Beier, Barbara: Der nicht natürliche Tod und andere rechtsmedizinische Sachverhalte in den deutschen Volksmärchen unter besonderer Berücksichtigung der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm

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Kapitel 4. Der nicht natürliche Tod

4.1. Die mechanische Gewalteinwirkung

4.1.1. Die stumpfe Gewalt

Die stumpfe Gewalt führt durch Tatwerkzeuge, die mit einer relativ breiten Fläche auftreffen, zu Gewalteinwirkungen am Körper wie Exkoriationen, Sugillationen und hautdurchtrennenden Wunden (Platz-, Quetsch- und Rißwunden), aber auch zu Verletzungen durch Kompression und Kontusion, ohne daß eine offene Wunde sichtbar wird.

Der Körperteil, der am häufigsten unter der stumpfen Gewalt leidet, ist der Kopf. Dies charakterisiert auch das Märchenbeispiel, das zur Argumentation an dieser Stelle angeführt wird.

Wie schon im Kapitel ”Todeszeichen“ erwähnt, wird der zweite Sohn im AaTh-Typ 326 ”Fürchten lernen“ von Vater und Bruder nicht ernst genommen. In der Grimmschen Fassung bittet der Vater den Küster um Rat. Dieser schickt den Jungen um Mitternacht zum Läuten auf den Glockenturm. Der Küster eilt ihm verkleidet voraus. Oben angelangt, hält der Junge ihn für einen ”Spitzbuben“. Nach dem dritten Anruf stößt er ”das Gespenst die Treppe hinab, daß es zehn Stufen hinabfiel und in einer Ecke liegen blieb.“ Er hatte sich ”das Bein gebrochen“ (KHM 4).

Noch in der 1818 erschienen Erstfassung der Brüder Grimm, war der Küster sofort tot. Seine Frau ”fand ihn todt in der Ecke liegen.“ Diese erhebliche Folge änderten die Brüder Grimm erst in der Fassung von 1843 in ein ”gebrochenes Bein“ um.

Diese Episode des Sturzes, oder in anderen Varianten des Schlages, ist ein erster Versuch des Jungen, das Gruseln zu lernen, und noch im dörflichen Milieu angesiedelt. Sie findet sich in 33 deutschsprachigen Überlieferungen. In der Hälfte (15) von ihnen endet dieses Unterfangen mit dem Tod der Person, die ihn erschrecken wollte (oft sind es Verwandte: Vater, Bruder, Schwester). Weil die jeweilige Person verkleidet vor ihn tritt, verkennt der Held sie, so kann es zur Verwandtentötung kommen.

In jeder Erwähnung des ersten Versuches, dem Jungen das Gruseln zu lehren, geschieht die Gewaltanwendung in stumpfer Form. Die Einwirkung auf den Körper erfolgt entweder durch einen Sturz (10 Fälle) oder durch einen Schlag (19 Fälle). Ausgenommen zwei ähnlichlautende Varianten, in denen der Sohn den Vater mit der Mistgabel ersticht, in einer wirft der Sohn ihn danach ins Wasser. Beim Sturz wird der Gegenspieler von der Treppe gestoßen, fällt selbst die Stiegen hinunter oder der Held wirft ihn den Glockenturm herunter. ”Der Organist bat flehentlich um sein Leben. Hans sagte, er wolle ihn nur lieb haben, und warf ihn von der Spitze des


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Turmes auf die Erde“ (Behrend, Märchenschatz ”Der Graulsucher“ 1-4). Nicht jedesmal findet der Herausforderer den Tod. Der Körperschaden kann auch im Bruch eines Beines oder Fußes bestehen.

Die Schläge fallen in der Regel etwas derber aus. Die benutzten Werkzeuge sind Bierkannen (Krüge, Plutzer), Menschenknochen, ein Stein und Eisenstangen (Knittel, Knüppel).

In den meisten Fällen wird der Widersacher ”nur“ erschlagen, ohne besondere Erwähnung des Werkzeuges oder des Tatherganges. Der Zuhörer wird vor vollendete Tatsachen gestellt. Der Täter erschlägt den Bruder, Schulzens Grete oder eine andere relevante Person. Der Zuhörer weiß jetzt, der Widersacher ist tot. Tötungshergang und Aussehen des Getöteten sind nicht näher beschrieben. Der Rezipient stellt sich die Folgen des Vorganges intuitiv selbst vor.

Die in der Rechtsmedizin so wichtigen Beobachtungen der äußeren (Hautabschürfungen, Unterblutungen und Wunden) und inneren (gedeckte Hirnverletzungen, Schädelbrüche, Verletzungen von Brust- und Bauchorganen) Leichenschau nach stumpfer Gewalt werden im Märchen selten oder gar nicht beschrieben.

Es werden die gut sichtbaren Folgen der stumpfen Gewalt wie Tod oder Beinbruch erwähnt als die detaillierten Erscheinungen am menschlichen Körper.

Darüber hinaus gibt es nur wenige ausführliche Beschreibungen wie in Karl Haidings ”Der Furchtlose“, wo ”die Magd fast kein Lebenszeichen mehr“ zeigte (Märchen und Schwänke aus Oberösterreich 198) oder der Bruder ”sah Sterne“ wie in ”Dem Dummen, der keine Furcht kannte“ (Kapelus, Hundert Volksmärchen 71-75).

In einem weiteren Märchen heißt es, daß der Glöckner sich in einen Sarg in der Kirche legt. Als um Mitternacht Dragomir zur Nachtwache kommt, richtet sich der Glöckner auf. Dragomir schlägt ihm mit dem ”Gebein“ auf den Kopf, ”daß diesem sofort Blut aus der Nase und dem Mund kam. Ohnmächtig fiel er in den Sarg zurück.“ Aus der folgenden Handlung erfährt man, daß der Glöckner tot war (Polívka, Verzeichnis slowakischer Märchen ”Volksmärchen von Dragomir“ 4: 358-370).

Die Fassungen des AaTh-Typs 326 ”Fürchten lernen“ sind im deutschsprachigen Raum weit verbreitet (-> Kapitel ”Todeszeichen“).

Die Handlung wird an einem Ort beschrieben, der als ”diesseitig“ gelten kann. Die Situation ist in eine dörfliche Umwelt gelegt, die das Milieu des Zuhörers sein kann.


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Der französische Historiker Philippe Ariès beschreibt in seinem Buch Geschichte des Todes ((1982) 91-92), wie wichtig der Friedhof als Mittelpunkt des Gemeindelebens war: ”Ehedem stellte die Gemeinschaft ... ihr kollektives Bewußtsein durch Feste unter Beweis, ... an eben der Stelle, wo sie auch ihre religiösen, richterlichen, politischen und kommerziellen Zusammenkünfte abhielt: auf dem Friedhof.“

Dies unterstreicht, daß die Handlung im Märchen der täglichen Realität des Märchenrezipienten näher gerückt ist. Dieser Aspekt begründet u.a. auch die Ansicht der Literaturwissenschaftler, daß das ”Märchen von einem, der auszog das Fürchten zu lernen“ mehr zur Gattung der Sagen gezählt werden müßte.

Für die rechtsmedizinische Interpretation folgt daraus, daß auf Grund dieser angenommenen Realitätsnähe die beschriebenen Folgen angewandter Gewalt vorhandenes Wissen der Bevölkerung wiedergeben. Es wird jedoch nur der Tod infolge Sturz oder Schlag als Konsequenz stumpfer Gewalt dargestellt, ausgenommen davon sind die Versionen, in denen der Küster sich ein Bein bricht.


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4.1.2. Die scharfe und halbscharfe Gewalt

Die scharfe Gewalt ist durch die schneidende Eigenschaft der Tatwerkzeuge gekennzeichnet. Diese verursachen Schnitt- und Stichwunden. Als schwerwiegende Folge der scharfen Gewalt führt aber erst die Verblutung zum Tode.

Die halbscharfe Gewalt ist der Hieb. Seine Gewalteinwirkung erkennt man neben den schneidenden Qualitäten der Tatwaffen, (Axt, Beil oder Säbel werden oft mit großer Wucht gegen den Körper geführt), auch an den stumpfen Verletzungen durch die Stielgehäuse.

Die scharfe und halbscharfe Gewalt sind im Märchen durch den sofortigen Austritt von Blut, die Abtrennung von Körperteilen und das benutzte Werkzeug gekennzeichnet.

Als erstes soll auf den Inhalt des Märchens auf den entsprechenden AaTh-Typ 706 ”Mädchen ohne Hände“ kurz eingegangen werden, da das Urmotiv in der Grimmschen Variante (KHM 31) kaum erkennbar ist:

Der Heldin werden die Hände abgeschlagen, weil 1) der Vater sie begehrt, sie ihn aber nicht heiraten will, 2) weil er ihre Seele dem Teufel verkauft und dafür in Reichtum leben kann (Grimmsche Fassung), 3) der Vater ihr das Beten verbietet<23>, 4) die Mutter, Stiefmutter oder Schwester eifersüchtig auf sie ist, 5) die Schwägerin sie beim Bruder verleumdet. Sie wird danach entweder fortgejagt oder flüchtet von selbst. Ein König findet sie, liebt und heiratet sie trotz ihrer Verstümmelung. Sie wird zum zweiten Male mit ihrem Neugeborenen von ihrer Schwiegermutter verstoßen. Durch ein Wunder erhält sie im Wald ihre Hände zurück und wird von ihrem Gatten wiedergefunden.

Das Grundmotiv für die Anwendung scharfer Gewalt ist: ”Ein Mädchen weigert sich, die Frau des eigenen Vaters zu werden. Das Mädchen wird vom Vater verstümmelt (oder es verstümmelt sich selbst) und hilflos ausgetrieben, oder es flüchtet“ (Scherf, Lexikon der Zaubermärchen (1982) 264).

Dieses ursprüngliche Motiv kannten die Brüder Grimm von einer Fassung aus Zwehrn, hatten es jedoch nicht in ihre Sammlung aufgenommen. Walter Scherf vermutet auf Seite 261, daß “ein altüberliefertes Zaubermärchen während einer bestimmten Periode durch die Anpassung an Predigtmärlein entscheidend [vom Inzestmotiv zu dem des Teufels] umgeprägt“ wurde.


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Abgesehen von der Veranlassung durch den Teufel, bieten die anderen Versionen durchaus realistische Beweggründe, die auch den Rechtsmediziner interessieren: Besonders das Begehren in engen verwandschaftlichen Graden (Vater, Bruder, Onkel) verletzt das Ehr- und Schamgefühl des Mädchens. Weil es sich standhaft weigert und nicht flieht wie in ”Allerleirauh“ (KHM 65), schneidet der Vater ihr die Hände und Brüste ab.

Das Mädchen verstümmelt sich in manchen Märchen auch selbst (schickt Hände, Brüste oder Augen dem Verehrer), denn eine Verstümmelte ist nicht mehr so begehrenswert. Herrschsucht, Neid und Mißgunst sind ebenso als Grund vorstellbar.

Die Körperteile, die abgetrennt werden, betreffen an den oberen Extremitäten vom Finger über die Hand bis zum Ellenbogen den ganzen Arm, wie auch an den unteren Extremitäten vom Fuß bis zum Knie oder Bein jede Höhe der Amputation. Neben den Brüsten (eher selten) werden Augen ausgestochen und Zungen abgeschnitten. In den 36 ausgewerteten deutschsprachigen Varianten wurden 27mal die Hände oder Arme abgehauen (zum Vgl.: 5mal Fuß oder Bein).

In diesem Märchen führt die scharfe Gewalt zur Selbstverstümmlung, jedoch begründet das scharfe Schneiden und Abtrennen der Körperteile die Untersuchung der Textstelle in diesem Kapitel. Axt und Beil sind Werkzeuge der halbscharfen Gewalt. Im Märchen aber ist nur ihre trennende Eigenschaft ersichtlich. Von den 36 deutschsprachigen Varianten erwähnen nur sechs die Tatwaffe: Neben Axt und Beil sehr oft das Messer (”groß“, ”scharf“, ”Küchenmesser“)<24>.

Ein Werkzeug bildet die Ausnahme. Im ”Reudigen Füchslein“ läßt die Stiefmutter einen ”schweren Stein“ auf die Hände des Mädchens fallen. Da kommt ein Füchslein und ”leckt“ ihm die Hände ”los“ (Bundi, Märchen aus dem Bündnerland 141-145).

Der Tatvorgang wird im vorliegenden Material mit Worten wie abschlagen, abhacken, abhauen, abscheiden charakterisiert.

In der Regel fehlen Beschreibungen über Schmerzen, Wunden oder Blutverlust. Sie sind eher die Ausnahme bzw. Hinzufügungen jüngeren Datums:

Das ”Madl ohne Händ“ heult vor Schmerzen und fährt mit den Stümpfen in die Erde, weswegen sie nicht ”ausgeblutet“ ist (Haiding, Märchenschatz 253-259). Der Mann, der ihr die ”blutenden Hände“ abschlagen mußte, hilft ihr, die Stümpfe unter ”unsäglichen Schmerzen“ zu verbinden (Zingerle, KHM aus Tirol. ”Mädchen ohne Hände“ 277-284). In Leza Uf-


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fers ”Mädchen ohne Arme“ wird sie ”ganz blutbedeckt gefunden“ und sie ”haben das Blut zum Stillen gebracht.“ (Rätoromanische Märchen 120-127). In einer französischen Version aus der Languedoc leckt sich das Mädchen die Stümpfe selbst ab.

Es seien noch drei Varianten slawischen Ursprungs auf Grund einiger Eigenheiten genannt.

Eine eifersüchtige Mutter bittet den Doktor, in der Nacht ”schmerzlos die Arme der Tochter abzuschneiden“. Er heilt auch gleich ihre Wunden (Polívka, Verzeichnis slowakischer Märchen ”Die Verstümmelte“ 3: 124-127). Daß dem Doktor die Ausführung der Verstümmelung übertragen wird, wie in diesem Beispiel, und dieser sich dazu mißbrauchen läßt, muß als grausige Ausnahme gelten und entspricht wahrscheinlich nicht der regulären Widerspiegelung der Volksvorstellungen im Märchen.

Die Tochter eines Kaisers sticht sich mit dem Messer ins Herz, erwacht aber wieder zum Leben, danach hackt sie sich mit dem Schwert die linke Hand ab und die rechte verbrennt sie sich (Karadschitsch, Volksmärchen der Serben ”Wie sich die Tochter eines Kaisers in ein Lamm verwandelte“ 170-174). Hierbei sei auf einen Umstand hingewiesen, der in vielen Märchen beschrieben, aber doch unmöglich ist: In den Versionen, in denen es sich um Selbstverstümmelung handelt, kann sich das Mädchen eigentlich nur eine Hand abschlagen. Es wird aber meistens von ”Händen“ gesprochen. Folgerichtig wird in dem oben genannten Beispiel die zweite Hand auf eine andere Art und Weise verstümmelt.

Das letzte Märchenbeispiel erzählt besonders anschaulich, wie ein Müller seine Tat vorbereitet: Er hat seiner Tochter verboten, Almosen zu geben. Sie gibt dennoch einem Armen Geld. Als er es erfährt, geht er auf den Markt, um ein Messer, Pech und eine Schweinsblase zu kaufen. Dann sagt der Müller zu seiner Tochter, daß sie zusammen die Wälder ansehen wollen, die er besitzt. Im Wald verstopft er ihr den Mund und schneidet ihr mit dem Messer, das sie selbst schleifen mußte, die Arme bis zum Ellenbogen ab. Dann bestreicht er die Stummel mit Pech, überzieht sie mit einer Schweinsblase und bindet sie mit einer Schnur fest, ”damit kein Blut ausrinnen konnte“ (Sirovatka, Tschechische Volksmärchen ”Von dem Müller, der seiner Tochter Anna die Hände abgeschnitten hatte“ 102-112). In keinem anderen Märchen wurde die Planung einer Tat und deren sorgfältige Ausführung so deutlich vorgefunden.

Das folgende Märchenbeispiel ”Der Räuberbräutigam“ (KHM 40) ist als eine Steigerung zum ”Mädchen ohne Hände“ insbesondere durch seine blutigen Folgen der scharfen Gewalt gekennzeichnet:


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Ein Müller gibt seine Tochter einem Freier, dessen familiäre Hintergründe er nicht kennt. Sie soll ihn noch vor der Hochzeit besuchen und um den Weg zu markieren, streut der Bräutigam Asche. Aber da die Braut kein rechtes Vertrauen zu ihm faßt, streut sie Erbsen und Linsen auf den Weg zu seinem Haus im Wald. Zwar wird sie von einer Vogelstimme und einer Alten gewarnt, aber es ist zu spät. Sie muß sich hinter einem Faß verstecken, als die Räuber und Menschenfresser ankommen.
Sie wird Zeuge einer Schandtat: ”Sie brachten eine andere Jungfrau mitgeschleppt, waren trunken und hörten nicht auf ihr Schreien und Jammern. Sie gaben ihr Wein zu trinken, drei Gläser voll, ein Glas weißen, ein Glas roten und ein Glas gelben, davon zersprang ihr das Herz. Darauf rissen sie ihr die feinen Kleider ab, legten sie auf einen Tisch, zerhackten ihren schönen Leib in Stücke und streuten Salz darüber. ... Einer von ihnen bemerkte an dem kleinen Finger der Gemordeten einen goldenen Ring, und als er sich nicht gleich abziehen ließ, so nahm er ein Beil und hackte den Finger ab; aber der Finger sprang in die Höhe über das Faß hinweg und fiel der Braut gerade in den Schoß.“ Sie kann mit der Alten zusammen fliehen. Inzwischen haben die Erbsen und Linsen gekeimt und sie findet den Weg nach Hause zurück.
Zuhause angekommen, erzählt sie alles ihrem Vater, und als der Bräutigam zur Hochzeit erscheint und alle bei Tische sitzen, soll jeder eine Geschichte erzählen. Wie nun die Reihe an der Braut ist, berichtet sie, was ihr geschehen ist, aber ”mein Schatz, das träumte mir nur.“ Am Ende zieht sie zum Beweis den Finger hervor und der Räuber kann für seine ”Schandtaten gerichtet“ werden.

