Beier, Barbara: Der nicht natürliche Tod und andere rechtsmedizinische Sachverhalte in den deutschen Volksmärchen unter besonderer Berücksichtigung der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm

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Kapitel 2. Märchen als literarische Gattung

Die Märchen als eine Gattung der erzählenden Volksdichtung gehören zum allgemeinen weltweiten Kulturgut. Der Zeit der Romantik ist es zu verdanken, daß sie gesammelt, aufgeschrieben, gedruckt und in schönen, oft reich verzierten Büchern herausgegeben wurden. Der deutsche und auch europäische Sprachraum besitzt eine Vielzahl dieser Sammlungen. Jede von ihnen hat ihre eigene Entstehungsgeschichte.

Oft entschieden Absicht und Wissen der Sammler - Dichter, Germanisten, Volkskundler -, ihre Herkunft aus einer Region oder auch zufällige Begegnungen, ob ein Märchen aufgenommen wurde und welche Stelle es innerhalb der Sammlung einnahm. Immer jedoch gaben sie die Herkunft der Erzählungen in anhängigen Anmerkungen an.

Neben Ludwig Bechstein (1801-1860)<1>, Johann Karl August Musäus (1735-1787)<2> oder gar Wilhelm Busch (1832-1908)<3> taten dies auch die Brüder Jacob Grimm (1785-1863)<4> und Wilhelm Grimm (1786-1859)<5>. Die noch zu Lebzeiten der Grimms erschienenen großen und kleinen Ausgaben dokumentieren gut den Werdegang der Kinder- und Hausmärchen. Nicht jedes Märchen stand durchgehend in allen Ausgaben an gleicher Stelle. Die beiden Brüder versahen jeden Märchentext mit einer Nummer, und in den ”Anmerkungen zu den einzelnen Märchen“ konnte man über die Quelle und Varianten der jeweiligen Märchen nachlesen.

Für die wohl beliebteste und bekannteste Sammlung, die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, hat sich seit der großen Ausgabe von 1857 die Zitierweise des Titels als Abkürzung ”KHM“ eingebürgert. Der Platz eines Märchens innerhalb der Sammlung ist durch eine Ziffer aus-


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gewiesen, z. B. ”Sneewittchen“ KHM 53. Dieser Zitierweise folgt die Arbeit bei den Textbelegen.

Nun ist die mündliche Volksdichtung auch internationales Kulturerbe, dessen Bewahrung und Erschließung einer allgemeinverständlichen Ordnung bedurfte. Antti Aarne (1867-1925) und Stith Thompson (1885-1976) (= AaTh) waren als Literaturwissenschaftler und Volkskundler nicht die ersten, aber Aarne schuf mit seiner 1910 veröffentlichten Systematik der vergleichenden Märchenforschung einen Ordnungskatalog, auf den Thompson 1961 aufbaute und der heute noch so am gebräuchlichsten ist.

Das System Aarnes teilt die Märchen in drei große Gruppen ein: I. Tiermärchen, II. Eigentliche Märchen, III. Schwänke. Die Gruppe II der ”Eigentlichen Märchen“ wird in vier weitere Untergruppen aufgeteilt: A. Zaubermärchen, B. Legendenartige Märchen, C. Novellenartige Märchen, D. Märchen vom Dummen Teufel (Enzyklopädie des Märchens (=EM), ”Aarne, Antti Amatus“ 1: 1-4).

Indem Aarne die Gattungen mit Erzähltypen verband und jedem Typ eine Nummer gab, machte er sein Märchenverzeichnis international vergleichbar und anwendungsbereit. So ist zum Beispiel in dem Märchen vom ”Fundevogel“ (KHM 51) der AaTh-Typ 313, 314 -> ”Magische Flucht“ vertreten: der Verfolger wird durch drei nach hinten geworfene Gegenstände aufgehalten.

1961 ergänzte Thompson diesen Märchentypenkatalog wesentlich, indem er die Motive in kleinere und weniger gattungsbedingte Bauelemente der Volkserzählung ordnete und erweiterte ihn gleichzeitig, da viele Märchenmotive und -sujets auch in anderen erzählenden Gattungen (z. B. Sagen, Legenden, Schwänken) vorkommen. Jedoch gibt es bis heute kein gültiges Klassifikationsprinzip der Erzählüberlieferungen der ganzen Welt.

