Beier, Barbara: Der nicht natürliche Tod und andere rechtsmedizinische Sachverhalte in den deutschen Volksmärchen unter besonderer Berücksichtigung der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm

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Kapitel 5. Weitere rechtsmedizinische Sachverhalte in den Märchen

5.1. Identifizierung

Das Wiedererkennen unbekannter Toter durch die Besichtigung der Leiche ist das älteste Verfahren der Identifizierung. Verwandte und andere Personen, die den Verstorbenen kannten, können den Toten an seiner Kleidung, an mitgeführten Gegenständen oder an charakteristischen Körpermerkmalen erkennen. Dies ist heute noch üblich<54>.

Ein Hauptteil der rechtsmedizinischen Untersuchungstätigkeit nutzt jedoch hochtechnisierte Methoden, um z.B. genetische Fingerabdrücke oder Knochenfunde zu identifizieren, aus Körperzellen Geschlecht und Blutgruppen zu bestimmen, oder über Superprojektion mit Röntgenaufnahmen und mit stomatologischen Methoden die Personenstandsidentität einer Leiche festzustellen (Vgl. dazu Hunger/Leopold, Identifikation (1978)). Mit diesen Verfahren können die Rechtsmediziner dem kriminalistischen Erkennungsdienst richtungsweisende Informationen nicht nur über das Opfer, sondern auch über den Täter, geben.

Das Märchen beschränkt sich auf einfache Methoden, um die Identität einer Person oder einer Leiche festzustellen.

Das erste Beispiel ist die ”Schuhprobe“ Aschenputtels (KHM 21). Nur auf Grund der richtigen Schuhgröße kann hier der ”Täter“ überführt werden.

Jacob Grimm sah darin, daß der rechten Braut ein Schuh angezogen wurde, einen germanischen Verlobungsbrauch. Auch heute noch soll es ähnliche Sitten besonders bei den romanischen Völkern geben (Grimm, Deutsche Rechtsalterstümer (1899) 1:214; HdA, ”Schuh“ 7:1327f.).

Ebenfalls erkennen sich einander Versprochene durch die passenden Hälften eines Ringes, wie am Ende des Märchens vom ”Bärenhäuter“ (KHM 105).

Das nächste Beispiel ”Der Maurerlehrling“ gehört zur Märchensammlung von Heinrich Pröhle Märchen für die Jugend (Nr.38):

Ein Maurer baut mit seinem Lehrling die Schatzkammer des Königs und läßt dabei einen Stein lose, sodaß er sich im Nachhinein Schätze aus der Schatzkammer holen kann. Der König erfährt davon und läßt ”Fallen und Schlingen vor die Stelle legen“. Als nun der Maurer sich in der Schlinge verfängt, befiehlt er dem Lehrling, ein Messer zu holen und ihm den Kopf abzuschneiden.

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Am nächsten Morgen findet der König nur den Rumpf. ”Da rieten ihm seine Räte, diesen Rumpf auf eine Kuhhaut zu legen und so durch die Stadt zu schleifen; das Haus aber, worin dann Geschrei entstände, sei das Haus des Diebes.“ <55>

Man könnte in diesem Fall von einer Identifizierung durch Wiedererkennen des Körperbaus, einer Art altertümliche Gegenüberstellung, sprechen.

Der Maurerlehrling weiß jedoch geschickt, die durch das Geschrei herbeilaufenden Leute abzulenken. Er hackt sich mit einer Axt in den eigenen Fuß. Die erfolgte Selbstverstümmelung ist der Grund für das Gezeter im Haus. Der angedachte Plan der Identifizierung führt nicht zum Erfolg.


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5.2. Selbsttötung

Die Selbsttötung ist die absichtliche Vernichtung des eigenen Lebens durch Vergiften, Erhängen, Ertränken, Erschießen, Öffnen der Pulsader etc. Sie drückt bei Geistesgesunden meist eine krisenhafte Zuspitzung problematischer Lebenssituationen, seltener noch eine Bilanzierung des Lebens aus.

Die Sammlung der Kinder- und Hausmärchen kennt nur vier Beispiele der Selbsttötung. Dies ist keine repräsentative Anzahl, daher werden Einzelbeispiele an dieser Stelle vorgestellt.