Dieses Märchen der Brüder Grimm geht nach eigenen Angaben auf zwei Fassungen aus Niederhessen zurück. Die mehr in die Sagennähe gerückte Erzählung spiegelt nach dem Germanisten und Volkskundler Kurt Ranke (Volksmärchen Schleswig-Holsteins 341) zum einen Sympathie der volkstümlichen Überlieferung mit ”diesen verwegenen Gestalten“ wieder, zum anderen drückt sie ”Abscheu vor dem verbrecherischen Treiben“ aus.

Neben der Gewaltdarstellung fallen noch zwei Details auf: Der Räuber gibt sich als ”reicher Freier“ aus, dies gehört zum Plan, die Mädchen zu töten. Sie werden unter Hochzeitsversprechen in das Haus gelockt - die Heimtücke und List, der Plan, das benutzte Werkzeug und das Alkoholisieren des Opfers sprechen für den Sachverhalt Mord.

Das weitere Detail betrifft das Legen der Spur (-> Kapitel ”Spur“). Die Verdoppelung der Spur findet bei der Flucht ihre Berechtigung: während die Asche verflogen ist, haben die Erbsen und Linsen gekeimt. Die aufgegangene Saat zeigt im Mondschein den Weg (im Gegensatz dazu KHM 15 ”Hänsel und Gretel“: In diesem Märchen werden die Brotkrümel von


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den Vögeln aufgepickt, deswegen können Hänsel und Gretel den Weg nach Hause nicht finden.).

Die insgesamt 40 analysierten Varianten des deutschsprachigen Raumes weisen zur Hälfte (19 Versionen) die Zerstückelung der Körper auf, teilweise bei lebendigem Leib. Das Abschlagen des Fingers (Hand, Arm) als späteres Beweisstück gehört zum Märchentyp, wird aber nur 15mal erwähnt, genau so oft wie das Benutzen eines Werkzeugs. Neben dem Beil (seltener Messer oder Säge) fällt hier der oft beschriebene Hackklotz auf.

Die Schilderungen des Hauses oder der beobachteten Tat ergötzen sich geradezu an Blut und Menschenfleisch: ”Und bald hörte sie das Röcheln der Sterbenden, deren Blut über die Dielen bis in ihr Versteck floß,“ (Bechstein, Sämtliche Märchen ”Die hoffärtige Braut“ 433).

Ein Königssohn, der seine Schwester retten will, bekommt im Schloß seines Schwagers als Begrüßungsspeise, ”gekochte Menschenfüße und - hände“ zu essen (Kooi, Großherzog und Marktfrau ”Die Lebensblume“ 30). ”Bei uns ist es Sitte, alle zehn Finger auf den Tisch zu legen.“ Daraufhin nimmt der Räuber ein Messer und hackt ihr alle zehn Finger ab. In dieser Variante wird das Mädchen von allen zwölf Räubern vergewaltigt (”gebraucht“) und dann erst ”umgebracht“ (Lichtenfeld, Märchen ”Di Müllerstuchtr“ 18-27)<25>.

An diesem Beispiel fallen dem rechtsmedizinisch Geschulten die Ausblutung und der augenblickliche Tod als Folge der Zerstückelung ins Auge. Das Ziel ist der Tod des Opfers. Es werden aber nicht die Wunden und das Blut am Menschen geschildert, sondern die ausladenden Darstellungen beziehen sich größtenteils auf den Tatort: der Hackklotz, das Beil, die Wände des Zimmers sind blutbespritzt. Die Leichen liegen in einer Grube oder auf einem Haufen.<26>

Der Kannibalismus im ”Räuberbräutigam“ sollte als in den ”Vorstellungen, Phantasien und Ängsten der Menschen“ existent verstanden werden, das bedeutet, er kommt nur in ”Teilbereichen der Kultur wie Märchen, Sage, Mythos“ vor und besitzt ”keinerlei Gegenstück im Alltagsleben“ (EM, ”Kannibalismus“ 939).

So muß der ganze mörderische Part des Märchens als eine aus Sympathie und gleichzeitiger Antipathie entstandene Vorstellung der volkstümli-


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chen Seele über Räuber verstanden werden. Es finden sich zwar Zeichen der scharfen Gewalt (Blut, Zerstückelung, Tatwerkzeug), sie können aber nicht als Widergabe der Realität angesehen werden.

Folgen der mechanischen Gewalteinwirkung wie Blut- und Fremdkörperaspiration, Embolien, funktionelle Störungen und Wunden kommen allgemein in den Märchen nicht vor.


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4.1.3. Ein Exkurs: Vivisektion

Die Vivisektion als wissenschaftlichen Zwecken dienende Operation am lebenden Tier kann mit dieser Begriffserklärung so auf die Märchen nicht angewendet werden, da im Märchen kein ”wissenschaftlicher Zweck“ vorhanden ist. Das von den Literaturwissenschaftlern benutzte Wort für Bauchaufschneiden ”Gastrotomie“ beschränkt sich im deutschen Sprachgebrauch der Mediziner auf die operative Schnitteröffnung des Magens. Die Laparotomie beinhaltet die Eröffnung der Bauchhöhle im Rahmen einer operativen Diagnostik. Im Französischen wird das Wort ”Gastrotomie“ für die gleiche operative Eröffnung des Bauchraumes zu diagnostischen Zwecken verwendet.

Die für die Märchen verwendete Bezeichnung ”Bauchaufschneiden oder -aufschlitzen“ beschreibt bildlicher die Öffnung des Bauches und wird daher in den folgenden Ausführungen benutzt.

Eine bei der Opferung von Tieren häufig beobachtete Tatsache wird seit der Antike geschildert: Nach der Tötung der Mutter waren die Föten noch lebensfähig. Auch Galen (129-199 u.Z.) berichtete, daß er selbst beobachtet hätte, wie einem schwangeren Tier während der Sektion ein lebendes Junges abgenommen wurde (Curàtulo, Die Kunst der Juno Lucina in Rom (1902) 99-101)<27>.

Zur Frage der Schnittführung und Handhabung des Zunähens im Bereich des Bauchraumes werden Märchenpassagen der Brüder Grimm näher untersucht.

Ist für ”Rotkäppchen“ (KHM 26) Bauchaufschlitzen nur in der Grimmschen Fassung bekannt, findet man die glückliche Rettung in fast allen mündlichen Varianten vom ”Wolf und den sieben Geißlein“ (KHM 5).

Eine mündliche Tradition im deutschsprachigen Raum für das ”Rotkäppchen“ ist vor den Brüdern Grimm so gut wie gar nicht auszumachen. Ihre Verbreitung ist eher auf Frankreich und Norditalien begrenzt. Aus diesem Raum liegen ausschließlich ”Le petit chaperon rouge“-Varianten als Fressermärchen mit schlimmem Ende vor. Die Brüder Grimm folgen in ihrer Fassung zwei französischen Märchen und übernehmen den positiven Schluß aus dem ”Wolf und den sieben Geißlein“ (Scherf, Lexikon der Zaubermärchen (1982) 313-316; Röhrich,


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”Todesauffassung in der Volksdichtung“ in Tod und Wandel in den Märchen (1991) 69).

Die wirklich volkstradierten Varianten im EM-Archiv sind denn auch spärlich und reduzieren sich auf das francophone Gebiet<28>. Das Aufschneiden des Wolfsbauches durch die Schere des Jägers ist nur Grimm-abhängig auszumachen<29>: Der Jäger ”schoß nicht, sondern nahm eine Schere und fing an, dem schlafenden Wolf den Bauch aufzuschneiden. ... Rotkäppchen aber holte geschwind große Steine, damit füllten sie dem Wolf den Leib, und wie er aufwachte, wollte er fortspringen, aber die Steine waren so schwer, daß er gleich niedersank und sich totfiel.“

Fast gleichlautend heißt es im Märchen vom ”Wolf und den sieben Geißlein“: ”Da mußte das Geißlein nach Hause laufen und Schere, Nadel und Zwirn holen. Dann schnitt sie dem Ungetüm den Wanst auf.“ Die sieben Geißerchen ”schleppten ... in aller Eile die [Wacker-] Steine herbei und steckten sie ihm in den Bauch ... . Dann nähte ihn die Alte in aller Geschwindigkeit wieder zu, daß er nichts merkte und sich nicht einmal regte.“

”Der Wolf und die sieben Geißlein“ - auch als Fabel - sind weit verbreitet. Das EM-Archiv weist 23 deutschsprachige Varianten auf. Es gibt elf Märchen, die die Passage so oder vergleichbar (mit dem Aufschneiden, Steine hineinlegen und wieder Zunähen) beschreiben. Die praktische Seite während des Aufschneidens wird im größten Teil der Fälle nur kaum geschildert. Aus wörtlichen Erwähnungen wie Schere, Messer, aufschneiden oder -schlitzen und Nadel, Zwirn-(sfaden), Naht, aunähen oder -flicken ist auf die Ausführung der Nahttechnik nicht zu schließen.

Einige Märchen seien hier im Besonderen erwähnt:

Auf die schlechte Besorgung der Naht läßt das Märchen ”Vom Bären und vom Farei (Schwein)“ schließen: Ein Bär hat die drei Ferkeln einer Muttersau gefressen. Diese macht ihn daraufhin mit Schnaps ”besoffen“. Im Schlaf schneidet sie ihm mit dem Messer den Bauch auf, legt ihm anschließend Steine hinein und näht ihn wieder zu. Auf dem Nachhauseweg bleibt der Bär an einem Ast hän-


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gen, die Naht geht auf, die Steine fallen heraus und der Bär fällt tot um (Junghans, Böhmerwaldmärchen 70-73).

In einem Sorbischen Volksmärchen schlitzt sich der Wolf auf der Flucht den Bauch von selbst auf (ohne vorherige Naht), als er über einen Zaun springt und an ihm hängen bleibt. Die zwei verschlungenen Zicklein hopsen heraus (Nedo, ”Die drei Ziegen und der Wolf“ 78-79).

Häufiger als im Märchen kommt das Motiv des Bauchaufschneidens im Volksaberglauben von der Percht<30> vor. Danach wurde ungezogenen Kindern gerne angedroht, daß diese Schreckgestalt (meistens in der Nacht) vorbeikäme und ihnen den Bauch aufschlitze, hernach die Gedärme herausdrehe und manchmal noch dafür den Bauch mit Erbsenstroh fülle, wenn sie nicht gehorsam sind. Die Bildhaftigkeit dieser Strafandrohung könnte das Motiv des Bauchaufschneidens in den Märchen beeinflußt haben (EM, ”Gastrotomie“ 5: 740ff.).

Das Ausdärmen oder Exenterieren als Strafe wird in ”bäuerlichen Weistümern des 16. und 17. Jahrhunderts“ erwähnt. Dies bedeutet jedoch nicht, daß dies der Realität entsprechen mußte, da eine chronologische Geschichtsaufzeichnung fehlt. Nach mehreren Autoren der Rechtsgeschichte handelt es sich hierbei um eine ‘Phantasiestrafe’, die gegen Baumfrevler verhangen wurde. Die Strafe ist für begrenzte bäuerliche Gebiete belegt. Das bedeutet nicht, daß sie bei begangener Straftat des Baumfrevels nicht ernsthaft ausgeführt wurde (Schild, Alte Gerichtsbarkeit (1980) 44; Leder, Todesstrafe (1980) 158-159; HzR, ”Ausdärmen“ 1: 263-264).


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4.2. Vergiftung

”Gifft ... ist dasjenige, was dem menschlichen Leibe, wenn desselben Theile innerlich und äußerlich damit berühret werden, wo nicht gleich tödlich, dennoch sehr schädlich ist“ (Zedler, Universallexikon. ”Gifft“ 10 (1735) 1454). Diese Definition deutet auf den langen Werdegang zur heutigen Begriffsfindung hin. Keine Angaben über Mengen oder Dosis, auch über die Art und Herkunft der Stoffe wird wohlweislich die Auskunft unterlassen, lediglich der Applikationsort ist angegeben. Trotz ihrer Allgemeinheit ist dies die wohl treffendste Formulierung des Sachverhalts für dieses Kapitel.

Der geschichtliche Exkurs:

Um das Gift quantitativ und qualitativ zu erfassen mußten viele Jahrhunderte vergehen, bis in der Renaissance Paracelsus (1493-1541)<31> formulierte, daß Gift nicht absolut, sondern mengenabhängig zu begreifen ist.

Die wissenschaftlich fundierte Giftkunde brauchte noch einmal vierhundert Jahre, um sich der Frage: ”Unter welchen Umständen wird ein Stoff zu Gift?“ zu nähern (Martinetz/Lohs, Gift (1985) 7). Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis des Buches Gift. Magie und Realität. Nutzen und Verderben von Dieter Martinetz und Karlheinz Lohs verschafft nur einen ungefähren Eindruck: von Rauschdrogen, Pilzen, pflanzlichen Extrakten, über tierische Gifte bis hin zu Steinen und Kristallen und auch synthetisch hergestellten Giften ist alles vertreten, was vergiften kann.

In den frühen rechtsmedizinischen Abhandlungen wird das Thema Vergiftung immer noch in den Zusammenhang mit Zauberei und Heimtücke gebracht. Allein schon der Gedanke, daß das Gift im Verborgenen wirke, auf unbekannte Weise dem Körper schade, nährt auch in wissensachftlichen Büchern in den Anfängen der Medizin die Vorstellung von Dämonen und Magie.

”Für die Vergiftung in ihrem Aspekt als Zauberei war der Mediziner als klerusnaher ... Akademiker und vor allem als offizielle Vertrauensperson ... in höherem Maße zuständig als der Handwerker-Chirurg; die Hebamme als potentielle Hexe und der Apotheker als potentieller Giftmischer“ (Fischer-Homberger, Medizin vor Gericht (1986) 353-357)


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Erst das 18. Jahrhundert bringt eine Entflechtung des Begriffes, weg vom großen Unbekannten, hin zum materiell Faßbaren: chemisch-quantitative Betrachtung von Giften, ihr Nachweis, ihre Spezifität, die gerichtliche Fragestellung nach der toxischen Dosis. Dem Gift wurde eine materiell-chemische Natur unterlegt.

Heute gehören zur toxikologischen Fragestellung der Rechtsmedizin Aufgaben wie Suchtmittelüberwachung, der Nachweis von Giften in Lebenden und Toten sowie aufgefundene Arzneimittel und quantitative Analysen vorgefundener Stoffe in der Leiche. Dies zeigt die erneute Erweiterung des Teilgebietes der Rechtsmedizin. Besondere Beachtung gilt den fließenden Übergängen von den Giften zu den Arznei- und Heilmitteln und Drogen.

Im Märchen lassen sich einige typische, historisch gewachsene Zusammenhänge und Vorstellungen erkennen, die sehr lange geglaubt und erst in jüngerer Vergangenheit (18./19. Jahrhundert) geändert wurden: die unbegrenzte Wirksamkeit von Gift, das Thema Gift und Frau, der Zusammenhang von Gift und Zauberei.

Ein Beispiel für die Vorstellung der unbegrenzten Wanderung des Giftes zeigt ”Das Rätsel“ (KHM 22):

Eine Hexe mischt einen Trank. In dem Augenblick, in dem sie ihn überreichen will, zerspringt das Glas<32> ”und das Gift spritzte auf das Pferd und war so heftig, daß das Tier gleich tot hinstürzte.“ Danach tötet ein Diener den Raben, der vom Kadaver gefressen hatte. ”Zwölf Mörder“ essen von der Suppe, die mit dem Rabenfleisch zubereitet wurde, ”... so fielen sie alle tot nieder, denn dem Raben hatte sich das Gift von dem Pferdefleisch mitgeteilt.“

Hier liegt die Beschreibung einer Nahrungskette vor: Pferd-Rabe-Suppe-Mensch. Beim Pferd genügt allein die äußere Applikation, um zum Tode zu führen. Jedoch stirbt der Rabe nach dem Genuß des Fleisches nicht, obwohl er ein viel kleineres Verteilungsvolumen besitzt als das Pferd. Wohl aber sterben die Menschen nach dem Verzehr seines Fleisches.

Dieses Märchenbeispiel belegt die Auffassung von der unbegrenzten Wirksamkeit des Giftes, sowie ein vorherrschendes Unwissen in der Bevölkerung über Giftkonzentration und -verteilung im menschlichen Körper.


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Das ”Sneewittchen“-Märchen (KHM 53) soll als Beispiel für die Vielfalt der Giftanwendung angeführt werden. Zur Reversiblität der Giftwirkung wurde bereits in dem Kapitel ”Scheintod“ unter dem Blickpunkt der Wiederbelebung eingangen.

Die Gegenstände, mit welchen Schneewittchen vergiftet wird, sind alle im festen Aggregatzustand, und das Gift ist überwiegend auf ihre Oberfläche aufgetragen gedacht (=Giftträger). In wenigen Varianten kann es sich auch um Gifttränke handeln, die aber als Heil- oder Schlaftrank deklariert werden. Neben dem Apfel, der verzehrt wird, treten Kämme, Haarnadeln, Ringe, Kleider, Blumen, Bänder etc. als corpora delicti auf<33>.

Da, wie oben ausgeführt, Gift und Zauberei in der Phantasie der Menschen eine Einheit bildeten, kann man jeden Gegenstand als ”vergiftet“ ansehen, der in Märchenworten ”verzaubert“<34> ist.

Abgesehen vom Verzehr des giftigen Apfels beginnt die giftige Substanz durch das einfache Anlegen des Giftträgers sofort zu wirken. Der Kamm und die Nadel müssen in einigen Textvarianten erst in den Kopf oder Hals gestochen werden, bevor der Erfolg eintritt. Die Wirkung geht immer gleich in Form von muskulärer Erschlaffung und kausalem Sturz auf den ganzen Körper über. Es wird niemals ein lokale Reaktion des Giftes beschrieben.

