Beier, Barbara: Der nicht natürliche Tod und andere rechtsmedizinische Sachverhalte in den deutschen Volksmärchen unter besonderer Berücksichtigung der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm

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Kapitel 6. Die Todesstrafe

6.1. Die Todesstrafe im Märchen

Das Thema Todesstrafe wurde und wird in ihrer historischen und rechtlichen Dimension von Juristen, Rechtshistorikern und Volkskundlern bearbeitet. Von der historisch genau recherchierten Zusammenstellung juristischer Fakten (His, (1920) und (1935); Schild, (1980); Leder, (1980)) bis zur mythologisch-psychologischen Interpretation (Barring, (1967); Rossa, (1979); Sturm, (1962)) wurde bereits fundierte Arbeit zur Geschichte der Todesstrafe geleistet.

Was interessiert nun den Rechtsmediziner an der Todesstrafe?

Grundsätzlich bleibt die Todesstrafe eine juristische Fragestellung, die durch den Rechtswissenschaftler für das Märchen bereits mehrfach untersucht wurde (Ludwig, Richter und Gericht im deutschen Märchen (1935); Leder, Todesstrafe (1980)). Da es sich dennoch um einen nicht natürlichen Tod im Sinne der Rechtsmedizin handelt, werden die folgenden Ausführungen dazu gemacht.

Die Mannigfaltigkeit der verhängten Todesstrafen der Kinder- und Hausmärchen ist erstaunlich. In 36 von 228 Märchen werden elf unterschiedliche Todesurteile ausgesprochen und/oder vollzogen<60>.

In einem ”tiefen“ oder ”finsteren“ Turm werden eine Königin und eine Königstochter lebendig eingemauert. Sie sollen dort ”verschmachten“ oder mindestens ”sieben Jahre lang sitzen“ (”Die Nelke“, KHM 76; ”Jungfrau Maleen“, KHM 198).

Die Strafe des Hängens wird in sechs Märchen vollzogen. Im ”Goldenen Vogel“ (KHM 57) kauft der Jüngste seine zwei verschuldeten Brüder vom Galgen frei. In ”Dat Erdmänneken“ (KHM 91) werden die zwei ältesten Brüder wegen Tötungsversuchs an ihrem jüngeren Bruder gehenkt. In ”Der Jude im Dorn“ (KHM 110) wird in zwei Fällen die Strafe des Stricks auf Grund von Diebstahl ausgesprochen. Von Androhung des Galgens erzählt das Märchen vom ”Teufel und seiner Großmutter“ (KHM 125) und von ”De drei schwatten Prinzessinnen“ (KHM 137). Ein ausgedienter Soldat läßt ein ihm zu Diensten stehendes Männchen einen Befehl ausführen: ”Die Hexe hängt schon am Galgen.“ (”Das blaue Licht“, KHM 116).

In ”Die drei Handwerksburschen“ (KHM 120) kommt es beinahe zur dreifachen Enthauptung. Jedoch wird am Ende dem wirklichen Täter mit dem ”bloßen Schwerte ... das Haupt abgeschlagen“. Am Schluß der ”Jungfrau Maleen“ (KHM 198) wird die falsche Braut enthauptet.


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In ”Die drei Schlangenblätter“ (KHM 16) wird die ”falsche“ Gattin der Strafe des Ertränkens in einem durchlöcherten Schiff ausgesetzt. ”Das Bürle“ (KHM 61, AaTh 1535 ”Unibos“) überzeugt einen vorbeikommenden Schäfer, für ihn in das durchlöcherte Faß zusteigen, und entgeht dadurch der ihm zugedachten Strafe. Zur Strafe für Brudermord wird der ältere von zwei Brüdern ”in einen Sack eingenäht und lebendig ersäuft“ (”Der singende Knochen“, KHM 28).

