Dichter und Spinoza, von dem er eine pantheistische Weltanschauung übernommen habe; aber ansonsten rühmt sie an ihm sein Werk und seine Existenz, die er ganz aus sich selbst heraus geschaffen und geformt habe.</p>
			<p>Für Keys eigene Konzeptbildung wurde Goethe wichtig hinsichtlich seiner Idee der Metamorphose. Sie interpretierte Goethe als Evolutionist und nutzte ihn damit als Gewährsmann für ihre eigene Pädagogik wie auch für ihr nicht immer explizit formuliertes Menschenbild. An Goethe wollte sie zeigen, dass die naturwissenschaftlichen bzw. biologischen Modelle Darwins auf die kulturellen - also die historischen, sozialen, politischen und psychologischen - Fragestellungen, welche Key zu beantworten suchte, anwendbar sind.</p>
			<p>Nietzsche war für Key der wichtigste Philosoph, mit dessen Werk sie sich immer wieder zustimmend und kritisch auseinander setzte. Ihre Meinungen über und Interpretationen von Nietzsches Philosophie waren von Georg Brandes, Knut Hamsun und August Strindberg mitbestimmt. Vornehmlich beschäftigte sie sich mit den Begriffen des &#8222;Übermenschen&#8220; und des &#8222;Willens zur Macht&#8220;. </p>
			<p>Der erstere Begriff rief aufgrund des radikalen und elitären Individualismus, der sich darin kundtut, bei Key Kritik und Skepsis hervor. Sie plädierte statt dessen für eine &#8222;demokratische&#8220; Form der Entwicklung von Individuen, welche die Mitmenschen viel stärker berücksichtigt, als dies bei Nietzsche der Fall war. </p>
			<p>Den letzteren Begriff interpretierte Key im Sinne ihres monistischen Konzepts des Wachstums der Persönlichkeit. Hiermit vereinnahmte sie die Philosophie Nietzsches ähnlich wie mit einigen Zitaten aus <em>Zarathustra</em> für ihre eigene Anthropologie und Reformpädagogik &#8211; eine nicht selten gewollt wirkende Art der Vereinnahmung und Interpretation.</p>
			<p>
				<pagenumber id="N12F38" label="303" numbering="arabic" start="303"/>(b) Bestand &#8211; ausgehend von ihren pädagogischen sowie psychologisch-anthropologischen Konzepten &#8211; ein Einfluss Keys auf die feministische Bewegung ihrer Zeit?</p>
			<p>
				<br/>Key hat in mehreren Büchern und Artikeln ausführlich zu Fragen des Feminismus und der Frauenemanzipation Stellung bezogen. In <em>Mißbrauchte Frauenkraft </em>vertrat Key keinen egalitären, sondern einen dualistischen Standpunkt bezüglich der Emanzipation von Frauen. Sie war gewillt, den Frauen ihre Rolle als Hausfrau und Mutter weiterhin zuzugestehen. Allerdings sollte die dabei entrichtete Arbeit regulär entlohnt und damit aufgewertet werden - ein Vorschlag, der vorrangig auch von sozialistisch eingestellten Feministinnen favorisiert wurde.</p>
			<p>Einen Überblick sowohl über ihre eigenen Schriften zur Problematik der Frauenfrage als auch über die Emanzipationsbewegung in Europa und den Vereinigten Staaten ganz allgemein hat Ellen Key in ihrem Buch <em>Die Frauenbewegung </em>gegeben. In ihrem Buch unterscheidet Key die &#8222;äußeren Ergebnisse der Frauenbewegung&#8220; von den &#8222;inneren Wirkungen der Frauenbewegung&#8220;. </p>
			<p>Zur ersten Gruppe rechnet sie z.B. die erweiterten Möglichkeiten für Frauen, außerhalb des eigenen Haushalts Arbeit und einigermaßen adäquate Entlohnung für sich zu finden, das Wahlrecht, das Scheidungsrecht oder das Recht auf Ausbildung und Studium. </p>
			<p>Eine besondere Berücksichtigung bei der Darstellung der Geschichte der Frauenbewegung erfuhr bei Key die sozialistische Emanzipationsbestrebung. Die Autorin hielt mit ihrer Sympathie für diese Verbindung von sozialistischen und emanzipatorischen Bestrebungen nicht hinter dem Berg. Vor allem die Namen Clara Zetkin, Lily Braun sowie in England Alys Russell und Beatrice Webb werden von ihr mit Zustimmung zitiert. Kritisch beurteilt Key hingegen die konfessionellen Frauenbünde wie auch manche Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung (Alice Salomon, Gertrud Bäumer und Helene Lange). </p>
			<p>Zu vielen dieser zeitgenössischen Frauenrechtlerinnen empfand Key Distanz, weil deren Argumentation ihrem eigenen Individualismus zuwiderlief; dementsprechend zurückhaltend wurde Key in den Reihen der bürgerlichen Frauenbewegung rezipiert. Große Übereinstimmung bestand hingegen zwischen den emanzipatorischen Ansichten von Beatrice Webb <pagenumber id="N12F53" label="304" numbering="arabic" start="304"/>und Ellen Key, die sich etwa bezüglich der existentiellen Sicherstellung von Frauen (Mutterschaft) manifestierten.</p>
			<p>Ein großer Gewinn der Frauenbewegung ist nach Key der weibliche Einfluss auf Wissenschaft, Philosophie und Kunst. Diese Bereiche der Kultur, in denen Frauen über Jahrhunderte hinweg zuwenig oder gar nicht repräsentiert waren, bedeuten für das weibliche Geschlecht eine Herausforderung und Chance zugleich. Nach Key nämlich können die Frauen beweisen, dass ihre diesbezügliche Inferiorität kulturell und gesellschaftlich determiniert und keine Naturbestimmung war oder ist. </p>
			<p>Viele Frauen haben Key zufolge im Zuge des Feminismus nicht nur Vorteile zu gewärtigen. Es komme zu Überforderungssituationen bis hin zu regelrechten seelischen oder körperlichen Erkrankungen, weil die Betreffenden ihrer Doppel- und Dreifachbelastung durch Familie, Kindererziehung und Berufstätigkeit nicht gewachsen seien.</p>
			<p>Key stellt sich in ihren Texten zur Frauenfrage eine Menschheit vor, in welcher die Verschiedenartigkeit von Mann und Frau nicht aufgehoben, sondern geachtet und als gleichwertig beurteilt wird. Weder männliche noch weibliche Überlegenheit, weder Kampf noch Unterwerfung sollen aus dieser Verschiedenartigkeit der Geschlechter resultieren. </p>