Von einer Ausscheidung des Giftes im medizinischen Sinne kann man im Märchen nicht sprechen, der Gegenstand wird jedesmal unter märchenhaften Begründungen vom Ort der Wirkung entfernt. Im Falle des Apfels und anderer Eßwaren wird er ausgespieen, d. h. erbrochen.

”Wir finden zuweilen ein auffallend langes Frischbleiben der Leichen und Fehlen des Verwesungsgeruches bei Vergiftung mit Schwefelsäure und anderen Säuren.“ (Maschka, Handwörterbuch der Gerichtlichen Medizin (1882) 2: 42). Dieses Zitat wirft die Frage auf, inwieweit das eingenommene Gift Schneewittchen so lange frisch und unverwest erscheinen läßt (-> Kapitel ”Todeszeichen“). Da im Märchen keine näheren Angaben über die chemischen Eigenschaften des Giftes gemacht werden, ist jede weitere Diskussion über die Zusammensetzung des Giftes Spekulation.


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Als ein warnendes Beispiel für unkorrekte Aufbewahrung von giftigen Flüssigkeiten sei nun auf den ”Armen Jungen im Grab“ (KHM 185) eingegangen (-> Kapitel ”Selbsttötung“ ).

In allerletzter Verzweiflung möchte er sich das Leben nehmen, indem er zum Gift greift. Doch im Topf unterm Bett ist Honig und nicht Gift, und in der Flasche im Schrank befindet sich Ungarwein und kein Fliegengift, wie der Onkel es deklarierte. Gut genährt und betrunken glaubt er, sein Ende nahe und begibt sich auf den Kirchhof. ”Er taumelte fort, erreichte den Kirchhof und legte sich in ein frisch geöffnetes Grab. Die Sinne verschwanden ihm immer mehr. In der Nähe stand ein Wirtshaus, wo eine Hochzeit gefeiert wurde; als er die Musik hörte, däuchte er sich schon im Paradies zu sein, bis er endlich alle Besinnung verlor. Der arme Junge erwachte nicht wieder, die Glut des heißen Weines und der kalte Tau der Nacht nahmen ihm das Leben, und er verblieb in dem Grab, in das er sich selbst gelegt hatte.“

Hier handelt es sich nicht um den Tod durch Vergiftung, vielmehr um die Darstellung dessen, was passieren kann, wenn aus Betrug und List, etwas für Gift ausgegeben wird, was ungiftig ist. In diesem Fall und im Vorbild der Brüder Grimm -- Georg Aurbachs Büchlein für die Jugend (167-172)-- führt dies trotzdem zum Tode (eigentliche Todesursache -> Kapitel ”Erfrieren“).

Die negative Auswirkung des Alkohols als gesellschaftliches ”Gift“ sei hier nur im Nebensatz bemerkt. ”Doch alsbald hernach der Wein anfing, in den Kopf zu steigen und ihn zu betäuben, so meinte er, sein Ende nahte sich heran.“ Im Rauschzustand verkennt der Junge die Situation. Er bildet sich sogar ein, ”paradiesische Musik“ zu hören. Zwar wird im Volksmund oft von ”Alkoholvergiftung“ gesprochen, doch zählt der Alkohol nicht zu den Giften im klassischen Sinne. Trotzdem ist der Alkohol ein rechtsmedizinisch relevantes Thema, z. B. bei der Frage nach der Zurechnungsfähigkeit eines Täters oder Verkehrsteilnehmers unter Alkoholeinfluß.

In den anderen Varianten desselben AaTh-Typs 1313 ”Mann glaubt sich tot“ gesteht der Mann/Tolpatsch der nach Hause kommenden Frau, daß er Gift genommen hat. Welche ihn daraufhin auslacht und ihm verzeiht, ihn aber nicht über das fälschlich deklarierte Gift aufklärt.

In nahezu allen angeführten Märchenbeispielen ist es jedesmal eine Frau, die das Gift mixt.

Die weit verbreitete Erzählung ”Giftmädchen“ geht von der Vorstellung aus, daß ein mit Gift ernährtes Mädchen gefährlich für andere Personen ist (EM, ”Giftmädchen“ 5: 1240f.).


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”Besonders Frauen haben sich bis in unsere Zeit hinein ... als Lebenszerstörerinnen durch Gift erwiesen“ (Lewin, Gifte und Vergiftungen (1992) 9).

Auch ältere Fachliteratur der Rechtsmedizin belegt, daß in der Vergangenheit Gift/Giftmischerei eng mit der Frau und ihrer Gefährlichkeit für die Allgemeinheit, und für den Mann im Besonderen, verbunden war. Nach Esther Fischer-Homberger liegt ein Grund für die Assoziation von Frau und Sexualität wie von Sexualität und weiblicher Machtausübung in der Dominanz des Mannes in den Anfängen der Wissenschaft und in der fälschlichen Projektion der sexuellen Anziehungskraft zweier Partner als Macht der Frau über den Mann. ”Die Idee, jene Machtausübung erfolge über Gift, liegt dabei natürlich um so näher, je mehr man unter ‘Gift’ im älteren Sinne einen starken Wirkstoff unbekannter Wirkungsweise versteht ...“ ((1993) 364).

A.a.O. heißt es auf Seite 365, daß die Beziehung Frau und Gift objektiv gesehen schon vorhanden war, betrachtet man die weibliche Tradition im Umgang mit Antikonzipientien, Abortiva und dem Kochen (”Zubereiten irgendwelcher Wirkstoffe“). ”Nicht zufällig gibt es das ‘Rezept’ noch heute sowohl in der Küche als auch in der Apotheke“ (in Anlehnung an Fischer - Homberger, Medizin vor Gericht (1993)).

Auffällig ist auch im ”Sneewittchen“-Märchen die Wandlung der Mutter/Stiefmutter zur Hexe im Augenblick der Tatvorbereitung, die sich als Motiv kostant durch die Varianten zieht.

Auf Grund der Heimtücke (die Hexe verstellt sich bei jedem Zusammentreffen) und der Planung (die Hexe/Mutter/ Stiefmutter bereitet jedesmal den Gegenstand und ihr ”Outfit“ vor) kann man bei ”Sneewittchen“ die Maßstäbe eines Giftmordes anlegen.

Der Hexe gilt die ganze Antipathie des Märchenzuhörers. Wenn sie sich in glühenden Schuhen tot tanzen muß, gerädert oder gevierteilt wird, findet der Zuhörer dies gerecht.

Der Moment, in dem die Giftmischerin zur Hexe wird, spiegelt durchaus die historischen Rechtsvorstellungen wieder. Oft wurde ”Frau“ und ”Gift“ gleichgesetzt mit ”Hexe“ und ”Zauberei“. Das konnte ab dem 13. Jahrhundert in Europa Strafverfolgung, Hexenprozeß und -strafe zur Folge haben (-> auch Kapitel ”Verbrennen“ und ”Todesstrafe“). In der deutsch-germanischen Gesetzgebung standen für Vergiften, teilweise schon für Besitz von giftigen Stoffen, die Strafen Verbrennen, Hängen, Ertränken, Enthaupten, Rädern (besonders für Männer) und lebendig Begraben. Da der Giftmord schändlicher als der gemeine Mord eingeschätzt wurde, konnte der Deliquent zur Strafverschärfung mit glühenden Zangen geris-


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sen oder zur Richtstätte geschleift werden (Lewin, Gifte in der Weltgeschichte (1920) 58-64) .

Aus rechtsmedizinischer Sicht kann über die Vergiftung im Märchen gesagt werden: der Aggregatzustand des Giftes ist entweder flüssig oder fest. Die Giftgruppe der Gase, die heute an erster Stelle steht, wie z.B. das Kohlenmonoxid, findet sich im Märchen nicht.

Der Märchenmensch hat keinerlei Vorstellung von Dosis oder Mengenangaben. Die giftige Substanz wirkt meistens sofort systemisch auf den ganzen Körper.

Die Applikation des Giftes erfolgt innerlich (Verzehr von vergifteten Lebensmitteln) und äußerlich (Spritzer, Berühren der Haut durch vergiftete Gegenstände). Das Hineinstoßen der Nadel oder des Kammes kann als subkutane Applikation verstanden werden.

Das Auftreten der ersten Symptome erfolgt bei allen Vergiftungen der Märchen plötzlich und aus voller Gesundheit heraus.


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4.3. Ersticken

4.3.1. Begriffsklärung

Welche nicht natürlichen Todesformen zu den Erstickungen gezählt wurden, läßt sich im Rückblick an verschiedenen Abhandlungen der Rechtsmedizin nachvollziehen. Erst mit der Entdeckung des Sauerstoffs Ende des 18. Jahrhunderts durch Antoine-Laurent Lavoisier (1743-1794) wird die Begriffsbestimmung eindeutiger und erweitert sich noch einmal Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Wissen über die wesentlichen chemischen Reaktionen (Fischer-Homberger, Medizin vor Gericht 321-322).

In der Zeit vor diesen grundlegenden Kenntnissen rechnete man in den wissenschaftlichen Arbeiten der Rechtsmedizin den Tod durch Erfrieren, Blitzschlag, Apoplexie oder gar atembehindernden Globus hystericus vereinzelt zu den Erstickungen. Es konnte z.B. auch der Tod in einer kohlendioxidhaltigen Atmosphäre ausgeklammert werden. Grundsätzlich jedoch formte sich mit der Zeit eine Hauptgruppe der Erstickungen heraus, zu der Ertrinken, Erdrosseln, Erhängen, Ersticken durch Verlegung der Atemwege und in lebenswidriger Atmosphäre zählten (Fischer-Homberger, Medizin vor Gericht 324 u. 329).

Nach heutigem Verständnis beinhaltet das Ersticken alle pathophysiologischen Prozesse, die durch Behinderung und Blockade der Sauerstoffzufuhr und -aufnahme und Störung der Kohlendioxidabatmung zu lebensbedrohlichen Zuständen oder zum Tode führen. Diese Definition schließt eine mechanische Verlegung der Atemwege, Thoraxkompression, Sauerstoffmangel in der Einatemluft und Vergiftungen durch CO (Behinderung der Sauerstofftransports) und HCN (Störung der Gewebsatmung) ein. Solchen ”äußeren“ Einwirkungen können ”innere“ gegenübergestellt werden. Diese ”inneren“ Veränderungen sind meist durch Erkrankungen verursacht, haben jedoch oft den gleichen Erstickungsmechanismus wie ”äußere“ Ursachen.

Bezogen auf diese Darlegung des Begriffs rechnen neben Intoxikationen durch Bluts- und Gewebsgifte, Tod durch Strangulation und Ertrinken die folgenden nicht natürlichen Todesarten zu den Erstickungen, ohne sich auf ein einheitliches, rechtsmedizinisch begründetes Konzept zu beziehen: Verschluß von Mund und Nase (z.B. durch Plastiktüte), Knebeln, Verlegung der Luftwege (z.B. durch Fremdkörper), Bolustod, Behinderung der Atmung (z.B. durch Thoraxkompression), Verschüttung (z.B. bei Gruben- und Lawinenunglücksfällen), Höhenkrankheit, Taucherunfall, Caissonkrankheit (Forster, Praxis der Rechtsmedizin (1986) 121-143).

Die Monographie Ersticken: Fortschritte in der Beweisführung (Brinkmann/ Püschel, Hg. (1990)) vertieft und erweitert dieses umfangreiche Sachge-


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biet der Rechtsmedizin um wichtige Fakten. Besonders bei der Frage, ob der Tote nicht doch auf andere Weise gestorben ist, als auf den ersten Blick vermutet werden kann, versucht der Rechtsmediziner durch wiederkehrende Symptome am lebenden und toten menschlichen Körper bei erfolgter obstruktiver Asphyxie, den Beweiswert dieser wiederkehrenden Anzeichen zu erhärten.

Für das Ersticken infolge Strangulation (=Abschnüren des Halses) gibt es einige Synonyme wie z.B. äußere oder mechanische Gewalteinwirkung auf den Hals, Halskompression und obstruktive Asphyxie. Das Abschnüren des Halses kann mit Hilfe eines Stranges oder der Hände vollzogen werden. Wird das Strangwerkzeug durch das Eigengewicht des Körpers zugezogen, bezeichnet man dies als Erhängen. Erdrosseln nennt man das Zuziehen des Strangwerkzeuges mit den Händen. Es handelt sich um Erwürgen, wird der Hals mit den Händen abgeschnürt.

Als allgemeiner Erfahrungschatz kommt die Gefährlichkeit des Angriffes auf den Hals in einigen Wortwendungen zum Ausdruck:

jemandem an die Gurgel gehen oder springen, jemandem an den Hals oder Kragen gehen, den Würgegriff ansetzen, eine Sache abwürgen, Würgeengel, Halsabschneider, Hals- und Beinbruch.

Diese Aufstellung ist dem Artikel ”Obstruktive Asphyxie (Würgen, Drosseln) mit Überleben“ ((1990) 249-250) von Hansjürg Strauch, E. Lignitz und Gunther Geserick zum Teil zitierend entnommen worden. Wie diese Redewendungen bereits andeuten, ist das Thema des Erstickens infolge äußerer Halskompression in seiner manchmal tödlichen Bedeutung in der Volksvorstellung weit verbreitet.

Gerade für das ”Erhängen“ zeigt sich im Märchen die Sprichwörtlichkeit vieler Redewendungen. In den folgenden Kapiteln werden die Themen ”Erhängen“ und ”Ertrinken“ für die erzählende Volksdichtung behandelt. Die Möglichkeit eines Bolustodes wird am Beispiel des Märchens ”Sneewittchen“ (KHM 53) in den Kapiteln ”Vergiftung“ und ”Nachlese“ diskutiert. Tod durch Erdrosseln oder Erwürgen tritt nicht als konstantes Motiv auf. Die weiteren aufgezählten Erstickungsarten gehen mit den Errungenschaften der modernen Zvilisation einher und sind daher nicht im Märchen vertreten.


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4.3.2. Erhängen

Der Tod durch Erhängen kann durch vier verschiedene Mechanismen allein oder in ihrer Kombination herbeigeführt werden. Bei der Verlegung der Atemwege wird der Zungengrund nach hinten oben durch das Strangulationswerkzeug gedrückt. Dies ist jedoch nicht der entscheidende Vorgang, der den Tod verursacht. Das Abschnüren der Gehirn versorgenden Halsschlagadern ist in der Regel die Todesursache. Der Reflextod durch akuten Herzstillstand kann bei Reizung der Halsnervengeflechte eintreten. Die Schädigung des Halsmarks, nachdem die Halswirbelsäule verletzt wurde, führt nur in Ausnahmefällen zum Tod (Forster, Praxis der Rechtsmedizin, (1986) 125, -> auch Kapitel ”Todesstrafe“).

Das Märchen weist drei Gruppen<35> auf, in denen das Erhängen in immer wiederkehrendem Zusammenhang steht:

  1. Das Erhängen als Todesstrafe.
  2. Das Erhängen als Form des Selbstmords.
  3. Abergläubische Aussagen über das Erhängen.

(1) Als Zeichen des alltäglichen Vorkommnisses verbindet das folgende Märchen das Stehlen mit dem Erhängen. Der ”Meisterdieb“ (KHM 192) spielt in schwankhafter Weise darauf an, was mit jemandem geschieht, der das Stehlen nicht lassen kann:

Der Vater warnt den Sohn: Wenn der Graf erfährt, daß du ein Dieb geworden bist, ”läßt er dich am Galgenstrick schaukeln“. Der Graf aber läßt ”Gnade für Recht ergehen“ und stellt ihn auf die Probe. ”Wenn du aber nicht bestehst, mußt du mit des Seilers Tochter Hochzeit halten, und das Gekrächze der Raben soll deine Musik dabei sein. ... Merk dir alles wohl, denn es geht dir an den Hals. ... Und ich warne dich, wenn du mir als Dieb begegnest, so behandle ich dich auch wie einen Dieb.“
Zum Bestehen der zweiten Aufgabe holt er sich u.a. einen ”armen Sünder vom Galgen“. Letztendlich kann er alle drei Aufgaben lösen und der Graf gibt ihm noch einen guten Rat mit auf den Weg: Wenn er sich wieder in seinem Land blicken läßt, so kann er auf seine ”Erhöhung am Galgen rechnen“.


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Das Märchen spielt auf die seit dem Mittelalter bekannte Bestrafung für Diebstahl an. Zur eigentlichen Verurteilung durch den Strang kommt es in diesem Märchen nicht.

Zwei weitere Märchen der Brüder Grimm zeugen von diesem rechtlichen Zusammenhang. In den ”Vier Kunstreichen Brüdern“ (KHM 129) erlernt der Älteste das Handwerk eines Diebes. Zuerst jedoch wehrt er ab: ”... und das Ende vom Lied ist, daß einer als Schwengel in der Feldglocke gebraucht wird.“ Diese Formulierung ist ein Gleichnis für den Galgen. Im Rotwelsch, der Gaunersprache der Bundschuhbewegung um 1524, war die ”Glocke“ ein Synonym für den Galgen und der ”Klöppel“ oder ”Schwengel“ für den Gehenkten (Feraru, ”Fast alle endeten im Kerker oder am Galgen“ Berliner Zeitung. (1996): 35).

Im Märchen ”Der Jude im Dorn“ (KHM 110) soll zuerst ein Knecht für den vermeintlichen Diebstahl eines ”ganzen Beutel mit Gold“ hängen. Als sich das Blatt wendet, gesteht der Jude, daß er es gestohlen hat. ”Da ließ der Richter den Juden zum Galgen führen und als einen Dieb aufhängen.“ (-> auch Kapitel ”Todesstrafe“)

(2) Für das Erhängen als Selbstmord sei der ”Bärenhäuter“ (KHM 101) zitiert. Eine der beiden Schwestern ”erhenkte sich an einem Baum“, aus Neid auf die Jüngste. Das Motiv kehrt in anderen Märchen wie in ”Der Teufel als Schwager“ (Sutermeister, KHM aus der Schweiz Nr. 24) oder in ”Der Jäger und die drei Brüder“ (Pröhle, Märchen für die Jugend) wieder. (-> auch Kapitel ”Selbsttötung“)

Dies ist jedoch keine für den Selbstmord durch Erhängen typische Ursache in Volkserzählungen. Sie wird eher in Geldnot oder in wirtschaftlichem Ruin gesehen. Meist kommt derjenige, der sich aus finanziellen Nöten umbringen will, zu unerwartetem Reichtum (AaTh 910D -> Schatz hinter dem Nagel; EM, ”Galgen“ 7: 652).