(1) ”Der Königssohn geriet außer sich vor Schmerz, und in der Verzweiflung sprang er den Turm herab: das Leben brachte er davon, aber die Dornen, in die er fiel, zerstachen ihm die Augen.“ ”Rapunzel“ (KHM 12) ist hier ein erstes Beispiel für einen Selbsttötungsversuch als ”Hochhaussturz“. Der Sturz kommt in wenigen Märchen vor, und wenn, dann auch in suizidaler Absicht und oft mit Erfolg (z. B. in einer Variante von AaTh 441 aus Pröhle, Märchen für die Jugend Nr.13 ”Der lustige Zaunigel“).

(2) Im ”Bärenhäuter“ (KHM 101) finden wir zwei Selbstmorde der neidischen Schwestern. Der Teufel bekommt sie als ”Ersatzseelen“ für eine im Handel versprochene: “Als sie ... hörten, daß das der Bärenhäuter war, liefen sie voll Zorn und Wut hinaus; die eine ersäufte sich im Brunnen, die andere erhenkte sich an einem Baum.“ Eine andere deutschsprachige Variante besagt: ”... sie entleibten sich aus Ärger, die eine am Nagel, die andere im Wasser“ (Sutermeister, KHM aus der Schweiz ”Der Teufel als Schwager“ Nr. 24). Der Teufel bekommt fast immer ”seine“ Seelen<56>.


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4(3) Im ”Märchen von der Unke“<57> (KHM 105) geht es um ein kleines Mädchen, das seine Milch immer mit einer Unke teilt. Eines Tages erschlägt die Mutter die Unke. Seit dieser Zeit verfällt das Kind immer mehr: ”Nicht lange, so fing der Totenvogel an zu schreien, und das Rotkehlchen sammelte Zweiglein und Blätter zu einem Totenkranz, und bald hernach lag das Kind auf der Bahre.“

In dieser Selbstaufgabe kann man eine Form der Selbsttötung sehen. Sie läßt sich mit dem Selbstverfall älterer Menschen bei Verlust des langjährigen Partners vergleichen.

Heinz Rölleke sieht in der Konstellation von Kind und Schlange eine ”symbiotische Einheit“, Mensch und Totemtier gehören unweigerlich zusammen. ”Wäre das Kind zuerst gestorben, wäre auch die Schlange umgekommen“ (Janning, ”Das erste Märchen von der Unke“ (1991) 90-95; Rölleke, ”Der Tod in den Märchen der Brüder Grimm“ (1991) 79-89).

(4) Das vierte Märchen erzählt von einem armen Waisenjungen, der zur Erziehung zu reichen, aber geizigen Leuten gegeben wird (”Der arme Junge im Grab“, KHM 185). Mit der Zeit steigert sich seine Furcht vor diesen hartherzigen Leuten so sehr, daß er bei seinem letzten Ungeschick nur noch einen Ausweg im Sich-Selbsttöten sieht: ”’Ach’, rief er, ‘jetzt ist es aus mit mir. Der böse Mann hat mir nicht umsonst gedroht, kommt er zurück und sieht, was ich getan habe, so schlägt er mich tot. Lieber will ich mir selbst das Leben nehmen’“. Er möchte sich vergiften.

Der Junge hat große Ängste. Die Situation verschärft sich durch das erschreckend böse Verhalten der Stiefeltern. Bei einem zusätzlichen Problem sieht er nur im Tod den letzten Ausweg. Unerfahrenheit und eine niedrige Toleranz des Jugendlichen gegenüber alltäglicher Frustration spitzt diese außergewöhnliche Lebenssituation zu.

Da man bei Selbstmord immer nach dem Warum fragen sollte, wird in diesem Abschnitt etwas mehr auf das im Märchen beschriebene Umfeld der Protagonisten eingegangen.

Jedesmal wird eine zugespitzte Lebenskrise für die jeweilige Person beschrieben. Verzweiflung (KHM 12), Selbstaufgabe (KHM 105) und Bewältigungsangst bei Jugendlichen (KHM 185) sind auch heute noch häufige Tatmotive, wogegen Neid, Ärger, Wut und Zorn (KHM 101) märchenhafte Gründe sind, das Leben nicht mehr als lebenswert zu empfinden. Die Art und Weise, sich im Märchen aus dem Leben zu bringen, ist breit gefächert: Sturz, Erhängen, Ertränken und Vergiften. Diese Formen der Selbsttötung kennt der Rechtsmediziner auch aus seiner heutigen Praxis.


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Die Form der Selbstaufgabe geschieht sehr latent. Als Hypothese könnte man diskutieren, daß der Tod durch schwächende Erkrankung und Verhungern eintrat.