			<p>Vehement wendet sie sich gegen jede Form von Egalitarismus, der ihrer Meinung nach den Frauen wie den Männern Gewalt antun würde. Ebenso lehnt sie die Reduktion individueller Wahlfreiheiten ab, welche den einzelnen Frauen z.B. die Möglichkeit raube, sich zwischen Mutterschaft und Berufstätigkeit entscheiden zu können. Der Individualismus sei allemal höher zu werten als Formen von Egalitarismus oder Kollektivismus, die für Key synonym waren.</p>
			<p>Die Ausführungen Keys zum Feminismus und zur Frauenfrage stießen nicht auf einhellige Zustimmung. Den egalitär eingestellten Feministinnen war sie zu dualistisch, den bürgerlichen Kämpferinnen für die Frauenrechte war sie zu sozialistisch, den idealistisch gesinnten Verfechtern für die Sache der Frauen war sie zu biologistisch und den kämpferisch gegen die Männerwelt und das Patriarchat eingestellten Frauen war sie zu harmoniesüchtig. </p>
			<p>
				<pagenumber id="N12F69" label="305" numbering="arabic" start="305"/>(c) Welche Haltung hatte Key zum Pazifismus?</p>
			<p>
				<br/>Keys weltanschauliche Unabhängigkeit kam besonders hinsichtlich ihres pazifistischen Engagements zum Tragen. Diese Haltung ist um so erstaunlicher, als sie von ihr vor und während des Ersten Weltkriegs entwickelt und vertreten wurde, als europaweit - und selbst unter vielen Intellektuellen - eine antipazifistische oder sogar militaristische Grundeinstellung an der Tagesordnung war.</p>
			<p>Key hat Anfang des 20. Jahrhunderts Bertha von Suttner besucht und über sie und ihr Werk in einer Broschüre <em>Florence Nightingale und Bertha von Suttner - Zwei Frauen im Kriege wider den Krieg </em>(1919) berichtet. Darin kommentiert Key detailliert und zustimmend den Inhalt und die Zielrichtung von <em>Die Waffen nieder! </em>Dieses Hauptwerk Suttners sei zwar kein Kunstwerk, habe aber bahnbrechende Wirkungen weit über den deutschsprachigen Raum hinaus erzielt. Imposant sei etwa die enorme Hellsichtigkeit der Autorin, mit der sie den kommenden Weltkrieg prognostizierte. Auch habe sie sehr klar die verschiedenen Ursachen und Bedingungen analysiert und benannt, welche den Krieg als Mittel der zwischenstaatlichen &#8222;Konfliktlösung&#8220; erst ermöglichen und perpetuieren.</p>
			<p>Neben Bertha von Suttner zitierte Key in ihren Schriften weitere Pazifisten wie etwa Anatole France, von dem sie pazifistisches Gedankengut in ihrem Buch <em>Der Lebensglaube</em> (1906) wiedergab. Auch auf den schwedischen Pazifisten Gustav Björkland ist Key in einem Artikel für die Wiener Zeitschrift <em>Die Friedenswarte</em> (1912) ausführlich eingegangen; insbesondere seine Verknüpfung von Pazifismus und Sozialismus fand ihre Zustimmung.</p>
			<p>Eine besonders intensive Zusammenarbeit bezüglich des Pazifismus ergab sich zwischen Key und Georg Friedrich Nicolai. Dieser war vor allem mit seinem Buch <em>Die Biologie des Krieges</em> (1917) in Europa bekannt geworden; unter den humanistisch und progressiv orientierten Intellektuellen Europas hatte diese Publikation große Begeisterung ausgelöst. Romain Rolland, Georg Brandes, Ellen Key und Fridtjof Nansen bekannten sich öffentlich zu den Thesen und Argumenten Nicolais. </p>
			<p>Aufgrund seiner Kultur- und Gesellschaftskritik geriet der Autor in Deutschland so sehr unter Druck, dass er sich für eine Flucht nach Skandinavien entschied, wo er eine Zusammenarbeit mit Ellen Key anstrebte <pagenumber id="N12F8D" label="306" numbering="arabic" start="306"/>und realisierte. Beide gaben eine Zeitschrift für Frieden und Wiederaufbau heraus, die allerdings nur kurz Bestand hatte.</p>
			<p>Während des Ersten Weltkriegs publizierte Key in den <em>Basler Nachrichten </em>vom 2. August 1916 und im <em>Vorwärts </em>vom 7. August 1916 je einen Aufsatz mit dem Titel <em>Krieg</em>. In diesen Arbeiten vertrat sie einen die Begriffe der Struktur und der Strukturelemente berücksichtigenden Standpunkt zum Thema Krieg und Pazifismus. Sie ging davon aus, dass ein Phänomen wie Krieg bzw. Militarismus als Struktur aufgefasst werden müsse, welche sich aus mehreren Strukturelementen zusammensetzt, wobei diese Elemente sich gegenseitig bedingen und verstärken. </p>
			<p>Als Strukturelemente, welche Kriege vorbereiten, ermöglichen und perpetuieren, benannte Key z.B. den Klerikalismus, übertriebenen Patriotismus, imperialistischen Nationalismus, Militarismus, das Patriarchat sowie den Kapitalismus. Ausgehend von ihrer strukturellen Betrachtungsweise des Krieges postulierte sie bei ihren Überlegungen, wie denn Kriege verhindert und Frieden gesichert werden könne, dass Kulturen und Gesellschaften sich in vielen ihrer Bereiche verändern müssen, wenn sie sich von einer militaristischen zu einer pazifistischen Einstellung und Haltung hin entwickeln wollen. </p>
			<p>Nach dem Ersten Weltkrieg setzte sich Key für die Etablierung eines Völkerbundes ein. Ihre Gedanken dazu fasste sie in einem Zeitungsartikel für die <em>Neue Zürcher Zeitung </em>vom 27. April 1919 zusammen, den sie unter der Überschrift <em>Wie kann der Völkerbund kommen? </em>publizierte. In diesem Beitrag befürwortete sie entschieden die Idee des Völkerbundes. </p>