Zur Todesstrafe des Verbrennens sei auch auf das gleichnamige Kapitel verwiesen. Fünf Märchen sind hier nochmals angeführt, die das Verbrennen als Strafe für Hexerei vollziehen: KHM 9, 11, 46, 60, 193. In dem Märchen von ”De drei Vügelkens“ (KHM 96) werden die beiden falschen Schwestern für ihre Verleumdung verbrannt. Zwei junge Königinnen sollen wegen Menschenfresserei auf dem ”Scheiterhaufen“ sterben (”Das Marienkind“, KHM 3; ”Die sechs Schwäne“, KHM 49). Die Feuerstrafe ist mit acht Märchenfällen die häufigste Todesstrafe der Kinder- und Hausmärchen.

Dem Verbrennen verwandte Todesstrafen zeigen sich, wenn ”Sneewittchens“ (KHM 53) böse Stiefmutter sich ”in glühenden Pantoffeln tot tanzen“ muß. Eine andere böse Stiefmutter wird ”in ein Faß gesteckt“, ”das mit siedendem Öl und giftigen Schlangen angefüllt war“ (”Die zwölf Brüder“, KHM 9). ”Frau Holle“ (KHM 24) läßt auf das faule Mädchen ”statt des Goldes einen großen Kessel voll Pech“ ausschütten, jedoch stirbt Pechmarie nicht am Verbrennungs- oder Erstickungstod.

Die Faßstrafe tritt in der Sammlung der Brüder Grimm als selbstgefälltes Urteil auf. Die ”bösen Frauen“ werden vorher gefragt, welche Strafe derjenige verdiente, der durch besagte Tat schuldig geworden ist.

Die Alte mit ihrer Tochter werden ”in ein Faß gesteckt, das mit Nägeln beschlagen ist und den Berg hinab ins Wasser rollen soll“ (”Die drei Männlein im Walde“, KHM 13).

Auf die Frage nach der Strafe antwortet die falsche Braut: ”Die ist nichts besseres wert, als daß sie splitternackt ausgezogen und in ein Faß gesteckt wird, das inwendig mit spitzen Nägeln beschlagen ist, und zwei Pferde müssen vorgespannt werden, die sie Gasse auf Gasse ab zu Tode schleifen“. Diese Strafe wird ihr zuteil (”Die Gänsemagd“, KHM 89).

Ein ähnliches Urteil wird an der Alten mit ihrer ”schwarzen Tochter“ vollzogen: ”Die verdient, daß man sie nackt auszieht und in ein Faß mit Nägeln legt, und daß man vor das Faß ein Pferd spannt und das Pferd in alle Welt schickt“ (”Die weiße und die schwarze Braut“, KHM 135).

Das Zerreißen oder auch Vierteilen ist durch vier Märchen vertreten. Zur Strafe wird die Tochter der Hexe in den Wald geführt, ”wo sie die wilden Tiere zerrissen“ (”Brüderchen und Schwesterchen“, KHM 11). Der verlogene Marschall wird von ”vier Ochsen zerrissen“ (”Die zwei Brüder“, KHM


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60). Ebenso ließ der alte König den Koch ”in vier Stücke zerreißen“ (”Die Nelke“, KHM 76). In ”Der gelernte Jäger“ (KHM 111) heißt es: ”Und ward der Hauptmann gefänglich gesetzt und dann in vier Stücke zerrissen“.

Der einzige Schuß soll im Märchen vom ”Wasser des Lebens“ (KHM 97) fallen. Der König gibt seinem Jäger den Auftrag, seinen jüngsten Sohn zu erschießen. Der Jäger aber bringt es nicht über das Herz.

Das Rädern wird in der Kinderlegende 8 ”Das alte Mütterchen“ erwähnt. Sie sieht ihren Sohn auf ein ”Rad geflochten“.

In drei Märchen wird der Delinquent ohne weitere Konkretisierung hingerichtet (”Das Mädchen ohne Hände“, KHM 31; ”Der goldene Vogel“, KHM 57; ”Die klare Sonne bringt’s an den Tag“, KHM 115).

