Beier, Barbara: Der nicht natürliche Tod und andere rechtsmedizinische Sachverhalte in den deutschen Volksmärchen unter besonderer Berücksichtigung der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm

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Kapitel 3. Thantologische Aspekte

3.1. Zeichen des Todes und Leichenerscheinungen

Die klassische Einteilung der Todeszeichen beginnt zunächst mit der Unterscheidung der sicheren und unsicheren Anzeichen. Die unsicheren Zeichen beruhen auf dem Kreislauf- und Atemstillstand. Da bei Prüfung dieser Zeichen durchaus die Möglichkeit besteht, daß der Betreffende noch lebt oder wieder lebendig wird (Vita minima, klinischer Tod), hat es in der Rechtsmedizin, historisch gesehen, des öfteren als sicher angesehene Handlungsempfehlungen (Spiegel-, Feder-, Siegellackprobe) gegeben. Aber gerade diese Proben haben sich schließlich als unzuverlässig erwiesen.

”Das Erstarren der Glieder, scheinbares Aufhören des Herzschlages und des Athmens, sowie Bewußtlosigkeit sind allein noch keineswegs sichere Zeichen der Todes“ (Rühlemann, Album für Krankenträger, Verwundetentransport und erste Hilfe im Kriege (1890) 39). Das Thema der ”sicheren Anzeichen des Todes“ ist eng mit dem ”Scheintod“ verbunden, nicht nur im Märchen.

Als markantes Märchenbeispiel ist auf ”Sneewittchen“ (KHM 53) im Kapitel ”Scheintod“ zu verweisen. Trotz Blässe der Heldin durch eventuelles Kreislaufversagen ergibt sich die Möglichkeit des Wieder-Lebendig-Werdens im Märchen.

Die sicheren Zeichen lassen sich in frühe und späte Leichenerscheinungen unterteilen. Bei den frühen Anzeichen geht man von Totenflecken, Starre und Abkühlung aus.

Die Farbe der Totenflecke - blaugrau, rotviolett bis hellrot in Kälte - wird bis auf wenige Ausnahmen im Märchen nicht beschrieben. Die ”roten Apfelbäckchen“ Schneewittchens könnte man z.B. als sogenannte ”Kirchhofrosen“ interpretieren. Diese Totenflecken entstehen bereits in der Agonie, wenn das Blut sich in die tieferen Körperpartien senkt und sich auf den unteren Wangenabschnitten rosettenartig abzeichnet (Prokop/Göhler, Forensische Medizin (1975) 31).

Im breiten Querschnitt der Märchen aber wird in der Regel von einer Blässe der Leiche gesprochen. Die Medizin kennt das Ausbleiben der Totenflecke bei nach innen Ausgebluteten, bei anämischen Patienten, bei Kreislaufversagen im allgemeinen. Man kann die Blässe aber auch so deuten, daß bei äußerer Anschauung einer Leiche der Betrachter (=der Märchenmensch) die nach unten liegenden Körperteile nicht sieht und


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demzufolge nur Blässe beobachten kann<8>. Auf Grund dessen wird im Folgenden nur von Blässe an Stelle der Totenflecke gesprochen.

Als erstes markantes Beispiel sei wiederum ”Sneewittchen“ (KHM 53) genannt. In einer Variante heißt es dazu, daß ”das Mädchen bleich geworden ist“ (Bundi, Märchen aus dem Bündnerland ”Die Stieftochter“ 131-133). Bei Ludwig Bechstein hat sie ”blasse Lippen“ und ihre ”roten Bäckchen“ werden ”ganz blaß“ (Sämtliche Märchen ”Schneeweißchen“ 231-241). In einer sicilianischen Version wird sie ”nicht blaß und auch nicht kalt“.

”Das Märchen von einem, der auszog das Fürchten zu lernen“ (KHM 4) soll als nächstes Märchenbeispiel zum Thema der frühen sicheren Zeichen des Todes angeführt werden:

Der Junge, der sich vor nichts fürchtet, wird von seinem Vater und Bruder für dumm gehalten und nicht ernst genommen. Er besteht drei Mutproben, die ihm zeigen sollen, was Gruseln eigentlich ist. Den Küster auf dem Kirchturm hält er für einen ”Spitzbuben“ und schmeißt ihn die Treppe herunter (-> Kapitel ”Stumpfe Gewalt“). Sieben im Wind wehende Gehenkte holt er ans Feuer, um sie zu erwärmen (-> Kapitel ”Erhängen“). Als dritte Mutprobe erlöst er in drei Spuknächten ein Schloß.
In jeder der drei Nächte begegnet er jeweils wieder drei Spukgestalten. In der ersten spielt er mit schwarzen Katzen Karten, vertreibt gespenstische Tiere, die das Feuer auseinanderreißen wollen und fährt im Spukbett durch das Schloß. In der zweiten Nacht kommt ein ”greulicher Mann“ in zwei Teilen durch den Kamin geflogen, und auch Gebeine und Schädel nehmen ihren Weg durch den Kamin. Mit diesen spielt er Kegeln. In der dritten Nacht tragen sechs Männer einen Toten in einem Sarg herein, den er herausnimmt und am Feuer erwärmt. Die letzte Mutprobe ist das Kräftemessen am Amboß. Weil der Junge das Schloß erlöst hat, bekommt er die Schätze des Schlosses und die Köngstochter zur Braut. Am Ende lernt er das Gruseln (norddeutsch auch Grieseln oder aus Furcht erschauern und eine Gänsehaut bekommen) doch noch kennen, als die Königstochter ihm naßkalte Fische ins Bett schüttet.

Diese Grimmsche Fassung soll als Basis für einen Motivvergleich innerhalb des Märchentyps ”Fürchten lernen“ (AaTh-Typ 326) dienen. Die zur Betrachtung herangezogenen Episoden sind nicht in allen deutschsprachigen Varianten des Göttinger Märchenarchivs konstant vorhanden.


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Das Märchen ist in sich inhomogen, die Motive der einzelnen Mutproben sind mit anderen Motiven und untereinander im Märchentyp selbst und auch in anderen Erzähltypen austauschbar.

Der schwankhafte Ansatz von dem Jungen, der glaubt, er brauche die Fähigkeit zum Gruseln, um im Leben zu bestehen, ist auf Grund seiner Realitätsnähe der Sagenform verwandt. Es bestehen außerdem weitere Motivparallelen einzelner Episoden zur Spuksage: Das dreimalige Kegelspiel in einer Kirche ist auch als Sage aufgezeichnet worden (Ey, Harzmdrchenbuch ”Die Kegelbahn in der Kirche“ 74-80).