Zum Hängen genügten oft Baum und Strick. Auf Grund moderner Lebensformen in den Städten werden Selbstmörder heute bevozugt in ihrem häuslichen Milieu an Fensterkreuzen, Deckenbalken oder in Kellern aufgefunden.

In der erzählenden Volksdichtung wird sehr oft der Baum als Ort der Selbsttötung erwähnt. Es wurde jedoch auch die Strafe des Hängens an Bäumen ausgeführt (-> Kapitel ”Todesstrafe“).

Neben Särgen der Exkommunizierten bewahrte man auch bereits Gehenkte in den Zweigen der Bäume auf. ”Bäume als die ‘Mädchen für alles’ der Vergangenheit!“ (Ariès, Geschichte des Todes (1982): 84).


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(3) Sehr oft jedoch ist das Erhängen tief im Volksglauben, damit auch in den Märchen, verwurzelt.

Der erblindete Wanderer aus ”Die beiden Wanderer“ (KHM 107) erfährt durch die Erhängten, als er eine Nacht unter deren Galgen verbringt, daß der Tau, der in jener Nacht über die Gehenkten herabfällt, den Blinden das Augenlicht wiedergibt.

Aussprüche der Märchenhelden wie ”mit des Seilers Tochter Hochzeit halten“ oder ”das Gekrächze der Raben soll deine Musik dabei sein“ spiegeln Volksweisheiten wieder. Die Brüder Grimm schmückten gerade wegen ihres sprichwortähnlichen Charakters die Märchen damit aus.

Im Aarne-Thompson-Typ ”Fürchten lernen“ (AaTh 326) geht es in der zweiten ”Mutprobe“ darum, daß die Abergläubigkeit des Helden ihn nicht davon abhält, eine Nacht unter dem Galgen zu verbringen.

Ein Aberglaube besagt, daß der Teufel mit im Spiel sei, wenn einer, der sich erhängen will, schöne Musik hört (HdA, ”Selbstmörder“ 7: 1628). Berichte von mißglückten Suizidversuchen, daß dabei Gefühle der Glückseligkeit, Empfindungslosigkeit, Schnelligkeit der Gedanken empfunden werden und daß Ereignisse des früheren Lebens in einer Zeitraffung (sogen. ”quick-motion-pictures“ oder ”Panoramaschau“) während der letzten Momente auftreten, mögen diesen Volksglauben bestärkt haben (Prokop/Göhler, Forensische Medizin (1975) 106).

Besondere Beschreibungen über das Auffinden von Erhängten, ihr Äußerliches und das Tatumfeld sind im Märchen nicht aufzufinden. Dies ist von untergeordneter Bedeutung. Wichtiger sind die Gründe. In den Kinder- und Hausmärchen wird die Strafe des Strangs in zwei Fällen für versuchte Tötung einer Märchenperson und in zwei Fällen für Diebstahl verhängt. Von einer öffentlichen Hinrichtung am Galgen erzählt das Märchen ”Der Jude im Dorn“ (KHM 110).

Obwohl die Volksdichtung stark visuelle Züge besitzt, entspricht es ihrer Eigenart, die Märchenstrafe episch zu kürzen. Das Erhängen ist zwar als Strafe für das Stehlen in den Kinder- und Hausmärchen angedroht, wird aber nicht bis ins Letzte beschrieben. Im ”Meisterdieb“ (KHM 192) wird der Zusammenhang Stehlen und Hängen ins Schwankhafte überzogen.

Die Kürze der Märchenstrafen und anderer Tötungsversuche stehen ganz im Gegensatz zu dem im Mittelalter üblichen Spektakel bei öffentlich vollzogenen Strafen durch den Strang (-> auch Kapitel ”Todesstrafe“).


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4.3.3. Ertrinken

Medizingeschichtlich ging man lange von der Vorstellung Galens (129-199 u.Z.)<36> aus, daß der im Wasser gestorbene Mensch an zu viel Wasser in Magen und Darm ”ertrunken“ ist (Siebenhaar, Enzyklopädisches Handwörterbuch der gerichtlichen Arzeneikunde (1838) 1: 441-442). Bis zur Entdeckung des Sauerstoffs war das Ertrinken in der historischen Fachliteratur der Rechtsmedizin allein durch den Ort des Geschehens gekennzeichnet. Der Ertrinkungstod wurde zwar den Erstickungen untergeordnet, das Ersticken jedoch beinhaltete noch nicht unser heutiges Verständnis von Sauerstoffaufnahme mit Diffusion und Abgabe (Fischer-Homberger, Medizin vor Gericht (1993) 321ff.).

Im Märchen ist das Ertrinken mit dem Tod im Wasser, besser durch das Wasser gleichzusetzen. Wir finden drei Gruppen, die rechtsmedizinisch relevant mit dem Ertrinken verbunden sind: das Tötungsdelikt im Wasser oder durch das Wasser, den Unfall im Wasser und die Strafe durch Ertränken. Es liegt im Genre des Märchens, daß keine näheren Angaben über Spuren an der Leiche und ihr Aussehen gemacht werden. Der Zuhörer erfährt entweder etwas über die Folgen des Ertrinkens - Tod oder Rettung - oder Näheres über den Tathergang, vor allem aber wird er über die Beweggründe der Tat in Kenntnis gesetzt, ”märchenmenschliche“ Fehltritte werden gewertet und Tatmotive beleuchtet<37>.

Das Ertrinken als Tötungsdelikt im Märchen ist gekennzeichnet durch die Absicht, den Helden zu töten. In der Regel ist der Tötungsvorsatz eindeutig durch Bosheit, Mißgunst und Neid geäußert. In einigen Fällen kommt noch die Planung der Tat hinzu. Weiterhin findet man vier Besonderheiten im Märchen wieder, die man unter heutigem kriminalistischen Gesichtspunkt bei im Wasser aufgefundenen Toten beobachtet: das Wasser als Tötungsinstrument, Tatort, Versteck und Transportmittel.

Die Grimmsche Sammlung weist gleich zwei Märchen mit einer Episode auf, in der die Stiefmutter zusammen mit der Stiefschwester die rechtmäßige Braut töten und an ihrer Stelle die häßliche Stiefschwester für die junge Königin ausgeben.


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In ”Die drei Männlein im Walde“ (KHM 13) werfen sie die junge Königin, die noch im Kindbett liegt und sich nicht wehren kann, zum Schloßfenster hinaus ”in den vorbeifließenden Strom“.

In ”Die weiße und die schwarze Braut“ (KHM 135) setzt die ”schwarze Braut“ ihre Mutter unter Druck: ”Was helfen mir nun all Eure Künste, wenn Ihr mir ein solches Glück doch nicht verschaffen könnt.“ Auf der Fahrt zum Schloß wird die rechte Braut, nachdem sie das Kleid und die Haube hergegeben hat, von beiden, unter dem Vorwand, sie solle einmal herausschauen, aus dem Wagen gestoßen. ”Sie fuhren aber gerade auf einer Brücke über ein tiefes Wasser.“ Sie stürzt ins Wasser und ”versinkt“.

In beiden Märchen verwandelt sich die Heldin in eine Ente, die wenig später vom König erlöst wird. Es ist kein direkter Tod durch Ertrinken, sondern vielmehr eine Metamorphose im Wasser.

Für die beiden anderen aber folgt die Strafe auf dem Fuße durch ein Urteil, das sie sich selbst gesprochen haben: Tod in einem Faß mit Nägeln. Die Urteilssprechung ist sehr märchentypisch.

Ist im ersten Beispiel (KHM 13) nur der Vorgang beschrieben, so läßt sich beim zweiten (KHM 135) auch ein Vorsatz ableiten. Ihm folgt die eindeutige Planung der Tat. Das Verbrechen selbst zeugt von gewisser Klugheit, da es in mehreren Etappen durchgeführt wird.

Im Märchen ”Die drei Schlangenblätter“ (KHM 16) wirft die treulose Frau zusammen mit dem Schiffer den schlafenden Ehemann auf offenem Meer über Bord.

Dieses Beispiel zeigt das Wasser als Tatort (auf dem Meer), Tötungsinstrument (der Schlafende kann sich nicht wehren, er ertrinkt) und als Versteck (die Frau ist davon überzeugt, daß er tot ist und nicht wieder auftaucht: ”Nun laß uns heimkehren und sagen, er sei unterwegs verstorben.“).

Der Tote wird aber von einem treuen Diener wieder aus dem Wasser gefischt und mit Hilfe der drei Schlangenblätter wiederbelebt. Für ihre Untreue wird die teulose Königstochter durch ihren eigenen Vater (und König) bestraft. ”Da ward sie mit ihrem Helfershelfer in ein durchlöchertes Schiff gesetzt und hinaus ins Meer getrieben, wo sie bald in den Wellen versanken.“ (-> Strafe für Ehebruch).

Einige klassische Tatorte wiederholen sich auch im Märchen: die Brücke, das Boot und der Brunnen.

Ein Märchenprotagonist bringt seinen jüngeren Bruder um, weil er dafür die Königstochter heiraten kann (KHM 28 ”Der singende Knochen“): ”Als sie aber in der Dunkelheit zu der Brücke über einen Bach kamen, ließ der älteste den jüngsten vorangehen, und als er mitten über dem Wasser war,


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gab er ihm von hinten einen Schlag, daß er tot hinabstürzte. Er begrub ihn unter der Brücke.“

Dieses Tötungsdelikt könnte man als heimtückischen Mord durch stumpfe Gewalt bezeichnen, doch der Tatort Brücke ist günstig. Das Opfer kann unbeobeachtet und ungehört auf eine Brücke gelockt werden. Die Tat aber bleibt nicht unentdeckt. Das Mundstück, das aus dem Knochen des Bruders gefertigt wird, singt ein Lied darüber. ”Der böse Bruder konnte die Tat nicht leugnen, ward in einen Sack genäht und lebendig ersäuft“(-> Strafe für Brudermord).

Ähnlich den ”Drei Schlangenblättern“ wird in einer Schlüsselepisode im AaTh-Typ 507A ”Die aus der Sklaverei losgekaufte Prinzessin“ der Held durch seinen Gegenspieler über Bord geworfen, damit der Täter die gerettete Prinzessin ehelichen kann. Zuvor hatte der Held aber einem armen Toten ein Begräbnis gekauft. Dieser erweist sich dankbar, indem er ihn jedesmal vor dem Ertrinkungstod bewahrt (Motiv des dankbaren Toten).

Das Schiff/Boot ist als Tatort geeignet, da es keine ungewollten Zeugen und so gut wie keine Überlebenschancen gibt.

Der Brunnen wird nicht nur als Schauplatz von Verwandtenmord, sondern auch als Unfallstelle erwähnt.

Im ”Goldenen Vogel“ (KHM 57) stoßen die kurz vorher vom Galgen freigekauften Brüder den Jüngeren rücklings in den Brunnen. ”Der jüngste Bruder war aber nicht umgekommen. Der Brunnen war zum Glück trocken, und er fiel auf weiches Moos, ohne Schaden zu nehmen.“ Starb der Bruder in diesem Fall nicht (ein Fuchs half ihm wieder heraus), so muß man doch davon ausgehen, daß in der Realität ein Sturz in den Brunnen den Tod bedeutete<38> (-> Unfall). Deswegen waren Brunnen gute Verstecke. Der Täter konnte annehmen, daß das Opfer nicht entdeckt wird.

Das Wasser als Transportmittel von ausgesetzten Kindern ist ein uraltes Motiv (z. B. Moses, Aussetzung im Kapitel ”Kindestötung“). So will in ”Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ (KHM 29) ein König verhindern, daß ein Kind, dem eine Hochzeit mit der Königstochter prophezeit wird, diese ehelicht. Er kauft es den Leuten ab, legt es in eine Schachtel und wirft die Schachtel mit dem Kind in ein tiefes Wasser. Er hofft, daß sie untergeht. Jedoch finden kinderlose Müllersleute die Schachtel und ziehen das Findelkind groß.


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In ”De drei Vügelkens“ (KHM 96) werfen zwei neidische Schwestern der Königin deren drei Kinder ins Wasser. Jedesmal fischt sie ein Fischer mit seiner Fau heraus.

Für diese Erzählungen wie für alle Märchen wird erst durch die Aussetzung des Kindes eine ”Ausgangsposition für den glücklichen Aufstieg des Helden“ geschaffen. Gerade die Absicht, das Kind zu töten, fordert das glückliche Schicksal des Helden heraus. Es können noch so viele Anschläge auf den Helden versucht werden, sein positives Schicksal bleibt ihm vorherbestimmt (Röhrich, Märchen und Wirklichkeit (²1964) 149).

Die zweite große Gruppe ist durch ein Ertrinken gekennzeichnet, das durch eigene Schuld, aber entgegen besseren Wissens und Könnens, verursacht wird - der Unfall. Hierzu zählen die Tiermärchen, die uns weniger interessieren, und die Schwankmärchen. In beiden Märchentypen führt ausgesprochene Dummheit zur Selbstschädigung mit tödlichen Folgen durch Ertrinken.

Typisch für die Schwankmärchen ist, daß sie Handlungen in das Absurde überziehen. ”Das Bürle“ (KHM 61) und ”Die sieben Schwaben“ (KHM 119) weisen die weit verbreitete Schlußepisode des AaTh-Typs 1535 ”Unibos“<39> auf. Ein Dorfbewohner springt ins Wasser vor und ertrinkt. Auf Grund eines vermeintlichen Lautes z. B. ”Plumps“ versteht die am Ufer wartende Menge ”Komm!“. Und so springen sie alle hinterher und ”müssen jämmerlich ersaufen“.

Neben dem Schwank sei noch eine Erzählung angeführt, die durch ihre Ausnahmestellung hervorsticht. Der Beginn der ”Wassernixe“ (KHM 79) ist im dörflichen Milieu, der Welt des Zuhörers, angesiedelt. ”Ein Brüderchen und ein Schwesterchen spielten an einem Brunnen, und wie sie so spielten, plumpten sie beide hinein. Da war unten eine Wassernixe, die sprach: ‘Jetzt hab ich euch, jetzt sollt ihr mir brav arbeiten’.“

Es handelt sich hier um einen ”wirklichen“ Unfall, vor dem abgeschreckt und gewarnt werden soll. ”Der Brunnen als gefährlicher Ort“ im Märchen wie in der Wirklichkeit, nicht nur die Gegenstände, die in den Brunnen fallen, sondern auch die Menschen, und unter ihnen besonders die Kinder, waren unwiederbringlich verloren (Shahar, Kindheit im Mittelalter (1991) 166-170)<40>. Im selben Augenblick ist der Brunnen auch Pforte zur jenseitigen Welt<41>, ein typischer Märchenzug. Wogegen die Wassernixe


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als Brunnengeist eher auf Sagenursprung der Erzählung und ihre Wurzeln im Volksaberglauben hindeutet.

Die dritte Gruppe umfaßt Märchen, in denen das Ertrinken/Ertränken als Strafe aufgefaßt wird. Die Strafe wird zum einen selbstverschuldet, wenn es sich um Tiere handelt, wie z. B. den Wolf: “Und als er an den Brunnen kam und sich über das Wasser bückte und trinken wollte, da zogen ihn die schweren Steine hinein, und er mußte jämmerlich ersaufen,“ (”Der Wolf und die sieben Geißlein“, KHM 5).

Im Falle der Köchin aus ”Fundevogel“ (KHM 51) wird Justiz ohne gerichtliche Instanz verübt. Sie wird von dem Mädchen, das sich in eine Ente verwandelt hat, in den Teich gezogen, ”da mußte die alte Hexe ertrinken.“

Zum andern wird das Urteil im Märchen durch eine gerichtliche Instanz (König) ausgesprochen. In KHM 16 (”Die drei Schlangenblätter“) spricht der König und Vater das Urteil über die Tochter selbst: ”‘Da ist keine Gnade, er war bereit, mit dir zu sterben, ... du aber hast ihn im Schlaf umgebracht und sollst deinen verdienten Lohn empfangen’.“ Sie wird in einem durchlöcherten Schiff auf dem Meer ausgesetzt.

Der Bruder im Märchen ”Der singende Knochen“ (KHM 28) erhält seine Strafe, dadurch, daß er ”in einen Sack eingenäht und lebendig ersäuft“ wird <42>.

Brudermord und eheliche Untreue mit versuchtem Mord sind die Strafbestände in den angeführten Beispielen. Vergehen, für die nach mittelalterlichem Recht ebenfalls der Tod durch Ertränken stand.

Stellt man nun die Frage, woran der Held oder die Heldin sterben, bleibt die Antwort Spekulation. Zuerst müßte man annehmen, daß der Großteil der Märchenmenschen nicht schwimmen kann, sie demzufolge ”wirklich“ ertrinken. In Anbetracht von Unterkühlung und Kälteschock könnte der


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Kälte- und Reflextod eingetreten sein. Ein Ertrinken nach Alkoholgenuß als begünstigendem Faktor wurde nicht gefunden.

In den 20 Märchen der KHM der Brüder Grimm, in denen das Motiv des Ertrinkens auftaucht, fallen sechs Personen in den Brunnen. In sieben Erzählungen werden die Helden absichtlich und aus Bosheit ertränkt. Sieben weitere Märchen weisen das Ertrinken als Unfall auf, in fünf von ihnen aus Dummheit. Die Bestrafung durch Ertrinken erfolgt in vier Märchen. Besonders in den Varianten, in denen dem Helden nach dem Leben getrachtet wird, hat dieser jedesmal durch Verwandlung oder Helfershelfer die Chance auf Erlösung. In diesen Fällen und in dem Motiv ”Brunnen als Pforte zur jenseitigen Welt“ wird dem Toten ”nur“ der reversible Märchentod zuteil.