”Die Quellen des Rechtslebens selbst sind ... oft wichtiger als die Rechtstexte. ... In ihrem ”primitiven“ Charakter als Sagen und Märchen oder in der Gestalt von Kinderspielen“ sieht Wolfgang Schild (Alte Gerichtsbarkeit (1980) 52) die Art und Weise, in der diese genutzt werden sollten, als Zeugen ihrer Zeit. Danach ist der Umgang mit dem Recht, seine unmittelbare Bedeutung für das Alltagsleben, nur im Zusammenhang mit schriftlichen Zeugnissen außerhalb der Rechtstexte zu ermessen. Oft besaß das Althergebrachte stärkere Geltung und ließ Rechtstexte selbst in den Hintergrund alltäglicher Rechtssprechung treten.

Im Märchen werden Verhaltensweisen auch mit dem Tode bestraft, die juristisch gesehen keine Verbrechen sind: Neugierde (KHM 46), Neid (KHM 21, 101), Hochmut (KHM 24). Die ausgesprochenen Todesstrafen stehen in keinem Verhältnis zu begangenen Taten, vielleicht mehr in einem Verhältnis zur moralischen Verwerflichkeit der niederen Beweggründe.

Die Strafe durch die Nageltonne z.B. wurde nach Wolfgang Schild (Alte Gerichtsbarkeit (1980) 44) nie verhängt<61>. Bedenkt man die übliche Kürze der Darstellung der Märchenstrafe, fällt bei den Faßstrafen die recht detaillierte Schilderung, für eine Strafe, die es in Wirklichkeit so nicht gegeben haben soll, auf.

Jedoch bei dieser fiktionalisierten Form der Strafe läßt sich auch ein realer Zug erkennen: Das Schleifen zur Richtstätte als Strafverschärfung ist für ”besonders üble Täter“ bekannt gewesen (Schild, Alte Gerichtsbarkeit (1980) 42). In ”Die Gänsemagd“ (KHM 89) heißt es abschließend: ”Gasse auf Gasse ab zu Tode schleifen“.


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6.2. Rechtshistorische Parallelen

Im Märchen wird die Todesstrafe auch für in der Neuzeit immer noch als schimpflich angesehene Verbrechen ausgesprochen: Mord, Diebstahl, schwerer Raub, Verleumdung, Menschenfresserei, Betrug, Fahnenflucht, Ehebruch. Teilweise entsprechen sich auch Strafen, die für bestimmte Delikte verhängt werden: Verbrennen für Hexerei und Zauberei, das Ertränken einer Frau für Gattenmord, das Erhängen für Diebstahl.

Inwieweit zwischen Märchen und Rechtsalltag Parallelen gesehen werden können, ist für das Verbrennen bereits im gleichnamigen Kapitel ausgeführt worden. An dieser Stelle sei noch darauf hingewiesen, daß der Tod durch Ersticken eintrat. Der Delinquent wurde ”mit gefesselten Gliedern auf einen Scheiterhaufen gelegt oder an einen Pfahl befestigt oder endlich auf eine Leiter gebunden und mit ihr ins Feuer gestoßen“ (His, Strafrecht des deutschen Mittelalters (1920) 1: 502). Der Verurteilte konnte schon vorher auf dem Gnadenwege erdrosselt oder enthauptet werden, manchmal geschah dies aus Selbstverständlichkeit (Schild, Alte Gerichtsbarkeit (1980) 204). Das Verbrennen war bekannt ”als Strafe für Zauberei, Ketzerei, Vergiftung, schwere Unzucht, Sodomie und - als spiegelnde Strafe - für Brandstiftung und Mordbrand, und zwar für Männer und Frauen“ (His, Strafrecht des deutschen Mittelalters (1920) 1: 505). Der Scheiterhaufen zeigt am deutlichsten die gewünschte Zerstörungskraft der Todesstrafe. Hinterher war alle Erinnerung an den Übeltäter ausgemerzt, nur noch die Asche blieb und diese wurde oft in alle Winde zerstreut oder fließendem Wasser übergeben.

