Beier, Barbara: Der nicht natürliche Tod und andere rechtsmedizinische Sachverhalte in den deutschen Volksmärchen unter besonderer Berücksichtigung der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm

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Kapitel 1. Einleitung

Die Forderung an die Naturwissenschaften, über ihre Beziehung zu Wirklichkeit und Kunst zu reflektieren, bildet die Motivation für diese Arbeit, die sich mit dem nicht natürlichen Tod und seinem Stellenwert in der Volksdichtung beschäftigt.

In einer Gesellschaft, in der sich der natürliche Tod verstärkt in geschlossenen Räumen vollzieht, der nicht natürliche Tod aber im alltäglichen Informationsangebot überbetont wird, können die Menschen immer weniger mit diesem Thema umgehen.

Es bedarf einer Fortführung des Meinungsaustausches über Tod und Gesellschaft, Medizin und Kultur. In Anbetracht der steigenden Gewaltbereitschaft in Korrelation zu sozialen Problemen, besonders auch unter Jugendlichen, spielt der nicht natürliche Tod eine immer wichtigere Rolle.

Das Thema der Arbeit schließt viele Fachgebiete ein. Volkskunde, Kulturwissenschaften, Literatur und Kunst, Rechts- und Medizingeschichte treten mit der Rechtsmedizin in einen interdisziplinären Austausch. In dieser Arbeit werden Märchenmotive von zwei oder gar mehr Seiten betrachtet und erhalten dadurch eine neue Dimension. Dies kann für jeden Wissenschaftszweig zu neu gewonnenen Perspektiven führen.

Die Volkskunde und Literaturwissenschaft bieten eine analytische Forschungsmethode - den geographisch-historischen Vergleich der Märchenmotive -, durch die dem Mediziner die Volksdichtung als Quelle der Vorstellungskraft und Phantasie der Bevölkerung eröffnet wird.

Vom Rechtsmediziner werden oft Aussagen über Todeszeit, Todesursache und Hergang des Tötungsverbrechen verlangt. Mit einer gründlichen Untersuchung des Leichnams gibt er wichtige Anhaltspunkte zur Rekonstruktion des zum Tode führenden Geschehens. Die Auswahl der Märchen und Motive im Hinblick auf den nicht natürlichen Tod und ihre rechtmedizinische Interpretation mögen bisherige germanistische Deutungen sinnvoll ergänzen. Eine rein forensische oder germanistische Textanalyse, ohne historische Parallelen hinzuzuziehen, würde diese Untersuchung stark einengen.

Aus den Erkenntnissen der Kulturwissenschaften, im Besonderen auch der Märchenforschung, kann die Medizin Persönlichkeitsstrukturen und Verhaltensweisen von literarischen und historischen Tätern und Opfern ermitteln, deren Grundzüge auch für Schmerz, Leiden, Sterben und Tod in der Gesellschaft der Gegenwart Geltung besitzen.

Die Volksdichtung kann Maßstäbe setzen und Anregungen geben, den nicht natürlichen Tod in der Gesellschaft durch den Vergleich von gestern und heute zu thematisieren. Märchen können daher einen wichtigen Fun-


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dus realer Lebenserkenntnis einer Bevölkerung in ihrer soziokulturellen Umgebung darstellen.

Die Arbeit befaßt sich mit den Formen des nicht natürlichen Todes und weiteren rechtsmedizinischen Sachverhalten wie Leichenerscheinungen, Scheintod, Identifizierung von Personen und Leichen, Selbstverstümmelung und Spuren von Tätern und Opfern in den deutschen Volksmärchen. Rechtsmedizinische Zusammenhänge von Ursache und Wirkung werden nach ihrer Gültigkeit in den Märchen hinterfragt. Wie werden beispielsweise Gewaltwirkungen auf äußere Erscheinungsbilder betroffener Märchenfiguren, Tötungsgeschehen und Tatwerkzeuge dargestellt? Inwiefern entsprechen Schilderungen der Tatbestände und ihre Bewertung im Märchen auch historischem Rechtsverständnis? Was unterliegt den epischen Gesetzen des Märchens?

Dieser Arbeitsanspruch impliziert auch eine medizin- wie rechtshistorische Annäherung an das Thema wie z.B. in den Kapiteln ”Scheintod“, ”Tötung von Kindern“ und ”Todesstrafe“.

Die Arbeit beinhaltet keine psychologischen oder psychoanalytischen Interpretationen von Märchenfiguren und ihrem Verhalten. Ebenso kann die zur Rechtsmedizin gehörende Sexualpathologie nicht berücksichtigt werden.