			<p>Allerdings war Key skeptisch bezüglich der Möglichkeit einer allzu einfachen Konkretisierung dieser Idee. Aufgrund ihrer pädagogischen und psychologischen Erfahrungen und Kenntnisse wusste sie um die Schwierigkeiten der einzelnen Individuen ebenso wie von Gesellschaften, hochrangige Ideale und Werte in der spröden und trägen politischen, gesellschaftlichen und familiären Wirklichkeit der Menschen umzusetzen. Die Frage, wie denn der Völkerbund realisiert und diese Idee Wirklichkeit werden könne, beantwortete die Pädagogin daher mit ihrem eindringlichen Hinweis auf die Notwendigkeit, Menschen dazu erziehen zu müssen.</p>
			<p>
				<pagenumber id="N12FAF" label="307" numbering="arabic" start="307"/>(d) Inwiefern setzte sich Key mit den politischen Debatten um den Sozialismus auseinander?</p>
			<p>
				<br/>Key vertrat (in: <em>Die Wenigen und die Vielen</em>, 1895) die politische und historische Ansicht, dass es in der Menschheitsgeschichte Epochen gäbe, in denen entweder das Selbstgefühl oder das Mitgefühl dominierend seien. Ihr schwebte das Ideal einer Gesellschaftsform vor, die sowohl Solidarität und Mitgefühl als auch die Achtung vor der Individualität und Einzigartigkeit des Menschen gleichermaßen berücksichtigt.</p>
			<p>Jede politische Ideologie oder gesellschaftliche Struktur dürfe und solle Ellen Key zufolge daraufhin beurteilt werden, inwiefern in ihnen sowohl das Mitgefühl als auch das Selbstgefühl zum Tragen kommen. In <em>Die Wenigen und die Vielen </em>untersuchte Key die damals viel diskutierten Modelle des Liberalismus und Sozialismus als wichtige gesellschaftliche Formen des Zusammenlebens auf ihre Möglichkeiten hin, diesen beiden Lebensformen einen entsprechenden Platz einzuräumen. Den Liberalismus wie auch den Sozialismus wählte die Autorin, weil beide - wie sie meint - &#8222;Kinder der Französischen Revolution&#8220; seien und weil sie, Ellen Key, für diese historische Epoche besondere Sympathie aufbringe.</p>
			<p>Ellen Key hat in <em>Die Wenigen und die Vielen </em>vorrangig auf den damals nur von der Theorie her zu beurteilenden Staatssozialismus Bezug genommen und diesen hinsichtlich seiner Werte und Ideale untersucht. Unter Staatssozialismus, den die Autorin in ihrem Text schlicht &#8222;Sozialismus&#8220; nennt, verstand sie vor allem diejenigen Staats-, Wirtschafts- und Gesellschaftsformen, die von Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895) ausgearbeitet oder in Umrissen entworfen worden waren.</p>
			<p>An einer im Rahmen eines Staatssozialismus zu erwartenden zumindest partiellen Entwertung oder Geringschätzung von Individuen, die eine kommunistische Weltanschauung und Gesellschaftsordnung à la Marx und Engels mitbedingen können, übte Key heftige Kritik. Vor allem in ihrem Buch <em>Der Lebensglaube</em> (1906) forderte sie statt dessen eine Form von Sozialismus, welche dem Individuum hohe und höchste Wertschätzung entgegenbringt &#8211; eine Form, welche von Anarchisten und libertären Sozialisten vertreten wurde.</p>
			<p>Von den bekannten libertären Sozialisten des 19. Jahrhunderts zitierte Key zustimmend Max Stirner, den sie in ihrem Text <em>Die Wenigen und die Vielen </em>rühmend hervorhebt und von dem sie ein Zitat ihrem Essay ü<pagenumber id="N12FD3" label="308" numbering="arabic" start="308"/>ber <em>Die Freiheit der Persönlichkeit</em>
				<footnote start="363">
					<p>Key, E.: Die Freiheit der Persönlichkeit, in: Essays, Berlin 1903, S. 95ff.</p>
				</footnote>
				<em/>voranstellte. Außerdem steht zu vermuten, dass sie die Schriften oder zumindest Hauptgedanken von Peter Kropotkin kannte, dem russischen Anarchisten, der von Georg Brandes hoch geschätzt wurde. Kropotkin hat mit seinem Buch über <em>Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt</em> eine überzeugende Polemik gegen Darwins <em>survival of the fittest</em> formuliert und muss von daher für Key eine gewisse Attraktivität besessen haben, die zwar Darwin verehrte, mit seiner These vom Überleben der Tüchtigsten jedoch nicht einverstanden war.</p>
			<p>Noch ein weiterer Schriftsteller diente Key als Orientierung für ihre eigenen libertär-sozialistischen Ansichten: Es war dies Oscar Wilde, der seine diesbezüglichen Positionen in seinem Essay <em>Die Seele des Menschen unter dem Sozialismus</em> (1895) zum Ausdruck gebracht hat. Key kannte diese Schrift, und Wilde selbst schätzte sie als der <em>Fabian Society</em> (Sidney und Beatrice Webb) nahestehend. In Ihrem Essay über <em>Nietzsche und Goethe</em> (1907) ging sie auf den Gedanken Wildes ein, dass der Sozialismus seinem Wesen nach ein realisierter Individualismus zu sein habe.</p>
			<p>In ihrem Essay <em>Die Freiheit der Persönlichkeit </em>(1903) hat Key ein entschiedenes Plädoyer für einen Individualismus gehalten, der an den Belangen und Interessen der Allgemeinheit und Menschheit orientiert ist und gleichzeitig den Auf- und Ausbau der eigenen Person als höchsten Wert deklariert. In dieser Abhandlung versuchte Key einen Brückenschlag zwischen Individuum und Kollektiv. Der Einzelne, den sich Key durchaus im Sinne Max Stirners vorstellte, zeichnet sich durch sehr individuelle Interessen, Neigungen, Antriebe, weltanschauliche Facetten, Entwürfe und Werthorizonte aus. Gleichzeitig verfügt er &#8211; so Key &#8211; über <em>Common sense</em> und Sozialinteresse, so dass die Entwicklung seiner Person nicht in sterilen Egozentrismus mündet. Ähnlich aber wie im Hinblick auf pazifistische Haltungen müssen Menschen auch für eine derart libertär-sozialistische Daseinsgestaltung erst erzogen werden &#8211; so das Resümee Keys zum politisch-gesellschaftlichen Fragenkomplex des Sozialismus.</p>
			<p>