Die drei Merkmale der frühen sicheren Leichenerscheinungen (kalt, blaß, starr) sind in dem Abenteuer des Helden erkennbar, als der Sarg hereingebracht wird: ”Als es aber spät ward, kamen sechs große Männer und brachten eine Totenlade hereingetragen. ... Sie stellten den Sarg auf die Erde, er aber ging hinzu und nahm den Deckel ab: da lag ein toter Mann darin. Er fühlte ihm ans Gesicht, aber es war kalt wie Eis. ‘Wart’, sprach er, ‘ich will dich ein bißchen wärmen’, ging ans Feuer, wärmte seine Hand und legte ihm sie aufs Gesicht, aber der Tote blieb kalt. Nun nahm er ihn heraus, setzte sich ans Feuer und legte ihn auf seinen Schoß und rieb ihm die Arme, damit das Blut wieder in Bewegung kommen sollte. Als auch das nicht helfen wollte, fiel ihm ein: Wenn zwei zusammen im Bett liegen, so wärmen sie sich, brachte ihn ins Bett, deckte ihn zu und legte sich neben ihn. Über ein Weilchen ward auch der Tote warm und fing an, sich zu regen.“

In der Grimmschen Variante finden wir nur die ”Eiseskälte“ der Leiche. Das Bemerkenswerte an dieser Fassung ist das Aufwärmen im Bett, offensichtlich eine im Volke althergebrachte Vorstellung, Erfrorene wieder zu erwärmen und sie so vor dem Tod zu bewahren.

Diese Szene der Auskühlung läßt sich zur ”rechtsmedizinischen Charakterisierung“ auf drei Begriffe - kalt, Feuer/Wärme, Bett - reduzieren. Von den 21 Varianten, die das Motiv des Hereinbringens des Sarges beschreiben, erwähnen sechs das Bett als Mittel zur Aufwärmung, im Vergleich zu 14 Erwärmungen des Toten durch Feuer. Nur dreimal wird ähnlich wie in der Grimmschen Fassung beschrieben, daß sich der Held, nachdem das Feuer nicht geholfen hat, zu der Leiche ins Bett legt. Acht Märchen charakterisieren den Toten als ”kalt“.

Alle ausgewerteten Märchen bleiben immer im oben angegebenen Wortgebrauch - kalt, Feuer/Wärme, Bett - bis auf eine Ausnahme, in der der tote Mann ”erfroren und erstarrt“ am Feuer wieder aufgetaut wird (Kooi, Großherzog und Marktfrau 33-37). Das Reiben der Arme, damit das Blut


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wieder in Bewegung kommt, kann als Besonderheit der Brüder Grimm aufgefaßt werden.

Im Märchen ”Gruseln“ von Ludwig Bechstein (Sämtliche Märchen 359-370) finden wir eine weitere Erscheinung beschrieben: ”Da lag einer drinnen, der war steif und eiskalt.“ Die Totenstarre wird viermal in den 21 Versionen aufgeführt, jedoch gibt es in diesem Märchentyp eine zweite Episode, die diese und die Erwärmung der Toten ebenfalls nennt:

Nachdem der Junge den Küster die Treppe heruntergeworfen hat, verbringt er eine Nacht unter dem Galgen mit sieben Gehenkten. Nachts geht der Wind so stark, daß er Mitleid mit den Erhängten hat, sie herunterholt und rund um das Feuer setzt: ”Aber sie saßen da und regten sich nicht, und das Feuer ergriff ihre Kleider. ... und ließen ihre Lumpen fortbrennen.“ Da hängte er sie wieder auf.

In den 17 Märchen mit dem Motiv der Gehenkten werden achtmal das Feuer und/oder die Erwärmung der Leichen genannt. Auffällig ist hier die Parallelität/Austauschbarkeit eines Motivs:

Wegen der Totenstarre der Leiche aus dem Sarg stellt der Held sie neben das Feuer. Der Leichnam fällt, nachdem er sich immer mehr erwärmt, dreimal um (Leskien, Litauische Volksmärchen ”Von dem jungen Burschen, der keine Furcht hatte“ 476-480).

In der Fassung von Paul Zaunert ”Hans, der gerne das Fürchten gelernt“ (Deutsche Märchen aus Donaulanden 179-186) holt der Bursche die Erhängten herunter ans Feuer. Diese sind starr und fallen ihm in die Flammen. Auch in ”Grusel Michael“ (Györgypál-Eckert, Deutsche Volkserzählung im Hajos 76-79) fallen dem Helden die Gehenkten um.

Die Möglichkeit, die Leiche aufrecht ans Feuer zu stellen, setzt die Tatsache voraus, daß sie starr und steif ist. Für die Variante von August Leskien kann angenommen werden, daß sich durch die Hitze die Totenstarre auflöst und die Leiche deswegen umfällt. Sie kann jedoch ebenfalls im starren Zustand ins Feuer gefallen sein, was für die Fälle vermutet wird, die das langsame Erwärmen nicht eindeutig in Zusammenhang mit dem Sturz bringen, wie in der Version von Paul Zaunert.

Als drittes Anzeichen der frühen Leichenerscheinungen innerhalb des Märchentyps ”Fürchten lernen“ ist die Totenblässe aufzuführen. In der mündlich tradierten Volksdichtung dieses Typs fand sich als Synonym für die Blässe im Gegensatz zu den ”Sneewittchen“-Varianten nur die Beschreibung ”weiß“. Bei den Brüdern Grimm<9> und in einem estnischen Mär-


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chen (Kreutzwald, Estnische Märchen 285-297) hat der Mann aus dem Sarg einen langen weißen Bart. Der Mann aus Paul Zaunerts Version vom ”Fürchten lernen“ ist als solcher ”weiß“ (Deutsche Märchen aus dem Donaulande 179-186).

Die Beschreibungen der späten Leichenerscheinungen (Fäulnis, Verwesung, Skelettierung, Mumifizierung) fallen spärlicher aus.

Eine der wenigen Ausnahmen ist ”Sneewittchen“ (KHM 53): ”So lag Sneewittchen lange, lange Zeit in dem Sarg und verweste nicht.“ Hierbei kann es sich um eine sich nicht wiederholende Besonderheit der den Grimms vorgelegenen Variante handeln, oder es ist eine Zudichtung der Brüder Grimm, eine auch für andere Passagen der KHM bekannte Tatsache.