In keinem der angeführten Märchen wird der Selbstmord als solcher angesehen. Die Stellung des Selbstmörders in der Märchengesellschaft wird nicht beleuchtet. Dies könnte man darauf zurückführen, daß in der Zeit vor dem Erstarken des Einflusses der Kirche der Selbstmord nicht als tadelnswert galt.

Im Mittelalter wurde Selbsttötung als Verbrechen geahndet. Der Selbstmörder habe in das Recht Gottes eingeriffen. Ihm konnte kein Begräbnis in geweihter Erde gewährt werden (Ohler, Sterben und Tod im Mittelalter (1990) 212).

Die Meinung der Kirche spiegelt sich auch im christlich überlagerten Aberglauben wieder. Jedoch finden wir im Märchen fast nur das Motiv des ”bösartigen Wiedergängers/Spukgestalt/Gespenst“ (HdA, ”Selbstmörder“ 7:1627ff.).

”Rumpelstilzchen“ (KHM 55) ist als märchenhafte Zwergengestalt nicht von irdischer Natur. Das Märchen erzählt, daß auch er sich von selbst aus dem Leben beförderte. Als die Königstochter seinen Namen richtig erriet, ”stieß er mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde, daß es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Händen und riß sich entzwei.“

Dieser Suizid nach Enttarnung der richtigen Identität ist kein konstantes Motiv dieses Märchens, die Urheber sind nachweislich die Brüder Grimm (Rölleke, Unbekannte Märchen von Jacob und Wilhelm Grimm (1987)).


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5.3. Selbstverstümmelung und Simulation

Dem Selbstmord als Tat verwandt ist die Selbstverstümmelung. Als Motiv ist sie stärker in die Märchenhandlung eingebettet.

Die beiden Stiefschwestern von ”Aschenputtel“ (KHM 21) hauen sich entweder den ”großen Zeh“ oder den ”Hacken“ ab, um vom Prinzen auserwählt zu werden. Das Schwesterchen der ”Sieben Raben“ (KHM 25) schneidet sich den kleinen Finger ab, um das Tor vom Schloß auf dem Glasberg aufschließen zu können, und um somit ihre Brüder zu erlösen. In einigen Varianten zu dem ”Mädchen ohne Hände“ (KHM 31) hackt sich das Mädchen selbst die Hände oder Brüste ab (-> auch Kapitel ”Scharfe Gewalt“). Auf der Suche nach dem ”Wasser des Lebens“ (KHM 97) wird dem jüngsten Königssohn die Ferse durch das Zuschnappen eines Tores abgeschlagen. Weil ”Drei Feldscherer“ (KHM 118) einem Wirt ihre Kunst zeigen wollen, schneidet der eine sich die Hand ab, der zweite reißt sich das Herz aus und der dritte sticht sich die Augen aus. Sie versuchen am nächsten Tag, sich diese Körperteile wieder anzuheilen.

Die Verstümmelungen gehören zur Motivkette eines Märchens. Warum sich die Märchenfiguren dies zufügen, wird durch die Handlung des Märchens deutlich. ”Schmerzen“ oder ”Blutvergießen“ als Folge der Verstümmlung werden fast nie beschrieben (Röhrich, Märchen und Wirklichkeit (1964) 152).

Durch die heutige Praxis kennt der Rechtsmediziner Selbstbeschädigungen, die im Rahmen von Rentenbegehren und Versicherungsansprüchen sich selbst zugefügt werden.

Die Verstümmlung kann auch Hilferuf bei psychischen Störungen und neurotischen Fehlhaltungen sein. Die Monographie Selbstschädigung (Saternus/Kernbach-Wighton (1996)) bekräftigt diesen psychisch-psychatrischen Aspekt sich selbstverletzenden Verhaltens anhand von Artikeln jüngst geschehener Ereignisse, die auch das öffentliche Interesse auf sich zogen, sowie den rechtsmedizinischen Beitrag zur Aufklärung der Fälle.

Der Selbstverstümmelung im folgenden Sinne nahe verwandt ist die Simulation: ”Simulation und Selbstverstümmelung können beide als Mittel zu einem bestimmten Zweck dienen, wodurch der Betroffene sich einen Vorteil verschaffen will“ (Prokop/Göhler, Forensische Medizin (1975) 310).