				<pagenumber id="N13001" label="309" numbering="arabic" start="309"/>(e) Welche Positionen vertrat Key hinsichtlich der religiös-atheistischen Debatte ihrer Zeit?</p>
			<p>
				<br/>Viele Äußerungen Keys vermitteln den Eindruck einer atheistischen Weltanschauung, die allerdings von pantheistischen, von Spinoza her inspirierten Gedanken durchsetzt und von einer tief empfundenen Begeisterung für die Natur und das Leben geprägt war, für welche sie den Begriff &#8222;Lebensglaube&#8220; verwendete.</p>
			<p>In <em>Das Jahrhundert des Kindes</em> verweist Key im Zusammenhang mit religiöser Erziehung respektive mit dem Unterricht, welcher auf religiöse Dogmen und Lehrsätze zurückgreift, auf die verdummenden und die Intelligenz der Kinder einschränkenden Effekte, die von einer derartigen Pädagogik induziert werden. An einer Stelle beschreibt sie z.B. die religiösen Sophismen, welche &#8222;die unbestechliche Logik des Kindes abstumpfen&#8220;<footnote start="364">
					<p>Key, E.: Das Jahrhundert des Kindes, a.a.O., S 203</p>
				</footnote>.</p>
			<p>Hellsichtig und kulturkritisch hat Ellen Key in <em>Das Jahrhundert des Kindes </em>angemerkt, dass Curricula, welche von religiösen Dogmen geprägt sind, nicht nur die fragwürdigen Meinungen einiger weniger Lehrer widerspiegeln, sondern durchaus im Sinne der jeweiligen Staaten etabliert werden, die sich davon eine Stabilisierung ihrer meist hierarchisch und autoritär angeordneten Herrschaftsstrukturen versprechen.</p>
			<p>In ihrem Buch <em>Der Lebensglaube </em>(1906) ging Key der Frage nach, aufgrund welcher äußeren und/oder inneren Entwicklungen und Einflüsse Menschen zunehmend in die Lage versetzt werden, sich mit religiösen Inhalten kritisch auseinander zu setzen. Neben den diesbezüglichen Überlegungen Nietzsches, der zu den vehementesten Religionskritikern unter den Philosophen zählt, verwendet Key dabei auch Gedanken von Ludwig Feuerbach (1804-1872). Dieser hatte seine Religionskritik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter das Schlagwort der &#8222;Anthropologischen Reduktion&#8220; gestellt &#8211; eine Denkfigur, welche von Key mit Zustimmung zitiert wurde.</p>
			<p>Key entwickelte in <em>Der Lebensglaube </em>einen analogen Gedanken und ging davon aus, dass vor allem die zunehmende Überzeugungskraft einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung dazu beitragen würde, vielen Menschen den Mut und die intellektuelle Klarsicht zu vermitteln, bei <pagenumber id="N13029" label="310" numbering="arabic" start="310"/>sich und anderen eine anthropologische Reduktion zu initiieren. Dies gelinge beispielsweise den Anhängern der Deszendenz- und Evolutionstheorie von Charles Darwin besonders gut, da in den theoretischen Ausführungen dieses Biologen die Entstehung des Kosmos wie auch des Lebens ohne einen Schöpfergott gedacht wird.</p>
			<p>Ein weiterer Religionskritiker, der zumindest indirekt Einfluss auf Keys Weltanschauung genommen hat, war David Friedrich Strauß (1808-1874). Key plädiert in <em>Der Lebensglaube </em>für einen bestimmten &#8222;Religions-Geschichts-Unterricht&#8220;, welcher den Kindern und Zöglingen ganz im Sinne von Strauß den mythologischen Charakter des Alten und Neuen Testaments nahe bringt und gleichzeitig die Figur Jesu Christi als eine lediglich historische, keineswegs aber göttliche definiert.</p>
			<p>So sehr Key einerseits die kirchlich-religiösen Vorstellungen und Dogmen mitsamt dem damit verbundenen Aberglauben ablehnte und attackierte, so sehr war sie andererseits überzeugt davon, dass es unter den Menschen durchaus religiöse Gefühle gäbe, die wenig oder nichts mit einem Glauben an Götter oder transzendente Wesen, sehr wohl aber mit dem Glauben an das Leben und dessen Prinzipien zu tun habe. Eine derartige Haltung und Einstellung nannte sie &#8222;Lebensglaube&#8220;.</p>
			<p>Als Vorläufer einer derartigen Haltung benannte Key etwa Lao-tse (604-520 v.Chr.), der in seinem <em>Tao-te-king </em>eine Weltsicht entworfen hat, die in gewisser Weise den &#8222;Lebensglauben&#8220; vorwegnimmt. Daneben erwähnte Key in diesem Zusammenhang noch Lukrez (96-55 v.Chr.) sowie den italienischen Naturphilosophen Giordano Bruno (1548-1600). Die Hauptvertreter des Lebensglaubens waren für Key aber Spinoza und Goethe. <em>Deus sive natura </em>- Gott und die Natur sind eins: Diese Formel von Spinoza fand die uneingeschränkte Zustimmung Goethes (und Keys). </p>
			<p>Neben diesen Vorläufern zitierte Key noch den Monismus ihres Zeitgenossen Ernst Haeckel, um ihr Konzept des Lebensglaubens zu untermauern. Die Materie respektive die Biologie tragen nach Haeckel die Prinzipien der Entwicklung des Lebens bis hinauf in die Sphäre des geistigen Daseins in sich, ohne dass Anfang oder Ende denkbar seien. Die Annahme eines Schöpfergottes lehnte Haeckel daher ebenso ab wie die Idee einer lenkenden oder helfenden transzendenten Instanz. Key verwässerte den radikal atheistischen Standpunkt Haeckels jedoch etwas und legierte seine Ansichten mit dem Begriff des (Lebens-) Glaubens. </p>
			<p>
				<pagenumber id="N13045" label="311" numbering="arabic" start="311"/>(f) Welche Beziehungen bestanden zwischen der Psychologie des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts (der akademischen Psychologie, tiefenpsychologischen Psychologie und der Psychoanalyse) und psychologisch-anthropologischen Konzepten Keys?</p>
			<p>