Auf dem Weg dorthin wird noch viel Forschungsarbeit zu leisten sein. Eine zentrale Forschungseinrichtung in Deutschland bildet die Arbeitsstelle der Enzyklopädie des Märchens (= EM) der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, die zugleich Sitz und Archiv der Redaktion ist. Unter der Leitung von Rolf Wilhelm Brednich sammeln und bearbeiten die wissenschaftlichen Mitarbeiter Erzähltexte, Monographien und Sekundärliteratur, um die Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung zu veröffentlichen. Dieses umfassende Werk wurde von Kurt Ranke (1908-1985) begründet und wird seit einigen Jahren von Rolf Wilhelm Brednich et al. herausgegeben.

Die in der vorgelegten Arbeit benutzten Märchen konnten im Großregister der EM, geordnet nach den AaTh-Erzähltypen, eingesehen werden.


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Antti Aarne und Stith Thompson folgten bei der Aufstellung des Märchentypenkatalogs der ”geographisch-historischen Methode“. Diese vergleichende Forschungsmethode<6> untersucht die Motive in ihrer geographischen Verbreitung und in ihrer Konstanz innerhalb des Märchentyps. Unter Benutzung dieser Arbeitsweise der literarischen Volkskunde trifft die Arbeit auch Aussagen über die Verteilung und Anzahl der Motive im vergleichenden Überblick der bearbeiteten Märchen. Die gewählten Motive entsprechen dem rechtsmedizinischen Ansatzpunkt der Fragestellung.

Zum anderen erfolgt eine besondere Berücksichtigung der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Trotz der gleichberechtigten Vielfalt der Märchensammlungen sind sie auf Grund ihrer Dominanz im deutschen Sprachraum ausgewählt worden. Neben dem Vergleich von Märchen aus den unterschiedlichsten deutschsprachigen Regionen wird auf die Erzählungen der KHM<7> immer wieder gesondert eingegangen.

Das Märchen wird mündlich im Volk überliefert. Als Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit ist es ”eine kurze Erzählung von phantastisch-wunderbaren Begebenheiten..., die nicht wirklich geschehen, ... . Was im Märchen erzählt wird, ist überall und nirgends geschehen, jederzeit und nie“ (Handwörterbuch des Aberglaubens (=HdA), ”Märchen“ 5: 1597-1599).

Bei den Brüdern Grimm ist das Märchen ”poetischer“, im Gegensatz zur Sage, die als ”historischer“ gesehen wird. (Grimm, Deutsche Sagen (1816) Vorrede). Grundsätzlich fassen sie den Begriff für ihre KHM weiter, grenzen die Gattungen untereinander weniger ab. Sie schließen die Tiergeschichten, Fabeln, Legenden, Ätiologien, Sagen, Novellenstoffe, Schwänke, Kettenmärchen und andere ein. In den folgenden Kapiteln ist der Einfachheit halber dieser weitgefaßte Begriff der Märchen zu Grunde gelegt.

Die Frage nach dem Wirklichkeitsbezug der Volkserzählung stellt sich für jeden, der über Märchen und ihre Bedeutung für uns forscht. ”Jeder Wissenschaftszweig, der sich mit dem Märchen beschäftigt, hat seine eigene spezifische Wirklichkeitsfrage“, schreibt der Literaturwissenschaftler Lutz Röhrich in Märchen und Wirklichkeit ((²1964) 3). Diese Wirklichkeitsfrage wird in großem Maße vom Menschen getragen: Kann und konnte der Mensch als Märchenrezipient das Erzählte für die Wahrheit halten? Gibt das Märchen eine reale Darstellung seiner Entstehungszeiten wieder? Die Einstellung zu dieser Frage unterlag bis heute einem großen Wandel.


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”Jedes Volksmärchen ist noch irgendwie mit der Wirklichkeit verbunden. ... So ist das Volksmärchen phantastisch und realistisch zugleich, und diese Mischung macht einen wichtigen Teil seines Wesens aus“ (Röhrich, Märchen und Wirklichkeit (²1964) 3). Auch diesem Aspekt geht die Untersuchung in den nächsten Kapiteln unter dem Blickwinkel der Rechtsmedizin nach.