Für die ”Nichtverwesung“ Schneewittchens sei auf das Kapitel ”Das Frischbleiben der Leiche“ bei Erich Böklen (Sneewittchenstudien (1915) 2: 111f.) als Querschnittsbeleg für dieses Motiv verwiesen. Auf Seite 134 heißt es in einer ungarischen Variante: ”Da der Leichnam nicht roch,...“ nahm der Prinz das Mädchen mit auf sein Zimmer. Das hier geschilderte ”Nichtverfaulen“ der Leiche muß als Spezifität dieser Variante gesehen werden. Zum Leichengeruch als sichereres Zeichen des Todes führt das Album für Krankenträger, Verwundetentransport und erste Hilfe im Kriege (Rühlemann (1890) 39) aus: ”Sichere Zeichen des wirklichen Todes sind nur Todtenflecke, grünliche Verfärbung der Bauchdecken oder Leichengeruch, als Zeichen der beginnenden Verwesung oder Fäulniß.“

Schwarz als klassische Farbe des Todes und der Verwesung rührt von der uralten Erfahrung her, daß Leichen nach längerem Liegen als Verwesungserscheinung einen dunklen Farbton annehmen. Für den Rechtsmediziner stellt sich das Äußere als braun bis dunkelbraun dar.

Sobald Märchenpersonen als schwarze Erscheinung beschrieben werden, begegnet man im Bild der Farbe Schwarz einer Bezeichnung des Volksmundes für den Fachbegriff ”Verwesung“. Im Märchen gehören diese Figuren der Totenwelt an, können aber erlöst werden<10>.

Noch einmal zurück zum ”Fürchten lernen“, AaTh-Typ 326. Das Motiv des Kegelspiels zeigt den respektlosen Umgang mit Totengebeinen (Störung der Totenruhe § 168 StGB). Der Schädel dient dabei als Kugel und wird der Variante der Grimms und in ähnlichen Versionen noch zusätzlich


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rundgeschliffen. Die Gebeine und Schädel können als letzte, noch sichtbare Stufe der Verwesung betrachtet werden<11>.

In zwei anderen Varianten bemerkt der Held einen unangenehmen Geruch: Nachdem der Junge die ”todte Leiche“ ans Feuer gesetzt hatte, entwickelte sich Gestank. Er gibt ihr eine Ohrfeige, sodaß die Leiche umfällt. Ähnlich steht es in einer Version bei Waltraud Woeller (Deutsche Volksmärchen von arm und reich 264-274. Es ist die gleiche Fassung wie in Ulrich Jahns Volksmärchen aus Pommern) geschrieben: Der Begleiter des ”Starken Jochen“ wird von diesem vor dem Schloß tot aufgefunden. Jochen nimmt ihn mit ans Feuer. Die Leiche fängt jedoch zu stinken an. Jochen wirft sie aus dem Fenster.

Der Geruch kann als Erscheinung fortgeschrittener Fäulnis betrachtet werden. Jedoch ist er auch als Zeichen angebrannter Leichen zu deuten.

Ergänzend sei auf die schwankhafte Aufbereitung des Themas in einer Variante aus Florenz zu dem Märchentyp ”Mann glaubt sich tot“ (AaTh 1313 C) verwiesen:

Zu Florenz lebte ein gewisser Nigniaca, der ein bißchen auf den Kopf gefallen war. Dem spielten einmal ein paar junge Leute einen Streich. Sie verabredeten sich und erzählten einer nach dem anderen Nigniaca, daß er ”blaß aussehe“, wohl ”Fieber“ habe und vielleicht ”krank“ wäre. Solange bis er es glaubte, sich ins Bett legte und seinen Tod erwartete. Die jungen Leute umstanden sein Bett und bemitleideten ihn.
Ein Weilchen später kam einer hinzu, der sich für einen Arzt ausgab, ihm den Puls fühlte und erklärte, sein Ende stehe bevor. Nun umstanden alle das Bett und der eine sagt zum anderen: ”Jetzt hebt sein Sterben an, jetzt werden ihm die Füße kalt, jetzt stammelt er bloß noch, jetzt werden seine Augen trübe, jetzt hat er gleich ausgeatmet. Wir wollen ihm die Augen schließen, die Hände falten und begraben.“

Diese Zeichen des Todes gehören nicht zu den ”klassischen“ Leichenerscheinungen der Rechtsmedizin. Sie beschreiben vielmehr Eigenschaften, die der Lebende noch spüren könnte (Bracciolini, Die Schwänke und Schnurren des Florentiners ”Nigniacas Sterben“ 177/178).


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3.2. Der Scheintod

3.2.1. Historischer Überblick

Das Phänomen, daß Menschen, die für tot gehalten wurden, wieder lebendig werden, entspricht einer sehr alten Erfahrung.

In medizinisch-wissenschaflichen Texten wird dieses Thema seit dem 16. Jahrhundert als ein Teilgebiet der Rechtsmedizin diskutiert. Im 18. Jahrhundert nimmt die Beschäftigung mit dem Scheintod in der breiten Öffentlichkeit zu. Die ”Flut“ der Scheintodliteratur ist medizinischer, christlicher und belletristischer Couleur.

Dieser Erscheinung des Jahrhunderts der Aufklärung folgt die verstärkte Beschäftigung mit der Reanimation von Menschen, ferner die Erforschung des Todes und besonders seiner sicheren Zeichen, die Gründung von Lebensrettungsgesellschaften<12> und die Errichtung von Leichenhäusern.

Christoph Wilhelm Hufeland (1762-1836)<13> errichtete das erste Leichenhaus 1791 in Weimar. Es erfüllte den Zweck, Tote an einem neutralen Ort zu deponieren und so lange aufzubewahren, bis man sich über den Eintritt des Todes gewiß war. Die Bedeutung des Themas unterstreicht u.a. die 1792 erschienene Abhandlung von Johann Daniel Metzger Ueber Kennzeichen des Todes und den auf die Ungewissheit derselben gegründeten Vorschlag, Leichenhäuser zu errichten. Bereits in seinem Vorwort bezieht er sich auf das von Ch. W. Hufeland errichtete Leichenhaus in Weimar.

Scheintodklingeln, Drahtkonstrukte und Sicherheitsröhren, die eine eventuelle Bewegung der Scheintoten anzeigen sollten, wurden als Patente eingereicht. Tote konnten z.B. durch Fäden mit Alarmglocken verbunden sein. Die Vorschläge und eingereichten technischen Zeichnungen jener Zeit waren ebenso zahlreich wie vielfältig (Koch, Lebendig begraben (1990) 96-121).


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Eine Dienstanweisung für Kreisärzte des Freistaates Preußen vom 28. März 1901 (JustMin.Bl. S.111) § 110 Abschn.3. besagt, daß ”keine Leiche vor Ablauf von 72 Stunden nach dem eingetretenen Tode beerdigt werden darf. Diese Bestimmung hat den Zweck, das vorzeitige Begraben von Personen (Scheintoten) zu vermeiden und das Lebendigbegraben zu verhüten. ... Die oben erwähnte Verordnung läßt eine frühere Beerdigung, als vor Ablauf von 72 Stunden, bei Epidemien ausdrücklich zu und bezeichnet sie sogar als erforderlich“ (Brunner, Das Friedhofs- und Bestattungsrecht (1927) 45).