				<br/>Key rezipierte um 1900 vorrangig die psychologischen Theorien von Wilhelm Wundt, Alfred Binet, Paul Flechsig und Emil Kraepelin. Zusammen mit den Texten Wilhelm Preyers und Charles Darwins verknüpfte Key sie zu ihrer eigenen &#8222;Entwicklungspsychologie&#8220;. Die Auswahl dieser Namen lässt erkennen, dass Ellen Key um 1900 in ihren psychologischen Ansichten und Vorstellungen stark von der Experimentalpsychologie sowie den naturwissenschaftlich dominierten Seelenmodellen der Neurologen und Psychiater beeinflusst war.</p>
			<p>Der Entwicklungsgedanke Darwins bildete eine tragende Säule der keyschen Psychologie. Verstärkt durch die preyerschen Schriften entwarf sie ein Menschenbild sowie ein Modell der Seele, welche stark von biologistischen Konstrukten geprägt waren. Dies lag insofern auch nahe, als der Gedanke der Evolution im Bereich der Natur gewisse Parallelen zu demjenigen der Entwicklung des Individuums, genauer noch zur Entwicklungspsychologie des Kindes aufweist. </p>
			<p>Die tiefenpsychologischen Konzepte der Jahrhundertwende (1900) wurden von Key nur indirekt in ihren Schriften prozessiert. Dabei hatte sie durch Georg Brandes, Lou Andreas-Salomé, Poul Bjerre und Alfhild Tamm durchaus theoretischen Zugang zur Psychoanalyse. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass Key bereits 1906 &#8211; also fünf Jahre, bevor sie die Bekanntschaft zwischen Lou Andreas-Salomé und Poul Bjerre gestiftet hatte &#8211; mit den Schriften oder zumindest mit maßgeblichen Gedanken Sigmund Freuds in Kontakt gekommen ist. Zumindest einige Passagen in <em>Der Lebensglaube </em>lassen vermuten, dass Key ihre Ansichten über die Wirkung unbewusster Leidenschaften und Antriebe sehr im Sinne und unter dem Einfluss der Tiefenpsychologie verfasst hat.</p>
			<p>Der Einfluss der philosophisch geprägten Psychologie (z.B. derjenigen Arthur Schopenhauers, Friedrich Nietzsches und Henri Bergsons) auf Ellen Key kam vorrangig in ihrem monistischen Triebmodell zum Ausdruck. </p>
			<p>
				<pagenumber id="N1305D" label="312" numbering="arabic" start="312"/>Darüber hinaus konnte Key aufgrund ihrer Orientierung an den psychologischen Ideen Schopenhauers und Nietzsches für die zentralen Begriffe ihrer eigenen Psychologie &#8211; z.B. Wachstum, organismische und ganzheitliche Entwicklung, Gefühl, Person und Selbsterziehung &#8211; überzeugende Beispiele sowohl hinsichtlich der Biographie als auch des Werkes dieser Gestalten zu zitieren. An ihnen und ihren Texten hat Key mindestens ebensoviel an psychologischen und anthropologischen Erkenntnissen gewonnen wie im direkten Kontakt mit Kindern und Jugendlichen. </p>
			<p>Die daraus entspringende Psychologie Keys war letztlich intuitiver und spekulativer Natur. Sie stand in einem gewissen Widerspruch zu den experimentalpsychologisch geprägten Ansichten und Überzeugungen (z.B. von Binet, Kraepelin oder Wundt), die von ihr jedoch ebenfalls favorisiert wurden. Diese Widersprüchlichkeit zwischen einer geisteswissenschaftlich-philosophisch und intuitiv geprägten und einer naturwissenschaftlich-biologistisch konzipierten Psychologie verspürte Key durchaus, ohne aber in ihren Schriften immer einen gelungenen Ausgleich der dabei zutage tretenden Differenzen realisieren zu können. </p>
			<p>Darüber hinaus war auch die Methode, welche Key anwandte, um Erkenntnisse über die Seele und ihre Entwicklungen beim Kind, Jugendlichen und Erwachsenen zu generieren, eine Mischung aus &#8222;ganzheitlicher&#8220; und Intuitionen förderlicher Beobachtungen einerseits und quasi experimentalpsychologischer &#8222;Laborbedingungen&#8220; andererseits. In moderner Terminologie ausgedrückt könnte man sagen, dass Key eine psychologische Methode und Vorgehensweise der Erkenntnisgewinnung favorisierte, die man als &#8222;Einzelfallanalyse&#8220; oder auch als &#8222;teilnehmende Beobachtung&#8220; bezeichnen könnte.</p>
			<p>Die Defizite im Hinblick auf eine systematisierte Psychologie haben dazu beigetragen, dass Key bezüglich ihrer psychologischen Erwägungen unter den meisten akademischen Psychologen wie auch Tiefenpsychologen kaum rezipiert wurde. So wertvoll, überzeugend und wegweisend einzelne ihrer Gedanken zur Psychologie und Anthropologie auch gewesen sein mögen, so sehr vermisste man bei ihr eine explizite Bezugnahme beispielsweise auf die Tiefenpsychologie und ebenso den Entwurf eines ihre Ideen zusammenfassenden Gesamtkonzeptes der menschlichen Seele. </p>
			<p>
				<pagenumber id="N1306D" label="313" numbering="arabic" start="313"/>(g) Wie gestaltete sich &#8211; ausgehend von der Rezeption der zeitgenössischen Philosophie und Wissenschaft &#8211; die Beziehung Keys zu Rassenhygiene und Eugenik?</p>
			<p>
				<br/>Das nietzschesche Konzept vom &#8222;Willen zur Macht&#8220; sowie vom &#8222;Übermenschen&#8220;, so wie Key es verstand, hat zusammen mit den Evolutionstheorien Darwins und Galtons bei ihr zu einer unkritischen Befürwortung von Rassenhygiene und Eugenik beigetragen.</p>
			<p>Für Key schienen die Ausführungen Darwins oder Galtons hinsichtlich einer &#8222;Veredelung&#8220; der Rasse wie auch des Einzelnen durchaus vereinbar mit den nietzscheschen Überlegungen zum &#8222;Übermenschen&#8220;, wobei Nietzsche damit vorrangig eine kulturelle und nicht eine biologische Höherentwicklung einzelner Menschen gemeint hatte. Diese scheinbare Übereinstimmung war ebenso wie der damals vorherrschende Zeitgeist, der dafür sorgte, dass in vielen Ländern rassenhygienische Grundsätze diskutiert wurden, für die diesbezüglich unkritische Haltung Keys mit verantwortlich.</p>
