Arndt, Holger: Einsetzbarkeit und Nutzen der digitalen Spracherkennung in der radiologischen Diagnostik

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Kapitel 6. Zusammenfassung

Die Verwendung des digitalen Spracherkennungssystems SP 6000 als Unterstützung in der täglichen radiologischen Befundung konnte eingehend getestet werden. Schon nach dem Initialtraining konnte mit dem System bei mittleren Fehlerraten von 8,4 - 13,3 % effizient gearbeitet werden ( Tabelle 4 , siehe Seite 32). Grob geschätzt bedeutet dies ein falsch erkanntes Wort pro Satz. In der weiteren Entwicklung (nach der zweiten und dritten Adaptation) stellte sich eine durchschnittliche Erkennungsrate von ca. 98 % (entspricht einer Fehlerrate von 2 %) ein ( Tabelle 7 , siehe Seite 38). Die Menge der Diktate mit einer Erkennungsrate von 100 % lag nach der zweiten und dritten Adaptation zwischen 30 % und 40 % ( Diagramm 9 , Seite 38; Diagramm 11 , Seite 39), d.h. 30 - 40 % der Diktate benötigten nur eine Kontrolle, jedoch keine Korrektur. Im Vergleich der Befundungszeit mittels der digitalen Spracherkennung mit dem konventionell geschriebenen Befund konnte abhängig von der individuellen Tastarturfertigkeit kein genereller Zeitvorteil des normalen schriftlichen Befundens ermittelt werden ( Diagramm 16 und Diagramm 17 , Seite 48). Für die meisten Radiologen sollte der Zeitgewinn jedoch bei der Nutzung des Spracherkennungssystems liegen. Außer dem individuellem Zeitvorteil besteht jedoch auch ein erhöhter Befundungskomfort, da der Blick nicht von den Aufnahmen abgewandt werden muß.

Nicht untersucht wurde die Möglichkeit, die Korrektur der erkannten Texte zentral von einer Sekretärin durchführen zu lassen. Insbesondere der Einfluß auf die Korrekturzeit und auf die Entwicklung der individuellen Fehlerrate wäre interessant.

Zur Entscheidung, auf welche Art ein Befund optimal erstellt werden kann, müssen Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen werden. Die Vor- und Nachteile des Schreibens und des konventionellen Diktates wurden bereits in der Einleitung erläutert. Nach unseren Erfahrungen hat das Spracherkennungssystem SP 6000 viele Vorteile:

Es gibt natürlich auch Nachteile des Systems:

Gerade Kollegen, die über längere Zeit Erfahrungen mit der konventionellen Diktiertechnik gemacht und ihren eigenen Diktierstil gefunden haben, werden sich mit den strengen Konventionen des SP 6000 schwer anfreunden können.

Nicht nur die Vor- und Nachteile einer Befundungstechnik bestimmen den Einsatz. Auch situative Gegebenheiten müssen bei dem Einsatz berücksichtigt werden.


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So läßt sich das Diktieren (auch konventionell) trotz der maßgeblichen Vorteile nicht ausnahmslos favorisieren. In vielen Situationen ist eine Diktatbefundung durchaus vorstellbar, z.B. könnte der Arzt während der Durchführung der Ultraschalluntersuchung die Befundung vornehmen. Dieses Vorgehen hätte den Vorteil der sofortigen Befunderstellung. Da aber häufig Patienten zur Erstdiagnostik z.B. bei Tumorleiden sonographisch untersucht werden, könnten die Patienten durch die mündliche Befundung während der Untersuchung (auch bei einem nicht pathologischen Befund) stark verunsichert bzw. geängstigt werden. In unserem Institut ist von der arbeitsorganisatorischen Seite eine diktierende Befundung in der Ultraschalldiagnostik auch aus einem anderen Grunde nicht möglich. In dem Ultraschalluntersuchungsraum befinden sich zwei Ärzte. Während der eine Arzt die aktuelle Untersuchung vornimmt, befundet der zweite Arzt die vorhergehende Untersuchung, so daß im Wechsel befundet und untersucht wird. Außer dem störenden Einfluss auf die laufende Untersuchung wäre der Datenschutz nicht gewährleistet, da der Patient den Befund der vorherigen Untersuchung mit anhören könnte.

Unter Betrachtung der ermittelten Ergebnisse kann das digitale Spracherkennungssystem SP 6000 als vorteilhafte Alternative zur schnellen Erstellung radiologischer Befunde angesehen werden. Durch die Hybridfunktion des Diktat-PC’s, der als konventionelle Diktierstation, zur Spracherkennung und zum normalen Schreiben genutzt werden kann, bietet sich das SP 6000 für jede Art der Befunderstellung an.

Aus unserer Sicht gibt es verschiedene Möglichkeiten der Verbesserung des Systems. Günstig wäre eine systemeigene Überwachung der angefallenen Diktatzeiten der einzelnen Nutzer, so daß bei Erreichen einer einstellbaren Zeit das akustische Training automatisch gestartet werden kann. Ähnlich könnte mit der Vokabelaktualisierung verfahren werden; nachdem eine bestimmte Anzahl neuer Worte erfaßt worden ist, könnte die Vokabelaktualisierung durchgeführt werden. Im Rahmen der Weiterentwicklung des Systems wurde bei Philips ein mobiles digitales Diktiersystems entwickelt. Mit einem derartigen Diktiersystem hat man die Möglichkeit, mobil erstellte Diktate an den Diktat-PC’s direkt (über eine digitale Schnittstelle) in das Spracherkennungssystem zu übertragen.

Der Optimismus, der in der Literatur ( 11 , 49 ) im Zusammenhang mit der Entwicklung und dem Einsatz der digitalen Sprachverarbeitung in der Medizin zu finden ist, wird von uns geteilt. Wenn man davon ausgeht, daß die stürmische Entwicklung der Mikroelektronik, Prozessortechnik und auch der künstlichen Intelligenz weiter anhält, so ist durchaus vorstellbar, daß auch bei komplexen Spracherkennungssystemen wie dem SP 6000 die Hürde der Sprecherabhängigkeit überwunden werden wird.


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