Blattern- und Pestepedemien sowie kriegerische Auseinandersetzungen begünstigten oft das Aufleben von Geschichten über Scheintote. Darüber hinaus wurde wiederholt auf Nachlässigkeiten bei der Todesfeststellung hingewiesen, u.a. auch von Christoph Wilhelm Hufeland.

Zugleich wurden viele Krankheiten des Körpers mit Aderlässen behandelt. Die letzten Kräfte schwanden infolge z.T. erheblicher Blutverluste, so daß es leicht zu Zuständen ”minimierten Lebens“ (Vita minima) kommen konnte (Koch, Lebendig begraben (1990) 48-53).

Der Scheintod (Synonyme sind ”Asphyxia“, ”Katalepsie“, ”Vita minima“ und ”Vita reducta“) wird in der frühen Fachliteratur der Rechtsmedizin oft zum Tod durch Ertrinken, Erfrieren oder Ersticken gezählt, entsprechend den Umständen, die zum Tode geführt haben.

Besonders oft wird der Scheintod den Erstickungen zugerechnet<14>. Abhängig vom Autor werden Erstickungen und eben auch der Scheintod i in Zusammenhang mit Erhängen, Ertrinken, Edrosselung und dem Apoplexiegedanken (”Schlagfluß“ im Gehirn) genannt, da sie in vielen Fällen eine gemeinsame todbringende Ursache haben (Fischer-Homberger, Medizin vor Gericht (1993) 321-352).

Neuere Abhandlungen versuchen wissenschaftliche Begründungen für solche Scheintodfälle zu finden. Die Stoffwechselminimierung und Verringerung der Wärmeproduktion im Tiefschlaf oder unter Hypnose, durch Schlafmittel, Opium und andere Drogen, die Verlangsamung von Atmung und Puls durch autogene Selbstbeeinflussung sind durchaus glaubhafte Erklärungen für den Scheintod.


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Sie können zur Verwechslung des auf ein Minimum reduzierten Lebens mit dem Tode führen (Prokop/Göhler. Forensische Medizin (1975) 11-16).

Arbeiten, die sich mit dem Phänomen der Angst vor dem Scheintod in kulturwissenschaftlichen Zusammenhängen beschäftigen, enden oft in der sehr aktuellen Diskussion über die rechtlichen Vorschriften, in welcher Form und wann der Arzt den Hirntod festzustellen hat. Seit Organtransplantationen durchgeführt werden, haben Menschen vermehrt Angst, daß ihnen Organe entnommen werden könnten, wenn sie noch nicht tot sind. Der Mediziner kann aber nur den Tod bescheinigen, wenn sichere Todeszeichen vorhanden sind. Ein verfrühter Eingriff würde juristisch ”eine Körperverletzung mit Todesfolge“ bedeuten (z.B. Vogl, ”Der Scheintod: eine medizingeschichtliche Studie“ Diss. med. (1986) 135-137).


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3.2.2. Der Scheintod im Märchen

In dem Moment, wo man die Lesart des Scheintodes auf den Wortlaut reduziert, ”es schien, er sei tot“, ”als ob er tot sei“, schließt der Begriff die baldige Auferweckung mit ein. Für diesen Moment, in dem jemand, der für tot gehalten wird, wieder erwacht, findet man reichlich Beispiele in der erzählenden Volksdichtung<15>.

Im ”Sneewittchen“ (KHM 53) der Brüder Grimm erwacht die Heldin dreimal. Zweimal am gleichen Tag: nach einer äußeren Atembehinderung (Schnürriemen: ”aber die Alte ... schnürte so fest, daß dem Sneewittchen der Atem verging und es für tot hinfiel.“) und nach einer kurzzeitigen Intoxikation (vergifteter Kamm).

Beim dritten Mal kann man auf Grund der Plötzlichkeit (”Kaum hatte es einen Bissen davon [vom Apfel] im Mund, so fiel es tot zur Erde nieder“.) von einem Bolustod und einer schnell wirkender Giftkomponente sprechen. Es kann auch eine Erstickung vermutet werden: ”Und es ging kein Atem mehr aus seinem Mund.“. Da durch Erschütterung der ”giftige Apfelgrütz“ aus dem Hals herausfährt, ist eine Verlegung der Atemwege fast erwiesen. Das Märchenhafte an diesem dritten Erwachen ist, daß Schneewittchen noch nach ”langer, langer Zeit“ wieder lebendig werden kann.

In den analysierten deutschsprachigen Varianten fanden sich neben dem Schnürriemen als Mittel zum Zwecke des Erstickungstodes Mieder, Hemden, Gürtel und eine Halsschnur, damit ihr ”gleich der Odem ausging“ (Bechstein, Sämtliche Märchen ”Schneeweißchen“ 231-241).

Der Apfel als sehr prägnantes Merkmal des Märchens wird in seltenen Fällen durch eine Birne oder durch Trauben ersetzt. Außerhalb des deutschsprachigen Raumes werden neben der ”Opiumpille“ auch andere Lebensmittel erwähnt, die entweder vergiftet sind, im Hals stecken bleiben oder in der Kombination beider Umstände zum Tode führen (u.a. auch Böklen, Sneewittchenstudien (1915) 2: 100-103).


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Die Wiederbelebung Schneewittchens geschieht auf recht vielfältige Weise. Der reichen Phantasie der Märchen sind keine Grenzen gesetzt. Der Gegenstand, der zum Tode geführt hat, wird entfernt, indem Schnürriemen und Gürtel zerschnitten, Kämme und Ringe abgezogen, Kleider und Mieder ausgezogen werden.

Schon die Brüder Grimm<16> kannten mehrere Märchentexte über den Erzählpassus der Wiederbelebung: Durch die Erschütterungen des Wagens oder eines Pferdes fährt der giftige Apfelgrütz heraus. Der Diener, der Schneewittchen jeden Tag aufwarten muß, gibt ihr aus Ärger einen Schlag auf den Rücken. Die Zwerge, nicht die Diener, tragen den Sarg und stolpern dabei (Bolte/Polívka, Anmerkungen zu KHM (1913) 1: 450-452).

In einem Kroatischen Volksmärchen (Boskovic-Stulli, ”Die zwölf Brüder und die Schwester“ 130-134) ißt das Mädchen beim zweiten Mal vom vergifteten Apfel. Die Brüder finden das Apfelstück in der Kehle und nehmen es heraus.