			<p>Der Evolutionismus ließ Key nicht nur den Gedanken der Entwicklung im Bereich des psychischen und sozialen Lebens eines Individuums ins Auge fassen; ebenso war er dafür verantwortlich, dass die Konstrukte der Heridität bestimmter Charakterzüge und psychosozialer Fertigkeiten wie auch die Idee der sogenannten &#8222;Rassenhygiene&#8220; in ihren Schriften eine gewisse, vom heutigen Standpunkt aus viel zu unkritische Rolle gespielt haben.</p>
			<p>Die Verbindung von Rassenhygiene, Eugenik, Darwinismus und nietzschescher Philosophie hat bei der schwedischen Reformpädagogin tatsächlich dazu geführt, die außerordentlich problematischen Seiten einer darauf fußenden Politik, Ethik und Gesellschaftslehre gering zu achten oder völlig auszublenden. Und des weiteren hatte diese eigentümliche Mischung aus wissenschaftlichen, philosophischen und weltanschaulichen Facetten bei Key zur Folge, dass sie bezüglich ihrer Konzeption der menschlichen Seele stark biologistisch orientierte psychologische und anthropologische Positionen vertrat und formulierte.</p>
			<p>
				<pagenumber id="N13082" label="314" numbering="arabic" start="314"/>Die hier hervorgehobenen Ergebnisse machen deutlich, dass Ellen Key durchaus nicht &#8211; wie in der bisherigen Sekundärliteratur zum überwiegenden Teil geschehen &#8211; als bloße oder hauptsächliche Reformpädagogin eingeordnet werden muss. Vielmehr hat sie sich als bedeutende Kulturanalytikerin und Kulturkritikerin erwiesen; ihre pädagogischen Grundannahmen und Konzepte wurzeln in kulturanalytischen Untersuchungen und münden häufig in kulturkritische Haltungen ein. Die Pädagogin Ellen Key stellt nur <em>eine</em> Facette ihrer Persönlichkeit und ihres Werkes dar ihre Leistungen im Bereich der Erziehungslehre stark von den eben skizzierten Einflüssen und Anregungen aus Philosophie, Dichtung, Psychologie, Anthropologie, Pädagogik, Politik und Geschichte abhängen.</p>
			<p>Neben diesen werkkonstituierenden Einflüssen wurde im Rahmen dieser Untersuchung auch ihrer Biographie gebührende Aufmerksamkeit gewidmet. Dabei interessierten vorrangig ihre vielfältigen Kontakte und Beziehungen zu Künstlern, Intellektuellen, Wissenschaftlern und Philosophen in Europa. Es konnte nachgewiesen werden, dass der zum Teil intensive Austausch zwischen Key und ihren kulturell oftmals sehr schöpferischen Freunden und Bekannten ganz wesentlich die Inhalte ihres Werkes mitbestimmt hat, wie auch umgekehrt die Wirkung mancher Texte Keys auf mit ihr in Kontakt stehende Kulturschaffende aufgezeigt wurde.</p>
			<p>Erst ihre vielschichtigen kulturellen Interessen und weitverzweigten Kontakte haben es Key ermöglicht, ein Werk zu schaffen, welches die Pädagogik in komplexen Zusammenhängen mit anderen Kulturbereichen definiert &#8211; eine Art von Erziehungslehre, die sich (ausgenommen ihre unkritische Haltung zu Fragen der Rassenhygiene und Eugenik) durch ein hohes Maß von Integration vielfältiger wissenschaftlicher und philosophischer Überlegungen und Erkenntnisse auszeichnet.</p>
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	</body>
	<back>
		<bibliography id="N13094">
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				<pagenumber id="N13098" label="315" numbering="arabic" start="315"/>Literaturverzeichnis</head>
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								<workauthor>Nietzsche, F.:</workauthor>
								<worktitle>Sämtliche Briefe, Kritische Studienausgabe (KSA)</worktitle>
								<volume>Band 8</volume>, hrsg. v. <editor>Giorgio Colli und Mazzino Montinari</editor>, <address>München-Berlin</address>
								<pubdate>1986</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Nunberg, H. und Federn, P</workauthor>.: <worktitle>Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (1975 ff.),</worktitle>
								<address>Frankfurt am Main (</address>
								<pubdate>1976</pubdate> ff.)</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Nyström-Hamilton, L</workauthor>
								<worktitle>., Ellen Key. </worktitle>
								<worktitle>Ein Lebensbild</worktitle>. <address>Leipzig </address>
								<pubdate>1904</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Ploetz, C</workauthor>
								<worktitle>.: Der große Ploetz &#8211; Die Datenenzyklopädie der Weltgeschichte</worktitle>, <version>32. Aufl</version>
								<address>., Darmstadt</address>
								<pubdate>2000</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Prater, D.A</workauthor>
								<worktitle>.: Ein klingendes Glas - Das Leben Rainer Maria Rilkes (1986),</worktitle>
								<address>Reinbek bei Hamburg</address>
								<pubdate>1989</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Prater, D.A</workauthor>
								<worktitle>.: Stefan Zweig - eine Biographie (1972),</worktitle>
								<address>Reinbek bei Hamburg</address>
								<pubdate>1991</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<editor>Rammstedt, O.</editor> (Hrsg.): <worktitle>Anarchismus - Grundtexte</worktitle>, <address>Köln</address>
								<pubdate>1969</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<editor>Rattner, J.</editor> (Hrsg<worktitle>.): Jahrbuch für Verstehende Tiefenpsychologie und Kulturanalyse,</worktitle>
								<volume>Band 1</volume>, <address>Wien</address>
								<pubdate>1980</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<pagenumber id="N13B8B" label="321" numbering="arabic" start="321"/>
								<workauthor>Reinert, J.:</workauthor>
								<articletitle>Auf den Spuren von Rainer Maria Rilke in Schweden &#8222;Und plötzlich, da: ein Tor in solche Fernen&#8220;,</articletitle> in: <worktitle>Neues Deutschland</worktitle> vom <cut>02./03. Dezember 2000</cut>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Richter, D.:</workauthor>