Da, wie schon oben erwähnt, in der mündlich tradierten Volkserzählung hauptsächlich die ”märchenmenschlichen“ Fehltritte gewertet werden, können in erster Linie nur Tatmotive beleuchtet werden. Das findet in dieser Arbeit für die Kapitel ”Ertrinken“ und ”Verbrennen“ statt. Diese Querschnittsbetrachtung einer Sammlung - im Rahmen dieser Arbeit die Kinder- und Hausmärchen (KHM) der Brüder Grimm - weicht demzufolge von der Methode des ”historisch-geographischen Vergleichs“ ab.


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4.4. Verbrennen

Abweichend von der Motivbetrachtung in einzelnen Märchentypen steht die Querschnittsbetrachtung der Sammlung der Kinder- und Hausmärchen im Vordergrund dieses Kapitels. Es können dadurch genauere Aussagen getroffen werden, in welchem Zusammenhang das Motiv des Verbrennens auftritt.

Die Volksüberlieferung weist dem Feuer als Ort der Verbrennung positive und negative Eigenschaften zu. Das Feuer ist auch im Märchen Metapher für den Prozeß des Heilens und des Sterbens.

In der einen Gruppe vereinigen sich alle guten Kräfte wie Licht und Wärme (als Helfer gegen Kälte und Dunkelheit -> auch Kapitel ”Erfrieren“), Zubereiten von Speisen, Vernichtung von Krankheitserregern und dämonabwehrende Leucht- und Brennwirkung (= die helle, alles verzehrende Flamme). Mit letzterem eng verbunden ist die Vorstellung, daß das Feuer, an sich rein, alles Unreine mit seiner Hitze und Lauterkeit überwindet (EM, ”Feuer“ 2: 1066f.; HdA, ”verbrennen“ 8:1550f.).

Der erste große Teil dieses Kapitels stellt die reinigenden Kräfte des Feuers, die Verbrennung des negativen Prinzips, dar. Er gliedert sich in (1.1.) ”Hexenverbrennung“ (auch als Strafe) und (1.2.) ”ein Dämon wird im Gegenstand verbrannt“.

Die zweite Gruppe zeigt die negative Seite des Feuers, seine Zerstörungskraft, die Verletzung und Vernichtung durch das Feuer. Im Märchen spiegelt sich dieses (2.1.) in der Verleumdung und bösen Absicht des einen Protagonisten gegenüber dem positiven Helden wieder und (2.2.) in der ”echten“ Vernichtung durch das Feuer aus Unachtsamkeit und Dummheit (meistens im Schwankmärchen).

Diese gegensätzlichen Ansichten des Volkes über das Gute und Böse im Feuer ziehen sich durch alle mündlichen Überlieferungen verschiedenster Kulturkreise und Zeitepochen. In diesem Kapitel kann sich nur auf die ”wirklichen“ Verbrennungen im Märchen beschränkt werden<43>.

(1.1.) Durch das Verbrennen wird auf irreversible Art und Weise der Schädiger am Wiederkommen gehindert und seine angerichtete (Zer-) Störung aufgehoben.

Da die Gemeinschaft sich vom schädigenden Einfluß des Unmenschen/ Hexe/ Zauberer und seinem ”üblen“ Gedankengut schützen muß, werden sie dem Feuer und auch Wasser (-> Kapitel ”Ertrinken“) als den


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”reinigenden Elementen schlechthin“ preisgegeben (Röhrich, Märchen und Wirklichkeit (²1964) 145).

Man kann dies in den Märchen ”Brüderchen und Schwesterchen“ (KHM 11) und ”Die zwei Brüder“ (KHM 60) erkennen. ”Die Hexe aber ward ins Feuer gelegt und mußte jammervoll verbrennen. Und wie sie zu Asche verbrannt war, verwandelte sich das Rehkälbchen und erhielt seine menschliche Gestalt wieder“ (KHM 11). Ebenso in den KHM 60: ”Dann griffen sie die Hexe, banden sie und legten sie ins Feuer, und als sie verbrannt war, da tat sich der Wald von selbst auf und war licht und hell“.

Die Alte wird unmittelbar ins Feuer gelegt. Mit der Vernichtung der Hexe werden ihre Taten und ihr böser Einfluß rückgängig gemacht.

Im Märchen ”Fitchers Vogel“ (KHM 46) schließen die Verwandten der Braut ”alle Türen des Hauses zu, daß niemand entfliehen konnte, und stecken es an, also daß der Hexenmeister mitsamt seinem Gesindel verbrennen mußte.“

Keine Rechtsinstanz vollzieht die Strafe, sondern die Familie rächt sich (= ‘Privatstrafe’). Das ist ein Sachverhalt, der älter ist als das Verbrennen von ”Hexen“ im Mittelalter, demzufolge hat die Verbrennung in der vormittelalterlichen Zeit nicht unbedingt etwas mit Hexerei zu tun (HzR, ”Feuerstrafe“ 1: 1125ff.).

Die Feuerstrafe für Brandstiftung ist als ”spiegelnde“ Strafe seit dem römischen Recht bekannt (HzR, ”Feuerstrafe“ 1: 1125). Das Märchen kennt sie nicht nur für das Verbrennen, doch ist sie gerade dort stark vertreten. Wer jemanden durch die Flamme zu töten versucht, wird meist sogar auf denselben Scheiterhaufen gebracht.

Die Schwiegermutter in ”Die sechs Schwäne“ (KHM 49) bezichtigt die junge Königin der Menschenfresserei an ihren eigenen Kindern. Nach dem dritten Mal muß der König sie dem Scheiterhaufen überantworten. Der Rettung in letzter Minute folgt, daß ”die böse Schwiegermutter ... zur Strafe auf den Scheiterhaufen gebunden und zu Asche verbrannt“ wird.

In ”Hänsel und Gretel“ (KHM 15) will die Hexe zuerst Gretel im Ofen ”braten“ und dann Hänsel ”in Wasser kochen“. Der Backofen, der für Gretel bestimmt war, wird durch List und Schläue Ort der Hexenverbrennung<44>.

Die Schwester in ”Brüderchen und Schwesterchen“ (KHM 11) erstickt im Rauch des ”rechten Höllenfeuers“ in der Badestube, und zur Strafe wird die Alte am Ende ”zu Asche verbrannt“.

Das Feuer, das dem ”Trommler“ (KHM 193) nichts anhaben kann (als Ort einer schwierigen Heldenaufgabe), wird der Hexe zum Verhängnis: ”da


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packte er die Alte mit beiden Händen, hob sie in die Höhe und warf sie den Flammen in den Rachen, die über ihr zusammenschlugen, als freuten sie sich, daß sie eine Hexe verzehren sollten.“

Als Beispiel vergleichbarer Reinigung durch Wasser und Feuer ist das Märchen ”De drei Vügelkens“ (KHM 96) zu sehen. Die beiden Schwestern ertränken die Kinder der Königin (-> Kapitel ”Ertrinken“), zur Strafe aber werden sie selbst verbrannt.

Insgesamt selten tritt bei der Bestrafung des schadenbringenden Protagonisten eine gerichtliche Instanz, im Märchen sonst immer der König, auf. Nur in ”Die sechs Schwäne“ und in ”Brüderchen und Schwesterchen“ wird die Hexe, oder in letzterem sogar die Heldin, vor ein Gericht gestellt.<45>

Geht man die Geschichte zurück, wurden aufsehenerregende Gerichtsprozesse gegen ”Hexen und Ketzer“ erst ab dem 13. Jahrhundert in großem Maße vollzogen. Verbrennungen von Menschen sind schon für die vormittelalterliche Zeit im ”privatrechtlichen Kreis“ belegt. Erst im Mittelalter überlagert sich mit der Teufels- und Dämonenlehre der Kirche die Vorstellung über das Verbrennen als ”Wiedergutmachungszauber“. Die Kirche stiftete an und betrieb die öffentliche Schmähung eines Menschen als Ketzer oder Hexe. In dem Moment, in dem sie den Deliquenten exkommunizierte, war der weltliche Arm des Gerichts verpflichtet, ihn auf den Scheiterhaufen zu bringen.

Die Körper verbrannten bei solchen Scheiterhaufenverbrennungen jedoch nicht sofort zu Asche. Die verkohlten Reste wurden vom Henker in kleine Stücke geschlagen und wieder ins Feuer geworfen. Die Asche wurde sorgfältig gesammelt und in den Fluß gestreut (Grigulevic, Ketzer - Hexen (1980) 1: 143-155; König, Geschichte der Hexenprozesse (1989) 37-57; -> auch Kapitel ”Todesstrafe“).

(1.2.) Objekte, von denen man annimmt, daß der Dämon in sie gefahren sei und daß auch sie Schaden anrichten könnten, werden in den Märchen ebenso verbrannt.

Im ”Treuen Johannes“ (KHM 6) verbrennt der treue Diener ein Hemd, das denjenigen, der es anzieht, ”bis aufs Mark und Knochen verbrennt“. Analog dazu ist die Erlösung von ”Hans mein Igel“ (KHM 108) durch die Feuervernichtung seiner Igelhaut zu sehen. Die Spindeln, die für


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”Dornröschen“ (KHM 50) den Tod bedeuten, werden ebenfalls dem Feuer übergeben.

In zwei Schwankmärchen wird der Dämon in Tieren vermutet. In die ”Drei Glückskinder“ (KHM 70) schießen die Leute ein ganzes Schloß ”in Brand“ aus Angst vor einer Katze.

In ”Die Eule“ (KHM 174) hat sich selbige in eine Scheune verflogen, und keiner der versammelten Stadt traut sich, sie zu verscheuchen. ”‘Das Ungeheuer’, sagten sie, ‘hat den stärksten Mann ... durch sein Gnappen und Anhauchen allein vergiftet und tödlich verwundet, sollen wir anderen auch unser Leben in die Schanze schlagen?’“ Kurz zuvor hatten sie den letzten Mutigen unter den Schutz des Hl. Georg, den Drachentöter, gestellt. Hier kommt ein Großteil von Volksaberglauben zum Ausdruck, der, charakteristisch für den Schwank, ad absurdum geführt wird. So einigen sie sich denn darauf, daß sie die ganze Scheune mit allem, was darinliegt, niederbrennen.

(2.1.) Die volle Zerstörungskraft des Feuers nutzt auch der negative Held aus. Er hofft dadurch, sich einen ”endgültigen“ Vorteil zu verschaffen.

Die Mutter des Königs redet solange der jungen Königin (und Schwester der ”Zwölf Brüder“, KHM 9) übel nach, bis der König sich schließlich beeinflussen läßt. Daraufhin wird ein ”großes Feuer“ angezündet und die Königin ”an einen Pfahl gebunden“. Gelingt hier die Rettung unmittelbar und in letzter Minute (die sieben Jahre sind vorbei), so muß die Heldin aus ”Brüderchen und Schwesterchen“ erst im Badefeuer ersticken, bevor sie erlöst werden kann.

In der Absicht, die Helden zu ersticken, läßt der König in ”Sechse kommen durch die ganze Welt“ (KHM 71) ein Feuer unter der Stube machen, ”bis das Eisen glühend würde“. Doch als die tafelnden Gesellen merkten, daß er ”sie ersticken wollte“, ließen sie durch den mit dem Hütchen einen Frost kommen.

(2.2.) Das Anbrennen von Kleidern aus Unvorsichtigkeit passiert dem Helden aus dem ”Märchen von einem, der auszog das Fürchten zu lernen“ (KHM 4). In manchen Varianten brennt auch der Leichnam selbst an<46> (-> Kapitel ”Todeszeichen“ und ”Erhängen“).


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Da das Verbrennen im Märchen überwiegend Strafe ist, soll in diesem Zusammenhang betont werden, daß ”dieser ... geradezu die Phantasie unterdrückende märchentypische Erzählpassus der Strafe“ durch die Visualisierung des heutigen Rezipienten überbewertet wird (Wehse, ”In siedendem Öl gegart - Die Todesstrafe im Märchen“ (1991) 156).

Die Hexe wird der gerechten Strafe überführt, aber es wird nicht ausgemalt, unter welchen Qualen oder äußeren Veränderungen sie stirbt. Es können für die Einwirkungen hoher Temperaturen am Menschen keine Schlußfolgerungen aus den Märchen gezogen werden.

Dem Märchen ist der Grund für die Verbrennung wichtiger als das Darstellen des Vorgangs oder der Folgen. Das Feuer dient nur als Mittel zum Zweck: dem Sieg über das Böse. Sterbliche Überreste Verbrannter werden nicht dargestellt. Rechtsmedizinisch von Interesse kann als einziges Merkmal beachtet werden, daß die Übeltäterinnen ”bis zur Asche verbrannt“ werden.


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4.5. Erfrieren

Das Empfinden von Wärme und Kälte findet in den Märchen weitverbreiteten Niederschlag. In erster Linie wird diesem Gefühl Ausdruck in dem Bedürfnis gegeben, ein Feuer anzuzünden, sich am Feuer zu wärmen oder dort zu übernachten. Das Motiv des Feuers beschreibt das Märchen öfter als das Frieren des Helden wie z. B. im ”Zwei Brüder“ Märchen (KHM 60) und im ”Fürchten lernen“ (KHM 4).

Maßgeblich für die Arbeit des Rechtsmediziners sind meist erst die tödlichen Folgen der Unterkühlung. Zu dem gefährdeten Personenkreis zählen auf Grund ihrer herabgesetzten Wärmebildung besonders Geschwächte: Kranke, Verletzte, Erschöpfte, Hungernde und Bewußtlose (Alkohol, Drogen, Medikamente).

Die Altersgruppe der Kinder, die gerade in den Märchen vertreten ist, muß wegen ihres ungünstigen Verhältnisses von kleiner Masse zu großer Oberfläche hervorgehoben werden.

Die Beschreibung der Kälte in der Volkserzählung geht jedoch selten bis zum Tode des Protagonisten. Die Situation bezieht sich oft auf den Menschen selbst: ”Er fror erbärmlich!“, manchmal weht zusätzlich ein ”eisiger Wind“. Das Märchen kennt keine objektiven Angaben über Kältegrade, Feuchtigkeit, Luftbewegung, es stellt ganz auf die Vorstellungskraft des Zuhörers ab.

In den ersten beiden Beispielen geht es der jungen Heldin insgesamt schlecht. Sie muß frieren und hungern. Das Schicksal des Mädchens im ”Sterntaler“ (KHM 153) ist ”gottgegeben“. Der Ausgangspunkt ist der Tod der Eltern und ihre eigene Not. Doch ”im Gottvertrauen“ schenkt das Mädchen im ”Sterntaler“ ihr letztes Hemdlein her, trotz Kälte und Einbruch der Dunkelheit.

In Legendenmärchen wie diesem wird der Held auf eine ”soziale Probe“ gestellt, ”ob er auch bis zur eigenen Armut zu geben vermag. “Das Kind besteht die Probe und findet in jener Nacht nicht den Tod, sondern den Reichtum“ (Röhrich, Märchen und Wirklichkeit (1964) 237). Indessen kann man das Frieren des Mädchens nur aus der Zusammenkunft mit anderen, die frieren, annehmen, und daraus, daß es bis zur Nacktheit sich entkleidet hat.

Eine Stiefmutter hofft sich des Mädchen zu entledigen, indem sie es in die Kälte scheucht. Sie jagt es in einem ”Papierkleide“ zum Erdbeeren holen hinaus in den Wald, wo ihr ”Die drei Männlein im Walde“ (KHM 13) begegnen. ”Einmal im Winter, als es steinhart gefroren hatte und Berg und


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Tal vollgeschneit lag, machte die Frau ein Kleid von Papier“. Das Mädchen versucht zu widersprechen: ”Und warum soll ich in einem Papierkleide gehen? Es ist draußen so kalt, daß einem der Atem friert: da weht ja der Wind hindurch, und die Dornen reißen mir’s vom Leib.“ Doch es half alles nichts, sie mußte gehen. Die Stiefmutter dachte für sich: ”Draußen wird’s erfrieren und verhungern und mir nimmermehr wieder vor die Augen kommen.“

In beiden Märchen wird durch die Handlung und Beschreibung der Witterung der drohende Erfrierungstod versinnbildlicht. Es ist den positiv angelegten Erzählungen zu verdanken, daß das Mädchen nicht erfriert oder daß ein Retter in der letzten Not erscheint.

In dem folgenden wie in den oben angeführten Märchen sind jedesmal Kinder als ”schwächstes“ Glied der Gemeinschaft Opfer auch menschlicher Kälte.

In der Erzählung vom ”Armen Jungen im Grab“ (KHM 185) stirbt das Kind letztendlich den Erfrierungstod. Hier spielt nicht nur das Alter eine Rolle. Neben dem vorherigen Genuß von Alkohol (begünstigender Faktor auf die vermehrte Wärmeabgabe durch Weitstellung der Hautgefäße) ist auch der Wunsch des Sterbens erkennbar (-> Kapitel ”Selbsttötung“ und ”Vergiftung“). ”Der arme Junge erwachte nicht wieder, die Glut des heißen Weines und der kalte Tau der Nacht nahmen ihm das Leben.“

Der präfinale Verwirrtheitszustand, dem der Junge unterliegt (er hört Musik und glaubt sich schon im Paradies), kann durch den Alkohol verursacht sein, er könnte aber auch der ”Kälteidiotie“ (deliranter Zustand bei Erfrierenden) zugerechnet werden. Dagegen spricht jedoch, daß er sich gut örtlich zurecht findet, denn er geht auf den Friedhof und legt sich ”zielstrebig“ in ein Grab.