Auch in einer sorbischen Variante öffnen die Zwerge den Mund und entfernen den Apfel (Nedo, Sorbische Volksmärchen ”Die Braut des Zwergenkönigs“ 310-313). Die Zwerge pflegen in einem Märchen aus dem Bündnerland das Mädchen in beiden Fällen (vergifteter Gürtel und Apfel) wieder gesund, zwei von ihnen bringen die Hexe um (Bundi, ”Die Stieftochter“ 131-133).

In Ludwig Bechsteins ”Schneeweißchen“ (231-241) kommt es beim ersten Mal zu einem außergewöhnlichen Verfahren der Wiederbelebung. Die Heldin wird mit der Halsschnur ”erdrosselt“, und um sie wieder zu erwecken, gibt man ”Goldtinktur auf Schneeweißchens blasse Lippen, da begann es leise zu atmen.“<17>

Aus einer Variante der Sammlung von Christian Schneller Wälschtirol seien folgende Formulierungen zitiert: ”denn einer Leiche sah sie nicht gleich, sondern nur einer Schlafenden“, sie sei eine ”schöne schlafende Leiche“, ”Sie ist nicht tot und doch nicht lebend, was es doch sein mag?“ (Schneller, ”Die drei Schwestern“ 55-59). Die Märchen geben auch diese verbreitete Vorstellung der Menschen wieder: der Tod als Bruder des Schlafes. Diese Art von Beschreibungen in den Märchen sind jedoch sehr selten.

Zur vollständigen Aufzählung der möglichen Formen des Aufweckens seien noch einige Besonderheiten erwähnt:


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Es werden einige Male Schläge verteilt, auf den Rücken oder auf den Kopf, in einer baskischen Variante eine Ohrfeige. Die in den Hals geworfene Nadel wird von Ärzten herausgezogen. Man drückt der Heldin erst auf die Brust, dann auf die Kehle. Sie hustet, spuckt die Beere wieder aus und erhebt sich.

In einer wälschtirolerischen Version stellt die Mutter des Helden das Mädchen auf den Herd, ”um es durch die Wärme wieder zum Leben zu bringen, da entschlüpft es ihren Armen und fällt Kopf über zu Boden.“ Die ”Apfelschnitte“ fährt heraus und das Mädchen ward wieder lebendig (auch Böklen, Sneewittchenstudien (1915) 2: 135ff.).

Wichtige erste Zeichen erfolgreicher Wiederbelebung sind Herztätigkeit und Atmung, sie können aber manchmal äußerlich schwer zu erkennen sein. Das Gelingen der Reanimation zeigen heute technische Geräte schneller an.

Das Atmen als Zeichen gelungener Wiederbelebung im Märchen wurde in Versionen von den Brüdern Grimm und von Ludwig Bechstein gefunden. In letzterer erschwert zu enges Schnüren in der Taillengegend die Atmung.

In der 1812 erschienenen ”Sneewittchen“-Variante der Brüder Grimm ist die zeitliche Abfolge des Erwachens unter medizinischer Sicht unpräzise formuliert: Die Zwerge ”schnitten den Schnürriemen entzwei, da athmete es erst und dann ward es wieder lebendig“ (Panzer, KHM in Urgestalt 1: 245). Sie änderten diese Formulierung: ”Da fing es an, ein wenig zu atmen, und ward nach und nach wieder lebendig“.

Die Brüder Grimm könnten vom möglichen Zusammenhang zwischen Erstickung und Scheintod gewußt haben. Sie waren in solchen Einzelheiten vielleicht doch ”geistige Kinder“ der Aufklärung, da in wissenschaftlichen Kreisen zu jener Zeit eine rege Scheintoddiskussion geführt wurde. Ihre naturwissenschaftlichen Vorstellungen ließen sie bewußt oder unbewußt nicht nur an dieser Stelle einfliessen. Überarbeitungen weiterer Texte ihrerseits sind bekannt (Rölleke, Unbekannte Märchen von Jacob und Wilhelm Grimm (1987) 7-19).

Da es in den bearbeiteten deutschsprachigen Varianten keinerlei Anhaltspunkte für eine ”Herztätigkeit“ Schneewittchens in der Aufwachphase gibt und die Atmung, wie oben erwähnt, nur vereinzelt beschrieben wird, kommt als weiteres Zeichen des Wiederbelebungsprozesses das Augenaufschlagen in Betracht. Es ist die letzte Bestätigung, daß Schneewittchen wieder unter den Lebenden weilt. Eng mit diesem Motiv verbunden ist das sich Erheben aus dem Sarg und der Ausruf, mit dem sie aus dem


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Tiefschlaf erwacht. Im nachhinein erfahren wir durch ihren Ausspruch, daß sie ja ”nur“ geschlafen habe. <18>

An dieser Stelle sei auf das Todesprinzip des Schlafes in den Märchen verwiesen: Der Schlaf als Anverwandter oder Bruder des Todes: Sie werden oft einander gleichgesetzt; allein durch ihre äußere Ähnlichkeit sind schon zu Urzeiten Parallelen gezogen worden (Homer, Ilias : ”Schlaf, der leibliche Bruder des Todes“ (14.231), ”die stürmenden Boten Hypnos und Thanatos, die Zwillingsbrüder“ (16.434); Lox, Todesgestaltung im Märchen (1986) 26ff.; Ariès, Geschichte des Todes (1980) 37; Barner, ”Der Tod als Bruder des Schlafes“ (1986) 144-166; Schadel, ”Studien zu den Todesvorstellungen der antiken Philosophie der Medizin“ (1974). Vgl. zu diesem Thema auch die Geschichte von William Shakespeare ”Romeo und Julia“).

Nur dem Schlaf fogt ein Erwachen. Worte wie ”aufwachen, Augen aufschlagen und sich erheben“ beschreiben sinnverwandt den Sachverhalt Schlaf.

”Dornröschen“ (KHM 50)<19> wird von der dreizehnten Fee der Tod gewünscht, der von der zwölften in einen hundertjährigen Schlaf umgewandelt wird. Der Todesfluch wird durch ein lebensbewahrendes Schicksal ersetzt. Das alltägliche Leben wird zwar unterbrochen, aber nicht endgültig zerstört. Dornröschen wird nach hundert Jahren die Augen aufschlagen und erwachen. Der Tod ist ein märchenhafter, die Wiederbelebung vorhersehbar.

Die Absicht zu töten führt im Märchen oft zu Verwandlungen der Helden. In den KHM 11, 13, 135 wird die junge Königin jeweils in eine Ente verzaubert. Dies ist jedoch kein wirklicher Tod. Als der König seine Frau wiedererkennt, steht sie augenblicklich ”frisch, lebendig und gesund“ vor ihm.