Das Ertränken war vorwiegend Frauenstrafe und wurde für Kindsmord, Abtreibung und Diebstahl verhängt<62>. Sie ist jedoch in wasserreichen Gegenden auch für Männer belegt. Nach dem Rechtshistoriker Rudolf His (Strafrecht des deutschen Mittelalters (1920) 1: 501) waren weitere Straftaten Verwandtenmord, Unterschlagung, Notzucht und Doppelehe. Der/die Verurteilte wurden an Armen und Beinen zusammengebunden, oder zusammen mit Tieren in einen Sack gesteckt. Der Sack wiederum konnte mit Steinen beschwert werden. Wenn das Wasser nicht tief genug war, hielt man den Missetäter mit einer Stange oder Gabel solange unter Wasser, bis er ertrunken war. Das Ertränken ist ein typisches Beispiel für die ‘Zufallsstrafe’: Es geschah durchaus oft, daß der Delinquent wieder lebendig ans Ufer gespült wurde. Dann konnte er sein Leben behalten (Schild, Alte Gerichtsbarkeit (1980) 204; Leder, Todesstrafe (1980) 162-171).


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”Vorallem war der Galgen Strafe der Diebe“ (His, Strafrecht des deutschen Mittelalters (1920) 1:492). ”Das Richten mit der trockenen Hand“ galt auch für die dem Diebstahl verwandten Straftaten: Mordbrennen, Münzfälschung und Raub. Das Hängen war die ”unehrliche“ Strafe, wie auch der Diebstahl als ”unehrliches“ Verbrechen galt. Rechtshistoriker gehen davon aus, daß der Tod den Delinquenten abhängig von den benutzten Materialien (gedrehte Eichenzweige, Stricke, Ketten) fast nie sofort ereilte<63>. Nachdem er sich meist bis zu seinem Tode eine Zeit lang quälen mußte, wurde der Leichnam nicht eher abgenommen, bevor nicht die Leichenteile von selbst herunterfielen. Die Reste wurden dann unter dem Galgen verscharrt.

Bei der Beschreibung einer Hinrichtung durch Hängen führt Karl Bruno Leder (Todesstrafe (1980) 122) aus: ”Der Strick, an dem der Verurteilte gehangen wird, soll nicht dick, sondern möglichst dünn sein, damit er besser einschneiden und würgen kann“. Historiker beschreiben den Tod durch Erhängen als ”langsamen Erdrosselungstod“ und als ”Tod durch Ersticken“.

Dies kann so nicht stehen gelassen werden. Vier verschiedene Mechanismen können den Tod durch Erhängen allein oder in ihrer Kombination herbeiführen: Verlegung der Atemwege, Unterbrechung der zerebralen Blutzufuhr, Reizung der Halsnervengeflechte und Verletzung der Halswirbelsäule mit Schädigung der Medulla oblongata.

Der Nasen-Rachen-Raum wird verlegt, indem sich der Zungengrund (Zungenbein und Muskulatur) nach hinten oben drückt. Dieser Erstickungsprozeß stellt nicht den beim Erhängen entscheidenden Vorgang dar. In der Regel führt die Strangulierung der das Gehirn versorgenden Gefäße zum Tod. Bereits ein Druck von 3,5-5 kg verschließt die großen Halsschlagadern. Durch Irritation der Halsnervengeflechte kann ein Reflextod durch akuten Herzstillstand eintreten. Die Verletzung der Halswirbelsäule als Todesursache ist eher die Ausnahme. Eine Schädigung des Halsmarks führt in diesem Fall unter Umständen zum Tod (Forster, Praxis der Rechtsmedizin (1986) 125-126).

Das Verfahren der Galgenleiter findet sich in dem Märchen ”Der Jude im Dorn“ (KHM 110): ”Der Knecht stieg ganz ruhig mit dem Henker die Leiter hinauf“. Zuvor war er vom Richter zum Galgen verurteilt worden, ”weil er auf offener Straße einen Raub begangen hätte“. Der Henker muß mit ihm die Leiter hinaufsteigen, um den Dieb von oben hinunterzustoßen.


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Bei der anderen Methode legte der Henker dem Übeltäter neben dem Seil um den Hals ein Seil um die Taille und hievte ihn daran nach oben. Durch das Kappen des Taillenseiles ließ er ihn hinunter stürzen (Leder, Todesstrafe (1980) 122-123).