Als klassisches Beispiel hierfür seien die Schwestern ”Aschenputtels“ genannt. Sie ”spiegeln bewußt vor“, ihnen gehöre der Schuh. Sie machen sich den Fuß ”passend“, um sich mit dem Prinzen vermählen zu können. Daß der Schuh anfangs paßt, ist nicht auf ”natürliche Weise“ herbeigeführt worden. Es wird entdeckt.


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Eine besondere schauspielerische Leistung vollführt der Wolf, um die ”Sieben Geißlein“ (KHM 5) zu fressen. Erst schluckt er Kreide, damit seine Stimme geschmeidiger wird. Im zweiten Versuch läßt er seine Pfote mit Teig bestreichen, um den Geißlein vorzutäuschen, er sei ihre Mutter mit hellen Pfoten.

Das Beispiel zeigt ein heimtückischen und simulierenden Wolf, der, um sein Ziel zu erreichen, nicht vorhandene Tatsachen vorspielt, ein Rollenspiel durchführt.

Seltener als die Simulation findet man die Dissimulation im Märchen. Hierbei werden vorhandene Anzeichen eher heruntergespielt. Die Hexe in ”Hänsel und Gretel“ (KHM 15) möchte Hänsel gerne verspeisen. Jedoch Hänsel zeigt immer nur ein mageres Knöchlein vor, damit die Alte ihn nicht frißt.

Der Unterschied zur Simulation liegt in der Absicht. Der Dissimulant will keinen Vorteil erlangen. Hänsel versucht dem Unausweichlichen zu entgehen.

Die Stiefmutter Schneewittchens (KHM 53) will, daß der Jäger sie tötet. Dieser jedoch bringt es nicht übers Herz und tötet dafür einen Frischling und legt seine Eingeweide der Königin als Beweis für den ausgeführten Befehl vor.

Dieses Motiv ist in vielen Varianten, auch im Märchen vom ”Mädchen ohne Hände“ (KHM 31), vertreten. Jäger, Koch oder andere Gewährsleute der Stief- oder Schwiegermutter können das Mädchen nicht töten und erschießen dafür Wild, sehr oft auch eine Hirschkuh. Im ”Mädchen ohne Hände“ und ihren Varianten werden zusätzlich die Hände als Beweis verlangt.

Die vorgelegten falschen Beweise kann die Auftraggeberin nicht identifizieren und verspeist sie in der Annahme, es sei Menschenfleisch (über Kannibalismus -> Märchenbeispiel im Kapitel ”Kindestötung“).


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5.4. Spurenkunde

”Die Spur ist das, was zurückbleibt, nachdem ein Tatgeschehen abgelaufen ist“ (Schäfer, Untersuchung und Spurensicherung bei Sexualdelikten (1996) 8).

Unter Spuren versteht der Rechtsmediziner kleinste Mengen, die ein Täter am Tatort und Opfer und auch das Opfer am Täter und Tatort hinterläßt. Dies können Materialspuren wie Speichel, Blut, Haare, Textilfasern, Sperma, Schweiß und auch Fingerabdrücke sein sowie Formspuren, z.B. Bißringe, Fußabdrücke, Reifen- und Waffenspuren. Die Monographie Humanbiologische Spuren (Schleyer, Oepen, Henke (1995)) unterstreicht die Bedeutung dieser kleinsten Mengen und Andeutungen von Spuren und den sorgsamen Umgang mit ihnen bei der Aufbereitung für hochdifferenzierte Labortests.

Wenn man nach Spuren in der Volksdichtung sucht, so findet man drei verschiedene Möglichkeiten.

(1) Das Blut als wichtigste rechtsmedizinische Materialspur trifft man in der Volkserzählung häufig mit der Vorstellung assoziert, das Blut sei Sitz der Seele und des Lebens. Das Blut verkörpert die nichtanwesende Person, ist Stellvertreter und Lebensträger des ganzen Menschen (Blut als pars pro toto)<58>.

In ”Die Gänsemagd“ (KHM 89) tropft die Mutter drei Blutstropfen aus ihrem Finger auf ein Läppchen, welches sich die Königstochter an den Busen steckt. Solange die Tropfen bei ihr sind, sprechen sie mit ihr. Als sie den Lappen verliert, kann die Kammerjungfer Macht über die Königstochter gewinnen.

Drei Blutstropfen, jeweils einer vor dem Bett, in der Küche und auf der Treppe, antworten für die bereits enthauptete Tochter (KHM 56, ”Der liebste Roland“). Im ”Zwei Brüder“-Märchen (KHM 60) kommt der eine Bruder nach einer längeren Zeit an den Scheideweg zurück und findet das Messer verrostet. In einigen Varianten fließt Blut aus dem Baum, in dem das Messer steckt, oder er sieht blutige Fußspuren. Sein Bruder ist in (Lebens-) Gefahr.