Rechtmedizinische Ansätze, die in unserem kulturellen Erbe Aspekte des gewaltsamen Todes aufzuspüren suchen, sind keine Seltenheit mehr. Immer wieder gehen Autoren bis zu den Anfänge der bildenden Kunst, Literatur, griechischen Mythologie und anderen frühen Zeugnissen der europäischen Kultur zurück.

Der Rechtsmediziner Wolfgang Schwerd vergleicht in seiner Arbeit ”Gedanken zur Darstellung des gewaltsamen Todes in der Kunst“ (1988) bedeutende Kunstwerke von der Antike bis zur Moderne.

Der Philologe Hellmut Sichtermann untersucht in ”Der gewaltsame Tod in der antiken Kunst“ (1988) bekannte Todesthemen der griechisch-römischen Mythologie und findet Parallelen in der darstellenden Kunst der Antike.

In ihrem Beitrag ”Der gewaltsame Tod im Opernwerk“ (1987) erstellen die Leipziger Rechtsmediziner D. Lindner und W. Schollmeyer eine Statistik, die in 70 Werken 117 Fälle eines gewaltsamen Todes registriert.

”Der geisteskranke Sittlichskeitsverbrecher Moosbrugger in Musils ‘Mann ohne Eigenschaften’“ (1990) ist für den Lübecker Medizinhistoriker Dietrich von Engelhardt Anlaß, über die Funktion der Literatur und Kunst für die Medizin zu referieren. Die Verbindung von Medizin, Recht und Ethik ist in besonderem Maße durch die Rechtsmedizin verkörpert.


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Neben den Germanisten und Volkskundlern haben sich auch Juristen mit den deutschen Volksmärchen beschäftigt. Jörg Michael Günther beleuchtet in seinem Buch Der Fall Rotkäppchen (1990) die Gesetzesübertretungen der Märchenfiguren und interpretiert sie nach heutigem Rechtsverständnis.

Bereits 1910 schrieb Erich Wulffen, ebenfalls Jurist, die Abhandlung ”Das Kriminelle in den deutschen Volksmärchen“. Er ging der Frage nach, ob im Märchen ein kriminelles Anstiftungspotential zu verbrecherischen Taten liegt, und belegte einige Aspekte dieser Frage mit Beispielen. So bei einer zu seiner Zeit aktuellen Begebenheit, bei der ein Bauernjunge, der beim Schweineschlachten zugeschaut hatte, seiner kleinen Schwester das Messer in den Hals stach: ”‘Will sehen, ob Marie auch so schreit wie das Schwein.’“ Schlußfolgernd sah Wulffen in den Märchen und auch in den ”religiösen Episoden“ einen ”kriminellen Anreiz auf veranlagte Naturen“ ((1910) 366-367).

Nicht nur in der Medizin werden analytische Untersuchungsmethoden angewandt, sondern auch in der Germanistik. Um dem enormen Quellenmaterial gerecht zu werden, ist zur Textuntersuchung die ”geographisch-historische Forschungsmethode“ der Literaturwissenschaft benutzt worden. Diese Vorgehensweise bezieht sich auf ein ausgewähltes Motiv im Märchen, vergleicht es in seiner regionalen Verbreitung, und sagt aus, wie konstant dieses Motiv in allen gleichlautenden Märchen einer Region auftritt. Diese Arbeit zieht ausschließlich deutschsprachige Volksmärchen zur Textauswahl heran. Auf Grund des großen Bekanntheitsgrades wird verstärkt auf die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Jakob und Wilhelm Grimm (=KHM) eingegangen.

Die Textzusammenstellung unterlag rein rechtsmedizinischen Gesichtspunkten. Die Darstellungsweise und Systematik der ausgewählten Themen entspricht dem konzeptionellen Gerüst der Sach- und Lehrbücher der Rechtsmedizin wie z.B. Praxis der Rechtsmedizin für Mediziner und Juristen von Balduin Forster (1986), Gerichtliche Medizin von Berthold Mueller (1975), Forensische Medizin von Otto Prokop und Werner Göhler (1975), Vademecum Gerichtsmedizin von Wolfgang Reimann, Otto Prokop und Gunther Geserick (1990), Rechtsmedizin. Lehrbuch für Mediziner und Juristen von Wolfgang Schwerd (1992), Atlas der Gerichtsmedizin von Wolfgang Maresch (1988), Atlas der Gerichtlichen Medizin von Otto Prokop und Georg Radam (1987) und Farbatlas der Rechtsmedizin von Volkmar Schneider (1991).

Es hat sich als nützlich erwiesen, die Märchenmotive den klassischen rechtsmedizinischen Themen zuzuordnen.


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