								<worktitle>Das fremde Kind - Zur Entstehung der Kindheitsbilder des bürgerlichen Zeitalters</worktitle>, <address>Frankfurt am Main</address>
								<pubdate>1987</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Misc">
								<workauthor>Richter, E.R</workauthor>
								<worktitle>.: Darstellung und Kritik der pädagogischen Ideen Ellen Keys, (unveröffentlichte Dissertation</worktitle>
								<address>), Leipzig</address>
								<pubdate>1922</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Riesman, D</workauthor>
								<worktitle>.: Die einsame Masse (1950)</worktitle>, <address>Darmstadt</address>
								<pubdate>1956</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Rilke, R.M</workauthor>.: <worktitle>Rainer Maria Rilke - Briefwechsel mit Ellen Key,</worktitle> hrsg. v. <editor>Theodore Fiedler</editor>
								<address>, Frankfurt am Main</address>
								<pubdate>1993</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Rilke, R.M</workauthor>
								<worktitle>.: Rainer Maria Rilke - Lou Andreas-Salomé - Briefwechsel (1952)</worktitle>, hrsg. v. <editor>Ernst Pfeiffer</editor>, <address>Frankfurt am Main</address>
								<pubdate>1979</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Rilke, R.M.:</workauthor>
								<articletitle>Verstreute und nachgelassene Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926</articletitle>, in: <worktitle>Werke Band II</worktitle>, <address>Frankfurt am Main</address>
								<pubdate>1986</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Rousseau, J.-J</workauthor>
								<worktitle>.: Emil oder über die Erziehung (1762</worktitle>
								<address>), Paderborn</address>
								<pubdate>1995</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Rüedi, J</workauthor>
								<worktitle>.: Die Bedeutung Alfred Adlers für die Pädagogik - Eine historische Aufarbeitung der Individualpsychologie aus pädagogischer Perspektive</worktitle>, <address>Bern</address>
								<pubdate>1988</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Sainte-Beuve, Ch.-A</workauthor>
								<worktitle>.: Literarische Portraits - Aus dem Frankreich des XVII. bis XIX. Jahrhunderts</worktitle>, <address>St. Gallen</address>
								<pubdate>1949</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Schirmer, A. und Schmidt, R.</workauthor>: <worktitle>Widersprüche - Zur frühen Nietzsche-Rezeption</worktitle>, <address>Weimar</address>
								<pubdate>2000</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">Schlobach, J. (Hrsg.): Denis Diderot, Darmstadt 1992</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Schopenhauer, A.:</workauthor>
								<worktitle>Die Welt als Wille und Vorstellung</worktitle>, <volume>Band II</volume> (1818), <address>Zürich</address>
								<pubdate>1988</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Schubert, B</workauthor>
								<articletitle>.: Schwedens Schüler haben es besser</articletitle>, in: <worktitle>Der Tagesspiegel,</worktitle>
								<cut>18.02.2002</cut>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Schütze, P.: </workauthor>
								<worktitle>August Strindberg</worktitle> (1990), <address>Reinbek bei Hamburg</address>
								<pubdate>1990</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<editor>Seiffert, H. und Radnitzky, G</editor>. (Hrsg.): <worktitle>Handlexikon zur Wissenschaftstheorie (1989),</worktitle>
								<address>München</address>
								<pubdate>1992</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Misc">
								<workauthor>Spillmann, V.:</workauthor>
								<worktitle>Erziehungskonzeption für Heim und Schule unter besonderer Berücksichtigung der Rolle der Frau als Mutter bei der schwedischen Pädagogin und Schriftstellerin Ellen Key, (unveröffentlichte Dissertation)</worktitle>, <address>Zürich</address>
								<pubdate>1992</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Staiger, E.:</workauthor>
								<worktitle>Goethe, Band 1-3 (1952ff.),</worktitle>
								<address>Zürich </address>
								<pubdate>1981</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<pagenumber id="N13D2D" label="322" numbering="arabic" start="322"/>
								<workauthor>Starobinski, J</workauthor>
								<worktitle>.: Montaigne - Denken und Existenz (1982),</worktitle>
								<address>München</address>
								<pubdate>1986</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Starobinski, J</workauthor>.: <worktitle>Rosseau - Eine Welt von Widerständen (1971)</worktitle>, <address>München</address>
								<pubdate>1988</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Steenhoff, H.F</workauthor>
								<worktitle>.: Feminismens moral</worktitle>, <address>Stockholm</address>
								<pubdate>1903</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Tenorth, H.-E.:</workauthor>
								<worktitle>&#8222;Reformpädagogik&#8220; - Erneuter Versuch, ein erstaunliches Phänomen zu verstehen (1992),</worktitle>
								<address>Berlin </address>
								<pubdate>1994</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<editor>Tramer, M</editor>. (Hrsg.): <worktitle>Zeitschrift für Kinderpsychiatrie, XIV. Jahrgang</worktitle>, <address>Basel </address>
								<pubdate>1947-1948</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Valtin, R.:</workauthor>