Eine Lebenswurzel gibt dem jungen Königssohn aus den ”Zwei Brüdern“ (KHM 60) das Leben zurück. Im ”Treuen Johannes“ (KHM 6) wird der in Stein verwandelte Diener durch das Blut der Königskinder wieder lebendig. Mit dem Tod der Stiefmutter nimmt der Junge aus dem ”Mach-andelboom“ (KHM 47) wieder seine menschliche Gestalt an. Diese Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen. Sie zeigen alle einen reversiblen


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Tod. Die Helden sind nur zum Schein im Jenseits gewesen (in Anlehnung an Rölleke, ”Tod in den Märchen der Brüder Grimm“ (1991) 79-89).

Betrachtet man die aufgestellten Zusammenhänge, ist in der volkstümlichen Vorstellung der Märchenwelt eine deutliche Nähe zwischen Tod und (Tief-)Schlaf festzustellen. Bedingt könnte man auch im Märchen den wissenschaftlichen-rationalen Maßstab des Scheintodes unter Berücksichtigung der Märchendramatik anlegen. Dort, wo dieser Maßstab auf Tod und (Langzeit-)Schlaf der Märchenfiguren angewendet wird, zeigen die Belege in dieser Arbeit oft Synonymität von Tod, Scheintod und Schlaf. Tot umfallen, in Ohnmacht fallen oder sich tot stellen können als weitere Synonyme für Scheintod im Märchen gelten.

Zwei Varianten des AaTh-Typs 855 A ”Die scheintote Prinzessin“ seien als Ergänzung des Themas angeführt.

In einer Variante der Tschuwaschen ”Schuhmacher und General“ will der General seine Frau loswerden. Er geht zum Arzt, der ihm Schlafkapseln gibt. Nach der ersten Einnahme wird sie ”krank“, nach der zweiten wird sie noch ”kränker“ und ”ganz verrückt“, nach der dritten denkt der Mann, sie wird sterben und holt den Priester: ”...und sie lag für tot da.“ Sie begraben sie unter der Kirche in einem Raum, ”von dem sie einen Kanal heraus machten, damit durch ihn der Geruch abziehe“.
Der Schuhmacher, ihr Geliebter, hatte dieses beobachtet und stieg mit Hilfe eines Seiles durch den Kanal zu ihr herab. ”Der Schuhmacher schnitt ihr an einer Stelle in das Fleisch ein und ließ Blut herausfließen“. Daraufhin erwacht die Frau des Generals mit den Worten: ”Ich war sehr schläfrig.“ Der Schuhmacher: ”Ich aber habe dich jetzt wieder lebendig gemacht.“ Die Eltern, der herbeigerufene Priester und der General können es nicht glauben und untersuchen den Raum, in dem sie gelegen hat. Der General zahlte dem Schuhmacher 1000 Rubel, damit ”er nichts vom Lebendigwerden seiner Frau sage.“ (Paasonen, Gebräuche und Volksdichtung der Tschuwassen 267-270)

Der Luftkanal und der Raum unter der Kirche erinnern an die Leichenhäuser, die im 18./19. Jahrhundert errichtet wurden.

Neben erwähnten Ärzten und Luftkanälen sind auch Geheimhaltung und Nachuntersuchung des Aufbahrungsortes als Märchenmotiv bemerkenswert. Mit dieser vielleicht neueren Überlieferung liegt eine sehr realistische Erzählung vor, möglicherweise zu realistisch, um noch als märchentypisch zu gelten.


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Das Bluten als weitverbreitete Begleiterscheinung und Sinnbild wundersamer Heilung begegnet uns in der jemenitischen Variante ”Die Kraft der Liebe“:

Eine Königstochter ist ”vor Kummer wie tot“. Ein Arbeiter, der sie liebt, gräbt sie wieder aus. Er wäscht sie, zieht sie schön an und geht dann für einen kurzen Augenblick fort. In der Zwischenzeit kommt ein Bader ins Haus. ”Er redete sie an - sie antwortet nicht. Er gab ihr einen Stoß, da sah er - sie ist tot. Er erschrak und glaubte, daß er sie getötet habe. Schnell fing er an, ihr zur Ader zu lassen - vielleicht kehrt ihr Geist zurück. Und wirklich - langsam fing sie an zu leben.“ (Noy, Jefet Schwill erzählt 208-209).

Das Herausnehmen der Toten aus dem Grab/Sarg ist in dieser Variante nur angedeutet. Das Besondere dieser Version ist die Erwähnung des Baders und des Aderlasses.

Den Scheintod im Märchen erkennt man an der Schilderung der Erweckungsszene. Augen aufschlagen als Zeichen der Wiederbelebung ist im Märchen wesentlich häufiger als Herzschlagen oder Atmung. Die zentrale Gestalt, die mit dem Tode bedroht wird, ist immer eine Frau. Der Tod jedoch ist in allen Fällen kein endgültiger. Der Märchentod überschneidet sich mit Vorstellungen von Schlaf und Verzauberung. In diesem Moment kann man ihn im Sinne eines Scheintodes interpretieren.

Entsprechend der Märchenepik muß das Böse überwiegen, bevor das Gute siegen kann. Das Gute wird hier durch die Liebe verkörpert, die jedesmal die Wiederbelebung veranlaßt.


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3.2.3. Ein Exkurs in die Sage

Im Gegensatz zu den Märchen steht die Darstellung des Scheintodes in der Sage. Die Beschreibung des Umfelds entspricht dem realistischeren Wesen der Sage, gleichwohl die Sage gleichalt wie das Märchen geschätzt wird. Es handelt sich auch bei ihr um erzählte Volksdichtung. Zwar wird ebenfalls von einer Erweckung berichtet, aber Voraussetzung ist die Verkennung des Zeitpunktes des Ablebens. Der Heldin wird nicht nach dem Leben getrachtet, sie stirbt an einer Krankheit oder infolge einer anderen gesundheitlichen Störung. Das Märchen könnte man als Wunschtraum anzusehen, in ihm soll ein Mensch mit besonderer persönlicher Bedeutung (Geliebte, Frau, Mann) wieder zum Leben erwachen.

Reichhaltig belegtes Beispiel ist der Erzähltyp ”Frau: Die tote Frau kehrt zurück“ (AaTh 990), im deutschsprachigen Raum bekannter unter dem Namen ”Richmodissage“ besonders aus dem Raum Köln<20>. Diese Erzählung kann bis in die heutige Zeit in Form der Zeitungssage verfolgt werden<21>.