In ”Fitchers Vogel“ (KHM 46) ist das Blut, das am Ei klebt, Zeugnis für das übertretene Verbot. Den ersten beiden Schwestern fällt es in die Blutlache, die aus der verbotenen Kammer quillt. Es läßt sich nicht abwischen und wird somit zum magischen Beweis der Schuld (EM, ”Blut“ 2: 506- 522).<59>


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(2) Der Märchenheld legt selbst eine Spur. Das bekannteste Beispiel ist ”Hänsel und Gretel“ (KHM 15). Das Motiv taucht europaweit in mehreren Varianten auf. Zur Markierung des Weges können benutzt werden: Sägemehl, Spreu, Hanf, Asche, Kleie, Kieseln, Brotkrumen, Erbsen oder auch ein Faden (Bolte/Polívka, Anmerkungen zu den KHM 1: 115-126; EM, ”Hänsel und Gretel“ 6: 489-506). Hänsel verstreut nach den Kieselsteinen Brotkrumen, die von den Vögeln im Wald aufgepickt werden.

In der ”Räuberbräutigam“ (KHM 40) nimmt die Müllerstochter ”beide Taschen voll Erbsen und Linsen“ mit auf den Weg. Der Bräutigam hatte Asche als Markierung zum Räuberschloß im Wald verteilt. Auf ihrer Flucht nach Hause hilft die eigene Spur besser den Weg zu finden. ”Die gestreute Asche hatte der Wind weggeweht, aber die Erbsen und Linsen hatten gekeimt und waren aufgegangen und zeigten im Mondschein den Weg.“

Alle Spuren bezeugen ein Mißtrauen gegenüber den lockenden Personen. Sind die Brotkrumen und die Asche vergänglich, führt die Verdopplung der Markierung im ”Räuberbräutigam“ zu einer Rettung aus dem Wald.

(3) Spuren heimtückischer Taten werden auch im Märchen vertuscht und verschleiert. Trotzdem entdeckt man sie.

Im ”Machandelboom“ (KHM 47) hat die Mutter ihren Stiefsohn umgebracht. Der Kopf wurde durch den heruntergeschlagenen Kistendeckel abgetrennt. (-> Kapitel ”Kindestötung“). Vom schlechten Gewissen geplagt, setzt sie dem Toten den Kopf wieder auf den Hals, kaschiert die Trennlinie mit einem weißen Tuch und setzt den Jungen vor die Haustür auf einen Stuhl.

Der ältere Bruder erschlägt in ”Der singende Knochen“ (KHM 28) den jüngeren hinterrücks auf einer Brücke und vergräbt ihn dann unter der Brücke. ”Nach langen Jahren“ kommt ein Hirte vorbei und findet ein ”schneeweißes Knöchlein“, aus dem er ein Mundstück fertigt. Beim Spielen auf diesem verrät das Lied den Brudermord.

In ”Die klare Sonne bringts an den Tag“ (KHM 115) ruft das Spiegeln der Sonnenstrahlen an der Zimmerdecke die Erinnerung wach. Es verleitet den Schneidergesellen, von seiner Tat zu berichten. Daraufhin wird er vors Gericht geführt.

Der negative Held versucht, seine Tat zu verbergen. Das Märchen ist jedoch so positiv angelegt, daß das Verbrechen immer aufgedeckt wird. In diesem Zusammenhang einen Realitätsbezug aufzustellen, wäre vermessen. Das Vertuschen von Tötungsdelikten im Märchen gibt es. Es wird jedoch auf sehr märchenhafte Art und Weise entdeckt und geahndet.


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Vor dem Hintergrund der Frage nach dem Täter sei an dieser Stelle auf die Bahrprobe (schweizr.: Baarprobe) eingegangen. Bis ins 17. Jahrhundert kannte man die Probe auch in der rechtsmedizinischen Fachliteratur. Man führte den Verdächtigen zur ”Baar“ (oder ”Bahr“, dem Getöteten), wenn dieser bei der Berührung mit dem Täter blutete, war der wahre Übeltäter überführt. (Fischer-Homberger, Medizin vor Gericht (1993) 306-311; HdA, ”Blut“ 1: 1435).