Das vierte Beispiel bezieht sich auf den Erzähltyp ”Fürchten lernen“ (-> auch Kapitel ”Todeszeichen“). Wie schon dort erwähnt, gibt es bedrückende Parallelen bis in die heutige Neuzeit. Zwar handelt es sich im Märchen um einen ”kalten Toten“, doch der Gedankengang ist ein ähnlicher: ”Wenn zwei zusammen im Bett liegen, so wärmen sie sich...“ (KHM 4 ”Märchen von einem, der auszog das Fürchten zu lernen“).

Der Nürnberger Ärzteprozeß vom Dezember 1946 bis April 1947 zeigte u.a., wie an Häftlingen des KZ Dachau Unterkühlungsversuche und auch ”Versuche zur Erwärmung unterkühlter Menschen durch animalische Wärme“ durchgeführt wurden. Im Wasser unterkühlte männliche Personen wurden ”zwischen zwei nackte Frauen oder neben eine nackte Frau“ gelegt (Reimann et al., Vademecum Gerichtsmedizin (1990) 219-221).


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Ein Kunstmärchen:

Zum Abschluß ein Märchen von Hans Christian Andersen ”Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen“ (Rose, Prinz und Nachtigall 273-278). Es unterscheidet sich durch seine Rührseligkeit und sein trauriges Ende von den Volksmärchen:

Ein Mädchen soll am Sylvesterabend Schwefelhölzer verkaufen gehen. Draußen ist es kalt und es schneit. ”Mit bloßem Kopf und nackten Füßen“ bietet es seine Hölzchen an, doch keiner kauft eins oder schenkt ihm einen Schilling. Seine ”nackten kleinen Füße“ sind ”rot und blau vor Kälte“ und die Hände ”vor Kälte erstarrt“. In der Hoffnung sich zu erwärmen, zündet es ein Hölzchen nach dem anderen an. Es erscheinen ihm Bilder von einer gebratenen Gans und von der Großmutter, die immer gut zu ihm war. Diese hatte ihr erzählt, daß, ”wenn ein Stern herunterfällt, eine Seele zu Gott emporsteigt.“ Sie träumt, daß die Großmutter sie mit in den Himmel nimmt. Am Neujahrsmorgen wird sie aufgefunden ”mit roten Wangen und lächelndem Munde - tot, erfroren.“

An diesem Märchen lassen sich zuerst die eher klinisch wichtigen, örtlichen Erfrierungen nachvollziehen: Erythem, livid gefärbte Flecken, Kältestarre. Da es schneite, wird die Kleidung feucht gewesen sein. Die Halluzinationen und das Empfinden der Wärme und Geborgenheit sind der Selbstaufgabe des Mädchens und dem deliranten Zustand von Erfrierenden anzurechnen.

Auch in dieser Erzählung ist ein Kind betroffen. Es zeigt sich, daß Kinder weniger Widerstandskräfte besitzen.


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4.6. Tötung von Kindern

4.6.1. Rechtshistorischer Überblick

Nach § 217 StGB ist die Kindstötung gegeben, wenn eine Mutter ihr ”nichteheliches Kind in oder gleich nach der Geburt vorsätzlich tötet“. So formuliert seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kann nur die Mutter Täterin sein.

Für die Zeit vor dem § 217 konnte die Tötung eines älteren Kindes durch die Eltern ebenfalls verfolgt werden. In der Carolina (1532)<47> wird Kindestötung nach Art. 131 geahndet. Sie ist weder auf außereheliche noch neugeborene Kinder abgestellt. Dadurch war sie dem Verwandtenmord (Art. 137) nahegerückt. Obwohl die vorsätzliche Tötung eines Neugeborenen durch die nicht verheiratete Mutter der gewöhnliche Rechtsalltag war, sieht man die Kindestötung im Art. 131 auf Umstände außerhalb der unehelichen Geburt erweitert. Nach diesen eher uneinheitlichen Bestimmungen wurde jedoch über drei Jahrhunderte gerichtet (HzR, ”Kindestötung“ 2: 736-741).

Der Anstieg der Kindsmordfälle in der Frühen Neuzeit sind vor dem Hintergrund soziokultureller Veränderungen jener Zeit und einer zunehmenden Verstaatlichung des Strafwesens zu sehen. Von Seiten der weltlichen Obrigkeit wurde die Kindestötung seit Mitte des 16. Jahrhunderts nachdrücklich verfolgt. Sie ist jedoch vor allem ein soziales Phänomen. Eine Milderung der Strafpraxis setzte mit dem Ende des 18. Jahrhunderts ein, als sich die Angst legte, Kindsmord bedrohe die Gesellschaft (Dülmen, Frauen vor Gericht (1991) 25-27).

Die Rechtsmedizin sah in der Tötung Neugeborener erst ab Ende des 17. Jahrhunderts ein Thema ihres Fachs. Durch die Frage, ob ein Kind noch gelebt hat oder nicht, und mit der zunehmenden Glaubhaftigkeit der Lungenschwimmprobe vor Gericht, entwickelte sich die Fragestellung recht schnell zu einer rechtsme-


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dizischen. Vorher war es mehr oder weniger Aufgabe der Hebammen, als Experten vor Gericht Auskunft zu geben, sie waren laut Gesetzestext der Carolina dazu befugt (Fischer-Homberger, Medizin vor Gericht (1993) 277 und 279-282).

Kinder waren in der Geschichte oft Grausamkeiten bis hin zur Tötung als Ritualopfer ausgeliefert. Kinder wurden ausgesetzt, verstoßen, verknechtet, verkauft oder gar getötet. In der Antike, im Mittelalter und bis in die Neuzeit wurde die vollständige Verfügbarkeit über die Kinder als ein selbstverständliches Recht der Eltern und der Erwachsenen angesehen.

Die Mehrheit der Historiker waren erst mit Philippe Ariès’ Geschichte der Kindheit (1975) der Ansicht, daß kleinere Kinder in ihrer Besonderheit nicht im Mittelalter anerkannt wurden. Die Geschichtswissenschaftlerin Shulamith Shahar ist der Meinung, daß es für die Eltern schwierig war, sich an etwas zu binden, das ihnen vielleicht schon morgen durch Unfälle und Krankheiten genommen werden könnte. Um gleichmütig dem Verlust der Kinder als eine unausweichliche Gegebenheit zu begegnen, behandelten sie die Kinder in einer anderen Art und Weise als die heutige Gesellschaft (Kindheit in Mittelalter (1991) 170-173).

Die Autoren des Mittelalters z.B. lehnten sich in ihren Ansichten stark an Aristoteles an, der dem kleinen Kind Vernunft und die Fähigkeit zu Entscheidungen absprach. Es kenne nur sinnliche Freuden und könne nicht glücklich sein (Shahar, Kindheit im Mittelalter (1991) 20).

Dessenungeachtet standen seit dem 16. Jahrhundert nicht nur Erwachsene, sondern auch Jugendliche und Kinder vor Gericht, als Hexen wegen Zauberei angeklagt. Sie waren Belastungszeugen und Denunzianten, klagten sich selbst an, wurden von Eltern ausgehorcht und vom Gericht vernommen. Sie wurden bedroht und gefoltert, ins Gefängnis gesperrt, in Ketten gelegt und verbannt (Vgl. Näheres dazu bei Hartwig, Kinderhexenprozesse (1991) 11).

Die Rechtsgeschichte kennt aus hochmittelalterlicher Zeit die Muntwalt, die neben dem Tötungs- und Aussetzungsrecht dem Vatermunt ein Züchtigungsrecht zuerkannte. Alle drei Rechte entspringen noch älterer Zeit. Die Muntwalt beinhaltete auch Pflichten wie die Vertretung des Kindes vor Gericht oder seine Vemögensverwaltung.

Die allumfassende Herrschafts- und Schutzgewalt der Munt entwickelte sich zu einer väterlichen Gewalt mit Akzentverschiebung auf die Pflicht und damit den Schutz des Kindes. Zu dieser Pflicht gehörten auch Erziehung und Unterhalts-


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gewährung. Mit der Gleichberechtigung der Frau ist die väterliche der elterlichen Gewalt gewichen (HzR, ”Vater“ 5: 648-655; ”Munt, Muntwalt“ 3: 750-760).

Trotz der 1949 verabschiedeten Charta des Kindes durch die UN- Vollversammlung und des Jahrhunderts des Kindes, nehmen in allen Teilen der Welt Eltern oder Elternteile für sich das Recht einer übermäßigen Züchtigung ihres Kindes in Anspruch, das sich bewußt oder unbewußt aus diesen historischen Verhältnissen ableitet. Die Munt-/Besitzgewalt ist zur Züchtigungsgewalt mutiert/reduziert (Trube-Becker, Gewalt gegen das Kind (1982) 6).


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4.6.2. Tötung von Kindern im Märchen allgemein

In der Absicht, Kinder zu töten, wurden diese oft auch ausgesetzt. Dies spiegelt sich nicht nur in der erzählenden Volksdichtung wieder.

Mit Blick in die historische Realität wird berichtet, daß schon in germanischer Vorzeit die Aussetzung eine geburteneinschränkende Rolle spielt. So konnte man Kinder noch vor der Aufnahme in die Sippe<48> des Vaters oder der Mutter aussetzen, wenn sie Zwillinge, mißgestaltet, lebensunfähig oder überzählige Esser waren.

”In der Beschreibung des kleinen, mißgestalteten und häßlichen Wechselbalges erkennen wir unschwer die Züge zwergwüchsiger, mißgeborener, behinderter Kinder, deren Verunstaltungen dem christlichen Glauben als Teufelswerk und den Erwachsenen als Begründung dafür dienten, diese Sprößlinge zu verstoßen oder zu beseitigen“ (Hartwig, Kinderhexenprozesse (1991) 144).

Im Märchen folgt das Motiv des Aussetzens den epischen Gesetzen der Volksüberlieferung. Das Aussetzen gleich nach der Geburt wird aus märchentypischen Gründen verübt (-> Kapitel ”Ertrinken“: KHM 29 ”Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ {Angst vor einem nichtstandesgemäßen Schwiegersohn}, KHM 96 ”De drei Vügelkens“ {Neid und Mißgunst}). In diesen Fällen ist es nie die Mutter, die ihr Kind in einem Korb oder in einer Schachtel aussetzt, sondern immer der negative Protagonist.

Ebenfalls Märchengesetzen unterlegen ist das Verstoßen älterer Kinder wie in ”Hänsel und Gretel“ (KHM 15). Hier geht die Bedrohung eindeutig von den Eltern aus. Nach Lutz Röhrich (Märchen und Wirklichkeit (²1964) 149) ist dies als ”Ausgangspunkt einer Märchenhandlung“, am Anfang einer ”Konfliktsituation“, zu sehen. Ohne die ”Aussetzung“ und ”Todesdrohung der Eltern“ können die Helden nicht zu Glück und Ruhm aufsteigen. Diese Märchendramatik findet sich auch bei der Tötung von Kindern in den Märchen. In der Regel handelt es sich um ältere, handlungsfähige Kinder, die getötet werden sollen.

Die Abtreibung oder Kindestötung unter der Geburt kann es im Märchen nicht geben<49>, da der Kinderheld als Leibesfrucht oder Neugeborenes nicht in der Lage ist, sich im Märchensinne zu wehren oder zu handeln.


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Nach der anfänglichen ”Todesdrohung der [Stief-] Eltern“ gegenüber dem älteren Kind folgt entweder die erfolgreiche Flucht der Helden oder nach vollzogener Tötung/Verwandlung die Erlösung, meist aus eigener Kraft.

Gerade die Kinder- und Hausmärchen mit ihren insgesamt 228 Märchen weisen 51 Erzählungen mit Kinderfiguren auf.

Im Affekt werden Kinder verflucht und/oder in Tiere verwandelt (KHM 11, 25, 49, 93, 141). Sie werden aber auch aus niederen Gründen wie Neid, Haß und Eifersucht fast oder in der Tat getötet (KHM 9, 13, 15, 24, 33, 47, 51, 53, 56, 76) (EM, ”Kind, Kinder“ 7: 1223-1238)<50>.

Die Gefährdung des kindlichen Helden geht meist von der Familie aus und führt nach bestandener Prüfung in eine neue, selbstgegründete Familie zurück oder in die alte, ohne das familienfeindliche ”Element“<51>.


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4.6.3. Ein Märchenbeispiel

Nach dieser Heranführung an das Thema sei nun zu einem Märchenbeispiel zurückgekehrt. Von den Literaturwissenschaftlern und Volkskundlern abgesehen kennen die wenigsten Leute das Märchen ”Von dem Machandelboom“<52> (KHM 47). Deshalb sei der Inhalt hier etwas gekürzt wiedergegeben:

Ein Ehepaar wünscht sich sehr ein Kind und endlich, nachdem sich die Frau beim Apfel schälen in den Finger schneidet, geht ihr Wunsch in Erfüllung. Doch unter der Geburt stirbt die Frau, so daß der Mann nach einer gewissen Zeit ein zweites Mal heiratet. Mit dieser Frau bekommt er eine Tochter.
”Wenn die Frau ihre Tochter so ansah, so hatte sie sie sehr lieb; aber dann sah sie den kleinen Jungen an, und das ging ihr so durchs Herz, und es dünkte sie, als stünde er ihr überall im Wege, und sie dachte dann immer, wie sie ihrer Tochter all das Vermögen zuwenden wollte, und der Böse gab es ihr ein, daß sie dem kleinen Jungen ganz gram wurde, und sie stieß ihn aus einer Ecke in die andere, und puffte ihn hier und knuffte ihn dort, so daß das arme Kind immer in Angst war. Wenn er dann aus der Schule kam, so hatte er keinen Platz, wo man ihn in Ruhe gelassen hätte“ (Bechstein<53>, Sämtliche Märchen 302-312).
Die Aversion der Stiefmutter schaukelt sich so auf, daß sie ihm mit vorgetäuschter Freundlichkeit anbietet, sich doch einen Apfel vom Boden aus der großen Kiste zu holen. Sie hält ihm den schweren Kistendeckel auf und heißt ihn, sich einen Apfel zu nehmen. ”Und als der kleine Junge sich hineinbückte, da riet ihr der Böse; bratsch! schlug sie den Deckel zu, daß der Kopf abflog und unter die Äpfel fiel.“
In ihrer Angst versucht sie, ihre Tat zu vertuschen, in dem sie den Jungen mit einem weißen Tuch um den Hals auf einen Stuhl vor die Tür setzt; mit einem Apfel in der Hand. Wenig später spricht Marleenken zu ihrer Mutter: ”‘Der Bruder sitzt vor der Türe und sieht ganz weiß aus und hat einen Apfel in der Hand. Ich hab’ ihn gebeten, er soll mir den Apfel geben, aber er antwortet mir nicht; das war mir ganz unheimlich.’” Die Mutter ermuntert sie daraufhin, noch einmal hinzugehen, und wenn er nicht den Apfel hergibt, dann soll sie ihm ”eins hinter die Ohren“ geben.
Als Marleenken das tut, fällt der Kopf herunter. Die Mutter läßt das Mädchen im Glauben, sie wäre es gewesen. Unter Tränen schaut die Kleine zu, wie die Mutter ihren Bruder zerstückelt und zu ”Schwarzsauer“ verkocht. Am Abend kommt der Vater nach Hause und freut sich über das gute

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Abendbrot. Während er ißt, fragt er nach dem Sohn und lobt gleichzeitig das gute Essen. Unterdessen sammelt Marleneken alle Knochen, die der Vater unter den Tisch schmeißt. Als sie alle in einem Tuch beisammen hat, geht sie zum Machandelboom und legt sie darunter ins grüne Gras. Bald darauf raschelts im Strauch und ein schöner Vogel erhebt sich, der singt ein Lied:
Mein Mutter der mich schlacht
Mein Vater der mich aß
Mein Schwester der Marleenichen
Sucht alle meine Beenichen
Und bind’t se in ein seiden Tuch
Legts unter der Machandelboom
Kywitt! Kywitt! ach watt een schoin fugel bin ik.
Und weil er so schön singt, bittet ihn ein Goldschmied, das Lied zu wiederholen. Der Vogel tut es jedoch nur für eine goldene Kette. Ähnlich geht es beim Schuster zu. Für ein Paar roter Stiefelchen, singt er das Lied. Vor einer Mühle sind es zwanzig Müllersburschen, die den Gesang gern noch einmal gehört hätten. Am Ende erhält er einen Mühlenstein dafür. Mit all diesen Dingen kehrt er zu seinem Vaterhause zurück und singt dort ebenfalls sein Liedchen. Nachdem der Vater und die Tochter ihre Geschenke empfangen hatten, muß die Stiefmutter widerstrebend, schon vom schlechten Gewissen geplagt, vor die Türe treten und ”bratsch! warf ihr der Vogel den Mühlstein auf den Kopf, daß sie ganz zerquetscht wurde“. Durch ihren Tod wird der Junge erlöst und alle drei können nun ”vergnügt“ ins Haus zurückkehren.

Das EM-Archiv verfügt über ungefähr 27 deutschsprachige Varianten, die zum größten Teil (19 Versionen) das Motiv der Apfelkiste und das Zuschlagen des Deckels aufweisen. Es handelt sich hierbei sowohl für das Märchen als auch im rechtsmedizinischem Sinne um ein außergewöhnliches Tötungsverfahren. Die recht markante Ausführung der Tat könnte seine große Verbreitung im deutschen Sprachraum begründen.

Der Rechtsmedizin sind jedoch nur ähnlich gelagerte Tathergänge bekannt. Das Einsperren des Kleinkindes in eine Truhe : In einer weiteren Variante bei Ludwig Bechstein werden das Mädchen und der Junge in eine Truhe eingesperrt. Nachdem die eigene Mutter den Deckel zugeschlagen hat, müssen sie darin ”ersticken und sterben“, (Bechstein, ”Vom Knäblein, vom Mägdlein und der bösen Stiefmutter“ Sämtliche Märchen 412-413).

Diesem Vorgang vergleichbar können Unfälle mit Kindern angeführt werden, die sich beim Versteckspiel in Kühlschränke eingeschlossen haben, die man von innen nicht mehr öffnen konnte (Vgl. dazu Prokop/Radam, Atlas der Gerichtlichen Medizin (1987) 96).


