5 Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Mechanismen der Epileptogenese in der Folge eines experimentell induzierten Status epilepticus. Ein Status epilepticus wurde an erwachsenen Ratten durch kontinuierliche elektrische Stimulation des Tractus perforans ausgelöst. Das Auftreten spontaner epileptischer Anfälle als Ausdruck einer stattgehabten Epileptogenese wurde im Verlauf von acht Wochen nach Status epilepticus mittels Videoüberwachung erfasst. Zur Untersuchung pathophysiologischer Prozesse, die der Epileptogenese zugrunde liegen, wurden ebenfalls in Form einer Verlaufsbeobachtung elektrophysiologische Messungen im Gyrus dentatus durchgeführt. Im Gyrus dentatus erfolgt die erste synaptische Umschaltung der hippocampalen Afferenzen. Die Aktivität der Prinzipalzellen in dieser Struktur unterliegt unter physiologischen Bedingungen einer ausgeprägten inhibitorischen Kontrolle. Durch Analyse von Einzel- und Doppelreizantworten vor und im Verlauf nach Status epilepticus sollten daher Veränderungen der Exzitabilität der Prinzipalzellen und der inhibitorischen Kontrolle in dieser Hirnstruktur beurteilt werden. Zur Beantwortung der Frage, inwieweit die Entwicklung einer Epilepsie und die elektrophysiologisch messbaren Veränderungen von der Dauer des Status epilepticus abhängen, wurden die Untersuchungen an zwei Versuchsgruppen durchgeführt, in denen der Status epilepticus nach einer Dauer von fünf Minuten bzw. drei Stunden medikamentös beendet wurde. Zusätzlich wurden sämtliche Parameter an einer Elektroden- und einer Stimulationskontrollgruppe durchgeführt.

Im Verlauf von acht Wochen nach elektrisch induziertem Status epilepticus
entwickelte sich bei einem Großteil der Versuchstiere eine chronische Epilepsie. Zum spätesten Beobachtungszeitpunkt traten rekurrente spontane Anfälle bei 80 Prozent der Tiere nach einem dreistündigen Status epilepticus und bei 50 Prozent der Tiere nach einem fünfminütigen Status epilepticus auf. Der prozentuale Anteil der Tiere mit epileptischen Anfällen war im Verlauf nach Status epilepticus progredient, so dass auf das Vorhandensein einer initialen anfallsfreien Latenzperiode geschlossen werden kann. Tiere beider Kontrollgruppen zeigten zu keinem Zeit[Seite 117↓]punkt epileptische Anfälle.

Die Inhibition im Gyrus dentatus war eine Woche nach Status epilepticus massiv beeinträchtigt. Dieser Befund war in der 3 Stunden-SSSE-Gruppe ausgeprägter als in der 5 Minuten-SSSE-Gruppe. Im weiteren zeitlichen Verlauf war der Inhibitionsverlust nicht anhaltend: Vier und acht Wochen nach SSSE zeigte sich eine zunehmende Wiederannäherung an die vor dem Status epilepticus erhobenen Messwerte. Dieses Ergebnis war in der 3 Stunden-SSSE-Gruppe einheitlicher als in der 5 Minuten-SSSE-Gruppe.

Die Analyse der Einzelreizantworten, die Rückschlüsse auf die Erregbarkeit der Prinzipalzellen zulässt, ergab die folgenden Ergebnisse: In der 5-Minuten-SSSE-Gruppe fand sich acht Wochen nach Status epilepticus eine signifikante Beschleunigung der Auslösung des Summenaktionspotenzials. Dieses Ergebnis wiederholte sich in der 3 Stunden-SSSE-Gruppe allerdings nicht. Hier zeigte die SAP-Latenz im Verlauf nach Status epilepticus eher unspezifische Veränderungen. Die Amplitude des Summenaktionspotenzials veränderte sich in keiner der Gruppen in signifikantem Maße. In der 5 Minuten-SSSE-Gruppe zeigte jedoch acht Wochen nach Status epilepticus die Mehrheit der Tiere eine teils massive Amplitudenzunahme. In den beiden Kontrollgruppen zeigte keiner der elektrophysiologischen Parameter erhebliche Veränderungen.

Der initial nach experimentellem Status epilepticus aufgetretene Inhibitionsverlust beruht wahrscheinlich auf einem Untergang inhibitorischer Interneurone in der Folge der massiven zeitlich ausgedehnten epileptischen Aktivität. Im weiteren zeitlichen Verlauf kommt es wahrscheinlich zu kompensatorischen Mechanismen wie einer Axonsprossung verbleibender Interneurone und einer Zunahme der Sensitivität von GABA-Rezeptoren. Offensichtlich reichen diese kompensatorischen Mechanismen jedoch nicht aus, um das Auftreten von Anfällen zu verhindern.


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17.01.2005