Die Grundform berichtet in groben Zügen:

Der Sarg einer Scheintoten wird nach dem Begräbnis durch einen Mann geöffnet. Entweder ist es ein Totengräber, der ihrer Wertgegenstände habhaft werden möchte (Ringe, Kleider), oder der Geliebte, der sie noch einmal sehen möchte (romantische Version). Durch die Bewegung oder durch einen Schnitt in den Finger oder auch nur durch den Luftzug kommt sie gerade in diesem Moment wieder zu sich und steigt aus dem Grab. Daraufhin kehrt sie entweder


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zu ihrem erstaunt-erfreuten Ehegatten zurück, oder sie kann nun endlich doch den Geliebten ehelichen.

In den älteren Varianten, die vornehmlich aus der Zeit vor dem 18. Jahrhundert stammen, finden sich keine Vermerke, daß noch lange gewartet wurde, um die Frau zu begraben:

”Da sie fiel in ein schwer amachte,
Lag also ein stünd oder achte,...“

(Sachs, ”Gentile mit der doten frawen“ Sämtliche Fabeln und Schwänke 3: 337f.). Man kann annehmen, daß sie noch am gleichen Tag beerdigt wurde, vor allem in Pestzeiten (Vgl. dazu Ausführungen im ”Historischen Überblick“ desselben Kapitels).

Die jüngeren Varianten beschreiben zunehmend eine Wartezeit von drei Tagen: ”Sie wurde am dritten Tage [...] bestattet.“ (”Der Schwur der Treue und die gezwungene Ehe, oder: Die lebendig begrabene Braut“. Flugblatt von 1854) oder: ”Am dritten Tag lag sie im Sarg, aber in einer so unversehrten Schönheit“ (Schäfer, Rheinsagen. ”Die Pferde auf der Bodenkammer“ 5-8).

Hier sollte man von dem Einfluß der Aufklärung ausgehen, daß auf Grund der weitverbreiteten Angst vor dem Scheintod sich eine angemessene Frist zwischen Tod und Begräbnis durchsetzte (Vgl. dazu die heute gesetzlich festgelegten zwei bis drei Tage Aufbewahrung im Leichenschauhaus. Nach aktueller Rechtslage ist Leichenrecht Länderrecht. Für Berlin heißt das nach dem ”Gesetz über das Leichen- und Bestattungswesen“ § 9: ”Jede Leiche ist innerhalb von 36 Stunden in eine Leichenhalle zu überführen“; und §21: ”Die Bestattung einer Leiche erfolgt frühestens 48 Stunden nach Eintritt des Todes“.).

Eindeutig ist die Sage, wenn sie berichtet, daß der Totengräber/ Geliebte noch in der Nacht nach dem Begräbnis den Sarg erbrach. Während der Beerdigung wird der Totengräber der Kostbarkeiten gewahr und in der Nacht ging er, das Grab zu öffnen.

Im größten Teil der Fälle richtete sich die Frau schon beim Öffnen des Deckels auf.

Zwei Besonderheiten der Manipulation an der scheinbar toten Frau sollen Mitteilung finden.

Zum einen handelt es sich um ein rundes, großes Lebensmittel, das zum schlagartigen Tod mit finalem Sturz führt. Der Bolustod ist in beiden Beispielen


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gut beschrieben und es bedarf rabiater Vorgehensweise, daß die Tote das Essen wieder ausspuckt.

Die Erzählung ”Die Scheintote“ beginnt mit den Worten: ”Eine Frau aß mit ihrem Mann Knödel; plötzlich blieb ihr einer im Halse stecken; der Atem stockte, und sie fiel für tot um.“ In der Nacht kommen die Totengräber: ”Indem sie aber an der armen Frau herumzerren, springt der Knödel aus ihrem Halse, und sie tut einen tiefen Atemzug.“ (Müller, Siebenbürgische Sagen 36).

Ein ähnliches Beispiel sei aus einem Zigeunermärchen erzählt: Die Stiefmutter kommt früher nach Hause zurück, als die junge Frau erwartet hatte. Das in der Hast heruntergeschluckte, halbgekochte Ei bleibt im Halse stecken. Sie wird am Boden ausgestreckt aufgefunden. ”Alles an ihr war schon steif.“ Es kommt zum Grabraub, bei dem der Sarg ins Grab zurückgestoßen wird. Dabei fällt ihr das Ei aus dem Munde (Mode, ”Die scheintote junge Frau“. Zigeunermärchen aus aller Welt 4 (1985): 182-186).

Die zweite Besonderheit berichtet die romantische Form der Sage. Der verliebte junge Mann möchte ein letztes Mal die Geliebte sehen:

”Er machet auf das dotten grab,
Naigt sich nein, vmbfing sie zw stunde
Vnd kuesset iren plaichen munde.
Nach dem grieff er nach herzen luest
Der liebsten an ir paide pruest,
Das im nie werden mocht im leben
In dem entpfant der riter eben,
Das ir noch klopft ir schwaches herz.“

(Sachs, ”Gentile mit der doten frawen“). Es ist das einzige vorgefundene Beispiel, in dem das Leben am Herzschlag erkannt wurde.

Voraussetzung jeder Variante dieser Erzählung ist das Verkennen des Zeitpunkts des Ablebens der Frau (und das Begehren, nochmals ihren Sarg zu öffnen). Sie wird jedesmal für tot gehalten, es gibt keinen Zweifel an ihrem Dahinscheiden: ”Es sein alle todtzaichen bei ir gewesen, dann alle empfindlichkait, auch naturliche werme von ir entwichen.“<22> Die Umstände, die zum Tode führen, werden, wenn sie in Köln angesiedelt sind, meist mit der Pest in Zusammen-


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hang gebracht. Ohne weitere Erwähnung, ob sie krank gewesen ist, stirbt die Frau (außerhalb von Köln). Sie fällt zu Boden, ohne irgendwelche Lebenszeichen zu zeigen (romantische Variante).

Trotz des Hauptaugenmerks auf die Verkennung des Ablebens, erfährt man erst durch die Begebenheit des Auferstehens vom Scheintod.


Fußnoten:
<8>

Neben Schwarz als Farbe des Todes taucht auch Weiß auf. Besonders im Märchen läßt sich dieses nachvollziehen (Lox, Todesgestaltung im Märchen (1986) 23-24). Im fernöstlichen Kulturkreis ist Weiß die Farbe der Trauer.

<9>

Sofern man den Toten aus dem Sarg und den Mann, der ein wenig später wieder eintritt, für ein und denselben hält.

<10>

Über weitere noch heute im Volksglauben relevante Assoziationen der Farbe Schwarz kann bei Harlinde Lox Todesgestaltung im Märchen ((1986) 23-24) nachgelesen werden.