Exkurs: Kreuzigung als Todesstrafe

Das Kreuzigen ist dem Erhängen in vielen Zügen wesensverwandt: in der Benutzung von Holzbalken, Stricken und Nägeln zum Befestigen des Deliquenten, im Verhängen der Strafe für die niedrigste Gesellschaftsschicht (Sklaven, Revolutionäre und Schwerverbrecher) und im Vollziehen der Strafe vor großer Menschenmenge. Teile der Hinrichtung besitzen den Charakter einer Opferhandlung. Die Kreuzigung gehört ebenfalls zu den ältesten Strafen. Man erkennt auch bei ihr, daß der Mensch den ”tödlichen Kräften der Natur freien Lauf“ ließ (Bankl, Woran sie wirklich starben (1992) 250).

Der Gekreuzigte starb an zunehmender Ateminsuffizienz in Verbindung mit protrahiertem Schock. Durch die Aufhängung in aufrechter Stellung mit den Armen seitlich nach oben fixierte sich der Brustkorb in einer Mittelstellung zwischen Ein- und Ausatmung, die Atemhilfsmuskulatur erlahmte dadurch, die Atmung erschöpfte sich schon nach wenigen Minuten. Die aufrechte Haltung zog ein Versacken der Blutmenge in die anhängigen Partien nach sich, es entwickelte sich ein Schockzustand durch Blutverteilungsstörung, der tödlich endete (Bankl, Woran sie wirklich starben ”Jesus von Nazareth“ (1992) 243-260).

Das Lebendig Einmauern gilt als Abwandlung des Lebendig Begrabens (Leder, Todesstrafe (1980) 174). Es wurde bei vornehmen Personen meist in ihren eigenen Häusern vorgenommen. Nach Karl Bruno Leder ((1980) 175) läßt sich sogar im Märchen ablesen, daß auch dort nur ”Prinzessinnen, Ritterfräulein, Mönche und Nonnen“ von dieser Strafe betroffen sind. Es steht hierbei weniger die Straftat als die Herkunft im Vordergrund.

Das Lebendig Begraben war vorwiegend Frauenstrafe für Mord, Kindsmord und schweren Diebstahl. Nach Rudolf His ((1920) 1: 497) wurde versucht mit der Pfählung beim Lebendig Begraben ”die Wiederkehr des Toten zu verhindern“.

Das Enthaupten - ”das Richten mit blutiger Hand“ - wurde anfangs mit dem Beil, später mit dem Schwert vollzogen (His, Strafrecht des deutschen Mittelalters (1920) 1: 493; Leder, Todesstrafe (1980) 136).


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Auf Seite 494 schreibt Rudolf His, daß sie die ”leichteste und ehrlichste Todesstrafe“ ist. Der Missetäter, der eine ”schwere Strafe verdiente“, konnte ”aus Gnaden enthauptet“ werden. Dies wird immer wieder in Chroniken, biographischen Darstellungen und anderen Geschichtsquellen bestätigt. Nennt Rudolf His sie die “leichteste“, ist sie nach Wolfgang Schild die ”Schwierigste für den Henker“ ((1980) 202). Nicht immer saß der erste Hieb. Oft mußte das Beil oder Schwert abschließend als Schneidinstrument die Hinrichtung zu Ende bringen (Leder, (1980) 149 u.a. Autoren).

Vierteilen oder das Zerreißen in vier Stücke sah in der Realität wesentlich schwieriger aus. Es wird beschrieben, daß die Sehnen und Gelenke der Zugkraft der Tiere eine wesentlich größere Kraft entgegensetzten. Im Rechtsalltag herrschte eine viel blutigere ”Handarbeit“ des Scharfrichters vor. Er mußte mindestens die Gelenkkapseln und Sehnen vorher durchschneiden. Das Zerreißen durch Pferde oder Ochsen, wie im Märchen oft beschrieben, galt als Strafverschärfung. Eine Milderung konnte durch vorheriges Enthaupten herbeigeführt werden. Das Vierteilen war die Strafe der Verräter (Leder, Todesstrafe (1980) 157; His, Strafrecht des deutschen Mittelalters (1920) 1: 495).