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Die trennende Eigenschaft des Kistendeckels kann man mit einigen anderen Tötungsdelikten der heutigen Zeit vergleichen: z.B. der Angriff auf den Hals durch trennende Kräfte bei der Überrollung durch Schienenfahrzeuge (z.B. Selbstmörder auf den S- Bahngleisen). Aus dem Auffinden solcher Leichen und ihrer anschließenden Leichenschau wird beschrieben, daß bei noch so scharf trennenden Rädern mitunter ein Hautschlauch den Kopf mit dem Rumpf verbindet (Vgl. dazu Prokop/Radam, Atlas der Gerichtlichen Medizin (1987) 421-444).

Eine weitere Parallele zeigt sich in dem Auffinden eines Alkoholisierten am Müllcontainer, der durch den zurückfahrenden Containerdeckel in der Halsregion getroffen wurde. Die Sektion ergab Strangulierung der arteriellen Zufuhr des Kopfes.

Die oben ausgeführten rechtsmedizinischen Erfahrungen erheben für das Märchen die Frage, warum fast immer der Kopf unter die Äpfel rollt.

Es sei eine einzige Variante zitiert, die diese Seite der Tat realer darstellt. Eine Fleischerin und Stiefmutter ”schlägt den Deckel zu, daß der Kopf drin im Kasten, der Körper draußen hängt. Sie schneidet ihn vollends ab, dann kocht sie den Kopf.“ (Peukert, Schlesiens deutsche Märchen ”Von dem Fleischer, dessen Sohn zum Sperling wird“ 39ff.).

Es entspricht der visuellen Darstellungskraft des Märchens, daß der ”Kopf in die Truhe kullert“, ”unter die Äpfel fällt“, ”tief unten in die Kiste kugelt“, ”abgezwickt“ wird o.ä.m. Im Gegensatz zu dieser Schilderung steht die Wirklichkeit, in der dem Menschen ”einfach nur“ der Genickbruch, die abrupte Strangulation/ Unterbrechung der Halsgefäße oder die Kompression der Luftwege widerfährt.

Beleuchtet man die Absichten der Märchenfiguren, ihre Kinder zu töten, kann durchaus ein falsches Bild entstehen. Denn durch die zitierten Beispiele ist leicht anzunehmen, daß im Märchen immer die Stiefmütter böse Gefühle für die ihr anvertrauten Kinder hegen.

Im erarbeiteten Material stehen 12 Stiefmütter sieben leiblichen Müttern gegenüber. Für diesen Märchentyp sind in der deutschsprachigen Volksüberlieferung der Vater (1 Märchen) oder beide Elternteile (2 Varianten) selten vertreten. Die wesentlich öfter gelesenen Buchmärchen, einschließlich der KHM, mögen zu diesem Eindruck beigetragen haben. Es sind aber Studien durchgeführt worden, die zeigten, daß in den mündlichen Märchen häufiger ”harte Väter“ als ”böse Stiefmütter“ auftreten. Dies entspräche vielmehr der Gegenwart der Märchenerzähler/ “Gewährsleute“, die vom väterlichen Vorsitz der Familie geprägt war (EM, ”Kind, Kinder“ 7: 1231).


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Neben der Verbreitung des Märchens in deutschsprachigen Gegenden häuft es sich auch in Estland. Man vermutet dort den Ursprung der Erzählung. Überwiegt im Deutschen das Motiv des Mutterhasses, herrscht im estnischen Raum die Tötung von Kindern aus Angst vor dem Verhungern vor. In den Märchen dieser Region töten Eltern in ihrer höchsten Not den Jüngsten, damit nicht die ganze Familie sterben muß. Aus dem unbewußten Kannibalismus wird ein bewußter.

Neben der Anthropophagie weist auch die animistische Vorstellung der Seelenwanderung (Belebung der Knochen, singender Vogel, lebendig werdender Junge) auf das hohe Alter dieses Märchentyps hin.

Man kann schlußfolgern, daß das Essen von Menschenfleisch in Hungersnot das ältere Motiv ist. Dieser Kannibalismus in Ausnahmesituationen ist zu einem späteren Zeitpunkt von dem Motiv der hassenden und bösen Stiefmutter überlagert worden. In einer Zeit, in der die Vorstellung, Menschen könnten in ärgster Hungersnot Menschenfleisch essen, immer mehr schwand (Kannibalismus in Ausnahmesituationen -> Kapitel ”Hunger“).

Das bedeutet jedoch nicht, daß der sich entwickelnde Haß der (Stief-) Mutter nicht doch vorstellbar wäre. Die Mißhandlung von Kindern ist aus jeder Zeit bekannt. Märchenvarianten, die dies recht deutlich beschreiben, zeigen zum einen sich aufschaukelnde Aversionen und zum anderen körperliche Gewalt gegen das Kind.

Gerade die Grimmsche Fassung drückt eindringlich die seelischen Bedrängnisse aus. Der emotionale Kleinkrieg der (Stief-)Mutter überwiegt in den Buchvarianten wie auch in den volkstümlichen Versionen gegenüber dem Motiv der Gewaltanwendung.

Für die physische Mißhandlung, die dem Tötungsdelikt selten vorangeht, sei hier ein slowakische Variante zitiert:

Immer wenn der Vater im Wald ist, rächt sich eine Stiefmutter an seinen Kindern. ”Sie schlug sie oft, daß die Streifen von den Stockhieben auf ihren Rücken fast nie verschwanden. Wie verrückt kam auf einmal die Stiefmutter mit einem glänzenden Messer in der Hand ins Zimmer hereingestürzt, riß den weinenden Jungen aus der Umarmung seiner Schwester und schnitt ihm mit dem Messer den Kopf ab.“ (Polívka, Verzeichnis slowakischer Märchen. ”Der Vogel“ 404-405).

Dieses Märchen stellt mit der sehr realen Beschreibung von den Folgen der Stockhiebe eine Ausnahme dar.

Es wird versucht, die Tat zu vertuschen. Die Stiefmutter setzt den Jungen mit einem Tuch um den Hals vor die Tür, dies geschieht nicht nur in der Variante der Brüder Grimm. In einem anderen Fall verscharrt die Stiefmut-


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ter beide Kinder unter dem Misthaufen (Tietz, Wo in den Tälern die Schlote rauchen ”Die roten Äpfel“ 490-491). In einem dritten wirft sie den Jungen den Schweinen zum Fraß vor (Spiegel, Märchen aus Bayern ”Die Stiefmutter und der Seelenvogel“ 2-3). Die beiden letzteren Sachverhalte sind dem Rechtsmediziner auch aus der heutigen Praxis bekannt.

”Kindesmißhandlung ist kein losgelöstes, singuläres Ereignis, sondern ein markanter Kristallisationspunkt in einem lebensgeschichtlichen Prozeß eines Kindes und seiner Familie“ (Thiessen, ”Probleme und Möglichkeiten professionellen Handelns bei Verdacht auf Kindesmißhandlung“ Kindesmißhandlung und sexueller Mißbrauch (1993) 73).

Im Märchenbeispiel wird der kindliche Held seelisch und körperlich mißhandelt. Die Aggression geht vom mütterlichen Elternteil aus, die dem Vater unentdeckt bleibt. Vergleicht man dies mit den heutigen psychologischen Erfahrungen auf dem Gebiet der Kindesmißhandlung, ist es sehr unwahrscheinlich, daß der Partner von der Mißhandlung nichts erfährt.

Man findet im Märchen auch die Isolation der Familie gegenüber der Märchengesellschaft. Den Erwartungshaltungen der Mutter kann das Kind nicht gerecht werden, die Situation schaukelt sich hoch.

Kindesmißhandlung und sexueller Mißbrauch (Kruse/Oehmichen (1993)) sind oft Ausdruck von Gewalt in der Familie und ziehen als soziokulturelles Phänomen zunehmend das öffentliche Interesse auf sich. Gleichnamige Monographie erörtert zusätzlich rechtliche Fragen bei entsprechendem Verdacht und berichtet von der praktischen Seite des Kinderschutzes.

Mit Blick in die historischen Rechtsquellen wurde die Tötung von Neugeborenen unter der Geburt seit dem Mittelalter mit dem Ertränken (Süddeutschland) und dem Lebendigbegraben mit Pfählung (Norddeutschland) geahndet. Ähnlich lautet auch Art. 131 der Carolina zum Thema Kindestötung. Die Strafpraxis verschärfte sich jedoch erst seit der Frühen Neuzeit. Die Strafanwendung in diesem großen Umfang muß vor allem auch als gesellschaftliches Phänomen betrachtet werden.

Ab dem 17. Jahrhundert wurde das Ertränken durch die Schwertstrafe abgemildert (HzR, ”Kindestötung“ 2: 736-741; Dülmen, Frauen vor Gericht (1991) 24).

Der Abwurf des Mühlensteins könnte als Tod durch Steinigung interpretiert werden. Die Steinigung ist hier eine Märchenstrafe, da mit dem Tod der Stiefmutter der Junge erlöst wird.

”Von dem Machandelboom“- Eine Falldarstellung aus dem Märchen:

Opfer: Geschätztes Alter des Kindes: 5-8 Jahre. Das Stiefkind hat als ”lebendige Erinnerung an die erste Frau des Mannes“ keinen normalen


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Platz in der Familie. Diese Ausnahmestellung macht es zum Opfer seelischer Mißhandlungen. Das Geschwisterkind beteiligt sich nicht an den Ausschreitungen, im Gegenteil es herrscht ein vertrautes Verhältnis zwischen den beiden.

Täterin: Ehekrise und -zerrüttung fraglich, häusliche Belastungen vorstellbar, keine schlechte Behandlung durch den Ehemann beschrieben, kein Alkohol, Rachegefühle gegenüber Partner möglich.

Mißhandlungsform: Nur seelische Mißhandlung geht der Tötung voraus, ständiges Herumschubsen, keine ruhige Minute für den Jungen, permanente Angst vor Strafe oder Herumschubsen als psychische Störung denkbar.

Tod: Folge vorsätzlicher Tötung, abrupte Tat, außergewöhnlicher Tathergang (Strangulation, Dekapitation), Tod ist nicht Folge der seelischen Mißhandlung (in Anlehnung an: Trube-Becker, Gewalt gegen das Kind (1982) 17-29).


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4.7. Verhungern

Das Hungern, der häufige Mangel an Nahrungsmitteln ist eine uralte Menschheitserfahrung und in unserem Kulturkreis kaum noch vorstellbar. Diese Nöte gingen oft mit Lebensmittelknappheiten, Teuerungen, Epidemien und Wirtschaftskrisen einher. Auf Grund der bis ins Zeitalter der Industrialisierung immer wieder vorkommenden Hungersnöte in Europa existieren zahlreiche schriftliche Belege darüber.

Diese Berichte belebten die Erinnerungen an die Zeiten des Hungers in Hungerchroniken, Auswandergeschichten, Familien- und Gemeindeerzählungen, aber auch in Predigten und Liedern (EM, ”Hunger, Hungersnot“ 6: 1380ff.). Andere Schriften betrachteten das Hungern unter wissenschaftlichen Aspekten.

Der Hungertod tritt ”infolge völligen Nahrungsentzugs, chronischer Mangelernährung oder falscher Nahrungsmittelzusammenstellung“ ein. ”Erwachsene können 1 bis 2 Wochen hungern, bei Flüssigkeitszufuhr auch länger, Neugeborene und junge Säuglinge nur wenige Tage“ (Lexikon der Rechtsmedizin (1993) 296).

Den Rechtsmediziner beschäftigen in diesem Zusammenhang Zeichen erheblicher Vernachlässigung wie Hauterscheinungen (Pflegeschäden) und Infektionen (geschwächte Abwehrlage), die gerade bei Kindern auf Hungerzustände und längeren Nahrungsmangel hindeuten bzw. mit ihnen kombiniert sind. Der Rechtsmediziner Josef Maschka schreibt im Handbuch der Forensischen Medizin ((1881) 1: 727), daß in seinem Fachgebiet vor allem die ”absichtlich unfreiwillige“ und unzureichende Nahrungszufuhr bei Kindern leider das Hauptinteresse ist.

Innerhalb weniger Tage spürt der Hungernde subjektiv den Hunger nicht mehr. Die ersten Energiereserven werden aus dem Körperfett gewonnen, später tritt Muskelschwund hinzu. Bei Mangelernährung können Ödeme an den Unterarmen und -beinen und an den Füßen auftreten.

In der mündlichen Volkstradition taucht zuerst das Gegenteil auf; der aus dem Hungern entstehende Wunsch, immer Essen zu haben: wie z.B. in ”Schlaraffenland“ (KHM 158), ”Tischleindeckdich“ (KHM 36) oder ”Der süße Brei“ (KHM 103).

Der Tod durch Verhungern als Strafe oder als zeitlich länger angelegter Suicid etwa im Hungerstreik ist im Märchen nicht vorhanden. Das Hungern wird als schicksalsgegeben angesehen, weil man arm ist, viele Kinder hat, verwitwet oder elternlos geworden ist.

So ist das Hungermotiv zusammen mit der Armut Voraussetzung für das Aussetzen von ”Hänsel und Gretel“ (KHM 15). Auch der Wanderer in ”Die beiden Wanderer“ (KHM 107) läßt sich nur aus Hunger beide Augen


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ausstechen. Im ”Gevatter Tod“ (KHM 44) lautet der Anfang: ”Es hatte ein armer Mann zwölf Kinder und mußte Tag und Nacht arbeiten, damit er ihnen nur Brot geben konnte.“ Bei den Eltern der ”Goldkinder“ (KHM 85) geht es ”von Hand zu Mund“. Als die Eltern vom ”Sterntaler“ (KHM 153) gestorben sind, hat es nur noch die ”Kleider auf dem Leib und ein Stückchen Brot in der Hand, das ihm ein mitleidiges Herz geschenkt hatte.“

In allen diesen Märchenbeispielen steht das Motiv des Hungerns am Anfang, es ist Voraussetzung und Auslöser für die Entwicklung einer Handlung. Das Geschehen wird nicht in aller Ausführlichkeit geschildert. Die Märchen enden aber in Reichtum, der in der Volksvorstellung meistens für gutes Essen vorausgesetzt wird.

Im Gegensatz dazu stehen zwei Beispiele der Kinder- und Hausmärchen. Da sie nicht unbedingt zur Gattung der Märchen zu zählen sind, führt die Handlung unmittelbar zum Tode.

In der Kinderlegende 6 ”Gottes Speise“ heißt es:

Es waren einmal zwei Schwestern, die eine hatte keine Kinder und war reich, die andere hatte fünf Kinder und war eine Witwe und war so arm, daß sie nicht mehr Brot genug hatte, sich und ihre Kinder zu sättigen. Da ging sie in der Not zu ihrer Schwester und sprach: `Meine Kinder leiden mit mir den größten Hunger, du bist reich, gib mir einen Bissen Brot.´ Die steinreiche war auch steinhart, sprach: Ich habe selbst nichts in meinem Hause `, und wies die Arme mit bösen Worten fort. Nach einiger Zeit kam der Mann der reichen Schwester heim und wollte sich ein Stück Brot schneiden, wie er aber den ersten Schnitt in den Laib tat, floß das rote Blut heraus. Als die Frau das sah, erschrak sie und erzählte ihm, was geschehen war. Er eilte hin und wollte helfen, wie er aber in die Stube der Witwe trat, so fand er sie betend; die beiden jüngsten Kinder hatte sie auf den Armen, die drei ältesten lagen da und waren gestorben. Er bot ihr Speise an, aber sie antwortete: `Nach irdischer Speise verlangen wir nicht mehr; drei hat Gott schon gesättigt, unser Flehen wird er auch erhören.` Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, so taten die beiden Kleinen ihren letzten Atemzug, und darauf brach ihr auch das Herz, und sie sank tot nieder.

Volkskundlich bemerkenswert ist das Motiv des verweigerten Brotes, aus dem Blut fließt (ehrbarer Umgang mit Brot: als wichtigstes Grundnahrungsmittel darf es Bedürftigen gegenüber nicht verweigert werden. EM, ”Brot“ 2: 808).

Der emeritierte Mikrobiologe Stefan Winkle zeigt in seiner Kulturgeschichte der Seuchen am Beispiel des sogenannten Blutwunders, wie medizinisches Unwissen soziales Verhalten beeinflussen kann. Der Befall von


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stärkehaltigen Lebensmitteln (Brot, Polenta, Bohnen, auch Hostien) durch bestimmte Bakterien erklärt das Phänomen des blutenden Brotes. Die Keimkolonien bilden ein rotes Pigment und erwecken dadurch den Eindruck von geronnenem Blut. Einige Jahrhunderte später und man verdächtigte Juden, rotgefärbte Hostien für rituelle Zwecke zu mißbrauchen (Feldmeier, ”König Pippin im Kampf mit den Mikroorganismen“ Berliner Zeitung. 190 (16./17. August 1997): V).

Die Gleichgültigkeit, mit der sich die Frau in ihr Schicksal ergibt, ist vergleichbar mit der Apathie, die Hungernde nach drei Tagen erfassen kann.