								<worktitle>Die Welt mit den Augen der Kinder sehen - Der Beitrag der Entwicklungstheorie Piagets zur Grundschulpädagogik (1993)</worktitle>, <address>Berlin </address>
								<pubdate>1996</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Viëtor, K.:</workauthor>
								<worktitle>Goethe. </worktitle>
								<worktitle>Dichtung - Wissenschaft</worktitle> - <publisher>Weltbild</publisher>, <address>Bern</address>
								<pubdate>1949</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Wagner, N</workauthor>: <worktitle>Geist und Geschlecht - Karl Kraus und die Erotik der Wiener Moderne (1981</worktitle>
								<address>), Frankfurt am Main</address>
								<pubdate>1987</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Wehr, G</workauthor>
								<worktitle>.: Gründergestalten der Psychoanalyse. Profile - Ideen - Schicksale</worktitle>, <address>Zürich und Düsseldorf</address>
								<pubdate>1996</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Wehr, G</workauthor>
								<worktitle>.: Martin Buber - Leben, Werk, Wirkung (1977)</worktitle>, <address>Zürich</address>
								<pubdate>1991</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Wilde, O.:</workauthor>
								<worktitle>Sämtliche Werke in sieben Bänden</worktitle>
								<address>, Frankfurt am Main</address>
								<pubdate>2000</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Wuthenow, R. R.</workauthor>
								:
								<worktitle>Diderot zur Einführung</worktitle>
								, 
								<address>Hamburg</address>
								<pubdate>1994</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Yovel, Y.</workauthor>: <worktitle>Spinoza &#8211; Das Abenteuer der Immanenz (1989),</worktitle>
								<address>Göttingen </address>
								<pubdate>1994</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Zeitler, R</workauthor>.: <worktitle>Skandinavische Kunst um 1900</worktitle>, <address>Leipzig</address>
								<pubdate>1990</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Zuelzer, W</workauthor>.: <worktitle>Der Fall Nicolai</worktitle>, <address>Frankfurt am Main</address>
								<pubdate>1981</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Zweig, St.:</workauthor>
								<worktitle>Briefe an Freunde</worktitle>, hrsg. v. <editor>Richard Friedenthal</editor>, <address>Frankfurt am Main</address>
								<pubdate>1978</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Zweig, St.:</workauthor>
								<worktitle>Die Welt von gestern - Erinnerungen eines Europäers (1942</worktitle>
								<address>), Frankfurt am Main</address>, <pubdate>o.J.</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
					<li>
						<p>
							<citation published="yes" workType="Book">
								<workauthor>Zweig, St.</workauthor>: <worktitle>Tagebücher</worktitle>
								<address>, Frankfurt am Main</address>
								<pubdate>1984</pubdate>
							</citation>
						</p>
					</li>
				</ol>
			</p>
		</bibliography>
		<appendix id="N13ED3">
			<head>
				<pagenumber id="N13ED7" label="323" numbering="arabic" start="323"/>Anhang</head>
			<p>
				<strong>Verzeichnis <br/>
				</strong>
			</p>
			<p>(1) Förster-Nietzsche, E.: Einladung an Ellen Key vom 3. April 1905 (Anhang 1)</p>
			<p>(2) Key, E.: Antwortschreiben an Elisabeth Förster-Nietzsche vom 4. April 1905 (Anhang 2)</p>
			<p>(3) Förster-Nietzsche, E.: Einladung zum Nachmittagstee für den 11. April 1905 (Anhang 3)</p>
			<p>(4) Krüger, E.: Mitschrift der Ansprache von Ellen Key im Nietzsche-Archiv Weimar vom 11. April 1905 (Anhang 4)</p>
			<p>(5) Key, E.: Dankschreiben an Elisabeth Förster-Nietzsche vom 14. April 1905 (Anhang 5)</p>
			<p>(6) Key, E.: Postkarten an Elisabeth Förster-Nietzsche vom 15. und 23. September 1905 (Anhang 6)</p>
			<p>(7) Briefwechsel zwischen Ellen Key und Anton Kippenberg, 1904 bis 1908 (Anhang 7)</p>
			<p>(8) Berliner Lokalanzeiger: Ellen Key vor dem Berliner Publikum, 23. Februar 1905 (Anhang 8)</p>
			<p>(9) Schulhof, H.: Ellen Key die Reaktionärin, in: Die Zeit vom 14. März 1905, Wien (Anhang 9)</p>
			<p>(10) Key, E.: Wie kann der Völkerbund kommen?, in: Neue Zürcher Zeitung vom 27. April 1919 (Anhang 10)</p>
			<p>(11) Wolterstorff, M.: Ellen Key, in: Monatsblatt des Deutschen Bundes gegen die Frauenemanzipation, Jahrgang 1915, Nr. 5, 15. Mai 1915 (Anhang 11)</p>
			<p>(12) Key, E.: Ein Vorläufer des wissenschaftlichen Pazifismus, in: Die Friedenswarte, Wien 1912 (Anhang 12)</p>
			<p>
				<pagenumber id="N13F0A" label="324" numbering="arabic" start="324"/>Anlagen.pdf</p>
		</appendix>
		<declaration id="N13F10">
			<head>
				<pagenumber id="N13F14" label="325" numbering="arabic" start="325"/>Erklärung</head>
			<p>Hiermit erkläre ich an Eides statt, dass ich beiliegende Promotionsarbeit selbständig und ohne fremde Hilfe verfasst, andere als die angegebenen Quellen nicht benutzt und die den benutzten Quellen wörtlich oder inhaltlich entnommenen Stellen als solche kenntlich gemacht habe. Die Arbeit wurde anderweitig noch nicht als Dissertation eingereicht. Die dem angestrebten Verfahren zugrundeliegende Promotionsordnung ist mir bekannt.<br/>
			</p>
			<p>Ich bin mit der Aufstellung dieser Arbeit (einschließlich Einsichtnahme und auszugsweiser Fotokopie) in der Dokumentation der Humboldt-Universität einverstanden. Alle übrigen Rechte behalte ich mir vor. Zitate sind nur mit vollständigen bibliographischen Angaben und dem Vermerk &#8222;unveröffentlichtes Manuskript einer Promotionsarbeit&#8220; zulässig.</p>
			<date> </date>
			<p>Katja Mann</p>
		</declaration>
	</back>
</etd>