Bei fast allen Todesstrafen wird ein Opferkult vermutet. Bei einigen ist der überlieferte Brauch offensichtlich (Erhängen, Verbrennen, Rädern), bei anderen weniger (Enthaupten, Ertränken). Nach mehreren Autoren diente die Todesstrafe zur Aussöhnung der erzürnten Götter. Der Missetäter wurde als ”Sühneopfer“ und ”Fluchträger“ angesehen, von dem sich die Gemeinschaft trennen mußte<64>.

Diese Ansicht alleine genügt jedoch nicht das breite öffentliche Interesse an Strafjustiz und Hinrichtung zu erklären.

Seit dem Spätmittelalter wurden Hinrichtungen als Volksfeste gestaltet, ”zu denen Alte und Junge, Vornehme und Einfache, Kleriker und Laien zusammenströmten. Es erhöhte den Reiz, wenn der Deliquent ‘mitspielte’“ (Ohler, Sterben und Tod im Mittelalter (1990) 231).

Neugierde, Sensationslust und Abschreckung der großen Menschenmenge sind nicht zu unterschätzen. In Alte Gerichtsbarkeit schreibt Wolfgang Schild: ”Das Recht ... war die Lebensgrundlage aller, weshalb sich auch alle am Rechtsleben beteiligten“ ((1980) 41). Seit dem frühen Mittelalter und noch davor betraf Recht und Ordnung jeden unmittelbar<65>. Die Ge-


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richtsbarkeit vollzog sich vor Publikum auf Marktplätzen und ähnlich öffentlichen Orten der Städte und Gemeinden<66>. Das natürliche Alltagsleben war eng mit Recht und Ordnung und dem Verstoß dagegen verbunden. Man vermutet sogar eine Übertreibung in den Beschreibungen von Folter- und Hinrichtungszeremonien (Schild, (1980) 44-50).

Im Mittelalter waren alle Phasen des Gerichts - d.h. Verfolgung, Verfahren und Hinrichtung des Missetäters - der breiten Öffentlichkeit zugänglich. Das Volk nahm regen Anteil. Dieser Umstand ist im Märchen geradezu unterrepräsentiert, fast nicht vorhanden.

In ”Der Jude im Dorn“ (KHM 110) heißt es: ”Bald tanzte alles mit, was auf den Markt aus Neugierde herbeigekommen war, alte und junge, dicke und magere Leute untereinander“. Anwesende Gerichtspersonen sind Richter, Schreiber, Gerichtsdiener, Henker und Henkersknechte, wie auch im Märchen von den ”Drei Handwerksburschen“ (KHM 120). Diese zwei Märchen der Sammlung der Brüder Grimm weisen als einzige Beispiele eine anwesende Menschenmenge auf.

Die Folter war seit mittelalterlicher Gesetzgebung fester Bestandteil des Ermittlungsverfahrens. Die für ihre Zeit fortschrittliche Carolina z.B. etablierte jedoch trotzdem die Folter im Beweismittelprozeß. ”Ein Verhör mittels Folter (peinlicher und scharfer Frage) diente zur Geständniserzwingung und zur Zeugnisbestätigung“ (Theresiana, Constitutio Criminalis Theresiana. Aus der Einleitung von Armin Forker (1985)). Die zur Theresiana<67> 1769 erschienen Beylagen sollten das Gesetz und seine vorgeschriebenen Foltermethoden anschaulich ergänzen.

”Die Folter als Beweismittel, daß also der Verdächtige dadurch sein Geständnis ablegt, begegnet selten im Märchen“ (Ludwig, Richter und Gericht im deutschen Märchen (1935) 37). Nur die Prügel als eine der ”primitiven“ Formen der Folter findet sich im Märchen ”Die kluge Bauerstochter“ (KHM 94). ”Sie legten ihn [den Bauern] aber auf ein Gebund Stroh und schlugen und drangsalten ihn, bis er’s bekannte, daß er’s von der Frau Königin hatte“<68>.