Das Märchen kennt das herausquellende Blut, das stellvertretend für die Toten klagt. In der Erzählung ”Gottes Speise“ (KHM Legende 6) quillt Blut aus dem Brot, kurz nachdem die reiche Schwester der armen etwas zum Essen verweigert hatte (-> Kapitel ”Verhungern“).

Der Idee nach der Bahrprobe ebenfalls verwandt ist das Motiv vom singenden Knochen. Der verblichene Knochen klagt den Bruder an.


Fußnoten:
<54>

Dafür waren seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts große öffentliche Leichenschauhallen erbaut worden. In Berlin stand von 1886-1931 eine Halle auf dem Gelände des ehemaligen Charité-Friedhofes. Die Berliner brachten ihr ein reges Interesse entgegen (Wirth, Tote geben zu Protokoll (1992) 192-194).

<55>

Zur Strafverschärfung wurden oft Mörder und Räuber, ”auf eine Kuhhaut gelegt oder in sie eingehüllt“, zur Richtstätte geschleift (Schild, Alte Gerichtsbarkeit (1980) 42).

Ein paralleles Motiv findet sich in der magischen Handlung, die besagt, daß beim Wegschaffen der Leiche eines Selbstmörders, selbige auf einer Kuhhaut zu schleifen ist, um den Selbstmörder am Wiedergehen zu hindern (HdA, ”Selbstmörder“ 7: 1630).

<56>

Drei Menschen töten sich im Märchen ”Der Jäger und die drei Brüder“ (AaTh 361) aus der Sammlung Heinrich Pröhles Märchen für die Jugend: Drei Brüder werden von einem ”grünen Jäger“ (=Teufel) versucht, sie widerstehen und zur Belohnung bekommen sie eine Tasche, aus der sie, immer wenn sie hineingreifen, einen ”feinen Gulden“ ziehen. Allerdings unter der Bedingung, daß sie nichts anderes sprechen dürfen als der älteste: “Wir Brüder alle drei“ , der zweite: ”Wohl um das Geld“, und der dritte: ”Und das war recht“. In der Nacht beobachten sie in einem Wirtshaus, wie der Wirt, seine Frau und sein Sohn einen Kaufmann des Geldes wegen ”mit einer Schlinge um den Hals erdrosseln“. Als nachgeforscht wird, lenkt der Wirt den ”Verdacht des Mordes“ auf die drei Brüder. Bei der Befragung können sie nur antworten, wie ihnen der Jäger geheißen hat. Erst in letzter Minute, kurz vor dem Galgen, werden sie von dem Jäger erlöst, der die Wahrheit erzählt. ”Die Wirtsleute waren unter den Zuschauern und liefen schnell nach Haus, als sie solche Rede hörten. Daheim schnitt sich der Wirt die Kehle ab, die Frau erhenkte sich, und der Sohn stürzte sich in die Sense.“

Es handelt sich hierbei um Selbstmord im Sinne einer Selbstjustiz, wobei man den Sturz in die Sense als epische Übertreibung im Märchen ansehen kann.

Dieses Märchen ist der Sage sehr nah, da am Anfang der Ort genau beschrieben wird: “Einst war eine bitterböse Zeit auf dem Harze, die Gruben waren wegen des Wassermangels unbrauchbar und viele Bergleute brotlos.“ Die Gerichtsbarkeit ist märchenuntypisch eine Irdische, kein König spricht als Gerichtsinstanz Recht. Für die Gattung Märchen spricht die ”wunderbare“ Erlösung der Brüder. Waltraut Woeller sah in dieser Erzählung ”eine Vorstufe zur Kriminalliteratur“ (Woeller, Deutsche Volksmärchen 539).

<57>

“Unter der Unke wird in Hessen und Westfalen die Ringelnatter verstanden, die sehr gern Milch trinkt und nicht giftig ist.“ (Bolte-Polívka, Anmerkungen zu den KHM 2: 459)

<58>

Die Vorstellung von der lebensspendenden Kraft des Blutes kommt im ”Treuen Johannes“ (KHM 6) zum Ausdruck. Der versteinerte Diener Johannes kann nur mit dem Blut der Königskinder entzaubert werden.

<59>

Von der Untilgbarkeit unschuldig vergossenen Blutes berichten mehrere Sagen und Chroniken (Gesta Romanorum, Zimmersche Chronik). Zeichen der dem Blut innewohnenden Vitalität zeigt sich auch, wenn das Blut als ”Kläger“ Unschuldiger auftritt wie in der Bahrprobe (EM, ”Blut“ 2: 508).


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