Das andere Beispiel verbannen die Brüder Grimm in den Anhang. ”Die Kinder in Hungersnot“ (KHM Anh. 24) sei hier auf Grund ihrer Eindringlichkeit ebenfalls zitiert:

Es war einmal eine Frau mit ihren zwei Töchtern in solche Armut geraten, daß sie auch nicht ein bißchen Brot mehr in den Mund zu stecken hatten. Wie nun der Hunger bei ihnen so groß ward, daß die Mutter ganz außer sich und in Verzweiflung geriet, sprach sie zu der ältesten: `Ich muß dich töten, damit ich etwas zu essen habe. Die Tochter sagte: `Ach, liebe Mutter, schont meiner, ich will ausgehen und sehen, daß ich etwas zu essen kriege ohne Bettelei´. Da ging sie aus und kam wieder und hatte ein Stückchen Brot eingebracht, das aßen sie miteinander, es war aber zu wenig, um den Hunger zu stillen. Darum hub die Mutter zur anderen Tochter an: `So mußt du daran.´ Sie antwortete aber: `Ach, liebe Mutter, schont meiner, ich will gehen und unbemerkt etwas zu essen anderswoher ausbringen.´ Da ging sie hin, kam wieder und hatte zwei Stückchen Brot eingebracht; das aßen sie miteinander, es war aber zu wenig, um den Hunger zu stillen. Darum sprach die Mutter nach etlichen Stunden abermals zu ihnen: `Ihr müsset doch sterben, denn wir müssen sonst verschmachten.´ Darauf antworteten sie: `Liebe Mutter, wir wollen uns niederlegen und schlafen und nicht eher wieder aufstehen, als bis der Jüngste Tag kommt.´ Da legten sie sich hin und schliefen einen tiefen Schlaf, aus dem sie niemand erwecken konnte, die Mutter aber ist weggekommen, und weiß kein Mensch, wo sie geblieben ist.

Hier klingt an, was auch in Realität vorgekommen ist: die Anthropophagie. Sie wird als höchste Stufe der Verzweiflung zu Hungerszeiten beschrieben (Prokop/Göhler, Forensische Medizin (1975) 164; EM, ”Hunger“ 6: 1385; -> auch Kapitel ”Kindestötung“).

Der final beschriebene Schlaf der Mädchen kann als die beobachtete Schlafsucht bei Hungernden gedeutet werden, die meist in Koma und Tod endet. Der Egoismus der Mutter läßt die Töchter das Brot besorgen, durch ihn vernachlässigt sie schließlich ihre Kinder.


Fußnoten:
<23>

Ähnlich diesem ist (nach Liungman, Schwedische Volksmärchen (1961) 194-196) ein Motiv aus dem islamischen Einzugsgebiet: Dort werden die Hände abgeschlagen, weil es vom König verboten war, Almosen zu geben (mit den Händen). Der Bezug zu islamischen Texten ist jedoch problematisch, weil das Abschlagen der Hände nach islamischen Gesetz eine durchaus übliche und bis heute praktizierte Strafe ist.

<24>

In einem Rätoromanischen Märchen gibt der Teufel Anleitung, wie der Vater der Tochter die Arme abzuschlagen hat: mit ”Keil“, ”Säge“ oder ”Axt“ (Uffer, ”Mädchen ohne Arme“ 120-127).

<25>

Der Sachverhalt der Vergewaltigung ist neben einer zweiten deutschen (bei Haiding, Märchen aus Oberösterreich ”Graf Grünbart“ 30-32) noch in einer lettischen und in einer estnischen Variante beschrieben worden.

<26>

Zu dieser Tatortbeschreibung gibt es innerhalb der Grimmschen Sammlung zwei parallele Beispiele. In ”Fitchers Vogel“ (KHM 46) und im ”Blaubart“ (KHM Anh. 9) ist es ein verbotenes Zimmer. Aus Neugierde öffnet die Heldin trotzdem den Raum. Was sie erblickt, sind ”ein großes blutiges Becken“ mit ”toten, zerhauenen Menschen“ und ”ein blinkendes Beil“ oder es fließt ihr ”ein Strom Blut entgegen“ und ”tote Weiber“ hängen an den Wänden.

<27>

In der Antike war ebenfalls ein Gesetz, die Lex Regia, in Kraft, das vorschrieb, verstorbene Schwangere nicht eher zu begraben, bevor ihnen nicht der Fötus aus dem Uterus genommen wurde (Curàtulo, Die Kunst der Juno Lucina in Rom (1902) 99).

<28>

Im Gegensatz dazu die Verbreitung ab dem 19. Jahrhundert in Schulbüchern, kleineren Märchenausgaben, Kinderstücken, Bilderbogen, später durch Film, Fernsehen Rundfunk und Tonträger.

<29>

In einer Version geht der Wolf zum Brunnen, um zu trinken, und weil ihm unwohl ist, speit er die Großmutter und das Mädchen wieder aus (Erlösung, aber kein Bauchaufschneiden; Marichal, Volkserzählgut und Volksglaube in der Gegend von Malmedy und Altsalm 123)

<30>

Percht ist der Name für die Schreckgestalt des beschriebenen Volksglaubens. Andere Namen können sein: Semper, Hullepöppel oder Hollepeter, Schperechta, Dremp, Stampe oder Stempe, Sperte, Pehtrababa und Lucia.

<31>

Bombastus Theophrastus von Hohenheim sogen. Paracelsus, Arzt und Naturforscher, widmete sich in seinen medizinischen Werken der Syphilis, den Berufskrankheiten der Hütten- und Bergarbeiter, der Chirurgie und Wundbehandlung. Weitere Werke galten der Erforschung der Gifte (”... allein die Dosis macht das Gift.“) und metallischen Verbindungen. Seine allgemeine Lehre der Krankheitsursachen basierte auf einem ”chemischen“ Verständnis des Organismus. Er verwendete hauptsächlich metallische Verbindungen im Sinne einer spezifischen Therapie.

<32>

Es existieren einige parallele Motive im Volksglauben: Laveztöpfe sollen zerbrechen, wenn Gift in ihnen gekocht wird; eine Flasche voll des furchtbarsten Giftes zersprang augenblicklich, als man das Kreuzzeichen machte (HdA, ”Gift“ 3: 849).

<33>

In dem Kapitel ”Giftbeibringung auf absonderlichen Wegen“ berichtet Louis Lewin (Gifte in der Weltgeschichte (1920) 93-120) von Fällen aus der Geschichte, z.B. daß Getränke für die beizumischenden Gifte den festen Nahrungsmitteln vorgezogen wurden (S. 93). Weiter führt er Beispiele über die Möglichkeiten der äußeren Giftanwendung durch Kleidungsstücke oder Gebrauchsgegenstände an (S. 94-103). Ein beliebter Gegenstand war das vergiftete Messer, besonders die ”Mähr vom halbseitig vergifteten Messer“ (S. 113-114), mit dem die Nahrungsmittel in Berührung, und später die Opfer zu Tode, kamen (S. 111-114).

<34>

”Zaubern“ kann heißen, daß höhere Kräfte schädlich wirken. Im Begriff ”Zauberei“ liegt jedoch nicht urprünglich, daß man jemandem dadurch schadet. Diese Idee verband man erst später damit (König, Geschichte der Hexenprozesse (1989) 489).

<35>

Aus dem Rahmen dieser drei Gruppen fällt das AaTh-Motiv 1066 ”Hängen spielen“. Die bekannteste Erzählform dieser Parabel handelt von Kindern, die einen aus ihrem Kreise erwählen, um ihn zum Spaß aufzuhängen. Dafür werden meistens Strohhalme oder Zwirnsfäden benutzt, die an sich keine Gefahr für den Hals darstellen. In der Zwischenzeit werden die Kinder entweder durch Musik oder durch ein Tier (Wolf, Wildschwein, Fuchs oder Teufel in Gestalt eines dreibeinigen Hasen) abgelenkt. Als sie wiederkommen, ist der zum Spaß Gehenkte tot (EM, ”Hängen spielen“ 6: 481ff.).

Diese zur Warnung vor unbedachter Nachahmung erzählte Geschichte erinnert an ”Kinder spielen Schweineschlachten II“ (KHM Anh. 3). Auch Erich Wulffen (”Das Kriminelle im deutschen Volksmärchen“ 38 (1910): 366) erwähnt eine in Wirklichkeit geschehene derartige Begebenheit: ”Will sehen, ob Marie auch so schreit wie das Schwein.“

<36>

Galenos von Pergamon, ab 161 Arzt und Schriftsteller in Rom, vereinigte in seinem Werk Humoralpathologie und diagnostisch-klinische Kenntnisse der Hippokratiker mit der Anatomie und Physiologie des Aristoteles und der alexandrinischen Ärzte. In der lateinischen Übersetzung der Araber beherrschten seine Werke die Heilkunde des Mittelalters bis in die Zeit der Renaissance.

<37>

In der vorliegenden Arbeit findet dies seinen Ausdruck in der Querschnittsbetrachtung der in Frage kommenden Märchen der Brüder Grimm für dieses Kapitel und auch für das Kapitel ”Verbrennen“.

<38>

In mehreren Varianten von AaTh 612 ”Drei Schlangenblätter“ und AaTh 450 ”Brüderchen und Schwesterchen“ verliert der Held/ die Heldin durch einen Brunnensturz sein/ ihr Leben. Übereinstimmend in allen Erzählungen folgt die glückliche Befreiung und Bestrafung des Schädigers.

<39>

”Unibos“ bedeutet aus vulgarisierten Latein übersetzt ”Einochs“ (”unus“ (lat.): einer, ”bos“ (lat.): Ochse, Rind). Für diesen Schwank könnte man sagen: Ein Ochse für alle.

<40>

Heute hat der Brunnen seine Schrecklichkeit verloren, vergleichsweise häufig als Ertrinkungsort von Kindern hat der Swimmingpool diesen Platz eingenommen.

<41>

Wie in ”Frau Holle“ (KHM 24), wo der Brunnen ”Tor zur paradiesischen Welt“ wird. Die Protagonistin kehrt durch ein ”echtes“ Tor in die diesseitige Welt zurück.

<42>

Ein Exkurs zum Volksglauben:

Im Gegensatz zum Märchen kennt der Volksaberglaube einige Weisheiten, die die Leiche eines Ertrunkenen betreffen. So sieht man oft an seinem Körper den Abdruck einer Hand, mit der der Wassermann die Leiche zu Boden gezogen hat, oder auch blaue Flecken. Entflohene Seelen Ertrunkener kommen in Form von Wasserblasen an die Oberfläche. Weitverbreitet ist auch der Glaube, daß das Wasser die Leichen erst nach neun Tagen wieder hergibt. Man sollte diese nicht ganz aus dem Wasser ziehen, sondern mit den Füßen darin liegen lassen. Auch wird einem Heiligen (Hl. Suitbert) nachgesagt, daß er zu seinen Lebzeiten Ertrunkene wieder ins Leben zurückrufen konnte.

Da einem Ertrunkenen kein ordentliches Begräbnis zuteil werden konnte, gab man sich alle erdenkliche Mühe, ihn zu finden, wofür zahlreiche Methoden angewendet wurden, denn er müßte sonst als Wiedergänger umgehen. Es wurden Brettchen, Teller, Pflugräder, ausgehöhlte Brote mit und ohne Kerzen auf das Wasser gesetzt und dort, wo die Leiche lag, ging die Kerze aus oder der Gegenstand unter. Auch die Lebenden fürchteten für sich den Wassertod, da ohne christliches Begräbnis die Seele nicht zur Ruhe kam. Deswegen gab es zahlreiche Mittel, die vor dem Ertrinken schützen sollten. (HdA, ”ertrinken, Ertrunkener“ 2: 981-989).

<43>

“Obwohl das Feuer oft genug in Märchen erwähnt wird, erstaunt es, daß im Zaubermärchen praktisch keine christlichen Vorstellungen und kaum real geglaubte Motive vom Feuer auftreten ... es gibt selten Belege für Schilderungen, die auf wirklichen Ereignissen beruhen.“ (EM, ”Feuer“ 4:1077). Diese Beobachtung ist auf das alltägliche Umgehen der Menschen mit dem Feuer bezogen wie das Feuerholen bei Nachbarn, das sorgfältige Hüten des Feuers und sein Entfachen.

<44>

Nicht alle Varianten enden mit der Hexenverbrennung. Es kann sich auch die magische Flucht, ähnlich wie in ”Fundevogel“ anschließen (EM, ”Hänsel und Gretel“ 6: 498ff.).

<45>

Die Carolina (über die Constitutio Criminalis Carolina, die Peinliche Halsgerichtsordnung Karls V., -> Kapitel ”Kindestötung“ Anmerkung 47) kannte die Verbrennung als Strafe für Zauberei (§ 109), Münzfälschung (§ 111), Sodomie (§ 116), Brandstiftung (§ 125) und Entwendung einer Monstranz (§ 172). Sie wurde bis in die Neuzeit noch häufig angewendet, wobei der Täter im 18. Jahrhundert ”regelmäßig unbemerkt vorher getötet“ wurde (HzR, ”Feuerstrafe“ 1: 1127).

<46>

Kleiner Nachtrag zur Feuerbestattung: Neben vielen Ansichten (wie Opfergabe, Schutz der Überlebenden oder Seelenbefreiung vom Körperlichen) nimmt man auch an, daß der Tote verbrannt wurde, um seinen Körper am Wiedergehen zu hindern. Dazu konnten bereits Bestattete wieder ausgegraben und nachträglich verbrannt werden. Es wurden aber auch schon tote Missetäter (Hexen, Zauberer, Wiedergänger und Selbstmörder), d. h. ihr Leichnam der Feuerstrafe zugeführt und damit unschädlich gemacht (HdA, ”verbrennen“ 8: 1551; ”Leichenverbrennung“ 5: 1104).

<47>

Carolina, Constitutio Criminalis Carolina, Peinliche Gerichtsordnung Karls V., wurde erstmalig Ende des 15. Jahrhunderts im Rahmen der Reformbestrebungen des Reiches auf dem Gebiet des Strafverfahrens und des Strafrechts initiiert. Sie wurde 1530 auf dem Reichstag von Augsburg im vierten Entwurf beschlossen und 1532 auf dem Regensburger Reichstag als ”Des Kaisers Karl V. und des Heiligen Römischen Reiches Peinliche Gerichtsordnung“ in Kraft gesetzt. Sie war in erster Linie als Strafprozeßordnung gedacht. Man beabsichtigte nicht eine allumfassende Bearbeitung des Rechtsstoffes und verwies immer wieder auf das Römische Recht. Dies schuf die Voraussetzung für eine wissenschaftliche Fortbildung auf dem Gebiet der Rechtsbildung und versuchte, das Laienrichtertum zu verdrängen. Trotz Strebens nach Gerechtigkeit enthielt sie eine gesetzliche Bestätigung der Folter und ”gefährliche Keime der Entartung des Inqusitionsverfahrens“ (S. 594). Dies mindert jedoch nicht ihre Bedeutung für eine frühe einheitliche Gesetzgebung innerhalb des Deutschen Reiches (HzR, ”Carolina“ 1: 592-595).

<48>

Die Aufnahme entsprach der Rechtsfähigkeit des Neugeborenen in der Gemeinschaft und wurde durch einen rechtsförmlichen Akt vollzogen. Auf den Boden gelegt, hob es der Muntwalt (= Mann der Frau, ‘Gewalthaber’ der Mutter) auf, nahm es in die Arme und umschlug es mit seinem Mantel. Damit war das Kind anerkanntes Familienmitglied, wenn es jetzt ausgesetzt wurde, kam dies Mord gleich und wurde auch so geahndet. Es konnte aber auch durch Wasserweihe, erste Nahrungsaufnahme oder Namensgebung aufgenommen werden. Unter christlichem Einfluß wurde dies durch die Taufe überlagert und im Mittelalter brachte schon die Geburt die volle Rechtsfähigkeit (HzR, ”Aufnehmen“ 1: 253-254).

<49>

Einige Ausnahmen sind in den AaTh - Typen 755, 765A* und 781 beschrieben, dann jedoch steht die Kindsmutter und ihre Bestrafung im Vordergrund (EM, ”Kindsmörderin“ 7: 1364).

<50>

ÜBERSICHT

KHM 9 ”Die zwölf Brüder“: Ein Vater will seine zwölf Söhne töten lassen, damit die Tochter das ganze Reich erben kann.

KHM 13 ”Die drei Männlein im Walde“: Die Stiefmutter verstößt ihre Stieftochter in der Annahme, daß diese draußen im Wald verhungert und erfriert.

KHM 15 ”Hänsel und Gretel“: Die Eltern führen ihre Kinder in den Wald und hoffen, daß sie von dort nicht mehr zurückkehren.

KHM 24 ”Frau Holle“: Die Stiefmutter verlangt von dem einen Mädchen, daß es die Spule wiederholt. In ihrer Angst springt es in den Brunnen.

KHM 33 ”Die drei Sprachen“: Ein Vater verstößt seinen Sohn, weil er angeblich nicht fähig ist, etwas Anständiges zu lernen. Er befiehlt seinen Leuten ihn im Wald zu töten.

KHM 47 ”Von dem Machandelboom“: siehe Märchenbeispiel im folgenden Text

KHM 51 ”Fundevogel“: Die Köchin des Jägers will den auf einem Baum gefundenen Jungen kochen. Doch er kann mit der Tochter des Jägers fliehen.

KHM 53 ”Sneewittchen“: Die Stiefmutter versucht es dreimal zu töten. Beim dritten Mal gelingt es ihr scheinbar für die längste Zeit.

KHM 56 ”Der liebste Roland“: Die Stiefmutter will der Stieftochter in der Nacht zugunsten der eigenen Tochter den Kopf abschlagen.

KHM 76 ”Die Nelke“: Ein alter Koch will dem Sohn des Königs aus Habgier ans Leben.

Ausnahme: KHM 6 ”Der treue Johannes“: Die Kinder des Königs werden durch die Hand des Vaters geköpft, damit mit ihrem Blut der zu Stein erstarrte Diener wieder lebendig wird. (Ausnahme in dem Sinne, daß die Kindestötung im Dienste einer Opferhandlung steht.)

<51>

Diese ”Familientradition“ ist ein speziell europäischer Typ und für außereuropäische Märchen so gut wie nicht relevant (EM, ”Kind, Kinder“ 7: 1223-1238).

<52>

Der Machandel (norddeutsch) ist der im Volksglauben sehr geachtete Wacholder. Das Märchen ist in der Hamburger Volksprache von Philipp Otto Runge aufgezeichnet worden.

<53>

Ludwig Bechstein übernahm die Grimmsche Fassung und übertrug sie wortgetreu ins Hochdeutsche. Der Verständlichkeit halber ist sie deshalb zitiert.


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