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Trotz der Knappheit der Darstellungen der Todesstrafe wird sie im Märchen häufig ausgesprochen. Die episch kurzgefaßte Handlung trifft zu jeder Zeit auf eine andere Phantasie des Volkes. Die Menschen in mittelalterlicher Zeit werden sich die Strafen - entsprechend ihrem Rechtsalltag - detaillierter, z.T. unmenschlicher und grausamer vorgestellt haben, als es heute in den Märchen nachzulesen ist. ”Die frühere Zeit kannte das Individuum nur am Rande“ (Schild, Alte Gerichtsbarkeit (1980) 93-101).

Man kann mit mehreren Autoren (Röhrich, Wehse u. a. Autoren der EM) nicht behaupten, daß Märchen grausam sind oder Gewaltanwendung am menschlichen Körper verherrlichen. Der Tod ist immer ein ”sinnvoller“ (im Sinne der Märchendramatik), dem Guten wird zum Sieg verholfen, das Böse geht unter, ohne daß Leid, Schmerz und Blutvergießen ausführlich im Text beschrieben werden.

Was Märchen sein können, kann wie folgt gesehen werden: ”Märchen sind eine unverfälschte Quelle ... rechtlicher Volksüberzeugungen, und ursprünglich entsprachen sich Volksüberzeugung und Rechtsprechung“ (Ludwig, Richter und Gericht im deutschen Märchen (1935) 14).


Fußnoten:
<60>

Die folgenden Ausführungen in Anlehnung an Ludwig, Richter und Gericht im deutschen Märchen (1935) 55-58.

<61>

Nach Rainer Wehse und seinen Quellen (”In siedendem Öl gegart-Die Todesstrafe im Märchen“. Tod und Wandel in den Märchen (1991) 159) ist die Strafe durch die Nageltonne angewendet worden, jedoch seltener als man vom Märchen ausgehend annehmen könnte.

<62>

In der Carolina steht das Ertränken auch für Delikte durch Frauen (Art. 131, 133, 159).

<63>

Nach Wolfgang Schild (Alte Gerichtsbarkeit (1980) 198) trat der Tod am schnellsten mit der Weidenrute ein.

<64>

Karl Bruno Leder (Todesstrafe (1980) 65-75) spricht unter Einfluß von Sigmund Freud sogar vom ”Sündenbock“ der Gemeinschaft.

<65>

Erst mit dem Mittelalter wurde die Todesstrafe unabdingbare Folge bestimmter Taten. Ihren Höhepunkt erlangte die Strafverschärfung in der Reformationszeit (”zur Richtstätte schleifen, mit glühenden Zangen reißen und Verstümmelungen, His, Strafrecht des deutschen Mittelalters (1920) 1: 504).

<66>

Mit dem vernunftbetonten Denken der Aufklärungsepoche wurde die Kritik an der Todesstrafe lauter. Von den öffentlichen Marktplätzen wanderte die Hinrichtungszeremonie auf die Gefängnishöfe, wo anfänglich noch alle Insassen zuschauten. Von den unscheinbaren Ecken der Gefängnishöfe zog man sich in Baracken und später in Kellerräume zurück. Die beteiligten Personen wurden zunehmend vom Gesetz dazu beauftragt. Für Deutschland gipfelte 1949 dieser Wandel in der Abschaffung der Todesstrafe in Art. 102 des Grundgesetzes.

<67>

Die 1768/69 erlassene Peinliche Gerichtsordnung der österreichischen Kaiserin Maria Theresa (1717-1780), Constitutio Criminalis Theresiana, war auf der einen Seite in der Zeit der Aufklärung reaktionär im Sinne einer Festigung des feudalistischen Staates, enthielt aber Bestimmungen, die im einzelnen ”neuartig“ und ”modern“ waren (z.B. Anwendung von Obduktionen, klinischer Praxis, Rechtsgleichheit) (Theresiana. Aus der Einleitung von A. Forker (1985)).

<68>

In zwei anderen Märchen (KHM 7, 116) ist die Prügel als (Leibes-)Strafe erwähnt.


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