<11>

In den 158 deutschsprachigen ausgewerteten Märchenfassungen des Göttinger Archivs weisen 18 (und 18 Varianten vom Literaturwissenschaftler Kurt Ranke ausgewertet) das Thema Kegelspiel auf, jedoch nicht jedes Spiel findet in einer Spuknacht auf dem Schloß statt, sondern oft auch in der Kirche oder auf dem Kirchhof. Ursprünglicher ist die Kirche als Kegelbahn, da sie nach Wilhelm Wisser der Sage entnommen wurde.

Wisser, Wilhelm ”Das Märchen von einem, der auszog das Fürchten zu lernen“. Nordelbingen 3 (1924) 63-76.

<12>

Weiterführende Literatur zu den Wiederbelebungs- und Rettungsgesellschaften: Helwig, Frank. ”Quellenstudien zur Angst vor dem Scheintod und dem Lebendig begraben werden im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert“ [Masch.-schr.] Magisterarbeit. Göttingen, 1990.

<13>

Christoph Wilhelm Hufeland, Mediziner der Aufklärung, war seit 1793 Professor für Pathologie in Jena. In jener Zeit praktizierte er auch in Weimar, wo zu seinem Bekanntenkreis u.a. J.W. Goethe, F. Schiller, J. G. Herder und Ch. M. Wieland gehörten. 1797 erschien sein wohl bedeutendstes Werk Makrobiotik oder Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern. Dieses Hauptwerk zur gesundheitlichen Volksaufklärung beinhaltet so wichtige Themen wie vorbeugende Gesundheitspflege und eine sozial- und körperhygienische Ursachen-zusammenstellung für viele gesundheitliche Beeinträchtigungen jener Zeit (Vgl. zum Thema der öffentlichen Gesundheitserziehung in der Epoche der Aufklärung Harig/Schneck, Geschichte der Medizin (1990) 150-152). 1800 wurde er an die Berliner Charité und zum Königlichen Leibarzt berufen. 1810 gründete er die erste Poliklinik in Berlin.

<14>

Der Begriff ”Ersticken“ beginnt sich erst Ende des 18. Jahrhunderts mit dem Wissen über Sauerstoff und Diffusion zu decken.

<15>

Neben den Gattungen der Volksdichtung (Märchen, Sagen etc.) griffen auch viele Autoren das Thema Scheintod auf. Ein sehr bekanntes Beispiel der Kinderliteratur ist z.B. die Geschichte aus Tobias Knopp (”Ein frohes Ereignis“ (1948) 68-73) von Wihelm Busch:

”‘Heißa!!’ - rufet Sauerbrot -

‘heißa! meine Frau ist tot!!’

...

Knarr! - da öffnet sich die Tür.

Wehe! Wer tritt da herfür!?

Madam Sauerbrot, die schein-

tot gewesen, tritt herein.

Starr vor Schreck wird Sauerbrot,

Und nun ist er selber tot.“

<16>

Wilhelm Grimm ”milderte“ auch die ”leibhaftige Mutter“ aus der 1812 erschienen Version in eine Stiefmutter ab (Scherf, Lexikon der Zaubermärchen (1982) 365)

<17>

Es wird angenommen, daß diese Formulierung auf den blumigen Stil von Ludwig Bechstein zurückgeht und nicht dem Volksmund zu verdanken ist.

<18>

Diese Teilmotive erscheinen meistens bei der dritten und letzten Auferstehung Sneewittchens aus dem Sarg. Sie sind auch außerhalb der deutschsprachigen Region verbreitet. Besonders der Ausruf, vergleichbar den Worten: ”Wie lange hab’ ich geschlafen.“, zeigt, daß die Heldin selbst ihre Wiederbelebung als ein Erwachen aus dem Schlaf empfindet. Bei Grimm erwacht sie mit den Worten: ”Ach Gott, wo bin ich?“

<19>

Wilhelm Grimm hat die von seinem Bruder Jacob aufgezeichnete recht kurze Niederschrift zu der heute vorliegenden Erzählung ausgearbeitet. Wohl in Kenntnis der Herkunft hat er sie immer mehr Perraults ”La belle au bois dormant“ angenähert. Eine deutsche wie auch eine französische Volkstradition ist eigentlich nicht vorhanden (Scherf, Lexikon der Zaubermärchen (1982) 50-55 und 330-332).

<20>

Die polygenetische Entstehung der Sagen von erweckten Scheintoten führt Lutz Röhrich (Mittelalter (1967) 2: 417) auf die durch die Wirklichkeit gespeisten, gerade in Pestzeiten vorkommenden Fälle zurück: ”Sie wollten die vermeintliche Leiche eines Mädchens von Gurtnellen auf den Friedhof in Silenen bringen. Im Tangel fiel ihnen der Schlitten um, und das Mädchen bekam an einem Stein ein großes Loch im Kopf und fing an zu bluten. Es lebte und wurde gesund. Seitdem fingen sie an, den Verstorbenen Blut herauszulassen“ (Röhrich, Mittelalter (1967) 4: 17 = Jos. Müller: Sagen aus Uri. Nr. 82h, Basel (1926) 1: 54).

<21>

“Das goldene Gebiß des Scheintoten“ aus der Freiburger Zeitung vom 17. Juli 1942: ”In einem Krankenhaus zu Buenos Aires war ein gewisser Antonio Mariguo von den Ärzten für tot erklärt worden. Der vorgebliche Leichnam sollte am anderen Tag im Operationszimmer seziert werden. Nun trug Mariguo ein ganz aus Gold gefertigtes Gebiß, das die Begehrlichkeit eines Krankenwärters weckte. Dieser ging nachts in das Operationszimmer und versuchte den Mund des Mariguo zu öffnen und mittels einer Zange das Gebiß herauszunehmen. Dabei bewegte sich der Körper plötzlich. Der erschrockene Wärter sah, wie sich Augen und Mund des vermeintlich toten Patienten öffneten. Als dieser sich im Bette aufrichtete, wollte der Wärter entfliehen. Doch Mariguo hielt ihn zurück und bat ihn, er möge ihm beim Aufstehen behilflich sein. Jetzt schlug der Wärter in seiner Angst Lärm. Die herbeigeeilten diensthabenden Ärzte mußten feststellen, daß der Patient aus einem todähnlichen Starrkrampf erwacht war. Der Krankenwärter wurde verhaftet. Doch der Patient bat, man möge den Mann, der ihm das Leben rettete, freilassen oder wenigstens milde behandeln“ (Röhrich, Mittelalter (1967) 2: 425). Auch Otto Prokop und Werner Göhler warnen in Forensische Medizin ((1975) 11) vor der ”Sensationspresse“.

<22>

Zimmersche Chronik. “Haug von Hausen und seine Hausfrawe“, nach der von Karl Barack besorgten zweiten Ausgabe neu hrsg. von Paul Herrmann. Meersburg u. Berlin (o. J.) 1: 323-325.


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