Früher war es selbstverständlich, wenn Großeltern im Kreise der Familie starben und alle Familienmitglieder anwesend waren. Auch kleineren Kindern blieb der Anblick von Leichen nicht erspart. Seit dem Mittelalter waren die Menschen von Kindheit an mit dem Tod vertraut. Er hatte nichts Erschreckendes mehr. Als erlebte Realität bedurfte der natürliche Tod keiner Details im Märchen.

Der Tod ist im Märchen fast immer ein nicht natürlicher bis auf die wenigen Ausnahmen, wenn z.B. die Eltern des Märchenhelden sterben. Dann jedoch steht der natürliche Alterstod meist im Dienst des positiven Märchenprinzips (Lox, Todesgestaltung in den KHM (1986) 53; Röhrich, Vom Kirchhof zum Friedhof (o.J.) 2: 90). Die Eltern sterben entweder am Beginn des Märchens, der Held wird dann erst als Stief- oder Waisenkind zu einem echten Helden, oder am Schluß, der alte König dankt ab, damit der Junge das Reich regieren kann.

Des weiteren sei noch auf andere nicht natürliche, aber märchenhafte Todesarten hingewiesen: den Tod als Verwandlung in Tiere, Steine oder häßliche Gestalten; den Tod als Schlaf und den Tod allein durch das Sich-Befinden an märchenhaften Totenorten wie Brunnen, Wäldern, Bergen oder verwunschenen Schlössern (Lox, Todesgestaltung in den KHM (1986) 5). Im Folgenden überschneidet sich der ”wirkliche“ Tod mit dieser stark märchenhaften Verwandlung, entsprechend der Märchenbeispiele.


Fußnoten:
<1>

Ludwig Bechstein war herzoglicher Bibliothekar und Hofrat in Meiningen. Er veröffentlichte u.a. fünf große Sagen- und drei Märchensammlungen. Die meisten dieser Texte bezog er aus Thüringen, Böhmen und Franken.

<2>

Johann Karl August Musäus war Schriftsteller und engagierter Literaturkritiker und arbeitete für die Fachschrift ”Allgemeine Deutsche Bibliothek“. 1782-1786 erschienen seine ”Volksmährchen der Deutschen“ in fünf Bänden.

<3>

Wilhelm Busch war Dichter, Zeichner und Maler. Die Geschichte von ”Max und Moritz“ erschien 1865 in München und begründete seinen Ruhm. Zwischen 1853 und 1856 sammelte er Märchen, Sagen, Schwänke und Lieder aus seiner niedersächsischen Heimat, die jedoch erst 1910 nach seinem Tod veröffentlicht wurden.

<4>

Jacob Ludwig Carl Grimm, Mitbegründer der deutschen Philologie, Märchen-, Sagen-, Rechts- und Mythenforscher, studierte Recht in Marburg. Nach seiner Zeit als Bibliothekar in Kassel stellte ihn die Universität Göttingen, zusammen mit seinem Bruder Wilhelm, 1830 als Bibliothekar und Professor ein. 1837 wurde er wegen führender Teilnahme am Protest der ”Göttinger Sieben“ des Landes verwiesen. 1840 berief ihn die Königliche Preußische Societät der Wissenschaften als Mitglied.

<5>

Wilhelm Carl Grimm, Mitbegründer der deutschen Philologie und der vergleichenden Erzählforschung, studierte ebenfalls Recht in Marburg. Wie sein Bruder war er in kurfürstlicher Stellung als Bibliothekar in Kassel. Auch er wurde wegen Beteiligung am Protest der ”Göttinger Sieben“ seines Amtes als Bibliothekar und Professor an der Göttinger Universität enthoben. Seit 1841 war er Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Berlin.

<6>

Mit der historisch-vergleichenden Methode begründeten Jacob und Wilhelm Grimm nicht nur die Germanistik, sondern prägten auch die moderne Philologie.

<7>

Viele Beiträger für die KHM kamen aus Hessen und Westfalen, insgesamt jedoch bezogen die Brüder Grimm ihre Erzähltexte aus verschiedenen mündlichen und schriftlichen Quellen.


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